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Otto Heinemann Preis 2017 zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Wir suchen Vorbilder für eine pflegefreundliche Arbeitswelt – bundesweit! Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird in immer mehr Unternehmen zu einem wichtigen Thema. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des absehbaren Fachkräftemangels rücken dabei auch Erwerbstätige, die gleichzeitig Familienangehörige pflegen müssen, zunehmend in den Fokus der Arbeitgeber. Gesucht wird daher das innovativste Unternehmen, das in herausragender Weise für seine Beschäftigten optimale Bedingungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Arbeit schafft und mit Ideenreichtum und unternehmerischer Weitsicht auf das Wohl seiner Angestellten zielt.

Preisträger

2016 Amtsgericht Offenbach am Main EJOT Holding GmbH & Co. KG Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR), Anstalt des öffentlichen Rechts

Bewerbungsschluss: 30. Juni 2017

Ab 2017: Sonderpreis der Jury für kleine Unternehmen Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.otto-heinemann-preis.de


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Editorial Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern

Pflegeberaterinnen und Pflegeberatern erarbeitet werden.

möglich machen! Dieser Satz von Antoine de Saint-Exupéry

Darüber hinaus soll durch Rahmenvereinbarungen auf

ist auch im Hinblick auf die Zukunftssicherung der Pflege

Landesebene künftig auch eine strukturierte Zusammen-

wegweisend. Gute Pflege geht uns alle an, denn früher oder

arbeit mit der Kommune bei der Pflegeberatung sicherge-

später werden wir alle alt und in vielen Fällen auch pflege-

stellt werden. Der Diskussionsbedarf ist zwar noch hoch,

bedürftig. Versäumen wir, die richtigen Maßnahmen zu

aber die stärkere Verankerung der Kommunen in der

ergreifen und die sich ständig ändernden Rahmenbedingen

Pflege wird von vielen Seiten unterstützt.

zu berücksichtigen, ist eine menschenwürdige Pflege in der

Auch in diesem Jahr haben wir herausragende Projekte im

Zukunft nicht zu gewährleisten.

Bereich der Pflege und der Vereinbarkeit von Pflege und

Die Frage, wie eine gute Versorgung Pflegebedürftiger in

Beruf mit dem Marie-Simon- und dem Otto-Heinemann-Preis

der Praxis aussieht, stand daher erneut im Fokus der

ausgezeichnet. Denn aus unserer Sicht ist es ein wichtiges

3. Berliner Pflegekonferenz. Ein zentrales Anliegen der

Ziel, unser Augenmerk stärker auf diejenigen zu richten, die

Berliner Konferenz ist es, unterschiedliche Herangehens-

sich tagtäglich für bessere Rahmenbedingungen für die

weisen kennenzulernen. Nur so wird es gelingen, uns neuen

Pflegebedürftigen und die Pflegenden einsetzen.

unkonventionellen Lösungsansätzen zu öffnen und sie für

Die Berliner Pflegekonferenz hat sich damit erneut als

uns nutzbar zu machen. Daher haben wir unseren Blick

lebendige Austauschplattform über alle Interessengrup-

auch in diesem Jahr bewusst über unsere Landesgrenzen

pen hinweg bewährt, um die Bedürfnisse der Pflegebedürf-

hinaus gerichtet, damit wir von dort bereits gelebten

tigen, ihrer Angehörigen und der Pflegenden umfassend

Best-Practice-Beispielen lernen können. Mit Japan haben

darzustellen und praxisnahe Lösungen aufzuzeigen. Wir in

wir in diesem Jahr ein Partnerland gewonnen, das mit einer

Deutschland haben weniger ein Geldproblem, sondern

vergleichbaren demografischen Entwicklung vor ähnlichen

eher ein Problem damit, das effizient einzusetzen, was wir

Herausforderungen steht wie Deutschland. Hochrangige

haben. Daher ist es von eminenter Bedeutung, den aktiv

Vertreter der Branche gaben einen Eindruck über die japa-

pflegenden Menschen mit vorbildlichen Projekten und

nische Versorgungslandschaft und Ausbildungspraxis von

innovativen Ideen Anregungen und Hilfe für ihre tägliche

Pflegefachkräften.

Arbeit zu geben.

Die zahlreichen Workshops widmeten sich vornehmlich

In unserem Magazin finden Sie eine Nachlese mit einer

drängenden Fragen aus der Pflegepraxis: Diskutiert wurde

Auswahl an Themen und Inhalten, die gemeinsam mit Pfle-

mit renommierten Experten und Gästen zu Themen wie

geberatern, nationalen und internationalen Pflegeexper-

„Gewalt in der Pflege“, „Sucht im Alter“ oder zur „Kultursen-

ten, Wissenschaft und Politik diskutiert wurden, um die

siblen Pflege“. Viel Wissenswertes gab es auch zum neuen

Rahmenbedingungen in der Pflege zu verbessern. Wir

Pflegebedürftigkeitsbegriff, zur Neuordnung der Pfle-

wollen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen Stimme

geausbildung und zur Rolle der Kommunen in der Pflege.

und Raum geben, und so freue ich mich sehr auf die Fort-

Die Abkehr von der Minutenpflege hin zu einer ressourcen-

setzung unserer Diskussion zur nachhaltigen Verbesserung

orientierten Beurteilung des individuellen Pflegebedarfs

der Pflege im Rahmen der 4. Berliner Pflegekonferenz am

ist eine große Verbesserung für die Pflegebedürftigen und

9. und 10. November 2017.

ihre Angehörigen. Sie setzt aber auch Umdenken und Herzlichst

Umorganisation bei allen Beteiligten voraus. Zu begrüßen ist auch, dass es ab August 2018 für alle Pflegeberater und sonstigen Beratungsstellen verbindliche, einheitliche

und

fachlich

fundierte

Vorgaben

geben wird. Dafür sollen demnächst Empfehlungen zur Ihr Yves Rawiel

erforderlichen Anzahl, Qualifikation und Fortbildung von

04


Yves Rawiel + Geschäftsführer spectrumK Initiator der Berliner Pflegekonferenz

05


Inhalt Ausgabe 2 — Januar 2017 Sonderedition zur 3. Berliner Pflegekonferenz Partnerland 20

Das Pflegeversicherungssystem in Japan + Hirotaka Furukawa, 1. Botschaftssekretär, Japan

Editorial + 04 Inhaltsverzeichnis + 06 Impressum + 96

Pflegeberuf

Pflegepolitik

26

Die Zukunft der Pflege + Ein Gespräch mit Sr. Liliane Juchli, Kloster Ingenbohl (Schweiz)

10 Chancen der Pflegereform nutzen + Karl-Josef Laumann, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit

28

Deutschland als europäisches Schlusslicht in der Pflege: Mehr als nur ein strukturelles Versäumnis! + Prof. Dr. Michael Bossle, TH Deggendorf

12

Medizin und Pflege: Mundgesundheit als Beispiel für ein Gesamtkonzept zur Versorgung pflegebedürftiger Menschen + Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e.V., Berlin

32

Quo vadis, Pflegeberufereformgesetz? + Ein Interview mit Christine Vogler, Wannseeschule für Gesundheitsberufe e.V., und Carsten Drude, Vorsitzender des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe e.V.

14

Lebensräume zum Älterwerden: Die Rolle der Kommunen bei der Gestaltung der Senioren und Pflegepolitik + Uwe Lübking, Beigeordneter für Soziales, Deutscher Städte- und Gemeindebund Berlin

36

Akademisierung der Pflege: Mehr von uns ist besser für alle! + Prof. Thomas Evers, Hochschule für Gesundheit in Bochum

16

Gestaltung der Pflegeinfrastruktur: Kommunen wollen mehr Verantwortung + Ass. jur. Michael Löher, Vorstand, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V

Vereinbarkeit 38

18

Handwerksbetriebe unterstützen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege + Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) Berlin

Pflege als Beruf: Gedanken zum geplanten Pflegeberufereformgesetz + Erwin Rüddel, Abgeordneter, MdB, Deutscher Bundestag

06


39

Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf + Adolf Bauer, Präsident, Sozialverband Deutschland e.V.

40

Umsetzung einer nachhaltigen familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik + Ein Interview mit Oliver Schmitz, Geschäftsführer, berufundfamilie Service GmbH

Die Veranstaltung 44 / 54 / 60

Impressionen der 3. Berliner Pflegekonferenz + Fotos und Berichte

50

Otto Heinemann Preis 2016 + Die Preisträger

56

Marie Simon Pflegepreis 2016 + Ein Pflegeprojekt, das Schule machen sollte + Die Preisträger

Pflegepraxis 64

Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff: Auswirkungen auf die Praxis + Ein Interview mit Thomas Nöllen, Fachbereichsleiter Pflegeversorgung, spectrumK GmbH

66

Berliner Projekt – Die Pflege mit dem Plus Warten, bis der Arzt kommt? + Detlef Albrecht, Geschäftsführer, Verband Evangelischer Krankenhäuser und stationärer Pflegeeinrichtungen in Berlin-Brandenburg

68

Gewalt(tät)ige Pflege – erkennen und handeln + Prof. Dr. med. Andrea Berzlanovich, Medizinische Universität Wien Mag. Dr. Barbara Schleicher, Gesundheit Österreuich GmbH Ao. Univ.-Prof. Dr. med. Éva Rásky, MME, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie


72

Pflege in Not: „Manchmal möchte ich wegrennen…!“ + Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Projektleiterin von „Pflege in Not“, Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V.

76

Kultursensibel pflegen? Rahmenbedingungen und Umsetzung eines Pflegekonzeptes + Ein Interview mit Prof. Dr. Monika Habermann, Hochschule Bremen

78

Therapielotsen im Versorgungsmanagement Pflegebedürftiger + Jens-Peter Claußen, Geschäftsführer der Mediplus Gruppe, Pflegewerk Management GmbH Berlin

80

Pflege in der Rehabilitation - ein AIRfolgskonzept? + Prof. Dr. Rainer B. Pelka, Institut für Angewandte Statistik Unterföhring

82

Kinder und Hochaltrige reichen sich die Hand + Anne-Christin Hochgürtel, Projektkoordination, Hans Schleicher-Junk, Projektkoodination, Horst Krumbach, Vorstand, Generationsbrücke Deutschland

86

Komponenten einer vernetzten Versorgung + Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital

88

Versorgung am Lebensende aus hausärztlicher Sicht + Prof. Dr. med. Nils Schneider Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover

89

Palliativberatung §§ 37b und 132g SGB V + Prof. Dr. Jochen Becker-Ebel, Geschäftsführer des Bildungsträgers MediAcion, Hamburg

92

Ein selbstbestimmtes Leben erfordert Weitsicht und Vorsorge + Gudrun Schaich-Walch, ehemalige gesundheitspolitische Sprecherin der SPD

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Chancen der Pflegereform nutzen

In den vergangenen rund drei Jahren hat sich in der Pfle-

zu schaffen – zum Beispiel mit genügend Pflegeangeboten,

gewelt viel getan: Mit dem neuen Pflegebedürftigkeits-

einer barrierefreien öffentlichen Infrastruktur und einer

begriff hat die Pflegeversicherung ein vollkommen neues,

funktionierenden Pflege- und Wohnberatung.

gerechteres Gesicht erhalten. Menschen mit einer Demenzerkrankung werden nun endlich vollständig von der Syste-

Die zweite große Aufgabe ist es, den Pflegeberuf deutlich

matik umfasst. Der Zugang zu den Leistungen der Pflege-

attraktiver zu machen, damit sich mehr Menschen für ihn

versicherung ist deutlich vereinfacht worden und die dafür

entscheiden. Hier sind in erster Linie die Sozialpartner so-

zur Verfügung stehenden Mittel wurden erheblich erhöht.

wie die Selbstverwaltung gefordert. Wir brauchen endlich

Der Pflegeversicherung stehen nun pro Jahr etwa 5 Milli-

überall angemessene Löhne, eine gute Vereinbarkeit von

arden Euro mehr zur Verfügung.

Familie und Beruf sowie mehr Aufstiegschancen. Eine gut organisierte Vertretung der Pflegekräfte, die ihre Interes-

Mit der neuen Pflegedokumentation müssen Pflegekräfte

sen kraftvoll nach außen vertritt, kann hierzu einen wichti-

nicht mehr überflüssige Kästchen ankreuzen. Stattdessen

gen Beitrag leisten und mit dafür sorgen, dass wir die Chan-

können sie sich wieder mehr auf ihre Kernaufgabe konzen-

cen der Pflegereform nutzen.

trieren: die Versorgung der Pflegebedürftigen. Der regelrecht in die Irre führende „Pflege-TÜV“ wird in seiner jetzigen Form schon bald der Vergangenheit angehören. Der Qualitätsausschuss hat den klaren gesetzlichen Auftrag erhalten, ein völlig neues System zu entwickeln, das für die Bürger eine echte, leicht verständliche und transparente Orientierungshilfe bei der Suche nach einer geeigneten Pflegeeinrichtung bietet. Mit diesen und weiteren Schritten haben die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag die richtigen Weichen gestellt, um auch in Zukunft eine gute und menschenwürStaatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit Karl-Josef Laumann + Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten + www.karl-josef-laumann.de

dige Pflege zu ermöglichen. Doch das Thema Pflege wird uns natürlich auch weiterhin beschäftigen. Jetzt geht es vor allem darum, in den Städten und Gemeinden ganz konkret und flächendeckend eine wohnortnahe Pflegeinfrastruktur

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Pf legepolitik

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Medizin und Pflege Mundgesundheit als Beispiel fĂźr ein Gesamtkonzept zur Versorgung pflegebedĂźrftiger Menschen

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Pf legepolitik

Die Zeiten, als pflegebedürftige Patientinnen und Patien-

Pflegebedürftigen“ ins Leben gerufen, sodass Expertise für

ten von ihren Ärzten nicht nur in der eigenen Wohnung,

ein Modellvorhaben im Sinne einer neuen Versorgungs-

sondern auch im Heim besucht wurden, sind längst vorbei.

form und wissenschaftliche Begleitung für die zukünfti-

So finden Heimbewohner kaum noch Hausärzte für die

ge mundhygienische Versorgung von Pflegebedürftigen

medizinische Betreuung, und bei der fachärztlichen Ver-

erschlossen werden kann. Mit der Kassenzahnärztlichen

sorgung sieht es eher noch schlechter aus: Zwar wird diese

Vereinigung im Lande Bremen und der Kassenzahnärztli-

mit viel Geld Jahr für Jahr quantitativ ausgebaut, aber es

chen Vereinigung Niedersachsen sowie der Deutschen Ge-

scheint so, als ob die Heimversorgung systematisch davon

sellschaft für Alterszahnmedizin und Verbänden von Pfle-

ausgespart bleibt. De facto sind zwar auch hier jüngst ge-

geleistungserbringern im Boot steuert eine Gruppe von

setzgeberische Maßnahmen ergriffen worden, aber ob das

Betriebskrankenkassen auf ein in der Praxis umsetzbares

längst bekannte Umsetzungsproblem damit behoben ist,

Konzept zur vertragszahnärztlichen Versorgung von Pfle-

gilt noch nicht als ausgemacht.

gebedürftigen zu.

Insgesamt ist die ärztliche Versorgung noch immer einsei-

Angestrebt wird eine Förderung durch den Innovations-

tig am Leitbild der kurativen Akutmedizin orientiert und

fonds. Diese Initiative der Betriebskrankenkassen bekam

vernachlässigt chronische Erkrankungen, Multimorbidität

beim „BKK Werkstattgespräch – Mundgesundheit bei Pfle-

und Prävention ebenso wie Rehabilitation. Die Politik hat

gebedürftigen“ im Februar dieses Jahres Rückenwind der

mit den Pflegestärkungsgesetzen I und II in dieser Wahl-

Politik: BMG-Referatsleiter Andreas Brandhorst lobte die

periode Wesentliches zur Verbesserung der pflegerischen

versorgungspolitische Relevanz des Projekts als Chance

Versorgung von Pflegebedürftigen auf den Weg gebracht.

für eine fundierte Weiterentwicklung des heutigen Versor-

Vernachlässigt wird aber noch immer die medizinische

gungsgeschehens. Denn die Initiative der Betriebskranken-

Versorgung.

kassen führt Versorgungspraxis, Versorgungsforschung

Jedoch wurden die Rechtsgrundlagen für die Erbringung

und die politischen Rahmenbedingungen zusammen zu ei-

haus- und fachärztlicher Versorgung für Menschen mit

ner systematischen Bestandsaufnahme der Mundhygiene

Pflegebedarfen beginnend mit dem Pflege-Weiterentwick-

Pflegebedürftiger in Deutschland.

lungsgesetz vom 28. Mai 2008 hin zum Hospiz- und Palli-

Die Defizite sind offensichtlich: Internationale Studien zei-

ativgesetz vom 5. November 2015 geschaffen. Zuletzt hat

gen in diesem Versorgungssegment fast durchgängig einen

der Gesetzgeber den stationären Pflegeeinrichtungen die

zahnmedizinischen Behandlungsbedarf von 50 Prozent bei

Pflicht auferlegt, mit geeigneten vertragsärztlichen Leis-

älteren Personen mit Pflegebedarf in häuslicher Umgebung

tungserbringern bzw. durch Unterstützung der kassenärzt-

und 75 Prozent in stationären Wohnformen. Es zeigte sich,

lichen Vereinigungen, Kooperationsverträge zu schließen.

dass Pflegebedürftige auch hierzulande weniger zahnärzt-

Kommen solche nicht zustande, haben stationäre Pflege-

liche Leistungen erhalten und sich die Differenz mit stei-

einrichtungen nunmehr die Möglichkeit, Ärzte anzustellen.

gender Pflegebedürftigkeit und mit der Inanspruchnahme

Doch tatsächlich ist in der Praxis für Heimbewohner spür-

professioneller Pflege im ambulanten oder stationären

bar wenig geschehen. Zudem ist ein Gesamtkonzept, das

Setting erhöht.

die medizinische und pflegerische Versorgung alter pflegebedürftiger Menschen gleichermaßen berücksichtigt, nicht in Sicht. Auszunehmen hiervon ist wohl der zahnmedizinische Versorgungsbereich. Denn eine weitreichende Weiterentwicklung und Herausforderung brachte das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vom 23. Juli 2015 mit sich. Für Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung und Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz wurde mit dem neu eingeführten § 22a SGB V ein eigener Anspruch auf Leistungen zur Verhütung von Zahnerkrankungen geschaffen. Betriebskrankenkassen haben den damit verbundenen speziellen Handlungsbedarf erkannt und damit begonnen, systematisch die vorhandenen Versorgungsde-

Franz Knieps + Vorstand des BKK Dachverband e.V. Berlin + www.bkk-dachverband.de

fizite zu identifizieren. Gemeinsam mit der Universität Bremen hat der BKK Dachverband

das

Projekt

„Mundgesundheit

bei

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Lebensräume zum Älterwerden Die Rolle der Kommunen bei der Gestaltung der Senioren- und Pflegepolitik

Nirgendwo zeigen sich die demografischen, sozialstruktu-

Kommunen in Deutschland unterscheiden sich bezüglich

rellen und gesellschaftlichen Veränderungen so deutlich

ökonomischer, sozialer und demografischer Merkmale. So

wie in den Städten und Gemeinden, dort, wo die Menschen

ist zum Beispiel der Anteil der älteren Menschen (65 Jah-

wohnen, arbeiten und zusammenleben. Hier werden die

re und älter) an der Bevölkerung je nach Kreis oder kreis-

Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen nicht nur artiku-

freier Stadt unterschiedlich hoch. Vieles deutet darauf hin,

liert, hier wird auch konkrete Abhilfe erwartet. Sie sind

dass sich diese regionalen Unterschiede in Zukunft eher

auch der Ort, an dem neue Wege erprobt und gegangen

vergrößern als verkleinern werden. Dies betrifft insbeson-

werden müssen. Die Bevölkerung in Deutschland altert.

dere die Haushaltslage. In erheblichem Maße werden die

Alter und Pflege dürfen nicht automatisch gleichgesetzt

Handlungsspielräume der Kommunen durch ihre jeweilige

werden. Gleichwohl ist das höhere Alter von einem hö-

Haushaltslage bestimmt. Es muss verhindert werden, dass

heren Risiko der Pflegebedürftigkeit geprägt. Insofern

sich die Situation wirtschaftlich schwacher Regionen dabei

ist es ausdrücklich zu begrüßen, dass der 7. Altenbericht

immer weiter verschlechtert.

sich ausführlich mit der Rolle der Kommunen befasst. Die Schlussfolgerungen müssen nun kritisch diskutiert werden.

Die derzeitigen Strukturen können der Entwicklung nicht

Der DStGB hat sich mit seinem Positionspapier zur kom-

gerecht werden. So wie wir versuchen, in einem Kraft-

munalen Senioren- und Pflegepolitik (siehe www.dstgb.de)

akt ein kinder- und familienfreundliches Land zu werden,

und der Dokumentation „Lebensräume zum Älterwerden“

werden wir uns auf die alternde Gesellschaft vorbereiten

positioniert. Die Städte und Gemeinden sollten gemeinsam

müssen. Schon bei der Stadtplanung müssen die zukünftig

mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement vor Ort als

erforderlichen häuslichen Versorgungsdienste, ambulante

„sorgende Gemeinschaften“ sich intensiv um die Belange

Pflegeeinrichtungen und ein vernetztes Hilfesystem im So-

älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger mit oder ohne Pfle-

zialraum bedacht und berücksichtigt werden.

gebedarf kümmern. Auch für die Seniorenpolitik und Pflege gilt der sozialräumEine große Herausforderung liegt in den zunehmenden

liche Ansatz. Es ist davon auszugehen, dass ältere Men-

Disparitäten der alternden Gesellschaft und zwischen den

schen auch weiterhin so lange wie möglich selbstständig

Regionen. Die Alterung ist mit einem Mehr an Individua-

wohnen bleiben wollen. Städte und Gemeinden sollten

lisierung und Pluralisierung der Lebenswelten, mit mehr

häusliche Versorgungsdienste und ambulante Pflege stär-

sozialen Unterschieden und mehr Menschen mit Migra-

ker kleinräumig organisieren. Ein gut strukturiertes und

tionshintergrund verbunden, die sich oft noch Zugangs-

vernetztes Hilfesystem im Sozialraum und Quartier mit

barrieren bei den Dienstleistungen ausgesetzt sehen. Die

verschiedenen Hilfsformen ist notwendig, um adäquat

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Pf legepolitik

und bedarfsorientiert Angebote machen zu können. Da-

Pflegearrangements, zu Wohnraumanpassung und Wohn-

rüber hinaus sind verstärkt Alternativen zur häuslichen

raumberatung sowie über Dienstleistungsangebote vor

Pflege zu errichten, damit auch bei Schwerstpflege kein

Ort. Die Beratung sollte in Pflegestützpunkten unter dem

Wegzug aus dem Quartier notwendig wird. Die Senioren-

Dach der Kommunen angeboten werden.

und Pflegepolitik ist eine kommunale Querschnittsauf-

Sorgende Gemeinschaften bauen sich von unten auf, orga-

gabe. Eine konsistente Politik erfordert die Abstimmung

nisieren sich subsidiär.

von Sozial- und Wohnungspolitik, Quartiersplanung und

Als Teil der Sozialpolitik hat Senioren- und Pflegepolitik die

Infrastrukturplanung.

Bedürfnisse und Bedarfe aller Altersgruppen im Blick zu

Angesichts der Unterschiedlichkeit der Kommunen kann es

haben, denn ohne die Berücksichtigung der Auswirkungen

keine allgemeingültigen Lösungen für alle geben. So stellt

auf die folgenden Generationen und das Generationen-

sich die Situation in peripheren ländlichen Regionen völlig

verhältnis läuft die Seniorenpolitik Gefahr, eine reine Kli-

anders dar als in prosperierenden Ballungszentren. Wäh-

entelpolitik zu sein. Eine Kommune braucht nicht nur eine

rend Letztere häufig über das notwendige Potenzial ver-

Demografie-Strategie, sondern eine Generationenpolitik

fügen, fehlen bei Ersteren in der Regel die dazu benötigten

– sozusagen einen Masterplan für Generationen: Niemand

Ressourcen. Es sollte deshalb eine besondere Herausfor-

darf sich ausgeschlossen fühlen!

derung, Wege aufzuzeigen, wie auch in finanzschwachen und schrumpfenden Kommunen die Bildung sorgender Gemeinschaften gefördert werden kann. Wichtig sind auf jeden Fall eine kontinuierliche Sozialplanung und Sozialberichterstattung. Ihre vorrangige Aufgabe ist es, für passgenaue Angebote verschiedener Träger zu sorgen. Die Städte und Gemeinden brauchen eine altengerechte Infrastruktur im Wohnumfeld (zum Beispiel Einkaufsmöglichkeiten, pflegerische Versorgung usw.). Gerade in ländlichen Regionen müssen Gemeinschaftspraxen, Ärztehäuser oder lokale Gesundheitszentren dahingehend weiterentwickelt werden, dass Hausärzte und Fachärzte, medizinische Fachangestellte oder Arztassistenten und Pflegekräfte gemeinsam Leistungen anbieten. Die Gesundheitszentren könnten mit den Kliniken und Pflegeeinrichtungen gerade für die älter werdende Gesellschaft integrierte Versorgungskonzepte anbieten. Telemedizin und innovative Technologien zur Unterstützung der Pflege müssen ausgebaut werden. Grundvoraussetzung für das selbstbestimmte Leben und Wohnen im Alter ist die Bereitstellung von ausreichend altengerechtem und – in Anbetracht der absehbar sinkenden Renteneinkommen – vor allem auch bezahlbarem Wohnraum. Die Gemeinden können mit der Wohnungswirtschaft, mit Genossenschaften, Vereinen und Wohnungsunternehmen Vereinbarungen und Kooperationen über die preiswerte Bereitstellung altengerechter Wohnungen treffen bzw. die Umgestaltung in altengerechte Wohnungen ermöglichen. Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörige brauchen eine ganzheitliche Beratung. Diese geht weit über

Uwe Lübking + Beigeordneter für Soziales Deutscher Städte- und Gemeindebund Berlin + www.dstgb.de

den lediglich Teilbedarfe abdeckenden Pflegeversicherungsbereich hinaus. Notwendig sind umfassende Informationen zur Entlastung und Stabilisierung häuslicher

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Gestaltung der Pflegeinfrastruktur Kommunen wollen mehr Verantwortung

Die mit dem demografischen Wandel einhergehenden Pro-

Pflegekassen und den privaten Versicherungsunterneh-

bleme in der pflegerischen Versorgung können durch eine

men ein einklagbarer Individualanspruch auf Pflegebe-

geeignete Gestaltung der Pflegeinfrastruktur abgemildert

ratung geschaffen. Die Bedarfslagen älterer und pfle-

werden. Den Kommunen stehen bereits vielfältige Hand-

gebedürftiger Menschen gehen allerdings weit über die

lungsmöglichkeiten für die Gestaltung einer pflegegerech-

Leistungen des SGB XI hinaus. Pflegeberatung in diesem

ten Infrastruktur zur Verfügung. Ungeachtet dessen, dass

Sinne braucht eine sozialräumliche Verankerung und fun-

mit der Einführung der sozialen Pflegeversicherung 1995

dierte Kenntnisse vorhandener regionaler bzw. örtlicher

eine finanzielle Entlastung der Kommunen verbunden war,

Infrastrukturen und Hilfemöglichkeiten, denn es können

wurde jedoch ihre Kompetenz in der Daseinsvorsorge auch

alle Fragen rund um Pflege zur Sprache kommen.

für die älteren Mitbürger deutlich geschmälert. Im SGB XI

Notwendig sind vernetzte Angebotsstrukturen sowie eine

wurde festgelegt, dass die Pflegekassen im Rahmen ihrer

Koordinierung auch der Beratungsangebote. Der Gesetz-

Leistungsverpflichtung eine bedarfsgerechte und gleich-

geber war aufgefordert, die Rolle der Kommunen als die

mäßige, dem allgemein anerkannten Stand medizinisch-

zentralen Orte der Daseinsvorsorge in der Pflege wieder

pflegerischer Erkenntnisse entsprechende pflegerische

zu stärken. Im ersten Pflegestärkungsgesetz standen die

Versorgung der Versicherten zu gewährleisten haben und

Leistungen zur Stärkung und Entlastung pflegender Ange-

sie hierzu Versorgungsverträge sowie Vergütungsverein-

höriger im Fokus, mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz

barungen mit den Trägern von Pflegeeinrichtungen und

wurde in der sozialen Pflegeversicherung ein neuer Pflege-

sonstigen Leistungserbringern schließen.

bedürftigkeitsbegriff zum 01.01.2017 eingeführt.

