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INTERVIEW: LEONARDO BOFF BRASILIEN – PATRIA A(R)MADA DER SUPERMARKT DER WELT EINE BRÜCKE ZUR WELTKIRCHE

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MAGAZIN FÜR WELTWEITE MENSCHENWÜRDE UND GERECHTIGKEIT

Foto: CPT Bahia

Hoffnung für unsere Zukunft Waldbrände, Vertreibungen, Klimakrise: Das Gleichgewicht der Erde ist in Gefahr. Die Amazonien-Synode im Vatikan will Lösungswege aufzeigen. 1


INTERVIEW

„Wir sind Geiseln des Kapitalismus“ Leonardo Boff ist einer der bekanntesten Befreiungstheologen. Im Interview spricht er über die globale Bedeutung Amazoniens, den Raubbau in Brasilien und seine Hoffnungen an die Amazoniensynode in Rom.

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er Amazonas-Regenwald wird im Rekordtempo abgeholzt, riesige Waldflächen brennen. Welche Bedeutung hat Amazonien für Brasilien? LEONARDO BOFF: Amazonien ist sehr wichtig für die Menschheit und das Ökosystem. Es erstreckt sich über neun Länder, wobei etwa zwei Drittel in Brasilien liegen. Aus einer ganzheitlichen Perspektive ist der Amazonas ein Erbe des lebendigen Planeten, ein Gemeingut der Menschheit. Brasilien besitzt den Amazonas nicht, doch es geht verantwortungslos mit ihm um: Rodungen und die Gewinnung von Rohstoffen werden in großem Umfang ermöglicht. Die Bevölkerung und ihr Lebensraum werden nicht geschützt. Dabei sind die Indigenen wichtig, weil sie wissen, wie man vom Wald lebt, ihn respektiert und schützt. Sie sind unsere Lehrmeister für eine neue Form der Beziehung zur Natur: Nicht Ausbeutung, sondern eine verantwortungsvolle, nachhaltige Nutzung der Ressourcen, damit sie sich immer wieder regenerieren können. Leben erhalten und produzieren. Die Regierung von Bolsonaro hat keine Ahnung davon. Der Amazonas ist für sie eine Gelegenheit zur Ausbeutung und Anhäufung von Reichtum. Dies ist auch der Grund, warum er alle Einrichtungen zum Schutz des Regenwaldes demontiert. Wir müssen die Erde als ein gemeinsames Haus errichten, anstatt die besonderen Interessen von Ländern wie Brasilien und den USA zu verteidigen, die im Amazonasgebiet sehr präsent sind. 2

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Wünschenswert wäre eine Gesellschaft, in der Wirtschaft und Politik dem Leben dienen und nicht dem Markt.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Raubbau in Amazonien und dem Lebensstil in Europa? Wir sind alle Geiseln des globalisierten Kapitalismus, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Ständig müssen wir unsere Handys, Computer, Schuhe, Autos oder Uhren gegen neue austauschen. Diese Kultur lebt von einer doppelten Ungerechtigkeit: einer sozialen, die einen Großteil der Menschen in Armut und Elend zurücklässt. 20 Prozent der Menschheit verbrauchen vier Fünftel der natürlichen Ressourcen. Die anderen 80 Prozent müssen sich mit dem Rest begnügen. Die zweite Ungerechtigkeit ist ökologisch: Ganze Ökosysteme werden zerstört. In Amazonien entnehmen große multinationale Konzerne Holz, Mineralien und Pflanzenextrakte für die Medizin. Derzeit werden ganze Regionen entwaldet, um Sojaanbau und Viehzucht für den Export zu ermöglichen. Der Lebensstandard der reichen Länder, einschließlich Europas, kommt

