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Inhalt

„Everybody knows a little place like Kokomo, let´s get there fast and then we´ll take it slow.“

Ouvertüre

Seite 2

The great Escape

Seite 10

Let´s get physical

Seite 34

And in the End

Seite 48

2. In Büchern, Filmen oder Computerspielen haben Menschen sich verschiedene fremde Welten 1. An welchen Orten fühlst kreiert. Was sind erdachte Plätze, du dich besonders wohl? an denen du gerne leben würdest? Was zeichnet diese aus? Warum gerade an diesen?

Die Interviewfragen

3. Dass wir in keiner perfekten Welt leben ist offensichtlich. Wie 4. Gibt es einen Weg dahin? wäre sie für dich ein besserer Ort? Wie könnte dieser aussehen? Welche Dinge wären anders? Welche Gefahren gibt es auf ihm?


Die Einleitung Wer sich, wie ich, als Kind einst mit der Taschenlampe unter der Bettdecke versteckte, um ein Comic oder ein Buch gegen den Willen der Eltern weiterlesen zu können, wer sich am nächsten Morgen dann noch vor Sonnenaufgang wieder vor den Fernseher klemmte, da Ducktales schon ab 6.15 Uhr lief und dann nachmittags den Kakao zu Star Trek - The next Generation zu sich nahm, der wird den Reiz verstehen, der von erdachten Orten ausgeht. Man braucht auch keine allzu offenen Augen, um zu sehen, dass die Welt, so wie sie eingerichtet ist, kein Platz ist, an dem man nicht gerne in der Fantasie wandert. In „Kokomo“ möchte ich, von meiner persönlichen Perspektive ausgehend, „untersuchen“, was diese Orte auszeichnet, die wir uns ausmalen, welche Zusammenhänge es zwischen den Utopien, also „Nicht-Örtlichkeiten,“ in Science Fiction, Religion oder den politischen Bewegungen geben könnte und wie diese sich gegenseitig beeinflussen. Auf dieser Reise sind vor allem Zeichnungen in Kombination mit kleinen Texten entstanden. Alles sehr subjektiv und weitab von jeder Garantie auf Vollständigkeit. Ein Teil der Arbeit sind auch Interviews, die ich mit Personen geführt habe, deren Einstellungen ich herausfinden wollte. Auch wenn ich vielleicht nicht alles, was in ihnen steht für richtig halte, finde ich sie dennoch spannend. 3


K-M-S.

Ist das hier schon die Innenstadt? In meinem Ausweis steht als Geburtsort immer noch der Name der Stadt, deren Namensgeber sich nach bestem Wissen des Autors nie in dieser aufgehalten hat. Ob er sich in ihr wohlgefühlt hätte, nachdem sie nach der realsozialistischen Interpretation seiner Theorien umgestaltet wurde, wage ich zu bezweifeln. Der Wechsel der Ideologien ist sicherlich ein Fakt, der an den Bewohnern des heutigen Chemnitz nicht vorüber gegangen ist. Wenn man sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt und sie in ihren Straßen nachfühlt, so entdeckt man die alten Maschinenfabriken, in denen im 19. Jahrhundert der Frühkapitalismus seine Blüten trieb und die der Stadt die Namen „Rußchams“ oder „Das sächsische Manchester“ gaben . Ihre Bedeutung für Deutschlands industrialisierte Barbarei in der Zeit des Nationalsozialismus führte dazu, dass die Stadt ein wichtiges strategisches Ziel für die alliierten Bombenangriffe wurde. Dadurch lässt sich eines fast gar nicht mehr entdecken: ein historischer Stadtkern. 1953 wurde die Stadt in Karl-Marx-Stadt umbenannt, diesen Namen sollte sie bis zu einer Volksabstimmung im Jahr 1990 behalten. In den Nachkriegsjahren beschloss die DDR-Regierung die Stadt zu einer sozialistischen Musterstadt umzugestalten. Dieser Prozess dauerte ganze drei Jahrzehnte an und hinterließ eine Mischung aus extravaganten Betonkonstruktionen und riesigen, mit Plattenbauten bestückten Flächen. Nach der „Wende“ erlebte Chemnitz das Schicksal vieler ostdeutscher Industriestädte: eine stets gut zweistellige Arbeitslosenquote, eine extrem starke Abwanderung und eine brachliegende „Kultur„. So wird für Chemnitz prognostiziert, dass es in absehbarer Zeit ein ganz besonderer Topos werden könnte, die Stadt mit dem höchsten Durchschnittsalter in Europa. Was das mit fiktiven Orten zu tun hat? Gute Frage. Ich würde sagen, dass die verschiedenen ideologischen Umgestaltungsversuche in der Stadt bei ihren Bewohnern einen Blick dafür hinterlassen haben, wie verschiedene Sichtweisen der Welt sich auf einen Ort auswirken können, wie die Wahrnehmung eines Raums vom allgemeinen Denken bestimmt wird. Chemnitz hat in Graden erlebt, was passiert, wenn Utopie an einem Ort umgesetzt wird. Vielleicht hat dies auch meine Auseinandersetzung mit dem Thema angestoßen. Vielleicht auch nicht. 6


Anna Gobeli

Anna Gobeli ist 14 Jahre alt und Schülerin in der 8. Klasse. Sie lebt in Chemnitz und hat für mich ein paar Fragen schriftlich beantwortet. 1. Wohnzimmer, Ruhe, Entspanntheit 2. Ich würde gerne in Hogwarts („Harry Potter“) leben oder in Camp Half Blood („Percy Jackson“). Weil man dort viele Abenteuer erlebt. 3. Ein grüner Ort. Es wäre Frieden und nicht so viel Beton etc., sondern mehr grün. 4. Bäume pflanzen, Umwelt mehr schützen, Umweltorganisation beitreten. Frieden auf der Welt: Gefahr = Krieg, unterschiedliche Definitionen von Frieden und Gerechtigkeit. 7