In der Folge entwickelten sich stationäre wie ambulante

Ziel des dritten Pflegestärkungsgesetzes ist es nun, die

Angebote weitgehend über den freien Markt und Wettbe-

Kommunen wieder stärker in die Strukturen der Pflege

werb, die Steuerungsmöglichkeiten der Kommunen wur-

verantwortlich einzubinden. Empfehlungen einer Bund-

den begrenzt. Gerade bei der Umsetzung des Grundsatzes

Länder-Arbeitsgruppe zur Stärkung der Rolle der Kommu-

ambulant vor stationär und der Entwicklung neuer alterna-

nen in der Pflege wurden im Entwurf aufgegriffen. Dort

tiver Wohnformen für die älteren Menschen vor Ort wurde

ist unter anderem vorgesehen, Beratungsgutscheine der

das vor allem in den letzten Jahren durchaus auch als Nach-

Pflegekassen für eine Pflegeberatung auch bei den Land-

teil und als eine Einschränkung des kommunalen Gestal-

kreisen und kreisfreien Städten als Träger der Altenhilfe

tungsspielraums begriffen.

und der Hilfe zur Pflege einlösen zu können. Zudem sollen

Darüber hinaus wurde im SGB XI gegenüber den

die für die Hilfe zur Pflege zuständigen Sozialhilfeträger

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Pf legepolitik

aufgrund landesrechtlicher Vorschriften das Initiativrecht

(inhaltlichen) Einschränkungen der Modellvorhaben. Un-

zur Einrichtung eines Pflegestützpunktes verlangen kön-

geachtet dessen müssten neben den Wohlfahrts-, Betrof-

nen. Schließlich sieht der Entwurf vor, dass im Rahmen von

fenen- und privaten Verbänden auf Bundesebene auch die

60 Modellvorhaben kommunale Stellen Beratungsaufga-

kommunalen Spitzenverbände an der Erarbeitung der Rah-

ben nach dem SGB XI gemeinsam mit eigenen Beratungs-

menempfehlung beteiligt werden. Im Ergebnis bliebe es

aufgaben für alte und/oder hilfebedürftige Menschen in

mit dem vorliegenden Gesetzentwurf leider bei einer nur

eigener Zuständigkeit erbringen können.

geringfügigen Stärkung der kommunalen Möglichkeiten

Dass Kommunen stärker in die Strukturen der Pflege ver-

für die Gestaltung der lokalen Pflegeinfrastruktur. Auch

antwortlich eingebunden werden sollen, ist gut und richtig.

die im Entwurf enthaltene Änderung des § 71 SGB XII, der

In der Vergangenheit hat der Deutsche Verein wiederholt

mit einem neuen Absatz 5 auf eine bessere Verzahnung

deutlich gemacht, dass Kommunen auf Steuerungsmög-

der Altenhilfeleistungen mit anderen Hilfen abzielt, geht

lichkeiten angewiesen sind, die eine Beeinflussung der

nicht weit genug. Zielführend wäre es beispielsweise, die

örtlichen Angebotsstruktur im Interesse der Pflegebedürf-

kommunalen Aufgaben in der Altenhilfe detaillierter zu

tigen und ihrer Angehörigen durch die Kommune ermög-

beschreiben. Die Empfehlungen aus der Bund-Länder-Ar-

lichen. Schwierig könnte werden, dass die abzugebenden

beitsgruppe zur Stärkung der Rolle der Kommunen in der

gemeinsamen Empfehlungen zur Sicherstellung der pflege-

Pflege gehen ebenfalls über die im Gesetzentwurf vorge-

rischen Infrastruktur in den Landespflegeausschüssen wie

schlagenen Änderungen des § 71 SGB XII-E hinaus.

auch den regionalen Pflegeausschüssen einvernehmlich

Ausführlich hat der Deutsche Verein zum Gesetzentwurf

sein sollen. Aufgrund der unterschiedlichen Interessen-

Position bezogen. Diese und alle Stellungnahmen und Emp-

lagen der Beteiligten in den Ausschüssen besteht die Ge-

fehlungen sind unter www.deutscher-verein.de abrufbar.

fahr, dass etwaige Empfehlungen an dieser Voraussetzung scheitern könnten. Sinnvoller wäre es aus unserer Sicht, Mehrheitsentscheidungen bei der Abgabe der Empfehlungen zuzulassen. Ebenfalls ein richtiger Schritt wäre es, die Pflegestrukturempfehlungen beim Abschluss der Versorgungsverträge verbindlich zu berücksichtigen. Zu unterstützen ist die mit den Modellvorhaben verbundene Intention, eine bessere Verzahnung der Beratungsaufgaben nach dem SGB XI mit der Beratung zu Altenhilfeleistungen, zur Hilfe zur Pflege oder zur Eingliederungshilfe nach dem SGB XII herbeizuführen. Wichtig ist, dass im Zentrum der Modellvorhaben die Erarbeitung eines sozialräumlichen Gesamtkonzepts durch die Kommunen zur Verzahnung ihrer eigenen Beratungsaufgaben nach dem SGB  XI Michael Löher + Ass. jur. Michael Löher Vorstand des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. + www.deutscher-verein.de

steht. Die einzelnen Beratungsleistungen müssen vernetzt mit dem Sozialraum vor Ort erbracht werden. Ein festgelegtes Paket von auf die Kommunen übergehenden Beratungsaufgaben ist dabei nicht sinnvoll. Zweckdienlich sind eine Vielfalt von Modellansätzen und ein gewisser Handlungsspielraum vor Ort. Der Bundesgesetzgeber will weiter vorgeben, dass bei der Hälfte der bewilligten Modellvorhaben keine mehrjährigen Erfahrungen in strukturierter Zusammenarbeit in der Beratung vorhanden sein dürfen. Ob diese Vorgabe eine

Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. ist das gemeinsame Forum von Kommunen und Wohlfahrtsorganisationen sowie ihrer Einrichtungen, von den Bundesländern und den Vertretern der Wissenschaft für alle Bereiche der sozialen Arbeit und der Sozialpolitik. Er begleitet und gestaltet durch seine Expertise und Erfahrung die Entwicklungen u.a. der Kinder-, Jugend- und Familienpolitik, der Sozial- und Altenhilfe, der Grundsicherungssysteme, der Pflege und Rehabilitation.

sinnvolle Förderung bewirken kann, bleibt abzuwarten. Vielmehr sollte durch entsprechend formulierte Anforderungen vermieden werden, dass mit den zusätzlichen Finanzmitteln einseitig die Beratungsinfrastruktur nur dort aufgebaut wird, wo sie bisher fehlt. Der im Entwurf enthaltene Vorschlag einer Rahmenempfehlung auf Bundesebene über die konkreten Voraussetzungen, Ziele, Inhalte und Durchführung der Modellvorhaben führt zu erheblichen

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Pflege als Beruf Gedanken zum geplanten Pflegeberufereformgesetz

Ein Reform der Pflegeberufe ist notwendig und sinnvoll,

das zweite Schuljahr – zu einer Pflegeausbildung bestehen.

um diese Berufe zu stärken und sie fit für die Zukunft zu

Die große Frage wird allerdings sein, ob Hauptschüler ei-

machen. Die geplante Reform, in Form der sogenannten

nen Ausbildungsgang auf dem Niveau der Europäischen

Generalistik, wirft in meinen Augen allerdings mehr Prob-

Berufsanerkennungsrichtlinie wählen werden, den sie bis-

leme auf, als sie lösen wird.

her gemieden haben. Sollten die Hauptschüler die neue,

generalistische Ausbildung ebenso meiden wie zuvor die

Damit die neue generalistische Pflegeausbildung europa-

Krankenpflege, weil sie nicht an einen erfolgreichen Ab-

weit anerkannt wird, muss sie die Anforderungen der Eu-

schluss glauben, hätten wir ein massives Versorgungspro-

ropäischen Ausbildungsrichtlinie erfüllen. Diese enthält

blem in der Altenpflege.

allerdings nur Inhalte der Krankenpflege. Da diese Richtli-

nie das Mindestausbildungsniveau festschreibt, muss die

Die Pflege ist eine sehr personalintensive Branche. Durch

Ausbildung der Alten- und der Kinderkrankenpflege an die

die Ausweitung der Leistungen um circa 7 Milliarden Euro

Krankenpflege angepasst werden, um die europäischen

in der Altenpflege, der Trend zu mehr Professionalität und

Richtlinien zu erfüllen. Das bedeutet, sowohl in Hinblick

der demografische Wandel werden wir in Zukunft mehr

auf die Ausbildungsinhalte als auch auf das Niveau der Aus-

Pflegekräfte benötigen als bisher und können es uns nicht

bildung wird die Krankenpflegeausbildung maßgeblich sein.

leisten, potenzielle Pflegekräfte zu verlieren. Umso mehr

besorgt mich, dass die Anforderungen an die Auszubilden-

In der Kinderkrankenpflege starten nahezu alle Auszubil-

den steigen werden und gleichzeitig fachspezifische Kom-

denden mit Abitur. In der Krankenpflege sind es circa 70

petenzen in der Altenpflege bei der Generalistik verringert

Prozent, während 30 Prozent der Auszubildenden einen

werden. Ich bin der festen Überzeugung, dass jedes Berufs-

Realschulabschluss haben. In der Altenpflege gibt es einen

bild für sich wesentlich besser für die unterschiedlichen An-

Mix, der zu einem Drittel aus Hauptschülern (oder einem

forderungen angepasst werden kann.

vergleichbaren Bildungsniveau) besteht. Über das Pflege-

berufereformgesetz bliebe zwar der Zugang für Haupt-

Es gibt derzeit einen absoluten Run auf die Altenpflege-

schüler – neunjährige Schulzeit mit einer abgeschlossenen

ausbildung. Fast zwei Drittel der Pflegeschüler ent-

einjährigen Pflegehelferausbildung und dann Einstieg in

scheiden sich heute für die Altenpflege, die wir in dieser

18


Pf legepolitik

Legislaturperiode deutlich gestärkt haben. Es waren vor

Menschen, die Fachwissen haben, aber auch viel Empathie

wenigen Jahren noch knapp 50 Prozent. Das spricht da-

mitbringen. Wer Generalistik will, muss sich dem Problem

gegen, den Altenpflegeberuf durch die Generalistik erst

stellen, dass wir Versorgungsengpässe bekommen werden.

aufwerten zu müssen. Die Generalistik schadet vielmehr

Wir haben aktuell eine tolle Arbeitsteilung zwischen Kran-

der Altenpflege. Auch gleiche Ausbildung hat in der Alten-

kenpflege und Altenpflege, die in Europa einzigartig ist. Es

pflege nicht zu gleichen Gehältern geführt, da die Sozialleis-

darf nicht dazu kommen, dass die Altenpflege bei uns abge-

tungsträger in den Ländern unterschiedliche Pflegesätze in

schafft wird, weil Europa diese nicht kennt.

diesem Teilkaskosystem aushandeln.

Wir benötigen ein System, in dem zeitweise gemeinsame

Den Hauptschülern würde die Aussicht, einen Pflegebe-

Kompetenzen erlangt werden, dann aber unterschiedliche

ruf mit finanzieller Perspektive zu erlernen, genommen.

Abschlüsse auf dem heutigen jeweiligen Leistungsniveau

Hauptschüler, die heute ein Examen schafften und gute Ar-

angestrebt werden.

beit leisten, werden zu Hilfsarbeitern degradiert. Der generalistische Ansatz des Pflegeberufereformgesetzes bereitet aber auch den betroffenen Verbänden in der Kinderkrankenpflege große Sorgen, weil diese dadurch einen Qualitätsverslust der Pflege von Kindern auf sich zukommen sehen. Aus der Sicht der Kinderkrankenpflege ist eher ein Mehr an Spezialisierung in der Pflege notwendig im Vergleich zur jetzigen Situation.   Durch die Pflegeberufereform werden zusätzliche Kosten, aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes in Höhe von rund 750 Millionen Euro, zulasten der Pflegeversicherung entstehen. Dabei wird die Versorgung nicht verbessert, sondern vielmehr die Altenpflege nachhaltig geschädigt. Es darf keine Sanierung der Landeshaushalte auf Kosten der Pflegeversicherung geben, indem gleichzeitig die Abschaffung der Altenpflege durch die Pflegeversicherung finanziert wird.   Das Hauptargument der Befürworter der Generalistik lautet „Mehr Lohn durch gleiche Ausbildung“. Dabei wird verkannt, dass die Altenpflege eine Teilkaskoversicherung ist und die zur Verfügung stehenden Mittel sich aus Pflegesatz-Verhandlungen mit den Krankenkassen, der Sozialhilfe der Kommunen und dem Eigenanteil des Pflegebedürftigen speisen. Das ist eine andere Basis als im Krankenhaus, wo nach Fallpauschalen abgerechnet wird. Auch heute sind bei gleicher Ausbildung die Vergütungen für die Altenpflege in jedem Bundesland anders.   Mit der Generalistik schiebt man vielmehr die jungen Frauen mit Hauptschulniveau in die Hilfstätigkeit und damit in Hartz IV. Über 30 Prozent (über 30.000 jährlich) der Absolventen der Altenpflegeausbildung haben Hauptschulniveau und leisten als Examinierte mit anständiger Vergütung hervorragende Arbeit in der Altenpflege. Generalistik Erwin Rüddel + MdB, Deutscher Bundestag Berichterstatter für Pflege, Berlin + www.erwin-rueddel.de

bedeutet, dass aufgrund europäischer Normen, die dann eingehalten werden müssen, das Ausbildungsniveau signifikant ansteigen würde und zu rund 90 Prozent aus Krankenpflegeinhalten bestünde. Wir brauchen in der Altenpflege

19


Das Pflegeversicherungssystem in Japan

Der Handels-, Schifffahrts- und Freundschaftsvertrag zwi-

Daher gibt es viele Ähnlichkeiten in beiden Krankenversi-

schen Preußen und Japan wurde am 24. Januar 1861 un-

cherungssystemen, z. B.:

terzeichnet. Japan hat damals im Verlauf seiner Modernisierung seit der Meiji-Restauration Ende des neunzehnten

• das Sozialversicherungssystem finanziert sich durch

Jahrhunderts die westliche Zivilisation eingehend studiert

Sozialversicherungsbeiträge

und sich dieses Wissen zu Eigen gemacht. Die Beziehungen

• die Beiträge werden nach Einkommen bemessen

mit Deutschland waren dabei besonders eng. Damals, vor

• Sachleistungsprinzip

mehr als hundert Jahren, kamen viele Japaner zum Studi-

• Versicherungspflicht für Arbeitnehmer

um nach Deutschland. Sie erlernten hier die modernsten Wissenschaften und Technologien und brachten sie dann

Der demografische Wandel in Japan im internationalen Vergleich

nach Japan. Dieses Wissen wurde zum Fundament der Entwicklung des Landes. Viele dieser Japaner studierten auch hier in Berlin. Von Interesse waren vor allem Bereiche, die für den Aufbau eines modernen Staates als zentral galten,

Die japanische Bevölkerung schrumpft rasch. Die Gesamt-

wie Militär, Politik und Medizin. Auch wurden zahlreiche

bevölkerung im Jahr 2014 lag bei rund 130 Millionen und

Experten, wie Ärzte, Lehrer und Ingenieure aus Deutsch-

wird für das Jahr 2060 auf rund 90 Millionen geschätzt.

land eingeladen. Diese haben dann in Japan maßgeblich

Die Struktur der japanischen Bevölkerung verändert sich

zum Aufbau des Staates beigetragen.

somit dramatisch. Der Anteil der Älteren (ab 65-jährigen) wird im Jahr 2014 bei rund 26 Prozent und im Jahr 2060

Gerade die deutsche Medizin war unter den Japanern sehr

bei circa 40 Prozent liegen. Japan ist bereits in die soge-

gefragt. Die japanische Regierung hat damals entschieden,

nannte „Überalterung der Gesellschaft“¹ eingetreten und

sich am deutschen System zu orientieren und das Wissen

ist das weltweit erste Land, dessen Alterungsrate 40 Pro-

zu übernehmen.Seit der Unterzeichnung des Vertrags zwi-

zent erreichen wird. Der Anteil der erwerbsfähigen Per-

schen Deutschland und Japan sind nun mehr als 150 Jahre

sonen (15- bis 64-jährige) wird im Jahr 2014 bei etwa 60

vergangen.

Prozent und im Jahr 2060 bei rund 50 Prozent liegen. Das bedeutet, dass zur Zeit zwei Arbeitnehmer einen Älteren

Viele japanische Beamte haben als Studenten in Deutsch-

unterstützen; 2060 wird bereits ein Arbeitnehmer für ei-

land nicht nur viel über das Gesundheitswesen gelernt,

nen Älteren aufkommen müssen.

sondern auch über das Sozialversicherungssystem. So wurde zum Beispiel Otto von Bismarcks „Gesetz betref-

Der Anteil der Älteren (ab 65-jährigen) in Deutschland lag

fend die Krankenversicherung der Arbeit“ von 1883 zum

im Jahr 2010 bei rund 20 Prozent und wird im Jahr 2060 bei etwa 33 Prozent liegen. Der Anteil der Älteren in England

Modell für Japans späteres Krankenversicherungsgesetz.

¹ Eine Gesellschaft gilt als überaltert, wenn der Anteil der Älteren (ab 65-jährigen) bei über 21 Prozent liegt.

20


und Frankreich betrug im Jahr 2010 rund 17 Prozent und wird bis zum Jahr 2060 auf circa 26 Prozent steigen. Die Gesamtbevölkerung in England und in Frankreich wird 2050 die Bevölkerungszahl in Deutschland überschritten haben. In den USA lag der Anteil der Älteren im Jahr 2010 bei rund 13 Prozent, er wird bis 2060 auf etwa 22 Prozent steigen. Dies zeigt, dass in Deutschland und Japan der Anteil der über 65-jährigen auf hohem Niveau liegt und schneller als in anderen Staaten ansteigt. Die Geburtenrate in Japan liegt 2014 bei durchschnittlich 1,42 Kindern pro Frau. In Deutschland sind es 1,47 (2014), in Frankreich 1,99 (2013), in England 1,83 (2013) und in den USA 1,86 (2012). Die Geburtenrate in Deutschland und Japan ist im Vergleich zu anderen Staaten also niedriger. In Deutschland, Frankreich, England, den USA und Japan steigt das durchschnittliche Lebensalter immer weiter an. Insbesondere in Japan ist die Lebenserwartung sehr hoch und lag 2012 bei 87 Jahren (Frauen) bzw. 80 Jahren (Männer). Charakteristisch für Japan ist, dass der Anteil der über 65-jährigen, die weiterhin arbeiten, sehr hoch ist und 2012 bei circa 30 Prozent lag. In den USA sind es 24 Prozent, in England 13 Prozent, in Frankreich 3 Prozent sowie 7 Prozent in Deutschland. Der demografische Wandel stellt Deutschland und Japan vor ähnlich große Herausforderungen. Allerdings schrumpft die japanische Bevölkerung weitaus schneller. Vergleich demografischer Wandel in Deutschland und Japan:

(Quellen) Statistisches Bundesamt-destatis (Deutschland) Ministerium für Gesundheit , Arbeit und Wohlfahrt (Japan)


Pflegestufe 3: Toilettengang, Mundhygiene, Kleidung

Das japanische Pflegeversicherungssystem im Überblick

wechseln

Deutschland hat 1995 als erstes Land der Welt mit seinem

Gesichtsreinigung, Haarpflege

Pflegestufe 4: im Schlaf umdrehen, umsteigen (Bus/Bahn), Sozialversicherungsmodell ein System der Pflegeversi-

Pflegestufe 5: Sitzposition halten, Selbstverpflegung

cherung aufgebaut; fünf Jahre später, im Jahr 2000, schuf

Die japanischen Pflegestufen 3 bis 5 entsprechen etwa

Japan als zweites Land ein solches System. Das japanische

den deutschen Pflegestufen² 1 bis 3, deshalb ist der Grad

Pflegeversicherungssystem hat zwei Besonderheiten. Ers-

der Pflegebedürftigkeit in Japan detaillierter gefasst als in

tens ist das Pflegeversicherungssystem ähnlich aufgebaut

Deutschland.

wie das japanische Krankenversicherungssystem, und Übersicht der Leistungen

zweitens sind die Kommunen (Gemeinden und Städte) Träger der Pflegeversicherung.

Die Pflegeleistungen sind in folgende ambulante Pflegeleistungen, stationäre Pflegeleistungen sowie kommunen-

Versicherte

basierte Leistungen unterteilt. Pflegeleistungen sind SachAlle Staatsbürger über 40 Jahre müssen der gesetzlichen

leistungen, das heißt, es gibt kein Pflegegeld:

Pflegeversicherung beitreten. Die Versicherten werden in

Ambulante Pflegeleistungen: häusliche Pflege (durch Al-

zwei Gruppen unterteilt: die erste Versichertengruppe sind

ten- oder Krankenpfleger), Tagespflege/ Tagesrehabilitati-

die über 65-jährigen, die zweite Versichertengruppe sind

on, Kurzzeitpflege

die 40- bis 64-jährigen. Alle Personen über 65 Jahre können

Stationäre Pflegeleistungen: Pflegeeinrichtungen, Rehabi-

Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung erhal-

litationseinrichtungen, Krankenhausbehandlung für chro-

ten, wenn sie pflegebedürftig werden. Personen von 40 bis

nisch Erkrankte

64 Jahren können nur bei geriatrischen Erkrankungen (z. B.

Kommunenbasierte Leistungen: 24 Std. häusliche Pflege,

Krebs im Endstadium, rheumatische Arthritis) Leistungen

Wohneinrichtungen für Demenzerkrankte (Wohngruppen),

erhalten. Leistungebezieher sind fast ausschließlich über

Kombination von häuslicher Tages- und Kurzzeitpflege

65-jährige, also die erste Versichertengruppe. Finanzierung Verfahren zum Bezug von Pflegeleistungen Zur Finanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung werden 50 % der Pflegeleistungen aus Steuermitteln und

Wenn man Pflegeleistungen benötigt, muss man sich zunächst mit der Kommune als Versicherer in Verbindung

der Rest aus Beiträgen gezahlt. Die Leistungen aus Steu-

setzen und die Pflegebedürftigkeit nachweisen. Die Kom-

ermitteln werden unter Staat (25%), Präfekturen (12,5%)

mune entscheidet über jeden einzelnen Antrag zusammen

und Städten/ Kommunen(12,5%) aufgeteilt. Ein finanzi-

mit dem lokalen Pflegerat (Einstufung der Pflegebedürf-

eller Ausgleich wird für eine überdurchschnittlich hohe

tigkeit). Versicherte mit anerkannter Pflegebedürftigkeit

Zahl von über 75-jährigen sowie Personen mit niedrigem

melden sich für eine Beratung in einem ambulanten Büro

Einkommen gezahlt. Die Beiträge werden von der ersten

bei einem Pflegeberater an. Im Anschluss wird ein Pflege-

Versichertengruppe (22 %) und der zweiten Versicherten-

versorgungsplan erstellt, damit der Versicherte Pflegeleis-

gruppe (28 %) gezahlt. Alle Versicherten müssen regelmä-

tungen erhalten kann.

ßig Beiträge zahlen. Der Durchschnittsbeitrag für die erste Versichertengruppe liegt bei ca. 45 Euro im Monat und wird bis 2025 ca. 78 Euro erreichen. Der Beitragssatz der

Pflegestufe

zweiten Versichertengruppe beträgt durchschnittlich 1,58 % der beitragspflichtigen Einnahmen.

Es gibt pflegebedürftige und hilfebedürftige Personen. Pflegebedürftige werden in 5 Stufen eingeteilt, und Hilfe-

Revision der Gebührenordnung

bedürftige, die weniger Unterstützung benötigen als Pflegebedürftige, werden in 2 Stufen eingeteilt. Mehr als 80 % der Pflegebedürftigen können z. B. folgende

Die Gebührenordnung in Japan wird staatlich festgelegt.

Tätigkeiten nicht mehr selbst:

Die Revision läuft wie folgt ab:

Pflegestufe1: auf dem (japanischen) Bett stehen, auf einem

• Die Beratungsausschüsse im MHLW legen die Richtlinien

Bein stehen, einkaufen

für die notwendige Revision fest.

Pflegestufe 2: sicherer Gang, selbständiges Waschen, Nä-

• Die japanische Regierung legt die Revisionsrate für

gel schneiden

den gesamten Umfang der Vergütungen und Preise in ² Am 1. Januar 2017 tritt in Deutschland das Zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Dabei werden die Pflegestufen 1 bis 3 durch die Pflegegrade 1 bis 5 ersetzt.

22


einem nationalen Etataufstellungsverfahren fest.

auf etwa 5 Millionen steigen. Die meisten Menschen ver-

• Auf Basis der Entscheidungen gemäß Richtlinie und Revi-

sterben im Krankenhaus oder in einer Klinik. In den letzten

sionsrate legt der japanische G-BA für Pflegeversicherung

Jahren gibt es jedoch auch immer mehr Sterbefälle in ande-

(Sozialversicherungsrat/ Kaigo-Kyufuhi-Bunkakai) einen

ren Einrichtungen. In nächster Zukunft könnte es daher an

konkreten Einheitlichen Bewertungsmaßstab fest und er-

geeigneten Einrichtungen für Sterbende mangeln.

stattet Bericht. • Der Gesundheitsminister legt die endgültige Vergütung

Darüber hinaus zeigt sich der Einfluss des Demografischen

und die Erstattungspreise fest.

Wandels in den Kommunen sehr unterschiedlich. In Tokio

Die japanische Regierung ändert die Revisionsrate der Ge-

der Älteren ab 65 Jahren, während die Zahl der Menschen

und andere großen Metropolen steigt zum Beispiel die Zahl bührenordnung für Pflegeleistungen alle drei Jahre. Die

bis 64 Jahre abnimmt. In einigen Gemeinden nimmt die Zahl

letzte Revisionsrate lag bei minus 0,5 % im Jahr 2006, plus

der Älteren und der Menschen bis 64 Jahre bereits ab.

3,0 % im Jahr 2009, plus 1,2 % im Jahr 2012 und minus 2,27

Vergleich Pflegeversicherungswesen:

% im Jahr 2015. Die Revisionsrate 2018 wird die japanische Regierung Ende des Jahres 2017 beschließen. Ich vermute, dass die Revision signifikant negativ sein wird. Zuzahlung Versicherte müssen monatlich 10 oder 20 % des Behandlungshonorars zuzahlen. In Deutschland und Japan wurden die Systeme auch vor dem Hintergrund der durch das jeweilige Krankenversicherungssystem vorgegebenen Bedingungen konzipiert. Es finden sich zahlreiche Ähnlichkeiten, allerdings gibt es auch signifikante Unterschiede. Vergleich Pflegeversicherungssystem in Deutschland und

(Quellen) Statistisches Bundesamt-destatis (Deutschland) Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt (Japan)

Japan:

Darüber hinaus steht das Pflegeversicherungswesen vor großen finanziellen Herausforderungen. Die Pflegeleistungskosten liegen schon jetzt auf einem hohen Niveau und lagen bei etwa 77 Mrd. Euro im Jahr 2015. Sie sind in den vergangenen 15 Jahren um das 2,8-fache angestiegen - schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Insbesondere der Anstieg der öffentlichen Ausgaben ist signifikant. Die gesamtstaatlichen Bruttofinanzverbindlichkeiten liegen bei über 200 %. Japan steht hier also vor großen Problemen. In den letzten Jahren wurden wichtige Gegenmaßnahmen und Gesetzesreformen beschlossen; zum Beispiel das „Integrated Community Care System(ICC)“, das Gesetz zur Sicherung umfassender Verbesserungen in der medizinischen und pflegerischen Versorgung sowie die Einhaltung der Zielvereinbarungen zur Haushaltskonsolidierung.

Die Zukunft des japanischen Pflegeversicherungssystems

Integrated Community Care System (ICC)

Das Pflegeversicherungswesen wird derzeit stark vom de-

Die japanische Regierung hat bereits Ziele für 2025 fest-

mografischen Wandel beeinflusst. Die Zahl der Pflegebe-

gelegt, u.a. ein Integrated Community Care System, das

dürftigen und Älteren mit Demenzerkrankung nimmt rasch

sogenannte „ICC-System“. Es soll die vom demografischen

zu, ebenso wie die Zahl Alleinstehender und der Haushalte,

Wandel unterschiedlich betroffenen Regionen neu struk-

in denen nur ältere Menschen leben. Die Sterbefälle pro

turieren. Dies ist stark verknüpft mit der Kranken- und

Jahr werden sehr schnell ansteigen und von 2010 bis 2040

Pflegeversicherung. Die Krankenversicherung ist ein

23


Einhaltung der Zielvereinbarungen zur Haushaltskonsolidierung

Kombinationsmodell, während die Pflegeversicherung regional strukturiert ist. Aus diesem Grund ist das ICC als regionales Modell entwickelt worden:

Zur Vermeidung von Finanzierungsproblemen hat die japaEin Patient, der bis zum Lebensende in gewohnter Umge-

nische Regierung Zielvereinbarungen zur Haushaltskonso-

bung leben möchte, braucht nicht nur medizinische, son-

lidierung festgelegt. Diese Vereinbarungen haben folgende

dern auch pflegerische Versorgung sowie alltägliche Unter-

zwei Schwerpunkte:

stützung und Prävention. Hier soll das ICC greifen:

• Zunächst soll „das Primärdefizit des FY 2015 im Vergleich zum FY 2010 halbiert und im FY 2020 ein Primär-Über-

• alle notwendigen Leistung werden auch für das gewohnte

schuss erzielt werden“.

Umfeld gewährt

• Außerdem soll „ein Anstieg der Kosten der sozialen Sicher-

• bei Bedarf soll die notwendige medizinische oder pflegeri-

heit verhindert werden“.

sche Versorgung innerhalb von 30 Minuten zur Verfügung stehen

Die nationale Debatte über die nächsten 20 Jahre hat schon

• Vorgesehen ist der Aufbau eines Netzwerks vor Ort, das

begonnen. Das Schlüsselwort lautet „Innovation“. Pflege-

alle Leistungsträger (beispielsweise Ärzte, Krankenpfleger

roboter oder Pflege mithilfe von AI (künstlicher Intelligenz)

des Gesundheitsamtes, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Ehren-

sind Beispiele für Innovation in der Pflegeindustrie.

amtliche und Freiwillige) verbindet. Dazu findet eine „lokale

Ausblick

Pflegekonferenz“ statt, bei der alle Teilnehmer medizinische und pflegerische Informationen zum Patienten austauschen. • Für den Aufbau des ICC-Systems werden regionale Mittel

In Zukunft werden viele Länder mit Bevölkerungsrückgang

genutzt, daher ist das Modell auch nicht landesweit einheit-

und alternder Gesellschaft konfrontiert sein. Japan bereitet

lich, sondern auf den Bedarf der Regionen abgestimmt.

sich auf diese Entwicklung bereits vor. Es ist für ein einzelnes Land jedoch schwierig, geeignete Lösungen zu finden.

Gesetz zur Sicherung umfassender Verbesserungen in der medizinischen und pflegerischen Versorgung

Da Deutschland und Japan wie erwähnt vor ähnlichen Problemen stehen, was den demografischen Wandel und die Sozialversicherung angeht, sollten sich beide austauschen und zusammenarbeiten, zumal auch Deutschland bereits Maß-

Das Gesetz zur Sicherung umfassender Verbesserungen in

nahmen trifft, wie z. B das erste/ zweite/ dritte Pflegestär-

der medizinischen und pflegerischen Versorgung sieht die

kungsgesetz. Das „Deutsch-Japanische Symposium³“ ist ein

Einrichtung eines Fonds zur Förderung medizinischer und

gutes Beispiel für die Zusammenarbeit des Bundesministe-

pflegerischer Leistungen vor, den sogenannten Medizini-

riums für Gesundheit und des japanischen Ministeriums für

schen und Pflegerischen Fonds, sowie eine effektive und

Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt. Es hat bereits vier Mal

leistungsfähige Versorgungsstruktur vor Ort. Der Fonds

stattgefunden und ist wieder für den kommenden Jahr ge-

wurde für alle 47 japanischen Präfekturen eingerichtet und

plant. Für die Bewältigung des demografischen Wandels ist

kann zur Förderung dringender Projekte und auch sektorü-

es notwendig, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland

bergreifend genutzt werden. Jede Präfektur erstellt einen

und Japan weiter zu stärken.

entsprechenden Maßnahmenkatalog. Der Gesundheitsminister erlässt eine entsprechende Richtlinie. Die Mittel erhält der Fonds aus der Erhöhung der Verbrauchersteuer, etwa 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Um eine optimale Versorgungsstruktur aufzubauen, wurde zunächst die medizinische Versorgungsstruktur in den einzelnen Präfekturen ausgewertet. Dazu haben die Krankenhäuser einen Bericht über ihr Leistungsspektrum vorgelegt .Auf dieser Grundlage erarbeiten die Präfekturen im Rahmen des „Gesundheitsplans“ eine „Lokale Gesundheitsvision“, die den voraussichtlichen Gesundheitsbedarf und den medizinischen Versorgungsbedarf bis 2025 ermitteln und konkrete Maßnahmen zum Erreichen dieser Ziele vorschlagen soll.

Hirotaka Furukawa + 1. Botschaftssekretär Japan

³ Im Mai in 2015 hat das Deutsch-Japanische Symposium zur „Prävention in der alternden Gesellschaft“ stattgefunden. Hauptthemen waren Prävention und Demenz. Im Januar 2017 wird das Symposium zur „Verbesserung des Pflegeversicherungssystem und der Demenzversorgung“ stattfinden.

24


25


Die Zukunft der Pflege Ein Gespräch mit Sr. Liliane Juchli

26


Pf legeberuf

Gesundheit) zusammenzuarbeiten. Sie werden dafür noch

Aktuelle Situation in der Pflege

bewusster vorbereitet werden müssen, denn sie werden Die Pflege hat heute einen unabdingbaren Stellenwert.

gemeinsam für eine wirksame, patientengerechte und wirt-

Dies aber nur deshalb, weil Pflegende sich kontinuierlich

schaftliche Pflege eine entscheidende Rolle spielen, weil

und erfolgreich um Entwicklung bemüht haben. Pflege hat

nur sie dazu ausgebildet sind, den Pflegeprozess zu steuern.

einen hohen Grad an Professionalität gewonnen, Pflege-

Bereits zeichnet sich die Hinwendung zu integrierter und

wissenschaft ist zu einem eigentlichen Forschungsgebiet

interprofessioneller Zusammenarbeit ab, wodurch die Visi-

geworden. Neue Bildungsmodelle werden diskutiert, den

on einer dem Patienten gerechten „Bezugspflege“ in den

Auszubildenden stehen Fachhochschulen offen, die einen

nächsten 10 Jahren nicht nur neue Impulse bekommen,

akademischen Grad ermöglich. Die Pflege der Zukunft

sondern auch mehr Pflege- und Patientenzufriedenheit

braucht sie alle.

ermöglichen kann.

