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Soziologie studieren. – Einblicke in den Alltag des Soziologiestudiums.


Inhalt I. Gebrauchsanweisung für dieses Buch .................................................................................. 3

II. Warum Soziologie? .............................................................................................................. 6 1. Mein Weg zum Soziologiestudium ................................................................................... 6 1.1. Von der Bundeswehr über Hannibal Lecter zur Soziologie.......................................... 6 1.2. Soziologie als Neuentdeckung altbekannter Themen ................................................. 8 2. Warum hast du dich für das Soziologiestudium entschieden? ...................................... 10 2.1. Alltag, Gesellschaft und Identität............................................................................... 10 2.2. Die Wahl der Uni ........................................................................................................ 12 III. Soziologie studieren. Wie gestaltet sich dein Soziologiestudium im Alltag? .................... 14 1. Welche Lehrformen kommen im Soziologiestudium vor? ............................................. 14 2. Welche Arbeitsweisen werden im Soziologiestudium ausgebildet und angewandt? ... 18 2.1. Lesen, diskutieren, recherchieren und Referate halten ............................................ 18 2.2. Methoden der empirischen Sozialforschung ............................................................. 20 3. Welche Prüfungsformen gibt es? ................................................................................... 22 4. Vom Bachelor zum Master? ........................................................................................... 25

IV. Soziologie jenseits von Credit Points, Stundenplan und Modulkatalog. Wie sieht dein Studium neben dem obligatorischen Studienalltag aus? ................................................. 30 1. Welche Möglichkeiten bieten sich am Institut erste wissenschaftliche Arbeit aufzunehmen? ................................................................................................................ 30 2. Wie kann man sich in studentischen Gremien engagieren? .......................................... 32 3. Lohnt sich ein Auslandsemester?................................................................................... 36 3.1. Sich neu auf sein Studium einlassen .......................................................................... 36 3.2. „Ein  Auslandssemester  - immer  eine  gute  Idee?“ ..................................................... 38 4. Wie gestaltet sich ein Hochschulwechsel in der Soziologie? ......................................... 41 5. Ist es sinnvoll, sich neben dem Studium in studentisch organisierten Eigeninitiativen zu engagieren? .................................................................................................................... 43

V. Wozu Soziologie? ............................................................................................................... 46 1.  „Und  was  macht  man  dann  damit?“ .............................................................................. 46 2. Erst die Party, dann das Semester! ................................................................................ 48 VI LINKS ................................................................................................................................. 52 VII Einführungsliteratur .......................................................................................................... 52 2


I. Gebrauchsanweisung für dieses Buch Liebe Soziologieinteressierte,

wenn es sich hier um eine Gebrauchsanweisung handelt, dann in dem Sinne, dass wir dich darauf vorbereiten wollen, was du von diesem Heft erwarten darfst. Außerdem wollen wir dir vorschlagen, wie du je nach Interessenlage dieses Heftes lesen kannst: Nach dem Abi-Stress, nun der Stress um die Entscheidung zu einem Studium? Manche wissen gleich nach dem Schulabschluss oder schon lange vorher wohin sie in der Arbeitswelt später wollen und wie sie dies bewerkstelligt bekommen. Andere dagegen verabschieden sich erst mal für kurz oder lang in die weite Welt. Für die meisten steht jedoch die Entscheidung für ein Studienfach an. Dies muss jedoch nicht in Stress oder tagelangen, ziellosen Suchprozessen in Internet oder Behörden ausarten. Vieles ist möglich. Das Richtige für sich zu finden, ist aber manchmal gar nicht so einfach. Diese studentische Einführung in den Studienalltag der Soziologie soll prägnant und umfassend Grundlagen und Möglichkeiten aufzeigen und bei der Wahl für oder gegen ein Soziologiestudium behilflich sein. 2010 haben sich Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena, unterstützt durch einen Erasmus-Studenten aus der Schweiz, zusammengefunden, um fernab von komplizierten theoretischen Einführungen und unverständlichen Modulkatalogen, mittels eines an der Alltagspraxis orientierten Studienratgebers, einen Einblick in den Alltag von Soziologiestudierenden zu geben. Ziel war es, eine Lücke im Bereich der Ratgeberliteratur für angehende Studierende zu füllen. Dieses Heft unterscheidet sich maßgeblich von der bisherigen Literatur, da es gleichzeitig eine Einführung in die Soziologie als Fach und ein Einblick in die Perspektive einiger Soziologiestudenten bietet. Außerdem erklärt es die Studien- und Prüfungsordnungen und ergänzt so die Angaben, welche für gewöhnlich von den jeweiligen soziologischen Instituten im Internet zu finden sind. Eine Liste empfehlenswerter Einführungsliteratur findest du ebenso wie hilfreiche Links am Ende des Heftes. Unsere Absicht ist es weder erstes fachliches Wissen zu vermitteln, noch die gar thematische und institutionelle Breite der Soziologie darzustellen. Stattdessen wollen wir auf einer bewusst praxisnahen Ebene über die verschiedenen Bereiche des Studiums der Soziologie sprechen, wenngleich an den Rändern selbstverständlich auch Fragen nach der Soziologie im Allgemeinen und der institutionalisierten Studienordnung aufgeworfen werden müssen. Anhand eines systematischen Fragenkatalogs werden alle wesentlichen Bereiche des Soziologiestudiums thematisch erfasst. In unterschiedlichster Form wird ein persönlicher und zu-

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gleich möglichst umfassender Zugang zu Gestaltungsspielräumen während des Studiums aufgezeigt. Die Antworten sind inhaltlich aufeinander abgestimmt und so kurz gehalten, dass man sich auf wenigen Seiten einen Überblick zu den entsprechenden Bereichen verschaffen kann. Wenngleich eine gewisse Chronologie beabsichtigt ist, wird dennoch ein flexibles, zielorientiertes und kurzweiliges Lesen des Ratgebers ermöglicht. Man kann das Buch also von vorn nach hinten durchlesen, aber sich auch einzelne Fragen herauspicken. Zur Übersichtlichkeit sind die Schlüsselbegriffe oder –fragen fett markiert. Wir haben uns weitestgehend auf unsere eigenen Erfahrungen gestützt und glauben, dass sich die Eine oder der Andere darin wiederfindet, zumindest aber sollten unsere Darstellungen anschlussfähig sein. Findest du dich darin nicht wieder, dann keine Bange: Die Wege in und um das Studium der Soziologie sind so vielfältig wie die Soziologie selbst. Das Buch ist chronologisch nach Stadien des Studiums gegliedert. Kapitel II steht vor dem Beginn des Studiums und fragt danach, warum man Soziologie studiert. Einerseits zeigen wir euch beispielhaft, wie einige von uns auf die Soziologie aufmerksam geworden sind, anderseits warum und aus welchen Gründen wir uns für ein Soziologiestudium entschieden haben. Dieses Kapitel ist für diejenigen wertvoll, die sich noch nicht sicher sind, ob ein Soziologiestudium das Richtige für sie ist. Außerdem werden all jene angesprochen, die gar nicht wissen, was Soziologie eigentlich alles beinhaltet. Kapitel III ist besonders für diejenigen interessant, die sich bereits für ein Soziologiestudium entschieden haben, aber noch nicht genau wissen, wie dieses aufgebaut ist. Es zeigt euch die Strukturen und Dimensionen des Studienalltags. Dieser umfasst u.a. Lehrformen, Arbeitsweisen und Prüfungsformen. Es soll euch darauf vorbereiten, wie soziologische Inhalte vermittelt werden, wie soziologisches Forschen aussieht und welche Leistungen ihr erbringen müsst, um das Studium erfolgreich absolvieren zu können. Kapitel IV zeigt wo und wie ihr euch neben der Studienordnung und dem Modulkatalog zusätzlich engagieren könnt. Dabei wird immer wieder der Bezug zu den eigenen Studienbedingungen und Studieninhalten aufgezeigt. Dieses Kapitel ist also für diejenigen, die etwas mehr als das dünne Brett bohren wollen und die Uni mitgestalten oder einfach mal über den Tellerrand der eigenen Uni oder der Pflichtseminare hinaus schauen oder erste praktische Erfahrung sammeln wollen. Dies umfasst die Mitarbeit am Institut, die studentische Selbstverwaltung, das Praktikum, das Auslandsstudium oder den Hochschulwechsel. Neben dem eher spezifischen oder unspezifischen Interesse an der Soziologie, zeigt dir Kapitel V schließlich, was du später mit einem Soziologiestudium machen kannst. Dieses Kapitel

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richtet sich an die Pragmatiker, die gerne konkrete Vorstellung darüber haben wollen, welche Berufsperspektiven und Anwendungsfelder es für angehende Soziolog_innen gibt. Im ersten Semester kann man natürlich noch nicht alles wissen. Diese kleine Einführung soll euch jedoch die ersten Studientage erleichtern. Ohne Eigeninitiative ist aber kein Studium zu meistern, deshalb kommt es besonders auf euch selbst an: setzt Prioritäten, findet Gleichgesinnte, nehmt euch Zeit, fragt Kommilitonen und schaut hinter die Kulissen. Ein Studium bietet vielfältige Möglichkeiten. Denkt immer daran, dass es mehr gibt als das bloße Studieren.

Viel Spaß beim Lesen!

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II. Warum Soziologie? 1. Mein Weg zum Soziologiestudium 1.1. Von der Bundeswehr über Hannibal Lecter zur Soziologie Von Jan Kalies

Mein Weg zur Soziologie war nicht von Anfang an geplant. Viel mehr haben mich einige Zufälle ins Soziologiestudium getrieben. Ursprünglich wollte ich gar nicht studieren. Nach der Schule  war  mein  Motto  zunächst:  „Nie  wieder  Schulbank  drücken,  nie  wieder  lernen  und  nie   wieder irgendwelche   Prüfungen!“   Natürlich   war   diese   Haltung   alles   andere   als   durchdacht,   denn auch in einer Ausbildung muss man die Berufsschule besuchen und Prüfungen absolvieren. Aber soweit dachte ich damals nicht. Ich war einfach nur froh, endlich aus der Schule raus zu sein. Diese Einstellung änderte sich dann schlagartig während meiner Zeit im Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Die vielen negativen Erfahrungen dieser neun Monate beim Bund führten   tatsächlich   dazu,   meine   „Anti-Studium-Haltung“   aus   der   Schulzeit aufzugeben und mich ganz neu zu orientieren. Mein Tagesablauf während der Grundausbildung begann damit, mich nach dem Aufstehen anbrüllen zu lassen  und  dem  „Befehl“  Folge  zu  leisten:  in  den  Waschraum  zu  gehen,  mich  zu   waschen, die Zähne zu putzen, mich gegebenenfalls zu rasieren und mich dann ordnungsgemäß anzukleiden. Dass es sich hierbei um Tätigkeiten handelte, die ich bisher sowieso jeden Morgen  „ausgeführt“  hatte, (weshalb es eigentlich keiner Anordnung bedurft hätte) brauche ich hier nicht zu erwähnen. Es hätte mich kaum verwundert, wenn man mir noch befohlen hätte, meine Zähne in kreisenden Bewegungen immer schön vom Zahnfleisch weg zu putzen und bei der Rasur darauf zu achten, nicht gegen den Strich zu rasieren. Der Logik nach wäre dies absolut vorstellbar gewesen. Der weitere Tagesverlauf blieb dem Morgenritual strukturell verbunden: brüllend wurde gesagt, was zu tun und zu unterlassen sei. Brüllend wurde uns beigebracht, wie man sich ordnungsgemäß tarnen muss und brüllend wurde uns gezeigt, wie man durch  den  Schlamm  kriecht  und  was  sonst  noch  so  zu  einem  „waschechten  Soldaten“  gehört.   Da das autoritäre Geschrei die einzige Kommunikationsmethode darstellte, die die Bundeswehr kannte, bekam ich schon bald das Gefühl, dass es sich bei der Bundeswehr eigentlich um ein Sammelsurium manischer Choleriker handelt. Mir wurde irgendwie klar, dass es tatsächlich besser  ist,  nicht  immer  hin  zuhören  und  dabei  trotzdem  höllisch  darauf  zu  achten,  das  „Weg-

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hören“  mit  gespielter  Aufmerksamkeit  zu  überdecken.  Denn nichts ist schlimmer, als sich von seinen Vorgesetzten bei privater Träumerei erwischen zu lassen, abgesehen vielleicht von aktiver Opposition, einer eigenen Meinung und lästigen Fragen nach dem Sinn. Nach meiner Grundausbildung wurde der Tonfall etwas ruhiger; dafür die Aufgaben umso langweiliger. Neben der Annahme von Patient_innen (Ich war im Sanitätsdienst.), musste ich mit dem alphabetischen Sortieren unzähliger Akten vorlieb nehmen. Außerdem gehörte es zu meiner Pflicht, bei den Übungen der anderen Kompanien daneben zu sitzen und Kopfschmerztabletten zu verteilen. Einmal in der Woche wurden diese Aktivitäten durch das Aufräumen und Säubern der Räumlichkeiten aufgelockert. Alles in allem waren es jedenfalls keine intellektuell sonderlich anspruchsvollen Aufgaben, zumal mir auch weiterhin alle Aufgaben diktiert wurden. Dennoch, es waren diese neun Monate staatlich initiierter Infantilisierung und intellektueller Verwahrlosung, die mich zu der Einsicht brachten, dass es besser wäre, doch etwas mehr Zeit in Bildung zu investieren und ein Studium aufzunehmen. Ich wollte nicht irgendwann als willenloser, befehlsgehorsamer Zombie enden. Aus dem Grund habe ich auch nach meinem Austritt aus der Bundeswehr den Großteil meines Entlassungsgeldes in Sach- und Fachbücher aller Art investiert, wenngleich die meisten davon psychologische Themen zum Inhalt hatten. Zu dem Entschluss ein Studium der Sozial- und Verhaltenswissenschaften zu beginnen, führten zum einen Beobachtungen während meiner Bundeswehrzeit. Beispielsweise verwunderte mich, dass sich die Vorgesetzten mir gegenüber anders verhielten als gegenüber den Patient_innen und vor allem gegenüber den Ärzt_innen. Man hofierte den Vorgesetzten und ließ die  „Rangniederen“  die  ganze   Gewalt  des  eigenen  autoritären  Egos spüren. Was veranlasste die betreffenden Personen sich derart zu verhalten? Zum anderen verspürte ich damals eine gewisse Faszination für die Figur des Hannibal Lecter  aus  „Schweigen  der  Lämmer“  und  hatte  ein  wenig  Freud  gelesen,  weshalb  ich  eigentlich Psychologie studieren wollte. Das Fach war ja schließlich auch recht bekannt und beliebt und die Psychologie schien mir als Wissenschaft äußerst wichtig zu sein. Von der Soziologie hatte ich hingegen bis dahin noch nie etwas gehört. Nur die komplizierten Anmeldeformalitäten und die Wartesemester, die ich für dieses Studium hätte in Kauf nehmen müssen, ließen mich noch einmal nach Alternativen Ausschau halten. Und da ich wirklich keine Lust auf eine längere Phase der Arbeitslosigkeit hatte, versuchte ich es mit Soziologie. Meine Fragen wurden mir zu meiner Überraschung auch hier mehr als zufriedenstellend beantwortet.

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1.2. Soziologie als Neuentdeckung altbekannter Themen Von Simon Bohn

Ich   komme   aus   einer   Kleinstadt   in   Brandenburg   und   das   Wort   „Soziologie“   kennen   dort   wahrscheinlich die Wenigsten. Auch mir waren zu Schulzeiten soziologische Theorien und die großen Soziologen weitestgehend unbekannt und so war die Soziologie für mich persönlich eine   große   Neuentdeckung,   allerdings   von   „altbekannten“   Themen. Denn dass man selbst „auf  dem  Lande“  über  soziologische  Problemstellungen  spricht  und  soziale  Konflikte  nicht  ohne   Rückgriff auf soziologische Überlegungen diskutiert, ist zwar kaum jemandem bewusst, aber wurde mir im Studium bald klar. In unserer Kleinstadt gab es, wie in vielen ostdeutschen Provinzen, ein ganz beachtliches „Nazi-Problem“  und  ich  war  nun  mit  17  Jahren  gerade  in  einer  Phase,  in  der  mich  das  was  anging. Ich war tagtäglich damit konfrontiert und ich hatte die nötigen Ressourcen zur Verfügung, um mich diesem Problem zu stellen. Natürlich war ich nicht allein. Zusammen mit einigen guten   Freunden   bildeten   wir   eine   „Jugend-Antifa“,   vernetzten   uns   mit   anderen   linken   Gruppierungen in der Stadt und auch mit den großen Antifas in Berlin. In dieser Konstellation machten wir der Nazi-Szene über einige Jahre hinweg ziemlichen Druck. Wir veranstalteten Anti-NaziDemos, Vorträge zu Themen wie Rassismus und Antisemitismus oder aber auch Partys am 8. Mai (Tag der Befreiung). Über die Antifa kam man natürlich in Kontakt mit anderen Themenfeldern: wachsende soziale Ungleichheit, welche gängiger Weise mit Kapitalismus assoziiert wurde, dem man dann wiederum die zauberhafte Utopie des kosmopolitischen Kommunismus entgegen schleuderte; die deutsche Ausländer- bzw. Asylpolitik und der bis dahin (ca. 2004) noch vergleichsweise klein gehaltene deutsche Nationalismus (da hat sich in den letzten Jahren   durch   Kampagnen   wie   „Du   bist   Deutschland“   oder   durch   die   Fußball-Weltmeisterschaft 2006 einiges verändert); die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen und was man gemeinhin unter Sexismus zusammen  fasst.  All  diese  „Ismen“ waren für uns in der Zeit der gymnasialen Oberstufe neben der Schule ein äußerst spannendes Feld, voll von persönlicher und politischer Brisanz und von großem identitätsbildendem Potential.  Denn  dass  man  „in  der  Antifa“  war,  zu  Demos  und  Gedenkveranstaltungen in ganz Deutschland fuhr, sich auf WochenendSeminaren mit Marx und Freud und der Kritischen Theorie auseinander setzte, das hatte alles schon sehr großen Einfluss auf die eigene Gedankenwelt und das Selbstbild. Man könnte also sagen, dass ich schon während der Schulzeit durch meine politischen Aktivitäten einen Großteil meiner Freizeit auf Themen, Theorien und Denker_innen verwandte, die dann später und zu meiner Überraschung die Soziologie bzw. das Soziologiestudium ganz wesentlich bestimmten. 8


