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SOS kinderdorf forum HIV/AIDS: Positiv leben

Nr. 40 - 2010 - SOS-Kinderdorf International / Programme Development


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SOS-KinderdorFORUM

Inhalt 02 impressum 03 Editorial - Christian Posch 05 HIV/AIDS: Positiv leben 05 SOS-Kinderdorf im Kampf gegen HIV/AIDS – Evelyn Winkler 07 Was andere meinen – Evelyn Winkler 09 UGANDA: Klartext reden – Karin Demuth, Evelyn Winkler 18 Simbabwe: Alle unsere Rechte – Karin Demuth 22 Die HIV/AIDS-Richtlinien von SOS-Kinderdorf im Überblick 29 Indien: Mit der Kraft der eigenen Hände – Karin Demuth 32 Guatemala: Wer, wenn nicht wir? – Sulma Gálvez, Karin Demuth 36 Kasachstan: Ein besseres Leben – Karin Demuth 42 Zum Weiterlesen – Karin Demuth

IMPRESSUM Zeitschrift für den internationalen Meinungs- und Informationsaustausch in sozialpädagogischen, psychologischen und sozialpolitischen Belangen. Das SOS-Kinderdorf-FORUM erscheint halbjährlich in Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Deutsch. Keine kommerzielle Nutzung, Nachdruck unter Quellenangabe erwünscht. Erscheinungsdatum: März 2010. Medieninhaber und Herausgeber: SOS-Kinderdorf International Programme Development Hermann-Gmeiner-Strasse 51 A-6010 Innsbruck Austria Tel.: +43/512/3310-0; Fax: +43/512/3310-5087 e-mail: forum@sos-kd.org - www.sos-kinderdorfinternational.org

Für den Inhalt verantwortlich: Christian Posch Chefredaktion: Karin Demuth Redaktionsteam: Karin Demuth, Evelyn Winkler Gastautorin: Sulma Gálvez Übersetzungen: Team Language Services, Generalsekretariat Graphische Gestaltung, Satz und Bildbearbeitung: Johanna Romillo Umschlagfoto: Patrick Wittmann Druck: eps – edi’s printservice, Österreich


EDITORIAL

editorial Liebe Leserin, lieber Leser, In Südafrika hatte ich 2008 die Gelegenheit, ein Familienstärkungsprogramm zu besuchen. Am auffälligsten für mich war, dass unter den knapp 200 Familien nur eine einzige Familie mit Mutter und Kindern war. Alle anderen lebten entweder mit Großeltern, Verwandten oder Geschwistern. Der Hauptgrund für diese Situation war AIDS. Weltweit sind 2,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren mit HIV infiziert1. SOS-Kinderdorf hilft und unterstützt tausende von Kindern, die an AIDS erkrankt sind, und deren Familien, sowie tausende von Kindern, deren Eltern an AIDS erkrankt oder gestorben sind. In diesem SOS-Kinderdorf-FORUM geht es darum, die Arbeit von SOS-Kinderdorf transparent zu machen und aus den unterschiedlichsten Erfahrungen der einzelnen Projekte zu lernen. Ende 2008 hat ein internationales Team die SOSKinderdorf-HIV/AIDS-Richtlinien „Gemeinsam im Kampf gegen HIV und AIDS“ fertig gestellt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Teammitglieder. Zu den einzelnen Beiträgen Der einleitende Artikel dieser Ausgabe beschreibt, wie das Engagement von SOS-Kinderdorf in Bezug auf HIV und AIDS begann, wie es sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat und welche Schwerpunkte unsere HIV/AIDS-Richtlinien beinhalten. Ein Überblick über die Richtlinien findet sich übrigens in der Mitte des FORUM. Am 24. November 2009 traf sich in Wien eine Reihe

von Fachleuten auf dem von der Caritas Österreich organisierten Symposium “Children and HIV/AIDS in Africa“. Im Artikel „Was andere meinen“ finden Sie die zentralen Aussagen zweier Vorträge. Erfreulich: Viele der vorgestellten Erkenntnisse decken sich mit den Erfahrungen von SOS-Kinderdorf und bestätigen uns in unserem Weg. Uganda gilt als das afrikanische Vorbild im Kampf gegen HIV und AIDS. SOS-Kinderdorf Uganda unterstützt die Bemühungen der ugandischen Regierung und bietet altersgerechte Aufklärung sowie Beratung und Behandlung in den Familienstärkungsprogrammen, Schulen und medizinischen Zentren. Verschiedene Interventionen greifen ineinander und ergänzen sich gegenseitig. Das erklärte Ziel dabei ist, über das bekannte ABC-Schema hinauszugehen, das Abstinenz, Treue und die Verwendung von Kondomen beinhaltet. Klarheit über den eigenen HIV-Status, eine entsprechende Verhaltensänderung und eine positive Lebensweise gehören ebenfalls dazu. Im Allgemeinen Kommentar Nr. 3: HIV/AIDS und die Rechte des Kindes – ein Anhang der Kinderrechtskonvention – heißt es: „Das Problem Kinder und HIV/AIDS wird hauptsächlich als medizinisches Problem oder Gesundheitsproblem wahrgenommen, obwohl es in Wirklichkeit Probleme in größerem Umfang einschließt. … HIV/AIDS hat so schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben der Kinder, dass all ihre Rechte, politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Natur betroffen sind.“ Diese Tatsache wird leicht aus den Augen verloren und so hat Simbabwe ein Gesamtpaket geschnürt, das Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen in Gesundheit, Würde und Lebensfreude gewährleisten soll.

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SOS-KinderdorFORUM - EDITORIAL

Das Familienstärkungsprogramm Latur in Indien ermutigt Familien, zusammen zu bleiben, und unterstützt, gemeinsam mit den örtlichen Behörden und anderen Dienstleistern, jene, bei denen die Familie droht auseinanderzubrechen. In Zusammenarbeit mit der staatlichen AIDS-Kontrollorganisation von Maharashtra und anderen NGOs setzt sich SOS-Kinderdorf für die AIDS-Prävention ein und bietet Trainingsprogramme, Beratung und finanzielle Unterstützung an, um an AIDS erkrankten Menschen zu helfen. Ein wichtiges Ziel der Familienstärkungsprogramme und Selbsthilfegruppen liegt in der Einkommensgenerierung. So wurden Gruppen geschaffen, um Frauen in den Familienstärkungsprogrammen in Richtung Selbständigkeit zu unterstützen. Innerhalb der Selbsthilfegruppen sparen die Frauen Geld an, legen es gemeinsam auf einem Konto an und geben sich innerhalb der Gruppe gegenseitig Kredite mit niedrigem Zinssatz. Eine Besonderheit der HIV/AIDS-Aktivitäten von SOS-Kinderdorf Guatemala sind die so genannten „Familienschulen“, die SOS-Kinderdorf dort betreibt: Seit Beginn des Programms vor fünf Jahren haben 400 Familien, mehrheitlich Frauen, an den Workshops in den Familienschulen teilgenommen. Doch auch Väter, Jugendliche und andere Familienmitglieder zählen zu den Besucher(inne)n. Hier geht es vor allem um Prävention und Übertragungsformen. Das Hauptaugenmerk gilt der Vermeidung der Übertragung von einer infizierten Mutter auf ihr Kind. In den Workshops der Familienschulen werden diese Themen mithilfe der Methode der „Educación Popular“ vermittelt, einer Methode, in der das Lernen und die Wissensaneignung auf der praktischen Erfahrung der Personen und der Gruppen selbst basieren. Auch in Guatemala wird Kooperation groß geschrieben: Zwei Tagungen zum Thema HIV/AIDS wurden von SOS-Kinderdorf Guatemala bereits mitorganisiert und an den Vorbereitungen zum CONCASIDA (Congreso Centroamericano de ITS/VIH/Sida = zentralamerikanischer HIV/AIDS-Kongress), der 2010 in

Costa Rica stattfindet, ist SOS-Kinderdorf ebenfalls beteiligt. Temirtau, eine rund 180.000 Einwohner zählende Industriestadt im Osten Kasachstans, ist geprägt von einer hohen Arbeitslosenrate und der landesweit höchsten Anzahl von Todesfällen aufgrund von AIDS und Drogen. Das SOS-Familienstärkungsprogramm verfolgt im Wesentlichen zwei Ziele, nämlich Familien zu befähigen, selbständig für den Schutz und die Betreuung ihrer Kinder zu sorgen und die Stadt bei der Betreuung von Kindern und Familien zu unterstützen, die von HIV/AIDS betroffen sind oder die Alkoholund Drogenprobleme haben. Anliegen der „Joint Learning Initiative on Children and HIV/AIDS (jlica)“ ist es, die Lage von Kindern, die von HIV/AIDS betroffen sind, zu verbessern. Herzstück der Organisation sind vier interdisziplinäre „Lerngruppen“, die in diesem Bereich wissenschaftlich gearbeitet haben. Jlica macht deutlich, wie wichtig es ist, Kinder und Familien ins Zentrum der Bemühungen zu rücken. Zugang zu medizinischer Versorgung für alle müsse mit sozialer Absicherung Hand in Hand gehen. Nur so werden Bedingungen geschaffen, unter denen Betroffene von Prävention, Behandlung, Betreuung und Unterstützung profitieren können. Karin Demuth hat gemeinsam mit Evelyn Winkler dieses FORUM inhaltlich gestaltet und die meisten Beiträge erarbeitet und geschrieben. Ihnen und den anderen Autor(inn)en ein herzliches Dankeschön. Möge dieses SOS-Kinderdorf-FORUM ein weiterer Schritt sein, ein tiefer gehendes Verständnis von HIV/ AIDS, dessen Bekämpfung und den Möglichkeiten, mit AIDS leben zu können, zu entwickeln!

Christian Posch 1

Quelle: UNAIDS, www.unaids.org


sos-kinderdorf im kampf gegen hiv und aids

© Benno Neeleman

SOS-Kinderdorf im Kampf gegen HIV und AIDS

Die größte Auswirkung der seit 25 Jahren andauernden AIDS-Pandemie für Kinder zeigt sich vor allem an der steigenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund von AIDS zu Waisen geworden sind. Schätzungen zufolge haben weltweit über 15 Millionen Kinder einen oder beide Elternteile aufgrund von AIDS verloren. Die meisten dieser Kinder leben in Entwicklungsländern, der größte Teil in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Für jedes einzelne dieser 15 Millionen Kinder besteht die Gefahr, dass sie keinen adäquaten Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung haben und damit ihre kindliche Entwicklung und ihr Wohlbefinden eingeschränkt sind: Manche von ihnen können nicht zur Schule gehen, haben weniger Essen und Kleidung, lei-

den unter Angstzuständen oder Depressionen und sind vermehrt der Gefahr von Missbrauch ausgesetzt. SOS-Kinderdorf als globale Organisation, die sich für den Schutz und die Unterstützung von Kindern ohne adäquate elterliche Betreuung einsetzt, hat als Antwort auf diese Situation in den späten 90er Jahren angefangen, HIV/AIDS in der Programmgestaltung zu thematisieren. Ausschlaggebend dafür waren verschiedene schon bestehende, lokale, klein angelegte Initiativen in den Ländern südlich der Sahara. Verstärkt wurde dieses Engagement 2002, als das Preisgeld des Conrad-Hilton-Preises zweckgewidmet wurde, und zwar speziell für die Initiierung und Finanzierung von Programmen zur Unterstützung von Kindern, die in stark von HIV/AIDS betroffenen Regionen leben.

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SOS-KinderdorFORUM - thema

In der Folge entstanden in den meisten Ländern im südlichen Afrika Unterstützungsprogramme für Kinder, die mit chronisch kranken Eltern leben, die einen oder beide Elternteile verloren haben oder die in Haus-

Die HIV/AIDS-Policy auf einen Blick

HIV/AIDS-Richtlinien 16. Oktober 2008

Das vorliegende Dokument beschreibt den Standpunkt von SOS-Kinderdorf zum Thema AIDS

© Joris Lugtigheid

GEMEINSAM IM KAMPF GEGEN HIV UND AIDS

halten leben, in denen Waisen aufgenommen wurden. Die organisatorischen Richtlinien für die Entwicklung dieser Programme waren in dem so genannten „HIV/ AIDS Framework for Action, 2003“ beschrieben. Die aus diesen ersten Programmen gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse trugen später maßgeblich zur Entwicklung der so genannten Familienstärkungsprogramme bei, welche heute fester Bestandteil des SOSKinderdorf-Programms sind.

SOS POLICY

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und setzt einen Handlungsrahmen für die Organisation. Die Richtlinien werden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und anderen relevanten Stakeholdern innerhalb der Organisation umgesetzt und beeinflussen sämtliche Arbeitsbereiche der Organisation. Sie wurden in Übereinstimmung mit den Wurzeln, der Vision, dem Auftrag und den Werten (Wer wir sind) sowie der UN-Kinderrechtskonvention (CRC) gemäß eines konsultativen Entwicklungsprozesses erarbeitet, an dem sich auch die nationalen Vereine beteiligten und Feedback gaben. Die Standpunkte von Kindern und Jugendlichen wurden ebenso miteinbezogen.

SOS-Kinderdorf engagiert sich gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, lokalen Gemeinden, anderen NGOs und Regierungen im Kampf gegen HIV und AIDS. AIDS ist eine vermeidbare Krankheit und deshalb ist Bildung ein Schlüsselfaktor: Ein erster Handlungsschritt besteht darin, sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche Zugang zu altersgemäßer Information und Bildung haben, die es ihnen ermöglicht, Lebensweisen zu wählen, die sie vor einer möglichen HIV-Infektion schützen. Mit AIDS zu leben bedeutet heute nicht mehr unbedingt ein Todesurteil: Durch entsprechende medizinische, finanzielle und psychosoziale Unterstützung können Menschen, die entweder HIV-positiv sind oder mit AIDS leben, ein durchaus „positives“ Leben führen. Jede/r kann infiziert oder betroffen sein: Alle Bemühungen richten sich aktiv gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihres HIVStatus. SOS-Kinderdorf unterstützt Kinder, Familien, Gemeinden und Regierungen dabei, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, damit AIDS bald der Vergangenheit angehört. Siehe auch Seite 22

Um das Engagement von SOS-Kinderdorf zu verstärken und in Anerkennung der zerstörerischen Auswirkungen, die die weltweite AIDS-Pandemie auf das Leben von Kindern und Familien hat, wurden die Richtlinien 2008 durch eine globale HIV/AIDS-Policy ersetzt. In der Überzeugung, dass der Kampf gegen HIV und AIDS ein starkes und gemeinsames Vorgehen von allen lokalen und internationalen Beteiligten erfordert, wurde die Policy „Gemeinsam im Kampf gegen HIV und AIDS“ genannt. Sie beschreibt den Standpunkt von SOS-Kinderdorf zum Thema und setzt einen Handlungsrahmen. Sie wurde von einem internationalen Team in einem partizipativen Prozess, auf Basis von externen und internen Analysen und in Übereinstimmung mit der UN-Kinderrechtskonvention entwickelt. Mit der Umsetzung dieser Policy übernimmt SOSKinderdorf weltweite Verantwortung dafür, die Auswirkungen von AIDS auf das Leben von Kindern und Jugendlichen zu mildern.