Auch die Pflegepraxis entwickelt sich kontinuierlich und

Was werden die Herausforderungen sein?

stellt die Pflege als Beruf vor neue und große Herausforderungen, die letztlich nur bewältigt werden können, wenn Pflegende diesen ihren Beruf lieben und in ihrer Motivati-

Es gilt die verschiedenen Pflegeorganisationssysteme nicht

on begleitet und gestützt werden.

nur zu diskutieren, sondern begleitend und stützend in der

Die Zukunftsprognosen sind bekannt, der Mangel an

Praxis umzusetzen. Dies ist aber nicht gratis zu bekommen,

Pflegefachpersonen wird oftmals in bedrohenden Zahlen

sondern bedarf einer weiten Akzeptanz, die nötigen Geld-

aufgezeigt. Es gilt aber nicht nur hinzuschauen und das

mittel zu investieren. Des Weiteren sind Träger von Insti-

Problem angstschürend zu thematisieren. Es gilt vielmehr,

tutionen und Mitarbeiter aller Führungsebenen gefordert,

ressourcenorientiert und berufsübergreifend in einem

die gleiche Zielsetzung und Strategie zu verfolgen. Was

größeren, weiteren Miteinander

auch heißt, dass Infrastrukturen und Arbeitsbedingungen

Zukunftslösungen zu

finden.

diesem Kernanliegen gerecht und nach aussen vertreten

Sätze, die ich in vielen Leitbildern lesen kann, wie „Im Mit-

werden müssen. Hier kommt die berufspolitische Qualifi-

telpunkt der Mensch“ müssen neu reflektiert und im Blick

kation ins Spiel. Ansätze sind da, aber sie müssen von allen

auf die Infrastruktur konkretisiert werden. Zwar entspre-

Beteiligten noch bewusster und in Mitverantwortung mit

chen sie nach wie vor dem, was Pflegende wollen und wofür

einem langen Atem getragen werden.

sie letztlich angetreten sind. Es gilt aber, genauer hinzu-

Wünsche und Visionen

schauen, warum die Berufsmotivation so bald erlischt und die Fluktuation in Kliniken und Pflegeheimen zunehmend steigt. Die Unzufriedenheit der Pflegenden kann zusam-

Da ich mich immer wieder mit der Geschichte der Pflege

mengefasst werden in der Klage: „Wir haben keine Zeit für

auseinandergesetzt und aufgezeigt habe, wie sehr sich die

den Patienten.“

Pflege in den letzten 50, 60 Jahren verändert hat, wie viel

Sich dieser Situation zu stellen, sich den heuteigen Ge-

an Entwicklungsprozessen von Pflegenden geleistet, und

gebenheiten anzupassen und die Zukunft zu planen, ist

wie sehr Professionalität das einzufordernde Markenzei-

Aufgabe aller an der Gesundheitsversorgung beteiligten

chen in der Pflege wurde, wodurch Eigenständigkeit ge-

Personen. In die Pflicht genommen sind dabei Politik und

wachsen ist, denke ich, dass unsere Pflegegeschichte enor-

Gesellschaft ebenso sehr wie die Pflegenden selbst

me Entwicklungspotenziale freisetzen und manche Vision Realität werden konnte. Darum formuliere ich meine Vision oftmals mit dem einfachen Wunsch: dass die Pflegege-

Entwicklung der Pflege in den nächsten zehn Jahren

schichte eine Pflegegeschichte bleibt. Dies ist auch eine wesentliche Voraussetzung für ein Ge-

In der Schnelllebigkeit unserer Zeit, die von Unstabilität in

sundheitswesen, das nur inter- und multidisziplinär seiner

Wirtschaft und Politik so stark beeinflusst ist, gilt es, die

Grundaufgabe gerecht werden kann: die Sorge für den

eigentlichen Werte, die Sorge für den Menschen – ob ge-

Menschen in seiner je individuellen Situation von Krank-

sund oder krank – im Auge zu behalten. In allen Bereichen

heit, Behinderung oder Altersgebrechlichkeit.

der Gesundheitsversorgung werden neue Denk- und Handlungsmodelle ausprobiert. Pflegefachpersonen mit einem

Sr. Liliane Juchli + Urheberin des ersten Pflegefachlehrbuches im deutschsprachigen Raum, Institut des Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz von Ingebohl (Schweiz), Kloster Ingenbohl + www.kloster-ingenbohl.ch

Abschluss einer höheren Fachschule, Fachhochschule oder Universität werden sich zunehmend mit der Aufgabe konfrontiert sehen, mit Pflegenden unterschiedlicher Qualifikationen (in der Schweiz zum Beispiel die Fachangestellten

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Deutschland als europäisches Schlusslicht in der Pflege Mehr als nur ein strukturelles Versäumnis!

Die Verwirrspiele rund um die Pflegeberufegesetzgebung,

nur zu gut. Sie haben Keile in ganze Bevölkerungsschich-

die im letzten Koalitionsvertrag vereinbart und mit Kabi-

ten getrieben. Sie lassen kein gutes Haar an Politik und

nettsbeschluss in ihrer Priorität unterstrichen wurde, hat

Entscheidungsträgern, was zurückbleibt, ist oft Häme und

der Politik und Pflegeszene einen Spiegel vorgehalten, der

Scham. Der nach Fertigstellung des Projekts ebenfalls häu-

ein befremdendes, ja, ein beängstigendes Zerrbild entwirft.

fig zu beobachtende Stolz ist im Moment des Unvorstellba-

Mit Blick auf die enorme Komplexität, die zwischen zwei

ren aber häufig nicht vorstellbar.

Ministerien bewältigt werden musste, und den damit zu erwartenden notwendigen und tief greifenden Auswirkun-

Maßgeblicher Unterschied verglichen mit der Reform zur

gen, waren offensichtlich zu viele Interessengemeinschaf-

Pflegeberufegesetzgebung ist sicher der, dass jene als Trig-

ten zu sehr überfordert. Das Echo aus der sogenannten

ger und Motor einer dringend zu verändernden Gesund-

Pflegeszene war entsprechend fulminant. Aufschreie der

heitsversorgungslandschaft betrachtet werden muss. Vom

Angst und Repulsion standen Rufern der Befürwortung

zu erwartenden Vorbildcharakter für andere Gesundheits-

und Resonanz gegenüber. Ob sich die Koalition aus Angst,

berufe und der europäisch geforderten sowie notwen-

Misstrauen und Irrationalität endgültig durchsetzen wird,

digen Normalität und Anschlussfähigkeit einmal ganz zu

bleibt hoffentlich immer noch abzuwarten.

schweigen. Mit Sicherheit würde man sich nach Öffnung des Tores zur

Die Debatte liest sich auch wie ein repräsentativer Aus-

Neuordnung EINES Pflegeberufs und der Konzeption einer

schnitt unserer derzeitigen Gesellschaft. Lassen sich Ideen,

dann auch normalen primärqualifizierenden akademischen

die das Betreten eines noch zum Teil unbekannten Raums

Pflege anfangs mit mancher Abweichung und vielleicht

erfordern, tendenziell nur noch denken, jedoch nicht mehr

auch Ärger auseinandersetzen müssen. Mit zunehmender

in die Tat umsetzen? Sind gesetzgebende Großprojekte, die

Dauer würde die neue Streckenführung aber sicherlich

den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, nicht mehr

auch zu vermehrt routiniertem Fahrstil führen. Er gäbe

möglich?

neue Impressionen auf eine altbekannte Fahrstrecke frei.

Wir kennen die Auseinandersetzungen um Großbauprojek-

Die Möglichkeit, dazu problemlos über die Grenze zu fah-

te wie Bahnhöfe, Flughäfen und Konzerthäuser inzwischen

ren, sowie die Vorstellung, neue Erfahrungen und Ideen mit

28


Pf legeberuf

in die Heimat zurückzubringen, wirken zudem zeitgemäß und einladend. Wie gut also aus dieser Sicht, wenn die Straße durchgehend und europäisch gebaut wäre! Auf die Schifffahrt übertragen wird der deutschen Pflege bei Nichteintreten des Gesetzes das Ein- und Ausschleusen weiterhin und gezwungenermaßen nicht erspart bleiben. Es wird dabei bleiben, Höhenunterschiede und Fließgeschwindigkeiten nur langsam zu überwinden sowie Hoch- und Niedrigwasser abzuwarten. Somit bleibt es auch bei der gewohnten Tagesordnung, die die Benachteiligung unserer deutschen Pflegenden weiterhin in Kauf nimmt. Für die Pflegenden kostet dieser Weg Kraft und Zeit und sicherlich wird er sich auch zunehmend entmutigend auswirken. So mancher wendet sich dann anderen Interessen zu, verlässt die Schifffahrtsstraße und wechselt das Verkehrsmedium. Übertragen auf den demografischen Wandel wird dies weitere Verluste bedeuten, die es in der Branche zu beklagen geben wird. Es wird qualitativ besonders diejenige Branche treffen, die sich so vehement dieser Reform widersetzt hat. Die Altenpflegebranche mit ihren vielen privaten Anbietern, die mit Argumenten von europäischer Exklusivität der deutschen Altenpflege aufhorchen ließ und damit die Pflegenden in diesem Bereich weiterhin in die Sackgasse der Nichtvergleichbarkeit schickt, wird aber nur ein Verliererbeispiel sein. Statt die Pflege alter Menschen gleichzustellen mit der Pflege aller anderen Bevölkerungs- und Altersgruppen, beharrt man darauf, sie zukünftig und weiterhin als gefühlt hierarchisch letzten Weg, nämlich den ins Seniorenheim, zu denken. Ein Grund dafür ist sicher auch ein Wohlfahrtsgedanke, der im Gesundheitswie Pflegesystem mittlerweile in den ausschließlich ökonomischen Rentabilitätsglauben umgedeutet wurde und weiterhin wird. Die eigentlichen Verlierer werden damit aber vor allen Dingen diejenigen sein, die sich zukünftig der Altenpflege zuwenden wollen, ob als Kunden oder auch als beruflich Pflegende in diesem Sektor. Die Pflegenden werden hier auch zukünftig sowohl strukturell als auch monetär abgehängt. Die Schlüsselfrage, die zurück bleibt, ist also, warum tut man sich das als sogenanntes bestes Gesundheitssystem der Welt an, sich als europäisches Schlusslicht in der Pflege die rote Laterne umzuhängen? Den Schwarzen Peter nun allein politischen Partikularinteressen von Schwesterparteien oder spezifischen Trägerszenen aus der privaten Branche zuzuschieben, wäre sicher zu einfach. Der Finger muss auch in die Wunde der Pflege selbst gelegt werden. Warum hat sich die größte Berufsgruppe des Gesundheitswesens nicht stärker und lauter für dieses, IHR neues Berufegesetz stark gemacht? Warum


sind lediglich 8 bis 10 Prozent der deutschen Pflegenden

Gesundheitsministerium wie auch Familienministerium ha-

berufspolitisch organisiert? Warum wissen einfach noch

ben mit dem Entwurf des Pflegeberufereformgesetzes die

viel zu wenig Pflegende um diese, sie selbst betreffende po-

Zeichen der Zeit erkannt. Unsere Gesellschaft und so man-

litische Malaise? Worin und wie werden Pflegende bislang

che Trägerlobby scheint allerdings noch nicht so weit. Ob

ausgebildet und sensibilisiert, dass sie selbst in der Verant-

die Not eventuell noch nicht groß genug ist, bleibt dahinge-

wortung für ihre berufliche Sozialisation und Mitsprache

stellt. Sicher muss die Lobby der Pflege, die die Neuausrich-

stehen? Neben der Bildungsfrage muss deshalb weiter die

tung will, noch stärker werden. Sicher müssten die Gegner

Frage gestellt werden, ob Pflege letztlich rein auf instituti-

der Reform auch zur Zurückhaltung gerufen werden, denn

onelle Zielerreichung ausgerichtet ist, oder auf die profes-

der gute Wirt mag guter Gastgeber sein, aber noch lange

sionelle, verantwortungsbewusste, außergewöhnliche und

kein Fachmann der Kelterei oder des Brauwesens, diese

einzigartige Kompetenz, die eben nur Pflegende erbringen

Kunst ist den Experten, dem Berufsstand vorbehalten. So

können? Ist Pflege letztlich nur personale Verhandlungs-

ist es auch in der Pflege. Zu beurteilen, was gute Pflege

masse, die man importiert oder aus anderen, untergehen-

ist, wie sie gelehrt und ausgebildet wird und welche Rah-

den Wirtschaftszweigen rekrutiert?

menbedingung sie braucht, sollte denjenigen zugestanden

Es gibt zwei Dinge festzuhalten. Erstens: Wenn man über

es aber auch die politische Stimme. Das zeigt die Debatte

werden, die davon vertiefte Kenntnis haben. Dazu braucht den Tellerrand schaut, entdeckt man anderswo noch weit-

um das Pflegeberufegesetz zum wiederholten Male und

aus dramatischere Pflegelücken als hierzulande. In Japan,

eindeutig.

das dieses Jahr Partnerland der Berliner Pflegekonferenz war, werden in den nächsten Jahren bis 2030/35 rund 1

In einem Radiointerview wurde vor einiger Zeit ein skan-

Million Pflegende fehlen! Das soll die Problematik unserer

dinavischer Kollege aus der Pflegewissenschaft gefragt,

Nation nicht schmälern, sondern vielmehr deutlich machen,

warum denn dort die Versorgung der Pflegebedürftigen

dass die Pflege in Japan mittlerweile zur Chefsache gewor-

so gut klappe. Seine Antwort war lapidar: Womöglich liege

den ist. Neben einer flächendeckenden Aufwertung und

das daran, so meinte er im Interview, dass man in Skandina-

Stärkung der professionellen Pflege monetär wie struktu-

vien kleinere Autos fahre und kleinere Häuser auf kleinere

rell, hat man sich auch offiziell der Frage der gesellschaft-

Grundstücke baue.

lichen Wertigkeit von Alter(n) und Pflegebedürftigkeit Auch das sollte uns zu denken geben …

gestellt. Das Zusammenleben und die Organisation des Alltagslebens über alle Lebensalter hinweg gehört dort mehr und mehr zur Tagesordnung. Technische Hilfsmittel in der Lebens- und Pflegeunterstützung – wie in der PflegeModellstadt Yokohama City gelebt – ebenso. Dort ist jede derzeitig technische Unterstützungshilfe für pflegebedürftige Menschen erhältlich und einsetzbar. Neben der Erprobung werden diese Hilfen auch evaluiert, was zu weiteren wichtigen Erkenntnissen hinsichtlich Neuentwicklungen führt. Dieses Zusammenspiel von Aufwertung des Berufs, des Nachdenkens über gesellschaftliches Zusammenleben sowie dem Technikeinsatz macht deutlich, dass Pflege staatlicherseits als Megathema erkannt und gefördert wird. Das sollte politischen Gegnern der Reform und unserer Gesellschaft nachhaltig zu denken geben! Zweitens: Man muss nicht bis nach Japan schauen, denn schon einen Steinwurf entfernt zeigt die Situation in den Niederlanden, wie selbstverständlich dort der sogenannte Skill- und Grademix in Kliniken angewandt wird. Ohne eine

Prof. Dr. Michael Bossle + Professor für Pflegepädagogik, Dekan der Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften, Technische Hochschule Deggendorf + www.michaelbossle.com

Neuausrichtung von Rollen und Aufgaben unterschiedlich gebildeter Pflegender (akademisch und nichtakademisch) wäre dort Versorgung auf höchstem Niveau nicht denkbar. Das sollte uns Mut machen!

30


Pf legepraxis

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Quo vadis, Pflegeberufereformgesetz? Ein Interview mit Christine Vogler und Carsten Drude

Herr Drude, Sie sind Bundesvorsitzender des BLGS (Bundesverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe e.V.) und gelten als einer der führenden Verfechter des Pflegeberufereformgesetzes. Wer hatte eigentlich die Idee der Reform des Pflegeberufes? Und woher kommt die so plötzlich?

Ganze eine Herzensangelegenheit für mich als Leiter einer Altenpflegeschule.

Frau Vogler, Sie sind Leiterin der Pf legeschulen, Leiterin der Aus-, Fort- und Weiterbildung an der Wannseeschule in Berlin und stellvertretende Vorsitzende des BLGS. Als solche tun Sie es Herrn Drude gleich und sind öffentliche Befürworterin der Pflegeberufereform. Deshalb an Sie die Fragen: Warum aber sollen die Pf legeberufe reformiert werden? Werden die Menschen in Deutschland aktuell pf legerisch etwa so schlecht versorgt, dass das notwendig ist?

Drude: Die Idee ist nicht neu, gewinnt aber momentan an Aktualität und gewaltig an Dramatik. Der Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 beginnt bereits, wie es scheint, denn die Parteien bringen sich so langsam in Position. Dennoch gibt es nun endlich ein konkretes Gesetzesvorhaben, obgleich die Vorlagen schon seit geraumer Zeit auf dem Tisch liegen. Bereits in den 1990er-Jahren ist die Idee auf-

Vogler: Die Pflegeausbildung muss reformiert werden, weil

gekommen, diskutiert und seitdem in mehreren Modellver-

sich die gesellschaftliche Situation verändert hat. Wir ha-

suchen praktisch erprobt worden.

ben in Deutschland durch zwei Sozialgesetzbücher zwei

So plötzlich und unerwartet kommt das Gesetz gar nicht

anerkannte Heilberufe mit pflegerischer Ausbildung. Diese

daher. Ja, für Deutschland mag es neu sein, aber wenn man

Versorgungsstruktur ist nicht mehr adäquat zum Leben der

den Blick hebt und über den nationalen Tellerrand wirft, ist

Menschen, die mittlerweile vor allem im ambulanten Sek-

ein Pflegeberuf die europäische Normalität. Was passiert

tor, aber auch im Bereich der stationären Pflege, der Kurz-

also derzeit in Deutschland? Es findet im Grunde nur eine

und Langzeitpflege pflegerische Versorgung benötigen. Es

Anpassung an internationales Niveau und eine Aufwertung

braucht deshalb Pflegende, die eine gute Qualifikation mit-

statt – insbesondere der Altenpflege. Und damit wird das

bringen, um in allen diesen Bereichen pflegen können.

32


Pf legeberuf

Das bisherige System ist ungerecht und zu starr, weil es

Berufsneulinge überall gute Arbeit leisten können. Wir

eine zu geringe Anerkennung und gleichzeitig zu wenige

brauchen ergänzende, konsekutive Weiterbildungsstruk-

Aufstiegsmöglichkeiten bietet.

turen, die begleitend zur Spezialisierung für die entsprechende Fachexpertise sorgen. Die Grenzen, die das Bil-

Drude: Ich würde gerne etwas zum zweiten Teil Ihrer Frage

dungssystem den Pflegenden aktuell auferlegt, werden

sagen: Ich glaube nicht, dass die Menschen schlechte Pfle-

durch das lebenslange Lernen fallen und wirkliche Wahl-

gequalität erleben. Allerdings sprechen Sie mit Ihrer Frage

freiheit wahrmachen. Die Pflegeberufereform macht die

das eigentliche Ziel des Gesetzes an, nämlich die Qualität

Pflegenden flexibel und mobil.

der Pflege auch zukünftig zumindest aufrechtzuerhalten.

Herr Drude, stimmt es, dass kein Fachwissen verloren geht?

Und das Gesetzesvorhaben gewinnt an Dringlichkeit, da der Fachkraftmangel immer weiter zunimmt – und zwar in allen Sektoren. Es brennt also in gewisser Weise schon, denn wenn wir zukünftig eine Versorgung sicherstellen

Drude: Pflege ist ein komplexes Handlungsfeld, das eine

wollen, muss es jetzt Veränderungen geben.

wachsende Fachkompetenz erfordert. Alle Modellversu-

Angesichts dieser Herausforderung stellen sich eigentlich

che beweisen valide, dass die drei pflegerischen Ausbildun-

keine Fragen nach Altersgrenzen oder nach Einrichtungs-

gen einen sehr hohen theoretischen Überschneidungsgrad

verbünden. Vielmehr gilt es, mit dem Gesetz die Antwort zur

besitzen. Die Ausbildungsstätten sind nach dem neuen

Sicherstellung der Pflege der Bevölkerung zu formulieren.

Gesetz gefragt, in der didaktischen Kunst die andere Brille

Die Menschen waren und sind nicht schlecht versorgt.

aufzusetzen, indem sie didaktische Reduktion anwenden und exemplarisches Lernen anbieten. Es ist doch so: Eine

Warum dann die Reform?

Spezialisierung gehört nicht in die Grundausbildung. Und mit dieser Idee gehen wir keinen neuen, sondern kon-

Drude: Nun, wir sollten dafür Sorge tragen, dass das so

sequent einen richtigen Weg. Man wird ja auch nicht zuerst

bleibt. Und genau deshalb müssen wir das bestehende Sys-

Gynäkologin und dann Allgemeinmedizinerin.

tem der dreigliedrigen Pflegeausbildung ablösen. Sollte das Gesetzesvorhaben verhindert werden, verlöre die Alten-

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch zu sehen, dass

pflege endgültig den Anschluss. Es gibt sogar Menschen, die

Einrichtungsträgern, die einen Schwerpunkt in der pflegeri-

offen zur Diskussion stellen, diesem Berufszweig seine An-

schen Versorgung ausgeprägt haben, zukünftig ermöglicht

erkennung als Heilberuf zu entsagen. Das käme allerdings

wird, um diesen herum eine Schwerpunktbildung in der

einer Herabsetzung zu einem Pflegehilfeberuf gleich.

praktischen Ausbildung anzubieten. Wer also heute beispielsweise seinen Auftrag in der pädiatrischen Versorgung

Damit ginge eine gehörige Expertise verloren.

sieht, kann morgen eine pädiatrische Schwerpunktbildung anbieten.

Drude: Absolut.

Das wiederum bedeutet, dass auch Auszubildende in Zukunft viel mehr Möglichkeiten haben als bisher. Zukünftig

Ein Kritikpunkt, der häufig in Diskussionen um das Pf legeberufereformgesetz vorgebracht wird, ist, dass mit der Zusammenlegung der drei Pflegefachberufe auch Fachwissen verloren ginge. Frau Vogler, wie viel Fachwissen geht der Pf lege verloren, wenn sie bundesweit einheitlich so ausgebildet werden sollte, wie beispielsweise in Ihrer Bildungseinrichtung, die Sie leiten?

können sie mehr als die Hälfte ihrer praktischen Ausbildungszeit entsprechend dem gesetzten Schwerpunkt nutzen, um Expertise in diesem speziellen Bereich aufzubauen. Und das ist mehr als jetzt.

Frau Vogler, Sie haben eben die Mobilität der Pflegenden angesprochen. Herr Drude hat den Fachkraftmangel erwähnt. Verschärft sich dieser nicht durch das Pflegeberufereformgesetz in bestimmten Bereichen durch die direkte Konkurrenz der Versorgungssektoren zusätzlich?

Vogler: Das Wichtigste gleich zu Anfang: Es wird kein Fachwissen verloren gehen. Fachwissen wird nicht nur in der theoretischen Ausbildung vermittelt, sondern entsteht auch in der beruflichen Handlung, der beruflichen Weiter-

Vogler: Lassen Sie mich etwas weiter vorn anfangen!

bildung und dem beruflichen Studium.

Wir sehen aktuell Pflegestärkungsgesetze, die morgen

Die pflegerischen Fachbereiche bleiben erhalten. Die

strukturelle Veränderungen bringen werden, die heute

Pflegenden werden zukünftig so ausgebildet, dass sie als

noch gar nicht abzusehen sind. Die Arbeitsfelder in der

33


Versorgungsleistung werden vermutlich enger zusammen-

bei „fremden“ Trägern in der praktischen Ausbildung

rücken. Und das bedeutet: Wir müssen die Pflegenden heu-

sind, um dort ihre Pflichteinsätze zu leisten. Es geht für die

te so ausbilden, dass sie morgen in allen Bereichen arbeiten

Einrichtungsträger darum, Kooperationen in die jeweils

können. Und wir müssen alle Bereiche an der Finanzierung

anderen Sektoren zu schließen. Ein kleinerer Pflegedienst

beteiligen, denn mit dieser Beteiligung wird das Interesse

im ländlichen Gebiet tut also gut daran, einen Verbund mit

steigen, auch tatsächlich auszubilden.

dem nächstgelegenen Krankenhaus und den umgebenden

Insgesamt darf man nicht aus den Augen verlieren, dass

von der Rotation zu profitieren.

Einrichtungen der stationären Altenpflege zu bilden und der Fachkraftmangel nicht nur die Pflege trifft. Die Pflege misst sich im Wettstreit mit anderen Wirtschaftszweigen.

Allgemein ist es wichtig, die Dinge ganz klar getrennt von-

Natürlich besteht auch zwischen den Sektoren und den Ein-

einander zu sehen. Einerseits darf die Qualität der Pflege-

richtungen der Pflege ein Unterschied. Und so gibt es jetzt

bildung nicht abhängig sein von den Rahmenbedingungen,

schon Gewinner und Verlierer in diesem Kampf. Dieses

die ausbildende Einrichtungsträger bieten. Andererseits

Problem, das heute besteht, einer Reform anzulasten, die

darf man nicht so blind sein und meinen, die beiden Dinge

unsere Pflegeversorgung von morgen sicherstellen wird,

hätten nichts miteinander zu tun. Deshalb brauchen wir in

erscheint mir allerdings unlauter. Einrichtungen empfehlen

Deutschland die Pflegeberufereform.

sich durch die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung. Die Kritik ist also dahingehend richtig: Die Rahmenbe-

Herr Drude, mitunter ist die Kritik zu vernehmen, mit der Zunahme der Praxiseinsätze würden die Pf legenden überfordert. Die Angst ist offenbar, dass es im Zuge der Schwerpunktbildung zu einem übermäßigen Zustrom in manchen Bereichen der pflegerischen Versorgungsstrukturen kommen könnte. Belastet man die Pflegenden nicht zusätzlich? Und zäumt man mit dem Gesetz das Pferd nicht von hinten auf, wenn man nicht zuerst die Arbeitsbedingungen – Stichwort: Mindestpersonalbesetzung – verbessert, um einen ausbildungsfreundlichen Rahmen zu schaffen?

dingungen in der Pflege müssen verbessert werden. Die Kritik gilt völlig unabhängig vom Pflegeberufereformgesetz. Denn es ist eher so – wer die Rahmenbedingungen verbessern will, sollte sich als Politiker an die Menschen in Deutschland wenden und ehrlich sagen: Das kostet Geld! Vogler: Ich würde gerne ergänzend sagen: Es ist die Verantwortung der Ausbildungseinrichtungen, die Auszubildenden so vorzubereiten, dass sie in den Versorgungsstrukturen arbeiten können. Selbstverständlich können die Einrichtungen keine gute Ausbildung gewährleisten, wenn sie kein Personal haben. Als Pflegende müssen wir uns aber auch fragen: Wie wollen wir unseren Nachwuchs ausbilden? Wir können nicht jammern, klagen und alles anderen überlassen – einschließlich der Ausbildung. Wir sollten also entschiedener dafür eintreten, dass Arbeitsbedingungen

Drude: Vielleicht helfen ein paar Zahlen, die Dinge klarer

herrschen, die eine gute Ausbildung ermöglichen.

zu sehen. Wir haben in Deutschland aktuell etwa 130.000

Ist das Pflegeberufereformgesetz damit also eher ein arbeitgeber- oder arbeitnehmerfreundliches Gesetz?

Auszubildende in den Pflegeberufen. In der Altenpflege werden rund 62.000, in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege rund 7.000 und in der Gesundheits- und Krankenpflege rund 64.000 Menschen ausgebildet. Dabei ist wichtig zu wissen: Die Anzahl der Auszubildenden bleibt

Vogler: Zum einen soll das Pflegeberufereformgesetz der

auch mit der Pflegeberufereform zunächst einmal gleich.

Sicherstellung der pflegerischen Versorgung der Bevöl-

Richtig ist zwar, dass die Einrichtungsträger, die bislang

angeboten werden, die ihnen solche Kompetenzen vermit-

kerung dienen. Jungen Pflegenden soll eine Ausbildung beispielsweise ausschließlich Menschen in der Altenpfle-

telt, die sie zu einer professionellen Pflege befähigen. Zum

ge ausgebildet haben, in summa mehr Menschen in ihren

anderen soll das Gesetz Schluss mit der unsinnigen Tren-

Einrichtungen haben werden. Falsch ist aber, dass die

nung zweier im Grunde identischer Pflegeberufe machen

Einrichtungsträger zeitgleich mehr Menschen ausbilden.

und den Pflegenden helfen, sich selbst als eine Profession

Es wird einzig eine höhere Rotation geben. Die Kunst

wahrzunehmen.

wird also sein, einer höheren Gesamtzahl von „fremden“

Ich verstehe das Gesetz als ein berufs- und bildungspoliti-

Auszubildenden die praktische Ausbildung anzubieten,

sches Instrument.

während

die

originär

„eigenen“

Auszubildenden

34


Pf legeberuf

Vogler: Menschen sind unterschiedlich. Und so unter-

Stichwort „Bildung“: Die Akademisierung der Pflege ist ein weiteres heiß diskutiertes Eisen in der pf legerischen Berufspolitik. Warum schafft man noch einen Ausbildungsberuf und angesichts der akademisierten Konkurrenz nicht einen neuen Pf legehilfeberuf?

schiedlich sollte auch die Versorgung gestaltet werden. Der Pflegeberuf gibt eine gute Arbeitsmöglichkeit – auch in puncto Arbeitsfeldsicherheit. Ich glaube, wir tun gut daran, möglichst viele junge Menschen für die Pflege von Menschen zu begeistern.

Begeisterung wäre eine gute Sache. Herr Drude, würden Sie sich mehr Begeisterung für das Pflegeberufereformgesetz wünschen? Und sind Sie zumindest ein wenig überrascht von der Emotionalität der Diskussion?

Vogler: In Anbetracht des Fachkräftemangels tun wir gut daran, zukünftig zwei unterschiedliche Zugänge zur professionellen Pflege zu haben. Wir müssen in Zukunft sowohl die Abiturientinnen und Abiturienten als auch die Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Mittelschulabschluss für den Pflegeberuf begeistern. Insofern ist es ein guter Kompromiss, die deutsche Tradition eines Ausbildungsbe-

Drude: Ja, ich bin in der Tat etwas überrascht. Und Emoti-

rufes aufzunehmen und den europäischen Standard eines

onalität ist eine gute Beschreibung. Denn häufig ist es eine

akademischen Zugangs hinzuzufügen. Die Ausbildungs-

allzu emotionale und keine sachliche Beurteilung der Pfle-

ziele, die im Pflegeberufereformgesetz formuliert werden,

geberufereform. Meine Erfahrung ist, dass die Angst dort

sind eindeutig die von der EU geforderten Ziele. Das schafft

am größten ist, wo die Reformgegner mit plakativen Fehl-

keinen Pflegehilfeberuf, sondern macht die dreijährige zu

informationen hausieren gehen. Die Zustimmung steigt hingegen, je höher der Informati-

einer hochprofessionellen Pflegeausbildung.

onsgrad ist.

Werfen wir einen Blick auf die Auszubildenden. Wen sehen Sie zukünftig als Pf legende? Welche Hoffnungen haben Sie für die Pflege?

Das Gespräch führte Markus Lauter. + Markus Lauter ist Pflegejournalist, Live-Blogger, Kolumnist und Redenschreiber aus Berlin.

35


Akademisierung der Pflege: Mehr von uns ist besser für alle!

„Mehr von uns ist besser für alle!“ – hinter dieser saloppen

von Maßnahmen vor, die bessere Arbeitsbedingungen

Formel verbirgt sich eine Kernforderung vieler Pflegender

zur Folge hätten. In Form einer angemessenen Bezahlung,

landauf, landab. Immer mehr drückt der Fachkraftmangel

attraktiver Bildungsangebote und einer Anhebung des

die Pflegebranche, sodass allenthalben Einigkeit darüber

Personalschlüssels könnten sich die Pflegebranche lukrati-

besteht, dass es mehr Pflegende geben muss. Uneinig ist

ver für aktuell tätige Kolleginnen und Kollegen, aber auch

man sich in der Diskussion allerdings darüber, wie viele

potenzielle Anwärterinnen und Anwärter, darstellen.

Pflegende mehr genau es bräuchte und welche Qualifikation sie mitzubringen hätten. Woher sollten die Pflegenden

Es dürfte kaum überraschen, dass Evers als Vizepräsi-

kommen, wer sollten sie sein und was sollten sie können

dent im Bereich Studium und Lehre besonders der Aka-

und dürfen?

demisierung der Pflege einen wesentlichen Anteil an der Attraktivitätsentwicklung beimisst. Somit schaffe man

Thomas Evers, Professor für Gerontologie und Geriat-

eine zusätzliche Zugangsmöglichkeit in die Pflege. „Dieser

rie im Studiengang Pflege (B. Sc.), beschäftigt sich an der

Zugangsweg“, so Evers, „spricht eine andere Zielgruppe an.

