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I Soziale Netzwerke

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SASCHA AOAMEK

Die Facebook-Falle Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft

ass ich mich überhaupt für Facebook zu inter­ essieren begann, hatte damit zu tun, dass Face­ book sich im Dezember 2009 plötzlich für mich interessierte. Damals fand ich in meinem E-Mail­ Konto zwei Einladungen vor, im Namen zweier Freunde abgesendet von Face­ book. Es waren Freunde aus meinem re­ alen Leben - daher nahm ich an, dass sie hinter den Einladungen steckten.

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Als irgendwann ein dritter Freund hinzukam, rief ich die Leute an und sag­ te ihnen, dass ich gern ihr Freund sei, aber nicht auf Facebook. Die Serie der Einladungen riss trotzdem nicht ab. Ir­ gendwann stand unter einer dieser E­ Mails der Satz: "Weitere Personen auf Facebook, die du vielleicht kennst." Die Sache wurde mir allmählich unheimlich. Denn dort tauchten wieder die Freunde auf, die mich bereits erfolglos eingeladen hatten, sowie ein Professor Heinz G., an den ich mich nur noch dunkel erinnern konnte. Der Professor hatte einige Jahre zuvor versucht, mich per E-Mail zu einem Fernsehbeitrag zu animieren - ein beruf­ licher Kontakt, der bereits nach wenigen Wochen wieder abriss. Und davon wusste Facebook offenbar. Wie war das möglich? Ich rief Heinz G. an und fragte ihn, wie er dazu komme, Facebook meine E-Mail­ Adresse mitzuteilen. Schweigen am ande­ ren Ende der Leitung. Mein Gegenüber hatte nicht den blassesten Schimmer, was ich von ihm wollte. Als ich ihm die Sach­ lage schilderte, räumte er kleinlaut ein, dass sein Sohn für ihn die Facebook-Seite betreue und er selbst nicht viel damit zu schaffen habe. Dass sein Sohn jedoch mei­ ne Kontaktdaten an Facebook weitergelei­ tet habe, könne er sich nicht vorstellen. 34

1 Die Facebook-Falle

Mit der Zeit erfuhr ich, dass Face­ book vielen Leuten solche merkwürdigen Einladungen schickt, und so beschloss ich, mich intensiver mit diesem "sozia­ len" Netzwerk zu beschäftigen und der Frage nachzugehen, warum sich das US­ Unternehmen so eifrig in unserer Privat­ sphäre zu schaffen macht. Aber wie stellt es das an? Die Antwort hat viel mit der Legende als "Freundesnetzwerk" zu tun, mit der sich dieser mittlerweile auf mehr als 50 Milliarden US-Dollar geschätz­ te Kommunikationskonzern erfolgreich versieht. Was früher noch alternativ und jugendlich angehaucht war, gehöre heute einfach dazu. So hat Facebook eine sim­ ple Funktion, zu der es uns permanent einlädt: "Durchsuchen deines E-Mail­ Kontos ist der schnellste Weg, um deine Freunde auf Facebook zu finden," Es folgt die Aufforderung: "E-Mail-Passwort ein­ geben", Damit gemeint ist das Passwort unseres gewöhnlichen, E-Mail-Kontos und damit eigentlich ein Tabu für jeden Internernutzer, denn seien wir ehrlich, das E-Mail-Passwort überlassen wir nicht

Hintergrund

einmal unseren Lebenspartnern. Bei Face­ book tun das Millionen, und der Konzern verspricht treuherzig: "Wir werden dein Passwort nach dem Import der Informa­ tionen deiner Freunde nicht speichern," Nachdem wir also das getan haben, er­ möglichen wir Facebook, einen tiefen Blick in unsere Adressbücher zu werfen, samt aller sonstigen Aufzeichnungen wie Geburrsdaten, Postadressen oder NOtizen zu dieser Person. Namen lind E-Mail­ Adressen beschafft sich Facebook auf die­ se Weise, um dann in unserem Namen an diese Nicht-Mitglieder heranzutreten. Ich nenne das aggressive Werbung - deutsche Datenschürzer nennen das rechtswidrig, denn auf diese Weise gelangt Facebook an die Daten von Menschen, die vielleicht nie im Leben etwas mit dem Netzwerk zu tun haben wollen, und das, ohne dass die­ se etwas davon ahnen, geschweige denn um ihr Einverständnis gefragt wurden. Der technische Vorgang dieser gigan­ tischen Datenübertragung an ein Unter­ nehmen mit Sitz in Pa 10 Alm, Kalifornien, hat mich neugierig gemacht. Im Institut 2. Quartal 2011


