Page 1

06-2012

Generationengespräche Großeltern und Enkel in aller Welt haben sich viel zu sagen.  Interview S. 12 Bomben der Gegenwart: Die Spuren des Krieges erreichen die III. Generation.  S. 24 Insel der glücklichen Kinder – Welche das ist? Steht auf  S. 44

DAS MAGAZIN FÜR KINDHEIT UND kulturen SCHWERPUNKT: Grosseltern

„Warum liebt ihr mich so?“ – „Ach, Oma!“

SOS-Kunststück: Große Kunst für die gute Sache  S. 54 Mein Sohn ist 16 und lügt.  Ratgeber  S. 62


Die ADAC-Stiftung »Gelber Engel« unterstützt Unfallforschung, Unfallpräventions-Projekte und Unfallopfer.

ADAC-Stiftung »Gelber Engel« Postfach 700 146 81031 München Tel. (0 89) 76 76 67 58 www.adac.de /stiftung


-3ubuntu Inhalt

Editorial / Contributors Impressum Orte der Kindheit Kurzgeschichten Schwerpunkt: Großeltern Ach, Oma!

4 4 6 8 12

ubuntu-Reporter haben Großeltern und Enkel in aller Welt besucht.

Gefunden haben sie Glück und Komplizenschaft, aber auch Sprachlosigkeit und Sorge. Interviews aus Kenia, China, Österreich, Brasilien und Griechenland.

Die Bomben der Gegenwart

24

Immer mehr Kriegsenkel forschen nach: Sie wollen genau wissen, was in ihren Familien geschah – um so auch ihr eigenes Leben besser zu verstehen.

Manchmal hat Jane Obilo Angst um ihren Enkel Biko – manchmal er um sie. Manchmal macht er ihr Mut – an anderen Tagen ist sie die Starke. Jane Obilo lebt mit Biko und 21 weiteren Enkeln in Kenia im Slum. Interview Seite 12

Eine Frage geht um die Welt Seite 31: So wertvoll können 31 Euro sein Wohin gehst du, wenn deine Mutter im Sterben liegt und deine Frau in den Wehen? Für unseren Autor bedeutete der Generations-

30 31 32

wechsel das größte Dilemma seine Lebens.

Infografik: Geschlechterverteilung im Kinderzimmer Playmobil-Rollenbilder Geschichten, wie sie nur eine Russin erzählen kann

36

38

Foto Titel: Mariantonietta Peru; Fotos diese Seite: Mariantonietta Peru, Thomas Linkel, Paul Hahn

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Literatur

Zu erobern gibt es viel auf Island – und viele glückliche Eroberer. Warum es Kindern auf der Insel so gut geht, lesen Sie auf Seite 44. Übrigens: Diese Heuballen waren mal ganz weiß – bis der Vulkan ausbrach.

Meine Welt von morgen Verdammter Zwang zur Neutralität

41 42

Der Krieg in Syrien verlangt den Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer einiges ab. Essay

Die Insel der glücklichen Kinder

44

In Island sind Kinder kein gesellschaftliches Accessoire, sondern eine Selbst­ verständlichkeit. Das tut ihnen sichtbar gut. Reportage

Winzige Erwachsene mit vollem Kalender. Glosse Diese Meisterwerke können bald an Ihrer Wand hängen …

52 54

SOS-Kunststück, die Auktion, die Kindern hilft, startet im November.

Hungerkrise in Niger

58

Anhaltende Dürre und steigende Lebensmittelpreise haben dazu geführt,

dass acht Millionen Menschen zu wenig zum Essen haben. Die SOS-Nothilfe unterstützt Kinder und ihre Familien. Helfen Sie zu helfen!

Das rote Bändchen am Fuß des Kindes bedeutet: Es ist stark unterernährt und wird in ein Ernährungsprogramm aufgenommen. In Niger nimmt die Hungerkrise bedrohliche Ausmaße an. Die SOS-Kinderdörfer helfen. Seite 58

Fragen an Ulrich Sommer: der Eltern-Ratgeber Die Kinder von Kreuzkölln, Berlin Wissen Wie waren Sie als Kind, Fatih Akin?

62 64 65 66


-4ubuntu Editorial/Contributors

Von links nach rechts: Ingrid Famula, Andrea Seifert, Simone Kosog Nächste Ausgabe Juni 2013 Beigelegt bei Tagesspiegel, sowie Teil­ ausgaben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Süddeutschen Zeitung und der ZEIT.

Liebe Leserinnen und Leser,

Impressum

als „Ass im Ärmel“ junger Familien bezeichnet die Verhaltensforscherin Sarah Blaffer Hrdy die Großmütter, und der Gießener Professor für Biophilosophie Eckart Voland glaubt, dass sich die Menschheit nur deshalb so entwickeln konnte, weil schon in der Steinzeit Großmütter ihre Enkel hüteten und die Mütter entlasteten. Dass Groß­ eltern in vielerlei Hinsicht besonders sind, davon erzählt diese Aus­gabe von ubuntu – in Interviews mit ihren Enkeln aus der ganzen Welt (S. 12), in einem sehr persönlichen Text über den Wettlauf zwischen Tod und Geburt (S. 32), in einem Bericht über die „Kriegsenkel“ (S. 24), die alles daran setzen, die Vergangenheit zu erforschen. Übrigens: Genauso besonders wie ihre Groß­ eltern sind auch die Enkel, das wissen die Omas und Opas dieser Welt am besten. Niemand kann so schwärmen wie sie, wenn sie von ihren Enkelkindern erzählen.

Chefredaktion Ingrid Famula, Simone Kosog

Ihre ubuntu-Chefredaktion

Herausgeber SOS-Kinderdörfer weltweit – Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e. V. Ridlerstraße 55 80339 München Vorstand: Dr. Wilfried Vyslozil

Bildredaktion Andrea Seifert Schlussredaktion Adelheid Miller Mitarbeiter dieser Ausgabe Patrick Bierther, Angelika Dietrich, Hubert Filser, Susanne Frömel, Marcel Grzanna, Paul Hahn, Martina Koch, Mariantonietta Peru, Claudia Singer, Ulrich Sommer, Christine Wollowski Kaufmännischer Bereich Ingrid Famula, Andrea Seifert Gestaltung ANZINGER | WÜSCHNER | RASP München Lithografie MXM, München Leserservice Tel. 089/17 914-140 oder ubuntu@sos-kd.org www.sos-kinderdoerfer.de/ubuntu

Anzeigen Großmann.Kommunikation Gabriele Großmann Grünwalder Straße 105 c 81547 München Tel.: 089/64 24 85 64 Fax: 089/64 24 93 99 grossmann.kommunikation@ t-online.de Druck Appl – Echter Druck Delpstr. 15, 97084 Würzburg

Thomas Linkel

Mariantonietta Peru

Gold für ubuntu

Zwar bereist Thomas Linkel

Die Fotografin Mariantoni-

Zum zweiten Mal in Folge ist

ganze Welt, aber seine große

Schönheit: In der Landschaft

of Corporate Publishing“ ausge-

für seine Fotoreportagen die Liebe bleibt Island. Der Münchner kommt mindestens einmal

im Jahr hierher. Für die ubuntuReportage über die „Insel der glücklichen Kinder“ (S. 44) musste er noch einen Zusatztermin

einlegen, da bei der ersten Reise ein Vulkan ausbrach, in Folge

dessen so viel Asche in der Luft war, dass die ganze Insel in

grau-gelb getaucht war. Fotografieren fast unmöglich.

etta Peru begegnet täglich der Kenias, wo sie seit vielen Jahren mit ihrer Familie lebt, in vielen alltäglichen Szenen. Am aller-

liebsten macht sie Porträtaufnahmen. „Das ist, als würde ich

einem Menschen in die Seele sehen.“ (S. 12)

ubuntu mit dem Preis „Best

zeichnet worden. Die Jury be-

gründete ihre Entscheidung so: „ubuntu, das Magazin der

SOS-Kinderdörfer, wird seinem südafrikanischen Namen voll

gerecht, der ‚Respekt, Verant-

wortung und Würde‘ bedeutet. Transportiert wird das unver­

ändert modern: frisch, überraschend und sprachlich auf hohem Niveau.“

Die Zeitschrift ubuntu und alle darin veröffentlichten Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede durch das Urheberge­ setz nicht ausdrücklich zugelassene Nutzung oder Verwertung bedarf der schriftlichen Einwilligung des Herausgebers. Eine Vermietung oder ein Nachdruck, auch auszugsweise, sind nicht gestattet. Insbesondere ist eine Einspeicherung oder Verarbeitung der auch in elektronischer Form vertriebenen Zeitschrift in Datensystemen ohne Zustimmung des Herausgebers unzulässig. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fo­tos wird keine Haftung übernommen. Leserbriefe an: SOS-Kinderdörfer weltweit – ubuntu Ridlerstraße 55 80339 München

Fotos: Michela Morosini, privat

Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt: Ingrid Famula (Adresse s. Herausgeber)


-6ubuntu Orte der Kindheit

Schatzsuche Foto Jörg Böthling

Wie dunkler Nebel liegt er über Kra-

tern und schroffem Geröll: Der Kohlestaub aus den Minen von Jharia in Ost-Indien.

Kinder krabbeln barfuß auf den scharfkan-

tigen Koksbrocken umher. Sie suchen einen Schatz auf den Bergen in giftigen Dämp-

fen, die die Atemwege reizen und zerstören. Ihr Schatz ist schwarz und rußig. Sie sam-

meln kleine Kohlebrocken, die die Megamaschinen der Minengesellschaft übersehen

haben. Füllen ihre Körbe. Bald sind auch die Kinder so schwarz wie ihre Schätze.

Wenn sie die schwere Last auf ihren Köp-

fen nach Hause getragen haben, waschen sie sich und gehen zu Schule. Später ver-

kaufen die Eltern die Kohle auf dem Markt. Von dem Erlös bekommen die Kinder ein

bisschen Kleingeld für Süßigkeiten oder zum Karussell fahren.

Doch die Minengesellschaft bohrt sich

durch das Dorf. Die Maschinen vergiften mit ihren Dieselmotoren die Luft, sie frä-

sen sich in die Erde oder schaufeln riesige Krater. Das Dorf liegt am Rande so eines

Kraters und wird bald darin verschwinden. Schon jetzt können die Menschen dort

kaum leben. Kleine Feuer brennen unter der Erde, denn die Kohle kann sich selbst ent-

zünden. Dann wird der Boden an manchen Stellen so heiß, dass man sich nicht mehr setzten kann.

Dennoch wollen die Dorfbewohner bleiben, solange es geht. Trotz des rußigen Nebels,

trotz der giftigen Dämpfe. Denn hier finden die Kinder ihre Schätze, die die Familien

brauchen, um zu überleben – aber glitzern tun sie nicht.


-7ubuntu Orte der Kindheit


-8ubuntu Kurzgeschichten

Das tierische Klassenzimmer

Damit Kinder den richtigen Umgang

mit Tieren lernen, ist in einer Grundschule auf Teneriffa jetzt ein „Tierschutzzimmer“

eingerichtet worden. Das ortsansässige Tierheim hatte immer wieder Unterricht im Tierschutz angeboten. Weil zunehmend

mehr Schulklassen kamen, fanden die Organisatoren, dass man das Angebot erwei-

tern müsse. In dem neuen Klassenzimmer, eingerichtet vom Verein „Aktion Tier“, ler-

nen die Kinder alles über Haustiere, Wildtiere sowie Massentierhaltung.

Besser behutsam streicheln als an den Ohren ziehen: Auf Teneriffa lernen Kinder den Umgang mit Kaninchen und Co.

Studierverbot für Frauen

Im Iran dürfen Frauen bestimmte

Fächer nicht mehr studieren. Zum gerade

Neulich … Wenn die schönsten geschichten das leben schreibt, dann gilt das auch für die ganz kleinen. zum beispiel diese. digitaler käse Ich hätte gerne fünf Äpfel“, sagt die Besucherin zu Lasse, 3, der in seinem Kaufladen steht. Seine Antwort: „Habe ich nicht!“ – Daraufhin die Besucherin: „Dann nehme ich Milch.“ – „Habe ich auch nicht.“ – „Käse?“ – „Auch nicht!“ – „Ja, du hast ja gar nichts!“ Lasse: „Das kriegst du alles im Internet!“

Fallobst Unterwegs im Zug. Ein Mädchen regt sich über den kleinen Bruder auf: „Du hast wohl nicht mehr alle Birnen im Hirn.“ – Die Mutter korrigiert: „Du meinst wohl: ‚Alle Tassen im Schrank‘.“

Körperpflege

Unheilig

Bruno freut sich seit Tagen aufs Oktoberfest. „Dort bekomme ich ein Riesen-Wattestäbchen!“, erzählt er allen. Dann ist es soweit, Besuch auf der Wiesn – die Zuckerwatte schmeckt himmlisch!

Malea, 9 Jahre alt, hat einige Jahre mit ihren Eltern in Asien gelebt. Zurück in Deutschland fährt die Familie durchs Allgäu, als der Vater plötzlich eine Vollbremsung macht. Auf der Straße steht eine Kuh. Malea sagt erstaunt: „Ich wusste gar nicht, dass deutsche Kühe auch heilig sind!“

lebenskünstler Ein Vater geht mit seinem Sohn an einer Straßenkehrmaschine vorbei. Der Sohn sagt begeistert: „Das möchte ich später auch machen.“ Der Vater versucht zu argumentieren … Ob denn das wirklich so eine gute Idee sei. Dann sagt der Sohn: „Ich will ja sowieso mehrere Berufe haben. Und am Wochenende will ich Mensch sein.“

Mann oder mutter Gespräch zwischen der Mutter und ihrer sechsjährigen Tochter. „Mama, seit wann hast du eigentlich Ohrringe?“ – „Hmmmh … weiß ich nicht genau, aber ich war auf jeden Fall noch ein Mädchen.“ Die Tochter schaut verwundert und sagt: „Aber du bist doch jetzt kein Junge!“

begonnenen Studienjahr haben 36 Uni­

boten, vor allem Fächer wie Ingenieurs­ wissenschaften, aber auch Sprach- und

Sich selbst überlassen

diengänge. Einige der Fächer widersprä-

Aids-Waisen in Simbabwe werden in Zukunft vermehrt auf sich allein gestellt sein. Das ist das Ergebnis einer Simulation des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Lange gab es in Simbabwe das Wort „Waise“ gar nicht, weil elternlose Kinder selbstverständlich von Verwandten aufgenommen wurden. Doch mit der Aids-Epidemie änderte sich das. 2006 hatten elf Prozent der Kinder beide Eltern verloren – gleichzeitig gab es immer weniger Verwandte, die sich kümmern konnten. Der Demograf Emilio Zag­ heni hat jetzt ein Modell für Simbabwes Zukunft erstellt. Demnach wird es 2020 zwar nur noch sechs Prozent Waisenkinder geben, aber

Naturwissenschaften oder Wirtschaftsstuchen „der weiblichen Natur“, begründet das

Wissenschaftsministerium. Als die Schließung kurz vor Beginn des Studienjahrs

bekannt wurde, waren sogar konservative Medien und Studenten empört. In Inter­

netforen bezeichnen Iranerinnen das Stu­ dienverbot als „Rückfall in die Steinzeit“ und „Talibanismus“.

Iranische Frauen engagieren sich seit ein

paar Jahren gesellschaftspolitisch: Sie kämpfen in Nichtregierungsorganisationen für

mehr Gleichberechtigung und protestieren offen gegen das Regime. Das ist dem

konservativen Klerus gar nicht recht – er begreift Frauen als Hausfrauen und Mütter.

Der geistliche Führer Ajatollah Chamenei hatte vor kurzem verlangt, dass sich die

iranische Bevölkerung verdopple: Kinder statt Karriere.

Kind sein in Simbabwe könnte für einige Jungen und Mädchen bald bedeuten, ganz alleine überleben zu müssen.

ihre Situation wird umso dramatischer sein, weil auch zahlreiche Verwandte an AIDS sterben werden. Schon heute werden viele Haushalte in Simbabwe von älteren Geschwistern geführt.

Fotos: Katerina Ilievska, Andrea Schmidt

versitäten 77 Studiengänge für Frauen ver-


-9ubuntu Kurzgeschichten

Vorbild sein – als Fußballtrainer

In Uganda werden Jugendliche zu Kin-

derfußballtrainern ausgebildet. Die „Young Coaches“ kommen unter anderem aus den

vier SOS-Kinderdörfern des Landes. Sie werden dafür geschult, benachteiligten Kin-

dern über den Sport soziale Kompetenzen zu vermitteln. Bei der Ausbildung der jugend-

lichen Fußballtrainer arbeiten die SOS-Kinderdörfer mit Experten von Werder Bremen

und Bayer Leverkusen sowie lokalen Organisationen zusammen. Initiator des Pro-

gramms ist die Schweizer Stiftung „Scort“. Die „Young Coaches“ sollen lernen, ihren

Schülern über den Sport Werte wie Fairplay und Solidarität sowie den Umgang mit

Konflikten und Niederlagen zu vermitteln. Aktuell nehmen 31 Jugendliche teil. Die

deutschen Fußballlehrer waren vom Enga-

Lernen um zu lehren: In Uganda bilden deutsche Fußball-Experten jugendliche Trainer aus, die dann ihrerseits mit den Kindern ihres Landes arbeiten.

Recht auf Kinderarbeit

Kinderarbeit soll in Bolivien offiziell

erlaubt werden, das fordert die Union der

Kinder- und Jugendarbeiter. Damit einhergehen sollen schulkompatible Arbeitszei-

ten, faire Arbeitsbedingungen und eine Krankenversicherung. So soll Ausbeutung ver-

hindert werden. Die Kindergewerkschaft hat bereits einen Gesetzentwurf ausge­

arbeitet, über den die Regierung in diesem Jahr entscheiden wird.

Offiziell ist es Jungen und Mädchen unter

14 Jahren in Bolivien verboten zu arbeiten.

Dennoch schuften über eine Million Kinder in dem südamerikanischen Land täglich

ohne gesetzlichen Schutz in Bleiminen, auf Fotos: Scort Foundation, Christian Lesske

Müllhalden oder als Schuhputzer. Weil

ihre Jobs illegal sind, werden die Kinder ausgenutzt und hintergangen. „Kinderarbei-

ter sollen von der Gesellschaft anerkannt und geschützt werden“, fordert die Kindergewerkschaft.

Bereits vor zwanzig Jahren haben sich die

ersten Kinder zu einer Gewerkschaft zusam­ mengeschlossen.

gement der „Young Coaches“ beeindruckt.

„Sie hatten bereits klare Vorstellungen davon, was einen verantwortungsvollen Trai-

ner ausmacht“, sagte Peter Quast von Bayer Leverkusen.

Bildung gegen Piraterie Die SOS-Kinderdörfer planen in Dschibuti mit Unterstützung des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) ein Zentrum für E-Learning. Es soll Modellcharakter für die Region haben und der Piraterie vorbeugen. Das 2.500 Quadratmeter große Grundstück, auf dem das Zentrum gebaut wird, liegt im Armenviertel Balbala. „Wenn die jungen Leute eine Perspektive sehen und am Horn von Afrika eine soziale wirtschaftliche Entwicklung stattfindet, kann auch die Piraterie eingedämmt werden“, glaubt Ralf Nagel, Präsidiumsmitglied des VDR. Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit, hält das Zentrum für ein kleines Tor zur Welt: „Die Jugend­ lichen haben hier Internetzugang, Online-Medien, digitale Bücher und Kontaktplatt­ formen.“ Die Eröffnung des Zentrums ist für Herbst 2013 geplant. Die SOS-Kinder­ dörfer wollen das Bundes­ ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und EntZugang zu Bildung und Entwicklung wicklung für eine Teilfinansollen Jugendliche am Horn von Afrika zierung gewinnen. erhalten. Dort entsteht ein Zentrum für E-Learning.


-10ubuntu Kurzgeschichten

Rote Lippen, goldener Teint: Durchs Anmalen, Bekleben und Schmücken bekommen die Gips­ masken ihren eigenen Charakter.

Bitte nachmachen! Gipsmaskenlandschaft

… vorgeführt von SOS-Kindern

und Betreuern aus dem SOS-Feriendorf in Caldonazzo, Norditalien

Material: Gipsbinden, Vaseline, eine

Schüssel Wasser. Je nach Laune Farben, Glitzersteine, Federn und anderer Zierschmuck.

Anleitung: Zuerst schneidest du die Gipsbänder auf eine Größe von etwa

10 x 10 Zentimeter. Damit man den Gipsabdruck später leicht wieder vom Ge-

sicht ablösen kann, cremst du dein Gesicht gut mit Vaseline ein, vor allem

auch die Augenbrauen und Wimpern, und bindest die Haare zurück.

Jetzt müssen dir ältere Kinder oder

Erwachsene helfen! Die legen die durchnässten Gips-Quadrate Stück für Stück auf dein Gesicht. Man muss den Gips

leicht andrücken und verreiben, um die Konturen des Gesichtes gut auszufor-

men. Ob du Augen und Mund mit eingipsen willst, kannst du selbst entscheiden,

bei uns hat es die meisten Kinder nicht gestört. Aber auf alle Fälle müssen die

Nasenlöcher frei bleiben, damit du Luft bekommst!

Nach etwa zehn Minuten ist die Maske fest und du kannst sie abnehmen. In

Caldonazzo legten wir sie in die Sonne zum Trocknen. Bis jetzt sahen alle Mas-

ken noch ziemlich gleich aus, aber nun

In Rietberg können Schüler über

einen Teil des Schulbudgets entscheiden. Als erste Kommune Deutschlands arbeitet

die ostwestfälische Stadt mit dem „Schülerhaushalt“, dessen Konzept die Bertelsmann Stiftung entworfen hat. Die Schüler von

Gymnasium, Realschule und einer Förder-

schule bestimmen über jeweils 7.000 Euro – bis zu 25 Prozent der frei verfügbaren Gel-

der. Das Prozedere: Jeder Schüler kann Vorschläge machen, dann wird abgestimmt.

Gemeinsam mit der Stadt­verwaltung arbei-

tet jede Schule zehn Vorschläge aus und

legt sie dem Stadtrat zum Beschluss vor. So sollen die Schüler lernen, sich in Demo­ kratie zu üben.

Geburt auf fotos In den USA engagieren immer mehr werdende Eltern einen Profi-Fotografen, um die Geburt ihres Kindes festzuhalten. Mary Buffington, Fotografin aus Arkansas, reist seit zwei Jahren für Geburts-Reportagen durchs Land. Sie glaubt, dass die Reportagen vor allem deshalb so populär sind, weil sie viele kleine Momente festhalten, die sonst unbemerkt blieben. Bei der Geburt versuche sie, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Die meisten Krankenhäuser geben ihre Einwil­li­ gung, sofern die Ärzte keine Einwände haben.

nahmen wir Farben, Glitzersteine, Federn und Stoffreste und schmückten sie.