Hochschule für Gesundheit in Bochum unter anderem

Und die schafft ein Mehr, das uns guttut und den veränder-

mit der Frage, wie Pflege organisiert werden kann. Im

ten Versorgungsbedarfen gerecht wird.“

Gespräch verrät er, was es seiner Meinung nach braucht, um die Pflege als Beruf weiterzuentwickeln, attraktiver zu

Obgleich er aktuell eine gute und angemessene Pfle-

gestalten und somit mehr Menschen für die Pflegeberufe

geversorgung ausmachen kann, mahnt Evers dazu, das

zu gewinnen.

Berufsfeld auch heute schon zukunftssicher zu gestal-

Eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist

derte Anforderungen und Bedarfe in der pflegerischen

für Evers grundlegende Prämisse. Allerdings sieht er kei-

Versorgung nötig würden. Um mit diesen Veränderungen

ne singuläre Stellschraube, an der man drehen könnte, um

zumindest Schritt zu halten, wenn nicht sogar einen Schritt

eine Verbesserung der Personalsituation in der Pflege zu

voraus zu sein, brauche es auch hochschulisch qualifizierte

erwirken. Stattdessen schwebt ihm ein ganzer Katalog

Pflegende. Pflegende, die in der Lage wären, zunehmend

ten. Bereits jetzt sei erkennbar, dass sehr bald verän-

36


Pf legeberuf

komplexere Pflegesituationen wahrzunehmen und zu

in die Wissenschaft zu transportieren. Am Ende sei es eine

bewältigen. So sieht Evers die studierten Pflegenden zu

gemeinsame Verantwortung von Hochschulen, Pflege-

einer kritischen Reflexion befähigt, bei der es nicht nur

einrichtungen und den Pflegenden selbst, eine praxistaug-

darum ginge, den Finger in die Wunde zu legen und zu sagen,

liche Antwort auf die Frage der Einsetzbarkeit hochschu-

was nicht rundlaufe, sondern vielmehr auch die positiven

lisch qualifizierter Pflege zu formulieren.

Beispiele der Versorgung zu identifizieren, am aktuellen Stand der Wissenschaft zu messen und in eine interdiszip-

Evers’ Hoffnung für die Pflegeprofession ist es, dass sie

linäre Zusammenarbeit einzubringen. Ziel sei es, eine pati-

„klar und deutlich für ihre hohen Kompetenzen eintritt, die

entennahe und zugleich wissenschaftsbasierte Versorgung

sie mitbringt“. Darüber hinaus müsse sie einfordern, dass

zu gewährleisten.

diese Kompetenzen in der Gesundheitsversorgung auch dementsprechend wertgeschätzt würden: „Pflege ist kein

Durch die Akademisierung sieht Evers keine Abwertung der

Hilfsberuf. Sie besitzt eine hohe eigenständige Professi-

pflegerischen Ausbildung – im Gegenteil. Als grundstän-

onalität. Aber wir sind noch auf der Reise und noch nicht

dig ausgebildeter Altenpfleger, der auf seiner Ausbildung

am Ziel angelangt. Mit der Akademisierung gewinnt die

aufbauend selbst in der Lehre tätig geworden ist, sagt er:

Professionalisierung der Pflege an Fahrt.“ Was visionär

„Die derzeitige Pflegeausbildung besitzt eine hohe fachliche

klingt, treibt Evers in seiner täglichen Arbeit an.

Qualität. Niemand wird in seiner Professionalität herabgesetzt, wenn andere studieren. Insofern sollten wir nicht um ein Entweder-oder streiten, sondern das Pflegestudium eher als eine notwendige Ergänzung und Erweiterung des pflegerischen Portfolios sehen.“ Ihre Notwendigkeit zöge die hochschulische Qualifizierung aus den gesellschaftlichen und fachlichen Bedarfen und der zunehmenden Komplexität der Versorgung: „Wir brauchen die Akademisierung der Pflege!“ Dabei sei der potenzielle Einsatzort hochschulisch qualifizierter Pflegender so bunt und vielfältig, wie es die Pflege selbst sei. Hier stehen angesichts der generalisierten Pflegeausbildung, die das Pflegeberufereformgesetz der Bundesregierung vorsieht, Veränderungen ins Haus. Während den Pflegenden hierdurch mehr Flexibilität und Mobilität ermöglicht werden soll, verschwimmen ihre Arbeitsfelder – ambulante und stationäre, Kurz- und Langzeit-, Alten- und Krankenpflege. In einer solchen Situation spezielle Einsatzorte für hochschulisch qualifizierte Pflegende ausmachen zu wollen, sei zwar eine Herausforderung, für die es allerdings immer mehr gelungene Beispiele gäbe. Wichtig sei hierbei zu sehen, dass die Strukturen in den Pflegeeinrichtungen noch nicht allerorts dergestalt seien, dass hochschulisch qualifizierte Pflegende sofort ihren Platz finden könnten, meint Evers. Hier seien die Einrichtungen gefragt, die Integration der ergänzenden Qualifikation voranzubringen: „Wichtig für solche Einrichtungen ist es, sich als lernende Organisation zu entdecken und aufzuProf. Thomas Evers + Vizepräsident im Bereich Studium und Lehre, Professor für gerontologische und geriatrische Grundlagen der Pflege, Hochschule für Gesundheit (hsg), Bochum + www.hs-gesundheit.de + Das Gespräch führte Markus Lauter.

stellen, in der eine Wissenszirkulation stattfinden kann“, so Evers. Es bleibe zu hoffen, dass möglichst viele Menschen in Leitungs- oder Personalpositionen den Mut fänden, hier aktiv und kreativ zu werden, um den Transfer des theoretischen, wissenschaftsbasierten Wissens in die Pflegepraxis, aber auch die Fragestellungen aus der Pflegepraxis

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Handwerksbetriebe unterstützen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege Hans Peter Wollseifer + Präsident des Zentralverbandes des Deutsches Handwerks (ZDH) Berlin + www.hanspeterwollseifer.de

Die große Zahl von 2,6 Mio. Pflegebedürftigen in Deutsch-

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass auf freiwilliger

land bedeutet eine Herausforderung für Arbeitnehmer und

Basis flexible betriebliche Vereinbarungen geschlossen

Betriebe. Viele Pflegebedürftige möchten durch vertraute

werden. Freiwillige Vereinbarungen haben den Vorteil ei-

Angehörige in gewohnter Umgebung gepflegt werden. Vor

ner deutlich höheren Akzeptanz. Sie können mit der Per-

diesem Hintergrund wird es für viele Arbeitnehmer immer

sonaleinsatzplanung des Handwerksbetriebs abgestimmt

bedeutsamer, den täglichen Spagat zwischen Familie, Pfle-

werden und müssen dabei keine zusätzlichen administrati-

ge und Beruf zu meistern. Wie in allen Branchen sind es auch

ven Hürden überwinden.

in den Betrieben des Handwerks vor allem die erwerbstätigen Frauen, die sich um die Pflege von Familienangehörigen

Anders ist dies dagegen bei den zahlreichen gesetzlichen

kümmern. Auf diese erfahrenen und kompetenten Beschäf-

Ansprüchen der Arbeitnehmer auf Pflegefreistellungen. Sie

tigten möchten die Betriebe nur sehr ungern verzichten.

stellen vor allem die kleinen und mittleren Handwerksbetriebe vor große bürokratische Herausforderungen. Durch

Immer mehr Handwerksunternehmen unterstützen daher

ihre korsettartigen Vorgaben werden diese Ansprüche den

ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits heute aktiv

betrieblichen Belangen der Handwerksbetriebe oftmals

dabei, die Pflege eines Angehörigen und den eigenen Job

nicht gerecht. Die Betriebe mit immer mehr Barrieren zu

besser vereinbaren zu können. Das sichert den Verbleib des

konfrontieren, die ihre Wettbewerbsfähigkeit immer wei-

Fachwissens und der Kompetenzen in den Betrieben. Die

ter einschränken, ist nicht der richtige Weg.

Bandbreite der Unterstützungsangebote ist groß: So gibt es flexible Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit und die Vermitt-

Gerne unterstützt der Zentralverband des Deutschen

lung von Informationen und Ansprechpartnern zur Pflege.

Handwerks (ZDH) die Verleihung des Otto Heinemann

Solche Unterstützungsangebote werden manchmal auch

Preises, mit dem herausragende Beispiele für eine pflege-

im Verbund mehrerer Unternehmen angeboten und etwa

freundliche Arbeitswelt ausgezeichnet und publik gemacht

durch eine Innung oder Kreishandwerkerschaft koordiniert.

werden. Bei der Preisverleihung im letzten Jahr ging die

Darüber hinaus wird der Wiedereinstieg nach der Pflege-

Auszeichnung in der Kategorie „Kleine Unternehmen“ an

zeit durch Kontakthalten, Weiterbildungen und Rückkeh-

die Kreishandwerkerschaft Cloppenburg. Die Kreishand-

rergespräche unterstützt.

werkerschaft erleichtert ihren Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf durch flexible Arbeitszeitmodelle

Solche praxisnahen Lösungen sind ein Gewinn für alle. Sie

sowie individuelle Absprachen. Sie möchte damit aber vor

binden motivierte Mitarbeiter, stärken Familien und sind

allem als regionale Interessenvertretung der Handwerks-

gelebte gesellschaftliche Verantwortung von Arbeitgebern.

unternehmen Multiplikator sein.

38


Vereinbarkeit

Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf Adolf Bauer + Präsident Sozialverband Deutschland e.V. + www.sovd.de

Die Versorgung von Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf

der Handlungsbedarf wirklich ist, um weitreichende Folgen

im häuslichen Umfeld entspricht den Wünschen und Be-

für die berufliche Weiterentwicklung wie auch die Absiche-

dürfnissen der meisten Menschen. Sie möchten auch bei

rung im Alter auszuschließen.

eintretender Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit nicht in eine

So begrüßenswert der Anspruch auf (Familien-)Pflegezeit

stationäre Pflegeeinrichtung übersiedeln, sondern so lan-

auch ist, der SoVD kritisiert, dass viele Arbeitnehmerinnen

ge wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung verbleiben.

und Arbeitnehmer in kleinen und mittelständischen Unter-

Umfragen belegen, dass auch die Mehrzahl der Beschäftig-

nehmen von dieser Regelung ausgeschlossen sind. Wün-

ten ihre Angehörigen am liebsten selbst betreuen möchte.

schenswert wäre ein allgemeingültiger Rechtsanspruch für

Eine vorrangig häusliche Versorgung durch nahe Angehö-

alle Beschäftigten. Da kleinere Betriebe einen temporären

rige entspricht zudem den Grundsätzen der Pflegeversi-

Ausstieg oder eine vorübergehende Arbeitszeitreduzie-

cherung. Leider scheitert es trotz dieses Konsenses in der

rung ihrer Beschäftigten schwieriger bewältigen können,

Praxis nicht selten an adäquaten Möglichkeiten, Pflege und

sollten parallel Instrumente zur Abfederung der besonde-

Berufstätigkeit miteinander zu vereinen.

ren Belastungen geschaffen werden.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) begrüßt ausdrück-

Mit der Option, ein zinsloses Darlehen zur Aufstockung

lich, dass mit dem Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von

des Arbeitsentgelts beim Bund zu beantragen, soll sich für

Familie, Pflege und Beruf, und zwar insbesondere mit der

Arbeitnehmende die Möglichkeit bieten, Verdienstausfälle

Einführung eines Rechtsanspruchs auf (Familien-)Pfle-

zu kompensieren. Leider zeigt die geringe Zahl der Inan-

gezeit sowie des Pflegeunterstützungsgeldes, wichtige

spruchnehmenden, dass die Reglungen zur Beantragung

Bausteine zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege

und Rückzahlung nach wie vor zu kompliziert sind. Es er-

und Berufstätigkeit geschaffen worden sind. Wir leben

scheint uns daher sinnvoller, für die bis zu sechsmonatige

nachweislich in einer immer älter werdenden Gesellschaft.

Freistellung im Rahmen der Pflegezeit eine Lohnersatzleis-

Wenn immer weniger Jüngere auf immer mehr Ältere tref-

tung anzubieten. Erst diese würde Pflege und Berufstätig-

fen, dann betrifft das Thema Pflege perspektivisch jeden

keit in vielen Fällen vereinbar machen. Immerhin handelt es

von uns. Da ist es nur richtig und wichtig, frühzeitig die

sich um eine Investition in die Zukunft.

Weichen für eine pflegefreundliche Arbeitswelt zu stellen.

Grundsätzlich ist darauf hinzuweisen, dass die familiäre

Auch erlaubt es uns der derzeitige Fachkräftemangel kaum,

Pflege als Garant einer häuslichen – und kostengünstigen –

auf gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu

Pflege zukünftig immer weniger zur Verfügung stehen

verzichten.

wird. Im Zuge der Diskussionen einer „Caring Community“ –

(Familien-)Pflege ist nachweislich weiblich, das heißt, Frau-

also sorgenden Gemeinschaft – bleibt zu überlegen, ob die

en nehmen nicht nur in Zeiten der Kindererziehung Auszei-

Fokussierung bestehender Regularien auf den Personen-

ten von der Berufstätigkeit oder reduzieren ihre Arbeits-

kreis der Angehörigen noch zeitgemäß ist oder nicht auch

zeit, sondern tun dies auch zur Pflege von Angehörigen.

Freunde/Bekannte oder Nachbarn einzubeziehen sind, um

Im Zuge der aktuellen Diskussion zum Thema Rente und

die Lebenswirklichkeit vieler existierender Pflegearrange-

Altersarmut sollte daher darauf hingewiesen werden, dass

ments abzubilden. Auch die Rolle der professionellen und

weibliche Beschäftigte, die langfristig oder dauerhaft aus

der ehrenamtlichen Pflege muss neu überdacht werden. Es

dem Berufsleben aussteigen, z.B., weil sie den Spagat zwi-

braucht einen wirklichen Pflege-Hilfe-Mix, der Angehörige,

schen Pflegeaufgaben und Job nicht länger leisten können,

professionelle Pflege und Ehrenamt genauso einbezieht

damit rechnen müssen, im Alter Einkommenseinbußen

wie quartiersbezogene Ansätze, die das gesamte Lebens-

hinzunehmen. An dieser Stelle wird deutlich, wie drängend

umfeld abbilden.

39


Umsetzung einer nachhaltigen familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik Ein Interview mit Oliver Schmitz

Sie beraten und begleiten Unternehmen bei der Umsetzung einer nachhaltigen familienund lebensphasenbewussten Personalpolitik.

aber eine machbare und für die Vereinbarkeitsbemühun-

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, denen sich Unternehmen in Deutschland hinsichtlich ihrer Personalpolitik aktuell und in Zukunft stellen müssen?

chen und hat das Potenzial, Beruf und Privatleben besser

gen Erfolg bringende. Digitalisierung ist in aller Munde. Sie soll Abläufe vereinfavereinbaren zu helfen. Aber dafür müssen Beschäftigte und Arbeitgeber bzw. Führungskräfte nicht nur mit der Technik gut umzugehen wissen. Wenn Arbeiten 4.0 bedeutet, dass Beschäftigte häufiger von zu Hause aus arbeiten

Zunehmend mehr Beschäftigte müssen sich um die Pflege

können oder auch an anderen Orten und die Präsenz im

von nahen Verwandten kümmern. Laut einer berufundfa-

Unternehmen weniger wichtig wird, muss vorausgesetzt

milie-Umfrage rechnen zwei von drei Beschäftigten damit,

werden können, dass die Kommunikation zwischen Arbeit-

dass sie künftig einen Angehörigen pflegen werden. Au-

geber und Arbeitnehmer stimmt. Neben der technischen

ßerdem stehen für die Generation 50 plus Überlegungen

Entwicklung braucht es daher auch eine kulturelle Entwick-

an, wie der eigene Übergang vom Erwerbsalter in den Ru-

lung, hin zu mehr Selbstverantwortung und somit zu einer „Vertrauenskultur“.

hestand gestaltet werden kann. Und noch etwas mit Blick auf die jüngeren Beschäftigten: Das Rollenverständnis hat

Wie können Unternehmen bei der Lösung dieser Probleme unterstützt werden und welchen Beitrag können Sie dabei leisten?

sich verändert. Frauen und Männer wollen mehr Partnerschaftlichkeit – im Privaten wie im Beruf. Frauen möchten mehr arbeiten, Männer mehr Zeit für die Familie und das Privatleben.

Eine familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik besitzt Lösungspotenzial. Ganz entscheidend ist, dass Ar-

Der Megatrend Individualisierung hat Einzug in die Arbeitswelt gehalten. Das gilt es in der Vereinbarkeitspolitik

beitgeber diese strategisch anlegen. Denn nur wenn Famili-

zu berücksichtigen. Das bedeutet: Die individuellen Le-

enbewusstsein systematisch erarbeitet und implementiert

bensentwürfe haben Einfluss darauf, welche beruflichen

wird, ist sein Nutzen groß. Das audit berufundfamilie unter-

und privaten Entscheidungen ein Beschäftigter fällt. Ver-

stützt Arbeitgeber darin, einen entsprechenden nachhalti-

einbarkeitsangebote müssen entsprechend adaptierbar –

gen Prozess aufzusetzen und zu konkreten Maßnahmener-

also flexibel – sein. Eine Herausforderung für Arbeitgeber,

gebnissen zu kommen.

40


Vereinbarkeit

Seit wann gibt es Bedarf für Unternehmen, sich in diesem Bereich zu engagieren, und wie schätzen Sie diesen Bedarf ein? Welche Relevanz wird dieses Thema für Unternehmen in der Zukunft haben?

einer Bewerbung für den Otto Heinemann Preis ist bisher sehr verhalten). Was sind Ihre Erfahrungen in diesem Bereich bzw. was könnte der Grund dafür sein? Da gibt es unserer Einschätzung nach zwei Aspekte. Wir ha-

Die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und

ben den Eindruck, dass Arbeitgeber oftmals die Notwendig-

Privatleben hat sich vor etwa 20 Jahren intensiviert – auch

keit und die Wertigkeit der Kommunikation unterschätzen.

durch die Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die

Sie gehen eventuell davon aus: „Die Angebote, die wir haben,

alle Fragen zum Themenfeld in der berufundfamilie bündel-

werden schon irgendwie genutzt.“ Es ist aber eine intensive

te. Zu Beginn war Vereinbarkeit synonym für „arbeiten und

interne Kommunikation notwendig, damit das Maßnahmen-

gleichzeitig Kinder gut versorgen können“. Das kam allein

angebot bekannt wird, auf Akzeptanz trifft und letztendlich

daher, dass sich der große Teil der Arbeitnehmerinnen und

auch genutzt wird. Und wer sich auch extern als attraktiver

Arbeitnehmer – die geburtenstarken Jahrgänge – damals

Arbeitgeber positionieren möchte, kann auf eine breite Öf-

in der Familiengründungsphase befand. Viele Arbeitgeber

fentlichkeitsarbeit in Sachen Familienbewusstsein ebenfalls

haben sich des Themas Kinderbetreuung inzwischen gut

nicht verzichten.

angenommen. Sie hatten letztendlich auch Zeit, zu lernen und Erfahrungen zu machen. Mittlerweile sind die Kinder

Arbeitgeber sind aber teilweise unsicher, wie sie was kom-

der Babyboomer herangewachsen, selbstständig und teil-

munizieren können. Ist intern die Hauszeitung das richtige

weise selbst im Erwachsenenalter. Die Babyboomer selbst

Mittel oder ist eine Veranstaltung wirksamer? Sind extern

stehen aber vor neuen Herausforderungen – eben der Pfle-

die sozialen Medien einzubeziehen? Und was stelle ich dort

ge oder der Gestaltung ihrer letzten Arbeitsjahre. Mit die-

dar – das gesamte Maßnahmenportfolio oder einzelne Lö-

sen Aspekten hat sich das Themenfeld Vereinbarkeit stetig

sungen? Können die Aussagen über persönliche Geschichten

erweitert. Und der Bedarf an einer entsprechenden Perso-

akzentuiert werden? Manchmal ist es auch die Angst davor,

nalpolitik ist und bleibt groß.

dass eine offene Kommunikation zu einer übersteigerten Erwartungshaltung bei den Beschäftigten führen könnte. Hier-

Sehen Sie für Unternehmen, die sich mit der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Pf lege beschäftigen, einen Wettbewerbsvorteil? Wenn ja, welchen?

für braucht es eine offene und authentische Kommunikation, die auch Grenzen benennt. Unternehmen, die nicht über eine Kommunikationsabteilung verfügen, brauchen hier etwas Unterstützung. Tipps zur Kommunikation geben wir im Rahmen der Zertifizierung nach dem audit berufundfamilie

Absolut! Eine gelingende Vereinbarkeit von Beruf, Familie

gerne als Inspiration an die Arbeitgeber weiter.

und Privatleben bringt Arbeitgebern positive betriebs-

Was sind nach Ihrer Einschätzung die wichtigsten Erfolgskriterien für Unternehmen, um gutes Personal zu binden und zu akquirieren? Gibt es Regeln/Erfolgsrezepte, mit denen sich Unternehmen auf den demografischen Wandel und die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege vorbereiten können? Was sind die wesentlichen Eckpfeiler einer familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik?

wirtschaftliche Effekte: Im Vergleich zu Unternehmen, die ein geringes Familienbewusstsein zeigen, spüren sie eine höhere Identifikation, Motivation und Zufriedenheit der Beschäftigten. Daraus resultiert eine niedrigere Fehlzeiten- und Krankheitsquote. Fachkräfte fühlen sich an den Arbeitgeber stärker gebunden. Das Personalmarketing verbessert sich mit der Vereinbarkeit, denn auch die Qualität der Bewerber nimmt zu. Kurz gefasst: Mit einer strategisch angelegten familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik steigern Unternehmen ihre Arbeitgeberattraktivität. Standortdefizite können dadurch in Teilen ausgeglichen werden. Sie erhalten Antworten auf die Heraus-

Ganz wichtig ist, sich nicht blindlings familienbewusst ge-

forderungen der Arbeitswelt – wie Fachkräftemangel und

ben zu wollen. Im Rahmen einer systematischen Verein-

demografische Entwicklung.

barkeitspolitik ist zunächst der betriebsindividuelle Bedarf zu erheben. Zu analysieren ist die Beschäftigtenstruktur:

Wir haben den Eindruck, dass Unternehmen Ihr Engagement in diesem Bereich nicht unbedingt „öffentlichkeitswirksam“ kommunizieren wollen. (Das Interesse an

Welches Alter haben die Beschäftigten? Wie sind die Anteile von Frauen und Männern? Wo entwickelt sich die Belegschaft in fünf Jahren hin? Wie ist die Arbeit organisiert? Auf dieser Basis lässt sich ermitteln, welche Art von

41


Maßnahmen – auch zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege – überhaupt benötigt werden, welche also passend sind. Zu klären sind selbstverständlich auch die personellen und finanziellen Kapazitäten für gesuchte Lösungen. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang zu überprüfen, ob sich Kooperationsmöglichkeiten – mit anderen Arbeitgebern oder aber mit Serviceeinrichtungen – anbieten. Eine gelingende familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik basiert letztendlich auf einem Dreiklang von Angebot, Dialog und Kultur. Ein passgenaues Maßnahmenangebot zur Vereinbarkeit ist gut. Besser ist es, wenn der Arbeitgeber den Dialog über dieses Angebot fortlaufend mit den Beschäftigten sucht und die Maßnahmen im Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch fortlaufend adaptiert bzw. optimiert. Das eigentliche Ziel ist es, das Familienbewusstsein auch spürbar in der Unternehmenskultur zu verankern. Vereinbarkeit wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie eine Selbstverständlichkeit ist – und von jedem Beschäftigten auf allen Ebenen genutzt werden kann.

Welche Arbeitsmodelle und Instrumente haben sich als besonders zielführend in der Praxis erwiesen, um der Doppelbelastung von Beruf und Pf lege entgegenzuwirken? Unternehmenskultur zeigt sich in Maßnahmen wie DienstEine pflegebewusste Personalpolitik ist Teil einer Familien-

vereinbarungen zur Pflege, psychologischer Beratung oder

und lebensphasenbewussten Personalpolitik. Instrumen-

auch der Vermittlung von Kurzzeitpflegeplätzen.

te, die bei der Kinderbetreuung greifen, können in Teilen durchaus auf das Pflegethema übertragen werden – z.B. Ar-

Gerade mittlere und kleine Unternehmen tun sich bisher schwer damit, sich im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Pf lege zu engagieren. Können sich das nur große Unternehmen „leisten“ oder gibt es auch für kleine Unternehmen interessante Modelle, die sich in der Praxis umsetzen lassen?

beitszeit- und Arbeitsortflexibilisierung. Aber Pflege bedarf auch eigenständiger Lösungsansätze. Für eine gelingende pflegesensible Personalpolitik müssen innerbetrieblich folgende Grundlagen geschaffen sein: Es braucht eine weitere Enttabuisierung des Themas. Und es müssen neue Flexibilitätsspielräume für Beschäftigte mit Pflegeaufgaben geschaffen werden, um die Pflegenden zu entlasten und gleichzeitig ihre Arbeitsfähigkeit

KMUs machen nicht nur den Großteil der Unternehmen in

aufrechtzuerhalten.

ganz Deutschland aus. Über die Hälfte aller Zertifikatsträ-

Angebote lassen sich in allen Handlungsfeldern schaffen.

ger hat eine Größe von max. 500 Beschäftigten. Das audit

Ihre Zielsetzung kann die Aufklärung und Enttabuisierung

ist unabhängig von der Betriebsgröße anwendbar. Es passt

sein, z.B. Führungskräfte für eine pflegebewusste Perso-

sich den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens an.

nalpolitik sensibilisieren, Veranstaltungen für Beschäf-

Bei der Umsetzung einer familienbewussten Personalpoli-

tigte zum Thema anbieten. Erste Hilfestellungen können

tik helfen oft auch schon Kleinigkeiten, die nicht per se kost-

gegeben werden durch Informationen zu gesetzlichen

spielig sind. Im audit wird z.B. ein Schwerpunkt beim The-

Rahmenbedingungen, zu Dienstleistern und Ansprechpart-

ma Kommunikation gesetzt, intern wie extern. In der Regel

nern, durch Seminare für Pflegende, durch eine kurzfristig

sind bereits geeignete Kommunikationskanäle vorhanden

disponible Arbeitszeit, Arbeitszeitenkonten und, und, und.

und müssen nur auch für das Thema Vereinbarkeit genutzt

Auf einem weiteren Maßnahmenlevel kann die Leistungs-

werden. Oder es zu ermöglichen, dass bei Besprechungen

fähigkeit der betroffenen Beschäftigten erhalten werden,

Teilzeitbeschäftigte teilhaben können, ist in der Regel eine

etwa durch alternierende Telearbeit, durch die Umstruk-

Frage der Organisation und nicht der Kosten.

turierung der Teamarbeit oder Vertretungsregelungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Eine pflegebewusste

42


Information und Kommunikation

Führung

Personalentwicklung

Entgeltbestandteile und geldwerte Leistungen

Service für Familien

Welcher Aufwand und welche Kosten entstehen bei der Implementierung dieser neuen Prozesse (Technik, Personal, Fortbildung)? Der Preis für eine Auditierung ist von der Arbeitgebergröße – sprich der Beschäftigtenzahl – und dem Auditierungslevel abhängig. Er beginnt bei 4.500 Euro für drei Jahre. Der Aufwand und die Kosten für die Implementierung familien- und lebensphasenbewusster Lösungen sind selbstverständlich von den Maßnahmen selbst abhängig. Es gibt kostengünstige und kostenintensivere Maßnahmen. Es gibt Maßnahmen mit mehr oder weniger Personalaufwand. Beides hat aber nicht zwingend etwas mit seiner Effektivität zu tun. Auch kostengünstige Maßnahmen mit einem geringen Personalaufwand können in ihrer Wirkung enorm sein.

Sie auditieren und begleiten Unternehmen bei ihrem Prozess auf dem Weg zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie/Pflege und Privatleben. Wie sieht der Ablauf eines Audits aus, welche Handlungsfelder gibt es? Mit dem audit berufundfamilie erhalten Unternehmen und Institutionen auf ihrem Weg zur familien- und lebensphasenbewussten Gestaltung ihrer Arbeitsstellen neben dem renommierten Zertifikat eine umfassende Beratung und Begleitung, bestehend aus fundierter Analyse, kontinuierlicher Prozessoptimierung und Vermittlung von Fach- und Methodenwissen. Unsere Auditorinnen und Auditoren begleiten die Arbeitgeber im Auditierungsverfahren. Der Ablauf des audits berufundfamilie umfasst zunächst die Erhebung des Status quo, eine darauf aufbauende Bedarfsanalyse und die Ermittlung des betriebsspezifischen Entwicklungspotenzials, die Definition der strategischen Zielsetzung und darauf aufbauend die Erarbeitung konkreter Ziele und Maßnahmen sowie die verbindliche Festlegung der Ergebnisse in einer Zielvereinbarung. Die Ziele und Maßnahmen der familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik werden entlang der folgenden acht Handlungsfelder entwickelt: •

Arbeitszeit

Arbeitsorganisation

Arbeitsort

Oliver Schmitz + Geschäftsführer berufundfamilie Service GmbH + www.berufundfamilie.de

43


Impressionen der 3. Berliner Pflegekonferenz Tag 1, 8. November 2016

44


Die Veranstaltung

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46


47


Die Preisverleihungen

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Die DieVeranstaltung Veranstaltung

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Otto Heinemann Preis 2016 Die Preisträger

Organisation

Nominiert in der Kategorie

Web

Zur Rose Pharma GmbH

Unternehmen mit bis zu

www.zurrose.de

500 Mitarbeiter(inne)n Amtsgericht Offenbach am Main

Handwerkskammer Karlsruhe

Unternehmen mit bis zu

https://ag-offenbach-justiz.hessen.de/irj/

500 Mitarbeiter(inne)n

AMG_Offenbach_Internet

Unternehmen mit bis zu

www.hwk-karlsruhe.de

500 Mitarbeiter(inne)n Siemens Postal, Parcel & Airport

Unternehmen mit bis zu

www.logistics-airports-solutions.siemens.

Logistics GmbH

2.000 Mitarbeiter(inne)n

com/las/global/de/pages/home.aspx

SCHUFA Holding AG

Unternehmen mit bis zu

www.schufa.de

2.000 Mitarbeiter(inne)n EJOT Holding GmbH & Co. KG

Unternehmen mit bis zu

www.ejot.de

2.000 Mitarbeiter(inne)n Landesamt für Steuern Steuerverwaltung

Unternehmen ab

Rheinland-Pfalz

2.001 Mitarbeiter(inne)n

Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR),

Unternehmen ab

Anstalt des öffentlichen Rechts

2.001 Mitarbeiter(inne)n

GLOBUS (SB-Warenhäuser und

Unternehmen ab

SB-Warenhaus-Holding)

2.001 Mitarbeiter(inne)n

www.lfst-rlp.de

www.bsr.de

www.globus.de

Preisträger

Nominierte

50


Im November 2016 wurde im Rahmen der Berliner Pfle-

eingeschätzt. Ein Meilenstein war für die BSR die Einfüh-

gekonferenz zum zweiten Mal der Otto Heinemann Preis

rung der Gleichstellungskonferenzen, bei denen Fach- und

zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf an Unternehmen

Führungskräfte über Themen wie Chancengleichheit oder

vergeben, die Besonderes auf diesem Gebiet leisten. Die

die Balance von Arbeits- und Privatleben diskutieren und

Preisträger könnten unterschiedlicher nicht sein: ein groß-

gemeinsam Lösungsansätze erarbeiten.

städtischer Stadtreinigungsbetrieb, ein mittelständisches

Urban legt Wert darauf, dass die Angebote seines Unter-

Unternehmen für Verbindungstechnik und ein hessisches

nehmens auch als Erfüllung eines sozialen Auftrags gese-

Amtsgericht. Doch eines ist ihnen allen gemeinsam: der

hen werden. „Dass es betriebswirtschaftlich ebenfalls Sinn

vorbildhafte Einsatz für die bessere Vereinbarkeit von Pfle-

macht, ist uns natürlich bewusst. Umso besser, wenn sich

ge und Beruf.

diese beiden oft als gegensätzlich empfundenen Pole gut

Wir haben noch einmal mit den drei Preisträgern über ihr

Auf aktuelle Herausforderungen angesprochen, weist Ur-

vereinen lassen.“ Engagement gesprochen.

ban darauf hin, dass insbesondere die Beschäftigten im operativen Bereich der BSR noch mehr Unterstützung be-

Berliner Stadtreinigung (BSR) –

nötigen. „Das ist manchmal komplizierter als bei unseren

Preisträgerin für Unternehmen

Beschäftigten in den Büros. Sobald Schnee fällt, sind unse-

ab 2.001 Mitarbeiter(inne)n

re Einsatzkräfte auch schon mal um drei Uhr nachts unter-

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) gehört mit über 5.000

wegs. Wenn jemand Angehörige zu pflegen hat, ist das in

Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern Berlins und

so einer Situation für die Betroffenen besonders schwierig.“

ist europaweit als eines der wichtigsten kommunalen Unternehmen in der Abfallwirtschaft und Straßenreinigung

EJOT –

bekannt. Bei ihrer Personalpolitik hat sie die Vereinbarkeit

Preisträger für Unternehmen

von Pflege und Beruf schon seit einiger Zeit fest im Blick.

mit 501 bis zu 2.000 Mitarbeitern(inne)n

Sie bietet Hilfe und Unterstützung weit über die gesetzli-

Die mittelständische Unternehmensgruppe EJOT mit

chen Vorgaben hinaus an, unabhängig davon, ob bei einem

Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Bad Berleburg ist

Mitarbeiter akuter Bedarf besteht oder es um vorbereiten-

auf Verbindungstechnik spezialisiert. Ihre Kunden finden

de Aufklärung geht.

sich vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie, der

Auf die Frage, wie die BSR zum Thema Pflege gekommen

Telekommunikations- und Unterhaltungselektronik sowie

sei, hat Martin Urban, Vorstand für Personal, Soziales und

dem Baugewerbe. Pflegeleitfäden, Vortragsveranstaltun-

technische Dienstleistungen, eine ebenso einfache wie lo-

gen und Vermittlungsleistungen tragen bei EJOT zu einer

gische Antwort: „Eigentlich war es umgekehrt: Das Thema

lebensphasenbewussten Personalpolitik bei.

