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Ausgabe 4 – März 2019 Sonderedition zur 5. Berliner Pflegekonferenz

Grenzenlose Pflege Von Rheinland-Pfalz bis Vietnam

Die Konzertierte Aktion Pflege Bundesfamilienministerin Giffey auf der Berliner Pflegekonferenz

Digitalisierung in der Pflege Zwischen Ethik und Innovation

+ Impressionen der 5. Berliner Pflegekonferenz + Otto Heinemann Preis 2018 + Marie Simon Pflegepreis 2018 + viele spannende Projekte und Experten-Interviews


6. Berliner Pflegekonferenz Westhafen Event & Convention Center Berlin

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Donnerstag, 7.11.2019

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Programm 07.11.2019

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#4 03


Yves Rawiel + Geschäftsführer spectrumK Initiator der Berliner Pflegekonferenz

04


Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser, gemessen an der Intensität der öffentlichen Debatte über

Unternehmen und Organisationen ausgezeichnet werden,

die Pflege sollten wir mittlerweile Zeugen zahlreicher posi-

die sich in besonderer Weise und mit großem Engagement

tiver Veränderungen sein. Bei genauem Hinsehen müssen

für die Pflege einsetzen. Davon braucht es noch mehr in un-

wir jedoch feststellen, dass noch ein weiter Weg vor uns

serer Gesellschaft.

liegt, bevor wir sagen können: „Wir ermöglichen allen Betroffenen, Angehörigen und Pflegenden stets eine men-

Die Möglichkeiten, das haben zahlreiche Vorträge in den

schenwürdige Pflege.“ Viele Menschen fragen sich, ob sie

Fachforen und im Podium in diesem Jahr verdeutlicht, die

selbst eine gute Pflege erfahren werden, wenn sie einmal

nicht zuletzt die Digitalisierung bietet, um die Pflege zu er-

pflegebedürftig werden sollten. Die Politik hat im vergan-

leichtern, sind enorm. Es liegt an uns, diese Potenziale auszu-

genen Jahr viele Vorschläge und Ideen dazu präsentiert.

schöpfen. An dieser Stelle möchte ich deshalb auf unsere

Dass die Diskussionen über Lösungen und Konzepte für

Rubriken Praxisblick und Zukunftsstrategien hinweisen. In-

eine bessere Pflege emotional und zum Teil hitzig verlaufen,

telligente Systeme und Robotik können viel dazu beitragen,

verdeutlicht die Sensibilität des Themas. Die Zahl der Pfle-

den Pflegealltag für Betroffene und Pflegende zu erleich-

gebedürftigen wird indessen weiter steigen. Im Jahr 2060

tern. Dadurch bekommt mehr Platz, was gerade in der Pflege

wird sie sich Prognosen zufolge verdoppelt haben. Dem

von großer Bedeutung ist: das Gespräch miteinander, sich

gegenüber werden bedingt durch die demografische Ent-

Zeit zu nehmen und zuzuhören. Denn das ist der Kern der

wicklung weniger Pflegekräfte stehen. Dies hat verschie-

Pflege und ihre große Herausforderung.

dene Gründe, doch einer ist besonders gravierend: Die Rahmenbedingungen für die in der Pflege Beschäftigten

Die über 600 Besucher und Teilnehmer an den beiden Tagen

sind nach wie vor sehr schlecht. Die Gründe dafür reichen

der Berliner Pflegekonferenz 2018 trugen dazu bei, dass

von der Bezahlung über die Arbeitsbelastung und die Per-

Themen wie diese intensiv diskutiert und besprochen wur-

sonalausstattung der Pflegeeinrichtungen bis zu der man-

den. Großen Erkenntnisgewinn brachten auch die Vertreter

gelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die für viele

der beiden Partnerländer Vietnam und Rheinland-Pfalz. Das

professionelle Pflegende tägliche Realität ist.

südostasiatische Land stellte unter anderem eine Kooperation vor, die junge Vietnamesen für eine Pflegeausbildung in

Die Berliner Pflegekonferenz 2018 bot zu ihrem fünf-

Deutschland gewinnen soll und die vom Bundeswirtschafts-

jährigen Bestehen die perfekte Plattform, um über Lösun-

ministerium gefördert wird. Das diesjährige Partnerbundes-

gen der bestehenden Probleme zu sprechen. Gleichzeitig

land Rheinland-Pfalz demonstrierte in Fachforen und Vor-

konnten aber auch sehr positive Entwicklungen vorgestellt

trägen sehr anschaulich, wie die landesweite Pflegestrategie

werden. Die zahlreichen hochrangigen Besuche aus der Po-

erfolgreich umgesetzt wird. Dabei wurden sowohl Initiati-

litik zeigen, dass die Berliner Pflegekonferenz einen promi-

ven im Bereich der professionellen Pflege wie auch Lösun-

nenten Platz in den Terminkalendern der politischen Ent-

gen für die Versorgung im ländlichen Raum erläutert.

scheider einnimmt. Es macht uns sehr stolz, dass wir mit der Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, dem Staats-

All diese Beispiele und Projekte aus der Praxis zeigen, dass

sekretär und Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung

eine bessere Pflege möglich ist. Die Berliner Pflegekonfe-

Andreas Westerfellhaus, der Berliner Pflegesenatorin Di-

renz 2018 hatte die Ehre, die vielen herausragenden Leis-

lek Kolat und der rheinland-pfälzischen Sozialministerin

tungen in der Pflege einer interessierten Öffentlichkeit

Sabine Bätzing-Lichtenthäler prägende Persönlichkeiten

vorzustellen. Ich wünsche Ihnen nun eine interessante Lek-

begrüßen durften. Und dies waren nur einige der bekann-

türe und verbleibe in freudiger Erwartung auf die Berliner

ten Namen, die die fünfte Berliner Pflegekonferenz mit ih-

Pflegekonferenz 2019

ren Beiträgen bereicherten. herzlichst Im Mittelpunkt aber standen die vielen Akteure, die sich Ihr

jeden Tag mit ihrem Einsatz in der Pflege verdient machen. Deshalb waren die Verleihungen des Marie Simon Pflegepreises und des Otto Heinemann Preises sehr berührende und feierliche Momente. Trotz ihrer verschiedenen Ausrichtungen eint die Preise, dass mit ihnen Menschen,

Yves Rawiel

05


Inhalt Ausgabe 4 — März 2019 Sonderedition zur 5. Berliner Pflegekonferenz

Editorial + 04 Inhaltsverzeichnis + 06 Impressum + 110

Pflegepolitik 10

Eine konzertierte Aktion für die Pflege + Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

12

Absicherung durch die gesetzliche Pflegeversicherung erhalten und stärken + Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz

15

Pflege geht uns alle an! + Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung in Berlin

16

Für eine stärkere Rolle der Kommunen + Dr. Irene Vorholz, Beigeordnete Dezernat IV, Deutscher Landkreistag e.V.

18

Kooperation zwischen Vietnam und Deutschland: gemeinsam Pflegekräfte ausbilden + Nguyen Ngoc Quynh, Vietnam Association of Manpower Supply (VAMAS), Abteilungsleiter a.D., Ministerium für Arbeit, Kriegsversehrte und Soziales der Sozialistischen Republik Vietnam

22

Neues Jahr, alte Herausforderungen + Herr Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz


Zukunftsstrategien 24

Die Veranstaltung 46

+ Thomas Ballast, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands, Techniker Krankenkasse

+ Gute Ideen für eine gute Pflege

Wie digital darf Pflege sein?

26

Guter Rat ist die Zukunft + Sibylle Schotten, Leiterin Pflegekasse bei der BKK·VBU und Astrid Salomon, Referentin Prävention bei der BKK·VBU

28

Der digitale Faktor: Wie Robotik und intelligente Systeme in der Pflege unterstützen können + Marius Greuèl, Projektkoordination Versorgungsforschung, Projekt ROBINA, und Tobias Kley, Leiter Innovation und Technik, Evangelisches Johannesstift Altenhilfe gGmbH

Fachkräftemangel 34

Die Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte als wichtiges Instrument der Personalgewinnung in der Altenpflege + Isabell Halletz, Geschäftsführerin, Arbeitgeberverband Pflege e.V. und Thomas Greiner, Präsident, Arbeitgeberverband Pflege e.V.

38

Fachkräftegewinnung aus dem Ausland – fair und nachhaltig gestaltet + Frau Kristina K. Heinkele, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, International Service – Abteilung Europa, Projektleitung Deutsch-Vietnamesische Ausbildungspartnerschaft Pflege

40

Rekrutierung von Auszubildenden aus Drittstaaten für die Pflege in Deutschland + Dr. René Herrmann, Geschäftsführer, Vivantes Forum für Senioren GmbH

42

Das Arbeitszeitregime der sog. 24-Stunden-Pflege ist Ausbeutung – überwinden wir es! + Prof. Dr. rer. pol. Bernhard Emunds, Professor für christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie, Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts, Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen

44

Zeit, Geduld, kulturelle Sensibilität + Thorsten Rolfsmeier, Geschäftsbereichsleiter des internationalen Personalservice in der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung

Eindrücke vom ersten Veranstaltungstag

54

Eindrücke vom zweiten Veranstaltungstag + Praxis zählt – Rheinland-Pfalz zeigt, wie gutes Leben im Alter funktioniert

Marie Simon Pflegepreis 62 Guten Ideen eine Bühne schaffen

+ Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung

64

Besuche gegen die Einsamkeit: „Die Türöffner“ bringen Menschen gleicher Interessen zueinander + Die Preisträger

Otto Heinemann Preis 71 Vereinbarkeit braucht Innovation

+ Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

72

Wie können Arbeitgeber ihre Angestellten beim Jonglieren von Beruf und Pflege unterstützen? Diese Unternehmen haben kluge Lösungen gefunden + Die Preisträger

80

Pflegende Mitarbeiter unterstützen + Brigitte Gross, Direktorin Deutsche Rentenversicherung Bund


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PflegeCoach-online.de – gute Pflege braucht Wissen Grundlagen häusliche Pflege | Kurs: Alzheimer & Demenz | Unabhängige Pflegeberatung

www.spectrumK.de 08


Praxisblick 82

Für alle Bürger gute Lebensbedingungen schaffen – die Rolle der Kommunen in der Pflege + Dr. Gerd Landsberg, Präsidialmitglied des Deutschen Städteund Gemeindebundes (DStGB)

86

Gut leben im Alter – Rheinland-Pfalz macht es vor

88

Entlassen, aber nicht verlassen – das patientenorientierte Entlassmanagement als Best-Practice-Beispiel + Helene Maucher, Pflegedirektorin der RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH

92

Entlassmanagement aus der Sicht des Hausarztes + Anke Richter-Scheer, Fachärztin für Innere Medizin Palliativmedizin – hausärztliche Geriatrie

Pflege zu Hause 94

Pflege@Quartier – eine Wohnung, die aufpasst + Jens Kreutzer, Unternehmensbereichsleiter Pflege-Verträge/Qualitätsmanagement, AOK Nordost

96

TK-Workshop zur informellen Pflege: Wir müssen reden + Georg van Elst, Leitung Team Pflegeleistungen der Techniker Krankenkasse

100

Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige + Benjamin Salzmann, Fachstelle für pflegende Angehörige

102

Pflegende Angehörige – gleichberechtigte Partner im Pflegesystem? + Frank Schumann, Projektleiter der Fachstelle für pflegende Angehörige im Diakonischen Werk Berlin-Stadtmitte e.V., Berlin

Herausforderung Demenz 104 Leben mit Demenz

+ Sabine Jansen, Geschäftsführerin, Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.

106

Perspektiven und Handlungsfelder in der ambulanten Versorgung von Menschen mit Demenz + Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann, Leiterin der Abteilung Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung, Institut für Public Health und Pflegewissenschaft, (IPP) Universität Bremen

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Eine konzertierte Aktion für die Pflege

Es war für mich eine Freude, die Abendveranstaltung der

der Ausbildung erhöhen. Erstmals werden bestimmte be-

fünften Berliner Pflegekonferenz zu eröffnen. Pflege steht

rufliche Tätigkeiten den Pflegefachkräften vorbehalten;

immer wieder im Zentrum aktueller politischer Diskussi-

darüber hinaus wird der Pflegeberuf durch zusätzliche

onen, denn immer mehr Menschen brauchen Pflege und

Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten aufgewertet. Mit ei-

wünschen sich gute Pflege. Diejenigen, die sich um pflege-

ner bundesweiten Informations- und Öffentlichkeitskam-

bedürftige Menschen kümmern, ob als Familienangehörige

pagne zu den neuen Pflegeausbildungen wollen wir junge

oder als Pflegekräfte von Beruf, brauchen Entlastung und gute Bedingungen. Ausbildungsoffensive und Konzertierte Aktion Pflege Aktuell kommen auf 100 gemeldete offene Arbeitsstellen 27 arbeitslos gemeldete Altenpflegefachkräfte und arbeitslos gemeldete Kräfte in der Gesundheits- und Krankenpflege. Wir brauchen mehr gut ausgebildete, engagierte Pflegerinnen und Pfleger! Das ist ein Anliegen der am 3. Juli 2018 gestarteten Konzertierten Aktion Pflege (KAP) unter Federführung des Bundesministeriums für Gesundheit und Co-Federführung des Bundesfamilienministeriums und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Ziel ist, die Arbeitsbedingungen von Pflegefachkräften spürbar zu verbessern, die Ausbildung in der Pflege zu stärken und weitere umfassende Maßnahmen zur Entlastung der Pflegefachkräfte umzusetzen. Das im Juli 2017 verabschiedete Pflegeberufegesetz sieht die Zusammenführung der bisher im Altenpflegegesetz und Krankenpflegegesetz getrennt geregelten Pflegeausbildungen vor. Der erste Ausbildungsjahrgang wird 2020 starten. Schulgeldfreiheit, der Anspruch auf eine angemessene Ausbildungsvergütung und die Möglichkeit eines berufsqualifizierenden Hochschulstudiums werden die Attraktivität Dr. Franziska Giffey und Yves Rawiel, Geschäftsführer der spectrumK GmbH und Initiator der Berliner Pflegekonferenz

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Pf legepolitik

Auszubildende, aber auch Menschen mit mehr Lebenser-

Sie haben nicht nur Anerkennung und Wertschätzung,

fahrung von dem abwechslungsreichen Berufsfeld mit sei-

sondern auch konkrete Unterstützung verdient: aus ihrem

nen vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten überzeugen.

Umfeld, von der Gesellschaft und der Politik. Die Arbeit der Pflegekräfte muss aufgewertet werden: bessere Arbeits-

Die an den Pflegeausbildungen beteiligten Akteure sollen

bedingungen, bessere Ausbildung, bessere Bezahlung. Die

bereits im Übergangszeitraum bis zum Beginn der neuen

Pflege durch Angehörige muss leichter werden: bessere

Ausbildungen unterstützt werden. Maßnahmen mit diesem

Vereinbarkeit, zeitliche Entlastung, finanzielle Entlastung,

Zweck werden in der Arbeitsgruppe 1 der Konzertierten

Beratung. Gute Pflege erleichtert nicht nur den Menschen

Aktion Pflege unter dem Vorsitz des Bundesfamilienmi-

das Leben, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sie trägt

nisteriums erarbeitet. Sie werden im Rahmen einer Ausbil-

auch bei zu einer Gesellschaft, in der man gut leben kann.

dungsoffensive Pflege ab Anfang 2019 umgesetzt.

Wir wollen und müssen uns um die Kümmerer kümmern. Allen, die dazu beitragen, sei herzlich gedankt.

Pflegende Angehörige und die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf Selbst wenn es gelingt, wesentlich mehr Pflegekräfte zu gewinnen und auszubilden: Ohne die Angehörigen geht es nicht. Im Jahr 2019 werden ca. 4,5 Millionen Menschen in Deutschland einen nahen Angehörigen im häuslichen Bereich pflegen. Erwerbstätige pflegende Angehörige haben es mit einer Dreifachbelastung zu tun: Die Pflege kostet Zeit. Wenn man deswegen die Arbeitszeit reduziert, verliert man an Einkommen. Und schließlich kostet all das Kraft. Umgekehrt kann man jedoch sagen: Zeitliche Entlastung und finanzielle Entlastung geben Kraft, um zu pflegen. Eine gute Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist daher wichtig, um die vielen erwerbstätigen pflegenden Angehörigen zu unterstützen. Wir haben in Deutschland die gesetzlichen Möglichkeiten für pflegende Angehörige in der Arbeitswelt erweitert. Es gibt eine finanzielle Ersatzleistung für bis zu zehn Arbeitstage im Akutfall, das Pflegeunterstützungsgeld. Daneben gibt es die Pflegezeit und die Familienpflegezeit, zwei Möglichkeiten, sich eine Zeit lang für die Pflege vollständig oder teilweise vom Beruf freistellen zu lassen. Diese Bausteine wirken, lösen aber nicht alle Probleme der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Wir müssen sie weiterentwickeln. Dazu haben wir einen unabhängigen Beirat für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingerichtet. Er hat 21 Mitglieder und wird zum 1. Juni 2019 einen Bericht vorlegen, in dem die derzeitigen Regelungen analysiert und politische Handlungsempfehlungen formuliert werden. Für die pflegenden Kinder und Jugendlichen – etwa 230.000 in Deutschland – haben wir das Projekt „Pausentaste“ mit einer Telefon-Hotline, einer Website und der Möglichkeit einer Beratung per E-Mail gestartet. Ob jung oder alt, in der Familie oder im Beruf: Pflege ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, nicht nur körperlich, sondern auch

Dr. Franziska Giffey + Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend + www.bmfsfj.de

emotional anstrengend. Bleiben Einzelne mit dieser Arbeit allein, ist die Gefahr groß, dass sie sich überlasten. Wir dürfen also die Menschen, die pflegen, nicht im Stich lassen.

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Absicherung durch die gesetzliche Pflegeversicherung erhalten und stärken

Mit drei Pflegestärkungsgesetzen kam es in der vergan-

Leistungen begrenzt das Finanzierungsrisiko und koppelt

genen Legislaturperiode auf der Bundesebene zu den um-

das Versicherungssystem ein Stück weit ab von den tat-

fassendsten Veränderungen in der Geschichte der gesetz-

sächlichen Kosten. Das nachvollziehbare Motiv bei der

lichen Pflegeversicherung. Die für sich betrachtet bereits

Entscheidung für diesen Weg war, die Belastung der Bei-

ambitionierte Neufassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs

tragszahlerinnen und Beitragszahler in einem vertretbaren

war flankiert von tief greifenden Neujustierungen der

Rahmen zu halten.

einzelnen Leistungen. Und die Reformen wirken. Die Leistungsausgaben der Pflegekassen sind geradezu sprunghaft

Doch diese Entscheidung bewirkt mehr, als die Höhe der

gestiegen, von 2015 zu 2017 sehen wir einen Anstieg um

Beitragssätze zu dämpfen und Versicherte mit in die Ver-

mehr als ein Drittel. Dazu passt, dass die Sozialhilfeausga-

antwortung zu nehmen, selbst für den Fall der Pflegebe-

ben für Hilfe zur Pflege im Jahr 2017 gegenüber dem Vor-

dürftigkeit vorzusorgen. Diese Entscheidung prägt bildlich

jahr spürbar gesunken sind.

gesprochen das Geschehen am Verhandlungstisch, wenn Pflegekassen, Sozialhilfeträger und Leistungsanbieter über

Und dennoch: Das Thema Pflege ist in der Gesellschaft, in

Entgelte und Personalausstattung verhandeln.

den Medien, in der Politik präsenter denn je. Im Vordergrund stehen dabei die Fachkräftesituation in den Pflege-

So gut steigende Pflegekosten auch begründbar sind, sei

berufen, die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen der

es wegen besserer Bezahlung der Pflegekräfte oder auf-

Pflegekräfte, nicht selten zusammengefasst unter dem

grund einer höheren Personalmenge: Alle Beteiligten wis-

Begriff Pflegenotstand. Einerseits erleben wir also einen

sen, wer den Preis dafür bezahlt. Es sind in erster Linie die

sprunghaften Anstieg der Versicherungsleistungen bei

pflegebedürftigen Menschen und nachgelagert der Sozi-

Pflegebedürftigkeit und andererseits offenkundige Defizite

alhilfeträger. Das Ergebnis der Entgelt- oder Rahmenver-

im Pflegesystem. Wie passt das zusammen?

tragsverhandlung ist also fast zwangsläufig ein Kompromiss zwischen dem, was wünschenswert wäre, und dem,

Ein entscheidender Faktor ist das Teilleistungsprinzip

was machbar ist. Zunächst klingt das durchaus positiv. Aber

der gesetzlichen Pflegeversicherung. Die Deckelung der

kommen wir über diesen Weg der Kompromissfindung zu

12


Pf legepolitik

den verbesserten Rahmenbedingungen, die wir für die

der sozialen Pflegeversicherung innerhalb von sechs Jah-

vielen engagierten Pflegekräfte und für die vielen jungen

ren um fast 50 Prozent angestiegen sein. Diesen Weg der

Menschen, die sich für eine Pflegeausbildung interessieren,

Generierung von Einnahmen können wir nicht beliebig fort-

erreichen wollen?

führen. Wir werden nicht umhinkommen, die Finanzierung der Pflegeversicherung auf eine breitere Basis zu stellen.

Die Handlungssicherheit, die die Vertragsparteien eigentlich bräuchten, um für attraktivere Arbeitsbedingungen

Die Länder haben sich auf meine Initiative kürzlich in der

der Pflegekräfte zu sorgen, die haben sie unter den gegebe-

Arbeits- und Sozialministerkonferenz für einen Zuschuss

nen Rahmenbedingungen jedenfalls nicht. Denn in welcher

aus Steuermitteln für die soziale Pflegeversicherung ausge-

Höhe die gesetzliche Pflegeversicherung Preissteigerun-

sprochen. Das ist mit Blick auf die Leistungen, die sie im ge-

gen nachvollzieht, ist offen. Und damit haben wir ein nicht

samtgesellschaftlichen Interesse erbringt, gerechtfertigt.

zu unterschätzendes Problem. Denn in dem Fall fehlt uns

Und es würde der Gleichklang zur gesetzlichen Kranken-

bei allen guten Initiativen zur Fachkräftesicherung der ech-

und Rentenversicherung hergestellt, wo es den Ausgleich

te Durchbruch für die Pflege.

für versicherungsfremde Leistungen aus Steuermitteln bereits gibt.

Diesen Durchbruch brauchen wir aber, trotz des sinnvollen und richtigen Sofortprogramms im Pflegepersonal-Stär-

Fazit: Alle pflegepolitisch Verantwortlichen sind nach wie

kungsgesetz. Denn wie sonst können wir die Bezahlung in

vor in der Pflicht. Dem Sofortprogramm von 2018 muss

der Langzeitpflege auf ein mit der Krankenpflege vergleich-

2019 ein echter Durchbruch folgen.

bares Niveau anheben? Gelingt uns dies nicht, spricht einiges dafür, dass die Finanzierung von mehr Pflegekräften in den Krankenhäusern zulasten der Pflegeeinrichtungen geht. Erst recht brauchen wir die Vergleichbarkeit bei der Bezahlung, wenn die reformierte Pflegeausbildung wirksam und die Durchlässigkeit zwischen den Sektoren vergrößert wird. Es ist also absehbar, dass die Pflegekosten weiter steigen müssen, um die professionelle pflegerische Versorgung auf einem hohen Niveau zu gewährleisten. Und zwar stärker als in anderen Bereichen. Dafür brauchen wir Änderungen an dem Grundgerüst des Pflegesystems. Wir brauchen verlässliche Regelungen für die beteiligten Akteure, dass steigende Pflegekosten durch verbesserte Rahmenbedingungen finanziell aufgefangen werden. Die vage Aussicht auf einen erneuten, den Pflegestärkungsgesetzen ähnlichen Kraftakt der Pflegepolitik reicht nicht aus. Vorschläge dafür gibt es bereits: Sie reichen von einer Veränderung der jetzigen Dynamisierungsregelung bis hin zu einer Deckelung der Eigenanteile anstelle der Deckelung der Leistungen. Letzteres wäre durchaus eine Revolution, das gesamte Leistungsprinzip würde umgekehrt und eine fixe Eigenbeteiligung für pflegebedürftige Menschen definiert. Vieles spricht dafür, dass uns so der notwendige Befreiungsschlag für bessere Rahmenbedingungen gelingen kann. Gleichzeitig sind einige offene Fragen zu klären, zum Beispiel die Umsetzung bei häuslicher Pflege sowie Art und Sabine Bätzing-Lichtenthäler + Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz + www.msagd.rlp.de

Höhe des festgeschriebenen Eigenanteils. Zudem müsste ein solches Vorhaben finanzierbar sein. Mit der Anhebung zum 1. Januar 2019 wird der Beitragssatz in

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Pf legepolitik

Pflege geht uns alle an!

Berlins Pflegesenatorin Dilek Kolat Die Berliner Pflegekonferenz ist ein guter Anlass, einmal im Jahr Bilanz zu ziehen: Wo stehen wir bei diesem wichtigen Politikfeld? Hier sind viele Menschen betroffen – von den Pflegebedürftigen und Pflegenden in Kliniken, Heimen und zu Hause bis zu ihren Angehörigen. Pflege geht uns alle an! Im vergangenen Jahr konnten wir viel bewegen. Ich habe mit allen Beteiligten intensive Gespräche über einen Berliner Pakt für die Pflege geführt, die kurz vor dem Abschluss stehen. Mit Arbeitgebern und Gewerkschaften, Krankenkassen, Pflegediensten und Heimbetreibern wollen wir uns gemeinsam auf mehr Ausbildung, bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung in der Pflege verständigen. Mit großer Beteiligung ging vor Kurzem unsere Initiative „Pflege 4.0 – Made in Berlin“ an den Start. Hier geht es darum, den digitalen Wandel und technischen Fortschritt in der Pflege im Sinne der Pflegebedürftigen und der Pflegenden zu gestalten. In der Weltstadt Berlin leben Menschen aus über 190 Nationen. Da ist die interkulturelle Öffnung der Pflege eine drängende Aufgabe. Auch hier sind wir vorangekommen. Das erfolgreiche Modellprojekt „Interkulturelle Brückenbauerinnen in der Pflege“ wurde in die Regelfinanzierung aus dem Haushalt der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung überführt und wird künftig fester Bestandteil des Beratungsangebots der Berliner Pflegestützpunkte sein.

Dilek Kolat + Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung in Berlin + www.berlin.de/sen/gpg

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Für eine stärkere Rolle der Kommunen

Pflege ist mehr als Pflegeversicherung. Eine aktive und

Dem stehen im Bereich Pflege nur geringe Gestaltungs-

moderne Altenpolitik der Landkreise als der maßgeblich

möglichkeiten gegenüber. Die Kommunen sind unzurei-

betroffenen kommunalen Ebene verbessert die soziale Inf-

chend in Planung, Beratung und Entscheidung eingebun-

rastruktur für die älter werdende Bevölkerung und für pfle-

den. Vielmehr wird durch die Proklamation der Versorgung

gebedürftige Menschen und ihre Angehörigen, ganz beson-

pflegebedürftiger Menschen als „gesamtgesellschaftliche

ders in ländlichen Räumen. Ziel ist eine bedarfsgerechtere

Aufgabe“ in §8 SGB XI die Zuordnung konkreter Verant-

und vor allem sozialraumorientierte Versorgung.

wortlichkeiten vermieden. Wegen der Verantwortung für die kommunale Infrastruktur und der finanziellen Letzt-

Die Fachwelt fordert eine stärkere Rolle der Kommunen in

verantwortlichkeit der Sozialhilfe für den Bürger bedarf

der Pflege seit Jahren. Mit der Einführung der Pflegeversi-

es einer gesetzgeberischen Umgestaltung: Die Kommunen

cherung (1996) waren die Kommunen zwar zunächst von

sollten in diesem wichtigen Feld der Versorgung ihrer Be-

den Kosten der Hilfe zur Pflege entlastet worden. Zugleich

völkerung aufgrund ihrer Kenntnisse und angrenzender ori-

wurden ihnen aber auch maßgebliche Steuerungsinstru-

ginärer Zuständigkeiten – abgesichert durch eine entspre-

mente im Bereich Pflege genommen.

chende Finanzausstattung – eine stärkere Rolle erhalten.

Internationale Vergleiche und erfolgreiche Modellprojekte

Auch die Bundesländer haben sich wiederholt mit den

in Deutschland belegen jedoch, dass die Versorgungsquali-

Anforderungen an eine „Pflege im Quartier“ befasst und

tät und die Stärkung ambulanter Pflegesettings von einer

sich dafür ausgesprochen, die Rolle der Kommunen in der

starken Rolle der Kommunen positiv beeinflusst werden

Pflege zu stärken. Dazu gehören insbesondere die Imple-

können. Bereits heute leisten die Kommunen, insbeson-

mentierung kleinräumiger, alltagsbezogener und nachhal-

dere die Landkreise und kreisfreien Städte als Träger der

tiger Pflegearrangements, flankiert von einem Mix nieder-

Sozialhilfe, wichtige Beiträge zur Pflege und Pflegevermei-

schwelliger Beratungs-, Unterstützungs-, Entlastungs- und

dung. Für ältere und alte Menschen, pflegebedürftige und/

Hilfsangebote im Quartier (Sozialraumorientierung), eine

oder behinderte Menschen und ihre Familien erbringen sie

systematische Vernetzung der Beratungs-, Unterstützungs-

umfangreiche Unterstützung, beginnend mit der Altenhil-

und Hilfsangebote in Stadtgebieten und in ländlichen Räu-

fe, der Hilfe zur Pflege und der Eingliederungshilfe für be-

men, der Ausbau des Case- und Care-Managements in der

hinderte Menschen über Beratungs- und Koordinierungs-

Pflege- und Wohnberatung und eine verbesserte Überlei-

stellen, familienentlastende und familienunterstützende

tung und Beratung pflegebedürftiger Menschen und ihrer

Hilfen, das bürgerschaftliche Engagement, die kommunalen

Angehörigen zwischen stationärer Versorgung (Kranken-

Krankenhäuser und den öffentlichen Gesundheitsdienst

haus, Reha-Einrichtung, Kurzzeitpflegeeinrichtung) und

sowie die rechtliche Betreuung bis hin zum Wohnumfeld

ambulanter Versorgung in den eigenen vier Wänden.

und zur Nutzbarkeit des öffentlichen Personennahverkehrs. Nicht alles wird von ihnen selbst gewährt oder orga-

Neben einer Reihe fachlicher Positionierungen wie des

nisiert. Hier kommt die Bedeutung der Kommune im dop-

Kuratoriums Deutsche Altenhilfe, des Deutschen Vereins

pelten Sinne zum Tragen: nicht nur als Gebietskörperschaft,

für öffentliche und private Fürsorge sowie der kommunal-

sondern auch als Gemeinwesen, jeweils für den örtlichen

rechtlichen Wissenschaft hat schließlich auch die Siebte

Wirkungsbereich.

Altenberichtskommission unter Leitung von Andreas Kruse

16


Pf legepolitik

Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Senioren-

Gesetzgeber zu ermöglichende – stärkere Rolle der Kom-

politik in den Kommunen erarbeitet. In ihrem 2015 veröf-

munen nach wie vor hilfreich. Wichtig wären insbesondere

fentlichten Bericht „Sorge und Mitverantwortung in der

folgende Punkte:

Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Ge•

meinschaften“ untersuchten die Sachverständigen, welche

die verpflichtende Berücksichtigung der Kreispflegeplanung bei der Zulassung von Pflegeheimen und

Beiträge die kommunale Politik und örtliche Gemeinschaf-

ambulanten Diensten,

ten leisten können, um die soziale, politische und kulturelle •

Teilhabe und eine möglichst lange selbstständige Lebens-

die vollständige Gleichberechtigung von (kom-

führung älter werdender Menschen sowie ein aktives Al-

munalem) Sozialhilfeträger und Pflegekasse im

tern in Selbst- und Mitverantwortung sicherzustellen. Für

Vertragsgeschehen, •

die „Sorge und Pflege“ wird auch hier eine Stärkung der

eine Verantwortung für Pflegestützpunkte oder vergleichbare Beratungsangebote bei den Landkreisen

Kommunen eingefordert.

und Städten und •

Das 2017 in Kraft getretene Pflegestärkungsgesetz III da-

ein federführendes Fallmanagement.

gegen stellt die Kommunen lediglich mit der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs in der Sozialhilfe

Kommunale Gestaltungsmöglichkeiten auf struktureller

und der Neugestaltung des Kapitels zur Hilfe zur Pflege

und auf individueller Ebene müssen daher auf der politi-

im SGB XII vor neue Anforderungen. Die politisch aufgela-

schen Agenda bleiben.

denen Regelungen zur Rolle der Kommunen in der Pflege dagegen betreffen nur kleinteilige Bereiche und bleiben

Dass die Landkreise sich bereits unter den heutigen Gege-

hinter den Erwartungen der Fachwelt weit zurück. Weder

benheiten beträchtlich und erfolgreich engagieren, zeigen

eine Planungs- noch eine Steuerungskompetenz ist vorge-

die Beispiele auf der Berliner Pflegekonferenz. Das Fachfo-

sehen. Lediglich im Bereich der Beratung gibt es kleinere

rum „Flächendeckende Versorgung im ländlichen Raum“

Änderungen.

stellt in mehreren Best-Practice-Beispielen verschiedene Lösungsansätze vor.

Im Interesse der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen, die in einem sozialräumlichen Kontext in der Kommune wohnen und leben, vor Ort Unterstützung brauchen

Wir danken Frau Dr. Irene Vorholz, Beigeordnete Dezernat

und die kommunale Infrastruktur nutzen, wäre eine – vom

IV, Deutscher Landkreistag e. V. für den Beitrag.

