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November 2008 | 14. Ausgabe

zeilen weise


Christian Walter

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zeilen weise o immer wir an eine Grenze zu geraten und

festen Fuß zu fassen vermeinen, gerät sie in Bewegung und entgleitet uns. Blaise Pascal Liebe Leser, seit Menschengedenken fasziniert uns das Besondere. Wir sind gefesselt, wenn das Alltägliche überwunden wird und das Gewöhnliche dem Ungewöhnlichen weicht. Eine Gemeinsamkeit verbindet viele solcher Geschichten: Meist handeln sie vom Herantasten und vom Überschreiten bestehender Grenzen. So beschreibt beispielsweise der Text "Lena und Mesut" die Liebe zwischen einer Deutschen und einem Türken, die in ihrer Beziehung kulturelle Grenzen zu überwinden versuchen. Eben diese Geschichten wollen wir einfangen und erzählen - unabhängig davon, ob es sich um gesellschaftliche, moralische oder wissenschaftliche Grenzen handelt. Allerdings mussten wir im Laufe der Zeit auch erkennen, dass das Schreiben über Grenzen und Grenzgänger häufig eine große Herausforderung darstellt. Als Autor muss man zwangsläufig den Mut aufbringen, sich auf Gratwanderungen einzulassen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Das Ergebnis ist ein Heft mit jenen Geschichten, die vom Besonderen und Ungewöhnlichen handeln. Begeben Sie sich nun also an die Grenze.

Editorial

Die Chefredaktion

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Was darf grenzenlos sein?

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Umfrage unter Prominenten

Kulturelle Identität Sprechen Sie europäisch! Das Europa der Bürger

Mesut & Lena

Eine Liebe zwischen den Kulturen

Viel Bier, wenig Gemüse

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Austauschstudenten wundern sich über Deutschland

Politik & Wirtschaft Parteien im Farbenrausch Grenzen verwischen - Politik im Fünfparteiensystem

Ein neuer Mitarbeiter: IM Zahnpasta Weitersagen. Werbung erfindet sich neu!

Bananen: Die alten Hasen der Globalisierung

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Eine Frucht geht auf Reisen

Gesellschaft

Impressum Herausgeber: Internationaler Studiengang Fachjournalistik (ISFJ) Hochschule Bremen

Wie ein Chamäleon Panthalaimon ist pädophil

Verstrickte Situation Vollzeitjob Obdachloser

Schwelbrand Förderschule Unterricht am unteren Ende der Bildungspyramide

Anschrift der Redaktion: Hochschule Bremen Fakultät 3 - Gesellschaftswissenschaften Friederike Stüven (V.i.S.d.P.) Neustadtswall 30, 28199 Bremen stueven@fbawg.hs-bremen.de

Schmetterlinge zwischen Freude und Trauer

Chefredaktion: Anne Katrin Burghartz, Susanne Hausmann, Brede Lockhoff, Immo Maus

Flüchtige Augenblicke

Fotoredaktion: Christian Walter Titelbild: Christian Walter Layout: Katharina Meischen, Johannes Musial (Ltg.) Anzeigen I Marketing: Marie-Christine Rokitta (Ltg.) Vertrieb: Jana Rosenmeier (Ltg.) Druck: Bernecker Mediagruppe, Melsungen Auflage: 5.000 zeilen.weise ist ein eigenständiges Projekt der ISFJStudenten www.zeilenweise.info

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Ein Tag im Kinderhospiz Löwenherz

Wissenschaft & Technik Bist du wach oder schläfst du schon?

Geliebte Schäfchenwolken

Viel heiße Luft: Das Wetter an seinen Grenzen

Und täglich grüßt Paro

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Pilotprojekt im Altenheim

Kultur & Medien 20 Jahre nach Gladbeck Interviews mit Ulrich Deppendorf und Thomas Osterkorn

Zwischen Kitsch und Kunst

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Videospiele ringen um gesellschaftliche Anerkennung

Sport Eine Geschichte des Scheiterns Bergsteiger Folkert Lenz muss umkehren

Die Strafraumgrenze: Immer auf die Linie achten!

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Das späte Coming-o out

Ende im Gelände Zeig mir Deinen Zaun... ... und ich sag Dir, wer Du bist!

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Mesut & Lena Auf der Galatabrücke zwischen Asien und Europa haben sie sich kennen gelernt. Der Kurde Mesut kommt aus dem turbulenten Istanbul, die Deutsche Lena ist im beschaulichen Nürnberg aufgewachsen. Trotz aller kulturellen Unterschiede werden sie ein Paar. Doch Mesut darf nicht nach Deutschland einreisen. Seite 10

Bananen: Die alten Hasen der Globalisierung Seit über 30 Jahren transportiert David Tomlinson Bananen über den Atlantik. Der 48Jährige ist Kapitän eines Kühlschiffs. In Deutschland sind Bananen längst zur Alltagsfrucht geworden, doch es wird viel Aufwand betrieben, um europäische Obstregale täglich mit dem gelben Importschlager zu füllen. Seite 20

Wie ein Chamäleon Scham, Sprachlosigkeit, Anonymität: Eine Viertelmillion Männer in Deutschland ist pädophil. Die Geschichte eines Mannes, der seine Sexualität nicht ausleben will und therapeutische Hilfe sucht. Seite 23

Und täglich grüßt Paro In einem Pflegeheim in Niedersachsen wird Plüschroboter Paro als Therapiemaßnahme bei dementen Senioren eingesetzt. Die Hightech-Robbe soll an die Instinkte der Patienten appellieren. Seite 35

Eine Geschichte des Scheiterns Der Manaslu in Nepal ist einer der anspruchsvollsten Achttausender der Welt. Der erfahrene Bergsteiger Folkert Lenz wird den Gipfel nicht erreichen. Eine Reise an die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit. Seite 42


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Was darf grenzenlos sein? Ob Bürgermeister oder Hochseilartistin, Astronaut oder Schönheitskönigin: Prominente suchen für zeilen.weise nach dem Reiz der Grenzenlosigkeit.

Kim-V Valerie Voigt (Miss Germany 2008): Das Wissen ist begrenzt, nur die Fantasie ist grenzenlos. Die Weite und die Unendlichkeit des Universums werden nur durch die menschliche Fantasie übertroffen.

Mark Benecke (Kriminalbiologe): Grenzenlosigkeit ist langweilig - es sei denn, sie ist zeitlich begrenzt. Ich persönlich finde es an Rändern und Übergängen am spannendsten.

Jens Böhrnsen (Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen): Grenzenlos sind für mich die Fantasie und die Träume und die guten Wünsche. Und grenzenlos ist auch die Musik und manchmal die Liebe und fast immer das Lachen der Kinder. Und grenzenlos sind leider auch Dummheit und Gemeinheit.

Jutta Kleinschmidt (Rallye-F Fahrerin): Für mich darf die Lust auf etwas Neues grenzenlos sein.

Edzard Schmidt-JJortzig (Vorsitzender Deutscher Ethikrat): Wirklich grenzenlos sollte eigentlich nichts sein, weder das berufliche Engagement noch die Liebe, weder der Ehrgeiz noch die Demut. Das würde uns Menschen völlig überfordern in unserer vorgegebenen Endlichkeit. Das Leben ist ein Ballanceakt zwischen Wunsch und Realität. Es kommt immer auf das richtige Maß zwischen den Markierungen an. Ganz persönlich möchte ich zudem möglichst auch Kontrolle behalten über meine Kräfte und ihren Einsatz.


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Jessica Traber (Hochseilartistin): Ich bewege mich oft in großen Höhen. Aus diesem Grund darf die Höhe, in der ich auf dem Seil arbeite, grenzenlos sein. Je höher das Seil ist, je schöner ist es dort zu arbeiten.

Ralf Möller (Schauspieler): Grenzen kann man sich nur selbst setzen. Die Motivation sollte nicht eingeschränkt sein - egal in welchem Job. So ist das zum Beispiel beim Gouverneur Schwarzenegger. Der ist aus Graz übers Bodybuilding zum Film gekommen und ein Star geworden. Heute regiert er den wichtigsten und größten Bundesstaat der USA.

Peter Kloeppel (RTL-C Chefredakteur): Für Journalisten darf die Neugier grenzenlos sein. Denn nur mit dem ständigen Streben, mehr wissen zu wollen, besser informiert zu sein, um dann auch besser urteilen zu können, können wir unserer Aufgabe als Kontrollinstanz nachkommen.

Thomas Reiter (Astronaut): Für mich ist der Weltraum grenzenlos. Diese Grenzenlosigkeit durfte ich während meinen beiden Weltraumausstiegen erfahren.

Lilo Wanders (Travestiekünstlerin): Ich glaube, meine Gefühle sind im ersten Augenblick oft grenzenlos und dürfen es auch sein. Dann setzt meistens aber bald der Verstand ein und fragt, wie weit die Emotionen denn schwappen dürfen und ob es nicht gesünder wäre, Grenzen zu ziehen. Aber das gelingt mir auch nicht immer.


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Sprechen Sie europäisch! 27 Mitgliedsländer hat die Europäische Union. Ob Rauchverbot oder Fischereiquoten: Viele politische Entscheidungen werden in Brüssel getroffen. Doch wie viel wissen wir vom Leben in unseren Nachbarländern? Was fühlen Menschen in Skandinavien, wenn im Winter der Tag fast zur Nacht wird? Gehen spanische Männer in den Vaterschaftsurlaub? Ein Flickenteppich unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Traditionen auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität - das Europa der Bürger. Doch es gibt viele Hürden, die zu überwinden sind. Wie weit sind wir wirklich?

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er 24-jährige Abdelwahid Djaballah aus Lyon berichtet von einem Kneipenbesitzer in seiner Stadt. Dieser Mann mache Kunst aus den abgebrannten Zigarettenkippen seiner Gäste und versuche so, das Rauchverbot zu umgehen. Seit Februar 2007 haben sich die Länder der EU auf ein Rauchverbot in den Gaststätten geeinigt, das innerhalb der Union unterschiedlich umgesetzt wird. Hans-Jörg Schmidt ist Auslandskorrespondent in Prag. Er schildert, wie tschechische Kneipenbesitzer mit den Glimmstängeln umgehen. Und Britta Kuck erklärt Europa, warum in niederländischen Coffeeshops Marihuana nur noch pur geraucht werden darf. Reichlich Stoff zum Diskutieren. Und das wird auch gemacht. Auf der Webseite des Europamagazins Café Babel. Europas Bürger können hier Artikel aus verschiedenen Ländern lesen und verfassen. "Wir zeigen zu jedem Thema und jedem Artikel die

europäische Perspektive auf. Das kann man von regionalen Nachrichtenmagazinen nicht behaupten", sagt Monika Oelz. Sie ist bei Café Babel für Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Versuche anderer Medien, Europa zu einen, sind vielfach gescheitert. Zu schwer scheint es, die Menschen über ihre Landesgrenzen hinweg zu vernetzen. Doch wie könnte so ein europäisches Gemeinschaftsgefühl aussehen? "Eine europäische Identität wäre ein Selbstkonzept, das alle Europäer miteinander teilen und das sie von Bewohnern anderer Kontinente klar unterscheidet", erläutert Melanie Sauder, Diplompsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uniklinik in Bonn. Ein Mensch hat viele Identitäten: als Bürger einer Stadt eine regionale, als Einwohner eines Landes eine nationale und als Bewohner eines Kontinents sogar eine transnationale Identität. Welche territoriale Identität

wir annehmen, hängt davon ab, wo wir sind, von wem wir uns abgrenzen und mit wem wir uns verbünden möchten. Gefühle und Nutzenkalkül Sylke Nissen, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, hat ein solches kollektives Selbstkonzept untersucht. Sie unterscheidet dabei zwei unterschiedliche Ausprägungen: das am Nutzen orientierte und das durch Gefühle gekennzeichnete, affektive, Ich. Während das eine Ich die ökonomischen Vorteile einer EU-Mitgliedschaft gegen mögliche Nachteile abwägt, entwickelt das andere Ich die emotionale Bindung zu Europa. So stören sich viele Menschen zwar daran, dass sie ärmere EU-Länder mitfinanzieren sollen, profitieren andererseits aber vom reibungslosen Reisen in fremde Regionen. Und Städte wie Budapest, Dublin oder Riga wecken das Interesse Kulturbegeisterter. Durch Interaktion mit den anderen


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Bewohnern des Kontinents wird die emotionale Bindung an Europa gestärkt.

"Vorschriften und Einschränkungen nicht mehr nur aus Berlin, sondern auch aus Brüssel", stellt die Sozialwissenschaftlerin fest. Hängen bleibt dann: Ich darf nicht mehr rauchen die Europa-Politiker verbieten es. "Ablehnung gegenüber der EU und eine stärkere Konzentration auf die nationale oder regionale Identität gehen damit einher." Doch wie kann man Europas Bürgern bei der Suche nach einer gemeinsamen Identität auf die Sprünge helfen? Wie entwickelt man Verständnis für seine Nachbarn aus Frankreich oder Polen?

Tradition verbindet Um die Einstellung der Bürger zur Europäischen Union zu messen, gibt die Europäische Kommission in regelmäßigen Abständen eine Meinungsumfrage in Auftrag: das Eurobarometer. Durch gezielte Fragen zur Bedeutung der EU wird festgehalten, wie sehr sich die Bevölkerung mit der Staatengemeinschaft identifizieren kann. Die ersten Ergebnisse der aktuellen Umfrage (März bis Mai 2008) zeigen, dass 54 Prozent der EU-Bürger ökonomische Vorteile für ihr Land durch die Mitgliedschaft in der EU sehen. Das sind gerade mal knapp mehr als die Hälfte. Das nutzenkalkulierende Ich der Europäer scheint also noch nicht ganz überzeugt zu sein. Bei der affektiven Identität verhält es sich anders: Bürger langjähriger EU-Mitgliedsländer können sich eher mit Europa identifizieren. "Diese Geschichte, die Angehörige einer Nation unbewusst miteinander teilen, können wir auch auf EU-Ebene finden", sagt die Sozialwissenschaftlerin Nissen. Je stärker einige Mitgliedsländer schon in vergangenen Zeiten miteinander in Beziehung standen, desto höher ist die Zustimmung ihrer Einwohner zur EU. Und umso höher ist auch der Identifikationsgrad.

Das Internet verbindet

Durch Verreisen innerhalb Europas lassen sich nicht nur emotionale Bindungen aufbauen, man distanziert sich in der Regel auch von seiner regionalen Identität. Wir sehen uns dann als Bürger einer ganzen Nation. Durch Reisen über die Grenzen des Kontinents hinaus reflektieren wir uns als Europäer. Je größer man seine Kreise ziehe, desto eher sei man in der Lage die Identifikation mit der eigenen Herkunft weiter zu fassen, so Nissen. Auf der anderen Seite bestünde das Risiko auf seinem nationalen Selbst sitzen zu bleiben. Je weniger man von seinem regionalen Ich als Bewohner einer Stadt in einem Land abrücke, desto weniger böte sich eine Chance, die Vorteile der Staatengemeinschaft kennen zu lernen. Wenn in der eigenen Sichtweise die Nachteile überwiegen, kommen

Christian Walter

Reisen verbindet

Dieser Frage haben sich zwei junge Italiener angenommen und vor sieben Jahren die Internetplattform Café Babel gegründet. Während eines Auslandssemesters im Rahmen des europäischen Studenten-Austauschprogramms Erasmus hatten Nicola Dell´Arciprete und Adriano Farano die Idee, eine interaktive EuropaZeitung ins Leben zu rufen. Schließlich gründeten sie gemeinsam mit anderen Europäern den Trägerverein Babel International. Und seit dem wird nicht nur übereinander, sondern vor allem miteinander diskutiert. In sieben Sprachen gibt es Artikel und Features zu unterschiedlichen Themen. Ob nun Vaterschaftsurlaub, Umweltschutz oder der Kaukasus-Konflikt - dass Hans aus Deutschland, Emily aus Großbritannien und Anna aus Schweden ihre Ansichten teilen, ist hier keine Seltenheit. Das Prinzip der Texte folgt dem Bürgerjournalismus. Jeder kann mitschreiben, Gemeinsamkeiten entdecken und Unterschiede untersuchen. Hier wird Europa gelebt. Sylke Nissen hält solche Medien zur Entwicklung einer europäischen Identität für "unbedingt förderlich. Besonders für die jüngeren Generationen." Ihrer Einschätzung zufolge dokumentiere diese Kommunikation im Internet eine Entwicklung, die sich in der Praxis durch Erasmus und günstige Reiseangebote sowieso vollziehe. Und während Britta aus Holland und Abdelwahid aus Frankreich im Café Babel die Unwegsamkeiten des Rauchverbots besprechen, kommt Europa im Bewusstsein seiner Einwohner an. Vanessa Lebrato Criado


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Lena und Mesut Mesut kann gut kochen. Er will es vor seinen Freunden geheim halten, weil er sich dafür schämt. Lena ist emanzipiert. Sie kann das nicht verstehen. Beide sind in Welten aufgewachsen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und trotzdem sind sie zusammengeprallt. Mitten zwischen Asien und Europa.