Danach erkannte jedes Kind sofort seine Maske.

Später haben wir die Masken an Stöcken befestigt und auf der Wiese aufgestellt:

Sie wirken wie ein Zauberwald aus fantastischen und märchenhaften Gesichtern.

Schwierigkeitsgrad: Leicht. Wichtig ist eine entspannte und vertraute Atmo-

sphäre, in der kein Kind Angst hat, sich den Maskenbildnern zu überlassen. Alter: Von drei bis 100.

Fotos: Walter Anyanwu

Kinder entscheiden über ihr Schulbudget


-11ubuntu Kurzgeschichten

Radfahren soll ein Kinderrecht

werden, forderten die Teilnehmer der Kon-

Mit der Aktion wollten die Pädagogen auf

verabschiedeten die „Charta von Vancouver“,

vom Grasshoppers Kindergarten in Nord-

Fünen sagt, fühlen sich viele Kinderkrippen davon bedroht, dass bald der Nachwuchs

ausbleiben könnte. Die betroffenen Eltern nahmen das Angebot gerne an, bei den

Grasshoppers wurde die Hälfte der Kinder zur Betreuung gebracht. Allerdings nutz-

ten nicht alle Eltern ihren freien Abend für den beabsichtigten Zweck. Dorte Nyman:

„Viele sagten uns: Wir bringen zwar unsere Kinder – aber mehr Nachwuchs werdet

ihr deshalb nicht von uns bekom­men.“

Dänemark steht in der Geburten­statistik weit hinten – auf Platz 185 von 221 Ländern.

die an die Vereinten Nationen und alle Re-

10

der darin zu fördern, aktiv mobil zu sein.

0

gierungsorganisationen appelliert, die KinAuf der Konferenz erläuterte Paul Tranter, Professor für Physik, Umwelt- und Mathe-

matikwissenschaft der Universität von Canberra, wie wesentlich es für die Entwick-

lung von Kindern sei, selbstständig mobil zu sein – also Fahrrad zu fahren, zu Fuß

USA

aufmerksam machen. Wie Dorte Nyman

20

Australien

die sinkende Geburtenrate in Dänemark

ferenz Velo-City Global in Vancouver. Sie

United Kingdom

weiteren Nachwuchs zeugen.

40

Deutschland

Kinder gehütet – mit dem Ziel, dass die

Eltern sich der Leidenschaft hingeben und

60

Schweden

Mitarbeiter in dänischen Kinder­

Kinder, die per Rad zur Schule fahren Anteil in %

Niederlande

krippen haben einen Abend lang kostenlos

Fahrräder für alle Kinder

China

Geburtenrate ankurbeln

Asien    Europa    Australien    Amerika

zu gehen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Deshalb müssten die Städte

kinderfreundlicher werden und Eltern und

unterzeichnet wurde. Wer das Recht der

fahren.

will, kann die Charta auf der Internetseite

Erzieher den Kindern erlauben, Rad zu Die Charta von Vancouver gründet auf

der UN-Kinderrechtskonvention, die 1990 in Kraft getreten ist und von 140 Ländern

Kinder aufs Fahrradfahren unterstützen der European Ciclysts Federation (EFC)

unterzeichnen: www.ecf.com/childrenhave-the-right-to-cycle

Anzeige

UBUNTU -der Circus

erfreut seit 18 Jahren die Herzen und Gemüter der Menschen in Norddeutschland ! Für verhaltensoriginelle Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren, die in ihrem familiären oder schulischen Umfeld Belastungen ausgesetzt sind, die der Freude am Leben und Lernen massiv entgegenstehen, gibt es seit über 10 Jahren für eine „Auszeit“ unsere Circus-Schule UBUNTU -das Circusjahr

„Ich bin weil wir sind und wir sind weil ich bin !“ Nach diesem Motto - es ist unsere Übersetzung des Zulu-Wortes UBUNTU arbeiten und leben wir zusammen! Über Fragen oder Anmeldungen zum kommenden Schuljahr freuen wir uns: UBUNTU -das Circusjahr An der Heide 1-3 * 25358 Horst (Holstein) Fon 04126 - 395510 * Fax 04126 - 395511 www.ubuntu.de * ubuntu@ubuntu.de


-12ubuntu Großeltern

Ach, Oma! Ubuntu-Reporter haben GroSSeltern und ihre Enkel in aller Welt besucht. Gefunden haben sie Glück, SpaSS und Komplizenschaft, aber auch Sprachlosigkeit, Sorge und Sehnsucht. Gespräche aus Kenia, China, Österreich, Brasilien und Griechenland.


-13ubuntu Großeltern

All ihre Enkel sollen mal ein erfolgreiches Leben führen, davon träumt Jane Obilo im Slum von Mombasa.


Wenn einen von beiden der Mut verlässt, ist der andere da, um ihn wieder aufzurichten: Steve Biko und seine GroĂ&#x;mutter Jane Obilo.


-15ubuntu Großeltern

„Ich hab dir nie gesagt, wie dankbar ich bin!“ – „Das zeigst du mir doch Tag für Tag!“ Steve Biko Odhiambo, 22, lebt zusammen mit seiner groSSmutter Jane Obilo, 60, und ihren 21 weiteren Enkeln im Slum von Mombasa in Kenia. dIe Hoffnung geben sie selbst hier nicht auf. Fotos und Interview Mariantonietta Peru   

jagten uns aus dem Haus.

B. O.: Ich habe immer schon gedacht, dass

da etwas nicht stimmt! Warum hast du uns das nie erzählt?

J. O.: Weil ich nicht wollte, dass etwas zwi-

schen euch und euren Verwandten steht …

Damals kam ich nach Mombasa: mit meinen Kindern und den Kindern, die mein Mann mit seiner Zweitfrau hatte, sie war eben-

falls gestorben. Jetzt ziehe ich auch die Kinder meiner Tochter auf, die HIV positiv ist

und sehr geschwächt. Meine andere Tochter, die Mutter von Biko und seinen Geschwis-

tern, ist bei einem Unfall gestorben. Ich habe auch ein Waisenkind aufgenommen, das niemanden mehr hatte.

Das Geld reichte ohnehin nicht und Sie

haben trotzdem noch ein weiteres Kind aufgenommen?

J. O.: Hätte es denn auf der Straße leben

sollen? Ich habe immer die Hoffnung und den Glauben, dass alles gut wird und dass

Biko, du bist 22 Jahre alt und wohnst

mit deiner Oma und 21 weiteren Kindern

in einer engen Hütte im Slum. Hast du nie darüber nachgedacht auszuziehen?

Biko Odhiambo: Doch, immer wieder. Aber letztendlich bin ich geblieben, weil ich es

unfair fand, sie mit all den Schwierigkeiten allein zu lassen.

Jane Obilo: Biko unterstützt mich, wo er

kann: Vor drei Jahren hat er damit begonnen, Müll zu sammeln und damit sein Geld zu

verdienen. Er hat sogar für seine Schwester das Schulgeld bezahlt.

B. O.: Ich träume davon, später ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein und ein sicheres Einkommen zu haben.

J. O.: Das ist auch mein Traum – für alle meine 22 Enkelkinder: dass sie später

in sicheren Verhältnissen leben, genug zu essen haben und nie mehr hungrig ins Bett gehen müssen.

Das heißt, heute reicht das Essen nicht immer?

J. O.: Wenn ich morgens aufwache, ist mein erster Gedanke: Werde ich den Kindern

heute etwas zu Mittag und zu Abend kochen können? In der Früh um sechs gehe ich auf

den Markt, kaufe Mais, koche und verkaufe ihn, aber wenn es schlecht läuft, reichen

die Einnahmen nicht. Ich muss ja auch noch Schulgeld für alle Kinder zahlen und das

ist mir am allerwichtigsten: dass sie etwas lernen und die Chance bekommen, mal

ein anderes Leben zu führen. Daran glaube ich ganz fest.

B. O.: Früher war ich manchmal sauer, wenn wir zum Beispiel mit der Schule einen Aus-

flug gemacht haben und ich nicht mitgehen konnte, weil wir die 300 Schilling (drei

Euro) nicht hatten. Ich hatte das Gefühl, um meine Rechte als Kind betrogen zu werden.

Meine Großmutter hat versucht, es mir zu erklären, aber ich war wütend. Heute verstehe ich sie besser.

Wie passen so viele Kinder überhaupt in Ihre kleine Hütte, Frau Obilo?

J. O.: Tagsüber sind wir die meiste Zeit

draußen. Nachts schlafen sie auf Matten und bei mir im Bett. Die Größeren gehen

jeden Abend rüber zur Schule und schlagen

Gott uns hilft. Wenn ich meine Enkelkinder fröhlich spielen sehe, wenn sie mich an-

strahlen und ich spüre, dass ich für sie etwas Besonderes bin, dann ist das für mich das schönste Geschenk.

B. O.: Alles, was ich heute kann, verdanke ich meiner Großmutter. Sie hat nie die

Hoffnung verloren und uns immer wieder gesagt, dass wir nicht aufgeben sollen.

Ich habe mir schon oft vorgenommen, dir zu sagen, wie dankbar ich dafür bin, aber irgendwie habe ich mich nie getraut.

J. O.: Das musst du mir doch nicht sagen,

Biko. Das zeigst du mir doch jeden Tag in vielen kleinen Momenten.

dort ihr Lager auf, auf dem Boden oder

auf den Bänken. Bevor ich selbst schlafen gehe, schaue ich nochmal, ob bei den Kindern alles in Ordnung ist.

B. O.: Ich hab immer Angst, dass sie

überfallen werden könnte, wenn sie nachts draußen herumläuft.

J. O.: Die gleiche Sorge habe ich um Biko,

wenn er früh am Morgen zur Arbeit geht. Die Slums sind nicht gerade die sicherste Umgebung.

Wie sind Sie überhaupt im Slum von Mombasa gelandet?

J. O.: Früher lebte ich mit meinem Mann

in Kisumu im Osten Kenias. Wir hatten ein gutes Leben: Mein Mann war Lehrer, wir

hatten ein kleines Haus mit Küchengarten, in dem wir unser eigenes Gemüse anbau-

ten. 1975 starb mein Mann – und alles änderte sich. Die Verwandten meines Mannes

In Kenia lebt mehr als die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Der Überlebenskampf in den Slums und die AIDS-Pandemie zerstören viele Familien. Die SOS-Familienhilfe unterstützt Kinder, Eltern und Groß­eltern wie Jane Obilo dabei, ihr Leben zu stabilisieren und wieder ein sicheres Einkommen zu erwirtschaf­ ten. Auch Biko bekommt Hilfe beim Aufbau seiner kleinen Müllentsorgungs-Firma.


-16ubuntu Großeltern

„Papa vermisse ich, Mama nicht.“ – „Natürlich vermisst sie ihren Vater, aber ihre Mutter ist unmoralisch!“ Weil ihre Eltern zum Geldverdienen in die stadt gezogen sind, wächst XU Mengjiao, 10, bei ihrer GroSS­ mutter Wang Yuanying, 70, in ostchina auf dem Land auf. Ihre Eltern sieht sie nur wenige Tage im Jahr. Interview Marcel Grzanna   

Wie hat sich das Leben von Mengjiao im Vergleich zu früher verändert?

W. Y.: Als ich so alt war wie Mengjiao, habe ich ums Überleben gekämpft. Wir haben

nur darüber nachgedacht, wie wir etwas in den Magen bekommen. Unsere Kleidung

und Schuhe haben wir selbst gemacht. In die Schule gingen nur wenige Kinder von

reichen Familien, die anderen nicht. Die Kinder heute haben ein sehr glückliches Leben im Vergleich zu uns damals. Sie sollten

dankbar sein. Es ist ein Unterschied wie Himmel und Hölle.

Wie sollten junge Leute ihre Großeltern behandeln?

W. Y.: Wie die eigenen Eltern. Ich hoffe,

dass sie mir später genug zu essen kaufen kann.

Mengjiao, wie sollte man seine Großeltern behandeln?

X. M.: Wenn ich Geld verdiene, werde ich

Großmutter viel Geld geben und viel gutes Was ist es für ein Gefühl, das Enkel-

kind großzuziehen?

Wang Yuanying: Ein gemischtes. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und eigentlich zu alt, um

mich um sie zu kümmern. Wenn ich es aber nicht tun würde, würde sie auf der Straße

herumlungern. Ihr Vater muss in der Stadt arbeiten, um die Kosten der Familie zu de-

cken. Dazu zählt auch Mengjiaos Bildung. Es gibt keine Alternative.

Haben sie Mengjiaos Eltern bestärkt, in

hier monatelang nicht sehen lassen. Also

solltest, würdest du es allein lassen?

sollte sie vergessen. Ihre Mutter ist so unmo-

will ihm beibringen, wie man schreibt.

nichts mehr von ihr wissen will. Mengjiao ralisch.

Warum sagen sie dem Kind so etwas? W. Y.: Weil es die Wahrheit ist.

Teilst du Geheimnisse mit Großmutter? X. M.: Nein, das versteht sie nicht. Groß-

mutter weiß nicht, was ich mag. Sie schaut

der Stadt zu leben?

uns. Aber die Realität lässt uns keine Wahl.

Beim letzten Mal hat er dich gebissen. Die

Deswegen habe ich meinem Sohn gesagt,

dass er sicher sein kann, dass ich mich gut um sie kümmern werde. Er soll hart arbeiten und Geld verdienen.

Wie ist es für dich, Mengjiao? (Das Mädchen blickt bei jeder Frage auf den Boden.)

Xu Mengjiao: Ich finde das sehr gut. Groß-

mutter hilft mir beim Wäschewaschen und kocht mir etwas zu essen.

Hast du Verständnis für deine Eltern?

X. M.: Ich verstehe sie, weil sie das Geld

für meine Schule verdienen müssen. Wenn mein Vater hier wäre, könnte ich später

nicht zur Oberschule oder sogar zur Universität gehen. Mama und Papa sind auch

W. Y.: Du sollst den Hund nicht streicheln. Impfung hat 200 Yuan (25 Euro) gekostet.

Hilft Großmutter dir bei den Schulaufga-

der, die bei Großeltern aufwachsen. Und sie sind besser in der Schule.

Was wollen sie Mengjiao mitgeben auf ihrem Lebensweg?

W. Y.: Wie wichtig es ist, fleißig zu lernen, um sich eine Zukunft zu gestalten. Wenn

du an der Universität angenommen wirst, dann ist das wie eine eiserne Reisschale.

Wenn du kein Geld hast, schauen die Leute auf dich herab. Niemand respektiert dich.

schreiben. Papa hat mir immer geholfen. Teilst du denn Geheimnisse mit deiner Mutter?

X. M.: Ja, ich erzähle ihr, was in der Schule

passiert ist oder wenn ich eine neue Freundin habe. Großmutter interessiert das nicht.

Würdest du dich besser fühlen, wenn Mama und Papa hier wären?

X. M.: Das wäre viel besser. Keiner im Dorf

würde mich dann noch ärgern. Ich müsste

weil sie mich im Stich gelassen hat.

W. Y.: Nicht weinen, mein Schatz. Papa

Aber nicht ihre Mutter. Die Mutter hat sich

Geld geht heute gar nichts mehr.

W. Y.: Natürlich vermisst sie ihren Vater.

Kinder mit Eltern lesen auch mehr als Kin-

X. M.: Nein, sie kann ja nicht lesen und

keine Angst mehr im Dunkeln haben. Ich könnte mit Papa fernsehen. (Eine Träne läuft

X. M.: Papa vermisse ich sehr. Mama nicht,

X. M.: Nein, ich werde es mitnehmen. Ich

ben?

Vermisst du sie?

wegen meiner Zukunft weggegangen.

Wenn du später einmal ein Kind haben

habe ich dem Kind erklärt, dass ihre Mutter

nicht einmal Fernsehen. (Mengjiao streichelt einen Hund)

W. Y.: Ich wünschte, ihre Eltern wären bei

Essen für sie kaufen.

ihr die Wange herunter.)

beschafft das Geld für deine Schule. Ohne

In China sind rund 60 Millionen Kinder von einem ähnlichen Schicksal wie Mengjiao betroffen. Auf der Suche nach Arbeit ziehen die Eltern in weit entfernte Städte und lassen ihre Söhne oder Töchter zurück. Mengijao lebt in Ostchina in der Provinz Anhui. Sie hat immerhin noch ihre Großmutter – es gibt Kinder, die völlig allein klar kommen müssen.

Foto: Marcel Grzanna


Mengjiao und ihre GroĂ&#x;­mutter Wang Yuanying teilen Haus, Bett und Reis. Geheimnisse teilen sie nicht.


-18ubuntu Großeltern

„Ich geh nicht mehr zu Hochzeiten!“ – „Bei mir würdest du eine Ausnahme machen.“ Helmut Kutin, 71, ehemaliger Präsident der SOS-Kinderdörfer, war da, als Jeanne Mukaruhogo, 35, als kind Herzkrank aus Burundi nach Österreich kam. Ihre Besondere beziehung hält bis heute. Interview Martina Koch   

Jeanne die Dankesrede für die Professoren – als Afrikanerin in breitem Tirolerisch. Ein faszinierender Moment!

Seit Abschluss Ihres Studiums arbeiten auch Sie für die SOS-Kinderdörfer, Frau

Mukaruhogo. Wie schaffen Sie es, Dienstliches und Privates zu trennen?

J. M.: Ich bewundere seine Hingabe an die

Arbeit und seine Disziplin, da versuche ich mir viel abzuschauen. Ansonsten ist mir

wichtig, zwischen Arbeit und Privatleben komplett zu trennen.

H. K.: Dennoch: Seit Jeanne für uns arbeitet,

hat sich unsere Beziehung noch intensiviert. Sie ist auf meine Initiative hin nach Afrika

gegangen, wo sie als Personalkoordinatorin tätig war. Ich fand es sinnvoll, dass sie als

ehemaliges SOS-Kind mit einer fantastischen Ausbildung ihr Wissen in ihrer ursprüngli-

chen Heimat einbringt. Nicht alle MitarbeiHerr Kutin, nach 27 Jahren haben

Sie in diesem Jahr die Präsidentschaft bei SOS-Kinderdorf International abgegeben.

Ihre neue Rolle bezeichnen Sie als die eines Großvaters.

Helmut Kutin: Dieser bin ich mir vor etwa drei Jahren bewusst geworden, als ich auf

den Philippinen war und eines unserer Kinder freudig „Lolo“ rief. „Lolo“ ist das phi­

lippinische Wort für „Großvater”. Das hat mich erstmal aus der Fassung gebracht.

Andererseits war diese Offenheit in den Augen des Mädchens faszinierend. Da habe

ich meine Rolle für die Zukunft erkannt und bekannt gegeben: Ich werde die Verwaltung in jüngere Hände legen. Der Familie SOS-

Kinderdorf bleibe ich bis zu meinem Lebensende als nicht zu gütiger, aber doch ruhigerer Großvater erhalten.

Jeanne Mukaruhogo: Mich freut das sehr, weil ich ihn jetzt öfter sehen werde.

Wie kommt es, dass Sie beide so eine enge Beziehung zueinander haben?

H. K.: Das hat mit ihrer besonderen Geschichte zu tun. Jeanne ist mit zehn Jahren schwer

herzkrank aus Burundi nach Innsbruck gekommen, um hier operiert zu werden.

Plötzlich war sie in einem völlig anderen Kulturkreis, dessen Sprache sie nicht ver-

stand. Mir war es damals wichtig sicherzustellen, dass es ihr gut geht, und ich habe

öfter nach ihr gesehen. Jeanne hat das Ganze mit einer unglaublichen Kraft und viel Charme über die Bühne gebracht.

Die SOS-Kinderdörfer achten normalerweise sehr darauf, dass die Kinder in

ihrem eigenen Kulturkreis aufwachsen.

Wieso sind Sie in Österreich geblieben, Frau Mukaruhogo?

J. M.: In Burundi wäre eine angemessene medizinische Nachsorge nicht möglich

gewesen, deshalb zog ich nach dem Krankenhausaufenthalt ins SOS-Kinderdorf Imst. Waren Sie manchmal eifersüchtig, weil

Sie Helmut Kutin mit so vielen anderen SOS-Kindern teilen mussten?

J. M.: Nein! Meine Geschichte ist einmalig und die Zeit, die wir miteinander verbrin-

gen, ebenso. So wie andere Kinder auch ihre besondere Beziehung zu ihm haben.

H. K.: Mein größtes Problem mit ihr ist, dass sie noch keine eigene Familie hat.

J. M.: Unser Thema bei jedem Treffen seit zwei Jahren.

H. K.: Ich begrüße jeden Lebensweg. Wenn

ter haben das akzeptiert und anfangs wurde sie viel abgeschoben, nach dem Motto:

„Vorsicht, die ist so nahe am Präsidenten dran …“ Aber sie hat das durchgestanden.

Jeanne will ihre Schwierigkeiten immer allein in den Griff kriegen.

Und der Großvater ist dazu verdonnert zuzuschauen?

H. K.: Ein Großvater hat die Möglichkeit,

sich als eine Art Medizinmann einzubringen, wenn’s mal in der Familie kracht – und

selbst das ist schwierig in Europa. Im asiatischen und afrikanischen Familiensystem spielt das Alter noch eine wichtige Rolle.

Doch auch dort wirken sich Urbanisierung und Globalisierung aus. Die Welt ändert

sich, und wenn man sich nicht mit ihr ändert, wird man von ihr geändert.

sich eine junge Frau voll und ganz auf den

Beruf konzentrieren will, akzeptiere ich das. Aber wenn jemand eine Familie gründen

will, dann sag ich immer: „Mach es bald, anstatt auf den Traumprinz zu warten.“

Aber ich mische mich nicht mehr ein. Jedes Mal, wenn ich was organisiert hab … J. M.: Ja, das sagst du immer.

H. K.: Ich gehe auch nicht mehr zu Hoch-

zeiten meiner Ehemaligen, weil ich dann auch bei der Scheidung dabei sein darf.

J. M.: Aber bei mir würdest du eine Ausnahme machen. Du hast schon öfter Ausnah-

men für mich gemacht. Zum Beispiel wolltest du auch zu keiner Uni-Abschlussfeier

mehr gehen – aber bei meiner warst du. Das war schön.

H. K.: Da standen diese 26 Studenten feier-

lich im Kongresszentrum und am Ende hält

In Österreich wurde 1949 in Imst das erste SOS-Kinderdorf gegründet. Helmut Kutin, der spätere Präsident, ist selbst im Kinderdorf Imst groß geworden, so wie später Jeanne Mukaruhogo und viele andere Jungen und Mädchen. Heute gibt es in Österreich elf SOS-Kinderdörfer und zahlreiche Einrichtungen und Programme zur Unterstützung von Kindern und ihren Familien.

Foto: Robert Parigger


Sie freuen sich, bald mehr Zeit mit­ einander zu haben: Jeanne Mukaruhogo und ihr Großvater, Vater oder väterlicher Freund Helmut Kutin.