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Kooperation zwischen Vietnam und Deutschland: gemeinsam Pflegekräfte ausbilden

Die Zusammenarbeit mit anderen Ländern im Bereich Pfle-

Die Kooperation startete 2013 mit einem Pilotprojekt, in

ge hat in Vietnam Tradition. So bestehen Kooperationen

dem jeweils zwei Gruppen von Auszubildenden und Fach-

unter anderem mit Taiwan und Japan. Pflegefachkräfte

kräften angeworben wurden, unterteilt nach den Bereichen

aus Vietnam lassen sich in diesen Ländern nieder, um dort

Altenpflege und Krankenpflege. Das Projekt basiert auf ei-

in der Betreuung pflegebedürftiger Menschen zu arbeiten.

ner Zusammenarbeit zwischen dem vietnamesischen Mi-

Jetzt startete Vietnam zusammen mit Deutschland ein ähn-

nisterium für Arbeit, Invaliden und soziale Angelegenheiten

liches Programm. Konkret werden dabei in Vietnam junge

(MOLISA) und dem deutschen Bundesministerium für Wirt-

Arbeitskräfte rekrutiert, um in Deutschland zu Pflege-

schaft und Energie (BMWI). An der Planung und Umsetzung

fachkräften ausgebildet zu werden und anschließend auch

waren das Department of Overseas Labour (DOLAB) und

in der Pflege zu arbeiten. Für beide Partner bringt die Zu-

die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammen-

sammenarbeit viele Vorteile mit sich. Vietnam verfügt über

arbeit (GIZ) beteiligt. Die erste Gruppe umfasste 120 Teil-

eine junge, gut gebildete Bevölkerung. Das südostasiatische

nehmer und Teilnehmerinnen, die alle die Voraussetzung

Land schneidet in den internationalen Bildungsvergleichen

erfüllten, einen Abschluss an einer Fach- bzw. Hochschule

(„PISA“) regelmäßig deutlich besser ab als viele westeuro-

im Bereich Pflege in Vietnam vorweisen zu können. Der in-

päische Länder. Dennoch sind die Jobperspektiven für junge

haltliche Teil des Programms begann im März 2013 für die

Menschen in Vietnam aktuell eher schlecht. In Deutschland

Teilnehmer mit sechs Monaten Deutschunterricht am Goe-

hingegen werden händeringend Fachkräfte gesucht, beson-

the-Institut in Hanoi. Anschließend reisten die Pflegeschü-

ders im Bereich Pflege. Die Kooperation zwischen Vietnam

ler und -schülerinnen nach Deutschland, um ihre auf zwei

und Deutschland zielt darauf ab, einen fairen Austausch zu

Jahre verkürzte Pflegeausbildung anzutreten. Im Oktober

schaffen, von dem beide Seiten profitieren. Das bedeutet,

2015 schließlich machten die angehenden Altenpfleger ih-

dass es bei der Kooperation nicht um ein reines Abwerben

ren Abschluss und konnten als qualifizierte Fachkräfte in

von günstigen Arbeitskräften geht. Arbeitssuchende Viet-

der Pflege mit ihrer beruflichen Tätigkeit starten.

namesinnen und Vietnamesen werden in Deutschland zu Pflegefachkräften aus- und weitergebildet. Anschließend

Das Ziel eines Pilotprojektes besteht darin, neben den

können sie als qualifizierte Arbeitskräfte in der Pflege ar-

positiven Erkenntnissen auch die Stellschrauben zu iden-

beiten. Damit sorgen sie auch vor, nicht als günstige Ar-

tifizieren, an denen noch nachgebessert werden muss. In

beitskräfte ausgenutzt zu werden.

diesem Fall wurde deutlich, dass das Sprachniveau A2, das

18


Pf legepolitik

die Pflegeschüler in den sechs Monaten Sprachunterricht

Nach einem ähnlichen Prozedere wurden zwei Gruppen als

erreicht haben, für die späteren Aufgaben nicht ausreicht.

Krankenpfleger ausgebildet. Da die Programme noch nicht

Hinzu kommt, dass die Verkürzung der Ausbildung auf zwei

abgeschlossen sind, steht eine Evaluation noch aus.

Jahre sehr viel Anstrengung erfordert und die Schüler dadurch weniger Zeit hatten, die Sprache nachhaltig zu erler-

Um dem Pilotprojekt die angemessene Bedeutung und

nen. Erschwerend wirken in diesem Zusammenhang auch

Nachhaltigkeit zu geben, haben das MOLISA und das BMWI

die großen Unterschiede in der Pflegeausbildung zwischen

2015 eine Absichtserklärung unterzeichnet. Diese versi-

Vietnam und Deutschland.

chert, dass die Zusammenarbeit nach den Prinzipien des Pilotprojektes weitergeführt werden soll. Für die Umsetzung

Im Juni 2014 startete die zweite Gruppe mit der Ausbildung

sollen Partner gewonnen werden, die das Projekt dann fort-

in der Altenpflege. Diese Pflegeschüler unterschieden sich

führen. Außerdem wurden einige Kernaussagen festgelegt,

von der ersten Gruppe in den Zugangsvoraussetzungen und

die für das gesamte Projekt Bestand haben sollen. Dazu

im Umfang der Ausbildung, denn sie waren entweder Ab-

gehört, dass die Rekrutierung fair und transparent sein soll.

solventen einer Hoch- oder Fachschule im Bereich Pflege

Außerdem darf von den Auszubildenden keine Vergütung

oder befanden sich zumindest im letzten Studienjahr ihrer

verlangt werden. Die Ausnahme bildet eine Verwaltungs-

Ausbildung. Im Rahmen des Programms standen für die

gebühr, die nicht mehr als 300 Euro betragen darf. Von den

Teilnehmer zunächst zwölf Monate Deutschunterricht am

potenziellen Pflegeschülern wird erwartet, dass sie durch

Goethe-Institut in Hanoi auf dem Plan. Ziel war das Niveau

die Deutsch-Sprachkurse am Goethe-Institut mindestens

B1 oder das Zertifikat B2. Anschließend reisten die Pflege-

ein B2-Zertifikat erreichen. Die Ausbildungseinrichtungen

schüler für eine dreijährige Ausbildung in der Altenpflege

in Deutschland müssen einen Teil oder die gesamten Kos-

nach Deutschland.

ten des Deutschkurses, die Aufwendungen für die Reise der

19


20


Pf legepolitik

Pflegeschüler nach Deutschland und die Ausbildungsvergü-

ist, dass in naher Zukunft beide Partner entsprechende

tung übernehmen.

Möglichkeiten dafür ausloten sollen, dass ein Teil der Ausbildung in Vietnam stattfinden könnte.

Für die Weiterführung des Projektes wurden in Vietnam und Deutschland schon Kooperationspartner gefunden. In

Auch besteht die Möglichkeit, dass im weiteren Verlauf der

Vietnam wird das Center of Overseas Labour (COLAB) un-

Zusammenarbeit das zwischen Japan und Vietnam prakti-

ter der Führung des MOLISA zusammen mit der Deutschen

zierte Modell in Erwägung gezogen wird. Dies könnte derart

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) das

ausgestaltet sein, dass bereits ausgebildete Pflegefachkräf-

Programm betreuen. In Deutschland konnte der größte

te aus Vietnam nach Deutschland kommen, ein Praktikum

kommunale Krankenhauskonzern, die Vivantes GmbH, für

sowie eine Weiterbildung absolvieren und anschließend im

die Weiterführung der Kooperation gewonnen werden.

Pflegebereich arbeiten.

Die positive Entwicklung unterstreicht den Erfolg des Pro-

Zwischen den beiden Ländern soll ein Transfer an Ideen,

gramms. Insgesamt konnten seit dem Start der Pilotprojek-

Technologien und Fachwissen etabliert werden. Lang-

te 691 Auszubildende gewonnen werden. Allein für 2019

fristig streben wir an, die gesamte Ausbildung in Vietnam

wurden bereits 391 neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen

durchzuführen. Anschließend werden die qualifizierten

angeworben. Sie werden an dem Nachfolgeprojekt des Pi-

Fachkräfte direkt in Deutschland in der Pflege eingesetzt.

loten, der Kooperation zwischen COLAB, GIZ und Vivantes,

Um dieses Vorhaben in die Realität umzusetzen, stehen die

teilnehmen.

Ministerien beider Länder, das MOLISA und das BMWI, im Austausch miteinander, um die Grundlagen für ein

Die Perspektive für eine weitere und langfristige Zu-

Abkommen über die Zusammenarbeit im Bereich Pflege

sammenarbeit im Bereich Pflege zwischen Vietnam und

zu schaffen.

Deutschland ist sehr gut, denn es besteht auf der einen Seite ein großer Bedarf an Fachkräften in deutschen Pflegeeinrichtungen. Auf der anderen Seite gibt es eine große Bereitschaft unter jungen Vietnamesen, eine Pflegeausbildung in Deutschland zu absolvieren und anschließend in dem Beruf zu arbeiten. Die bürokratischen Hürden und der administrative Aufwand, die eine so umfassende Kooperation zweier Länder zwangsläufig mit sich bringt, werden von den beteiligten Behörden auf ein Minimum reduziert. Darüber hinaus kann die weitere Zusammenarbeit auf die Glaubwürdigkeit von vier Pilotkursen und anschließenden Projekten bauen. Zum Schluss möchten wir aus der Sicht Vietnams noch einige Punkte hervorheben, um diese erfolgreiche Zusammenarbeit noch weiter zu verbessern. Die Pflegeausbildung für Arbeitskräfte aus Vietnam muss mit einer anschließenden Beschäftigung verbunden sein. Die Pflegeeinrichtung muss daher von Anfang an in den gesamten Prozess der Rekrutierung eingebunden sein. Außerdem sollen die Kernpunkte der gemeinsamen Absichtserklärung dahin weiterentwickelt werden, dass weitere Organisationen, die die Anforderungen erfüllen, ebenfalls Partner werden können. In diesem Kontext ist denkbar, dass auch andere Einrichtungen, sofern sie den Vorgaben nachkommen, den Deutschunterricht für die vietnamesischen Arbeitskräfte Nguyen Ngoc Quynh + Vietnam Association of Manpower Supply (VAMAS), Abteilungsleiter a. D., Ministerium für Arbeit, Kriegsversehrte und Soziales der Sozialistischen Republik Vietnam

übernehmen. Ihnen fällt dann ebenfalls die Aufgabe der Zertifizierung zu. Qualifizierte Aufsichtsstellen in beiden Ländern übernehmen die Kontrolle und Begleitung der verschiedenen Projektabschnitte. Der dritte große Punkt

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Neues Jahr, alte Herausforderungen

Beruflich Pflegende brauchen eine starke Lobby – die Notwendigkeit der Pflegekammer

Das neue Jahr birgt alte Herausforderungen für die Pflege.

und Zeit erhalten. Mit der von der Landespflegekammer

Mit der Verabschiedung des Pflegepersonalstärkungsge-

konzipierten Berufsordnung sowie der klaren Definition

setzes (PpSG) können Pflegefachkräfte auf einige wichtige

von beruflichen Kernaufgaben soll genau dies verhindert

Änderungen hoffen. Dazu gehören unter anderem die Refi-

werden. Denn durch sie können die Rechte und Aufgaben

nanzierung von 13.000 Stellen in der Altenpflege, das Ein-

der Pflegefachkräfte im Sinne einer hohen Versorgungssi-

führen von Personaluntergrenzen sowie die vollständige

cherheit klar definiert werden. Pflege kann eben nicht jeder!

Übernahme der Tarifsteigerungen für Pflegekräfte in Krankenhäusern. Dieser Vorstoß zeigt, dass sich die politischen

Die Refinanzierung neuer Stellen ist mehr als notwendig

Akteure über die Probleme in der Pflege durchaus im Kla-

und für den Krankenhausbereich dem Gesetzestext nach

ren sind. Man wisse um die Vertrauenskrise in der Pflege,

auch gut geregelt. Allerdings braucht es mehr als 13.000

sagte so etwa Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im

Stellen in der Altenpflege, sowohl in der Behandlungspflege

vergangenen Jahr.

als auch in der gesamten Pflegeversorgung der stationären Einrichtungen. Der wesentliche Grund für die Misere in

Eine solche Vertrauenskrise kann jedoch mit einem einzi-

der Pflege liegt in den immer unzureichender werdenden

gen Beschluss, so wichtig das PpSG in seiner Erarbeitung

Arbeitsbedingungen. Hierzu bedarf es weitaus umfassen-

und Verabschiedung auch war, nicht beseitigt werden. Auch

derer Anstrengungen, als im PpSG schon vorgenommen

weiterhin müssen sich beruflich Pflegende mit prekären

wurden. Weiterhin müssen die Tarifsteigerungen, die ja von

Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Die Bezahlung

den Kostenträgern komplett zu refinanzieren sind, zu kon-

entspricht oft nicht der geleisteten Arbeit, zudem müssen

kreten Ergebnissen führen. Pflegende müssen endlich für

sich viele Fachkräfte noch Floskeln wie „Pflege kann jeder“

ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, ansonsten wird der

gefallen lassen.

Personalmangel auch in diesem Jahr weiter ansteigen. Eine fortlaufende Orientierung der Gehaltsstruktur an anderen

Doch welchen Bereich deckt die berufliche Pflege über-

Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes wird als nicht för-

haupt ab? Wann kann überhaupt von Pflege als Professi-

derlich angesehen.

on die Rede sein? Mit diesen zentralen Fragen beschäftigt sich die Landespflegekammer in ihren Ausschüssen, AGs,

Die Landespflegekammer spricht sich hier konkret dafür

Vertreterversammlungen und den Vorstandssitzungen.

aus, dass vollzeitbeschäftigte Pflegefachkräfte in allen Set-

Teilweise übernehmen professionell Pflegende immer noch

tings der Pflegeversorgung mindestens ein Bruttogehalt

Aufgaben, die mit ihrem Berufsbild absolut nicht kompati-

von 4.000 Euro haben sollten. Die Tarifrunde 2019 sieht

bel sind. Das führt auch dazu, dass für die gute Pflegeversor-

hier leider wesentlich geringere Gehaltsanpassungen vor.

gung wichtige Aufgaben nicht die nötige Aufmerksamkeit

Geld ist zwar nicht alles, aber im Kampf um die mangelnden

22


Pf legepolitik

Ressourcen am Arbeitsmarkt spielt es eine entscheidende

werden, dass den Pflegenden bundesweit eine starke Stim-

Rolle für die berufliche Attraktivität. Zusammengefasst

me verliehen wird. Und dass die Bundesrepublik internati-

müssen weitaus bessere Rahmenbedingungen geschaffen

onal den Anschluss an andere Länder endlich sicherstellt.

werden, nur so lässt sich die relativ hohe Fluktuation in Einrichtungen erfolgreich eindämmen. Damit diese Belange in die Öffentlichkeit getragen werden können, bedarf es einer politischen Interessenvertretung der beruflich Pflegenden. Genau diese Funktion übernimmt die Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, die sich als Sprachrohr der ca. 40.000 beruflich Pflegenden für die Interessen der Berufsgruppe einsetzt. Durch den ständigen Kontakt zur Politik und zu den Akteuren im Gesundheitswesen wird so der Einfluss der Pflege auf die Verteilung finanzieller Mittel und entscheidende Gesetzgebungsprozesse sichergestellt. Für das Jahr 2019 wünschen wir uns daher, dass zum ei-

Dr. Markus Mai + Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz + www.pflegekammer-rlp.de

nen die Initiative „Bundespflegekammer“ weiter Fahrt aufnimmt und sich zum anderen weitere Bundesländer der Kammerbewegung anschließen. Nur so kann garantiert

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Wie digital darf Pflege sein?

Pflegeroboter, AAL & Co: Macht Digitalisierung die Pflege besser – oder nur weniger menschlich? Warum Digitalisierung in der Pflege vor allem eine Frage des „Wie“ ist, erläutert Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK

58 Prozent der Menschen in Deutschland können sich bei

immerhin über 70 Prozent der Pflegebedürftigen unter-

eigener Pflegebedürftigkeit vorstellen, die Hilfe von Robo-

stützen und auf die ich hier meinen Fokus lege.

tern in Anspruch zu nehmen. Dieser Wert nimmt allerdings 1

mit steigendem Alter der Befragten stark ab: Nur 38 Pro-

Digitalisierung in der Pflege

zent der über 60-Jährigen stimmten hier zu – bei den 18-

bedeutet keine Roboter-Invasion

bis 39-Jährigen hingegen 79 Prozent. Bedeutet dies, dass

Zwar wird an zahlreichen Instituten im In- und Ausland in

das Vertrauen in die Technik sinkt, je wahrscheinlicher de-

Sachen Robotik geforscht und der Einsatz von Prototypen

ren Einsatz wird? Oder ist die Akzeptanz von smarter Pfle-

erprobt – dennoch setzt das Bild des „Pflegeroboters“ als

ge schlichtweg eine Generationenfrage?

Symbol von smarter Pflege den falschen Fokus. Die heute

Die Debatte, ob wir den technischen Fortschritt für die

schon vorhandenen Möglichkeiten sind vielschichtig – und

Pflege brauchen und was er für sie bedeutet, ist in etwa

längst nicht auf die Robotik beschränkt. Digitalisierung bie-

so alt wie die Erkenntnis, dass der demografische Wandel

tet zunächst auch die Chance auf individuelle Lösungen,

die Pflege in vielen Industrieländern zur Herausforderung

die sich am vorhandenen Unterstützungsbedarf ausrichten

macht. Auch in der jüngsten Debatte um Pflegeroboter kam

lassen. Stichwort „Ambient Assisted Living“ (AAL), also die

rasch der Vorwurf, die Digitalisierung in der Pflege bedeu-

intelligente Unterstützung eines möglichst selbstbestimm-

te perspektivisch eine Pflege ohne Menschen – also auch

ten Alltags – und gleichzeitige Entlastung Pflegender. Rein

ohne Menschlichkeit. Für mich steht außer Frage, dass die

technisch sind bereits viele digitale Alltagshelfer möglich:

Pflege digitaler werden muss. Denn die Kritik an der Digi-

Das beginnt beim intelligenten Herdwächter, der bei star-

talisierung der Pflege basiert für mich auf einer falschen

ker Rauchentwicklung die Hitzequelle abstellt, und umfasst

Prämisse: Es geht nicht darum, Pflegende durch Roboter

auch Sensoren, die Stürze registrieren und im Notfall Hilfe

zu ersetzen, sondern darum, Pflegende zu entlasten und

einleiten. Immerhin stürzen rund 30 Prozent der Menschen

zu unterstützen, damit sie ihrer wichtigen Aufgabe auch in

über 65 Jahren einmal im Jahr – und neben körperlichen

Zukunft noch nachgehen können. Das gilt für professionell

Folgen können sich dadurch auch Ängste entwickeln. Wei-

Pflegende und vor allem auch für informell Pflegende, die

tere Beispiele sind Bewegungsmelder, die bei nächtlicher 1 TK-Meinungspuls Pflege 2018, vgl. www.tk.de (Suchbegriff 987704)

24


Pf legepolitik

Direkte Entlastung für informell Pflegende Neben dieser „indirekten Entlastung“ über selbstständigere Pflegebedürftige können digitale Anwendungen auch direkt entlasten. Das beginnt beim Vermitteln von Knowhow, wie es etwa der Online-Pflegekurs „TK-PflegeCoach“ leistet, bis hin zum einfachen, digitalen Zugang zu psychologischer Unterstützung bei Belastungen durch die Pflege von zu Hause aus. Bis aus den zahlreichen vielversprechenden Ansätzen jedoch ein strukturiertes Ganzes wird, liegt allerdings noch ein weiter Weg vor uns, wobei hier mit „wir“ die Gesellschaft als Ganzes gemeint ist. Dazu gehört auch die Politik, denn die Rahmenbedingungen für eine konsequente digitale Unterstützung Pflegender sind längst nicht erfüllt, und auch an den ersten Schritten hapert es noch. Beispielsweise können Pflegebedürftige von der Pflegeversicherung heute zwar einen Zuschuss für den barrierefreien Umbau der Dusche erhalten, nicht jedoch für die Ausstattung mit Sturzsensoren. Entsprechend leben Pflegebedürftige, die heute schon von „Ambient Assisted Living“ profitieren, höchstwahrscheinlich entweder in einem Pilotprojekt oder profitieren von digitalaffinen Angehörigen.

Über Thomas Ballast Thomas Ballast ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK) und in dieser Funktion unter anderem für die Unternehmensbereiche Kundenservice, Service und Business Management sowie Versorgung verantwortlich. Zuvor war der Diplom-Volkswirt unter anderem Vorstandsvorsitzender des Ersatzkassenverbandes vdek.

Aktivität Beleuchtung aktivieren oder Alarm schlagen, wenn jemand entgegen sonstiger Gewohnheiten morgens nicht aufsteht – oder auch die Steuerung von Rollladen oder Licht per Stimme oder Tablet. Immerhin möchten 83 Prozent der Menschen in Deutschland in der eigenen Wohnung gepflegt werden. Entsprechend hoch ist auch die Akzeptanz für smarte Helfer wie Sturzsensoren, um diese Wohnform möglichst lange möglich zu machen. Insgesamt 90 Prozent der Befragten können sich vorstellen, selbst im

Thomas Ballast + Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands, Techniker Krankenkasse + www.tk.de

Alter smarte Sensoren einzusetzen, um länger selbstständig im eigenen Haushalt zu bleiben – bei den über 60-Jährigen immerhin noch 84.

25


Guter Rat ist die Zukunft

Wie Pflegekassen sich dem demografischen Wandel präventiv stellen können Nicht nur die Pflege selbst, sondern auch die Pflegekassen

seinen persönlichen Ansprechpartner hat, der mit der Vor-

müssen sich darauf einstellen, dass die Zahl der pflegebe-

geschichte vertraut ist. Die Berater bieten bei Bedarf aktiv

dürftigen Menschen stetig weiterwächst. Das ist zum einen

Unterstützung an und leisten damit einen wichtigen Beitrag

dem erfreulichen Umstand zu verdanken, dass wir immer

zur Prävention in der Pflege.

älter werden. Doch auch die Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffes zum 1. Januar 2017 hat dazu geführt, dass

Einfühlungsvermögen und Kompetenz sind daher wichtige

Pflegekassen sich um deutlich mehr Versicherte mit Pflege-

Eigenschaften, die von Mitarbeitenden der Pflegekassen

bedarf kümmern müssen. Dieses Kümmern geht weit über

erwartet werden. Sie sollen ihren Versicherten und deren

die

Antragsbearbeitung

Angehörigen

Ängste

hinaus. Service, Beratung

nehmen und fundier-

und aktive Unterstützung

te Informationen, die

für die Versicherten sind

verständlich und ein-

die Werkzeuge, mit dem

fach umzusetzen sind,

sich die BKK·VBU für die

geben. Doch es ist

Zukunft rüstet.

nicht leicht, Sozialversicherungsfachange-

Die Kundenberater in der

stellte zu finden, die

Pflegeversicherung,

die

mit den Aufgaben der

bei der BKK·VBU bewusst

Pflegeversicherung

nicht

vertraut sind. Daher

mehr

„Sachbear-

beiter“ heißen, haben die

müssen

wichtige

sen in der Personal-

Aufgabe,

aus

Pflegekas-

dem vielfältig bestückten

planung

Werkzeugkasten der Pfle-

operieren. Auch die

geversicherung die Inst-

Ausbildung

rumente auszuwählen, die

strategisch der

So-

zialversicherungsfa-

für den individuellen Bedarf der Versicherten am besten

changestellten muss sich dem geänderten Bedarf anpassen,

geeignet sind. Entlastungsleistungen, etwa für Putz- und

indem Inhalte aus der Pflegeversicherung ein größeres Ge-

Botendienste, können dazu beitragen, dass ein stationärer

wicht bekommen.

Pflegebedarf hinausgezögert wird. Kurzzeitpflege kann Heimeinweisungen verzögern oder verhindern. Sturzpro-

Wie deutlich wird, sieht die BKK·VBU sich nicht nur als In-

phylaxe und Dekubitusprophylaxe sind weitere Möglichkei-

stitution, die gesetzliche Leistungen finanziert. Sondern ihr

ten, um einem steigenden Pflegebedarf vorzubeugen.

Anspruch ist es, ihre Versicherten durch den Prozess der Pflegebedürftigkeit zu begleiten. Neben der Hilfe bei der

Die BKK·VBU vertritt die Auffassung, dass die individuel-

Beantragung der ersten Leistungen und der Auswahl geeig-

le Versorgung am besten gelingt, wenn jeder Versicherte

neter Mittel zur Entlastung von pflegenden Angehörigen

26


Zukunftsstrategien Pf legeberuf

setzt die Krankenkasse auf die Gesundheitsvorsorge für

Menschen zu fördern und auf diese Weise Selbstständig-

hochgradig pflegebedürftige Menschen in Heimen.

keit und Gesundheit auch im Rahmen von teil- und vollstationärer Pflege möglichst lange zu erhalten. Es ist daher zu

Wie sehr diese Menschen von diesen innovativen Präven-

begrüßen, dass der Gesetzgeber der Prävention in der Pfle-

tionsangeboten profitieren, zeigen zwei Projekte, die die

ge endlich den Stellenwert beimisst, den sie schon lange

BKK·VBU gemeinsam mit Pflegeheimen in Berlin und Bran-

verdient.

denburg durchführt. Nach den ersten Erfahrungen in den Pilotprojekten will die Die Bewohner der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg in Ber-

BKK·VBU beide Ansätze auf weitere Pflegeheime ausdeh-

lin und des AWO-Seniorenheims in Königs Wusterhausen

nen. Interessierte Einrichtungen können sich gerne bei der

bekommen Besuch von den Clowns der gemeinnützigen

BKK·VBU melden.

Organisation ROTE NASEN Deutschland e. V. – seit einem Jahr unterstützt die BKK·VBU das Projekt. Getreu dem Motto „Lachen ist die beste Medizin“ bringen die Clowns Freude und Leichtigkeit in den oft monotonen Tagesablauf. Es wird gemeinsam gesungen, getanzt und vor allem gelacht. Durch die Wertschätzung und Freude, die die Bewohner erfahren, wird ihre psychosoziale Gesundheit nachhaltig gestärkt. Die Clowns bereiten sich mit Unterstützung der Pflegekräfte aus den Heimen auf jeden Besuch individuell vor. Sie holen die Bewohner dort ab, wo sie ihre Stärke und Freude spüren, und suchen den Dialog mit den demenziell Erkrankten. Indem sie sich auf Augenhöhe mit den Menschen begeben, finden sie oft einen anderen Zugang zu den Bewohnern als professionell Pflegende. Ihre Besuche besprechen die Clowns anschließend mit den Pflegekräften. So wird ihre Arbeit zu einem festen Bestandteil des Heimalltags. Beim zweiten Präventionsansatz froach-Aktiv steht die Bewegung in der Gemeinschaft im Vordergrund. Das digitale Bewegungsprogramm mit einem virtuellen Frosch als „Übungsleiter“ soll Gesundheit und Beweglichkeit der Pflegebedürftigen erhalten und verbessern. Mindestens

Sibylle Schotten + Leiterin Pflegekasse bei der BKK·VBU + www.meine-krankenkasse.de

ebenso wichtig wie der sportliche Aspekt ist aber der Spaß. Durch die gemeinsame Bewegung in der Gruppe wird auch die Stimmung der Senioren aufgehellt. Die Figur des Froach ist somit ein emotionaler Auflader, der die Senioren ein wenig aus dem Pflegealltag heraus- und in eine positive Gegenwelt mitnimmt. Praktisch umgesetzt wird das Programm von Pflegekräften in der Berliner Tagespflegeeinrichtung „Haus am Beerenpfuhl“, die die Bewohner anleiten. Das dafür nötige Wissen und Können erhalten sie in Train-the-Trainer-Seminaren. Bestandteil des Coachings sind außerdem Wandkalender, Postkarten und weitere Medien, die das Training in Erinnerung halten sollen.

Astrid Salomon + Referentin Prävention bei der BKK·VBU + www.meine-krankenkasse.de

Die Erfahrungen mit beiden Projekten zeigen, dass sie geeignet sind, die Gesundheitspotenziale der pflegebedürftigen

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Der digitale Faktor: Wie Robotik und intelligente Systeme in der Pflege unterstützen können

Digitalisierung ist das große Schlagwort, wenn es um Innovationen und Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen geht. Davon ist auch die Pflege nicht ausgenommen. Es stellt sich die Frage, was digitale Prozesse in der Pflege verbessern können. Sind Roboter die neuen Pflegekräfte oder helfen sie den Pflegenden bei besonderen Aufgaben und schaffen so Entlastung? Über die Möglichkeiten der Digitalisierung, dem Einsatz der Robotik in der Pflege und über Bereiche, in denen der Mensch nicht zu ersetzen ist, sprechen wir mit den Experten Tobias Kley und Marius Greuèl. Die Aktualität des Themas zeigte sich auch in dem großen Interesse am Fachforum zur Zukunft des Pflegeberufs im digitalen Wandel auf der Berliner Pflegekonferenz 2018.

Welchen Beitrag kann computergestützte Robotik in der Pflegearbeit leisten?

ethische Bewertung eines solchen Systems wird zwischen den unterschiedlichen Pflegesettings und auch den unterschiedlichen Wohnformen stark differieren.

Tobias Kley: Dazu müssen wir zwischen den unterschied-

Zur Robotik zählen auch Exoskelette. Die Bandarbeiter in

lichen Arten von Robotik unterscheiden. Der Nutzen von

großen Automobilwerken arbeiten bereits rücken- und

Servicerobotik ist schnell offensichtlich – Kisten schleppen,

kraftschonend mit solchen Geräten. Diverse ernsthafte

schwere Säcke mit Inkontinenzwäsche transportieren, Rei-

Projekte werden den Nutzen wahrscheinlich bald auch in

nigungsaufgaben übernehmen. Hierbei kommen in der Re-

der Pflegearbeit testen. Ich bin skeptisch, da die Pflegear-

gel keine menschenähnlichen/humanoiden Geräte zum Ein-

beit wesentlich abwechslungsreicher als die Montage eines

satz. Im Bereich der sozial-emotionalen Robotik kennen wir

Kfz ist. Und schon jetzt gibt es Hilfsmittel, die nicht genutzt

seit vielen Jahren „robotische“ Tiere, die zur Unterstützung

werden, weil die Anwendung vermeintlich zu aufwendig ist.

in Therapie und Betreuung genutzt werden. Diese Systeme

Ich rechne der Telepräsenzrobotik gute Chancen aus.

sind vielfach ethisch diskutiert worden und in der Regel nur

Die Mischung aus autonomer Bewegung (z.B. nach ei-

gemeinsam mit Betreuungs- oder Pflegekräften hilfreich.

nem Sturz zu jemandem fahren) und der menschlichen

Getestet werden derzeit humanoide Systeme wie „Pepper“

Einschätzung der Situation per Videopräsenz scheint mir

oder „Nao“, die selbstständig mehr oder weniger adäquat

vielversprechend.

auf Ansprache, Mimik und Gestik reagieren. Vor allem in

Ich gehe davon aus, dass es den kleinen Pflegeroboter

der Betreuung bestünde hier die Chance, dass Interakti-

bald geben wird, der nach dem Befinden der Patienten

on auch ohne menschliche Unterstützung geschieht. Die

fragt, Hautrötungen wahrnimmt und Medikamente reicht.

28


Zukunftsstrategien

Robotische Systeme werden zukünftig wohl – deutlich

individuellen Bedarfserhebung bzgl. sensorischer und ro-

mehr als heute – ein elementarer Bestandteil von Teilhabe

botischer Hilfsmittel. So können technologische Entwick-

und Selbstbestimmung sein und im Rahmen der Wahlfrei-

lungen von Anfang an nicht nur auf die Bedürfnisse der

heit der Kunden eine Option darstellen.

Patienten, sondern auch auf die der Angehörigen und der Pflegekräfte ausgerichtet werden. Die Entwicklungsschrit-

Marius Greuèl: Innovative robotische Assistenzsysteme

te sind im Zuge eines stufenweisen Praxistransfers z. B. un-

sollen einerseits zu einer Stärkung von Autonomie, Eigen-

ter Einbezug von Demonstratoren und im Rahmen von ge-

verantwortung und Selbstorganisation der betroffenen

meinsamen Steuerungsrunden und Reviews zu evaluieren.

Menschen führen, andererseits die Assistenz- und Be-

Erst dann ist eine prototypische Umsetzung sinnvoll. Von

handlungspflege entlasten. Die Verbesserung in der Pflege

daher wurden in der Praxis bislang keine robotischen Assis-

korreliert dabei mit einer Optimierung der Versorgung mit

tenzsysteme erfolgreich implementiert, da hier die Komple-

Heil- und Hilfsmitteln, insbesondere müssen für hochgradig

xität der Pflegeprozesse nicht ausreichend berücksichtigt

immobile und bewegungseingeschränkte Patienten senso-

werden konnte. Durch entsprechende Modellvorhaben und

rische Unterstützungstechnologien, z. B. die Augensteue-

Forschungsprojekte wird dies in den nächsten Jahren zu ei-

rung, optimal an das robotische System angepasst sein.

ner deutlichen Verbesserung in der praktischen Umsetzung

Dabei ist es von zentraler Bedeutung, Pflegerobotik in

der Projektergebnisse führen.

das individuelle Pflegekonzept zu integrieren, die Planung

In welchen Bereichen genau können digitale bzw. computergestützte Anwendungen Entlastungen für Pflegepersonal schaffen? Und in welchen nicht?

muss sich dabei an dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff orientieren.

Wie gelingt ein reibungsloser Transfer von Forschung und Entwicklung in die Praxis der Pflegenden? Und was sind die größten Hürden?

Tobias Kley: Im Bereich der Dokumentation sind die Anfänge geschafft. Alle faktischen Erhebungen können m. E. künftig direkt digital und auch autonom dokumentiert werden.

Tobias Kley: Ich stelle überspitzt ein aktuelles Phänomen

Sensoren bzw. Messgeräte werden verstärkt direkt erhe-

dar: Eine neue Technik wird entwickelt und anschließend

ben, dokumentieren und die Daten möglicherweise sogar

wird gefragt: „Habt ihr das passende Problem dazu?“ Diese Pauschalisierung ist natürlich vollkommen unzulässig und so auch nicht richtig. Bisher habe ich als Treiber der Entwicklung

„Robotische Systeme werden zu einem elementaren Bestandteil der Pflegepraxis.“

auswerten, um autonom Handlungsempfehlungen zu senden. Besonders im ambulanten Bereich bzw. auch für pflegende Angehörige können so Prozesse verschlankt, die Sicherheit

von Pflegetechnologien jedoch häufig

von Menschen in der Häuslichkeit er-

technisch geprägte Unternehmungen

höht und die Versorgung durch geringe-

wahrgenommen. Aktuell dreht sich

re Fehlversorgung verbessert werden.

dieser Trend in meiner Wahrnehmung

Körperlich schwere Arbeiten können

um. Immer mehr Pflegeanbieter wollen

durch Robotik vereinfacht und Wege

diese Entwicklung mitgestalten und für

vermieden bzw. optimiert werden.

sich passende Lösungen entwickeln.