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ach zwei Jahren Beziehung will Mesut Lenas Welt kennen lernen. Lena denkt oft daran, wie es wäre mit Mesut in Deutschland zu sein. "Mesut hat noch nie außerhalb der Türkei Urlaub gemacht, weil er kein Geld für ein Visum hatte. Deutschland wäre sicher der absolute Kulturschock für ihn." Lena steckt sich eine Zigarette an. "Da bist du zwei Jahre mit jemandem zusammen, und er darf dich nicht besuchen." Einen Plan B gibt es nicht. Sie versuchen, nicht an den Abschied zu denken. Nürnberg - Das Idyll

Hier hat sie Freunde, hier ist sie aufgewachsen, hier hat sie die Schule abgeschlossen. Hier sind mittags wenige Menschen auf den von pastellfarbenen Nachkriegsbauten gesäumten Straßen zu sehen. Eine mittelalterliche Burg überragt die sauberen Grünanlagen und bunten Parkbänke. Geranien an den Fensterbänken gibt es in allen Farben, wie die kurzen Röcke der gackernden Schülerinnen. Schilder im akkurat getrimmten Rasen verwarnen die Hunde: "Hier bitte kein Häufchen machen". Die Glocken der unzähligen Kirchen schlagen schwer. 500.000 Einwohner, Nürnberg ist eine mittelgroße Stadt in Bayern. Lena Ziyal ist 21, dünn und nie ohne schwarze Mütze zu sehen, unter der sich ihr kurzes, dunkles Haar versteckt. Sie trägt die Art von Nickelbrille, die auch Harry Potter und Mahatma Ghandi schon trugen. Durch die runden Gläser mustert sie ihr Gegenüber kritisch, bevor ihr Blick offen wird. Ihre Zigaretten dreht sich Lena selbst, sie raucht viel. Dass Lena die Menschen aufmerksam beobachtet, sieht man an ihren Zeichnungen. Sie will Kunst studieren und bildet ihr Leben auf Papier ab. Hier in Nürnberg wohnt Lenas Familie, zumindest zu einem Teil. Der andere Teil, das sind Lenas türkische Verwandte; die Geschwister, Cousins, Neffen und Nichten ihres Vaters.

Selten hat sie bislang mit ihnen Kontakt gehabt. Lena sprach kein Türkisch bis sie beschloss wegzugehen, um die Kultur ihres Vaters kennen zu lernen. "Ich wollte immer mal aus Deutschland raus. Und ich hatte Lust auf Istanbul." Istanbul - Eine andere Welt Istanbul ist heiß, dreckig und so laut, dass es besser ist in der Wohnung zu bleiben, als auf die Straße zu gehen. Denn auf der Straße hupen die Blechlawinen vom ersten Ruf des Muezzins bis zum von Möwen begleiteten Gebetsruf am nächsten Morgen. Hier wird alles verkauft: Taschentücher von alten Frauen, Sex von jungen Frauen und "sich mit der Waage wiegen lassen" von zehnjährigen Jungs. Die steilen, verwinkelten Straßen duften nach gebratenem Fisch, reifen Melonen und Rauch, denn geraucht wird hier an jeder Ecke. Kinder in riesenhaften, mit Styropor gepolsterten, Badehosen springen lachend von der doppelstöckigen Galatabrücke in das ölige Hafenwasser des Bosporus. Zwischen Designerläden, Starbucks und Mc Donald's treffen konservative Schnurrbartträger auf Transvestiten im neongrünen Minirock. Eine Metropole voller Gegensätze - auch geografisch. Ein Teil der Stadt liegt auf dem europäischen-, der andere auf dem asiatischen Kontinent. 15 Millionen Einwohner, Istanbul ist eine große Stadt in einer anderen Welt. Hier lebt Mesut Bulguru. Seine Haut ist dunkel gebräunt, er hat volle Lippen und dickes schwarzes Haar. Wenn er dasteht, hat er die Hände in den Hosentaschen. Seine Schultern fallen zurück und der Kopf schiebt sich nach vorne. Beim Gehen singt Mesut. Ursprünglich kommt er aus Malatya in Anatolien, dem Osten der Türkei. Die Schule hat er bis zur vierten Klasse besucht. Mesut ist Kurde. Er spricht Türkisch und Kurdisch. Kurdisch zu sprechen, kurdische Musik zu hören oder die kurdische Kultur zu pflegen,

war bis vor kurzem bei Gefängnisstrafe verboten. Heute sieht man manchmal wieder Menschen in Clubs oder spät nachts in den belebten Straßen die alten Tänze tanzen. Männer und Frauen stehen im Kreis, halten sich eingehakt am kleinen Finger und drehen sich zusammen immer wilder zu kurdischen Liedern. Mesut liebt diese Musik und tanzt dazu. Gerne gesehen ist das von vielen Türken noch immer nicht. In Istanbul ist Mesut Näher und fertigt Röcke und Blusen, die hauptsächlich in deutschen Filialen einer Modekette verkauft werden. Mesut verdient an jedem Teil, das er genäht hat, 75 Cent. Im Monat macht das etwa 400 Euro. Aus der Türkei darf er, wie alle Türken, ohne Visum nicht in ein westliches Land ausreisen. Daher war er noch nie im Urlaub. Ein Visum ist sehr teuer. Mesut raucht mindestens genauso viele Selbstgedrehte wie Lena. Auf der Galatabrücke sind vor zwei Jahren Lenas und Mesuts Welten aufeinander geprallt: "Wenn du in Istanbul einen Job suchst, gehst du auf die Brücke, läufst durch die Läden und Restaurants und fragst die Arbeiter", sagt Lena. Sie fragte Mesut, der sie in ein Fischrestaurant vermittelte. "Teller abräumen, Fischreste wegschmeißen und Sitzplätze sauber machen", erinnert sich Lena. Mesut hat einen Monat lang vergeblich versucht, sie von der Arbeit abzuholen und auf Çay, schwarzen Tee, einzuladen. Immer ist sie entweder schon weg gewesen oder hat erst viel später Feierabend gem a c h t . Nach einem weiteren Monat ist Mesut nicht


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nur der vierte Mitbewohner in Lenas Wohngemeinschaft in Beyoglu, dem Amüsierviertel Istanbuls. Er ist auch Lenas Freund. In Beyoglu sind Clubs, Bars, Ateliers

und Bordelle zu Hause. Beim Puff eine Straße weiter stehen die Männer manchmal Schlange. Trotzdem leben viele Familien hier, oft sitzt man bis in die Nacht auf Hockern vor dem Haus, isst, redet und raucht. Das Treppenhaus ist, wie ganz Istanbul, voller Katzen und riecht auch dementsprechend. Vor den Haustüren, die immer mit wenigstens drei Schlössern gesichert sind, stehen Schüsseln mit Milch. Lena hat oft Besuch von Freunden aus Deutschland. Dann wird zusammen gekocht und gegessen. Besonders an solchen alltäglichen Dingen werden kulturelle Unterschiede deutlich: "Am Anfang der Beziehung hat Mesut seinen Kumpels noch verheimlicht, dass er mir zu Hause beim Putzen und Kochen hilft. Es war ihm peinlich." Mesut kocht sehr gut, heute auch für seine Freunde. Vor allem Melemen, ein Eiergericht mit Paprika und Tomaten - eben alles, was günstig ist. Bürokratie ist Bürokratie Mesut kann nicht kommen - ihm wurde das Besuchervisum verweigert. Nachdem er mehr Geld als er besitzt in Papiere investiert hat, ist es ihm immer noch nicht möglich seine Freundin Lena in Deutschland zu besuchen. Lena kennt Mesuts Familie, seine Welt. Einmal haben die beiden zusammen in Anatolien Urlaub gemacht. Freundliche Menschen. Die Frauen kochen, kümmern sich um den Haushalt und rauchen. Die Männer gehen zur Arbeit, trinken Tee und rauchen auch. Mesut wird diesen Sommer 30. Er hat die Türkei noch nie verlassen und kann

sich Lenas Welt nur schwer vorstellen. Als türkischer Staatsbürger benötigt man für jedes EU-Land ein Visum, wie für alle anderen westlichen Staaten auch. Dieses Papier kostet viel Geld, weil nicht allein das Visum, sondern ein Rattenschwanz an Formularen und Versicherungen bezahlt werden muss. Mesut weiß nicht, wie es dort aussieht, wo Lenas Besuch herkommt. Er hat keine Vorstellung von der Ordnung, der sonntäglichen Ruhe, den Parkbänken und den Verbotsschildern. Bayern, Nürnberg. Das Gegenteil von Istanbul. Wenn Lena von "Zuhause" erzählt, dann hauptsächlich über Arbeitslosigkeit, Fremdenfeindlichkeit, Abhängigkeit von anderen. Er soll nicht denken, dass dort alles besser ist. "Wenn du nach Deutschland kommst, ohne die Sprache zu sprechen oder Arbeit zu haben, zählst du erstmal als Mensch zweiter Klasse. Obwohl das in Istanbul eigentlich auch so ist." Die Menschen aus Ostanatolien gelten in der Großstadt als Dörfler. Sie haben dunklere Haut, sprechen anders und werden von oben herab betrachtet. Der Westen der Türkei ist relativ reich und modern. Der Osten ist dagegen arm, ländlich, gilt als bildungsfern und religiös. Nach zwei Jahren Beziehung will Mesut Deutschland mit eigenen Augen sehen und Lenas Welt kennen lernen. Also muss ein Besuchervisum beantragt werden, das Nicht-EU-Bürgern einen dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland erlaubt. Die Terminvergabe der Visastelle läuft über eine Firma, die pro telefonischer Auskunft 10 Euro berechnet. Mesut besorgt sich einen Pass (150 Euro). In Deutschland wird eine Reisekrankenversicherung für ihn abgeschlossen (100 Euro) und eine Bankbürgschaft übernommen. Die Bürgschaft in Höhe von 1.500 Euro legt ein Familienmitglied Lenas für Mesut auf einer Bank an und ist für den Fall eines möglichen Schadens, der in Deutschland durch Mesut entstehen könnte. Passiert nichts, wird das Geld zurückgezahlt. Auch die Eintragung seines Chefs bei der Industrie- und Handelskammer muss Mesut vorlegen.

Nachdem er die notwendigen 25 Formulare zusammen getragen hat (800 Euro), bekommt er das offizielle Einladungsschreiben. Insgesamt hat er etwa 1.000 Euro ausgegeben. Sein Antrag wird vier Wochen später ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Bürokratie ist Bürokratie. Lenas Vater möchte nicht, dass sie heiraten Heirat - die nächstliegende Lösung, um zusammen sein zu können kommt vorerst nicht in Frage. Neben gesetzlichen Hindernissen ist eine Hochzeit für Lenas Familie ein Problem. "Mein Vater will mich beschützen und als Familienältester ist sein Wort quasi Gesetz. Er glaubt, Mesut sei rückständig und möchte nicht, dass wir heiraten." Das türkische Eherecht ist kompliziert, Lena und Mesut müssten in der Türkei heiraten. In Deutschland würde zunächst Lena als Ehefrau finanziell für Mesut aufkommen, da er nicht Hartz IV berechtigt ist. "Alles spielt irgendwie zusammen. Wenn meine Familie uns unterstützen würde, wären mir einige Hindernisse egal." Lena ist Realistin. "Momentan würde ich mit allen rechtlichen und finanziellen Problemen alleine dastehen." Ihr Leben in Istanbul hat Lena in einem Comic festgehalten. "Graustufen-Gritonlar" ist ihre Eintrittskarte für die Kunsthochschule. Ab Oktober wird sie in Berlin studieren. Um in Istanbul studieren zu können, spricht sie nicht genug Türkisch. Mesut will einen Imbiss am Schwarzen Meer aufmachen. Denn gut kochen, das kann er. Maja Hoock Illustrationen: Lena Ziyal


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Brasilien: Paulo Faltay Filh

Katharina Döppler

Katharina Döppler

Katharina Döppler

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Kolumbien: Gloria Gallego

Indien: Pradeep Nosonha

Viel Bier, wenig Gemüse Deutschland - ein Land voller Bushaltestellen, Warentrenner und Frauen auf Männertoiletten. Unsere Heimat ist gewöhnungsbedürftig für Menschen, die aus China, Indien, Brasilien, Kolumbien oder Italien kommen. Katharina Döppler hat sie gesammelt, die Blicke derjenigen auf Deutschland, die den Alltag hier ganz anders sehen.

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aulo Faltay Filh steht an einer stark befahrenen Straße und fuchtelt wild mit den Armen. Der junge blonde Mann versucht zum ersten Mal die öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland zu benutzen. Mit der Zeit wird er herausfinden, dass Busse hier nur an Haltestellen und nach Fahrplan stoppen. Anders als in Brasilien. Dort verlangt es vollen Körpereinsatz, um mitgenommen zu werden. Brasilien ist Paulos Heimat, aus der er gerade für ein Auslandssemester nach Bremen gekommen ist. "In Deutschland wird nichts dem Zufall überlassen. Für mich ist es schwierig alle Regeln herauszu-

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finden und zu verstehen", erklärt der Brasilianer. Wo s ind die Tütenpacker? Wie bei den meisten Menschen neigen sich auch Paulos Essensvorräte gerne an Sonntagen dem Ende zu. Kein Problem, dann macht er eben einen Abstecher in den Supermarkt. Doch im Gegensatz zu Brasilien haben die bei uns sonntags geschlossen. Paulo improvisiert und so gibt es sein neues Lieblingsessen: Döner Kebab. "Döner wurde doch von den Deutschen erfunden - oder? Das sollte man mal nach

Brasilien exportieren." Am nächsten Tag im Supermarkt stellt sich Paulo, nachdem er bezahlt hat, der nächsten Herausforderung. Wie bekommt er den Großeinkauf nach Hause? Aus Brasilien ist er es gewohnt, dass an jeder Kasse "Tütenpacker" seinen Einkauf in Plastiktüten räumen und zum Auto tragen. An deutschen Kassen hält er vergebens Ausschau und muss seine Sachen irgendwie ohne Tasche nach Hause balancieren. Daheim schaut sich der Austauschstudent den Kassenzettel genauer an. Ihm wurde wohl ein Artikel zu viel berechnet. Pfand hatte er doch gar nicht gekauft.