Fast alle meine Freunde gingen nach dem Abitur an die Universität und die meisten von ihnen wählten ein geisteswissenschaftliches Fach, denn hier sah jede und jeder für sich die Chance,  den  eigenen  politischen  und  „revolutionären“  Neigungen  auf  ihre/seine  Art  nachzugehen.   Die   „Psycholog_innen“   unter   ihnen   interessierten   sich   für   das   kollektive   Unbewusste,   unterdrückte Triebregungen und psychosoziale Gruppenbildungsprozesse. Die angehenden Politikwissenschaftler_innen beschäftigten sich fortan mit autoritären Staaten und diktatorischen politischen Systemen. Die Erziehungswissenschaftler_innen   plagten   sich   mit   der   „Erziehung   nach  Auschwitz“  (Theodor  W.  Adorno)  oder dem Begriff von Bildung. Ich selbst bin in der Soziologie gelandet und das mehr oder weniger durch einen glücklichen Zufall. Denn wie oben erwähnt, war ich mit der Soziologie ja keineswegs in dem Sinne vertraut, wie man es durch das Studium (hoffentlich) wohl wird. Im  Soziologiestudium  konnte  ich  in  vielen  Punkten  an  meine  Vorüberlegungen  aus  „AntifaZeiten“  anknüpfen.  Die  politische   Kapitalismuskritik   fand  ihren  Widerhall  in  der  Kapitalismusanalyse der Wirtschaftssoziologie, bei mikrosoziologischen Ansätzen zu Identitäts- und Gruppenbildung konnte ich auf meine Kenntnisse zum Rassismus und Nationalismus zurück greifen, in der Genderforschung auf Kenntnisse über die Frauenemanzipation und alltäglichen Sexismus aufbauen und in der Bewegungsforschung (eine der unzähligen Bindestrich-Soziologien) auf  Erfahrungen  in  „meiner“  Jugendbewegung.   Im Grunde kann man aber wirklich viele Alltagserfahrungen in das Studium der Soziologie einbringen und man muss nicht unbedingt politisch aktiv gewesen sein, um auf die zahlreichen Verbindungen zwischen öffentlichen und medialen Diskursen und denen der Soziologie aufmerksam zu werden. Dass ich meinen Interessen aus der Schulzeit auch im Studium so unbefangen nachgehen kann, ist ein glücklicher Zufall, nicht nur weil die Soziologie ein so breites Themenspektrum abdeckt und ich mich durch meinen politischen Hintergrund schnell in ihr zurecht finden und es mir bequem machen konnte. Inzwischen weiß ich, dass die soziologischen Institute jeweils ganz unterschiedliche Forschungsprofile aufweisen und ich daher sicherlich nicht an jeder Universität so leichtfüßig den Einstieg in die Soziologie gefunden hätte. Außerdem glaube ich, dass es bei der Auswahl des Studiums und auch des Studienortes wichtig ist zu wissen, warum man dieses Fach studieren möchte. Denn gerade weil das Soziologiestudium i.d.R. nicht auf einen festgelegten Beruf oder ein eindeutiges Arbeitsfeld ausgerichtet ist, fällt es vielen Studierenden in der Anfangszeit wirklich schwer, sich in der Fülle von möglichen Themen und Forschungsgebieten zurechtzufinden. Irgendein Thema muss regelrecht unter den Nägeln brennen, dann erst bringt man die nötige Energie fürs Studium auf! Für mich

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war der innige Wunsch, weiterhin an meinen politischen Idealen zu feilen und an gesellschaftlichen Problemstellungen zu arbeiten, eine wichtige Orientierung. Gerade das Ziel, Gesellschaft nicht nur zu verstehen (was den wenigsten je gelingen wird), sondern verändernd auf sie einzuwirken, war für mich in den Anfangsjahren des Studiums ganz zentral und ist es im Grunde bis heute.

2. Warum hast du dich für das Soziologiestudium entschieden? 2.1. Alltag, Gesellschaft und Identität Von Markus Flück

Wieso ist die gesellschaftlich anerkannte Beziehungsform eigentlich eine heterosexuelle, monogame Beziehung? Wären polygame Beziehungen etwa nicht praktizierbar? Wie verbindet Mode gesellschaftlichen Mainstream und persönliche Ausdrucksformen? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Arbeitslosenquote und der Erwerbslosenquote? In welchem Verhältnis steht Arbeitslosigkeit zu der Erwerbsquote und der Erwerbstätigenquote? Inwiefern ist Arbeitslosigkeit selbst verschuldet, inwiefern ist sie ein gesellschaftliches Phänomen? Wie kommt es zu einem gesellschaftlichen Konsens, was den Atomausstieg anbelangt? Wieso sind bei mir im Studium fast nur Kinder von Akademiker_innen, während Kinder von Arbeiter_innen kaum repräsentiert sind? Es sind diese Fragen, die sich mir in der einen oder anderen Weise immer wieder stellen, mit denen wir alle oft sanft (im Rahmen eines Familienfestes) und manchmal sehr unsanft (in Form von selbst erlebter Arbeitslosigkeit) konfrontiert werden, - sei es in den Medien, im Freundeskreis, Schule oder Beruf - welche mich letztlich zum Studium der Soziologie motiviert haben. Ich wollte  einen  Blick  hinter  die  Bühne  (Goffman(1959):  „Wir  alle  spielen  Theater“)  unseres Alltags (kollektive und individuelle Rhythmen der Erwerbsarbeit, Freizeit, Reproduktionsarbeit, Schlafen etc.) werfen. Hinter  die  „Bühne  Gesellschaft“,  auf  der  wir  uns  Tag für Tag bewegen, Rollen innehaben als Freund_in, Einzelhandelskaufmann/frau, Schüler_in etc.. Umgeben von einer von Menschen gemachten Kulisse: Im Kaufhaus, beim Fußball, im Klinikum, an der Uni, ja selbst da, wo ich denke, ganz allein zu sein, beispielsweise in meinem Zimmer, ist Gesellschaft da und über Medien (Internet, Fernseher, Bücher etc.), Objekte oder Verhaltensweisen präsent. Wenn ich schlafen gehe auf dem Bett einer großen schwedischen Möbelkette, steht dahinter eine gesellschaftliche Produktionskoordination, die sehr voraussetzungsreich

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ist. Jedes Wort, das ich spreche, ist gesellschaftlich mit Sinn angereichert, der sich zwar verändern kann, aber immer nur im Verlauf eines intersubjektiven Prozesses. Zusammenhänge, die auf den ersten Blick keine zu sein scheinen, entdecken und nicht zuletzt handelnd eingreifen in dieses amorphe, kaum greifbare, aber dennoch manifeste Etwas namens Gesellschaft, das ist es, was mich motiviert hat. Kritik ist dabei die Nahtstelle zwischen Wissenschaft und dem Politischen. Da wo kritische Soziologie fragt: Wieso die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, wie sie sind und zeigt, dass sie nicht so sein müssen, schlägt die Analyse um in Handlung. Soziologie ist zudem enorm anschlussfähig an andere Wissenschaftsbereiche, bspw. an die Sprachwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Kulturwissenschaften, aber auch an die Naturwissenschaften. Dies zeigt sich an den unzähligen Bindestrich-Soziologien und führt zu einem sehr weiten Forschungsspektrum, dass für alle Interessen etwas bereithält. Die Anwendung der Methoden der quantitativen Sozialforschung ermöglicht es dabei einen Überblick über das große Ganze zu erhalten, während qualitative Methoden einen tieferen Einblick in Einzelphänomene ermöglichen. Das Studium der Soziologie muss nicht, kann aber einen wesentlichen Beitrag zur Beantwortung der Frage nach der Identität leisten. Denn durch den Einblick in die Vielfalt an möglichen Lebensgestaltungsformen und –zwängen können Handlungspotentiale geschöpft werden. Diese gründen sich auf dem Bewusstsein, dass feste Identitäten, seien es nationale, familiäre, geschlechtliche oder persönliche durch Ritualisierung (zum Beispiel im Rahmen von Feiertagen) hervorgebracht und weitergegeben werden, hochgradig symbolisch aufgeladen sind (zum Beispiel Nationalflaggen, Hymnen, Kleidung) und letztlich immer eine spezifische, soziale Konstruktion darstellen. Daraus ergibt sich ein Verständnis der Welt, das nicht relativistisch, sondern relational vorgeht, also versucht Verbindungen aufzuzeigen und herzustellen. Die dezidierte Anschlussfähigkeit soziologischer Fragestellungen an Alltagsphänomene macht meiner Meinung nach den besonderen Reiz dieses Faches aus. Soziolog_innen sind immer schon Teil eines sozialen Gefüges, von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, eingewoben in kulturelle Codes, die wir in unserem Alltagsleben unhinterfragt anwenden (z.B. Begrüssungsfloskeln), die aber bei genauerer Betrachtung sehr aufschlussreich sind. Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft stellt dabei eine der zentralen Analyseachsen der Soziologie   dar.   Individuelle   Freiheit   und   gesellschaftliches   „Gemachtsein“   gehen dabei immer Hand in Hand (bspw. in der Mode, aber auch bezüglich der Vertragsfreiheit). Die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Ausdifferenzierung haben hochgradig, komplexe Gesellschaften hervorgebracht, die heute vor allem über Märkte und Bürokratien regiert

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und reguliert werden. Einen Blick auf die Funktionsmechanismen und Handlungsrationalitäten dieser gesellschaftlichen Institutionen zu werfen, ist ein Abenteuer namens Soziologie.

2.2. Die Wahl der Uni Von Naby Berdjas

Die Wahl der Universität ist unter anderem dafür bedeutsam, welche inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte die  Studierenden  begleiten  und  prägen  werden.  Wer  sich  ‚blind’  für eine Universität entscheidet, kann dies im Verlauf seines Studiums bereuen. Besonders für jene, die schon vor dem Studium ein ganz bestimmtes Interesse (z.B. Geschlechterforschung, Umweltsoziologie etc.) oder eine bevorzugte Herangehensweise (z.B. eher empirischstatistisch) aufweisen, kann die Entscheidung für eine Uni, an der all die Interessengebiete der Studierenden nicht gelehrt werden, zu viel Frust während des Studiums führen. Aber auch den angehenden Studierenden, die sowohl methodisch als auch thematisch völlig offen sind, kann es nicht schaden, sich über die Schwerpunkte der verschiedenen Universitäten schlau zu machen. Vielleicht bilden sich Interessen bereits während der Suche heraus. Oder aber man merkt schon währenddessen, dass deutschlandweit keine Uni auch nur im Ansatz   den   eigenen   Interessen   entspricht.   Selbst   wenn   dieser   „worst   case“  eintritt,   ist   man   zumindest so weit zu wissen, was man nicht studieren will. Einen Überblick zu den Ausrichtungen soziologischer Institute findet man auf: soziologiestudium.info. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eines der Institute zu hundert Prozent Lehrstoff anbietet,   der   dich   fesselt.   „Saure   Äpfel“   gibt   es   überall   und   an   jeder   Uni   schmecken sie gleich. Aber wenn das ganze Studium nur daraus besteht, sich Modul für Modul durchzubeißen, dann sollte man sich doch eine Denkpause nehmen und sich fragen, ob Studienfach oder Universitätsstandort gewechselt werden sollten. Viele Studierende können aber nicht einfach so Fach und Standort wechseln, sobald das Studium einmal aufgenommen wurde. So kann es z.B. Probleme mit dem BAföG–Amt geben, da nach einem Fachwechsel die Regelstudienzeit des neuen Faches eine Verlängerung der finanziellen Leistungen bedeuten würde. Oder es können Probleme mit der Anerkennung einzelner Module an anderen Hochschulen auftreten. Um solchen Problemen schon vor Studienbeginn entgegenzuwirken, erscheint eine intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Uni-Schwerpunkten als sehr sinnvoll.

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Das Fach Soziologie wird sowohl an technischen Universitäten, als auch an sogenannten Volluniversitäten angeboten. Als Volluniversität gelten Hochschulen, an denen in der Regel alle grundlegenden natur-, geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen sowie Wirtschaftswissenschaften, Jura und Medizin angeboten werden. Dies betrifft die Forschung ebenso wie den Lehrbetrieb. Ein Studium ist, wenn man nicht das Glück hat, wohlhabende Eltern oder Erziehungsberechtigte   allgemein   unterstützend   „hinter“   sich   zu   wissen,   meist   mit   einem   erheblichen Kostenaufwand verbunden. Dabei spielt es nicht nur eine Rolle, ob man BAföG– Gelder oder ein Stipendium erhält. Die Wahl des Studienstandortes ist, wenn finanzielle Faktoren berücksichtigt werden müssen, in Punkto Lebenshaltungskosten und Mietpreis nicht unbedeutend. Nicht überall in Deutschland sind die Mietpreise gleich hoch und der Alltag gleich kostenintensiv. Vor allem aber schlägt sich die Entscheidung für bzw. gegen einen Studienstandort in Sachen Finanzen darin nieder, ob Studiengebühren zusätzlich zum Semesterbeitrag erhoben werden oder nicht. Dies ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt. Hochschul-Rankings sind mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Zum einen sind die angewendeten Methoden teils fragwürdig oder nicht nachvollziehbar. So finden u.a. nicht selten auch Institute ohne komplette Datengrundlage Eingang in Rankings oder Datensätze werden nicht veröffentlicht. Zum anderen fördern Rankings eine der Freiheit von Forschung und Lehre entgegenstehende akademische Konkurrenzkultur, welche zwangsweise Verlierer und Gewinner erzeugt, jedoch nicht zur Steigerung der Qualität der wissenschaftlichen Forschung und Lehre beiträgt.

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III. Soziologie studieren. Wie gestaltet sich dein Soziologiestudium im Alltag? 1. Welche Lehrformen kommen im Soziologiestudium vor? Von Christian Nehl und Michael Wutzler Montag 8.16 Uhr: Ich hab's geschafft, die Vorlesung nicht zu verschlafen. Nur die anderen scheinen munterer zu sein als ich. Zum Glück gibt es das akademische Viertel. Ein Höllenlärm im Hörsaal, mehrere hundert Student_innen auf einem kleinen Raum machen einfach Krach, auch wenn sie sich nur unterhalten. Die Dozentin fängt mit ihrer Vorlesung an, ist jedoch kaum zu hören, auch das Mikro hat wenig gebracht. Schon kommt die erste Beschwerde:  „Könnten   Sie  bitte  etwas  lauter  sprechen!“  - wir könnten auch leiser sein. Links hinter mir geht es um das Finale von irgendeiner Casting-Show; vor mir spielt jemand an seinem Laptop ein OnlineGame; was schaut die da vorne rechts mich so komisch an oder schaut sie über mich drüber? Ah, da kommt noch Stefan, er hat es also auch geschafft; er sieht mich und setzt sich zu mir, nachdem er sich durch die Reihe gequetscht hat. Inzwischen wechselt die Power-PointPräsentation schon zur achten Folie. Ich hätte mich einfach weiter vorne hinsetzen sollen, da sind jedes Mal noch Plätze frei. Naja, zum Glück finde ich die Folien im Netz und kann alles nacharbeiten, aber warum bin ich dann überhaupt hier? Stefan liegt mit dem Kopf schon auf dem Tisch! Vielleicht lohnt es sich ja doch. Wenn wir Glück haben, bekommen wir einen wichtigen Tipp für die Klausur oder Infos, die nicht auf den Folien stehen. Als einfache und schnelle Einführung und Übersicht lohnen sich Vorlesungen durchaus; und der ein oder andere Literaturtipp regt zum Weiterlesen an. Mit dem oder der richtigen Dozierenden, wird die Thematik oft durch spannende und anregende Anekdoten oder Beispiele aufgefrischt und greifbar gemacht. Interessant wird es vor allem, wenn Professor_innen Vorlesungen über aktuelle Forschungsprojekte halten. Endet eine Vorlesung aber wirklich im Vorlesen, dann lohnt es sich zu Hause die Inhalte selbst zu erarbeiten. Die 90 Minuten sind um. Neben meiner lückenhaften Mitschrift und einigen Zeichnungen, die jede_r Dreijährige besser hinbekommen hätte, finden sich durchaus noch offene Fragen und eigene Gedanken auf meinem Block. Diese werde ich im Tutorium ansprechen, das von Studierenden höherer Fachsemester geleitet wird und in den ersten Semestern die Möglichkeit bietet, begleitend zur Vorlesung, den Stoff oder Literatur noch einmal zu besprechen oder gar zu vertiefen. Dadurch, dass Studierende die Tutorien organisieren, entsteht eine viel offe14


nere Atmosphäre, in der sich der ein oder andere auch traut Fragen zu stellen, die er sonst nicht stellen würde. Zudem können die Tutor_innen wertvolle Infos über das Institut, die Dozent_innen oder die Klausur geben. Auch andere Fragen kann man hier los werden; beispielsweise Fragen zum wissenschaftlichen Arbeiten oder anderen Dingen, mit denen man als Erstsemester vorher nicht in Kontakt kam, wie Bibliothek, das städtische Nachtleben, Hochschulgruppen, Auslandsstudium oder studentische Gremien. Zu den Veranstaltungen der Statistik und Methodik gibt es manchmal auch Übungen, in denen man die in der Vorlesung gelernten statistischen Maße und Methoden der empirischen Sozialforschung an verschiedenen Beispielen durchprobieren kann. Wenn man weiß, wie und wo man das Gelernte anwenden kann, bleibt es oft schneller und besser hängen. Entgegen dem Frontalunterricht einer Vorlesung, in der Fragen und Diskussion wegen der hohen Anzahl an Studierenden und der Größe der Hörsäle meist unmöglich sind, sollen Seminare ein Klima schaffen, in dem Inhalte und Texte in Kleingruppen vertieft vorgestellt und diskutiert werden können. Seminare sind thematisch sehr eng begrenzt und bieten deshalb meist einen detailreichen Einblick in spezielle Thematiken. Zur Vorbereitung der einzelnen Sitzungen werden Texte bereitgestellt, die als Diskussionsgrundlage dienen. Die Sitzungsthematik wird in der Regel von einem Studierenden oder kleinen Gruppen von Studierenden im Rahmen eines Referats vorgestellt. Idealerweise schließt sich an diese ca. zwanzig bis dreißig minütige Einführung eine ausgiebige Diskussion an. Alternativ gibt es zu den Thematiken sogenannte Expertengruppen (einzelne Teilnehmer des Seminars bereiten sich intensiver vor als die anderen), welche die Diskussion durch eigene Thesen einleiten. Für Seminare sollte man sich ausreichend Zeit nehmen, um sie vorzubereiten und auch nachzubereiten, nur dann kann eine fruchtbare Diskussion innerhalb des Seminars zustande kommen. Zum Gelingen eines Seminars ist jedoch nicht nur die aktive Teilnahme der Studierenden gefragt. Dozent_innen können mit Einwürfen den Seminarverlauf auffrischen, lenken und strukturieren. Wenn der oder die Dozierende genau aufzeigt, wohin das Seminar führen soll, wie es aufgebaut ist und zusammenhängt, dann fällt das Lernen meist leichter. Wichtig ist jedoch, die Dozierenden nicht für unnahbar zu halten, denn auch mit ihnen kann man diskutieren und auch sie lernen mit jedem Seminar hinzu. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Die Thematiken sind auf den Blickwinkel und das Wissen der Dozierenden begrenzt. Zudem kann durch einen schlechten Dozierenden die Thematik schnell eintönig und langweilig werden. Jedoch viel schlimmer: Seminare mutieren durch spannende oder vielversprechende Thematiken und beliebte Dozierende oft und sehr schnell zu Vorlesungen, da sie von bis zu 120 Studierenden besucht werden. Eine solche Größe er-

