Spectrum Notes 24. Juni 2021

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33. Saison 2021 Frank S. Dodge Gründer und Künstlerischer Leiter

IV. Saisonkonzert der 33. Saison Donnerstag, 24. Juni 2021

Philharmonie/Kammermusiksaal 20 Uhr Konzert

MITGLIEDER DES ENSEMBLES SPECTRUM CONCERTS BERLIN

BORIS BROVTSYN Violine CLARA-JUMI KANG Violine MAXIM RYSANOV Viola GARETH LUBBE Viola JENS PETER MAINTZ Violoncello

er dabei als Experimentierfeld. Wie hoch soll ihr Anspruch im Vergleich zu den Ecksätzen veranschlagt werden? Bilden sie eine Passage, in der »der Geist ein wenig zur Ruhe kommt« (Clara Schumann), oder bauen sie sich zu einer dritten Kraft auf? Wirken sie als differenzierte Einheit zusammen oder als scharfer Kontrast gegeneinander? Gehören sie zusammen oder lehnen sie sich eher – als Vorspiel oder Nachsinnen – an einen der Ecksätze an? In Opus 88 scheint Brahms diese Fragen zu meiden, indem er nur einen Satz komponierte. Doch der ist aus zweien zusammengesteckt, aus einem langsamen Stück und einem stilisierten Tanz, Formmodell: A-B’A’-B-A”. A und seine Varianten stehen für den langsamen Satz, B für den Tanz. Für beide griff er auf Stücke aus der Krisenphase der 1850er-Jahre zurück. Die Sarabande und Gavotte, zunächst als Studien gedacht, spielte er erstmals am 14. November 1855 in einem Konzert, das er gemeinsam mit Clara Schumann und Joseph Joachim in Danzig gab; danach standen die Stücke öfter auf seinen und Claras Programmen. Zum A-Teil des mittleren Quintettsatzes zog er 1882 die langsame Sarabande heran, für Teil B verwendete er einen Teil der Gavotte. Für die hörende Erkenntnis wartet das Mittelstück von Opus 88 mit einer ziemlich komplexen Struktur auf. Die Bedeutung, die es dadurch erhält, wird durch seine Länge noch unterstrichen, die dem ersten Satz fast gleichkommt.

JOHANNES BRAHMS (1833 – 1897)

Streichquintett Nr. 1 F-Dur op. 88 (1882) Allegro non troppo ma con brio Grave ed appassionato – Allegretto vivace-Tempo I – Presto-Tempo I Allegro energico – Presto

Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111 (1890) Allegro non troppo, ma con brio Adagio Allegretto Allegro assai Programmänderungen vorbehalten

Streichquintett Nr. 1 F-Dur op. 88

Im ersten Quintett vereint Brahms zwei typische Züge seines Musikdenkens in einer Art, die so nur selten anzutreffen ist: Den integrierenden Blick zurück und das Streben nach neuen musikalischen Lösungen. Der erste Satz weist mit seinem lyrischen Grundzug, seinen liedhaften Themen und den Strategien ihrer Durchführungen auf Felix Mendelssohn hin. Die Beziehung zwischen den beiden gebürtigen Hamburgern reicht tiefer, als man gemeinhin annimmt. Gestik und fugenartiger Aufbau des Finales erinnern an den Schlusssatz in Beethovens Streichquartett op. 59 Nr. 3 und an Schumanns Klavierquartett op. 47, beides Versuche, die Bach'sche Fugentechnik mit der Idee der klassischen Sonate zu verschmelzen. Zwischendurch blitzen Andeutungen an Mendelssohns Oktett auf.

Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem Mittelstück. In der Korrespondenz mit seinem Verleger betonte Brahms, dass das Werk nur aus drei Sätzen bestehe – sonst wählte er auch für Kammermusik deren vier. Die inneren betrachtete

In diesem dringt Brahms auf Konzentration, beschäftigt sich dort, wo Themen eigentlich durchführend erörtert werden, fast novellistisch nonchalant mit Nebengedanken, aus denen dann die emphatische Wiederkehr der Hauptthemen durch Steigerung vorbereitet wird. Darin und in den ebenmäßigen Proportionen ist er Mendelssohns Klassizismus nahe. Als Finale schafft er in gedrängter Form eine meisterhafte Synthese von Fuge und Sonate. Erstere wird in der Regel aus einem Thema entfaltet, letztere erhält ihr Profil aus dem Dualismus musikalischer Gedanken. Brahms löst den Widerspruch produktiv, indem er zunächst die Fuge mit einem schnellen, perpetuum-mobileartigen Thema exponiert, nach einiger Zeit aber eine ruhig ausschwingende Melodie darüberlegt, so dass die raschen Figurationen als Begleitung wirken. Die pure Fuge fungiert als erstes, ihre Überstimme als zweites Thema. Die Art der Verbindung und der Unterscheidung beider bedingt schließlich eine Form, bei der die Abschnitte der Sonatenstruktur (Exposition der Themen, ihre Durchführung, ihre intakte Reprise und Ausklang) teleskopartig zusammengedrängt werden. Manche monierten die Kürze des Satzes als Ungleichgewicht gegenüber den vorhergehenden. Zu Unrecht, denn er soll nicht durch epische Ausbreitung, sondern durch Intensität und Dichte der Gedankenvernetzung wirken. Die Blicke zurück – die deutlichen Bezüge zu Bach, Beethoven, Mendelssohn und Schumann ebenso wie die Selbstreferenzen – integrierte Brahms in ein Werk, das den klassischen Anspruch historischer Einzigartigkeit vollendet einlöst und rein in sich, auch ohne Kenntnis der externen Verbindungen, Überzeugungskraft besitzt. Die Betrachtung der Geschichte formt sich um in Neues.

An diesem Abend wird das Streichquintett op. 88 von Johannes Brahms zum ersten Mal in einem Programm von Spectrum Concerts Berlin aufgeführt.

Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111

Johannes Brahms’ Zweites Streichquintett ist ein Spätwerk. Nachdem er 1885 seine letzte Symphonie geschrieben und an

33. Saison 2021 SPECTRUM NOTES 24. Juni 2021 – Ausgabe 3


Orchesterwerken nur noch das Doppelkonzert als Versöhnungsgeschenk an den Freund Joseph Joachim nachgereicht hatte, wollte er 1890 mit dem G-Dur-Quintett auch die Reihe seiner Kammermusik beenden und sich dann nur noch »Aufräumarbeiten« widmen: Skizzen sichten, Angefangenes vollenden, Unveröffentlichtes zum Druck vorbereiten, das frühe H-Dur-Trio revidieren. Hätte er in Meiningen nicht die nähere Bekanntschaft des Klarinettisten Richard Mühlfeld geschlossen, wäre es wohl auch bei diesem Vorsatz geblieben. Doch der Virtuose mit dem gesanglichen Ton inspirierte ihn noch zu zwei Sonaten, einem Trio und dem bekannten Klarinettenquintett.

Brahms interessierten Gegensätze, die so eng ineinander verwoben sind, dass man sie nicht auseinanderdividieren kann. So auch in diesem Quintett. Das Instrumentarium ist gegenüber dem Streichquartett um eine Bratsche erweitert. Im musikalischen Satz wird die Tenorlage verstärkt, das macht den Klang zugleich voller und dunkler. Brahms, der sich um die Verbreitung der Schubertschen Werke sehr verdient machte, wusste, was jener mit seinem Streichquintett bezweckte: Er wollte mit dieser Kammermusik neues Terrain für eine Symphonie sondieren. Aber Brahms verdoppelte nicht, wie Schubert, den Cellopart, sondern die Bratsche und wählte damit eine Besetzung, wie man sie zu Mozarts Zeit gern für Divertimenti, eine Art der Serenaden, verwandte. Damit schlug er den Bogen zurück zu eigenen frühen Werken: Mit einer Serenade hatte er die Reihe seiner Orchesterwerke begonnen; sie stellte trotz des Titels symphonische Ansprüche. Im zweiten Werk dieses Genres verzichtete er auf die Geigen im Orchester und verlieh diesem dadurch einen gedeckten Klang. Auch daran mag sein Quintett, wie entfernt auch immer, erinnern.