-20ubuntu Großeltern

„Als Junge habe ich regelmäßig in der Kultstätte meiner Oma getrommelt.“ – „Ich hab mich nie für Religion interessiert!“ Der priester Manoel „Papai“ de Nascimento Costa, 70, wurde Früher für seinen glauben, den candomblé, von der schule verwiesen. sein Enkel Rômullo Ramos de Costa, 16, wird heute für seinen berühmten groSSvater bewundert. Interview Christine Wollowski   

Wieviel Zeit verbringt ihr beide mitei­ nander?

R. R.: Wir wohnen direkt nebeneinander, aber sehen uns oft drei, vier Tage nicht:

Wenn ich aufstehe, ist Papai schon aus dem Haus, und wenn ich spät abends heimkom-

me, schläft er schon. Der Rhythmus ist ein anderer. Früher war das anders, wir haben

viel gespielt, zum Beispiel mit Murmeln … M. P.: … und Karten, Domino … Seit ich

mehr reise, essen wir nur noch gelegentlich zusammen Mittag.

Kommen sich Familie und Priesteramt manchmal in die Quere?

M. P.: Nicht mehr, als die Arbeit bei an­

deren Männern auch. Ein Handelsvertreter muss auch reisen. Meine Reisen sind eben religiös.

Was halten Sie davon, dass katholische Priester nicht heiraten dürfen?

M. P.: In jeder Religion gibt es eigene Ge­

setze, die man als Geistlicher respektieren muss, aber das ist schon Quälerei. Die ka-

tholischen Priester halten sich ja nicht unbedingt daran, wie man an den Pädophilie-

Fällen sieht. Für mich ist das eine größere Sünde, als wenn ein Priester ins Bordell ginge. Rômullo, was sagen deine Freunde

M. P.: Ja, aber erst, wenn sie schon tot waren.

Candomblé-Priesters bist? Viele Leute

möchte ich Tierarzt werden. In meinem Al-

dazu, dass du der Enkel eines berühmten haben ja Vorurteile gegen die afro-brasilianische Religion, im vergangenen Jahrhundert war sie sogar verboten.

Rômullo Ramos de Costa: Meine Lehrerin hat mich mal danach gefragt, deswegen

R. R.: Ich mag Tiere sehr, am liebsten

ter ist es schwer, durchzusetzen, was man

gerne möchte! Das ist jedes Mal ein Kampf mit meiner Mutter. Es hat ewig gedauert,

bis sie mir endlich erlaubt hat, einen Hund zu halten. Zum Glück hat mir mein Opa

wissen alle in der Schule, wer mein Opa ist.

dabei geholfen.

meine Freunde sind offene Leute.

mehr für Fußball interessiert – und für den

Die Lehrerin fand das aber eher toll und

Manoel Papai: Das war bei mir früher an-

ders! Ich war auf einer Klosterschule und weil

ich meinen Mitschülern in der Pause von den Göttern erzählt hab, haben mich die Mön-

che von der Schule verwiesen. Heute könnte ich sie dafür verklagen, inzwischen gehöre ich zum Forum gegen religiöse Intoleranz

M. P.: In deinem Alter habe ich mich

Mutter bei den Festen, aber ich habe mich

nie für Religion interessiert. Nur die Opfertiere habe ich gerne festgehalten, wenn sie gehäutet wurden, um daraus das Essen für die Götter zu machen.

einzulassen, keine unehrlichen Mittel zu nutzen …

R. R.: … auch wenn sie noch so leicht zur Hand sind!

M. P.: Genau. Und sich selbst zu respek­

tieren – damit man von anderen respektiert wird.

nicht als Zwang. Von meinen drei Töchtern ist eine einzige engagiert dabei, die ande-

ren erinnern sich nur an die Religion, wenn sie etwas brauchen. (lacht)

meins, aber das Christentum auch nicht.

R. R.: Früher war ich immer mit meiner

M. P.: Ich rate ihnen, sich nicht auf Drogen

Aber ich sehe die Religion als Option an,

Wie er für die Religion einsteht, seine HalBist du auch im Candomblé aktiv, Rômullo?

Leuten heute mit?

in der Kultstätte meiner Oma getrommelt.

R. R.: Ich glaube an Gott, eine Religion

tung …

und Ratgeber. Was geben Sie den jungen

Candomblé. Ich habe als Junge regelmäßig

hier in Recife.

R. R.: Ich bewundere meinen Opa sehr.

Als religiöser Führer sind Sie Vorbild

habe ich aber nicht. Der Candomblé ist nicht Was sie von Jesus erzählen, finde ich wenig glaubhaft.

M. P.: Das fängt schon damit an, wer das

Ganze aufgeschrieben hat! Was waren das für Leute? Wann war das? Für mich gibt

es viele Gottheiten, die alle einen Gott repräsentieren: Olorun. Er spricht Yorubá, unsere Sprache.

In Brasilien wird die afro-brasilianische Religion Candomblé noch an vielen Orten zelebriert. Bei Festen treten die Gläubigen tanzend und trommelnd mit den Gottheiten in Verbindung. Der Priester muss die afrikanische Sprache Yorubá sowie das Muschelorakel beherrschen und ist Mittler zwischen der gött­ lichen und der menschlichen Welt.

Foto: Luiz Santos


Manoel Papai und Rômullo können über alles miteinander sprechen – falls sie sich begegnen. Meist ist der Priester schon außer Haus, wenn sein Enkel morgens aufwacht.


Nicht gestellt: Penelope Tzaki und ihre Enkelin Niki mรถgen sich einfach sehr, sehr gerne.


-23ubuntu Großeltern

„Wir reden, lachen …“ – „Wir umarmen uns. Wir streiten uns nie!“ Penelope Tzaki, 82, ist immer auf der seite ihrer Enkelin. Sie hofft, dass Niki, 14, ihre Träume verwirklichen kann – trotz der Krise in Griechenland. Interview Simone Kosog   

N. P.: Natürlich! Mein Vater hat seine Ar-

beit verloren und ein Mädchen aus unserer Klasse ist vor kurzem am Vormittag mit

seinem Vater auf der Straße gesehen worden. Statt in die Schule zu gehen, hat es Was­

serflaschen verkauft, um Geld zu verdienen.

Jetzt haben sich alle Eltern zusammengetan und unterstützen die Familie, damit das

Mädchen wieder in die Schule gehen kann. P. T.: Glücklicherweise verdient eine mei-

ner Töchter gut. Sie unterstützt die ganze Fa­milie. Aber für die jungen Leute ist das

schon tragisch: Sie haben keine Perspektive. Niki möchte Tierärztin werden. Ich hoffe sehr, dass sie es schafft!

N. P.: Meine Oma wünscht mir einfach

nur immer das Beste. Neulich hatte ich eine Diskussion mit meiner Mutter, die nicht

wollte, dass ich mit meinen Freunden an ei-

nen bestimmten Ort gehe, weil er zu gefährlich sei. Meine Großmutter dagegen fand, dass junge Leute sich amüsieren sollen. Wie ist der Disput ausgegangen?

An dem Abend bin ich zuhause geblieben, aber beim nächsten Mal mitgegangen. Was tut ihr beide sonst so, wenn ihr zusammen seid?

Frau Tzaki, wie würden Sie Ihre

Enkelin beschreiben?

Penelope Tzaki: Sie ist einzigartig, schön, einfühlsam – ich liebe sie über alles!

Niki Panikolaou: Seit ich klein bin, gehe

ich jeden Tag zu Oma, wenn meine Eltern arbeiten. Ich kann nicht beschreiben, was ich für sie empfinde. Sie ist warmherzig,

sozial und obwohl sie in dieser ganz anderen Zeit aufgewachsen ist, steht sie uns jungen Leuten nah.

Ist es leichter, Oma oder Mutter zu sein, Frau Tsaki?

P. T.: Die Liebe ist die gleiche, aber ich sag es mal so: Wenn mein Enkelkind etwas an-

stellt, würde ich ihm trotzdem keinen Klaps geben. Den eigenen Kindern schon eher.

N. P.: Aber Oma, du hast doch deine Kinder auch nicht geschlagen.

P. T.: Das stimmt! Nur ein einziges Mal

habe ich deinem Vater einen Klaps gegeben, aber den beiden Mädchen nie. Genauso wie

meine Eltern mich nicht geschlagen haben. N. P.: Aber du erzählst oft, dass sie viel Foto: Simone Kosog

strenger waren.

P. T.: Oh ja! Wir zwei Schwestern durften

nie ausgehen und wenn, dann musste einer unserer Brüder dabei sein. Um acht Uhr

hatten wir im Bett zu sein – obwohl damals das Leben noch viel sicherer war. Man

musste keine Angst haben ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden.

Was war sonst noch anders?

P. T.: Wir wohnten damals schon hier, mit-

ten in Athen, aber man würde den Ort nicht wiedererkennen: Überall waren Getreide-

felder und viele Schafe, die Häuser waren kleiner – das war schon schön.

N. P.: Das hätte ich gerne gesehen – aber

nur als Besucherin. Ich mag mein Leben! P. T.: Recht hast du! Das Leben ist heute

N. P.: Fernsehen …

P. T.: Wir reden, lachen …

N. P.: Wir umarmen uns … alles Mögliche! Wir streiten uns nie! Nie?

N. P.: Nein – wir haben keinen Grund.

P. T.: Ich bin einfach sehr dankbar und froh, dass es uns so gut geht! Es gibt nur eine

Sache, die ich nicht verstehe: Warum liebt ihr mich alle so?

N. P.: Ach, Oma!

so viel leichter …

Wirklich? Obwohl Griechenland aufgrund der Finanzkrise so viele Probleme hat?

P. T.: Aber wir hatten den Krieg! Ich war

zehn Jahre alt, als Italien Griechenland den Krieg erklärte. Falls ich nicht irgendwann

Alzheimer bekommen sollte, werde ich diesen Moment nie vergessen.

Welche Träume hatten Sie damals?

P. T.: Das war keine Zeit zum Träumen.

Ich hatte nur den einzigen Wunsch, dass es irgendwann besser würde. Damals ging es für uns alle ums Überleben.

Niki, wie erlebst du die Krise heute?

N. P.: Wir sprechen zuhause nicht viel

darüber. Meine Eltern und meine Großmutter versuchen, sie von mir fern zu halten.

Aber du wirst trotzdem etwas mitbekommen.

Die Krise in Griechenland hat auch für viele Kinder und Jugendliche gravierende Auswirkungen und betrifft längst auch die Mittelschicht. Deshalb haben die SOSKinderdörfer ihre Familienhilfe deutlich ausgeweitet. Sie unterstützen bedrohte Familien mit Nahrungsmitteln, Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe und Therapien.


-24ubuntu GroĂ&#x;eltern

Die Bomben der Gegenwart


-25ubuntu Großeltern

Lange haben sie sich mit dem zufrieden gegeben, was Eltern und groSSeltern über den krieg erzählten, aber jetzt Forschen plötzlich immer mehr Kriegsenkel nach. Sie wollen wissen, was in ihren Familien wirklich geschah – um auch ihr eigenes Leben besser zu verstehen. Fotos Michela Morosini   Text Hubert Filser

Als die Bombe in Schwabing hochging, war der dumpfe Knall

in der Wohnung von Ute Neuberger gut zu hören. Im Minutentakt meldeten die Nachrichtenkanäle neue Details von der Sprengung

der 250-Kilogramm-Fliegerbombe, einem Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs. Rund um den Sprengkrater in der Münchner Feilitzsch-

straße sah es im August 2012 aus wie im Krieg, hieß es. Im Untergrund deutscher Städte liegen noch viele Bomben. „Für mich ist das fast wie ein Symbol“, sagt Ute Neuberger. „So eine Bombe kann je-

derzeit hochgehen. So ist das auch mit unserer Erinnerung, jeden

Moment kann die Vergangenheit wieder hochkommen, auch wenn

sie jahrzehntelang vergraben war und der Krieg längst vorbei ist.“

Ein Journalist habe einen Tag nach der Sprengung einen guten Satz in die Zeitung geschrieben, erzählt die 55-jährige Traumatherapeutin: Wie lange reicht die Vergangenheit in die Zukunft?

Das ist genau die Frage. Beim Gespräch in ihrer hübschen Schwabinger Hinterhofwohnung erzählt Ute Neuberger Dinge, die wahr-

lich Sprengkraft haben. Von einer Mutter, die beinahe täglich ge-

sagt hat, sie „wolle in die Isar gehen“, die sich schon, als sie mit ihr

Oben: Ute Neubergers Mutter (Mitte), ihre Tante (links) und ihre Großmutter (rechts). Das Foto schickten sie dem Groß­vater zu Weihnachten in die französische Gefangenschaft. Links: An den Wänden ihrer Alt­ bauwohnung möchte Ute Neu­ berger keine Bilder von damals hängen haben. Die Fotos sind alle in ihrem Album.

schwanger war, mit Schlaftabletten habe umbringen wollen. Und

später noch einmal, als sie sich und ihre Kinder in der Küche einschloss und den Gashahn aufdrehte, um zu sterben. Und dass sie

erst jetzt begriffen habe, welche traumatischen Erfahrungen aus

Polen zu fahren, um das ehemalige Gutshaus seiner Großeltern in

haben. „Ich musste früh erwachsen werden“, sagt Ute Neuberger.

plötzlich, dass es um dieses Haus gehen könnte“, erzählt er. Nachts

dem Krieg und den Monaten danach ihre Mutter so tief verstört Das ist ein Satz, den man von vielen der sogenannten „Kriegsenkel“ hört – Menschen der Jahrgänge 1960 bis 1975.

Wenn man also Vertreter einer Generation in ganz Deutschland

besucht hat, Menschen aus Köln, München, Rosenheim oder Bonn, von denen man dachte, dass der Krieg weit von ihnen entfernt sei,

kann man sicher sagen: Der Krieg reicht bis ins Jahr 2012. Wenn diese Kriegsenkel die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern er-

zählen, spürt man den großen Ballast, der über Generationen hin-

weg weitergegeben wurde. Deren unbewältigte Traumata haben sich ihren Weg in die Enkel-Generation gesucht. Nicht bei jedem,

und auch bei jedem anders, jede Geschichte, die der Reporter in

diesen Wochen im September 2012 hört, trägt einen sehr persönlichen Stempel.

Der Münchner Andreas Bohnenstengel, damals noch in Hamburg

wohnend, erzählt, wie er an einem Sonntagnachmittag plötzlich den dringenden Wunsch hatte, hunderte von Kilometern bis nach

Belkow zu besuchen. „Ich träumte immer von Häusern und dachte

klingelte er die heutigen Bewohner heraus und erklärte sein Anliegen. „Sie waren sehr nett, zeigten mir zwei Stunden lang das Haus und boten mir sogar an zu übernachten. Aber ich wollte nur wieder

zurück. Ein bisschen komisch fanden die mich wohl schon“, sagt er

noch und lacht. „Wie schlimm die Flucht und wie demütigend die

Jahre nach dem Krieg für meinen Vater waren, hat er mir nie erzählt. Er hat immer von einem großen Abenteuer gesprochen.“ Dessen

Vater war kurz vor Kriegsende auf dem Hof gestorben, die einst wohlhabende Familie musste das Gutshaus zurücklassen und floh mit

dem Allernötigsten Richtung Schleswig-Holstein, dort kamen sie bei Bauern in einem Schweinestall unter. Das Haus wurde zum Projektionsort einer besseren Vergangenheit. „Mein Vater hat wohl tage-

lang geheult, auch die Jahre danach waren demütigend, sie waren als Flüchtlinge nur geduldet“, erzählt Bohnenstengel. Er versteht

nicht, warum seine Eltern ihre Erlebnisse nie zu bewältigen versuchten. „Aber das ist ihr Leben, ich muss mein Leben leben.“


-26ubuntu Großeltern

Das alte Gutshaus der Familie Bohnenstengel in Belkow, Polen – damals (rechts) und heute (unten). Bei der zweiten Fahrt in die Vergangenheit wurde Andreas Bohnenstengel von Vater, Onkel, Tante und Bruder begleitet.

Die Kriegsenkel suchen sich ihre Antworten nun selbst, Andrea Pir-

ringer aus Rosenheim hat deshalb 77 Jahre nach Ende des Krieges im April 2012 gemeinsam mit einer Mitstreiterin eine Selbsthilfe-

gruppe gegründet. Offenbar war die Zeit auch in München reif, wie schon an anderen Orten in Deutschland. Die erste Kriegsenkel-Ini­

tiative entstand vor drei Jahren in Berlin. Bücher über Kriegsenkel

wie die von Sabine Bode, Bettina Alberti („Seelische Trümmer“) oder

Der Münchner Andreas Bohnen­ stengel mit seinen Kindern. Um sich selbst und ihr Leben zu verstehen, ergründen die Kriegsenkel die Vergangenheit.

Anne-Ev Ustorf wirkten dabei wie Katalysatoren. Oder wie Ute Neuberger sagt: „Es war wie ein brodelnder Topf, der lange gedeckelt wurde. Jetzt bricht etwas durch.“

Die Münchner Gruppe, zu der auch Ute Neuberger gehört, ist eine der

am schnellsten wachsenden in Deutschland. „Ich hätte nicht mit so einer Resonanz gerechnet“, sagt Andrea Pirringer. Mittlerweile sind

fassen bekamen, diese entweder schwiegen so wie schon deren Eltern, oder so kühl und abweisend waren, dass die Kriegsenkel irgendwann aufhörten zu fragen. Dabei wollten sie gar nicht die Schuldfrage klären, sondern einfach nur ihre Eltern und Großeltern besser verstehen, auch deren Gefühlskälte.

Anne-Ev Ustorf, Jahrgang 1974, merkt in ihrem Buch „Wir Kinder

der Kriegskinder“ an: „Fälschlicherweise glauben viele Menschen,

dass nur die Kriegskinder, die alt genug waren, um sich an konkrete, belastende Ereignisse zu erinnern, heute noch mit den Folgen des Erlebten zu kämpfen haben. Das Gegenteil ist der Fall.“ Eine der

ersten Autoren, die das Phänomen beschrieben haben, war die Köl-

nerin Sabine Bode. In ihrem Buch „Kriegsenkel“ schreibt sie: „Die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen hat mehr Fragen

als Antworten: Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wis-

sen, wer man ist und wohin man will? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Weshalb bleiben so viele von ihnen kinderlos?“

rund 25 Mitglieder registriert, vorwiegend Frauen, fast alle mit aka-

demischer Ausbildung. Vor allem abends und nachts organisiere

sie die Selbsthilfegruppe, suche neues Material für die Webseite, schreibe Mails an die Mitglieder, bereite neue Treffen vor. „Das ist

wie ein Baby, das ständig schreit“, sagt sie. Eigene Kinder hat sie, wie viele der betroffenen Frauen, nicht. „Irgendwie ergab sich das nie“, sagt die 40-Jährige. Mag sein, dass die Linie enden soll.

Einmal pro Monat treffen sich die Mitglieder in einem Selbsthilfe-

zentrum im Münchner Westend. Im Erdgeschoss haben die Verantwortlichen den Kriegsenkeln einen hellen, freundlichen Raum zur

Verfügung gestellt. Dort reden sie dann drei Stunden miteinander, immer sonntags, und irgendwie immer über den „langen Schatten

des Krieges“. Wie ein Bleimantel scheint er sich über die Gefühlswelt zu legen.

Ute Neuberger erzählt von ihrer Mutter, die als Neunjährige einen

Fliegerangriff auf der Flucht miterlebte. Eine Bombe traf das Fuhr-

werk, riss den Bauch eines Pferdes auf, die Gedärme quollen heraus. Ihre vier Jahre jüngere Schwester stand hilflos schreiend auf dem Pferdefuhrwerk, die Flieger kamen zurück. Sie selbst hatte einen

Fotos: privat

Alle scheinen darunter zu leiden, dass sie ihre Eltern nie wirklich zu


-27ubuntu Großeltern

Koffer mit Dokumenten in der Hand, ihre Mutter hatte ihr einge-

keit“, sagt Andrea Pirringer. Da störten lästige Fragen nur. Nach au-

sie und dachte, sie müsste sich entscheiden: Koffer oder Schwester.

Das Thema Krieg habe man bewältigt, indem man sich neu als gut-

bläut, niemals den Koffer loszulassen, „egal was kommt“. Da stand „Ich dachte immer, das Trauma reiche schon aus. Bis ich vor drei Jahren erfahren habe, dass sie noch Schlimmeres erlebt hat“, sagt

ßen zeigten die Familien meist eine perfekte bürgerliche Fassade.

situierte, ordentliche Familie definierte. Niemand bekam offenbar mit, wie oft sich gerade die Mütter in ihren heimlichen Depressio-

Neuberger. Völlig überraschend sprach ihre damals schon leicht

nen abkapselten, wie oft sie alkoholkrank waren. Kaum jemand

wollte es heraus: „Nammering“, sagte sie, und etwas von Zwiebel-

ihren Kindern völlig entzogen, so wie sie selbst ohne Vater aufwach-

demente Mutter von Dingen, die sie noch nie erzählt hatte, offenbar säckchen und Leichen auf der Totenwiese.

Es sind Ereignisse, die zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte gehören – und die Gefühlswelt eines neunjährigen Mäd-

chens, der Mutter von Ute Neuberger, traumatisch prägten. Der Todeszug vom KZ Buchenwald Richtung Dachau kam im April 1945 in der Nähe des Ortes vorbei, an den die Mutter geflohen war. 4.500

Leute waren damals in Viehwagons gepfercht worden, praktisch ohne Essen und Wasser, bewacht von SS-Leuten, die zunehmend

durchdrehten. In der qualvollen Enge krepierten die ausgemergelten Häftlinge zu Hunderten. Am Ende des Zuges hing ein eigener

Wagon für die Leichen. Wer nicht vor Entkräftung starb, den richte-

ten die SS-Leute hin, der kleinste Anlass genügte. 524 Menschen verscharrten die Wachleute auf einer sumpfigen Wiese bei Namme-

ring, die heute nur Totenwiese heißt. Drei Wochen später kamen amerikanische Soldaten, ließen die Leute aus dem Dorf antreten,

thematisierte in der Wirtschaftswunderzeit, wie oft die Väter sich

sen mussten, weil der gefallen war oder nach der Gefangenschaft als Fremder zurückkam. „Meine Mutter hat mich als Baby zwei Monate allein bei den Großeltern zurückgelassen, so wie sie als Fünfjährige

nach dem Krieg monatelang ohne Eltern im Heim war“, sagt Beate Bornmüller aus Köln. Das Trauma wiederholte sich.

Und den Kindern fehlte vor allem eines: Nähe. Und sie hatten das Gefühl, irgendwie nicht richtig dazuzugehören. „Mein Vater war

sehr kalt und hart“, erzählt auch Clarissa Höschel aus Großinzemoos

nordwestlich Münchens. „Er war der ganz große Schweiger. Auch meine Oma war komisch. Sie schlich immer wie ein dunkler Schat-

ten durchs Haus.“ Nach dem Tod des Vaters rekonstruierte sie die Geschichte ihres Heimatdorfs Pohlschildern in Niederschlesien.