Auch im Bereich der Interaktion kann

Auch im Bereich der Start-ups haben

Technik unterstützen, wenn wir zum

wir als Gründungsgeschichte häufig

Beispiel an Tele-Care denken, vor allem

eine persönliche Motivation. Das ist

in ländlichen Regionen eine sehr sinn-

auch der beste Weg. Wenn „die Pflege“ Entwicklungen mitgestaltet, passen die

Tobias Kley, Leiter Innovation und Technik, Evangelisches Johannesstift Altenhilfe gGmbH

volle Ergänzung im Dienstleistungsund Versorgungsmix. Eines kann jedoch Technik nicht ersetzen: die liebevolle

Lösungen auch zu den Pflegeprozessen und damit in den Alltag von Pflegenden. Die Pflegenden

Berührung der Hand, den Blick in die Augen mit der unaus-

müssen sich emanzipieren. Sie sind die Experten. Daher

gesprochenen Botschaft „Ich habe jetzt Zeit für Sie“ und „Sie

kommt keine technische Entwicklung für die Pflege mehr

stehen jetzt im Mittelpunkt meiner Tätigkeit“. Bei diesen

ohne die Expertise der Praxis ab der ersten Minute aus.

„Kleinigkeiten“ erhalten erfahrene Pflegekräfte enorm viele betreuungs- und pflegerelevante Informationen jenseits

Marius Greuèl: Ausgangspunkt für den Forschungsprozess

der „Hard Facts“.

ist die Partizipation der Pflegenden bei der entsprechenden

29


Marius Greuèl: Insbesondere in der ambulanten Intensiv-

erleichtert die Handhabung für die Pflege, die pflegenden

und Palliativpflege von z.B. Patienten mit neuromuskulären

Angehörigen und die Pflegebedürftigen. Von daher sind ein-

Erkrankungen ist der Einsatz von robotischen Assistenz-

richtungsintegrierte Trainingskonzepte mit unmittelbaren

systemen sinnvoll, da aufgrund der hohen Belastungen und

prozessorientierten Schulungen am sinnvollsten. Auf der

Einschränkungen jede Form der Unterstützung mit speziell

Basis von modernen onlinebasierten Kommunikationsmög-

angepassten sensorischen, telematischen und robotischen

lichkeiten ist es z. B. auch möglich, für die Betroffenen und die pflegenden Angehörigen entspre-

Unterstützungssystemen von Vorteil ist. Telematik im Sinne der Gesundheitstelematik würde hier bedeuten, auch Möglichkeiten der Videokommunikation, der Fernsteuerung von Systemkomponenten oder des integrier-

„Es ist von zentraler Bedeutung, Pflegerobotik in das individuelle Pflegekonzept des Betroffenen zu integrieren.“

auch online Interventionen aufgrund von Fehlermeldungen vor Ort im Haushalt des Patienten zu unterstützen.

Herr Greuèl, Sie entwickeln mit ROBINA ein computergestütztes Assistenzsystem für den Einsatz in der Pflege. Von welchem Grad der Pflegebedürftigkeit gehen Sie dabei aus? Oder kann dies individuell angepasst werden?

ten Datenaustauschs zu nutzen. Aber auch in der stationären Pflege ergeben sich mit Blick auf die Belastungsgrenzen insbesondere für das Pflegepersonal sinnvolle soziotechnologische Unterstützungsmöglichkeiten

chende Trainings anzubieten oder z. B.

durch

die Robotik, die innerhalb der Pflegeprozesse bedarfs- und bedürfnisge-

Marius Greuèl: Das kann individuell

recht integriert werden müssen.

angepasst werden, da z. B. der in unse-

Welche Voraussetzungen und Kenntnisse erfordert der Einsatz von digitalen Helfern in der Pflege? Wie muss die Aus- bzw. Weiterbildung gestaltet werden, damit sie die Anwender digitaler Lösungen nutzen können und sie als Hilfe anstatt als Konkurrenz ansehen?

Marius Greuèl, Projektkoordination Versorgungsforschung, Projekt ROBINA

rem Projekt eingesetzte Roboterarm auf Grundlage von Leichtbausystemen entwickelt wurde und sehr leicht und

sehr individuell zu handhaben ist. Die entsprechenden Bewegungssensoren können sehr genau die Steuerung überwachen und somit können auch Kollisionen vermieden werden. Alle Einstellungen sind individuell anpassbar und sekundenschnell durch intuitive Bedienung vor Ort auch durch Laien zu verändern. Damit ist bei der Implementie-

Tobias Kley: An diesem Thema wird derzeit viel geforscht.

rung des Armes im Alltag je nach Mobilitätseinschränkung

Neben diversen Bedienungsthemen geht es vor allem um

oder Schweregrad der Pflegebedürftigkeit die Anwendung

zwei übergeordnete Dinge, die im Pflegeprozess beherrscht

jederzeit flexibel einstellbar.

werden sollten: Pflegende müssen einschätzen können, ob

Wie kann ROBINA den Alltag von Pflegebedürftigen und Pflegenden erleichtern? Und wodurch hebt sich ROBINA von anderen computergesteuerten Assistenzsystemen ab?

die Technik funktioniert und ob z. B. ein Alarm aufgrund eines guten Zustands des Patienten ausbleibt oder weil das System defekt ist. Außerdem müssen Pflegende einschätzen können, ob z.  B. die Handlungshinweise, die aus einer Kombination von Vitaldaten erfolgen, Sinn ergeben oder nicht. Ihnen soll nicht blind gefolgt werden. Die Vermittlung von IT-Kenntnissen wird sich mit der

Marius Greuèl: ROBINA stellt erstmals in einer komplexen

nächsten Generation Pflegender vereinfachen. Dennoch

Versorgungssituation für schwer kranke Patienten mit ei-

bleibt eine gute Schulung immer notwendig.

nem progredienten Verlauf und sehr schnell wechselnden

Die Hersteller von technischen Lösungen haben die Aufga-

Unterstützungsansprüchen sicher, dass für die Professio-

be, Geräte und Lösungen leicht handhabbar zu gestalten,

nals, aber auch für Angehörige oder im Rahmen der senso-

Stichwort „User-Centered Design“ – so wie beim AED, auch

rischen Steuerung (Augen, Sprache, Lidzucken etc.) für den

Laiendefi genannt, der mittlerweile an jeder Ecke für Not-

Patienten selbst ein Höchstmaß an individuell generierba-

fälle zu finden ist.

rer technischer Assistenz möglich ist. Durch ein neuartiges Verfahren innerhalb des Kollisionsschutzes ist die Robotik

Marius Greuèl: Die neue Generation von intuitiv erlern-

hier sehr flexibel einsetzbar und kann so die unterschied-

baren Anwendungen innerhalb der Assistenzsysteme

lichen Anforderungen von körpernahen und körperfernen

30


Zukunftsstrategien

Prozessen erfüllen, z. B. Kratzen, Getränke anreichen, Fern-

Daten digital erhoben und nicht nur in der Akte des Haus-

bedienung steuern etc. Das System übernimmt derzeit ein

arztes festgehalten, sondern mit anderen Daten korreliert

Alleinstellungsmerkmal.

werden und zu Handlungshinweisen führen? Und was passiert, wenn das gar nicht mehr das Blutdruckmessgerät ist,

Herr Kley, als Verbundkoordinator des PPZ Berlin stehen Sie auf der Seite der Anwender, die digitale Lösungen sinnvoll in den Pflegealltag einbinden möchten und damit eine Verbesserung des großen Ganzen erreichen wollen. Was sind Ihrer Ansicht nach grundlegende Anforderungen an digitale Systeme zur Unterstützung der Pflege?

sondern ein Sensor in meiner Matratze? In Big Data sehe ich eine große Chance für die Behandlung und Pflege von Menschen. Aber es muss Transparenz herrschen, damit Menschen sich auch dagegen entscheiden können, so wie sie heute auch bestimmte Behandlungen ablehnen können. Für die Pflegenden ist dagegen Usability das entscheidende Kriterium. Dazu gehört neben der Bedienung auch, dass das Mehr an Informationen nicht zu einem Mehr an psychischer

Tobias Kley: Damit Menschen selbstbestimmt, soweit die

Belastung wird. Es hilft keiner Pflegekraft, wenn sie zu je-

persönliche Situation es zulässt, über die Möglichkeiten ih-

dem Patienten noch zusätzliche Daten im Kopf verknüpfen

rer Behandlung mitbestimmen können, müssen Lösungen

muss. Neben der Erhebung von Daten müssen Verarbeitung

erklärbar sein. Das Oberarm-Blutdruckmessgerät beim

und Sortierung ebenso autonom passieren. Den Pflegenden

Hausarzt birgt wenige Geheimnisse. Was aber, wenn die

helfen nur die für den Augenblick relevanten Daten. Wir

31


können hierbei von Intensivstationen lernen. Dort ist Alarm-

stärker partizipative Perspektive hin zu einem neuen Ver-

Ermüdung oder auch Alarm-Desensibilisierung inzwischen

ständnis von Begleitung, Koordination und bedürfnisori-

ein großes Thema.

entierter Assistenz. Die Sorge vor der Ersetzbarkeit der

Für alle Beteiligten muss ein Mehrwert erkennbar sein. Allein

Pflege durch Pflegerobotik erscheint vor dem Hintergrund

eine Reduzierung von Prozesskosten für den Kostenträger

gravierender Personaldefizite eigentlich wenig bedeutsam,

wird nicht reichen, um ein System in den Markt zu bringen.

denn was könnte unter der derzeit belastenden Ressourcensituation in der Pflege noch ersetzt werden? Die Pflege

Wie sollten die Pflegenden nachhaltig und sinnvoll in den Prozess der Implementierung digitaler Assistenzsysteme eingebunden werden? Und wie kann den Pflegenden bei diesem Transformationsprozess vermittelt werden, dass sie weiterhin die entscheidenden Akteure in der Pflege sind? Stichwort „Digitalisierung ersetzt Arbeitskräfte“.

wird m. E. insgesamt aufgrund des gesellschaftlichen Wandels eine neue Rolle übernehmen und die Chance zur eigenverantwortlichen Techniknutzung ergreifen.

Welche Reaktionen erleben Sie bei Pflegekräften und Betroffenen bei Implementierung und Einsatz digitaler Prozesse und Robotik in der täglichen Pflegepraxis?

Tobias Kley: Die Implementierung gelingt, wenn bereits die Auswahl der Lösungen von den Nutzern getroffen wird.

Tobias Kley: Kolleginnen und Kollegen sind meist neugierig

Wenn dann alle Beteiligten den Mehrwert erkennen, sind

auf neue Systeme. Allerdings wandelt sich Neugier in Resi-

auch Bereitschaft und Akzeptanz größer. In unseren Befra-

gnation, wenn dann die Implementierung schleppend und

gungen sehen wir bereits eine große Offenheit von Pflege-

fehlerhaft verläuft. Hersteller versprechen häufig eine Art

kräften gegenüber neuen Systemen, wenn sie relevant für

„Plug and Play“. Das gibt es meiner Erfahrung nach nicht.

die persönliche Arbeit und entlastend sind. Im PPZ Berlin

Deswegen kommt realistischen Testumgebungen eine gro-

erleben wir aber auch, dass die Pflegekräfte Lösungen aus-

ße Bedeutung zu, z. B. mit zeitweise nicht funktionierenden

schließen, die die Forschenden und Techniker für tauglich

Netzwerken oder nicht eingearbeiteten Usern.

halten. Das ist ein interessanter, aber auch diskursiver und

Zu einer gelingenden Implementierung gehört auch zu

teils frustrierender Prozess, für eine gelingende Implemen-

schauen, welche pflegerischen Tätigkeiten den Kollegen

tierung jedoch notwendig.

und Kolleginnen wichtig sind und welche nicht. Es gibt Pfle-

Pflegekräfte sind privat häufig schon digitaler als im Berufs-

geaufgaben die ein wichtiger Bestandteil der Pflegeidenti-

leben. Im privaten Kontext wird der Nutzen schneller sicht-

tät sind. Diese der Technik zu überlassen kann kontrapro-

bar. Benutzen die Kinder Messenger-Dienste oder Social

duktiv sein.

Media, wollen auch Eltern und Großeltern an diesem Teil des Lebens teilhaben. Dieser Nutzen wird dienstlich häufig

Marius Greuèl: Wenn die Umsetzung gut vorbereitet wird

nicht erlebt.

mit dem Ziel einer selbstbestimmten Entscheidung über

„„Digitalisierung ersetzt Arbeitskräfte“ höre ich im Bereich

Umfang und Tiefe der Implementierung, wenn die Bestim-

der Pflege fast nicht mehr. Eher wird die Frage gestellt:

mung von Qualitätskriterien innerhalb der zu verändern-

„Wann kommt denn endlich …“ Der demografische Wandel

den Pflegeprozesse gemeinsam erfolgt und wenn digitale

auf Kunden- und Mitarbeiterseite schafft uns derzeit ein

und robotische Interventionen Teil eines neuen Unterstüt-

anderes Problem. Wir müssen uns stärker denn je darum

zungsansatzes werden, dann wächst auch zunehmend die

kümmern, dass alle Pflegekräfte „bei der Stange“ bleiben.

Bereitschaft bei der Pflege, Technikentwicklung als einen

Niemand wird es vermissen, schwere Wäschesäcke oder

wesentlichen Bestandteil von Reorganisation zu akzeptie-

Getränkekisten zu schleppen. Auch weniger Dokumentati-

ren und zu fördern.

on ist eine Erleichterung. Entscheidend für Mitarbeitende

Und zum Abschluss wollen wir einen Ausblick wagen. Wie sieht für Sie die Versorgung Pflegebedürftiger in der nahen Zukunft aus, in der digitale Unterstützungssysteme eine große Rolle spielen?

und Kunden ist, dass die Qualität der Mensch-Mensch-Interaktion nicht leidet. Marius Greuèl: Grundlage hierfür ist der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff gem. § 14 SGB XI, der einen Paradigmenwechsel innerhalb des bisherigen Pflegesystems darstellt. Im Vordergrund stehen Autonomie und Selbstbestimmung des Klienten und nicht mehr der traditionelle fürsorgliche

Tobias Kley: Das kommt sicher auf das Setting bzw. die

Versorgungsansatz. Dies eröffnet für die Pflege eine neue,

Versorgungsform an. Ich fantasiere ein Beispiel in der

32


Zukunftsstrategien

ambulanten Pflege der ferneren Zukunft: Die Kunden be-

Pflegeversicherung gem. § 8 Abs. 8 SGB XI eine neue ge-

stimmen den Zeitpunkt der Versorgung und teilen das per

setzlich verankerte Innovationsförderung für die flächen-

Sprachsteuerung dem Übertragungssystem mit. Dazu infor-

deckende Erprobung digitaler Lösungen in ambulanten und

mieren Sensoren über grundsätzliche und Ad-hoc-Notwen-

stationären Pflegeeinrichtungen auf den Weg gebracht.

digkeiten. Aus allen Informationen sowie den Personalprä-

Offen ist derzeit noch die zukünftige Einordnung der Sen-

ferenzen des Kunden errechnet ein System die beste Route

sorik und Robotik in den Hilfsmittelkatalog, insbesondere

und den geeigneten Mitarbeitenden sowie das Zeitfenster

mit der Frage, inwieweit hier eine eigene Produktgruppe

für die Anfahrt. Dabei berücksichtigt das System vorher de-

spezifiziert wird. Das ist Aufgabe der Selbstverwaltung und

finierte Zeitfenster je nach Art des Alarms. Der Kunde wird

muss ebenfalls dringend auf den Weg gebracht werden.

automatisch über Anfahrt etc. informiert. Für andere als konkrete Pflegetätigkeiten (z. B. Bereich Hauswirtschaft)

Wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch!

besteht das Netzwerk nicht nur aus den Pflegepersonen, sondern auch aus Familienmitgliedern und Nachbarn. Das ist Zukunftsmusik, doch die einzelnen Schritte dahin sind nicht mehr fern. Bereits heute gibt es Systeme, die selbstständig bei Sturz den Notruf auslösen. Im PPZ Berlin testen wir u. a., wie digitale Systeme aus der Häuslichkeit Informa-

Tobias Kley verantwortet den Bereich Innovation und Technik in der Evangelisches Johannesstift Altenhilfe gGmbH. In dieser Funktion ist er auch Verbundkoordinator des Pflegepraxiszentrums Berlin, einem vom BMBF mit rd. 4 Mio. € gefördertem Forschungsprojekt zur Digitalisierung in der Pflege.

tionen für die ambulante Pflege bereitstellen können. Marius Greuèl: Die Versorgungsansätze werden aufgrund wachsender und komplexer Anforderungen eine deutliche Individualisierung erfahren. Robotik wird Teil eines differenzierten Settings, das kein Eigenleben führen wird, son-

Marius Greuèl ist Dozent an der FOMHochschule für Gesundheitsmanagement und Gesundheitsökonomie. Er führte verschiedene Forschungsprojekte zur integrierten Versorgung und Telemonitoring durch. Darüber hinaus ist Marius Greuèl für die Projektkoordination des durch das BMBF geförderten Projektes ROBINA verantwortlich, das sich mit dem Einsatz von Robotik für ALS-Patienten beschäftigt.

dern Teil eines Prozesses wird, der in seiner Ausgestaltung durch die Selbstbestimmung der Betroffenen, die Entlastung der Angehörigen und die Kompetenzerweiterung der Pflege bestimmt wird.

Was kann die Politik tun, damit die digitalen Möglichkeiten im Bereich Pflege für alle Beteiligten einen echten Mehrwert bringen? Tobias Kley: Wir brauchen Regeln zur Zulassung von neuen digitalen Hilfsmitteln. Zudem bzw. damit einhergehend muss die Finanzierung geregelt sein. Dabei müssen alle Player, Sektoren, Akteure, Kostenträger mitgedacht werden. Das kann nicht solitär geschehen. Mithilfe von Sensorik kann beispielsweise eine Unter- oder Fehlversorgung in der Häuslichkeit früher entdeckt werden. Entsprechend schnell kann gegengesteuert und der eskalierende Krankenhausaufenthalt verhindert werden. Hier muss geklärt sein, wie mit der unterschiedlichen Be- und Entlastung von Kostenträgern umgegangen wird. Daher kann das nicht solitär betrachtet werden. Marius Greuèl: Sie macht derzeit viel und entwickelt eine neue Dynamik. Die neuen Ausschreibungen von Modellvorhaben und Forschungsprojekten werden verstärkt auf die Technikentwicklung in der Pflege ausgerichtet und setzen sehr anspruchsvolle Erwartungen an den Ergebnistransfer in die Pflegepraxis. Durch das PpSG wurde in der

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Die Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte als wichtiges Instrument der Personalgewinnung in der Altenpflege

In allen Bundesländern, speziell auch in ländlichen Re-

können, dadurch Aufnahmestopps verhängt werden müs-

gionen, wird es immer schwieriger, Pflegefachkräfte zu

sen und die Versorgungssicherheit in Gefahr ist. Für die

rekrutieren. Fachkräfte sind jedoch essenziell, um die ge-

Unternehmen ist die Rekrutierung aus dem Ausland eine

stiegenen Bedarfe der Pflegebedürftigen als auch die ge-

wichtige Möglichkeit, um diese offenen Stellen zu besetzen.

setzlichen Vorgaben hinsichtlich einer angemessenen pflegerischen Versorgung erfüllen und sicherstellen zu können.

Lag der Anteil der beschäftigten Altenpflegerinnen und

Wie die Bundesagentur für Arbeit in ihren Arbeitsmarkt-

Altenpfleger ohne deutschen Pass 2013 noch bei 6,8 Pro-

berichterstattungen immer wieder darstellt, zeigt sich der

zent, hat er sich bis 2017 bereits auf 11 Prozent (61.000 Be-

Fachkräftemangel für examinierte Fachkräfte ausnahmslos

schäftigte) erhöht. Allerdings ist es unverständlich, warum

in allen Bundesländern. In keinem Bundesland stehen aus-

die Situation zur Anwerbung und Einstellung ausländischer

reichend arbeitslose Bewerber zur Besetzung der gemel-

Fachkräfte für Arbeitgeber so erschwert wird.

deten Stellen zur Verfügung. Im Bundesdurchschnitt sind die gemeldeten Stellenangebote für examinierte Fachkräf-

Wir haben bereits einige Projekte begleitet und sind auf im-

te gut sechs Monate vakant. Das ist alarmierend und kann

mer größer werdende Schwierigkeiten im Rekrutierungs-

zur Bedrohung für Pflegeheimbetreiber werden, wenn die

verfahren und Anerkennungsprozess gestoßen. Hierzu zäh-

vereinbarten Personalschlüssel nicht mehr erfüllt werden

len u. a. sehr lange Verfahren zur Prüfung der Unterlagen

34


Fachkräftemangel Pf legepolitik

in den Botschaften zur Erteilung von Ausreisegenehmi-

der AG 4 „Pflegekräfte aus dem Ausland“ ist es, dem Dach-

gungen und Visa, über Monate fehlende Rückmeldungen

gremium Vorschläge für konkrete Maßnahmen vorzuschla-

zu den Anträgen, teils erhebliche Verzögerungen bei der

gen, wie ausländische Pflegefach- und Hilfskräfte verstärkt

Terminvergabe und auch sehr unterschiedliche Entschei-

gewonnen und in der Pflege eingesetzt werden können.

dungspraktiken. Dies bereitet den Unternehmen in der Altenpflege zunehmend Sorgen und erzeugt wirtschaftlichen

Des Weiteren führen der AGVP und die BAGAP mit den re-

Druck, da bereits teils hohe Summen für die Rekrutierung,

levanten Akteuren auf Bundes- und Landesebene Gesprä-

für Sprachkurse, aber auch Integrationsserviceleistungen

che, um deutlich zu machen, was die Beschäftigung auslän-

wie Beschaffung von Wohnraum investiert wurden, der

discher Pflegekräfte so erschwert. Wir setzen uns dafür ein,

Einsatz der ausländischen Pflegekräfte im Unternehmen

dass:

sich jedoch immer mehr verzögert (teilweise bis zu zwölf •

Monate und länger ab Antragstellung) und die dringend be-

bundesweit einheitliche und transparente Regelun-

nötigte Fachexpertise der ausländischen Pflegekräfte nicht

gen zur Beschäftigung ausländischer Pflegekräfte aus

im Unternehmen eingesetzt werden kann.

EU-Ländern und Drittstaaten geschaffen und angewendet werden. •

Deshalb haben auf Initiative des Arbeitgeberverbandes

die Durchlässigkeit und Freizügigkeit ausländischer

Pflege e. V. am 17. Mai 2018 insgesamt sieben Gründungs-

Fachkräfte mit anerkannten Abschlüssen über

mitglieder die Bundesarbeitsgemeinschaft Ausländischer

Bundeslandgrenzen hinweg geregelt wird. Es kann

Pflegekräfte (kurz: BAGAP) gegründet. Mit der Gründung

nicht sein, dass die Anerkennungsurkunde bei einem

der BAGAP wurde eine deutschlandweit einmalige Platt-

Arbeitsortwechsel in ein anderes Bundesland nicht

form für den Erfahrungsaustausch und die Vernetzung

anerkannt wird. •

geschaffen. Die BAGAP versteht sich als übergeordnete

die Anträge auf Anerkennung und die Prüfung der

Interessenvertretung für Pflegeeinrichtungen, Schulen

vorzulegenden Unterlagen durch genügend vorzuhal-

und Weiterbildungsinstitutionen, in der Vermittlung tätige

tendes Personal in der gesetzlich vorgeschriebenen

Unternehmen und Verbände. Bereits wenige Wochen nach

Frist sichergestellt werden. •

der Gründung wurde die BAGAP als Teilnehmer für die Ar-

die Anerkennung auch für den Beruf Altenpflege möglich wird.

beitsgruppe 4 der Konzertierten Aktion Pflege benannt. Ziel

35


Zwingend notwendig sind deutschlandweit einheitliche Regelungen zur Beschäftigung und Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte sowie den Prozess der Zuwanderung aus Drittstaaten für den Pflegebereich in einem Fachkräftezuwanderungsgesetz zu definieren. Die Aktivitäten zur Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte werden bereits seit Jahren nicht mehr nur in EU-Ländern, sondern vermehrt auch in Drittstaaten ausgeweitet. Dies hängt u. a. damit zusammen, dass sich die Arbeitsbedingungen nach der Weltwirtschaftskrise in den EU-Ländern verbessert haben und auch das Lohnniveau gestiegen ist. In vielen Drittstaaten werden mehr Menschen in Gesundheitsberufen ausgebildet, als Arbeitsplätze auf dem heimischen Markt zur Verfügung stehen. Folglich verlässt ein Teil der qualifizierten Fachkräfte schon seit vielen Jahren die Heimatländer, um im Ausland besser bezahlte Jobs anzunehmen und mit Überweisungen ins Herkunftsland teilweise ganze Familien zu ernähren. Allerdings sind die Zeitspannen von der Rekrutierung bis zum tatsächlichen Arbeitsbeginn als voll anerkannte Fachkraft mit bis zu 24 Monaten und länger erheblich. Die Fachkräfterekrutierung aus dem Ausland zählt damit eher zu den mittel- bis langfristigen HR-Instrumenten. Den akuten Fachkräfteengpass kann die Auslandsrekrutierung nicht lösen. Mit einem Fachkräftezuwanderungsgesetz hätten jedoch alle Beteiligten eine einheitlich-rechtliche Entscheidungsgrundlage. Verfolgt man die Berichterstattung, wird das Gesetzgebungsverfahren zum Fachkräftezuwanderungsgesetz ohne Veränderungswillen und Zustimmung der Länder leider eine der größten Hürden in der Zuwanderung nicht lösen können: die 16 bundeslandindividuellen, teils sehr unterschiedlichen Regelungen zur Zuwanderung und zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse und eine damit einhergehende Willkür von über 400 Anerken-

Isabell Halletz + Geschäftsführerin, Arbeitgeberverband Pflege e. V. + www.arbeitgeberverband-pflege.de

nungsstellen. Das lässt alle Beteiligten verzweifeln, führt zu langwierigen Antragsverfahren und undurchsichtigen Entscheidungsprozessen. Die Politik muss sich dazu bekennen, dass die Möglichkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenquote von gut 1 Prozent von examinierten Pflegefachkräften so begrenzt sind, dass für die Unternehmen die Rekrutierung aus dem Ausland ein wichtiger Baustein für die Fachkräftegewinnung ist, und sie dabei unterstützen.

Thomas Greiner + Präsident, Arbeitgeberverband Pflege e. V. + www.arbeitgeberverband-pflege.de

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Pf legepolitik Rubrik

37


Fachkräftegewinnung aus dem Ausland – fair und nachhaltig gestaltet

Das Thema Fachkräftesicherung für die Pflegewirtschaft

Neue Wege der Fachkräftegewinnung

hat in den letzten Jahren deutlich an gesellschaftlicher und

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenar-

politischer Brisanz dazugewonnen und auch medial viel Auf-

beit (GIZ) GmbH beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren

merksamkeit auf sich gezogen. Dass Deutschland als Ziel für

mit der Konzeption und Umsetzung von fairen und nach-

qualifizierte Fachkräfte attraktiver werden soll, verdeut-

haltig gestalteten Projekten zur Fachkräftegewinnung, die

licht auch das geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz.

in Deutschland wie auch den Partnerländern einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Konsens herrscht dabei darüber, dass diese Herausforderung ohne die Gewinnung von Fachkräften aus dem Aus-

Eines dieser innovativen Projekte im Bereich der Pflege-

land mittelfristig nicht zu bewältigen ist. Die Frage, wie

wirtschaft ist die Ausbildungskooperation mit Vietnam. Die

genau die Fachkräftesicherung aus dem Ausland sinnvoll,

GIZ unterstützt interessierte Einrichtungen der deutschen

verantwortungsbewusst und nachhaltig gestaltet werden

Pflegewirtschaft bei der Gewinnung von jungen Vietname-

kann, ist jedoch deutlich schwerer zu beantworten. Auf

sinnen und Vietnamesen zur Ausbildung in der Alten- oder

nationaler, föderaler und regionaler Ebene muss eine Viel-

Krankenpflege. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die

zahl von Akteuren zusammenarbeiten, um die Gewinnung

fachliche, sondern auch kulturelle und soziale Integration

von Fachkräften aus dem Ausland überhaupt möglich zu

der vietnamesischen Auszubildenden, denn nur so kann aus

machen. Zudem geht es nicht nur um die Gewinnung von

der Rekrutierung auch ein langfristiger Gewinn, der so drin-

Arbeitskräften, sondern um die Bindung von Menschen,

gend benötigten Pflegefachkräfte aus dem Ausland werden.

Individuen mit ihrem eigenen kulturellen, geschichtlichen, sprachlichen und familiären Hintergrund, mit Wünschen,

Die fachliche Expertise der GIZ beruht neben der mehr

Träumen und Befürchtungen. Wie kann im Hinblick auf die-

als 20-jährigen Zusammenarbeit mit dem Partnerland Vi-

se Komplexität die Gewinnung von Fachkräften gelingen?

etnam vor allem auf den Erfahrungen und Erfolgen des

38


Fachkräftemangel

Modellvorhabens zur Gewinnung von Auszubildenden für

für eine Willkommenskultur gelegt. In Deutschland un-

die deutsche Pflegewirtschaft, das im Auftrag des Bundes-

terstützt die GIZ die Auszubildenden während der ersten

ministeriums für Wirtschaft und Energie seit 2013 umge-

Woche intensiv bei der Eingewöhnung und den administra-

setzt wird. Mehr als 350 jungen Menschen sind im Rahmen

tiven Terminen, sodass sie sich von Anfang an gut aufgeho-

des Modellvorhabens nach Deutschland gekommen. Ihre

ben fühlen. Die Ausbildungseinrichtungen werden ebenso

persönlichen Erfolgsgeschichten wie auch die große Zufrie-

bei den neuen Herausforderungen begleitet, etwa durch

denheit ihrer Ausbildungsträger und Arbeitgeber zeugen

die organisatorische Unterstützung und interkulturelle

vom Potenzial unseres Ansatzes einer langfristigen, zu-

Vorbereitungsseminare. Während des gesamten ersten

kunftsorientierten Fachkräftegewinnung für die deutsche

Ausbildungsjahres steht die GIZ den Auszubildenden und

Pflegewirtschaft.

Ausbildungsträgern als kompetente und zuverlässige Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Ein Gewinn für alle Beteiligten Grundlage des Projekts ist dabei der Grundsatz des „Triple

Ein erfolgreiches Konzept mit Zukunft

Win“, der alle Beteiligten in den Fokus rückt.

Die Erfahrungen aus dem Modellvorhaben belegen eindrucksvoll den Erfolg unseres ganzheitlichen Ansatzes zur

Für Deutschland und die deutsche Pflegewirtschaft eröff-

Fachkräftegewinnung, von der alle Beteiligten profitieren:

nen sich mit der Gewinnung von hoch motivierten Auszu-

Die Arbeitgeber zeigen sich anhaltend zufrieden und die

bildenden aus Vietnam neue Perspektiven für eine auf die

vietnamesischen Fachkräfte fühlen sich als Kolleginnen

Zukunft ausgerichtete Personalpolitik.

und Kollegen und Menschen angenommen und in Deutschland angekommen: In einer Umfrage unter den bisherigen

Die Auszubildenden aus Vietnam profitieren von der Aus-

Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmern gaben

bildungskooperation mit Vietnam durch eine langfristige

75 Prozent der Befragten an, mindestens für die nächsten

Beschäftigungsperspektive in Deutschland, während sie

zehn Jahre oder länger in Deutschland arbeiten zu wollen.

in ihrem Heimatland mit der hohen Arbeitslosigkeitsquote

Die Ausbildungspartnerschaft der GIZ mit Vietnam – ein

nach Ausbildungsabschluss konfrontiert sind.

Konzept mit Zukunft.

Der vietnamesische Staat profitiert durch den Transfer von Know-how und Remittances, während durch den Überhang an jungen Pflegefachkräften im Land sichergestellt ist, dass durch die Abwerbung keine nachteiligen entwicklungspolitischen Folgen für Vietnam zu erwarten sind. Kultursensible Vorbereitung und Begleitung als Schlüssel zur nachhaltigen Fachkräftegewinnung und Mitarbeiterbindung Pflegekräfte arbeiten in einem physisch wie auch psychisch hoch anspruchsvollen Beruf, der viel Empathie und Engagement erfordert. Eine der Hauptherausforderungen besteht darin, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur zu rekrutieren, sondern vor allem langfristig zu binden. Dafür bedarf es einer Willkommenskultur, die Fachkräfte aus dem Ausland auch bei ihrem privaten Ankommen in Deutschland unterstützt. Nur so kann Integration beruflich und persönlich gelingen. Bleibt diese Unterstützung aus, wird auch die Rekrutierung keinen langfristigen Ansatz zur Lösung des Fachkräftemangels bieten können. Frau Kristina K. Heinkele + Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH International Service – Abteilung Europa Projektleitung Deutsch-Vietnamesische Ausbildungspartnerschaft Pflege + www.giz.de

Die GIZ setzt daher von Anfang an auf eine intensive Begleitung der vietnamesischen Auszubildenden selbst und der jeweiligen Ausbildungseinrichtungen. Bereits während des 13-monatigen Sprachkurses in Vietnam wird mittels der Betreuung durch das GIZ-Personal der Grundstein

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Rekrutierung von Auszubildenden aus Drittstaaten für die Pflege in Deutschland

Im Gespräch mit Dr. René Herrmann, Geschäftsführer Vivantes Forum für Senioren GmbH Nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit gibt es im Bereich der Pflege in Deutschland rund 35.000 unbesetzte Stellen. Die Frage, wie diesem akuten Fachkräftemangel erfolgreich begegnet werden kann, ist daher in aller Munde. Bundesgesundheitsminister Spahn schlägt vor, Pflegefachkräfte bzw. Menschen, die eine entsprechende Ausbildung anstreben, verstärkt im Ausland zu rekrutieren.

Herr Dr. Herrmann, Sie leiten ein Unternehmen, das mit mehr als 1.400 Mitarbeitern Pflege- und Betreuungsdienstleistungen im ambulanten und stationären Bereich in Berlin erbringt. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?

Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine dauerhafte und nachhaltige Integration von Pflegefachkräften in den deutschen Arbeitsmarkt? Zum einen braucht es eine solide Ausbildung der Fachkräfte.