Hier Symphonie als Fernziel, dort verständige musikalische Unterhaltung als Hintergrund: Beide Bezugspunkte erhalten in Opus 111 ihr Recht. Im Kopfsatz fordert Brahms die klanglichen Möglichkeiten des Ensembles bis an die Grenzen. Das Stück ist auf Expansion, auf Weite angelegt, es rückt den Horizont des Symphonischen in den Bereich des Erwünschten. Energisch greift das Motiv aus, mit dem das Violoncello den Start des Werkes anführt, aber das tiefste der fünf Instrumente hat Schwierigkeiten, sich gegen das kräftige Klangfeld der anderen Beteiligten durchzusetzen. Die resoluten Bewegungen fächern sich in einen vielfach »verzahnten thematischen Komplex« (Mathias Hansen) von drängendem Charakter auf. Der Seitengedanke, das zweite Thema, übernimmt nicht die Funktion eines Gegenpols, sondern einer Passage, in der sich die Ereignisse für kurze Zeit beruhigen.

Im langsamen Satz, einer vorwiegend melancholischen Romanze, lässt Brahms seine Liebe zum gedämpften Licht der klanglichen Mittellagen ausmusizieren. Am melodischen Geschehen hat die erste Bratsche wesentlichen Anteil. Der dritte Satz offenbart mehr als die zeittypische Reverenz gegenüber dem Volkston und dem Volkstümlichen; er bietet ein Kaleidoskop stilisierter Tänze. Mit Tanzmusik verdiente der jugendliche Brahms Geld für die Familie, mit ›Ungarischen Tänzen‹ erzielte er Breitenwirkung. Der dritte Satz des Quintetts ist eine kleine Revue der Erinnerung, Memoiren in Noten. – Das Finale aber spielt mit der Leichtigkeit, die man Serenaden nachsagt. Es sucht nicht die

große Zusammenfassung, den Appell aller wesentlichen Gedanken. Das widerspräche dem Sinn des Stücks. Denn Brahms zog darin nicht Bilanz, indem er konzentrierte und überhöhte, was er bis dahin geleistet hatte. Er trat gleichsam einen Schritt zurück und kommentierte sein Œuvre aus freundlicher Distanz. Sein G-Dur-Quintett verwirklicht ein Stück dessen, was man Gustav Mahlers G-Dur-Symphonie nach-sagt: eine musikalische Welt des »Als ob«.

Habakuk Traber (Mai 2016)

Das Streichquintett op. 111 von Johannes Brahms steht heute Abend zum dritten Mal auf dem Programm von Spectrum Concerts Berlin. Zuvor wurde es bereits am 24. Juni 2009 und 13. Mai 2016 aufgeführt.

33. Saison 2021

Die nächsten Konzerte der 33. Saison

V.

Donnerstag, 23. September 2021 Philharmonie/Kammermusiksaal 20 Uhr Konzert

BORIS BROVTSYN Violine ALEXANDER SITKOVETSKY Violine TORLEIF THEDÉEN Violoncello THORSTEN JOHANNS Klarinette JACOB KATSNELSON Klavier

Ursula Mamlok Confluences für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier

Maurice Ravel Trio für Violine, Violoncello und Klavier a-Moll

Olivier Messiaen Quatuor pour la fin du temps für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier

Bitte informieren Sie sich auf unserer Website über den Kartenkauf für diese beiden Konzerte: www.spectrumconcerts.com

VI.

Dienstag, 30. November 2021 Philharmonie/Kammermusiksaal 20 Uhr Konzert

BORIS BROVTSYN Violine ALEXANDER SITKOVETSKY Violine MAXIM RYSANOV Viola GARETH LUBBE Viola JENS PETER MAINTZ Violoncello TORLEIF THEDÉEN Violoncello

JOHANNES BRAHMS Quintett für Klarinette (Viola), zwei Violinen, Viola und Violoncello h-Moll op. 115

FRANZ SCHUBERT Quintett für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli C-Dur D 956, op. Post. 163