Evelyn Winkler SOS-Kinderdorf International, Programme Development


was andere meinen

Was andere meinen Auf dem von der Caritas Österreich organisierten Symposium “Children and HIV/AIDS in Africa“ traf sich am 24. November 2009 in Wien eine Reihe von Fachleuten zum Thema. Nachstehend finden Sie die zentralen Aussagen zweier Vorträge.

„Den psychosozialen Bedürfnissen von Kindern, die von AIDS betroffen sind, gerecht werden“ Geoff Foster, Arzt, HIV/AIDS-Experte und Gründer des Family AIDS Caring Trust

Wissenschaftliche Ergebnisse bestätigen, dass Kinder, die aufgrund von AIDS zu Waisen wurden, stärker von Armut betroffen sind als Kinder, die unter anderen Umständen zu Waisen wurden, oder als Nichtwaisen. Ebenso tendieren AIDS-Waisen eher zu psychologischen Problemen. Wirksame Antworten fokussieren daher nicht nur auf psychologische Hilfe, Unterstützung und Behandlung, sondern auch auf Themen, die mit Armut in Verbindung stehen und die durch finanzielle Hilfe bewältigt werden müssen. Die „Joint Learning Initiative on Children and HIV/ AIDS (JLICA)“1 schließt ihren Ergebnisbericht mit einigen wirksamen Schlüsselstrategien ab, um den psychosozialen Bedürfnissen von Kindern, die von AIDS betroffen sind, gerecht zu werden. Familienstärkung anstellen Kinderbetreuungsein- richtungen zu errichten Organisation ganzheitlicher Unterstützungsangebo- te anstelle einzelner materieller oder psychosozialer Maßnahmen Planung von Langzeitinterventionen anstelle von Kurzzeitprojekten Fokus auf normalisierende Aktivitäten anstelle von spezifischen AIDS-Dienstleistungen setzen (z. B. spezielle Nachbetreuung, Traumahilfsmaßnahmen etc.)

Der formulierte Ansatz legt den Schwerpunkt auf „Normalität“. Es geht eher darum, Sensibilität für AIDS zu entwickeln als darum, AIDS als etwas „Ausschließendes“ zu sehen. Außerdem ist es wichtig, das unsichtbare soziale Gefüge von Betreuung, Familienund Gemeinschaftsleben zu stärken. Viele der betroffenen Haushalte sind dem gewachsen und die Zivilgesellschaft muss Verantwortung dafür übernehmen, diese Bewältigungsmechanismen zu stärken. Deshalb ist die Stärkung der erweiterten Familie und der Gemeinschaftsnetzwerke unentbehrlich. „Wir müssen die Familien und Gemeinden besser unterstützen und nicht nur das einzelne Kind“, betont Geoff Foster.

„Die Herausforderung, Kinder, die mit HIV oder AIDS leben, früh zu testen und zu behandeln“ Robert Vitillo, Caritas Internationalis

Da die Forschung heutzutage in erster Linie auf die Diagnose und Behandlung von Erwachsenen fokussiert ist, gibt es nur wenige Diagnoseinstrumente und Behandlungsmöglichkeiten für Kinder. Dies ist ein grober Verstoß gegen das Recht des Kindes auf Leben. Caritas Internationalis leitet derzeit eine internationale Advocacy-Kampagne, um diese Situation zu beenden. „Es ist nicht nur eine Frage von Lebensqualität, sondern es geht um das Recht des Kindes auf Leben. Wenn Kinder nicht rechtzeitig behandelt werden, so wird ein Drittel von ihnen den ersten und die Hälfte den zweiten Geburtstag nicht erleben. Deshalb müssen wir dafür kämpfen, dass Kinder rechtzeitig Zugang zu Diagnose und Behandlung haben“, plädiert Robert Vitillo. Statistiken zeigen, dass rund 40 % der Erwachsenen, die ART-Therapie benötigen, auch Zugang dazu ha-

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© Patrick Wittmann

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relativ zuverlässig ist und auch für Erwachsene verwendet wird. Es gibt zwar einen HIV-Test für jüngere Kinder, der allerdings teuer ist und nicht weltweit zur Verfügung steht. Deshalb diagnostizieren viele Ärzte HIV über Symptome, was in manchen Ländern jedoch gesetzlich nicht erlaubt ist. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass viele Kinder, die von HIV infiziert sind, auch unter Tuberkulose leiden. In diesem Fall muss die Wissenschaft mehr in die pädiatrische Forschung investieren, um co-infizierte Kinder zu diagnostizieren und zu behandeln. SOS-Kinderdorf ist es ein Anliegen, Programme zu entwickeln, die auf aktuellen Erkenntnissen und dem fachlichen Diskurs basieren. Nur so ist es möglich, die oben erwähnten Herausforderungen meistern zu können. ben. Bei den Kindern sind dies nur 20 %. Kinder werden in erster Linie durch die Mutter-Kinder-Übertragung (rund 90 %) infiziert. Um Kinder also vor einer Infektion zu schützen, muss der Zugang zu pränataler Betreuung für Frauen, insbesondere in entlegenen Gebieten, verstärkt und erleichtert werden. Es hat sich gezeigt, dass rechtzeitige und adäquate Behandlung das Leben von Kindern retten und ihre Lebensqualität signifikant steigern kann. Dennoch liegt die Herausforderung in der rechtzeitigen Diagnose. Die derzeit weltweit verfügbare Methode eines Frühtest für Kinder ist, sie auf Antikörper und nicht auf den Virus selbst zu testen. Eine HIV-Infektion kann jedoch nur über einen HIV-Test bestätigt werden. Dieser wird derzeit nur dann durchgeführt, wenn das Kind älter als 18 Monate ist, denn erst ab diesem Alter kann der HIV-Schnelltest angewendet werden, der

Evelyn Winkler SOS-Kinderdorf International, Programme Development

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The Joint Learning Initiative on Children and HIV/AIDS

(JLICA) war eine unabhängige Allianz von Menschen, die sich zwei Jahre lang mit Erfahrungsaustausch, Forschung und Lernen beschäftigt haben. Die Gruppe schloss ihre Arbeit formal mit der Veröffentlichung des Ergebnisberichts “Home Truths: Facing the Facts on Children, AIDS and Poverty” im Juni 2009 ab. Siehe auch „Zum Weiterlesen“, Seite 42.


klartext reden

© Thomas Schytz Larsen

Klartext reden

Die Regierung in Uganda nimmt den Kampf gegen HIV und AIDS Ernst. SOS-Kinderdorf Uganda unterstützt diese Bemühungen und bietet altersgerechte Aufklärung sowie Beratung und Behandlung in den Familienstärkungsprogrammen, Schulen und medizinischen Zentren.

Uganda gilt als das afrikanische Vorbild im Kampf gegen HIV und AIDS. Die in den 90er Jahren getroffenen Maßnahmen – Übernahme der Verantwortung durch die Regierung, umfangreiche Partnerschaften und effiziente öffentliche Aufklärungskampagnen – haben dazu geführt, dass die Zahl der an HIV und AIDS erkrankten Personen gesunken ist. Auch das Bewusstsein der Gesellschaft hat sich geändert. Menschen, die mit HIV leben, sind zuversichtlicher geworden und führen ein „normales“ Leben. Statt ihre HIV-Infektion zu verstecken sprechen die Menschen jetzt öffentlich darüber. Auch die Zahl jener, die sich testen lassen, ist im Steigen begriffen. Seit eine Fabrik in Uganda anti-retrovirale (ART) Medikamente pro-

duziert, können sich auch immer mehr Menschen eine ART-Therapie leisten, die bis dahin sehr teuer war. In den ugandischen Arbeitsgesetzen ist ein klares Verbot gegen jegliche Art von Diskriminierung auf Grund einer HIV-Infektion festgeschrieben. So darf zum Beispiel eine Beförderung nicht abgelehnt werden: Sämtliche Mitarbeiter/innen müssen unabhängig von ihrem HIV-Status gleich behandelt werden. Dennoch sind die Folgen der Pandemie verheerend, sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene. Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es in Uganda gegenwärtig 940.000 HIVinfizierte Personen, während weitere 1,2 Millionen Kinder zu sogenannten AIDS-Waisen1 geworden sind.

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© SOS-Archiv

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Daher ist es nicht verwunderlich, dass SOS-Kinderdorf Uganda das Thema HIV/AIDS als fachübergreifende Problematik betrachtet. Die Maßnahmen von SOS-Kinderdorf Uganda im Kampf gegen HIV/AIDS reichen von Prävention bis zu therapeutischen Behandlungen. Verschiedene Interventionen greifen ineinander und ergänzen sich gegenseitig. Das erklärte Ziel dabei ist, über das bekannte ABC-Schema hinauszugehen, das Abstinenz, Treue und die Verwendung von Kondomen beinhaltet. Klarheit über den eigenen HIVStatus, eine entsprechende Verhaltensänderung und eine positive Lebensweise gehören ebenfalls dazu.

Junge Leute, insbesondere Mädchen, gelten als besondere Risikogruppe für eine HIV-Infektion. Das erklärte Ziel jeder einzelnen Initiative ist es, junge Leute dazu zu bringen, sich beim Geschlechtsverkehr zu schützen und Vorsorge zu treffen, nicht ausgenützt zu werden. „Unsere Hauptverantwortung besteht darin, jedes Kind und jede Familie, die wir durch verschiedene Kanäle und Peer-Gruppen zu erreichen versuchen, für HIV und AIDS zu sensibilisieren“, erklärt Caleb Magara, Leiter des SOS-Kinderdorfs Kakiri. „Wir lernen gerade, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei der Diskussion von AIDS-Themen unterschiedliche Interessen haben. Zurzeit werden im medizinischen Zentrum gemeinsame Informationsveranstaltungen für Erwachsene und Jugendliche abgehalten. Allerdings haben wir den Eindruck, dass die jungen Leute sich dabei manchmal nicht wohl fühlen, und deshalb planen wir ein eigenes Jugendzentrum, um ihnen altersgerechte und jugendfreundliche Angebote machen zu können.“ Über sensible Themen wie den eigenen Körper, Sexualität und lebensbedrohliche Krankheiten spricht es sich am besten in einem sicheren Umfeld. Für die meisten Kinder ist das ihre Familie. Caleb Magara: „Bewusstseinsbildung findet zum größten Teil auf informelle Weise in den Familien statt: Die Mütter sprechen mit ihren Kinder im Rahmen der üblichen Familiengespräche über dieses Thema und erzählen den Kindern Geschichten, da Kinder dann in der Regel besser zuhören.“ Das setzt in erster Linie voraus, dass die Erwachsenen mit diesen Themen vertraut sind. Aus diesem Grund erhalten alle Mitarbeiter/innen und Betreuer/innen in den Projekten regelmäßiges Training zu AIDS-relevanten Themen. Wichtig ist, dass Kinder in ihrer Familie mit dem Thema HIV/AIDS vertraut gemacht werden, ebenso wichtig ist es, dass sie diese Informationen auch von Expert(inn)en wie Ärzten, Lehrern oder von mit HIV/ AIDS lebenden Personen erhalten. „Manchmal“, sagt Caleb Magara, „hören die Kinder außen stehenden Personen besser zu.“ Deshalb gehört es zum Aufgabengebiet der SOS-medizinischen Zentren, regelmäßige Veranstaltungen zu organisieren, zum Beispiel so genannte „medizinische Camps“, um möglichst viele Leute zu erreichen. So macht man sie auf das Thema


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und die Bedeutung von Schutz aufmerksam und kann Beratung und Tests anbieten. Außerdem organisiert das SOS-medizinische Zentrum Workshops, in denen in einem persönlicheren Rahmen Informationen und Austausch über das Thema angeboten werden. Aus physiologischen Gründen und auf Grund ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Nachteile sind Mädchen und Frauen einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Daher wird besonderes Augenmerk auf präventive Maßnahmen gelegt, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Die Sensibilisierung von jüngeren Kindern für das Thema HIV/AIDS steht in engem Zusammenhang mit der allgemeinen Gesundheitserziehung und den Vor-

Kinder entwickeln ihre eigene Art und Weise, mit diesen Informationen umzugehen. So verwenden sie Codenamen. „DÜNN“ - „diese Person ist dünn“ - steht zum Beispiel für die Tatsache, dass eine HIV-Infektion zu einer Gewichtsabnahme führen kann. Andererseits ist es wichtig, den Kindern beizubringen, dass nicht jede dünne Person automatisch AIDS hat und umgekehrt: Jemand kann gesund aussehen und trotzdem das Virus in sich tragen. Die wichtigste Botschaft für jede Form von Bewusstseinsbildung und für sämtliche Vorsichtsmaßnahmen entspricht Ugandas nationaler Strategie, nämlich dem ABC-Schema: Abstinenz, Treue und die Verwendung von Kondomen, das noch durch Aussagen wie „ver-

© SOS-Archiv

sichtsmaßnahmen. So heißt es unter anderem: „Bist du in einen Unfall verwickelt, vermeide den Kontakt mit Blut“, „Kein Sex solange du noch ein Kind bist“, „Teile keine Rasierklingen und Sicherheitsnadeln mit anderen“ (Anmerkung: Rasierklingen werden oft zum Spitzen von Bleistiften verwendet) und „Vermeide beim Spielen Hautverletzungen“. Solche Gespräche über die Gesundheit sind Teil des Stundenplans an den SOS-Hermann-Gmeiner-Schulen und in den SOSKindergärten.

meide frühen und ungeschützten Geschlechtsverkehr“ unterstrichen wird. Bei der Verteilung von Kondomen an junge Leute wird ihnen gleichzeitig deren richtige Verwendung und Entsorgung gezeigt. Norman Cwinyaai, Leiter des SOS-medizinischen Zentrums, ermahnt, dass „der Informationsfluss nicht abreißen darf. Wir sind Menschen – wir schalten gerne ab und vergessen. Daher ist es unsere Aufgabe, den Leuten immer wieder die Informationen zukommen zu lassen“.