Katharina Döppler

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Italien: Valentina di Cataldo

China: Yuhui Li

Deutsche unter 14 Jahren. Ältere brauchen mehr. Es ist verrückt, dass hier also schon Kinder Bier trinken" Valentina di Cataldo hat mit deutscher Trinkfreudigkeit auch schon Bekanntschaft gemacht. Der erste Satz, den die hübsche italienische Austauschstuden tin auf Deutsch lernte, war: "Ein Haake Beck, bitte." Auf dem Weg von der Uni nach Hause trifft sie auf eine Gruppe älterer Frauen, die betrunken und laut in der Stadt unterwegs sind. Eigentlich hatte Valentina sich bei dem Gedanken an deutsche Frauen immer eine gesunde, blonde Dame auf einem Fahrrad vorgestellt, deren Korb mit frischem Biogemüse gefüllt ist. Ge ri n ge Ge m üs e aus wah l

Paulo rätselt: "Was für ein Lebensmittel ist das überhaupt?" “Das i s t m e i n s !” Gloria Gallego kommt aus Kolumbien. Sie will einige Jahre in Deutschland studieren. Gleich zu Beginn ihres Aufenthalts ist die dunkel gelockte Südamerikanerin im Supermarkt rätselhaften, dreieckigen Plastikteilen begegnet: "Ich habe gesehen, dass die Deutschen großen Wert darauf legen, die Teile auf dem Fließband zwischen ihren Einkäufen zu platzieren, um deutlich zu markieren: Das ist meins!" In Kolumbien funktionieren die Supermärkte auch ohne Warentrenner wunderbar. Gloria mutmaßt: "Bei uns schwätzen beim Anstehen alle miteinander. Aber die Deutschen sprechen ja nicht gerne mit Fremden. Wahrscheinlich sollen die Dreiecke deshalb die Rentner beschäftigen, damit sie beim Anstehen nicht ungeduldig werden." Pradeep Nosonha aus Indien versucht, das Einkaufen gleich zu umgehen. Er hat sich kiloweise heimische Fertiggerichte für sein Semester in Deutschland mitgebracht. Mit Maggi Atta Noodles über Mattar Paneer und Instant Pav Bhaji ist er bestens ausgerüstet. Trotzdem gibt es noch genug Dinge, die dem schüchternen Studenten fremd erscheinen. Besonders das deutsche Nachtleben. Überall trifft er auf Pärchen, die sich in der Öffentlichkeit an den Händen halten oder sogar küssen und umarmen. In seiner Heimat undenkbar. Dort gibt es Körperkontakte auf der Straße nur zwischen gleichgeschlechtlichen Kumpels. Pradeep lacht bei dem Gedanken, dass er hier als schwul bezeichnet

würde, wenn er Hand in Hand mit seinen Jungs unterwegs wäre. Auch Paulo, der Brasilianer, hat schon Erfahrungen mit zu viel Körperkontakt gemacht: "Meine Vermieterin kenne ich nur ein bisschen. Ich habe sie im Hausflur getroffen und sie hat erzählt, dass sie Geburtstag hat. Da habe ich sie natürlich kräftig umarmt und geküsst. Sie war alles andere als begeistert und hat die Flucht ergriffen." Von k l e i n auf Bi e r Zurück zu Inder Pradeep. Der ist inzwischen auf dem Weg in den Biergarten. Begeistert überquert er einen Zebrastreifen. Die könnte man in indischen Großstädten auch gebrauchen. Aber dass Fußgängerüberwege dort funktionieren würden, bezweifelt er: "Die Straßen sind bei uns so überfüllt mit Rikschas, Mofas und Tieren. Man würde die Streifen eh nicht sehen." Trotzdem findet er, es gebe viel zu viele Regeln in Deutschland. Die könne sich doch sowieso kein Mensch merken. Mit seinem typisch indischen Akzent zitiert der Student einen Spruch seines Großvaters: "Wenn nachts irgendwo auf der Welt jemand an einer leeren Kreuzung an einer roten Ampel wartet, dann muss es ein Deutscher sein." Angekommen im Biergarten bestellt Pradeep sich sein neues Lieblingsgetränk. Guter deutscher Gerstensaft. Viel Alkohol verträgt er jedoch nicht. Das musste der Inder an seinem ersten Abend in Deutschland bereits schmerzlich feststellen. Zumindest nicht soviel wie die Deutschen. Aber die sind es ja auch von klein auf gewohnt Bier zu trinken. Pradeep hat es durchschaut: "Ein Bier ist genug für Ausländer und

Yuhui Li aus China kommt staunend aus der Toilette der Mensa. Dass deutsche Frauen durchaus mal die Männertoilette benutzen, wenn bei ihnen die Schlange zu lang ist, findet er sehr mutig. Seine Landsfrauen würden sich das nicht so einfach trauen, kichert der zierliche Informatikstudent. Als er kurz darauf vor einem Teller Kartoffeln mit Gulasch sitzt, vergeht ihm das Lachen schnell. Das Essen ist für seinen Geschmack zu salzig. Viel zu salzig. Und zu sauer. Selbst kochen kann er hier aber auch nicht. Dafür fehlt es ihm an der richtigen Gemüseauswahl. Mit der lächerlichen Auswahl von zehn oder fünfzehn Gemüsesorten kommt er nicht weit. In China werden weit über fünfzig Sorten angeboten. Als Yuhui seinen leeren Teller zurückbringt, zieht er angeekelt eine Augenbraue hoch. Ganz schön unhygienisch, dass die Teller nach jedem waschen von jemand anderem benutzt werden. In seiner Heimat bringt jeder seinen eigenen Teller mit. Dort wird auch nicht mal eben ein Brot auf dem Tisch abgelegt. Der ist ja nie richtig sauber. Man legt immer einen Teller unter. Immer. Aber Yuhui hat sich schon an einiges gewöhnt. Am meisten macht ihm die Sprache zu schaffen. Im Deutschen gebe es einfach für jede Aktivität ein Verb. "Oft stehe das auch noch am Ende des Satzes, dann hat man den Anfang schon wieder vergessen. Aussehen, ansehen, absehen, hinsehen, zusehen - wann benutzt man was?" Ein Rätsel. Katharina Döppler


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Christian Walter

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Parteien im Farbrausch Fünf Fraktionen haben im Bundestag das Sagen. Eigentlich überschaubar. Dennoch ergehen sich Schwarz, Gelb, zweimal Rot (Die Linke, SPD) und Grün derzeit im Farbrausch. Die Palette möglicher Mischungen reicht von Rot-Gelb-Grün über Schwarz-Gelb-Grün bis hin zu Rot-Rot-Grün. Und sie wird noch bunter. Alles ist möglich. Parteimitglieder und Wähler sind verunsichert. PolitikExperten warnen: Wer kein Profil mehr hat, wird unkenntlich. Den Ursachen dieser Entwicklung und möglichen Lösungen sind Johannes Musial und Dominik Schmidt nachgegangen.

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wei Unterschriften unter den Kronleuchtern im Kaisersaal des Hamburger Rathauses reichten aus, um die Premiere im Februar dieses Jahres perfekt zu machen. Hände schütteln, in die Kameras lächeln, Einheit demonstrieren. Der konservative Ole von Beust (CDU) und die links orientierte Christa Goetsch (GALBündnis 90/Die Grünen) besiegeln die erste schwarz-grüne Regierung auf Landesebene. Ein Paukenschlag im deutschen Parteiengefüge. Der ist mittlerweile zwar verhallt, doch Ruhe ist in die Parteienlandschaft noch lange nicht eingekehrt. Ziemlich laut war es Anfang September bei der SPD. So laut, dass Kurt Beck den Parteivorsitz hinschmiss und von Franz Müntefering abgelöst wurde. Auch in Hessen brodelt es. Im Januar hatte die SPD hauchdünn gegen die CDU verloren (SPD: 36,7 Prozent, CDU: 36,8 Prozent). Danach flirtete Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti mit der Linken und verursachte damit eine heftige parteiinterne Diskussion. Die meisten SPD-Anhänger fühlen sich verunsichert und betrogen, was nicht zuletzt sinkende Umfragewerte zeigten. Schlussendlich verpassten vier Querdenker aus der SPD

Ypsilanti die Quittung und ließen den Koalitionspoker platzen. Poröse Parteigrenzen Wo aber neue Freundschaften entstehen, gehen alte zu Bruch. Das merken die Volksparteien CDU und SPD derzeit an der Zahl ihrer Mitglieder. 1.600 Genossen geben monatlich ihr Parteibuch zurück. Auch die Union verliert stetig. Seit Ende 2005 wandten 42.000 von einstmals 571.000 Mitgliedern der Partei den Rücken zu. Profitieren können davon die kleinen Parteien, die an den zuvor gesicherten Positionen von SPD und CDU rütteln. Allen voran die Linkspartei. Im ersten Halbjahr 2008 konnte sie nach eigenen Angaben rund 2.500 Mitglieder gewinnen. Eine Umwälzung der Parteienlandschaft kündigt sich an. Schwarz-Gelb und Rot-Grün waren lange die festen politischen Lager. Doch erste rot-rote Regierungskoalitionen - wie von 1998 bis 2006 in Mecklenburg-Vorpommern oder seit 2002 in Berlin - zeigen, dass diese Bündnisse nicht mehr die einzigen Möglichkeiten zur Regierungsbildung sind. Professor Lothar Probst, Wahlforscher von der Universität Bremen, beschreibt die Lage wie folgt:

"Die bisherigen Lagergrenzen zwischen den Parteien sind porös geworden. Sie sind gezwungen, sich neu zu positionieren, wie es zum Beispiel in Hamburg geschehen ist." CDU und SPD müssten im Gegensatz zu den kleineren Parteien nicht nur ihren Markenkern verteidigen, sondern in einem Spagat auch versuchen, Wechselwähler zu gewinnen. Das habe zur Folge, dass sie sich zunehmend inhaltlich anglichen und ähnliche Positionen verträten. Das Resultat: Die Unterschiede zwischen der ursprünglich sozialen SPD und der konservativen CDU verwischen, die Wähler fühlen sich verunsichert. Das sieht auch Laurenz Meyer, wirtschaftspolitischer Sprecher der UnionsFraktion im Bundestag. Im Münchner Merkur warnte er: "Wir müssen in der Großen Koalition aufpassen, dass wir unser wirtschaftspolitisches Profil nicht gefährden." Manche werden noch konkreter. Der Süddeutschen Zeitung sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) im Januar zum gesetzlichen Mindestlohn: "Wir müssen uns klar bekennen. Deshalb ist mein Rat an die CDU, sehr intensiv und differenziert eine Position gegen die einfache Mindestlohn-


Stephan Mosel

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Umgewälzt: Bürgermeister Ole von Beust (CDU, l.) regiert gemeinsam mit den Grünen in Hamburg. Währenddessen wetteifert die Linke um Oskar Lafontaine (m.) und die SPD unter Franz Müntefering (r.) auf Bundesebene um die sozialere Politik.

Kampagne der SPD zu entwickeln und in der öffentlichen Debatte aufzubauen." Ebenso mahnen einige Genossen an, die aktuelle Parteilinie zu überdenken. Fraktionschef Peter Struck riet im Interview mit n-tv davon ab, Unionsprügel vor inhaltliche Arbeit zu stellen. "Wir müssen eine ordentliche Bilanz vorweisen", forderte er. Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann sieht in einer inhaltlichen Debatte die Möglichkeit, "dass wir aus den Umfragewerten wieder herauskommen", wie er im Juni gegenüber dem Hamburger Abendblatt sagte. SPD unter Druck Auch Dr. Viola Neu, Politologin der Konrad-Adenauer-Stiftung, sieht die Probleme der SPD. Die Partei "braucht einen Fahrer, hatte aber nur MechaniAnzeige

ker", beschreibt sie die Situ-ation der Sozialdemokraten unter Kurt Beck. "Es weiß niemand, wohin dieses Auto steuert." Der Drahtseilakt zwischen der sozialen Parteitradition und Regierungsverantwortung falle der Partei schwer. Eine klare inhaltliche Ausrichtung hätte es nicht gegeben. Diese könnte nun durch den neuen SPD-Vorsitzenden Müntefering in Schwung gebracht werden. Für die Probleme der Sozialdemokraten ist auch ein alter Bekannter verantwortlich: Oskar Lafontaine. Er treibt mit seiner Partei Die Linke und mit Parolen für mehr soziale Gerechtigkeit beide Volksparteien vor sich her. Besonders die SPD, die lange Zeit als Stimme für sozialen Fortschritt stand, bekommt die Konkurrenz zu spüren. Offensichtlich wurde das Dilemma nach der Bundestagswahl 2005. Etliche Wähler versagten den Sozial-

demokraten die Treue. Mit 8,7 Prozent der Wählerstimmen war die Linkspartei der große Gewinner der Wahl. Auch aktuell verheißen die Umfragen für die SPD nichts Gutes. Die Linke hatte Anfang September 2008 im Saarland erstmals in einem westlichen Bundesland die Nase vor der SPD. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa kam sie auf 24 Prozent (SPD: 23 Prozent). Wettstreit um soziale Wohltaten Die Erfolge der Linken erhöhen den Druck auf CDU und SPD. "Die Existenz der Linkspartei zwingt die Parteien dazu, in ihrer Programmatik zu reagieren", sagt der Bremer Wahlforscher Probst. Das Ergebnis ist ein - zumindest gefühlter - Linksruck der Parteien. Mit einer Verschärfung der eigenen


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Sozialpolitik versuchen die beiden großen Parteien der Linken das Wasser abzugraben. So liest man im Grundsatzprogramm der SPD des Jahres 2007 von "Arbeit, die gerecht entlohnt wird", "Existenz sichernde(n) Mindestlöhne(n)" und "gleichen Lebenschancen für alle". Im aktuellen Regierungsprogramm der CDU/CSU ist von einer "verlässliche(n) Rente" die Rede und von einem "Kinderbonus von monatlich 50 Euro". Die Politologin Dr. Viola Neu kritisiert den Überbietungswettbewerb und warnt vor sozialen Wohltaten seitens der Linken, "den die Parteien, die in politischer Verantwortung stehen, überhaupt nicht eingehen können, ohne sich selbst in ihrer Existenz zu gefährden". Die Linke fordert und besonders die beiden Volksparteien müssen nachziehen, um nicht noch mehr Protestwähler an diese zu verlieren. Dabei sind soziale Aspekte für die Bevölkerung wichtiger denn je. Nicht nur die Zahl der Empfänger von Sozialleistungen ist höher als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Auch der Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung eilt dem der Ärmeren davon. Laut des im Mai veröffentlichten Armutsberichts der Bundesregierung sind 26 Prozent der Bürger arm oder werden durch Sozialleistungen vor der Armut bewahrt. Viele Forderungen der Linken sind daher mittlerweile von der Regierung umgesetzt worden: längeres Arbeitslosengeld, höheres Wohngeld, Begrenzung der Privatisierung, Reichensteuer. Die Forderung der Linken nach Mindestlöhnen lässt die anderen Parteien ebenfalls nicht kalt. Die SPD schloss sich bereits im Sommer letzten Jahres an. Nach ursprünglich vollständiger Ablehnung, stimmte nun auch die Union zumindest einem branchenbeschränkten Mindestlohn zu. Fünfparteiensystem verlangt nach neuen Ideen Die Linkspartei mag für eine sozialere Politik verantwortlich sein, sie löst andererseits ein Aufbrechen der Parteigrenzen aus. Nach Jahrzehnten des Vierparteiensystems hat mit der Linken nun eine weitere Partei die Bühne betreten. Sie erhält die Zustimmung vieler Wähler und zwingt die anderen Fraktionen in ein schwieriges Koalitionspoker. Nötige Mehrhei-

ten für Schwarz-Gelb oder Rot-Grün fehlen. Das führt laut Neu dazu, dass Entscheidungen "entsprechend der Machtverhältnisse gefällt" werden und Dreier-Konstellationen zukünftig nicht ausgeschlossen seien. An die Linke als ein vorübergehendes Phänomen glauben die meisten Deutschen nicht. 55 Prozent von ihnen denken laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts Anfang des Jahres nicht nur, dass die Linke stark sei, sondern erwarten, dass sie noch stärker werde. Dessen ist sich auch die SPD bewusst. Davon zeugen die intensiven parteiinternen Debatten um eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Linken. Die einen - wie der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit - plädieren dafür, es dürfe "kein Tabu" geben. Andere - wie Parteichef Franz Müntefering - setzen sich währenddessen für eine klare Koalitionsabsage an die Linke ein. "Kein Tabu" In dieser Frage, wie auch in der programmatischen Ausrichtung, brauche die SPD eine klare Linie, denn der "Zick-Zack-Kurs macht sich", laut Wahlforscher Probst, "auf keinen Fall bezahlt". Generell sieht dieser die Notwendigkeit für ein Überdenken der eigenen Positionen seitens der Parteien. Diese "müssen wieder schärfer eigenes Profil entwickeln". Entscheidend ist, wie sich CDU und SPD wieder auf ihre konservativen, beziehungsweise sozialen Wurzeln besinnen. Neue Situationen erfordern neue Strategien. Und diese im neuen Fünfparteiensystem zu finden, wird die wichtigste und größte Aufgabe vor den Bundestagswahlen 2009 sein. Besonders für die SPD mit ihrer neuen Führung Steinmeier/ Müntefering. Denn diese Wahlen könnten überraschende Ergebnisse bringen. Ole von Beust und Christa Goetsch haben den Farbtopf angerührt. Gemeinsam mit Andrea Ypsilanti haben sie den ersten Schritt in Richtung einer bunten Koalitionslandschaft gemacht. Bei den Wahlen im kommenden Herbst könnte es deshalb sogar ungewöhnlich farbenfroh werden: Rot-Gelb-Grün, Schwarz-Gelb-Grün oder sogar RotRot-Grün. Johannes Musial und Dominik Schmidt