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für Internersicherheit der Fachhochschule Gelsenkirchen sagte man uns Unterstüt­ zung zu. Ein brisanter Test entlarvt eine Si­ cherheitslücke. Dazu bauten die Informa­ tiker Marco Smiatek und Malte Woelky eine Versuchsanlage, in der sie den Daten­ abfluss aus dem iPhone genauestens kon­ trollieren konnten. Zunächst meldeten sie eine fiktive E-Mail-Adresse an, samt gehei­ mem Passwort, mit dem wir den Zugang zu unseren E-Mails gegen andere schützen können. Dann gaben sie erfundene Daten in das fiktive Adressbuch ein, Daten von Freunden, die keine Facebook-Mitglieder waren. Einen Freund nannten wir Max Mustermann, dessen Freundin Paula Ir­ gendwas. Zu Max Mustermann notierten wir außerdem: "Sucht neuen Arbeitgebel'. Abwerben möglich. Ist sehr geschwätzig." Und nebenbei gaben wir noch weitere Kontakte intimerer Art ein: "Sexy Schnit­ te", mit einer erfundenen Mobilnummer. Die Experten luden nun die Kontaktda­ ten 1.1.1 Facebook hoch. Eigentlich müssen diese Daten in dem Moment, wo sie un­ ere Quelldateien verlassen, samt PasSWOrt verschlüsselt und damit unsichtbar für . ußenstehende werden. Dann fingen die lnformatiker die gesendeten Daten ab, um zu sehen, ob sie tatsächlich verschi üsselt ': rden waren. Zuerst probierten sie es mit cinem einfachen Kodierungs- bzw. Deko­ 'tIungsprogramm, Base-64, das zum Beispiel der technischen Umformatierung E-Mail-Anhängen dient. Ein einfaches _rogranun, das jeder kostenlos im Inter­ : herunterladen kann, wenn er es nich t U auf seinem Rechner hat. Mithilfe Programms versuchten sie nun, die

Daten sichtbar zu machen. Das Ergebnis war ebenso erstaunlich wie niederschmet­ ternd. Das Programm spuckte die einge­ gebenen Daten eins zu eins wieder aus. In den Datenströmen fanden sich sämtliche Details aus dem Adressbuch wieder: nicht nur E-Mail-Adresse, Telefonnummer und Name von Max Mustermanns Freundin Irgendwas, sondern auch der Vermerk über seine Geschwätzigkeit und die Su­ che nach einem neuen Arbeitgeber. Und natürlich auch die "Sexy Schnitte" samt lesbarer Mobilnummer. Wer seine Kon­ takrdaten an Facebook hochlädt, übergibt dem Nerzwerk damit sämtliche vertrau­ lichen Informationen aus seinen Adress­ und Kontaktdateien. Der Test der beiden Informatiker förderte zugleich ein weiteres für Facebook nicht gerade schmeichelhaf­ tes Ergebnis zutage. Während Facebook in seinen Datenschutzrichrlinien verspricht: "Wenn du vertrauliche Daten, wie z.B. Kreditkartennummern und Passwörter, eingibst, werden diese Informationen mit­ hilfe der SSL-Technologie (Secure Socket Layer) von uns verschlüsselt", schüttelten die Informatiker ungläubig den Kopf, als es ihnen mit dem einfachen Base-64-Pro­ gramm nicht nur gelang, alle übertragenen Daten, sondern sogar das E--Mail-Passwort - für jeden Internetnutzer ein kleines Hei­ ligtum - wieder lesbar zu machen. Von der zugesicherten Verschlüsselung kann also keine Rede sein. "Wir gehen davon aus, dass die Ent­ wickler bei der Online-Einführung des Dienstes die SSL-Verschlüsselung einfach vergessen haben", sagte Malte Woelky. Die Sicherheitslücke betraf die gesamte Funktion "Freundes­ suche", unabhängig Die beliebtesten sozialen Netzwerke davon, ob wir die Da­ _ angemeldet ~ [:';;>, fnlerr:e:nu:zer In % aktiv' ten aus dem iPhone, Facebook r - - - - - - - - - - - - - . . 4 2 ".. .--............ 47 über Outlook, über .... 1;;:

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E-Mail-Portale wie WEB.DE oder jeden anderen E-Mail-Provider auslesen ließen. Über diesen Skandal berichtete ich gemein­ sam mit meiner Kol­ legin Monika. Wage­ ner im Mai 2010 im Mo­ ARD-Magazin nitor. Der Facebook-

Hintergrund

Konzern reagierte unmittelbar nach der Sendung auf die Veröffentlichung des Tests und schloss die Sicherheitslücke noch in derselben Nacht. Das allerdings, so habe ich es während der Recherchen zu meinem Buch erfahren, gehört zu den Grundstrategien dieses Konzerns. Erst auf öffentliche Kritik wird reagiert - manch­ mal entschuldigt sich der Facebook­ Gründer und Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg öffentlich, um dann trotzdem die gleichen Wege weiterzuverfolgen. Sicherlich ist Facebook auf den ersten Blick sehr nutzerfreundlich, sprich: ein­ fach bedienbar. Doch genau darin liegt häufig die Tücke. So sucht Facebook zwar potenzietl verloren gegangene "Freunde" für uns, im Grunde dient es aber seiner eigenen Expansion. Eine Strategie, die aufgeht, denn längst marschiert das Netz­ werk auf die Marke von weltweit 600 Millionen Mitgliedern zu - wäre Face­ book ein Land, wäre es das drittgrößte dieser Erde. Und bei dieser Expansion gehört es dazu, dass der Konzern auch die Daten von Nicht-Nutzern ins Visier nimmt. Sollte sich unter den Leserinnen und Lesern des Hinterg1'Und auch der eine oder andere einmal auf die Seiten von Bild.de verirren, so sollte er sich darüber im Klaren sein, dass auch Nicht-Mitglie­ der von Facebook auf diesem Wege von Facebook ins Visier genommen werden können. Dieser Trick führt über einen kleinen Knopf, den neben Bild.eIe meh­ rere Hunderttausend Partnerseiten von Facebook integriert haben. Er zeigt einen kleinen weißen, nach oben gerichteten Daumen und darunter steht "Gefällt mir" oder "Empfehlen". Es handelt sich um eine Kernidee von Facebook - denn hier können Facebook-Mitglieder direkt ihr Gefallen äußern -, das wiederum meldet das System auf den Seiten ihrer Freun­ de, die nun wissen, dass mir dieser oder jener Bericht "gefallen" hat, dieses oder jenes Produkt, ein Song, ein Film oder ausnahmsweise eine Facebook-Seite eines Politikers. Auf diese Weise werben wir "unter Freunden", was natürlich für wir­ kungsvoller gehalten wird, als wildfremde Werbungen. Denn seien wir ehrlich: Gibt es eine glaubwürdigere Werbung als die durch unsere Freunde? Diese Strategie heißt im Werberjargon "Empfehlungs­ Die Facebook-Falle

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Facebook-Datenzentrum ..

marketing". Nun gut, sollte man den­ ken, das kann man ja mitmachen oder es bleiben lassen, und bedienen kann diesen Knopf auch nur, wer Facebook-Mitglied ist. Allerdings können mit diesem But­ tOn noch andere Funktionen verbunden sein, von denen Nicht-Mitglieder von Facebook auch nicht das Geringste ah­ nen. Das führte mir bei einem Besuch der Datenschutzbehörde von Schleswig­ Holstein die Informatikerin Marit Han­ sen vor. Sie will mir etwas zeigen, das vor allem Nicht-Mitglieder von Facebook betrifft. Sie hat an ihrem PC keinen Face­ book-Account. Sie ruft einfach die Seite von Bild.de auf. Anschließend überprüft sie, ob Cookies auf ihren PC herunterge­ laden wurden, und ist überrascht: Schon bei einem einfachen Klick auf die Bild.de­ Seite platzien Facebook zwei Cookies auf ihrer Festplatte, ohne dass sie zuvor den Empfehlungsbutton angeklickt hätte. Cooldes sind weit verbreitet in der Netz­ welt. Wenn ich eine \Vebsite aufrufe, nis­ ten sich diese Miniprogramme in meinem PC ein. Sie melden dann jeden meiner weiteren Besuche auf der Website dem Absender. Bei den Cookies, die Marit Hansen identifizierte, handelt es sich um sogenannte persistente Cookies, die für längere Zeit - in diesem Fall zwei Jahre ­ auf der Festplarre bleiben. Für Facebook s,ind sie Gold wert, denn sie markieren Benutzer eindeutig und ermöglichen eine Wiedererkennung. Im Fall von Facebook sind die Cookies aber noch wirksamer, denn wenn ich auf eine andere mit Fa­