Pflege kam zur BSR. Durch unsere besondere Unterneh-

„Am Anfang stand für uns 2011 das audit berufundfamilie.

mensgeschichte haben wir es mit einem hohen Alters-

Bei uns im ländlichen Raum steht bei Engpässen in der Kin-

durchschnitt zu tun. Folglich ist die Pflege von Angehörigen

derbetreuung noch die Familie an vorderster Stelle. Wenn

zunehmend ein Thema für unsere Beschäftigten.“

es um die Pflege geht, sieht das ähnlich aus – allerdings ist der

Flexible Arbeitszeiten, Austausch im Pflegezirkel, feste

Betreuungsbedarf häufig viel größer. Deshalb wird es dann

Ansprechpartner zum Thema Pflege und vor allem Wert-

schwieriger, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren“,

schätzung und Respekt sieht Urban als die Grundlagen der

weiß Andrea Neuland, Leiterin Personalentwicklung.

Angebote. „Bei uns soll die Unternehmenskultur so offen

Ein Faktor für das erweiterte Engagement bei der Verein-

sein, dass man ohne schlechtes Gewissen oder irgendwel-

barkeit von Familie und Beruf war für EJOT die Suche nach

che Ausreden über die Herausforderungen von Pflegesitu-

Fachkräften: „EJOTs zukünftiger Erfolg hängt wesentlich

ationen sprechen kann“, laute das Credo bei der BSR.

davon ab, wie gut es uns gelingt, qualifizierte und engagier-

„Wir haben schnell gelernt, bei dem Thema Vereinbarkeit

te Mitarbeiter für unser Unternehmen zu gewinnen und an

in beide Richtungen zu schauen: zum einen auf Familien

uns zu binden. Unsere Standorte sind nicht gerade zentral

mit Kindern, zum anderen auf Beschäftigte mit älter wer-

gelegen. Da ist es besonders wichtig, Anreize für Bewerber

denden Eltern. Wir sind sehr offen für den Bedarf unserer

zu schaffen. Sie fragen dann auch tatsächlich aktiv nach der

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unsere Angebote

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, speziell nach unserem

auch kontinuierlich annehmen. Bei der BSR gibt es z. B. die

Umgang mit der Pflegebedürftigkeit von Angehörigen.“

Möglichkeit, eine Ausbildung in Teilzeit zu machen. Und in

Bei EJOT weiß man, dass jeder Fall individueller Zuwen-

unserem Pflegezirkel beschäftigen wir uns auch mit sen-

dung bedarf. Darüber hinaus arbeiten viele Mitarbeiter an

siblen Fragen wie Palliativmedizin und Hospizdiensten.“

Maschinen, die volle Konzentration erfordern. Wenn da

Vereinbarkeit wird dabei als wichtige Führungsaufgabe

jemand mit dem Kopf woanders ist, ist das auch gefährlich.

51


Die Theorie ist das eine. Wie aber funktioniert das Enga-

Die Maßnahmen zur Erleichterung der Vereinbarkeit von

gement in der Praxis? Frau Neuland berichtet von einem

Pflege und Beruf sind vielfältig. Mitarbeiter können jeder-

Mitarbeiter aus dem gewerblich-technischen Bereich, der

zeit die ausgebildeten Pflegeguides um Hilfe bitten. „Wir

im Dreischichtsystem tätig war. Er stand als Einzelkind

bieten eine Vielzahl individueller Arbeitszeitmodelle an,

plötzlich vor der Situation, dass sein Vater nach einem

welche in jedem Einzelfall an die Bedürfnisse der Bediens-

Sturz pflegebedürftig geworden war. Nach der zehntägigen

teten angepasst werden.“ Die Flexibilisierung der Arbeits-

Freistellung half EJOT mit Informationsmaterial und Bera-

zeit für Rechtspfleger ermöglicht sogar eine freie Gestal-

tungsgesprächen bei der mühsamen Suche nach einem

tung ihrer Arbeitszeit ohne Zeiterfassung. Konkret bietet

Pflegeplatz. Als dann endlich ein Platz in einem Pflegeheim

der Arbeitgeber zum Beispiel die Umstellung auf Telear-

gefunden wurde, war der Vater dort alles andere als glück-

beit an, um Mitarbeitern die Pflege ihrer Angehörigen zu

lich. Schnell war klar, dass die Rückkehr in die eigenen vier

ermöglichen.

Wände die beste Lösung für ihn wäre. „Wir haben den be-

Durch seine Erfolge, nicht zuletzt die erstmalige Nominie-

troffenen Mitarbeiter dann auf eigenen Wunsch aus dem

rung für den Otto Heinemann Preis im vergangenen Jahr,

Dreischichtbetrieb genommen, um ihm die Pflege seines

ist es dem Amtsgericht Offenbach gelungen, auch andere

Vaters zu ermöglichen.“

hessische Behörden und Unternehmen von dem Wert ei-

Auch bei EJOT sieht man die Sensibilisierung der Führungs-

ner pflegesensiblen Personalpolitik zu überzeugen. Die

kräfte als besonders wichtig an. Ein flächendeckend ein-

aus der Zusammenarbeit entstehenden Synergieeffekte

heitliches Verständnis zu schaffen sowie für Offenheit und

führen dazu, dass die bestehenden Angebote erweitert

Vertrauen zu sorgen, braucht Zeit. „Wir haben schon viel

werden können. „Wir werden die Kooperation mit anderen

erreicht, jedoch besteht immer noch Verbesserungsbedarf.

Behörden ausbauen, zum Beispiel mit der Polizeibehörde,

Wenn man die drei Ebenen Leistung, Dialog und Unterneh-

den Finanzämtern oder anderen Amtsgerichten“, ergänzt

menskultur betrachtet, sehe ich gerade beim letzten Punkt

Schott-Pfeifer.

noch Entwicklungspotenzial. Es ist wichtig, dem Thema

Natürlich müsse jede Institution und jedes Unternehmen

Pflege ein Gesicht zu geben, es greifbarer zu machen. Dabei

ein individuelles Konzept erarbeiten, das an die speziellen

könnte es helfen, wenn Mitarbeiter über ihre persönlichen

Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst ist. „Aber ich

Erfahrungen in den verschiedenen Pflegephasen berichten,

denke, dass es – egal wie groß ein Unternehmen sein mag –

um Kollegen auf ähnliche Situationen vorzubereiten oder

relativ einfach umsetzbare Lösungen gibt, die sowohl den

in akuten Fällen mit ihren Erfahrungen zu helfen.“

Mitarbeitern als auch dem Unternehmen zugutekommen.“ Dafür bietet das Amtsgericht Offenbach interessierten Ins-

Amtsgericht Offenbach –

titutionen Vorträge mit seinen ausgebildeten Pflegeguides

Preisträger für Unternehmen

an und präsentiert verwendete Materialien.

mit bis zu 500 Mitarbeitern(inne)n

Aber auch innerhalb der Behörde ist man noch lange nicht

Petra Schott-Pfeifer, Vizepräsidentin des Amtsgerichts

am Ende des Weges angelangt. Geplant ist zum Beispiel

Offenbach, hat selbst eine zertifizierte Ausbildung zur Ge-

eine offizielle Dienstvereinbarung in Abstimmung mit dem

sundheitsmanagerin absolviert. Sie sieht die ganzheitliche

Personalrat. Hier sollen die entsprechenden Angebote

Wahrnehmung der Mitarbeiter als Grundlage für das The-

schriftlich fixiert werden und so für mehr Transparenz bei

ma Vereinbarkeit. „Die Entlohnung ist das eine, da sind uns

den Mitarbeitern sorgen. Wichtig ist für Frau Schott-Pfei-

als öffentlicher Institution Grenzen gesetzt. Wir stellen

fer auch, dass die Führungskräfte das Thema ernst nehmen.

aber fest, dass für unsere Mitarbeiter zunehmend andere

„Wenn hier authentisches Interesse für das Thema vermit-

Faktoren wie die Vereinbarkeit von Familie bzw. Pflege und

telt werden kann, wird es uns gemeinsam gelingen, das

Beruf bedeutsam sind. Hier unterbreiten wir als öffentli-

Thema Pflege noch mehr aus der Tabuzone zu holen und zu

cher Arbeitgeber mit Vorbildfunktion eine Vielzahl attrak-

verdeutlichen, dass wir als Arbeitgeber ein hilfreicher An-

tiver Angebote“, erklärt Schott-Pfeifer.

sprechpartner für dieses Thema sind.“

Ausgezeichnet mit dem Gütesiegel „familienfreundlicher Arbeitgeber Land Hessen“, geht die Behörde offensiv mit

Alle drei Preisträger sehen sich durch den Otto Heinemann

ihren Erfolgen auf diesem Gebiet um, auch um Anreize für

Preis in ihren bisherigen Bemühungen um die Vereinbar-

Mitarbeiter zu schaffen. „Dabei hilft uns natürlich, dass wir

keit von Pflege und Beruf bestätigt. Zugleich verstehen

naturgemäß echte Kompetenzträger wie Betreuungsrich-

sie die Auszeichnung als Ansporn für die Zukunft. Wir be-

ter und Nachlassexperten vor Ort haben, die wir einbinden

glückwünschen alle Preisträger und bedanken uns herzlich

können.“

bei Andrea Neuland, Petra Schott-Pfeifer und Martin Urban für die Interviews.

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Impressionen der 3. Berliner Pflegekonferenz Abendveranstaltung, 8. November 2016

54


Die Veranstaltung

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Marie Simon Pflegepreis 2016 Ein Pflegeprojekt, das Schule machen sollte

Alter soll Spaß machen – Wege aus der Einsamkeit e.V.

die technischen Neuerungen älteren Menschen genau das

Beim Thema Pflege geht es um mehr als den menschenwür-

ermöglichen, was sie sich wünschen: ein möglichst langes

digen Umgang mit Krankheit oder eine gute Pflegeversiche-

selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden.

rung. Ebenso wichtig ist es, die Isolation älterer Menschen zu verhindern und ihnen die Teilhabe am sozialen, kulturel-

Die Silversurfer kommen

len und wirtschaftlichen Leben zu ermöglichen. Die Ham-

Der Großteil der Menschen über 65 ist nicht digital ver-

burger Initiative Wege aus der Einsamkeit e.V., Preisträger

netzt. Vorhandene Schulungsmöglichkeiten sind oft sehr

des 3. Marie Simon Pflegepreises, zeigt auf herzerfrischen-

teuer und gehen zu selten auf die speziellen Bedürfnisse

de Art und Weise, wie das geht.

der Seniorinnen und Senioren ein. „Und Angebote für Tab-

Speeddating und Flashmobs für Senioren

Hirche. Das preisgekrönte Projekt „Digitale Welt nutzen –

Der 2007 gegründete Verein unterstützt bundesweit Kon-

auch im Alter“ bietet hierzu kostenfreie Gesprächsrunden

zepte, die sich mit Themen rund ums Altern beschäftigen.

für Menschen über 65 an.

lets und Smartphones gab es so gut wie gar nicht“, betont

Im Mittelpunkt steht die Verbesserung der Lebensumstän-

„Das Angebot richtet sich nicht an Menschen, die schon

de älterer Menschen und ihrer Stellung in der Gesellschaft.

erste Erfahrungen gemacht haben. Es geht wirklich um die

Einige Projekte entwickelt der Verein selbst, für andere

Grundlagen. Deshalb nennen wir es auch bewusst ‚Das Ein-

werden Partner gesucht, mit denen man gemeinsam an

maleins der Tablets und Smartphones für Menschen 65+‘.

der Umsetzung arbeitet. Finanziert werden die Projekte

In den ersten beiden Stunden beschäftigen wir uns mit der

durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und das Engagement

Theorie und klären die Begriffe: Was ist ein Browser, was

ehrenamtlicher Mitarbeiter, Kooperationspartner und Für-

ein Link oder ein Provider? Wie funktioniert eine Tastatur?“

sprecher. Mit Aktionen wie Speeddating und Seniorenflash-

Zur Erklärung genutzt werden eingängige Vergleiche, die

mobs hat der Verein, der sich „WadE“ nennt, auch in der Öf-

den Senioren das Verständnis der digitalen Welt erleich-

fentlichkeit für wohlwollende Aufmerksamkeit gesorgt.

tern. Dabei können sich unterschiedliche Betriebssysteme

Die Gründer der privaten Initiative haben sich von anfäng-

schon mal in Benzin- und Dieselmotoren verwandeln.

lichen Misserfolgen nicht entmutigen lassen. „Mit einer

Wenn die Theorie geklärt ist, geht es an die Geräte: ein- und

Weihnachtsfeier für Ältere haben wir zum Beispiel richtig

ausschalten, die Verbindung zu einem WLAN-Netz herstel-

Schiffbruch erlitten. Alles war organisiert, aber niemand

len und die Grundeinstellungen anpassen. Dann werden

kannte uns. Wir mussten die Veranstaltung letztlich absa-

Links aufgerufen. Bei den Webseiten beschränkt man sich

gen“, berichtet die Vorstandsvorsitzende Dagmar Hirche.

auf Anwendungen, die einen direkten Nutzen für die Senio-

Als Unternehmensberaterin war Hirche auch regelmäßig

ren haben: die Deutsche Bahn, den Hamburger Nahverkehr

auf Messen unterwegs, wo sie immer häufiger auf raffinierte

und Google Maps. „Damit üben wir so lange, bis unsere

Zukunftslösungen im E-Health-Bereich und Smart-Home-

Teilnehmer das Prinzip verstanden haben. In den folgenden

Entwicklungen stieß: „Das sind alles großartige Ansätze,

Treffen wird das Erlernte wiederholt und weiter geübt.“

aber mir wurde plötzlich klar, dass all das ja gar keinen Sinn macht, wenn man den Menschen nicht auch beibringt, wie

Mit Freude dabei

sie mit den digitalen Geräten umgehen.“ Nur dann würden

In den Gesprächsrunden wird viel gelacht, was kein Zufall

56


Die Veranstaltung

ist. „Ganz bewusst haben wir von Anfang an die positiven

Interessant ist, dass bisher deutlich mehr Frauen die Ange-

Aspekte der sozialen Medien in den Mittelpunkt gestellt.

bote nutzen. „Wir kennen ja alle die Situation, in der Frau-

Wir wollen Berührungsängste abbauen“, sagt Hirche, der

en nach dem Weg fragen und Männer nicht. So ähnlich ist

man bei jedem Wort die Begeisterung für das Projekt

es bei uns auch. Zu Beginn waren es fünf Prozent Männer,

anmerkt.

mittlerweile sind es aber immerhin 25.“

Die Gesprächsrunden zum digitalen Einmaleins werden

Aktuell arbeitet der Verein bei einem neuen Kursangebot

sehr gut angenommen. „Wir hatten von Anfang an einen

mit der Hamburger Sparkasse zusammen. Das Thema: On-

enormen Zulauf. Da konnte es schon vorkommen, dass nach

line-Banking. „Hier haben viele Menschen natürlich große

einem vierzeiligen Mini-Artikel im Hamburger Abendblatt

Bedenken. Aber wenn ich den Seniorinnen und Senioren er-

plötzlich 680 Leute bei uns anriefen, um sich für unsere

kläre, dass sie so die volle Kontrolle über ihre Bankgeschäf-

Gesprächsrunden anzumelden.“ In knapp anderthalb Jah-

te behalten, auch wenn sie nicht mehr mobil sind, lassen sie

ren haben schon fast 1.000 Menschen zwischen 66 und 94

sich schnell überzeugen. Und natürlich sorgen wir auch im-

Jahren erste Schritte in die digitale Welt gewagt, Tendenz

mer dafür, dass die Sicherheit nicht zu kurz kommt.“

steigend. Die Gründe der Seniorinnen und Senioren für die Teilnah-

Verbesserungspotenzial sieht Frau Hirche, die bei Bedarf

me an den Kursen sind vielfältig. Die meisten aber wollen

die Gesprächsrunden auch in den Seniorenheimen abhält,

wissen, wie sie per WhatsApp und Skype mit ihren Familien

bei der Ausstattung mit WLAN. „WLAN gibt es mittlerweile

in Kontakt bleiben können. So kann Oma den Bauch ihrer

eigentlich überall – in Schulen, Kindergärten, Kneipen, Zü-

schwangeren Enkelin vom Seniorenwohnheim aus wachsen

gen. Nur in den Seniorenheimen ist es noch die Ausnahme.

sehen.

Das muss anders werden.“

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Die Preisträger Organisation

Web

Wege aus der Einsamkeit e.V.

www.wegeausdereinsamkeit.de

Mobile Retter e.V.

www.mobile-retter.de

Kuchentratsch, München

www.kuchentratsch.com

Wunsch am Horizont e.V.

www. wunsch-am-horizont.de

Seniorendienste der

www.ghtf.de

Gesundheitsholding Tauberfranken

Preisträger

Nominierte

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Die Veranstaltung

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Impressionen der 3. Berliner Pflegekonferenz Tag 2, 9. November 2016

60


Die Veranstaltung

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63


Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff: Auswirkungen auf die Praxis Ein Interview mit Thomas Nöllen

Auf der 3. Berliner Pflegekonferenz im Westhafen Event &

beispielsweise die Umwandlung von Teilen der Pflegesach-

Convention Center moderierte Thomas Nöllen den Work-

leistungen (bis 40 Prozent) in Betreuungsleistungen. An

shop „Pflegebedürftigkeitsbegriff – Auswirkungen auf die

dieser Stelle muss durch den Pflegeberater eine strategi-

Praxis“. Der Referent für Pflegeversorgung sagte:

sche Planung stattfinden, bei der an verschiedenen Stellen Leistungen eingekauft werden, damit der Pflegebedürfti-

„Wir benötigen für die Zukunft ein Pflegesystem, das einem

ge eine optimale Versorgung im häuslichen Umfeld erhält.

die Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit nimmt. Die

Wenn die Leistungen der Kassen zukünftig erhöht werden,

Pflegestärkungsgesetze zeigen den richtigen Weg auf, der

müssen sie auch beim Leistungserbringer umgesetzt wer-

weiter zu verfolgen ist.“ Thomas Nöllen

den können, was der Gesetzgeber bisher nicht ausreichend

Aus diesem Zitat lassen sich Fragen ableiten, die Herr

In diesem Zusammenhang wird mehr Personal in den Ein-

bedacht hat. Nöllen in einem Interview gerne beantwortet hat.

richtungen gefordert, was aufgrund der steigenden Zahlen Pflegebedürftiger nachvollziehbar ist. Das Institut für Qua-

Was muss auf dem richtigen Weg weiter vorangebracht werden?

litätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen GmbH fordert eine einheitliche Personalbemessung in der gesamten Bundesrepublik. Die vereinte Dienstleistungsgewerk-

Die Gesetze, die jetzt geschaffen wurden, müssen nun gut-

schaft (ver.di) geht noch einen Schritt weiter und verlangt

miteinander vernetzt werden. Das heißt, dass die Grund-

einen einheitlichen Personalschlüssel in stationären Pfle-

lagen in den Sozialgesetzbüchern V, XI und XII besser auf-

geeinrichtungen (Tagdienste 1:2 und nachts 1:20).

einander abgestimmt werden müssen. Wir haben derzeit

Was halten Sie von einem bundeseinheitlichen Personalschlüssel?

die Situation, dass die Leistungen für die Versicherten zum 1. Januar 2017 ausgeweitet wurden und damit mehr Geld zur Verfügung steht. Der Versicherte kann diese Leistungen, bedingt durch den aktuellen Fachkräftemangel, aber nur

Das sehe ich etwas kritisch. Da muss man die Bundesländer

teilweise oder gar nicht nutzen. Da kommt der Pflegebera-

im Einzelnen betrachten, denn es gibt doch unterschiedli-

tung die große Aufgabe zu, Alternativen aufzuzeigen, wie

che Leistungen und unterschiedliche Bedarfe, wenn wir

64


Pf legepraxis

Länder wie Mecklenburg-Vorpommern betrachten, in de-

Betreuer, mehr Transparenz geschaffen werden. Die einzel-

nen die Wege sehr weit sind. Dort wird es schwierig sein,

nen Punkte in verschiedenen Modulen mit verschiedenen

einen einheitlichen Personalschlüssel umzusetzen.

Gewichtungen sind nur schwer vermittelbar. Ein ganz ein-

Die Pflegestärkungsgesetze sollen zu einer besseren Ver-

faches Beispiel ist die Beurteilung, ob ein Pflegebedürftiger

sorgung führen. Mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz

Treppen steigen kann. Selbst wenn im eigenen Heim keine

wurde eine Unterstützung der Pflegebedürftigen und ihrer

Treppen vorhanden sind, muss diese Frage beantwortet

Angehörigen sowie der Pflegevorsorgefonds angestoßen.

werden. Das zu vermitteln ist nicht einfach. An dieser Stelle

Das zweite PSG bringt den neuen Pflegebedürftigkeits-

kann – aus meiner Sicht – noch nachgesteuert werden.

begriff und die Pflegegrade mit sich. Auch das Begutach-

Ist Ihrer Meinung nach in diesem Zusammenhang das Care- und Casemanagement ausreichend abgebildet?

tungsassessment für die Prüfdienste verändert sich entsprechend. Und schließlich sollen mit dem dritten PSG die Pflegeberatungen in den Kommunen gestärkt und betrügerische Pflegedienste mit schärferen Kontrollen leichter

Im Bereich des Casemanagements kann noch mehr getan

entlarvt werden.

werden. In Einzelfällen gibt man schon Hilfestellungen,

Was sind die wegweisenden Entscheidungen in diesen Gesetzen?

aber das Gesamte, um eine optimale Versorgung zu Hause sicherzustellen, ist oft nicht vorhanden. Der Kunde lehnt es teilweise auch ab, weil er der Meinung ist, dass er allein

Eine wegweisende Entscheidung ist die Stärkung der Pfle-

zurechtkommt oder sagt: „Meine Tochter ist vom Fach. Die

geberatung, die einen Meilenstein in der weiteren Versor-

regelt das.“ Wenn wir dann zu einem späteren Zeitpunkt ei-

gung des Versicherten darstellt. Dem Fallmanagement,

nen Hausbesuch durchführen, stellt der Pflegeberater ein

welches die ambulante vor der stationären Versorgung

klares Defizit fest. Dieser Bereich muss daher deutlich aus-

sichern soll, kommt eine besondere Bedeutung zu. Das

geweitet werden, damit die Betroffenen optimal beraten

kann sehr gut über die Beratung geschehen. Im PSG II wur-

und versorgt werden können.

de die Beratung ausgeweitet und zu jedem Antrag, nicht nur zum Erstantrag, angeboten. Das hat den großen Vorteil, dass die Versicherten auch die Leistungsarten, die sie nicht immer durchschauen können, verstehen. Den Menschen, die in den bisherigen Begutachtungsverfahren die Voraussetzungen für die Leistungen der Pflegeversicherung nicht ganz erfüllen, obwohl sie einen Bedarf haben, werden nun die Zugangsmöglichkeiten erleichtert. Dies ist ein sehr wichtiger Schritt. Bei den Pflegeberaterschulungen, die ich über spektrumK anbiete, wird uns immer wieder bewusst, wie leicht der Zugang zu diesen niedrigschwelligen Leistungen zukünftig ist. Aus Ihrem oben zitierten Satz geht hervor, dass die geschaffenen Gesetze noch nicht ausreichen und weitere Schritte gegangen werden müssen.

Was würden Sie verändern oder anstoßen, um die künftige Versorgung zu stärken? Die stationäre Versorgung muss gestärkt werden. Das kann in der Form geschehen, dass der einrichtungseinheitliche Eigenanteil möglichst gering gehalten wird. Durch die schwierigen Einkommensverhältnisse kann nicht jeder diesen Eigenanteil leisten, was die Angehörigen oft dazu bewegt, die eigenen Eltern eher zu Hause zu pflegen, obwohl

Thomas Nöllen + Fachbereichsleiter Pflegeversorgung, Buchautor spectrumK GmbH, Essen + www.spectrumk.de

sie es selbst nicht schaffen. Auch bei dem Begutachtungssystem muss, im Sinne der Bedürftigen, ihrer Angehörigen und/oder der gesetzlichen

65


Berliner Projekt – Die Pflege mit dem Plus Warten, bis der Arzt kommt!?

Das kann für Bewohnerinnen/Bewohner in stationären Pfle-

Hauptanliegen des „Berliner Projekts – Die Pflege mit dem

geeinrichtungen einige Zeit in Anspruch nehmen. In nur we-

Plus“ sind die Sicherstellung einer besonderen ambulanten

nigen stationären Pflegeeinrichtungen werden regelmäßig

hausärztlichen Versorgung und deren enge Verzahnung mit

Visiten durch geriatrisch erfahrene Hausärzte durchgeführt,

einer therapeutischen und stationär-pflegerischen Versor-

und bei Weitem nicht in allen Pflegeeinrichtungen kennt

gung. In insgesamt 28 Berliner Pflegeeinrichtungen werden

der Arzt die Bewohnerinnen/Bewohner ausreichend, um im

rund 1.700 Versicherte im Rahmen des Berliner Projektes

Akutfall ausreichend und angemessen reagieren zu können.

versorgt. Dies sind derzeit nur rund 6 Prozent der Bewohner in stationären Pflegeeinrichtungen. Eine Erweiterung wäre wünschenswert.

Eine vermehrte Inanspruchnahme von nicht mit dem Krankheitsbild des Bewohners vertrauten (Not-)Ärzten und u. U. Krankenhauseinweisungen sind die Folge. Gerade für Be-

Dabei stehen zwei Varianten der ärztlichen Versorgung

wohnerinnen/Bewohner von Pflegeeinrichtungen sind Kran-

gleichrangig im Projekt nebeneinander:

kenhausaufenthalte jedoch eine hohe physische und psychiVersorgung durch angestellte Ärzte in der Pflegeeinrichtung

sche Belastung.

Versorgung durch verbindliche Kooperationsverträge Einige Pflegeeinrichtungen wollen das nicht hinnehmen und

zwischen der Pflegeeinrichtung und niedergelassenen

organisieren seit Jahren eine verbindliche ärztliche und the-

Vertragsärzten.

rapeutische Versorgung rund um die Uhr an sieben Tagen der Die am Berliner Projekt teilnehmenden Einrichtungen und

Woche.

Ärzte stellen sicher: Unter dem Titel „Berliner Modellprojekt“ haben die Berliner Krankenhausgesellschaft, die AOK Nordost, die IKK Bran-

mindestens 1 mal wöchentliche Regelvisite

denburg und Berlin, die KV Berlin und der Verband privater

Koordination der fachärztlichen Versorgung

Kliniken und Pflegeeinrichtungen Berlin-Brandenburg (VPK

ständiger Austausch der Pflegekräfte,

multiprofessionelle Fallbesprechung mindestens

Ärzte und Therapeuten

BB) bereits im Jahr 1998 das Modellprojekt entwickelt. Inzwischen haben sich auch die die BAHN-BKK und die Siemens-

1 mal pro Quartal

Betriebskrankenkasse SBK dem Projekt angeschlossen.

66


Pf legepraxis

Besonderen Wert legt das Berliner Projekt auf regelmä-

werden. Insbesondere die nahtlose Sicherstellung mit Heil-

ßige Fortbildungen und Schulungen der teilnehmenden

mitteln nach einer Krankenhausbehandlung stellt häufig

Ärztinnen/Ärzte. Alle teilnehmenden Ärztinnen/Ärzte

ein Problem dar. Dies betrifft z. B. die Therapie bei Dys-

verpflichten sich, sich im Rahmen der Fortbildung auf die

phagie oder die Erbringung von Heilmittelleistungen nach

Themenbereiche zu konzentrieren, die für die Versorgung

einem Krankenhausaufenthalt nach Frakturen oder Am-

hochaltriger multimorbider Bewohnerinnen/Bewohner in

putationen. Gleiches gilt für Krankheiten und Störungen

den Pflegeeinrichtungen von besonderem Interesse sind.

am Muskel-Skelett-System (I-DRG), die in Verbindung mit

Hierzu gehören z. B.:

einer Operation, Revision/Ersatz, Implantation, Wechsel oder Entfernung an Gelenken, Knochen oder Wirbelsäule

geriatrisches Assessment

stehen. Diese Problemfelder aufnehmend, konnten sich die

Schmerztherapie

Vertragspartner des Berliner Projekts auf eine Weiterent-

häufige Erkrankungen im Alter (z. B. Demenz,

wicklung der Heilmittelsystematik im Projekt verständigen.