Eine wie Keine

isc h Ze en d ile n en

Eine Glosse von Johannes Musial

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht. Farbkasten rausgeholt und Rot mit Gelb, Grün und Schwarz gemischt. Ocker ergibt das und ist der Ausweg aus dem Parteien- und Farbenwirrwarr. Das Fünfparteiensystem hat ausgedient. Laut, teuer, unübersichtlich und überflüssig ist es. Zurück zur Einheitspartei ist die Devise. Eine Gute ist besser als fünf Zerstrittene! Die Vorteile lassen sich schnell finden. Eine Einheitspartei ist vor allem billiger. Weniger Personal, geringerer Verwaltungsaufwand. Mit den jährlich eingesparten 32 Millionen (Baukosten für Verhandlungssäle mit großem Fassungsvermögen exklusive) könnte man dann mal eben die A7 modernisieren, den Berliner Schuldenberg pro Jahr um 0,0005 Prozent abtragen oder jedem zweieinhalbmillionsten Bundesbürger einen Scheck über eine Million Euro überreichen. Auch auf lange Wahlkämpfe mit falschen Versprechen und lästigen Infoständen muss sich der Bürger dann nicht mehr einlassen. Ebenso wenig auf ständig wechselnde Regierungen. Nicht zu vergessen: mehr Freizeit. Viel Zeit fordert das Lesen und Anschauen der Parteimeldungen. Die Einheitspartei macht es da leicht. Das heißt: weniger informieren über verschiedene Parteimeinungen und dafür schon früher in die Kneipe. Dort wird man bei politischen Diskussionen auch nie mehr schlecht da stehen. Das Dutzend wichtiger Parteifunktionäre und die alle Bereiche abdeckende Parteilinie sind schnell verinnerlicht. Eine einmalige Gelegenheit wäre der politische Wandel auch für die Medien. Mehr Traumschiff und Musikantenstadl statt trockener Polit-Berichterstattung bei den Öffentlich-Rechtlichen. Knut und Konsorten statt Angie auf Seite 1 der FAZ oder der Süddeutschen. Selbst der sich dahinquälenden Wiedervereinigung würde die Einheitspartei gut tun. Die DDR-Nostalgiker würden sich endlich wieder heimisch fühlen. Eine unabdingbare Voraussetzung für eine gesunde Harmonie im deutschen Staat. Für die Zukunft brauchen wir also keineswegs schwarz sehen. Auch nicht rot, gelb oder grün, sondern ocker!


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Ein neuer Mitarbeiter: IM Zahnpasta

Christian Walter

Werbung 端berall, zu jeder Zeit. Im Wettstreit um wertvolle Kundschaft werden die Strategien von Werbeagenturen immer subtiler. Der neueste Trend: Mund-zu-Mund-Propaganda in der Mittagspause statt teurer Hochglanzanzeigen. Engelbert Hagemeyer und Alexander Tieg wollten wissen, wie die informelle Mitarbeit ganz normaler Leute f端r die Werbebranche funktioniert.


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trnd

rgendwo zwischen Taka-Tuka-Land men. Bei der Arbeit, in der aber weder Wrigleys noch Unilever", und dem Schlaraffenland, umrahmt Straßenbahn, beim Plausch mit den erklärt Martin Oetting. Hier lägen der von Lummerland und Nimmerland. Ja, Nachbarn. Unerwartet wird ihm eine Vorteil des WOM und die Stärke von hier irgendwo liegt Entenhausen. Ein "Produkterfahrung möglich gemacht" - trnd: Sie ermöglichten den Dialog. Die sympathisches und naives Entenört- so nennen es die WOM-Werber. Und Agentur sieht sich als Schnittstelle zwichen mit gleichsam liebenswerten und es ist der Kern ihrer Arbeit, der schen Unternehmen und Kunde. arglosen Bewohnern. Schlüssel zum Erfolg. "Unsere Kampagnen basieren alle darEin tollpatschiger Hund ist der beste Der Kunde soll es anfassen, schmek- auf, dass möglichst viele Menschen Freund einer schwarzohrigen Maus, ken, ausprobieren. Ein Kollege im möglichst exklusiv ein Produkt testen eine cholerische Ente im Matrosen- Büro verteilt Schreibzeug oder die können und das mit ihren Freunden kostüm ist mit einer puffärmligen Nachbarin reicht großzügig eine Dose und Bekannten teilen." Schönheit liiert. Und auch der reiche Anti-Faltencreme über den GartenDie Schneeflocke wird zur Geizhals könnte weiter in seinen zaun. Dass sie der Werbung aufgesesLawine Reichtümern baden, gehört ihm doch sen ist, erfährt die Zielperson erst bei die halbe Stadt. Könnte er – aber die der Bitte nach einem Feedback: War es weltweite Werbekrise macht auch vor lecker? Ist Deine Wäsche jetzt auch trnd hat diese Form der Werbung freiEntenhausen nicht halt. "Werbung ist weißer? Probier doch mal und füll bitte lich nicht erfunden und sie ist auch die Seele des Geschäfts", weiß der anschließend den Fragebogen aus. nicht neu. "Das Prinzip der Empfehlung knauserige Entenopa im Lustigen Oder der Proband erfährt es gar nicht, ist so alt wie die Menschheit selbst", Taschenbuch Nummer 380. sagt Florian von Wangenheim, "Reklame hautnah", so der Titel Professor für Marketing an der der Geschichte. Mit neuer TU München, "dass ihm heute Werbung soll der alte Erfolg aufgrund von technischen zurückkommen: innovativ, unterMöglichkeiten und Werbeoverhaltsam und persönlich soll sie flow größerer Einfluss zukommt, sein. Wie im wahren Leben. Wie ist plausibel." bei trnd. Wie bei Martin Oetting. Neu ist vor allem der Grad der Martin Oetting ist Gesellschafter Professionalität, mit dem diese und Leiter der ForschungsForm des Marketings umgesetzt Abteilung bei der ersten deutschen wird. trnd hat nach eigenen Word-of-Mouth (WOM) Marketing Angaben über 50.000 Partner, so Agentur trnd. Der Diplomkaufheißen die registrierten Mitgliemann klärt Fragen zu seiner Arbeit der. Die Agentur ist zwar mit gerne am Telefon, das spart Zeit. Niederlassungen in München, Gerne auch nach 19 Uhr, da hat Berlin und Hamburg vertreten, er den Großteil seiner Arbeit erledie Zentrale aber liegt im digt. Internet. Seine Agentur knüpft Netze. Denn ohne geballte MultimediaNetze, mit denen er Rezipienten lität und Nutzerbetei-ligung und damit Kunden auffangen will. würde das Prinzip nicht funktioDie Werbebranche klagt, denn nieren. In der virtuellen den klassischen Kanälen geht das Gemeinschaft tauschen sich die Publikum verloren. Das mediale Partner aus, erfahren NeuigkeiReklameangebot ist in den letzten ten - und können sich auf Jahren stetig gewachsen und Kampagnen bewerben. Die immer unüberschaubarer geworBewerbung ist ein weiteres Stück den. Da kommt Word-of-Mouth- Martin Oetting von trnd: Produkterfahrungen möglich machen des großen Puzzles, das WOM oder Mundpropaganda-Markeeinerseits so einfach, andererting gerade recht. Menschen bringen trägt die frohe Kunde vom neuen seits aber auch so wirkungsvoll und anderen Menschen neue Produkte Produkt dennoch weiter. mächtig werden lässt. näher. Das Prinzip ist bekannt, so funk- "Ich mache die Produkte in meinem Nach Schema F tioniert Werbung. Nur für gewöhnlich Freundes- und Bekanntenkreis bekommt die von oben herab oder fron- kannt, bei meinen Kollegen und auch tal, nicht aber von rechts oder links. bei fremden Menschen", sagt Rebecca Tritt eine Firma an trnd heran, um ein Reklame in ihrer herkömmlichen Form Silveira, Testerin für trnd und nach neues Produkt zu vermarkten, startet ist vorhersehbar und funktioniert heute eigenen Angaben eines der aktivsten ein fünfstufiges Standardverfahren. nicht mehr so, wie noch vor ein paar Mitglieder. "Denn das schafft erst die Planbarkeit", Jahren. Subtile Werbung à la WOM funktio- erklärt Oetting, "wenn wir uns ständig niert für jede Gattung und für jedes neue Sachen ausdenken müssten, Informelle Mitarbeit Produkt, am besten allerdings bei würde die Effektivität der Kampagne Verbrauchsgütern. "Wer Kaugummi nicht davon abhängen, wie gut unser WOM ist anders: unterschwellig und kaut oder ein Shampoo benutzt, der Prozess ist, sondern wie gut die Idee subtil. Der Kunde sieht es nicht kom- geht in den Supermarkt. Da ist dann ist. Und man weiß nie, wie gut eine


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Idee ist." Stattdessen setzen die Strategen von trnd auf ein genormtes Gerüst und auswechselbare Inhalte. Sechs Wochen Vorlaufzeit, in denen Agentur und Auftraggeber die Art und Weise der Umsetzung festlegen. Dann startet die Kampagne und damit das Bewerbungsverfahren. Die Mitglieder begründen bei Interesse, weshalb gerade sie die geeigneten Multiplikatoren für das Produkt sind. Wer keine Lust hat Freunde einzuladen, um einen neuen Klappgrill zu testen, hofft einfach auf die nächste Aktion. In der Pipeline warten bereits Hautcreme und Zahnbürste auf ihre Testdurch- läufe. Alles kann, nichts muss. Mit einer Ausnahme: Die Agentur behält sich vor, zu selektieren. "Manche Firmen haben sehr spezifische Vorstellungen, wie sie ihre Zielgruppe haben möchten", erklärt Oetting. Die Kampagnen sind genormt, kreativ wird man erst beim Kundenkontakt. Denn die Produkte werden ganz unterschiedlich unter das Volk gebracht. Da gibt es Probe-Abos für neue Zeitschriften, die noch nicht auf dem Markt sind; die Bandbreite reicht vom Versand einer Großpackung Zahncreme für Freunde und Bekannte bis hin zum Internetanschluss, den ein Unternehmen kostenlos zur Verfügung stellt. Namhafte Nutznießer Viele bekannte Firmen vertreiben ihre Produkte über trnd, bevor die sich auf dem Markt bewähren müssen. Die Telekom verschenkt den DSL-Anschluss, Entertainment-Paket inklusive. Opel setzt die Tester hinters Steuer und schickt seine Fahrzeugflotte auf Deutschlandtournee. Philips spendiert Gratis-Zahnbürsten. Die Unternehmen kostet das Ganze nicht viel mehr, als sie für eine ganzseitige Anzeige in einem Nachrichtenmagazin ausgeben würden. Daher lassen sie sich auch nicht lumpen. Die Werbeboxen, die sie zusammen mit trnd verschicken, sind prall gefüllt. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn es darum geht, Stellung zu nehmen zur neuen Marketing-Form. "Aus internen Gründen […] momentan keine Antwort", heißt es aus der Deutschland-Zentrale von Microsoft. Auch bei Krombacher ist man nicht bereit, über den Nutzwert der WOM-

Aktionen zu sprechen. "Nach Abschluss und Auswertung des Tests über trnd werden wir über mögliche weitere Projekte entscheiden." Für eine Handvoll Punkte Allen Reklamefeldzügen gemein ist das Feedback, auf das die Agentur und die Firmen größten Wert legen. Schließlich handelt es sich um die einzige Möglichkeit, die Akzeptanz eines neuen Produkts zu belegen - Kontrolle von außen gibt es nicht. Die Werber müssen allein auf die Rückmeldung der Tester vertrauen. "Es handelt sich einfach um consumerto-consumer Interaktionen, die per Definition nicht kontrollierbar sind", sagt Marketingexperte von Wangenheim. Oetting kontert: "Wir sind gefragt, so gut, so sorgfältig und so ausführlich zu dokumentieren, dass das, was wir tun, auch Sinn hat." Neue Maßnahmen seien in der Entwicklung, aber noch nicht spruchreif. Daher wird jede Kampagne mit Blogs begleitet, über die Tester, Firmen und Agentur in Verbindung stehen. Die trnd-Partner veröffentlichen dort Erfahrungsberichte, Bilder und Videos. Zur Belohnung gibt es Punkte, die sich in Prämien eintauschen lassen. Es winken T-Shirts und Taschen. Schafft es der trnd-Partner einmal nicht in die privilegierte Testgruppe, bieten WOMKampagnen andere Vorzüge: "Leider hat es mit einer Teilnahme am Projekt nicht geklappt, aber Du hast die Möglichkeit das Produkt zum Vorzugspreis zu bestellen", lautet die AbsageE-Mail. Ziel erreicht. Auch so steigt der Umsatz. "Wir haben schon einen ganz guten Weg zurückgelegt", resümiert Oetting, "doch es ist noch einiges zu leisten." Ganz so weit ist Dagobert Duck in Entenhausen noch nicht, denn dort sinken die Absatzzahlen weiter. Er muss erkennen, dass der Rückgang der Geschäfte an der Qualität der Werbung liegt. Und hält sich der Enterich diese Erkenntnis vor Augen, gibt es WOM womöglich bald auch in Entenhausen. Mit direkten Produkterfahrungen das Geschäft neu beleben. Wie im wahren Leben. Wie bei trnd.

