Page 1

Ich bin an meiner Situation eigentlich nie verzweifelt. Ich weiĂ&#x;, irgend einen Weg gibt es immer.


Ich bin an meiner Situation eigentlich nie verzweifelt. Ich weiĂ&#x;, irgend einen Weg gibt es immer.


Peter Kaufmann, im August 2010


Ich bin früher oft Marathon gelaufen, zum Beispiel in Wien, in München oder den Drei-LänderMarathon in Bregenz. So habe ich auch 2006 beim Wien-Marathon teilgenommen. Ich selbst kann mich nicht mehr daran erinnern, aber nachdem ich ins Ziel gekommen bin, sei ich zusammengebrochen. Ich war eigentlich schon tot und wurde wiederbelebt.   Es wurde eine Hirnblutung festgestellt und die Ärzte mussten meine Schädeldecke öffnen, um den Druck abzubauen. Ich bin dann einige Wochen lang ohne Schädeldecke zunächst im Allgemeinen Krankenhaus Wien und dann im Neurologischen Zentrum Rosenhügel gelegen. Sie haben mich lange im künstlichen Tiefschlaf gehalten. Warum die Blutung aufgetreten ist, konnte man nicht feststellen.   Ich war inzwischen wieder einmal im Krankenhaus in Wien und am Rosenhügel und habe mich dort bei den Ärzten und Pflegern bedankt. Ich weiß nur aus Erzählungen, was man alles für mich gemacht hat. 5


Im Mai ist es passiert und ungefähr im Juni bin ich dann in das Landeskrankenhaus Rankweil gekommen. Erst ab diesem Zeitpunkt kann ich mich wieder an etwas erinnern. In Rankweil konnte ich erstmals erkennen, was überhaupt mit mir passiert ist. Am Anfang konnte ich mich nur sehr schwer verständigen.   Für meine Familie war es eine schwierige Situation. Ich bin im Krankenhaus gelegen, mein ganzer Kopf war offen, weil man die Schädeldecke entfernen musste, und ich war komplett abrasiert. Meine Frau und meine Familie waren viel da für mich, auch meine Mutter. Sie alle sind für mich sehr wichtig.   Im Landeskrankenhaus Rankweil war ich drei oder vier Wochen und danach bin ich zur tagesklinischen neurologischen Rehabilitation in die smo Dornbirn gekommen. Am Anfang bin ich immer mit dem Taxi nach Dornbirn gefahren, später dann mit dem Zug. Dann hatte ich eine Pause und später konnte ich dann in die smo Bludenz/Bürs gehen. Dort war ich dann fast ein Jahr lang. Das 6


war recht interessant und hat mir sehr geholfen. Jetzt bin ich nicht mehr in Therapie.   In der smo Dornbirn war ich immer einen ganzen Tag, am Morgen bin ich mit dem Zug hingefahren, zu Mittag haben wir gekocht, gegessen und am Nachmittag haben wir mit der Therapie weiter gemacht. Teilweise sind wir auch in die Stadt spazieren gegangen, das war sehr abwechslungsreich. Ich bin beim Schlaganfall auf meine rechte Schulter gefallen und das hatte auch Einschränkungen in der Beweglichkeit meiner rechten Hand zur Folge. Am Anfang konnte ich sie überhaupt nicht schließen, ich habe die Hand immer offen halten müssen. Die Therapeuten haben dann viel mit Elektrotherapie gearbeitet und jetzt geht es wieder ganz gut.   In der smo Dornbirn habe ich viel Ergotherapie und Sprachtherapie gemacht. Das hat mir sehr geholfen. In der smo Bürs waren wir meistens nur bis am Mittag, teilweise haben wir dort auch gekocht und sind dann bis 14 Uhr dort gewesen. 7


Ich war auch zwei Mal in Gröbming in der Steiermark, wo ich jeweils einen längeren Therapieaufenthalt hatte. Dort hat man mit Logopädie und Ergotherapie gearbeitet.   Die Einschränkung, die mich am meisten trifft, ist, dass ich nicht Autofahren darf. Sonst geht eigentlich alles und ich hoffe, dass ich auch dafür bald wieder die Bewilligung bekomme.   Beruflich habe ich 25 Jahre lang bei der Firma Sika gearbeitet. Die Firma produziert chemische Baustoffe und feierte kürzlich das 100-jährige Jubiläum. Ich hatte die Leitung des ganzen technischen Bereichs. Dort habe ich alles mit aufgebaut und kenne mich aus wie kein anderer. Seit einigen Monaten arbeite ich wieder dort als Teilzeitkraft. Das geht recht gut. Der Firmenbus holt mich immer in der Nähe meines Hauses ab. Ich arbeite in der Firma großteils in der Werkstatt und helfe bei allem was an Instandhaltung anfällt. Ich glaube, es funktioniert recht gut.   Früher war ich viel in den Bergen unterwegs, im Sommer wie im Winter, Schifahren oder auf 8