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zum Teil vom Überfluss, der aus den rohstoffreichen lateinamerikanischen Ländern stammt. Wissenschaftler haben nachgewiesen: Wenn die reichen Länder ihren Lebensstil auf die gesamte Menschheit übertragen wollten, bräuchten wir mindestens drei Planeten. Was offensichtlich unmöglich ist. Aber es zeigt die Irrationalität des Systems und, was noch schlimmer ist, die mangelnde Solidarität zwischen Ländern und Völkern, um ein würdevolles Leben für alle zu garantieren. Welche Verantwortung trägt Präsident Jair Bolsonaro für die aktuelle Entwicklung in Amazonien? Bolsonaro ist der unfähigste und brutalste Präsident, den die brasilianische Geschichte hervorgebracht hat. Er hat kein Gefühl für den Schutz des Amazonas und eine erklärte Verachtung für die Indigenen, weil er sie für rückständig und für ein Hindernis für die Entwicklung hält. Unter Missachtung der nationalen Souveränität hat Bolsonaro ein Abkommen mit USPräsident Trump geschlossen, das den Schutz des Amazonas und die Gewinnung von Mineralien und anderen Ressourcen, die für neue Technologien unerlässlich sind, an die USA überträgt. Dies ist so, als ob der Fuchs in den Hühnerstall eindringt. Wie war es möglich, dass ein derart umstrittener Politiker wie Bolsonaro zum Präsidenten gewählt wird? Es war für alle eine Überraschung. Heute wissen wir, dass die Wahlstrategie für Brasilien im US-Staatssekre-


KOMMENTAR

Amazonien in Gefahr ZUR PERSON

Leonardo Boff ist einer der bekanntesten und profiliertesten Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und Professor für Ethik und Theologie in Rio de Janeiro. Im Jahr 1985 erteilte der Vatikan Boff ein einjähriges Rede- und Lehrverbot, durch das er weltweit bekannt wurde. Für die Umweltenzyklika „Laudato si“ (2015) forderte Papst Franziskus auch Material von Boff an und ließ einige Gedanken in den Text einfließen. Foto: KK

tariat festgelegt wurde, um die Wahl von Ex-Präsident Lula zu verhindern. Die herrschenden Klassen hatten nie akzeptiert, dass ein aus ärmlichen Verhältnissen stammender Arbeiter wie Lula Präsident wurde und fast 40 Millionen Menschen in die moderne Gesellschaft integrierte. Die Elite unterstützte Bolsonaro, der mit seinem radikalen Wirtschaftsprogramm ganz rechts steht. Es wurde ein Sündenbock für die Korruption geschaffen. Millionen „Fake News“ haben den Wahlkampf dominiert. Hass und Spaltung wurden verbreitet. Diese Faktoren, zusammen mit der Wirtschaftskrise, ließen Bolsonaro die Wahl gewinnen. Seither gab es harte Kürzungen bei den Sozialausgaben. Eine Million Familien sind aus der Armut ins Elend gestürzt. Aber ich glaube, dass sich Bolsonaro bald aus der Politik zurückziehen wird, weil selbst seine Unterstützer die wirtschaftliche und soziale Katastrophe spüren, die er verursacht hat. Im Oktober findet die Amazoniensynode der katholischen Kirche statt. Was erwarten Sie sich davon? Ich habe große Hoffnung auf Veränderungen in der Kirche. Papst Franziskus hat sich aus zwei Gründen für Amazonien entschieden: aus ökologischen, weil er weiß, dass es für unser Überleben von grundlegender Bedeutung ist.

Die globale Erwärmung, die zunehmende Verknappung von Trinkwasser und die Erschöpfung der Ressourcen bedrohen uns ernsthaft. Die Enzyklika „Laudato si“ zeigt deutlich, wie wichtig eine ganzheitliche Ökologie ist. Amazonien ist von wesentlicher Bedeutung für das Gleichgewicht der Erde. Zweitens ist die Region ein günstiger Ort, um Veränderungen in der Kirche zu versuchen, wie die Ordination von verheirateten Männern. Der Klimawandel ist ein großes Thema. Was müsste geschehen, um die Klimakrise einzubremsen? Die globale Erwärmung ist zu 95 Prozent durch den Menschen verursacht. Eine endliche Erde unterstützt kein Projekt des unendlichen Wachstums – die vorherrschende Ideologie. Sie reagiert, indem sie ihre Grenzen zeigt, mit extremen Wetterereignissen: Dürren, Überschwemmungen, harten Wintern, sehr heißen Sommern. Wenn wir unser Paradigma nicht ändern, werden wir eine beispiellose ökologische und soziale Katastrophe mit Millionen von Opfern erleben. Wir müssen radikale Veränderungen vornehmen. Wünschenswert wäre eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft und Politik dem Leben dienen und nicht dem Markt. Interview: Christian Köpf