Und erfuhr dabei, dass ihre Großmutter vom Hof vertrieben worden war, als der Krieg verloren war und die russische Armee anrückte.

um die verwesten Leichen zu exhumieren und zwangen alle Bewohner, sich die Toten genau anzuschauen, auch die Kinder: Look, what

you have done! „So habe ich Englisch gelernt“, habe ihr die Mutter noch gesagt, erzählt Ute Neuberger. Ein Zwiebelsäckchen gegen den Verwesungsgeruch rissen ihr die Soldaten weg. Es ist kein Wunder,

dass die Betroffenen solche Erlebnisse tief in sich vergraben. Nur indem sie diese abspalten und wie in einer Black Box verschließen,

können sie weiterleben, sagen Psychologen. Das Schweigen sei eine Schutzreaktion des Körpers, doch verarbeitet werden die Traumata so natürlich nicht.

Jeder der befragten Kriegsenkel hat so eine Geschichte zu erzählen, und jeder musste sie fast ohne Mithilfe der Eltern herausfinden,

manchmal sogar gegen deren Willen. „Es gab ein großes Bedürfnis

Fotos: privat, Pohlschildern-Archiv

nach Sicherheit, Normalität und nach einer gewissen Anständig-

Rechts: „Die Oma war komisch“, sagt Cla­rissa Höschel über ihre Groß­mutter Berta. Bei ihren Recherchen fand sie heraus, dass Berta Höschel schwer traumatisiert war. Ganz rechts: Flucht aus Pohlschildern in Nie­ derschlesien, der Heimat der Familie Höschel, im improvisierten Pferdewagen.

Links: Das einzige Bild, das von Clarissa Höschels Opa Max existiert. Als ihre Oma nach Kriegsende zurückkehrte, war er bereits erschlagen und notdürftig vergraben worden.


-28ubuntu Großeltern

Oben: Offenbar zwangsarisiert: der Betrieb im tschechischen Jägerndorf, den Stefan Ochabas Großvater leitete. Rechts: Auch im „Compass“, einem Wirtschaftsverzeichnis aus der Nazizeit, wird die Fabrik aufgeführt – mit Erich Ochaba als Vorstand.

Sie hatte die Bombennächte in Dresden überlebt, war voller Hoffnung danach zurückgekehrt, hatte erfahren, dass ihr Mann mit ein-

geschlagenem Schädel eilig ohne Grabstein auf dem Friedhof verscharrt worden war, ist vielleicht sogar, wie so viele Frauen, mehrfach

vergewaltigt worden. „Nacht für Nacht versteckten sich die Frauen

auf Bäumen, in Scheunen oder Erdlöchern und hörten überall die

weniger glücklichen Frauen schreien“, sagt Clarissa Höschel. Darüber geredet hätten weder ihre Großmutter, noch die Eltern. „Ich habe überall nur Leerstellen gesammelt. Und die musste ich irgendwie füllen.“

Kriegsenkel. Mit Informationen über Vertreibung, Schuld, Verge­

über Prag nach Theresienstadt gebracht und dann in Sobibor ermor-

tionen, die die Großeltern in sich vergraben haben, an die die Eltern

gesprochenen Verurteilung zu entziehen und mit Hilfe der Aussage

wal­tigung, Überlebenswillen, Verlassenheit und Tod. Mit Informa­ nicht herankommen konnten und wollten, weil sie mit dem Wieder­ aufbau und der Sehnsucht nach Sicherheit und Wohlstand beschäftigt waren.

In vielen Geschichten der Kriegsenkel liegt der Fokus auf dem traumatischen Erleben der Großeltern und Eltern, nicht auf ihren Taten.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer stellt in seinem Buch „Opa war kein Nazi“ fest, dass die Enkelgeneration zwar die NS-Ideologie noch

entschiedener ablehnt als die Generation zuvor, doch ihr Blick richte

sich nur auf die Politik, nicht aber auf das eigene Privatleben. Der eigene Opa ein Nazi und vielleicht sogar ein Mörder? Zwei Drittel

det worden war. Nach dem Krieg schaffte er es, sich der schon auseines angeblichen Zeugen reinzuwaschen. Einem verwandten An-

walt gelang es später sogar, dem Großvater über den Lastenausgleich eine Entschädigung für das verlorene Vermögen von Jägerndorf zu

be­sorgen. Als Stefan Ochaba kürzlich bei diesem mittlerweile alten Verwandten zuhause war und im Schrank dessen alte Uniform und

die Totenkopfabzeichen sah, sei ihm klar geworden: „Das sind ihre Orden, das ist deren Geschichte, nicht meine.“ Nach dem Besuch

sei er zwei Tage in Schockstarre gewesen, „aber dann ist der Kloß von mir abgefallen.“

„Viele Gruppenmitglieder haben ein schwieriges Verhältnis zu ih-

der von Welzer Befragten stellen sich ihre Großväter lieber als Opfer

ren Eltern“, sagt Pirringer. Oft wüssten die Eltern nicht einmal, dass

wollen es die wenigsten.

wieder tauchten in den Gesprächen Sätze auf, die auf ein großes

des Regimes oder sogar als Widerstandshelden vor. Wirklich wissen Stefan Ochaba ist da eine Ausnahme. Der Kölner fand in jahrelanger

Arbeit heraus, dass sein Großvater wohl unter eigenwilligen Umständen einen zwangsarisierten Betrieb im tschechischen Jägerndorf mit 1.200 Zwangsarbeitern übernommen und geleitet hatte,

und der ehemalige jüdische Besitzer des Werks, Rudolf Eibuschitz,

sich ihre Kinder in einer Selbsthilfegruppe organisiert haben. Immer

Gefühl der Verlassenheit schließen lassen. „Ich konnte die Liebe meiner Eltern nicht spüren“, sagen manche. Andere schildern in der Selbsthilfegruppe zum ersten Mal die „gedrückte Stimmung“ zu-

hause. „Die Erleichterung kommt schon nach dem ersten Treffen“,

erzählt Pirringer. Oft beschreiben die Kriegsenkel, was Psychologen

Fotos: privat

Die Leere füllen, das ist wohl die verbindende Komponente der


-29ubuntu Großeltern

„emotionale Sprachlosigkeit“, „Identitätsverwirrung“ und „Bindungs-

das war die Nazi-Sprache. Die Kriegsenkel wissen, dass dies keine

gezogen seien, ein häufiges Phänomen bei Kriegsenkeln. So als ob

das erhärtete Innenleben wieder zum Fließen zu bringen.

schwierigkeiten“ nennen. Und sie erzählen beiläufig, wie oft sie umsie ihren Platz nicht finden konnten. „Sich und den eigenen Weg

finden“, sei ein großes Thema bei Kriegsenkeln, sagt Pirringer. Der Krieg scheint diesen Weg verschüttet zu haben.

Ist also diese diffuse „gedrückte Stimmung“ das eigentliche Erbe, setzt sich so das Leiden auch über Generationen hinweg fort? „Klas-

sischerweise werden eigene, unverarbeitete Erlebnisse der Eltern in der Interaktion mit dem Säugling wieder lebendig – geradezu wie

Gespenster aus der Vergangenheit“, sagt der Münchner Bindungsforscher und Kinder- und Jugendpsychiater Karl-Heinz Brisch. Forscher wie der Psychologie-Professor Franz Ruppert sind von der transgenerationalen Weitergabe von Traumata überzeugt.

Die Zahl der Fälle von Depressionen und Angststörungen nimmt auch bei den Kriegsenkeln zu. Offenbar stellen die Kriegsenkel die zweite Welle der Betroffenen dar, nach den Kriegskindern, die Mitte

der 1990 er Jahre im Rentenalter plötzlich mit traumatischen Be-

schwerden zu kämpfen hatten, oft ausgelöst durch Bilder aus dem

Floskel ist. Sie müssen den Stahl mit viel Energie schmelzen, um Doch nun, im Jahr 2012, ist tatsächlich viel im Fluss. Es erscheinen immer mehr Bücher der Enkelgeneration, die in ihrer Familie öf-

fentlich aufräumt, zum Beispiel das des jungen Bremer Historikers

Moritz Pfeiffer („Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945, Donat Verlag).

„Meine Großeltern waren zeit- und teilweise Augenzeugen, ja sogar mit ausführendes Organ eines Vernichtungskriegs und Genozids

unvorstellbaren Ausmaßes.“ Manchmal sei die Arbeit am Buch „un­

angenehm und schmerzhaft“ gewesen, schreibt Pfeiffer. Der Großvater habe sich oft vom Enkel „hintergangen und womöglich durch-

schaut“ gefühlt, aber irgendwann seine Meinung geändert. Ein schwieriger Prozess, an dessen Ende der Großvater über die Recher-

chen sagte: „Es ist was Wahres dran.“ Er ließ die Arbeit binden und verteilte sie an Freunde und Verwandte.

Es ist das Schöne an dieser Reise durch Deutschland zu den dunklen

Seiten, dass sich manchmal eben doch etwas auflöst. Man hört berührende Sätze wie den von Ute Neuberger: „Am Anfang war das

Irak- oder Balkan-Krieg. Jahrzehntelang hatten sie funktioniert,

alles eine Müllhalde, aber jetzt, wo ich mich damit auseinander

nen es Therapeuten, wenn sich Menschen plötzlich wieder an frühe-

tern ein Schatten zu liegen scheint: Die Kriegsenkel kämpfen, ma-

Familien gegründet, Firmen aufgebaut. „Traumareaktivierung“ nenres Leid erinnern. Das Unterbewusstsein entzieht sich der Kontrolle, sagen Psychologen. Der Münchner Psychotherapeut Michael Ermann

legte in der bislang größten Studie zum Thema „Kriegskindheit“ im

Jahr 2010 ernüchternde Ergebnisse vor. Rund ein Viertel der Kriegskinder zeigte sich stark eingeschränkt in der psychosozialen Lebens-

setze, ist es für mich ein Goldberg.“ Auch, wenn auf ihren Gesichchen Therapien und reden nun endlich auch über ihre Ängste. Von

ihnen kann man viel lernen. Im Unterbewusstsein liegen schließlich noch viele Bomben, die hochgehen könnten. Manche ließen sich rechtzeitig entschärfen.

qualität, jeder Zehnte war traumatisiert oder hatte traumatische Beschwerden wie Angstzustände, Krämpfe, chronische Schmerzen.

Die Kriegsenkel scheinen die Ängste ihrer Eltern geerbt zu haben. Obwohl sie den Krieg nicht erlebt haben, erzählen sie von Verlustund Mangelerfahrungen, berichten darüber, dass ihnen die Kind-

heit geraubt wurde. Obwohl doch eigentlich ihre Eltern als Kinder aus der Heimat vertrieben wurden, fühlen sich auch viele Kriegs­

enkel heimatlos und entwurzelt. Andrea Pirringer hat zum Gespräch ein Buch über „Sozialisation und Traumatisierung“ der Kinder in der

Zeit des Nationalsozialismus mitgebracht. Wichtige Stellen hat sie

mit Leuchtstift markiert. Eine Stelle liest sie vor: „Wer als Produkt einer vermeintlich erfolgreichen Erziehung dazu gebracht wurde,

Kontakte zu eigenen Gefühlen zu unterbinden, konnte auch später, nach dem Zusammenbruch des NS-Staates, keine Gefühle zum Beispiel der Trauer über verursachte Schäden an anderen Menschen er-

leben.“ Für sie ist damals ein Virus eingepflanzt worden, das noch

Foto: privat

heute nicht ausgerottet ist. „Hart wie Kruppstahl“ müsse man sein,

Beate Bornmüller als Baby mit ihrer Großmutter. Ihre Mutter musste als Kind monatelang ohne ihre Eltern aus­ kommen – nun wiederholte sich das Trauma in der nächsten Generation.


-30ubuntu Eine Frage geht um die Welt

Wie stellst du dir die Welt in 100 Jahren vor? Essen aus der Tube, Ein gewaltiges Beben, völlig neue Tierarten – so sehen Kinder Aus Uruguay, WeiSSruSSland oder Burundi die zukunft.

Erica, 17

Abidjan, Elfenbeinküste

Die Welt wird sich vollständig entwickelt haben. Straßen und Häuser werden wunderschön und alle Länder reich und unabhängig sein. Kenthia, 10

Gitega, Burundi

Jeder hat einen Würfel, in den er alle seine Sachen hinein tun kann. Wenn man auf einen Knopf drückt, wird er winzig klein und man kann ihn überall hin mit­ nehmen. Außerdem werden wir nur noch Solarenergie benutzen. Paul, 10

München, Deutschland

Ich stelle mir eine Welt vor, in der alle Kinder glücklich sind. Jedes Kind hat einen Laptop, das Essen kommt aus der Tube, sodass die Eltern nicht in der Küche stehen müssen. All ihre Zeit verbringen sie mit den Kindern und am Wochenende besuchen wir unsere Freunde auf anderen Planeten. Vlad, 12

Borowljany, Weißrussland

Die ganze Welt wird Ödnis sein. Marcelo, 9

Florida, Uruguay

Jedes Kind wird Zugang zu Bildung haben. Es gibt keine reichen oder armen Menschen mehr, alle werden gleich sein. Cálido, 14

Gabú, Guinea-Bissau

In 100 Jahren geht die Welt durch eine Menge Veränderungen. Gott wird kommen und über die Menschen richten. Martine, 14

Ich glaube nicht, dass es einen Tag des jüngsten Gerichts geben wird, aber ein gewaltiges Beben wird die Erde erschüttern. Arturas, 7

Vilnius, Litauen

Falls die Menschen es schaffen, die globale Erwärmung, Kriege und Krankheiten in den Griff zu kriegen, wird die Erde in 100 Jahren ein friedvoller, harmonischer Ort sein. Gaone, 14

Tlokweng, Botswana

Bukavu, Demokratische Republik Kongo

Friedlich!

Ich hoffe, dass ich dann noch leben werde – obwohl ich glaube, dass die Erde in 100 Jahren aufgrund der technologischen Entwicklung von schlechten Menschen bevölkert sein wird.

Mbalmayo, Kamerun

Zyra, 11

Lipa, Philippinen

Die Natur wird sich aufgrund des Klimawandels völlig verändern. Es wird neue Pflanzen und neue Tierarten geben. Die Menschen werden Früchte essen, die wir heute noch gar nicht kennen. Ruslan, 15

Almaty, Kasachstan

Martine, 16

Ich glaube, dass wir weniger Chancen haben werden und weniger Jobs. Gleichzeitig wird es mehr Kriminalität geben und schwerwiegende Klimaveränderungen. Enrique, 17

São Domingos, Kap Verde

Die Menschen werden glücklich und wohl versorgt sein. Sie werden Feindseligkeit und Ärger vergessen. Jede menschliche Seele wird von Güte und ewiger Liebe erfüllt sein. Angelina, 11

Temirtau, Kasachstan

Illustration: Tania Seifert

In 100 Jahren wird sich niemand mehr anstrengen müssen, weil Roboter alle Arbeit erledigen. Die Menschen können sich ausruhen oder am Meer spazieren gehen …


-31ubuntu Preisvergleich

31

Euro kostet

die grüngeflammte 125 g-Butterdose von Gmundner Keramik Foto: Miriam Bloching

Quelle: www.gmundner-shop.de

*Für 31 Euro im Monat werden Sie SOS-Pate unter www.sos-kinderdoerfer.de


-32ubuntu Großeltern

Wohin gehst du, wenn deine Mutter im Sterben liegt und deine Frau in den Wehen? Einer kommt, einer geht – Das ist der Zyklus der welt. Für unseren Autor Patrick Bierther jedoch bedeutete der Generations­ wechsel das gröSSte dilemma seines Lebens. Text und Foto Patrick Bierther

Als meine Frau mit unserem Kind

gen setzte sie sich in den Rollstuhl, so feier-

bei ihr gesessen und gekocht. Der Stations-

Nachtruhe. Ab dem dritten Monat spürte

Der Sommer ging, der Herbst kam, der Tu-

sagt er mir: Weihnachten noch zu erleben

schwanger ging, war es vorbei mit meiner sie Kindsbewegungen. Wenn nachts unser Sohn in ihrem Leib randalierte, schlief sie weiter, fing aber ihrerseits an zu strampeln. Der Vater daneben wurde und blieb wach.

In Wahrheit war es die Erkrankung meiner

Mutter, die mir den Schlaf raubte. Im Januar hatte sie ins Krankenhaus gemusst wegen akuter Atembeschwerden; nichts Ungewöhnliches, denn sie litt seit langem an

chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Raucherlunge. Seit Jahren wurde sie regelmä­ ßig untersucht. Nie war die Rede von Lun-

genkrebs gewesen, doch im Februar erhielt sie plötzlich die Diagnose: kleinzel­liges Karzinom, schnell wachsend, voraussichtlich

stark streuend, inoperabel. Sie müssen sich darauf einstellen, dass Sie für den Rest Ihres

Lebens viel mit Ärzten zu tun bekommen werden, sagte der Lungenspezialist.

Und das bekam meine Mutter. Sie wurde in eine Krebsklinik verlegt, wo umgehend eine

Chemotherapie begann. Zum behandelnden

Oberarzt in der Onkologie fasste sie Vertrauen. Er strahlte Ruhe aus und war selten um

Ideen verlegen, wie er den Zustand seiner

Patientin palliativ behandeln könnte, also

lindernd; denn Heilung war nicht möglich. Gegen die Atemnot verschrieb er Inhala­

tionen und Krankengymnastik. Gegen die Schmerzen kombinierte er so lange, bis der

Medikamentenmix weitgehende Schmerz-

freiheit bei klarem Bewusstsein ermöglichte. Übelkeit trat auf, er bekam sie mit Tropfen in den Griff. Als unserer Mutter die

Haare auszugehen begannen, ließ sie sich

von meinem Bruder und mir den Kopf sche-

ren. Die Perücke trug sie zu unserer großen Verblüffung tatsächlich, an schlechten Ta-

te sie auch meinen Geburtstag mit.

mor blieb. Zwischen den Krankenhausauf-

enthalten wegen der Chemotherapie und Bestrahlungen war unsere Mutter zu Hause. Es zahlte sich aus, in einem Ballungsraum

mit dichtem Verkehrsnetz und guter medizinischer Versorgung zu leben. Wir konnten

sie fast täglich besuchen: meine Frau und ich, mein Bruder und seine Frau mit den beiden Kindern.

Meine Frau und ich wünschten uns seit Jah-

ren ein Kind. Als der Ältere fühlte ich mich sozusagen von meinem Bruder überrundet.

Aber ich wollte das Kind nicht deswegen,

sondern um seiner selbst willen, unseret­ wegen, vielleicht um meiner Mutter willen.

Sie hatte mich sehr jung bekommen. Das war nicht gut gewesen, die Ehe meiner El-

tern scheiterte. Meine Mutter lebte allein.

Wir waren miteinander im Reinen, auch wenn wir fast nie über unsere Beziehung

sprachen oder etwas Intimes wie Familienplanung.

Ich wollte kein Kind, solange ich jung war.

Dann nicht, solange ich so viel arbeitete und

dann nicht, solange wir nicht zusammen wohnten. Nun war ich 43 und alles bereit,

nur die Biologie spurte nicht. Wir beschlossen, der Natur in diesem Jahr noch ihren

Lauf zu lassen und erst bei weiter ausbleibendem Erfolg ärztlich nachhelfen zu lassen. Zum 1. Advent ist meine Frau schwanger.

Wir bestaunen noch das Teststäbchen, da

ruft mein Bruder an, der Zustand unserer Mutter sei kritisch: Lungenentzündung.

Ich treffe unsere Mutter im Krankenhaus verwirrt an. Mit fiebrigen Augen berichtet sie von wabernden Spinnweben an der

Zimmerdecke. Ihre verstorbene Mutter habe

arzt ist ernst, ungesprächig. Schließlich und zu Hause, das ist jetzt das Ziel.

In dieser Nacht sieht meine Frau ihren Mann erstmals weinen.

Nach der Arbeit sitzen wir abwechselnd am Krankenbett. Die Lungenentzündung klingt ab. Meine Mutter hat inzwischen einen aus-

gezeichneten Draht zum Personal. Sie selbst arbeitet als Sozialpädagogin in der Psychiat-

rie. Krankenhaus ist ihr als Betrieb vertraut, sie nimmt lebhaft Anteil am Stationsklatsch,

bei ihrer Entlassung nach Hause spürt man Bedauern.

Heiligabend beginnt wie alle Jahre wieder.

Meine Mutter hat für meine Frau und mich gekocht. Ihr Hobby sind aufwändige Menüs

für ihre Gäste; wir haben sie gedrängt, es

nicht zu übertreiben. Abends werden mein

Bruder und seine Familie dazustoßen. Zuvor setze ich mich neben meine Mutter aufs Sofa und sage ihr: Wir werden Eltern, wir bekommen ein Baby im August. Meine Mut-

ter macht einen Satz und stößt einen Freu-

denschrei aus. Wir trinken ein Glas Champagner zusammen, auch die werdende Mutter. Es ist eine der seltenen Gelegenhei-

ten, bei der meine Mutter und ich einander in den Armen liegen.

An Neujahr schmelzen wir Blei. Meine Frau gießt eine Sense.

Meine Mutter erholt sich. Sie sucht das Pflegebett für zu Hause selbst aus. Täglich kommt der Pflegedienst und hilft ihr, die

Thrombosestrümpfe anzuziehen. Sie hält

die Putzfrau und ihre Söhne auf Trab: Einkaufen gehen, das ist nicht ein Besuch im

Supermarkt, sondern Supermarkt plus Discounter plus Kaffeegeschäft plus Drogerie.

So wie sie es immer selbst gehalten hat.


-33ubuntu Großeltern

Mit einem Freudenschrei hatte seine Großmutter auf die Nachricht reagiert, dass da ein Enkel unterwegs sei. Ihr großes Ziel war es, ihn noch kennenzulernen.


-34ubuntu Großeltern

Wenn ich unter Zeitdruck gerate, macht

die mit einer unzureichenden Sauerstoff­

immer meine Mutter und kann mich mit

muskelschwäche. Betablocker. Anti-Throm-

mich das zornig. Und meine Mutter ist noch

versorgung einhergehen. Pillen gegen Herz-

einem einzigen Satz auf die Palme bringen.

bose-Spritzen. Gegen Schmerzen: Tropfen,

Wir fahren sie zu Praxen, zu Ämtern, besu-

Tabletten, Hartkapseln, Suspension in Beu-

chen sie im Krankenhaus, debattieren die

Patientenverfügung, halten Besprechungen

teln, schließlich Opioide.

mit Ärzten, feiern Muttertag und Geburts-

vielleicht bei einer zweiten Geburt dabei

tod wissen wir nicht zu helfen.