Depression, Dekubitus, Inkontinenz, Diabetes mellitus, Hypertonie, Koronare Herzkrankheit) •

Ein solches Projekt vernetzter Versorgung ist nur möglich,

Palliativmedizin

soweit und solange die Beteiligten an ihrem Engagement für die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner fest-

Das „Berliner Projekt – Die Pflege mit dem Plus“ hat über

halten. Es ist zu hoffen, dass zukünftig eine Überführung

einen langen Zeitraum bewiesen, dass es für die Bewohne-

des Projekts in die Regelversorgung erfolgt. Das „Berliner

rinnen/Bewohner in den Einrichtungen zu einer verbesser-

Projekt – Die Pflege mit dem Plus“ hat im Jahr 2008 eine

ten Versorgungs- und Lebensqualität beitragen kann. Es

Auszeichnung der Janssen-Cilag-Stiftung erhalten. Zu

vermeidet nachhaltig „unnötige Krankenhauseinweisun-

Recht nimmt das Projekt für sich eine Vorreiterrolle für

gen und Krankenfahrten“, weil die ärztliche Betreuung der

die gesetzliche Entwicklung zur Vernetzung von ärztlicher,

Heimbewohnerinnen/Heimbewohner 24 Stunden täglich

pflegerischer und therapeutischer Versorgung in Anspruch.

an sieben Tagen der Woche gesichert ist. Kommt es zu ei-

Wichtig wäre es jedoch, dass zukünftig alle Kassenarten

ner gesundheitlichen Krise einer Bewohnerin/eines Be-

am Berliner Projekt teilnehmen. Nur so können die Vor-

wohners, kann die Pflegeeinrichtung Kontakt mit dem zu-

aussetzungen für eine berlinweite Implementierung einer

ständigen angestellten bzw. Kooperationsarzt aufnehmen.

qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung in sta-

Die somit geschaffenen Rahmenbedingungen entlasten die

tionären Pflegeeinrichtungen geschaffen werden. Nähere

Pflegekräfte, gleichzeitig entwickeln sich durch das gegen-

Informationen können der Homepage des Berliner Projekts

seitige Lernen im multiprofessionellen Team die Fähigkei-

www.berliner-projekt.de entnommen werden.

ten der einzelnen Berufsgruppen weiter. Dank der wöchentlichen Besuche kennt der Arzt seine Patienten genau und kann zielsicher in kritischen Situationen helfen, ohne den Notarzt einzuschalten zu müssen. Die Bewohnerinnen/Bewohner können in ihrem gewohnten Umfeld behandelt werden. In Fällen, wo sich eine Krankenhauseinweisung nicht vermeiden lässt, z. B. bei operativ zu versorgenden Frakturen, ist eine Entlassung zeitnah möglungspflegerische Maßnahmen unmittelbar in der Pflegeeinrichtung durchgeführt werden können. Im Vergleich zu anderen Pflegeeinrichtungen in Berlin ergaben sich im Jahr 2015 leicht erhöhte Ausgaben im Arzneimittelbereich (+1,7 Prozent). Dem standen ein Weniger an Krankenhauseinweisungen i. H.v. 28,5 Prozent und ein

Diakonisches Werk/Nils Bornemann

lich, da anschließende Therapien und komplexe behand-

Weniger an Krankentransportfahrten i. H.v. 47,4 Prozent Detlef Albrecht + Geschäftsführer Verband Evangelischer Krankenhäuser und stationärer Pflegeeinrichtungen in Berlin-Brandenburg + www.diakonie-portal.de/krankenhaeuser-und-pflegeeinrichtungen

gegenüber. Aktuell konnte der Vertrag zum Berliner Projekt auf eine Verbesserung der Versorgung mit Heilmitteln ausgerichtet

67


Gewalt(tät)ige Pflege – erkennen und handeln

Die mediale Berichterstattung über Misshandlungen von

zieht den Schluss, dass in Europa bis zu vier Millionen ältere

pflegebedürftigen, älteren Menschen führt stets zu gesell-

Menschen von Gewalt betroffen sind. Die Prävalenzen be-

schaftlicher Empörung. Dabei ist die allgemeine Entrüs-

treffend Gewalt gegenüber Älteren und Pflegebedürftigen

tung besonders groß, wenn sich die Gewaltdelikte in Alten-/

im familiären Bereich werden zwischen 4 und 10 Prozent

Pflegeheimen ereignen. Mögliche Präventivmaßnahmen,

angegeben. Die Häufigkeit der Gewalthandlungen von

um Missständen in der Alten- und Langzeitbetreuung ent-

Pflegeabhängigen gegenüber Pflegenden ist allerdings

gegenzuwirken, sind teuer und unpopulär.

nicht wesentlich geringer.

Dabei eröffnet das rechtzeitige Erkennen von Gewalt im häuslichen sowie im institutionellen Bereich die Chance,

Gewaltformen

den Opfern Hilfe und Unterstützung anzubieten und zu-

Die Bandbreite von körperlichen Misshandlungen um-

sätzlich wirksame Vorkehrungen zur Vermeidung weiterer

fasst die „ausgerutschte Hand“ ebenso wie bewusstes Quä-

Gewalttätigkeiten einzuleiten.

len bis hin zum wiederholten Zufügen von Schmerzen. Als Folge können akute Verletzungen – wie Hautrötungen, Hä-

Gewaltbegriff

matome, Frakturen, Schnitt-, Rissquetsch- und Brandwun-

Gewalttätige Übergriffe sind immer Übertretungen von

den –, aber auch dauerhafte Behinderungen (verminderte

geltendem Recht und Menschenrechtsverletzungen. Zu-

Seh-, Hör- und Bewegungsfähigkeit) entstehen, die in Ein-

meist äußert sich Gewalt gegenüber pflegebedürftigen

zelfällen sogar tödlich enden.

Personen in wiederholten Handlungen oder in Unterlas-

Da die Rekonvaleszenz nach Körperverletzungen im Al-

sungen geeigneter Maßnahmen, die grundlegende mensch-

ter verlangsamt ist, kann es zu einem permanenten oder

liche Bedürfnisse (Wohlbefinden, Überleben, persönliche

zumindest

vorübergehenden

erhöhten

Pflegebedarf

Identität und Freiheit) der Betroffenen beeinträchtigen,

kommen. So können Knochenbrüche zu bleibenden Be-

einschränken oder deren Befriedigung verhindern.

wegungseinschränkungen führen. Aufgrund der verletzungsbedingten Immobilität können Komplikationen wie

Fakten und Daten

Lungenentzündungen,

Gewalt gegen pflegebedürftige Frauen und Männer erfolgt

thrombosen auftreten.

Aufliegegeschwüre,

Beinvenen-

meistens subtil und im Verborgenen. Von den Opfern sowie von ihrem sozialen Umfeld und sogar von den Gewalt-

Eine spezielle Form von Gewalt in der Pflege ist die

ausübenden selbst wird diese Gewalt nicht immer als sol-

Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen

che wahrgenommen. Häufig äußern sich die zu Pflegenden

(FeM) gegen den Willen der Versorgungsbedürftigen. Ob-

wegen ihrer Krankheiten (z. B. Demenz) oder aus sozialen

wohl der Gebrauch von FeM ein massiver Eingriff in die

und kulturellen Gründen nicht über die erfolgten Gewalt-

Grundrechte mit einschneidenden Auswirkungen auf die

taten. Gelegentlich verschweigen sie aus Angst, Hilflosig-

Würde, Lebensqualität und Gesundheit der Betroffenen

keit, Abhängigkeit, Schuldgefühlen sowie Scham erlittene

ist, gehören mechanische Fixierungen (Bettgitter, Gurt-

Misshandlungen. Da die Übergriffe deshalb meist nicht

systeme, Vorsatztische) sowie die medikamentöse Ruhig-

aktenkundig werden, ist von einer hohen Dunkelziffer aus-

stellung durch Psychopharmaka oder Sedativa zum Pfle-

zugehen. Eine im Jahr 2011 veröffentlichte WHO-Studie

gealltag. Insbesondere Gurtsysteme verursachen häufig

68


Pf legepraxis

bei regelmäßigem und dauerhaftem Gebrauch erhebliche

Unter den Begriff ökonomische Gewalt fallen u.a. der Ent-

gesundheitliche Beeinträchtigungen wie beispielsweise

zug und die Wegnahme von Geld (z. B.: Angehörige bean-

Entzündungen, Infektionen, Muskelatrophien, Stuhl- und

spruchen die Pension oder das Pflegegeld der zu Pflegen-

Harninkontinenz. Als begleitende psychosomatische Re-

den für sich) oder der Missbrauch der Sachwalterschaft.

aktionen sind Stress und Angstzustände bekannt. Nicht fach- und sachgerecht angewandte Fixierungen bedingen

Vernachlässigung ist die wiederholte bewusste oder unbe-

oftmals Verletzungen unterschiedlicher Schweregrade

wusste Verweigerung bzw. Unterlassung von dringend be-

(Hautabschürfungen, Hämatome, Weichteilquetschungen,

nötigten Hilfeleistungen und menschlicher Zuwendung. In

Nervenschädigungen, Frakturen), gelegentlich auch den

der Praxis besteht eine große Bandbreite, was die Vernach-

Tod der Betroffenen. Selbst bei korrektem Anlegen von

lässigung von gebrechlichen und pflegebedürftigen Senio-

Gurtsystemen, jedoch nicht ausreichender Beobachtung

rinnen/Senioren betrifft: Dazu gehören u.a. Verzögerun-

und Betreuung der zu Pflegenden, sind tödliche Unfallge-

gen bei der Versorgung von Grundbedürfnissen, härteres

schehen möglich.

Zufassen bei Pflegetätigkeiten, Nichtbeachtung, die auf das Nötigste reduzierte Kommunikation, die gewählte Distanz-

Sexualisierte Gewalt bezeichnet strafbare sexuelle Über-

losigkeit durch unangemessene Ansprache und Wortwahl.

griffe, die an widerstandsunfähigen Personen – Kranken,

Gravierende Auswirkungen der Unterlassung notwendi-

Versorgungsbedürftigen, Menschen mit Behinderungen

ger Pflegehandlungen können Dehydrierung, Mangel- und

etc. – ohne deren Einverständnis ausgeübt werden. Diese

Fehlernährung, Muskel- und Sehnenverkürzungen, Wund-

Handlungen schließen auch unachtsame oder absichtliche

liegen, Inkontinenz und/oder kognitiver Abbau bei den

Verletzungen der Privatsphäre von Betroffenen ein, wie

pflegebedürftigen Frauen und Männern sein.

beispielsweise nicht erforderliche Berührungen, die im Zusammenhang von Behandlungs- und Pflegetätigkeiten ge-

Alle diese Formen beziehen sich auf direkte Gewalt, die

setzt werden. Verletzend können ebenso Worte und/oder

zwischen Personen ausgeübt wird. Noch unbemerkbarer

Blicke sein.

und dennoch mit massiven Folgen verbunden sind indirekte Gewalthandlungen auf struktureller und kultureller

Umfangreich ist auch das Spektrum psychischer Gewalt,

Ebene (z. B. gesellschaftlich geduldete „Altersdiskrimi-

das durch takt- bzw. respektlose Aussagen, Handlungen

nierung“), die oft als Begründung von „sichtbarer“ Gewalt

oder Haltungen von Pflegekräften und pflegenden Ange-

dienen. Da jede Gewalttat mehrdimensional ist, kommt es

hörigen gegenüber Pflegebedürftigen charakterisiert ist.

ohne rechtzeitige Intervention in der Regel zu weiteren De-

Dies vermittelt Ablehnung sowie Demütigung und führt

likten. Kaum eine Gewaltform tritt isoliert auf, so sind z.B.

zum Gefühl der eigenen Wertlosigkeit bei den Seniorin-

körperliche Übergriffe oft gepaart mit psychischer Gewalt,

nen/Senioren. Ebenso zählen Erniedrigungen, z. B. durch

Vernachlässigung mit indirekter Gewalt und Verbote von

Anschreien oder Sich-lustig-Machen über Fehlleistungen

Außenkontakten mit kultureller Gewalt.

eines älteren Menschen, Beschimpfungen und Beleidigungen, Erzeugen von Ängsten und Schuldgefühlen durch Dro-

Ursachen und Bedingungen von Gewalt

hungen, zu dieser Gewaltform. Dadurch können bei den

Häufig tritt Gewalt dort in Erscheinung, wo eine vertrau-

Opfern seelische Schäden und Krankheitsbilder ausgelöst

ensvolle Beziehung erwartet wird und eine durch die Hilfs-

werden, die von posttraumatischen Belastungsstörungen

bedürftigkeit entstandene Abhängigkeit gegeben ist. Die

sowie psychosomatischen Beschwerden bis hin zu selbst-

Gewalt kann einseitig oder wechselseitig ausgeübt werden.

schädigendem Verhalten und Suizid reichen.

Sie kann von den pflegenden Angehörigen, aber auch von

Mitunter werden in die Ausformungen psychischer Gewalt

die pflegebedürftigen Personen richten und umgekehrt.

auch soziale und ökonomische Gewalt einbezogen. Pri-

Die Notwendigkeit, einerseits gepflegt zu werden, ande-

märes Ziel dieser Gewaltformen ist, Kontrolle und Macht

rerseits die Pflege eines Familienmitglieds übernehmen

auszuüben. Soziale Gewalt umfasst Einschränkungen im

zu müssen, verändert die sozialen Rollen innerhalb des

sozialen Leben einer Person wie Bevormundung (z. B. in der

Familienverbands. Eine Pflegesituation im gemeinsamen

Strukturierung des Tagesablaufs, in der Auswahl der Klei-

Haushalt bedeutet in der Regel die Einschränkung des Le-

dung), Verbot oder strenge Kontrolle von Familien- und

bensraums und der Privatsphäre sowohl für die betroffene

Außenkontakten und sogar das Einsperren. Pflegebedürf-

Person als auch für die pflegenden Angehörigen. Die Pfle-

tigen wird das Recht genommen, ihre Lebensführung trotz

gearbeit leisten mehrheitlich Frauen neben Berufstätigkeit,

professionellen Pflegekräften ausgehen und sich gegen

Beeinträchtigungen selbst zu bestimmen, dadurch verlie-

Kinderversorgung und eigenem Haushalt. Fehlende Rück-

ren sie ihre Selbstständigkeit und Integrität.

zugsmöglichkeiten gehen mit Spannungen und Konflikten

69


einher und erhöhen das Risiko für gewalttätiges Verhalten.

sowie akute Verletzungen und Beschwerden der zu Pfle-

Mangelndes Fachwissen bei den Laienpflegenden kann zu

genden auf erfolgte gewalttätige Übergriffe schließen.

körperlicher sowie psychischer Überforderung und in wei-

Auch wenn das medizinische und pflegerische Fachperso-

terer Folge zu nicht angemessenen Reaktionen gegenüber

nal die Lebensumstände der Betroffenen nicht ändern bzw.

den zu pflegenden Personen führen. Familiäre Konflikte

deren Gewaltsituation beenden kann, fungiert es doch als

und Kränkungen, die aus der gemeinsamen Geschichte

Nahtstelle zwischen den Opfern, den Hilfs-/Schutzeinrich-

herrühren, sind zusätzlich belastend. Gewalttätige Über-

tungen und der Polizei.

griffe können durch Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenmissbrauch der Pflegeperson ausgelöst oder verstärkt Hinweise auf Gewalt

werden. Sucht führt nicht zwangsläufig zu Gewalttätigkeit, dient aber häufig der Rechtfertigung und Entschuldigung.

Betroffene/Betroffener

Auch soziale Isolation erhöht das Risiko für Gewalt im häus-

• wirkt verängstigt, zurückgezogen, scheu oder aggressiv,

lichen Umfeld. Deshalb ist ein bestehendes unterstützen-

• befindet sich in stark reduziertem Ernährungs-/

des soziales Netz ist für hilfsbedürftige Menschen wie auch

schlechtem Gesundheits-/Pflegezustand,

für pflegende Angehörige von großer Bedeutung. Denn

• hat wechselnde Arztkontakte („Arzt-Hopping“) oder

Gewaltausübende unterbinden häufig Kontakte nach au-

hält Arzttermine nicht ein.

ßen, um ihr Fehlverhalten zu verbergen. Dadurch haben die Gewaltbetroffenen keine Gelegenheit, auf ihr Leiden

Deutliche Warnsignale hinsichtlich körperlicher Gewalt

aufmerksam zu machen und um Hilfe zu bitten. Als be-

sind:

günstigende Faktoren gelten Schwerstpflegebedürftigkeit

• Verletzungen, die nicht mit der Erklärung ihres

und Demenzerkrankungen, eine angespannte finanzielle

Entstehens (z. B. Sturz) übereinstimmen,

Lage, belastende Lebenssituationen (z. B. Arbeitslosigkeit)

• Verzögerungen zwischen Verletzungszeitpunkt und

und – wie bereits angeführt – beengte Wohnverhältnisse.

Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe,

Einfluss nimmt zudem, ob die Pflege nur aus finanzieller

• verschiedene

Motivation übernommen wurde und wie die familiären

Verletzungen

in

unterschiedlichen

Heilungsstadien,

Beziehungen vor Eintritt der Pflegebedürftigkeit waren.

• chronische Beschwerden, die keine offensichtlichen

Ebenso können Vorurteile und abwertende Einstellungen

physischen Ursachen haben,

gegenüber älteren und alten Menschen Voraussetzungen

• geformte Blutunterlaufungen, Frakturen,

zur Gewaltentwicklung schaffen, wie z. B. respektloses

• „blaue Flecken“ an nicht sturz- oder anstoßtypischen

Verhalten, Demütigungen und auch das Tolerieren von

Stellen,

Misshandlungen. Das Wegsehen, das Bagatellisieren sowie

• Rötungen und Schürfungen im Bereich der Hand- und/

die Duldung führen wiederum dazu, dass die gewalttäti-

oder Fußgelenke,

gen Übergriffe vermehrt auftreten. Diese Risikofaktoren

• häufige Suizidversuche und -gedanken.

als Health Professional frühzeitig zu erkennen, bietet die Möglichkeit, durch sachkundiges Eingreifen ein weiteres Auftreten von Gewalt zu verhindern oder dieses zumindest

Gespräche mit Gewaltbetroffenen

zu minimieren.

Die Hemmschwelle, die erlittene Gewalt anzusprechen, ist groß. Scham- und Schuldgefühle verhindern meistens, dass

Schlüsselfunktion der im Pflegebereich Tätigen

Betroffene von sich aus von ihren negativen Erfahrungen

Ärztliches Personal sowie Pflegefachkräfte sind abgese-

berichten. Bei älteren, pflegebedürftigen Menschen spielt

hen von Familienmitgliedern oft die einzigen Personen, die

auch das Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Pflegen-

im Rahmen von medizinischen Interventionen oder in der

den eine Rolle. Darüber hinaus sind ältere Pflegebedürfti-

ambulanten/stationären Versorgung näheren Kontakt mit

ge häufig in ihrer Mitteilungs- und Orientierungsfähigkeit

den älteren und alten Gewaltopfern haben. Health Profes-

eingeschränkt. Sie reagieren möglicherweise anders als

sionals nehmen daher eine Schlüsselrolle ein, wenn es dar-

generell erwartet. Einer gutgemeinten Frage begegnen sie

um geht, Warnsignale zu erkennen. In Einzelfällen können

gelegentlich mit Wut, Angst oder Vorwürfen. Dies liegt u.a.

Situationen beobachtet werden, aus denen ein inadäquates

daran, dass die Betroffenen weitere Übergriffe oder den

Verhalten gegenüber Pflegebedürftigen oder die massive

Verlust der gewohnten Umgebung befürchten. Ist die Le-

Überforderung der Angehörigen mit der Pflegesituation

bens- und Familiengeschichte der pflegebedürftigen Per-

deutlich wird. Meist lassen jedoch ein unzureichender Pfle-

sonen gewaltgeprägt, so werden die aktuellen Geschehnis-

gezustand, auffälliges Verhalten (z.B. ungewohnter Rück-

se eventuell gar nicht als problematisch wahrgenommen

zug, Verschlossenheit, Schreckhaftigkeit, Ängstlichkeit)

oder bagatellisiert.

70


Für Betroffene mit Migrationshintergrund kann es mitunter

Entscheidungsträger gefordert, die angesichts des sich ab-

schwierig sein, in einer für sie fremden Sprache über ihre

zeichnenden demografischen Wandels die notwendigen

Gewalterfahrungen zu berichten. Hierbei ist es hilfreich,

Rahmenbedingungen schaffen müssen, um eine flächende-

eine neutrale und außenstehende Person hinzuzuziehen,

ckenden Versorgung im Alter sicherzustellen.

die wortgetreu übersetzt. Gespräche über mögliche erlittene körperliche oder seelische Misshandlungen müssen vertraulich sein, d.h., sie sollen unter vier Augen geführt werden. Verständnis, Wertschätzung und Geduld den Betroffenen gegenüber sind notwendige Voraussetzungen, damit diese die Unterredung als hilfreich werten und Vertrauen gewinnen, sich öffnen und ihnen schlussendlich geholfen werden kann. Die Haltung, Gewalt als Unrecht zu verurteilen und den Opfern keinerlei Mitschuld zu geben, unterstützt diesen Prozess der Vertrauensbildung. Prof. Dr. med. Andrea Berzlanovich + Leiterin des Fachbereichs Forensische Gerontologie am Department für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien.

Dokumentation Für ein Ermittlungs- und Strafverfahren ist eine präzise Dokumentation der vorliegenden Verletzungen und Beschwerden zum Beweis der erlittenen Gewalt entscheidend. Neben den medizinisch zu „versorgenden Verletzungen“ sind häufig die aus therapeutischer Sicht nicht relevanten Bagatellverletzungen (z. B. Kratzer am Hals, kleine Hämatome an der Innenseite der Oberarme und -schenkel) wichtige Beweise für erlittene Misshandlungen. Deshalb sind alle am Körper sichtbaren Verletzungen detailliert und für Außenstehende nachvollziehbar zu beschreiben. Eine Interpretation möglicher Entstehung der Befunde muss unterbleiben. Ebenso darf in die Dokumentation keine Beurteilung darüber einfließen, ob das Verletzungsbild mit dem geschilderten Vorfall übereinstimmt oder nicht. Für die

Mag. Dr. Barbara Schleicher + Gesundheit Österreich GmbH, Stubenring 6, 1010 Wien

Beweisführung einer Gewalttat sind zusätzliche grafische und fotografische Dokumentationen der einzelnen Verletzungen, aber auch der Fremdspuren am Körper des Opfers sowie an dessen Bekleidung von großem Vorteil. In Österreich ist ein standardisierter Dokumentationsbogen (http://oeggm.com/oeggm-service.html) in Verwendung. Dieser gibt eine systematisierte, gerichtsverwertbare Vorgangsweise vor, sodass nichts Wesentliches übersehen bzw. vergessen wird.

Schlussfolgerungen Der Umgang mit alten, pflegebedürftigen Menschen, ist ein Indikator für Humanität. Die würdevolle Arbeit mit Ao. Univ.-Prof. Dr. med. Éva Rásky + MME, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Medizinische Universität Graz, Universitätsstraße 6/I, 8010 Graz

Pflegebedürftigen ist eine komplexe Aufgabe, die Fachkompetenz, Menschlichkeit und Geduld abverlangt. Dazu bedarf es des verantwortungsvollen Zusammenwirkens aller Beteiligten (Betroffene, Angehörige, medizinische und pflegende Fachkräfte). Darüber hinaus sind die politischen

www.meduniwien.ac.at

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Pflege in Not Manchmal möchte ich wegrennen …!

„Manchmal möchte ich wegrennen …!“

Aber es gibt auch Situationen von Verzweiflung, Überfor-

„Gerade habe ich meiner Mutter mit der Bürste auf den

derung und Aggressionen. Die extreme Belastung kann

Kopf geschlagen. Sie wollte sich mal wieder nicht kämmen

dazu führen, dass die eigenen Grenzen bald erreicht sind,

lassen. Ich kann sie doch so nicht gehen lassen.“

Empfindlichkeiten zunehmen und Konflikte bis hin zu starken Auseinandersetzungen stattfinden. Pflegende Ehe-

Gewalt in der häuslichen Pflege ist immer noch ein Tabu.

partner und pflegende Kinder erleben starke Gefühle, über

Menschen, die nicht mit der Pflege älterer Menschen di-

die sie manchmal selbst erschrocken sind.

rekt oder im großen Zusammenhang zu tun haben, können

Aktuelle Untersuchungen und Zahlen zu Gewalt in der

sich oft nicht vorstellen, dass Aggressionen, Konflikte und

Familie gibt es nicht. 1995 veröffentlichte eine krimino-

durchaus auch körperliche Misshandlungen stattfinden

logische Untersuchung: Jährlich werden etwa 600.000

können.

Menschen zwischen 60 und 75 Jahren in engen sozialen

Wenn man die oben genannten Äußerungen hört, könn-

Beziehungen Opfer mindestens einer der Formen von kör-

te man den Eindruck haben, dass pflegende Kinder oder

perlicher Gewalt, Vernachlässigung, verbaler Aggression

pflegende Ehepartner die reinsten Monster sind. Solche

oder materieller Ausnutzung. Neben physischer Gewalter-

Ausbrüche geben uns Hinweise, was in der familiären Pfle-

fahrung gehören Vernachlässigung bzw. Medikamenten-

ge an Konflikten und Aggressionen, aber auch Leiden und

missbrauch zu den bedeutsamsten Formen.

Schuldgefühlen stattfinden kann. Eine Sozialstation ruft uns an und bittet um kollegiale Un„An manchen Tagen brauche ich nur ihr beleidigtes vor-

terstützung: „Frau Müller hat einige kahle Stellen am Kopf.

wurfsvolles Gesicht zu sehen und könnte sofort anfangen

Die alte Frau gibt an, dass die Schwiegertochter ihr an den

zu schreien. Wenn ich dann wieder zu Hause bin, habe ich

Haaren reiße, wenn ihr Sohn nicht zu Hause sei.“

ein schlechtes Gewissen und würde am liebsten sofort wieder hingehen.“

Pflege ist immer Beziehung

Die meisten pflegebedürftigen Menschen werden jedoch

Die meisten Familien können sich auf die Pflege eines Fa-

zu Hause liebevoll und mit großem Zeitaufwand gepflegt.

milienangehörigen nicht vorbereiten. Meist ist auch die

72


Pf legepraxis

Länge einer Pflege nicht absehbar. Durchschnittlich liegt

selbstverständlich, ohne dass die Folgen, die Belastungen

sie in Deutschland bei 9,6 Jahren. Es ist wichtig zu wissen,

und vor allem die Beziehung zwischen dem Pflegenden und

dass die Familie der größte nationale Pflegedienst ist. Zwei

dem Gepflegten in den Blick genommen werden. Manch-

Drittel aller pflegebedürftigen Menschen werden zu Hau-

mal ist es für alle Beteiligten besser – beispielsweise auf-

se gepflegt. Wir werden auch in Zukunft auf diese famili-

grund einer gemeinsamen schwierigen Geschichte –, dass

äre – gesellschaftlich wichtige – Leistung angewiesen sein.

professionelle Kräfte die Pflege übernehmen. Damit ist

Dabei sind Ehepartner sind besonders belastet. Ehefrauen

häufig ein entspannter, aggressionsfreier Kontakt inner-

empfinden dies stärker als ihre Ehemänner. Männer fühlen

halb der Familie gewährleistet.

sich durch soziale Werte weniger verpflichtet, setzen ihre

Besonders tragisch wirken sich die gegebenen Verspre-

Belastungsgrenzen früher, leisten seltener Schwerstpfle-

chen aus, dass Mutter, Vater oder Partner nicht in einem

gen und entschließen sich früher zu einer Heimunterbrin-

Heim untergebracht werden. In der Beratung haben wir

gung. Das bedeutet nicht, dass pflegende Ehemänner weni-

viele Familienangehörige erlebt, die an dem nicht eingehal-

ger liebevoll sind, sondern früher die Grenzen der eigenen

tenen Versprechen fast zerbrochen wären. Oft konnte nur

Belastbarkeit ernst nehmen und sich nicht scheuen, Hilfe in

eine Therapie für Erleichterung und Entlastung sorgen.

Anspruch zu nehmen. „Manchmal kann ich ihn einfach nicht mehr sehen, dann Gewalt in der Pflege wird in erster Linie von nahestehen-

muss ich raus aus der Wohnung und er bleibt lange alleine.

den Familienmitgliedern ausgeübt, die engen Kontakt zum

Aber genießen kann ich das auch nicht, ich komme dann

alten Menschen haben. Pflege ist immer und vor allem Be-

wieder und will eigentlich schon wieder weg! Ich komme

ziehung, ein enger Kontakt, körperlich und auch gefühlsmä-

mir vor wie auf der Flucht.“

ßig, oftmals enger, als einem lieb ist. Von der Pflege eines Angehörigen gibt es meist ein Idealbild, das aus dem Bild

Pflegende und Gepflegte als Opfer und Täter zugleich

der guten Tochter, der guten Ehefrau oder des guten Ehe-

Frau Müller pflegt seit 15 Jahren ihren an Schlaganfall er-

mannes erwächst: Sie sollen freundlich, geduldig, einfühl-

krankten Ehemann. Auch ihr Leben hat sich extrem verän-

sam und mit viel Zeit pflegen.

dert. Das gemeinsame Leben und Planen ist in der „alten

Gleichzeitig entstehen immer da, wo Menschen so eng

Form“ zu Ende. Sie bekommt von heute auf morgen einen

miteinander leben oder arbeiten, Konflikte und auch ag-

behinderten Mann aus dem Krankenhaus zurück. Er sitzt

gressive Gefühle. Daraus können gewalttätige Handlungen

im Rollstuhl. Halbseitig gelähmt. Er ist ständig auf ihre Hilfe

folgen.

angewiesen. Selbst zur Toilette konnte er nicht ohne ihre Unterstützung. Durch die starke Belastung, sowohl körper-

Aggression ist ein (wichtiges) zutiefst menschliches Gefühl

lich als auch psychisch, ist die Beziehung sehr spannungs-

und darf auch sein – auch in der Beziehung zu alten Men-

geladen. Kontakte nach außen werden immer weniger. Ir-

schen. Wichtig aber ist der Umgang damit: Der Aggression

gendwann sind sie gänzlich eingestellt. Am Anfang versucht

soll Raum gegeben werden, aber nicht so, dass ihr freier

Frau Müller, sich noch ab und an allein mit Freundinnen zu

Lauf gelassen wird. Sie ist vielmehr ein wichtiger Hinweis,

treffen, aber das nimmt ihr Mann ihr übel. „Du machst es dir

dass in der Beziehung etwas geklärt werden, nach den mög-

schön und ich versauere hier!“ Gemeinsame Besuche müs-

lichen Ursachen und Auslösern gefragt werden muss. „Was

sen lange geplant sein, ein Telebus bestellt und ein behin-

macht mich so sauer? Gibt es ‚alte Geschichten‘ zwischen

dertengerechtes Lokal ausgesucht werden. Für die Ehefrau

uns? Bin ich überfordert? Habe ich Angst vor der Zukunft?“

oft kein wirkliches Vergnügen. Auch Herr Müller kommt

Die Pflegekräfte in den stationären Einrichtungen und am-

mit seiner Situation nur schwer zurecht. Die Abhängigkeit

bulanten Pflegediensten müssen sich fragen: „Ist meine Ar-

vom seiner Frau lässt ihn mürrisch und aggressiv werden.

beitsbelastung zu hoch? Habe ich Panik, weil ich die Arbeit

Lautstarke Auseinandersetzungen bis hin zu Handgreif-

nicht schaffe? Bringen mich ‚schwierige‘ Bewohnerinnen

lichkeiten sind an der Tagesordnung.

und Bewohner in Stress, weil mir später die Zeit fehlt? Hat die Bewohnerin oder der Bewohner bestimmte Verhal-

Frau Schmidt pflegt seit acht Jahren ihre Mutter. Sie ist

tensweisen, die mich aggressiv machen?“

völlig überlastet. Auch der Ehemann und die Kinder leiden

Solange das Thema in der Öffentlichkeit vor allem unter dem

unter der Belastung und Einschränkung. Die Spannungen

Aspekt der Schuldzuweisung und Strafandrohung diskutiert

in der Familie steigen. Eine typische „Sandwich-Situation“:

wird, muss Verdrängung und Vertuschung die Folge bleiben.

noch berufstätig, Kinder im Haus und Pflege der Eltern.

Gerade in religiös geprägten Familien gibt es hohe mo-

Seit fünf Jahren hat Frau Schmidt keinen Urlaub mehr mit

ralische Erwartungen. Die Pflege der alten Eltern, des

ihrer Familie gemacht. Ein Spagat zwischen Zuwendung

Partners oder der Partnerin ist für viele Menschen

und Überforderung. Sie versucht, es allen recht zu machen.

73


Möchte eine gute Mutter, Ehefrau und Tochter sein. Merkt,

mit zwei Stunden an ihre Grenze geraten. Durch die Pflege

dass ihre Kräfte schwinden.

wird eine große emotionale und körperliche Nähe nötig, die

Belastung der Hauptpflegeperson

chend wichtig ist es, persönliche Grenzen ernst zu nehmen.