Schall & Rauch Noch 5 Minuten! Für mich war es als Kind eine der absoluten Lieblingsbeschäftigungen, die Eltern zu betteln eine Märchenplatte aus dem Schrank zu holen, die Anlage anzumachen, um dann unter Rumpeln und Knistern einen Kopfausflug zu machen. Auch wenn die Tonträger sich mittlerweile verändert haben, ist dies eine Beschäftigung, die bei Kindern zur festen Tradition des Aufwachsens gehört. Was gab es schöneres als auf dem Sofa hüpfend die Lieder mitzugröhlen und dann auch beim tausendsten Mal anhören immer noch dem Happy End entgegenzufiebern. Die Möglichkeit vom Kinderzimmer oder dem Wohnzimmer aus in vollkommen unbekannte Welten vorzudringen, ist aber auch toll. Meine Kindheitsfavoriten sind auf jeden Fall die Lakomy-Platten („Dicke Tante Litfass, hör mal her!“), die ganzen Sandmannhelden-Hörspiele, Gerhardt Schönes „Kinderland“ und später dann auch gerne das Kassettenprogramm von Karussell. Hachja. Hachja. 12


Geografische Utopien Here be Dragons! In den Zeiten, in denen die Menschheit noch nicht die technischen Mittel für die Erfassung der Gestalt unserer Erde besaß, wie wir sie heute zu Verfügung haben, war sie auf die Berichte und Karten von Entdeckern und Seefahrern angewiesen. Dadurch, dass deren Darstellungen häufig fehlerhaft und von mythischen Vorstellungen geprägt waren, kam es nicht selten dazu, dass man fest an die Existenz von Orten glaubte, die sich später als Fiktion herausstellten. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Phantominseln, die auf alten Karten zu finden sind. So soll es westlich neben Irland noch die reiche Insel Hybrasil gegeben haben, die vom Nebel umschlossen und dadurch nur an sieben Tagen im Jahr sichtbar sein sollte. Eine andere Quelle für solche Orte waren nicht selten Sagen und Überlieferungen. Das wohl berühmteste Beispiel ist Atlantis, das der griechische Philosoph Platon in seiner „Kritias“ beschrieb. Dieser mythische Ort soll westlich der Säulen des Herakles, also der Meeresenge von Gibraltar gelegen haben. Eine nordeuropäische Variante davon ist die ebenso versunkene Stadt Vineta in der Ostsee. Diese soll laut der Sage immer mit ihren Glockenschlägen in die Tiefe des Meeres zu hören sein. Es gibt auch moderne geografische Utopien. Obwohl man im Grunde sehr genau weiß, wie die Erde aufgebaut ist, gibt es immer noch Orte, die zwar an sich existieren, aber um deren wahren Charakter sich Mythen und Verschörungstheorien sammeln. Die Area 51 im Bundeststaat Nevada der Vereinigten Staaten ist ein gutes Beispiel. Einerseit gibt es tatsächlich diese militärische Sperrzone,die lange geheim gehalten wurde und auf der die Airforce Testflüge macht, andererseits ranken sich auch endlose Legenden um angebliche UFO-Abstürze und geheime technische Forschungsstationen. Ein anderes Beilspiel ist das legendäre Bermudadreieck. 13


Area 51

El Dorado

Das Bermudadreieck

Atlantis

Hybrasil

Thule Avalon


Vineta Ogygia Reich des Priesterkรถnig Johannes Eden

Lemuria

Shangri-La


Tim Wiedemann

Mein Cousin Tim Wiedemann ist 25 Jahre alt und ein großer Fan von vielerlei Form von Fiktion. Deswegen wurde auch er ein Interview-Kandidat.

1. . Orte an denen ich mich wohlfühle wären durch die besonderen Leute ausgezeichnet, welche ich mag und die mir wichtig sind, wo ich mich gemocht und wichtig fühlen kann, genau das was ich mag und mir wichtig ist. 2 Fiktive Orte, an den ich gerne leben würde wären auf eine gewisse Art magisch, im Grunde eine Mischung aus meinen meist geliebten Fantasygeschichten wie Tintenherz, Ronja Räubertochter und Lila Black, mit dieser wunderbaren Geschichte von drei miteinander verwobenen Realitäten mit trügerischen und listigen Feen, eleganten, aber grausamen Elfen und noch grausameren und trügerischeren, Spiele liebenden Dämonen, bei dem man normalerweise nie gewinnt, weil nur sie die Regeln kennen. 3. Ich würde etwas mehr Toleranz und soziale Fairness gut finden, es gibt zu viele sozial benachteiligte Leute da draußen in der Welt, gerade jetzt! Wir müssten auch mit Dingen wie Überfischung oder Fischerei nur wegen Haiflossen aufhören. Im Grunde mag ich es gerade jetzt irgendwie, weil ich einen Trend sehen kann, der dahin geht, wo ich es gerne hingehen haben würde. Aber offensichtlich gibt es für uns immer noch einen langen Weg zu gehen. 4. Die größte Gefahr auf dem Weg dahin ist, dass sich Kapitalismus und Bio für die Unterschicht bzw. untere Mittelschicht nicht so richtig vertragen und dadurch der Abstand sich weiter vergrößern könnte, so wie es in Shadowrun quasi prophezeit wird: Dass sich die Unterschicht irgendwann nur noch Fertigessen und Kaffee leisten kann welcher fast nur noch aus Chemikalien besteht und auch z.B. Zigaretten ein Luxusgut werden (also die mit echtem Tabak^^). 18