Die Idee ist ja nicht neu. Wir von der Vivantes Forum für

Nur durch eine gute fachliche und sprachliche Ausbildung der

Senioren GmbH haben mithilfe von Partnern wie dem Bun-

Fachkräfte in Deutschland kann eine Integration in das frem-

desministerium für Wirtschaft und Energie und dem vietna-

de deutsche Gesundheitswesen überhaupt gelingen.

mesischen Arbeitsministerium ein sehr erfolgreiches Pro-

Zum anderen darf die soziale Komponente nicht vernachläs-

gramm für die Gewinnung und Ausbildung von Fachkräften

sigt werden. Die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sol-

aus Vietnam in Deutschland ins Leben gerufen.

len sich ja neben einer langfristigen Arbeitsperspektive auch

40


Fachkräftemangel

in unsere außerbetrieblichen Strukturen bestmöglich integ-

denen die Praxis, die ein wesentlicher Faktor ist, auch geübt

rieren und sie kulturell bereichern. Wir haben dazu deshalb

werden kann. Im Hinblick auf die nächsten fünf Jahre sehe

eine Vielzahl von Möglichkeiten geschaffen. Angefangen von

ich, gerade mit der neuen Ausbildung der Generalistik, hier

Mentoren, die ihnen bei Dingen des täglichen Lebens helfen,

wenig Aussicht auf Erfolg.

bis hin zu Kinoabenden, Sportveranstaltungen usw., die den

Was kann die Politik tun, um die Anwerbung von Fachkräften in Drittstaaten erfolgreicher zu gestalten?

neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit geben, neue Kontakte im privaten Umfeld zu knüpfen.

In den vergangenen sechs Jahren wurden rund 2.500 Pflegekräfte aus Nicht-EUStaaten nach Deutschland vermittelt. Kritiker betrachten die bisherigen Programme zur Anwerbung ausländischer Pflegefachkräfte daher als gescheitert, wie sehen Sie das?

Die Politik muss klare Rahmenbedingungen für die Zuwanderung aus Drittstaaten erlassen und mit diesen Ländern Abkommen vereinbaren, in denen detailliert geregelt ist, wie Fachkräfte auf faire Weise gewonnen werden können. Ich bin sehr froh, dass es für Vietnam solch ein Abkommen gibt.

Wir danken für das Gespräch!

Die bisherigen Programme sind aus meiner Sicht in ihrer großen Mehrheit völlig unzureichend organisiert. Hier geht es oft um Anwerbung von Fachkräften durch einen Dritten, der als Vermittler ohne Kenntnis der tatsächlichen Gegebenheiten auftritt. Solche Projekte sind zum Scheitern verurteilt, da auf beiden Seiten völlig falsche Erwartungen vermittelt werden. Ich sage immer: Fachkräftegewinnung ist ein langwieriger und mühsamer Weg. Wer behauptet, dass man nur ein Casting machen müsse, um eine neue ausländische Fachkraft zu gewinnen, der lügt oder hat keine Ahnung von der Materie. Unser Programm ist deshalb so erfolgreich, weil wir uns von A bis Z um alles selbst kümmern, von der Auswahl über die sprachliche Qualifikation, Einreise und Ausbildung nach einem abgestimmten Curriculum bis zur unbefristeten Übernahme. Außerdem können wir damit im Zweifel schon im Heimatland der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eventuelle fehlerhafte Erwartungen ausräumen. Ich kann jedem nur empfehlen, entweder sich selbst die Mühe zu machen, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, oder sich einem etablierten und von Fachexperten aus der Branche gegründeten Fachkräftegewinnungsprojekt anzuschließen. Zu Letzterem gehört auch unser Projekt und ich kann mit Stolz sagen, dass hierdurch auch kleine Verbände oder einzelne Einrichtungen nun die Chance haben, Fachkräfte aus dem Ausland auf faire Weise zu überzeugen.

Inzwischen wurden Forderungen publik, mit der Ausbildung von Fachkräften bereits in den Herkunftsländern zu beginnen. Wie stehen Sie dazu? Dr. René Herrmann + Geschäftsführer Vivantes Forum für Senioren GmbH + www.hauptstadtpflege.vivantes.de

Eine vertiefte Ausbildung der Fachlichkeit vor Ort wäre durchaus wünschenswert. Leider fehlen in Vietnam für den Bereich Pflege derzeit die Ausbildungseinrichtungen, in

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Das Arbeitszeitregime der sog. 24-Stunden-Pflege ist Ausbeutung ‒ überwinden wir es!

Viele Angehörige von Pflegebedürftigen greifen heute auf

Vermittlungsagenturen eindeutig auf das Selbstständigen-

eine Möglichkeit zurück, die es vor 30 Jahren noch nicht gab:

Modell und bemüht sich aktuell intensiv um Unterstützung

den Einsatz von Haushaltshilfen bzw. Pflegekräften aus Mit-

in der Politik. Dabei ist eines klar: Mit Verlässlichkeit kommt

tel- und Osteuropa, die Pflegebedürftige in deren Privathaus-

ein legales Vertragsverhältnis nur zustande, wenn die Pfle-

halt nicht nur pflegen, versorgen und betreuen, sondern auch

gebedürftigen bzw. ihre Angehörigen die Live-in-Pflegekraft

bei ihnen wohnen („Live-ins“). Die weite Verbreitung dieser

selbst einstellen und das Beschäftigungsverhältnis offiziell

sog. 24-Stunden-Pflege – Schätzungen schwanken zwischen

anmelden.

100.000 und 300.000 Pflegehaushalten in Deutschland – verdeutlicht, dass das primär auf häuslicher Pflege basieren-

Allerdings wird auch in diesem Rahmen das zentrale ar-

de Pflegesystem an seine Grenzen stößt.

beitsrechtliche und ethische Problem der sog. 24-StundenPflege nicht gelöst: das Arbeitszeitregime. Arbeitnehmerin-

Ein großer Teil der zumeist weiblichen Pflegekräfte wird

nen und Arbeitnehmer verpflichten sich, den Weisungen

über Netzwerke persönlicher Kontakte aus Polen oder

ihrer Arbeitgeber zu folgen. Ethisch vertretbar ist diese

auch aus anderen mittel- und osteuropäischen Staaten

Unterordnung unter eine(n) andere(n) nur, weil dieses Wei-

angeheuert; zumeist arbeiten diese dann schwarz. Viele

sungsrecht auf die Arbeitszeit beschränkt ist. In der Freizeit

Live-in-Pflegekräfte in deutschen Privathaushalten wer-

sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer frei, zu tun und

den aber auch von Agenturen in Deutschland und deren

zu lassen, was sie wollen. Wann aber hat eine Arbeitneh-

Partnerunternehmen in Mittel- und Osteuropa vermittelt.

merin in der sog. 24-Stunden-Pflege Freizeit? Die ständige

Dabei werden die meisten Vermittlungsagenturen dem

häusliche Präsenz der Live-in-Pflegekräfte wird häufig so

eigenen, öffentlich erhobenen Anspruch auf ein legales

ausgenutzt, dass sie gar keine oder nur sehr wenig Zeit ha-

Arbeits- oder Auftragsverhältnis ihrer Pflegekräfte nicht

ben, in der sie weder pflegerische oder hauswirtschaftliche

gerecht. Die von ihnen als „selbstständig“ vermittelten Pfle-

Aufgaben erledigen, noch Bereitschaftsdienst haben. Zu

gekräfte sind dann doch nur Scheinselbstständige. Oder

einer enormen Belastung wird dieser Dauereinsatz, wenn

die beanspruchte „Entsendung“ ist fehlerhaft. Die Folge

die oder der Pflegebedürftige eine bereits fortgeschrittene

ist, dass – entgegen der Werbung – dann doch nur eine

Demenz hat, sehr viele Hilfestellungen benötigt oder häufig

illegale Beschäftigung zustande kommt. Das stellt selbst-

zu einem nächtlichen Einsatz ruft.

verständlich einen Straftatbestand dar, der bei der Pflege allerdings nur noch selten verfolgt wird. Trotz dieser juristi-

Wird statt eines Beschäftigungsverhältnisses ein Auftrags-

schen Risiken setzt eine der beiden Lobbyorganisationen der

verhältnis mit einer (scheinbar) Selbstständigen begründet,

42


Fachkräftemangel Pf legepolitik

dann werden die Vorschriften (möglicherweise) umgangen,

ein Viertel aller bezahlten Pflegearbeit im deutschen Pfle-

mit denen das deutsche Arbeitszeitgesetz die Arbeitszeit

gesystem. Bleibt die Politik vielleicht deshalb untätig, weil

von Beschäftigten begrenzt. Aber die ethische Problematik

der Kostenvorteil dieser Pflegeform für die öffentlichen

bleibt bestehen und zugleich – häufig übersehen – der Ver-

Kassen so groß ist? Dabei wären deutliche Verbesserun-

stoß gegen die Vorschrift in §618 Abs. 2 des BGB, die den

gen für die Live-ins erreichbar. So könnte der Gesetzgeber

Arbeitgeber einer in seinem Haus mitlebenden Haushalts-

z. B. nur zertifizierte Vermittlungsagenturen zulassen oder

hilfe u. a. dazu verpflichtet, für gesundheitsverträgliche Ar-

– wie in Österreich – an Pflegehaushalte mit einer Live-

beitszeiten zu sorgen.

in-Pflegekraft ein höheres Pflegegeld auszahlen und die Zertifizierung der Agentur oder – anders als in Österreich

Gleichgültig, ob die Angehörigen (und ggf. die Agenturen)

– die Auszahlung des höheren Pflegegeldes an Bedingungen

auf Beschäftigung setzen oder auf Selbstständigkeit, das

knüpfen: Die Pflegekraft müsste von dem Pflegebedürftigen

Arbeitszeitregime der sog. 24-Stunden-Pflege ist prinzi-

oder einem Angehörigen regulär als Arbeitnehmerin einge-

piell menschenunwürdig. Nicht wenige einzelne Familien

stellt werden; zudem wäre ein noch festzulegendes Mini-

mit Pflegeverantwortung (sowie die Beteiligten an Mo-

mum freier Zeit (am Anfang mindestens einmal pro Woche

dellprojekten, z. B. an CariFair und vij-Faircare der beiden

ein voller freier Tag; nach einiger Laufzeit dann auch mehr)

kirchlichen Wohlfahrtsverbände) bemühen sich um men-

einzuhalten, in der die Beschäftigte dann auch wirklich von

schenwürdige Arbeitszeiten. Zu einem – auch für die Live-ins –

allen Verpflichtungen befreit ist. Auf diese Weise könnten

menschenwürdigen Arrangement kommt es nur, wenn es

die Ausbeutung in der sog. 24-Stunden-Pflege überwunden

Angehörige gibt, die sich intensiv an der Pflege beteiligen

und die Arbeitszeiten der Live-ins den allgemeinen Regelun-

und/oder wenn andere Dienstleisterinnen und Dienstleister

gen des Arbeitszeitgesetzes angenähert werden.

für eine ausreichende zeitliche Entlastung der Erwerbstätigen sorgen. Als absolutes menschenrechtliches Minimum gilt es, dass eine Live-in mindestens einmal in der Woche 24 Stunden am Stück frei hat – so etwa die Übereinkunft 189 der Internationalen Arbeitsorganisation, die Deutschland ratifiziert hat. Da in den meisten Pflegehaushalten dieses Minimum nicht garantiert ist, muss man hier von einem Verstoß gegen die Menschenwürde sprechen – und damit von Ausbeutung. Dabei basiert die sog. 24-Stunden-Pflege vom Prinzip her auf dieser Ausbeutung – unbeschadet des Umstands, dass einzelne Familien für menschenwürdige Arbeitszeiten sorgen. Häufig ist der Wechsel in ein Heim oder in eine Wohngruppe die entscheidende Alternative zur Pflege durch eine Live-in-Pflegekraft. Das Angebot der sog. 24-StundenPflege stellt die Angehörigen insofern vor die Frage, auf welche Formen der Beschäftigung sie sich als Arbeitgeber einlassen wollen, um dem Wunsch des pflegebedürftigen Familienmitglieds nach häuslicher Pflege noch entsprechen zu können. Gehören dazu auch Schwarzarbeit und andere Formen illegaler Beschäftigung? Will man wirklich eine Arbeitnehmerin beschäftigen, die (beinahe) rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche im Einsatz ist? Die offiziellen Vertreterinnen und Vertreter der deutschen (Pflege-)Politik schweigen über diese Missstände, die ihnen nicht unbekannt sein dürften. Legt man die vorsichtigen Prof. Dr. rer. pol. Bernhard Emunds + Professor für christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie, Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Instituts, Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen + www.sankt-georgen.de

Schätzungen einer neueren empirischen Studie mit repräsentativem Anspruch (Konrad Hielscher u. a.: Pflege in den eigenen vier Wänden, Hans-Böckler-Stiftung 2017) zugrunde, dann leisten die Live-ins – in Stunden gerechnet – etwa

43


Zeit, Geduld, kulturelle Sensibilität

Nachhaltige Investitionen für eine erfolgreiche Integration von ausländischen Arbeitskräften

„Pflegekräfte aus dem Ausland für eine Tätigkeit in Deutsch-

jeweiligen nationalen Ansprechpartnern. „Insbesondere in

land zu gewinnen, ist ein besonderer Fokus der Zentralen

Ländern außerhalb der EU schätzen die Partner uns als of-

Auslands- und Fachvermittlung (ZAV)“, betont Thorsten

fiziellen Vertreter Deutschlands, innerhalb der EU agieren

Rolfsmeier, Geschäftsbereichsleiter der ZAV. „Wir sind

wir über das EURES-Netzwerk, den Zusammenschluss eu-

Teil der Bundesagentur für Arbeit (BA), und die internati-

ropäischer Arbeitsverwaltungen“, erläutert der Geschäfts-

onale Rekrutierung, mit der wir seit 2011 aktiv sind, ist ein

bereichsleiter der ZAV.

Baustein im Portfolio der BA, um zur Fachkräftesicherung in Deutschland

2013 wurde das Projekt Triple

beizutragen“, so Rolfsmeier.

Win von der ZAV und der Deutschen Gesellschaft für Internati-

Viele europäische Staaten unter-

onale Zusammenarbeit (GIZ) ins

liegen demselben demografischen

Leben gerufen. Ziel des Projektes

Wandel wie Deutschland und su-

ist es, qualifizierte Pflegekräfte aus

chen ebenfalls international nach gut

Nicht-EU-Staaten und Arbeitgeber

ausgebildeten Pflegekräften. Auch

in Deutschland reibungslos und gut

in Deutschland wächst der Bedarf

organisiert

immer weiter. Im November 2018

Bereits in ihren Herkunftsländern

registrierte die Bundesagentur für

werden die Teilnehmerinnen und

Arbeit zweieinhalbmal so viele offe-

Teilnehmer sprachlich und fachlich

ne Stellen für qualifizierte Gesund-

auf ihren Einsatz in Deutschland vor-

heits- und Krankenpflegekräfte wie

bereitet. Das begünstigt nicht nur die

arbeitslos gemeldete Bewerberin-

zügige Integration in die Arbeitsab-

nen und Bewerber. Bei den Fach-

läufe vor Ort, sondern hilft auch bei

kräften in der Altenpflege waren es

der Anerkennung des im Ausland

sogar fünfmal so viele. „Wir suchen

erworbenen Berufsabschlusses. Zur-

daher in EU-Staaten nach Fachkräf-

zeit wird das Projekt zusammen mit

zusammenzuführen.

ten in diesen Gesundheitsberufen, doch die Suche in Län-

Bosnien-Herzegowina, Serbien, den Philippinen und Tune-

dern außerhalb des europäischen Binnenmarktes wird

sien durchgeführt. Triple Win rekrutiert ausschließlich in

immer wichtiger“, unterstreicht Thorsten Rolfsmeier. In al-

Ländern, in denen ein Überangebot an ausgebildeten Pfle-

len Rekrutierungsländern kooperiert die ZAV eng mit den

gekräften besteht.

44


2017 startete die ZAV zusammen mit Arbeitsagenturen in

Rolfsmeier. „In der Anfangsphase war die Bewerberrekru-

Bayern eine weitere Möglichkeit, Fachkräfte in der Alten-

tierung in Mexiko für Altenpflegeeinrichtungen ausgelegt,

pflege zu gewinnen. Mit Unterstützung der europäischen

mittlerweile haben für die weiteren Rekrutierungsveran-

Programme Reactivate und Your First EURES Job konnte

staltungen auch viele Kliniken Interesse an einer Teilnah-

der Spracherwerb von Bewerberinnen und Bewerbern aus

me angemeldet.“ Die Arbeitgeber übernehmen die Kosten

EU-Ländern gefördert werden, die für eine Tätigkeit in der

für die Sprachkurse in Mexiko. Weitere Sprachkurse in

Altenpflege nach Deutschland kamen, ohne bereits eine

Deutschland und die eventuell notwendigen Anpassungs-

Ausbildung in diesem Berufsfeld absolviert zu haben. Die

qualifizierungen können unter bestimmten Umständen

angehenden Altenpfleger begannen zunächst als Helfer in

über das Programm WeGebAU gefördert werden.

den Pflegeeinrichtungen, während sie ihre Deutschkenntnisse weiter ausbauten. Nach etwa einem halben Jahr stie-

„Insgesamt zeigt unsere Erfahrung, dass die Integration ei-

gen sie in die dreijährige Ausbildung/Umschulung in der

ner Fachkraft aus dem Ausland gelingt, wenn Arbeitgeber

Altenpflege ein. Gefördert werden sie – wie auch Umschu-

Zeit, Geduld, kulturelle Sensibilität sowie einen finanziellen

lungskandidaten aus Deutschland – über das Programm

Beitrag einbringen“, führt Thorsten Rolfsmeier aus. „Dies

WeGebAU der örtlichen Agenturen für Arbeit. Nach der

sind Investitionen, die sich längerfristig auszahlen.“ Die ZAV

erfolgreichen Pilotphase 2017 setzte die ZAV 2018 dieses

steht Bewerbern und Arbeitgebern im Verlauf der Suche

Ausbildungsprojekt in der Altenpflege fort, mehr als zwei

mit Rat und Tat zur Seite. Eine ausführliche Beratung dazu,

Drittel der Interessenten kommen aus Spanien.

was jemanden in einem anderen Land erwartet oder welche Schritte es einzuleiten gilt, wenn eine Einrichtung eine

„Die langjährigen Erfahrungen der ZAV in der Kooperation

Fachkraft aus einem anderen Land einstellen möchte, zäh-

mit europäischen Ländern ergänzen wir aktuell um neue

len im Vorfeld ebenso dazu wie die Begleitung während des

Projekte mit Staaten außerhalb der EU,“ betont Thorsten

gesamten Rekrutierungsprozesses. „Unterm Strich können

Rolfsmeier. Im März 2018 fand die erste Rekrutierungs-

wir sagen: Es lohnt sich. Sonst kämen nicht so viele Arbeit-

veranstaltung für Pflegekräfte in Mexiko statt. Die ausge-

geber auch zum wiederholten Mal auf die ZAV mit dem

wählten Bewerberinnen und Bewerber absolvierten einen

Anliegen zu, für sie eine Pflegekraft im Ausland zu suchen“,

Deutschkurs im Heimatland und sind Anfang November

resümiert Thorsten Rolfsmeier.

2018 nach Deutschland gekommen. „Die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des deutschen Arbeitgebers wer-

Wir danken Frau Dr. Beate Raabe, Mitarbeiterin der

den zunächst als Pflegehelfer beschäftigt, bis das berufli-

Pressestelle der Zentrale Auslands- und Fachvermittlung,

che Anerkennungsverfahren abgeschlossen ist“, erläutert

für den Beitrag.

45


Impressionen der 5. Berliner Pflegekonferenz Tag 1, 8. November 2018

46


Die Veranstaltung

47


Gute Ideen für eine gute Pflege

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist eine große Herausforderung, denn der personelle Engpass wird sich in Zukunft verschärfen. Deswegen ging es bereits an Tag 1 der 5. Berliner Pflegekonferenz um konkrete Lösungen, mit denen die Pflege heute besser und morgen sicher gemacht werden kann.

Wer kümmert sich um uns, wenn wir älter werden? Können

Arbeitsbedingungen und mehr Pflegekräfte gestoppt wer-

wir uns auf die Gemeinschaft verlassen? Wie lassen sich

den“, forderte er. Der Fokus dieses Pflegesofortprogramms,

Würde und Respekt als Leitmotiv des gesellschaftlichen

das nun durch die Konzertierte Aktion Pflege der Bundes-

Miteinanders verankern? Mit großen Fragen eröffnete Mo-

regierung vorangetrieben wird, müsse auf denen liegen, die

deratorin Bärbel Schäfer die Berliner Pflegekonferenz im

Pflege leisten. Es sei wichtig, die Ausbildung dieser größten

Westhafen – und stellte fest, dass wir aktuell noch nicht da

Berufsgruppe im Gesundheitswesen zu verbessern, ihre

sind, wo wir sein könnten. Nicht zuletzt deshalb initiierte

Autonomie zu stärken, attraktive Arbeitszeitmodelle anzu-

Yves Rawiel, Geschäftsführer von spectrumK, vor fünf Jah-

bieten sowie Lohnunterschiede anzugleichen – und Pflege

ren die Pflegekonferenz. „Ich möchte Raum für Diskussion

auf alle Phasen des Lebens auszuweiten. „Der Markt alleine

und Inspiration schaffen – und dabei auch über den Teller-

wird es nicht richten“, so Westerfellhaus. „Doch wenn wir

rand schauen, global und regional.“ In diesem Jahr sorgten

alle zusammenarbeiten, wird ein Schuh draus.“

die Partnerländer Vietnam und Rheinland-Pfalz für diesen Perspektivwechsel.

Pflegen stiftet Sinn

Doch zunächst fand der Pflegebevollmächtigte der Bun-

Dass Pflege uns alle angeht, betonte anschließend auch

desregierung, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, in

Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleich-

seinem Eröffnungsvortrag klare Worte: „Der sich selbst

stellung in Berlin. „Ich fordere eine nationale Ausbildungs-

beschleunigende Pflegekraft-Exodus muss durch bessere

offensive und verbindliche Personalschlüssel. Die Zahl der

48


Die Veranstaltung

Pflegebedürftigen steigt in unserem Land. Viele Menschen

rekrutiert. Dem Modellprojekt vorausgegangen ist eine

pflegen ihre Angehörigen. Die Pflegekräfte brauchen eine

Absichtserklärung mit der vietnamesischen Regierung. Ins-

bessere tarifliche Bezahlung und gute Arbeitsbedingun-

gesamt sind etwa 350 vietnamesische Pflegekräfte mit dem

gen.“ Der Pflegeberuf an sich sei sehr wohl attraktiv, denn

Modellprojekt seit 2013 nach Deutschland gereist, um eine

er stifte Sinn. Unattraktiv seien lediglich die Rahmenbedin-

Pflegeausbildung zu absolvieren und danach in Deutsch-

gungen. Dass die Arbeit sich auf mehr Schultern verteilen

land zu arbeiten.

müsse, zeige auch die niedrige Verweildauer im Beruf, die

Vivantes hat ein Nachfolgeprojekt analog zum staatlichen

derzeit bei acht Jahren liege. Zudem sollten Träger ihrer

Modellprojekt initiiert. Allein im Jahr 2018 haben Vivantes

Verantwortung, auch selbst bedarfsgerecht auszubilden,

und das Center of Overseas Labour in Vietnam (COLAB)

Rechnung tragen.

mehr als 300 weitere Bewerber gewonnen. Sie lernen der-

In der Hauptstadt hat sich Kolat zufolge im vergangenen

zeit Deutsch und werden 2019 ihre Pflegeausbildung in

Jahr viel getan: Zum einen ist die Initiative „Pflege 4.0 –

Deutschland beginnen. „Das Potenzial für eine Koopera-

Made in Berlin“ an den Start gegangen, die den digitalen

tion bei der Gewinnung von Pflegekräften ist groß“, sagte

Wandel und technischen Fortschritt in der Pflege im Sinne

Nguyen Ngoc Quynh, Berater der Vietnam Association of

der Pflegebedürftigen und der Pflegenden gestalten will.

Manpower Supply (VAMAS). „In Zukunft könnten die Par-

Zum anderen wird das erfolgreiche Modellprojekt „Inter-

teien erwägen, Ausbildungsabschnitte mit Partnern in Viet-

kulturelle Brückenbauerinnen in der Pflege“ künftig fester

nam durchzuführen.“

Bestandteil des Beratungsangebots der Berliner PflegeWillkommenskultur entscheidend

stützpunkte sein.

Über die Herausforderungen und Chancen des BMWiHohes Kooperationspotenzial

Modellprojekts sprach auch Harald Kuhne, Ministerialdi-

Unterschiedliche Kulturen zusammenzubringen und bes-

rektor und Leiter der Zentralabteilung im BMWi, in seinem

tenfalls beidseitig davon zu profitieren – das könnte auf

Fachvortrag. „Der Bedarf an Pflegekräften in Deutschland

Deutschland und Vietnam künftig zutreffen. „Die guten,

kann mittel- bis langfristig weder im Inland noch in der EU

freundschaftlichen Beziehungen zwischen Vietnam und

vollständig gedeckt werden. Daher ist die Gewinnung von

Deutschland entwickeln sich sehr positiv und umfassend

Pflegekräften aus Drittstaaten eine wichtige Säule zur

in vielen Bereichen. Pflege ist ein neues und zugleich sehr

Bekämpfung des Fachkräftemangels.“ Das BMWi-Modell-

potenzialreiches Feld, auf dem wir gut zusammenarbeiten

projekt mit Vietnam sei ein Wegbereiter für die Pflege-

sollten, um gemeinsam davon zu profitieren“, sagte Xuan

wirtschaft, selbstständig Auszubildende aus Drittstaaten

Hung Doan, Botschafter der Sozialistischen Republik Viet-

anzuwerben. Kuhne zufolge habe das Projekt für hohe Zu-

nam, in seinem Grußwort. Die vietnamesische Regierung

friedenheit gesorgt: 75 Prozent der Auszubildenden sind

habe großes Interesse an internationalen Arbeitskoopera-

noch in derselben Einrichtung und wollen auch langfristig

tionen. Und viele junge Vietnamesen seien hoch motiviert,

in Deutschland bleiben. Fast ebenso viele würden die Aus-

in Deutschland zu arbeiten.

bildung weiterempfehlen. Aufseiten der Träger würden 95

Ein Beispiel davon ist auch das Modellprojekt des Deut-

Prozent erneut bei einem ähnlich gelagerten Projekt mit-

schen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

machen. Die größte Herausforderung ist laut Kuhne das Er-

(BMWi), das junge Vietnamesen fair und transparent

lernen der deutschen Sprache. Von zentraler Bedeutung sei

zur Pflegeausbildung und Beschäftigung in Deutschland

die interkulturelle Begleitung aller Beteiligten – ohne eine

49


Willkommenskultur sei ein echtes Ankommen kaum möglich.

Tagen stattfanden. Ein Forum knüpfte direkt an ein Thema

Dass die Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Pflege

an, das bereits am Vormittag zur Sprache kam: Die Teilneh-

an vielen Stellen vorangetrieben wird, verdeutlichte der

mer tauschten sich über Möglichkeiten aus, Fachkräfte im

Vortrag von Thorsten Rolfsmeier, Geschäftsbereichsleiter

Ausland zu rekrutieren – verbunden mit der Frage, ob da-

Internationaler Personalservice der Bundesagentur für Ar-

durch ein Ausweg aus dem Mangel an Pflegefachkräften

beit, Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV). „Die

gefunden werden kann. Kritiker betrachten die bisherigen

Fachkräftesicherung für Deutschland ist uns ein zentrales

Programme zur Anwerbung ausländischer Pflegefachkräfte

Anliegen. Dabei nutzen wir die in Deutschland vorhande-

als gescheitert. Doch die im Forum präsentierten Erfahrun-

nen Potenziale. Gerade in Engpassberufen wie in der Pflege

gen von Unternehmen wie der B. Braun Melsungen AG, der

rekrutieren wir darüber hinaus weltweit. Hierbei stellt die

Vivantes Forum für Senioren GmbH oder der Deutschen

Vergleichbarkeit von Berufsabschlüssen eine besondere

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit

Herausforderung dar.“ Dank langjähriger Erfahrung kann

der Fachkräftegewinnung in Vietnam waren sehr positiv.

die ZAV bei vielen Fragen über das Leben und Arbeiten in

Zwar kosten derartige Programme – von der Qualitätssiche-

Deutschland, die richtige Vorbereitung und passende Ar-

rung über die Bewerberselektion bis hin zur Bürokratie –

beitgeber weiterhelfen. Rolfsmeier stellte drei Projekte

Träger viel Mühe, aber aus ihnen gehen engagierte, leis-

vor, mit denen die ZAV Fachkräfte aus dem Ausland gewin-

tungsstarke und loyale Fachkräfte mit echten Aufstiegs-

nen möchte, und präsentierte Lösungsvorschläge für eine

chancen hervor. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass

gesteuerte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Als Arbeit-

bei allen Anstrengungen die Empathie und eine kultursen-

geberland sei Deutschland sehr attraktiv – dieses Potenzial

sible Betreuung der Auszubildenden nicht zu kurz kom-

gelte es zu erschließen.

men dürfen, wenn diese langfristig an ein Unternehmen

Dabei hilft, dass die grenzüberschreitende Mobilität der

gebunden werden sollen. Auch Lohndumping darf es nicht

Pflegefachkräfte und der Gesundheitsberufe insgesamt

geben. Als wichtige Erfolgsfaktoren für eine dauerhafte

zunimmt und die EU dafür eine nahezu einzigartige Freiheit

und nachhaltige Integration in den deutschen Arbeitsmarkt

bietet. Die Rekrutierung von Fachkräften im Ausland dür-

fasste Ulrike Steinecke von der ZAB – Zentrale Akademie

fe aber nicht dazu führen, dass die Versorgung in den Her-

für Berufe im Gesundheitswesen GmbH folgende Punkte

kunftsländern darunter leide, stellte Dr. Matthias Wismar

zusammen:

von der WHO in seinem Vortrag heraus. vor. „Das System •

ist nicht kaputt, bedarf aber flankierender Maßnahmen, um

einen strukturierten Gesamtprozess mit Einbindung aller am Prozess beteiligten

Zielkonflikte zwischen Pflegefachkräften, Empfänger- und

Ministerien und Behörden

Senderländern zu entschärfen“, sagte der Senior Health Po•

licy Analyst am European Observatory on Health Systems

die Vereinheitlichung und Entbürokratisierung des gesamten Verfahrens

and Policies, und zeigte im Anschluss Modelle zur Lösung dieses Zielkonfliktes auf.

Unternehmen machen positive Erfahrungen

die Einbindung der staatlichen Ausbildungsstätten eine gute sprachliche Förderung sowie ein strukturiertes Integrationsmanagement

Ein wichtiger Teil der fünften Berliner Pflegekonferenz wa•

ren auch in diesem Jahr die zehn Fachforen, die an beiden

50

und – nicht zu unterschätzen: Zeit


Die Veranstaltung

Landkreise als verlässliche Koordinatoren

sozialraumorientierte Versorgung. „Die Versorgungsquali-

Ein ebenso wichtiges Thema stand in einem anderen Forum

tät und die Pflege zu Hause können durch eine starke kom-

im Fokus: In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Land-

munale Rolle positiv beeinflusst werden.“

kreistag, vertreten durch die Beigeordnete und Sozialde-

Auch der digitale Wandel und die Auswirkungen auf die Pfle-

zernentin Dr. Irene Vorholz, diskutierten die Vortragenden

geberufe wurden intensiv diskutiert. Die Pflegetechnologie

und Teilnehmer über die flächendeckende Versorgung im

wird nach Ansicht von Experten stark an Bedeutung gewin-

ländlichen Raum. Welche lokalen Rahmenbedingungen

nen und den Pflegeberuf nachhaltig verändern, lautete das

und Potenziale sind vorhanden? Wo gibt es dringenden

einhellige Fazit. Eine weitere Expertenrunde sprach über

Handlungsbedarf? Landkreise können zum Beispiel als ver-

die Herausforderungen und speziellen Anforderungen, die

lässliche Netzwerkkoordinatoren fungieren, wenn es etwa

ein Leben mit Demenz für Angehörige und Pflegende nach

darum geht, multiprofessionelle Konzepte für die häusliche

sich zieht – ein Thema, dem sich mit der Entwicklung einer

Krankenpflege mit technologiegestützten Mobilitätskon-

Nationalen Demenzstrategie auch das Bundesministeri-

zepten sowie Gesundheitsversorgung umzusetzen. Anhand

um für Familie, Senioren, Frauen und Jugend widmet. Die

von Best-Practice-Beispielen aus dem In- und Ausland wur-

Teilnehmer eines anderen Forums wandten sich Fragen

den verschiedene Lösungsansätze vorgestellt.

zu, die bei einer Vermittlung von Betreuungspersonen aus

„Pflege ist mehr als Pflegeversicherung. Eine aktive und

Osteuropa aufkommen. Betroffene stehen häufig vor bü-

moderne Altenpolitik der Landkreise als maßgeblich be-

rokratischen und organisatorischen Hürden. Es ging zudem

troffene kommunale Ebene verbessert die soziale Inf-

um die brisante Situation vieler Betreuungspersonen, die

rastruktur für die älter werdende Bevölkerung und für

zu besonders schlechten und zum Teil auch gesetzwidrigen

pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen, ganz

Konditionen beschäftigt werden.

besonders in ländlichen Räumen“, resümierte Moderato-

Mit vielen neuen Ideen und Impulsen endete der erste Tag

rin Dr. Vorholz. Ziel sei eine bedarfsgerechte und vor allem

der Berliner Pflegekonferenz für die 600 Teilnehmer.

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53


Impressionen der 5. Berliner Pflegekonferenz Tag 2, 9. November 2018

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Die Veranstaltung

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56


Die Veranstaltung

Praxis zählt – Rheinland-Pfalz zeigt, wie gutes Leben im Alter funktioniert

Der zweite Tag der Berliner Pflegekonferenz zeigte weitere wichtige Facetten der Pflege auf – vom patientenorientierten Entlassmanagement über bedarfsgerechte Wohn- und Pflegekonzepte bis hin zum Best-PracticeBeispiel Rheinland-Pfalz.