Ein Anruf am Abend: Meine Mutter ist in der

tag. Gegen die Angst vor dem Erstickungs-

Die Chemotherapie ist abgeschlossen. Die

Strahlentherapie muss wegen heftiger Ne-

benwirkungen abgebrochen werden. Die Intervalle zwischen den Krankenhausaufent-

halten werden kürzer. Unsere Mutter magert um 20 Kilo ab. Immerhin sind ihre Haare

nachgewachsen, raspelkurz, es steht ihr aus-

gezeichnet, sie hätte diese Frisur schon vor Jahren wählen sollen.

Wir verschweigen den Vornamen, den wir für unseren Sohn ausgesucht haben. Aus

Aberglauben: Wenn wir den Namen erst zur Geburt veröffentlichen, dann hält sie allein

schon aus Neugierde durch. Meine Mutter,

schlau: Ich möchte ihm doch zur Begrüßung ein Tuch sticken mit seinem Namen

darauf, den muss ich dazu ein paar Wochen

Geburt und Sterben sind gekoppelt: Je runder meine Frau wird, desto mehr magert meine Mutter ab. vorher wissen. Ich kann ihr nicht sagen:

Mutter, du stickst kein Tuch mehr. Ich sage ihr auch den Namen nicht.

Ich starre auf Schwarzweißbilder von Frauenkörpern, darin zwischen Gestöber jeweils

ein dunkler Fleck. Das ist unser Kind. Das ist der Krebs.

Einer kommt, einer geht, sagt meine Mutter. Das soll fatalistisch klingen, legt aber

einen Schatten auf unsere Elternschaft, weil es Geburt und Sterben koppelt. Und tatsächlich: Je runder meine Frau wird, desto mehr magert meine Mutter ab.

Sie will ihren dritten Enkel unbedingt ken-

nenlernen. Der behandelnde Oberarzt ihres Vertrauens sagt: Wenn Sie sich das ganz fest

vornehmen, klappt es ja vielleicht noch. Ich denke immerzu: Was, wenn sie stirbt, während meine Frau niederkommt? Kann ich

dann in den Kreißsaal und mein Bruder ans Sterbebett? Kann ich zu meiner Mutter und

sein irgendwann?

Notaufnahme, Pneumothorax, ein Lungen-

flügel kollabiert. Meine Frau will mitkommen. Die Krankenschwestern haben alle

Hände voll zu tun, wir sitzen vor dem Stationszimmer. Im Hintergrund schreit jemand

aus Leibeskräften. Anders als meine Frau

erkenne ich nach einigen Minuten die Stimme meiner Mutter. Sie schieben ihr einen

Schlauch zwischen den Rippen durch in

die Lunge. Wie lange das dauert. Schreie, Schreie. Ich bereue, eine Schwangere mitgenommen zu haben, die bald Wehenschmerz aushalten müssen wird.

Infekt folgt nun auf Infekt, die Ärzte spre-

chen von Zustandsverschlechterung, sagen aber die Kontrolluntersuchungen ab. Wozu

soll ich kontrollieren, wenn ich keine The-

rapie-Optionen habe, fragt uns der behandelnde Oberarzt des Vertrauens.

Im Krankenhaus kann unsere Mutter nicht

bleiben, allein zu Hause schon gar nicht;

wir Söhne haben keine pflegerische Ausbildung, dafür Jobs und dazu Kinder und eine Schwangere zu betreuen. Im Hospiz aber ist

kein Platz frei. Unsere Mutter zieht in ein Pflegeheim.

Ihre größte Leidenschaft war es, Gesellschaften zu bewirten, nun nimmt sie ihre

Mahlzeiten ein zwischen überwiegend dementen Greisen.

Ihren Geschmackssinn hat sie verloren.

Ein Arzt ist zuständig für das Heim, Herr H.

Er kommt regelmäßig vorbei, schreibt Re-

zepte und geht wieder. Meine Mutter sieht er einmal. Dann nimmt er sich die Verord-

nung vor über den in monatelanger Arbeit von Fachleuten austarierten Medikamentencocktail und streicht hier dies, tauscht

dort das. Die Frau ist doch völlig benommen, wenn sie das alles schluckt, soll er ge-

sagt haben. Tatsächlich war meine Mutter

bis jetzt relativ schmerzfrei und wach. Ab jetzt ist sie völlig benommen und hat mehr Schmerzen.

Medikamente, die meiner Mutter verschrieben wurden: Tabletten, um den Reizhusten

zu unterdrücken und den Schleim in den

Atemwegen zu lösen. Aerosole zum Inha­ lieren. Tabletten gegen Herzerkrankungen,

Gegen die Magenprobleme durch all die Medikamente: Tropfen. Gegen Erbrechen: Tabletten und Dragees.

Gegen die Todesangst: Tavor.

Ein Säugling benötigt in den ersten sechs Monaten ausschließlich Muttermilch.

Wir Söhne suchen Rat. Kann unsere Mutter

zurück ins Krankenhaus? Nein, sie ist aus­ therapiert. Kann ihr Hausarzt kommen?

Nein, er praktiziert am anderen Ende der

Stadt. Kann ein anderer Arzt kommen, irgendeiner? Nein, das macht kaum einer, es

ist finanziell unattraktiv. Kann man Herrn H. umstimmen? Nein. Wollen wir Herrn H. den Kiefer brechen?

Nicht für Geld und nicht für gute Worte gibt

es ein freies Zimmer im Hospiz, aber wir

können den Ernst der Lage deutlich und einige Wartelistenplätze gut machen. Es ist unklar, was unsere Mutter noch versteht.

Sie schläft fast die ganze Zeit, bei einem letzten Ausflug in ihre Wohnung sogar im

Stehen, als sie den Anrufbeantworter ab­

hören will. Auch meine Frau schläft viel,

die Sommerhitze macht ihr zu schaffen, ihr Bauch ist eine Kugel.

Wohin gehst du, wenn deine Frau in den

Wehen liegt und deine Mutter im Sterben? Ich habe nur eine Mutter. Wir bekommen

vielleicht nur ein Kind. Bei der Geburt hilft uns ein Profi, im Sterben sind wir allein.

Das Kind nimmt mir die Entscheidung ab.

Seit fast anderthalb Jahren rede ich mit meiner Frau jeden Tag über Krebs, über meine

Mutter, manchmal auch über unser Kind.

Wir besichtigen den Kreißsaal, treffen die Beleghebamme. Wir gehen aus. Eines JuliAbends essen wir einen Erdbeerbecher im

Eiscafé, anschließend setze ich mich ins

Arbeitszimmer. Ich höre trippelnde Schritte

zum Bad. Rumoren. Unruhe steigt auf: Entweder waren die Erdbeeren verdorben. Oder die Fruchtblase ist geplatzt.

Es ist die Fruchtblase, vier Wochen zu früh. Wir rufen die Hebamme an: Entspannt euch

mal, packt die Tasche für die Klinik und meldet euch wieder, sobald die Wehen kommen. Meine Frau legt auf, da kommt die

erste Wehe. Die Hebamme verspricht sich zu

beeilen. 25 Kilometer Ruhrgebiet zwischen ihr und uns.

Die Wehen folgen in raschem Takt. Die Hebamme findet keinen Parkplatz. Endlich


-35ubuntu Großeltern

kommt sie die Treppe herauf, sie untersucht

nen Anruf: Es könne jetzt schnell gehen.

vollständig geöffnet. Wenn wir ins Kranken-

Wöchnerin – wir sind schon im Hospiz.

meine Frau und sagt: Der Muttermund ist

Ich fliege nach Hause, packe Kind, Windeln,

haus wollen, dann sofort. Meine Frau sagt:

Mein Bruder sitzt am Sterbebett. Seine Frau

Ich geh’ nirgendwohin, ich will mein Kind

bringt die Kinder fort. Im Zimmer steht ein

nicht auf der Straße kriegen. Die Hebamme heißt mich den Parkettboden mit Handtüchern bedecken.

Im Heim treffen wir meine Mutter auf ei-

ter ihr, die Hebamme vor ihr, kauern wir im

sich mit dem Kind ins Bett. Wir berichten

Meine Frau auf dem Geburtshocker, ich hin-

Schlafzimmer. Zu dritt singen wir gegen den Wehenschmerz an. Presswehen. Die Heb-

amme lässt meine Frau nach dem Schopf

des Babys tasten. Meine Mutter hat von einem dunkelhaarigen Kind geträumt. Meine Frau presst. Ein Schwall Fruchtwasser spült das Baby in die Arme der Hebamme. Auf den

Tüchern liegt und schaut uns ernst und schweigend an: ein Mensch. Béla.

Unser Sohn, dessen Hautfarbe von Grau

nach Rosa wechselt und dessen feuchtes Haar dunkel glänzt. Der ganz sachte atmet

und so brodelnd wie seine Großmutter, nur dass in deren Lunge kein Fruchtwasser ist. Der Grund, warum meine Mutter entgegen aller Wahrscheinlichkeit noch lebt.

Wir sind glücklich in dieser Nacht zu Hause.

Leise bewegen sich die Vorhänge, als unsere Mutter entschwebt. Meine Mutter und unser Sohn sind einan-

der entgegengekommen: Sie hat ihr Sterben

verlängert, er einen Monat zu früh in die Welt gedrängt. Jetzt ist er ausgerechnet im Sternzeichen des Krebses geboren.

Wir haben keine Windeln gekauft, kein Babyöl, keine Feuchttücher. Morgens im Drogeriemarkt lasse ich mich von einer Ver­

käuferin fernsteuern. Auf dem Rückweg

klingelt mein Telefon. Meine Mutter will mich sprechen, irgendwas mit Herrn H. An

einer Kreuzung, umtost vom Verkehr, brülle ich ihr die Nachricht in den Hörer und dass ich mich morgen melden werde.

Nachmittags spricht sie Glückwünsche auf

unseren Anrufbeantworter. Es ist die letzte Aufnahme, die ich von ihrer Stimme habe.

Ich habe es eilig jetzt. Was weiß ich schon von Foto: André Appel

Sofa, auf dem ein elf Tage altes Baby an der

den Schmerzen einer Wöchnerin; 36 Stun-

den nach der Geburt verfrachte ich Frau und

Sohn ins Auto. Mein Bruder hat einen Kindersitz besorgt, das Begrüßungsgeschenk unserer Mutter anstelle des Namenstuchs.

nem Stuhl dämmernd an. Meine Frau legt von vorletzter Nacht. Die Großmutter zupft

an dem winzigen Fuß ihres Enkels und lächelt versonnen. Dann sagt sie: Das hätten wir also auch geschafft.

Wir haben uns zu spät für einen Elternkurs entschieden. Gelesen haben wir über Säug-

lingspflege mittlerweile so viel wie über Krebs, aber trotzdem trauen wir uns erst

nach Tagen, unserem Sohn das getrocknete

Blut und Fruchtwasser aus den Haaren zu waschen. Er ist blond.

Das Baby entwickelt sich prächtig. Meine

Mutter verfällt. Am Tag nach unserem Besuch beginnt sie Blut zu spucken. Sie muss

als Notfall in die Klinik. Wegen der Krankenhauskeime bringe ich es nicht fertig, bei

meinen Besuchen das Neugeborene mitzunehmen.

Das Hospiz meldet ein freies Zimmer.

Meine Mutter geht auf ihre letzte Reise

ohne Gepäck. Ich werde ihr den Koffer hinterherfahren. Sie verabschiedet sich von dem Mann, der ihr Leben so stark mitgeprägt hat in den letzten anderthalb Jahren:

Na, dann werden wir mal meinen 63. Ge-

burtstag nächsten Monat vorbereiten. Der

ehemals behandelnde Oberarzt weicht ihrem Blick aus und schweigt. Die Zimmernachbarin hievt sich aus dem Bett, drückt meiner Mutter die Hand, weint.

Eine Metastase im Nacken drückt die Lymph-

gefäße ab. Die Lymphe staut sich im rech-

ten Arm. Meine Handvoll Mutter sieht rechtsseitig aus wie Popeye. Ich frage, was

denn gegen das Anstauen unternommen

Mutterbrust saugt. Die Großmutter liegt grau, bewusstlos. Wir sitzen.

Mittags gehe ich in die Kantine, um Frika-

dellen zu holen, entschuldige mich zuvor für die Trivialität. Die Bedienung ist um-

ständlich, es dauert 20 Minuten, bis ich zurück bin. Als ich eintrete, schauen alle mich

an, meine Frau hat das Telefon am Ohr. Sie wollte mich gerade anrufen, ich müsse sofort zurückkehren.

Wie bei der Geburt bin ich auch beim Sterben nur Statist.

Mein Bruder und ich halten jeder eine Hand, ich bekomme die aufgedunsene. Unsere

Mutter wirkt ruhig, manchmal schnappt sie nach Luft. In ihrer Nase klemmt ein Sauerstoffschlauch. Die Abstände zwischen den Schnappern werden länger. Man hört das Blubbern des Sauerstoffs, das Schnappen

und zwischendurch das Schmatzen unseres Sohnes.

Dann hört man nur noch das Blubbern.

Es ist ein phantastisch sonniger Sommertag, die Luft wie Seide, die Fenster stehen

offen, ganz leise bewegen sich die Vorhänge, als unsere Mutter entschwebt.

Ich stehe auf und schließe den Hahn des Sauerstoffgeräts. Wir sitzen.

Dann reden wir, stundenlang. Das Hospiz gewährt uns Zeit. Wir essen am Fuße des Totenbetts und reden über unsere Mutter und uns und den Tod und das Leben, das kleine Bündel Leben.

Der Tag ist nicht nur sonnig, sondern auch warm. Jemand im Raum beginnt zu stinken. Unser Sohn hat die Windeln voll.

werde. Der ehemals behandelnde Oberarzt antwortet: Das soll uns jetzt nicht mehr kümmern.

Das soll uns jetzt nicht mehr kümmern?

Meine Mutter sagt: Ich fühl’ mich heute ir-

gendwie so himmlisch. Dann verladen zwei Träger sie in einen Krankenwagen. Im Hos-

piz haben mein Bruder und seine Familie

inzwischen das Zimmer geschmückt mit Bildern und Blumen. Wir lassen unsere

Mutter schlafen. Sie hat es schön hier. Morgen werden wir sie alle besuchen.

Am nächsten Vormittag, ich kaufe gerade

ein auf dem Wochenmarkt, erhalte ich ei-

Patrick Bierther lebt mit seiner Familie im Ruhrgebiet. Der Journalist arbeitet unter anderem für den Informationsdienst Wissenschaft und Buchverlage.


-36ubuntu Infografik

Playmobil-Frauen und Männer Die Geschlechterrollen im Kinderzimmer Alle Playmobil-Einzelfiguren („Special“) von 2006 bis 2011

Keltischer Krieger

Ritter mit Doppelaxt Kleopatra

Meerjungfrau Urlauberin

Gräfin

Medizinmann

Expeditionstaucher

Schlossgeist

Skateboarder Tierpflegerin Sternchenfee

Mama mit Babyschale

Seeräuber

Frau auf Luftmatratze Weihnachtsmann

Mountainbikerin Ordensritter Mama mit Kinderwagen Mongolischer Krieger

Baby/ Schaukelpferd

Pirat Einauge

Kosakenkämpfer

Rosengärtnerin

Frau mit Welpen

Mama mit Baby-Jogger

Papa mit Grill

Quelle: Playmobil; Infografik: Ole Häntzschel / Matthias Stolz aus dem Buch Stolz’ & Häntzschels Welt der Informationen, Droemer-Knaur-Verlag

Tierärztin mit Hund


-37ubuntu Infografik

Drachenprinz Pirat

PolizeiSondereinsatz

Snowboarder DoppelaxtRitter

Indianerhäuptling Kapuzengeist

Samurai

Klempner

Astronaut

Space-Ranger

Gladiator Arabischer Krieger

Radarkontrolle

Feuerwehrmann

Conquistador König Barbarenhäuptling

Tiefseetaucher

Schwanenritter

Cowboy

Musketier

Zauberer Totenkopfpirat

Schwertwächter

MassaiKrieger Römischer Tribun

Eiserner Ritter

Geisterpirat

Straßenbauarbeiter


-38ubuntu Literatur

Geschichten, wie sie nur eine Russin erzählen kann – Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche Text Alina Bronsky    Illustration Andreas Lechner

Wir waren eine zivilisierte Familie, wir gingen gut miteinan-

der um. Ich holte Aminat oft vom Kindergarten ab, um den jungen Leuten zu helfen, die beide viel arbeiten mussten.

Ich fragte mich, was sie früher ohne mich gemacht hatten. Ohne meine Ratschläge, ohne meine Hilfe. Oft nahm ich Aminat zu mir

nach Hause, weil es bei uns sauberer war und sie dort alles hatte, was sie brauchte. Sulfia mochte es aber lieber, wenn Aminat in ihrer Wohnung blieb, und wenn Sergej mich darum bat, erfüllte ich ihm

diesen Wunsch. Dann passte ich eben in Sulfias Wohnung auf Ami-

nat auf, auch wenn das weniger praktisch war. Wir spielten, ich las ihr vor, wir malten zusammen, ich erzählte ihr lehrreiche Geschichten aus meinem Leben und dem Leben anderer Menschen. Sie hörte zu, aber nicht sehr aufmerksam. Irgendwann war sie mit den Gedanken woanders und begann zu summen.

Ich hielt es für meine Pflicht, Aminat zu erziehen, ihr zu sagen, was richtig und was falsch war. Ich war nicht umsonst studierte Päda­ gogin. Bei mir schmatzte sie nicht am Tisch und griff nicht mit den

Händen in eine gemeinsame Schüssel. Ich schlug ihr schon mal ins

Gesicht oder auf die Finger, wenn sie Sachen machte, die ich aus guten Gründen ablehnte, wie in der Nase bohren oder sich zwischen den Beinen kratzen. Ich nannte sie Schajtan und Ischak, aber liebe-

voll: Sie wusste sowieso nicht, was das bedeutete.

Ich packte auch in Sulfias Haushalt mit an, einer musste es ja tun.

Ich räumte auf, in der Küche, im Flur, im Schlafzimmer auch. Ich

nämlich nie geschrien, sondern nur hilflos „Mutter, warum. Mut-

ter, lass das. Mutter, bitte fass diesen Schrank nicht an“ ausgestoßen. Ich ließ sie schreien. Ich fand, jeder Mensch muss einmal in

seinem Leben schreien. Nach ein paar Minuten fand ich aber auch, dass es genug war.

Als ich also der Meinung war, es sei genug, nahm ich meinen Stiefel in die Hand und schlug Sulfia damit ins Gesicht. Sulfia griff sich mit der Hand an die Wange. Da sprang Aminat auf mich zu, riss an dem

Stiefel, den ich immer noch in der Hand hielt, und brüllte: „Wenn

du meiner Mama noch mal wehtust, hab ich dich nicht mehr lieb!“ Ich war verblüfft. Das Liebhaben war ein beständiges Thema in un-

serer Familie. Wir wussten jederzeit, dass wir uns alle sehr lieb hatten. Wir sagten uns das oft, vor allem Aminat und ich. Ich ließ den

Stiefel sinken. Aminat rannte aber nicht weg, sie versteckte nicht einmal ihr Gesicht. Sie stand breitbeinig da, wie ein kleiner Bau­ arbeiter, und sah mit ihren schwarzen Augen direkt in meine. „Was hast du gesagt?“

Und sie wiederholte langsam und deutlich:

„Wenn du Mama noch mal wehtust, dann habe ich dich nicht mehr lieb. Überhaupt nie mehr.“ „Warum sagst du das?“

„Weil ich keine böse Oma haben will“, sagte Aminat und hüpfte auf einem Bein davon.

saugte Staub, wischte die Böden und putzte die Toilette. Ich wollte

Bin ich eine böse Frau?

rien ihres Stiefvaters auf der Klobrille und seinen Herpesviren an

auch deswegen so ungezogen, weil sie oft treffende Sachen sagte.

nicht, dass Aminat im Dreck aufwuchs, zwischen den Darmbakte­

den benutzten Stofftaschentüchern, die er herumliegen ließ. Ich

sammelte sie auf, suchte sie zwischen den Decken und Kissen im Ehebett zusammen, hob sie vom Boden unter der Couch auf, wusch sie in einer Schüssel, hängte sie zum Trocknen auf, bügelte sie an-

schließend. So auch mit der ganzen anderen Wäsche, die ich fand. Sulfia war undankbar wie immer. Sie sagte nur: „Mutter, lass das

bitte.“ Irgendwann schrie sie mich sogar an. Das war, nachdem ich in ihrem Schrank aufgeräumt hatte, Unterhosen, Büstenhalter und

Strumpfhosen sortiert und gefaltet, die löchrigen herausgelegt

und per Hand gestopft. Ich hatte das alles gemacht, obwohl ich in dieser Zeit lieber ferngesehen oder eine Zeitschrift gelesen hätte, und dafür schrie sie mich jetzt so laut an, dass Aminat in der Tür

auftauchte und „Mama, spinnst du?“ fragte. Sulfia hatte bis dahin

Ich hörte genau hin, wenn Aminat etwas aussprach. Sie wirkte Ich bekämpfte ihre Art, alles auszusprechen, was ihr in den Sinn kam, denn es traf sehr häufig ins Schwarze, und das mochten die

Leute nicht. Aminat reagierte empfindlich auf Dummheiten und

fasste die Schönheitsfehler anderer Menschen sehr präzise in Worte. So konnte es natürlich nicht weitergehen, und ich arbeitete hart mit ihr. Aber ich hörte trotzdem genau hin, wenn sie etwas sagte.

An diesem Tag, an dem Aminat sagte, dass sie mich nicht mehr lieb haben würde, zog ich mir den Stiefel wortlos wieder an und verließ

die Wohnung meiner Tochter Sulfia ohne einen Abschiedsgruß. Ich fuhr mit dem Trolleybus nach Hause. Dabei hatte ich die ganze Zeit Aminats Stimmchen im Ohr: „Ich will keine böse Oma haben.

Ich will keine böse Oma haben.“ War ich eine böse Oma? Ich be-

trachtete mein Spiegelbild in der schmutzigen Fensterscheibe des


-39ubuntu Literatur

Trolleybusses. Sah so eine böse Oma aus?

Anfangsjahre benutzend. „Unter dir leidet … leidet niemand. Du bist

blank geputzten Standspiegel. Ich sah überhaupt nicht wie eine

„Auch zu Sulfia?“

Zu Hause betrachtete ich mich eingehend, diesmal in meinem

Oma aus. Ich sah gut aus. Ich war eine schöne Frau und noch nicht alt. Man sah mir an, dass ich Kraft hatte und intelligent war. Ich

musste mein Gesicht oft verschließen, damit andere Menschen meine Ideen nicht lesen und stehlen konnten.

Ich ging in die Küche, wo mein Mann gerade Gemüseragout aß, und fragte ihn, ob ich eine böse Frau war.