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cebook verbundene Seite klicke, erfähn das Facebook ebenfalls. "Facebook kann über zwei Jahre sehen, wo ich mich im Netz aufhalte, auf welcher Webseite ich aktiv bin", resümiert Marit Hansen. Bei vielen Internetdiensten verlängert sich der Aufenthalt der Cooldes mittlerweile bei jedem neuen Aufruf innerhalb der Zwei-Jahres-Frist um wei­ tere zwei Jahre. Allerdings können Google, Amazon und Co. das Netzver­ halten nur anonymen IP-Adressen zuordnen. Sie wissen nicht, wer vor dem PC sitzt. So ist es zwar auch bei Facebook, aber nur solange man dort nicht angemeldet ist. Holt man dies eines Tages nach, hat Facebook bereits jahrelang das eige­ ... in Oregon / USA ne Netzverhalten ausspä­ hen können: "Facebook weiß dann unter Umständen mehr über mich, als ich selbst noch in Erinnerung habe", sagt Marit Hansen. "Es entsteht ein umfassendes Psycho- und Sozialprofil." Auf meine wnfassende Anfrage bei Facebook antwortet Facebook mit einem Satz: "Unseres Wissens werden die IP­ Adressen von Nicht-Nutzern nicht über die Social Plugins von Facebook gespei­ chert." Ausführlich dagegen antwortet mir die deutsche Facebook-Partner-Web­ site Bild.de. Tobias Fröhlich, Sprecher von Bild.de, schreibt, die Kommentarfunktion

Hintergrund

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des "Gefällt-mir"- bzw. "Empfehlen"­ ButtOns biete Bildde-Lesern "einen inter­ essanten Zusatznutzen". Zu der Tatsache, dass Facebook die Website von Bild.de nutzt, um Millionen von Menschen zu verfolgen, die gar nicht bei Facebook an­ gemeldet sind, meinte Fröhlich: "Bild de hat Facebook das Setzen von Cookies bei Nicht-Facebook-Mitgliedern nicht ge­ stattet. Bild.de bekommt über Facebook­ Cookies keine Rückmeldungen über das Nutzerverhalten von Nicht-Facebook­ Mitgliedern. Es ist auch nicht im Interes­ se von Bild.de, Nutzer-Daten über Face­ book-Cookies zu sammeln." Offenbar hält Facebook selbst seine Partner nicht unbedingt auf dem Laufenden darüber, auf welche Weise Facebook die Daten von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern dieses sozialen Netzwerkes abgreift. Und erst recht nicht deutsche Datenschutz­ behörden, die das von Facebook wissen wollen. Aufgrund von Beschwerden von Nicht-Facebook-Mitgliedern über die merlcwürcügen Facebook-Einladungen schrieb der Datenschutzbeauftragte des

Landes Schleswig-Holstein, Thilo Wei­ chen, einen Brief an den angeblichen Datenschutzbeauftragten von Facebook, Chüs Kelly, in Palo Alto. Weichert berief sich auf Beschwerden von Bürgern, die sich fragten, wie ihre E-Mail-Adressen in die Datenserver von Facebook gelangt wa­ ren. Weichert wollte wissen, wie Face'book Daten von Nicl1t-Mitgliedern speichert und für welchen Zweck. Und ob Facebook das Netzverhalten von Nutzern verfolgt, um bei ihnen gezielte Werbung platzieren zu können. Ob das Unternehmen Da­ ten an Dritte weitergebe. Thilo Weichert 2. Quartal 2011


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Jugend im Netz: Chatten, Mailen, Musik hören 3.:-

w'Drirl;gen 12- bis 19-Jahnge taglichO 136 Minuten im Internet. Dafür nutzen sie ihre OnJine-Zeit