Dass mit der richtigen Demografie- und Pflegestrategie „gut

sicherungsstrategie gewidmet – unter Einbindung aller

leben im Alter“ durchaus möglich ist, bewies das diesjährige

relevanten Akteure im Bereich Gesundheit und Pflege.

Partner-Bundesland Rheinland-Pfalz in einem der weiteren

Die 2010 durchgeführte Arbeitsmarktanalyse „Branchen-

fünf Fachforen, mit denen der zweite Tag der Berliner Pfle-

monitoring“ offenbarte eine Fachkräftelücke von 2.900

gekonferenz startete. Das Thema steht dort schon lange im

Menschen. Diese Lücke konnte inzwischen zu 65 Prozent

Fokus – 2002 wurde die Initiative „Menschen pflegen“ ins

geschlossen werden. Mit dem Monitoring wird regional und

Leben gerufen mit dem Ziel, eine an der Würde des Men-

nach Sektoren differenziert, die Fachkräftesituation analy-

schen orientierte, flächendeckende Versorgung zu sichern.

siert und Prognosen zur künftigen Entwicklung erstellt. Da-

Dabei helfen neben vielen anderen Maßnahmen die kom-

mit hat das Bundesland Pionierarbeit geleistet und dient als

munal verankerte Pflegestrukturplanung, 135 Pflegestütz-

Vorbild für andere Bundesländer. Auf Basis der Ergebnisse

punkte, eine Demenzstrategie, eine enge Kooperation aller

des Branchenmonitorings werden zudem seit 2010 Fach-

Akteure auf Landes- und Ortsebene sowie eine Fachkräfte-

kräfte- und Qualifizierungsinitiativen Pflege umgesetzt.

und Qualifizierungsinitiative Pflege.

Gekoppelt wird dies nun mit der Konzertierten Aktion Pflege auf Bundesebene.

Im Forum wurden innovative Ansätze wie das im Sommer 2015 gestartete Modellprojekt „Gemeindeschwesterplus“

Individuelle Anschlussversorgung

vorgestellt. Die auf aufsuchende und auf individuelle Prä-

Ein nicht minder wichtiges Thema wurde in einem weiteren

vention ausgerichtete Beratung trägt dazu bei, sehr alte

Fachforum diskutiert: das patientenorientierte Entlass-

Menschen, die noch selbstständig leben und wohnen und

management. Seit 2017 ist dies zwar Pflicht, doch im Ver-

noch keine Pflege brauchen, zu stabilisieren. Dem Wunsch,

sorgungsalltag wird es aus Zeit- und Personalmangel noch

möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zu-

nicht zufriedenstellend gelebt. In vielen Fällen entsteht eine

hause zu führen, trägt auch das Landesprojekt „WohnPunkt

Betreuungslücke zwischen dem Verlassen des behandeln-

RLP“ Rechnung, das den Aufbau von Wohn-Pflege-Gemein-

den Krankenhauses und der Zeit zu Hause. Hier besteht

schaften in ländlichen Gemeinden unterstützt. Insbesonde-

Handlungsbedarf, denn in unserer alternden Gesellschaft

re Dörfer brauchen neue Konzepte für Wohnformen, um

steigt das Risiko für Mehrfacherkrankungen und damit für

weiter ein attraktiver und lebenswerter Wohnort zu blei-

einhergehende poststationäre Versorgungsprobleme.

ben. Das Projekt führt bauliche und soziale Aspekte zusammen und fördert so Nachbarschaftshilfe und Teilhabe.

Die Experten tauschten sich darüber aus, wie die An-

Rheinland-Pfalz hat sich darüber hinaus bereits im Jahr

schlussversorgung von Patienten nach individuellen Erfor-

2002 der Entwicklung einer partizipativen Fachkräfte-

dernissen sichergestellt werden kann, ohne stationäre und

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ambulante Einrichtungen zu überfordern. Einen innovati-

„Was hab ich?“ will mit ihrer gleichnamigen Website Abhilfe

ven transsektoralen Versorgungsansatz, um den Übergang

schaffen. Dort übersetzen Medizinstudenten Befunde kos-

in das häusliche Umfeld zu begleiten, verfolgen zum Beispiel

tenlos in eine für Patienten leicht verständliche Sprache.

die Uniklinik Ulm und der spendenfinanzierte Verein „Die Pflege-Brücke Bereich Ulm“, wo ausschließlich Fachkräfte

Prävention und Rehabilitation stärken

im Einsatz sind, die Hausbesuche machen und so die entlas-

Auch ohne eine akute Krankheit wirft insbesondere der

senen Patienten unterstützen. Es handelt sich um eine Art

demografische Wandel viele Fragen rund um die Gesund-

Pflegeberatung, die über den Verein finanziert wird. Eine

heit und das Leben im Alter auf. Ein in Kooperation mit dem

Pflegeberatung ist möglich, wenn ein Antrag auf Pflege ge-

Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) ausgerich-

stellt wurde oder bereits Pflegeleistungen nach Pflegegrad

tetes Fachforum stellte daher an Beispielen aus der Praxis

1–5 bezogen werden. Dann ist sie für die Versicherten und

Möglichkeiten vor, wie bedarfsgerechte Wohn- und Pfle-

Angehörigen kostenfrei. „Die Pflegeberatung kann zum

gekonzepte aussehen können. Durch gezielten, vernetzten

Koordinator der häuslichen Versorgung werden, da sie den

Technikeinsatz können ein selbstbestimmtes Leben, der

Überblick hat, welche Hilfen und Hilfsmittel erforderlich

Verbleib in der Häuslichkeit sowie die Entlastung pflegen-

sind. Sie ist die ideale Ergänzung zu einem patientenorien-

der Angehöriger auch im Alter oder bei Pflegebedürftigkeit

tierten Entlassmanagement“, fasste Thomas Nöllen, Team-

gelingen. Das zeigten auch die Projekte „DeinHaus 4.0“,

leiter Pflege bei spectrumK, zusammen.

„Pflege@Quartier“ und „Better@Home“. „Die im Fachforum vorgestellten Lösungen haben alle das Potenzial, den Alltag

Einigkeit herrschte darüber, dass ein Patient insbesondere

von Pflegebedürftigen und Pflegenden maßgeblich zu er-

nach einem Krankenhausaufenthalt einen Ansprechpartner

leichtern. Diese Entwicklung gilt es zu fördern und in die Flä-

benötigt, der nicht nur ihn, sondern auch das soziale Umfeld

che zu tragen. Der Gesetzgeber muss hierzu die rechtlichen

kennt. Diese Rolle als koordinierende Stelle kann und sollte

Rahmenbedingungen allerdings noch erweitern“, sagte Ur-

die Hausarztpraxis sein – allerdings muss die Vernetzung

sula Krickl, stellvertretende Pressesprecherin des DStGB.

und Kommunikation zwischen den beteiligten Leistungserbringern noch besser funktionieren. Ebenso entscheidend

In einem weiteren Forum drehte sich die Diskussion um

ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Im Ide-

die Prävention und Rehabilitation bei Pflegebedürftigkeit.

alfall begegnen sie sich auf Augenhöhe – doch in der Rea-

Beides sollte einen hohen Stellenwert im Pflegealltag ein-

lität klappt das nicht immer. Entlass- und Arztbriefe sind

nehmen, um weitere Einschränkungen zu verringern und

beispielsweise in einer Fachsprache verfasst, die ein me-

Selbstständigkeit zu erhalten oder auch wiederherzustel-

dizinischer Laie kaum versteht. Die gemeinnützige GmbH

len. Eine entsprechende Verpflichtung für Kassen, Länder

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Die Veranstaltung

und Kommunen ergibt sich auch aus dem Präventionsgesetz. Doch obwohl die Rahmenbedingungen für eine umfassende Angebotsstruktur in Deutschland weiterentwickelt wurden, bereitet die Implementierung auch in der professionellen, insbesondere der ambulanten Pflege weiterhin Probleme. Ein sensibles Thema stand in einem Nachbarraum im Fokus: Kinder und Jugendliche mit Pflegeverantwortung. Sie werden oft als pflegende Angehörige übersehen, dabei überfordert sie kaum etwas so sehr wie die Pflegebedürftigkeit eines Elternteils. Besonders schwierig wird es, wenn Suchterkrankungen hierfür ursächlich sind – denn über Sucht redet man nicht. Im Plenum wurden Projekte vorgestellt, die Fachkräften in der Jugend- und Bildungsarbeit dabei helfen, junge pflegende Angehörige zu erkennen, ihre Situation und ihren Unterstützungsbedarf zu erfassen und adäquate Unterstützungsmöglichkeiten anzubieten. Das Angebot fächert sich auf Nach dem intensiven Austausch am Vormittag ging es mit neuen Impulsen im Plenum weiter. Den Auftakt machte Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Ministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie in Rheinland-Pfalz. Anknüpfend an die bereits im Fachforum aufgezeigten Maßnahmen, die das Bundesland beim Thema Pflege frühzeitig ergriffen hat, beschrieb die Ministerin nun noch einmal in großer Runde den rheinland-pfälzischen Weg. Das starke Engagement dafür, die Situation der pflegebedürftigen Menschen, ihrer pflegenden Angehörigen sowie von professionellen Pflegekräften zu verbessern, sei auch der früheren Sozialministerin und heutigen Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu verdanken, für die „Pflege ein Herzensthema“ ist. Dass Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland eine Pflegekammer eingerichtet hat, unterstreicht seine Rolle als Pionier. Bätzing-Lichtenthäler wies darauf hin, dass seit Beschluss der Pflegestärkungsgesetze mehr Pflegebedürftige mehr Leistungen in Anspruch nehmen – und entsprechend höher auch der Beratungs- und Versorgungsbedarf ist. „Das Angebot fächert sich auf, viele vollstationäre Angebote sind im Wandel. Es ist wichtig, nicht mit Einzelmaßnahmen zu reagieren, sondern eine Gesamtstrategie zu verfolgen, um bedarfsgerechte Angebote vor und in der Pflege zu entwickeln. Das verfolgen wir in Rheinland-Pfalz mit unserer Pflege- und Fachkräftestrategie“, sagte sie. Eines der Ziele müsse sein, dass Pflegekräfte lange gesund und motiviert im Beruf arbeiten. „Ich setze dabei auch auf eine generalistische, moderne Ausbildung, die den Beruf in seiner ganzen Bandbreite vermittelt.“ Zudem betonte Bätzing-Lichtenthäler die Bedeutung von Prävention, von Netzwerken für konstanten Austausch und niedrigschwelligen Angeboten.

59


Vor allem Kommunen seien in der Verantwortung, denn „sie

für Angehörige. „Damit haben wir einen Nerv getroffen.

kennen die Bedarfe am besten und können gegensteuern“.

Allerdings löst die schnell voranschreitende Digitalisierung

Zudem empfahl die Ministerin, die Rolle des Ehrenamts zu

speziell bei Älteren auch Ängste aus“, so Ballast. Deswegen

stärken. Hier sei Rheinland-Pfalz top: Fast 50 Prozent der

müsse man klar aufzeigen, wo sie in der Pflege Erleichte-

Menschen engagieren sich.

rung bieten kann. „Wir müssen dabei den Nutzen klarmachen. Pflegende und Pflegebedürftige sollten immer eine

Perspektiven bieten und Vertrauen zurückgewinnen

Wahlmöglichkeit haben: Wollen sie die Technik nutzen oder

In seiner Keynote lobte auch Franz Wagner, Präsident des

nicht?

Deutschen Pflegerates, die Vorbildfunktion des Bundeslandes. „Es gibt Lektionen, die wir von Rheinland-Pfalz lernen

Hier knüpfte Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied des

können – wir brauchen eine Gesamtstrategie und alterna-

Deutschen Ethikrates, mit seinem Vortrag über ethische

tive wie innovative Lösungen.“ Eine gute pflegerische Ver-

Aspekte zur künstlichen Intelligenz in der Pflege an: „Für

sorgung etwa entstehe nicht von selbst, sie brauche funk-

Pflegebedürftige muss die Selbstbestimmung als Erst- und

tionierende Strukturen. Auch die Haltung der Gesellschaft

Letztentscheidung immer möglich sein“, mahnte er. Auch

sei wichtig: „Sind wir bereit, mehr in die Pflegeversicherung

bei der Frage nach dem Einsatz assistierender Robotik – ob

zu zahlen? Wir müssen das Vertrauen der Berufsgruppe

mechanisch-unterstützend, überwachend oder unterhal-

zurückgewinnen und den Jungen eine Perspektive bieten“,

tend – müsse es diese Kontrolloption geben. Die zwischen-

forderte Wagner. Die Pflege müsse sich selbst mehr zu-

menschliche Kommunikation sei und bleibe der Kernder

trauen. „Mehr als 60 Prozent der Pflegekräfte arbeiten in

Pflege.

Teilzeit, viele sind ausgebildet, arbeiten aber nicht in ihrem Pflege muss uns mehr wert sein

Beruf – die müssen wir zurückholen!“

Zum Ende der Pflegekonferenz warf Christian Zahn, PräsiDarüber hinaus empfahl er, als logische Konsequenz aus

dent der Association Internationale de la Mutualité (AIM),

der Kammerentwicklung in den Ländern eine Bundespfle-

die Frage auf, inwiefern Deutschland beim Thema Pflege

gekammer zu errichten. „Gesundheits- und Pflegepolitik

von Europa lernen kann. „Mit den vier Pflegereformen hat

muss auch auf Bundesebene mitgestaltet werden“, so Wag-

sich die Politik auf den Weg gemacht, die Herausforderun-

ner. Für die Berufsangehörigen sei es wichtig, dass etwa bei

gen der Pflege anzunehmen. Mit dem neuen Pflegebegriff,

der Weiterbildungs- oder Berufsordnung vergleichbare

den Leistungsausweitungen insbesondere für Demenz und

Regeln gelten. Auch die Interessenvertretung der Kammer-

dem aktuellen Pflegekräfteprogramm sind wichtige Schrit-

mitglieder in der Bundespolitik verlange eine gemeinsame

te getan. Aber am Ziel sind wir noch nicht“, sagt Zahn. Pflege

Struktur.

müsse der Gesellschaft mehr wert sein. In Dänemark gelte sie als öffentliche Aufgabe – pflegende Angehörige können

Nutzen der Digitalisierung aufzeigen

sich dort von der Kommune anstellen lassen.

Einen anderen Fokus beim Blick nach vorn setzte Thomas Ballast, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der

Kann informelle Pflege die Herausforderungen der Zukunft

Techniker Krankenkasse (TK): Er sprach über mögliche An-

meistern? „Das Potenzial dafür geht zurück: Es gibt weniger

knüpfungspunkte für Digitalisierung in der Pflege, um die

Kinder und oft sind sie nicht mehr vor Ort. Wir müssen die

Versorgung der Menschen zu verbessern, Pflegende zu ent-

informelle Pflege stärker von den Angehörigen lösen und

lasten und etwa mithilfe künstlicher Intelligenz präventiv zu

mehr auf Nachbarschaftshilfe setzen“, forderte Zahn. So

handeln. „Digitalisierung und Gesundheitswesen – dieses

sorge etwa in den Niederlanden der ambulante Kranken-

Begriffspaar geht eigentlich nicht zusammen. Elektronische

pflegedienst „Buurtzorg“ für Entlastung. Der Fachkräfte-

Gesundheitsakten und Telematik passen nicht zur Realität

mangel sei ein gesamteuropäisches Problem. „Wir müssen

in vielen Praxen, Kliniken oder Pflegediensten. Digitalisie-

das Berufsbild neu gestalten – und dabei den Blick nicht nur

rung ist jedoch kein Hype, sie wird nicht wieder verschwin-

auf die Bezahlung richten, sondern die Verwaltungsbüro-

den – deswegen müssen wir uns damit auseinandersetzen“,

kratie abbauen, Abschlüsse schneller anerkennen und vor

sagte er. Die Möglichkeiten von Smart Homes würden noch

allem eine Willkommenskultur für Pflegekräfte aus dem

nicht ausreichend genutzt – vom intelligenten Herd bis zu

Ausland schaffen“, resümierte Zahn. Und so verließen die

optischen Sensoren.

Teilnehmer die Berliner Pflegekonferenz mit vielen Anregungen – sie gilt es nun in die Praxis zu bringen.

Als Beispiel dafür, wie Digitalisierung in der Pflege unterstützen kann, nannte er den „Pflegecoach“ – ein von der TK und der RWTH Aachen entwickeltes Online-Tutorial

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61


Guten Ideen eine Bühne schaffen

Unser Schirmherr des Marie Simon Pflegepreises 2018: Staatssekretär Andreas Westerfellhaus Pflege ist bereits für Millionen Bundesbürger ein persönliches Thema. Um auch künftig die immer größer werdende Zahl pflegebedürftiger Menschen sicher versorgen zu können, brauchen wir innovative Ansätze und Konzepte in der Pflege. Pflegekräfte müssen gewonnen und gehalten, Teilhabe und Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen gestärkt und pflegende Angehörige unterstützt werden. Mit dem Marie Simon Pflegepreis können wir Projekte bekannt machen, mit denen dies gelingt. Ich habe die Schirmherrschaft für den diesjährigen Marie Simon Pflegepreis sehr gern übernommen, denn gute Ideen brauchen eine Bühne. In der interdisziplinär besetzten Jury haben wir viele, sehr kreative und pfiffige Projekte aus allen Bereichen der Pflege kennengelernt. Entscheidend für die Prämierung war, ob der Ansatz neu und gut durchdacht ist und ob man ihn in die Fläche bringen kann. Den Preisträgern gratuliere ich sehr herzlich und danke Ihnen für Ihr großes Engagement. Auch allen anderen Teilnehmern möchte ich danken: Bitte bleiben Sie weiter am Ball, wir brauchen Sie!

Staatssekretär Andreas Westerfellhaus + Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung + www.pflegebevollmaechtigter.de

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Marie SimonPfPflegepolitik legepreis

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Marie Simon Pflegepreis 2018

Besuche gegen die Einsamkeit: „Die Türöffner“ bringen Menschen gleicher Interessen zueinander Die Pflege steht vor vielen Herausforderungen – sei es, die

Interessierte öffnen Türen bei Menschen, die aufgrund ih-

Versorgungssicherheit von Pflegebedürftigen zu gewähr-

res hohen Alters und oft einer Demenz keine Möglichkeiten

leisten, pflegende Angehörige zu unterstützen oder Infor-

mehr haben, gesehen und gehört zu werden. In Kooperati-

mations- und Kommunikationstechnologien sinnvoll in die

on mit der Sozialstation und der Altenhilfeeinrichtung und

Pflegepraxis zu integrieren. Es gibt bereits fortschrittliche

unter Einbezug aller Verbände, Vereine und Gruppen auf

Ideen und individuelle Lösungen für eine gute Pflege. Ein

kirchlicher, kultureller und kommunaler Ebene entsteht so

besonders innovatives Pflegeprojekt wurde auf der Ber-

eine sorgende Gemeinde, die eine Atmosphäre des Ange-

liner Pflegekonferenz in Kooperation mit dem Deutschen

nommenseins schaffen möchte.

Städte- und Gemeindebund mit dem Marie Simon Pflegepreis ausgezeichnet: „Die Türöffner – begegnen – beglei-

Hintergrund der „Türöffner“ ist die sich immer wieder be-

ten – besuchen: Neue Wege zu einem Miteinander“ – eine

stätigende Erfahrung, dass Einsamkeit leise ist und hinter

Initiative von ehrenamtlich Tätigen in den Besuchsdiensten

verschlossenen Türen stattfindet. Eine Studie der Ruhr-

der Caritas-Konferenzen Deutschlands (CKD) für die Diö-

Universität Bochum ergab, dass sich in Deutschland jeder

zese Osnabrück. Staatssekretär Andreas Westerfellhaus,

Fünfte über 85 einsam fühlt. Und US-Forscher fanden in

Bevollmächtigter der Bundesregierung für die Pflege, hat

einer vierjährigen Studie bereits 2007 heraus, dass das Risi-

in diesem Jahr die Schirmherrschaft für den Marie Simon

ko, an Altersdemenz zu erkranken, bei einsamen Menschen

Pflegepreis übernommen.

doppelt so hoch ist. Aus diesen Erkenntnissen entstand der Wunsch, daran etwas zu ändern. Unter der Leitfrage „Wie

Gesehen und gehört werden

möchten wir selbst im Alter gesehen und begleitet wer-

Wie lässt sich die Lebensqualität hochaltriger Menschen

den?“ entwickelten die inzwischen 20 Beteiligten die im

verbessern und sich eine sorgende Gemeinde aufbauen?

Mai 2015 gestartete Initiative. Im Wesentlichen verfolgt

Vor dieser Frage standen Mitglieder der niedersächsischen

sie zwei Ziele: Zum einen die freudvolle Tätigkeit der eh-

Kirchengemeinde St. Bartholomäus in Wellingholzhausen

renamtlich Engagierten durch die passgenaue Zuordnung

bei Melle. Und legten damit den Grundstein für ein Leucht-

auf ihre Wünsche, zum anderen die 1:1-Begleitung der

turmprojekt: Die „Türöffner“-Initiative führt Menschen glei-

hochaltrigen Menschen, die letztlich auch die Angehörigen

cher Interessen oder Biografien zueinander. Ehrenamtlich

entlastet.

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Marie Simon Pf legepreis

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Niemand soll zu viel tun

„Eine große Herausforderung für Nachahmer ist es, dass

Nach gut dreieinhalb Jahren blickt Verena Niermann,

sich zu Beginn der Initiative zwei bis drei begeisterte Men-

ehrenamtliches Mitglied im Orga-Team der „Türöffner“-

schen zusammenfinden müssen, die etwas für eine sorgen-

Initiative und Leiterin der Caritas-Sozialstation, positiv

de Gemeinde voranbringen möchten. Hier hatten wir in

auf die bisherige Arbeit: „Für die Menschen, die besucht

Wellingholzhausen großes Glück und einen tollen Start –

und begleitet werden, ist es eine wunderschöne Bereiche-

dadurch, dass es in der Kirchengemeinde diese Menschen

rung in ihrem manchmal einsamen Leben. Wenn wir nach

gab“, sagt Monika Sewöster-Lumme, ehrenamtliches Mit-

den Personen suchen, die dieses Türöffnen übernehmen,

glied in der „Türöffner“-Initiative und CKD-Geschäftsfüh-

spüren wir, dass sie sich durch die Biografie, Hobbys und

rerin. Eine Unterstützung dieser Anfangsphase durch das

Wünsche der älteren Menschen ansprechen lassen.“ Auch

Hauptamt könne hilfreich sein. Das seien zum Beispiel die

die Aufteilung in ein Orga-Team und tatsächliche Türöffner

Freiwilligenkoordinatoren auf kirchlicher und kommunaler

sei notwendig und gut – „damit niemand zu viel tut und nur

Seite sowie die CKD als Netzwerkpartner.

das, was ihm liegt“, ergänzt Niermann. Durch diese Verteilung der Aufgaben

Viele kleine Erfolge

je nach „Talent“ der ehrenamtlich Ak-

und Eigeninitiative

tiven – Organisationsaufgaben, Be-

Die „Türöffner“ konnten auf ihrem

gleitungen, Besuche – und die frühe

Weg bis heute immer wieder kleine

Einbeziehung der gesamten, nicht

Erfolge verzeichnen. „Die erste Hür-

nur kirchlichen Gemeinde ist die Initi-

de war genommen, als wir gemerkt

ative bis heute bestandsfähig.

haben, dass es Menschen gibt, die unsere Türöffner-Idee gut finden und

Die Matching-Funktion spielt in dem

ansprechbar dafür sind, dass die Um-

Projekt eine wichtige Rolle. Anhang

setzung also funktioniert“, erinnert

erstellter „Profile“ wird deutlich,

sich Verena Niermann. Eine weitere

was der alte Mensch kann und sich

schöne Entwicklung sei, dass sich

wünscht. Daraufhin wird gesucht.

nicht nur auf Nachfrage Menschen

Ein alter Mensch, der früher ein In-

finden, die Türöffner sein wollen.

strument gespielt hat, findet einen

„Diese Menschen suchen den Kon-

Türöffner in der Heimatkapelle – und eine Frau, die in der

takt zu uns, wollen mitmachen und für andere Menschen

Landwirtschaft aufgewachsen ist, bekommt Besuch von

da sein.“

den Landfrauen. In der kleinen Gemeinde Wellingholzhausen werden bisher rund 25 Personen begleitet; nicht alle

In den nächsten Jahren soll das Netzwerk weiter ausgebaut

sind hochaltrig. „Aber egal, ob 1 oder 25 – für diesen einen

werden. Die „Türöffner“-Initiative in der Kirchengemein-

Menschen verändert sich sein Leben, er wird gesehen. Das

de Wellingholzhausen wird so weitermachen wie bisher.

allein ist ein großer Wert“, sagt Susanne Unnerstall, die sich

„Durch den Partner CKD und das Netzwerk von Ehrenamt-

ebenfalls ehrenamtlich im Projekt engagiert.

lichen wird das Konzept der Türöffner verbreitet und wir hoffen, dass es an anderen Orten zu weiteren Türöffner-

Gemeinsam Gemeinde gestalten

Initiativen kommt. Unsere Erfahrungen werden wir dort

Ein weiterer Nutzen liegt in der Begegnung, im „sich sehen“

gerne mit einfließen lassen“, sagt Susanne Unnerstall. Wie

und gemeinsam Gemeinde gestalten. Das Altwerden wird

auch ihre Kolleginnen freut sie sich sehr über den Marie

nicht ausgegrenzt. Die CKD als Fachverband möchte diese

Simon Preis: „Es ist schön, dass unser ehrenamtliches En-

Projektidee zur sorgenden Gemeinde weiter verbreiten,

gagement gesehen wird und dass es der Jury so wichtig ist,

etwa mittels einer Starthilfe für Gruppen, Verbände und

auf die kleinen Möglichkeiten hinzuweisen, die jeder von

Gemeinden, die alle Schritte und notwendigen Formulare

uns hat, Einsamkeit und Isolation zu begegnen. Es ist für

enthält. Es gibt auch eine Informationsbroschüre für Eh-

uns alle eine Auszeichnung und Würdigung unseres Türen-

renamtliche, die Menschen mit demenzieller Veränderung

öffnens. Wir hoffen, dass sich noch viele Türen öffnen wer-

besuchen. Die „Türöffner“-Initiative, die sich durch Geld-

den, damit Menschen sich auch im Alter in ihrer Gemeinde

spenden finanziert, wirkt auch nach außen. Inzwischen

wohlfühlen.“

sind einige Nachahmerprojekte entstanden, bei denen immer auf die regionalen und gemeindlichen Besonderheiten

Wir beglückwünschen den Preisträger

Rücksicht genommen wurde.

und bedanken uns herzlich für das Interview.

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MARIE SIMON Marie Simon, 1824 geboren, kam um 1852 nach Dresden, wo sie seit 1867 aktives Mitglied des Albert-Vereins des Roten Kreuzes war. Ihre pflegerischen Kenntnisse setzte sie 1866 im Deutschen Krieg ein. Nach Kriegsende wurden ihr die Aufsicht über die Krankenpflegerinnen und die Leitung der Armenkrankenpflege übertragen. In dieser Funktion mahnte sie stets zu mehr Ernsthaftigkeit und Praxisnähe in der pflegerischen Arbeit. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 organisierte sie den Einsatz von Pflegekräften und überwachte die Verpflegung. Später nahm sie sich intensiv der Ausbildung von Pflegekräften an. Es ist ihr Verdienst, dass seitdem Krankenpflege als Beruf anerkannt ist und fundiertes Wissen vermittelt wird. MARIE SIMON PFLEGEPREIS 2018 Mit dem Marie Simon Pflegepreis werden herausragende Projekte ausgezeichnet, die innovative und inspirierende Wege in der Pflege aufzeigen. Die Preisverleihung ist eines der Highlights der Berliner Pflegekonferenz 2018. Alle Nominierten haben sich mit besonderen Ideen und viel Engagement dafür eingesetzt, die Versorgung und Lebensqualität von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nachhaltig zu verbessern. Eine würdige Betreuung von Menschen, die der Pflege bedürfen, muss unser Ziel und unser gesellschaftlicher Anspruch sein. Die Nominierten gehen mit ihren Projekten als leuchtende Vorbilder voran. Sie verdienen unsere Wertschätzung und eine Auszeichnung ihres Engagements. Der Marie Simon Pflegepreis, in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft von Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, würdigt diesen Einsatz. Weitere Informationen erhalten Sie auf www.marie-simon-pflegepreis.de. Den Preis schreibt die spectrumK GmbH in Kooperation mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund aus.

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Die Preisträger

ORGANISATION

PROJEKT

WEB

CKD – das Netzwerk von

Die Türöffner

Ehrenamtlichen, Fachverband

begegnen-begleiten-besuchen.

des DICV Osnabrück

Neue Wege zu einem Miteinander

www.caritas-os.de/ckd

Auszubildende übernehmen Altenwohn- und Pflegeheim Haus

Verantwortung.

Dänischer Wohld GmbH & Co KG

Neue Wege gehen – Fachkräftesiche-

www.haus-daenischer-wohld.de

rung in der Pflege – Nachhaltigkeit Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Psychosoziales Zentrum für Schwule e. V. Heidelberger Dienste gGmbH

Demenz Partner

www.demenz-partner.de

Lebensort Vielfalt

www.schwulenberatungberlin.de

Pflegelotsen-Netzwerk

www.pflegelotsen-bw.de

Baden-Württemberg

Preisträger

Nominierte

68


ngng staltu staltu Veran DieVeran Die

MA R I E S I M O N PFLEGEPREIS 2019 Wir suchen die besten und innovativsten Pflegeprojekte – bundesweit! Prämierungswürdig sind für uns Projekte, die mit neuen Ideen und zielgerichtetem Vorgehen altersgerechte Strukturen schaffen und die Lebensqualität von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nachhaltig verbessern. Machen Sie mit und überzeugen Sie uns mit Ihren Vorschlägen von besonders gelungenen Projekten zur Gestaltung der Pflege in städtischen und ländlichen Regionen. Dabei freuen wir uns auch sehr über die Einreichung von bereits erprobten Konzepten in der Pflege als Wettbewerbsbeitrag.

Bewerbungsschluss: 14. Juni 2019

CKD – DAS NETZWERK VON EHRENAMTLICHEN FACHVERBAND DES DICV OSNABRÜCK

Feierliche Preisverleihung am Donnerstag, dem 7.11.2019 im WECC Berlin.

Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.marie-simon-pflegepreis.de

Kooperationspartner

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Otto Heinemann Pf legepolitik Preis

Vereinbarkeit braucht Innovation

Unser Schirmherr des Otto Heinemann Preises 2018: Bundesminister Peter Altmaier

Die steigende Zahl an Pflegebedürftigen in unserem Land ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, aber noch stärker eine persönliche Aufgabe. Werden nahe Angehörige pflegebedürftig, ist dies nicht nur menschlich zu verkraften, sondern oft auch mit dem Berufsleben in Einklang zu bringen. Hier wünscht man sich einen Arbeitgeber, der einen bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe unterstützt. Unternehmen sollten daher mit effektiven Konzepten auf dieses wachsende Bedürfnis ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Verpflichtungen eingehen. Damit bleiben sie auch als Arbeitgeber im Wettbewerb um Fachkräfte attraktiv. Deshalb ist es zukunftsweisend, dass der Otto Heinemann Preis den Einsatz von Unternehmen würdigt, die sich mit innovativen Konzepten für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf einsetzen. Den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern gratuliere ich herzlich und danke ihnen für ihr Engagement.

Peter Altmaier + Bundesminister für Wirtschaft und Energie + www.bmwi.de

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Otto Heinemann Preis 2018

Wie können Arbeitgeber ihre Angestellten beim Jonglieren von Beruf und Pflege unterstützen? Diese Unternehmen haben kluge Lösungen gefunden

OBERLANDESGERICHT KÖLN

Selbsthilfegruppen in Form von Angehörigengruppen sind

Preisträger für Unternehmen mit bis zu

ein nachhaltiges Angebot zur Gesundheitsförderung und

1.000 Mitarbeiter(inne)n

gehen damit über die einmalige Beratung, etwa durch einen Pflegelotsen, hinaus. „Die Angehörigengruppen treffen

Das 1819 gegründete Oberlandesgericht (OLG) Köln ist ei-

sich einmal monatlich für zwei Stunden im vertrauensvollen

nes von drei Oberlandesgerichten in Nordrhein-Westfalen.

Rahmen während der Dienstzeit, wobei das Arbeitszeit-

In seinem Zuständigkeitsbereich leben über 4,31 Millionen

konto nicht belastet wird. Unter Anleitung von speziell ge-

Einwohner. Zum Oberlandesgerichtsbezirk Köln gehören

schulten Fachkräften können viele Sachfragen oft unmittel-

drei Landgerichte mit insgesamt 23 Amtsgerichten. Seit Mai

bar geklärt werden“, sagt Dietz. Solche Selbsthilfegruppen

2013 wird dort ein systematisches Gesundheitsmanage-

werden im Präventionsgesetz empfohlen. „Wir haben das

ment betrieben. „Aus unserer Sicht kann die Bewältigung

Projekt nach zwei Jahren Pilotphase evaluiert. Dabei konn-

der Arbeit nur gelingen, wenn ein gutes zwischenmensch-

te nachgewiesen werden, dass die Gesundheit der Teilneh-

liches Arbeitsklima besteht, Verständnis für schwierige Le-

menden sich verbessert hat.“

benssituationen vorliegt und eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen erfolgt“, sagt Elisabeth Meyer-Dietz, Koordi-

Ein speziell für die Beschäftigten und Beamten der Justiz

natorin für das Gesundheitsmanagement im Bezirk des OLG

NRW entwickelter Ratgeber zur Vereinbarkeit von Pflege

Köln, dessen 439 Beschäftigte im Schnitt 50 Jahre alt sind.

und Beruf, der die Bereiche Organisation von Pflege, Vor-

„Gesünder arbeiten, besser leben“ – dieses Motto gelte ins-

sorge, Selbstfürsorge, finanzielle und rechtliche Aspekte

besondere auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.

sowie Freistellungsmöglichkeiten beinhaltet, erleichtert einen schnellen Zugriff an Informationen im Bedarfsfall.