Don´t press Escape! Computerspiele sind toll. Eine Form des Abtauchens in fremde Welten, die sich von der der meisten anderen Medien unterscheidet, bieten Computerspiele. Es ist nicht nur so, dass man in eine fremde Wirklichkeit eintauchen kann, man kann sie auch selbst gestalten und nimmt als Protagonist an ihr teil. Der Spielende kann vom Schreibtisch aus riesige Städte auf fremden Planeten bauen, sich durch prähistorische Labyrinthe kämpfen oder dreiköpfigen Affen auf Pirateninseln begegnen. Gerade diese unglaubliche Tiefe, in der man versinken kann, ist das, was in den Spielen als Gefahr gesehen wird. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, kauften meine Eltern meiner Schwester und mir ein Master System II von Sega. Damit begannen die langen Diskussionen und Kämpfe darum, wieviel Zeit ich davor verbringen darf (meine Eltern waren für ein halbes Stündchen ich für „bis mir die Augen herausfallen“). Als mein Vater einen PC kaufte, spielte ich auf Disketten, die ich von Schulkameraden kopiert hatte, endlos viele Spiele. Ich liebte es, mit Indiana Jones den Eingang zu Atlantis zu finden, wanderte in „Lost Eden“ in eine Zeit, in der Dinosaurier und Menschen gemeinsam gegen die Tyrannos kämpften und in Dune besiedelte ich den fernen Planeten „Arrakis“. Die Faszination an Spielen ist immer noch ein Teil meines Lebens. Ich denke, dass es ein unterschätztes Medium ist, das in der Vergangenheit bereits tolle Werke hervorgebracht hat und eine potentiell spannende Zukunft hat. 19


Science Fiction I´m transcending to outta space! „Das Spice muss fließen“ ist ein Satz, bei dem mir als vorjugendlicher Mensch eine Gänsehaut gewiss war. Der Satz stammt aus Frank Herberts „Dune“-Geschichten. In ihnen wird ein mystischer, interstellarer Kampf zwischen Adelsgeschlechtern beschrieben, bei dem es um die Herrschaft über den Planeten Arrakis geht. Auf diesem lässt sich ein Gewürtz abbauen, das als religiöse Droge funktioniert und von riesigen Sandwürmern bewacht wird. Ich spielte die Computerspiele en masse, las das erste Buch und guckte immer wieder die Verfilmung von David Lynch. Das Universum von „Dune“ ist aber nur eine der Welten, die mich fasziniert haben / faszinieren. Wie bereits erwähnt gehörten die Star Trek-Serien zum festen Bestandteil des Nachmittags, aber auch Star Wars faszinierte mich. Im Alter von ungefähr elf Jahren fand ich im Bücherschrank meiner Eltern die Geschichten von Stanislaw Lem. Diese ließen mich nicht los und sie gehören immer noch zu meinem festen Leseinventar. Der polnische Autor ist am bekanntesten mit dem Roman „Solaris“ geworden. Seine Werke sind durch die Ausseinandersetzung mit den Naturwissenschaften, der Philosophe und Psychologie geprägt. Science Fiction war stets ein Weg, wie der Name es sagt, sich mit möglichen technischen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Aber auch das Spiel mit potentiellen gesellschaftlichen Konflikten macht sie für mich spannend. Häufig hat sie auch eine dystopische Dimension. In den osteuropäischen Staaten nutzten Science Fiction-Autoren symbolische Geschichten, um die Verhältnisse aufzuzeigen. 22


H.ScienceG. Wells Fiction in Kinderschuhen Eine der wichtigsten Personen in der Entwicklung der Science Fiction ist der britische Autor Herbert George Wells (1866-1946). Auch wenn nicht jeder seinen Namen kennt, waren seine Novellen und Bücher oft Vorlagen für populäre Filme wie „Der Krieg der Welten“ oder „Die Zeitmaschine“. Mein erster Kontakt geschah durch letzteren Film aus dem Jahr 1960. In ihm reist ein Wissenschaftler namens George mit einer Zeitmaschine, die an einen pompösen Schlitten erinnert, in eine ferne Zukunft. Dort begegnet er einer gespaltenen Menschheit. Der eine Teil, die gruselig anmutenden Morlocks, lebt unter der Erde in einem Höhlensystem und hält sich von dort aus die friedliebenden und naiven Eloi als Nahrung. George gerät in ein Abenteuer, bei dem es um die große Liebe und auch seine entführte Zeitmaschine geht. In Wells Originaltext birgt diese dystopische Vorstellung eine sozialistische Gesellschaftskritik. Seine Literatur ist typisch für die Stimmung zwischen Technologieglauben und politischer Angespanntheit, die in dieser Zeit, also der vorletzten Jahrhundertwende, herrschte. Mit einem seiner Zeitgenossen, der in dem gleichen Feld arbeitete, hatte Wells einen nicht immer friedvollen Austausch: Jules Vernes. 23


J. R. R.Von Tolkien Oxford nach Mittlererde „Ai! laurië lantar lassi súrinen, yéni únótimë ve rámar aldaron!“, so beginnt das elbische Gedicht „Namárië“, das Galadriel rezitiert, als die Gemeinschaft des Rings Lorien verlässt. Okay, das ist jetzt etwas verwirrend. Am besten fange ich ganz geordnet an. Einer der bedeutendsten Schöpfer von erdachten Orten ist und bleibt für mich J.R.R. Tolkien. Der britische Philologe, Schriftsteller und Professor ist wohl am bekanntesten durch seine Herr der Ringe-Bücher geworden, die in der Verfilmung von Peter Jackson für OscarÜberfluss im Trophäenschrank sorgten. Alles fing an mit Tolkiens Geschichten für seine Kinder und seiner Leidenschaft für Linguistik. Das Resultat war das detailliert ausgearbeitete Bild von Mittelerde, einer vollkommen fiktiven Welt. Tolkien schuf eine handvoll funktionierender Sprachen mit Dialekten, eine eigene Geografie und Geschichte, die sich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Natürlich gibt es für diese Sphäre ein ganz eigenes Expertentum, bei dem es zur Grundlage gehört, dass man Elbisch kann (Quenya und Sindarin!), die Genealogie der Drachen kennt und die Valar, die Götter von Mittelerde im Halbschlaf aufzählen kann. Ich selbst war nie der Obernerd, auch wenn ich kein ganz unbeschriebenes Blatt bin. Nachdem ich damals die Hollywoodverfilmung des ersten Teils gesehen hatte, kaufte ich mir den ersten Teil der drei Herr der Ringe-Romane auf Englisch und lag immer wieder fast bis zum Sonnenaufgang lesend im Bett. Eine zeitlang habe ich alles andere aus dem Mittelerde-Universum verschlungen, was mir zwischen die Finger kam und mittlerweile ist es eine Art Tradition, dass ich mich ungefähr aller zwei Jahre wieder durch die Trilogie kämpfe. Man kann sicher in Tolkiens Büchern einiges an Regression finden, was sie für viele schwer zugänglich macht. Aber man liest ja auch nicht ganz ohne Gehirn, oder? 29