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Die jüngere Generation übernimmt die Führung Kinder, die Zugang zu Bildung haben, sind sich ihrer Verantwortung sich selbst und der Gesellschaft gegenüber sehr wohl bewusst. So lauten die Worte eines Liedes: „Wir sind die jüngere Generation, wir weinen um die Älteren. AIDS, AIDS ist gefährlich, viele gute Menschen sind daran gestorben.“

fen sind. Die Clubs bieten den Kindern auch eine gute Möglichkeit, ihr Recht auf Mitbestimmung einzufordern. Sie werden angehalten, sich zu organisieren, ihre Meinung zu Themen zu äußern, die sie betreffen, und einen positiven Beitrag für ihre Gemeinde zu leisten. Um das Wissen nicht für sich zu behalten organisieren die Kinder und Jugendlichen HIV/AIDS-Beratungstreffen in Form von Lieder- und Tanzvorführungen und Theatervorstellungen, um auch Menschen in entlegenen Gebieten sowie Analphabeten zu erreichen. Die Mitglieder des außerschulischen Peer-Bildungs-

© SOS-Archiv

Die SOS-Familienstärkungsprogramme in Uganda unterstützen und ermutigen Kinder, sowohl in ihren Schulen als auch außerhalb AIDS-Clubs zu gründen. SOS-Kinderdorf organisiert spezielles Training für Lehrpersonen, damit sie Kinder bei der Gründung eines solchen Clubs begleiten, beraten und unterstützen können. Diese Clubs bieten den Kindern ein Forum, wo sie offen über die Auswirkung von HIV und AIDS auf ihr Leben sprechen können sowie über die Unterstützung, die sie brauchen, um sich wirksam schützen und mit der Tatsache fertig werden zu können, dass sie infiziert oder anderweitig von HIV und AIDS betrof-

clubs Nakyerongoosa 2 treffen sich einmal pro Woche. Aktive Teilnahme wird in der Satzung des Clubs groß geschrieben. Deshalb referiert jede Woche ein anderes Mitglied über ein bestimmtes Thema und leitet die betreffende Sitzung. Auf diese Weise wird jeder Schritt für Schritt zu einem guten Peer-Berater. Die Bandbreite der Diskussionsthemen ist groß. Die Jugendlichen sprechen nicht nur über HIV und AIDS, sondern auch über andere Themen, die sie betreffen. Dazu zählen Fähigkeiten und Chancen bei der Jobsuche, Heirat, Beziehungen zwischen Burschen und Mädchen, Pflege von HIV- positiven Personen und eine positive Le-


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Die vier Schritte eines freiwilligen Beratungs- und Testverfahrens Ein AIDS-Test kann nicht im Schnellverfahren durchgeführt werden. Die Situation jeder einzelnen Person wird genau unter die Lupe genommen, da die Ergebnisse eines solchen Tests sich nachhaltig auf das gesamte Leben auswirken können. In den SOS-medizinischen Zentren folgen die Schritte eines freiwilligen Beratungs- und Testverfahrens einem bestimmten Schema.

1 Nach der Anmeldung nehmen die Patienten im Warteraum Platz, wo sie Aufklärungsvideos und -broschüren vorfinden.

2 Die dem Testverfahren vorausgehende Be-

© SOS-Archiv

ratung erfolgt in Einzelgesprächen, gemeinsam mit dem Partner oder im Familienverband. Diese Sitzung dient in erster Linie der Aufklärung darüber, was es bedeutet HIV-positiv oder -negativ zu sein. Allerdings werden in der Regel auch andere Themen behandelt, die die jeweilige Person dazu gebracht haben, den Test durchführen zu lassen, wie Beziehung, voreheliche Beratung und die sexuelle Vergangenheit. Am Ende der Sitzung wird ein Vertrag unterschrieben, in dem die betreffende Person sich mit der Durchführung eines HIV-Tests einverstanden erklärt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass rund 90% aller Personen, die eine solche Beratung in Anspruch nehmen, den Test auch tatsächlich durchführen lassen.

3 Der Test selbst, der im Labor durchgeführt wird, zeigt bereits nach circa 10 Minuten das Ergebnis (= Schnelltestverfahren).

4 Danach folgt ein weiteres Gespräch. Ist eine Person HIV-positiv, wird sie über die nächsten medizinischen und praktischen Unterstützungsmaßnahmen informiert und beraten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Grundlagen einer „positiven Lebensführung“ wie ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Betätigung und die Freude an Beziehungen gelegt. Ist eine Person HIV-negativ, wird sie über die sogenannte dreimonatige „Fensterperiode“ aufgeklärt. Das bedeutet, dass, falls die Person in den vergangenen drei Monaten infiziert wurde, der Test diese Infektion unter Umständen noch nicht zeigt. Daher wird geraten, den Test sicherheitshalber nach drei Monaten zu wiederholen. Das anschließende Beratungsgespräch dient auch dazu, die Leute über den Schutz vor einer Infektion aufzuklären.

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bensweise. Wichtig ist, dass die Jugendlichen Vertrauen untereinander aufbauen und ihnen Raum für den Meinungsaustausch als auch für Freizeitaktivitäten angeboten wird. Sie spielen Spiele und üben Sketches, Theaterstücke und Tanzvorführungen für Beratungsveranstaltungen in den Gemeinden. Auf die Frage nach seiner persönlichen Motivation für sein Engagement antwortet der Leiter des Clubs: „Das vom Familienstärkungsprogramm organisierte Training hat mir sehr gut getan, ich habe sehr davon profitiert – ich möchte so werden wie der Trainer und andere über HIV und AIDS aufklären. Jede Familie ist betroffen und wir wollen AIDS Einhalt gebieten. Ich will etwas bewegen und gegen einige der kursierenden Mythen ankämpfen.“ Ein verbreiteter Mythos ist die Überzeugung, dass Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau zur Heilung führt oder auch, dass das Virus in der Nacht schläft und man sich deshalb bei nächtlichem Geschlechtsverkehr nicht infizieren kann. Einer der Clubs für HIV/AIDS-Peer-Training in einer Schule in Kakiri hat eine „offizielle“ Struktur. Dazu gehört ein Hauptausschuss, der aus einem Vorsitzenden, einem Kassier, einem Sekretär und weiteren Mitgliedern besteht. Fragt man den Vorsitzenden nach den Zukunftsvisionen für den Club, erfährt man, dass er hofft, mehr jüngere Mitglieder für sich gewinnen zu können, da die derzeitigen Mitglieder zwischen 9 und 15 Jahre alt sind. Außerdem wären die Mitglieder gerne kreativer, möchten zum Beispiel HIV/AIDS-Infoposter entwerfen und produzieren, Gedichte schreiben und mehr beratende Tätigkeiten zu AIDS und den damit verbundenen Problemen ausüben.

Kennst du deinen Status? Freiwillige Beratung und Tests ziehen sich durch sämtliche SOS-Kinderdorf-Projekte. Norman Cwinyaai, Leiter des SOS-medizinischen Zentrums in Kakiri, und sein Team tragen einerseits dafür Sorge, dass die notwendige Infrastruktur sowie die erforderlichen Materialien und Fähigkeiten vorhanden sind, um freiwillige Beratungen und Tests im Haus durchzuführen, und organisieren andererseits externe Beratungsprogramme und sogenannte „Mobile Test Services“. Jeder, dessen Test positiv ist, erhält seiner jeweiligen Situation entsprechend ein „Informationspaket“ über die weiteren notwendigen Schritte: Zum Beispiel, wo und wie man im Bedarfsfall ART-Therapie bekommt, wie man seine Nahrung und seinen Lebensstil umstellt und „positiv“ lebt. Man wird über die Menschenrechte aufgeklärt, insbesondere in Bezug auf Nicht-Diskriminierung. Um Menschen, die mit HIV oder AIDS leben, diese ganzheitliche Unterstützung zukommen zu lassen, arbeitet das SOS-medizinische Zentrum eng mit anderen SOS-Projekten sowie mit lokalen und nationalen Partnerorganisationen zusammen. So werden alle Kinder in den von SOS-Kinderdorf geleiteten oder unterstützten Schulen beraten und zum Test ermutigt. Vor kurzem wurden in der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule Kakiri 130 Kinder getestet und erfreulicherweise war nur ein Kind HIV-positiv. Die familiäre Situation dieses Kindes wurde geprüft und mittlerweile erhält die Familie angemessene Betreuung und Unterstützung im Rahmen des SOS-Familienstärkungsprogramms vor Ort. Die allgemeine Strategie lautet „Klartext reden“ und bedeutet, dass Themen rund um Sexualität offen diskutiert werden. Natürlich handelt es sich dabei um ein heikles Thema, und manchmal genieren sich die Leute, die Wahrheit zu sagen. Dennoch ist es notwendig, dass man darüber spricht. Norman Cwinyaai ist davon überzeugt, dass die HIV/AIDS-Beratung immer die Diskussion über „Lebenskunde“ mit einschließt, zum Beispiel, wie man mit Stress und Druck umgeht oder wie die Beziehung mit Gleichaltrigen aussieht. Er stellt fest, dass jüngere Leute im Allgemeinen lockerer mit einer etwaigen HIV-Infektion umgehen als ältere Leute. „Sie sind besser informiert, es gibt antiretrovirale Therapie und sie wissen, dass sie ihr Studium


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Wie jedes andere Kind Goreth und Kezia, zwei SOS-Kinderdorf-Mütter aus Kakiri, sprechen über HIV/AIDS und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Leben in einer SOS-Kinderdorf-Familie.

FORUM: HIV/AIDS ist ein großes Thema in Uganda. Wie gehen Sie in Ihrer Familie damit um?

© Christian Lesske

Goreth: Man kann nicht mit jedem Kind auf die gleiche Art und Weise über Sexualität und HIV/AIDS sprechen, man muss dabei den Charakter des jeweiligen Kindes berücksichtigen. Die Hintergründe der Kinder sind unterschiedlich. So haben manche von ihnen Filme für Erwachsene gesehen oder waren in sexuellen Aktivitäten involviert, während andere noch völlig unwissend sind. Eine SOS-Kinderdorf-

Mutter muss jedem Kind gegenüber aufmerksam sein und sollte genau beobachten, welche Sprache das Kind benützt und welche Spiele es spielt. Das Wichtigste, das ein Kind lernen muss, ist die Tatsache, dass das Leben eines Erwachsenen anders funktioniert als das eines Kindes. Es ist gut, dass sie gerade die Heirat von zwei Schwestern mitbekommen. Wir nehmen das zum Anlass, mit den Kindern über die „richtige Reihenfolge“ im Leben zu sprechen: „Zuerst schließt man die Schule ab und sucht

eine Arbeit. Dann sucht man sich einen Freund oder eine Freundin und heiratet“. In unserem Haus zeigen wir auch Aufklärungsfilme. Außerdem treffen wir in der Familie Präventivmaßnahmen und versehen zum Beispiel Rasierklingen und Zahnbürsten mit unseren Namen. Und wir bringen ihnen bei, sich vor Blut in Acht zu nehmen. Kezia: Wir sprechen auch mit den Kindern über eine mögliche HIV-Infektion durch eine MutterKind-Übertragung. So hat zum Beispiel Jim, ein Zwölfjähriger aus dem SOS-Kinderdorf, nach einem solchen Gespräch im SOS-medizinischen Zentrum selbständig einen HIV/AIDS-Test durchführen lassen. Seitdem setzt er sich dafür ein, dass sich jedes Kind in seiner Schule und im SOS-Kinderdorf testen lässt.

FORUM: Gibt es HIV-positive Kinder in Ihren Familien? Kezia: Ich habe ein neunjähriges Mädchen in meiner Familie, das HIV-positiv ist. Sie weiß, dass sie nicht so stark ist wie die anderen Kinder, dass sie viel trinken und jeden Tag eine Tablette nehmen muss, um ihr Immunsystem zu stärken. Sie weiß auch, dass sie in die Klinik gehen muss, wenn sie keine Tabletten mehr hat. Ich achte immer darauf, dass sie keiner Kälte ausgesetzt ist und gebe ihr weniger „schwere“ Aufgaben im Haushalt. Allerdings halte ich es auch für wichtig, dass sie in keinerlei Weise bevorzugt wird. Ich behandle sie wie jedes andere Kind mit gesundheitlichen Problemen. Wir kochen keine besonderen Speisen für Kinder mit HIV. Grundsätzlich erhalten alle Kinder in der Familie eine ausgewogene Ernährung.

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fortsetzen können. Sie betrachten sich selbst als gesund – die Diagnose HIV-positiv ist kein Todesurteil mehr.“ Um Kinder bestmöglich zu betreuen und zu unterstützen, erhalten sie entsprechende Informationen und werden ermutigt, ihren Status herauszufinden. Nach ugandischem Gesetz dürfen Kinder ab 12 Jahren ohne die Einwilligung ihrer Eltern einen Test machen lassen. David Yiga, Berater für freiwillige Beratung und Testverfahren des SOS-medizinischen Zentrums, ist der festen Überzeugung, dass Kinder das Recht haben, die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand zu erfahren. „Bei der Beratung von Kindern benutze ich eine kinderfreundliche Sprache. Allerdings muss auch hier die Schweigepflicht gewährleistet sein“. Er gesteht ein, dass es manchmal schwierig sein kann, ein Kind über seinen HIV-Status aufzuklären, insbesondere wenn die Mutter nicht möchte, dass ihr Kind erfährt, dass es HIV-positiv ist.

© SOS-Archiv

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Betreuung und Schutz „Kinder, die mit HIV leben, brauchen ein unterstützendes Umfeld. Dazu gehören geeignete Hygienemaßnahmen, ausgewogene Ernährung und verlässliche Beziehungen – alles Aspekte, die zu einer Stärkung des Immunsystems der Kinder führen“, ist Caleb Magara, Dorfleiter des SOS-Kinderdorfs in Kakiri, überzeugt. Auch wenn es für HIV-infizierte Personen wichtig ist, angemessene medizinische Versorgung zu erhalten, muss die Unterstützung noch weitergehen und auch

wirtschaftliche, psychosoziale und rechtliche Hilfestellung umfassen. Insbesondere Kinder, die mit dem Virus leben, brauchen umfassende Unterstützung, die ihrem jeweiligen Gesundheitsstatus gerecht wird. Zu den Maßnahmen zum Schutz HIV-infizierter Kinder zählen insbesondere Interventionen, die das Leben von HIV-positiven Betreuern verlängern und den Lebensstandard der Familien verbessern, damit sie auf angemessene Weise für ihre Kinder sorgen können. Das ist auch der Leitgedanke der SOS-Familienstärkungsprogramme in Uganda. Dabei gilt es vorrangig, jeden einzelnen Aspekt für eine gesunde Entwicklung der Kinder wie Erziehung, Gesundheit und Fürsorge zu berücksichtigen und diese durch die Stärkung und Befähigung ihrer Betreuungspersonen zu fördern. Auch die Schulen spielen eine wichtige Rolle. Sie werden als Partner gesehen, um eine ganzheitliche Entwicklung eines jeden Kindes zu gewährleisten. „Der Lehrer“, sagt Joseph Wanyama, Direktor der SOS-Bildungseinrichtungen in Kakiri, „schafft Bedingungen, die das Lernen erleichtern, und beschränkt sich nicht nur auf das Unterrichten.“ Das bedeutet zum Beispiel, dass die Kinder in der Schule Essen bekommen, damit sie sich konzentrieren können. Es kann passieren, dass Kinder fragen müssen, ob sie eine Zeit lang von der Schule freigestellt werden, um zu Hause für ihre kranken Eltern oder Verwandten zu sorgen. In diesem Fall versucht die Schule im Interesse der Kinder, andere Hilfsmaßnahmen zu organisieren, beispielsweise die Unterstützung durch das SOS-Familienstärkungsprogramm oder die Organisation von Nachhilfestunden für Kinder mit besonderen Lernbedürfnissen. Die nachfolgende Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, dass Betreuung und Bewusstseinsbildung Hand in Hand gehen. Nach dem AIDS-Tod der Eltern lebten zwei Kinder – beide ebenfalls HIV-positiv - bei ihrer Tante. Die Tante schickte die Kinder nicht zur Schule, da sie der Meinung war, sie würden ohnehin bald sterben. Durch die Unterstützung des SOS-Familienstärkungsprogramms konnten die falschen Vorstellungen über ein Leben mit HIV aus dem Weg geräumt werden. Die Kinder erhielten Nachhilfe, damit sie die Schule wieder regelmäßig besuchen konnten, und bekamen geeignete medizinische Versorgung. Heute sind sie voller Energie und niemand würde sie für HIV-positiv halten.