Schitouren. Vor 15 Jahren war ich auf einem Achttausender und auf dem Mont Blanc. Ich gehe jetzt auch wieder in die Berge, sogar auf Schitouren. Das geht schon wieder recht gut. Gestern war ich mit meiner Familie zum Sonnenaufgang auf dem Hohen Freschen, das war sehr schön.   Ganz in der Nähe unseres Hauses haben wir eine große Obstwiese, das ist noch von dem landwirtschaftlichen Betrieb übrig geblieben, der früher in unserem Haus war. Ich bin ja auch in die Landwirtschaftliche Berufsschule gegangen. Die vielen Obstbäume in unserer Wiese schneide ich, das geht alles wieder.   Musik spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Auch alle drei Kinder spielen ein Instrument. Ich selbst bin Mitglied bei der Sonnenberger Harmoniemusik Nüziders, war dort sogar 10 Jahre lang Obmann, und bin auch bei der Eisenbahner Musik.   Ich bin ich nach wie vor aktiv bei den Vereinen und übe auch regelmäßig. Ich spiele Flügelhorn und Trompete. Nach meinem Schlaganfall ist es 9


10


11


zwar etwas schwieriger mit der Zungentechnik, aber es geht schon ganz gut. Wir rücken auch immer wieder aus und ich spiele immer mit. Vor wenigen Wochen haben wir beim Marschmusikwettbewerb mitgemacht und konnten dort den dritten Platz erreichen.   Früher habe ich auch Tanzmusik gemacht, von da her kenne ich noch viele Leute. Und die trifft man ab und zu, das tut gut. Meine kleine Trompete hatte ich früher immer dabei, sogar auf dem Ancohuma in Südamerika, in 6.500 m Höhe (zeigt ein Buch mit dem Bild, wie er auf einem verschneiten Berggipfel Trompete spielt). Jetzt habe ich das kleine Instrument natürlich nicht mehr so oft dabei, aber Musizieren macht mir nach wie vor viel Spaß.   Ich selber bin an meiner Situation eigentlich nie verzweifelt. Ich weiß, irgend einen Weg gibt es immer. Irgendwie ist mir schon klar, was da alles mit mir passiert ist und was das alles für Auswirkungen hatte. Aber was man im Laufe der Therapien alles wieder herstellen und verbessern konnte ist 12


erstaunlich. Und es geht laufend weiter. Das freut mich, das baut mich auf. Ich habe mich mit meiner Familie immer gut verstanden, es ist auch laufend besser geworden. Und mit den Kindern geht es auch recht gut. Mit den Kindern und meiner Frau gehe ich öfters Radfahren.   Bemerkung der Ehefrau: Die Situation hat nicht nur Nachteile. Wir haben jetzt mehr von ihm.   Bei einem meiner Therapieaufenthalte in Gröbming habe ich auch einmal einen Diavortrag über meine Besteigung des Achttausenders gehalten. Das ist sehr gut angekommen. Nächstes Jahr möchte ich auf den Kilimandscharo. Ein Bekannter von mir führt die Tour und da wollen wir nächstes Jahr dabei sein.   Mein Ziel ist es vor allem, dass ich wieder Auto fahren kann. Ich habe derzeit ja einen Behindertenausweis. Wenn diese Einschränkung wegfällt, wäre das eine enorme Erleichterung und ein großer Schritt in die Normalität für mich. Ende Monat kann ich wieder eine Prüfung machen, bei der das neu beurteilt wird. Die Prüfer meinen ja immer, 13


ich sei zu langsam, aber ich glaube, dass das von den Medikamenten gekommen ist. Das ist jetzt besser. Vor zwei drei Wochen habe ich aufgehรถrt, sie zu nehmen.

14


15


Peter Kaufmann, Jahrgang 1961, wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in N체ziders, wo er das Elternhaus umgebaut hat. Er war aktiver Sportler, Bergsteiger und Musiker, bis im Jahr 2006 ein Schlaganfall nach einem Marathonlauf sein Leben schlagartig ge채ndert hat. Inzwischen hat er wieder begonnen, in den Bergen zu wandern, an seinem alten Arbeitsplatz mitzuarbeiten und Musik macht er nach wie vor. In den abgedruckten Interviewpassagen erz채hlt Peter Kaufmann, wie er sein Leben nach dem Schlaganfall wieder in den Griff bekommt.

16


17


Das Gespräch mit Peter Kaufmann führte Johannes Inama am 23. August 2010 in dessen Haus in Nüziders. © 2010 SMO-Gesundheitsmanagement GmbH, SMO-Neurologische Rehabilitation GmbH, Bahnhofstraße 29/1,
A-6900 Bregenz, www.smo.at Konzept & Gestaltung: www.saegenvier.at Fotografie: Gerhard Klocker Druck: Höfle Offsetdruckerei, Dornbirn


smo_kaufmann_story  

Ich bin an meiner Situation eigent- lich nie verzwei- felt. Ich weiß, irgend einen Weg gibt es immer. Ich bin an meiner Situation eigent- li...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you