Engelbert Hagemeyer und Alexander Tieg

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Bananen: Die alten Hasen der Globalisierung Papaya, Physalis, Pitahaya. Zungenbrecher beim Familieneinkauf. Der Gang in den Supermarkt wird zur kulinarischen Weltreise. Internationalisierung im Obstregal. Neben den bunten, fremd anmutenden Exoten eine alte Bekannte. Banal, brav, bieder: die Banane. Der alte Hase der Globalisierung ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Im morgendlichen Müsli, im Milchshake hat er seinen festen Platz. Zwar kam der Importschlager erst Mitte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland. Doch wer fühlt noch das exotische Flair? Und wo kommen sie eigentlich her, die Bananen? n Bremerhaven an der Columbuskaje liegt die Chiquita Scandinavia. Die Backbordseite des Ozeanriesens schmiegt sich schwerfällig an den Anleger. Dicke Taue halten das Schiff an dem Pier. Über sechs Stockwerke erstreckt sich die graue Flanke des Frachters. 160 Meter lang vom Bug zum Heck. Eine Möwe zieht kreischend Kreise über dem Hafenbecken und im morgendlichen Getümmel zwischen Frachtern und Fracht strecken Lastkräne ihre bunten Arme in den strahlend blauen Himmel. Die Luft schmeckt nach Salz und riecht nach kalten Bananen. Genau eine Stunde nach Mitternacht ist das Kühlschiff heute eingetroffen. Von zwei Schleppern gezogen glitt die Scandinavia die letzten Meter ihrer langen Reise flussaufwärts in den Hafen. Die Bananen unter Deck waren nun genau zwölf Tage und eine Stunde unterwegs.Kapitän David Tomlinson steht auf der Kommandobrücke und lehnt sich zufrieden gegen die Reling. "Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen Menschen auf der Welt, der genau das bekommen hat, was er immer wollte", sagt er. Tomlinson wollte schon als Kind nichts anderes als Kapitän sein. Das weiße Uniformhemd spannt über dem

leichten Bauchansatz. David Tomlinson kneift die Augen zusammen. Mit seiner Adlernase und dem gutmütig funkelnden Blick ist er ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch.

Bananen an Bord: Kapitän David Tomlinson fährt die gelben Früchte um die Welt

mindestens sechs Jahre auf dem Schiff. "Bisher war ich wie durch ein Wunder an Weihnachten immer Zuhause." Panamas Exportschlager

Michael Giesbers

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Für den 48-Jährigen geht wieder eine Tour zu Ende. Acht Monate im Jahr pendelt der Kapitän unablässig zwischen Mittelamerika und Europa. Von den letzten neun Jahren war er wohl

Weit weg davon, 5.300 Meilen südwestlich, liegt Almirante. Dort, im nördlichsten Winkel Panamas, werden die Bananen von den Stauden geschlagen. Danach vergehen keine 24 Stunden bis, Tomlinsons Schiff in See sticht. Nach zehn Tagen auf dem Atlantik passiert er den Ärmelkanal, lässt seinen britischen Geburtsort links vorbeiziehen und steuert auf Schweden zu. Auch die Schweden wollen nicht auf die süße Frucht verzichten. Im Hafen von Göteborg wird ein Teil der Fracht gelöscht. Auf der Rückfahrt endlich läuft die Scandinavia ein ins norddeutsche Ziel. Hier in Bremerhaven liegt der zweitgrößte Fruchtterminal Deutschlands. Mit LKW und Zügen werden die Bananen nach ganz Deutschland und bis nach Polen und Österreich verschickt. In seinem langen Berufsleben hat David Tomlinson die Tour über den Atlantik schon einige Hundert Mal bewältigt. Seit mehr als 30 Jahren schippert der


Christian Walter

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das Problem im Bewusstsein der Deutschen angekommen ist. Energiesparlampen sind allgegenwärtig. Auch der Stand-by-Knopf am Fernseher wird immer häufiger gedrückt. Doch die Globalisierung ist nicht umkehrbar. Wer ist schon bereit auf Bananen zu verzichten? Viele Unternehmen leiden bereits unter den weltweit explodierenden Energiepreisen. Import, Vertrieb und Verarbeitung der Bananen werden teurer. "Unsere Energiekosten sind enorm Siegeszug der Banane gestiegen", klagt Thorsten Brand. Er ist Geschäftsführer bei der Bananen waren die Atlanta-Gruppe, einem ersten Tropenfrüchte, Tochterunternehmen des die sich in Europa etaUS-Konzerns Chiquita blierten. Zu Beginn des Brands International. Die 20. Jahrhunderts Atlanta-Gruppe betreibt kamen sie nach insgesamt sechzehn BanaDeutschland. Erst als die nenreifereien in DeutschTechnik der Kühlschiffe land und Österreich. Unter leistungsfähiger wurde, kontrollierter Atmosphäre begann der regelmäßiwird dort der Reifeprozess ge Handel. Die Banane der Früchte künstlich auseroberte langsam aber gelöst. "Wir brauchen sicher die Welt. In der Energie für die Kühlung DDR wurde sie einst und Erwärmung der zum Symbol für die Weltoffenheit des Wes- Ozeanriese: Auf einer Länge von 160 Metern werden mit der Chiquita Scandinavia Bananen." Um die Kosten zu senken, tens, ihr Fehlen zeugte Bananen transportiert von Entbehrung und Isolation. che Reifeprozess gestoppt, ohne die entsteht in Wien derzeit eine Reiferei, in Mittlerweile ist das gelbe Obst gleich Bananen zu beschädigen. Jede der zur Konservierung das ökologisch nach dem Apfel zur beliebtesten Temperaturschwankung kann ihr Ver- abbaubare Kühlmittel Beta Carotin einObstsorte der Deutschen aufgestiegen. derben sein. Im Sommer werden die gesetzt wird. Beta Carotin kann zum Etwa elf Kilogramm verdrückt der Bananen gekühlt, im Winter gewärmt. Beispiel aus Karotten, Tomaten oder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Laut Zusätzlich wird durch die Zugabe von Mangos gewonnen werden. Der einer Studie des Marktforschungsinsti- Stickstoff der Sauerstoffgehalt in den Transport der Waren zu den Großhändlern wird ebenfalls teurer. tuts AC Nielsen werden in 83 Prozent riesigen Kühlkammern reduziert. LKW verbrauchen Sprit, die der deutschen Haushalte Bananen Betriebskosten für Güterzüge steigen. Energiefresser Kühlschiff gegessen. 84 Prozent der Deutschen Mittlerweile wird in der Branche auch kaufen Äpfel. Der große Unterschied: Fast das gesamte Angebot an Äpfeln David Tomlinsons Schiff verbraucht am ungewöhnliches Sparpotential ausgekommt aus Deutschland und Europa. Tag mehr Energie als die größte Stadt schöpft. Seit einigen Jahren lässt Wegen des wechselwarmen Klimas Panamas. Steigende Nebenkosten und Chiquita seine Flottenschiffe nicht mehr gedeihen Bananen hier jedoch nicht. die ehrgeizigen Klimaziele der Bundes- im traditionellen weiß streichen. Aus Jede einzelne kommt aus den Tropen. regierung haben dafür gesorgt, dass Kostengründen. Die graue Farbe ist Der Aufwand, der beim Import betrieben wird, ist enorm. Ganzjährig pendeln allein für Marktführer Chiquita vier gigantische Kühlschiffe zwischen den Kontinenten. Was zu Columbus' Zeiten noch einem Wunder gleichkam, ist für Kapitän Tomlinson heute Alltag. "Manchmal treffen wir die entgegen kommenden Schiffe auf dem Atlantik. Dann unterhalten wir uns über Funk oder winken", erzählt er. Während der gesamten Überfahrt müssen die Bananen temperiert werden. Bei 13,4 Grad Celsius wird der natürli-

Michael Giesbers

gebürtige Brite unter belgischer Flagge für ein US-Unternehmen von Mittelamerika nach Europa. Sein halbes Leben hat er auf dem Bananenschiff verbracht. Kapitän Tomlinson sorgt dafür, dass den bananenhungrigen Europäern der Nachschub nicht ausgeht. Das Geschäft mit den gelben Früchten sichert seine berufliche Existenz, hat ihn zur globalisierten Person gemacht.


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Christian Walter

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einfach günstiger. Der Konsument merkt von all dem noch nichts. Täglich füllen sich wie von Zauberhand die Obstregale aufs Neue mit der gelben Pracht. Besonders in Deutschland sind die Ansprüche hoch. Die perfekte Banane soll keine dunklen oder weichen Stellen haben. Laut EUNorm darf eine Banane der Klasse Eins Extra maximal einen Quadratzentimeter braune Flecken auf der Schale zeigen. Die genormte Farbskala der Europäischen Union reicht von eins für grasgrün bis fünf: Knallgelb. "Die Idealbanane ist in der Mitte ganz gelb und hat noch grüne Spitzen", sagt

Atlanta-Mann Brand. Auf keinen Fall darf sie kürzer als 14 Zentimeter sein. Ist eine Frucht zu klein, zu dünn oder hat eine verfärbte Schale? Dann wird sie aussortiert. Als vor einigen Jahren schwere Wirbelstürme in Costa Rica tobten, wurden in Europa die Bananen knapp. Einer wie David Tomlinson versteht solche globalen Zusammenhänge. Freunde hat er in Bremerhaven, in Panama und natürlich in England. Nach all der Zeit in südund mittelamerikanischen Häfen ist sein Spanisch fließend. Der Kapitän reist gern und schaut gern DVD. In diesem Jahr wird Tomlinson zum ersten Mal

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Die dju bietet mehr

Die Mitglieder der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di erhalten kostenlosen Rechtsschutz in allen berufsbedingten Rechtsstreitigkeiten; kostenlose Rechtsberatung bei Vertragsabschl ssen und in allen urheberrechtlichen, Steuer- und Versicherungsproblemen; kostenlose Beratung bei beruflichen Problemen; nationale und internationale Presseausweise; Rabatte beim Abschluss von KrankenZusatzversicherungen; finanzielle Unterst tzung bei Streiks und bei Freizeitunf llen; kostenlos die medienpolitische Zeitschrift M Menschen Machen Medien ; die M glichkeit zur beruflichen Weiterbildung in kosteng nstigen Seminaren und Schulungen; durch Mitarbeit in der Fachgruppe und Teilnahme an den j hrlichen Journalistentagen Kontakte zu vielen Kollegen und Kolleginnen, die auch f r die berufliche Weiterbildung wichtig sind.

Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union

in ver.di Paula-Thiede-Ufer 10 10179 Berlin E-Mail: dju@verdi.de web: www.dju.verdi.de

Weihnachten auf dem Schiff verbringen, irgendwo zwischen Amerika und Europa. Die Bananenernte macht auch vor Weihnachten nicht halt. Glühwein, Tannenbaum und dazu der Duft von über fünf Millionen Kilogramm Bananen? Nicht ganz. "Während der Fahrt riecht man sie nicht. Und wenn doch, haben wir ein Problem." David Tomlinson lacht. Der Kapitän weiß: Riecht es süßlich, dann ist es schon zu spät. Die Ware ist verdorben. "Zeit ist Geld" Mittlerweile steht in Bremerhaven die Mittagssonne hoch über dem verwinkelten Hafenbecken. An der Columbuskaje herrscht reges Treiben. Schon am nächsten Tag wird das Schiff auslaufen. "Zeit ist Geld", sagt Tomlinson. Die Fracht muss gelöscht werden, die Bananen müssen so schnell wie möglich von Bord. Der graue Riese hebt sich scharf gegen den strahlend blauen Himmel ab. An Deck verschwimmt das Rauschen der vielen Kühlsysteme zu einer aufdringlichen Sinfonie. Kapitän David Tomlinson läuft auf und ab und sucht nach einer Sonnenliege. Er will die Zeit im Hafen nutzen. "Wenn wir wieder auslaufen, komme ich nicht zur Ruhe, bis wir den Ärmelkanal passiert haben", brummt er. Morgen beginnt für den Kapitän und seine Crew eine neue Reise. Mit der linken Hand schirmt er die Augen gegen die grelle Mittagssonne ab. Tief unter ihm an der Wasserkante arbeiten vier hochaufragende blaue Kräne auf Hochtouren, hieven eine Palette nach der anderen auf die Pier. Schnell ist ein Gabelstapler zur Stelle, übernimmt die Fracht, um die Tropenfrüchte aus der Sonne ins Kühle, in die großen Halle zu bringen. Durch die Löcher der Kartons blitzen hier und da Bananen hervor. Gelbe Botschafter aus einer fremden exotischen Welt. Beheimatet auf der anderen Seite des Globus. Anne Katrin Burghartz


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Verstrickte Situation Vier Tage und drei Nächte lang haben Dennis Leiffels und Florian Weiner den Test gewagt und auf den Hamburger Straßen gelebt. Die folgende Geschichte ist nur eine von vielen, die sie erlebt haben.

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leine rustikale Tische, bequeme Sofas, ein kühles Bier. Ein Café für Männer. Sie alle verbindet ein Hobby, sie selbst würden es ihre Leidenschaft nennen: Stricken. Berge roter, bunter, arabischer und türkischer Wolle liegen in den Regalen entlang den Wänden. Hier entstehen Tangas, Pullis und natürlich die Klassiker - Socken. Es gibt nur ein Motto: Wolle auspacken und entspannen. Schwule aus den unterschiedlichsten Ecken von Hamburg zieht es in das Café, in dem Thomas abends das Stricken lehrt. Thomas, der Chef, sorgt dafür, dass es seinen Gästen gut geht. Es wird getratscht, gegessen, geflirtet. Und vor allem gestrickt. Für Thomas Kowalski existiert diese Welt. Das Café, die Strickkurse, ein ruhiges Leben, in dem nicht jeder Cent umgedreht werden muss. Sie existiert in seinem Kopf. In seinem Pass stehen weder Straße noch Postleitzahl, als Wohnort ist lediglich Hamburg angegeben. Ein Zuhause hat er nicht. Er ist obdachlos. Die Nächte verbringt er unter dem Vordach eines Parkhauses in der Hamburger Altstadt. Kein Vergleich zu seiner Wohnung in Magdeburg, die er im September letzten Jahres verlor. Thomas krankhafte Angewohnheit, alles zu sammeln, was ihm in die Finger kommt, war für seinen Vermieter Grund genug, ihm zu kündigen. Auch den Job als "Thekenschlampe" in einer Magdeburger Schwulenkneipe verlor der 43-Jährige.

Einkaufen durch die Straßen quetschen, steht Thomas auf der Mönckebergstraße in der Hamburger Innenstadt. Er steht dort täglich. Egal ob die Sonne scheint, es regnet, hagelt oder schneit. In der einen Hand ein Stapel Hinz & Kunzt und mit der anderen ein Exemplar gut sichtbar in die Luft gestreckt. Mit seinen warmherzigen, braunen Augen und gepflegtem Vollbart wartet er auf Kundschaft. Stets gut gelaunt. Er spricht niemanden an. Das muss er auch nicht, die gelbe Jacke und die Kapitänsmütze lassen

Der Traum vom eigenen Café ist seitdem der Motor, der ihn antreibt, wieder zu einem geregelten Leben zu finden. Dabei hilft ihm der Verkauf der Hamburger Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt. Während sich Menschenmassen zum

Dennis Leiffels

Realität Knochenjob

Trotz Schmerzen in Rücken und Knien: auch nach Stunden des Zeitungsverkaufs lächelt Thomas noch

den groß gewachsenen Tho-mas schon aus der Ferne erkennen. "Durch den Verkauf kann ich meine Würde bewahren. Muss halt nicht schnorren." Die flattrig-feminine Sprechweise wirkt eitel, zugleich verletzlich sympathisch. Sein rechter Zeigefinger deutet auf seine Knie. "Steh mal acht Stunden am Stück. Ist halt`n Knochenjob." Dennoch, er verkauft die Zeitung gerne. Ihm bleibt auch kaum eine andere Wahl, denn er braucht sie zum Leben und die, die sie kaufen, ernähren ihn. Hinz & Kunzt richtet sich an alle, aber vor allem an jene, denen das Schicksal anderer nicht egal ist. Seit 15 Jahren produzieren die Mitarbeiter das Magazin in der Altstädter Twiete. Jeden Monat erscheint eine neue Ausgabe mit kulturellen und sozialkritischen Themen rund um Hamburg, seine Bürger und Obdachlose. Für Muddi, wie er auf der Straße genannt wird, ist Hinz & Kunzt weit mehr als nur ein Arbeitgeber. Mitarbeiter wie Jürgen Robsen vermitteln Wohnungen und Jobs, versorgen die Verkäufer mit Kleidung und helfen im Umgang mit den Ämtern. Der 52Jährige hat selbst anderthalb Jahre auf der Straße gelebt. Er hat den Sprung geschafft, hat sich vom Verkäufer zum Angestellten im Vertrieb hochgearbeitet. Daher kennt er die Probleme der Obdachlosen. "Biste einmal auf der Straße, ist es ein Teufelskreis. Keine Arbeit, keine Wohnung. Keine Wohnung, keine Arbeit." Er wirkt ernst, wenn er über seine Erfahrungen spricht. "Wer weiß, ob ich das ohne die Zeitung je geschafft hätte." Die Brille kauert auf seiner Nase, sie ist mit rotem Isolierband geflickt. Ein Relikt aus alten Zeiten. Robsen sagt: "Es kann jeden treffen." Ihm sei es wichtig, den Obdachlosen zu helfen


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und vor allem sie zu motivieren, wieder etwas aus ihren Leben zu machen.