© Seger Erken

klartext reden

GEGEN Stigmatisierung und Diskriminierung Wenn man David Yiga und Norman Cwinyaai vom SOS-medizinischen Zentrum auf Stigmatisierung und Diskriminierung anspricht, bekommt man eine Antwort, die ein wenig von der allgemein vorherrschenden Meinung abweicht: „Es gibt sie noch“, sagen sie. „Und deshalb ist es wichtig, Informationen vertraulich zu behandeln. Vielen Menschen fällt es immer noch schwer, offen über ihre Situation zu sprechen.“ In der Nähe des SOS-medizinischen Zentrums gibt es Baracken für Soldaten. Obwohl sie ihr eigenes Beratungsund Testzentrum haben, lassen viele Soldaten sich lieber im SOS-medizinischen Zentrum testen, weil hier Anonymität gewährleistet ist. Der Vorteil des SOS-medizinischen Zentrums besteht darin, dass die Beratungs- und Testverfahren in den üblichen medizinischen Dienstleistungen integriert sind. Betritt also jemand das Gebäude, so steht er nicht automatisch in Verdacht einen HIV/Aids-Test zu machen. „Die Leute wollen nicht mit einer HIV-Infektion in Verbindung gebracht werden, denn eine solche In-

fektion ist beschämend und peinlich – so etwa, wie pleite zu sein: eine Situation, die man vor anderen auch lieber geheim hält“, sagt David Yiga. Die Vielfalt an Hilfeleistungen sowie die Tatsache, dass diese verschiedenen Unterstützungsprogramme eng ineinander greifen, macht die Arbeit von SOSKinderdorf in Uganda besonders effizient. Gemeinsam wollen alle dasselbe Ziel erreichen: HIV verhindern, Stigmatisierung und Diskriminierung bekämpfen und Schutz und Hilfe für von AIDS betroffene Kinder und Familien bieten.

Karin Demuth, Evelyn Winkler SOS-Kinderdorf International, Programme Development

Wir möchten uns bei allen Mitarbeiter(inne)n von SOS-Kinderdorf Uganda bedanken, die sich die Zeit genommen haben, über ihre Arbeit zu sprechen.

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UNAIDS (2008): Bericht über die globale Aids-Epidemie

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Stadtteil von Kakiri, in dem SOS-Kinderdorf ein Familien-

stärkungsprogramm unterstützt.

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SOS-KinderdorFORUM - thema

Alle unsere Rechte

© Solveig Vinamont

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SOS-Kinderdorf Simbabwe hat es sich zur Aufgabe gemacht, von HIV/AIDS betroffene Zielgruppen dabei zu unterstützen, jene Rechte einzufordern, derer sie beraubt wurden. Dazu gehört nicht nur, Erwachsenen beizustehen, sondern auch, Kinder als Inhaber von Rechten dazu zu ermächtigen, diese Rechte effektiver einzufordern.

Simbabwe zählt zu den Ländern, die weltweit am stärksten von der HIV/AIDS-Pandemie betroffen sind. Schätzungen zufolge ist in Simbabwe zwar die Anzahl der von HIV betroffenen Erwachsenen1 von 29,3 % in den Jahren 1997/98 auf 15,6 % (2007) drastisch gesunken, dennoch wird im Fall einer anhaltend hohen HIVInfektionsrate von heute bis zum Jahr 2018 die Zahl der infizierten Personen bei 1,8 Mio. bleiben. 90% der Infizierten sind Erwachsene, 7 bis 9 % sind Kinder. Und trotz sinkender Bevölkerungsanzahl steigt die Anzahl der HIV/AIDS-Waisen. Das SOS-Kinderdorf-Modell gewinnt als Antwort auf diese Krise noch mehr an Bedeutung. Die größte Her-

ausforderung in unseren Programmen besteht nun darin, vom bisherigen wohlfahrtsorientierten Ansatz zu einem rechteorientierten Ansatz zu wechseln.

Auftrag und Strategie Die Arbeit von SOS-Kinderdorf orientiert sich an dem Umfeld, in dem wir arbeiten. Der politische, wirtschaftliche und soziale Kontext eines Landes wird bereits in der Planungsphase berücksichtigt. Der folgende Auszug aus dem Nationalen Plan 2007 – 2009 veranschaulicht dies:


Alle unsere rechte

„Unsere Prioritäten müssen in zwei Richtungen gehen: die Bildung von Familien für simbabwische Kinder und die Stärkung simbabwischer Familien. Beides ist wichtig, denn wir sind der Überzeugung, dass unser Familienbetreuungsmodell die beste Alternative für Kinder ist, die nicht bei ihren Familien oder Verwandten leben können. Die Stärkung von Familien ist aufgrund der einzigartigen sozialen Situation Simbabwes wichtig, die durch HIV/ AIDS zerstört wurde und deshalb unserer Unterstützung … bedarf.“ SOS-Kinderdorf unterstützt Kinder auf zwei Ebenen: die Bildung eines Sicherheitsnetzes für jene Kin der, die aus dem Sicherheitsnetz der Kern- und er weiterten Familie heraus gefallen sind, die Unterstützung von Kindern der Gemeinde, die in ihrer Herkunftsfamilie leben (z.B. Großeltern, alleinerziehendes Elternteil, erweiterte Familie oder Geschwister als Familienoberhaupt).

Den Kinderrechten gerecht werden Unsere Vision, dass jedes Kind Teil einer Familie ist und mit Liebe, Respekt und in Sicherheit aufwächst, hat zu systematischen Ansätzen geführt, wenn es zu analysieren gilt, in welcher Form Kinderrechte verletzt werden, insbesondere im Kontext von HIV/AIDS. Die Angebote von SOS-Kinderdorf Simbabwe unterstützen verschiedene Zielgruppen dabei, jene Rechte einzufordern, derer sie beraubt wurden. Nun geht es darum, die Verantwortlichen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu unterstützen als auch Kinder als Inhaber von Rechten dazu zu ermächtigen, diese Rechte effektiver einzufordern. Der Allgemeine Kommentar Nr. 3: HIV/AIDS und die Rechte des Kindes – ein Anhang der Kinderrechtskonvention – beschäftigt sich genauer mit dem Thema. Dort wird festgehalten: „Das Problem Kinder und HIV/AIDS wird hauptsächlich als medizinisches Problem oder Gesundheitsproblem wahrgenommen, obwohl es in Wirklichkeit Probleme in größerem Umfang einschließt.

Das Recht auf Gesundheit steht hier im Mittelpunkt. Aber HIV/AIDS hat so schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben der Kinder, dass all ihre Rechte politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Natur betroffen sind. Die in den allgemeinen Prinzipien der Konvention festgelegten Rechte – der Schutz des Kindes vor Diskriminierung (Art. 2), das Wohl des Kindes ist vorrangig zu berücksichtigen (Art. 3), das Recht des Kindes auf Leben, Überleben und Entwicklung (Art. 6) und das Recht, seine eigene Meinung zu äußern (Art. 12) – sollten deshalb die wichtigsten Themen hinsichtlich HIV/AIDS auf allen Ebenen der Prävention, der Behandlung, der Betreuung und der Unterstützung sein:“ Die Zielgruppen für das Familienstärkungsprogramm sind verwaiste und Not leidende Kinder (Voll- und Halbweisen, die in schwierigen Verhältnissen leben), Kinder, deren Eltern unheilbar krank sind, krankheitsanfällige Erziehungsberechtigte und Kinder. Sie leben in Haushalten, denen Großeltern, ein alleinerziehendes Elternteil, Onkel/Tanten, Geschwister, Verwandte oder Nichtverwandte vorstehen. Die meisten Familien sind arbeitslos oder haben ein geringes Einkommen und leben von informellem Handel. Es handelt sich dabei typischerweise um Großfamilien, die in überfüllten Häusern leben, häufig an Krankheiten leiden, eine hohe Sterblichkeitsrate aufweisen und des öfteren den Wohnort wechseln. Psychosoziale Probleme und Bedürfnisse, denen nicht entsprochen wird, führen häufig zu Missbrauch. Die wichtigsten Ziele unseres Programms sind: Überleben, Schutz, die gesunde Entwicklung der Kinder und die reproduktive Gesundheit der Ju gendlichen zu sichern, sicherstellen, dass Kinder grundlegende Lernfä higkeiten erwerben, damit sie ihr Potential aus schöpfen und zu ihrer eigenen Entwicklung und der ihrer Familie beitragen können, gewährleisten, dass Kinder in sicheren und gesun den Haushalten leben, sicherstellen, dass die Familien über ausreichend Nahrungsmittel und entsprechendes Einkommen verfügen, um das Wohl ihrer Kinder zu verbes sern.

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SOS-KinderdorFORUM - thema

© Bo Holmberg

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Folgende Dienstleistungen werden angeboten: Gesundheit: Gesundheitsmaßnahmen beinhalten den Zugang zu örtlichen Kliniken und den Erhalt von Medikamenten in den Apotheken, die Überweisung in Krankenhäuser und Zahnkliniken, Kräuter- und Gemüsegärten, Lebensmittelpakete, die Vermittlung an andere Hilfsorganisationen wie Africare, persönliche Hygieneprogramme, Programme zur Umwelthygiene, Hausbesuche und Hauskrankenpflege. Diese Maßnahmen sollen zu einer Verbesserung der Ernährungssituation in den Haushalten führen, die Verfügbarkeit von günstigeren alternativen Heilmitteln und die Fähigkeit mit Verlusten umzugehen verbessern. In den letzten Jahren wurden gute Ergebnisse in der Behandlung opportunistischer Infektionen erzielt. Es mussten weniger Kinder in den Kliniken behandelt werden und man war besser in der Lage, Krankheiten zu behandeln. Auch die Pflegekräfte in Ausbildung können durch ihre verbesserten medizinischen Sachkenntnisse den Kranken effektiver Hilfe leisten.

Für Kinder, die in einer SOS-Kinderdorf-Familie leben, wurden folgende konkrete Schritte unternommen: Feststellen des HIV-Status von Kindern bei ihrer Aufnahme. Fachgerechte Behandlung von infizierten Kindern, Einstellung einer Krankenschwester, die die Kin der und Jugendlichen betreut. Schulung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der ARV-Behandlung von Kindern. Überwachung von Immunisierungen.

Psychosoziale Unterstützung: Kinder haben das Recht auf ein stabiles emotionales Wohlbefinden. Deshalb bieten wir Workshops zu Themen wie HIV/AIDS, reproduktive Gesundheit, Trauerarbeit, Selbstachtung, Selbstvertrauen, Bestimmung von Vertrauenslehrern und Gemeindevertretern an. Auch Aufklärungsarbeit wird geleistet, dennoch ist es schwierig, Verhaltensänderungen herbeizuführen.


Alle unsere rechte

© SOS-Archiv

Unsere Aktivitäten beinhalten weiters: Workshops für Mitarbeiter/innen, damit sie den Kindern und Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite stehen können, Schulung von Kindern im Bereich der Peergruppen-Beratung, Beratung von Kindern und Jugendlichen mit speziellen Bedürfnissen, Überweisung von Kindern an Spezialisten in den Beratungsstellen der Kliniken, Teilnahme an sportlichen und kulturellen Aktivitäten. Damit wollen wir das Wohlbefinden, die Entwicklung des Selbstwerts, Selbstvertrauen und die Teilnahme von Kindern fördern und steigern – die Stimmen von Kindern werden gehört, sie entwickeln ihre Identität und ihre Fähigkeiten. Gesetzliche Unterstützung und Kultur: Dazu zählt Freizeittherapie durch die Teilnahme an Clubs und Spielen, die die Kinder mit gesetzlichen Dienstleistern in Kontakt bringen. Sterben die Eltern an HIV/AIDS, so verschlechtert sich für die Kinder der gesetzliche Schutz. Die positiven Auswirkungen dieses Angebots sind umfangreiche Informationen und verbesserte Fähigkeiten, Probleme zu lösen. Die Vermittlung an andere Stellen stellt sicher, dass Begünstigte den Zugang zu Beratungen, Betreuung zu Hause und kostenlosen, gesetzlichen Dienstleistungen haben. Unternehmerschaft und Lebensunterhalt: Dazu gehören Projekte zur Sicherung eines Einkommens, Nahrungsmittelproduktion, Geflügelzucht, Kompetenzen in der Haushaltsführung. Wir kämpfen darum, Einkommensalternativen zu schaffen und das Haushaltseinkommen durch Projekte zu erhöhen. Er-

ziehungsberechtigte sollen die Möglichkeiten haben, durch Selbermachen und Heimwerken Haushaltsgeld zu sparen. Das verfügbare Einkommen ist in den Haushalten beispielsweise durch das Nähen von Uniformen angestiegen. Die oben genannten Angebote werden unabhängig vom Geschlecht, der Religion, den Fähigkeiten und des HIV/AIDS-Status des Kindes angeboten. Für HIV-positive Kinder gibt es weiterhin Unterstützung in Form von Beratung und Zugang zu Betreuung und medizinischer Behandlung. Erziehungsberechtigte werden in ihren Aufgaben als Erzieher/innen und medizinische Betreuer/innen ihrer Kinder unterstützt.

Gemeinsam mehr erreichen Allianzen mit staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen sind von großem Nutzen. Einige Beispiele: Auf operativer Ebene ist die Kooperation mit dem Department of Social Services (Ministerium für soziale Dienstleistungen) bei der Aufnahme von neuen Kindern und bei der Identifizierung von Dokumenten hilfreich oder mit Population Services International, die uns hinsichtlich des HIV/AIDS-Personalhandbuchs, der Bewusstseinsbildung und der Aufklärung über HIV/AIDS mit Rat und Tat zur Seite standen. Zusätzlich bieten wir Fortbildung für SOS-Kinderdorf-Mütter und andere Mitarbeiter/innen an, damit sie den Kindern die notwendige Unterstützung geben Fortsetzung auf Seite 25

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© Alan Meier

Die HIV/AIDS-Richtlinien von SOSKinderdorf im Überblick

Was wir erreichen möchten SOS-Kinderdorf ist sich der verheerenden Auswirkungen bewusst, die die weltweite AIDS-Pandemie auf das Leben der Kinder und Familien hat, und setzt sich dafür ein, dass die Rechte von Kindern und ihren Familienangehörigen – ungeachtet ihres HIV-Status – respektiert werden, und ihnen Schutz gewährt wird. In der festen Überzeugung, dass AIDS vermieden werden kann, wollen wir gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen ein stützendes Umfeld schaffen, in dem Kinder und ihre Betreuungspersonen vor der Gefahr einer HIV-Infektion geschützt werden. In unseren Programmen bemühen wir uns, verwaisten und von AIDS betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen, ihnen Zugang zu Bildung und anderen wichtigen Dienstleistungen zu verschaffen und Schutz vor Stigmatisierung und Diskriminierung zu gewährleisten. Wir arbeiten in partnerschaftlichen Kooperationen, um lokale Lösungsansätze zu fördern und setzen uns für ein stärkeres nationales und internationales Engagement ein, um den Bedürfnissen und Rechten von Kindern, die in von AIDS betroffenen Regionen aufwachsen, gerecht zu werden. In all unseren Aktivitäten beziehen wir Kinder und Jugendliche mit ein, da sie ein Schlüsselfaktor in der erfolgreichen Bekämpfung der Epidemie sind.