Onlme-Communiües Instant Messenger InformatIons­ suche

Kommunikation

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Emails empfangen/schicken

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Musik am Computer horen

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Suoomaschinen Wikipedia Fragen aus dem Alllag recherchieren Newsgroups lesen

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38%

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setzte Facebook in seinem Brief eine ein­ monatige Frist zur Beantwonung seiner Anfrage, nach deren Ablauf er sich "wei­ tere Schritte" vorbehielt. Nach mehreren Ermahnungen erhielt er schließlich drei Monate später von dem neuen Facebook­ "Datenschutzbeauftragten" Richard Allan aus London eine Antwort auf seine Anfra­ ge. Allerdings handelt es sich bei Allan in Wahrheit um einen ehemaligen britischen EU-Abgeordneten, der seit dem Sommer 2009 Chef-Lobbyist von Facebook für Eu­ ropa ist. Allans Antwort an Weichen fiel alles andere als zufriedenstellend aus. So fordene er den deutschen Datenschützer gleich zu Beginn auf, ihm die Beschwer­ defälle zu nennen, damit er einschätzen könne, ob sich die Fälle erledigt hätten oder ob es erforderlich sei, "sie direkt zu kontaktieren". Von einer staatlichen Da­ tenschutzbehörde zu verlangen, Daten von Beschwerdeführern an Facebook wei­ terzuleiten, offenbart, gelinde gesagt, ein sehr laxes Verständnis von Datenschutz. Richard Allan bestritt übrigens in dem Schreiben, dass Facebook Daten von Nicht-Nurzern sammle. Vielmehr er­ mögliche das Netzwerk, wie viele andere Internetdienste auch, seinen Nurzern le­ diglich, Kontakt-Informationen Dritter hochzuladen. Mit dieser Interpretation bewegt sich Facebook auf einem erstaun­ lichen argumentativen Niveau: Wir Nut­ zer selbst sind es, die die Daten hochla­ den, und wir tun es "purely volumarily" - absolut freiwillig. Wir tun es zwar über die Server von Facebook und angeleitet von Facebook, aber Facebook ist nach dieser Logik im Prinzip gar kein eigener 2.

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ganz persönlichen Bedürfnissen. Wir wol­ len nicht allein sein, und ein Netzwerk wie Facebook bietet auch dem Einsamen eine Gemeinsamkeit. Die Schweizer Agentur Rod Kommunikation AG unternahm im Jahr 2009 einen bemerkenswerten Ver­ such mit dem Titel "Facebookless". Über eine eigene Facebook-Seite suchte die Agentur "Facebook-Junkies", die bereit waren, für 30 Tage auf das Netzwerk zu verzichten und ihre Abstinenzerfahrung aufzuschreiben. 50 Facebook-Nurzer im Alter von 17 bis 52 Jahren machten mit und erhielten dafür jeweils 300 Franken. Noch vor Beginn des Experimentes frag­ te die Agentur die Teilnehmer nach ihrer Facebook-Nutzung und erfuhr, dass diese meist einem täglichen Ritual folgte: mor­ gens vor der Arbeit ein kurzer Facebook­ Check und abends die hemmungslose Langzeit-Session. Bei der Frage, was die Teilnehmer angesichts von 30 Tagen Ab­ stinenz am meisten fürchteten, offenbar­ ten die meisten das Hauptmotiv für ihre Facebook-Mitgliedschaft: Neugier. Ein 27-jähriger Mann fürchtete sogar, seine leibhaftige ehemalige Freundin aus den Augen zu verlieren: "Mir wird es im kom­ menden Monat fehlen, dass ich meine Ex­ Freundin nicht mehr ausspionieren kann und nicht mehr mitbekomme, was in ih­ rem Leben jetzt so läuft." Mit Liebe und Freundschaft hat das alles herzlich wenig zu tun. Die Probanden sollten auch kurz vor ihrer Abstinenz ihre Gefühle äußern: "Wie wenn ich mein Tagebuch aus der Hand geben würde", schrieb eine 21-jäh­ rige Frau. Und eine 52-Jährige teilte mit: "Facebook ist wie ein Fenster zur Welt, und ich bin jetzt nicht am Fenster." Die Ergebnisse des Schweizer Experimentes sind zwar nicht repräsentativ, geben aber doch eindeutige Hinweise auf den starken Einfluss, den Facebook auf das Leben sei­ ner Nutzer ausübt. Sind wir online, folgen wir damit einer schleichenden Sucht und dem sozialen Druck. Dafür spricht auch, dass im Nachhinein fast alle Teilnehmer einräumten, sie seien während ihrer Ab­ stinenz entspannter, ausgeglichener ge­ wesen. Viele gaben auch an, ihre Zeit im realen Leben intensiver verbracht zu ha­ ben als zuvor und Facebook nun weniger zu nutzen. Der Soziologe Richard Sennet sagte einmal, dass wir dabei seien, unsere Die Facebook-Falle