Die Informationen und Angebote sind passgenau auf die

Die im „Ratgeber“ zusammengefassten Informationen sto-

Organisation und die vorliegenden Bedürfnisse zugeschnit-

ßen auf landes- und bundesweites Interesse. Das OLG Köln

ten. Die Vorträge, Selbsthilfegruppen, Gesundheitscoa-

habe bei dem schwierigen Thema der Vereinbarkeit von

chings und Sozialberatungen finden während der Arbeits-

Familie, Pflege und Beruf einen ganzheitlichen Ansatz ge-

zeit statt und sind für alle Bediensteten kostenfrei. Die

funden, der den Betroffenen hilft und eine Öffentlichkeit

72


Otto Heinemann Preis

73


Otto Heinemann Preis

für das oft tabuisierte Thema schafft. „Das ist gut für das

der Mitarbeitenden und haben Konzepte und Maßnahmen

soziale Miteinander, die Bindung zum Arbeitgeber und die

entwickelt, die einen niedrigschwelligen Zugang und eine

Gesundheit der Mitarbeiter – eine Win-win-Situation für

nachhaltige Begleitung ermöglichen“, sagt Isabelle Stolz,

alle Beteiligten“, fasst Dietz zusammen.

Abteilung Personal, Bereich Gesundheit und Soziales. Dazu gehören Sozialberatung, Gesundheitsförderung oder fami-

Die Auszeichnung mit dem Otto Heinemann Preis bestärkt

lienfreundliche Maßnahmen wie Kinderferienbetreuung

das OLG Köln darin. „Wir freuen uns sehr, dass unser Pro-

und eine Förderung der aktiven Väter. Alternierende Ar-

jekt dazu beträgt, eine menschliche Unternehmenskultur

beitsplätze, Homeoffice, flexible Teilzeitmodelle und Gleit-

zu leben. Nach wie vor ist der Mensch die wichtigste Res-

zeit sind vielfach genutzte Angebote.

source einer gelingenden Arbeitswelt. Das müssen wir auch in Zeiten der Arbeitsverdichtung und veränderter sozialer

Die LVM hat sich den Werten Verantwortung, Sicherheit

Bindungen sehen und bedürfnisgerechte Unterstützung

und Vertrauen verpflichtet – nach außen getragen und nach

als Arbeitergeber anbieten. Wir hoffen, dass unsere auf

innen gelebt. „Gesunde, motivierte und zufriedene Mitar-

Menschlichkeit und Fürsorge ausgerichtete Unterneh-

beitende sind unser höchstes Gut“, so Stolz. „Das Besondere

menskultur viele Nachahmer findet!“, sagt Dietz.

an unseren Angeboten ist, dass wir keine Konzepte einkaufen, sondern auf die Kultur und die Bedarfe abgestimmte Angebote schaffen.“ In der Sozial- und Pflegeberatung wird

LVM LANDWIRTSCHAFTLICHER

nicht nur die Pflegesituation betrachtet, sondern auch die

VERSICHERUNGSVEREIN A. G.

Psyche und die Sorgen der Betroffenen. So lassen sich in-

Preisträger für Unternehmen mit 1.001

dividuelle Hilfestellungen erarbeiten, wie zum Beispiel eine

bis zu 5.000 Mitarbeiter(inne)n

befristete Teilzeit, mehr Homeoffice-Tage, eine unbezahlte Freistellung oder die kurzfristige Nutzung der Pflegezei-

Die LVM Versicherung mit Hauptsitz in Münster wurde

ten. Die Pflegesprechstunde und Hausbesuche werden von

1896 als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gegrün-

Fachexperten durchgeführt, eine telefonische Beratung für

det. Rund 3.600 Menschen arbeiten in der Unternehmens-

Mitarbeitende und deren Angehörige ist jederzeit möglich.

zentrale. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Pflege ist nicht nur in der Mitarbeiterstrategie verankert, sondern

„Unsere Kolleginnen und Kollegen schätzen vertraute Ge-

auch gelebte Kultur und wird vom Vorstand unterstützt.

spräche unter vier Augen, vor allem, wenn es um sensible

Seit 2008 führt die LVM das Zertifikat Audit Beruf und Fa-

und emotional belastende Themen geht. Für die intern

milie der Hertie-Stiftung. „Von Anfang an war für uns klar,

organisierte Beratung gibt es feste Ansprechpartner. Sie

dass wir uns nicht nur für junge Eltern um bessere Verein-

findet stets unter Schweigepflicht statt und darf während

barkeit kümmern, sondern auch um das Thema Pflege von

der Arbeitszeit genutzt werden. Wenn gewünscht, können

Angehörigen. Wir orientieren uns an den Lebensphasen

auch Ehepartner, Eltern oder andere Personen begleiten.

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Otto Heinemann Preis

75


Eine solche Vertrauenskultur ist unserer Meinung nach

zur stationären Tagespflege und Heimunterbringung, Be-

ganz besonders und eine große Ressource“, erklärt Stolz.

ratung zu alternativen Wohnformen wie etwa dem beglei-

Die LVM stehe in schweren Zeiten hinter ihren Angestell-

teten Wohnen in der Dr.-Konrad-Henkel-Wohnanlage mit

ten. Das sorge für Entlastung, Zufriedenheit, Gesundheit

66 barrierefreien Wohneinheiten, Informationen über Ent-

und letztlich auch Mitarbeiterbindung. „Oft werden die von

lastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige sowie die

uns angebotenen Maßnahmen von ehemals betroffenen

Vermittlung von Kontakten und Freizeitmöglichkeiten. Das

Kolleginnen und Kollegen weiterempfohlen. Das ist das

mehrstufige Unterstützungssystem besteht aus individu-

schönste Kompliment und zeigt die Wirksamkeit“, so Stolz.

eller Beratung, begleitenden Gruppenangeboten, Infoveranstaltungen wie „Lunch & Learn“, externen Netzwerken

Weil in den nächsten Jahren viele neue Pflegesituationen

zu stationären und ambulanten Einrichtungen sowie einer

entstehen werden, wird die LVM weitere Maßnahmen und

arbeitgeberfinanzierten Pflegezusatzversicherung für Mit-

Hilfsangebote entwickeln und umsetzen. Der Otto Heine-

arbeiter und deren Angehörige. „Die Mitarbeiter schätzen

mann Preis helfe dabei, das Thema Pflege im Betrieb zu

die Vielfalt unserer Angebote. So kann sich jeder Pflegende

enttabuisieren. „Zudem ist er eine große Wertschätzung

die zu seiner Situation passende Unterstützungsleistung

für unsere Arbeit und zeigt uns, dass wir auf dem richtigen

auswählen“, sagt Neumann-Busies.

Weg sind“, sagt Stolz. Hervorzuheben ist „Care Support – FIRMA HENKEL AG & CO. KGAA

Pflegebegleitung im Unternehmen“,

STANDORT DÜSSELDORF

ein 2009 gestartetes Gruppenange-

Preisträger für Unternehmen

bot für Mitarbeiter und Pensionäre

ab 5.001 Mitarbeiter(inne)n

mit pflegebedürftigen Angehörigen zur Unterstützung und Kompeten-

Henkel ist weltweit mit führenden

zentwicklung. Neben dem Aufbau

Innovationen, Marken und Techno-

eines individuellen Hilfe-Netzwerks

logien in folgenden drei Geschäfts-

aus internen und externen Part-

feldern tätig: Adhesive Techno-

nern erwerben die pflegenden An-

logies

gehörigen Organisations-, Reflexi-

(Klebstoff-Technologien), (Schönheitspflege)

ons- und Selbstsorgekompetenz.

und Laundry & Home Care (Wasch-/

Einmal pro Monat gibt es einen

Reinigungsmittel). Das 1876 ge-

intensiven Austausch mit zwei pä-

gründete Unternehmen beschäftigt

dagogischen Fachkräften. „Nicht

weltweit mehr als 53.000 Mitarbei-

alle Mitarbeiter haben Kinder und

ter. Am Standort Düsseldorf sind es

benötigen

rund 5.500, von denen 530 ältere

etwa in unseren drei hauseige-

Angehörige betreuen. Bei der Be-

nen Betriebskitas. Aber alle haben

wältigung von Pflegeaufgaben un-

Eltern, die in der Regel mit fort-

Beauty

Care

terstützt sie auch ihr Arbeitgeber.

Betreuungskonzepte,

schreitendem Alter Hilfe benötigen.

„Das Engagement für die Vereinbarkeit von Beruf und Pfle-

Wenn wir unsere Mitarbeiter bei dieser Aufgabe un-

ge hat bei der Firma Henkel eine lange Tradition. Bereits

terstützen und entlasten, ist das ein Stück geleb-

seit 1912 werden Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Ange-

te Fürsorge des Unternehmens“, erklärt Neumann

hörigen über die hauseigenen Sozialen Dienste beraten und

Busies. Der Otto Heinemann Preis sei für die Firma Henkel

betreut“, erklärt Regina Neumann-Busies, Senior Manager

eine große Ehre und mache Mut, immer wieder neue Wege

Corporate Health / Social Services. Strukturierte Navigati-

nah an den Bedürfnissen der Mitarbeiter zu suchen.

onshilfen und Unterstützungsangebote seien die Voraus-

Wir beglückwünschen alle Preisträger und bedanken

setzung für gelingende Pflegearrangements.

uns herzlich bei Elisabeth Meyer-Dietz, Isabelle Stolz und Regina Neumann-Busies für die Interviews.

Das kostenfreie Angebotsportfolio der firmeninternen Sozialen Dienste wird ständig erweitert. Henkel ist bereits in vielen Themenkomplexen aktiv, darunter: Beratung zu Pflegebedürftigkeit und -hilfsmitteln, Hilfestellung bei der Pflegeeinstufung, Vermittlung von ambulanten Pflegekräften und mobilen Hilfsdiensten, Unterstützung bei Fragen

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OTTO HEINEMANN Otto Heinemann (1864–1944) war Prokurist der Firma Krupp, Kommunalpolitiker in Essen und führender Funktionär des Betriebskrankenkassenwesens in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Er war seit 1904 Gründungsmitglied und nebenamtlich Geschäftsführer des Verbandes der rheinisch-westfälischen Betriebskrankenkassen. Seit 1907 war Heinemann geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Reichsverbandes der Betriebskrankenkassen. OTTO HEINEMANN PREIS 2018 Die Verleihung des Otto Heinemann Preises ist einer der Höhepunkte der fünften Berliner Pflegekonferenz. Mit dem Preis werden Arbeitgeber gewürdigt, die sich in besonderer Weise um die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf verdient gemacht haben. Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterbreiten sie innovative und nachhaltige Angebote, sodass pflegende Angehörige weiterhin ihrem Beruf nachgehen können. Den Unternehmen bleiben damit wertvolle Arbeitskräfte erhalten. Mit Blick auf die demografische Entwicklung, die steigende Anzahl Pflegebedürftiger und den Fachkräftemangel präsentieren die Nominierten vorbildliche Lösungen. Dieses Engagement wird mit dem Otto Heinemann Preis ausgezeichnet. Nähere Informationen finden Sie auf www.otto-heinemann-preis.de. Den Preis schreibt die spectrumK GmbH in Kooperation mit den Spitzenverbänden der BKK und IKK aus.

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Die Preisträger

ORGANISATION Oberlandesgericht Köln

NOMINIERT IN DER KATEGORIE Unternehmen mit bis zu 1.000 Mitarbeiter(innen)

Kreis Rendsburg-Eckernförde

Unternehmen mit bis zu

Alexander-Stift GmbH

Unternehmen mit bis zu

LVM Landwirtschaftlicher Versiche-

Unternehmen mit bis zu

rungsverein a. G

5.000 Mitarbeiter(innen)

IKK Südwest

St. Elisabeth-Stiftung

1.000 Mitarbeiter(innen)

1.000 Mitarbeiter(innen)

Unternehmen mit bis zu 5.000 Mitarbeiter(innen) Unternehmen mit bis zu 5.000 Mitarbeiter(innen)

Firma Henkel AG & Co. KGaA,

Unternehmen ab 5.001

Standort Düsseldorf

Mitarbeiter(innen)

Ernst & Young GmbH Wirtschafts-

Unternehmen ab 5.001

prüfungsgesellschaft (EY)

Mitarbeiter(innen)

Fraport AG

Unternehmen ab 5.001 Mitarbeiter(innen)

h.kühn GmbH

WEB www.olg-koeln.nrw.de

www.kreis-rendsburg-eckernfoerde.de

www.alexander-stift.de

www.lvm.de

www.ikk-suedwest.de

www.st-elisabeth-stiftung.de

www.henkel.com

www.ey.com

www.fraport.de

www.hkautomation.de

Preisträger

Nominierte

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Sonderpreis


Otto Heinemann Preis

Z U R V E R E I N BA R K E I T VON B E RU F UND PFLEGE

Wir suchen Vorbilder für eine pflegefreundliche Arbeitswelt – bundesweit! Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist ein zentrales Thema der heutigen Arbeitswelt. Denn die Doppel- und Dreifachbelastung aus Beruf, Familie und Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger trifft durch die demografische Entwicklung immer mehr Beschäftigte. Wir suchen daher innovative Arbeitgeber, die mit herausragenden Ideen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ermöglichen.

Bewerbungsschluss: 14. Juni 2019

OBERLANDESGERICHT KÖLN LVM LANDWIRTSCHAFTLICHER VERSICHERUNGSVEREIN A.G. HENKEL AG & CO. KGAA

(STANDORT DÜSSELDORF)

Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.otto-heinemann-preis.de Feierliche Preisverleihung am Donnerstag, dem 7.11.2019 im WECC Berlin. Unter der

Unter der Schirmherrschaft des Schirmherrschaft des

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Kooperationspartner


Pflegende Mitarbeiter unterstützen

Deutsche Rentenversicherung würdigt Familienbetrieb mit Sonderpreis Beruf und Pflege miteinander in Einklang zu bringen: Für

auch in der Gesellschaft überhaupt, verankert werden. Da-

immer mehr Arbeitnehmer wird diese Doppelbelastung in

für setzen sich auch die Initiatoren des Otto Heinemann

einer älter werdenden Gesellschaft Realität. Neben ihrem

Preises ein. Mit dem Sonderpreis möchten wir dieses En-

Job müssen sie sich um pflegebedürftige Familienmitglie-

gagement deutlich unterstreichen. Die Berliner Pflegekon-

der kümmern. Auch Arbeitgeber betrifft diese Entwicklung,

ferenz ist dafür eine gute Plattform. Und kleine und mittel-

denn sie müssen ihre Fachkräfte effektiv unterstützen, um

ständische Unternehmen liegen uns besonders am Herzen“,

pflegende Mitarbeiter gesund und leistungsfähig zu erhal-

betont Brigitte Gross, Direktorin bei der Deutschen Ren-

ten. Besonders für kleine und mittelständische Unterneh-

tenversicherung Bund. Preisträger in diesem Jahr ist die

men ist das eine Herausforderung. Mit dem Otto Heine-

h.kühn GmbH aus Meinhard in Hessen. Der 1986 gegrün-

mann Preis werden deshalb seit 2015 innovative Strategien

dete Familienbetrieb zählt zehn Mitarbeiter und ist damit

und Konzepte prämiert, die den Mitarbeitern die Verein-

deutlich kleiner als seine Mitbewerber. Produziert werden

barkeit von Pflege und Arbeit erleichtern und anderen Un-

elektrotechnische Anlagen wie Schaltschränke für die In-

ternehmen als Vorbild dienen können.

dustrie. Geschäftsführer Holger Kühn ist Elektromeister und stellvertretender Obermeister im Vorstand der Elekt-

Neu ist in diesem Jahr der Sonderpreis, den die Deutsche

ro-Innung Werra-Meißner.

Rentenversicherung Bund in Kooperation mit der spectrumK GmbH verleiht. Mit diesem Sonderpreis soll beson-

Einer seiner Mitarbeiter kümmert sich um einen pflege-

ders das Engagement von kleineren Unternehmen mit we-

bedürftigen Angehörigen. Nachdem er sich von seinem

niger als 100 Mitarbeitern gewürdigt werden.

zuständigen Rentenversicherungsträger und seiner Krankenversicherung hatte beraten lassen, vereinbarte er bei

„Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege muss noch stärker

Holger Kühn eine Teilzeitbeschäftigung. Nun arbeitet er

im Bewusstsein der Arbeitgeber, der Unternehmen, aber

täglich zwei Stunden weniger. Das schont seine Kräfte und

80


Otto Heinemann Preis

V. l. n. r.: Yves Rawiel, Geschäftsführer der spectrumK GmbH und Initiator der Berliner Pflegekonferenz, Holger Kühn, Geschäftsführer und Preisträger Brigitte Gross, Direktorin Deutsche Rentenversicherung Bund

kommt auch den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Per-

Daneben berät sie zu Themen wie Rente, Sozialversiche-

son entgegen.

rungspflicht und Beitragseinzug.

„Als Arbeitgeber wollte ich die Doppelbelastung meines

Dieses Angebot richtet sich an Arbeitgeber, Werks- oder

Mitarbeiters reduzieren, um Krankheit und Arbeitsausfäl-

Betriebsärzte, Betriebsräte und Schwerbehindertenver-

le zu vermeiden“, sagt Holger Kühn. Vor dem Hintergrund

tretungen. Erreichbar ist der „Firmenservice“ per E-Mail an

des Fachkräftemangels war Kühn außerdem bestrebt, sei-

firmenservice@deutsche-rentenversicherung.de oder un-

nem Mitarbeiter entgegenzukommen, um ihn dadurch im

ter der Servicenummer 0800 1000 453.

Betrieb zu halten und die Zufriedenheit im Kollegium zu

Wir danken Frau Steffi Bojahr, Mitarbeiterin der Pressestelle

fördern.

der Deutschen Rentenversicherung Bund, für den Beitrag. Um Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu helfen, bietet die Deutsche Rentenversicherung weitere Services: Mit Präventionsleistungen hilft sie Mitarbeitern mit ersten gesundheitlichen Beeinträchtigungen, einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln und so auf lange Sicht gesund und arbeitsfähig zu bleiben. Mit dem Firmenservice unterstützt sie vor allem kleine und mittelständische Unternehmen: Durch kostenlose Informationen und Beratung vor Ort helfen die Fachleute der Rentenversicherung dabei, die Beschäftigungsfähigkeit von Mitarbeitern zu sichern und deren vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu vermeiden. Sie beraten zu präventiven Angeboten sowie zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation und helfen, Lösungen für die dauerhafte Wiedereingliederung von Beschäftigten nach längerer Erkrankung zu Brigitte Gross + Direktorin Deutsche Rentenversicherung Bund

finden. Als Lotse vermittelt die Rentenversicherung unbürokratisch Kontakt zu anderen Sozialversicherungsträgern.

81


Für alle Bürger gute Lebensbedingungen schaffen – die Rolle der Kommunen in der Pflege

Interview mit Dr. Gerd Landsberg, Geschäftsführendes Präsidialmitglied Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB)

Welche Rolle spielen die Kommunen bei der Verbesserung der Pflegestruktur?

familienentlastende und familienunterstützende Hilfen, die kommunalen Krankenhäuser und den öffentlichen Gesundheitsdienst sowie die rechtliche Betreuung bis hin

Seniorenpolitik und Pflege findet vor Ort in den Städten

zum Wohnumfeld und zur Nutzbarkeit des öffentlichen

und Gemeinden statt, demnach muss auch dort die Unter-

Personennahverkehrs. Städte und Gemeinden sollen und

stützung der pflegebedürftigen Menschen erfolgen. An-

wollen für alle Bürger gute Lebensbedingungen schaffen.

gesichts der zunehmenden Alterung unserer Gesellschaft

Mit Blick auf ein eigenständiges Leben im Alter gehören

wird aktuell prognostiziert, dass die Anzahl pflegebedürf-

hierzu auch die Beratung und Unterstützung, Gesund-

tiger Menschen bis 2030 von derzeit rund 3,4 Mio. auf 4,1

heitsförderung und -prävention sowie die soziale Betreu-

Mio. ansteigen wird. Bereits heute leisten die Kommunen

ung. Altenarbeit, Seniorenpolitik und Pflege sind kommu-

wichtige Beiträge zur Pflege und Pflegevermeidung. Für

nale Querschnittsaufgaben und Teil der Daseinsvorsorge.

ältere und alte Menschen, pflegebedürftige und/oder be-

Den Kommunen kommt im Bereich der örtlichen Pflege-

hinderte Menschen und ihre Familien erbringen sie um-

strukturen eine besondere Verantwortung bezüglich der

fangreiche Unterstützung, beginnend mit der Altenhilfe,

Steuerung, also der Einbeziehung der Beteiligten, der

der Hilfe zur Pflege und Teilhabeleistungen für behinder-

Prozesssteuerung und der Koordinierung von Maßnah-

te Menschen über Beratungs- und Koordinierungsstellen,

men zu.

82


Praxisblick

Welche kommunalen Initiativen zur Verbesserung der Pflegestrukturen gibt es bereits und wie lassen sie sich gezielt stärken?

die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten und die Förderung von Nachbarschaftsbeziehungen vorangetrieben und unterstützt. Für generationenübergreifende bzw. intergenerative Maßnahmen eignen sich hier etwa Mehrgenerationenhäuser, Familienzentren, lokale Bündnisse für

Städte und Gemeinden wissen um das Erfordernis, inte-

Familien oder vernetzte Anlaufstellen. Obwohl die Zahl der

grierte Konzepte für den demografischen Wandel aufzu-

Leistungsangebote in der Pflege in den vergangenen Jahren

stellen und im Kontext der Pflege

weiter ausgebaut wurde, gibt es zu-

insbesondere die Entwicklung der

nehmende Schwierigkeiten bei der

älteren und unterstützungsbedürf-

Deckung der wachsenden Nachfra-

tigen Bevölkerung in den Blick zu

ge nach pflegerischen Leistungen

nehmen. Um die regionale Pflegein-

aufgrund nicht mehr ausreichender

frastruktur bedarfsgerecht weiter-

Kapazitäten in der ambulanten und

zuentwickeln, ist eine integrierte

stationären Versorgung. Der Aus-

Quartiersentwicklung durch die

bau der Versorgungskapazitäten

Kommunen notwendig. Idealerwei-

und damit die Sicherstellung einer

se sind Quartiere so ausgestaltet,

ausreichenden pflegerischen Ver-

dass die notwendige Unterstützung

sorgung scheitern in erster Linie an

gewährleistet ist, die der einzelne

fehlenden Fachkräften bzw. großen

Mensch benötigt, um so lange wie

Schwierigkeiten bei der Personal-

möglich in der eigenen Häuslichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Hierzu gehören neben der „Pflege“ im eigentlichen Sinne auch Angebote der Wohnraumversorgung, aufsuchende Gesundheits-

„Den Kommunen kommt im Bereich der örtlichen Pflegestrukturen eine besondere Verantwortung zu.“

dienste und weitere lokale Ange-

gewinnung. Speziell im ländlichen Raum wird die ambulante Versorgung abseits der größeren Orte und Städte zusätzlich durch lange Fahrtwege erschwert, die bislang nicht ausreichend refinanziert wurden. Es bleibt abzuwarten, ob die geplan-

bote, die auch das ehrenamtliche Engagement umfassen.

ten Maßnahmen der Konzertierten Aktion Pflege tatsäch-

Der soziale Austausch der Bürgerinnen und Bürger und die

lich umgesetzt werden, um den Fachkräftebedarf langfristig

Stärkung von sozialen Netzwerken werden gerade durch

sicherstellen zu können.

Pflegebedürftige nach Versorgungsart

83


Im Übrigen fehlen den Kommunen nach wie vor rechtliche Steuerungsmöglichkeiten im Pflegebereich. Dies betrifft unter anderem die Standortwahl von Pflegediensten und stationären Einrichtungen. Aus kommunaler Sicht benötigen wir gesetzliche Grundlagen für eine wirkungsvolle kommunale Pflegeplanung im SGB XI, die der kommunalen Pflegeplanung einen maßgeblichen Einfluss auf die Versorgungslandschaft ermöglicht, etwa bei der Zulassung von stationären Pflegeeinrichtungen.

Es laufen gesetzliche Planungen zum Pflegestärkungsgesetz III (PSG III) mit den sog. Modellkommunen Pflege in den einzelnen Bundesländern. Warum sind Nachbesserungen des Gesetzes erforderlich?

Renteneinkommen – vor allem auch bezahlbarem Wohnraum. Dabei wird der wachsende Bedarf an seniorengerechtem Wohnraum nicht in erster Linie durch Neubaumaßnahmen gedeckt werden können, notwendig ist vor allem auch die Anpassung des Wohnungsbestands. Es gibt

Die Modellkommunen Pflege gehen auf einen Vorschlag

eine Vielzahl von Beispielen alternativer Wohnformen statt

zurück, den die kommunalen Spitzenverbände in die Bund-

der Unterbringung in einer stationären Pflegeeinrichtung

Länder-Arbeitsgruppe zur Stärkung der Rolle der Kom-

oder einem Altenheim: Wohngemeinschaften, betreutes

munen in der Pflege eingebracht hatten. Die Idee bestand

Wohnen, Mehrgenerationen-Wohnen, Hausgemeinschaf-

darin, in sogenannten Modellkommunen Pflege einen ganz-

ten, ambulante Wohngruppen oder gemeinschaftliche

heitlichen, wohnortnahen und sozialräumlichen Beratungs-

Wohnprojekte. Die Gemeinden können mit der Wohnungs-

ansatz zu erproben. Menschen, die mit bevorstehender

wirtschaft, Genossenschaften, Vereinen und Wohnungsun-

Pflegebedürftigkeit konfrontiert werden, sehen sich vielen

ternehmen Vereinbarungen und Kooperationen über die

Fragen gegenüber, die über die Expertise einer klassischen

preiswerte Bereitstellung altengerechter Wohnungen tref-

Pflegeberatung hinausgehen. Betroffene haben auch Fra-

fen bzw. die Umgestaltung in altengerechte Wohnungen

gen zur rechtlichen Betreuung, zu behindertengerechten

ermöglichen. Die Herstellung der Barrierefreiheit, neuen

Wohnangeboten, zur kommunalen Infrastruktur oder aus

Wohnraums sowie die Modernisierung von Bestandswoh-

dem Bereich des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Sie

nungen im Sinne eines altersgerechten Umbaus müssen

brauchen eine umfassende Beratung aus einer Hand. Einen

verstärkt in die Wohnraumförderungsprogramme der Län-

solchen ganzheitlichen Ansatz sollten die Modellkommu-

der aufgenommen werden.

nen Pflege verfolgen. Ziel ist, Beratungsstrukturen zu bün-

Wie sollte die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Pflegekassen gestaltet sein, um die Versorgung Pflegebedürftiger zu optimieren und pflegende Angehörige stärker zu entlasten?

deln und mit einem ganzheitlichen Beratungsansatz unter Federführung von Modellkommunen zu ermöglichen. Die gesetzgeberische Umsetzung im Rahmen des dritten Pflegestärkungsgesetzes blieb jedoch weit hinter den kommunalen Erwartungen und den auch in der Fachwelt geäußerten Erfordernissen zurück. Insbesondere die über-

Wir brauchen keine Konkurrenzsituation zwischen Kom-

bürokratisierte Ausgestaltung der Modellvorhaben zur kom-

munen und Pflegekassen. Stattdessen müssen wir gut

munalen Beratung Pflegebedürftiger engen jedweden eige-

Funktionierendes bündeln und zusammenführen, Synergi-

nen Gestaltungsspielraum ein; die Umsetzung in der Praxis

en nutzen und ein integratives Beratungsportfolio im sozi-

wird kaum sinnvoll möglich sein.

alräumlichen Kontext anbieten. Kommunen und Pflegekassen sind dabei Kooperationspartner, nicht Konkurrenten.

Was kann die Politik konkret und schnell tun, um den in vielen Kommunen bestehenden Mangel an betreuten Wohneinrichtungen zu lindern?

Ziel muss sein, eine ganzheitliche Beratung für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen anzubieten, eingebettet in das jeweilige sozialräumliche Umfeld mit seinen jeweiligen Besonderheiten.

Grundvoraussetzung für das selbstbestimmte Leben und Wohnen im Alter ist die Bereitstellung von ausreichend al-

Wir danken für das Gespräch!

tersgerechtem und – in Anbetracht der absehbar sinkenden

84


85


Gut leben im Alter – Rheinland-Pfalz macht es vor

Um Fachkräftesicherungsmaßnahmen gezielt planen zu

5.000 Einwohnern beim Aufbau von Wohn-Pflege-Gemein-

können, wird seit 2002 in Rheinland-Pfalz die Arbeits-

schaften, in denen bis zu zwölf ältere und pflegebedürftige

marktanalyse „Branchenmonitoring Pflege“ durchgeführt.

Menschen ihren Alltag gemeinsam gestalten können.

Im Jahr 2010 wurde dabei festgestellt, dass rund 2.900 Pflegekräfte auf dem Pflegearbeitsmarkt fehlten; für 2015

Da geht es zum Beispiel um die Bedarfsermittlung, den

wurde gar eine Fachkräftelücke von 5.367 Fachkräften pro-

Standort, den barrierefreien Umbau, um sozialrechtliche

gnostiziert. Aus diesem Grund wurde mit den Partnerinnen

Fragen und darum, wie die Einbindung in das Dorfleben or-

und Partnern 2012 die „Fachkräfte- und Qualifizierungsin-

ganisiert werden kann: „WohnPunkt-RLP“ stellt ein Team

itiative 2012–2015“ auf den Weg gebracht. Schwerpunkte

von Expertinnen und Experten bereit, das alle offenen

waren die Handlungsfelder: Ausbildung, Nachqualifizie-

Fragen gemeinsam mit der Kommune bearbeitet und hilft,

rung, Attraktive Beschäftigungsbedingungen, Zuwande-

passgenaue Lösungen zu finden. Der Aufbau gemeinschaft-

rung ausländischer Pflegekräfte.

licher Wohnangebote kann dazu beitragen, die pflegerische Versorgung vor Ort zu verbessern, lokale Arbeitsplätze zu

Die verschiedenen Maßnahmen waren erfolgreich, denn

schaffen und einen Beitrag zur Dorferneuerung zu leisten.

die prognostizierte Fachkräftelücke wurde im Jahr 2015

Wenn das Projekt von engagierten Bürgerinnen und Bür-

um 65 Prozent von 5.367 auf rund 1.900 reduziert. Jede

gern mitgetragen wird, kann es sich zum Mittelpunkt einer

Fachkräftelücke bedeutet aber eine erhöhte Arbeitsver-

sorgenden Gemeinschaft im Dorf entwickeln.

dichtung für die rund 44.000 Pflegekräfte. Daher wurde die bisherige Fachkräfteinitiative fortgesetzt und im Jahr 2018

Erkenntnisse

aus

„WohnPunkt-RLP“

werden

aufbe-

die Fachkräfte- und Qualifizierungsinitiative Pflege 2.0 ge-

reitet und allen Kommunen in Rheinland-Pfalz unter

startet. Die dazugehörige Vereinbarung zu den Zielen und

www.WohnPunkt-rlp.de zur Verfügung gestellt.

Maßnahmen wurde von allen Partnerinnen und Partnern am 26. November 2018 unterzeichnet. Als Handlungsfel-

Projektträger ist die Landeszentrale für Gesundheitsförde-

der wurden definiert:

rung Rheinland- Pfalz e.V. (LZG) in enger Zusammenarbeit mit der Landesberatungsstelle Neues Wohnen Rheinland-Pfalz.

Zukunftsorientierte Formen von Ausbildung, Studium und Weiterbildung in der Pflege

Demenzstrategie

Weiterentwicklung und Rahmenbedingungen der

Handlungsfelder wie Aufklärung, Beteiligung, Beratung,

Pflegeberufe

Qualifizierung, Innovation und Vernetzung bestimmen den

Attraktive Beschäftigungsbedingungen in der Pflege

Prozess zur Verbesserung der Situation von Menschen mit

Integration ausländischer Pflegekräfte und

Demenz in Rheinland-Pfalz. Dazu ist Rheinland-Pfalz seit

Öffentlichkeitsarbeit

2003 mit vielen Partnerinnen und Partnern gemeinsam un-

terwegs, um WohnPunkt-RLP •

Die meisten Menschen in Rheinland-Pfalz wollen so lange

mit vielfältigen Maßnahmen in der Fachöffentlichkeit

wie möglich – auch bei Krankheit, Behinderung und Pfle-

und bei Bürgerinnen und Bürgern für die Bedürfnisse

gebedarf – in der vertrauten Umgebung wohnen bleiben.

von Menschen mit Demenz und für die Situation der Angehörigen zu sensibilisieren,

Das gilt besonders für den ländlichen Raum. „WohnPunkt•

RLP“ unterstützt deswegen gezielt kleine Kommunen unter

86

die Selbsthilfe zu stärken,


Praxisblick

Beratungsangebote zur Pflege auf die aktuellen Bedürfnisse der Menschen auszurichten,

Ärzte, Pflegepersonal, Ehrenamt und Angehörige zu qualifizieren,

mit spezifischen Versorgungskonzepten das Wohnen in ambulanten und stationären Settings den Bedürfnissen anzupassen und

vor allem die Schnittstellen im System durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Selbsthilfe, Beratung, Medizin und Pflege über das Landesgremium Demenz Rheinland-Pfalz zu vernetzen.