Zielgruppe • Kinder, die mit dem HIV-Virus leben, • Kinder, deren Eltern, Verwandte oder Betreuungspersonen mit dem HIV-Virus leben, • verwaiste Kinder, u. a. Kinder, die in einem Haushalt leben, in dem Kinder, Geschwister oder Großeltern die Rolle des Familienoberhauptes einnehmen, • Kinder, die in Haushalten leben, in denen verwaiste Kinder aufgenommen wurden.

Grundsätze für die Arbeit von SOS-Kinderdorf

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Präventionsmaßnahmen, um eine HIV-Infektion unter Kindern, Jugendlichen und Betreuungspersonen zu verhindern, sind Bestandteil aller Programme, die von der Organisation umgesetzt und unterstützt werden.


© Patrick Wittmann

Gemeinsam im Kampf gegen HIV und AIDS

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In allen SOS-Programmen, von den direkten Leistungen für die Kinder bis zur Anwaltschaft, wird aktiv daran gearbeitet, die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihres positiven HIV-Status zu reduzieren.

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Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung von Kindern und Familien, die von AIDS betroffen sind, bilden einen integralen Teil der SOSProgramme, um das Leben der betroffenen Kinder zu entlasten und ihre Überlebens- und Entwicklungschancen zu verbessern.

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Kinder und Jugendliche einzubeziehen ist ein Schlüsselfaktor im Kampf gegen die Epidemie. Sie werden darin bestärkt, im Kampf gegen AIDS eine führende Rolle als Aufklärende und Fürsprecher von Kinderrechten einzunehmen. Sie beteiligen sich an der Entwicklung, Umsetzung und Evaluierung von Programmen, die sie betreffen. Die Meinungen der Kinder werden gehört, und sie können in allen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, mitbestimmen.

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Partnerschaften mit wichtigen Stakeholdern ermöglichen effektive und aufeinander abgestimmte Lösungen zum Wohle der Kinder und ihrer Familien. Sie stärken auch die Verantwortlichkeit von denjenigen, die die Kinderrechte umsetzen sollen.


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SOS-KinderdorFORUM - thema

Die Sicht der Kinder Auch wenn nicht allem entsprochen werden kann: Es ist wichtig zuzuhören, was Kinder zu sagen haben. Wenn wir unsere Arbeit in Simbabwe aus der Sicht der Kinder und der Kinderrechte betrachten, zeigt sich folgendes Bild:

Aspekte der Kinderrechte Recht auf Nahrung

Recht auf Gesundheit

Die Meinungen der Kinder Kinder schätzen die Essensverteilung, sie stand an zweiter Stelle der Bedürfnisanalyse. Die Kinder gaben an, dass Reis, Speiseöl, Seife, Vaseline und Erdnuss butter Bestandteil der Nahrungsmittelpakete sein sollten. Wenn es um die allgemeinen Gesundheitsbedürfnisse geht, wurde den Bedürfnissen der Kinder nicht umfassend genug entsprochen, z. B. Zugang zu ARV-Therapie, zu fachärztlicher Behandlung wie Augenärzten und Medikamenten, weil die Apotheke zu weit entfernt ist.

Recht auf Unterkunft

Das Recht, gehört zu werden, Recht auf Teilnahme

Kinder haben seit Beginn des Programms an der Bedürfnisanalyse teil genommen. Kinder waren bei den vierteljährlichen und jährlichen Besprechungen und Beratungstreffen dabei. Sie füllen Bewertungsformulare aus und es wird ihnen ermöglicht, sich in der Sprache ausdrücken, die sie am besten beherrschen. Teilnahme am „Tag gegen Kindesmissbrauch“ und an globalen Friedens spielen, da sich die Kinder schon lange gewünscht haben, Spiele auszu tragen. Verschiedene Methoden wurden angewandt, um die Teilnahme der Kin der zu fördern, z .B. durch Theater spielen, Schreiben oder mittels Lerntreffs.

Unterstützung zur Verbesserung der Unterkunftssituation wurde in beschränktem Ausmaß angeboten. Kinder möchten in bewohnbaren und sicheren Häusern leben. Allerdings können weder die Kinder noch die Organisation bei manchen Angelegenheiten im Bezug auf Unterkunft mitbestimmen. Einige wurden jedoch von Justice for Children Trust unterstützt.


© Benno Neeleman

Alle unsere rechte

können. Auch Kinder erhalten Informationen über HIV/AIDS, um Bewusstsein zu schaffen für notwendige Verhaltensänderungen. Miteinbezogen wurde eine Einheit der Polizei, die sich um Opfer kümmert, Bewusstsein über Verbrechen schafft und Kinderrechte verteidigt sowie Childline, die Notrufnummer für missbrauchte Kinder. Kinder sind auch Teil der Aktivitäten zur Bewusstseinsbildung in ihrer Gemeinde. Ein deutliches Zeichen für ihr Engagement war ihre Teilnahme am Tag der Vereinten Nationen für Kinderrechte und Kinderschutz. Aufgrund von HIV/AIDS leben Kinder in einer unsicheren Situation, werden nicht beschützt und haben keine permanente Unterstützung durch ihre Eltern mehr. Mit deren Tod verlieren die Kinder Eigentum, die Familie wird in Armut gestürzt, da die Eltern in ihrer Rolle als Ernährer wegfallen und der Druck auf den wenigen älteren Leuten liegt, denen es ebenfalls nicht gut geht. Hausbesuche schaffen Bewusstsein über die Situation der Kinder und dienen auch als Evaluationsinstrument, um die Wirkung unserer HIV/AIDS-Programme und anderer Aktivitäten zu bewerten. Auf sozialpolitischer Ebene möchten wir positive Entwicklungen durch die Zusammenarbeit mit Partnern fördern, z. B. mit dem Bildungsministerium,

mit einem Verbindungslehrer an jeder Schule im Einzugsgebiet unserer Programme. Es ist uns gelungen Fördermittel zu erhalten, die Ausbildung von Verbindungslehrern zu gewährleisten, einen Berufsinformationstag und einen Tag für die Preisverleihung an verwaiste und Not leidende Kinder zu organisieren, zu beraten und herauszufinden, welche Kinder zusätzlichen Unterricht, Bücher und Uniformen brauchen. Die Stadt Harare hat uns Räume zur Verfügung gestellt, in denen diese Sachen verteilt und Treffen abgehalten werden. Auf der Ebene der NGOs bieten uns unsere Partner Beratungsschulungen, Informationen zu psychosozialen Themen und Familientherapien sowie kostenlose juristische Vertretung in Kinderrechtsfragen wie beispielsweise Geburts- und Todesurkunden, Immobilien, Missbrauch und Unterhaltszahlungen an.

Die Rolle der Bildung Unter dem Titel „Die Rolle der Bildung“ wird im „Allgemeinen Kommentar“ festgehalten: „Bildung spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kinder mit relevanten und geeigneten

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© SOS-Archiv

Informationen über HIV/AIDS zu versorgen. Dies kann einen Beitrag zu verstärktem Bewusstsein und einem besseren Verständnis dieser Pandemie liefern und negatives Verhaltung gegenüber HIV/ AIDS-Betroffenen verhindern. Zudem kann und soll Bildung Kinder in die Lage versetzen, sich vor dem Risiko einer HIV-Infektion zu schützen. Deshalb möchte das Komitee alle Vertragsstaaten an ihre Verpflichtung erinnern, dafür Sorge zu tragen, dass die Grundausbildung für alle Kinder, unabhängig davon, ob sie von HIV/AIDS betroffen, infiziert oder verwaist sind, sichergestellt wird. In vielen Gemeinden, in denen HIV weit verbreitet ist, laufen die Kinder betroffener Familien, insbesondere die Mädchen, ernsthaft Gefahr, nicht in der Schule bleiben zu können. Durch die wachsende Zahl der an AIDS erkrankten und verstorbenen Lehrer und Schulmitarbeiter ist der gesicherte Zugang zu Bildung gefährdet.“ Was macht SOS-Kinderdorf Simbabwe? In den Kindergärten werden die Kinder über HIV/AIDS aufgeklärt, indem sie in erster Linie Vorsichtsmaßnahmen lernen. Wir zeigen ihnen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie Blut sehen und erklären ihnen die Bedeutung von verschiedenen Formen von Körperkontakt, um Bewusstsein für potentielle Missbrauchssituationen zu schaffen. In den Schulen hat das Bildungsministerium als Teil des Sozialen Lernens AIDS-Schulungen eingeführt, um sicherzustellen, dass Kinder so früh wie möglich über Übertragungsformen, Anzeichen, Symptome,

gesunde Essgewohnheiten und vorbeugende Maßnahmen informiert sind. In den Grundschulen wurde ein Lehrplan für die 4. bis 7. Klasse (für 9 – 12-Jährige) eingeführt; 30 Minuten sind diesem Thema wöchentlich gewidmet. Kinder lernen durch verschiedene Aktivitäten, wie Schreiben, Schauspielen, Literatur und Musik. In den Klassenräumen und auf den Infotafeln werden speziell für Kinder und Jugendliche entworfene Poster aufgehängt. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit, die im Rahmen des offiziellen Lehrplans dem Thema AIDS gewidmet ist, gibt es in einigen Schulen AIDS Action Clubs, in denen sich die Kinder zusätzlich an zwei Nachmittagen pro Woche treffen, um über das Thema zu diskutieren: Wie geht man mit Gruppenzwang um? Welche Hygiene- und Körperpflegemaßnahmen soll man beachten und wie soll man sich verhalten? Kinder können in diesem Rahmen frei über HIV/AIDS sprechen. Auch an unserer Sekundarschule in Bindura gibt es einen AIDS-Club für Jugendliche, der von einem Leh-

© Christian Lesske

rer geleitet wird. Dieser Lehrer hat ein offizielles Diplom als Berater und bildet einige der Jugendlichen als Peerberater aus. Es gibt weiters den Kwanatete Club, speziell für Mädchen. In diesem Club geht es in erster Linie um Kinderrechte und sexuelle Ausbeutung in Zusammenhang mit HIV/AIDS. Das verwendete Material stammt zum Großteil von einer lokalen NGO, dem Mädchennetzwerk, das auch Schulungen für Lehrer/innen anbietet. Die Treffen dieser Clubs finden jeden Mittwoch von 14 – 16 Uhr statt. Allerdings besteht noch ein Mangel an geeignetem Material für Kinder. Die Kindergartenerzieher/innen müssen innovativer sein, wenn es darum geht, Material für die ganz kleinen Kinder zu entwickeln, und ei-


Alle unsere rechte

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nigen Erzieher(inne)n und Lehrer(inne)n fällt es trotz entsprechender Fortbildung immer noch schwer, über das Thema Sexualität zu sprechen. Folglich ist es unsere Aufgabe, zusätzliches Informationsmaterial für die Kinder in unseren Schulen und Kindergärten zur Verfügung zu stellen. In allen Schulen muss der Diskussion von HIV/AIDS-bezogenen Themen sowohl auf Personal- als auch auf Schülerebene mehr Zeit gewidmet werden. Auch Eltern sollen miteinbezogen werden und Gemeindemitglieder sollen Aufklärungsarbeit leisten. Unser Ziel ist es, die von HIV/AIDS betroffenen Kinder verstärkt in die Gemeinschaft zu integrieren. Dies sollte durch die Ausbildung an unseren Schulen und anderen Gemeindeschulen, durch Förderunterricht für Kinder mit Lernschwierigkeiten, durch den Zugang zu Bildungsmitteln, z. B. Bibliotheken, einer Berufsausbildung, einem Universitätsstudium und Berufsberatung ermöglicht werden. Dadurch soll das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen, die psychische

che Integration in die Gesellschaft erreicht werden. Die Kinder werden gehört, wenn sie mitteilen, was sie aus ihrem Leben machen möchten, beispielsweise hinsichtlich ihrer Entscheidung für einen bestimmten Beruf. Die Herkunftsfamilien werden unterstützt, indem die Schulkosten übernommen werden, sie erhalten Fördermittel, werden von Schul- und Gemeindevertretern beraten, bekommen Schuluniformen, es gibt den Berufsberatungstag, es werden Preise verliehen für Vertrauensbildung und es finden Beratungstreffen zwischen den Schulen und den Erziehungsberechtigten statt. Kinder sollen durch diese Unterstützung die Möglichkeit haben, die Grund- und Sekundarschule abzuschließen, ihr Selbstvertrauen und ihre Prüfungsbereitschaft soll gestärkt werden und die Lese- und Schreibfähigkeiten ihrer Erziehungsberechtigten verbessert werden. Jugendliche sollen verstärkt die Möglichkeit einer Berufsausbildung und eines Universitätsstudiums haben. HIV/AIDS-Betroffen brechen häufig die Schule ab, das Schulgeld sichert deshalb, dass Kinder in Schulen eingeschrieben werden, dass sie dort bleiben und ihren Abschluss machen.

Mitarbeiterbefähigung und Kompetenzvermittlung

Gesundheit, die soziale Integration und der Umgang mit anderen Kindern gestärkt und die Selbsterhaltungsfähigkeit nach Abschluss der Berufsausbildung oder dem Universitätsstudium sowie eine erfolgrei-

Nach Aufnahme in das SOS-Kinderdorf werden die Kinder auf HIV getestet. Dadurch soll für die SOSKinderdorf-Mutter und die anderen Mitarbeiter/innen geklärt werden, in welcher Form das Kind am besten betreut und unterstützt werden kann. Wenn bei Kindern eine antiretrovirale Therapie empfohlen wird, beginnt die Behandlung sofort. Kinder, bei denen die Tests zeigen, dass lediglich ihr Immunsystem gestärkt werden muss, erhalten entsprechende Nahrungsergänzungsmittel. Mütter und Kinder werden in den staatlichen und privaten Krankenhäusern beraten, damit sie ihre Situation verstehen und lernen, damit umzugehen. Das hilft ihnen, ein „Leben mit HIV“ zu akzeptieren und sich danach zu richten. SOS-Kinderdorf-Mütter und ande-

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SOS-KinderdorFORUM - thema

re Mitarbeiter/innen erhalten Fortbildung, damit sie in der Lage sind, sich gegenseitig und die Kinder zu unterstützen. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Partnern zusammen, um sicherzustellen, dass Kinder die bestmögliche Unterstützung erhalten, etwa mit dem National AIDS Council, von dem wir materiell als auch immateriell unterstützt werden. Auch örtliche Krankenhäuser zählen zu unseren strategischen Partnern bei der Behandlung von HIV-infizierten Kindern oder Kindern, die von HIV-bezogenen opportunistischen Infektionen betroffen sind. 2003 und 2004 wurden die Mitarbeiter/innen von SOSKinderdorf Simbabwe vom Population Services International (USAID) intensiv zum Thema HIV/AIDS geschult. In erster Linie ging es darum, Bewusstsein für HIV/AIDS zu schaffen, ein HIV/AIDS-Personalhandbuch zu entwickeln und Vertrauen zu schaffen. Die Ausbildung der SOS-Kinderdorf-Mütter beinhaltet Module, die sich auf die Betreuung von HIV-positiven Kindern konzentrieren. Um unsere Fähigkeiten im Umgang mit HIV/AIDS zu stärken, haben unsere Mitarbeiter/innen sich zum Executive Certificate „Strategic HIV/AIDS Project Management“ eingeschrieben. Außerdem besuchen sie Diplomkurse für Systemische Beratung. Ein Mitarbeiter im SOS-Sozialzentrum Bindura macht eine Beraterausbildung.