Es gibt etliche Faktoren, die in der häuslichen Pflege gewalt-

Vor allem sollten in der Pflege die Grenzen der anderen Fa-

begünstigend wirken können:

milienmitglieder akzeptiert werden.

ständiges Angebundensein

Ich muss jetzt entscheiden, was für meine Eltern gut ist!

verlernt haben, abzuschalten

Viele Ehefrauen haben ein traditionelles Rollenverhal-

der Gedanke, dass es keine Verbesserung gibt

ten. Wenn sie plötzlich die gesamte Verantwortung in der

Leiden der Angehörigen und Angst, sie zu verlieren

Beziehung übernehmen, wirkt dies oft beängstigend und

Demenz und Verwirrtheit, die Beziehung

belastend für alle Beteiligten. Männer kommen mit dem

verändert sich

Rollentausch besser zurecht. Die Übernahme von Verant-

Nähe zum Tod

wortung ist ihnen vertrauter.

kein Urlaub

In der Pflege von Eltern verändern sich die Rollen zwischen

eigene körperliche und seelische Befindlichkeit

Kindern und Eltern ebenfalls. Nicht jedes Kind kann diese

Beziehungsprobleme zwischen beiden

entsprechend besetzen. Beim Tochter-Mutter-Verhältnis

nicht immer von den Pflegenden gewünscht ist. Entspre-

muss die Tochter evtl. in die mütterlich versorgende Rolle Persönliches Belastungsgefühl ernst nehmen

wechseln. Nicht selten nimmt sie dennoch die Kind-Rolle

Fast alle unserer Anruferinnen, die zu Hause einen Ange-

ein und ordnet sich dem Willen der Pflegebedürftigen unter.

hörigen pflegen, beschreiben den Spagat zwischen Zuwendung und Überforderung: einerseits alles zu geben, was für

An Demenz erkrankte Personen sind gefährdeter als zum

das Wohlbefindens des Angehörigen nötig ist, andererseits

Beispiel an Krebs Erkrankte. Diese werden wesentlich lie-

ständig an die eigenen Grenzen zu stoßen, sowohl körper-

bevoller gepflegt. Da oft nicht genug Kenntnisse über das

lich als auch seelisch. Dabei ist es sehr subjektiv, als wie be-

Krankheitsbild vorliegen, gibt es einen langen Prozess der

lastend eine Pflege empfunden wird. Es gibt Töchter, die mit

schrittweisen Veränderung, die mit viel Unverständnis, Är-

einer Achtstundenpflege zurechtkommen und andere, die

ger und Distanz einhergeht. Nach dem Schock, wenn die

74


Krankheit diagnostiziert ist, beginnt das Fremdwerden und

mit all ihren Kränkungen, Verletzungen und nicht geklärten

Verabschieden. Ehefrauen beschreiben oft eine große Ein-

Konflikten wieder aktualisiert wird. In der Situation wird

samkeit im Zusammenleben mit dem Partner. Verzweiflung

gemeinsam Erlebtes wieder erinnert. Häufig leben Kinder

und Resignation bis hin zur Depression machen sich breit.

und Eltern wieder in einer Wohnung zusammen, was vorher nicht so geplant war.

Gewalt ist oft keine Einbahnstraße Auch alte, pflegebedürftige Menschen sind in der Lage,

Herr Berger hat seinen Vater nach Berlin geholt: „Für mei-

ihre Angehörigen zu kommandieren, zu schikanieren und

nen Vater konnte ich nie etwas richtig machen, ich habe

durch Verweigerung von Zuwendung zu quälen. Pflegen-

studiert, einen guten Abschluss und eine gute Arbeit, eine

de Angehörige werden mit Einkoten bestraft, wenn sie zu

nette Frau und einen Sohn, und trotzdem ist es wie immer

spät kommen, das Essen wird verweigert, und sie werden

nie genug … Auch jetzt, obwohl wir ihn in unsere Wohnung

durch ständiges Jammern, lieber sterben zu wollen, mür-

aufgenommen haben und rund um die Uhr pflegen, kommt

be gemacht. Viele Pflegende erhoffen unbewusst noch

nie ein Wort der Dankbarkeit. Es genügt wieder nicht. Ich

auf eine Bestätigung und Anerkennung ihrer Mühen. Das

habe oft starke Hassgefühle und muss mich beherrschen,

Ausbleiben der Zuwendung in Form von Dankbarkeit wird

dass ich nicht handgreiflich werde!“

als bohrende Enttäuschung erlebt und kann eine mögliche Ursache für aggressives Verhalten sein.

Frau Meyer, die einen kargen, lieblosen Mann hat, empfindet starke Aggressionen. „Ich habe so wenig von ihm be-

Die gemeinsame Beziehungsgeschichte als Ursprung

kommen und soll nun wieder geben und geben ... Ich habe

für Konflikte

eine solche Wut, ich würde ihn am liebsten ins Heim geben.

Nicht in allen Familien herrscht eine liebevolle und ver-

Meine letzten Jahre macht er auch noch kaputt.“

ständnisvolle Atmosphäre. Obwohl sich die meisten Menschen mit ihrer Familie sehr verbunden fühlen, beschreiben

Hier können professionelle Gespräche helfen, um ein

sie doch ein mittleres bis hohes Maß an Spannungen. Im

Stück gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und zu ver-

Mittelpunkt stehen das Verschweigen von Konflikten und

stehen und um abzuschließen mit alten Wünschen und

die Qualität der früheren Beziehung. Pflegen in der Familie

Hoffnungen.

bzw. in der Ehe bedeutet, dass die gemeinsame Geschichte

Gabriele Tammen-Parr + Gründerin und Projektleiterin Berliner Initiative „Pflege in Not“ + www.pflege-in-not.de


Kultursensibel pflegen? Rahmenbedingungen und Umsetzung eines Pflegekonzeptes Ein Interview mit Prof. Dr. Monika Habermann

Im Jahr 2015 befanden sich 16,3 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, die einen Migrationshintergrund haben. Das sind 20,4 Prozent der gesamten Bevölkerung dieses Landes. Derzeit sind 1,5 Millionen dieser Menschen über 65 Jahre alt. Diese Zahl wird bis 2030 auf 2,8 Millionen steigen. Eine Tatsache, die eine besondere Sensibilität derer verlangt, die diese potenziell pflegebedürftigen Menschen versorgen und versorgen werden. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen hat Frau Professor Habermann auf der Pflegekonferenz einleitend zu ihrem Vortrag eine kultursensible Pflege folgendermaßen charakterisiert: „Eine kultursensible Pflege ist eine patientenzentrierte Pflege. Sie beinhaltet die Wahrnehmung, den sensiblen Umgang und die Integration von kulturellen und sozialen Erwartungen, Vorstellungen und Praktiken eines Patienten, Pflegebedürftigen und Angehörigen. Es bedarf der Unterstützung durch angemessene organisationsbezogene, gesetzliche und ökonomische Rahmenbedingungen, damit Pflegende eine kultursensible Pflege regelhaft umsetzen können.“ Es wurde weiter auf den zu erwartenden Fachkräftemangel 2030 von bis zu 330.000 fehlenden Pflegenden verwiesen. Dazu fänden, so Frau Professor Habermann, derzeit viele Programme statt, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Eine Möglichkeit sei es, Pflegende aus dem Ausland zu rekrutieren.

Frau Habermann, wie kann kultursensible Pf lege gestaltet werden in dem Konf likt der Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte und der steigenden Zahl der Pf legebedürftigen mit Migrationshintergrund?

Fachsprache begründet. Es mangelt an dem Wissen über Begrifflichkeiten oder den gängigen Abkürzungen im medizinisch-pflegerischen Bereich. Wenn nun eine Pflegekraft mit sprachlichen Schwierigkeiten im Allgemeinen oder in der Fachterminologie auf einen Pflegebedürftigen trifft, der ebenfalls sprachliche Defizite aufweist, kann das zu

Bei der Rekrutierung von ausländischen Kräften, sei es

Missverständnissen oder schwerwiegenden Folgen füh-

aus dem asiatischen Raum oder im nahen europäischen

ren. Dies hat Auswirkungen auf beide Personengruppen.

Raum, müssen finanzielle Mittel freigesetzt werden, um

Daran muss in der Integration von Fachkräften vermehrt

diese Pflegenden auf die hier herrschenden Situationen

gearbeitet werden, um die sprachlichen Barrieren abzu-

vorzubereiten. Ein sehr wichtiger Aspekt ist die sprachli-

bauen. Eine Möglichkeit sind Sprachvermittlungssysteme,

che Vorbereitung. Das sprachliche Wissen auf dem Level

die hier eingesetzt werden können. Ebenso wichtig ist die

B2, welches in Deutschland vorausgesetzt wird, wird in

Managementebene, die dafür Sorge tragen muss, dass Pfle-

Studien aus den USA als unzureichend beschrieben. Das

gebedürftige und Pflegefachkräfte so zugeordnet werden,

liegt nicht an einer unzureichenden allgemeinen sprach-

dass eine sprachliche Verständigung möglich wird. Neben

lichen Befähigung, sondern ist in den Besonderheiten der

diesen Aufgaben müssen alle Beteiligten kultursensibel

76


Pf legepraxis

agieren. Es sollte sich dabei aber nicht um ein Rezeptwissen

Was verstehen Sie in der Mesoebene unter dem Diversity-Monitoring?

oder Standards handeln, die man abarbeiten kann, sondern hat viel mit erweitertem Nachfragen, Hintergrundinformationen und Eigenengagement zu tun.

Es geht darum, bestimmte Angebote wie beispielsweise die

In ihrem Vortrag ging Frau Professor Habermann weiter

Wohngeldberatung oder die Beratungen der Pflegestütz-

auf die verschiedenen Ebenen ein, auf denen die Rahmen-

punkte dahin gehend zu beobachten, ob alle Anspruchsbe-

bedingungen für die Umsetzung der kultursensiblen Pflege

rechtigten auch partizipieren.

geschaffen und umgesetzt werden.

Das könnte helfen, lokale Angebote von Kommunen und in der Region Diversity gerecht weiterzuentwickeln.

Welche Änderungen müssen auf welcher Ebene geschehen, wenn wir die Makro-, Meso- und Mikroebene betrachten, um die künftigen Versorgungsbedarfe in der kultursensiblen Pf lege zu erfüllen?

Was halten Sie, im Bezug auf die kultursensible Pflege, von einem Care- und Casemanagement? Und ist das unter den derzeitigen Bedingungen durchführbar?

Im Moment sind einige Möglichkeiten geschaffen und in

Aus einer eigenen kommunalen Studie heraus zeigt sich

Vorbereitung, an die vor zehn Jahren nicht zu denken war.

ein mangelndes Bewusstsein für unterschiedliche Lösun-

Es handelt sich dabei um Dolmetschersysteme, die über

gen der Eingliederung in die Altenhilfe, wenn Sie die Or-

Skype-Systeme abgerufen werden können, oder zentrali-

ganisationsstrukturen betrachten. Da sind die Kommunen

sierte Dolmetschersysteme, die erprobt werden. Es wer-

unterschiedlich aufgestellt. Defizite, die dort auftreten,

den auch Studien angestrengt, um die vorhandenen Syste-

betreffen alle Pflegebedürftigen, auch die ohne Migrati-

me und die noch zu erfüllenden Bedarfe zu evaluieren, was

onshintergrund. Die Einrichtungen des Care- und Case-

eine Bewegung in Richtung sprechende Pflege erkennen

managements bei den Kassen halten sich in der Datenwei-

lässt. Die Komplexität einer solchen Pflege, im Kranken-

tergabe sehr zurück, was eine Evaluation der Versorgung

haus wie in der stationären Altenpflege, muss sich in der

nicht zulässt. Insofern denke ich, dass die Kommunen in

Refinanzierung im Sinne der DRGs, PKMS oder den Pfle-

den regionalen und überregionalen Strukturen deutliche

gesätzen in der stationären und ambulanten Versorgung

Verbesserungen durchführen müssten. In diesem Zusam-

wiederfinden.

menhang müssen die Organisationen und die Verbände der

Der Einbezug des Migrationshintergrundes ist für die

Migranten eine große Rolle spielen, wie die Beteiligung an

Datenerfassung im Gesundheitswesen wichtig, um den

kommunalen und regionalen Entscheidungsgremien, damit

Zugang zum Gesundheitswesen dieser Gruppe besser ab-

der Zugang zu den Angeboten erleichtert würde. Eine Öff-

bilden zu können. Nach dem Datenschutzbeauftragten

nung der Migrantenorganisationen für alle anderen Men-

darf die Erfassung des Migrationshintergrundes z. B. im

schen könnte man auch als Voraussetzung kommunizieren,

Behandlungsvertrag der Krankenhäuser oder der Pflege-

um an diesen Gremien beteiligt zu werden. Dies würde eine

vereinbarung im Rahmen des SGB XI keine Rolle spielen,

echte interkulturelle Öffnung für alle bedeuten.

weshalb diese Daten nicht erfasst werden. Momentan gibt es kaum bis keine validen Studien, die nachweisen, wie der Outcome und die Versorgung der Patienten mit Migrationshintergrund ist: Treten z. B. häufiger Sekundärinfektionen auf? Ist die Fehlerhäufigkeit bei der Versorgung höher? Werden Beratungsangebote vergleichbar der nicht zugewanderten Bevölkerung in Anspruch genommen? Die Meinungen zu dieser Datenerfassung sind, auch bei den Migrantengruppen, kontrovers. Es stellt sich die Frage, ob man diese Kritiken der Datenerfassung hintenanstellen sollte, um ein Versorgungsdefizit valide sichtbar und damit veränderbar zu machen. Die Pflegeforschung insgesamt müsste – meiner Meinung nach – Prof. Dr. Monika Habermann + Leiterin des Zentrums für Pflegeforschung und Beratung, Hochschule Bremen, Fakultät 3, Pflegewissenschaften + www.hs-bremen.de

finanziell deutlich besser ausgestattet werden, damit empirische Daten generiert werden können, auf deren Grundlage Pflegeversorgung in der Zukunft verbessert werden kann.

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Therapielotsen im Versorgungsmanagement Pflegebedürftiger Jens-Peter Claußen + Geschäftsführer der Mediplus Gruppe, Pflegewerk Management GmbH Berlin

Für die Versorgung Pflegebedürftiger in unserer Gesell-

unterschiedlichen Aufgaben- und Kompetenzbereichen.

schaft besitzen die deutschen Sozialversicherungen ein

Die Therapielotsen begleiten auch Betroffene und Ange-

Meer voller Angebote, in dem der Pflegebedürftige al-

hörige im Behandlungsprozess, indem sie die relevanten

lerdings oft in Seenot gerät. Das Projekt NeuroNetzwerk

Informationen aller Beteiligten aufnehmen und den rehabi-

etabliert nun deutschlandweit Therapielotsen für Pflege-

litativen Prozess steuern.

bedürftige. Hierbei übernehmen Physiotherapeut(inn)en, Ergotherapeut(inn)en und Logopäd(inn)en als qualifizierte,

Diese Lotsenkonzeption ist eigentlich nicht neu. Warum

verfügbare und finanzierte Ressource die Rolle des Mode-

also jetzt auch noch die Heilmittelerbringer als Lotsen? Da-

rators im Chat der Professionen. Dadurch werden sie zu

für sprechen vier Gründe:

Lotsen für den Pflegebedürftigen. 1. Therapeut(inn)en (Ergotherapie, Physiotherapie, Die Aufgabenstellungen an die deutsche Gesellschaft und

Logopädie) haben die Chance, den zeitlich umfang-

das Sozialsystem sind bekannt und errechnet. Auch auf

reichsten und intensivsten Kontakt mit neurologi-

der Berliner Pflegekonferenz wurde dies politisch, wis-

schen und geriatrischen Patienten zu gestalten.

senschaftlich und statistisch beeindruckend präsentiert.

2. Aufgrund des Alltagsbezugs in den eingesetzten

Demografischer Wandel, ein sich veränderndes Morbidi-

Behandlungskonzepten (wie z.B. Anziehen, Tages-

tätsspektrum, der Anstieg von Multimorbidität und das

strukturierung, Kommunikation, Ernährung) erhalten

abnehmende Potenzial verfügbarer Fachkräfte haben

die Therapeuten intensive Einblicke in die aktuelle

bereits heute dramatische Folgen für die gesundheitliche

Lebenssituation der Pflegebedürftigen und erkennen

Versorgung Pflegebedürftiger. „Alte Menschen, multimor-

besonders relevante Ressourcen und Barrieren im

bide [...] und demente Patienten werden fast durchgehend

Alltag.

unterversorgt.“ (DEGAM 2001, S. 7). Zudem sinkt das Po-

3. Therapeuten verfügen nicht nur über das erforder-

tenzial pflegender Angehöriger in der Versorgung dieser

liche medizinisch-therapeutische Wissen, sondern

Patientengruppen.

auch über organisatorische und kommunikative Kom-

Um die Teilhabe Pflegebedürftiger in der Mitte unserer Ge-

schen Basisausbildung vermittelt.

petenzen. Die ICF wird als Bestandteil der therapeutisellschaft sicherzustellen, muss nicht jeder Pflegebedürfti-

4.

Für eine Nutzung der Therapie im Versorgungsma-

ge mit allen Angeboten versorgt werden. Es sollte vielmehr

nagement können bestehende Finanzierungsmodelle

für jeden ein bedarfsgerechtes und individuelles Versor-

und die Heilmittelrichtlinien und der Heilmittelkata-

gungsangebot gestaltet werden. Um dies zu gewährleisten,

log (inkl. Praxisbesonderheiten und Langfristverord-

bedarf es einer intensiven moderierten Zusammenarbeit

nungsmöglichkeiten) genutzt werden.

der verschiedenen Professionen. Therapielotsen sind in den NeuroNetzwerk-Projekten die Chatmoderatoren und

Das NeuroNetzwerk ist ein Projekt von Mediplus Therapie & Rehabilitation (TUR) und PhysioConceptKuckuk (PCK).

sichern die Verbindungs- bzw. Schnittstellen zwischen den

78


Pf legepraxis

79


Pflege in der Rehabilitation Ein AIRfolgskonzept?

Die Menschen in Deutschland werden älter und bleiben

Ein Konzept, das für die Alltagsbewältigung geeignet er-

länger gesund. Die diagnostischen Methoden werden im-

scheint, ist AIR. AIR ist das Akronym für Aktivierende In-

mer höher entwickelt und helfen der Medizin, die Heilung

tegrative Rehabilitation. AIR steht für therapeutisches

und Symptomlinderung zu verbessern. Doch wo die Me-

Handeln mit integrativer, also ganzheitlicher statt funkti-

dizin noch immer ihre Grenzen findet, setzt die Pflege die

onaler, Zielsetzung. Es hilft pflegebedürftigen Menschen

Gesundheitsversorgung fort. Denn obgleich sich die Pflege

rehabilitativ dabei, Aspekte ihrer Lebensführung erneut

an medizinischen Behandlungspfaden orientiert, geht der

weitgehend eigenständig auszuüben. Dabei integriert AIR

pflegerische Auftrag über medizinische Versorgung hinaus.

objektive wie subjektiv erlebte Schwierigkeiten in den Pfle-

Pflege wirkt ambulant fort. Durch das 2017 in Kraft tre-

geprozess. Dazu dient der aktive Charakter des Konzepts,

tende Pflegestärkungsgesetz ergänzt der Gesetzgeber das

der sich sowohl in der Zielsetzung als auch im Behandlungs-

pflegerische Handlungsfeld sogar um die Unterstützung

prozess widerspiegelt. So wird durch koordinierte Aktivität

pflegebedürftiger Menschen in der Alltagsbewältigung.

der Pflegenden die Aktivierung der Pflegebedürftigen erreicht.

Der Begriff der „Patientenorientierung“ geistert in diesem

Das AIR-Konzept basiert auf vier Stufen des Behandlungsprozesses

Zusammenhang des häufigeren durch Planungskonzepte und Medien. Offen erscheint allerdings zu sein, ob mit dem Gesetz die Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen und die Patientenorientierung des Gesundheitswesens in den

1. Motivation

Fokus genommen und tatsächlich realisiert werden. Denn

Zuallererst sehen sich Pflegende mit der Aufgabe der Moti-

Patientenorientierung in der Pflegeversorgung meint die

vation der Pflegebedürftigen betraut. Gemeinsam mit den

Kontextualisierung des Gesundheitszustandes der Pflege-

Pflegebedürftigen und deren Angehörigen werden realis-

bedürftigen und mit dem Maßnahmenkatalog der Pflegen-

tische Ziele erarbeitet. In der Praxis hat sich GAS (Goal At-

den – immer mit der Zielsetzung möglichst weitreichender

tainment Scaling) als hilfreich erwiesen. Dieses Instrument

Autonomie. Eine Pflegeversorgung, die sich am Patienten

ermöglicht eine klare Definition, aber auch eine hohe Über-

orientiert, nimmt zum einen objektive Defizite und daraus

prüfbarkeit der Ziele. Das dient zum einen der Qualitätssi-

resultierende Schwierigkeiten, zum anderen aber auch

cherung, zum anderen aber auch dem Aufbau von Verbind-

subjektiv erlebte Schwierigkeiten in den Blick.

lichkeit, Transparenz, Vertrauen – und Motivation.

80


Pf legepraxis

2. Befähigung

wiederfindet. Demnach finden Erfolg versprechende Maß-

Pflegende sehen sich aufgefordert, das Vertrauen der Pfle-

nahmen mitunter keine Kostenerstattung.

gebedürftigen in sich selbst zu stärken. Pflegende betrei-

Hinzu kommt, dass der pflegerische Behandlungserfolg in

ben Empowerment in Kleingruppen- oder Einzelsitzungen.

beträchtlichem Umfang von den durchgeführten Pflege-

Die Erfahrung von Selbstbestimmung und Selbstwirksam-

maßnahmen entkoppelt ist. Mannigfaltige Einflussfaktoren

keit der Pflegebedürftigen ist auf dieser Stufe des Behand-

wirken auf den Behandlungsprozess ein, die sich der pflege-

lungsprozesses von immenser Bedeutung.

rischen Verantwortung entziehen. Schlussendlich besitzen Pflegemaßnahmen mitunter einen

3. Übertragung

präventiven Charakter. Sie ziehen einen Erfolg nach sich,

Bereits zu Beginn des stationären Behandlungsprozesses

der eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes viel-

initiieren die Pflegenden die Vermittlung des Alltagstrans-

leicht verhindert, jedoch keine Verbesserung des Gesund-

fers pflegerischer Rehabilitationsmaßnahmen, um sie pro-

heitszustandes darstellt.

zessbegleitend konsequente Fortsetzung zu finden lassen.

Somit erschwert die Katalogisierung eine Individualisie-

Im außerklinischen Bereich verhilft eine Hotline den Pfle-

rung der Pflegeversorgung.

gebedürftigen zu mehr Sicherheit in der Fortführung der während der Zeit der klinischen Rehabilitation erlernten

Der Zusatzaufwand, den eine individualisierte Pflegever-

Verhaltensstrategien.

sorgung bedeutet, verursacht Mehrkosten, die aber weitgehend kontrollierbar und daher zu tragen sind. Die Gesell-

4. Sicherung

schaft sieht sich aufgefordert, den Mehraufwand, der zu

Motivationspsychologische Untersuchungen haben nach-

einer Verbesserung der Gesundheit, der Unabhängigkeit

gewiesen, dass intrinsisches Lernen, also das Lernen aus ei-

und der Lebensqualität ihrer pflegebedürftigen Mitglieder

genem Antrieb, schneller geht und länger anhält als das ex-

führt, zu einem Mehrertrag der Pflegenden zu machen.

trinsisch bedingte, also das Lernen, das nur aufgrund einer externen Belohnung erfolgt. Gerade in der Anfangsphase

Denn: Patientenorientierung sollte sich nicht vorrangig an

des Rehabilitationsprozesses erscheint eine extrinsische

Aufwand und Ausgaben orientieren. Patientenorientie-

Motivation hilfreich und meist notwendig, um initiale An-

rung heißt, nach der Lebensqualität der Pflegebedürftigen

reize für eine Zielerreichung zu setzen. Mit zunehmender

zu fragen. Dann schreibt sich Erfolg in der rehabilitativen

Therapiedauer arbeiten die Pflegenden daran, die Pflege-

Pflegeversorgung: AIRfolg.

bedürftigen dahin gehend zu fördern, Zwischenerfolge mit erfolgreichem Handeln der Pflegebedürftigen zu verknüpfen, um so die intrinsische Motivation zu stärken. Nur eine hohe intrinsische Motivation sichert die Umsetzung und den dauerhaften Erfolg der erlernten Verhaltensstrategien. Das Praxisbeispiel der Rehabilitationsklinik Burgau zeigt die Erfolge der praktischen Umsetzung des AIR-Konzepts. Die WinTEAM-Studie (2012–2016) weist eine Steigerung von Effektivität und Effizienz des Rehabilitationsprozesses nach. Das AIR-Konzept ist darüber hinaus ein Gewinn für alle Beteiligten. Die Pflegebedürftigen gewinnen durch größere Selbstbestimmung und Autonomie. Die Pflegenden gewinnen durch eine Versorgungsform, die höhere Individualität und ein besseres Outcome der Patienten fördert und damit eine zufriedenstellende Arbeit anbietet. Die Gesellschaft gewinnt durch eine effizientere Ressourcenverwendung. Prof. Dr. Rainer B. Pelka + Institutsleiter Institut für Angewandte Statistik, Professor an der Universität der Bundeswehr München + www.unibw.de

Und doch stehen drei Aspekte einer individualisierten, pflegerischen Versorgung entgegen. Zunächst erscheint es problematisch, dass der pflegerische Maßnahmenkatalog sich nicht vollständig in dem der Leistungserstattung

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Kinder und Hochaltrige reichen sich die Hand Alte und junge Menschen zusammenbringen, um ein bewussteres Zusammenleben der Generationen zu fÜrdern – dies ist das Ziel der Generationsbrßcke Deutschland. Durch Fortbildungen und die Teilnahme am Modellprojekt macht das Beispiel Schule.

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Pf legepraxis

„HÄNDE, DIE HALTEN, Hände, die schützen, Hände, die lei-

Sicherheit als Grundlage für persönliche Beziehungen ent-

ten, Hände, die loslassen, braucht nicht nur ein Kind“, so Ja-

stehen können, finden die Treffen über die Dauer eines

kob Ackermann (geboren 1924) über sein „unvergessliches

Kita- bzw. Schuljahrs in festen Partnerschaften mit jeweils

Erlebnis Generationsbrücke“.

sechs bis zwölf Kindern und Bewohner(inne)n statt. Diese

Diese denkwürdige Erfahrung ist Ergebnis eines Prozesses,

Sicherheit wird auch durch die Strukturen und Rituale der

der im Jahr 2009 mit der „Generationsbrücke Aachen“ be-

Begegnungen geschaffen: Begrüßungs-, Kontakt- und Ab-

gann und 2012 unter dem Dach der katholischen Stiftung

schiedslied wechseln sich mit bewegungsreichen Aktivitä-

Marienheim Aachen-Brand zur Gründung der „Generati-

ten im Stuhlkreis und ruhigen Aktivitäten an den Tischen ab.

onsbrücke Deutschland“ (GBD) geführt hat. Ziel der GBD

Damit Jung und Alt sich wirklich begegnen können, steht

ist es, junge und pflegebedürftige alte Menschen zu verbin-

bei diesen Aktivitäten das Miteinander im Vordergrund:

den, indem sie ihnen Begegnungen und regelmäßiges Mit-

Mit- und nicht füreinander wird gebastelt und erzählt und

einander ermöglicht.

somit eine Brücke zwischen den Generationen gebaut.

Bei den Begegnungen erleben beide Generationen Wertschätzung, Verbundenheit und Freude. Die alten

Es gelingt nur zusammen

Teilnehmer(innen) werden durch die ansteckende Leben-

Auch das Miteinander zwischen den beteiligten Institu-

digkeit der Kinder angeregt, erfahren eine besondere Ab-

tionen ist unabdingbar, um gelingende intergenerative

wechslung im Heimalltag und haben die Möglichkeit, ihr

Kontakte zu ermöglichen. Eine gute Kommunikation und

Wissen weiterzugeben und sich trotz der aktuellen Lebens-

verlässliche Zusammenarbeit innerhalb des Kooperati-

umstände in die Abfolge der Generationen und die Gesell-

onstandems – bestehend aus je einer Kita/Schule und

schaft eingebunden zu fühlen. Die Kinder profitieren von

einer Altenpflegeeinrichtung – bilden die Grundlage für

der Lebenserfahrung der älteren Generation. Sie können

die Umsetzung. Auch sie müssen „Hand in Hand“ gehen,

an einem außerschulischen Lernort ihre Sozialkompetenz

wie es oft bei den Begegnungen gesungen wird. Gelingt

weiterentwickeln und Pflegebedürftigkeit, Demenz und

dies, berichten nicht nur die teilnehmenden Kinder und

Tod als Bestandteile des Lebens kennenlernen. Mitmensch-

Bewohner(innen), sondern auch die Mitarbeiter(innen) von

lichkeit, Toleranz und Respekt zwischen den Generationen

persönlichen Glücksmomenten: „Es ist die Stunde in mei-

werden gelebt und erfahren.

ner Arbeitswoche, auf die ich mich am meisten freue. Ich

Erfolgsfaktoren für intergenerative Begegnungen

Bewohner sehe und teile. Es ist auch eine anstrengende

gehe so zufrieden raus, weil ich das Glück der Kinder und Für ein gutes Gelingen der Begegnungen steht das praxis-

und intensive Stunde, die gute Absprachen sowie Vor- und

erprobte Konzept der GBD auf fünf Grundpfeilern:

Nachbereitung erfordert. Aber: Es lohnt sich!“

altersgerechte Vorbereitung der Kinder;

Erfahrungswissen weitergeben

Regelmäßigkeit und Langfristigkeit;

Das intergenerative Begegnungskonzept der Generati-

feste Partnerschaft in fester Gruppe;

onsbrücke Deutschland – welches u.a. im Jahr 2014 von

aktives Miteinander sowie

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit dem

strukturierte und ritualisierte Begegnungen.

Deutschen Engagementpreis und 2012 von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Bundessieger des Wettbewerbs

Wichtige Grundlage ist dabei das Prinzip der Freiwilligkeit.

„startsocial“ ausgezeichnet wurde – wird mittlerweile von

Weder Jung noch Alt werden zur Teilnahme an den Begeg-

deutschlandweit über 100 Kooperationspartnern (Alten-

nungen verpflichtet oder überredet. Da der Besuch im Al-

pflegeeinrichtungen, Kitas, Schulen) umgesetzt. Damit

tenheim für viele Kinder gleichzeitig ihre erste Begegnung

auf der einen Seite mehr junge Menschen erfahren kön-

mit pflegebedürftigen alten Menschen ist, werden ihnen al-

nen, „dass alte Leute auch cool“ (Schülerin, acht Jahre)

tersgerecht Kenntnisse über Pflegebedürftigkeit, Demenz

und „wie ein lebendiges Lexikon“ (Schüler, 13 Jahre) sein

und das Leben im Heim vermittelt. Sie erhalten praktische

können und auf der anderen Seite mehr alten Menschen

Hilfestellung für die Besuche bei den Senior(inn)en und

„das Herz aufgeht, wenn [sie] die Mädchen und Jungen bei

erfahren alles über den strukturierten Ablauf, die Aktivi-

der Generationsbrücke“ sehen, gibt die GBD ihr gesam-

täten und Rituale, die jede Generationsbrücke-Begegnung

meltes Erfahrungswissen in Fortbildungen weiter. In einer

charakterisieren. Das erleichtert ihnen den ersten Kontakt

anderthalbtägigen Schulung werden haupt- und ehren-

und hilft gegebenenfalls, vorhandene Berührungsängste

amtliche Mitarbeiter(innen) mehrerer Kooperationstan-

abzubauen.

dems befähigt, Generationsbrücke- Begegnungen in ihren

Ein- bis zweimal pro Monat sehen sich die Kinder und

Einrichtungen inhaltlich und organisatorisch umzusetzen.