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schwert das interaktive Arbeiten enorm. Referate werden zu Vorlesungen, Studierende verstecken sich hinter der Masse der anderen, die Vorbereitung schleift und die Diskussionen kommen meist zu zaghaft. Die Möglichkeit in einer Diskussion Argumente auszutauschen geht verloren. Deshalb: auch mal zu einem/einer unbekannten Dozent_in gehen und die Seminarbeschreibungen genau durchlesen, vielleicht versteckt sich hinter einem sperrigen Seminartitel ja ein unverhofft packendes Semester. Probleme in Seminaren ergeben sich aus vielerlei Gründen: Zum einen weist der Vorwissensstand und das Niveau der Studierenden oft sehr große Unterschiede auf. Dies führt dazu, dass sich einige Studierende zurückhalten. Zweitens müssen von Woche zu Woche schwierige und lange Texte gelesen werden. Die Bearbeitung kann aus verschiedenen Gründen schwer fallen, manchmal liegt es einfach am aufzubringenden Wochenpensum oder schlechter Zeitplanung. Für den Dozierenden ist es dabei schwer festzustellen, ob die Literatur nicht gelesen oder nicht verstanden wurde oder ob die Teilnehmer_innen einfach eher zurückhaltend sind. Eine zu große Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden ist oft Grund für Redehemmungen mancher Seminarteilnehmer_innen. Dagegen gibt es selten einen Grund vor Dozent_innen zu kuschen. Entgehen kann man dem, wenn man sich in Lern- und Lesegruppen einfindet, in denen man vorab die Texte und Themen gemeinsam lesen und diskutieren kann. Ein weiterer Veranstaltungstyp ist die Lehrforschung. In der Lehrforschung wird Theorie und Methodik verbunden. Ziel ist die praktische Teilnahme an einem vollständigen Prozess empirischer Sozialforschung sowie die Erarbeitung und Durchführung eigener empirischer Arbeit. Dies bietet die Chance, die eigene Teamfähigkeit auszutesten und auch mal aus der Uni heraus zukommen, um zu untersuchen, was denn eigentlich in der Gesellschaft vor sich geht. Am lehrreichsten kann die Lehrforschung werden, wenn man eigene Forschungsfragen und Interessen einbringt. Die Veranstaltungen laufen meist über zwei Semester. Im ersten Semester geht es zunächst um die theoretische Vorklärung von Problemstellungen und das Erstellen, Spezifizieren sowie Operationalisieren von Hypothesen. In Vorbereitung auf das zweite Semester muss schließlich ein Forschungs- bzw. Untersuchungsdesign ausgewählt werden. Dieses bildet die Grundlage, auf der das Forschungsproblem und die Hypothesen analysiert bzw. gelöst werden sollen. Bei der Planung eines Forschungsdesigns müssen die Fragen geklärt werden, an welchem Untersuchungsobjekt was, wann, wie und wie oft beobachtet werden soll. Im zweiten Semester geht es dann hauptsächlich um das Erheben, Aufbereiten und Auswerten von den selbst erhobenen empirischen Daten, die in einem Forschungsbericht vorgestellt werden müssen.

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Wer dann noch Zeit und Muße hat, kann die Kolloquien der einzelnen Lehrstühle besuchen. In Kolloquien werden aktuelle Trends und Neuerscheinungen der jeweiligen Fachgebiete besprochen. Geleitet werden sie meist von den Lehrstuhlinhabern. Teilnehmen kann eigentlich jede_r, in der Regel sind dies aber die Mitarbeiter_innen des Lehrstuhls und Studierende höheren Fachsemesters, von denen man auf jeden Fall viel lernen kann. Oft werden auch Gastdozent_innen für einen Vortrag eingeladen. Weiterhin bietet das Kolloquium die Gelegenheit die eigene Abschlussarbeit vorzustellen und mit den Teilnehmern_innen zu besprechen. Wem keiner dieser Veranstaltungstypen liegt, dem bleibt nur, abgesehen von der Anwesenheitspflicht, selbst ein (autonomes) Seminar zu organisieren oder das Selbststudium! In welchem Rahmen man den Scheinerwerb bzw. ECTS zu leisten hat, steht in der Studienund Prüfungsordnung. Dort ist ebenfalls geregelt, welche Art von Veranstaltung und wie viele welcher Art besucht werden müssen. Es kommt also hauptsächlich auf die Studien- und Prüfungsordnung und die eigene Motivation im Studium an. Das Angebot an Vorlesungen und Seminaren, die unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb der Soziologie abdecken, ist meist sehr breit. Deshalb empfiehlt es sich, bereits im Grundstudium mehr Veranstaltungen, als von der Prüfungsordnung verlangt wird, zu besuchen. Dies bietet die Chance seinen eigenen Schwerpunkt (schnell) zu finden. Je früher der eigene Schwerpunkt gesetzt wird, desto effizienter kann man sein Studium strukturieren. In der Regel wird man sich bereits in den Einführungsveranstaltungen des ersten Semesters für einen bestimmten Themenbereich der Soziologie begeistern können, doch auch der Blick in andere (für einen selbst evtl. nicht ganz so interessante) Schwerpunkte, erweitert nicht nur allgemein den eigenen Horizont, sondern ermöglicht es grundlegend, einen breiteren Einblick in die Soziologie zu bekommen. Vor allem kommt es im Studium aber auf die eigene Motivation an: Siehst du das Studium als reine  „Ausbildungsstelle“  zum  Erwerb  eines   akademischen  Abschlusses,  dann  reicht   es  sicherlich,  einfach  die  „minimalen“  Anforderungen  der  Studien- und Prüfungsordnung zu erfüllen. Wenn du nicht nur den akademischen Abschluss im Blick hast, sondern mit dem Interesse am Verständnis der Soziologie als Wissenschaft und einer hohen intrinsischen Motivation an dein Studium heran gehst, dann sollte die Bereitschaft ein Seminar, eine Vorlesung oder einen selbst  organisierten  Lesekreis  neben  der  „normalen“  Anforderung  zu besuchen, von selbst entstehen.

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2. Welche Arbeitsweisen werden im Soziologiestudium ausgebildet und angewandt? 2.1. Lesen, diskutieren, recherchieren und Referate halten Von Simon Bohn

Man muss wohl feststellen, dass das Soziologiestudium heute vielerorts durch Lehr- und Lernmethoden bestimmt ist, die dem eigentlichen Charakter des Faches nicht gerade zuträglich sind. Vormals zentrale und äußerst fruchtbare Arbeitsweisen der Soziologie werden hingegen zum Teil systematisch zurückgedrängt. So ist das Bachelorstudium derzeit stark durch regelmäßige Klausuren geprägt, welche meist ein verhältnismäßig stures Pauken erfordern, so wie man es  (leider)  auch  aus  der  Schule  gewöhnt  ist.  Dass  dieses  alte  „Trichter-Prinzip“,  nach  welchem   die (angeblichen) Fakten nur anständig gebüffelt werden müssen (wobei sie nach der Klausur natürlich schleunigst wieder in Vergessenheit geraten), schon in der Schule für die wenigsten „Lerntypen“  angemessen  ist  und  auch  im  Studium  nicht  besser  funktioniert,  zeigen  Erkenntnisse aus der Erziehungswissenschaft schon seit Jahrzehnten. Und inzwischen regt sich auch in verschiedenen Kreisen aus Wirtschaft und Wissenschaft Kritik, denn viele wichtige Fähigkeiten, wie die intensive eigenständige Auseinandersetzung mit einem Thema, ausgeprägte Lesekompetenzen und ein ausreichendes Maß an Kreativität, bleiben bei der Ausbildung von Soziolog_innen in den letzten Jahren oft auf der Strecke. Daher ist die nachfolgende Beschreibung von Arbeitsweisen während des Soziologiestudiums auch ein Stück weit von ideellen Vorstellungen geprägt, welche nicht mehr uneingeschränkt von allen soziologischen Instituten in Deutschland verfolgt bzw. häufig erst für den Masterstudiengang wieder ernsthaft ins Auge gefasst werden können. Am Anfang der meisten sozial- und geisteswissenschaftlichen Tätigkeiten steht das Lesen wissenschaftlicher und zum Teil auch sehr schwieriger Texte. Selten muss man ganze Bücher lesen; stattdessen gilt es, den Umgang mit den zur Verfügung stehenden Quellen zu erlernen und bei der Arbeit in der Bibliothek schnell die richtigen Kapitel und die spannendsten Texte aus der schier unendlichen Fülle von Literatur auswählen zu können. Als angehende_r Soziologiestudent_in muss man sich darauf einstellen, jede Woche mindestens sechs Stunden mit intensiver Lesezeit zu verbringen, häufig sind es mehr. Dabei ist es gerade am Anfang des Studiums zum Teil schwierig, die Texte und wesentliche Inhalte dieser überhaupt zu verstehen, weshalb man einzelne Passagen doppelt lesen muss und gewisse Techniken im Umgang mit Texten unabdingbar sind.

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Zu den einzelnen Seminarsitzungen sind meist Texte im Umfang von etwa 40 Seiten zu lesen. Spätestens bei der Erarbeitung eines Referats oder einer Hausarbeit wird das Lesen jedoch zur Hauptbeschäftigung, in der es selten darum geht, einfach nur bestimmte Daten und Fakten aus dem Text herauszufiltern. Stattdessen müssen Argumentationsmuster erkannt, spezifische Stilmittel der Autoren verstanden und theoretische Verbindungen zu anderen Autoren und Schulen nachgewiesen werden. Ausreichende wissenschaftliche Lesekompetenzen stellen sich bei den meisten Studierenden erst nach einigen Semestern ein, aber es ist durchaus zu empfehlen, sich einschlägige Lesetechniken und Methoden der Textarbeit schon frühzeitig anzueignen (Literaturempfehlung: Martha Boeglin: Wissenschaftliche Arbeiten Schritt für Schritt.). Zweitens werdet ihr in eurem Soziologiestudium zahlreiche Vorträge halten müssen. Die Erarbeitung eines Themas anhand komplexer wissenschaftlicher Texte, die anschauliche Präsentation und eine rhetorisch sowie argumentativ ansprechende Vortragsweise sind dabei in der Regel extrem wichtig. Die konkreten Inhalte rücken in der langfristigen Perspektive sogar fast ein wenig in den Hintergrund; sie werden nicht nur von euren Kommilitonen sondern von euch selbst vermutlich schnell wieder vergessen. Zentral sollte für euch sein, verschiedene Vortragsweisen (Thesen, Stundengestaltung etc.), Redestile (z.B. Erläutern oder Argumentieren) und Präsentationsmedien (Beamer, Overhead-Projektor, Tafel, Flipchart, Moderationstafel) auszuprobieren, stets mit großer Energie an der Verständlichkeit und der argumentativen Struktur des Referats zu arbeiten und dadurch  nach  und  nach  euer  kleines  „Theaterstück“,  denn  als  nicht   anderes solltet ihr jeden neuen Vortrag verstehen, zu perfektionieren. Rhetorik, Argumentation und Stil, dies alles sind für die Wissenschaft im Allgemeinen und die Soziologie im Speziellen sehr wichtige Elemente. Sie sind für das, was als Wahr akzeptiert oder als wahrheitsfähig präsentiert wird, meist wichtiger als man gemeinhin denkt. Eine Beschäftigung mit diesen Methoden des argumentativen Überzeugens und der sachlichen Einwirkung auf wissenschaftliche Diskurse ist daher während des Studiums unabdingbar. Die zahlreichen Referate während eures Studiums sind dafür ein prima Übungsfeld. Zuletzt möchte ich über das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten sprechen. Üblicherweise unterscheidet man in der Soziologie zwischen der Form des Essays und der klassischen Hausarbeit, ihr werden aber möglicherweise auch Rezensionen, Praktikumsberichte oder etwa Auswertungsberichte über statistische Erhebungen schreiben müssen. All diese verschiedenen wissenschaftlichen Formen verlangen unterschiedliche Arbeits- und Schreibweisen und nur eine spezielle Einführung in die wissenschaftlichen Arbeitstechniken (also ein extra Seminar, welches auf jeden Fall im ersten oder zweiten Semester angeboten wird) sowie die jeweils von den Instituten zur Verfügung gestellten Leitfäden können angemessen über die ver-

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schiedenen Anforderungen informieren. Auch hier gibt es zum Teil sehr gute und ausführliche Beschreibungen, wie man eine solche schriftliche Arbeit anfertigt und wodurch sie sich formell, stilistisch und inhaltlich von anderen wissenschaftlichen Formen unterscheidet. (Literatur: Bänsch, Axel: Wissenschaftliches Arbeiten, München u.a.: Oldenbourg; Eco, Umberto: Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Heidelberg: Müller (UTB); Theisen, Manfred: Wissenschaftliches Arbeiten. Technik – Methodik – Form, München: Vahlen.) (Tipp: manchmal gibt es von anderen Instituten sehr viel brauchbarere Leitfäden und Arbeitshinweise. Hier lohnt sich eine kurze Recherche im Internet, falls man mit den Materialangeboten der eigenen Lehrveranstaltung unzufrieden ist. Wichtig: Bevor ihr euch auf die Hinweise eines Leitfadens stützt, besprecht diesen nochmal mit eurer_m jeweiligen Dozent_in. Was jedoch für (fast) alle schriftlichen Arbeiten gilt: Sie nehmen viel Zeit in Anspruch! Denn für jedes wissenschaftliche Problem gibt es verschiedene Möglichkeiten, es zu präsentieren. Jedes einzelne Kapitel kann diesen oder einen ganz anderen argumentativen Aufbau bekommen und schließlich ist jeder einzelne Satz das Ergebnis von vielen kleinen Zufällen und bewusst gewählten Wortkombinationen. Das Schreiben von Texten wird also zu einem großen Spiel, bei dem ihr permanent experimentieren und sukzessive euren eigenen Stil entwickeln könnt. Denn Schreiben  ist  in  der  Soziologie  in  den  seltensten  Fällen  bloßes  „Aufschreiben“  von   Informationen. Das Schreiben von Texten ist während des Studiums in der Regel eine ganz zentrale Beschäftigung; das Formulieren von komplexen Gedankengängen und interessanten gesellschaftlichen Phänomenen in wissenschaftlicher, aber zugleich auch ansprechender Form ist eine wesentliche Aufgabe des/r Soziolog_in.