Dietmar Schreiner, Welthaus

Die Medien, die über die verheerenden Brände in Amazonien berichteten, haben auch auf die Bedeutung dieses Gebiets für das Weltklima hingewiesen. Durch die Waldbrände wurde der Raubbau im Amazonasgebiet für breite Bevölkerungsschichten deutlich. Papst Franziskus und vielen Bischöfen ist der Blick auf die ökologische und wirtschaftliche Situation in Amazonien schon länger wichtig. Deshalb hat der Papst auch zur Amazoniensynode nach Rom gerufen. Es geht aber dabei nicht nur um Amazonien. Vielmehr ist es ein Beispiel für den weltweiten Raubtierkapitalismus, der sich immer mehr breitmacht. Natürlich ist die Situation in Amazonien von besonderer Brisanz. Die Menschen, besonders die vielen indigenen Völker, brauchen jetzt unsere Solidarität. Thema der Synode ist aber nicht nur die wirtschaftliche Ausbeutung der Region, die enorme ökologische Auswirkungen hat, sondern auch die prekäre pastorale Situation der Menschen in den entlegenen Regionen. Oft dauert es ein Jahr oder mehr, bis wieder ein Priester im Dorf vorbeikommt. Somit können die Menschen nur ganz selten Eucharistie feiern. In der Zwischenzeit leben die Gemeinden ohne Eucharistie, geleitet von Frauen und Männern, die das Gemeindeleben aufrechterhalten. Deshalb wird ein wichtiger Punkt bei der Synode sein, inwieweit die Katholische Kirche auch andere und neue Ämter schafft.

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THEMA BRASILIEN

Patria a(r)mada In Brasilien spitzt sich die ohnehin schwierige Lage für die arme Landbevölkerung des Nordostens weiter zu: Die geliebte Heimat (Patria amada) wird zunehmend militarisiert (Patria armada) – im Kampf um fruchtbare Böden und Wasser.

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ch habe nicht vor, von hier fortzugehen. Von hier geht es für mich nur mehr auf den Friedhof, denn mein Leben ist hier.“ Elia Sodré do Nascimento, eine Bäuerin am Rio Sao Francisco, der Lebensader im trockenen Nordosten Brasiliens, spricht klare Worte. Seit Generationen leben Kleinbauernfamilien, Fischer und traditionelle Gemeinschaften hier. Eine dringend notwendige Landreform sollte deren Besitzrechte und jene der indigenen Bevölkerung regeln. Seit Agrarkonzerne die Fruchtbarkeit der Böden entdeckt haben, sind die Artenvielfalt und die traditionelle Kultur durch (Brand-)Rodungen, Sojamonokultur, Bergbau, Viehzucht und Staudämme bedroht. Pestizide verschmutzen die Umwelt. Quellen versiegen, Wasser wird knapp. Wohin steuert das Land? Während Anfang der 2000er Jahre die Rechte der armen Bevölkerung da und dort verbessert werden konnten, werden vor allem mit der Regierung Jair Bolsonaros ihre Rechte zugunsten von Agrarkonzernen und der Industrie wieder systematisch und brutal zurückgeschnitten. Der ultrarechte Prä4