Senior(innen) für etwa eine Stunde. Damit Vertrauen und

Der Gruppenpreis für GBD-Fortbildungen beträgt 680

83


Euro und gilt immer für bis zu vier Personen eines Tandems

eingangs zitierte Jakob Ackermann schreibt in seinen Me-

aus Altenpflegeeinrichtung und Kita/Schule (maximal zwei

moiren: „Vielleicht würde es dann aus allen Himmelsrich-

Mitarbeiter(innen) pro Institution). Die GBD bietet auch

tungen tönen: Alle Menschen sind füreinander da!“

Inhouse-Schulungen in einer der beteiligten Einrichtungen www.generationsbruecke-deutschland.de www.facebook.com/generationsbruecke

vor Ort an. Zur direkten Implementierung erhalten alle teilnehmenden Institutionen ein ausführliches Handbuch. Im

Literatur: Die Generationsbrücke – Wie das Miteinander von Alt und Jung gelingt, Herder Verlag, Herausgeber Rocco Thiede, mit einem wissenschaftlichen Nachwort von Prof. Andreas Kruse

Anschluss kann eine Kooperation mit der GBD eingegangen werden. Diese dient der Unterstützung und Vernetzung. Zum Service gehören Beratung, ein Starter-Kit mit Arbeitshilfen und jährlich stattfindende Fachtagungen. Mehrgenerationenperspektive bietet Vorteile GBD-Beiratsmitglied Andreas Kruse, Professor für Psychologie und Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg, betont: „Die Arbeit der Generationsbrücke Deutschland ist in meinen Augen charakteristisch für die Entwicklung und Implementierung innovativer Ansätze in der Altenpflege.“ Der Gedanke, ein generationenübergreifendes Partizipationsprojekt in die Altenpflege zu implementieren, sei auch deswegen zu begrüßen, da gerade die Kontakte zwischen alten und jungen Menschen ein hohes Potenzial besitzen – und zwar •

Anne-Christin Hochgürtel + Projektkoordination Generationsbrücke Deutschland, hochguertel@generationsbruecke-deutschland.de

für die Lebensqualität alter und sehr alter Menschen, die auf diesem Wege das Motiv der „Generativität“ verwirklichen könnten, also des Bedürfnisses nachfolgenden Generationen etwas weiterzugeben;

für das Lebenswissen junger Menschen, die durch den Kontakt mit lebenserfahrenen reflektierten alten Menschen weiteres lebenspraktisches Wissen gewinnen könnten;

für die Altersbilder, die sich durch derartige Begegnungen differenzieren würden;

für das Konzept der Pflege, das durch dieses psycho-

für die öffentliche Wahrnehmung von stationären

logische Moment bereichert würde; Hans Schleicher-Junk + Projektkoordination Generationsbrücke Deutschland, schleicher@generationsbruecke-deutschland.de

Einrichtungen, die durch die Integration der Mehr generationenperspektive eine substanzielle Veränderung erfahren würde.

Auch der Professor für Neurobiologische Präventionsforschung an der Universität Göttingen, Gerald Hüther – ebenfalls Beiratsmitglied der GBD – betont die Bedeutung generationenverbindender

Projekte:

„,Transgeneratio-

nale Weitergabe von Erfahrungen‘ heißt das, was in einer menschlichen Gemeinschaft funktionieren muss, wenn sie auch in Zukunft fortbestehen und sich weiterentwickeln will.“ Mit einer Ausweitung intergenerativer Begegnungen könn-

Horst Krumbach + Vorstand Generationsbrücke Deutschland, h.krumbach@generationsbruecke-deutschland.de

te die Vision der GBD vom bewussteren Zusammenleben der alten und jungen Generation Wirklichkeit werden. Der

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85


Komponenten einer vernetzten Versorgung

Eine fiktive, aber dennoch nur allzu wahre Geschichte: Frau

70 Prozent aller älteren Patienten über 50 Jahre digitale

Meyer kommt nach einem Sturz ins Krankenhaus, aus dem

Gesundheitsdienstleistungen nutzen wollen. Das Cluster

sie nach der Behandlung dauerhaft pflegebedürftig entlas-

Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCa-

sen wird. Innerhalb weniger Tage stehen die Angehörigen –

pital stellte gemeinsam mit vier Anbietern aus der Region

oder auch Frau Meyer selber, falls sie nicht auf die Unter-

Berlin-Brandenburg im Symposium „Komponenten einer

stützung von Angehörigen zurückgreifen kann – vor der

vernetzten Versorgung“ anhand des Beispiels von Frau

Aufgabe, sich mit dem Thema Pflegebedürftigkeit ausein-

Meyer vor, wie Techniklösungen dazu beitragen können,

anderzusetzen und den Pflegeprozess zu organisieren.

den Pflegeprozess für alle Beteiligten zu vereinfachen, zu strukturieren oder zumindest verständlicher zu machen.

Deutschland zählt zu den am stärksten vom demografi-

Das Ziel ist, dass Pflegebedürftige wie Frau Meyer allein

schen Wandel betroffenen Staaten der Welt. Vor allem die

in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Allein – aber

Altersgruppe der über 80-Jährigen wird in den kommen-

nicht einsam und nicht alleingelassen.

den Jahren rasant wachsen – in Berlin bis 2030 um 80 Prozent, in Brandenburg – einem der am stärksten vom demo-

Bereits bei Eintreffen des Patienten im Krankenhaus kön-

grafischen Wandel betroffenen Bundesländer – sogar um

nen technische Assistenzsysteme unterstützen und den

94 Prozent. Doch während die Zahl der Pflegebedürftigen

Pflegeprozess vorbereiten. „Pflegekräfte verbringen ak-

steigt, sinkt das Potenzial an Fachkräften und pflegenden

tuell bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit patientenfer-

Angehörigen.

nen Tätigkeiten wie Dokumentation und der Suche nach Informationen und Equipment“, erklärt Heiko Mania von

Diese Ausgangslage macht deutlich, warum das Thema IT

der NursIT Institute GmbH. Ziel einer unterstützenden

in der Pflege in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird.

Pflegesoftware müsse es daher sein, den Dokumentati-

Digitale Technik kann Arbeitsprozesse in der Pflege effi-

onsaufwand zu verringern und durch die Aufbereitung

zienter gestalten – und Senioren helfen, zu Hause länger

der Daten Entscheidungshilfen in Form von Prognosen

selbstständig zu leben. Die Bereitschaft seitens der Ziel-

bspw. zum Dekubitusrisiko bereitzustellen. Auch eine mög-

gruppe ist immerhin bereits vorhanden: Studien belegen,

liche Pflegebedürftigkeit kann so frühzeitig erkannt und

dass ein Großteil der älteren Bevölkerung neuen Kom-

wertvolle Zeit gewonnen werden, um die Betreuung im

munikationsmitteln wie Internet, Smartphone und Tablet

Anschluss an den Krankenhausaufenthalt zu organisieren.

vertraut und diese auch regelmäßig nutzt. Eine McKin-

Ein optimal vernetztes Assistenzsystem kann auf Basis der

sey-Umfrage kam sogar zu dem Ergebnis, dass mehr als

Patientendaten auch hier Empfehlungen geben, welche

86


Pf legepraxis

Unterstützungsmöglichkeiten es im Anschluss gibt und

von Bewusstlosigkeit kein aktiver Notruf möglich ist. „Im

worauf besonders geachtet werden sollte. So ist im Fall von

Fall von Frau Meyer, für die ein erhöhtes Sturzrisiko vor-

Frau Meyer erfahrungsgemäß die Gefahr eines erneuten

liegt, können ergänzend Sensoren sinnvoll sein, die beim

Sturzes hoch und es sollten Maßnahmen zur Sturzpräven-

nächtlichen Verlassen des Bettes eine gedämpfte Beleuch-

tion ergriffen werden.

tung aktivieren und so einen Sturz auf dem Weg zum Bad vermeiden“, schlägt Albert Premer von escos automation

Auch „Deutschlands größter Pflegedienst“ – wie Senator

vor. Sensoren können außerdem Gefahren rechtzeitig

Czaja die pflegenden Angehörigen wertschätzend bezeich-

erkennen, wie bspw. einen Herd, der nicht abgeschaltet

net – braucht Unterstützung; insbesondere, wenn die An-

wurde.

gehörigen wie im Beispiel von Frau Meyer sehr plötzlich vor der neuen Situation stehen. Thilo Veil von der Töchter &

Zu einem selbstständigen Leben im eigenen Wohnumfeld

Söhne Gesellschaft für digitale Helfer mbH, hat diese Situ-

gehört es aber auch, die verschiedenen kleinen und großen

ation selbst erlebt: „Mir wurde dabei erst bewusst, wie we-

Aufgaben des Alltags bewältigen zu können. Hier wird, oft

nig Informationen es in gut strukturierter und kompakter

schon lange bevor eine Pflegebedürftigkeit eintritt, Un-

Form gibt.“ Die Pflegekassen helfen hier mit Pflegekursen,

terstützung benötigt. Das Programm „Soziale Personen-

das notwendige Know-how zu erlangen. Weil viele Angehö-

betreuung – Hilfen im Alltag“ (SOPHIA) adressiert genau

rige aufgrund ihrer familiären Situation Präsenzkurse aber

diese Situationen. Geschäftsführerin Melanie Rosliwek-

nicht wahrnehmen können, hat Töchter & Söhne onlineba-

Hollering erläutert: „Die Technik hat hier in erster Linie

sierte Pflegekurse entwickelt, die durch die Pflegekassen

eine unterstützende Rolle, in dem sie die Kommunikation

erstattet werden.

mit den Ansprechpartnern vereinfacht.“ Versierte Fachleute und erfahrene ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen

Der Wunsch vieler älterer Menschen ist es, möglichst lan-

im Haushalt, bei kleinen Reparaturen oder durch soziale

ge im eigenen Umfeld bleiben zu können. Technik kann hier

Betreuung. Nicht zuletzt wird so auch eine regelmäßige

dazu beitragen, mehr Sicherheit zu geben. Etabliert haben

Ansprache allein lebender Menschen sichergestellt und

sich die klassischen Hausnotrufsysteme. Diese werden

dem Gefühl, mit seinen Aufgaben und Sorgen allein zu sein,

mehr und mehr durch Sensorik ergänzt, die mittlerweile

entgegengewirkt.

unkompliziert kabellos eingebaut wird und selbst dann ei-

Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital www.healthcapital.de

nen Alarm auslösen kann, wenn nach einem Sturz aufgrund

87


Pf legepraxis

Versorgung am Lebensende aus hausärztlicher Sicht Die Versorgung von Menschen in der letzten Lebenspha-

Primärversorgung sowie die multiprofessionellen Team-

se erfolgt ganz überwiegend im hausärztlichen Bereich.

strukturen. Um die Versorgung am Lebensende an der Ba-

Es gehört zum Selbstverständnis der meisten Hausärzte,

sis zu verbessern, muss es der Weg der Zukunft sein, auch

die Versorgungskontinuität in einem oftmals über Jahre

in der allgemeinen ambulanten Palliativversorgung haus-

gewachsenen Vertrauensverhältnis zwischen Patient und

arztzentrierte, berufsgruppenübergreifende Teamstruktu-

Arzt sicherzustellen. Der persönliche Kontakt und die

ren zu etablieren und dabei dem Faktor Zeit für den Patien-

Kenntnis des sozialen Umfeldes auch schon vor Auftreten

ten und sein soziales Umfeld mehr Priorität einzuräumen.

einer palliativen Situation sind wichtig, um auf die individu-

Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, die Sensibilität für den

ellen Bedürfnisse von Patienten in der letzten Lebensphase

palliativen Versorgungsbedarf von Patienten mit nicht

und ihren Angehörigen eingehen zu können.

onkologischen Erkrankungen zu erhöhen; hier stehen älte-

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fach-

re, multimorbide Patienten im besonders im Fokus.

spezialisten, Pflegediensten und anderen Gesundheitsberufen ist von herausragender Bedeutung – gerade auch dann, wenn Patienten zusätzlich eine spezialisierte am-

Prof. Dr. med. Nils Schneider + Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover + www.mh-hannover.de

bulante Palliativversorgung (SAPV) benötigen. Stärken der SAPV sind neben der fachlichen Profilbildung nicht zuletzt die großen zeitlichen Ressourcen im Vergleich zur

88


Pf legepraxis

Palliativberatung §§ 37b und 132g SGB V Der Anspruch umfasst auch die Erstellung einer Übersicht der Ansprechpartner der regional verfügbaren Beratungsund Versorgungsangebote. Die Krankenkasse leistet bei Bedarf Hilfestellung bei der Kontaktaufnahme und Leistungsinanspruchnahme. Die Beratung soll mit der Pf legeberatung nach § 7a des Elften Buches und anderen bereits in Anspruch genommenen Beratungsangeboten abgestimmt werden. Auf Verlangen des Versicherten sind Angehörige und andere Vertrauenspersonen an der Beratung zu beteiligen.

In der deutschen Palliativmedizin hat sich in den letzten Jahren viel entwickelt. Zur ursprünglichen Idee der bestmöglichen Begleitung und Symptomlinderung im Sterben sind prominenter die Lebensqualitätsverbesserung an allen verbleibenden Tagen, das vorausschauende Handeln und die radikale Patientenzentrierung hinzugetreten. Die belastenden Symptome werden palliativ gelindert. Und es wird auch vorgebeugt: Damit viele Symptome und Krisen gar nicht erst entstehen. Manche neu hinzukommenden Symptome können aber ganz

Die Allgemeine Palliativberatung umfasst also nur Folgendes:

am Ende das Leben auch ausklingen lassen. Sollen und müssen wir auf jeden Fall eine Lungenentzündung heilen oder

eine Schluckstörung mittels PEG beheben? Oder können wir

Übersichtserstellung von Palliativanbietern (als Liste oder digitales Angebot, hier:

diese Symptome billigend in Kauf nehmen und den Patienten

www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de)

dann versterben lassen, da das Leben im Ausklang ist?

Kontaktherstellung mit ausgewählten Anbietern samt Einbezug der Zu- und Angehörigen

Block 1: WHO-Definition: Palliative Care Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebens-

Dies soll im Rahmen der Pflegeberatung geschehen. Die

qualität von Menschen und ihren Familien, welche sich im

meisten Kassen weisen ihre Mitglieder bereits auf dieses

Erleben und in der Auseinandersetzung mit einer unheil-

kostenfreie Regelangebot hin. Pflegeberater der AOK und

baren, fortschreitenden Krankheit befinden. Dies soll er-

auch der Ersatzkassen haben in kurzen Schulungen ihre

folgen durch Prävention und Linderung von Leiden, durch

Pflegeberater schon auf den neuen Informationsstand

eine frühzeitige Identifikation, tadellose Einschätzung und

gebracht (DGP-Schulungen und auch Schulungen mit dem

Linderung von Schmerzen und anderen belastenden Ereig-

Autor, organisiert von spectrumK in Essen, Frankfurt und

nissen physischer, psychischer, sozialer, kultureller und spi-

Berlin).

ritueller Aspekte. Menschen sind über die Möglichkeiten verwirrt und wis-

Umfassender soll jedoch die Beratung von denjenigen

sen gar nicht, an wen sie sich wenden können/sollen bei der

Betroffenen (Versicherten, Angehörigen, Zughörigen und

Vielzahl der Angebote und Anbieter, die auch mit überra-

Betreuern) ausfallen: Palliativberatung mit dem Zusatz

schender Konkurrenz miteinander umgehen.

der „Gesundheitlichen Versorgungsplanung für die letzte

Deshalb hat der Gesetzgeber Anfang Dezember 2016 im

Lebensphase“ nach § 132g SGB V. Der Versicherte muss

neuen Hospiz- und Palliativgesetz (HPG) mit einem Bündel

dafür NICHT als Palliativpatient erfasst sein oder werden.

von Maßnahmen auch die vorausschauende Beratung aller

Vielmehr soll er vorausschauend und frühzeitig im Sin-

Versicherten und ihrer Angehörigen beschlossen.

ne der WHO-Definition bereits dann über die möglichen palliativen Leistungen informiert werden, wenn eine

Block 2: § 39b SGB V: Allgemeine Palliativberatung

besondere biografische Situation eintritt: der Einzug

Versicherte haben Anspruch auf individuelle Beratung und

in eine Pflegeeinrichtung (gemäß § 43 des SGB XI oder eine

Hilfestellung durch die Krankenkasse zu den Leistungen

Einrichtung der Eingliederungshilfe).

der Hospiz- und Palliativversorgung.

89


Block 3: § 132g Gesundheitliche Versorgungsplanung

mögliche Notfallsituationen soll die erforderliche Über-

für die letzte Lebensphase

gabe des Versicherten an relevante Rettungsdienste und

(1) Zugelassene Pflegeeinrichtungen im Sinne des § 43 des

Krankenhäuser vorbereitet werden. Auch andere regiona-

Elften Buches und Einrichtungen der Eingliederungshilfe

le Betreuungs- und Versorgungsangebote sollen einbezo-

für behinderte Menschen können den Versicherten in den

gen werden, um die umfassende medizinische, pflegerische,

Einrichtungen eine gesundheitliche Versorgungsplanung

hospizliche und seelsorgerische Begleitung nach Maßgabe

für die letzte Lebensphase anbieten. Versicherte sollen

der individuellen Versorgungsplanung für die letzte Le-

über die medizinisch-pflegerische Versorgung und Be-

bensphase sicherzustellen. Die Einrichtungen nach Ab-

treuung in der letzten Lebensphase beraten werden und

satz 1 Satz 1 können das Beratungsangebot selbst oder

ihnen sollen Hilfen und Angebote der Sterbebegleitung

in Kooperation mit anderen regionalen Beratungsstellen

aufgezeigt werden. Im Rahmen einer Fallbesprechung soll

durchführen.

nach den individuellen Bedürfnissen des Versicherten insbesondere auf medizinische Abläufe in der letzten Le-

Diese Beratung umfasst wie die Beratung nach § 39b ge-

bensphase und während des Sterbeprozesses eingegangen

wisse Grundinformationen und die Kontaktherstellung und

und es sollen mögliche Notfallsituationen besprochen und

darüber hinaus:

geeignete einzelne Maßnahmen der palliativmedizinischen, palliativpflegerischen und psychosozialen Versorgung dar-

gestellt werden. Die Fallbesprechung kann bei wesentli-

gesundheitliche Versorgungsplanung (nicht aber die Versorgung selbst)

cher Änderung des Versorgungs- oder Pflegebedarfs auch

mehrfach angeboten werden.

vorausschauende Krisen- und Notfallplanung (auch mehrfach, auch mit Arzt-Einbezug)

• (2) In die Fallbesprechung ist der den Versicherten behan-

Kooperation mit allen anderen Palliativversorgungserbringern

delnde Hausarzt oder ein sonstiger Leistungserbringer der vertragsärztlichen Versorgung nach § 95 Absatz 1 Satz 1

Hier wird der Beraterin/dem Berater schon mehr ab-

einzubeziehen. Auf Wunsch des Versicherten sind Ange-

verlangt. Typischerweise sollte es sich um eine Pallia-

hörige und weitere Vertrauenspersonen zu beteiligen. Für

tivfachpflegekraft handeln, die hier berät (160 Stunden

90


sollte alles abgeschlossen sein) ein gutes Angebot für die

Weiterbildung). Aktuelles Wissen zu den rechtlichen Vorgaben ist nötig. Es wird eine zwei bis fünftägige Auffri-

Heimbewohner entsteht. Dieses ist jetzt schon Rechts-

schungsschulung vonnöten sein. Jede längere Weiterbil-

anspruch für sie und analog der Anfangsphase der SAPV

dungspflicht (sechswöchig oder sogar zweijährig) würde

in den Jahren 2009 und 2010 bereits jetzt im Einzelfall

mich als Anbieter von Weiterbildungen sehr freuen, wäre

„einforderbar“, ohne dass der Rahmenvertrag geschlossen

aber von den 13.000 Pflegeheimen und ihren Mitarbeitern

wäre.

quasi unmöglich umzusetzen. Dies sollte bekannt sein:

Prof. Dr. Jochen Becker-Ebel ist Theologe und Professor für Palliative Care und bildet mit seinem Team von 30

A) Patientenverfügungsgesetz gemäß §§ 1901/1904 BGB samt der aktuellen Auslegungen (siehe das BGH Urteil von 2010 und jüngst das BGH Az. XII ZB 61/16 vom 6. Juli 2016: „Patientenverfügungen müssen in der Reichweite und der Therapiezielreduzierung sehr konkret abgefasst sein, um gültig zu werden.

Palliativexperten Ärzte und Pflegende an über 20 Standorten zwischen Baden-Baden und Hamburg zu Palliativmedizinern/Palliativpflegenden aus: www.mediacion.de Er hat in Workshop 10 auf der Berliner Pflegekonferenz 2016 zu diesem Thema referiert. Sein Buch „Palliative Care in Pflegeheimen und –diensten. Wissen und Handeln für Pfle-

B) Die bestehenden Gesetze zur erlaubten und sogar gebotenen (palliativen) Therapiezieländerung sowie zur in Deutschland verbotenen Tötung auf Verlangen und zu anderem verbotenem Handeln sollten bekannt und aktuell sein. Auch Fragen zum in Deutschland nicht strafrechtlich verbotenen Suizid und deshalb auch zur nicht strafrechtlich verbietbaren Beihilfe zu diesem sollten bewusst sein. Dies gilt dann auch ferner zum neuen (verfassungsgerichtlich noch in Prüfung befindlichen) Strafgesetz § 217, das die Propagierung von Suizid und Beilhilfe unter Strafe stellt (Satz 1), die Angehörigen und Nahestehenden aber ausdrücklich von Strafe befreit

gekräfte“ erscheint in der fünften Auflage im Januar 2017.

(Satz 2). Endlich kommt die frühzeitige und vorausschauende Beratung von Versicherten optional in den ambulanten Bereich hinein, vorrangig über die Pflegeberatung. Und noch viel stärker und mehr erreicht diese Beratung samt Versorgungs- und Krisenplanung die Heimbewohner. § 37 b SGB V

Prof. Dr. Jochen Becker-Ebel + Geschäftsführer des Bildungsträgers MediAcion, Hamburg + www.mediacion.de

wurde durch die Kassen zu Ende Juni 2016 umgesetzt. Hoffen wir, dass nach Ablauf der intransparent geführten Verhandlungen zur Umsetzung (bis zum 31. Dezember 2016

VOLLZOGENE STERBEHILFE:

91

ERLAUBT/VERBOTEN


Ein selbstbestimmtes Leben erfordert Weitsicht und eine gezielte Vorsorge Allen Besuchern der Berliner Pflegekonferenz hatte spectrumK ein Angebot zu einer Patientenverfügung offeriert, die den Anforderungen des Bundesgerichtshofes (BGH) genügt. Mithilfe des Online-Serviceportals www.meinepatientenverfügung.de können fundierte Patientenverfügungen, inklusive Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung, einfach, individuell und sicher erstellt werden. Das Serviceportal nutzt interaktive Unterstützungsmöglichkeiten, führt den Nutzer schrittweise durch gezielte Fragestellungen und berücksichtigt dabei medizinische, juristische und ethische Aspekte. Warum dieses Thema so wichtig ist, besprechen wir mit Frau Gudrun Schaich-Walch, der ehemaligen parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit.

Frau Schaich–Walch, was verbindet Sie mit diesem Thema?

Vertrauenspersonen für die Überwachung und Durchsetzung bevollmächtigt werden. Richtig vorgesorgt, können das Recht auf Selbstbestimmung und ein, gemessen an

Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein verfassungsrecht-

den eigenen Wertevorstellungen, würdevolles Sterben

lich geschütztes Gut. Davon sollten möglichst alle Bürger

gewahrt werden. Angehörige können dabei vor quälenden

Gebrauch machen. Das ist oft leichter gesagt als getan.

Fragen und Entscheidungen geschützt werden.

Nachdem der Bundestag bereits im Jahr 2009 für den Be-

Die letzte Phase des Lebens wird gern verdrängt, dennoch steht sie aktuell im Fokus der öffentlichen und der gesundheitspolitischen Diskussion. Warum erhitzt die Diskussion über die Zulässigkeit der aktiven Sterbehilfe die Gemüter, obwohl bislang weniger als ein Drittel der Bürger die bestehenden Möglichkeiten zur Vorsorge und Wahrung der Selbstbestimmung nutzen?

reich der Gesundheitsversorgung und Betreuung einen rechtlichen Rahmen geschaffen hat, kann jeder Bürger auch in der letzten Phase des Lebens weitgehend selbstbestimmt leben und sterben. Jeder sollte dieses Recht in Anspruch nehmen und regeln, wo und in welchem Umfang er im Fall einer schweren Erkrankung und am Ende seines Lebens versorgt werden möchte.

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, sich mit einer Patientenverfügung zu beschäftigen?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da sie ein gesellJeder kann durch einen Unfall oder eine schwere Erkran-

schaftliches Dilemma beschreibt. Sicher kann eine Patien-

kung die Fähigkeit zur Willensbekundung verlieren. Im

tenverfügung in Verbindung mit den im neuen Hospiz- und

Ernstfall entscheiden nicht automatisch die nächsten

Palliativgesetz (HPG) geförderten Versorgungsmöglichkei-

Angehörigen.

ten auch in schwierigen Situationen viel Leid ersparen und

Für solche Situationen ist es wichtig, sich frühzeitig Ge-

ein würdevolles Sterben ermöglichen. Dennoch verbleibt

danken zu machen und den eigenen Willen schriftlich in

im Einzelfall sicher auch eine individuelle Relevanz als letz-

einer Patientenverfügung festzuhalten. Zudem können

tes Mittel.

92


Pf legepraxis

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich Gedanken über das Sterben zu machen? Wir schließen für alle möglichen Situationen und Ereignisse mehr oder weniger sinnvolle Versicherungen ab, und zwar bevor etwas passiert. Deshalb sollte man sich bereits in guten und gesunden Zeiten mit der letzten Phase des Lebens auseinandersetzen und entsprechend vorsorgen. Eine Patientenverfügung sollte dabei auch regelmäßig überprüft und an veränderte Wertevorstellungen und Lebensverhältnisse angepasst werden.

Wer sollte Ihrer Meinung nach eine Patientenverfügung erstellen? Auch junge Menschen können unvermittelt schwer erkranken oder durch einen Unfall aus dem Alltag gerissen werden. Mit steigendem Alter nehmen dann natürlich auch die Risiken zu. Die Vorsorge für solche Situationen ist natürlich auch eine Familienangelegenheit, da es nicht nur um einen selbst, sondern um Partner, Eltern und Großeltern geht und der Eintritt einer entsprechenden Situation unmittelbaren Einfluss auf die nächsten Angehörigen nimmt.

Auf was kommt es dabei an? Zunächst muss man willens und in der Lage sein, sich mit einer früher oder später eintretenden schwierigen und ggf. auch schmerzlichen Situation auseinanderzusetzen und dazu Entscheidungen zu treffen. Dabei ist es wichtig, sich ausreichend Zeit zu nehmen und sich differenziert mit den möglichen Situationen auseinanderzusetzen. Sicher haben viele Menschen im Endstadium einer tödlich verlaufenden schweren Erkrankung andere Bedürfnisse und Sorgen als beispielsweise nach einem schweren Unfall oder einer Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Letztendlich geht darum, sich auf der Grundlage der eigenen Wertevorstellungen bewusst zu machen, wo und in welchem Umfang relevante Maßnahmen im Bereich der Intensivmedizin und -pflege gewünscht bzw. abgelehnt werden. Auch die Haltung zur möglichen Organspende sollte dabei berücksichtigt und geregelt werden.

Benötige ich dann noch einen zusätzlichen Organspendeausweis? Grundsätzlich nicht, in einer Patientenverfügung kann die Bereitschaft zur Organspende verbindlich geregelt und auf Wunsch auch auf bestimmte Situationen und Organe begrenzt werden. In Verbindung mit einer Vorsorgevollmacht kann zudem eine Vertrauensperson die Anwendung der


Verfügungen überwachen, daher ist die Regelung der Organspende in einer Patientenverfügung besonders sicher. Sofern zusätzlich ein Organspendeausweis eingesetzt wird, ist auf diesem ein zusätzlicher Hinweis auf die Patientenverfügung sinnvoll.

Was ist das Besondere am Serviceangebot www.meinepatientenverfügung.de? Das Angebot der Deutschen Gesellschaft für Vorsorge nutzt die Möglichkeiten zur interaktiven Unterstützung des Anwenders. Dieser wird Schritt für Schritt durch alle relevanten Fragestellungen geführt und erhält dazu jeweils alle wichtigen Informationen. Medizinisch, juristisch und ethisch fundierte Verfügungsoptionen erleichtern die Beantwortung. Integrierte Hilfsfunktionen und Prüfroutinen helfen außerdem, Widersprüche zu vermeiden und Zweifeln bei der Auslegung vorzubeugen. Das Serviceangebot steht rund um die Uhr zur Verfügung und eignet sich daher gut, um diese komplexe Thematik in der gewohnten Umgebung und mit vertrauten Personen

Die Deutsche Gesellschaft für Vorsorge mbH

gemeinsam zu behandeln. Hierbei kann die Erstellung jederzeit unterbrochen werden, beispielsweise um nachzu-

ist ein Dienstleistungsunternehmen, das sich zur Aufgabe gemacht hat, mit

denken. Der Anwender kann sich die notwendige Zeit zur Meinungsbildung nehmen, ohne dabei dem ungewollten

Meine Patientenverfügung

Druck eines zeitlich begrenzten Beratungsgesprächs aus-

konsistente Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten Betreuungsverfügungen und Organspendewünsche preiswert zur Verfügung zu stellen. Damit soll der Wille des Patienten häufiger berücksichtigt werden.

gesetzt zu sein. Ein häufiges Problem, was der Anwendung einer Patientenverfügung im Wege steht, ist deren Verfügbarkeit und Aktualität. Der optional nutzbare Archivservice mit einer persönlichen Notfallkarte rundet deshalb das Servicean-

Nähere Infos unter www.meinepatientenverfügung.de.

gebot ideal ab und gewährleistet die sichere Verwahrung einer zusätzlichen Archivausfertigung sowie einen OnlineNotfallzugriff rund um die Uhr. Alle zwei Jahre erhalten Nutzer eine Erinnerung zur Überprüfung und Aktualisierung der Vorsorgedokumente, dadurch bleiben diese auf einem aktuellen Stand. Zusammenfassend glaube ich, dass mit diesem neuen Serviceangebot deutlich mehr Menschen in die Lage versetzt werden, sich hinreichend konkret und lösungsorientiert mit der zweifelsohne anspruchsvollen Thematik auseinanderzusetzen. Im Ergebnis können mehr Menschen auf der Grundlage fundierter Informationen vorsorgen und bis zum Tod weitgehend selbstbestimmt leben.

Gudrun Schaich-Walch war von 1990 bis 2005 Mitglied des Bundestages, von 2001 bis 2002 parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit und von 2002 bis 2005 gesundheitspolitische Sprecherin der SPD

94


Für eine Zeit voller Leben und Liebe. Auch wenn es nur fünf Monate sind.

iftung Björn Schulz St 6 Berlin Straße 38, 1315 ffol -W m Wilhel e lz-stiftung.d www.bjoern-schu

Wenn ein Kind schwer krank auf die Welt kommt und nicht lange zu leben hat, trifft dies die ganze Familie. Seit 20 Jahren kümmert sich die Björn Schulz Stiftung um Säuglinge und Familien mit diesem Schicksal: im Hospiz Sonnenhof und mit vielen ambulanten Angeboten. Helfen Sie uns, diesen Familien zu helfen.

irtschaft Bank für Sozialw Spendenkonto: 00 56 14 01 02 0500 00 IBAN: DE 34 10 R BE BIC: BFSWDE33


96


www.berliner-pflegekonferenz.de 97


Impressum

Herausgeber:

Bestellung online:

spectrumK GmbH

www.die-pflegewelt.com bestellung@die-pflegewelt.com

Postadresse: Spittelmarkt 12

OrganisationsbĂźro der

10117 Berlin

Berliner Pflegekonferenz: Telefon: 030/ 21 23 36 152

Telefon: 030/ 21 23 36 0

Fax: 030/ 21 23 36 39 157

Fax: 030/ 21 23 36 499

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Gestaltung : Chris Zibell und Michael Tuszynski

Verantwortliche Redaktion: Yves Rawiel (V.i.S.d.P.)

Ansprechpartner:

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Antje Kendziorra

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Antje.Kendziorra@spectrumk.de

Antje Kendziorra Nico Laubisch Markus Lauter Juliane Maneke Dr. Rohland Schuknecht Fotos: Phil Dera Michael Setzpfand

Redaktionsschluss: 15.12.2016

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ISSN 2366-3502

98


Ma r i e S i mo n Pflege preis 2017 Wir suchen die besten und innovativsten Pflegeprojekte – bundesweit! Prämierungswürdig sind für uns Projekte, die mit neuen Ideen und zielgerichtetem Vorgehen die Versorgung und damit die Lebensqualität von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nachhaltig verbessern. Machen Sie mit und überzeugen Sie uns mit Ihren Vorschlägen von besonders gelungenen Projekten zur Gestaltung der Pflege in städtischen und ländlichen Regionen. Dabei freuen wir uns auch sehr über die Einreichung von bereits erprobten Konzepten in der Pflege als Wettbewerbsbeitrag. Bewerbungsschluss: 30. Juni 2017

Preisträger

2016 Wege aus der Einsamkeit e.V.

Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.marie-simon-pflegepreis.de


Pflegewelt – Ausgabe 02/2017  

Die Pflege der Zukunft | Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff | Das Pflegeversicherungssystem in Japan

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