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Der Hirtenjunge (slowenisches Volksm채rchen)


Einst hütete ein kleiner Junge in Istrien, nahe dem Meer, ein paar Kühe, denen auch einige Schafe und Ziegen beigesellt waren.

Es war Nachmittag, und die glühende Sonne brannte auf die Erde. Da sah der Junge drei schöne Mädchen, die auf der weichen Wiese schliefen. Es waren Feen. Sie waren unsagbar schön und sahen sich auch sehr ähnlich: fast glichen sie einander. Sie lagen ruhig da und schlummerten sanft, zumindest dem Anschein nach.

Der Junge dachte nicht im geringsten daran, dass es Feen sein könnten. Er dachte, es sind gewöhnliche Mädchen, die in der Sonne schläfrig wurden und sich hinlegten und einschliefen.

» Die Sonne wird sie jedoch verbrennen«, dachte der Junge bei sich. » Schade um die so schönen Gesichter! Ich muss ihnen helfen.«

Er kletterte auf eine nahe Linde, brach recht buschige Zweige ab und steckte sie rund um die schönen Mädchen in die Erde, so dass sie die Sonne nicht verbrennen konnte.


Nicht lange danach erwachten die Feen und erhoben sich. Sie erstaunten und eine fragte die andere, wer denn bloß so voller Mitleid war, sie vor der brennenden Sonne geschützt zu haben. (Sie wußten nur zu gut, was geschehen war, denn Feen schlafen nie, sondern tun nur so, als ob sie schliefen. Sie fragten nur deshalb, um zu sehen, ob der Junge antworten wird oder nicht.) Aber der Hirtenjunge amtwortete nicht, sondern versuchte sogar zu fliehen, da er die Feen nicht anzusehen vermochte: ihre Haare leuchteten nämlich zu sehr. Sie glänzten wie reines Gold. In diesem Augenblick waren sie bereits alle drei bei ihm. Er konnte ihnen nicht entkommen. Sie fragten ihn, was er sich als Geschenk wünsche, da er sie vor sengenden Sonne geschützt hatte. Der Junge traute sich aber nicht, um etwas zu bitten. Sie boten ihm einen wundersamen Beutel voll Geld an, in dem die Goldstücke nie ausgehen würden. Doch der Hirtenjunge hatte für all das nichts übrig, da er Geld gar nicht kannte. Mit dem Geld aber nur zu spielen und es zu betrachten, mochte er auch nicht, denn das Geld ist tot, er aber hatte lebendige Kühe und Schafe, die ihm alles bedeuteten. Als die Feen das bemerkte, sagten sie zu ihm: » Wenn du die Herde abends eintreibst, wirst du hinter dir, vom Meer her, das Läuten verschiedenartiger Glocken vernehmen, schaue dich aber auf dem Weg nie um, bis du zu Hause ankommst.« Als sie das sprachen, verschwanden sie. Nun erst erkannte der Junge, dass das keine gewöhnlichen Mädchen wie die anderen waren, sondern wahrscheinlich Feen.


Die Sonne neigte sich langsam immer mehr dem Meer zu und der Hirtenjunge trieb die kleine Herde nach Hause. Je mehr er sich dem Zuhause näherte, desto lauter vernahm er das Geläute und Bimmeln hinter seinen Rücken. Er vergaß jedoch, was ihm die Feen aufgetragen hatten. Als er schon auf dem halben Weg war, wandte er sich neugierig um, um zu sehen, wer denn so viel Vieh hinter ihm treibt. Da erblickte er eine große Schar von Schafen, Kühen und Ziegen, die hinter seiner Herde aus dem Meer kamen. In dem Augenblick aber, als er sich umschaute, hörte alles auf, aus dem Meer an Lan dzu kommen. Nur jene Schar begleitete ihn nach Hause, die schon draußen war. Wenn sich der Hirtenjunge nicht umgedreht hätte, würde er eine unsagbar große Herde besitzen;doch er hatte auch davon genug, weil er auch den armen Nachbarn von dem Vieh abgab, das ihm die Feen auf recht wundersame Weise geschenkt hatten.

Der Hirtenjunge  

Slowenisches Märchen

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