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THOMAS MÜLLER LEBRON JAMES L U C I E N FAV R E DOMINIC THIEM JENS VOIGT SUPER BOWL BJÖRK UND VIELE ANDERE

H E I M AT


H E I M AT E N T S T E H T IN DER FREMDE Haben Sie schon mal überlegt, was es bedeuten würde, Ihre Heimat zu verlieren? Versuchen Sie, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die unfreiwillig ihr geliebtes Zuhause verloren haben und deren Leid dadurch entstanden ist. Wie damals Zweig und andere Leidtragende, wie heute die vielen Kriegsflüchtlinge. Man hat ihnen ihr heiligstes Gut weggenommen. Wie würden Sie sich fühlen? Wir, die ihre Heimat selbst aussuchen können, leben im Luxus, auch wenn es wie eine Selbstverständlichkeit erscheint. Noch größer ist der Luxus für die, die ihrer Lieblingsbeschäftigung in ihrer Heimat nachgehen können. So wie zum Beispiel Thomas Müller, dem Vollblutfußballer, der bei seinem Lieblingsklub Fußball spielt und das auch noch auf höchstem Niveau. (...) Als wir uns entschieden haben, den Centre Court der 4. Ausgabe dem Thema „Heimat“ zu widmen, war uns eigentlich klar, dass wir mit Müller darüber sprechen müssen. EIN AUSZUG AUS DEM EDITORIAL ZUR VIERTEN A U S G A B E VO N S O C R AT E S .


WIDE RIGHT So steht sie da, die schwarze Göttin. In einem hellen Sportoutfit, das mächtige Haar gehalten von einem weißen Stirnband. Whitney Houston, 27 Jahre alt, singt die Nationalhymne der USA vor dem Superbowl XXV, am 27. Januar 1991. Die Buffalo Bills treffen auf die New York Giants. (...) Elf Tage zuvor sind die USA in den Krieg gezogen. Die „Operation Desert Storm“ hat sich zum Ziel gesetzt, Saddam Hussein zu stürzen. Der Zweite Golfkrieg hat begonnen. Und hier, viele tausend Kilometer von den Kampfhandlungen entfernt, grüßen die Helden und Zuschauer der amerikanischsten aller Sportarten die Soldaten in Übersee. Die Fernsehbilder zeigen eine strahlende Houston, sie fangen Pathos auf den Rängen und eine perfekt patriotische Inszenierung ein. Unten auf dem Rasen stehen die gepanzerten Athleten und haben einen Kloß im Hals. „Man“, sagt Buffalos Running Back Thurman Thomas viele Jahre später, „an keinen Moment erinnere ich mich so genau wie an diesen.“ EIN AUSZUG AUS DER GESCHICHTE VON ALEX RAACK ÜBER DEN BESTEN SUPER BOWL ALLER ZEITEN.


B A L LV E R L I E B T


Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit auch langweilen? Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue. Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen? Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß. E I N A U S Z U G A U S D E M I N T E R V I E W VO N ALEXIS MENUGE MIT DEM SCHWEIZER T R A I N E R L U C I E N FAV R E Ü B E R TA K T I K , PA S S S P I E L U N D S E I N E E R F O LG R E I C H E SAISON MIT OGC NIZZA.


B AY E R N S SHELDON COOPER Das Wohlfühlklima mussten Sie sich aber auch erarbeiten. Es gab eine Zeit, in der Spieler aus der eigenen Bayern-Jugend nicht die Wertschätzung erfuhren wie ausländische Stars. Es ist ganz normal, dass die eigenen Spieler zunächst immer etwas kleiner gehalten werden. Finden Sie das normal? Es ist einfach so. Einen Spieler von außen musst du umgarnen. Dem musst du was bieten, damit er zu dir kommt. Derjenige, der schon da ist, der ist da. Das ist doch in anderen Berufen auch so: Da werden externe Leute in die Firma geholt. Und die werden sicherlich in der Anfangszeit anders behandelt. E I N AU SZ U G AU S D E M I N T E RV I E W VO N F E L I X S E I D E L U N D FAT I H D E M I R E L I M I T T H O M A S M Ü L L E R , W E R B E I B AY E R N S C H O N E W I G S E I N E N P L AT Z I N D E R K A B I N E H AT – DIREKT NEBEN DER TOILETTE!