Press Escape! Ich will weg hier! Wer zugibt, dass er gerne mal in einem Buch mit Weltraumabenteuern schmökert, am Computer längerfristig durch mystische Orte streift oder manchmal in einem dunklen Keller verschwindet, um kleine Figuren mit hauchdünnen Pinseln zu bearbeiten, der kann sich sicher sein, dass er damit nicht überall Zustimmung oder Verständnis abfassen kann. Die Reaktionen gehen eher von einem müden Lächeln über die Spinnerei und Zeitverschwendung bis zu Besorgnis über Realitätsverlust und Abwendung vor den echten Problemen der Welt. Der Fachbegriff dafür lautet Eskapismus und weist sozusagen auf eine systematische Flucht hin. Auch wenn ich nicht alle Vorwürfe abwiegeln will, möchte ich dennoch eine Lanze für diese Art von Beschäftigung brechen. Einerseits denke ich, dass von niemandem verlangt werden kann, sich den Zumutungen, die das Leben in dieser Welt mit sich bringt, permanent auszusetzen. J.R.R Tolkien formulierte dieses Recht in seinem Vortrag „On Fairy-stories“ folgendermaßen: „Wieso sollte jemand verachtet werden, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und heimzugehen? Oder, sofern das nicht geht: wenn er über andere Themen nachdenkt und spricht als über Wärter und Kerkermauern?“ Er spricht darin auch von Flucht als Menschenrecht. Ich denke, dass die genannten Mauern, in denen, wie Marx es sagte, der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, das Hauptproblem sind. Aber weder heute, noch morgen scheinen sie zu verschwinden und bis übermorgen darf man sich auch auf diese Weise entziehen. Ich denke auch, dass jede Form von Träumerei die Differenz zum Bestehenden aufzeigt und gewissermaßen auf seine Veränderbarkeit hinweist. Andererseits deutet der Vorwurf der Zeitverschwendung für mich in erster Linie auf eine Geisteshaltung unserer Zeit hin, in der jede Beschäftigung die Prüfung bestehen muss, ob sie sinnvoll und nicht zuletzt persönlich ökonomisch verwertbar ist. Also dann lieber: Let´s waste time! 32


Feminismus & mehr Eine dringende Utopie Auch wenn das Thema nahezu endlos scheint, so finde ich auch die Vision einer Gesellschaft ohne die Herrschaft eines Geschlechts über das andere und der Biologie über die Individuen wichtig. Charles Fourier definierte bereits im 18. Jahrhundert, dass der soziale Fortschritt aufgrund der Fortschritte der Frau erfolgt. Aber auch darüber hinaus, also über die Emanzipation der Frau, sind Geschlechterstereotypien ein Problem, das ich in einer besseren Gesellschaft nicht vermissen würde. Dass viel davon bereits umgesetzt ist, scheint mir ein Mythos, dessen Umsetzung vor allem aus Formalitäten besteht. Moderne Feministinnen wie Roswitha Scholz kritisieren, dass es mit der Umsetzung vieler feministischer Ziele zur sogenannten „doppelten Vergesellschaftung der Frau“ gekommen ist. Dies bedeutet, dass Frauen heute einerseits im Beruf erfolgreich sein müssen, meist erfolgreicher als Männer, andererseits aber immer noch traditionell die Rolle der Hausfrau und Erzieherin inne haben. Somit entsteht eine doppelte Belastung. Es gibt viele feministisch-utopische Texte, Beispiele sind Sarah Scotts „A Description of Millenium“ aus dem Jahr 1762, „Three Hundred Years hence“ von Mary Griffith aus dem Jahr 1836 (es geht um einen Mann, der unter dem Schnee begraben wird und nach Jahren in einer Welt aufwacht, in der Frauen gleichberechtigt sind) oder „Die Insel der großen Mutter“ von Gerhardt Hauptmann von 1925. 35