Eine Errungenschaft monatelanger Arbeit. Warten auf Kundschaft ist sein Job und die nähert sich gemächlichen Schrittes auf ihn zu.

D e r l e tz te D r e c k

Professionelles Rüstzeug: nur die zuverlässigsten Verkäufer bekommen diesen Rucksack

Mischung aus den beiden Extremen. Bedauerlicherweise kennen die meisten Leute nur das eine, weiß Thomas. Stolz nimmt er die weiße Kapitänsmütze vom Kopf. "Auch auf der Straße kannste was erreichen." Er präsentiert das Emblem auf der Innenseite. In goldenen Buchstaben steht sein Name auf schwarzem Samt gestickt.

Ironie: Viele der vom Glück Verlassenen schlafen unter dieser Brücke an der Hamburger Alster

Eine alte Dame begrüßt ihn, wühlt in ihrer kleinen Lederhandtasche und entnimmt ihrem Portemonnaie ein Zweieurostück. Sie drückt es ihm in die Hand. Routiniert gibt Thomas ihr eine Zeitung. Sie bedankt sich, er erwidert und wünscht noch einen schönen Tag. "Die meisten Kunden sind Stammkunden." Man kennt sich. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des glücklichen Verkäufers. "Es gibt welche, die kaufen eine Zeitung vier bis fünfmal im Monat, selbst wenn sie die aktuelle Ausgabe schon zu Hause haben." Am Ende des Tages hat er sechs Zeitungen verkauft. Ein Gewinn von 4,90 Euro und ein kleines Trinkgeld. "Nicht viel, aber zum Leben reicht´s." Mit einer eigens einstudierten Choreographie zündet er sich eine Zigarette an und läutet den Feierabend ein. Morgen wird er wieder in der Innenstadt stehen und Hinz & Kunzt verkaufen, um seinem Traum, dem Schwulen-Café, wieder ein kleines Stückchen näher zu kommen. Einen Namen dafür hat er schon: Wolllust. Dennis Leiffels und Florian Weiner

Dennis Leiffels

Dennis Leifels

Tagesgeschäft

Dennis Leiffels

Manchmal hilft dieser Versuch wenig und Thomas Motivations-Motor kommt ins Stottern oder quittiert seinen Dienst. Besonders an Tagen, an denen unzählige Menschen an ihm vorbei gehen und schnellen Schrittes seinen langen Schatten mit Füßen treten. "Für viele bist du der letzte Dreck, daran gewöhnst dich." Auch an Sätze wie: "Überall diese Penner. Der hat´s doch gar nicht nötig. Da steht schon wieder einer." Sie stören ihn nicht. Nicht mehr. Trotzdem ist er gelegentlich verärgert. Dann rollt er die Augen, zieht die Augenbrauen hoch, neigt den Kopf leicht zur Seite und stöhnt einen missbilligenden Seufzer aus. Es ist der Irrglaube der Menschen, der ihn stört. Glaubt man Thomas, gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Obdachlosen. Er unterscheidet sie in drei Kategorien. Diejenigen wie er, die Wert auf saubere Kleidung legen, regelmäßig duschen und sich wieder ein zivilisiertes Leben wünschen. Dann der im Volksmund bekannte "Penner". Für Thomas ein Extremfall, dessen Leben maßgeblich durch Alkohol, Drogen und Gewalt bestimmt wird. "Die haben sich aufgegeben. Die sind einfach nur kaputt." Alle anderen Obdachlosen sind eine


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Schwelbrand Förderschule PISA und kein Ende. Das deutsche Bildungssystem soll reformiert werden. Doch während der Streit um die Abschaffung der Hauptschule Köpfe rauchen lässt, entbrennt die Diskussion an anderer Stelle neu. Wie unterrichtet man lernschwache Schüler am unteren Ende der Bildungspyramide? Dennis Leiffels besuchte eine Förderschule im Bremer Stadtteil Walle.

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von ihnen gelten als lernbehindert. Viele stammen aus ausländischen oder einkommensschwachen Familien. Schulen wie die in Bremen-Walle, sind Auffangbecken für Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Einige von ihnen sind geistig unterentwickelt, andere hör- oder sehbehindert - manche sind auch verhaltensauffällig geworden. Sie alle finden einen Platz in diesen speziellen Schulen. Doch weniger als ein Viertel der Schüler erreicht dort einen Abschluss. Deswegen steht die Förderschule seit Jahren als Resteschule in der Kritik, sie

denen Unterrichtsinhalte und Lernziele vorgeschrieben sind. Für individuelle Schwächen der Schüler bleibt oft keine Zeit. Klar, dass der ein oder andere dabei auf der Strecke bleibt. Die Förderschule ist eine Sammelstelle für diese Kinder. "Sie fühlen sich hier wohl, weil sie akzeptiert werden." Das Förderzentrum im Stadtteil Walle wird von 92 Schülern besucht, die sich auf acht Klassen verteilen. Die Lehrer kennen nicht nur jeden einzelnen von ihnen mit Namen, sondern häufig auch deren Familien. Zehn Pädagogen unterrichten von der fünften bis zur

Christian Walter

weite Stunde. Während in der hinteren Hälfte des kleinen Raums elf Schüler unruhig auf ihren Stühlen hin und her wippen, erkundigt sich Klassenlehrerin Frauke Biehl nach den Plänen der Kinder für das bevorstehende Wochenende. Veyis ist an der Reihe. Mit starrem Blick auf den braunen Holztisch hält er die linke Hand seines Freundes Yahya fest. "Ich bin in Moschee am Sonntag. Ich singe", beantwortet der 13-Jährige träge. Kurz blitzen seine großen runden Augen auf und treffen den Blick der Lehrerin. "Ich erzähle von Islam." Zack.

Durchmischt: Die Schüler der Klasse 7a der Bremer Förderschule an der Vegesacker Straße kommen aus vielen unterschiedlichen sozialen Schichten.

Ein Klaps auf den Unterarm. "Auch türkisch Fernsehen is da." Und noch mal schlägt sein Freund Yahya zu - aus Gewohnheit. "Krass, welcher Sender Mann?", quatscht die blonde Monique dazwischen. Sie kaut ein Kaugummi und schaut gelangweilt. Veyis bezieht derweil einen weiteren Stüber seines Nebenmanns. Vom Flur dringt ein lautstarkes Gespräch zwischen Lehrer und Schüler in den Klassenraum. Auch Frau Biehl ermahnt jetzt Yahya, er solle aufhören zu schlagen. Alltag im Förderzentrum an der Vegesacker Straße in Bremen. Etwa 430.000 Schüler in Deutschland besuchen eine Förderschule. Die meisten

soll abgeschafft werden. Aus l auf m ode l l För de r s c h ul e ? Bei Förderschulpädagogen ist diese Forderung umstritten und wird viel diskutiert. Sie argumentieren, ihre Schule sei im jetzigen System unerlässlich und müsse erhalten bleiben. "Wir haben ein Schulsystem, das ab der ersten Klasse selektiert und leistungsorientiert ist", erklärt die Schuldirektorin Stefanie Höfer. Sie leitet das Förderzentrum an der Vegesacker Straße seit neun Jahren. "Es ist ein gesellschaftliches Problem, wenn langsameres Lernen nicht anerkannt wird", sagt sie. In den Regelschulen gibt es feste Lehrpläne, in

zehnten Klasse, der Lernstoff ist dem Lerntempo der Schüler angepasst. In der vierten Klasse nehmen sie den Stoff der zweiten Grundschulklasse durch. Das Ziel ist es, die Schüler in eine Regelschule zu reintegrieren oder sie mit dem Hauptschulabschluss zu entlassen. Einige Wenige schaffen dies. Stefanie Höfer macht sich keine Illusionen. Ihre Schüler haben es später schwer auf dem Arbeitsmarkt. Aber den meisten gehe es besser als Schülern mit schlechtem Hauptschulabschluss. "Wir können uns um die Kinder kümmern, auch nachdem sie den Abschluss gemacht haben. Wir begleiten sie bis zur Ausbildung." Der schlechte Hauptschüler habe allerdings


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keinen Bezugspunkt und, viel schlimmer, oft keine Perspektive. Nah tl os i n di e Aus bi l dun g Höfer nennt einen konkreten Fall. Sie habe zuletzt zwei Schüler gehabt, von denen der eine die Förderschule mit einem guten Abschluss verlassen habe. Dieser habe dann eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gefunden. Ein anderer Schüler sei von der Förderschule zur Hauptschule gewechselt und habe dort die zehnte Klasse wiederholt, um die Berufsschulreife zu erlangen. Wie sich herausstellte, mit einem schlechten Abschluss. Er suche noch immer vergeblich eine Ausbildungsstelle. "Viele Betriebe haben bemerkt, dass Schüler von Förderschulen ein stärker ausgeprägtes Arbeits- und Sozialverhalten haben", stellt die Schulleiterin fest. Ganz im Gegensatz zu den Schülern, die den Hauptschulabschluss mit großen Problemen machten. Andere, vor allem Wissenschaftler, sind gegensätzlicher Meinung. Sie wollen, dass auch beeinträchtigte Kinder ins allgemeine Schulsystem integriert werden. Professor Hans Wocken von der Universität Hamburg ist der Ansicht, dass Förderschüler, die an Regelschulen unterrichtet würden, bessere Schulleistungen aufwiesen, als jene, die eine Förderschule besuchten. Besonders die geistige Entwicklung würde leiden. "Wenn Kinder auf die Förderschule kommen, haben sie zwei Jahre Rückstand. Wenn sie entlassen werden, sind es drei bis vier Jahre." Vor allem ein einheitliches System zur Integration lernschwacher Schüler muss her. Denn im Aussortieren von Kindern ist Deutschland spitze. "Wir sind Weltmeister im Selektieren", so Wocken. Kein anderes Land könne da mithalten. Die Skandinavier und Italiener hätten keine Förderschulen und auch die USA würden ihre Kinder besser integrieren als die Bundesrepublik, kritisiert der Wissenschaftler. " Abf al l e i m e r de s S ys te m s " Der Hamburger Professor würde die Schule der "Unterschicht, Armen und Ausländer" am liebsten sofort abschaffen. Er bezeichnet sie als den "Abfalleimer des Systems". Es herrsche ein Schulwesen, in dem "Schmuddelkinder" abgeschoben würden. Und das sei undemokratisch. Integration sei der

weitaus bessere Weg. Vor 120 Jahren sei es legitim gewesen, wenn Kinder in der Schule nicht mitkamen. In den Klassen wurden zumeist 80 Schüler von einem Pädagogen unterrichtet. Heute sind die Bedingungen in den Schulen sehr viel besser. Dennoch sei ein Bewusstsein entstanden, Förderschulen seien aufgrund der Nachkriegserfahrungen notwendig. "Das", so Wocken, "ist allerdings falsch." Seinen Vorschlag, jedes Kind mit Lernschwächen oder Behinderungen in die Regelschule zu integrieren, begrüßt Höfer - im Prinzip. Voraussetzung sei, dass weiterhin ausreichend Förderungen bereit stünden, um die schwächeren Schüler wie bisher zu unterstützen. Denn das kostet Geld. Derzeit sähe es jedoch nicht so aus, als ob zusätzliche Mittel investiert würden. Daher hält sie die Förderschulen weiterhin für sinnvoll. In einem Punkt stimmt die SchuldirekAnzeige

torin dem Wissenschaftler zu: Ein bundesweit einheitlicheres System sei wünschenswert. Derzeit ist die Lage von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Da könne man einen Farbeimer nehmen, eifrig drauf los mischen und hoffen eine schöne Farbe zu erwischen. Solange jeder macht, was er für richtig hält, ist man von einer strukturellen Lösung des Problems weit entfernt. Der Streit um den Nutzen oder Schaden der Förderschulen scheint kein Ende zu nehmen. Bis es zu einer adäquaten Lösung kommt, glüht der Schwelbrand weiter vor sich hin. Doch solange nur an den Rändern gelöscht wird und konkrete Maßnah-men ausbleiben, wird weiterhin auf Kosten der Schüler mit dem Feuer gespielt. Das Problem: Aus einem Schwelbrand kann schnell ein Großbrand werden.

Dennis Leiffels


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Schmetterlinge zwischen Freude und Trauer Eingerahmt von Wiesen und hoch gewachsenen Bäumen befindet sich ein Ort, der zugleich tiefe Trauer und Freude beherbergt. Das Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen bietet Kindern mit ihren Familien Urlaub vom Alltag. Ein Alltag, der von unheilbaren Krankheiten überschattet ist. Nadine Grabietz und Ute de Groot haben hinter die Pforten des Kinderhospizes geblickt.

B

unte Papier-Schmetterlinge schweben unter der Decke im Eingangsbereich. Mit Glitzersteinchen, Aufklebern und kleinen Zeichnungen verziert - jeder für sich ist so einzigartig wie das Kind, dem er gewidmet ist. Auf den Flügeln befinden sich ein kleines Foto, der Name des Kindes sowie das Geburtsdatum. Ein Luftzug lässt die farbenfrohen Flattermänner hin und her schwingen, wie ihre Vorbilder aus der Natur. In einem leuchtenden Orange, mit dunkelblauen Punkten und Strichen bemalt, sticht besonders der von Jakob hervor. Jakob wird sterben.

Der kleine Junge mit den braunen, verwuschelten Haaren und den großen Rehaugen ist eines von zurzeit sechs kranken Kindern im Kinderhospiz Löwenherz. Die Einrichtung in Syke bietet Kindern wie Jakob und seiner Familie 28 Tage im Jahr "Urlaub vom Alltag". Seit seiner Geburt wissen die Eltern Karlheinz und Martina Hößel, dass ihr Sohn schwer krank ist. Jeder Arztbesuch brachte neue Krankheitsbilder zu Tage, eine genaue Diagnose gibt es bis heute nicht. Nur die Einschätzung der Ärzte, dass der Fünfjährige noch maximal vier Jahren zu leben hat.