Er verschluckte sich und begann zu husten. Ich wartete geduldig. Er

hustete noch mehr. Seine runden Augen wurden starr vor Schreck. Ich wartete. Er hustete weiter, ich klopfte ihm auf den Rücken. „Und“, bohrte ich, „bin ich eine böse Frau?“

Er spießte ein Stück Aubergine auf seine Gabel. Ich entriss sie ihm, bevor er den Mund erneut voll hatte. „Bin ich eine böse Frau?“

Er sah auf den Boden. Seine dichten schwarzen Wimpern, die ich einmal so geliebt hatte, flatterten wie bei einem jungen Mädchen.

Mir wurde warm ums Herz: Ich erinnerte mich an die Hungerjahre

meiner Jugend. Schade, dass Sulfia diese Wimpern nicht geerbt hat, dachte ich. Aber gut, dass zumindest Aminat sie hatte. „Also“, fragte ich, „bin ich eine böse Frau?“

„Aber wie kommst du denn darauf, Liebchen“, stammelte mein Mann. „Du bist ganz, ganz wunderbar. Du bist die Beste. Du bist so klug … Und so schön … Und du kochst so gut!“

„Aber das sagt doch gar nichts darüber aus, ob ich böse bin oder nicht“, beharrte ich. „Ich kann eine tolle Köchin sein, und trotzdem leiden alle unter mir.“

„Nein, mein Eichhörnchen“, sagte mein Mann, ein Kosewort unserer

so gut zu uns allen.“

„Sulfia …“ Mein Mann dachte nach. Ich wartete. „Sulfia“, sagte mein Mann, „ist doch deine einzige Tochter. Du wolltest immer nur ihr Bestes.“

„Das will ich immer noch.“ „Ja. Ich weiß.“

„Und denkst du, Sulfia weiß es auch?“

„Bestimmt. Also früher wusste sie es vielleicht nicht. Das ist ganz normal bei einem Kind, dass es seine Eltern nicht zu schätzen

weiß. Aber jetzt ist sie groß, und ich glaube, jetzt ahnt sie, wie sehr du sie liebst.“

Ich hörte aufmerksam zu. Ich war überrascht, dass mein Mann sich so viele Gedanken gemacht hatte. „Bist du sicher?“ fragte ich. Mein Mann wandte sich ab, stocherte in seinem Ragout und schielte vorsichtig zu mir rüber, als hätte er Angst, dass ich ihm gleich sein

Essen wegnehmen würde. „Ganz, ganz sicher “, sagte er. „Du bist meine Beste, meine Schönste … und du hast so ein gutes Herz.“

Wenn mein Mann das so sah, dachte ich, dann konnte es auch Aminat nicht entgangen sein. Dann konnte sie ihre Worte nicht ernst gemeint haben. Dann war sie einfach nur frech.

Fünf Tage später kam ich nach Hause und fand einen Brief meines

Mannes auf der Fensterbank. In dem Brief stand, dass er eine andere Frau liebte und ab jetzt mit ihr zusammenleben wollte. Er dankte

mir für die gemeinsamen Jahre und bat mich herzlich, ihn in Ruhe zu lassen. Mehr stand nicht drin.

Es soll Frauen geben, die bei einer solchen Nachricht in Tränen

ausbrechen. Ihnen knicken die Beine ein, und dann lassen sie sich


-40ubuntu Literatur

Frau. Das war kein glänzender Status. Ich musste damit leben, dass

man mich schief ansah. Aber alles andere lag, mit Gottes Hilfe, in meiner eigenen Hand. Mein Mann war feige: Er überließ es mir, die Nachricht seiner Tochter und seiner Enkelin zu überbringen.

Ich beschloss, mir meinen Mangel an Kummer nicht anmerken zu

lassen. Ich fuhr zu Sulfia. Ich fand, das Ereignis zwang jetzt alle dazu, frühere Unstimmigkeiten und den Gebrauch der Stiefel und

böser Worte zu vergessen. Bevor ich wegfuhr, ließ ich einen Brief für Kalganow auf der Fensterbank. „Wir sollten zivilisiert miteinan-

der umgehen. Ich wünsche dir alles Gute, auch für die Gesundheit. Bitte lass mir deine neue Telefonnummer da, damit alles beisammen ist. Deine Rosa.“

Ich wusste, dass er noch mal vorbeikommen würde, um seine Sachen abzuholen, und einen Moment abpassen würde, in dem ich nicht da

war. Wenn er mir schon in besseren Zeiten immer aus dem Weg gegangen war, würde er ausgerechnet jetzt kaum eine Begegnung

riskieren. Ich fuhr abends mit dem Trolleybus zu Sulfia. Sie öffnete die Tür, ihr Gesicht war müde und abgewandt. „Mutter? Komm rein.“

Ich hatte den Lippenstift weggelassen, mir nur ein wenig die Wan-

gen und die Stirn gepudert. Ich hatte meine einfachsten Kleider auf die Küchenfliesen mit Schachbrettmuster sinken, und andere

Angehörige müssen große Schritte über sie machen, wenn sie zum Kühlschrank wollen. So eine war ich nicht.

Ich kochte mir als Erstes einen Tee, und zwar nach allen Regeln der

Kunst. Ich wärmte die Kanne vor und übergoss die Teeblätter mit kochend heißem Wasser. Wenn ich irgendetwas hasste, dann

schlecht gemachten, minderwertigen Tee. Ich trank meinen her­

vorragenden Tee mit kleinen Schlucken, aß selbst gekochte Stachelbeermarmelade und dachte nach.

Ich stellte mir vor, wie ich zur Tür reinkam und keiner da war, der

gerade in der Küche schmatzte. Der meine Nerven damit strapazierte, dass er mein vorbereitetes Essen kalt verzehrte, weil er nicht in der Lage gewesen war, es aufzuwärmen. Überhaupt das Essen: Ich

könnte das Kochen jetzt fast komplett lassen. Ich würde mir morgens einen Haferbrei kochen und abends einen Salat machen. Wie

viel Zeit ich mir damit sparen könnte! In dieser Zeit könnte ich lesen, fernsehen oder Gymnastikübungen machen.

Ich überlegte weiter. Ich würde mit niemandem sprechen müssen, wenn ich von der Arbeit heimkam. Ich begann zu zählen, wie viele Hemden ich pro Woche nicht mehr waschen und bügeln müsste, Socken, Hosen, Unterhosen.

Einkaufen! Ich würde kaum noch schwere Einkaufstüten schleppen müssen, weil ich jetzt viel weniger Lebensmittel brauchte. Ich wür-

de nicht mehr so viel Dreck wegräumen, denn ich machte keinen

Dreck. Ich könnte mit Gott reden, so viel ich wollte. Ich würde mich viel weniger aufregen, weil niemand mehr da war, über den ich

angezogen, die ich sonst trug, wenn ich zu unserem Garten auf dem Land fuhr. Nur die Stiefel mit den Absätzen behielt ich an.

„Alles in Ordnung?“ fragte Sulfia, nachdem sie mir endlich ins Gesicht gesehen hatte.

„Weißt du es noch nicht?“ „Ist was mit dem Papa?“

„Das kann man wohl sagen“, sagte ich. Jetzt war sie erschrocken. „Was ist passiert?“

„Dein Vater hat mich verlassen.“ Sie lehnte sich gegen die Wand. Ihre Gesichtszüge entgleisten. „Was?“ fragte sie. „Was hast du gesagt?“

„DEIN VATER HAT MICH VERLASSEN.“ „Nein … Er? … Dich? … Nein.“

„Doch“, flüsterte ich. Sulfia sank vor mir auf die Knie und versuchte, meinen Blick von unten einzufangen. „Mama“, sagte sie flehend, „Mama, nicht!“ Sie dachte wohl, dass ich weine. Ich bedeckte mein

Gesicht mit den Händen, um sie in diesem Glauben zu lassen. Sulfia

stand schnell auf und legte ihre Hände auf meine, und ich zuckte

zusammen: Es war lange her, dass wir uns das letzte Mal berührt

hatten. „Mama“, bat sie mich hilflos. „Bitte, Mama, nicht traurig sein.“

„Lass mich!“ sagte ich. Sulfias Lippen begannen zu zittern, als wäre sie verlassen worden und nicht ich. „Es ist niemand gestorben“, sagte ich für den Fall, dass sie es missverstanden hatte. „Wäre es dir lieber, er wäre gestorben?“ Ich dachte nach. „Ja, das wäre vielleicht sogar noch besser gewesen.“ Sulfia stellte keine Fragen mehr.

mich ständig aufregen müsste. Und ich könnte mich mit Männern treffen. Neuen, jüngeren Männern, die Komplimente machten

und am Morgen wieder weggingen, nach Hause zu Mama oder zur Freundin, mir doch egal. Die mir wieder das Gefühl gaben, eine

Frau zu sein. Denn ich muss gestehen, ich mochte es längst nicht

mehr, wenn Kalganow mich anfasste. Wenn er im Schlaf versehentlich mein Bein streifte, zuckte ich angewidert zurück. Absichtlich machte er das alles ja längst nicht mehr.

Natürlich hatte dieser Brief auf der Fensterbank nicht nur Vorteile.

Im Leben gab es bekanntlich nichts geschenkt. Für meine Freiheit

musste ich zahlen. Zum Beispiel war ich ab jetzt eine verlassene

Aus: Alina Bronsky „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ © 2010, 2012 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 320 Seiten, Paperback, 8,99 Euro


-41ubuntu Ansichten

Meine Welt von Morgen

Christopher Daum (17) hat einen exakten Plan von der Stadt der

Zukunft.„Sie soll ausgewogen sein, es muss genügend Schulen, Biblio-

theken, Grünflächen, Radwege und Elektroautos geben. Alles muss gut

erreichbar sein.“ Seit zehn Jahren zeichnet Christopher Stadtpläne, die so reich an Details sind, dass einem fast die Augen flirren. An „Kabo-

City“, seiner ersten Phantasie-Stadt, hat er vier Jahre lang gezeichnet. Da fehlen weder Straßennamen noch Schallschutzwände oder Bäumchen auf den Mittelstreifen der Boulevards.

An seinem aktuellen Plan musste er gerade eine Änderung vornehmen,

als er feststellte, dass eine Stadtbahnlinie am Bahnhof vorbeiführte statt Foto: Paul Hahn

mit einer anderen Linie ein Kreuz zu bilden. Mit seinem Radiergummi

und ein paar feinen Bleistiftstrichen konnte er das korrigieren – und die aufgebrachten Fahrgäste wieder beruhigen.


-42ubuntu Essay

„Verdammter Zwang zur Neutralität“

Das Wohl der Kinder auch in Bürgerkriegszeiten jederzeit im Auge zu behalten – das ist die anspruchsvolle Aufgabe der SOS-Mit­arbeiter in Syrien. Wo wir uns engagieren, tun wir das dauer-

haft, langfristig und nachhaltig. Wir waren bereits seit Jahren in Somalia, als der Krieg

ausbrach. Auch im Sudan waren wir lange, als es zu den ersten Kämpfen kam. Ebenso

wie in Jugoslawien, ehe es zerbrach. Oder

Bislang haben die SOS-Kinderdörfer in sol-

In diesen Ländern waren die Kollegen vor Ort

Leadership und außergewöhnliches Gefühl

bevor der Genozid in Ruanda einsetzte.

meist ein Spiegelbild des Landes – zusam-

mengewürfelt aus verschiedenen ethnischen

Vorstand SOS-Kinderdörfer weltweit

Bürgerkriege führen Hilfsorganisa-

tionen regelmäßig an ihre Grenzen. Das

zeigt derzeit wieder der Konflikt in Syrien. Menschen leben zwischen Terror und

Bombenhagel. Vor allem die Kinder leiden.

Gruppen. Sie arbeiteten stets gut zusam-

men, taten gewissenhaft ihre Arbeit. Bis der Bürgerkrieg ausbrach und erste Tote unter

den Angehörigen der Mitarbeiter zu beklagen waren.

Die Mitarbeiter stehen dann oft paralysiert vor einer grausamen Zerreißprobe. Fahre

ich mit der Arbeit fort? Setze ich mich weiter ein für Kinder, Arme, Geschundene? Tue ich

Es besteht dringender Handlungsbedarf.

das an der Seite des Kollegen, dessen Stammes-/ Religions-/ Volksangehörige den Tod

Fronten, wenn man helfen will.

ben? Oder zerfrisst mich der Hass? Schaffe

Doch wie leicht gerät man zwischen die

Viele Organisationen mussten das schmerzlich spüren. Auch die SOS-Kinderdörfer

haben in vielen Jahren der Hilfe in Krisengebieten Kolleginnen und Kollegen verloren.

Allein in Somalia starben mehrere SOS-Mitarbeiter. Niemals waren die Kollegen oder

die Organisation das Ziel der tödlichen Geschosse. Aber auch verirrte Granaten und Querschläger können Leben auslöschen.

Umso wichtiger ist es, strikt neutral zu blei-

ben, keiner Seite den Vorzug zu geben, mit ihr zu sympathisieren. Das ist einfacher,

wenn man später zum Konflikt hinzukommt und Hilfe erst anbietet, wenn der Krieg die

ersten Opfer fordert. Doch die SOS-Kinderdörfer sind keine reisende Hilfsorganisation.

eines meiner Angehörigen verschuldet ha-

ich es, das Ziel der Organisation über meine persönlichen Empfindungen zu stellen?

Unsere Kollegen in Syrien stecken derzeit

in diesem schrecklichen Dilemma. Sie stammen aus den verschiedenen Bevölkerungs-

schichten Syriens. Aus der Schicht der regie-

renden Alawiten ebenso wie aus der Schicht der meist armen Sunniten. Die Arbeit

schweißte sie über Jahre zusammen. Nun

für die prekäre Situation gerettet. Meist

waren ein oder mehrere starke Mitarbeiter

im Führungsgremium, die weder nach links noch rechts sahen, sondern rigoros ihren

Job machten – zugunsten der Kinder und Familien. Natürlich verließen einige Mitar-

beiter ihre Posten. Doch die Mehrheit blieb, wenn sie dieses starke Vorbild hatte.

Und es war stets auch behilflich, dass wir eine große, erfahrene Organisation sind.

Die übergeordnete, neutrale Ebene gibt den Kollegen vor Ort Halt und Hilfestellung in

Krisensituationen und kann auch Führungsaufgaben übernehmen, wenn es nötig ist. So wirkt der verdammte Zwang zur Neu­

tralität erst paralysierend, dann aber dynamisierend. Die SOS-Kollegen in Syrien

haben sich „zusammengerauft“. Sie diskutieren fast täglich die Situation. Aber sie

haben sich entschlossen, jetzt erst recht all ihre Kraft gemeinsam in ihre Arbeit, die

Hilfe von Schwachen, Armen, Vertriebenen, zu legen.

herrscht Krieg. Menschen werden vertrie-

ben, leiden Not, sterben. Kann man noch

neutral bleiben, wenn Verwandte bedroht, gefoltert oder getötet wurden? Muss ich

meinen Kollegen jetzt hassen, weil er der „anderen“ Bevölkerungsgruppe angehört? Kann ich ihn nicht hassen?

Und für die Organisation stellt sich die Frage: Wie verhindert man ein Vakuum, in dem

alle ihren Platz verlassen und die Organisation nicht mehr funktioniert?

SOS-Kinderdörfer in Syrien Seit über 30 Jahren ist SOS in Syrien aktiv. Zwei SOS-Kinderdörfer, Jugendeinrichtungen und Sozialprogramme bilden ein stabiles Netzwerk, um Nothilfe zu leisten. Nachdem das SOS-Kinderdorf Aleppo aufgrund der Gefechte evakuiert werden musste, leben nun sämtliche Jungen und Mädchen im SOS-Kinderdorf Damaskus. www.sos-kinderdoerfer.de

Fotos: Andreas Friedle, Carole Alfarah

Essay: Dr. Wilfried Vyslozil

chen Situationen eine sehr entschlossene


Der Informationsdienst der kinderzeit-Redaktion per E-Mail – jeden Donnerstag neu. Fachliches und Inspirierendes aus dem Kita-Leben Sie erhalten Woche für Woche kostenlos eine kompakte Mischung aus Beiträgen der kinderzeit-Redaktion, aktuellen Informationen rund um Pädagogik und das Thema Kindererziehung im öffentlichen Raum. Der kinderzeit-Newsletter berichtet unter anderem vom Alltag in Kindergärten, über spielerisches Lernen, Betreuung, Gesundheit und Bewegung sowie über Grundschulthematiken ... und ein bisschen Klatsch und Tratsch darf auch nicht fehlen.

www.kinderzeit.de/ newsletterbestellung


-44ubuntu Reportage

Einzigartig, schรถn und fordernd: Als Kind muss man sich in Islands Natur seinen Platz erst einmal erobern.


-45ubuntu Reportage

Die Insel der glücklichen Kinder In island sind Kinder kein gesellschaftliches Accessoire, sondern eine Selbstverständlicheit. Das tut ihnen sichtbar gut. Fotos Thomas Linkel   Text Susanne Frömel


-46ubuntu Reportage

Moderne Einrichtung, moderne Ansichten: Milchbauer Einar Haraldsson (Dritter von links) findet es okay, wenn seine Kinder später einen anderen Beruf ergreifen.

Es gibt so Witze, die man machen

blickt zum Himmel und lächelt, bis sich auf

Das Klima dörrt die Insel aus. Hier und dort

land reist. „Nur ein Vulkanausbruch kann

wird ganz schnell vorbei gehen, du wirst

den Boden auf und entzieht ihm die letzte

kann, wenn man zum ersten Mal nach Ismich hindern, rechtzeitig zu deinem Ge-

burtstag wieder da zu sein“, rief ich noch

meiner Schwester zu, bevor es losging. Und

prompt passiert es, während man gemütlich seine Taschen in dieser hellen Sommer-

nacht auspackt und in die wilde Natur schaut, dass hinten am Horizont über dem

Kegel des Grimsvötn eine gigantische Säule aus verdampfendem Wasser hochsteigt und

am nächsten Tag der Himmel schwefelgelb voll pulverfeiner Asche hängt, als hätte je-

mand das Höllentor aufgestoßen und vergessen, hinter sich zuzusperren. Sogar die Schafe sind plötzlich gelb und die Stiefel hinterlassen auf den Straßen Abdrücke wie

ihren Wangen tiefe Grübchen bilden. „Das

schon sehen.“ Es ist schleierhaft, wie jemand so früh am Morgen so gute Laune

haben kann. Noch seltsamer ist aber, dass

ihr 16-jähriger Sohn jetzt aus dem Haus gefedert kommt und in die Hände klatscht.

Es ist halb acht Uhr an einem Samstag. Jeder andere Teenie der Welt würde um

Vielleicht ist es so, dass man zusammenhält, wenn die Natur das von einem fordert.

bei der Mondlandung.

Nicht, dass so ein bisschen Asche einem

diese Zeit noch grunzend im Bett liegen. Ar-

rechtzeitig zu Schwesters Geburtstag heim-

zug, obwohl der Wind den Herbst schon

fliegen könnte, allerdings schon. „Nein, das geht natürlich nicht“, sagt Lilja Bödvarsdottir, während sie den Staub von ihrer

Türschwelle fegt. „Zu Familienfeiern muss

man kommen, das ist sehr wichtig.“ Sie

Lebenskraft. Darum treffen sich heute ein paar Jungs aus dem Fußballclub und eini-

ge Väter, um Baumsetzlinge zu pflanzen. Nicht ein paar Bäumchen, sondern 100.000 Stück.

Der Wagen biegt in einen Feldweg ein, hinter sich eine riesige Schleppe aus Staub. Die

anderen Jungs sind schon da. Arnar schnallt sich einen Gärtnergürtel mit verschiedenen Fächern um die Hüften, der Gurt ist

zu lang und rutscht um seinen schmalen

Jungenkörper. Dann geht es los. Einer bohrt ein Loch in den Boden, der andere setzt

den Setzling ein. Und weiter. Bald stehen

auf dem Gelände, das nur mit ein paar tro-

ckenen Halmen bewachsen ist, die ersten

Isländer die Laune verderben könnte.

Die Tatsache, dass man vielleicht nicht

wird die Tundra zur Wüste. Erosion bricht

nar trägt nur einen dünnen Trainingsan-

ankündigt, und lächelt. Er hat die gleichen

Grübchen wie seine Mutter und den wa-

chen Blick seines Vaters. Aber wahrscheinlich sieht man so aus, wenn man sein Land retten will.

Bäumchen.

Vielleicht ist es so, dass man zusammen-

hält, wenn die Natur es von einem fordert. Harte, lange Winter und schwierige Lebensbedingungen haben den Isländern einen

unverstellbaren Sinn für das Wesentliche gegeben: Familie, Zusammenhalt, Probleme zu lösen, sobald sie da sind. So haben

sie die Jahrtausende überlebt, so haben sie


-47ubuntu Reportage

Mitte: Robust, wetterhart und so eigen wie ihr Land sind die Islandpferde. Rechts: 100.000 Setzlinge pflanzen die Jugendfußballer und ihre Väter. Gemeinsam übernehmen sie so Verantwortung für ihr Land.

die Wirtschaftskrise überstanden, so sind

sie zu einem der kinder- und familien-

freundlichsten Länder der Welt geworden.

Im Schnitt bekommen die Frauen zwei Kin-

der, und das, obwohl die Erwerbsquote beim weiblichen Geschlecht bei 82 Prozent

liegt. Beides sind europäische Spitzenwerte. Auch bei der Elternzeit liegt Island vor-

ne: Rund 89 Prozent der isländischen Väter

„Die Art, wie wir miteinander umgehen, ist einfach wärmer. Vielleicht ist das der isländische Weg.“

die Diskussion um Raben-Elternschaft aus-

denplan steht neben den üblichen Fächern

de Elternteile einer Arbeit nachgehen und

den Kindern auch beigebracht, wie man ver-

schließt. Auf Island ist es normal, dass bei-

trotzdem Kinder bekommen. Dass das ge-

lingt, liegt vielleicht auch am Schulsystem. Die Schule, die Arnar und seine jüngeren Brüder Dagur und Dadi besuchen, heißt

Flóaskóli und liegt in der Nähe von Selfoss. Es ist eine ganz normale Schule, zumindest

für isländische Verhältnisse, aber wenn man sie mit deutschen Augen betrachtet,

muss man fast ein paar Tränen des Neides wegblinzeln.

Im Eingangsbereich ist in einem Mosaik das

Motto der Schule eingelassen: Kopf, Herz, Hand. 18 Schüler pro Klasse, dazu eine Leh-

rerin und eine Hilfslehrerin. Auf dem Stun-

ländische Weg. Manchmal denke ich, dass

es gar nicht so lange her ist, seit wir aus unseren Torfhäusern gekommen sind. Da-

mals herrschte ein inniges Zusammenspiel der Generationen und vielleicht ist unser respektvoller Umgang miteinander ein Überbleibsel davon.“

Dazu gehört ein hohes Maß an Sozialkompetenz. An der Flóaskóli gibt es einen Jun-

nehmen drei oder mehr Monate in An-

spruch. Es hat sich ein Modell etabliert, das

ist einfach wärmer. Vielleicht ist das der is-

auch Tischlern, Nähen und Kochen. Da wird

nünftig einkauft, die Waschmaschine und

den Trockner bedient. Die Räume sind mit modernstem Equipment ausgestattet und

sauber. Ein angenehmes Lernumfeld ist wichtig, findet man hier.