Christiane Richter Christiane Richter leitet eine kleine Gemeinde in Chemnitz, zu deren Veranstaltungen mein Vater auch oft geht. Auch sie bekam den Fragebogen. 1. Besonders wohl fühle ich mich zu Hause im Zusammensein mit meinen Eltern. Wir können über alles reden und haben viel Spaß miteinander. Ich erfahre Liebe und Angenommensein und kann es auch schenken. Meine Mutti braucht mich durch ihre Krankheit besonders und freut sich, wenn ich Zeit mit ihr verbringe. Sehr gern bin ich auch in unserer Hauskirche. Das Zusammensein mit Glaubensgeschwistern bedeutet mir sehr viel. Gemeinsames Singen, das Feiern von Gottesdiensten und Gemeinschaft bereichern mein Leben und geben ihm Halt und Tiefe. Im Urlaub fahre ich gern in Klöster. Ich genieße die Stille. DIe radikale Lebensweise der Nonnen und Mönche fasziniert mich und bestärkt mich, meine eigene Berufung konkret zu leben. 2. Ich halte nich viel davon, mich in erdachten Traumwelten aufzuhalten. Ich bemühe mich lieber darum, mein eigenes Leben sinnerfüllt und gut zu gestalten und meine Umwelt positiv zu beeinflussen, Freude und Hoffnung zu bringen zu Menschen, die Nöte haben. Ich gehe auf die Krebsstation, zu einsamen Menschen, in Seniorenheime und ins Frauengefängnis. Da kann ich konkret etwas tun. Das scheint mir sinnvoller als fremde Welten zu erträumen. 3. Die Welt muss nicht perfekt sein. Sie wäre schon ein besserer Ort, wenn die Menschen versuchen würden, einander zu verstehen, andere Meinungen stehen zu lassen und werrtschätzend miteinander umzugehen. Leider kennen viele Menschen Gott nicht oder haben ein verzerrtes Bild von Ihm. Christliche Werte gehen immer mehr verloren, mit ernsten Folgen wie Sinnverlust, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Zerstörung der Familie, Abtreibung, Egoismus, Abschiebung alter und kranker Menschen in Heime, Ausländerfeindlichkeit, Religionskriege, Umweltverschmutzung, Macht- und Profitstreben und Vieles mehr. Da wünsche ich mir Veränderung. Dafür setze ich mich ein und dafür bete ich. 4. Ja, es gibt einen Weg dahin. Jesus Christus hat uns durch Sein Leben und Seine Botschaft den Weg gewiesen und Millionen Christen auf der Welt versuchen ihn zu gehen. Auch viele Andersdenkende sind guten Willens, setzen sich für Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit ein. Aber das Herz des Menschen kann meiner Meinung nach nur Gott verändern. Aber bei Ihm gibt es nur Freiwillige! Wer nicht auf Ihn hören will, lieber seinen eigenen Vorteil sucht, nach Bequemlichkeit, Macht und Profit strebt, notfalls mit Waffengewalt, ohne Rücksicht auf Verluste, kann das tun und alle werden darunter leiden. 38


Religiöse Utopie Open up the Heaven´s Gate

Eine wunderbarer Fundort für fiktive Orte sind für mich Religionen. Das mag sicherlich in manchen Ohren ketzerisch klingen. Hey, aber ein Christ hält die islamische Vorstellung des Himmels auch für Humbug, oder? Na also. An Orten wie eben dem Himmel im Islam („Djanna“) oder Christentum, dem Olymp, Eden oder Valhalla stellt sich der Gläubige eine meist bessere Welt vor. Es gibt natürlich auch das Gegenbeispiel, die Hölle, voll mit Feuer und Schwefel. In vielen Religionen sind diese Plätze nur denen vorbehalten, die ein Kriterium erfüllt haben, das sie zu Mitgliedern macht. Das kann beispielsweise heißen eine bestimmte Botschaft geglaubt, eine festgesetzte Leistung vollbracht oder einen speziellen Ritus vollzogen zu haben. Dieser Fakt weist für mich darauf hin, welche Funktionen diese Plätze tendenziell haben: Sie sind ein Ausschlusskriterium, mit dem oft überhaupt begründet wird, warum ich mich der Sache anschließen soll. Außerdem sind sie häufig ein Ausgleich zwischen den nicht erfüllten Heilsversprechungen und der Realität, wie sie dem oder der Gläubigen begegnet. Ein anderes Problem ist die Jenseitigkeit. Nicht selten war der Glaube, das das eine Leben, das wir haben, nur der Anfang ist, auch Gift für den Umgang der Menschen mit der Welt gewesen (auch wenn man auch gegenteilige Dinge daraus ableiten kann). Bei dem evangelischen Kirchenmusiker Paul Gerhardt (den ich an sich mag) heißt es „Ich bin ein Gast auf Erden, Und hab‘ hier keinen Stand; Der Himmel soll mir werden, Da ist mein Vaterland.“ Dies fasst die Problematik ganz gut zusammen. Deswegen ist es zwar für mich interessant, über „religiöse Utopien“ zu lesen, aber sie haben für mich insgesamt betrachtet eher einen schalen Geschmack. 39


Utopia gone wrong Traum zum Alptraum Diktaturen entspringen nicht selten einer gesellschaftlichen Utopie. Dies ist eine Perversion (sofern die Utopie selbst nicht schon pervers war), die auf die Gefahren von gesellschaftlichen Visionen hinweist. In der Geschichte der Arbeiterbewegung und konkret bei der sowjetischen Revolution hat sich dies am deutlichsten gezeigt. Ausgehend von einem Gedankenmodell, das auf die Befreiung des Menschen von Zwängen hinziel, entstand eine der furchtbarsten Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ kam es zu einer Ablehnung von Utopie und es wurde ein „Ende der Geschichte“ herbeigeschworen. Die Marktwirschaft und die Demokratie wurden als die friedvollen Sieger gesehen. Gerade der Konflikt zwischen dem Bestehenden und einer sozialen Utopie, so gut sie auch gemeint war, führt nicht selten in dem Fall, dass es zu einer praktischen Umsetzung kommt, zu einer Ratlosgkeit bei den Gestaltern des Umbruchs. Letztendlich entstanden so oft schlimmere Zustände als vorher. 42


Dystopie Negative Utopie Die fiktiven Orte, die man in Dystopien findet, sind einer etwas anderen Natur. Es wird sich mit einer Welt ausseinandergesetzt, die besser nicht sein sollte. Die wohl bekanntesten dieser Antiutopien sind „1984“ von George Orwell, „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „Wir“ von Jewgeni Samjatin. In ihnen werden meist fiktive autoritäre Gesellschaften beschrieben, in denen der Protagonist oder die Protagonistin nach einem Weg sucht, dieser zu entfliehen. Einerseits soll damit eine bestimmte gefährliche Tendenz der menschlichen Entwicklung aufgezeigt werden, andererseits sind sie meist auch ein Spiegel für die Gegenwart („1984“ wurde 1948 geschrieben). Für mich waren „1984“ und „Schöne neue Welt“ immer Bücher, die mir sehr am Herzen lagen. Vor Allem die Darstellung von staatlicher Gewalt in „1984“ ließ es mir beim ersten Lesen eiskalt den Rücken herunter laufen. In „Schöne neue Welt“ begegnete ich einer Welt, in der das Leid zu Gunsten von Stabilität abgeschafft wurde und die Menschen sich in einer Art Gefängnis aus Gummiwänden befinden. 43