Jakob ist körperlich behindert, blind und nimmt über unverständliche Laute Kontakt mit seiner Umwelt auf. An schlechten Tagen wird er mit Hilfe einer Magensonde ernährt. An guten Tagen kann er sogar einen Löffel Wackelpudding essen. "Wir freuen uns mittlerweile über jede Kleinigkeit", erzählt Jakobs Mutter. Die fünfköpfige Familie ist aus Bayern angereist und zum ersten Mal Gast im Kinderhospiz. "Oase" wird das Löwenherz liebevoll von den Eltern genannt. Vor terrakottafarbenen Wänden ruhen Sofas und knautschige Sitzsäcke. Im

So kam das Löwenherz zu seinem Namen:

Nadine Grabietz

Astrid Lindgrens Geschichte 'Die Brüder Löwenherz' stand Pate bei der Namensgebung: Das Märchen handelt von einem schwerkranken Jungen, den alle Krümel nennen. Der kleine Krümel hat Angst vor dem Tod. Vor allem, weil er dann seinen großen Bruder Jonathan verlassen muss. Ihn nennen alle Löwenherz, weil er so tapfer ist. Jonathan versucht Krümel die Angst vor dem Tod zu nehmen und erzählt ihm von einem Land, in das die Verstorbenen kommen. Bei einem Unfall stirbt zunächst der gesunde Jonathan. Als Krümel ihm wenig später folgt, treffen sich die Brüder wieder und erleben gemeinsame Abenteuer.

Entspannend: Für Familie Hößel ist das Kinderhospiz Urlaub vom Alltag. Auch Jakob hat im Löwenherz sein Lachen wiedergefunden.


Während Martina Hößel Jakob im Arm hält, wirft sie immer wieder einen prüfenden Blick zu ihrem Mann. Das Leben der Familie hat sich mit der Nachricht, dass ihr Kind unheilbar krank ist, verändert. "Als wir nach der Geburt erfahren haben, dass unser Sohn schwer krank ist, hatten wir nie so ein Trauergefühl. Es ging damals nur ums Überleben." Ihr Mann Karlheinz Hößel sagt ruhig und verhalten: "Wenn man im Alltag normal weiterleben will, muss man es in gewisser Weise verdrängen. Ich kann nicht 24 Stunden darüber nachdenken, dass mein Sohn morgen tot sein könnte." Der Blick des 46-Jährigen senkt sich und ruht nun auf seinen zusammengefalteten Händen. Seine Frau ergänzt: "Das kann man nicht verstehen, aber wir versuchen einfach den Augenblick zu genießen." Es gibt auch Rückschläge. Verschlechtert sich Jakobs Zustand, muss er ins Krankenhaus. Wenn er erbricht, ist oft ein Aufenthalt auf der Intensivstation die Folge. Jakob ist das Zentrum der Familie und fordert viel Aufmerksamkeit. Seine Schwestern, die elfjährige Pauline und die zehnjährige Sophie, wissen durch viele Klinikbesuche, dass ihr kleiner Bruder schwer krank ist. Die Eltern bemühen sich den beiden Mädchen nicht zu viel zuzumuten. "Manchmal ist man erschöpft oder weint. Aber nicht vor ihnen." Sie genießen die Zeit im

Jakob ist körperlich behindert und blind.

Ute de Groot

Den Augenblick genießen

Löwenherz weil sie hier abschalten können. Zusammen mit Jakob sitzen die beiden Mädchen in einer großen Hängeschaukel. Sanft ziehen sie ihn zu sich heran. Als Sophie ihren Bruder mit beiden Händen umklammert, kneift Jakob die Augen zusammen und quiekt fröhlich. Lange Zeit konnte der kleine Junge nicht mehr lachen. In den letzten zwei Wochen hat er im Kinderhospiz sein Lachen wieder gefunden. "Jakob wirkt hier einfach fröhlicher. Genau wie seine Schwestern", sagen die Eltern. Im Löwenherz können auch die Geschwister unbeschwert spielen. Auf der saftig-grünen Wiese des Gartens führt eine Rutsche direkt in einen aufgeschütteten Sandhaufen, in dem kleine Förmchen stecken. Dahinter befindet sich eine blaue Schaukel, die aussieht wie ein großer Korb. Als Dach besitzt sie ein rotes Sonnensegel. In Momenten der Stille ist nur das Plätschern der Wasser-Quellen zu hören. Lebhaftes Gelächter spielender Kinder unterbricht diese Beschaulichkeit immer wieder. Um die Geschwisterkinder spüren zu lassen, dass auch sie wichtig sind, arrangieren die Mitarbeiter regelmäßig Ausflüge. Die letzte Tour führte an die Nordsee. Dort haben Pauline und Sophie Muscheln gesammelt, die nun in einer mit Sand gefüllten Glasschale auf dem Esstisch des Gemeinschaftsraums liegen. "Ganz tiefe Traurigkeit und viel Freude - diese beiden Dinge bereichern das Leben", bringt es der gelernte Krankenpfleger Tobias Bürgelin auf den Punkt. Eine Brosche mit dem Logo des Hospizes "Ich bin ein Löwenherz!" ziert seine Jacke. Als Pfleger kümmert er sich meist um ein bis zwei kranke Kinder. Neben ausgebildetem Pflegepersonal stehen pädagogische Mitarbeiter wie Jens Hannekum in erster Linie den Geschwisterkindern und Eltern zur Seite. Der 41-jährige Quereinsteiger ist vor drei Jahren zum Kinderhospiz gekommen. Als er Ende der Neunziger von dem Aufbau des Projektes gelesen hatte, wusste er, dass er sich dort engagieren will. Hannekum ist selbst Vater eines behinderten Kindes. Diese Erfahrung kann er in seine Arbeit als pädagogischer Mitarbeiter einfließen lassen. Seiner Tochter Kim hatten die Ärzte bereits kurz vor der Geburt nur eine geringe Überlebenschance prognostiziert. "Wir waren auf den Tod

Mitarbeiter Jens Hannekum kümmert sich um die Geschwisterkinder Sophie und Pauline.

Nadine Grabietz

Flur wacht eine drei Meter große Plüsch-Giraffe über das Treiben, während sich ihre kleinen Artgenossen aus Stoff in allen Ecken tummeln. Auf den Regalen und Tischen sind Muscheln und Steine drapiert. Selbst gemalte Bilder, Fotos und Mobiles schmücken die Wände. "Das ist hier viel mehr als Urlaub. Fast wie im Paradies. Ein Außenstehender kann das nicht nachvollziehen", schildert Martina Hößel ihren Eindruck nach der ersten Zeit. Sie verzieht ihre Mundwinkel zu einem breiten Lächeln und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Gesichtszüge der 43-Jährigen entspannen sich. "Ich hatte zuerst Angst vor den anderen Eltern. Angst, dass hier so eine traurige Atmosphäre herrscht. Es ist schon so, dass wir ernsthaft miteinander reden können, aber wir machen auch Blödsinn. Das tut gut. Dieses immer funktionieren müssen ist einfach weg."

Ute de Groot

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Jedem verstorbenen Kind wird ein Stein auf dem Erinnerungshügel gewidmet.


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Nadine Grabietz

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Idylle: Im Kinderhospiz können Familien mit ihren kranken Kindern neue Kraft schöpfen.

eingestellt - mehr oder weniger gut. Haben mit dem Tod gelebt und gerechnet, aber wir standen alleine da." Zu dieser Zeit hätte Jens sich eine Einrichtung wie das Kinderhospiz Löwenherz gewünscht. S c h m e rz v e r ar be i te n Zahlreiche Operationen musste die mittlerweile 15-Jährige Kim über sich ergehen lassen und trotzdem: Eine Garantie fürs Überleben gab es nie. Die Ärzte sagten jedes Mal: Wenn jetzt etwas passiert, kann Kim sterben. "Da ich mich deshalb schon früh mit dem Tod auseinandersetzen musste, kann ich mich gut in die Eltern hier hineinversetzen", erzählt er in gefasstem Ton und lehnt sich mit der linken Schulter an die Wand. Der offene Blick durch die ovale Brille ist geradeaus gerichtet. "Der Tod des eigenen Kindes ist das Schlimmste, was einer Familie passieren kann. Es ist traurig, aber wir tragen es alle gemeinsam. Und das macht es ein Stück leichter." Für die Eltern ist Jens Hannekum mehr als ein pädagogischer Mitarbeiter, vielmehr ein Freund und Begleiter. Durch die eigene Betroffenheit kann er den Familien das geben, was sie brauchen. Nach Feierabend geht er mit einem guten Gefühl nach Hause: "Ich denk' immer, wie schön es ist, dass ich das alles begleiten und mittragen kann." Gerade in Trauerphasen braucht die Familie Unterstützung. Trauergruppen und Abschiedsrituale helfen, den Schmerz über den Verlust eines Kindes zu verarbeiten. Die Löwenherz-Mitarbeiter vertreten die Ansicht, dass ein Kind sterben

"darf", wenn seine Zeit gekommen ist. Den Betroffenen soll durch Gespräche mit einem Seelsorger die Angst vor dem Tod genommen werden. Der Schmetterling hilft dabei, diesen Weg für die Angehörigen zu erleichtern - er symbolisiert die Reise der Seele in eine andere Welt. Verstirbt ein Kind im Hospiz, wird sein Schmetterling von den Gefährten an der Decke getrennt, um den Weg in die Freiheit anzutreten. Auf Wunsch der Eltern kann der Körper des Kindes bis zur Beerdigung im Hospiz aufgebahrt werden. Mehrere Tage haben sie dort Zeit auf ihre Art Abschied zu nehmen. Nach der Beisetzung bemalt die Familie einen Zierstein, der dem verstorbenen Kind gewidmet ist. Angehörige und Mitar-

Das Löwenherz ist eines von insgesamt sieben Kinderhospizen in Deutschland und seit Oktober 2003 in Betrieb. Jedes Kind, das an einer lebensbegrenzenden Krankheit leidet, kann auf Verordnung des Arztes dort aufgenommen werden. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen unter anderem Erkrankungen des Nervensystems, Stoffwechselkrankheiten (MPS), genetische Fehlbildungen, Syndrome fortgeschrittener Krebserkrankungen und schwere Hirnverletzungen. Pro Jahr können bis zu 150 Familien mit schwerkranken Kindern Unterstützung erhalten.

beiter versammeln sich bei Kerzenschein im Garten des Hospizes zu einer Gedenkfeier. Neben Engels-figuren wird der bemalte Stein auf dem Herzstück des Gartens, dem Erinnerungshügel, platziert. In der Sommerzeit umrahmen dort Lavendel und Vergissmeinnicht die Gedenkstätte. Anschließend entlassen die Eltern den Papier-Schmetterling ihres verstorbenen Kindes an einem Gasluftballon in Richtung Sternenhimmel. Jakobs Schmetterling wartet, so hoffen Eltern und Schwestern, noch eine ganze Weile zwischen seinen Artgenossen auf seine letzte Reise. Nadine Grabietz und Ute de Groot

Löw

e gen. Ziel ist es, die he nhe l fen rz betroffenen Familien zu entlasten und ihnen Urlaub vom Alltag zu ermöglichen. Das 10.000 Quadratmeter große Grundstück liegt direkt am Waldrand. Laufende Betriebskosten werden zur Hälfte durch die Krankenund Pflegekassen getragen. Der andere Teil der Kosten muss durch Spenden finanziert werden. Jährlich sind dafür mehr als 500.000 Euro erforderlich. Jede Spende hilft:

Kinderhospiz Löwenherz Kreissparkasse Syke Maximal kann das Hospiz acht Kontonummer.: 111 009 9999 Familien zur gleichen Zeit beherber- BLZ: 291 517 00


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Flüchtige Augenblicke

Der Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen

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hochaktiver Zustand ist. Wenn der Physikus mit Hypnos eine Liaison eingeht, zerlegt er ihn in seine einzelnen Bestandteile. So kommen die Schlafforscher zu der Erkenntnis, dass gesunde Menschen beim Einschlafen zunächst in das Schlafstadium eins gelangen. Herz- und Atemfrequenz verlangsamen sich, die Hirnaktivität nimmt ab und die Muskeln beginnen sich zu entspannen. Danach gehen wir langsam die Treppe vom Leichtschlaf herunter bis in den Tiefschlaf, bevor der Traumschlaf

bewusste Wahrnehmung erlebt wird? Eben war da noch dieser Gedanke an morgen, und schon verpufft das spielerische Was-Wäre-Wenn zu einem letzten nicht mehr greifbaren Einfall. Und dann: ein Zucken. Wach?Pustekuchen! "Diese Muskelzuckungen haben viele Menschen beim Einschlafen. Dadurch wird man wieder wacher und nimmt bewusst wahr, was um einen herum passiert. Solche Einschlafmyoklonien treten häufig mit dem Gefühl zu fallen auf. Das ist aber schon Schlafstadium eins", erklärt Svenja Happe sachlich.

Welt im Schwebezustand. Was der Anthropologe als einen magischen Moment des Übergangs beschreibt, das betrachtet der Naturwissenschaftler eher nüchtern. "Im medizinisch-biologischen Sinn kann man eigentlich nur sagen: Man ist wach oder man schläft. Das heißt also, ein Dazwischen gibt es nicht." Die Privatdozentin Dr. Svenja Happe ist Chefärztin des Instituts für klinische Neurophysiologie am Klinikum Bremen Ost. Dort wird Hypnos im Schlaflabor gründlich unter die Lupe genommen. Und es wird deutlich, dass der Schlaf im Gegensatz zum Verständnis vergangener Jahrhunderte, als man ihn in die Nähe seines weitaus prominenteren Bruders, dem Tod Thanatos, rückte, ein

beginnt. In dieser Phase wird der Körper wieder aktiver, die Augen bewegen sich jetzt schnell. "Die EEG Aktivität variiert während der unterschiedlichen Schlafstadien wie eben auch im Wachen", macht die Medizinerin deutlich. Aber genau dieses leichte Wegdämmern in andere Welten ist solch ein Zauber, dass kaum ein Mensch die Phantasie dieses flüchtigen Augenblicks aufgeben möchte. Die Forscherin sieht das nüchtern: "Wir haben ganz klare Definitionskriterien, wann man sagt, der Mensch schläft ein. Das können wir mit unseren elektrophysiologischen Untersuchungen messen und klar differenzieren." Und wie kommt es, dass dieser Moment des Abschweifens oft als

Während einige Hirnareale bereits schlummern, sind andere noch munter und senden "falsche" Signale an das Rückenmark. Als Folge kommt es zu den unkontrollierten Zuckungen, über die wir uns selbst erschrecken. Wir fühlen uns zwar wach, sind es aber nicht. Auf äußere Signale könnten wir nicht mehr reagieren. Kreative Ideen entfleuchen uns auf Nimmerwiedersehen. Und so ist entgegen allen Wunschdenkens die Magie des Dämmerzustands zwischen Schlaf und Wach im Labor entzaubert worden. Wenn Hypnos seine Schmetterlingsflügel auf der Schläfe des Menschen ausbreitet, malen EKG und EEG noch große Kurven.

Benicce - Fotolia.com

er Tag und der Schlaf, beide begegnen uns in der griechischen Mythologie als Kinder der Nacht. Aber was passiert, wenn Hemera und Hypnos mit Mutter Nyx gemeinsame Sache machen? Eine Familienangelegenheit - könnte man sagen. Oder ein Ausflug in jene dämmrige Halbwelt zwischen Schlafen und Wachen, in der alles still zu stehen scheint. Eben noch Gedachtes beginnt sich zu verflüchtigen. Vergessenes wird wieder angeschwemmt. Für einen winzigen Augenblick befindet sich die innere

Jasmin Lachmann und Susanne Hausmann


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Geliebte Schäfchenwolken Schauer vereiteln Gartenpartys, Gewitter beenden Feste. Aber das Wetter setzt unserem Leben nicht nur Grenzen. So manches Phänomen weiß der Mensch sich auch zunutze zu machen.