33. Saison 2021 SPECTRUM NOTES 24. Juni 2021 – Ausgabe 3


SHALL WE DANCE

CD-Veröffentlichung 2022

Spectrum Concerts Berlin 1988-2019 19,80 €

Kammermusik von Sergej Tanejew

In Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk Kultur wurden das Streichtrio op. 31 und das Klavierquartett op. 20 von Sergej Tanejew als 17. CD-Veröffentlichung bei Naxos produziert. Unmittelbar nach dem Konzert/Stream am 20. April 2021 wurden die Werke im Saal 3 im Haus des Rundfunks aufgenommen. Es spielten Boris Brovtsyn, Gareth Lubbe, Alexey Stadler und Eldar Nebolsin. (Veröffentlichung 2022)

HABAKUK TRABER • ISABEL HERZFELD • JOHN HARRIS BECK

Korngold-Projekt

CD I: Klaviertrio op. 1 & Streichsextett op. 10 CD II: Suite op. 23 & Klavierquintett op. 15

BORIS BROVTSYN, CLARA-JUMI KANG Violine GARETH LUBBE, YURA LEE Viola JENS PETER MAINTZ, TORLEIF THEDÉEN Violoncello ELDAR NEBOLSIN Klavier

Drei Jahrzehnte Spectrum-Geschichte in einem handlichen Buch mit informativen Bildern.

Drei Jahrzehnte Engagement für Kammermusik.

Drei Jahrzehnte Brückenschlag Berlin – USA, aber auch zwischen den oft unversöhnten Regionen Europas. Ein Plädoyer für die Würde der Kunst.

Shall We Dance kann direkt über Spectrum Concerts Berlin bestellt werden. Teilen Sie uns bitte Ihre Bestellwünsche per E-Mail mit. Wir senden Ihnen Shall We Dance per Post mit Ihrer Rechnung. (Versandkosten: 2,50 €)

info@spectrumconcerts.com

Bestellungen bitte an: info@spectrumconcerts.com. Wir senden Ihnen Ihre CDs mit Rechnung zu. Je 10,00 € zuzüglich MwSt. und 2,50 € Versandkosten.

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Momente aus der jüngsten Vergangenheit

Eldar Nebolsin, Gareth Lubbe, Alexey Stadler und Boris Brovstyn. Aufnahme des Klavierquartetts von Sergej Tanejew am 22. und 23. Mai 2021 im Saal 3, Haus des Rundfunks.

Clara-Jumi Kang, Eldar Nebolsin und Jens Peter Maintz spielten am 21. Januar 2021 die beiden Klaviertrios von Dmitri Schostakowitsch. Das Konzert wurde in Zusammenarbeit mit Naxos und Deutschlandfunk Kultur live aus der Jesus-Christus-Kirche über takt1 gesendet und am 7. Februar 2021 bei Deutschlandfunk Kultur gesendet.

Boris Brovtsyn, Eldar Nebolsin und Radovan Vlatković am 21. Mai 2021 im Saal 3. Aufnahme für die Sendung „In Concert“ am 23. Mai. Fotos: Adil Razali

Vorbereitungen für das Konzert/Stream am 20. April 2021 in der Trafohalle des Metahauses Berlin. Das Abschlusskonzert der 32. Saison am 26. November 2020 wurde auch in der Trafohalle aufgenommen und über Takt1 gestreamt.

Thank You

Druckhaus Sportflieger Dwight & Ursula Mamlok-Stiftung, Förderkreis Spectrum Concerts Berlin e.V., Maritim proArte Hotel Berlin, Metahaus Berlin, Naxos, Siemens Arts Program

Boris Brovtsyn, Eldar Nebolsin, Gareth Lubbe und Alexey Stadler. Momente vor der 20-Uhr-Übertragung des Sergej Tanejew Programms am 20. April 2021. Die Beziehung zwischen MetaDesign und Spectrum Concerts reicht bis ins Jahr 1995 zurück. Während der Pandemie wurde das MetaHaus für die Streams und Proben von Spectrum zur Verfügung gestellt. Wie ein zweites Zuhause während der unruhigen Zeiten.

Eisenacher Strasse 53, 10823 Berlin www.spectrumconcerts.com info@spectrumconcerts.com

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