Je ne veux pas ... Arbeit nervt! Das beschriebene „Ende der Geschichte“ ist noch nicht immer im Gespräch gewesen. Das Nachdenken über eine radikale Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse ist aber mittlerweile eher zum Randphänomen geworden, bei dem man es im schlimmsten Fall mit dem Verfassungsschutz zu tun bekommt. Dabei denke ich, dass die Zwänge, die aus unserer Gesellschaftsordnung hervorgehen, immens sind. Wer essen will, soll auch arbeiten, heißt es nach einem fragwürdigen Bibelzitat. Dabei sind die Umstände, unter denen man arbeitet, alles andere als erträglich. Die gesellschaftlichen Verschiebungen der letzten Jahre haben bewirkt, dass die (sicherlich regressiven) sozialen Strukturen, die zumindest eine gewisse Form von Stabilität bieten, sich zunehmend verschmälern. Der Mensch wird zum mehr oder weniger eigenen Kapital und muss sich am eigenen Schopfe zum Markt tragen. Für mich ist eine bessere Gesellschaft eine, in der der Arbeitsbegriff und seine reale Entsprechung im besten Fall überhaupt nicht mehr existiert. Oder um es mit den wenigen Zitatfetzen zu sagen, die ich von Adorno kenne: „Ich will ja gar nichts anderes, als dass die Welt so eingerichtet wird, dass die Menschen nicht ihre überflüssigen Anhängsel sind, sondern dass, in Gottes Namen, die Dinge um der Menschen Willen da sind, und nicht die Menschen um der Dinge Willen.“ 46


LaThemusica! music is my aeroplane Bobby Marley sagte einst: „One good thing about music: When it hits you feel no pain.“ (Manchmal ist etwas akkustischer Schmerz sicherlich auch gut). Natürlich ist der Bogen von fiktiven Orten zur Musik recht weit gespannt. Für mich gehört das Thema allerdings dazu. Denn sowohl als Konsument, als auch beim Musik machen, fällt mir immer wieder auf, welche „utopische Kraft“ in ihr steckt. Sie vermag es, Orte zu verwandeln, sie in einen anderen Kontext zu setzen und manche Konflikte der Wirklichkeit zumindest temporär auszugleichen. Dafür, wie bildhaft Musik sein kann, gibt es viele Beispiele. Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind ein bekannter Versuch der modernen orchestralen Musik, Orte klanglich Darszustellen. Oder „La mer“ von Claude Debussy. Aber auch in der Filmmusik wird dies versucht zu erreichen. Hach, so ein endloses Thema und so wenig Zeit. 50


Dans l´eau Weil´s am schönsten ist. Ein entscheidendes Merkmal einer besseren Welt wäre für mich, dass man als Mensch nicht mehr sich in irgendeine Richtung bewegen müsste, sondern in dem Moment sein kann, in dem man ist. Heute ist man von einer stetigen inneren Gehetztheit geprägt, einer Kraft, die einen immer in Entwicklung und Fortschritt halten will. Adorno schrieb in der „Minima Moralia“ von seiner Vorstellung des Glücks, bei der er einfach auf dem Wasser treibt. Für mich ist dies ein super Sinnbild für den beschriebenen Zustand, allerdings möchte ich mich gerne IM Wasser befinden. Ich liebe es sehr im Sommer im Wasser zu stehen oder vielleicht auch wie besengt im Wasser herumzuplanschen, während die Sonne auf den Wellen spielt. Dieser innere Zustand des sich selbst verlierens ist für mich Utopie schlechthin. 51


Painting the night unreal Ein sehr kurzer Text übers Zeichnen Eine weite Möglichkeit der Reise zu fiktiven Orten war für mich immer zu Zeichnen. Auch wenn die Qualität der Ergebnisse unterschiedlich ist, so ist es doch immer ein Quell von Freude gewesen. Ein Beispiel lässt sich übrigens auf der linken Seite sehen. Comics, Malereien und Grafiken wurden auch stets gern konsumiert und als Fiktionstreibstoff benutzt. 56