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sident macht keinen Hehl daraus, dass er Indigene genauso wie Landlose, Schwarze, Arme oder Homosexuelle verachtet. Mit der Umsetzung seines Wahlversprechens, Brasilien zu „säubern“, hat er kurz nach dem Amtsantritt begonnen. Hilfsorganisationen werden seither systematisch in ihrer Arbeit behindert. In seit Jahrzehnten nicht mehr dagewesener Art werden Kleinbauern und Sprecher von Landlosenbewegungen erschossen. IM NAMEN GOTTES Den wirtschaftlichen Interessen wird alles untergeordnet: Da werden Klimakrise und Landrechte geleugnet, Demokratie und Menschenrechte verachtet. Alles angeblich im Namen Gottes – gemäß dem Slogan seiner Wahlkampagne „Brasilien über alles, Gott über allem“, den Jair Messias Bolsonaro bei Reden oft benutzt. Damit „propagiert und legitimiert er eine Kultur der Gewalt“, wie der Befreiungstheologe Leonardo Boff feststellt: „Welcher Gott ist es, der den Armen die Rechte entzieht und den wohlhabenden Schichten Privilegien

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gibt?“ Seit Bolsonaros Übertritt zur evangelikalen Universalkirche 2016 fand er bei den Wahlen gerade in den wachsenden evangelikalen Gemeinden große Unterstützung – auch wenn aktuelle Umfragen langsam ein anderes Bild zeichnen. Bisher geschützte Flächen wurden für die Landwirtschaft freigegeben. Es gab bereits Ankündigungen, dass Gemeinden, die ihr Land bereits zugesprochen bekommen hatten, neu überprüft werden sollen. KLIMAWANDEL IST PANIKMACHE? Auch die Umwelt hat derzeit schlechte Karten. Die Warnungen der Wissenschafter vor dem Klimawandel werden als Panikmache bezeichnet. Der Amazonas-Regenwald gilt als grüne Lunge der Erde und wichtigster CO2-Speicher. Seit Bolsonaro die Macht in Brasilien übernommen hat, beschleunigt sich die Abholzung des Regenwaldes rasant. Das Budget für den Klimaschutz wurde fast vollständig abgeschafft. Europäische Länder haben ihre Hilfszahlungen nach alarmierenden Berichten auf Eis gelegt.


Foto: Gerd Neuhold

KOMMENTAR

Das hatte lediglich verbale Rundumschläge des brasilianischen Präsidenten zur Folge. Mit „Der Amazonas gehört uns, nicht euch!“ verbittet er sich jede Einmischung von außen. Das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den MERCOSURStaaten (darunter Brasilien) droht auch ob dieser Politik von einigen Ländern der EU nicht ratifiziert zu werden (siehe auch Seite 6). Davon zeigt sich Bolsonaro wenig beeindruckt, weiß er doch US-Präsident Donald Trump hinter sich.

Angesichts dieser aktuell tristen Lage ist es schwer, voll Hoffnung in die Zukunft zu schauen. Dennoch ist es gerade das, was die Menschen in Brasilien jetzt dringend brauchen: Mut und Zuversicht, dass jemand da ist, der mit ihnen versucht, ihre Situation zum Guten zu wenden. Hier muss Unterstützung weit über humanitäre Hilfe hinausgehen: Damit die Benachteiligten Möglichkeiten erlangen, ihre Rechte einzufordern und durchzusetzen.

UNSER GEMEINSAMES HAUS BRENNT!

die Chance, etwas zu ändern und die Weichen neu zu stellen. Neben der Klimakrise geht es auch um Demokratie, zivilrechtliche Institutionen und Menschenrechte – wie das Beispiel Brasilien zeigt: Ausbeutung von Mensch und Natur durch das Agrobusiness, Kampf um Land und Wasser. Was kann/muss die Zivilgesellschaft dagegen tun? Es braucht einen Systemwandel. Agrobusiness zerstört die Umwelt. Wie kann sich die benachteiligte Bevölkerung zur Wehr setzen?

Renata Costa de Albuquerque und José Plácido da Silva Junior berichten über das Leben unter der aktuellen Regierung Brasiliens. 1. bis 15. November 2019 Veranstaltungstermine in der Steiermark: graz.welthaus.at oder 0316/32 45 56.