Ziel des HIV/AIDS-Personalhandbuchs ist es, Standardrichtlinien einzuführen, die klar die Position der Organisation im Hinblick auf HIV/AIDS am Arbeitsplatz festlegen. Nicht nur der Ausbreitung von HIV soll vorgebeugt und die Stigmatisierung und Diskriminierung vermindert werden, sondern es geht auch darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der HIV-infizierte oder an ähnlichen Krankheiten leidende Mitarbeiter/ innen Mitgefühl und Verständnis entgegengebracht wird. Es gilt sicherzustellen, dass alle Mitarbeiter/ innen gleich behandelt werden, unabhängig davon ob sie HIV-positiv sind oder nicht, und das Personal mit den notwendigen Informationen zu versorgen, um verstärktes Bewusstsein über HIV/AIDS zu schaffen. Das HIV/AIDS-Personalhandbuch enthält grundlegende Informationen über die Krankheit und macht Vorschläge für Programme bezüglich Aufklärung/ Bewusstseinsbildung/Information wie beispielsweise die Gründung eines AIDS-Aktionskomitees in jeder SOS-Kinderdorf-Einrichtung oder umfassende Beratungsangebote für die Mitarbeiter/innen und ihre Familien. SOS-Kinderdorf behandelt an AIDS erkrankte Mitarbeiter/innen in gleicher Weise wie jede/n an einer anderen lebensbedrohlichen Krankheit (wie Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen) leidende/n Mitarbeiter/in. Das HIV/AIDS-Personalhandbuch hält klar fest, dass Mitarbeiter/innen, die mit HIV leben, länger produktiver und gesünder sind, wenn sie die benötigte medizinische, soziale und psychologische Unterstützung erhalten. Der Artikel basiert auf dem Bericht „HIV/AIDS Policy Development. SOS Children’s Villages Internal Analysis Zimbabwe“. Zusammenfassung: Karin Demuth

© SOS-Archiv

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International Labor Office Geneva: Finding ways to cope

with the HIV impact in Zimbabwe, http://data.unAIDS.org/ pub/ExternalDocument/2009/20090402_ilozimbabwe_en.pdf


mit der kraft der eigenen hände

Mit der Kraft der eigenen Hände

© SOS-Archiv

Das SOS- Familienstärkungsprogramm In Latur/Indien

Sangeeta ist 32 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Ihr Mann starb im April 2007 an AIDS. Nach seinem Tod war Sangeeta gezwungen einen Gelegenheitsjob annehmen. Aber schon bald musste sie erkennen, dass ihr schlechter gesundheitlicher Zustand es ihr unmöglich machte, körperliche Arbeit zu übernehmen und für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sorgen. Sangeeta lebt drei Kilometer vom SOS-Kinderdorf Latur entfernt. Die Mitarbeiter/innen des Familienstärkungsprogramms erkannten ihre Notlage und so wird sie seit Juli 2007 durch das Programm unterstützt. Bereits in einem der ersten Gespräche stellte sich heraus, dass sich Sangeetas Gesundheitszustand von Tag zu Tag verschlechterte. Da ihr Ehemann an AIDS gestorben war, riet man ihr zu einem AIDS-Test. Sowohl bei Sangeeta als auch ihren Kindern war das Ergebnis des Antikörpertests der staatlichen AIDS-Kontrollorganisation HIV-positiv.

MaSSgeschneiderte Interventionen Um Sangeeta und ihre Familie bestmöglich zu unterstützen, hat das Familienstärkungsprogramm folgende Maßnahmen eingeleitet: Sangeeta wurde die Teilnahme an einem Lebenskundetraining angeboten. In diesem Training lernen die Teilnehmer/innen in Theorie und Praxis wie sie mittels Meditation, Atembeobachtung, einer ausgeglichenen Ernährung, ausreichend Schlaf, positivem Denken und Musik zufrieden leben und körperlich und geistig fit bleiben können. Außerdem erhalten sie Unterricht in der Praxis von Asanas1, Pranayama 2 , Leibesübungen, Yoga und Meditation. Sie lernen ihr Gedächtnis zu trainieren und Probleme zu analysieren. Dies geschieht vor allem durch das Vervoll-

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SOS-KinderdorFORUM - thema

ständigen von Sätzen, das Entwerfen von Szenarien, Schnellantwortrunden, Geschichtenerzählen, Erstellen von Rangordnungen oder Rollenspielen. Auch eine ausgewogene Versorgung mit frischer Luft, Wasser, Essen und Nahrung, sowie positives Denken, klassische Musik und die Rezitation von Omkar 3, oder aber Kommunikations-, Entscheidungsfindungs- und Stressmanagementfertigkeiten sind Teil des Lebenskundetrainings. Sangeeta erhielt vom Familienstärkungsprogramm in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Zentrum der staatlichen AIDS-Kontrollorganisation spezifische HIV-Beratung, die auch die so genannte Beratung zur positiven Lebensgestaltung umfasst. Im Gegensatz zum Lebenskundetraining, das in Kursen abgehalten wird, bietet hier eine meist ältere Person, die in der Gemeinde großes Ansehen genießt, persönliche Beratung an. Im Rahmen der Beratung zur positiven Lebensgestaltung wird über Ängste, Sorgen und Schwierigkeiten gesprochen, aber auch über die wichtigsten Anzeichen und Symptome von opportunistischen Infektionen informiert und darüber, wie sie verhindert oder behandelt werden können. Thema ist auch, wie man mit AIDS positiv leben und den betreuten Personen ihre Angst vor sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung auf Grund ihrer Erkrankung nehmen kann. Information zu Prävention und Risiken, möglichen Umschulungsmaßnahmen und die Ermutigung zur Nutzung der in der Gemeinde vorhandenen Ressourcen sind ebenfalls Teil des Angebots. Die Mitarbeiter/innen des Familienstärkungsprogramms beraten Sangeeta und ihre Kinder regelmäßig. Hier erhalten sie Rat und Hilfe im Zusammenhang mit Ernährung, Hygiene und administrativen

© Dominic Sansoni

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Angelegenheiten. Sangeeta und ihre Familie nehmen das antiretrovirale Behandlungsprogramm des staatlichen Krankenhauses in Latur in Anspruch und der für sie verantwortliche Mitarbeiter des Familienstärkungsprogramms stellt sicher, dass sie tatsächlich die richtigen Medikamente erhalten. Trotz der HIV-Diagnose hat Sangeeta nicht aufgegeben und entschied sich, in ihre berufliche Zukunft zu investieren. Das Familienstärkungsprogramm unterstützte sie, an einem Schneiderkurs am staatlichen Berufsbildungsinstitut teilzunehmen. Nachdem sie diesen Kurs erfolgreich beendet hatte, lieh Sangeeta von ihrer Schwester eine Nähmaschine und begann sich nach Schneider- und Nähaufträgen in ihrer Nachbarschaft umzusehen. Inzwischen verdient sie monatlich etwa 1000 INR (14 EURO) mit ihrer Arbeit. Außerdem erhält Sangeeta monatlich eine finanzielle Unterstützung von 900 INR vom Familienstärkungsprogramm Latur, wo sie auch erfahren hat, wie sie im Rahmen eines Sicherheitsprogramms für verarmte Witwen Zugang zu einer monatlichen Zahlung von 200 INR seitens der örtlichen Regierung erhalten kann.

Ziel: gute Betreuung für Kinder Die Geschichte von Sangeete ist stellvertretend für viele Menschen. Deren schwierige Lebenssituation war der Auslöser dafür, dass SOS-Kinderdorf im Jahr 2003 sein Familienstärkungsprogramm in Latur ins Leben gerufen hat. Das Programm soll Familien ermutigen, zusammen zu bleiben, und jene unterstützen, bei denen die Familie droht auseinanderzubrechen. SOS-Kinderdorf arbeitet mit den örtlichen Behörden und anderen Dienstleistern zusammen, um gefährdete Familien zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst gut für ihre Kinder zu sorgen. Gemeinsam mit der staatlichen AIDS-Kontrollorganisation von Maharashtra und anderen NGOs setzt sich SOS-Kinderdorf für die AIDS-Prävention ein und bietet Trainingsprogramme, Beratung und finanzielle Unterstützung an, um an AIDS erkrankten Menschen zu helfen.


mit der kraft der eigenen hände

und Unerstützung in der Arbeitssuche. Ziel ist es, das Bewusstsein für Dinge wie die notwendige Hygiene oder auch für die Rechte von Kindern zu stärken und die Fähigkeiten der Eltern auszubauen. Familien werden mit bestehenden Selbsthilfegruppen vernetzt beziehungsweise derartige Gruppen gegründet, falls es noch keine gibt. Nicht nur die Teilnehmer/innen des Familienstärkungsprogramms, sondern auch andere Gemeindemitglieder können Teil dieser Gruppen werden. © Dominic Sansoni

Um der Diskriminierung und Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen entgegenzuwirken setzt sich SOS-Kinderdorf dafür ein, dass die Regierungsbehörden ihre Bemühungen in der Prävention und Behandlung von HIV/AIDS verstärken. Gemeinsam mit unterschiedlichen Partnern tritt SOS-Kinderdorf dafür ein, dass die Regierungen leichteren Zugang zu freiwilliger Beratung und freiwilligen Tests gewähren, die Behandlung von opportunistischen Infektionen unterstützen, antiretrovirale Therapien allgemein zugänglich machen und grundlegende Gesundheits-, Bildungs- und Sozialschutzdienste anbieten. Um die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber HIV-infizierten Menschen zu verbessern, werden in Zusammenarbeit mit örtlichen Vereinigungen wie etwa Jugendclubs, Frauenvereinen oder Schulen Bewusstseins- und Bildungskampagnen organisiert. Die SOS-Kinderdorf-Programme bieten ein Forum, in dem Kinder offen über die Auswirkung von AIDS auf ihr Leben sprechen können und in dem sie jene Unterstützung einfordern können, die sie benötigen, um ausreichend geschützt zu sein und mit ihrer Infektion oder den Auswirkungen von AIDS auf ihr Leben umgehen zu können. Kinder werden in die Gestaltung, Umsetzung und Evaluierung der HIV-Präventionsund Schutzprogramme direkt mit einbezogen. Es gibt verstärkt Bemühungen, die Kapazitäten von Gemeindeorganisationen und örtlichen Regierungen auszubauen, damit diese besser auf die Bedürfnisse und Rechte von AIDS-betroffenen Kindern und Familien eingehen können. Außerdem wird im Rahmen des Familienstärkungsprogramms Latur Unterstützung in den Bereichen Ernährung, Bildung und Gesundheit angeboten und es gibt ein Berufsbildungszentrum, Karriereberatung

Ein wichtiges Ziel der Familienstärkungsprogramme und Selbsthilfegruppen liegt in der Einkommensgenerierung. So wurden Gruppen geschaffen, um Frauen in den Familienstärkungsprogrammen in Richtung Selbständigkeit zu unterstützen. Innerhalb der Selbsthilfegruppen sparen die Frauen Geld und legen es gemeinsam auf einem Konto an, das auf den Namen der Gruppe läuft. Sie geben sich innerhalb der Gruppe gegenseitig Kredite mit niedrigem Zinssatz, um die beruflichen oder sonstigen Bedürfnisse der Gruppenmitglieder und deren Familien abdecken zu können. Die Gruppe ist außerdem die Plattform, innerhalb derer die Frauen offen ihre Gefühle austauschen können. Sangeeta ist nun in der Lage, ihre Familie selbst zu ernähren. Ihr Gesundheitszustand hat sich verbessert und alle ihre Kinder gehen zur Schule. Es gibt wieder Hoffnung für die Familie. Und vor allem: eine Zukunft.

Karin Demuth SOS-Kinderdorf International, Programme Development

Wir danken dem Team des SOS-Kinderdorf-Programms Latur, das uns Informationen für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat.

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Asanas sind bestimmte Körperhaltungen, die der Yogapraxis entstammen. Pranayama wird oft als Kontrolle der Lebenskraft (Prana)

übersetzt. In der Yogapraxis bezieht es sich oft spezifisch

auf die Technik der Atemkontrolle.

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Omkar bezeichnet die Rezitation der Silbe Aum (auch Om),

einer in den indischen Religionen mystischen, heiligen Silbe.

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SOS-KinderdorFORUM - thema

Wer,

wenn nicht wir?

© Mauricio Rosaldo

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Der größte Erfolg in Guatemala im Kampf gegen HIV/AIDS ist das „Gesetz zur Bekämpfung und zur Prävention von HIV/AIDS und die Förderung der Menschenrechte“, besser bekannt als Dekret 27-2000. Es entstand, nachdem sich HIV-infizierte beziehungsweise aidskranke Menschen organisiert hatten, um für den allgemeinen Zugang zu Behandlung und für die Achtung ihrer Menschenrechte zu kämpfen. SOS-Kinderdorf sieht es als seine Verpflichtung, sich an diesem Kampf zu beteiligen und seinen Beitrag zu leisten, um der HIV/AIDS-Problematik auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene entgegenzutreten. Die wichtigste Herausforderung besteht darin, die Bevölkerung über HIV/AIDS zu informieren und präventiv zu arbeiten.

SOS-Kinderdorf Guatemala versteht sich als einer der Akteure im Kampf gegen HIV/AIDS und kooperiert zu diesem Zweck mit staatlichen und zivilen Institutionen. Größtes Anliegen des nationalen Vereins ist vor allem die Prävention von HIV-Übertragungen und die Förderung der Rechte von Personen, die von HIV/ AIDS betroffen sind. Neben konkreten Angeboten in den SOS-Kinderdorf-Einrichtungen lancierte SOS-

Kinderdorf Beiträge in den lokalen Radio- und Fernsehstationen und startete Aktivitäten in Kooperation mit der ACSLCS (Asociación coordinadora de sectores de lucha contra el SIDA), einem Zusammenschluss von 30 Nicht-Regierungsorganisationen, der die Zivilbevölkerung des Landes und ihre Rechte im Zusammenhang mit HIV/AIDS vertritt.


© Yvonne Ovalle

wer, wenn nicht wir?