Roger Behrens

Roger Behrens ist Philosoph, Soziologe, Autor, Dozent und vieles mehr. Auch er hat sich Zeit für den Fragebogen genommen. 1. Allgemein ist zu sagen, dass die Welt, wie die Menschen sie sich eingerichtet haben, kein wirtlicher Ort ist, sondern vielmehr ein Raum, dessen machtvolle Ordnung selbst den unmittelbarsten Interessen des Lebens zuwiderläuft. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, wie Adorno sagt, und das heißt eben auch: Es gibt hier und jetzt keinen richtigen Ort, also keinen Ort, an dem man im vollem Bewusstsein der Situation sagen könnte, mit und nach Goethe: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!« Und weil in der vollkommen zur zweiten Natur erstarrten Gegenwart der Wunsch nach einem ›locus amoenus‹, also nach einem »lieblichen Ort« zur Utopie geworden ist oder, mehr noch, überhaupt nur noch als Utopie zu denken ist, das heißt insofern buchstäblich nur als Nicht-Ort wirklich ist, hat die kritische Theorie der Gesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert beziehungsweise angesichts des zwanzigsten Jahrhunderts solche Ortlosigkeit als »transzendentale Obdachlosigkeit« bezeichnet. Diese zeigt sich vielleicht auch im Unbehagen oder vielmehr in der Unheimlichkeit, die einen nämlich besonders dann unterschwellig erfasst, wenn man sich für einen Augenblick an einem Ort ganz besonders wohl zu fühlen glaubt. – Indes: diese transzendentale Ort- und Obdachlosigkeit hält ja niemand aus, genauso wenig wie die tatsächliche Lage, kein Dach überm Kopf zu haben. Das heißt es macht einen verrückt, wenn jeder Ort als falsch, als unheimlich, als unwirtlich erfahren wird, was so wäre, wenn man jeden Ort in Relation zum Ganzen bringen würde und man das Falsche immer präsent hätte. Damit doch so etwas wie »Wohlfühlen« – ein problematisches Wort, das ich eigentlich vermeiden möchte, weil es ja eben genau diese Dialektik zwischen ›locus amoenus‹ und ›locus terribilis‹ ideologisch vertuscht – möglich ist, eigentlich damit überhaupt Leben in dieser Welt aushaltbar ist, schaffen wir uns Orte im Sinne der Idylle. Die Idylle ist eine verkleinerte Idee und umfasst das, was Foucault einmal als Heterotopien beschrieben hat: Gärten, die Dörfer des Club Méditeranée, Schiffe, aber auch Irrenanstalten, Friedhöfe, Gefängnisse, wobei natürlich ein Garten, eine Ferienanlage, ein Strand oder eine Insel wesentlich mehr mit einer Idylle zu tun haben als ein Gefängnis oder eine Anstalt – beim Friedhof ist das übrigens durchaus ambivalent: ein schöner und zugleich schrecklicher Ort. Gemeinsam scheint diesen Heterotopien, dass sie allesamt sichere Orte sind: Im Gefängnis ist das eine gewaltvolle Sicherheit, die einschränkt und isoliert; aber im Garten etc. ist das eine Sicherheit, die mit sozusagen ästhetischen Dimensionen des Ortes, seiner Schönheit, seiner Atmosphäre, seiner echten Ruhe aufgeladen ist. Solche Orte haben kaum eine Dauer, sind situative Konstellationen, wahrscheinlich zumeist Augenblicke der Erinnerung. Zum Beispiel die Erinnerung an eine Reise, einen Urlaub. Für mich denke ich jetzt an zwei Orte, einmal an die Copacabana, Rio de Janeiro, und an Timmendorferstrand, also die Ostseeküste in Schleswig-Holstein: Ich habe da besondere Situationen im Kopf, Laufen am Strand, Sonnenaufgang, der Blick auf das Meer, der Himmel, aber auch Hotels, Früh57


stücken, Caipirinha-Trinken in einer Strandbar – und das sind dann Momente, die eben nicht objektivierbar sind als »liebliche Orte«, ganz klar: weder Rio de Janeiro mit seiner Armut noch Timmendorferstrand mit seiner abgeschmackten Trostlosigkeit. Objektivierbar sind solche Orte vielleicht nur als Erinnerungen an die Kindheit, im Sinne eines Gefühls. Allerdings sind gerade glückliche Orte in glücklicher Kindheit in dieser Welt auch eher Ausnahmen und es ist ziemlich zynisch, dass »Kindheit« immer wieder als Idylle inszeniert wird. Eine gute Korrektur solcher Spektakelideologie ist meines Erachtens und zum Thema mehr als passend Peter Brückners ›Abseits als sicherer Ort‹ … 2. Virtualität und Phantasie scheinen mir das zu sein, was solche Orte kennzeichnet, also was die Welten der Bücher, Filme und Computer gemeinsam haben. Deshalb zunächst etwas zu diesen beiden Begriffen. Wolfgang Bock hat Virtualität in seinem Buch ›Medienpassagen‹ anschaulich, ausgehend von der Bedeutung der »virtutes«, der Tugenden zur Gestaltung eines guten Lebens bei den Römern, über Machiavelli bis zur Lebensphilosophie dargestellt und definiert: »Virtualität in diesem älteren Sinne meint jene Energie, die von der Kraft der Welt sich speist. Sie ist emphatisch auf die Seele des Menschen bezogen, die schaffend an dieser wie an der Welt teilhat. In diesem Sinne bedeutet Virtualität damit auch die Entfaltung einer äußerlich wirkenden Kraft aus dem Innern der ›Form‹.« (Bielefeld 2006, S. 26) Die Phantasie ist die Einbildung, die kritische Imagination, die mit der Virtualität zur Einbildungskraft verschmilzt; vielleicht kann man vom Vermögen, das Unmögliche zu denken, sprechen, also von einer Fähigkeit, mit der die Horizonte von Wirklichkeit und Möglichkeit überschritten werden können. Diese Überschreitung ist aber keine, die ins Dorthinaus, ins Nirgendwo flüchtet, sondern scheint mir mit den Verfahren der Interpolation, wie man es etwa bei der digitalen Bildbearbeitung anwendet, vergleichbar zu sein. Mich interessieren indes die Zwischenräume, die Übergänge, die Schwellen zwischen Büchern, Filmen und Computerwelten. Und dieses Interesse (von ›inter‹ und ›esse‹ = »Dazwischen-Sein«) ist nun eine Art Interpolation in diesen Zwischenräumen, eine Topografie. Zum Beispiel die Konstruktion eines Cyberraums, ein Spiel vielleicht: Welche Einbildungskraft war nötig, um aus einfachen Pixelquadraten und Koordinaten eine Welt zu schaffen, in der wir uns als Avatare bewegen können? Ich meine eben, dass das nicht nur eine technische Frage ist, sondern ein Problem, das letzthin Phantasie und Virtualität selbst betrifft. Immerhin führt eine Linie der Computergeschichte, etwa über die Entwicklung des Spiels ›Spacewar!‹ (1961) über den Tech Model Railroad Club am M.I.T. – und jetzt lassen sich einige Mutmaßungen darüber anstellen, mit welchen Raumvorstellungen die Computertechnik begann, wenn man sich einmal die Modelbahnlandschaften des TMRC ansieht. Und dann zeigt sich eine Merkwürdigkeit: dass diese Orte umso realer wirken und sind, je phantastischer und virtueller sie werden. Wenn man so will, ist ein literarisch beschriebenes Arkadien viel phantastischer und virtueller als eine perfekt gestaltete Modellbahnanlage oder ›Second Life‹; und das üb59