Krisen spitzen sich zu, wir sind am Scheideweg. Wir haben JETZT noch

Gelebte Partnerschaft Elisabeth Fritzl, Pastoralassistentin

Seit vier Jahren arbeite ich als Pastoralassistentin im Pfarrverband Christkönig–Schutzengel in Graz. Da es bereits lange eine Partnerschaft zwischen dem Arbeitskreis für Weltkirche mit der Kommission für Landpastoral (CPT) in Bom Jesus da Lapa gibt, beschloss ich 2018, auch „einmal im Leben“ an der Reise nach Brasilien teilzunehmen. Nun darf ich heuer im Rahmen unserer Diözsanpartnerschaft, die letztes Jahr anlässlich des 800-Jahr-Jubiläums eingerichtet wurde, fast drei Monate lang kirchliches Leben in Bom Jesus da Lapa kennenlernen. Für mich ist es ein großes Geschenk, als Vertreterin unserer Diözese ganz konkret in einen Teil unserer Weltkirche einzutauchen. Ich darf eine neue Sprache lernen, damit ist immer auch eine neue Kultur verbunden. Ich erwarte mir, konkrete Handlungsfelder von Pastoral kennen zu lernen, mit engagierten Menschen in Kontakt zu kommen, Kirche einmal anders zu erleben und für mich persönlich einen Perspektivenwechsel. Besonders spannend finde ich, dass während dieser Zeit in Rom auch die Amazonien-Synode stattfindet. Für unseren Pfarrverband und die Diözese erhoffe ich, dass es mir gelingt, Lust darauf zu machen, Kirche auch bei uns anders denken zu lernen. In meinem Blog werde ich regelmäßig über meine Erfahrungen berichten: https://fraternidadebrasil. tumblr.com/

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AUSGEWÄHLTE PROJEKTE KOMMENTAR

Radio als einzige Bildungsquelle

Guatemala ist gekennzeichnet von extremer Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Stadt und Land. Das Hochland ist geprägt von exportorientierter Agrarproduktion von Kaffee, Zuckerrohr, Palmöl, Bananen und Kautschuk – in der Hand weniger Großgrundbesitzer. Die mehrheitlich indigene Bevölkerung lebt von Subsistenzwirtschaft und als Tagelöhner unter oft extrem armen Bedingungen. Der Staat investiert kaum in das Gesundheits- und Bildungssystem. Hinzu kommen immer mehr Konflikte rund um die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen: Megaprojekte im (Gold-)Minenbereich und Wasserkraftwerke – auf dem Rücken der Indigenen. Proteste dagegen sind lebensgefährlich. Wesentlich bei der Durchsetzung der Rechte der MayaVölker ist die Kommunikation: Über Gemeinschaftsradios, Pressekonferenzen und Beiträge in sozialen Medien wird auf die prekäre Lage der benachteiligten indigenen Bevölkerung aufmerksam gemacht. Radios sind oft die einzige Informations- und Bildungsquelle für die Menschen, die weit abgelegen in den Bergen leben. Junge Menschen werden als KorrespondentInnen ausgebildet, die in Radiosendungen über Entwicklungen abseits der Massenmedien berichten. Mit dem kürzlich zum Kardinal ernannten Bischof Alvaro Ramazzini, einem Initiator der Gemeinschaftsradios, verbindet Welthaus in Guatemala eine langjährige gute Kooperation.

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WelthausInfo

Foto: Incupo

Gabi Gmeindl, Welthaus

Leben im Einklang mit der Natur ist im Selbstverständnis der Indigenen tief verankert.

Der Supermarkt der Welt

In Argentinien ist der Nahrungsmittel-Export lukrativ für wenige. MERCOSUR verschlechtert die Lage für Mensch und Umwelt.

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as in Österreich auf dem Teller, im Futtertrog oder im Tank landet, hat oft einen weiten Weg hinter sich: Neben Brasilien setzt auch Argentinien massiv auf den Export von industriellen landwirtschaftlichen Produkten. Riesige Monokulturen dehnen sich immer weiter aus. Für das Agrobusiness ist die Produktion von Soja, Fleisch, Mais, Zuckerrohr, Ethanol … ein lukratives Geschäft. Für einige wenige – vor allem internationale – Konzerne. Die Rechnung dafür ist hoch: Die dort lebenden Menschen werden vielfach vertrieben, die Natur wird rücksichtslos ausgebeutet, Chemiekeulen schaden Mensch und Natur. Das nach dem Amazonas zweitgrößte Ökosystem Südamerikas – der Gran Chaco – ist ebenso massiv von Abholzung bedroht wie das Amazonasgebiet. Das würde sich mit dem geplanten MERCOSUR-Abkommen verschärfen: Schon jetzt sind massive Verschlechterungen bei Menschenrechten, Klimaund Umweltschutz zu beobachten. Angriffe auf Menschen, die ihr Land oder ihre natürlichen Ressourcen verteidigen, nehmen zu. Besonders betroffen