Gestützt durch zwischenzeitlich 41 regionale Demenznetzwerke und 33 lokale Allianzen verfolgt Rheinland-Pfalz das Ziel, in allen Regionen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie passgenaue Angebote aufzubauen und da-

Das Angebot umfasst präventiv ausgerichtete Beratung,

mit stabile Teilhabe- und Versorgungsnetze zu schaffen, um

beispielsweise zur sozialen Situation, gesundheitlichen

Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen

und hauswirtschaftlichen Versorgung, Wohnsituation, Mo-

eine offene, herzliche und damit lebenswerte Teilhabe und

bilität oder zu Hobbys und Kontakten. Aber auch wohn-

Versorgung zu ermöglichen. „Kopf und Herz an! Für Men-

ortnahe und gut erreichbare Teilhabeangebote wie Seni-

schen mit Demenz“ lautet die Devise in Rheinland-Pfalz.

orentreffen, Bewegungsangebote, Veranstaltungen oder Kurse werden vermittelt. Da es vor allem in ländlichen

Gemeindeschwesterplus

Regionen mit vielen kleinen Ortschaften an passgenauen

Insgesamt 18 Pflegefachkräfte sorgen seit 2015 in

Angeboten mangelt, ist es Aufgabe der Gemeindeschwes-

neun rheinland-pfälzischen Kommunen als Gemeinde-

terplus, entsprechende Angebote in den jeweiligen Regionen

schwestern

bei vielen Bürgerinnen und Bürgern ab

anzuregen, um die Entwicklung gesundheits- und selbst-

einem Alter von 80 Jahren dafür, dass sich diese siche-

ständigkeitsfördernder Infrastrukturen in den Kommunen

rer, informierter und nicht alleine gelassen fühlen. Mit

mit voranzutreiben. Die Kommunen in Rheinland-Pfalz

dem Projekt schließt Rheinland-Pfalz eine Lücke der

können mit dem Beratungs- und Vernetzungsangebot der

Unterstützung und Beratung, die von den Partnerin-

Gemeindeschwesterplus auf die Herausforderungen des de-

nen und Partnern im Gesundheitswesen und in der Pfle-

mografischen und gesellschaftlichen Wandels reagieren.

ge so – auch aufgrund leistungsrechtlicher Vorgaben –

Informationen zum Projekt finden Sie als Download unter

nicht geschlossen werden kann.

www.gemeindschwesterplus.rlp.de.

plus

87


Entlassen, aber nicht verlassen – das patientenorientierte Entlassmanagement als Best-Practice-Beispiel

Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V.: ein Lückenschließer in der Pflegeüberleitung? Die Pflege-Brücke Bereich Ulm e.V. wurde 2017 als Verein für die Ulmer Kliniken gegründet und sorgt dafür, dass Patienten durch Pflegefachkräfte aus den Kliniken im Kontext der Krankenhausentlassung eine Brückenfunktion für die Überleitung in das nachstationäre Setting übernehmen. Die Vision dabei ist, die Krankenhausentlassung für ältere Menschen durch Transition Care zu optimieren und Lücken zu schließen.

Einerseits sind zu versorgende Patienten im klinischen All-

nicht nur für den Übergang vom Krankenhaus nach Hause,

tag immer älter und multimorbider, andererseits führte die

sondern auch für den Übertritt in ein Pflegeheim oder bei

die Einführung der DRGs zu einer stetigen Verkürzung der

der Nutzung ambulanter oder teilstationärer Dienste. Vor

Verweildauer in den Kliniken bei gleichzeitigem Anspruch

diesem Hintergrund in Kombination mit den persönlichen

von Qualitätsverbesserung mit nachhaltigen, sektoren-

Erfahrungen der Initiatoren, wo sie oft Patientinnen und

übergreifenden Versorgungskonzepten. In diesem Zusam-

Patienten mit einem unguten Gefühl nach Hause entließen

menhang muss die bestehende Fragmentierung der Medi-

bzw. diese als Rückkehrer bald wieder sahen, wurde die Ul-

zin-/Pflegekultur diskutiert werden (vgl. Schulz-Nieswandt

mer Pflege-Brücke gegründet.

2008). Diese Fragmentierung der Medizin und Pflegekultur zieht sich vom Prozess der Klinikaufnahme, der Behand-

Qualität und der G-BA-Beschluss

lung in der Klinik bis zur Entlassung der Patienten über die

Seit dem G-BA-Beschluss vom 1. Oktober 2017 sind Klini-

Sektorengrenzen hinweg durch. Darüber hinaus ist die Per-

ken gesetzlich dazu verpflichtet, den nahtlosen Übergang

spektive des Nutzers zu betrachten. Er beklagt die Unüber-

von Patientinnen und Patienten in die nachfolgenden Ver-

sichtlichkeit und Intransparenz der Gesundheitsleistungen.

sorgungsbereiche umzusetzen. Durch die Anwendung ei-

Gerade was Qualitätsfragen anbelangt, finden vor allem

nes geeigneten Assessments muss der patientenindividuel-

vulnerable Patientengruppen zu wenig Beachtung. Dies gilt

le Bedarf für die Anschlussbehandlung möglichst frühzeitig

88


Praxisblick

erfasst werden. Im September 2018 hat der Gemeinsame

für Diseasemanagementprogramme eingeführt und Pflege-

Bundesausschuss (G-BA) das Institut für Qualitätssiche-

stützpunkte eingerichtet sowie die Pflegeberatung der Ver-

rung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) mit der

sicherer ausgebaut. Als positives Beispiel sind hier compass

Entwicklung eines sektorenübergreifenden, datengestütz-

(www compass.de) und spectrumK (www.spectrumk.de/

ten Qualitätssicherungsverfahrens für Entlassmanagement

produkte/Pflege) zu nennen.

beauftragt (vgl. Hecken 2018). Die zu entwickelnden Instrumente (insb. Befragungsinstrumente) und Indikatoren sol-

Die Entstehung des Vereins Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V.

len auf die Förderung der Qualität ausgerichtet sein. Zudem

Der Verein Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. wurde 2017 von

soll die Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten

einem Geschäftsführer, einer Pflegedirektorin, verschiede-

gefördert werden, u. a. durch die transparente Veröffentli-

nen Experten und einem früheren Chefarzt der Universität

chung der Ergebnisse. Es gibt bereits erste Untersuchungen

Ulm als Verein für die Ulmer Kliniken gegründet. Die Pflege-

mit Aussagen zur Qualität der Pflegeüberleitung aus Sicht

Brücke Bereich Ulm e. V. ist eine Weiterentwicklung der be-

der Betroffenen und ihrer Angehörigen, worauf ein Fokus

stehenden Brücke der Sana Kliniken im Landkreis Biberach.

der Entwicklungen liegen muss.

Die inhaltliche Entwicklung wurde unter Einbeziehung verschiedener Akteure im innerklinischen und außerklinischen

Studien zur Qualität in der Überleitung und

Bereich im Raum Ulm gestartet, darunter ein Pflegestütz-

Evaluationsstudie des Vereins „Unsere Brücke“

punkt, ambulante Pflegedienste, Hausarztpraxen, Home-

im Landkreis Biberach

Care-Einrichtungen und Sozialdienste. Das Ziel ist, eine

In einer vom Sozialministerium geförderten Evaluations-

verbesserte Überleitungssituation – zunächst auf Spenden-

studie zum Thema „Nachstationäre Betreuung zur Wieder-

basis – für Patienten zu schaffen, die in keiner Versorgung

erlangung der Alltagskompetenz im häuslichen Umfeld“ im

durch ambulante Pflegedienste sind und Unsicherheiten

Landkreis Biberach (vgl. Brandenburg et. al. 2017) wurde

bzgl. Entlassung äußern und/oder bei denen vom Behand-

festgestellt, dass die „Brückenpflege“ einen Unterschied

lungsteam ein entsprechender Bedarf eingeschätzt wird.

macht. So wies die Interventionsgruppe eine deutlich hö-

Idealerweise betreuen Pflegefachkräfte der Kliniken die

here Qualität in der Überleitung der Patientinnen und Pa-

Patienten weiter, die sie bereits aus der Klinik kennen. Sie

tienten vom Krankenhaus in die häusliche Situation auf. Be-

besitzen dadurch bereits das Vertrauen der Patienten.

zogen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität sowie

Die Zielsetzungen des Vereins leiten sich aus dem Hinter-

die kognitive und emotionale Dimension des habituellen

grund zu seiner Entstehung ab. Die Projektgruppe fasste

Wohlbefindens zeigten sich statistisch signifikante posi-

sie folgendermaßen in einem Brainstorming zusammen und

tive Effekte im Vergleich zur Kontrollgruppe. Anhand der

ergänzte sie: (1) Rechnung tragen der Situation des demo-

Kontrollgruppe wurde zudem deutlich, dass Schwächen im

grafischen Wandels mit einer älter werdenden Bevölkerung

Entlassungsmanagement poststationär nicht durch Haus-

bei gleichzeitiger sinkender Anzahl der Kinder sowie der

ärzte und/oder ambulante Dienste aufgefangen werden

Flexibilisierung der Arbeitswelt. In der Folge stehen Ange-

können. Im Hinblick auf den qualitativen Studienpart konn-

hörige vor Ort häufig nicht mehr zur Verfügung. (2) Oft ist

ten vielfältige Stärken der Brückenpflegearbeit nachgewie-

das Ereignis mit dem verbundenen Krankenhausaufenthalt

sen werden. Diese bezogen sich u. a. auf die psychosoziale

ein großer Einschnitt in das bisher selbstständige Leben,

Unterstützung, die praktische Hilfe in Alltagsfragen und die

wenn z. B. die Lebenssituation durch einen Sturz mit Frak-

Weitervermittlung an ambulante Dienste. Als Defizit wur-

turen, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt schlagartig

de eine unklare Profilbildung des Vereins wahrgenommen.

verändert wird. Das Bedürfnis nach Selbstständigkeit bleibt

Darüber hinaus wurden Überschneidungen mit dem Aufga-

bestehen wie auch der Wunsch, im eigenen häuslichen Um-

benspektrum des Sozialdienstes einerseits und den Sozial-

feld zu verbleiben. (3) Insgesamt kann gesagt werden, dass

stationen andererseits berichtet. Auch die Abgrenzung von

der Lebensstil anonymer geworden ist. (4) Die eigene Hilfe-

Beruf und Privatleben stellte sich als Herausforderung dar

bedürftigkeit wird häufig nicht eingestanden oder gesehen.

(vgl. Vallendar 2017).

Andererseits sind bestehende Leistungsangebote oft nicht

Nicht unerwähnt bleiben sollen die vielen Entwicklungen

transparent, unbekannt oder nicht vorhanden. Darüber

im ambulanten ärztlichen Sektor: Die zweigliedrige Ver-

hinaus kosten stationäre und ambulante Pflegeleistungen

sorgung durch Hausärzte und Fachärzte birgt zwar noch

Geld und die Inanspruchnahme erfordert ein aktives Han-

Schnittstellenprobleme, dennoch wurden 2004 durch die

deln. Hinzukommen psychische Barrieren des Betroffenen.

hausarztzentrierte Versorgung Möglichkeiten geschaffen,

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vorhande-

wonach Hausärzte die Patienten als Lotsen durch das Sys-

nen Institutionen die Betroffenen oft nicht erreichen. Hier

tem navigieren. Insgesamt wurden auch im Sinne einer dele-

soll die Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. bei Bedarf vernet-

gierten Leistungserbringung medizinische Fachangestellte

zen und vermitteln.

89


Worum geht es bei der Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V.?

sehen Handlungsbedarf (unterstützend dienen Assess-

Wie läuft es in der Praxis?

ments und ein Indikationsbogen), daraufhin erfolgt eine Kontaktaufnahme durch die Brückenfachkräfte. Der Pati-

• • • •

Die Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. stellt ein

ent und/oder die Angehörigen willigen in den Hausbesuch

Angebot zur Unterstützung und Beratung dar

ein und unterschreiben die Datenschutzerklärung. Danach

Die Pflegemitarbeiter der Pflege-Brücke beraten

geht der Antrag beim Vorstand ein. Im Anschluss findet der

Patienten und Angehörige

erste Hausbesuch statt. Dabei wird mit dem Patienten ent-

Die Pflege-Brücke dient der Orientierung, der

schieden, ob Folgetermine stattfinden sollen. Zuletzt stellt

Koordinierung und der Steuerung

die Brückenfachkraft den Antrag auf Kostenübernahme an

Die Pflege-Brücke berücksichtigt medizinisch-

den Verein. Die Dokumentation geht zur Archivierung und

pflegerische Bedarfe sowie materielle Bedarfe

zur wissenschaftlichen Auswertung.

(z. B. technische Hilfen)

Im Rahmen der Chancen der Weiterentwicklung benötigt die Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. eine einfache und büro-

Die Mitarbeiter der Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. sind er-

kratiearme Unterstützung durch eine App und eine Website

fahrene Pflegekräfte der Klinik, die durch Fort- und Weiter-

mit dem Ziel, alle Ulmer und Neu-Ulmer Kliniken beispiels-

bildung und Studium für ihre erweiterten Aufgaben quali-

weise bürokratiearm zu vernetzen, Zustimmungstools für

fiziert werden. Im Rahmen von Fallbesprechungen werden

den Vorstand anzubieten oder Schulungsinhalte für Inter-

die Einsätze evaluiert, gleichzeitig dient dies dem konti-

essierte und Mitarbeiter der Kliniken bereitzustellen.

nuierlichen Verbesserungsprozess, dem Wissensmanage-

Die in den Ulmer Kliniken etablierten Bezugspflegekonzep-

ment und der ethischen Reflexion. Die zentrale Aufgabe

te bieten die inhaltliche Grundlage für die sektorenüber-

wurde vom Projektteam wie folgt auf den Punkt gebracht:

greifende Versorgung. Das Konzept Relationship-Based

„Dem zu entlassenden Patienten ein Kümmerer sein, dem

Care bietet dabei eine wichtige Grundlage, die den Kultur-

er vertrauen kann.“ Dem Patienten sollen vorhandene Leis-

wandel unterstützt und in den gemeinsamen Fokus aller am

tungsangebote, wenn nötig, vermittelt und die Akteure ver-

Behandlungsprozess Beteiligten den Patienten und seine

netzt werden.

Familie stellt. Hier geht es um grundsätzliche Patienten-

Der Verein Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. finanziert sich

orientierung, und es liegt auf der Hand, dass Patientenori-

aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Fördermitteln. Die

entierung der Schlüssel für Qualität in der Versorgung ist.

Inanspruchnahme ist für den Patienten und dessen Ange-

Dabei beinhaltet die beziehungsbasierte Pflege (Relation-

hörige kostenfrei. Der Verein ersetzt keine vorhandenen

ship-Based Care, RBC) drei grundlegende Beziehungen: die

Strukturen. Die Pflegekräfte beraten, pflegen aber nicht!

Beziehung der Pflegenden zum Patienten und zu seiner Fa-

Die Leistung ist auf wenige Besuche und zeitlich begrenzt,

milie, die Beziehung der Pflegenden zu sich selbst, und die

d. h. maximal drei Hausbesuche, innerhalb von ein bis drei

Beziehung der Pflegenden zu Kollegen (vgl. Relationship-

Wochen nach Entlassung aus dem Krankenhaus. Die Pfle-

Based Care 2009, S. 4).

gekräfte beraten neutral. So wird immer eine Liste von allen

Sicher kann dazu ergänzt werden, dass das Brückenmodell

Einrichtungen der ambulanten Pflege überreicht. Der Kon-

aus der Logik des klassischen Krankenhauses ausbricht (vgl.

takt zu Sanitätshäusern bleibt neutral und offen.

Schulz-Nieswandt 2018, S. 29). Fachkräfte verlassen im tat-

Der Handlungsablauf sieht folgendermaßen aus: Das Be-

sächlichen Sinn die Festung um die Mikrowelt des Patien-

handlungsteam aus Pflegefachkraft, Arzt und Therapeut

ten herum, und damit erreichen sie ihn. Schulz-Nieswandt

Helene Maucher, MSc., ist seit 2013 Pflegedirektorin der RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH. Zuvor war Helene Maucher Pflegedirektorin und Pflegedienstleiterin der Sana Kliniken Landkreis Biberach. Die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin absolvierte ein Studium der Pflegewissenschaften und ist Dipl.-Pflegewirtin (FH). Unter anderem hospitierte Helene Maucher als Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung in den USA. 2018 wurde sie zur Pflegemanagerin des Jahres gewählt.

90


Praxisblick

schreibt, dass gerade diese privaten Lebensprozesse orga-

wäre, die Gesundheitszustände der Patienten über längere

nisiert und gestaltet werden müssen, eben ein neues Dreh-

Phasen zu „monitoren“ und in engem Austausch mit Kli-

buch geschrieben werden muss. Dabei soll der Patient zur

nikärzten und Hausärzten zu stehen, etwa im Bereich von

Selbstaktualisierung „empowered“ werden und muss mit-

Neurologie, Psychiatrie, Kardiologie etc.

spielen (ebd., S. 29). Allerdings reiche seine Mitverantwor-

In diesem Zusammenhang muss auch die Professionalisie-

tung nur, wenn er in nachhaltige, belastbare lokale Sorgege-

rung in der Pflege weiter vorangetrieben werden, etwa in

meinschaften eingebettet sei.

Form der oben erwähnten ANP (Advanced Nursing Practice), wie es auch schon in anderen Ländern erfolgreich prak-

Ausblick und Zusammenfassung:

tiziert wird.

Was ist die Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V., was kann sie

Hierzu könnte die Brücke vor dem Hintergrund der Quali-

für die Patienten und deren Angehörige, für die Region

tätsdiskussion zu einer effizienten und effektiven Gesund-

und letztendlich für das Gesundheitssystem leisten und

heitsversorgung beitragen unter Nutzung der Expertise der

was ist die Herausforderung?

Pflege, zum einen in der Form von ANP (Advanced Nursing

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die Pflegemit-

Practice) und zum anderen in Form von Pflegewissenschaft

arbeiter der Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. Patienten und

und Pflegeforschung. An dieser Stelle wäre auch wün-

deren Angehörige unterstützen, die sich im sogenannten

schenswert, dass der G-BA, in dem die Pflege durch Andreas

Non-Care-Bereich in einer Grauzone des Versorgungsbe-

Westerfellhaus vertreten ist, eine Trendwende in der Pflege

reichs befinden (vgl. Schulz-Nieswandt 2018, S. 9).

vorantreibt.

Die Befunde der Evaluationsstudie des Vereins „Unsere

Grundsätzlich soll die lokale Vielfalt gefördert werden.

Brücke“ der Sana Kliniken im Landkreis Biberach können ge-

Dafür steht auch das sog. VEKTOR-Projekt im Auftrag des

nutzt werden, um die Profilbildung zu schärfen. Dabei geht

Sozialministeriums Baden-Württemberg. Laut Schulz-Nies-

es nicht um Universallösungen, sondern um passgenaue Lö-

wandt ist eine solche regelversorgungsfähige Förderpolitik

sungen für die Versorgung der Menschen in den Regionen.

ähnlich funktionierender Lösungen dann sinnvoll, wenn die

Nicht zuletzt ist die Brückenpflegetätigkeit ein wesentli-

Vielfalt lokaler Kulturen und regionaler Bedarfslagen Be-

cher Baustein in der Professionalisierung und ein Beitrag

achtung findet (ebd., S. 19). Schulz-Nieswandt beschreibt

der Pflege, über den Tellerrand hinaus zu denken und sich

weiter, dass es sich bei der Brücke Biberach bei systemati-

für eine sektorenübergreifende Patientenversorgung zu

scher Einordnung des Themas nicht um eine bedeutungslo-

engagieren und somit zu einer nachhaltigen, bezahlbaren

se lokale Geschichte handle. Er sieht im Gesundheits- und

Gesundheitsversorgung beizutragen.

Sozialwesen, Pflege eingeschlossen, ein Gestaltungspro-

Die Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. kann Grundlage sein,

blem im System der Versorgung. Insofern hält er es für un-

weitere Innovationen der sektorenübergreifenden Versor-

umgänglich, die neuen Wege – im Gegensatz zur bisherigen

gung voranzutreiben. So können beispielsweise passgenaue

Pfadabhängigkeit der Systeme, der Sektoren, der Institutio-

Lösungen für die Patienten und das Gesundheitssystem

nen und der mentalen Modelle der Menschen – grenzüber-

entwickelt werden. Hier muss die Pflegewissenschaft und

schreitend zu denken und zu verfolgen (Schulz-Nieswandt

Pflegeforschung Unterstützung leisten. Die Erkenntnisse

2016, S. 13).

der Theorie gilt es in die Praxis zu implementieren, so dass die Erkenntnisse und darauf resultierenden Konzepte bei den Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern ankommen und so zu einem patientenzentrierten Gesundheitssystem beitragen, das die Versorgung verbessert. Letztendlich können aus der Dynamik der Pflege-Brücke Bereich Ulm e. V. analog zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) spezialisierte ambulante Versorgungskonzepte für Patienten mit seltenen Krankheiten und für Patienten mit komplexen Krankheitsbildern entwickelt werden, etwa eine spezialisierte Versorgung für Menschen mit ALS und anderen Muskelerkrankungen mit Atmungstherapie (SAAV) oder eine spezialisierte ambulante Demenzversorgung (SADV). Für die Brückenfunktion von müsste für chronisch kranke

Helene Maucher + Pflegedirektorin der RKU – Universitätsund Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH

Patienten ANPs (Advanced Nursing Practice), also Experten, in die Versorgung mit einbezogen werden. Ihre Aufgabe

91


Entlassmanagement aus der Sicht des Hausarztes

Durch die Zunahme der Multimorbidität bei einer immer

Kommt der Patient nach dem Krankenhaus direkt in die

älter werdenden Bevölkerung wird die medizinische Be-

Hausarztpraxis, hat er viele Fragen. Und auch wenn der

handlung immer komplexer und aufwendiger. Stationäre

Arzt in der Klinik ihm alles erklärt hat, fragt der Patient sei-

Behandlungen werden kürzer mit der Folge, dass nicht im-

nen Hausarzt und häufig auch die medizinischen Fachange-

mer auf die wirklichen Belange des Patienten Rücksicht ge-

stellten noch einmal. Das zeigt und bestätigt einfach, welch

nommen werden kann.

hohes Vertrauen der Patient zu seinem Hausarzt hat. Wenn man dann als Hausarzt über Details, die verständlicherwei-

Gerade nach einem Krankenhausaufenthalt benötigt der

se nicht alle im (vorläufigen) Entlassungsbrief stehen kön-

Patient einen Ansprechpartner, der nicht nur ihn, sondern

nen, nicht informiert ist, passiert es häufig, dass man dem

auch das soziale Umfeld kennt. Das ist nun einmal der Haus-

Patienten etwas anderes erzählt als der Klinikarzt. Damit

arzt mit seinem Team. Durch ein gutes Netzwerk stellt die

ist genau das passiert, was es zu vermeiden gilt: Der Patient

Hausarztpraxis den Ort der Versorgung des Patienten dar.

ist verunsichert!

Der Erfolg einer stationären Behandlung beginnt damit schon vor dem Krankenhausaufenthalt, indem der Hausarzt

Neben der Klärung des Unterstützungsbedarfs in der

dem Patienten wichtige und aktuelle Informationen zu sei-

häuslichen Versorgung ist die Aktualisierung des Medika-

nen Erkrankungen mitgibt.

mentenplanes das Dringendste, aber auch das Zeitaufwendigste. Hier kann uns sehr gut die Versorgungsassistentin

Der seit Oktober 2017 gültige Rahmenvertrag als Grund-

der Hausarztpraxis (VERAH) entlasten. Nichtsdestotrotz

lage zum Entlassmanagement versucht eine entscheidende

ist das ärztliche Gespräch mit dem Patienten über seine

Schwachstelle der sektorenübergreifenden Versorgung zu

Medikamenteneinnahme sehr wichtig: Die Adhärenz kann

verbessern. Auf das hier geforderte standardisierte Entlass-

nur durch den informierten Patienten gefördert werden.

management haben Hausärzte allerdings wenig Einfluss.

Durch den bundeseinheitlichen Medikamentenplan ist die Überprüfung der Arzneien sicherlich einfacher geworden.

Das Krankenhaus soll am Tag der Entlassung für eine naht-

Er ändert aber nichts an der Tatsache, dass oftmals die

lose Überleitung des Patienten in die ambulante Behand-

Verordnungen nicht den Bedürfnissen des Patienten ent-

lung sorgen. Dazu wäre bei einem multimorbiden Patienten

sprechen. Beispielsweise werden nicht verordnungsfähige

aber auch die Kontaktaufnahme mit dem Hausarzt, eventu-

Medikamente empfohlen ohne den Patienten darüber zu

ell schon während des stationären Aufenthaltes, sinnvoll.

informieren, dass er diese selbst bezahlen muss. Das führt

92


Praxisblick

dann immer wieder zu Diskussionen in der Hausarztpraxis, u. a. über die Sinnhaftigkeit dieser Verordnung. Das standardisierte Entlassmanagement wird seit über einem Jahr umgesetzt. Es hat einiges in der poststationären Versorgung verbessert. Trotzdem besteht weiterhin Optimierungsbedarf, damit der Hausarzt und der Patient davon profitieren können. Natürlich ist eine gute hausärztliche Vorbereitung des Patienten auf den Klinikaufenthalt ebenso wichtig wie das Entlassmanagement. Wünschenswert wäre ein stärkeres Einbeziehen des Hausarztes, gerade bei den multimorbiden Patienten. Zu fordern ist eine intensivere Kommunikation zwischen Haus- und Klinikärzten! Zur besseren Versorgung der älter werdenden Gesellschaft und der daraus resultierenden Multimorbidität ist im Gesundheitssystem eine Kooperation unter Aufsicht des Hausarztes zu fordern. Der Hausarzt als Koordinator sorgt dafür, dass der Patient auf der jeweils angemessenen Versorgungsebene behandelt wird. Durch Delegation von nicht ärztlichen Tätigkeiten an eine qualifizierte Mitarbeiterin kann diese den Patienten als Casemanagerin mitbetreuen und der Patient hat immer einen Ansprechpartner. Damit ist der Patient nach einer Krankenhausentlassung Anke Richter-Scheer + Fachärztin für Innere Medizin Palliativmedizin – hausärztliche Geriatrie

nicht verlassen, sondern optimal, da individuell, betreut.

93


Pflege@Quartier – eine Wohnung, die aufpasst

Immobile Innovation für altersgerechtes Wohnen

Laut des Zentralen Immobilien Ausschusses fehlen bis zum

von dem Projekt Pflege@Quartier hörten. Heute möchten

Jahr 2030 in Deutschland rund 2,9 Millionen altersgerech-

sie die bei ihnen verbaute Technik nicht mehr hergeben. Die

te Wohnungen. Im gleichen Zeitraum soll die Zahl der Pfle-

Konzeption für die Ausstattung der Wohnungen wurde in

gebedürftigen von derzeit 2,7 auf 3,4 Millionen steigen.

Zusammenarbeit mit Frau Prof. Birgit Wilkes von der Tech-

Um dem zu begegnen, muss schon heute damit begonnen

nischen Hochschule Wildau entwickelt. Jede Wohnung

werden, Wohnungen umzubauen und mit entsprechender

wurde individuell entsprechend den Bedürfnissen der Mie-

Technik auszustatten, die eine lange Pflege in der Häuslich-

ter ausgestattet. Umbauten mit Eingriff in die Bausubstanz

keit ermöglicht. Denn Befragungen zeigen, dass diejenigen,

waren dafür nicht notwendig.

die Pflege und Unterstützung benötigen, klare Vorstellungen haben, wie sie alt werden möchten: in den eigenen vier

Ein Schwerpunkt der Ausstattung lag auf der Sturzvermei-

Wänden und eingebunden ins familiäre und gesellschaftli-

dung. Die Wohnungen wurden mit Sensoren ausgestattet,

che Leben in ihrem Quartier.

die das Aktivitätsverhalten der Bewohner registrieren. Bleibt der Bewohner nach einem Sturz im Bad liegen, mel-

Gemeinsam mit der landeseigenen Wohnungsbaugesell-

det der Sensor dies an den Notdienst der Johanniter. Dem

schaft GESOBAU AG hat die AOK Nordost – Die Gesund-

Bewohner gibt das Sicherheit. Ein anderes Beispiel: Um den

heitskasse das vom GKV-Spitzenverband geförderte Mo-

nächtlichen Gang zur Toilette zu erleichtern, kann vom Bett

dellprojekt Pflege@Quartier umgesetzt. Ziel des Projektes

aus ein Lichtband auf Höhe der Fußbodenleiste angeschal-

war die Konzeption und Umsetzung eines praxistauglichen,

tet werden.

zukunftsweisenden Wohnkonzeptes im Märkischen Viertel Auch typische Gefahrenquellen im Alltag können durch

in Berlin für Menschen über 65 Jahre mit Pflegegrad.

technische Assistenzsysteme minimiert werden. VergesWährend der dreijährigen Projektlaufzeit wurden 30

sene Herdplatten und Wasserhähne stellen sich nach einer

Wohnungen der GESOBAU AG im Märkischen Viertel mit

gewissen Zeit automatisch ab oder der Bewohner wird an

technischen Assistenzsystemen ausgestattet. Das Durch-

das Ausschalten erinnert. Beim Verlassen der Wohnung

schnittsalter der Projektteilnehmer lag bei 77 Jahren. Vie-

können mittels eines an der Wohnungstür installierten

le der Projektteilnehmer waren zunächst skeptisch, als sie

Alles-aus-Schalters ausgewählte elektrische Geräte und

94


Pf lege zu Hause

Lampen ausgeschaltet werden. So kann z. B. ein Bügeleisen

kostenfrei und wird auch in Arabisch, Russisch, Türkisch

deaktiviert und damit als Gefahrenquelle beseitigt werden.

und Vietnamesisch angeboten.

Alterstypische Einschränkungen wie Altersschwerhörigkeit können kompensiert werden. So übersetzt z. B. ein klei-

Der Erfolg von Pflege@Quartier liegt zu großen Teilen in

nes Gerät in der Steckdose das akustische Klingeln an der

der Interdisziplinarität des Projektes. Die GESOBAU AG,

Wohnungstür in ein optisches Blinken.

die AOK Nordost, Forschungseinrichtungen, Kommune, Stadtteilakteure wie das Netzwerk Märkisches Viertel e. V.

Gerade bei älteren Menschen sind technische Assistenz-

und Wirtschaftsunternehmen haben hier eng zusammen-

systeme noch wenig bekannt. Mit ihrem Einbau in den

gearbeitet, um optimale Lösungen für das Leben im Alter

Wohnungen der GESOBAU AG trägt das Projekt dazu bei,

und bei Pflegebedürftigkeit zu entwickeln, zu erproben und

den Bekanntheitsgrad dieser Systeme zu erhöhen. Im Mär-

umzusetzen. Bestehende Angebote im Viertel wurden mit

kischen Viertel wurde im Rahmen des Projektes auch eine

dem Projekt Pflege@Quartier verknüpft und ausgeweitet,

Musterwohnung ausgestattet. Sie ermöglicht Interessier-

so z. B. ein Trainingsprogramm, das auch nicht so technik-

ten, sich anzuschauen, wie technische Assistenzsysteme im

affinen älteren Menschen ermöglichen soll, internetfähige

Alltag unterstützen können, und trägt so dazu bei, dass die

Geräte wie Smartphones oder Tablet PCs selbstständig zu

Zielgruppe mit den Unterstützungssystemen in Berührung

nutzen und Funktionen wie E-Mail, Google-Suche, Skype,

kommt.

Facebook und andere Anwendungen kennenzulernen und selbstständig zu nutzen. Digitale Kompetenz im Alter trägt

Während der gesamten Projektlaufzeit wurden nicht nur

dazu bei, in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben

die Projektteilnehmer, sondern auch deren Angehörige

teilnehmen zu können, und schützt so vor Isolation und

eng in das Projekt einbezogen. So vermitteln in der Muster-

Einsamkeit.

wohnung im Märkischen Viertel Pflegefachkräfte der AOK Nordost den pflegenden Angehörigen praktische Tipps und

Wir danken Jens Kreutzer, Unternehmensbereichsleiter

Tricks zur Körperpflege, zum Einsatz von Hilfsmitteln und Handgriffe bei der Lagerung und Mobilisation des Pflege-

Pflege-Verträge/Qualitätsmanagement, AOK Nordost,

bedürftigen. Das Angebot der AOK Pflegeakademie ist

für den Beitrag.

Gruppenbild der Referenten des Fachforums 7 „Daheim statt im Heim – bedarfsgerechte Wohn- und Pflegekonzepte“ + V. l. n. r.: Jens Kreutzer, Ursula Krickl, Siglinde Lebich, Andreas Horsche, Prof. Dr. Horst Kunhardt, Dr. Balasz Szathmary

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TK-Workshop zur informellen Pflege: Wir müssen reden

TK-Workshop zur informellen Pflege: Wir müssen reden

Tabuthema Pflege – Spiegelbild der Gesellschaft

Pflegende Angehörige leisten nach wie vor den Löwenanteil

Pflege ist ein Tabuthema: 56 Prozent der Menschen in

in der Pflege: Über 70 Prozent der pflegebedürftigen Men-

Deutschland haben mit dem engeren Umfeld noch nie über

schen in Deutschland werden von ihnen zu Hause gepflegt –

die eigene Pflege gesprochen. Auch als Pflegeversicherung

manche ausschließlich, bei manchen teilt sich ein Pflege-

machen wir oft die Erfahrung, dass das Thema erst bespro-

dienst die Aufgabe mit diesen „informell Pflegenden“. In der

chen wird, wenn die Pflegebedürftigkeit bereits da ist und

politischen Debatte stehen dennoch vor allem die profes-

ein Aufschieben somit nicht mehr möglich. Der Tenor am

sionell Pflegenden im Fokus, für deren Arbeitsalltag es kla-

Debattentisch: Ob über Pflege gesprochen wird oder nicht,

ren Handlungsbedarf gibt. Dennoch dürfen die pflegenden

ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn jung und gesund

Angehörigen nicht aus dem Fokus geraten – das gab den

zu sein zum Maß aller Dinge wird, Stichwort „Selbstopti-

Anlass für einen Workshop im Format „World Café“ zum

mierung“, fällt es schwer, über die Aspekte zu sprechen,

Thema „Pflegende Angehörige – Deutschlands größter

die dem nicht entsprechen. Dazu gehört schon das Thema

Pflegedienst: Welche Hilfe brauchen die Helfer?“, den wir

Altern an sich. Ein offenes Kommunikationsklima ohne sol-

als Techniker Krankenkasse auf der Berliner Pflegekonfe-

che Tabus hingegen braucht Vorbilder, die bewusst und vor

renz gestalteten.

allem öffentlich zeigen, dass es auch ein Leben ohne Insta-

Bei dem Debattenformat standen vier konkrete Fragen auf

gram-Körper gibt und dann gilt: „Wir müssen reden“.

der Agenda: „Tabuthema Pflege: Wie gelingt es, die Menschen dazu zu bringen, sich rechtzeitig damit auseinander-

Digitalisierung soll Pflegende entlasten – nicht ersetzen

zusetzen?“, „Ersatzpflege, Kurzzeitpflege & Co – welche

„Lieber digital gelöst als gar nicht gelöst“ – so lautete eines

Entlastung brauchen Angehörige wirklich?“, „Rettet das All-

der pragmatischen Fazits der Debatte rund um die Chancen

heilmittel Digitalisierung die Pflege?“ und „Zwei Jahre PSG II:

der Digitalisierung. Dass diese kein Allheilmittel ist, stand

Was hat es informell Pflegenden gebracht?“ Gemäß der

außer Frage – ebenso wie die Option einer zukünftigen

World-Café-Logik wurden diese an vier Tischen mit wech-

Pflege ohne digitale Unterstützung, sowohl für professio-

selnder Besetzung diskutiert.

nell Pflegende als auch für pflegende Angehörige. Dass die

96


Pf lege Pf legepolitik zu Hause

97


smarte Technik (Ambient Assisted Living, AAL), um selbst-

Weitere Informationen zum Thema Pflege, Pflegebereit-

ständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu unterstüt-

schaft und Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende An-

zen, erst an ihren Anfängen steht und hier für die Zukunft

gehörige gibt es unter www.tk.de.

noch viel möglich ist, sei klar. Die Digitalisierung der Pflege müsse immer unter der Prämisse stehen, den Menschen nicht zu ersetzen, sondern zu entlasten, so die Teilnehmer. Pflegehemmnis Bürokratie Kontrovers diskutiert wurden auch die politischen Rahmenbedingungen: Um informell Pflegenden echte Auszeiten zu verschaffen, sei die politisch avisierte Vereinfachung und weitere Flexibilisierung der verschiedenen Budgets zu begrüßen. Insgesamt sei ein Bürokratieabbau in der Pflege nötig – und auch in der Debatte zur Performance des PSG II fiel das Stichwort „Pflegedschungel“ nicht nur in einer Diskussionsrunde. Zu viele einzelne Leistungen, Budgets und Regelungen erschwerten den ohnehin schon belasteten Pflegenden den Alltag. Doch: Hier könne sich die Digitalisierung als Chance erweisen, den Weg für Anträge & Co zu vereinfachen. Positiv hingegen schnitt der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ab, der vor allem Menschen mit Demenz den Weg zu Leistungen aus der Pflegeversicherung erleichtern soll. Als TK-Pflegeversicherung schätzen wir den direkten Aus-

Georg van Elst + Leitung Team Pflegeleistungen der Techniker Krankenkasse + www.tk.de

tausch mit professionell und informell Pflegenden und freuen uns über die Impulse aus Berlin.