2.2. Methoden der empirischen Sozialforschung Von Jan Kalies

Im Grunde ist jede_r schon vielfach mit den Ergebnissen der empirischen Sozialforschung in Berührung gekommen, auch wenn dies bisher noch nicht so klar war. Immer wenn in Magazinen, Büchern, Zeitschriften oder im Fernsehen bunte Graphiken abgebildet werden oder wenn Statistiken über die neuesten Wahlergebnisse, Umfragen in der Fußgängerzone oder Geburtenraten visualisiert werden, bedient man sich dabei an Methoden, die auch in der Soziologie Gang und Gäbe sind. Die Soziologie ist eine empirische Wissenschaft, dass heißt, sie erhebt systematisch Daten über soziale Sachverhalte durch Verfahren wie Beobachtungen, Befragun-

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gen oder Interviews und wertet diese aus. Die Schlüsselqualifikationen für die Durchführung solcher Studien werden im Studium erlernt und bilden ein wichtiges Fundament im Berufsfeld der meisten Soziolog_innen. Ziel der empirischen Soziologie ist es, sichere Aussagen über einen Forschungsgegenstand zu formulieren und dabei so vorzugehen, dass das Zustandekommen der Forschungsergebnisse für alle am Wissenschaftsprozess Beteiligten nachvollziehbar und prinzipiell wiederholbar ist. Ein Forschungsprojekt beginnt im Allgemeinen mit theoretischen und begrifflichen Vorüberlegungen, einer thematischen Eingrenzung und einer präzise formulierten Forschungsfrage. Danach entwirft man einen Arbeitsplan und entscheidet, mit welchen Erhebungs- und Auswertungsverfahren man neue Informationen erfassen und bearbeiten will. Hierzu teilt man die üblichen Erhebungsmethoden danach ein, ob durch sie entweder eine möglichst große Zahl von soliden Daten in einem weit gestreuten Forschungsfeld erhoben (quantitative Datenerhebung), oder ob nur wenige Personen ganz intensiv mit ihren genauen Aussagen, Gefühlen und Wahrnehmungen in den Fokus der Untersuchung gerückt werden sollen (qualitative Datenerhebung). Man kann sich diese Unterscheidung ganz gut am Beispiel von Dokumentarfilmen verdeutlichen. Stellen wir uns eine Doku über Konsum in der DDR vor: Wenn einzelne Zeitzeugen darin über ihre liebsten Produkte befragt werden, sie über ihren täglichen Einkauf und über Engpässe im Warenangebot, kurz, über ihre Erfahrungen erzählen, handelt es sich um eine qualitative Befragungsmethode. Werden hingegen Statistiken über das Konsumverhalten der DDR-Bürger im Allgemeinen präsentiert, dann sind diesen quantitative Forschungsmethoden vorhergegangen. Die empirische Sozialforschung arbeitet, ganz gleich ob es sich um quantitative oder qualitative Forschung handelt, nach einem dem jeweiligen Forschungsgegenstand angepassten Regelsystem und versucht, die erhobenen Daten zu ordnen, zu systematisieren und schließlich Phänomenbereiche, die wiederholt auftreten und ein erkennbares Muster aufweisen, kontrolliert zu verallgemeinern. Im Studium werdet ihr mit beiden methodischen Ausrichtungen mehr oder weniger vertraut gemacht. Auch hier empfiehlt es sich, vorher zu schauen, wie das soziologische Institut an der entsprechenden Uni ausgerichtet und welche Forschungsmethoden in der wissenschaftlichen Praxis am meisten verwendet werden. Gerade wer sich für qualitative Forschungsmethoden und spezielle Methoden, wie etwa die Diskursanalyse interessiert, muss genauer hinsehen, ob diese im Lehrplan ausreichend Beachtung finden. Häufiger wird man hingegen eine intensive Ausbildung im Bereich der quantitativen Datenerhebung und vor allem ihrer Auswer-

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tung mittels Statistik erleben. Das heißt auch, dass ihr mit einem Studium der Soziologie keineswegs um Mathematik herum kommt. Im Gegenteil! Auch wenn in der Regel keine außergewöhnlichen Mathematikkenntnisse vorausgesetzt werden, ist eine Auseinandersetzung mit den mathematischen Zusammenhängen, Formeln und Berechnungen, mit denen Statistikprogramme (z.B. SPSS, STATA und andere) arbeiten, unabdingbar. Oft wird unterschätzt, wie zentral die Statistikveranstaltungen in der soziologischen Grundausbildung sind, weshalb viele Studierende an diesen etwas trockenen Veranstaltungen scheitern oder aufgrund mangelnder Motivation (bspw. für Formeln und Rechenaufgaben) ihr Studium frühzeitig aufgeben müssen.

3. Welche Prüfungsformen gibt es? Von Katrin Schwarz

Dem Bachelor-Studium wird im Allgemeinen nachgesagt, es würde durch seine ständigen Prüfungen sämtliche Zeitressourcen des Studierenden auffressen und durch den Lerndruck, der hinter dem Studium steht, Nerven und Lebensfreude verschlingen. Ganz so dramatisch sieht es aber doch nicht aus. Sicherlich gibt es Phasen, in denen viele Prüfungen anstehen, der Zeitdruck größer ist und enorm viel von den Studierenden verlangt wird, aber es ist keinesfalls unmöglich, diese Leistungen auch zu erbringen. Man sollte nur darauf achten, den Überblick zu behalten. Mit einer vernünftigen Organisation und einem guten Zeitmanagement bekommt man alle Prüfungen unter einen Hut. Grundlegend für jeden Studierenden ist seine Prüfungsordnung. In dieser ist genau aufgeschlüsselt, welche Leistungen im Laufe des Studiums zu erbringen sind: „Das  Bachelor-Studium an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften umfasst eine Gesamtleistung von 180 Leistungspunkten (LP) nach dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS). Soziologie ist als Kernfach im Umfang von 120 LP (einschließlich 10 LP Bachelor-Arbeit und 20 LP Schlüsselqualifikationen) mit einem Ergänzungsfach (60 LP) oder als Ergänzungsfach (60 LP) zu wählen. Pro Studienjahr sind in der Regel 60 Leistungspunkte zu erwerben, die sich aus den Lehrangeboten des Kernfaches und des Ergänzungsfaches zusammensetzen. Die Bachelor-Arbeit schließt das Studium ab. Das Studium im Kernfach Soziologie (120 LP)besteht aus 8 Pflichtmodulen und 5 Wahlpflichtmodulen.(...) Das Studium im Ergänzungsfach Soziologie (60 LP) besteht aus 2 1 Pflichtmodulen und 5 Wahlpflichtmodulen.“

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nfach und Ergänzungsfach in Studiengängen mit dem Abschluss Bachelor of Arts. Stand vom: 05.01.2009. Unter: http://www.uni-jena.de (download am 14.06.2011).

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Ein Blick in die Prüfungsordnung lohnt sich, da einem dadurch am Ende des Studiums der Schock erspart bleibt, welcher droht, wenn einem kurz vor der Angst auffällt, dass die Hälfte an zu erbringenden Leistungen noch fehlt. Um Leistungspunkte (ECTS) sammeln zu können, muss man verschiedene Prüfungsarten meistern, mit denen man oft schon im ersten Semester konfrontiert ist. Zum einen gibt es schriftliche Prüfungen: Klausuren, Essays oder Hausarbeiten. Klausuren finden meist am Ende jedes Semesters statt und umfassen etwa 1 ½ Stunden. Der Schwierigkeitsgrad von Klausuren variiert stark, je nach Art der Klausur, dem Thema und dem/der Dozent_in der Lehrveranstaltung. Meist bekommt man aber im Seminar oder in der Vorlesung bereits gute Ratschläge, wie man sich vorbereiten sollte. Grob kann man zwei Arten von Klausurfragen unterscheiden. Erstens: offene Fragen, auf die man je nach Frage kürzer oder länger antworten kann. Zweitens: Multiple-Choice-Fragen, bei denen mehrere Antwortmöglichkeiten zu jeder Frage vorgegeben werden, aus denen man auswählt. Zu den schriftlichen Prüfungsarten zählt auch das Verfassen von Hausarbeiten oder Essays. Diese können je nach Lehrveranstaltung  seminarbegleitend  oder  in  den  „Semesterferien“  angefertigt werden. Eure Dozent_innen werden euch am Anfang des Seminars genau erklären, wie die Anforderungen für schriftliche Ausarbeitungen sind und wann ihr sie abzugeben habt. Ziel von Essays und Hausarbeiten ist es, wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen. In der Regel findet man einen Leitfaden zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten auf der Homepage des Instituts. Darin ist erklärt, was darunter zu verstehen ist und es werden gleichzeitig die Anforderungen und Bewertungen transparent gemacht. Neben der konkreten Ausarbeitung — Hausarbeiten umfassen ca. 15 Seiten, Essays sechs Seiten — geht es im Besonderen um die Entwicklung einer Fragestellung, der Eingrenzung des Themas und den Umgang mit sowie der Recherche nach Literatur. Ich persönlich kann nur empfehlen zur Sprechstunde des/der Dozent_in zu gehen, wenn ihr euch irgendwie unsicher seid. In der Sprechstunde kann man sich gute Tipps zum speziellen Thema und zur Literatur holen. Außerdem beruhigt es die Nerven, wenn man weiß, dass die eigene wissenschaftliche Arbeit den richtigen Ansatz hat. Wenn man mit dem oder der Dozent_in spricht, bekommt man meist schnell ein Gefühl dafür, was ihm für Hausarbeiten und Essays wichtig ist. Weiterhin müssen Studierende der Soziologie auch mündliche Prüfungsleistungen erbringen. Dazu zählen Referate und mündliche Prüfungen zu einem bestimmten Thema. Referatsthemen werden meist in der ersten Semesterwoche im Seminar vergeben und sind dann in einer der folgenden Seminarsitzungen vorzustellen. Der zeitliche und inhaltliche Umfang der

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Präsentation wird vom/ von der Dozent_in festgelegt. Mündliche Prüfungen sind oft sehr nervenaufreibend, aber wenn man sich vorher gut mit seinem/seiner Dozent_in abspricht, sind sie in jedem Fall machbar. Ziel ist es ein ausreichendes Grundwissen aus der Veranstaltung nachzuweisen sowie Zusammenhänge zu erkennen und einzuordnen. Schlüsselqualifikationen sind auch Teil des Bachelor-Studiums. Diese bestehen in Jena aus einem   Modul   „fachspezifische   Schlüsselqualifikationen“   und   einem   berufsfeldorientierten   Praktikumsmodul. Die Schlüsselqualifikationen umfassen meist die Vertiefung fachspezifischer Fremdsprachenkenntnisse (in der Regel Englisch) und Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens. Im Rahmen des berufsfeldorientierten Praktikumsmoduls soll ein Praktikum von mindestens sechs Wochen Dauer absolviert werden. Das Praktikum muss einen soziologischen Schwerpunkt haben, ansonsten obliegt es euch, wo ihr es machen wollt. Als Leistungsnachweis im Praktikumsmodul dient ein Praktikumsbericht, der am Ende des Praktikums verfasst werden soll. Hilfe bei der Suche nach einem Praktikumsplatz bekommt ihr bei der Praktikumsbörse des Instituts oder des Fachschaftsrats, welche auch regelmäßig Informationsveranstaltungen zum Thema Praktikum anbieten. Mit dem Praktikum wird dir die Möglichkeit gegeben, dein erworbenes Wissen praktisch anzuwenden und die konkrete Arbeitssituation von Soziolog_innen kennen zu lernen. Mit Hilfe der bereits erlangten Qualifikationen sollen tätigkeitspezifische Probleme definiert, analysiert und Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden. Ein Praktikum dient also dazu die Inhalte und erlernten Kenntnisse des eigenen Studiums anwenden und kritisch überprüfen zu können. Die Bachelorarbeit ist die letzte Studienleistung, die im Rahmen des Bachelor- Studiums erbracht werden muss. Ziel der Bachelorarbeit ist es nachzuweisen, dass in einer vorgegebenen Frist ein Problem nach den wissenschaftlichen Standards selbständig bearbeitet werden kann. Der Umfang der Bachelor- Arbeit beträgt ca. 40 Seiten, die in zwölf Wochen geschrieben werden sollten. Thema und alles andere sind mit eurem/eurer Betreuer_in zu besprechen. Der Modulkatalog ist ein weiteres wichtiges Instrument, um den Überblick im ECTSDschungel zu behalten. Im Gegensatz zur Prüfungsordnung ist im Modulkatalog sehr detailliert aufgeschlüsselt, welche Art, welchen Umfang und welche Anforderung die Prüfungsleistungen der einzelnen Modulen haben. Das letzte Wort hat aber dennoch der/die Lehrbeauftragte. Sehr hilfreich finde ich den Musterstudienplan. Dieser zeigt anschaulich, wann man am besten welche Leistung erbringt. Da viele Lehrveranstaltungen thematisch aufeinander aufbauen und auch nicht jedes Semester angeboten werden, ist der Musterstudienplan die einfachste Möglichkeit, alles richtig zu machen. Er sollte von einer individuellen Gestaltung des Studiums jedoch nicht abhalten.

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Das Wichtigste zum Schluss: Die Noten der Fachmodule gehen in die Abschlussnote ein. Die Note eines Moduls ergibt sich dabei aus den zu leistenden Teilprüfungen. Schlüsselqualifikationen müssen nur bestanden werden, beeinflussen die Abschlussnote demnach nicht. Scheut euch nicht davor nachzufragen. Sei es beim/ bei der Dozent_in, beim Prüfungsamt, bei der Studienberatung oder bei euren Mitstudierenden. Nutzt auch Informationsveranstaltungen und die Studieneinführungstage (STET). Wenn ihr den Überblick behalten könnt, bleibt euch auch genug Zeit für die schönen Seiten des Studierendenlebens.

4. Vom Bachelor zum Master? Von Katharina Warda

Bachelorarbeit abgegeben, alle Prüfungen absolviert und das Abschlusszeugnis beim Prüfungsamt abgeholt. Den Bachelorabschluss der Soziologie also in der Tasche, aber was nun? Ähnlich wie nach dem Abi stehst du jetzt wieder vor dieser Frage: Was mache ich als nächstes? Was fange ich mit meinem Abschluss an? Die Hauptfrage, die du für dich beantworten musst, ist ob du dein Studium fortsetzt oder gleich ins Berufsleben einsteigst. Beide Optionen bringen eine Fülle an Vor- und Nachteilen mit sich. Diese für sich abzuwägen, um zu einer Entscheidung zu gelangen, liegt voll und ganz bei dir. An alle die, die in Betracht ziehen, ihr Studium fortzusetzen und ein Master-Programm zu beginnen, richtet sich der folgende Text. Zu Beginn stellen sich dir wahrscheinlich ähnliche Fragen wie vor deinem Bachelorstudium: Was studieren? Wo studieren? Wie einschreiben und wie studieren? Im Gegensatz zum Bachelorstudium wird, bekanntermaßen, zum Masterstudium nur eine Auswahl an Studierenden zugelassen. Das klingt erst einmal verunsichernd, hat aber auch seine Vorteile. Viele Soziologie-Bachelorstudiengänge   sind   „überfüllt“:   volle   Hörsäle,   anonyme   Seminare und im höchsten Maße standardisierte Prüfungsverfahren, wie die oft verwendete Multiple-Choice-Klausur, sind Studienalltag. Das verringert die Lernqualität und schafft Unmut auf Seiten der Dozierenden und vor allem auf Seiten der Studierenden. Hinzu kommt ein inhaltlich sehr auf Basiswissen ausgerichtetes, aber vom Pensum straffes Studienprogramm, das wenig Möglichkeiten und besonders kaum Zeit für individuelle Spezialisierungen lässt. Mit „mehr  Zeit“  können  die  meisten  Masterstudiengänge  auch  nicht  werben,  aber  anderes ändert sich schon. Nur ein geringer Teil der Bachelorabsolvent_innen entscheidet sich für einen Masterstudiengang. Da diese oft recht speziell sind, sucht man sich idealerweise bereits den aus, der den 25


eigenen Interessen am nächsten kommt. Insofern ist die Studienmotivation im Regelfall schon zu Beginn des Studiums sehr hoch. Der damit häufig verbundene Universitäts- und Ortswechsel, also „Neustart“, trägt sein Übriges dazu bei. Durch die geringere Zahl an angebotenen Plätzen   und   dem   damit   verbundenen   „Aussiebe-Verfahren“   der   Universitäten   soll   noch   verstärkt dafür gesorgt werden, dass sich hauptsächlich qualifizierte und hoch motivierte Studierende einschreiben. Master-Studierende berichten häufig von der guten Lernatmosphäre, die dadurch in ihren Studiengängen herrscht. Oft affiziert das auch die Lehrenden, die dann in kleineren, persönlicheren Seminaren tätig sein können. Prüfungen verlaufen nun an vielen Unis eher durch individualisierte Verfahren. Dabei sind Hausarbeiten, Essays und mündliche Prüfungen die Hauptprüfungsmodalität. Trotz all der Vorteile wird sich am Tempo und der rigiden Prüfungsordnung, die du bereits aus deinem Bachelorstudium kennen müsstest, nicht viel ändern. Das bringt der Elitecharakter, der dem Master anheftet, ebenso mit sich, wie ein eventuell ansteigendes Konkurrenzverhalten zwischen den Kommiliton_innen bzw. die bereits erwähnten zum Teil sehr eingeschränkten Zugangschancen. Hinzu kommt, dass Neuanfang auch Neueingewöhnung heißt. Anderer Ort, andere Uni und neuer Studiengang bedeutet auch, sich wieder völlig neu zurechtfinden zu müssen. Das kann seine Zeit beanspruchen und Stress mit sich führen. Davon solltest du dich aber nicht verunsichern lassen. Das geht den meisten so und birgt auch Chancen in sich. Wenn du dich entschieden hast ein Masterstudium zu beginnen, stehst du natürlich zu aller erst vor dem Problem, einen Studiengang auszusuchen. Das Angebot ist groß und in sich sehr verschieden. Entsprechend deiner Interessenlage, die du während des Bachelorstudiums ausgebildet hast, gilt es nun auszuwählen. So ist zu überlegen, ob man mit einem Master in Soziologie weitermachen möchte. Der ist zwar oft relativ allgemein konstituiert, kann aber dadurch breit gefächerte Interessen vereinen, ohne zu sehr festzulegen. Für die, die eine Fachrichtung (z.B. Wirtschaftssoziologie) fokussieren wollen, eignen sich eher speziellere Masterstudiengänge, die genau das abdecken (z.B. MA Wirtschaftssoziologie, Universität Trier). Ebenso eignen sich interdisziplinäre Studiengängen, die neben speziellen soziologischen Themen anverwandte Themen aus anderen Bereichen unter einem Spezialgebiet vereinen und es so multiperspektivisch beleuchten. So kannst du dein Interesse an z.B. Geschlechterforschung durch einen Master in Gender Studies (z.B. HU Berlin) weiterverfolgen oder Interessengebiete, wie Raum-, Stadt- und Architektursoziologie, durch einen Master in Urbanistik (z.B. BauhausUniversität Weimar) zusammenführen und ergänzen. Der Bachelorabschluss in Soziologie kann aber auch Basis für einen ganz anderen Masterabschluss sein. Es gibt eine große Zahl an Aufbaustudiengängen, die an sich sehr spezielle The-