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sind Idigene. Das Abkommen droht mit einer Ausweitung der Soja- und Fleischproduktion die kritische Situation in Lateinamerika weiter zu verschärfen. In der vorliegenden Form des Vertrags sind Menschenrechtsverletzungen sowie Verstöße gegen Umweltund Klimaschutz nicht sanktionierbar und würden dem Menschenrechtsanspruch der EU zuwiderlaufen. Die Ablehnung durch den österreichischen EU-Unterausschuss zeigt, dass hier noch Verhandlungsbedarf besteht. Welthaus hatte mit 38 anderen Organisationen in einem offenen Brief gegen die Ratifizierung in der derzeitigen Form erfolgreich protestiert. Trotz mangelnder Ressourcen sind es bäuerliche Familienbetriebe, die 80 % der weltweiten Nahrungsmittel produzieren. „Indigene und Kleinbauern leben im Einklang mit der Natur, in ihrem Selbstverständnis ist der Schutz unserer Umwelt tief verankert. Die Stärkung von Familien und der indigenen Bevölkerung würde der Weltgemeinschaft so vieles ersparen“, so Juan C. Figueredo vom argentinischen Welthaus-Projektpartner INCUPO.


BILDUNGSANGEBOTE

Eine Brücke zur Weltkirche Pfarren und Seelsorgeräume können mit Welthaus aktiv für eine gerechte Welt werden.

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limakrise, Migration, soziale Ungleichheit: Die großen globalen Themen bewegen auch viele Menschen in den steirischen Pfarren. Das Welthaus der Diözese Graz-Seckau möchte Ihnen tiefere Einblicke in weltweite Zusammenhänge ermöglichen, abseits der täglichen Informationshappen in den Medien. Mit einem vielfältigen Angebot möchte das Welthaus-Team die Pfarrbevölkerung aber auch zu weltkirchlichem Engagement bewegen. Workshops für Firmgruppen sowie für Schulen und Erwachsene ermöglichen spannende Begegnungen und zeigen Zusammenhänge zwischen unserer Lebensweise und dem Lebensalltag von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika auf. Dabei erfährt man zum Beispiel, was das Wiener Schnitzel mit dem Abholzen des Regenwaldes in Brasilien zu tun hat. In einem anderen Workshop begibt man

Ein Gruppe der Pfarre St. Christoph/Thondorf spielt im Welthaus das WeltSpiel.

sich auf auf eine spannende Entdeckungsreise durch die eigene Gemeinde auf der Spur unserer Nahrungsmittel. Oder man lernt internationale Gäste von Welthaus kennen, die sich in ihren Heimatländern für bessere Lebensbedingungen einsetzen. Darüber hinaus veranstaltet Welthaus regelmäßig Vorträge, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Filmabende und Ausstellungen zu wichtigen glo-

balen Themen. Informationen zu den aktuellen Veranstaltungen finden Sie auf der Website: graz.welthaus.at Wer selbst aktiv für eine gerechte Welt werden möchte, erhält beim Welthaus Beratung aus erster Hand. Das Team berät Sie bei der Unterstützung von Entwicklungsprojekten und beim Aufbau von solidarischem Engagement. Infos: ernst.zerche@welthaus.at

Mediathek im Welthaus Bürgergasse 2, Graz T. 0316/324556-15 mediathek@welthaus.at

ÖFFNUNGSZEITEN

WIR SCHÄRFEN IHREN WELTBLICK

Mo–Fr 9–12 Uhr Mo–Do 13–16 Uhr und nach Vereinbarung

RECHERCHE

graz.welthaus.at/mediathek Über 4500 Medien zu spannenden globalen Themen! Neben CDs, DVDs, Sachbüchern, Zeitschriften und Literatur können auch Unterrichtsmaterialien, Karten und Spiele entlehnt werden (Jahresbeitrag 10 Euro, erm. 7 Euro).