HEIMAT IST DA, WO DU ES WILLST Natürlich halten wir bei Borussia Dortmund nicht ständig Händchen. Es ist nicht so, dass ich zum Beispiel Emre Mor jeden Tag bemuttere. Es kommt schon mal vor, dass ich sage: „Halt mal die Schnauze und mach deine Arbeit!“ Ich liebe den Jungen, weil er auch einfach ein toller Mensch ist, aber die Jungs müssen sich anpassen. Wir leben hier in einem krassen Luxus, Borussia Dortmund bietet dir alles, was du willst und da muss man dem Verein auch was zurückgeben und das kann man aber eben nur, wenn man sich wohlfühlt. E I N AU S Z U G AU S D E R KO LU M N E VO N N U R I S A H I N Ü B E R D A S T H E M A H E I M A T.


DER TRAUM I N D E R R E A L I TÄT Ich erinnere mich noch gut, als Louis van Gaal 2010 den Satz prägte: „Müller spielt immer.“ Dadurch hat Thomas intern wie extern eine Wertigkeit bekommen wie vorher wohl kaum ein anderer Jungprofi, der gerade von den Amateuren hochgezogen wurde. Uns war sofort klar: Mit diesem Mann müssen wir uns sofort beschäftigen, der wird in den Fokus geraten. Damals war Thomas gerade mal 20 Jahre jung. Hermann Gerland hatte Müller auf seine eigene Art und Weise dem neuen Trainer empfohlen: „Den kannst du blind nehmen.“ Van Gaal hörte auf Hermann – und ließ Thomas dann immer spielen. Na ja, fast immer... WIE WIRD MAN BELIEBSTER S P O R T L E R D E R N AT I O N ? MARKUS HÖRWICK ERKLÄRT DAS P H Ä N O M E N T H O M AS MÜLLER.


NUR EIN KIND AUS AKRON Der Basketballspieler LeBron zu sein, ist so ähnlich wie der reichste Mann der Welt zu sein: Auf dem Platz kann er beinahe so ziemlich alles machen, was er will. Außerhalb des Spielfelds war es genau dasselbe. Damals konnte er Cleveland verlassen, denn wer hätte ihn aufhalten können? Er hätte im tropischen Miami bleiben, die strahlenden Lichter von LA jagen, oder wohin auch immer gehen können. Er hatte zwei Titel. Er hatte alles. LeBron James hätte alles tun können, was er wollte. Er ging nach Hause. ES GIBT VIELE WEGE, NACH HAUSE ZURÜCKZUKEHREN. DEN WEG VON LEBRON JAMES, BESCHREIBT UNSER F R E U N D U N D KO L L E G E AU S KA N A DA , BRUCE ARTHUR.


DER GUTE Als eine der ersten bedeutsamen Eingriffe in Ihre Spieltechnik korrigierte Günter Bresnik Ihren Rückhandschlag. Sie verzichteten fortan auf die zweite Hand. Wie kam es dazu? Ich kann es nicht schildern, wie schrecklich meine beidhändige Rückhand war. Die Haltung und der Schlag waren vollkommen falsch. Ich war elf oder zwölf, als wir dies änderten und es war wohl die richtige Entscheidung. Natürlich ist es heutzutage schwieriger geworden, mit einer einhändigen Rückhand zu spielen. Die Bälle können sehr hoch kommen, was für den Return nicht ideal ist. Aber es hat auch Vorteile. Ein Slice ist zum Beispiel leichter einzusetzen und ein Volley viel einfacher vorzubereiten. Auch wenn immer weniger sich der einhändigen Rückhand bedienen, so wird dieser Schlag dennoch nicht ganz aus dem Tennis verschwinden. E I N A U S Z U G A U S D E M I N T E R V I E W VO N ARAS YETİŞ MIT ÖSTERREICHS 23-JÄHRIGEM T E N N I S - S TA R D O M I N I C T H I E M .