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men behandeln, denen als Zugangsvoraussetzung aber ein Abschluss in einem inhaltlich ähnlichen Fach bzw. lediglich irgendein Bachelorabschluss genügen. Je nach Interessen und Vorlieben tun sich so sehr viele andere Möglichkeiten auf (z.B. M.A. Zentralasienstudien, HU Berlin). Wie bereits gesagt, die Auswahl ist groß und kann nur bewältigt werden, wenn du dir selbst einen fachlichen Schwerpunkt setzt. Neben inner-soziologischen Interessen, bzw. denen aus deinem Nebenfach, ist es auch immer ratsam auf die Realisierung von Berufswünschen bzw. Promotionsvorhaben zu achten und mit dem gewählten Master darauf hin zu arbeiten. Ebenso wichtig wie das richtige Thema, ist es die richtige Universität zu finden. Ist dein Masterprogramm sehr speziell, kann es sein, dass es nur von einer Uni angeboten wird. Einige Studiengänge begegnen dir aber auch im Studienprogramm vieler verschiedener Unis. Sie unterscheiden sich auf den ersten Blick nur marginal, bzw. gar nicht. Genauso aber wie beim Bachelor können Studiengänge mit gleichem Titel an den verschiedenen Unis stark differieren. Das gilt für Struktur und Didaktik, aber vor allem für die gelehrten Inhalte. Auf deine fachlichen Schwerpunkte ist auch hier zu achten. Je nach dem in welcher Tradition die Soziologie bzw. das andere Fach an der Uni steht und welche Wissenschaftler_innen an ihr lehren, liegt der Fokus verstärkt auf Theorie oder Empirie, wird auf manche Inhalte mehr Wert gelegt als auf andere und werden gelehrte Inhalte auch unterschiedlich betrachtet und ausgelegt. Gerade wenn du dich für einen Master in Soziologie entscheidest, wirst du, genauso wie beim Bachelor, starke Unterschiede zwischen den einzelnen Unis feststellen. Wähle also am besten schon von Anfang an eine Uni, deren Ausrichtung und Studienschwerpunkte dir zusagen. Das Durchstöbern der aktuellen und vergangenen Vorlesungsverzeichnisse, ebenso wie Projekte der einzelnen Lehrstühle und Publikationslisten der Dozierenden vor Ort, sind beim Finden der für dich richtigen Uni mehr als hilfreich. Auch Kooperationen mit ausländischen Unis und (Forschungs)Assoziationen können dabei bedacht werden. Ein Studienwechsel nach einer Fehlentscheidung ist natürlich immer möglich, aber nicht alle Studierenden sind dazu in der Lage, z.B. wegen Einschränkungen durch das BAföG-Amt. Ein weiterer Punkt, den du bedenken kannst, ist der Ruf der Uni. Sicher ist ein guter Ruf ein gutes Zeichen für eine hervorragende Lehre, aber dabei ist darauf zu achten, auf welche Studienfächer sich dieser Ruf bezieht. Wie viele Nobelpreisträger_innen eine Universität hervorgebracht hat, sagt nicht viel über die Qualität der an ihr gelehrten Soziologie aus, deren Ruf aber für dich entscheidend sein sollte. Das herauszufinden ist manchmal nicht leicht. Von einigen Unis, an denen man gut bis sehr gut Soziologie studieren kann, hat man eventuell schon mal während des Studiums gehört. Um mehr heraus zu finden, kann man Freunde und Bekannte fragen, die an anderen Unis Soziologie studieren. Auch die Studienberatung und Dozent_innen

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kann man konsultieren. Letztere kennen häufig auch Studienschwerpunkte einzelner Unis. Ein objektiveres Verfahren sind Ranking-Listen. Die sind meinungsbildend und verbreiten den Ruf einer Uni. Auch wenn das Vergleichen der Unis durch die simple Gegenüberstellungen sehr einfach und schnell geht, sollte man Rankings mit Vorsicht genießen und sich mehr Informationen einholen, bevor man sich ein Urteil bildet. Noch ein wichtiger Punkt, der hier mehrmals anklang, ist die Prominenz der Wissenschaftler_innen an einer Uni. Einige Namen von gegenwärtig lehrenden Soziolog_innen habt ihr während eures Studiums sicher häufiger gehört als andere. Das kann mit der Ausrichtung eures Bachelors zusammenhängen, sagt aber auch etwas über die Bedeutung dieser Wissenschaftler_innen im gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurs aus. Hoch renommierte Wissenschaftler_innen an einer Uni tragen viel zum Ruf und zur Qualität der dortigen Lehre bei und setzten vor allem inhaltliche Schwerpunkte. Sich die Mitarbeiter_innenlisten der einzelnen Universitäten im Fach Soziologie anzusehen, bietet eine weitere gute Orientierungshilfe. Auch wenn sich die Mehrheit derer, die einen für sich geeigneten Master-Platz suchen, in Deutschland orientieren, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass das keine Selbstverständlichkeit sein muss. Der Bolognaprozess ist eine europaweite Initiative, zur Entwicklung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums. Bachelor- und Master-Programme werden immer häufiger in den verschiedensten Ländern Europas angeboten, z.T. auch in einer viel längeren Tradition als in Deutschland. Hinzu kommt eine hohe Anzahl an international ausgelegten Master-Programmen, deren Anzahl jährlich steigt und die in den unterschiedlichsten Ländern zu finden sind. Das Masterstudium im Ausland wird unter den gleichen Bedingungen wie das im Inland durch BaföG gefördert. Darüber hinaus gibt es einen großen Pool an nationalen und internationalen Stiftungen, die Stipendien dafür anbieten. Trotz all der Vorteile, die durch extra Skills, wie zusätzlichen Erwerb von Sprachkenntnissen und transkultureller Erfahrungen, noch komplementiert werden, ist hier auch oft mehr Organisationstalent und -wille gefragt. Die Auswahl an Möglichkeiten ist wesentlich höher und die fremde Kultur und evtl. Sprache machen die Organisation nicht leichter. Dennoch handelt es sich hierbei um eine nicht zu vernachlässigende Option, über die es sich lohnt einmal nachzudenken. Erstmal  entschieden  für  einen  Studiengang  fehlt  „nur  noch“  die  Bewerbung. Die Modalitäten dafür können sich von Uni zu Uni stark unterscheiden. Die Abschlussnote ist immer wichtig bei Studiengängen, auf die sich mehr Studierende bewerben als Plätze zur Verfügung stehen, muss aber nicht das letzte Wort sprechen. Manche Master-Programme haben eigene Auswahlverfahren, die zumeist aus verschiedenen Tests und anzufertigenden Arbeiten bestehen. Praxiserfahrungen, Fremdsprachenkenntnisse und andere Qualifikationen können ebenfalls

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verlangt bzw. in das Entscheidungsverfahren mit einbezogen werden. Für den Großteil der Soziologie-verwandten Master-Programme genügt es allerdings, (ähnlich) wie beim Bachelor, Antragsformulare auszufüllen, das Abschlusszeugnis anzuhängen und Daumen zu drücken, dass man angenommen wird. In diesem Sinne viel Erfolg beim Bewerben!

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IV. Soziologie jenseits von Credit Points, Stundenplan und Modulkatalog. Wie sieht dein Studium neben dem obligatorischen Studienalltag aus? 1. Welche Möglichkeiten bieten sich am Institut erste wissenschaftliche Arbeit aufzunehmen? Von Michael Wutzler

Während meines ersten Semesters an der Uni habe ich mich oft gefragt, wer denn dieser Typ ist, der zu Beginn der Vorlesung dem Professor immer die Technik vorbereitet (manchmal sah es so aus, als würde er ihm den ganzen Tag hinterher dackeln). Oder wunderte mich, wie es kommt, dass die Seminarlektüre und die Power-Point-Präsentationen so schnell im Netz verfügbar sind. Und die, die mit einem riesigen Stapel an Büchern und Zeitschriften jedes Mal den Kopierer besetzte, ging mir schon lange auf die Nerven. Nur für meinen Tutor, der mir wichtige Tipps gab und bei dem ich alle offenen Fragen loswerden konnte, empfand ich Sympathie. All diese Situationen beschreiben Tätigkeiten, die von studentischen Hilfswissenschaftler_innen (Hiwis) ausgeführt werden. Aber die Mitarbeit am Institut ist nicht nur auf diese Tätigkeiten begrenzt. Hiwis sind studentische wissenschaftliche Hilfskräfte, die den Lehrstühlen zur Unterstützung ihrer Forschungsarbeit dienen. Aber auch in der universitären Verwaltung, in Bibliotheken oder in angeschlossenen Sonderforschungsbereichen sind Hiwis angestellt. Sie arbeiten als Tutor_in, korrigieren Übungsaufgaben oder Klausuren, warten PCs, redigieren Arbeiten, bearbeiten Websites oder recherchieren, kopieren und arbeiten in Bibliotheken usw. Die Liste der Hiwi-Tätigkeiten ist lang und die Möglichkeit der studentischen Beschäftigung am Institut vielfältig und sehr gefragt. Hiwis müssen Prüfungen ablegen, wie jeder andere Studierende auch, aber die jeweiligen Tätigkeiten geben ihnen die Möglichkeit, Einblicke in konkrete wissenschaftliche Arbeit zu bekommen und gleichzeitig Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, die einem auch in der Zukunft nützlich sind. Darüber hinaus sind Hiwis ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Lehre und Forschung. Sie halten die Uni am Laufen. Ein Hiwi-Job ist nicht nur ein gute und meist flexible Art und Weise das Studium zu finanzieren, mitunter sind Hiwi-Tätigkeiten der erste Schritt in eine akademische Karriere. Beispielsweise als Mentor_in zu den Studieneinführungstagen: Damit du dich vor Beginn des Studiums nicht verloren fühlst, gibt es für alle neuen Studierenden die Möglichkeit zu den 30


Einführungstagen alles Wichtige über das Studium und das Studierendendasein zu erfahren. Neben einem allgemeinen Teil gibt es fächerspezifische Veranstaltungen, die von Studierenden, den Mentor_innen, organisiert werden. Darunter fallen sowohl Veranstaltungen zur Einführung und Erläuterung der Studiengänge, eine Bibliotheksführung, ein Stadtrundgang als auch die Präsentation des Fachschaftsrats, das Zusammenbringen der Professor_innen für die Vorstellung der Lehrstühle und schließlich Kleingruppenarbeit, in der die Erstsemester alle noch offenen Fragen durch die studentischen Mentor_innen beantwortet bekommen. Als Tutor_in veranstaltet man in Begleitung zu Vorlesungen oder Seminaren der ersten Semester eigene Veranstaltungen, in denen die Studierenden alles Offengebliebene oder Nichtverstandene diskutieren können. Dabei wird man als Tutor_in nicht nur rhetorisch geübter, sondern lernt auch, wie man Argumente zuspitzen und konkretisieren kann. Einen besonderen, lehrreichen und spannenden Einblick in die Abläufe des Instituts sowie der Forschungsarbeit bekommt man als Lehrstuhl-Hiwi oder Hiwi in einem Forschungsprojekt. Hier ist man direkt in konkrete Forschungsarbeit und den alltäglichen Ablauf am Institut integriert. Die Arbeit, die man übernimmt ist qualitativ sehr unterschiedlich. Sie reicht vom einfachen Kopieren und der Literaturrecherche, über das Transkribieren von Interviews, bis hin zum Entwerfen von Fragebögen oder der Auswertung von Daten. Manchmal hat man sogar das Privileg eines eigenen Arbeitsplatzes in der Uni. Die studentischen Tätigkeiten gelten zwar als unverzichtbar und sind sehr begehrt, haben jedoch auch ihre Kehrseite. Maßgeblich für das Arbeitsverhältnis eines Hiwis ist sein Arbeitsvertrag. Doch oft sind die Arbeitsbedingungen alles andere als gerecht. Viele Hiwis haben Verträge mit nur kurzen Laufzeiten (meist nur über ein Semester) oder müssen unbezahlte Überstunden leisten. In den meisten Bundesländern gibt es, trotz jahrelanger Bemühungen der Gewerkschaften, für Hiwis keinen Tarifvertrag. Der Stundenlohn wird in jedem Bundesland individuell geregelt. Der überwiegende Teil der studentisch Beschäftigten ist zudem nicht ausreichend über die eigenen Rechte informiert. Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall werden oft nur zögernd gewährt oder die Zeit muss nachgearbeitet werden. Hiwis gelten als Beschäftigte und werden deshalb auch vom Personalrat vertreten. Bei Problemen kann man sich also an den Personalrat oder an die studentischen Gremien wenden. Hilfe, Informationen und Unterstützung bekommt man auch von den Gewerkschaften. Zumeist sind Hiwis nicht organisiert, aber in der Regel lohnt es sich, Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden. Maximal darf ein Hiwi die Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit arbeiten, das sind 20 Stunden in der Woche oder 80 im Monat. Die Dauer des einzelnen Hiwi-Vertrags wird von den entspre-

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chenden Einrichtungen, Instituten oder Lehrstühlen festgelegt. Ein Hiwi-Dasein endet aber in jedem Fall mit der Exmatrikulation. Schaden kann eine Hiwi-Stelle nie. Wenn man eng mit einem Dozenten oder einer Dozentin zusammenarbeitet, kann man ein Gefühl dafür entwickeln, was dieser von einem erwartet oder wo seine Vorlieben liegen. Dies ist besonders für Prüfungen hilfreich. Zudem hat ein_e Professor_in meist Zeit für seine Hiwis. Man muss also nicht stundenlang auf Termine in Sprechstunden warten. Infos über freie Stellen findet man auf der Instituts-Homepage oder am Schwarzen Brett im Institut. Dort sind die Stellen meist ausgeschrieben. Hin und wieder kann man auch von Kommiliton_innen, die bereits angestellt sind erfahren, ob es eine freie Stelle gibt. Von Vorteil ist es, wenn der- oder diejenige der/die die Stelle anbietet dich bereits aus einer Veranstaltung kennt.

2. Wie kann man sich in studentischen Gremien engagieren? Von Elisabeth Nickler und Michael Wutzler

Am 17.6.2009 waren ca. 270 000 Studierende und Schüler_innen auf der Straße, um für eine bessere Bildung zu demonstrieren. Die Demo stand im Mittelpunkt der bundesweiten Bildungsstreikwoche im Sommersemester 2009, in der es auch zu Blockaden, Flash Mobs, Besetzungen und weiteren solidarischen Aktionen kam. Gründe für den Unmut der Lernenden waren u.a. die steigende finanzielle Last der Studierenden durch Studiengebühren; die schlechten Betreuungsverhältnisse; die fehlenden Freiheiten in der eigenen Studiengestaltung; die mangelhafte Umsetzung des Bologna-Prozesses und die geringen Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Hochschulen. Studierende stellen die größte Gruppe der Angehörigen in den Hochschulen, dagegen ist ihr Einfluss ziemlich gering. Aber man kann sich durchaus auf verschiedenen Ebenen studentisch engagieren und die eigenen Studienbedingungen und die Hochschule mitgestalten. Dass Studierende an der demokratischen Gestaltung der Hochschulen mitwirken können, ist nicht selbstverständlich. Viele Rechte mussten erst erkämpft werden. Das jeweilige Hochschulgesetz eines Bundeslandes bestimmt dabei die Organisationsstruktur der Hochschulen. Es gibt verschiedene Institutionen, die das Zusammenwirken aller Mitarbeiter_innen und Studierenden regeln. Einerseits gibt es die studentischen Selbstverwaltungsgremien (Fachschaftsrat und Studierendenrat bzw. Allgemeiner Studierendenausschuss), andererseits die studentischen Vertreter_innen in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung der 32


Hochschule (Fakultätsrat und Senat), in denen man sich für die Belange der Studierenden einsetzen kann. Gewählt werden sie jährlich, leider ist die Wahlbeteiligung meist sehr gering. Finanziert werden die Gremien der studentischen Selbstverwaltung durch die Semesterbeiträge der Studierenden. Das Geld geht jedoch keinesfalls an die Mitglieder selbst, die Arbeit in den Gremien ist ehrenamtlich. Die Gremien sind dafür verantwortlich, die Studierendengelder in verschiedenste (eigene und externe) studentische Projekte zu investieren. Dabei kontrollieren sie, ob dies auch im Sinne der Studierendenschaft geschieht. Finanziert und gefördert werden beispielsweise Vortragsreihen, studentische Medien, die studentische Kultur in der jeweiligen Stadt und Betreuungs-, Service- und Beratungsangebote für Studierende. Vermutlich wirst du das erste Mal auf Vertreter_innen studentischer Gremien während den Studieneinführungstagen treffen. Die Mentor_innen, welche die Einführungstage organisieren, sind häufig Mitglieder des Fachschaftsrats – kurz FSR. Einen FSR gibt es in der Regel für jede Fachrichtung. Häufig schließen sich jedoch kleine Fachschaften oder inhaltlich nah beieinander liegende Fachschaften zusammen. Je nach Satzung ist die Anzahl der gewählten Mitglieder begrenzt. Gleichzeitig ist der FSR jedoch für jede und jeden ein offenes Gremium, das sich insbesondere auch über die aktive Mitarbeit von nicht gewählten Studierenden freut, denn nur durch Offenheit und Zusammenarbeit lassen sich innovative Ideen entwickeln und zahlreiche Projekte verwirklichen. Kernaufgabe des FSR ist die Interessenvertretung der Studierendenschaft gegenüber dem Institut. Mit anderen Worten: Du solltest nicht zögern, dich an deinen Fachschaftsrat zu wenden, wenn studentische Interessen, Belange, Wünsche, Anregungen und Kritik gegenüber dem Institut Gehör finden sollen. Am einfachsten geht dies natürlich, wenn du dich einfach an der Arbeit des FSR beteiligst. Doch dies ist noch nicht alles. Der FSR sollte als Gremium verstanden werden, dass sich für all das einsetzt, was den Student_innen der eigenen Fachschaft zu Gute kommen kann. Das fängt bei guten Partys, Wandertagen, Spiele-Abenden, sportlichen Wettkämpfen und gemeinsamen Frühstücken an (auch mit den Dozent_innen). Häufig lassen sich hier auch neue Kontakte knüpfen, gerade in den ersten Wochen des Studiums. Je mehr interessierte und engagierte Student_innen im FSR mitarbeiten, desto mehr Großprojekte lassen sich organisieren, wie beispielsweise: thematische Vortragsreihen oder Filmreihen mit daran anschließenden Diskussionen; die Organisation von Diskussionsrunden zur aktuellen Studiensituation, welche die Zusammenarbeit und Gestaltung des eigenen Studiums gemeinsam mit Dozent_innen verbessern sollen; Informationsveranstaltungen zu Themen wie einem Auslandsstudium und möglichen Berufsperspektiven; oder das Etablieren einer Praktikumsbörse. Je mehr Student_innen sich