REGIONALSTELLEN Besuchen Sie uns in den Stadtbüchereien in Fürstenfeld, Gleisdorf, Kapfenberg, Knittelfeld, Leoben, Liezen, Mürzzuschlag und Weiz.

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JUBILÄUM

50 Jahre Menschen Hoffnung geben

Welthaus stärkt Menschen in Entwicklungsländern. Bischof Krautwaschl besuchte sie.

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So werden etwa Kleinbauern in Lateinamerika, Asien und Afrika bei der Überwindung von Armut unterstützt, aber auch Straßenkinder in der Ukraine und Roma in der Slowakei. Von der Wirksamkeit der Projekte konnte sich Bischof Wilhelm Krautwaschl bei seinen Besuchen in Tansania (Foto) und Guatemala überzeugen. Er meint: „Auch wenn es nicht immer sofort sichtbar ist – die Projekte greifen: Sie werden mit den Betroffenen auf Augenhöhe entwickelt und sind so nachhaltig angelegt. Und damit wird den Menschen vor Ort Hoffnung gegeben.“

Foto: Alexander Auer

rojekte zur Bekämpfung von Armut, für Menschenrechte und Bildung in über 50 Ländern. Weit über 2000 Bildungsveranstaltungen mit Kindern, Jugendlichen & Erwachsenen in der Steiermark: Das ist die stolze Bilanz von Welthaus, das in Kürze 50 Jahre alt wird. Was 1970 als EinMann-Betrieb begann, ist heute die größte entwicklungspolitische Organisation der Steiermark. Von Anfang an stand dabei der Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenwürde im Mittelpunkt – unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung.

Wallfahrt Weltkirche Sonntag, 6. Oktober 2019, 14 Uhr Von der Pfarrkirche Graz St. Peter zum Missionshaus Messendorf

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er sich bewegt, hinterlässt Spuren. Auf die Spuren von Menschen im Seelsorgeraum Graz-Südost begeben wir uns auf der gemeinsamen Wallfahrt durch den Osten von Graz. Mit Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl und mit Gästen aus unseren

Hilfsprojekten machen wir im gemeinsamen Gehen, Reden und im Beten eine solidarische Weltkirche erfahrbar. Eine Kooperation von Welthaus, Missio, kfb – Aktion Familienfasttag, KMB – Aktion Sei so frei, Caritas Steiermark und Dreikönigsaktion.

WELTHAUS IST eine Einrichtung der Katholischen Kirche Steiermark zur weltweiten Verwirklichung von Menschenwürde und Gerechtigkeit. Seit 1970 verbessert Welthaus gemeinsam mit lokalen Organisationen die Situation von Armen in Entwicklungsländern und Osteuropa. In Österreich weckt Welthaus die Bereitschaft zu einem Engagement für gerechte globale Beziehungen. Welthaus setzt sich für bessere Lebensbedingungen weltweit ein, steht für einen bewussten Umgang mit den natürlichen Ressourcen und zeigt globale Zusammenhänge auf. Welthaus Diözese Graz-Seckau Bürgergasse 2, 8010 Graz Tel. +43 316 324556 graz@welthaus.at graz.welthaus.at Spendenkonto: AT79 2081 5000 0191 3300 Impressum: Medieninhaber und Herausgeber: Welthaus Diözese Graz-Seckau, Bürgerg. 2, 8010 Graz Tel. 0316 324556, E-Mail: graz@welthaus.at Redaktion: Christian Köpf, Viktoria Schichl, Elisabeth Fritzl, Gabi Gmeindl, Dietmar Schreiner. Layout: V. Schichl. Fotos (wenn nicht anders angegeben): Welthaus, Ernst Zerche. Druck: Druck Styria GmbH & Co KG, 8042 Graz. Erscheinungsort: Graz. Verlagspostamt: 8020 Graz

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