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„ S C H O N O K AY PA PA , GEH RUHIG ARBEITEN“ Wenn man so viel unterwegs ist, bekommt der Begriff „Heimat“ dann eine neue Dimension? Wenn man mich fragt, was meine Heimat ist, sage ich erst mal: Deutschland. Und wenn es jemand genau wissen will: Mecklenburg. Wobei: Das ist ja eigentlich Quatsch. Normalerweise müsste ich Berlin sagen, das ist schon seit Ewigkeiten unser Lebensmittelpunkt. Wahrscheinlich ist beides richtig. In Mecklenburg bin ich aufgewachsen, in Berlin lebe ich jetzt. Zwei unterschiedliche Welten. Aber hallo. Ich bin in Dassow groß geworden. Das ist ein kleines Dorf, knapp 4000 Einwohner – aber nur, wenn man alle umliegenden Gemeinden und Höfe mitrechnet. Da ist der Supermarkt zwischen 13 und 15 Uhr noch geschlossen und nach 19 Uhr werden die Gehsteige hochgeklappt. Auf der anderen Seite Berlin, wo es rund um die Uhr brummt. Und wo es alles gibt, was man sich nur vorstellen kann. Ich finde, dass beides seinen Charme hat. CARSTEN MEYER TRIFFT DEN „GROSSPAPA“ DER TOUR DE FRANCE, JENS VOIGT, UND FRAGT IHN ÜBER SEINE KARRIERE WEIT WEG VON ZU HAUSE.


HEIMWEH Ich starrte aus Istanbul auf den Himmel meiner Kindheit. Und ich begriff, dass das Heimatgefühl vielleicht erst über den Umweg entsteht. Vielleicht ist es das, was Peter Handke mit der „Langsamen Heimkehr“ meint; in der Erkenntnis des Entferntseins bereitet sich so etwas wie Heimkehr vor, wie Heimweh. Ich hatte Heimweh. EIN AUSZUG AUS DER GESCHICHTE VON MORITZ RINKE ÜBER DIE WORPSWEDER WOLKEN UND SEINE WIEDERENTDECKTE LIEBE.


E YJ A FJ A L L A J Ö K U L L Björk würde die Kommentare von Guðmundur Benediktsson bei ihren nächsten Aufnahmen verwenden, der während der Island-Spiele der EM 2016 mit seiner emotionalen Kommentierung berühmt wurde: „Seine ekstatischen Ausrufe haben mich sehr beeindruckt. In seiner Stimme vereinten sich Hoffnungslosigkeit, Glücksgefühl und Verrücktheit. Außerdem möchte ich den Wikinger-Jubel der Island-Fans verwenden, der hat mich genauso bewegt.“ E I N AU S Z U G AU S D E R G E S C H I C H T E VO N ONUR ERDEM ÜBER ISLÄNDISCHE SÄNGERIN, SONGWRITERIN UND GÖTTIN BJÖRK.


JASNAJA POLJANA ALS TENNIS-FESTUNG Tolstoi wollte aber nicht nur auf dem Rad sitzen. Er lernte eine Form von Tennis kennen, die in jener Zeit in Russland noch in einer sehr limitierten Version gespielt und als „Kindersportart“ abgetan wurde. Er ließ im Vorgarten seines Landguts, wo er einen Wald an Birkenbäumen hatte, eine Art Tenniscourt errichten und schwang täglich seinen Schläger. E I N AU S Z U G AU S D E R G E S C H I C H T E VO N CEM PEKDOĞRU ÜBER EINE GEMEINSAME L E I D E N S C H A F T VO N L E W N I KO L A J E W I T S C H T O L S T O I U N D D AV I D F O S T E R WA L L A C E .


SOCRATES Magazin | Leseprobe #4  

HEIMAT - Heimat ist da, wo dein Herz schlägt. Für viele unserer sportlichen Protagonisten bedeutet dies eine Rückkehr an den Anfang, an den...