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für ihren FSR engagieren, desto vielfältigere Ideen über mögliche Projekte gibt es. Außerdem lässt sich die Arbeit besser verteilen und so aufwändige Veranstaltungen leichter organisieren. Der FSR trifft sich in der Regel einmal pro Woche, um alle laufenden Projekte zu besprechen und zu organisieren, sowie weitere Ideen zu sammeln. Diese wöchentlichen Sitzungen sind für alle Student_innen offen, sodass sich jede_n Student_in aktiv im FSR beteiligen, seine Interessen und Wünsche dort äußern oder den FSR bei konkreten Anliegen um Unterstützung bitten kann. Erfolgreiche FSR-Arbeit lebt also von interessierten, intrinsisch motivierten, engagierten oder mit einer gesunden Portion Idealismus ausgestatteten Student_innen, die sich an ihrer eigenen Hochschule für hochschulpolitische Arbeit im Interesse der Studierenden beteiligen wollen. Kurz gesagt: bei der Arbeit des FSR kann man viel Spaß haben und zugleich so einiges bewegen. Es lohnt sich in jedem Fall. Der Studierendenrat (StuRa) oder der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) sind die gewählten studentischen Vertretungen der gesamten Studierendenschaft einer Hochschule. Der AStA wird in der Regel vom Studierendenparlament bestimmt. Der StuRa (vor allem in den neuen Bundesländern) vereinigt AStA und Studierendenparlament. Ausnahmen bilden Bayern und Baden-Württemberg. In diesen Bundesländern wurde in den 1970er Jahren die verfasste Studierendenschaft abgeschafft. Im Gegenzug bildeten sich unabhängige Studierendenschaften (UStA). Auch in Hessen wurden 2006 massive Einschnitte in die Rechte der Studierendenschaft vorgenommen. Allgemein geht der Trend auch in anderen Bundesländern hin zu weniger demokratischen Strukturen an den Hochschulen. Allein deshalb lohnt es sich Engagement aufzubringen. Die Gremien und Organe der verfassten Studierendenschaft vertreten die Interessen der Studierenden gegenüber der Hochschule, der Hochschulleitung, der Stadt, dem Land und der Öffentlichkeit. Die genauen Strukturen sind von Bundesland zu Bundesland und auch von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich geregelt. Die Sitzungen sind öffentlich und finden meist wöchentlich statt. Neben der meinungsbildenden und vertretenden Funktion, werden auch verschiedene Dienstleistungen von den Gremien der studentischen Selbstverwaltung angeboten, beispielsweise Rechts- und Sozialberatung, Beratung der Hiwis, Wohnungs- und Arbeitsvermittlung, verbilligte Kopier- sowie Druckmöglichkeiten und Verkauf von Büromaterialien. Zudem gehört die Verhandlung über das Semesterticket mit der Deutschen Bahn und den lokalen Verkehrsgemeinschaften zu den Tätigkeiten dieser Gremien. Den Gremien der Studierendenschaft sind meist Referate angegliedert, welche die Verwaltung und Durchführung verschiedenster Aufgaben übernehmen (z.B. Kultur, Hochschulpolitik, Umwelt, Soziales, Gleichstellung, Inneres, Öffentlichkeitsarbeit, Technik). Das Umweltreferat

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beispielsweise beschäftigt sich mit den Themen Arten-, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und gesunder Ernährung. Es versucht u.a. die Hochschulleitung dazu zu bewegen, sich zu nachhaltigem Handeln zu verpflichten; tritt dafür ein, dass es mehr FairTrade und Bio-Nahrungsmittel sowie ein breiteres Angebot an veganen und vegetarischen Mahlzeiten in den Mensen gibt; bietet meist eine Sammelstelle für alte Batterien, CDs und Energiesparlampen an; und leiht Energiemessgeräte aus. Ziel ist es einerseits, mittels Sensibilisierung, zu umweltbewusstem Handeln zu motivieren, andererseits über kleinere oder größere Projekte, die umweltpolitische Situation an der jeweiligen Hochschule und Stadt zu verbessern. Die Referent_innen der Referate werden vom StuRa oder dem Studierendenparlament gewählt. In der Regel bestehen die Referate jedoch aus vielen gleichberechtigten Mitgliedern. Innerhalb der akademischen Selbstverwaltung werden studentische Vertreter_innen für Fakultätsräte und Senat gewählt, sowie in verschiedene Ausschüsse entsandt. Die Aufgaben dieser Gremien sind in jedem Bundesland spezifisch geregelt. Der Fakultätsrat setzt sich aus den gewählten Vertreter_innen der Professor_innen, des wissenschaftlichen Mittelbaus und der Studierenden zusammen. Diese wählen den Dekan, welcher die Fakultät leitet. Der Fakultätsrat beschäftigt sich mit allen Fragen von Bedeutung für die Fakultät, beispielsweise: der Organisation, Struktur und Erfolgskontrolle von Forschung, Lehre und Verwaltung; er erarbeitet Vorschläge zur Einrichtung, Änderung und Aufhebung von Studiengängen; beschließt Studien-, Prüfungs- und Promotionsordnungen; verteilt zugewiesene Personal- und Sachmittel; und führt Promotions- und Habilitationsverfahren durch. Der Senat ist das zentrale und oberste Organ der Universität. Er besitzt strategische, kontrollierende und Leitungsaufgaben der Hochschule. Die Senatoren werden von den unterschiedlichen Personengruppen der Hochschule gewählt. Verglichen mit den Vertreter_innen der Professor_innen und des Mittelbaus steht die Anzahl der studentischen Vertreter_innen jedoch in keinem Verhältnis. Aufgaben des Senats sind u.a. die Verteilung von Personal- und Sachmitteln an die Fakultäten, die Erarbeitung eines Hochschulentwicklungsplans und die Strukturierung der Hochschule (Grundordnung). Für die Erfüllung spezifischer Aufgaben gibt es meist Ausschüsse mit Beteiligung von Studierenden wie bspw. den Forschungsausschuss, Studienausschuss oder Bibliotheksausschuss. Diese koordinieren und bereiten Beschlussfassungen vor. Trotz der geringen Stimmenanzahl in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung ist es durchaus möglich Ideen und Anträge einzubringen, ebenso wie andere Mitglieder dieser Gremien auf Missstände aufmerksam zu machen oder diese für seine Anliegen zu gewinnen. Zum selbstbestimmten Lernen ist es jedoch selbstverständlich noch ein weiter Weg, aber mit

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Engagement in den Gremien der Hochschule und der studentischen Selbstverwaltung kann man den Anfang machen.

3. Lohnt sich ein Auslandsemester? 3.1. Sich neu auf sein Studium einlassen Von Simon Bohn

Mit Antritt des Studiums war mir bereits klar, dass ich auf jeden Fall auch einige Zeit im Ausland studieren wollte. Wie und wo genau wusste ich natürlich noch nicht, aber irgendwie gehörte   ein   studienbezogener   Auslandsaufenthalt   für   mich   einfach   zum   „Programm“.   Während des relativ stark durch strukturierten Grundstudiums war an diesen nicht zu denken und mit   diesem   „Zeitproblem“   werden   sich   sicherlich   auch   viele   Bachlorstudenten/innen   herum schlagen müssen. Dennoch empfiehlt es sich, frühzeitig nach Möglichkeiten für ein Auslandsstudium zu recherchieren und gegebenenfalls auch bereits in einer frühen Phase des Studiums den entscheidenden Schritt zu wagen. Denn profitieren wird Mensch davon allemal, vorausgesetzt es ist einem einigermaßen klar, wofür man den Auslandsaufenthalt nutzen möchte. Vielen geht es primär darum, eigene Sprachkenntnisse aufzufrischen oder gar eine neue Sprache zu lernen. In diesem Fall empfiehlt es sich, im Voraus einen der vielen Sprachkurse wahrzunehmen, die in der Regel an eurer Universität angeboten werden. Auch ein Sprachtandem, also regelmäßige private Treffen mit einer Muttersprachlerin oder einem Muttersprachler, bei denen es primär darum geht in lockerer Atmosphäre und im direkten Dialog die andere Sprache zu erlernen, bietet sich zuweilen an. Neben der Sprache interessieren sich die meisten Studierenden auch für die Gebräuche und Sitten in dem entsprechenden Land, kurz: die fremdartige Kultur. Zu beachten ist dann natürlich, dass man während des Auslandsaufenthalts   auch   tatsächlich   unter   „Einheimische“   kommt, denn allzu oft berichten Studierende nach ihrem Auslandssemester, dass sie fast nur mit Deutschen Kontakt hatten. Natürlich ist es manchmal nicht schlecht, wenn man sich mit Kommilliton_innen über den Aufenthalt, die Probleme und auch die schönen Dinge im neuen Land austauschen kann. Aber am besten ist es wohl, wenn man dies bereits vor der   „Tour“   macht, etwa indem man sich mit Studierenden unterhält, die bereits an der gewünschten Universität waren und dort ihre Erfahrungen gemacht haben. Für mich persönlich war es dann später wichtig, den neuen Studienort auf eigene Faust zu erkunden und gerade durch die zeit-

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weilige Situation, ganz auf mich allein gestellt zu sein, um ein Maximum aus dem Auslandsaufenthalt  „heraus  zu  holen“.           Für mich standen inhaltliche Schwerpunkte und eine gewisse „theoretische“   Ausrichtung der entsprechenden Universität bzw. der ansässigen Forschungsinstitute deutlich im Vordergrund. Dieses inhaltliche Interesse ging soweit, dass ich mich sogar gegen den Besuch einer fremdsprachigen Universität entschied. Denn von Freunden und Bekannten hatte ich häufig gehört, dass sie aufgrund der Fremdsprache auf der inhaltlich-fachlichen Seite während ihres Auslandsstudiums kaum dazu gelernt und stattdessen eben vor allem ihre Sprachkompetenzen erweitert hatten. Sowohl inhaltlich als auch sprachlich voran zu kommen, ist eine sehr schwierige Aufgabe und funktioniert vermutlich nur, wenn man die Landessprache bereits sehr gut beherrscht. Ich selbst suchte also vor allem nach fachlich spannenden Unis und wurde an der Uni in Basel fündig. Ich hatte das Vorlesungsverzeichnis der Uni Basel intensiv studiert und ging mit voller Vorfreude und klaren Zielen nach Basel. Der schweizerdeutsche Dialekt war natürlich trotzdem gewöhnungsbedürftig und zum Teil auch problematisch (Gespräche unter Schweizer_innen blieben mir bis zum Schluss unverständlich, zumindest wenn sich diese nicht um eine  „ausländerfreundliche“  Aussprache  bemühten),  machte  mir  jedoch  an  der  Universität nur selten Schwierigkeiten, da die große Mehrzahl der Dozent_innen und auch viele Student_innen aus Deutschland kamen. Den dreimonatigen Aufenthalt organisierte ich über das SOKRATES/ERASMUS-Programm der EU, für welches seit 1987 der DAAD als Nationale Institution zuständig ist. Die Teilnahme an diesem grenzüberschreitenden Aktionsprogramm für den Hochschulbereich ist verhältnismäßig unkompliziert und wurde unter anderem vom Soziologischen Institut und einem Auslandsbüro meiner Heimatuniversität aus geregelt, sodass die ganze Sache auch von der Verwaltung her schaffbar ist. Besonders gut war dabei natürlich der finanzielle Zuschuss, den man durch das Programm erhält und ohne den so ein Auslandsaufenthalt nur sehr schwer zu stemmen wäre. Zusätzlich zu dieser Förderung durch das ERASMUS-Programm erhielt ich eine Auslandsförderung durch meine Studienstiftung, sodass ich in den drei Monaten finanziell gut abgesichert war und sogar mein Zimmer in Jena halten konnte. Meine diesbezüglichen Erfahrungen sind also gut und ich kann nur empfehlen, sich die Mühe zu machen und einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt früher oder später in Angriff zu nehmen. Es ist toll, einmal eine andere Universität kennen zu lernen, zu schauen, wie es sich woanders studieren lässt und sich noch einmal ganz neu auf sein Studium einzulassen. Ich selbst habe in Basel wahnsinnig viel gelernt und spannende Wissenschaftler_innen   für   mich   „ent-

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deckt“.   Rückblickend   haben   diese   drei   Monate   mit   Sicherheit den größten Einfluss auf mein Studium ausgeübt und mich in einer Intensität befördert, wie man es von einem eigentlich sehr kurzen Zeitraum kaum erwartet.

3.2. „Ein Auslandssemester - immer eine gute Idee?“ Von Katrin Schwarz

Ein Auslandssemester gehört definitiv zu den spannenden Seiten des Studiums. Zum einen ist es eine interessante und meist unvergessliche Erfahrung, allein in ein fremdes Land zu ziehen, um dort zu leben und zu studieren. Oftmals hört man von ausufernden Partys, lässigem Leben und einfach verdienten ECTS. Auch wenn diese Leistungspunkte oft nicht von der Heimatuniversität anerkannt werden. Diese Erfahrungen habe ich so nicht gemacht. Nach einem sehr bürokratischen Start fand ich mich an der University of Warwick in den idyllischen West-Midlands in England wieder. Die Universität stellte sich als eine der führenden Eliteuniversitäten Großbritanniens heraus, was die Erasmus-Vorurteile schnell beseitigte. Mein Studienpensum dort war sehr viel höher als an meiner Heimatuniversität, da das Studium in Großbritannien sehr literaturbasiert gestaltet wird. Wer in Jena schon bei 60 Seiten pro Seminar pro Woche kurz vor dem Zusammenbruch steht, ist bei dem   Satz   „Just   read   the   whole   book.“   sicherlich   genauso   geschockt,   wie   ich   es   war. Die ECTS waren somit nicht leicht verdient, sondern mussten mit sehr vielen Essays und noch mehr theoretischen Debatten über noch theoretischere Texte erkämpft werden. Doch auch wenn ich es zunächst unfair fand, dass es anderen Erasmus-Studierenden an ihren Britischen Unis sehr viel leichter gemacht wurde, konnte ich mich im Laufe der Zeit sehr gut damit anfreunden. Die Seminare waren sehr klein, was sich positiv auf die Diskussionskultur auswirkte. Ich habe selten so viel Neues gelesen und gelernt wie in Warwick. Beispielsweise konnte ich mit Parita Mukta über Entwicklungspolitik diskutieren und bekam einen Einblick in dieses große, von der Soziologie in Jena weitestgehend unberührte, Feld. Beeindruckend waren auch Charles Turners theoretische Diskussionen der soziologischen Klassiker, welche in England mit einer anderen Perspektive betrachtet werden, als es in Jena üblich ist. Doch am meisten beeindruckt  hat  mich  das  Seminar  „Sociology of the Holocaust“  mit  Steve  Fuller.  Mir  ist  erst  dort   klar geworden, was es bedeutet, sich nicht ausreichend von einem Thema distanzieren zu können, um Objektivität zu schaffen. Sprachlich hat man zunächst einige Probleme, da einem das Vokabular und die Übung fehlen, um schnell und effektiv zu lesen, zu schreiben und zu disku-

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tieren. Doch ich war überrascht, wie schnell man auch hier ein hohes wissenschaftliches Niveau erreichen kann. Zeitlich habe ich durch meinen Aufenthalt in England übrigens auch nichts eingebüßt, da mir alle Leistungen anerkannt wurden. Der Einstieg in den Unialltag wurde den Erasmus-Studierenden sehr leicht gemacht. Es wurden hilfreiche Einführungsveranstaltungen zu studienrelevanten Themen, wie Präsentationstechniken, wissenschaftliches Schreiben, richtige Aussprache, etc. angeboten. Weiterhin waren in jedem Seminar ausgiebige Vorstellungsrunden üblich. Außerdem basierten die Diskussionen  innerhalb  des  Seminars  auf  dem  Prinzip  „Jeder  trägt  etwas  bei  und  wenn  es  der  Reihe nach gehen  muss.“  Diese  Verfahrensweise  war  für  mich  sehr  gewöhnungsbedürftig, hatte aber den Vorteil, dass man dazu gezwungen wurde, aktiv teilzunehmen und mit den anderen Seminarteilnehmer_innen zu interagieren. Man musste somit seine eigene Hemmschwelle überwinden, was die sprachlichen Fähigkeiten sehr verbesserte. Für meine Fremdsprachenkenntnisse war dies sehr förderlich, da ich gelernt habe mich auf hohem Niveau in Englisch in Diskussionen  zu  behaupten.  So  entstanden  auch  schnell  Kontakte  zu  „Einheimischen“,  welche dann oft bei gemeinsamen Aktivitäten in den Societies, kurz socs, vertieft wurden. Mit über 250 verschiedenen socs war es jedem Studierenden in Warwick möglich, seine Freizeit sinnvoll zu nutzen und nach seinen Wünschen zu gestalten. Von Sport, über Reisen, Whisky trinken, kochen, Filme schauen oder die Welt retten ist alles erdenklich Mögliche bei den socs vertreten. Großer Vorteil dieser Vereinigungen ist, dass man den Kontakt zu anderen Studis aufbauen kann, die eventuell nicht im ERASMUS-Dunstkreis verankert sind. Außerdem gibt es mehrmals im Term socials, d.h. Treffen, welche nicht selten in Kneipentouren enden. Kategorisch für jeden ERASMUS-Studierenden ist die ERASMUS-society, welche bei Fragen zur Verfügung steht und die ERASMUSees untereinander vernetzt. Natürlich kümmert sich diese society darum, die ausländischen Studierenden in das Partyleben auf dem Campus und in der Umgebung einzuführen, Shoppingtipps zu vergeben und last but not least eine gigantische Klassenfahrt zu organisieren. Für meinen Erasmusjahrgang ging es mit dem Bus nach Edinburgh. Rückblickend muss ich sagen, dass dieser Wochenendtrip mit zu meinen schönsten und lustigsten Erlebnissen gehörte. Die gemeinsame Zeit mit anderen Erasmusstudent_innen war im Allgemeinen sehr unterhaltsam, da man sich regelmäßig zu Hauspartys traf, Tea Time zusammen genoss und es feste Termine gab, wie die 1₤- Party jeden Donnerstag. Die kollektive Erfahrung fremd in einem Land zu sein, schweißt eine Gruppe sehr zusammen. Man sollte jedoch versuchen, sich nicht gänzlich von den Einheimischen abzugrenzen. Empfehlenswert ist auch das Angebot ein Wochenende bei einer Britischen Gastfamilie zu verbringen. Für die sprachlichen Fähigkeiten ist