rigens das ›Second Life‹ seine Hochzeit wohl hinter sich hat und von Plattformen wie ›Facebook‹ abgelöst wurde, scheint auch für diese These zu sprechen. Insofern fällt es mir überhaupt schwer, einen »erdachten Platz« zu nennen, an dem ich mir vorstellen könnte zu leben. Anders gesagt: Ich möchte an keinem dieser Plätze leben – denn das tun wir bereits. Und diese Orte, die wir in Romanen, Filmen, in Games und im Internet geboten bekommen, scheinen mir trotz oder gerade wegen ihrer technischen Virtualität von einer beschämenden Phantasielosigkeit charakterisiert zu sein. Deshalb bleibt für mich der einzig denkbare Ort, die radikalste Utopie, das biblische Paradies. 3. Der bessere Ort kann nur der beste sein. Und das wäre, wie angedeutet, das Paradies. Ich sage das ohne jedes religiöse Fundament, sondern ganz im Gegenteil aus der Notwendigkeit heraus, dass diese Welt nur zu retten ist durch ihre radikale Umgestaltung, durch den »Umbau der Welt zur Heimat«, wie es Ernst Bloch forderte. Dies berührt nun aber die Dialektik von konkreter und negativer Utopie. Dialektisch ist das insofern, weil sich das Bilderverbot aus der immanenten Kritik ergibt: Eine Welt mit Sklaverei und Terror, Erniedrigung und Hunger kann sich jeder als eine Welt ohne Sklaverei und Terror, ohne Erniedrigung und Hunger vorstellen. Im Prinzip waren das ja auch mal die Ziele von Aufklärung und bürgerlicher Emanzipation. Aber gerade nach den Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt sich, dass das Elend der Welt nicht arbiträr ist, sondern gleichsam in die Struktur des Systems eingeschrieben: als Gewalt, als Macht, als Herrschaft. Diese Struktur ist abstrakt und wird zudem auch nicht unmittelbar als repressiv erfahren. Aber eben diese fortschreitende Abstraktifizierung der Struktur ist ein entscheidendes Moment der Ideologie, dass die Welt, in der wir leben, vielleicht nicht »perfekt« sei, aber im Prinzip doch auf dem besten Wege dorthin sich befände. Stichwort Ökonomie: Gegenwärtig fabulieren alle offiziellen politischen Lager und Parteien über Umverteilung, soziale Gerechtigkeit, gegebenenfalls Bürgergeld und Grundeinkommen. Der Umgang mit dem Kapitalismus sei das Problem, als könne man sich irgendwie aussuchen, wie mit dem Kapitalismus umgegangen werde, und als läge Unterdrückung letztendlich in der Verantwortung einiger verantwortungsloser Unternehmer oder Politiker. Dass das Geld abgeschafft werden kann, ja abgeschafft werden muss, kommt niemanden in den Sinn; erst recht nicht, den radikalsten Schritt zu reflektieren, nämlich den Tausch, die Ökonomie selbst abzuschaffen, aufzuheben. Wenn man die Verhältnisse im Interesse eines »realen Humanismus« (Marx & Engels) kritisiert, ergibt sich das aber als logische Konsequenz. Ebenso logisch ist dann allerdings, dass bestenfalls von der Utopie konkret gesagt werden kann, dass alles anders wäre; gerade um sich die radikale Phantasie des freien Menschen zu bewahren, unterliegt das Auspinseln einer utopischen Welt dem Bilderverbot. 60


4. Ein Weg: das ist die Frage nach der Methode, wörtlich: von ›metá‹ und ›hodós‹ – Walter Benjamin hat das mit »Umweg« übersetzt. Ich komme da auf eine Bemerkung zurück, die ich oben gemacht habe: Solche Umwege führen nämlich in die Zwischenräume, sind selbst Übergänge, schließlich abenteuerliche Konstruktionen von Utopie als »temporäre Zonen«, etwas manieriert formuliert: Idyllische Interpolationen. Da gibt es einige Gefahren, von denen die größte wohl die Dummheit ist, oder etwas freundlicher ausgedrückt: der Mangel an sozialer Phantasie. Dabei gilt es auch das Privileg zu erkennen, sich auf solche Denkwege – und es ist erst einmal eine theoretische Praxis, mit der wir es hier zu tun haben – machen zu können, also Zeit für das entdecken anderer Orte zu haben. Für die meisten Menschen ergeben sich ja viel handfestere Probleme des alltäglichen Überlebens. Die Phantasie verkümmert dann schnell als Modus des Entertainments, der Freizeit und des Feierabends, wenn man denn überhaupt an solchen Eskapaden des Kapitalismus teilnehmen darf. Eine kleine Schlussbemerkung dazu: 1939 führt Victor Flemming bei zwei Filmen Regie, die in die Kino-, ja in die Weltgeschichte eingegangen sind: ›Vom Winde verweht‹ und ›Der Zauberer von Oz‹. Beide Filme handeln von Wegen und Umwegen auf der Suche nach anderen, besseren, richtigen Orten. Das eine ist der Weg durch die Wirklichkeit, das andere der Umweg über die Möglichkeit. Und insbesondere beim ›Zauberer von Oz‹, beim Umweg, den Dorothy mit ihren Freunden über die Yellow Brick Lane nimmt, wird am Ende, in Emerald City, überraschend klar, dass man die ganze Zeit die Antworten auf die Fragen schon längst bei sich hatte, dass also eben doch der Ursprung das Ziel ist. 61


Danke an: Andreas W., Anna G., Anne B., Anne S., Brigitte H., Caro H., Christiane R., Dani K. Francis Q., Franzi K., Franzi L., Gabriele S., Hellmut S., Juliane H., Martin K., Nora K., Roger B., Tim W. !!!

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