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I Soziale Netzwerke l Kulturtechniken zu verlernen: "Rituale, uns mit Fremden wohlzufühlen". Zu­ gleich beginnen wir, uns mit uns selbst zu ­ langweilen. Weil wir nicht mehr wissen, wie schön Geselligkeit ist, wissen wir auch nicht die Einsamkeit zu schätzen. Auf Facebook werden wir Entertainer auf Ge­ genseitigkeit. Und so kann das milliarden­ schwere Netzwerk darauf vertrauen, dass wir es nicht so schnell verlassen. Denn wer verlässt schon gerne seine Freunde? Dieser "Freundschaftsterror" geht mit einer immer umfassenderen Sammlung unserer privatesten, ja, auch intimsten Daten einher. Daten, für die sich übri­ gens nicht nur Facebook selbst als Wer­ bevermarkter interessiert, sondern längst auch Konsumgüterkonzerne. Sie beauf­ tragen Softwarefirmen wie das US-Un­ ternehmen Visible Technologies, die ge­ zielt mit Filterprogrammen die Inhalte in den riesigen Datenströmen interaktiver Plattformen wie Facebook auf Meinun­ gen durchforsten. Der Softvvare-Riese habe Visible Technologies zum Beispiel beauftragt, in Netzinhalten systematisch zu erforschen, wie die globale lnternetge­ meinde das neue Programm Windows 7 beurteile, berichtet das Online-Magazin Wited. Was in sozialen Netzwerken von wem diskutiert wird, lässt auch die CIA nicht kalt. Und so versorgt Visible Tech­ nologies auch die US-Regierung mit Aus­ wertungen. Täglich werden eine halbe Million interaktive Webseiten durchfors­ tet. Das Verfahren nennt sich "opinion mining" - also das Abhören von Meinun­ gen - und ist technisch bereits so ausge­ reift, dass Sätze, die Menschen im Netz formulieren, semantisch auf ihre Tendenz analysiert werden: finden Menschen ein Produkt, einen Politiker gut oder äußern sie sich negativ. Visible Technologies ist übrigens ein von der CIA-Firma ~n-Q­ Tel mitfinanziertes Unternehmen, für das soziale Netzwerke mit ihren Aberhundert Millionen Mitgliedern eine unschätz­ bare Informationsquelle sind. Während der DNI (Director of National Intelli­ gence) Open Source Konferenz 2008 in Washington plauderte der damalige CIA-Direktor Michael Hayden gut ge­ launt über den Stellenwert offener Quel­ len - wie sozialer Netzwerke - .für seinen Geheimdienst: "Geheime Informationen 38