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der Kontakt mit Natives sehr wichtig, da man so am schnellsten und effektivsten sprachliche Feinheiten erlernt. Bleibt man die ganze Zeit unter Erasmusees, ist die Gefahr groß, entweder in seiner eigenen Sprache zu bleiben oder Fehler anderer zu übernehmen. Neben den vielen verlockenden Freizeit- und Reiseangeboten ist es äußerst schwer sich auf das Studienpensum zu konzentrieren, sodass es häufig zur Regel wurde von Sonntagabend bis Donnerstagnachmittag zu einem extrem fleißigen Studierenden zu mutieren und die restliche Zeit ausgiebig mit Freizeitaktivitäten zu füllen. Der Balanceakt gelingt nicht jedem, aber es kann funktionieren. Der ständige Vergleich mit der Heimatuniversität bleibt mental immer vorhanden, so dass nach einem Auslandssemester einige Aspekte an Wert gewonnen und andere an Wertschätzung verloren haben. Unabhängig von objektiven Rankings ist so ein Vergleich der Universitäten sehr gut möglich. Ein Aufenthalt im Ausland verändert auch den Blick auf sein eigenes Heimatland, Familie und Freunde. Seltsamerweise vermisst man plötzlich persönliche Kontakte und Kleinigkeiten, die vorher sehr marginal wahrgenommen wurden. Man entwickelt zwar sehr ausgeprägte Sozialkompetenzen und wird geübter im Umgang mit Fremden und internationalen Bekannten, doch auch der Wert von langjährigen Freunden steigt plötzlich merklich. Ich kann jedem ein Auslandssemester empfehlen, weil es neben viel Spaß und neuen internationalen Bekannten, auch dafür sorgt, dass man frische Motivation für das weitere Studium schöpft. Besonders durch die Möglichkeit zum Vergleich des Instituts in der Heimat und dem Institut in der Ferne, kann die eigene wissenschaftliche und fachliche Ausrichtung nach einem Auslandssemester zunehmend differenzierter reflektiert werden. Es sollte aber keineswegs vergessen werden, dass ein Semester im Ausland neben tollen neuen Erfahrungen, auch negativere Empfindungen mit sich bringt. Es ist zu beschreiben als ein emotionales Auf und Ab. Sicher kommt es immer auf das spezifische Land und die Hochschule an, ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass man sich zunächst durch Berge von bürokratischen Anforderungen kämpfen muss, um dann in eine lange Phase des Nichtwissens zu tauchen, da man erst sehr spät Bescheid bekommt, ob man angenommen ist, seine Kurse genehmigt bekommt und ob man einen Platz in einem Wohnheim beziehen kann. Drei Wochen vor Abreise wird man erst in Kenntnis gesetzt und geht in die Phase der hektischen Vorbereitungen über. Angekommen an der neuen Universität stellt man fest, dass Planung nicht viel bringt, wenn man die dortigen Gepflogenheiten nicht kennt. Zwischen Chaos, Panik und Heimweh lernt man unzählige

neue

Menschen

kennen,

die

einen

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dann

durch

die

anschließende


„Honeymoonphase“  begleiten.  Alles  ist  neu,  alles  ist  chic  und  alles  ist  viel  besser  als  zu  Hause.   Nach dieser Phase folgt meist die nüchterne Routine. Studieren und Leben im Ausland ist halt doch kein Urlaub. Es gibt auch hier Abgabefristen, uninteressante Bekannte und Abende, an denen man besser zu Hause geblieben wäre. Die feinen Unterschiede im sozialen Umgang wirken nun nicht mehr nur spannend, sondern z.T. auch nervig. Der Blick auf den Kontoauszug holt einen auch schnell in die harte Realität zurück. Kurz vor Ende des Aufenthalts kehrt man jedoch zurück zu Euphorie und Jubelstimmung. „Back  in  Good  Old  Germany“  fällt  es  den  meisten  dann  schwer,  sich  wieder  einzufinden.  Ganz   in Schütz'scher Tradition kann der Heimkehrer nicht einfach seine alten Handlungs- und Orientierungsmuster aufgreifen, da die Zeit auch in der Heimat weitergelaufen ist. Abschließend kann ich jedoch sagen, dass man vorab festlegen sollte, welche Erfahrungen man im Ausland machen möchte: Wer hauptsächlich feiern und Spaß haben will, sollte sich eine entsprechende Universität aussuchen. Die Erfahrungsberichte früherer ErasmusStudierender sind bei der Recherche sehr hilfreich. Die Zeit als Erasmusstudent_in bringt einen persönlich und auch fachlich sehr viel weiter und ist jedem zu empfehlen, der den Mut hat aus dem schnöden Trott, der sich Routine nennt, auszubrechen.

4. Wie gestaltet sich ein Hochschulwechsel in der Soziologie? Von Katharina Block

Von dem Vorhaben einen Hochschulwechsel durchführen zu wollen, kann ich ein Liedchen singen, da ich schon zweimal die Hochschule gewechselt habe. Das bringt natürlich so einige Dinge mit sich, die man berücksichtigen muss und die man auch unbedingt bedenken sollte. So eine Entscheidung muss wohl überlegt sein, schließlich verbringt man meistens mehrere Jahre an einer Uni. Als Soziologiestudentin konnte die erste Hochschule bzw. Uni, an der ich studiert habe, ab einem bestimmten Punkt meine Interessen nicht mehr zufriedenstellend abdecken. Der Schwerpunkt in Soziologie wurde an dieser Uni auf Empirische Sozialforschung gelegt. Ich wollte mein Wissen aber in den Theorien der Soziologie vertiefen, so war für mich irgendwann klar, dass ich nach dem Bachelorabschluss eine Uni mit einem Masterprogramm finden musste, dass mehr meinen Interessen entsprach. Damals dachte ich nicht, dass es tatsächlich sehr feine inhaltliche Unterschiede zwischen den Soziologieangeboten der verschiedenen Unis gibt. Einige Unis legen beispielsweise den Schwerpunkt auf Demographieforschung und haben dementsprechend ein großes Angebot an Familien-, Jugend- und/oder Alterssoziologie inklusi41


ve einem großen Anteil an Statistik im Studium. Andere Unis legen den Schwerpunkt vielleicht auf eine kritische Soziologie, die sich vorwiegend theoretisch mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten, deren Voraussetzungen und möglichen Transformationen auseinandersetzt. Hier werden häufig Positionen vertreten, die beispielsweise den Kapitalismus, bürgerliche Gesellschaftsstrukturen oder auch den Staat in seiner jetzigen Form kritisch hinterfragen. Dies macht sich natürlich auch in den Lehrinhalten bemerkbar. Wiederum andere Soziologielehrstühle an anderen Unis haben vielleicht den Schwerpunkt auf Funktionalismus, Systemtheorie und Rational-Choice-Theorien gelegt, was sich dementsprechend in den Lehrplänen widerspiegelt. Zwar sollen in den Einführungsveranstaltungen der ersten Semester die Inhalte verschiedener soziologischer Theorien in einem möglichst breiten Spektrum vermittelt werden, aber in den höheren Semestern schält sich dann normalerweise eine Schwerpunktrichtung heraus. Man sollte sich einfach im Klaren darüber sein, dass nicht jede Uni den gleichen Soziologielehrplan hat. Dass die persönlichen Interessen gut durch die Lehrangebote der Uni abgedeckt sein sollten, ist allgemein ein wichtiger Punkt, denn so kann man einen Wechsel vielleicht von vornherein vermeiden. Ob sich das Lehrangebot der ausgewählten Uni mit den persönlichen Interessen deckt, kann man ganz leicht durch einen Blick in das Vorlesungsverzeichnis herausfinden. Dieses findet man in der Regel direkt auf der Internetpräsenz der Universitäten. Häufig kann man sich sogar auch noch die Vorlesungsverzeichnisse der letzten Semester anschauen, so dass man einen guten Überblick über das Lehrangebot und die Lehrenden bekommen kann. Bei meinem ersten Hochschulwechsel hatte ich noch nicht genügend darauf geachtet, wie sich das Lehrangebot der Uni in Soziologie zusammensetzt. Ich wusste zwar von einem Institut, das mich interessiert hatte. Aber selbst über dieses hatte ich mich nicht wirklich gründlich informiert. So bin ich ein wenig blauäugig an die von mir ausgewählte Uni gewechselt. Dieser Schritt bedeutete ja auch gleichzeitig einen kompletten Umzug in eine neue Stadt. Man muss sich ja nicht nur eine neue Uni suchen, sondern auch ein neues WG-Zimmer oder ähnliches und sich eine neue Sozialstruktur aufbauen, denn wer will schon die ganze Zeit allein in einer fremden Stadt 'rumsitzen. Mit letzterem hatte ich zwar bei meinem ersten Hochschulwechsel Glück, denn ich hatte eine super WG gefunden, aber ich merkte ziemlich schnell, dass die Vorlesungen und Seminare doch nicht ganz dem entsprachen, was ich mir vorgestellt hatte. Die Soziologie, die ich studieren wollte, wurde auch hier nicht angeboten. Hätte ich vor dem Wechsel einfach einmal mehrere Universitäten miteinander verglichen — was Lehrangebote, Institute und auch Lehrende betrifft — hätte ich bestimmt schon vor dem Hochschulwechsel gewusst, dass der Soziologielehrstuhl, zu dem ich gewechselt hatte, doch nicht so gut zu mei-

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nen Interessen passte. Tatsächlich lohnt es sich auch, sich über die aktuellen Lehrstuhlinhaber_innen bzw. Professor_innen, der Soziologielehrstühle und deren jeweiligen Forschungsschwerpunkte und Veröffentlichungen zu informieren, da man sich so einen differenzierten Eindruck vom Wissensstoff, der an den jeweiligen Lehrstühlen vermittelt wird, machen kann. Daneben sollte man sich ebenso über die nötigen formellen Anforderungen informieren, d.h. besonders darauf zu achten, welche bereits bestandenen Module und erlangten ECTS von der neuen Uni anerkannt werden. Zum Glück habe ich schnell gemerkt, dass ich noch nicht den richtigen Soziologielehrstuhl gefunden hatte und habe mich sofort nach einer Alternative umgesehen. Dieses Mal habe ich mich vorher gründlich über die Soziologielehrstühle informiert. Am Ende fand ich eine Uni, an der es einen Theorielehrstuhl in Soziologie gibt, der ziemlich genau die von mir erwünschten Inhalte vermittelt. Zwar musste ich einen weiteren Umzug dafür in Kauf nehmen, aber lieber diesen Umstand und dafür die nächsten Jahre das studieren, was ich will, als den Schritt nicht wagen und am Ende das Gefühl haben, dass man eigentlich nicht das studiert hat, was man immer wollte.

5. Ist es sinnvoll, sich neben dem Studium in studentisch organisierten Eigeninitiativen zu engagieren? Von Michael Wutzler

Du hast von interessanten Themen gelesen oder gehört, diese werden aber in keinem Seminar behandelt? Seminare fordern dich nicht mehr heraus oder sind uninteressant? Die thematische Breite der angebotenen Seminare ist zu dünn? Du kennst die Ausrichtung der hiesigen Dozent_innen schon auswendig oder du findest sie zu einseitig? Für randständige, sehr spezielle oder unbekannte Thematiken war im Seminar keine Zeit und kein Raum? Du hast dich mit einer bestimmten Thematik auseinander gesetzt und möchtest dein Wissen teilen und im Austausch mit anderen vertiefen? Oder suchst du einfach eine Abwechslung zu den herkömmlichen Veranstaltungen und möchtest etwas anders ausprobieren? Dann höre auf zu warten und dich mit vorgesetzten Lerninhalten und -konzepten abzufinden: Nimm deine Bildung in die Hand und eigne dir dein Wissen selbst an. Am besten und schnellsten lernt und versteht man soziologische Thematiken, wenn man den Lernprozess selbst in die Hand nimmt. Und das unabhängig von deinem Vorwissen, der Thematik oder der Anzahl der studentischen Mitstreiter_innen. In autonomen Veranstaltungen kann sich besonders gut das entwickeln, was wissenschaftliches Arbeiten vor allem auszeichnet: der reziproke 43


Denkprozess und dessen ungezwungene Artikulation von eigenständigen Argumentationslinien. Mögliche Alternativen zum konventionellen Unibetrieb sind die Organisation von Vortragsreihen einerseits und von Lesezirkeln oder autonomen Seminaren andererseits. Alle drei bieten die Möglichkeit und die Herausforderung sich selbstbestimmt Wissen anzueignen, marginalisierte Themen zu behandeln, den eigenen Horizont zu erweitern und alternative Lernformen auszuprobieren. Unterstützt werden solche weiterführenden Lernformen nicht nur durch studentische Gremien, wie dem Fachschaftsrat oder dem Studierendenrat, sondern oft auch durch das Institut oder die jeweiligen Lehrstühle. Mitarbeiter_innen oder Dozierende des Instituts haben oft gute Informationen über und Kontakte zu anderen Wissenschaftler_innen, die bei der Organisation hilfreich sein können. Bei spezifischen Themen kann man auch mit anderen studentischen Gruppen, dem Studentenwerk, verschiedenen Bereichen der Stadtverwaltung oder anderen städtischen Vereinen und Organisationen zusammenarbeiten. Die Organisation und Durchführung muss keinesfalls auf die Uni und die Studierenden begrenzt sein. Meist ist es gerade höchst interessant auch andere Blickwinkel mit einzubinden. Vortragsreihen laufen in der Regel verteilt über ein Semester und können aus verschiedensten Elementen zusammengesetzt sein. Meist sind die Veranstaltungen als Vorlesungen organisiert, d.h. man lädt zu einem spezifischen Thema eine/einen Referent_in ein und im Anschluss an den Vortrag kann mit ihm/ihr darüber diskutiert werden. Die Referent_innen müssen aber nicht nur Wissenschaftler_innen sein, oft ist es spannend gewisse Interessengruppen, Politiker_innen, Journalist_inen oder Vertreter_innen von Organisationen einzuladen. Die thematische Einleitung und die Grundlage der Diskussion kann jedoch auch als Film, Schauspiel, Foto- oder Diashow etc. gestaltet sein. Man kann die Veranstaltung auch gleich als Podiumsdiskussion zweier Konfliktparteien oder gegenüberstehender Gruppen konzipieren. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Besonders die Möglichkeit (bekannte) Wissenschaftler_innen einzuladen und kennenzulernen, sowie die Chance, Akteure des Alltags zu Wort kommen zu lassen, sind für eine Vortragsreihe gewinnbringend. Vortragsreihen ähneln in der Regel herkömmlichen Veranstaltungen. Dagegen bieten autonome Seminare die Möglichkeit, herkömmliche Lernmethoden durch Alternativen zu ersetzen. Dabei ist es wichtig vorab genau darüber zu reflektieren, was einem an der konventionellen Vorgehensweise nicht gefällt bzw. wo sie Ungleichheiten schafft. Autonom werden diese Seminare deshalb genannt, weil sie möglichst unabhängig von Dozierenden, durch Studierende für Studierende organisiert und veranstaltet werden. Komplett unabhängig kann man nur außerhalb der Universität lernen. Wenn man autonome Seminare in den regulären Lehrbetrieb

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einbinden möchte, um beispielsweise Prüfungen ablegen und ECTS erwerben zu können, benötigt man einen Dozierenden, der das Seminar und die Prüfungen rechtlich gegenüber dem Prüfungsamt absichert und eine_n Professor_in der die Schirmherrschaft für das Seminar übernimmt. Dies hindert die autonomen Studierenden jedoch nicht daran, das Seminar ohne Dozierenden zu gestalten. Solche Seminare sind meist für jede_n offen. Ziel ist es vor allem einen hierarchiefreien, herrschaftsfreien und basisdemokratischen Raum zum Lernen zu schaffen, der es ermöglicht, die eigenen Fähigkeiten frei entfalten zu können. Dies soll sich auch im Charakter des Seminars niederschlagen, potentiell Teilnehmende sollen sich darüber verständigen, was, in welcher Weise in der Veranstaltung behandelt werden soll. Vor Beginn des Seminars werden deshalb Vortreffen benötigt, die dazu dienen, über den Charakter der Veranstaltung zu entscheiden und somit darüber, wie ein Raum alternativen Lernens und Lehrens gestaltet werden kann. Solch ein Entscheidungsprozess bedarf viel Zeit und Geduld, d.h. ein hohes Eigeninteresse, kollektives Engagement und viel Idealismus sind eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen. Durch einen hohen Grad an Eigenreflexion, sollen die Ziele und Vorgehensweisen regelmäßig diskutiert werden, besonders dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ihr es euch gedacht habt. Der Lesezirkel, also die gemeinsame Lektüre eines bestimmten Buches oder Autors, stellt eine der meist praktizierten Möglichkeiten dar. Die Entstehung und der Verlauf selbst organisierter Veranstaltungen sind meist besonders vielfältig und offen. Einige entstehen schleppend oder zerbrechen schnell wieder, andere sind eher dynamisch und richten sich immer wieder auf andere Themen und Arbeitsweisen aus. Projekte, die über mehrere Semester gehen, haben meist ständig wechselnde Teilnehmer. Am Ende eines solchen (Selbstbildungs-)Prozesses stehen dann vielleicht nicht nur eine neue Erfahrung und neues Wissen, sondern auch neue liebgewonnenen Freunde. Beide Alternativen lassen sich jedoch nicht ohne etwas Aufwand betreiben. Schließlich muss auch die Infrastruktur, also die Räume und die Technik organisiert, die Referent_innen eingeladen, deren Unterbringung geregelt, in die Veranstaltungen eingeführt, die Referent_innen vorgestellt und die Werbetrommel angeworfen werden. Am einfachsten und ausgewogensten lassen sich Vortragsreihen und autonome Seminare deshalb in einer Gruppe organisieren. Dann kann nicht nur die Arbeit auf viele Schultern verteilt werden, sondern durch eine vorherige Diskussion, über den Inhalt und den Verlauf der Veranstaltung, sichergestellt werden, dass diese nicht zu einseitig ausgerichtet ist. Legt los, ein Versuch ist es auf jeden Fall wert! Die Mühe lohnt sich!