„Kochen und waschen – das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber was soll man

den Kindern denn sonst beibringen, als

Dinge, die ihnen wirklich beim Leben helfen?“, fragt Kristin Sigurdardottir, die Rektorin der Schule. Sie ist jetzt 40 und hat in

New Haven, Connecticut studiert, bis das

Heimweh sie wieder zurück getrieben hat. „Die Art, wie wir miteinander umgehen,

gen, der drei andere Schüler drangsaliert

und bedroht. Kristin Sigurdardottir arbeitet jetzt mit den Eltern des Jungen zusammen, ein Psychologe besucht die Familie regel-

mäßig. „Wir erinnern die Eltern an ihre Verantwortung und helfen, familieninterne Schwierigkeiten zu klären. Das ist unse-

re Pflicht als Gemeinschaft.“ Für gewöhn-

lich gibt es an der Flóaskóli keine Probleme. Das sieht man auch oben im ersten Stock.

Dort sitzen ein paar Schüler der neunten Klasse auf einer großen Sofaecke, Jungs und Mädchen, Arm in Arm, die Beine aus-

gestreckt und verflochten wie bei einem Teppichgewebe. Das ist jetzt aber inszeniert, oder? Kristin Sigurdardottir lächelt

entschuldigend. „So ist es nicht bei allen.

Aber diese Klasse … die lieben sich einfach.“


-48ubuntu Reportage

Alte Bekannte: Dagur und das Kälbchen sind beide hier auf dem Bauernhof aufgewachsen. Rechts: Mit ihrer Pflanzaktion wollen sie die Erosion stoppen – Land retten.


-49ubuntu Reportage


-50ubuntu Reportage

Es ist die Klasse, in die auch Arnar geht.

Kind weckt mal der eine, mal der andere.

tenrate langsam, denn die Kinder werden

licher und lebenswichtiger Bestandteil der

sagt Tumi. „Es ist nicht der einfache Weg,

ge gebraucht, aber sie ist immer noch hö-

Dass Kinder auf Island ein selbstverständ­

Ge­sellschaft sind, bekommt man überall

zu spüren. In Restaurants regt sich nie-

mand auf, wenn es mal etwas lauter wird, in Wohnsiedlungen wird selbstverständlich Schritt­tempo gefahren. Und sogar in

den Außenbezirken Reykjaviks schlängeln

sich zwi­schen den Häusern Reitwege, auf denen Jugendliche mit ihren Islandpferden

Patchwork wird nicht als Problem gesehen,

aber allgemein sehen wir darin immer eine Chance. Wie kann man bei Kindern nicht positiv sein?“

Er hat eine Theorie. „In einer Gesellschaft

gibt es vier Entwicklungsstadien“, sagt Tumi Kolbeinsson. „Die vierte Stufe findet

sich ungefähr zur Zeit der Industrialisie-

galoppieren. In einer dieser Siedlungen woh­ nen Tumi Kolbeinsson und Bjartey Sigurdardottir.

Wenn man Tumi Kolbeinsson fragt, wie­

viele Kinder er hat, sagt er: Vier. Das Ganze

ist ein bisschen kompliziert. Zwei davon sind seine eigenen, zwei sind Beutekinder,

die seine jetzige Frau mit in die Ehe ge-

„Wir müssen begreifen, dass sich in Patch­work-Familien nicht alle gleich lieben.“ rung. Damals hatten die Leute viele Kinder,

male Familie. Aber in Europa ein so großes

Immerhin blieben zwei oder drei übrig, die

Hotelzimmer zu bekommen, ist fast un-

möglich.“ Morgens weckt er seine Tochter, Bjartey weckt ihre Söhne, „so ist die Aufmerksamkeit gut verteilt.“ Das gemeinsame

Unten: Die Beine verwoben und in intensivem Gespräch: Die 9. Klasse an der Schule Flóaskóli. „Die lieben sich einfach“, sagt ihre Lehrerin.

ten,

der

ersten

Stufe

sagt

sich

die

Gesellschaft: Ich brauche kein Kind, aber ich möchte eines, weil es so Spaß macht.

Ziemlich egoistisch, wenn man es genau betrachtet.“

„Wir Deutschen befinden uns in Stufe Eins?“

immer noch in Stufe Zwei. Das ist der Un-

terschied. Für uns sind Kinder noch etwas Selbstverständliches, kein gesellschaftliches Accessoire. Das ist etwas sehr Positives.“

2011 haben vier der amtierenden Minister

des Landes in Patchwork-Familien gelebt. Das System Patchwork ist auf Island vollkommen akzeptiert, obwohl es natürlich

sagt. Es ist kompliziert und einfach zu-

gleich. „Auf Island sind wir eine ganz nor-

her, als tatsächlich nötig wäre. In der letz-

„Richtig. Und wir Isländer befinden uns

bracht hat und denen er kein Stiefvater ist, sondern ein Bonusvater, wie man auf Island

nicht mehr so dringend für die Altersvorsor-

aber natürlich sind auch viele gestorben.

sich dann um die Alten kümmern konnten. In der dritten Stufe sinkt die Kindersterblichkeit, aber die Geburtenrate bleibt hoch.

In der zweiten Stufe dann sinkt die Gebur-

nicht immer problemlos abläuft.

„Wir müssen begreifen, dass sich in einer Stieffamilie nicht alle gleich intensiv lieben“, sagt Valgerdur Halldorsdottir. „Wenn

das gelingt, ist der Weg zu einer ehrlichen

Beziehung weit offen. Und ich habe noch nie ein Kind kennengelernt, dass sich nicht eine gute Beziehung wünscht.“ Valgerdur


-51ubuntu Reportage

Halldorsdottir ist die Patchworkbeauftragte

nicht gelingen würde.“

war es nicht mehr als ein Hobby. Aber ziem-

geringe Arbeitslosenquote von 2,6 Prozent

Dazu tragen auch Bedingungen wie eine

Islands. Als sie mit der Beratung anfing,

bei – es ist die niedrigste Europas. „Thetta

lich schnell machte das Wort der Stieffami-

reddast“, hört man häufig. Es bedeutet „Wir

lienberaterin die Runde.

schaffen das schon.“ Es ist ein schöner

„Viele Menschen mit unterschiedlichen

Grundsatz, weil er besagt, dass mit ein we-

Interessen unter einen Hut zu bringen, ist

nig Optimismus alles funktioniert. Sogar,

nie leicht. Wenn ich Menschen vermitteln

100.000 Bäume zu pflanzen.

kann, dass es falsch ist, in Familienbe­

Als Arnar abends nach Hause kommt, hat

ziehungen Dinge zu persönlich zu nehmen,

er eine Blase an der rechten Hand, aber er

ist schon viel gewonnen. Es kann nicht sein,

ist glücklich. Sie haben der Wüste ein Boll-

dass Kinder wie Immigranten in ihrem

werk aus kleinen Bäumen entgegen ge-

eigenen Haus leben, weil zu viel unausge-

setzt. Solche Aktionen gibt es überall auf

sprochen bleibt.“ Man müsse einfach akzep­

der Insel und es ist natürlich, dass die Kin-

tieren, dass Stieffamilien mit Bonuseltern und Bonuskindern anders funktionierten als klassische Familien-Konstellationen. „Sobald die innere Akzeptanz da ist, folgt

automatisch die äußere. Man muss sich das Leben ja nicht unnötig schwer machen.“ Valgerdur Halldorsdottir hat inzwischen eine Art Gebotsliste von „Dos und Don’ts“ in

Patchworkbeziehungen entwickelt und ein Buch zum Thema geschrieben. „Im Grunde“,

sagt sie, „geht es nur darum, Menschen egal welchen Alters ein glückliches Leben zu ermöglichen. Und es wäre doch gelacht,

wenn uns das auf dieser wunderbaren Insel

Island ist die größte Vulkaninsel der Erde. Der Inselstaat liegt südlich von Grönland. Nur 300.000 Bewohner müssen sich den Platz untereinander teilen, der vergleichbar ist mit der Fläche von Bayern und BadenWürttemberg zusammen.

der mitmachen.

„Wie sollen sie auch sonst ein Gespür dafür bekommen, dass sie für ihr Land verantwortlich sind?“, fragt Einar Haraldsson, Ar-

nars Vater. Er ist Milchbauer; die Arbeit im Stall übernimmt inzwischen weitgehend eine hochtechnologisierte Melkmaschine

namens Astronaut. Von seinen fünf Kindern will keines später mal seinen Job übernehmen. Auch Arnar nicht.

„Es ist okay“, sagt Einar Haraldsson. „Wir

haben ja alle nur ein Leben. Und jeder muss das tun, was ihn am glücklichsten macht.“

Mitte: Bis zum Himmel und wieder zurück. Platz haben die Kinder Islands in allen Dimensionen. Rechts: Brandur, drei Jahre alt, ist das einzige gemeinsame Kind seiner Eltern. Mutter Bjartay hat außerdem zwei Söhne mit in die Familie gebracht, Vater Tumi eine Tochter.


-52ubuntu Glosse

„Winzige Erwachsene mit vollem Kalender!“ Text Susanne Frömel   

Haben Sie Milo schon kennengelernt?

Milo ist knapp 1 Meter 40 lang, wiegt 36 Kilo

und hat braunes, langes Haar. Wenn die Sonne darauf scheint, zeigt sich ein kupferner Glanz darauf, und wenn die Sonne noch

mehr scheint, sprießen auf Milos Nase win-

zige, ganz bezaubernde Sommersprossen. Darüber hinaus baut Milo gerne Waffen aus

Holz, die er dann anderen Kindern auf den

das, was die Welt braucht. Ärzte, Lehrer,

quengelt, wirft sich auf den Boden und

mit Ritalin auf Linie gebracht werden. Ein

Kopf schlägt, er rotzt, spuckt, brüllt und

boy erzogen und in der Gewissheit, dass der

Vater immer das genaue Gegenteil von dem

sagt, was die Mutter gerade festgelegt hat. Wenn man einen Nachmittag mit Milo

verbringt, kommen einem ganz unlautere

Ein Stückchen Alm in der Großstadt – das hätte doch was!

Gedanken. Das Wort Betäubungsmittelgeschoss schleicht einem durch den Kopf, die-

Rahmen zur persönlichen Entwicklung zu

Nashörner lahm zu legen und anschließend

neues, dass vor allem liebevolle Zuwendung

zu wiegen. Oder Kerker. Eine Art Festung, aus der Ausbruch unmöglich ist. Leider übt Milo eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf schüchterne Kinder aus, und dar-

um ist Milo gern gesehener Gast in anderen Kinderzimmern. Zum Beispiel bei uns.

Während ich eines Abends das zerbrochene Holzschwert, die paar blutigen Bandagen

und eine Million zerstreuter Legoteile auf-

sammele, stand Milos Mutter im Türrahmen und guckte zu. „Er ist eben ein bisschen wild“, sagte sie. „Er hat ADHS.“ Damit

machte sie kehrt, packte ihr Kind und mar-

schierte von dannen, um andere Leben, andere Wohnungen zu zerstören.

ADHS ist die moderne Entschuldigung für

Eltern und für die Gesellschaft, die es versäumt, den Kindern einen angemessenen

warum denn.

Es gibt ein Projekt, das Kinder mit ADHS-

Diagnose in die Berge schickt. Weit weg von Computern, Stress und TV-Geräten. Und den eigenen Eltern. Nach ein paar Wochen sind die Kinder wie ausgewechselt, ruhig und fo-

se kleinen, bunten Pfeile, die sie in Tierreservaten vom Flugzeug aus abschießen, um

bisschen Elterntraining vielleicht? Nein,

geben. Dass dazu Grenzen gehören, ist nichts

nötig ist und die Notwendigkeit, das Kind

auf ein erwachsenes Leben vorzubereiten,

scheint den meisten Großstadteltern zu entgehen.

Wilde Kinder sind nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Das Bedürfnis der

Eltern, die Verantwortung darüber gänzlich

auf das Kind abzuschieben allerdings schon. Die Orientierungslosigkeit des Kindes wird mit Medikamentenkraft betäubt. Wie sagte

der Sohn einer entfernten Bekannten noch?

„Ich bin traurig, dass ich mich manchmal

so trüb im Kopf fühle, aber für Mama ist es besser so.“ Die Mama nickte stolz und merkte an, dass es in der Schule jetzt auch

viel besser klappe. „So schafft er wenigstens das Abitur, das ist doch wichtig.“ Sicher, noch mehr willenlose Dienstroboter – genau

kussiert. Leider kann man sie nicht ewig in Berghütten halten, irgendwann müssen die Milos dieser Welt wieder runter und das Spiel geht von vorne los.

Dass Kinder einfach mal Platz brauchen,

um sich auszutoben und auszuprobieren; dass sie nicht wie winzige Erwachsene mit

einem vollgestopften Terminkalender hantieren sollten, sondern einfach nur Freiheit

brauchen, darauf kommt niemand. Ein Stückchen Alm in der Großstadt, das hätte doch was.

Ich bin trotzdem für Ritalin. Ja, ich bin so-

gar eine entschiedene Befürworterin medikamentöser Ruhigstellung. Das liegt an meinem Vater. Der ist nämlich Arzt, und

obwohl er meist ein wenig seltsam ist, wird

er manchmal von großer Weisheit durch­ flutet. „Ich verschreibe sehr gerne Ritalin“, erklärte er mir mal. „Das gebe ich den El-

tern zum Schlucken. Dann geht es den Kindern gleich viel besser.“

Illustration: Andreas Lechner

tanzt auf den Tischen. Milo wird via Game-

Nachbarn nicken ab. Auch Milo soll bald


SOS KINDERDÖRFER

Schalom und herzlich willkommen in Israel! Willkommen in den SOS-Kinderdörfern! Entdecken Sie auf einer zehntätigen Rundreise das Heilige Land, dessen raue Schönheit und kulturelle Schätze Sie begeistern werden. Tauchen Sie ein in den Alltag der Menschen und treffen Sie in SOS-Einrichtungen Persönlichkeiten, die mit großem Engagement die Idee Hermann Gmeiners fortsetzen. Für Frieden, Menschlichkeit und Versöhnung. Zehntägige Rundreise mit den SOS-Kinderdörfern weltweit vom 14.- 23. Februar oder 7.-16. November 2013 inkl. Besuch der SOS-Kinderdörfer Megadim und Neradim (Israel) sowie Bethlehem (Palästinensisches Autonomiegebiet) Ausführliche Informationen zur Reise erhalten Sie unter: www.sos-kinderdoerfer.de/Reise


Foto: Roman März

Diese Meisterwerke können bald an Ihrer Wand hängen …


-55u buntu Versteigerung

… wenn Sie mitbieten bei SOS-Kunststück! Vom 4. bis 14. November läuft die von Experten hochgeschätzte Benefiz-Kunstauktion der SOS-Kinderdörfer weltweit unter www.sos-kunststueck.de. Text Ingrid Famula

Zum achten Mal seit 2003 werden 60 Originale der

angesagtesten zeitgenössischen Künstler der Republik versteigert. Partner ist in diesem Jahr United Charity,

das größte deutsche Charity-Auktionsportal. Die Künstler spenden selbstlos ihre Werke, um mit dem Erlös den Dürre-Opfern in Niger beizustehen (Seite 58).

Als Danke-Schön-Aktion der SOS-Kinderdörfer für ihre

Spender ins Leben gerufen, hat SOS-Kunststück in den vergangenen Jahren bereits über 500 Bilder an neue

glückliche Eigentümer gebracht. Mit ihrem Engagement

bei der Kunstversteigerung haben sie einmal mehr Kin-

der in Not unterstützt – und sich selbst ein wunderbares Geschenk gemacht: Erstklassige Kunst von hochklassigen Künstlern.

Andrè Butzer, Sven Drühl, Jonathan Meese, Robert Lucander, Thomas Zipp und viele andere waren bereit, sich von ihren Werken zu trennen. Wer die Bilder genau unter die Lupe nehmen möchte, hat die Chance ab

4. November die Ausstellung in der „Veranstaltungs-

welt“ des ADAC in München (Hansastraße 19, Montag –  Freitag 16 – 20 Uhr und Sonntag 12 – 17 Uhr, Eintritt frei)

zu besichtigen. Wem der Weg zu weit ist, der setzt sich zu Hause gemütlich an den PC und lässt sich von guter Kunst beeindrucken und überzeugen:

1. Auf der Internetseite www.sos-kunststueck.de

finden Sie die Bilder mit allen Detailinformationen.

2. Von jedem Bild führt ein Link direkt zur Auktion auf www.unitedcharity.de

Fotos: Roman März, Björn Hölle

3. Link klicken und mitsteigern!

Linke Seite: „Kein mickriger Guruismus“ von Jonathan Meese Rechts: „SD . N . N . 3“ von Sven Drühl

Oben: Kunstwerk ohne Titel von Bernhard Lehner Rechts: Aquarell und Buntstift ohne Titel von Joe Naeve


Foto: Roman M채rz


-57u buntu Versteigerung

Linke Seite: Collage von Lucio Auri Oben: Kunstwerk ohne Titel von Alex Tennigkeit

Oben: „Es ist bedeckt“ von Philip Hudgson Dorrel Links: Skulptur „P12“ von Rainer Hunold Unten: „Noches de Establiments“ von Manfred Mayerle

Fotos: Roman März, Björn Hölle

Hilfe für die Kinder in Niger Mit dem Erlös von „SOS-Kunststück“ sollen die Kinder in Niger unterstützt werden. Dort bedroht die anhaltende Dürre das Leben vieler Familien. Erfahren Sie auf den folgenden Seiten, wie SOS die Menschen in Niger stärkt, mit Nothilfe, ärztlicher Betreuung oder Ausbildungskursen. Das Ziel: Gemeinsam mit den Familien Lösungen zu erarbeiten – damit sie ihr Leben wieder meistern. Ab Seite 58. Wir danken allen Sponsoren für ihr Engagement, ohne das wir SOS-Kunststück nicht realisieren könnten:


-58ubuntu SOS-Nothilfe

HungerKrise in Niger Fotos und Text Paul Hahn

Anhaltende Dürre und steigende Lebensmittelpreise haben dazu geFührt, dass acht Millionen Menschen zu wenig zu essen haben. Die Lage ist bedrohlich. Die SOSKinderdörfer helfen Kindern und ihren Familien.

Unterstützen Sie die Arbeit der SOS-Kinderdörfer in Niger: SOS-Kinderdörfer weltweit

Spendenkonto 222 22 000 00

(fünfmal die Zwei und fünfmal die Null) BLZ 430 609 67

GLS Gemeinschaftsbank

Stichwort: ubuntu Niger


Behandlungen ohne Pausen Links: SOS-Krankenschwester

Yahanatu Manan Issa und ihre Kollegen versorgen die Kinder

und ihre Familien im Gesund­ heits­zentrum in Takorka. Zu

viert sind sie für 19 Dörfer mit 42.000 Menschen zuständig.

Pausen gönnen sie sich kaum. Viele Patienten sind unterer-

nährt. Sie sind dadurch so ge-

schwächt, dass ihr Immunsystem auch wenig Chancen hat, Krankheiten abzuwehren.

Alarmstufe RoT Links: Ein runder Bauch sagt

Malaria Oben: Die achtjährige Aischa

wenig darüber aus, ob ein Kind

hat Schüttelfrost und hohes

aber die Oberarm-Messung. Bei

der momentan häufigsten

ausreichend ernährt ist, wohl Ibrahim, zwei Jahre alt, zeigt das Maßband Rot – Alarm-

stufe! Ibrahim wiegt nur 7.200 Gramm – ein Junge in seinem

Alter wiegt in Deutschland das Doppelte. Ibrahim soll in ein

Spezial-Ernährungsprogramm aufgenommen werden, doch

zunächst wird er aufgrund seines bedrohlichen Zustands ins Krankenhaus überwiesen.

Fieber – Anzeichen der Malaria, Krankheit. Sie bekommt Infu­ sionen zur Stärkung und AntiMalaria-Präparate.

Rechts: Viele Mütter kommen erst, wenn der Zustand ihrer Kinder schon dramatisch ist. Es fehlt den Familien an allem, auch an Geld für die Busfahrt zur Krankenstation.


-60ubuntu SOS-Nothilfe

SOS-Nothilfe für hungernde Familien Rechts: Mitarbeiter der SOS-Kinderdörfer versorgen 100 Fami­

lien mit Mais und Hirse. Lang-

fristig sollen die Familien dabei unterstützt werden, ihr Leben

wieder selbstständig zu meistern, aber in der akuten Not werden

zunächst einmal Nahrungsmittel dringend benötigt. Von einem

100-Kilo-Sack Hirse, der derzeit 50 Euro kostet, kann eine Fa­

milie mit sieben Kindern drei Wochen lang leben.

kostbares Wasser Oben: Wasser ist das große Thema in Niger – genug gibt es eigentlich nirgendwo und oft müssen die

Menschen täglich lange Wege zurücklegen, um sich und ihre Familien mit Trinkwasser zu versorgen.

Rechts: Am Rande des Flusses graben die Frauen ein Loch, damit das Wasser möglichst sauber ist, wenn

sie es mit ihren Plastikschalen abschöpfen, in die Eimer und anschließend in Kanister füllen.


-61ubuntu SOS-Nothilfe

SOS baut Getreidebanken auf Unten: Das Getreide wird unter den Familien aufgeteilt. Damit die Menschen zukünftig nicht mehr so sehr

von den Preisschwankungen abhängig und bedroht sind, bauen die SOS-Kinderdörfer im Rahmen der Nothilfe

gleich nach der Ernte Getreidebanken auf. Später können die Dorfbewohner dort unabhängig von den Weltmarktpreisen günstig Getreide und Saatgut kaufen.

Links: Sauberes Wasser aus dem Hahn – eine große Erleichterung.

kleinkredite kurbeln geschäfte an Rechts: In heißem Fett backt

Mamou Younouss die traditionellen Krapfen „Fari Masa“. Mit

Hilfe eines Kleinkredits der SOSFamilienhilfe hat die Witwe ihr

kleines Geschäft aufgebaut. Sie

kann damit sich und ihre Kinder ernähren. Einmal in der Woche

erhält sie außerdem von SOS-Mitarbeitern Unterricht im Lesen

und Schreiben. „In meinem Alter fällt mir das nicht leicht, aber

ich bin glücklich, dass es klappt!“, sagt Mamou Younouss.