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sind nicht alles in unserem Beruf, und es macht wirklich Spaß, Probleme mithilfe von Informationen zu lösen, die Leute so dum m waren, offen ins Netz zu stellen." Wir sehen, aufFacebook warten nicht nur Freunde auf uns - insbesondere in den Ländern der sogenannten "Facebook-Re­ volten" sind Oppositionelle auch in das digitale Messer von Regimen gelaufen. So gelang es zwar, via Facebook viele Men­ schen für Proteste zu mobilisieren, aber dieser Effekt kann auch ins Gegenteil verkehrt werden: Der Segen der schnel­ len Vernetzung kann zugleich zum Fluch werden. So wurden in Iran 2009 Opposi­ tionelle verhaftet, weil der Geheimdienst ihre Profile mit sämtlichen Aktivitäten und Verhindungen ausgewertet hatte, ja, sogar eigene Facebook-Profile ange­ legt hatte, um Menschen auszuhorchen. Vor dem Sturz von Präsident Ben Ali in Tunesien gelang es der Regierung durch Phishing-Mails, die Facebook-Konten vieler Oppositioneller und Sympathi­ santen zu knacken. Die Leute gaben ihr Passwort ein und ahnten nicht, dass sie damit direkt auf die Server des Regimes umgelenkt wurden. Facebook selbst re­ agierte darauf erst viele Wochen später, als sich Oppositionelle beschwerten, dass bestimmte Meinungsäußerungen regel­ mäßig verschwanden. Solche Beispiele zeigen in dem gegenwärtigen Hype um Facebook: die Rolle des Netzwerkes ist politisch janusköpfig und kann auch von autokratischen Regierungen missbraucht werden. Denn nichts macht uns Men­ schen so angreifbar wie die ungezügelte Offenlegung unsere Privatsphäre: in un­ seren kapitalistischen Industriestaaten für die Datensammelwut von Konsumgüter­ konzernen - in Diktaturen .für den Staat. Schon bei unserer Anmeldung auf Facebook werden wir automatisch ani­ miert, möglichst viel von uns preiszuge­ ben: unseren Wohnort, unser Alter, Ge­ schlecht oder Beziehungsstatus (Single, verheiratet, geschieden, offene Beziehung oder:"es ist kompliziert"), unsere Position, Arbeitgeber, Universität. Und permanent fragt uns Facebook: "Was tust du gerade?" Alles, was wir dort eingeben, verwendet Facebook, um uns zu scannen. Wir tun das alles, um dazuzugehören. Facebook­ Mitglieder laden jeden Monat etwa 3 Mil-

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liarden Fotos und 10 Millionen Videos hoch. Sie verwenden Facebook als digita­ les Album. Und pro Tag wird der "Gefällt­ mir"- oder "Like"-Bunon 3 Milliarden Mal am Tag angeklickt. Aus diesen vielen Regungen im Netz erfährt Facebook über die Menschen in 70 verschiedenen Län­ dern mehr als jemals zuvor eine Organi­ sation oder Regierung. Aus diesem Raster bietet es dann der werbetreibenden Wirt­ schaft an, gezielte, auf uns zugeschnittene Werbung zu machen. So kann es anbieten, entsprechende Werbeanzeigen bei Mitglie­ dern im Alter von 20 bis 30 in Neu-An­ spach zu platzieren, die gern Nordic-Wal­ king betreiben, oder bei dem katholischen Pfarrer, der auf "Frauensuche" ist und sich für Viagra interessiert, sollte er jemals so naiv gewesen sein, das auf Facebook ein­ zugeben. Der werbetreibenden Wirtschaft schreibt Facebook: "Du solltest Nutzer mit ähnlichen oder verwandten Interessen finden, die zwar dein Produkt nicht aus­ drücklich nennen, jedoch an ähnlichen Produkten/Serviceleistu ngcn interessiert sind oder deren Lebensstil bzw. Aktivitä­ ten den von dir vermarkteten Produkten entsprechen." So verkauft Facebook unser Leben und verdient dabei mehr und mehr Milliarden. Für das Jahr 2011 prognosti­ ziert der Branchendienst eMarketer Face­ book Einnahmen aus der Werbung von 4 Milliarden US-Dollar. 2012 sogar von 5,7 Milliarden US-Dollar. Unsere "Freund­ schaften" werden zu einem kommerziel­ len Ereignis. Dazu passt auch die Aktion, die ein bekannter Burgerbrater vor einiger Zeit unter dem Titel. "Whopper-Sacrifice" startete: Wer zehn Freunde löschte, erhielt dafür einen Whopper. Der frikadellenbra­ tel' hat der Facebook-Freundschafi: damit einen realen Marktwert verschafft: Ein "Freund" ist ein Zehntel Whopper wert.

Sascha Adamek arbeitet für das ARD-Politikmagazin Mo­ nitor. Er ist auch Fernsehautor -. ... ~. zahlreicher Filmdokumentati­

onen. u.a. für die WDR-Sen­

dung Die Story. Gemeinsam

mit KimOtto veröffentlichte er ~' .~

2008 das Buch Der gekaufte

Staat sowie 2009 den Wirt­

schahsbestseller Schön reich ­

Steuern zahlen die anderen.

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Die Facebook Falle