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V. Wozu Soziologie? 1.  „Und  was  macht  man  dann  damit?“ Von Katrin Schwarz

Für Soziolog_innen bieten sich nach ihrem Studium verschiedene und vielfältige Möglichkeiten, beruflich tätig zu werden. Das ist zum einen ein Vorteil, da für jede_n etwas dabei ist. Andererseits überfordern die vielen Möglichkeiten auch schnell und es fällt immer schwerer jene Frage zu beantworten, die man so oft gestellt bekommt: Du studierst Soziologie? Und was macht man dann damit? Während meines Studiums der Soziologie hat sich für mich relativ schnell herausgestellt, dass ich eher im Bereich der quantitativen Sozialforschung tätig werden möchte. Die angebotenen Seminare zu Statistik und Methodenlehre haben mich sehr begeistert. Für mich ist es einfacher auf Grund von Daten und Zahlen zu argumentieren, als auf rein theoretischer Basis. Befragungen durchführen, Daten erheben und auswerten und daraus analytische Schlüsse ziehen, stellt die Grundlage meiner beruflichen Zukunft. Ich sehe die quantitative Empirie als etwas Handfestes an, das mir klare Antworten gibt und auch sofort Entwicklungen erkennen lässt. In den Lehrveranstaltungen zur empirischen Sozialforschung werden einem die nötigen Grundlagen, die man später für sein Berufsziel braucht, vermittelt. Hier erlernt man zum Beispiel Methodenkenntnisse, insbesondere quantitative Forschungsmethoden, sowie Kenntnisse im Umgang mit Auswertungs- und Analysesoftware (z.B. SPSS, SAP, STATA). Diese Grundlagen sind zwar extrem wichtig, jedoch sollte man neben Pflichtveranstaltungen auch weiterführende Seminare und Übungen zu Statistik oder Datenanalyse besuchen, um sich möglichst viele Kenntnisse im Bereich der empirischen Sozialforschung anzueignen. Es ist auch empfehlenswert als Tutor_in oder studentische Hilfskraft zu arbeiten, um seine gewonnenen Kenntnisse anzuwenden und zu vertiefen. Außerdem kann man so einen guten Kontakt zum/zur Dozent_in aufbauen, was sehr nützlich sein kann und einen eventuell später von Konkurrenten im Kampf um eine Stelle abhebt. Verschiedene Praktika erhöhen ebenfalls die Chancen nach deinem Studium gut ins Berufsleben zu starten. Was man auf jeden Fall in der empirischen Sozialforschung beachten muss, ist, dass Übung und somit Erfahrung den Meister macht. Es ist wichtig sich ausgiebig und regelmäßig damit zu beschäftigen, um erstens routinierter mit Fragestellungen umgehen zu können und zweitens nicht alles Erlernte gleich wieder zu vergessen.

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Für den Fall, dass man sich während des Studiums auf quantitative Sozialforschung spezialisiert, bieten sich verschiedene berufliche Perspektiven an. Ich möchte hier nur ein paar Beispiele geben: In Marktforschungsinstituten oder Marketingagenturen werden häufig Soziolog_innen gesucht, die quantitative Methoden beherrschen. In diesen Unternehmen betreibt man Marktforschung oder beschäftigt sich mit Arbeits- oder Qualitätsmanagement. Auch Personal- und Unternehmensberatung oder Marketing können in den Arbeitsbereich fallen. Zu diesen Instituten zählen zum Beispiel auch das Statistische Bundesamt oder die statistischen Ämter der einzelnen Bundesländer. Das Forschungsdatenzentrum SOEP (soziooekonomisches Panel) ist auch ein bekannter Vertreter der statistischen Institute in Deutschland. Auch auf europäischer Ebene gibt es ein statisches Amt, das EuroStat, welches sich z.B. mit Wirtschafts- und Finanzfragen beschäftigt oder auch mit Beschäftigungs- und Sozialpolitik. Neben Statistik, Markt- und Meinungsforschung gibt es aber auch die Möglichkeit in Betriebe der freien Wirtschaft zu gehen, um dort für Firmen Daten zu erheben, die sie für die Weiterentwicklung und Verbesserung ihrer Produkte benötigen. In der Privatwirtschaft ist es wichtig zu wissen, wie der/die Kund_in denkt oder welches Produkt benötigt wird. Diese Fragen können mit Hilfe der Methoden der empirischen Sozialwissenschaften beantwortet werden. Auch in der Stadtentwicklung und -planung werden Soziolog_innen tätig, indem sie z.B. Daten erheben zu Bevölkerungsdichte, Wohnraum, Wohnzufriedenheit und Bevölkerungsverteilung. Es ist wichtig für die Stadtplanung einschätzen zu können, wer, wo in der Stadt wohnt, um z.B. soziale Brennpunkte zu verhindern oder die Infrastruktur der Stadt zu verbessern. Ein weiterer Arbeitgeber für Soziolog_innen mit dem Schwerpunkt empirische Sozialforschung sind Bildungseinrichtungen, wie die Universität oder Forschungsinstitute. An diesen hat man zum einen die Möglichkeit zu promovieren und zum anderen kann man neben der Forschung auch lehren. Wer eine akademische Karriere anstrebt profitiert definitiv davon, wenn er als Hiwi oder Tutor_in bereits Erfahrungen mit der akademischen Arbeitswelt gemacht hat. In sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituten begleitet man eher Forschungsprojekte. Diese können sich zum Beispiel mit demografischem Wandel, Konsumverhalten oder Migration und Integration beschäftigen. Auch Universitäten bieten viele Möglichkeiten zur Forschung. Da es so viele verschiedene Forschungsschwerpunkte gibt, ist es hier nicht möglich diese zusammenzufassen. Am besten schaut man sich die Stellenausschreibungen auf den jeweiligen Internetseiten an, um auf dem neusten Stand zu bleiben.

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Als empirische_r Sozialforscher_in ist es auch möglich, mit Parteien oder Gewerkschaften zusammenzuarbeiten. Im Wahlkampf ist es für Politiker_innen besonders wichtig, einen Eindruck von der vorherrschenden Meinung zu haben, weshalb oft auf Meinungsumfragen zurückgegriffen wird. Bei den vielen beruflichen Perspektiven, die sich bieten, wenn man sich für quantitative Methoden in der Soziologie entschieden hat, darf man aber nicht vergessen, dass sich die Analysesoftware ständig weiterentwickelt. Man muss also auch hier stets auf dem neusten Stand sein.

2. Erst die Party, dann das Semester! Von Katharina Block

Als ich mein Studium begonnen habe, war ich mir noch gar nicht im Klaren darüber, was ich später eigentlich damit machen will. Über meine beruflichen Perspektiven, die sich mir mit einem Soziologiestudium eröffnen werden, habe ich mir im Grunde ziemlich spät Gedanken gemacht. Damals stand natürlich das Genießen des Studierendenlebens im Vordergrund, weshalb bei uns ein beliebtes Motto war: Erst die Party, dann das Semester! Dabei ist es gerade bei einem Soziologiestudium sehr wichtig, dass man sich schon vor dem Beginn des Studiums über die beruflichen Möglichkeiten im Klaren ist oder sich zumindest gut informiert. Es wird zwar oft behauptet, mit Soziologie kann man praktisch in jeden Bereich, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Das Fach Soziologie gehört zu den Geistes- und Sozialwissenschaften und ist somit ein so genannter Bildungsstudiengang, d. h. es werden überwiegend theoretische Kenntnisse vermittelt. Praktische Fähigkeiten muss man sich selbst neben dem Studium durch Praktika oder ähnliches aneignen. Zwar gibt es an den meisten Unis ein obligatorisches Pflichtpraktikum, das man als Teil des Studiums absolvieren muss, als ausreichende Aneignung praktischer Kenntnisse bei späteren Bewerbungen reicht dieses jedoch nicht aus. Zu jedem Soziologiestudium gehören außerdem auch Seminare zu Statistik und zu Empirischen Methoden der Sozialforschung. Aber auch hier muss man sich im Klaren darüber sein, dass in diesen Seminaren überwiegend theoretisches Wissen für eine zukünftige praktische Anwendung vermittelt wird. Dieses ist jedoch wichtig, wenn man z.B. später beruflich empirische Forschung betreiben will. Vor Beginn des Studiums sollte man also schon mal eine Ahnung haben, in welchem Bereich man später arbeiten möchte. Ein typischer beruflicher Werdegang mit Soziologie, für den ich mich schließlich selbst entschieden habe, ist an der Uni zu bleiben und dort in der Forschung 48


und Lehre zu arbeiten, d.h. aber auch, dass man sozusagen immer weiter studiert, quasi eine Art  „ewige_r Student_in“  bleibt.   Nach dem Master-Abschluss muss man auf jeden Fall den Doktortitel erwerben, will man eine akademische Laufbahn an der Uni einschlagen. Hierfür gibt es verschiedene Wege der Umsetzung bzw. Finanzierung der Promotion. Jede_r kann natürlich ein Dissertationsthema ausarbeiten und seinen Professor oder seine Professorin fragen, ob er oder sie die Betreuung der Arbeit übernehmen würde. Dieser Weg des Promovierens nennt sich dann Individualpromotion, da man nicht in ein Doktorand_innenProgramm eingebunden ist oder eine Stelle als wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in hat, bei der die Uni einem, neben der eigentlichen Arbeit, die Möglichkeit zur Promotion gibt. Eine Individualpromotion muss in den häufigsten Fällen selbst finanziert werden. Es sei denn, man bekommt ein Stiftungsstipendium. Stipendien von Stiftungen sind jedoch rar und von daher auch schwer zu bekommen. Über die Voraussetzungen, die man für eine Bewerbung erfüllen muss, kann man sich aber ganz leicht im Internet informieren, meistens auf den Seiten der Stiftungen selbst. Auch die Doktorand_innen-Programme der Unis und die Ausschreibungen für wissenschaftliche Mitarbeit sind sehr attraktiv, was aber dazu führt, dass es beispielsweise für sieben ausgeschriebene Stipendien bzw. zwei wissenschaftliche Mitarbeiter_innenstellen 100 Bewerber gibt, von denen alle exzellente Leistungen vorzuweisen haben. In dem Fall also, dass man sich für ein Stipendium bewerben, aber auch, wenn man sich für eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter_in bewerben will, sollte man eine relativ lange Liste an Zusatzaktivitäten und damit Zusatzqualifikationen, die man neben dem Studium erworben hat, vorweisen können. Hierfür bieten sich hervorragend Tätigkeiten, die man in der Uni als Student_in nebenbei machen kann, an. So gibt es z.B. die Möglichkeit als studentische Hilfskraft zu arbeiten oder Tutorien zu übernehmen, was nicht nur die Kompetenzen erweitert, sondern auch noch ganz nebenbei den Kontakt zu dem/der Professor_in enger werden lässt. Die enge Anbindung an einen Lehrstuhl ist für spätere Promotionsmöglichkeiten sehr wichtig, zumal man z.B. für eine Stipendiumsbewerbung auch Empfehlungsschreiben von einem oder zwei innen braucht. Aber nicht nur das, grundsätzlich gilt: Will man später an der Uni bleiben, sollte bzw. muss man gekannt   werden.   Das   sogenannte   „Vitamin   B“(-eziehung) ist existentieller Bestandteil für eine Universitätskarriere. Ich selbst arbeite neben dem Studium auch als wissenschaftliche Hilfskraft und merke immer wieder, wie wichtig der enge Kontakt zum Lehrstuhl ist. Hervorragende Leistungen sollte man aber trotzdem noch erbringen, denn schließlich will man ja auch sehr gute Wissenschaft betreiben. Sehr wichtig in einem geisteswissenschaftlichen Fach wie Soziologie ist außerdem viel zu schreiben. Je mehr man schreibt, desto besser

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wird auch die Qualität der Schriften bzw. Essays oder Hausarbeiten. Zu einer Unikarriere gehört auch das Veröffentlichen von Texten, welche schon einen gewissen qualitativen Anspruch erfüllen müssen. Oft wird der Erfolg eines Hochschulmitarbeiters an der Zahl seiner Veröffentlichungen gemessen. Nichtsdestotrotz ist eine Karriere als Soziologe_in an der Uni natürlich prestigeträchtig, dementsprechend aber eben auch ein aufwendiger Weg. Man muss dazu bereit sein, die meiste Zeit in seinem Leben Bücher zu wälzen und überwiegend theoretisch zu arbeiten.  Klar  gibt  es  die  Empirische  Sozialforschung,  in  der  man  auch  ins  Feld  „Gesellschaft“   geht und Umfragen, Interviews etc. macht, aber auch hier bedeutet der größte Teil der Arbeit z.B. Fragebögen zu konzipieren oder Analysen am Computer zu machen. Für Menschen, die einen großen praktischen Bezug brauchen, ist die Unikarriere von daher eher nicht geeignet. Zum Glück gibt es aber ja auch noch andere Bereiche, in die man als Soziologe_in gehen kann. Durchaus üblich ist es mit einem Soziologiestudium in NGOs tätig zu werden. Oder man kann, wenn man sich für Entwicklungshilfe und ähnliche internationale Hilfsprojektarbeit interessiert, in vom Bund finanzierten Organisationen, wie dem Deutsche Entwicklungsdienst oder die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, tätig werden. Viele Soziolog_innen gehen aber auch in die Sozial- und Marktforschung oder andere Forschungsinstitute. Beliebt sind auch Stellen im PR-Bereich (Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit), bei Parteien oder Gewerkschaften, im Personalwesen, in Personal- und Organisationsentwicklung, in Qualitäts- oder Projektmanagement, in Weiterbildung und Beratung oder bei Verwaltungen und Stiftungen. Man sieht also, es gibt noch einige andere Möglichkeiten. Was man hier aber eben nicht vergessen darf, ist, dass Soziologie ein Bildungsstudium ist und man nach seinem Abschluss noch keine Berufserfahrung vorweisen kann. Auch deswegen ist es so wichtig, dass man sich möglichst früh für das spätere Berufsfeld entscheidet. Je früher die Entscheidung, desto mehr Zeit, durch Praktika in dem entsprechenden Bereich, möglichst viel praktische Erfahrungen zu sammeln. Gerade im Bereich der NGOs oder der Hilfsprojektarbeit sind praktische Erfahrungen, die man durch Praktika in solchen Organisationen erworben hat, unerlässlich. Hat man schon eine Tätigkeit im Blick, die man sich für die Zeit nach dem Soziologiestudium vorstellt, sollte man auch schon die Seminare im Studium thematisch passend aussuchen. Außerdem kann man sich weiterhin einmal darüber informieren, was für Ansprüche in welchen Berufen üblicherweise gestellt werden, damit man eine Vorstellung davon bekommt, welche praktischen Erfahrungen man mitbringen sollte und Praktika oder ähnliches dementsprechend planen kann. Diese Informationen bekommt man am besten heraus, wenn man sich einmal Stellenausschreibungen für das berufliche Feld, das einen interessiert, anschaut. Hier kann man mittels des Profils, welches die Bewerber haben sollten, einen schnel-

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len und einfachen Überblick über praktische Erfahrungen oder sonstige Talente, die man mitbringen soll, gewinnen. Das Studium der Soziologie öffnet zwar nicht sämtliche Türen, aber ebnet auch nicht nur den Weg der Unikarriere. Will man das angeeignete Wissen über die Gesellschaft mit mehr praktischem Bezug, als an der Uni üblich, anwenden, finden sich in jedem Fall genügend Möglichkeiten, dies auch zu tun. Man sollte sich bloß früh darüber im Klaren sein, was man will, damit man gezielt darauf hin arbeiten kann. Dafür muss es dann auch öfter mal heißen: Erst das Semester, dann die Party!

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VI LINKS Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS)

solziologie.de

Soziologie studieren

soziologiestudium.info

Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen e. V. (BDS)

bds-soz.de

Studentisches Soziologie-Magazin

soziologiemagazin.de

Studentischer Soziologiekongress

soziologiekongress.de

European Sociological Association (ESA)

europeansociology.org

International Sociological Association (ISA)

isa-sociology.org

Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute e.V. (ASI)

asi-ev.org

VII Einführungsliteratur Bahrdt, Hans Paul (2003): Schlüsselbegriffe der Soziologie: eine Einführung mit Lehrbeispielen. 9. Aufl.. München: Beck. Beger, Wolfram (Hrsg.) (2007): Was werden mit Soziologie: Berufe für Soziologinnen und Soziologen. Stuttgart: Lucius & Lucius Jäckle, Michael (2010): Soziologie: Eine Orientierung. Wiesbaden: VS . Joas, Hans (Hrsg.) (2007): Lehrbuch der Soziologie. 3. Auflage. Frankfurt a.M.: Campus. Kneer, Georg/ Schroer, Markus (Hrsg.) (2010): Handbuch Spezielle Soziologien. Wiesbaden: VS. Korte, Hermann (2010): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. 8. Aufl.. Wiesbaden : VS. Meulemann, Heiner (2006): Soziologie von Anfang an: eine Einführung in Themen, Ergebnisse und Literatur.2. Aufl.. Wiesbaden: VS. Nassehi, Armin (2008): Soziologie: zehn einführende Vorlesungen. Wiesbaden : VS. - (2010): Mit dem Taxi durch die Gesellschaft : soziologische Stories. Hamburg: Murmann. Schimank, Uwe/ Schöneck, Nadine M. (Hrsg.) (2008): Gesellschaft begreifen: Einladung zur Soziologie. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus. Späte, Katrin (Hrsg.) (2007): Beruf: Soziologie?! – Studieren für die Praxis. Konstanz: UTB Wagner, Gerhard (2008): Paulette am Strand. Roman zur Einführung in die Soziologie. Weilerswirst: Velbrück.

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Soziologie studieren – Einblicke in den Alltag des Soziologiestudiums