-62ubuntu Ratgeber

„Seit mein Sohn in der Pubertät ist, hält er sich an keine Abmachung mehr!“

Lieber Herr Sommer, bisher hatte

ist. Seien Sie bereit zum Gespräch, auch

ten Sohn, aber nun ist er 16 und in der Pu-

sind. Seien Sie auf jeden Fall ehrlich und

ich ein gutes Verhältnis zu meinem ältes-

bertät und seit einiger Zeit haben wir es

schwer miteinander. Er bricht häufig Abmachungen, ist unzuverlässig, und kleine

Lügen gehen ihm schnell über die Lippen. Ich reagiere dann oft wütend, was sicher

auch nicht toll ist. Wie schaffen wir es, wieder auf eine gute Ebene zu kommen? Viktor B., Brunsbüttel

Wozu raten Sie mir?

wenn es um Fragen der Pädagogik, Eltern-Kind-Konflikte und ihre Lösung geht, haben die SOSKinderdörfer eine Menge zu sagen! 60 Jahre intensive Arbeit mit Kindern sind die Basis dafür. Ulrich Sommer, Psychotherapeut für Kinder und Jugend­ liche, gibt Rat!

Man muss die Pubertät als eigene

Phase im Leben eines Menschen verstehen.

Es geht um die Verabschiedung aus der Kindheit und um die Entwicklung einer ei-

genen Identität als Erwachsener. Das erfordert von den jungen Menschen viel Ausein-

andersetzung und Reibung mit anderen

und ist verbunden mit Verunsicherung und Stress. Die Jugendlichen müssen neue Verhaltensweisen ausprobieren, an Grenzen gehen, sie auch überschreiten und viel dis-

kutieren. Die Gleichaltrigen, an denen sie sich orientieren, werden jetzt extrem wichtig. Gleichzeitig müssen sie sich von den Eltern lösen und ihren eigenen Weg finden und das geht oft nur im Streit und durch

Provokationen. Diese sind häufig umso heftiger, je besser die Beziehung vorher war.

Die Jugendlichen versuchen sich gut darzustellen, cool zu sein und überschätzen dabei oft ihre Fähigkeiten und Kräfte.

zu Kompromissen, wenn sie gerechtfertigt um wirkliche Auseinandersetzung bemüht.

Bieten Sie Ihrem Sohn ein Gegenüber, mit dem er diskutieren, an dem er sich reiben, aber auch orientieren kann. Die Jugendli-

chen spüren sehr genau, ob man sie ernst

nimmt. Wenn man versucht, autoritär drüber zu fahren, bekommt man eine entsprechende Antwort. Ihn wegen dieser Lügen

strafen zu wollen, erscheint mir sinnlos und wird nicht gelingen, auch, weil er da-

für schon zu alt ist. Wenn man zu bequem ist oder Auseinandersetzungen scheut, erntet man unter Umständen Verachtung. Darüber hinwegzusehen würde ihn viel-

leicht glauben lassen, dass Sie die Dinge nicht durchschauen, und er so weitermachen könnte. Das Ziel sollte sein, dass er

lernt, für sein Verhalten Verantwortung zu übernehmen.

Wenn die Beziehung grundsätzlich gut ist, wird sie an den aufrichtigen Auseinander-

setzungen, die von Wohlwollen und Verständnis getragen sein müssen, weiter

wachsen. Bis Sie das spüren, kann es durchaus ein harter Weg sein, aber er lohnt sich für die vielen Jahre, die nach der Pubertät kommen. Und daneben immer die Bitte: Zeigen Sie Interesse, wirkliches Interesse

am Leben Ihres Sohnes. Nutzen Sie alle Ge­

legenheiten zum positiven Kontakt. Mit­ einander Spaß haben ist so wichtig.

Für die Eltern ist diese Zeit meist äußerst nervenaufreibend. Wie Ihr Sohn halten sich viele Jugendliche nicht an Vereinbarungen,

versuchen sich irgendwie durchzuschum-

meln und wenn man sie damit konfrontiert, bekommt man noch freche Antworten. Wie verhält man sich da richtig?

Zunächst ist es so, dass man als Vater oder

Mutter in der Pubertät die erste Rückmel-

dung für die vergangenen Jahre bekommt:

Trägt die Beziehung? Gelingt es trotz Dif­ ferenzen immer wieder in den Dialog zu

kommen? Wenn Sie, wie Sie sagen, bislang eine gute Beziehung zu Ihrem Sohn hatten,

dann rate ich zu Gelassenheit und innerer

Klarheit. Diskutieren Sie, stellen Sie ihn, was seine Lügen betrifft, zur Rede – mit viel Wohlwollen und wenn es passt, mit Humor.

Manchmal auch zornig, wenn Ihnen danach

Ulrich Sommer ist Psychotherapeut für Kinder und Jugend­ liche und Pädagogischer Leiter des Diagnoseund Therapiezentrums „Bienenhaus“ der SOS-Kinderdörfer in Hinterbrühl, Österreich. Kindern und Jugendlichen mit massiven Pro­ blemen wird dort stationär geholfen. Haben auch Sie eine Frage an Ulrich Sommer? Dann schreiben Sie an: Redaktion ubuntu, SOS-Kinderdörfer weltweit, Ridlerstr. 55, 80339 München oder ubuntu@sos-kd.org

Illustration: Uli Knörzer

Fragen an Ulrich Sommer


SCHENKEN SIE KINDERN EINE KINDHEIT. WERDEN SIE SOS-PATE.

www.sos-paten.de


-64ubuntu Portrait

Die Kinder von … Kreuzkölln in Berlin

Wo Kreuzberg und Neukölln aufeinandertreffen, fühlen sie sich wohl: Tabata, 11, und Thoraya, 10. Sie lieben ihr Viertel, weil immer etwas los ist und die Menschen so bunt sind wie exotische Tiere.

Foto und Text Paul Hahn

„Kreuzkölln? Das Wort ist mir noch

nie begegnet!“ Thoraya, 10, blickt fragend

zu ihrer Freundin Tabata, 11, aber auch die

zuckt mit den Schultern. Klar kennen die beiden Mädchen Kreuzberg, und in Neu-

kölln sind sie zu Hause. Doch dann über-

viel skeptischer. Tabatas Mutter Marlis

oder schreiben ihre Warnung an alle Hips-

vielleicht zwei Straßen im Kiez, und da, wo

richtig Angst!“ Sie meint vor allem die

nal, der Grenze zwischen Neukölln zu

rascht Thoraya mit ihrer Antwort: „Das sind

sie sich schneiden, treffen sich viele Menschen, da ist Kreuzkölln.“ Ganz intuitiv hat

die Zehnjährige auf den Punkt gebracht, wofür es kein Ortsschild gibt.

Seit einigen Jahren wird der Reuterkiez, der im Nordwesten Neuköllns liegt und direkt an Kreuzberg grenzt, auch Kreuzkölln ge-

nannt. Ein Kunstname, der für den rasanten Wandel eines Stadtbezirkes steht – vom

Problemviertel zum angesagten Szenekiez. Thoraya, die deutsch-ägyptische Wurzeln

hat, und Tabata, deren Vater aus dem Kongo stammt, gefällt das. Daten wie 35 Prozent

Arbeitslosigkeit, 30 Prozent Ausländeranteil

oder Mietsteigerungen seit 2007 von über 25 Prozent, für die das Viertel auch steht,

sind für die beiden Mädchen abstrakte Größen. Für sie gleicht ihr Zuhause einer wun-

dersamen Zigarrenschachtel voller exotischer Tiere: „Da siehst du Punks mit bunten

Stachel-Haaren, Piercings und Tunnelohrringen. Oder Hippies im Schlabber-Look. Die

laufen ganz verträumt durch die Gegend“, sagt Thoraya. Früher wohnte sie mit ihrer

Familie in Wittenberge im Nordwesten von Brandenburg. „Da war es schon spannend,

wenn mal ein Auto vorbeifuhr.“ Ihre Freundin verdreht die Augen. „Da wäre ich ausgerastet.“

Viele der erwachsenen Einwohner Kreuz-

köllns sehen den Wandels ihres Viertels sehr

sagt: „Die Schickimickisierung macht mir Preissteigerung. Was für Spekulanten oder

auch Szenegänger ein aufregender Prozess

ist, nennen viele langjährige Bewohner

einen Alptraum. Das Haus, in dem Marlis seit 15 Jahren wohnt, ist erst kürzlich an einen

Hamburger

Immobilien-Investor

verkauft worden. Nun geht unter den Mietern die Sorge um, dass die Miete erhöht

ter auf die Wände, wie am LandwehrkaFriedrichshain und Kreuzberg. „Kreuzkotze“ steht da riesig auf einem Hausdach.

Unterdessen turnen Tabata und Thoraya in den roten Seilen eines Klettergerüstes im Wildenbruchpark. Junge Pärchen liegen auf karierten Decken, Mütter beobachten ihre Kinder, die in der Sandkiste graben. Der Ort ist eine kleine grüne

wird. „Ich bin alleinerziehend, ich kann

Oase – inzwischen. Bis vor einiger Zeit sa-

Umzug leisten“, sagt Marlis.

flaschen in der Hand.

mir weder eine hohe Miete, noch einen Aber wenn es ihr gelingt, ihre Angst in Schach zu halten, gerät auch sie fast ins

Schwärmen: „Früher konnte man die We-

serstraße zum Hermannplatz in Kreuzberg kaum runterradeln. An jeder Ecke eine

verqualmte Kaschemme mit Typen in Ballonseide. Nun sind viele junge Leute ins Viertel gezogen. Überall entstehen kleine Läden oder Boutiquen, das gibt ein ange-

nehmes Flair.“ Dazu zählt auch „Madame Zucker“, ein kleines Cafe, das direkt an ihrer Hausecke aufgemacht hat, da, wo noch vor knapp zwei Jahren ein KFZ-Gut-

achter sein Büro hatte. Nun wird in Wohn-

zimmeratmosphäre cremiger New Yorker Cheesecake serviert; es gibt Biocafé und WLAN.

Zu schön für Berlin? Manche Bewohner vertreten diese Meinung äußerst aggressiv, werfen Scheiben solcher Läden ein

ßen auch hier eher Penner mit ihren BierAus Thorayas Hosentasche kommt Musik. Sie hat ihr Handy lautgestellt. Im Takt wip-

pen die beiden Mädchen auf den Seilen,

fühlen sich wohl. Zuhause. Nie im Leben würde Tabata woanders wohnen wollen. „Berlin ist die coolste Stadt!“ Ihre Freundin Thoraya ist sich nicht ganz sicher, da

soll es noch was Cooleres geben: Kairo, die

Stadt, in der sie geboren wurde, und in der ihre Großeltern, Tanten und Onkel leben. Kairo, sagt sie, soll noch viel größer sein als Berlin. Da will sie unbedingt mal hin.

Buchempfehlung Uli Hannemann: Neulich in Neukölln Aus der Sicht des Taxifahrers schildert der Autor das Leben in Neukölln. Seine Erleb­ nisse hat er mit viel Sprachwitz und Sinn für Skurriles aufgeschrieben. Ullstein, Berlin 2007, ISBN 978-3-548-26818-7


-65ubuntu Wissen

Begleitung für Eltern

Warum Kinder Schule schwänzen

Zu viele Pfunde

Eltern können oft nicht einschätzen,

ob das Gewicht ihres Kindes zu hoch ist, so das Ergebnis einer Untersuchung der Uni

Leipzig. Wenn ein Kind übergewichtig ist,

sei das für viele Eltern noch nicht problematisch – und sie tun nichts dagegen. Erst

wenn ein Kind eindeutig als fettleibig (adipös) eingestuft werde, würden Eltern aktiv und nähmen an Präventionsprogrammen

teil. Die Familien von „nur“ übergewichtigen Kindern waren häufig der Meinung, dass

kein Handlungsbedarf bestehe, weil sie gesund genug lebten oder das Gewicht des

eigenen Kindes im Rahmen liege. Fazit der Forscher: In den Familien muss erst ein Bewusstsein für die negativen Folgen von

Übergewicht geschaffen werden, damit die Programme Betroffene erreichen. 80 Pro-

Für einkommens­ schwache Familien und Eltern mit Migrationshintergrund hat das Bundesfamilienministerium das Programm „Elternchance ist Kinderchance“ entwickelt. 4.000 Elternbegleiter sollen die Fähigkeiten der Kinder einschätzen und Eltern über Bildungswege und Lernchancen aufklären. Psy­ chologen der Universität Erlangen-Nürnberg und Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts in München begleiten das Programm.

zent aller dicken Kinder werden später zu übergewichtigen Erwachsenen.

Guten Morgen, Deutschland

In Deutschland kom-

men die meisten Babys zur Frühstückszeit auf die Welt,

in Italien dagegen zwischen dem ersten Cappuccino und

der Pasta zum Mittag, und

Fotos: © iStockphoto.com/Artem Gorokhov; Marcus Schwemin

in Spanien erblicken die

meisten Neugeborenen erst

nach der Siesta das Licht der Welt. Das ergab eine Unter-

suchung der Leipziger Nabelschnurblutbank Vita 34.

Dr. Eberhard Lampeter, Ärztlicher Leiter der Blutbank,

vermutet, dass der Grund für

Deutschland offenbar der

gebnis der Studie erklären:

geszeiten die steigende Zahl

30 Prozent der Kinder kom-

men montags bis freitags zur

die unterschiedlichen Taan Kaiserschnittgeburten

ist. „Offenbar wählen viele

frühe Vormittag.“ Etwa

men hier per Kaiserschnitt

zur Welt, in Italien sind es

Kreißsaalteams für den

37 Prozent, in Spanien 25 Pro-

alen Termin. Das ist in

könnte auch das zweite Er-

Kaiserschnitt den für sie ide-

zent. Die Kaiserschnittrate

Die meisten Kinder kom-

Welt. Am Wochenende ge-

hen die Geburtenzahlen in allen Ländern zurück.

Viele Schüler, die die Schule schwän-

zen, wurden vorher gemobbt. Das ist das

Ergebnis einer Studie des Universität-Klinikums Heidelberg. Die Forscher befragten

2.700 Acht- und Neuntklässler aus unter-

schiedlichen Schularten, warum und wie häufig sie nicht in den Unterricht gehen.

Es zeigte sich, dass Schulschwänzer oft psychische Probleme wie Angst oder Depres­ sion haben. Viele hatten deutlich mehr

Mobbingerfahrungen gemacht als ihre Mitschüler. Die Untersuchung ist Teil der in-

ternationalen und von der EU geförderten Studie WE STAY („Working in Europe to Stop

Truancy Among Youth“). Insgesamt werden in fünf europäischen Ländern und Israel

etwa 10.000 Jugendliche befragt. Ziel ist es, herauszufinden, welche gesellschaftlichen Probleme hinter Schulschwänzen stecken und was man dagegen tun kann.

Schlechte Luft macht Kinder krank Dass Luftverschmutzung und erhöhte Ozon-Werte Kinder schädigen, zeigt eine neue Studie, die auf den Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) basiert. Es wurde nachgewiesen, dass in Regionen mit hohen Kohlenmo­ noxid-Werten Kinder mit geringerem Geburtsgewicht zur Welt kommen. Der Grund: die Versorgung der Babys mit Sauerstoff ist schlechter. „Das ist ein klarer Hinweis darauf, wie sehr die Luftverschmutzung Kindern bereits im Mutterleib schaden kann“, sagt C. Katharina Spieß, eine der Autorinnen. Hohe Ozonwerte machen vor allem zwei- bis dreijährige Kinder krank: Sie leiden häufiger unter Atemwegserkrankungen oder Bronchitis, da vor allem die Luft nahe dem Boden viel Ozon aufweist. Kleine Kinder atmen davon viel mehr ein als Erwach­ sene. Zudem ist ihr Immunsystem noch nicht voll ausgereift. Das SOEP ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. In die Studie flossen Daten von etwa 2.000 Kindern ein.


-66ubuntu Interview

Wie waren Sie als Kind …

Fatih Akin

Sie haben dann tatsächlich in der Schule Ihre ersten Filme gedreht und in der

Theater-AG mitgewirkt. Andererseits waren Sie mit 16 Jahren Mitglied einer Stra-

Interview Martina Koch Ihr Dokumentarfilm „Müll im

Garten Eden“ erzählt von der Umweltver-

wachsen und bei Ihnen zuhause wurde

nur Türkisch gesprochen – und Sie schaff-

schmutzung in Çamburnu, einem türki-

ten es trotzdem aufs Gymnasium. Hatten

Ihres Großvaters – ein Ort Ihrer Kindheit?

Eher trifft’s das: Ich war ein schwieriger

schen Bergdorf. Es war einmal die Heimat Nein, ich habe Çamburnu erst vor ein

paar Jahren zum ersten Mal bereist. Vorher kannte ich es nur aus Erzählungen meines

Vaters. Mein Großvater ist noch vor der Geburt meines Vaters dort weggezogen.

Sie und Ihr älterer Bruder sind in Ham-

burg geboren, nachdem Ihre Eltern Mitte der 1960 er Jahre nach Deutschland ge-

kommen waren. Was haben Sie als Kind von der Türkei mitbekommen?

Sie es schwer in der Schule?

Schüler. Ich war immer einer, der alles so

gerade eben schaffte. Viele Lehrer wollten mich gar nicht zum Abitur zulassen.

zu den Geburtsorten meiner Eltern gefahren. Die wenigen Wochen, die wir immer dort

waren, haben mich sehr geprägt. Eine schöne Kindheit.

Was war so schön?

Mit dem Meer aufzuwachsen. Wir sind

liegen. Leider schätzte man die auf dem

Gymnasium nicht. Meine Fantasien taten

„Meine Eltern haben mich davor bewahrt, in kriminelle Strukturen abzudriften.“

hung ergänzt, ich empfand die beiden eher

als gleichwertig. Beide waren recht streng – und meistens auch noch einer Meinung. Haben Sie ein Beispiel?

Meine Mutter war Grundschullehrerin,

ihr war der Wert von Bildung sehr bewusst. Deshalb bestanden sie darauf, dass ich

Abitur mache und ein Studium, wobei es ihnen egal war, was ich studiere.

Sie sind in einem Problemviertel aufge-

dertagen. Doch meine Eltern haben mich

davor bewahrt, so richtig in kriminelle Struk-

turen abzudriften. Wenn ich doch mal

heftig reagiert. spüren?

Die haben mir viel mit ihrer Gesundheit

gedroht. Meine Mutter war zu der Zeit krebskrank. Die hatten die Gabe, mir zu vermit-

sie unglücklich ist. Ich musste versprechen, keinen Mist mehr zu machen, damit sich

der Stressfaktor für sie nicht noch erhöht. Sie stammen aus einem muslimisch ge-

prägten Elternhaus, waren in einem katholischen Kindergarten, verbrachten später viel Zeit in einem evangelischen Jugend-

zentrum. War das Hin- und Herspringen

Dazu zählte schon früh der Wunsch,

Meine Eltern haben sich bei unserer Erzie-

meisten Gangmitglieder kannte ich seit Kin-

teln, dass sie auch deswegen krank ist, weil

Fluss kippte.

waren Sie eher ein Papa-Kind?

durchschlagen wie am Gymnasium. Die

Welche Sanktionen bekamen Sie zu

ich klug genug zu sehen, wo meine Talente

die meisten Lehrer und auch meine Mit-

Sie haben den Film Ihrem Vater gewidmet –

tätsrate hatte. Ich musste mich da ebenso

Probleme mit Autoritäten. Außerdem war

den Elbstrand. Baden konnte man da nicht, weil der ganze Ostblock seinen Müll in den

Stadtteil, der eine hohe Jugendkriminali-

Ärger mit der Polizei hatte – haben die echt

Ich war schon damals ein Freigeist und hatte

fischen gegangen, haben bis spät abends am Strand gesessen. In Hamburg gab es nur

nung meiner Eltern befand sich in einem

Woran lag’s?

Meine Eltern stammen beide von der

Schwarzmeerküste. In den Ferien sind wir

Das war eine Form von Rebellion. Die Woh-

schüler als Spinnereien ab.

Filme zu drehen. Wie kamen Sie dazu? Früher, vor dem Internet, vor dem Satel­

litenfernsehen, funktionierte der kulturelle Zugang zum eigenen Land für Einwander-

erfamilien oft nur über den Videorekorder. Deswegen hatten viele türkische Familien

sehr früh einen, und wir eben auch. Da habe ich viele Filme aufgenommen: Actionfil-

me, Science Fiction, Gruselfilme, querbeet. Außerdem betrieben Bekannte von meinen Eltern eine Videothek. Wir besuchten die

Leute eine Zeitlang jedes Wochenende, so konnte ich viel gucken.

zwischen den Religionen nicht anstrengend?

Während meiner Kindheit und Jugend

nicht. Das ganze Theater um den Islam ging ja erst mit dem 11. September los. Ich

glaube, heute hat es ein Kind mit meiner Biographie schwerer in Deutschland.

Fatih Akin, 39 Der deutsch-türkische Regisseur, Drehbuch­ autor und Produzent Fatih Akin lebt mit seiner Familie in Hamburg. Akins Regie-Arbeit umfasst Filme wie das vielfach aus­gezeichnete Liebesdrama „Gegen die Wand“ und die Hamburg-Komödie „Soul Kitchen“, aber auch Dokus wie „Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul“. Am 6.12. läuft sein Dokumentarfilm „Müll im Garten Eden“ an.

Foto: Achim Kröpsch

ßengang. Wie passt das zusammen?


AC362312

A C 3 6 2 3 1 2


Gerne können Sie sich auch telefonisch informieren unter: 0800 50 30 300 (gebührenfrei) oder besuchen Sie uns auf unserer Website unter www.sos-kinderdoerfer.de

6.066 SOS-Familien leben in den 533 SOS-Kinderdörfern in aller Welt.

420.000 Mädchen und Jungen haben seit dem zehnjährigen Bestehen der Spenden- und Laufaktion „Kinder laufen für Kinder“ mitgemacht.

57 Euro helfen, ein hungerndes Kleinkind in Afrika sechs Wochen lang mit Spezialmilch und angereicherter Erdnusspaste zu versorgen.

In Minsk sind jedes Jahr 250 Familien mit geringem Einkommen kostenlos während der Behandlung ihrer Kinder an der Klinik für Kinder­ onkologie im SOS-Sozialzentrum untergebracht.

2

In Caldonazzo in Norditalien gingen 2012 bei der ersten SOS-Olympiade 150 junge Olympioniken aus sieben Ländern an den Start.

32,40

In Salzburg haben seit 2001 600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein Zuhause im SOS-Clearing-House gefunden.

506 Spendenaktionen gibt es auf www.meine-spendenaktion.de

Siegerinnen gab es bei der erstmaligen Verleihung des SOSKinderliteraturpreises 2012.

Euro kostet die Therapie für ein an Tuberkulose erkranktes Kind in Indien.

30 Jahre besteht die HermannGmeiner-Akademie in Innsbruck als Schulungseinrichtung und Begegnungsort für Mitarbeiter aus der ganzen Welt.

ubuntu 06/2012: Großeltern  

Ubuntu: Das Magazin für Kindheit und Kulturen der SOS-Kinderdörfer weltweit. Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe: Großeltern.