Zahlen und Fakten zu HIV/AIDS in Guatemala1 Schätzungen zufolge liegt die HIV-Infektionsrate in Guatemala bei Erwachsenen unter 1% (Ende 2007). Zirka 59.000 Menschen leben mit HIV, 13.000 von ihnen benötigen antiretrovirale Therapie (ART). Täglich gibt es 26 Neuinfizierungen. Die Bevölkerung Guatemalas ist sehr jung (50% unter 18 Jahren), rund 80% von ihnen leben in Armut. Der Großteil der an AIDS erkrankten Personen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Auf zwei infizierte Männer kommt eine infizierte Frau, die zunehmende Feminisierung der HIVEpidemie ist besorgniserregend. Es gibt keine zuverlässigen Daten über die Verbreitung der Krankheit unter indigenen Gruppen und Kindern. Wenn eine HIV-Infektion öffentlich bekannt wird, ist die betroffene Person in hohem Maße Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt. Zurzeit erhalten 7.800 mit AIDS lebende Personen eine kostenlose ART-Behandlung, eine Zahl die 2010 auf 10.000 ansteigen soll. Eine nachhaltige Betreuung ist nicht gewährleistet und antiretrovirale Medikamente sind noch immer Mangelware. Der Zugang zu HIV-Tests ist nicht flächendeckend. Laut WHO sind rund 94% der HIV-Infektionen der sexuellen Übertragung zuzuschreiben.

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Quelle: UNAIDS (Guatemala country profile, July 2008)

Die „Familienschulen“ von SOS-Kinderdorf Familien, die im SOS-Hermann-Gmeiner-Sozialzentrum und in den Gemeindezentren betreut werden, besuchen die so genannten Familienschulen, die von SOS-Kinderdorf Guatemala eingerichtet wurden. Seit Beginn des Programms vor fünf Jahren haben 400 Familien, mehrheitlich Frauen, an den Workshops in den Familienschulen teilgenommen. Nicht nur Mütter und Väter, sondern auch Jugendliche und andere Familienmitglieder zählen zu den Besucher(inne)n. Die angebotenen Workshops richten sich nach dem Alter der Teilnehmer/innen, Erwachsene und Jugendliche nehmen getrennt daran teil. Auch hier geht es vor allem um Prävention und Übertragungsformen. Das Hauptaugenmerk gilt der Vermeidung der vertikalen Übertragung, der Übertragung von einer infizierten Mutter auf ihr Kind. Themen wie HIV, AIDS, Infektionen durch sexuelle Übertragung, sexuelle und reproduktive Gesundheit sind in den ländlichen Gemeinden, insbesondere bei den Ureinwohner(inne)n, vielfach noch unbekannt. Die Frauen wissen wenig darüber und haben Scheu, darüber zu sprechen. Die wenigsten Eltern reden mit ihren Kindern über HIV und AIDS. Entsprechende Informationen erhalten die Kinder eher über andere Quellen. In den Familienschulen werden deshalb speziell geschulte Vortragende und HIV-Betroffene eingeladen, die über ihr Schicksal sprechen. In den Workshops der Familienschulen werden diese Themen mithilfe der Methode der „Educación Popular“ vermittelt, einer Methode der Erwachsenenbildung,

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SOS-KinderdorFORUM - thema

Die Stimme der Betroffenen SOS-Kinderdorf Guatemala beteiligt sich an den Vorbereitungen zum CONCASIDA (Congreso Centroamericano de ITS/VIH/Sida = zentralamerikanischer HIV/AIDS-Kongress), der 2010 in Costa Rica stattfindet. Die Vorbereitungen laufen über das Nationale Komitee von Guatemala in Abstimmung mit Organisationen der zivilen Gesellschaft und dem nationalen AIDSProgramm. Im Zuge der Vorbereitungen ergab sich die Gelegenheit, ein Interview mit Alma de León, der Präsidentin der „Alianza Nacional de Grupos de Personas que viven con VIH y Sida de Guatemala“ (nationale Allianz für Personengruppen, die mit HIV/Aids leben) und Mitglied des „Comité Nacional CONCASIDA“ zu führen. Alma de León genießt national und international großes Ansehen für ihren Kampf für die Achtung der Menschenrechte von Personen, die mit HIV/ AIDS leben. FORUM: Wie ist die “Alianza Nacional de Grupos de Personas que viven con VIH y Sida de Guatemala” entstanden? Alma de León: Sie entstand aus der Notwendigkeit, Menschengruppen, die mit HIV/AIDS leben, zu integrieren und zu organisieren. Das Ziel besteht darin, ihre aktive Teilnahme am politischen Leben zu fördern. Die nationale Allianz integriert auch Gruppen, die das Thema auf nationaler Ebene bearbeiten. Der systematische Zusammenschluss von Menschen mit HIV/AIDS ist die wirksamste Waffe im Kampf gegen diese Krankheit, um etwas zu bewirken und um die Achtung

die auf der von Paulo Freire begründeten „Pädagogik der Befreiung“ beruht und in der das Erlernen und die Wissensaneignung auf der praktischen Erfahrung der Personen und der Gruppen selbst basiert. Dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen den Unterrichtenden und den Teilnehmer(inne)n, Zweifel und

der Menschenrechte zu erreichen. Denn HIV-infizierte Menschen oder Betroffene sind die wichtigsten Protagonisten in diesem Kampf. FORUM: Was würden Sie als die größten Erfolge in Bezug auf HIV/AIDS bezeichnen? Alma de León: Da kann ich mehrere nennen. Wir haben ein Gesetz im Kampf gegen HIV/ AIDS und zur Förderung, zum Schutz und zur Achtung der Menschenrechte, das im Jahr 2000 vom Kongress der Republik genehmigt wurde. Weiters gibt es seit 2005 eine Politik und einen strategischen nationalen Plan zur Prävention, Betreuung und Kontrolle der sexuellen Übertragung von HIV/AIDS und einen nationalen Kongress – CONCASIDA. Die nationale Allianz hat wesentlich dazu beigetragen, dass diese Fortschritte erzielt werden konnten. FORUM: Welches sind oder waren die größten Herausforderungen? Alma de León: Das ist in erster Linie der allgemeine Zugang zur ganzheitlichen Behandlung von Menschen, die mit dem HIV-Virus oder AIDS leben. Derzeit erhalten die Menschen dank der Beiträge des Global Fund Medikamente. Die Dezentralisierung der Dienstleistungen ist und bleibt ebenfalls eine große Herausforderung, die noch in der politischen Agenda bewältigt werden muss. Auch die Erhöhung finanzieller Mittel für das nationale AIDS-Pogramm ist uns ein Anliegen. Bisher hat dieses Programm nur 40% der Mittel erhalten, die es benötigt.

Unsicherheiten können thematisiert und häufig überwunden werden. Viele der Teilnehmer/innen lassen sich von den Vortragenden, den Workshopleiter(inne)n und der Direktorin des Programms beraten. Die Menschen werden außerdem über die Wichtigkeit der freiwilligen Tests aufgeklärt und zu freiwilligen


wer, wenn nicht wir?

AIDS-Tests ermuntert, wobei die Eltern dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder getestet werden, wenn für sie ein erhöhtes Risiko besteht, an AIDS zu erkranken. Stigmatisierung und Ausgrenzung werden angesprochen. Ursache dafür ist häufig mangelnde Information über HIV/AIDS und insbesondere deren Übertragungsformen. Aber auch andere Informationen sind Inhalt der Workshops, wie etwa das in Guatemala geltende Gesetz zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte im Kampf gegen HIV/AIDS. Darin wird der Schutz und die Achtung der Menschenrechte für von HIV/AIDS-Betroffenen gefördert. Unter anderem haben sie das Recht auf Arbeit, ein AIDS-Test ist weder Vorraussetzung für einen Arbeitsvertrag noch ein Entlassungsgrund.

Austausch mit anderen Auch im Rahmen von Partnerschaften mit anderen Institutionen hat SOS-Kinderdorf zur Aufklärung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen seinen Beitrag geleistet. Zu diesen Maßnahmen zählt die Durchführung von zwei Treffen in den Jahren 2006 und 2007 zum Thema „HIV/AIDS-betroffene Kinder“. Das erste nationale Treffen fand unter dem Motto „Auch wir Kinder haben eine Meinung“ statt und wurde von der „Fundación Preventiva del Sida“, von SOS-Kinderdorf Guatemala und dem „Red Nacional de persona que viven con el VIH y Sida“ organisiert. 60 Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren aus verschiedenen Regionen des Landes nahmen daran teil. Ziel war es herauszufinden, was Kinder und Jugendliche über HIV/AIDS wissen und denken, um ihnen dadurch die Möglichkeit zu geben, HIV-AIDS-Programme und -Projekte mit zu gestalten. Im Fokus stand weiters der Meinungs- und Erfahrungsaustausch darüber, wie Eltern und Betreuungspersonen mit HIV/AIDS-infizierten oder betroffenen Kindern und Jugendlichen umgehen. Das zweite nationale Treffen trug den Titel „Umfassender Schutz für von HIV betroffene Kinder und Jugendliche: die Realität aus der Sicht der betroffenen Familien“. Es gab Raum für Analyse, Reflexion und das Einbringen von Vorschlägen über die Realität von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Ziel war

es auch, herauszufinden welche Rechte der von HIV/ AIDS betroffenen Kinder in erster Linie verletzt werden und welche Betreuungsbedürfnisse diese Kinder haben. Insgesamt nahmen 75 Kinder und Familien daran teil. Beide Treffen wurden im Schulungszentrum von SOS-Kinderdorf Guatemala unter Beteiligung an einem Forum von UNICEF, Plan international, World Vision, Procuraduría de Derechos Humanos, Movimiento Social por los derechos de la niñez y adolescencia abgehalten. Als Folge dieser Treffen hat sich SOS-Kinderdorf 2008 der ACSLCS angeschlossen. Gemeinsam nimmt man an Veranstaltungen teil, unter anderem wird an einem Beitrag für den CONCASIDA (Congreso Centroamericano de ITS/VIH/Sida = zentralamerikanischer HIV/AIDS-Kongress), der im März 2010 in Costa Rica stattfindet, gearbeitet.

Sulma Gálvez, SOS-Kinderdorf Guatemala, Nationale Programmberaterin Karin Demuth, SOS-Kinderdorf International, Programme Development

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SOS-KinderdorFORUM - thema

Ein besseres Leben

© Christian Martinelli

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Im Februar 2007 startete das SOS-Familienstärkungsprogramm in Temirtau, einer rund 180.000 Einwohner zählenden Industriestadt im Osten Kasachstans. Eine hohe Arbeitslosenrate und eine extrem hohe Anzahl von Todesfällen aufgrund von AIDS und Drogen prägen die Region. Als logische Konsequenz wurde beschlossen, Familien mit HIV-infizierten Erwachsenen und/oder Kindern sowie Familien mit Drogen- und Alkoholproblemen zur primären Zielgruppe des Familienstärkungsprogramms zu machen. Eine weitere Zielgruppe sind Schulkinder, die mit HIV-bezogenen Präventivmaßnahmen unterstützt werden.

In einem ersten Schritt erhielten 165 Kinder aus bedürftigen Familien und ihre Eltern die Möglichkeit, die kostenlosen Dienste eines Rechtsanwalts, eines Psychologen und eines Logopäden in Anspruch zu nehmen. Als Folge davon haben sich sowohl die Lebenssituation als auch die Lebenskompetenzen der Kinder und ihrer Eltern sowie die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern verbessert: Verhaltensänderungen in Bereichen wie Gesundheit und Ernährung wurden festgestellt sowie Fortschritte der Kinder in der Schule, ein Rückgang im Gebrauch von Psycho-

pharmaka und ein größeres Bewusstsein für Vorsichtsmaßnahmen. Die Familie von Maria Vladimirovna S. ist eine der Familien, die im Familienstärkungsprogramm betreut werden. Maria ist 26 Jahre alt, HIV-positiv und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Als ihr Mann ins Gefängnis kam, bat sie um Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie keinerlei Mittel, keine eigene Wohnung und hatte begonnen zu trinken. Da sie keine Aufenthaltserlaubnis besaß, hatte sie auch kein Anrecht auf eine Wohnung oder Sozialhilfe. Im Rahmen des Fa-


ein besseres leben

milienstärkungsprogramms erhielt sie Unterstützung auf psychologischer und pädagogischer Ebene sowie juristische Beratung. Sie konnte an Freizeitaktivitäten teilnehmen und auch ihre Kinder zu außerschulischen Aktivitäten anmelden, wie etwa für den Spielbus. Monatliche Lebensmittelpakete, Kleidung, Vitamine für

© Benno Neeleman

Temirtau: Fakten zur Region

die Kinder und individuelle Familienarbeit mithilfe der Sozialarbeiter/innen ergänzten das Angebot. Als Ergebnis dieser Arbeit erhielt Marias Familie die Aufenthaltsgenehmigung und damit verbunden das Recht auf Sozialleistungen. Die Lebenssituation der Familie verbesserte sich, ebenso Marias gesundheitlicher Zustand. Maria hat einen besseren Umgang mit ihren Kindern gefunden, hat Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder übernommen und aufgehört zu trinken.

Bedürfnisse und Antworten Maria ist ein gutes Beispiel dafür, in welcher Form von HIV/AIDS betroffene Menschen durch das Familienstärkungsprogramm in Temirtau unterstützt werden. Das Angebot entspricht weitgehend der Bedarfsanalyse des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, die im August 2005 erstellt wurde, sowie einigen der darauf basierenden, vorgeschlagenen Unterstützungsmaßnahmen für Menschen, die mit AIDS leben. Dazu zählen: Sozialer Schutz, inklusive materielle Hilfestellung, Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche und Garantie auf Erhalt des Arbeitsplatzes, Wissensvermittlung über HIV und über ARV-The­ rapien für Menschen, die mit HIV/Aids leben, Psychologische Unterstützung in Zusammenhang mit HIV.

Temirtau ist eine der ärmsten Regionen Kasachstans mit den meisten HIV/AIDS-Toten und der höchsten Drogenmissbrauchsrate nicht nur in Kasachstan, sondern in den gesamten CIS-Ländern. Viele der Familien, mit denen das SOSFamilienstärkungsprogramm Temirtau arbeitet, verfügen über ein geringes oder haben zeitweise gar kein ständiges Einkommen. Gefängnisaufenthalte, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, das Leben mit dem Risiko einer Tuberkuloseinfektion und die Stigmatisierung durch die Gesellschaft machen sie anfällig für eine HIV-Infektion und zu Außenseitern der Gesellschaft. Ein Teil der HIVpositiven Frauen ist schwanger oder arbeitet als Prostituierte. Kinder aus den Familien der Zielgruppen können nicht in den Kindergarten gehen, leben häufig in sozialer Isolation und haben wenig Entwicklungsmöglichkeit. Ihr Leben ist von Gewalt und Einschränkungen geprägt. Die Mittel der lokalen Gemeinde reichen derzeit nicht aus, um die Lage zu verbessern. Es gibt – abgesehen vom SOS-Familienstärkungsprogramm – keine Programme, in denen Kinder aus gefährdeten Familien und deren Familien unterstützt werden. Dieser individuelle und ganzheitliche Ansatz der Familienhilfe ergänzt die Arbeit des Zentrums für Prävention und Bekämpfung von AIDS in Termitau, der wichtigsten staatlichen Organisation, die mit HIV-infizierten und AIDSkranken Menschen arbeitet und ihnen psychosoziale Unterstützung bietet, Die lokale öffentliche karitative Stiftung NGO „Shapagat“ unterstützt die Organisation bei dieser Aufgabe.