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ALLES UNTER EINEM DACH Ambulanter Kinderhospizdienst Sonnenhof – Hospiz für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Kinderpalliativ-Team Sozialmedizinische Nachsorge Familien- und Einzelfallhilfen Geschwisterangebote Trauerangebote

Spendenkonto Bank für Sozialwirtschaft IBAN: DE34 1002 0500 0001 1456 00 BIC: BFSWDE33BER

Björn Schulz Stiftung Wilhelm-Wolff-Straße 38, 13156 Berlin Telefon 030 / 398 998 50, Telefax 030 / 398 998 99 Mail info@bjoern-schulz-stiftung.de, Web www.bjoern-schulz-stiftung.de Standorte in Berlin, Potsdam, Brandenburg, Sylt und am Chiemsee 99

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Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige

Pflegende Angehörige stützen die Pflege in Deutschland. Aber Pflege betrifft nicht nur Ältere. In Berlin wächst jeder dritte Jugendliche mit chronisch kranken oder behinderten Angehörigen auf. 6,8 Prozent aller Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren übernehmen darüber hinaus große Pflegeverantwortung für diese Familienmitglieder. Sie leben häufiger in Ein-Eltern-Familien als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler und ihre Familien haben im Durchschnitt einen niedrigeren ökonomischen Status. Diese Zahlen liefert eine Erhebung der Fachstelle für pflegende Angehörige im Auftrag der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung unter 650 Schülerinnen und Schüler. Deutschlandweit liegen durch die KiFam-Studie der Universität Witten-Herdecke ähnliche Zahlen vor. Auswirkungen der Pflegeverantwortung für Jugendliche

Ort, an dem sich Betroffene fast genauso wohl fühlen wie

Die problematischen Auswirkungen der Pflege treffen für

ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Somit ist Schule po-

pflegende Kinder und Jugendliche in besonderem Maße

tenziell ein wichtiger und positiv besetzter Ort, der womög-

zu, denn für sie ist die Pflegeverantwortung aufgrund der

lich auch als Auszeit aus der Pflegeverantwortung gesehen

Altersunangemessenheit häufiger und schneller überfor-

werden kann. Gerade deshalb wünschen sich ein Viertel der

dernd. Dies wirkt sich negativ auf die Bereiche Bildung,

Betroffenen Unterstützung in der Schule in Form einer Ver-

Gesundheit und Sozialleben aus und damit noch weit ins

trauensperson, die dafür sorgt, dass sie durch die Pflegeve-

Erwachsenenalter. Betroffene Schüler(innen) zeigen im

rantwortung keine Nachteile in der Schule erfahren.

Vergleich zur Gesamtstichprobe ein deutlich geringeres allgemeines Wohlbefinden und haben weniger Zeit für sich

Pflegende Jugendliche werden kaum wahrgenommen

selbst. Der Kontakt zu Freunden ist für sie sehr wichtig und

Betroffene Familien verschweigen die eigene Pflegesituati-

sie sind zufrieden mit den Freundschaftsbeziehungen. Im

on oft; Kinder und Jugendliche nehmen sich selbst oft nicht

schulischen Bereich sind sie weniger mit ihren schulischen

in ihrer Pflegerolle wahr. Dies macht es schwierig, Hilfsan-

Leistungen zufrieden als ihre Mitschülerinnen und Mit-

gebote an die Familien zu bringen.

schüler. Durch die Befragung in Berlin aus dem Jahr 2017

Die Krankheit und die damit einhergehenden Veränderun-

kann nicht überprüft werden, ob die Schulleistungen auch

gen stärken oft den Familienzusammenhalt. Gleichzeitig

objektiv schlechter sind, aber gerade die Studien aus Groß-

kann der Verlust der familiären Normalität Schamgefühle

britannien von Saul Becker und anderen legen dies nahe.

erzeugen und die Bemühungen, das Familiensystem auf-

Auch, dass Betroffene in dieser Befragung angeben, deut-

rechtzuerhalten, kosten Kraft und Energie. In vielen Fällen,

lich weniger ausreichend Zeit für Hausaufgaben und zum

in denen junge Menschen mit Pflegeverantwortung subs-

Lernen zu haben, spricht hierfür. Die Schule ist trotzdem ein

tanzielle (Pflege-)Aufgaben übernehmen, bleiben daher die

100


Pf lege zu Hause

Familiensituation und die möglicherweise daraus resultie-

Weiterhin sind folgende Handlungsempfehlungen sinnvoll:

rende Überforderung vor Fachkräften und dem professio1. Sensibilisierung von Fachkräften in den Bereichen

nellen Hilfesystem verborgen.

Bildung, Jugend, Pflege und betreffenden Beratungs-

Professionelle Beratung und Entlastungsangebote werden

stellen durch Schulungen

dann oft als unerwünschte Einmischung von außen empfunden, die das vertraute, intime Familiensystem durchei-

2. Zugangswege in die Familien schaffen, beispielsweise

nanderbringt, und die Angebote werden kritisch bewertet

durch Pflegeberatungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB

oder abgelehnt. Infolgedessen investieren auch Kinder und

XI oder über Schulen, Jugendzentren, Sportvereine etc.

Jugendliche mehr und mehr Energie und Zeit in die Auf-

3. Vernetzung der Unterstützungsangebote und Ressorts bereichsübergreifend

rechterhaltung des Alltags, da sie Angst vor einer Trennung

4. Etablierung von Hilfen für Kinder, Jugendliche und

der Familie haben. Sie entwickeln Strategien, um die Pflegeverantwortung zu verbergen, und befinden sich in einem

junge Erwachsene mit Pflegeverantwortung, insbe-

Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach Hilfe und der Angst

sondere Beratung und Gruppenangebote, aber auch

vor negativen Konsequenzen, wenn sie sich Hilfe suchen. Es

Freizeit und Entlastung

bedarf der Feinfühligkeit und Aufmerksamkeit von Fach-

5. Kampagnen zur Thematisierung der Pflege durch Kin-

personen, bestimmte Signale wahrzunehmen und in Bezug

der und Jugendliche mit dem Ziel der Sensibilisierung

auf ihre Ursachen zu deuten. Nur so kann den direkten und

von selbst Betroffenen und Fachkräften

langfristig negativen Folgen der zu hohen Pflegeverantwortung im jungen Alter entgegengewirkt werden.

Durch Angebote wie das Berliner Projekt „echt unersetzlich“ sind erste kleine Schritte in diese Richtung ge-

Unterstützungsbedarfe

tan. Hier finden nicht nur Jugendliche Rat, sondern auch

Die Befragung der Fachstelle zeigt, dass Betroffene weni-

Fachkräfte kollegiale Beratung und Schulungen. Auch

ger oft konkrete Unterstützungsangebote für sich selbst

das BMFSFJ hat sich mit dem Projekt Pausentaste dieser

wünschen. Dies erstaunt, da das oben beschriebene sub-

Gruppe angenommen. Hoffen wir, dass dieser Weg mutig

jektive Belastungsempfinden hoch ist und die Hälfte der

weiter beschritten wird!

Befragten angab, sich generell Unterstützung zu wünschen oder gewünscht zu haben. Die qualitative Forschung von Prof. Metzing liefert dafür die Erklärung: Es ist ihnen wichtig, dass es der Familie gut geht und die erkrankte Person wieder gesund wird. Dafür stellen sie eigene Bedürfnisse zurück. Auch die Angst, die Pflegesituation öffentlich machen zu müssen und daraus negative Konsequenzen für die Eltern oder die Sicherung der Pflege in der Familie zu erfahren, sind Hemmnisse bei der Inanspruchnahme von Hilfen. Dies schlägt sich in den gewünschten Unterstützungsangeboten nieder. Bei beiden stehen die Hilfen für die gesamte Familie und praktische Unterstützung an den ersten Stellen. Unterstützung und Beratung für sich selbst wird etwas seltener angegeben. Handlungsempfehlungen Fachkräfte aus Bildung, Sozialarbeit und Pflege müssen bereichsübergreifend für diese Gruppe sensibilisiert werden, um auf Unterstützung hinwirken zu können. Dafür müssen sie die familiären Bedeutungszusammenhänge in betroffenen Familien kennen, die Auswirkungen auf die Jugendlichen verstehen und Ansätze zur Unterstützung in der eigenen Arbeitspraxis reflektieren. Dafür eignen sich Arbeitshilfen, wie das Handbuch „Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige“ aus dem europäischen Projekt

Benjamin Salzmann + Fachstelle für pflegende Angehörige + www.echt-unersetzlich.de

EPYC, das vom Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte e. V. durchgeführt wurde.

101


Pflegende Angehörige — gleichberechtigte Partner im Pflegesystem?

In Deutschland leben über 3 Millionen Menschen mit einer nach dem Pflegeversicherungsgesetz anerkannten Pflegebedürftigkeit, d.h., sie haben einen Pflegegrad. Nahezu die Hälfte von ihnen wird ausschließlich von Privatpersonen gepflegt, meist den Angehörigen, Freunden und Nachbarn. Ein weiteres Viertel wird in der eigenen Häuslichkeit durch ambulante Pflegediensten, häufig in Verbindung mit engagierten Zugehörige versorgt. Damit sind pflegende Angehörige der mit Abstand größte Pflegedienst Deutschlands. Durch die alternde Gesellschaft steigen die Zahlen der Pflegebedürftigen in den nächsten Jahren erheblich an. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist frühestens in 20 bis 30 Jahren zu erwarten. Damit kommt der Pflege durch Angehörige – vor allem vor dem Hintergrund des längst vorhandenen Pflegekräftemangels und der nun in den Ausbildungsbereich nachrückenden geburtenschwachen Jahrgänge – eine unschätzbare Bedeutung zu.

Pflege zu Hause durch Angehörige ist „Mainstream“

der Wohnung, Behördenangelegenheiten etc.). Doch auch

Befragungen belegen, dass 80 bis 90 Prozent aller Men-

diese Verteilung ändert sich langsam.

schen sich das Älterwerden und die damit verbundene

Sicher ist, dass die Angehörigenpflege völlig unabhängig

pflegerische Versorgung in den eigenen vier Wänden wün-

von Bildungsstand, Einkommen, Herkunft oder auch Alter

schen. Idealerweise von den ihnen vertrauten Verwandten,

ist. Zwar ist die größte Gruppe der pflegenden Angehörigen

Nachbarn und Freunden. Trotzdem wird die Bedeutung

zwischen 40 und 60 Jahre alt. Wir wissen aber mittlerwei-

pflegender Angehöriger, Freunde und Nachbarn in der Ge-

le durch Umfragen, dass bereits zwischen 6 und 7 Prozent

sellschaft kaum wahrgenommen.

der Zwölf- bis 17-Jährigen Pflege oder ähnliche Sorgearbeit für Angehörige leisten. Insgesamt sind etwa 7 Prozent

Wer sind pflegende Angehörige?

der Gesamtbevölkerung pflegende Angehörige. Das sind

Grundsätzlich gibt es nicht „die“ pflegenden Angehörigen.

über 5 Millionen Menschen in Deutschland. In Berlin etwa

Angehörigenpflege kann jeden betreffen und oft sind es

200.000.

entweder plötzliche (z. B. nach einem Schlaganfall) oder schleichende (z. B. durch eine Demenz) Situationen, durch

Die Situation pflegender Angehöriger zu Hause

die jeder von uns pflegender Angehöriger werden kann.

Fast 70 Prozent der Angehörigen, die zu Hause pflegen,

Pflegende Angehörige sind zu etwa zwei Drittel Frauen, je-

tun dies ganz ohne Pflegedienst. Eine nachhaltige Unter-

doch wächst der prozentuale Anteil der Männer als Haupt-

stützung durch weitere Familienangehörige ist nicht immer

pflegepersonen in den letzten Jahren stetig. Tendenziell

vorhanden. Am Anfang der Pflegetätigkeit vieler Angehöri-

übernehmen Frauen dabei mehr die direkte Pflege (Kör-

ger steht oft eine Mehrfachbelastung durch Familie, Beruf,

perpflege, Essenszubereitung etc.) und Männer mehr den

Haushalt und Pflegetätigkeit. Danach nimmt nicht selten

häuslichen Part (Einkaufen, Instandhaltung oder Umbau

die Pflegeaufgabe im Leben der pflegenden Angehörigen

102


Pf lege zu Hause

mit der Zeit einen immer größeren Raum ein. Dies kann zum

Entlastungsangebote, wie z.B. die Einrichtung einer Nacht-

Verlust der Berufstätigkeit, zu sozialer Isolation, Verein-

pflege oder einer Kurzzeitpflege für pflegebedürftige Kinder,

samung und im weiteren Verlauf zu Überforderung führen.

kommt – meist aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen –

Dieser Zustand der „Selbstvernachlässigung“ pflegender

zu kurz.

Angehöriger wird durch ihre knappen zeitlichen Ressourcen und das Gefühl, funktionieren zu müssen, verstärkt. Das bewirkt, dass pflegende Angehörige um bis zu 50 Prozent mehr schwerwiegende Erkrankungen haben als gleichaltrige Versicherte ohne diese Zusatzbelastung. Hierbei überwiegen psychische und seelische Erkrankungen, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen

In Berlin gibt es deshalb vom 11. bis 17.05.2019 bereits zum 5. Mal eine Woche der pflegenden Angehörigen, an der sich viele Kooperationspartner beteiligen. Im Rahmen von kostenlosen kulturellen Veranstaltungen „üben“ pflegende Angehörige Selbstpflege und kommen miteinander ins Gespräch. Es werden zehn pflegende Angehörige in einem bewegenden Festakt stellvertretend für alle am 17.5.2019 im Roten Rathaus mit dem Berliner Pflegebären bzw. dem Pflegekompass geehrt. Bis zum 28.2. sind noch Nominierungen für diese Ehrung möglich. Nominieren kann jeder Bürger unter www.woche-der-pflegenden-angehoerigen.de. Die damit verbundene Implementierung einer Anerkennungskultur kann dann besonders wirksam in die Gesellschaft getragen werden, wenn Netzwerke funktionieren und die Multiplikatoren motiviert sind. Jeder kann jederzeit Partner werden, egal ob aus dem Gesundheitswesen oder aus anderen Gesellschaftsbereichen wie z. B. dem Wohnungsbau.

des Bewegungsapparates sind häufiger. Woran liegt das? Am Anfang einer Pflegesituation gehen pflegende Angehörige fast immer von der Überschaubarkeit ihrer eigenen Pflegeleistung aus. Das gilt sowohl für den Umfang als auch für die Dauer. Die durchschnittliche Pflegedauer in Deutschlands Haushalten liegt, je nach Studie, zwischen sieben und zehn Jahren. Tendenz steigend. Es ist praktisch unmöglich, sich einen so langen Zeitraum vorzustellen. Geschweige denn, ihn als Teil des eigenen Lebens zu planen. In der Folge kommt es schleichend zu einer Situation, in der pflegende Angehörige ein Gefühl der Unentbehrlichkeit entwickeln. Dies bewirkt, dass sie selbst bei eigener Erkrankung diese ignorieren oder maximal ambulant behandeln lassen. Viele Angehörige empfinden es als Schwäche oder sogar als persönliches Versagen zuzugeben, dass sie mit der Versorgung der ihnen anvertrauten Pflegebedürftigen überfordert sind. Wie also kann man pflegende Angehörige unterstützen? Pflegende Angehörige haben Unterstützung verdient So vielfältig wie sich die Pflegesituationen und die Rahmenbedingungen in Bezug auf familiäres und soziales Umfeld, Wohnraumverhältnisse, Diagnose, Alter, psychische und körperliche Verfassung, berufliche Verpflichtungen, Vorkenntnis, Informationszugänge, Bildungsstand, zeitliche Ressourcen usw. darstellen, so vielfältig sollte grundsätzlich auch das Entlastungssystem sein. Pauschale Lösungen zur Entlastung pflegender Angehöriger gibt es nicht. Die meisten Unterstützungs- und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige basieren auf den gesetzlichen Grundlagen des Pflegeversicherungsgesetzes SGB XI. Unterstützungssysteme wie Tagespflege, Kurzzeitpfle-

Frank Schumann + Projektleiter der Fachstelle für pflegende Angehörige im Diakonischen Werk Berlin-Stadtmitte e. V., Berlin + www.woche-der-pflegenden-angehoerigen.de

ge, Beratungsansprüche, Betreuungsangebote usw. werden von pflegenden Angehörigen z.T. zu selten genutzt. Trotzdem kommen manche Angebote aufgrund fehlender Kapazitäten an ihre Belastungsgrenzen. Spezialisierte

103


Leben mit Demenz

Wie Betroffene unterstützt werden können

In der Regel bedeutet die Diagnose Demenz einen Schock,

angesprochen, zu bestimmten Themen Stellung zu nehmen.

besonders, wenn man die Diagnose noch im aktiven Berufs-

Oder ich konnte mit Firmen sprechen, die technische Gerä-

leben erhält. Auch für Bernd Heise, der vor etwa zwei Jah-

te für Alzheimer-Erkrankte entwickeln wollen.“

ren im Alter von 61 Jahren diagnostiziert wurde, bedeutete

Hilde Eickhoff:

diese Erkrankung die Aufgabe seiner Berufstätigkeit als Ingenieur. Sowohl für ihn als auch für seine Ehefrau Hilde war es nicht einfach, mit der neuen Situation umzugehen.

„Die erste Zeit nach der Diagnose war sehr schwierig für

Mittlerweile hat er sich neu orientiert und hat allerlei Än-

uns. Ich hatte Zukunftsängste und war der Meinung, ich

derungen in seinem Alltag vorgenommen.

müsste nun die ganze Verantwortung alleine tragen. Dabei kam es immer wieder zu Streitigkeiten. Bernd kam sich

Bernd Heise:

dadurch sehr bevormundet und falsch verstanden vor. Mittlerweile sind wir in die neue Situation hineingewach-

„Ich versuche, meine Tage sehr stark zu strukturieren. Alle

sen, und wir haben einen Weg gefunden, miteinander gut

Termine und Aufgaben speichere ich in meinem Handy bzw.

auszukommen. Glücklicherweise verläuft die Krankheit bei

im PC. Ich hoffe, dass ich durch diese Struktur möglichst

Bernd sehr langsam.“

lange selbstständig bleiben kann. Das ist mir sehr wichtig. Ich habe auch festgestellt, wenn ich ausreichend schlafe,

Am Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesell-

bin ich fitter und mein Gedächtnis ist besser. Deshalb ver-

schaft rufen jährlich zwischen 5.000 und 6.000 Personen

suche ich, zu einer festen Zeit ins Bett zu gehen.

an. In der Regel sind es die Angehörigen, die anrufen. Häu-

Ich habe nach der Diagnose Kontakt zur Alzheimer Gesell-

figster Grund für den Anruf ist der Umgang mit schwierigen

schaft München aufgenommen. Der Austausch mit ande-

Verhaltensweisen. Angehörige wissen nicht, wie sie mit de-

ren, die sich auch mit dem Thema beschäftigen, hat mir sehr

menzbedingten Reaktionsweisen umgehen sollen, wie sie

geholfen.

z. B. darauf reagieren sollen, wenn der Betroffene sich wei-

Die Alzheimer Gesellschaft in München hat ein breites

gert, zum Arzt zu gehen, nachts die Wohnung verlassen will,

Freizeitangebot. So nehme ich an vielen Ausflügen und

unbedachte Einkäufe tätigt oder sich von allem zurückzieht.

Veranstaltungen der Alzheimer Gesellschaft teil, z. B. bei

Aber auch die eigene Belastung und Erschöpfung wird the-

Führungen und Wanderungen oder in der Qigong-Gruppe.

matisiert. In vielen Fällen begleiten und pflegen Angehörige

Inzwischen engagiere ich mich auch verstärkt in der Alzhei-

über einen langen Zeitraum und das oft allein. Kinder woh-

mer Gesellschaft. In der Folge werde ich auch manchmal

nen zunehmend weit entfernt und sind – wenn sie selbst

104


Herausforderung Demenz

pflegen – besonders belastet, wenn noch das Kümmern um

Aber auch in stationären Einrichtungen oder der Tagespfle-

eigene Kinder und eine Berufstätigkeit dazukommt. Viele

ge kann ein Leben mit Demenz positive Erlebnisse bedeu-

weitere Aspekte spielen bei Demenz eine Rolle und werden

ten. Dabei kommt es sehr auf das Personal und seine Ein-

als Fragen an die Beraterinnen adressiert:

stellung an. Leider macht sich der Personalmangel bereits an vielen Orten stark bemerkbar. Angehörige übernehmen

• •

Kann man einer Demenz vorbeugen?

Aufgaben wie Essensgabe im Heim, was insbesondere für

Wo bekomme ich überhaupt eine Diagnose,

hochaltrige Partner eine hohe Belastung ist.

wenn ich beunruhigende Symptome bemerke?

Die Bundesregierung hat die Entwicklung einer nationalen

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?

Demenzstrategie beschlossen, wie es sie schon in vielen eu-

Wo finde ich Beratung und Unterstützung?

ropäischen Ländern gibt. Dies wurde von Gesundheitsmi-

Wie finanziere ich diese?

nister Spahn und Familienministerin Giffey in der „Woche

Welche Leistungen der Pflegeversicherung stehen

der Demenz“ am 19. September 2018 verkündet. Ange-

mir zu?

sichts der noch weiter steigenden Zahlen – aktuell gibt es

Was ist zu tun, wenn die Geschäftsfähigkeit

etwa 1,7 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland

nachlässt?

– ist es auch dringend nötig, weitere Maßnahmen zu ergrei-

Wie kann ich verhindern, dass mein Mann noch

fen, die Menschen mit Demenz und ihre Familien unterstüt-

Auto fährt?

zen, die Forschung voranbringen, die gesellschaftliche Ver-

Sollte man einer künstlichen Ernährung durch eine

antwortung stärken und das Versorgungssystem für diese

PEG-Sonde zustimmen?

Personengruppen zukunftsfest gestalten.

• • •

Dies sind nur einige der Fragen, die im Verlauf einer Krankheit entstehen können. Die Krankheit anzunehmen und zu bewältigen, ist oftmals ein langer Prozess, wie die Gespräche am Alzheimer-Telefon zeigen. Dass das Leben aber auch mit einer Demenz lebenswert sein kann, zeigen Menschen mit Demenz, die sich noch aktiv in Gruppen einbringen. Wenn die Umgebung gut Bescheid weiß über die Erkrankung, kann die Selbstständigkeit im gewohnten Umfeld noch länger erhalten bleiben. Die Kampagne Demenz Partner der DAlzG will helfen, möglichst viele

Sabine Jansen + Geschäftsführerin, Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. + www.deutsche-alzheimer.de

Menschen über das Krankheitsbild aufzuklären und sensibel für Unterstützungsmöglichkeiten zu machen. Mehr als 32.000 Demenz Partner gibt es bereits in Deutschland.

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Perspektiven und Handlungsfelder in der ambulanten Versorgung von Menschen mit Demenz

In der Bundesrepublik Deutschland waren nach Angaben

Pflege- und Versorgungsangebote deutlich verändert. Auch

des Statistischen Bundesamtes im Dezember 2015 knapp

wenn demenzielle Erkrankungen weiterhin ein wichtiger

2,9 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pfle-

Grund für den Übergang in die vollstationäre Heimversor-

geversicherungsgesetzes (SGB XI), was einer Steigerung

gung sind (Luppa et al. 2011, Rothgang et al. 2008, Weyerer

um fast 9 Prozent in den vorangegangenen zwei Jahren

2000) und Unterbringungsraten mit zunehmender Krank-

entspricht. 83 Prozent der Pflegebedürftigen sind dabei äl-

heitsschwere ansteigen (Bickel 2001), besteht gesellschaft-

ter als 65 Jahre und mehr als ein Drittel (37 Prozent) über

lich die zunehmende Forderung bzw. der Wunsch nach

85 Jahre alt (StBa 2017). Bedingt durch die Umstellung auf

Selbstbestimmung im Alter in Bezug auf das Wohnen und

Pflegegrade ab dem 1. Januar 2017 steht zu erwarten, dass

die pflegerische Versorgung. Hieraus ergibt sich die Forde-

diese Anzahl durch den Einbezug von Menschen mit ein-

rung, dass es eines starken gesellschaftlichen Engagements

geschränkter Alltagskompetenz wie bspw. Menschen mit

bzgl. der Konzeption und Entwicklung/Verbreitung alters-

Demenz noch einmal deutlich angestiegen ist und aufgrund

gerechter Wohn- und Versorgungsformen bedarf. Zudem

des demografischen Wandels weiterhin ansteigen wird.

wirft es die Fragen auf, wie es gelingen kann,

Demenzen gehören dabei zu den häufigsten neuropsychi-

die Sicherung von Lebens- und Versorgungsqualität zu gewährleisten,

atrischen Erkrankungen im Alter (Weyerer 2005). Progno•

sen gehen davon aus, dass die derzeitig geschätzte Anzahl

eine hochwertige medizinische und pflegerische Versorgung sicherzustellen,

von 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenz bis zum •

Jahr 2050 auf 3,0 Millionen Menschen ansteigen wird (Bi-

Wohnwünsche/Wohnpräferenzen älterer Menschen adäquat zu berücksichtigen,

ckel 2016). Etwa 70 Prozent der Pflegebedürftigen und 75 •

Prozent aller Menschen mit Demenz werden zu Hause mit

präventive Maßnahmen weiterzuentwickeln und gleichzeitig

Unterstützung Angehöriger versorgt (StBa 2013, Grass•

Kapanke et al. 2008). Diese Versorgung ist einerseits oft

Kosten und Ressourcen im Blick zu behalten (vgl. auch Rothgang & Unger 2011).

von vielfältigen Problemlagen bei der ärztlichen und pflegerischen Versorgung, aber auch von gravierenden Belastungssituationen bei versorgenden Angehörigen und einer

Zu bedenken ist jedoch auch, dass es für Demenzerkran-

Abnahme des Pflegepotenzials familialer Systeme gekenn-

kungen derzeit keine kurative Therapie gibt. Demenzer-

zeichnet, und andererseits haben sich Erwartungen an

krankungen stehen damit im Mittelpunkt einer pflegerischen

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Herausforderung Demenz

§113 SGB XI festgeschrieben, um ein bundeseinheitliches Konzept für eine Qualitätssicherung in neuen Wohnformen zu entwickeln und zu erproben. Anders als in einer stationären Versorgung sind neue/innovative Wohnformen dabei von ihrer Zwischenstellung zwischen Heim und Häuslichkeit und einer Vielzahl von Akteuren gekennzeichnet, und die Nutzerinnen und Nutzer von neuen ambulanten Wohnformen bleiben immer in eine (Teil-)Verantwortung auch für eine Qualitätssicherung eingebunden. Daraus resultiert eine hohe Komplexität der Anforderungen an ein solches Qualitätssicherungskonzept. Derzeit können externe (leistungsrechtliche) Qualitätsprüfungen zudem nur dort angedacht werden, wo auch tatsächlich Leistungen fließen. Die Evidenzlage zu Versorgungsoutcomes sowie Qualitätskriterien und -indikatoren in neuen Wohnformen ist dabei in der (inter)nationalen Literatur derzeit unzureichend und in Bezug auf Versorgungseffekte wie bspw. eine verbesserte Lebensqualität auch uneinheitlich (Marquardt & Schmieg Versorgung, und die Erhaltung der Lebensqualität von Men-

2009, te Boekhorst et al. 2009, Verbeek et al. 2010, Wolf-

schen mit Demenz und die Reduzierung einer Belastungssi-

Ostermann et al. 2012).

tuation von versorgenden Angehörigen sind damit primäre Ziele, wodurch der Fokus auf Bewältigungsstrategien und

Um eine drohende Versorgungslücke aufgrund allgemeiner

Verbesserung der Selbsthilfefähigkeit insbesondere auch

Entwicklungen zu schließen und um eine adäquate Versor-

von Angehörigen liegen sollte. In der Versorgung von Men-

gung von Menschen mit Demenz weiterhin zu gewährleis-

schen mit Demenz sind daher vielfältige und niedrigschwellig

ten und voranzutreiben, ist eine bessere Vernetzung von

verfügbare Unterstützungsleistungen – auch technische Un-

Versorgungspraxis und Versorgungsforschung daher un-

terstützungssysteme –, die soziale Teilhabe, Wohlbefinden

abdingbar, die sowohl die Erarbeitung belastbarer wissen-

und eine möglichst hohe Autonomie erhalten und gleichzei-

schaftlicher Erkenntnisse befördert als auch den Transfer

tig Angehörige entlasten, essenziell.

in die (kleinräumige) Versorgungspraxis – auch und gerade unter Einbezug vorliegender regionaler und kommuna-

Neben einer Vernetzung von Versorgungsstrukturen ge-

ler Strukturen. Wünschenswert ist dabei auch, dass die

winnt die Versorgung durch Netzwerke und alternative/

Pflege(wissenschaft) als akademische Disziplin und gleich-

innovative Versorgungsformen dabei immer mehr an Be-

zeitig wichtiger Akteur deutlicher in Erscheinung tritt und

deutung (Schäfer-Walkmann & Deterding 2010). Regionale

durch eine qualitativ hochwertige pflegerische Versor-

Demenznetzwerke als Kooperationen von verschiedenen

gungsforschung zur Bewältigung dieser gesellschaftlichen

Akteuren im Gesundheitswesen werden seit Januar 2016

Herausforderungen beiträgt.

im Rahmen des zweiten Pflegestärkungsgesetzes (§45c Absatz 9 SGB XI) explizit gefördert. Auch sonst wurde seit Beginn der Pflegeversicherung im Jahr 1994 ein weiter Weg zurückgelegt und es wurden viele Verbesserungen für Menschen mit Demenz und ihre versorgenden Angehörigen erzielt. Neben finanziellen Einzelleistungen wurden mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz im Januar 2015 auch explizit innovative ambulante Wohnformen wie ambulant betreute (Pflege-)Wohngemeinschaften gefördert (§§ 38a, 45e, 45f SGB XI; zudem abschlagsfreie Kombination aus §§ 36 und 41 SGB XI). Derzeit bestimmen Diskussionen wie es gelingen kann, Qualitätsstandards auch in solchen Versorgungsformen zu sichern, an Gewicht. So wurde im dritten

Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann + Leiterin der Abteilung Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung, Institut für Public Health und Pflegewissenschaft (IPP), Universität Bremen + www.public-health.uni-bremen.de

Pflegestärkungsgesetz (§113b Abs. 4 SGB XI) die Beauftragung fachlich unabhängiger wissenschaftlicher Einrichtungen oder Sachverständiger durch die Vertragsparteien nach

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Impressum

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Redaktionsschluss: 31.01.2019 ISSN 2366-3502

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NEU BEI

Pflegewelt – der Podcast zur Pflege 1. Überlastet und unterbezahlt Die schwierige Situation der osteuropäischen Betreuungspersonen in der deutschen Pflege. Im Gespräch mit Prof. Bernhard Emunds von der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen sowie dem Rechtsanwalt und Vorsorgeanwalt Frederic Seebohm.

2. Demenz – die Angst vor der Erkrankung im Alter Was bedeutet die Diagnose für Betroffene und Angehörige – und was getan werden kann für die Versorgung und die Teilhabe. Pflegewelt im Gespräch mit der Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe, Sabine Jansen und Sabine L. Distler, Geschäftsführerin Curatorium Altern gestalten gGmbH.

3. Wenn Kinder ihre Eltern pflegen müssen Prof. Dr. Michael Klein (DISuP), Gabriele Tammen-Parr und Benjamin Salzmann vom Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte im Gespräch über die besondere Belastung von Jugendlichen in Pflegesituationen.

4. Entlassen, aber nicht allein gelassen! Wie richtiges Entlassmanagement funktioniert, erläutern Caroline Drößler von der Verbraucherzentrale Bundesverband und Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverbandes WestfalenLippe e. V.

5. Die Berliner Pflegekonferenz 2018 Stimmen und Meinungen vom großen Branchentreff der Pflege. Entscheider, Experten und Praktiker diskutierten Lösungen, wie die Pflege verbessert werden kann. Außerdem das große Highlight – die Preisverleihungen des Otto Heinemann Preises und des Marie Simon Pflegepreises.

berliner-pflegekonferenz.de/podcast


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pflege\welt - Ausgabe 04/2019  

Grenzenlose Pflege: Von Rheinland-Pfalz bis Vietnam / Die konzertierte Aktion Pflege: Bundesfamilienministerin Giffey auf der Berliner Pfleg...

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