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© Benno Neeleman

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Das SOS-Familienstärkungsprogramm verfolgt zwei Ziele: 1. Das Risiko zu minimieren, dass Kinder von ihren Eltern verlassen werden sowie die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen, die in gefährdeten sowie in von HIV/AIDS betroffenen Familien leben, zu verbessern. 2. Die Gemeinde bei der Betreuung von Kindern und Familien zu unterstützen, die von HIV/AIDS betroffen sind, die Alkohol- und Drogenprobleme haben und in einer Krisensituation leben.

Individuelle Planung und Management Wie werden Menschen in das Familienstärkungsprogramm aufgenommen? Wenn sich eine Familie an das Programm wendet, führen die Mitarbeiter/innen eine Bewertung der verschiedenen Entwicklungsaspekte des Kindes und der Familiensituation durch. Zu diesem Procedere zählt auch ein Hausbesuch. Aufgrund dieser Erstbewertung entscheidet das Team über die Aufnahme der Familie in das Programm. Die Familien werden entsprechend eines Plans aufgenommen, manchmal gibt es auch eine Warteliste. Ausnahme sind Familien, die sich in einer dringenden Krisensituation befinden. Sobald die Familie aufgenommen ist, unterzeichnet sie einen Vertrag und es wird gemeinsam ein Entwicklungsplan erarbeitet.


ein besseres leben

Das Angebot von SOS-Kinderdorf 2009 wurden Kinder und Betreuer/innen mit folgenden Dienstleistungen durch das Projekt unterstützt oder sie erhielten Zugang zu anderen Dienstleistern: Gesundheit: Medikamente, Vitamine und ärztliche Untersuchungen werden nach Bedarf bezahlt. Familien, die im AIDS-Zentrum registriert sind, haben Zugang zur ARV-Therapie. Freizeitangebote für Kinder: außerschulische Aktivitäten (Tanzclubs, Sport usw.), die kostenfrei von lokalen Clubs angeboten werden. Bildung: Kinder werden von Sozialarbeiter(inne) n unterstützt und dazu angeregt, durch individuelle Diskussionen Lernerfolge zu erzielen. Erste positive Ergebnisse haben sich bereits gezeigt. Die Mitarbeiter/innen führen halbjährlich Bewertungen anhand der Zeugnisse der Kinder durch. Kürzlich gab es im Rahmen dieses Projekts einen Computerkurs, der von einer Partnerorganisation abgehalten wurde. Mahlzeiten/Lebensmittelpakete: Es ist dies eine der wichtigsten Formen von Unterstützung für Familien, da gesunde und ausgewogene Ernährung während der ARV-Therapie wichtig ist. Neben der vom Projekt angebotenen Unterstützung gibt es ein staatliches Programm, in dessen Rahmen Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse kostenlose warme Mahlzeiten in der Schule bekommen. Ob ältere Kinder diese Unterstützung erhalten, wird individuell auf Basis der familiären Situation entschieden.

Psychologische Unterstützung: Aktivitäten in der Gruppe und individuelle Beratungen werden durch die Psycholog(inn)en des Programms durchgeführt, auch wenn die Räumlichkeiten des Projekts dafür eher ungeeignet sind, da es keine abgeschlossenen Räume gibt, die die Privatsphäre wahren. Gruppenaktivitäten werden in der örtlichen Schule abgehalten. Im Rahmen von Elterntreffen werden Erziehungskompetenzen und Bildung zum Thema Kinderrechte vermittelt. Vierteljährlich werden Schulungen zur Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung organisiert. Weitere Unterstützung bietet der SOS-Spielbus. Das Projekt hat wertvolles pädagogisches Material zu diesem Thema entwickelt. Berufsausbildung/Hilfe bei der Arbeitssuche: Seit 2009 werden Berufsausbildungen (z. B. Kochen, PCKenntnisse) für Erziehungsberechtigte in Zusammenarbeit mit einem Schulungszentrum angeboten. Hinsichtlich der Unterstützung bei der Arbeitssuche gibt es eine Kooperation mit dem staatlichen Arbeitsamt. Juristische Unterstützung: wird häufig in Anspruch genommen und erfolgt durch einen für dieses Projekt engagierten Rechtsanwalt. Informationsmaterial über grundlegende gesetzliche Bestimmungen für Familien wurde ausgearbeitet. Das Projekt wird künftig auch enger mit dem SOSSpielbus zusammenarbeiten, einem mobilen Sozialzentrum, das vielfältiges Spielmaterial anbietet und an öffentlichen Plätzen, Krankenhäusern, Waisenhäusern und in den Plattenbaugegenden Station macht. Aktivitäten wie Theater spielen, Tanzen, Verkleiden, Gesichter bemalen und Handarbeiten helfen den Kindern, Selbstvertrauen und Vertrauen in andere aufzu© Katerina Ilievska

Die Familiensituation wird überwacht und der Fortschritt in Bezug auf die im Familienentwicklungsplan festgelegten Ziele wird regelmäßig bewertet. Im Falle von Familien, die von HIV/AIDS betroffen sind, bespricht das Projektteam die Bedürfnisse der Familie mit einem Vertreter des AIDS-Zentrums. Im Schnitt bleiben die Familien 2,5 Jahre im Programm. Es gibt keine offizielle Nachbetreuung für Familien, die aus dem Programm ausgeschieden sind. Die Mitarbeiter/innen sorgen allerdings dafür, dass die Familien weiterhin an den Elternclubs und Gruppentreffen teilnehmen.

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bauen. Mithilfe von pädagogischen Spielen lernen die Kinder ihre Rechte kennen, werden über HIV/AIDS aufgeklärt, lernen auf die Umwelt zu achten und Ähnliches. Das Team des Spielbusses zeigt den Eltern und Lehrern neue Lehrmethoden und ermutigt sie, eigene Ideen zu entwickeln. Die Beteiligung der Gemeinde und Partnerschaften sind wichtig, um als Projekt in der Region gut verankert zu sein. An der Ausarbeitung des Programms waren mehrere Partner beteiligt, darunter die lokale Stadtverwaltung, das Zentrum für Prävention und Bekämpfung von AIDS von Temirtau, ein Rehabilitationszentrum für Kinder und Jugendliche in Notlagen sowie andere lokale NGOs. Ein Ziel des Programms ist es, die Eigenverantwortung der Gemeinde zu unterstützen und die Gemeindemitglieder zu befähigen, selbständig für die Unterstützung gefährdeter Kinder und ihrer Familien zu sorgen. Die lokale Gemeinde wird entsprechend durch die vom SOS-Kinderdorf-Familienstärkungsprogramm geschaffene Infrastruktur unterstützt. Noch reichen die Aktivitäten zur gezielten Bewusstseinsbildung nicht aus, ebenso mangelt es an Gemeindevertretern, die in das Programm involviert sind. Einmal halbjährlich initiiert SOS-Kinderdorf daher Gespräche am runden Tisch, um sich mit anderen Organisationen über die Situation der Kinder und die angebotenen Lösungsmöglichkeiten auszutauschen. Im Rahmen des Programms kommen auch Freiwillige zum Einsatz. So werden zwei Mütter aus dem Familienstärkungsprogramm von zwei SOS-KinderdorfMüttern unterstützt – eine begrüßenswerte neue Praxis.

Ein Projektkomitee wurde eingerichtet, das neben den Mitarbeiter(inne)n des Familienstärkungsprogramms aus einem Arzt, einem Sozialarbeiter und einem Kassier aus dem SOS-Kinderdorf Temirtau besteht. Die vorrangigste Rolle des Komitees ist es aber, auf der Grundlage eines fachübergreifenden Ansatzes die jeweiligen Bedürfnisse der Familien zu bewerten. Obwohl das Projekt über verlässliche Partner verfügt, fehlt es an strategischen Partnerschaften und der Gewährleistung zusätzlicher Leistungen. Das derzeitige Netzwerk an Partnerschaften muss künftig weiter ausgebaut werden.

Monitoring und Evaluation Monitoring und Evaluation des Programms werden gemeinsam mit Partnern durchgeführt. Einmal jährlich wird eine Selbstevaluation auf Basis der folgenden Erfolgsindikatoren durchgeführt: Anzahl der Kinder aus benachteiligten Familien und Mitglieder ihrer Familien, die langfristig von einem professionellen Team betreut werden. Die Lebenssituation und Lebenskompetenzen dieser Kinder, darunter auch HIV-positive Kinder, wird verbessert. Erfolgsindikatoren sind ein stabiler Gesundheitszustand, gesunde Ernährung, Erfolg in der Schule, Freizeitaktivitäten, positive Verhaltensänderungen, Kommunikation mit Gleichaltrigen, Eltern/ Betreuern und anderen Familienmitgliedern. Eltern, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit (dazu zählt auch HIV/AIDS) leiden, haben Zugang zu Dienstleistungen und sind in der Lage für ihre Kinder zu sorgen. Die Elternkompetenzen der Familien, die zu den Hauptbegünstigten gehören, werden gefördert. Möglichst geringerer Drogenmissbrauch durch die Jugendlichen und vermehrtes Wissen über HIV/AIDS. In der Stadt existiert ein Unterstützungssystem für gefährdete Kinder und Familien in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und anderen NGOs. Die Familien sind finanziell und praktisch in der Lage für ihre Kinder zu sorgen.


© Benno Neeleman

ein besseres leben

Die nächsten Schritte Bis 2010 möchten die Mitarbeiter/innen die Zahl der Begünstigten auf 250 – 300 erhöhen und Bildungsangebote für Kinder, gesundheitliche Unterstützung für Familien und Hilfestellung mit dem Ziel der wirtschaftlichen Selbständigkeit verstärken. Auf der Grundlage verschiedener Auswertungen wurde klar, dass die Langzeitplanung verbessert werden muss, da familiäre Situationen oftmals eher spontan angepackt werden, ohne die Risikofaktoren zu ergrün-

den und die Selbsterhaltungsfähigkeit der jeweiligen Familie zu ergründen. Doch eine gute Basis für weitere Schritte ist geschaffen: Das Projektteam hat vertrauensvolle Beziehungen mit den Familien aufgebaut, und die Familien erhalten emotionale Unterstützung durch die Mitarbeiter/innen des Programms. Auf dieser soliden Grundlage lässt sich gut aufbauen.

Karin Demuth SOS-Kinderdorf International, Programme Development

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SOS-KinderdorFORUM - zum weiterlesen

Miteinander und voneinander lernen: die “Joint Learning Initiative on Children and HIV/AIDS” Die “Joint Learning Initiative on Children and HIV/AIDS (jlica)” ist ein Zusammenschluss von Forscher(inne)n, Praktiker(inne)n, Aktivist(inn)en und Menschen, die mit HIV/AIDS leben. Die Initiative möchte dazu beitragen, weltweit die Antworten auf die Lage von Kindern, die von HIV/AIDS betroffen sind, zu verbessern. Herzstück der Organisation sind vier interdisziplinäre „Lerngruppen“, die in diesem Bereich wissenschaftlich gearbeitet und innovative Problemlösungen unterstützt haben sowie den Austausch zwischen den Disziplinen und verschiedenen Partnern förderten. Ein ausgewogenes Verhältnis in Bezug auf geografische Herkunft, Geschlecht und den unterschiedlichen Disziplinen war den Initiator(inn)en dabei besonders wichtig.

dass die Pandemie nicht überwunden werden kann. HIV und AIDS werden Teil des Lebens vor allem der Menschen in den Ländern südlich der Sahara bleiben und so die Belastbarkeit von Familien, Gemeinden, Staaten weiter auf die Probe stellen.

Auf der detailreichen Website http://www.jlica.org/ können die Resultate der Arbeit der vier Lerngruppen nachgelesen werden. Ein im Jahre 2009 erschienener Gesamtbericht fasst die mehr als 50 systematischen Erhebungen und anderen Forschungsergebnisse zusammen. Das Ergebnis ist ein evidenzbasierter Leitfaden, der beschreibt, wie auf die Situation von betroffenen Kindern eingegangen werden soll, und der gleichzeitig deutlich macht, wie wichtig es ist, Kinder und Familien ins Zentrum der Bemühungen zu rücken. Primär richtet sich der Bericht an Politiker/innen und andere Entscheidungsträger/innen in besonders von HIV/ AIDS betroffenen Ländern. Aber auch Sponsoren, Nicht-Regierungsorganisationen und andere Akteure der Zivilgesellschaft zählen zu den Adressaten.

Damit, so jlica, kann innerhalb kurzer Zeit eine substanzielle Verbesserung in den Bereichen Gesundheit und Lebensstandard erreicht werden und man bewegt sich weg von der akuten Nothilfe, die bislang häufig im Mittelpunkt stand.

Laut jlica ist die HIV/AIDS-Pandemie an einem Punkt angelangt, der ein Um- oder vielmehr Weiterdenken erfordert: Die Infektionsraten stabilisieren sich beziehungsweise sind in manchen Regionen sogar zurück gegangen, gleichzeitig ist – nüchtern betrachtet - klar,

Der Bericht würdigt das bisher Erreichte und Erkenntnisse aus der Vergangenheit, fordert aber gleichzeitig zu einem breiteren Angebot auf, speziell um Kinder zu schützen und zu unterstützen. Zugang zu medizinischer Versorgung für alle müsse mit sozialer Absicherung Hand in Hand gehen. Dieser integrierte Ansatz sei notwendig, um Bedingungen zu schaffen, unter denen Betroffene von Prävention, Behandlung, Betreuung und Unterstützung profitieren können.

Die Strategie, die im Bericht beschrieben wird, stärkt von HIV/AIDS betroffene Familien und geht gleichzeitig darüber hinaus, Einzelfälle herauszugreifen und bis zu einem gewissen Grad auch zu stigmatisieren. Jlica ist überzeugt, dass sie den Weg bereitet für ein neues Modell von Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit, das den fatalen Folgen, die die Verflechtung von Krankheit, Armut, Ungleichheit und Lebensmittelknappheit angerichtet hat, Kraftvolles entgegen zu setzen hat.

Karin Demuth SOS-Kinderdorf International, Programme Development


© Katja Snozzi

Zum Weiterlesen

und ausserdem… Yes, they can! Children researching their lives Fiedler, Julia / Posch, Christian (2009), Baltmansweiler, Schneider Verlag Hohengehren GmbH. € 19,80.- Nur auf Englisch erhältlich. Beziehbar über researchingchildren@sos-kd.org oder www.paedagogik.de „Wenn Wissen zündet. Wissenskommunikation in der internationalen Non-Profit-Organisation SOS-Kinderdorf“ Lechner-Kreidl, C. / Hilweg, W. / Nguyen-Feichtner, M. / Reinhardt, R. (2006), Haupt, Bern / Stuttgart / Wien. Beziehbar in Deutsch, Englisch oder Spanisch über academy@sos-kd.org oder im Buchhandel. Fremd und doch zu Hause. Qualitätsentwicklung in der Fremdunterbringung Hilweg, W. / Posch, C. (2008), Schneider Verlag Hohengehren, € 18.Beziehbar über academy@sos-kd.org oder im Buchhandel.

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SOS kinderdorf forum HIV/AIDS: Positiv leben

Nr. 40 - 2010 - SOS-Kinderdorf International / Programme Development

FORUM No. 40: HIV/AIDS: Positiv leben  

Weltweit sind 2,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren mit HIV infiziert. SOS-Kinderdorf hilft und unterstützt tausende von Kindern, die an AIDS...

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