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as Seil ist gespannt, langsam rollt das Flugzeug an. Die ersten Meter dann schnellt es los. Häuser und Bäume rasen wie im Zeitraffer vorüber, die Nase hebt sich gen Him-mel. Der Pilot sieht für einen Moment nur noch blaue Weite und wattig-weiße Punkte: Schäfchenwolken. Unter diese Quellwolken zu gelangen, ist das Ziel eines jeden Segel-fliegers. Denn sie bilden sich dort, wo Luft aufsteigt. Und aufsteigende Luft ist der Motor des Segelflugzeugs. "Die Segelflieger lieben Schäfchenwolken", weiß Anne-Kathrin Looft. Sie fliegt seit 30 Jahren beim Dithmarscher Luftsport-verein, der in SchleswigHolstein den kleinen Flugplatz Sankt Michaelisdonn betreibt. Segelfliegen das ist mehr als nur dahingleiten. Man nutzt beispielsweise Hangaufwinde oder andere Wettererscheinungen, um möglichst lange in der Luft zu bleiben je nach den Gegebenheiten im Fluggebiet. "Meteorologie gehört zur Segelflugausbildung", erzählt Looft, die schon Flugschüler ausgebildet hat. Schließlich spielen Luftverhältnisse und Wetterlagen eine wichtige Rolle beim Segelfliegen. "Wir sind zwar keine Meteorologen, aber ein bisschen weniger Laien, als andere", schmunzelt Looft. Flieger am Gummiseil Bedenkt man die örtlichen Wetter-phänomene, kann man auch die Lage des Flugplatzes St. Michaelisdonn erklären. Dort, wo sich seit der letzten Eiszeit der hügelige Geestrücken aus dem platten Land erhebt, boten sich perfekte Verhältnisse für die ersten Segelflie-ger. Als es noch keine Seilwinden gab und die Segelflugzeuge kleiner waren, startete die Maschine, indem sie von bis zu 30 Helfern an Gummi-seilen in die Luft

gezogen wurde. Dabei waren die Aufwinde, die rund um St. Michaelisdonn am Übergang von der flachen Marsch zur hügeligen Geest entstehen, eine große Hilfe. Hier passiert im Grunde genommen dasselbe wie bei großen Gebirgen. Nur im viel kleineren Maßstab. Die Luft strömt gegen den Berg und steigt nach oben, Aufwinde entstehen. Dabei kühlt sie ab. "Nun ist es aber so, dass die Luft eine bestimmte Feuchtigkeit hat", erklärt Günter Delfs, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Hamburg, die Zusammenhänge. Je kühler Luft sei, desto weniger Feuchtigkeit könne sie aufnehmen. "Ja und was macht die Feuchtigkeit? Es bilden sich erst Wolken und dann regnet es ab." Das Wetter an seinen Grenzen Auf der dem Wind zugewandten Seite des Berges regnet es deshalb häufiger. Große Gebirge wie die Alpen wirken so als Wetterscheiden, als Grenzlinie zwischen Gebieten mit unterschiedlichem Wetter. Der verhältnismäßig sanfte Übergang von der Marsch zum Geestrücken löst keine Regenfälle aus. Die knapp 40 Meter Höhenunterschied genügen jedoch, um Hangaufwinde zu verursachen. Das ist keine Wetterscheide, aber ein Wetterphänomen, das früher interessante Bedingungen für den Segelflug bot. Heute sind die Flieger größer und haben andere Gleiteigenschaften, so dass der Höhenunterschied am Geestrücken nicht mehr zum Hangfliegen ausreicht. Den Fliegern bereiten stattdessen die Seewinde manchmal Probleme. "Wir haben hier nicht unbedingt das Eldorado für Segelflieger, aber der Flugplatz ist nun einmal hier entstanden", erzählt Segelfliegerin Looft, "viel-

leicht haben andere Flugplätze einen Standortvorteil, aber hier kommt man auch immer in die Luft." An heißen Sommertagen profitiert der kleine Landeplatz doch noch von seiner Lage. Besonders in den Abendstunden. Dann freuen sich nicht nur passionierte Segelflieger über eine Wetterscheide, die südlich des kleinen Ortes verläuft. Genau entlang des Nord-OstseeKanals. Der Kanal sei jedoch nicht der Grund für die Wetterscheide, betont der Meteorologe. Die Verursacher der Wetterunterschiede südlich und nördlich des Kanals sind Nord- und Ostsee sowie das Festland. Nördlich des Kanals ist das Wetter von der See geprägt, im Süden sind die Land-massen ausschlaggebend. "Große Landflächen und große Wasserflä-chen haben unterschiedliche Eigen-schaften", erklärt der Wetterexperte. "Wasser erwärmt sich nicht so schnell, speichert allerdings länger die Wärme." Dementsprechend ist es über der See kühler als über Land, weswegen sich dort seltener Gewit-ter bilden. "Die Landmasse hingegen erwärmt sich schneller, gibt aber auch schneller Wärme ab", so Delfs weiter. Wenn also Südwestwinde die Gewitterluft herantragen, dann kommt die Luft südlich des Kanals über das Land, wo sie sich noch weiter erwärmt. Es gewittert. Nördlich des Kanals zieht die Luft über das Meer. "Die Luft über dem Meer ist durch das Wasser wesentlich kälter. Da können sich ja keine Gewitter bilden", erläutert Delfs. So kann Anne-Kathrin Looft den lauen Sommerabend unter freiem Himmel genießen oder gar die letzten Sonnenstrahlen zum Fliegen nutzen, während Günter Delfs im nicht ganz 100 Kilometer entfernten Hamburg seinen Grill in Sicherheit bringen sollte. Wiebke Harms


Und täglich grüßt Paro

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Ein Robbenroboter therapiert Demenzkranke

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einem Dienstagmorgen sitzt sie im Aufenthaltsraum des Pflegeheims auf dem Sofa. Auf ihrem Schoß liegt die Babyrobbe. Liebevoll streicht sie ihr über das schneeweiße Kunststofffell. Paro öffnet seine runden blauen Augen und dreht den Kopf zu ihr. "Siehst du?", wiederholt die alte Dame immer wieder und sucht das Fell nach Krümeln ab. "Er ist gut, er heißt auch Müller." Gerda Müller findet keine Krümel. Die Patientin ist permanent im Gespräch. Ob dies ihr Haustier sei? Die Frage holt sie für einen Moment von ganz weit her ins Hier und Jetzt. "Natürlich, der ist gut, der Junge", antwortet sie und vertieft sich wieder in den Monolog mit ihrem Plastikfreund. Als Bestätigung klimpert die Robbe mit ihren langen schwarzen Wimpern und wedelt mit dem kleinen Plastikschwänzchen. Paro wurde nach dem KindchenSchema entwickelt. Seine Augen sind riesig. Mit seiner flachen Nase und der hohen Stirn erinnert er an ein kleines Kind. Das ist kein Zufall: Die Robbe soll Ein guter Junge, aber nicht für Mutterinstinkte in den Patienten wekjeden ken. Das macht es ihnen leichter, eine "Wo ist der kleine Meine?" Gerda Beziehung zu der Maschine aufzubauMüller ist 83 Jahre alt und leidet unter en. der altersbedingten Krankheit. An Eine weitere Seniorin dreht mit einem Gehwagen bereits ihre dritte Runde durch den Raum. Vorbei an dem altmodischen, moosgrünen Federkernsofa, auf dem Gerda Müller mit Paro spielt. "Kommen Sie uns besuchen?" ruft Betreuerin Ines Kaebel. "Ich weiß nicht", stammelt die alte Frau und legt ihre Stirn in Falten. Die weiße Robo-Robbe interessiert sie nicht. Die Frau ist bereits in einem weit fortgeschrittenen DeHaariger Helfer: Technikrobbe Paro unterstützt Demenzkranke

Talassa Bremer

uf Wiedersehen, komm bald wieder", ruft Gerda Müller liebevoll und streichelt ihrem Paro noch einmal über den Rücken. Eine Beziehung zu der Robbe besteht nur während des Zusammenseins. Schon am nächsten Tag wird sich die alte Dame nicht mehr an sie erinnern. Das Tier wird es der Seniorin nicht übel nehmen, denn Paro ist eine Maschine. Das Maternus Alten- und Pflegeheim im niedersächsischen Wendhausen bei Braunschweig setzt im Pilotversuch einen Roboter als Therapiehilfe bei Demenzkranken ein. Die HightechRobbe Paro ist mit fortschrittlichster Mechanik ausgestattet. Sensoren geben der künstlichen Intelligenz fast menschliche Züge. Sie soll in der Lage sein, demenzkranken Senioren Motivation und Entspannung zu bringen - so verspricht es der japanische Hersteller. Die Reaktionen auf das interaktive Wesen sind unterschiedlich.

menzstadium. Sie ist nicht mehr in der Lage Beziehungen aufzubauen. Knapp 200 Senioren wohnen im Pflegeheim in Wendhausen. Die Demenzstation macht nur einen kleinen Teil des Gebäudekom-plexes aus. Dazu leben hier gesunde Senioren, Wachkomapatienten und körperlich Pflegebedürftige. Auf die Therapie mit der Robbe reagieren alle Bewohner unterschiedlich. "In der Probephase haben wir Paro auf allen Stationen des Heims eingesetzt", erzählt Petra Gelineck, Leiterin des Pflegeheims. Schnell stellte sich heraus, dass die Therapie mit der Maschine nicht bei allen Bewohnern gut ankam. Bei den Senioren ohne Demenz ging schnell das Interesse verloren. Sie merkten nach kurzer Zeit, dass Paro kein echtes Tier ist. Manche hätten sich regelrecht verschaukelt gefühlt, schildert die 47-jährige Gelineck. Andere waren verschreckt von den Funktionen der Hightech-Robbe. Auf der De-menzstation seien die Reaktionen jedoch überwiegend positiv gewesen. Bei Demenzkranken löst sich das Kurzzeitgedächtnis auf. Daher kann die Kunstrobbe immer wieder neues Interesse wecken. Ihre immer wiederkehrenden Verhaltensmuster werden für die Patienten nicht langweilig. Die Chance, die Demenzkranken mit Paro zu erreichen, sei nur im mittleren Stadium möglich, so die Betreuerin Kaebel. Bei einem intakten Kurzzeitgedächtnis falle der Betrug auf und bei einem gänzlich zerstörten könnten die Bewohner mit dem Roboter nichts mehr anfangen. Tierische Hilfe Dass Tiere in der Pflege und Therapie mit alten Menschen eingesetzt werden, ist nicht neu. Regelmäßig verwandeln sich Altenheime zu Streichelzoos. Wenn Meerschweinchen, Kaninchen und Co. zu Besuch sind, tauen die Senioren auf. "Eisbrecherfunktion" nennt das Professor Stefan Görres, Leiter des Instituts für Public Health und Pflegeforschung an der Universität


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Bremen. In der Pilot-Studie "Kleintiere in Heimen" kam er zu dem Ergebnis, dass Tiere im Umgang mit Demenzkranken positive Reaktionen hervorrufen. Doch Tiertherapie ist schwer umzusetzen. Hygienestandards, Tierallergien und Verletzungsgefahren stehen im Weg. Genau an dieser Stelle kommt der Therapie-Roboter zum Einsatz: Paros Fell ist antibakteriell und durch Härtetests streichelerprobt. Er beißt nicht, löst keine Allergien aus, stinkt nicht und macht keinen Dreck. Durch die Sensoren im Fell reagiert er aktiv auf äußere Reize und setzt diese in seinem Verhalten um. Wenn man ihn streichelt, fiept er zufrieden. "Generell spricht nichts gegen den Einsatz eines künstlichen Haustiers bei der Pflege von dementen Menschen. Aber man muss Fragen stellen", gibt Görres zu Bedenken. Zunächst müsse man den Erfolg einer solchen Therapie wissenschaftlich untermauern. "Gibt es überhaupt eine Wirkung? Wenn ja, welche? Oder löst die Robbe sogar Stress aus?" Und auch über ethische Fragen sollte man sich Gedanken machen. "Alles andere wäre naiv", so Anzeige

der Wissenschaftler. "Denn ein RoboterTier kann das Pflegepersonal nicht ersetzen. Wirtschaftliche Gründe rükken immer mehr in den Vordergrund. Es wäre fatal, wenn Personal durch den Einsatz einer solchen Maschine eingespart würde." Görres bleibt skeptisch, ob sich Roboter-Tiere in deutschen Pflegehei-men durchsetzen werden. Bislang fehlten in Deutschland entsprechende For-schungsergebnisse. Pflegeleiterin Gelineck stimmt der Meinung des Forschers zu. Sie betont, Paro könne kein Ersatz für Zuwendung oder Besuche sein. Sein Einsatz sei lediglich eine Möglichkeit, an die Senioren heran zu kommen, wenn sie sich in ihrer eigenen Welt befänden und nicht mehr auf die Außenwelt reagierten. Auch könne Paro bei übermäßigem Bewegungsdrang, den die Demenz mit sich bringt, als Beschäftigung und Beruhigung zur Hilfe kommen. Jeder Patient darf täglich mit der Babyrobbe spielen. Jedoch nur zehn Minuten. Danach lässt die Konzentrationsfähigkeit nach. Ein Betreuer ist immer dabei. Ines Kaebel

weiß: "Die Reaktionen der Demenzpatienten können unberechenbar sein." Die Stimmung könne plötzlich umschlagen. Die alten Menschen könnten aggressiv werden, plötzlich Angst bekommen. Doch auch auf der Demenzstation freut sich nicht jeder über die Kunstrobbe. Peter Schmidt (Name geändert), konzentriert sich trotz seines hohen Alters lieber auf das Bezirzen der Damenwelt. "Na Hummel!", ruft er über den Flur. Immer wieder pendelt er zwischen Kaffeestube und Ecksofa, um allen Damen die Hand zu schütteln und mit viel Glück ein Küsschen auf die Wange zu ergattern. Als er Paro sieht, verzieht er die Mundwinkel und blafft: "Geh weg mit dem!" Schmidts Demenz ist erst im Anfangsstadium. Er lässt sich von der Kunstrobbe nicht foppen. Paro schlummert derweil mit seinem Stromschnuller an der Steckdose. Morgen wird er wieder viele neue Freunde finden. Wie an jedem Tag. Talassa Bremer, Jana Bräuer und Brede Lockhoff


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20 Jahre nach Gladbeck Moral und Verantwortung der Medien

H

WDR (aus "Dokument einer Geiselnahme")

eute würde ich mich dem Auto nicht einmal mehr nähern." Das sagte Udo Röbel im August in der TVSendung "Markus Lanz". Röbel war es, der vor 20 Jahren kurz entschlossen zu den Geiselnehmern Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner ins Auto stieg. Die beiden hatten am Morgen des 16. August 1988 die Deutsche Bank in Gladbeck überfallen. Röbel wies ihnen den Weg aus der Innenstadt Kölns und führte dabei ein Interview mit ihnen. Während der dreitägigen Flucht starben drei Menschen. Heute, zwanzig Jahre später, wird das Gladbecker Geiseldrama immer noch heiß diskutiert. Von Fehlern der Einsatzkräfte der Polizei ist die Rede. Ebenso von sensationsgierigen Journalisten ohne Moral. Johannes Musial hat mit ARDModerator und Hauptstadtstudioleiter Ulrich Deppendorf und dem sternChefredakteur Thomas Osterkorn über Gladbeck, die Folgen und die heutige Situation in den Medien gesprochen. Deppendorf: Die Geiselnehmer standen ja direkt vor dem WDR in der Breitestraße. Wir haben uns zunächst mal eine Position im WDR gesucht, die etwas oberhalb lag. Ich selber bin dann auch runter gegangen, auch an den Wagen. Das war eine vollkommen irreale Situation.

ARD/Hanna Lipmann 2007

"Eine vollkommen irreale Situation"

zeilen .weise: Herr Deppendorf, wie haben Sie das Geschehen damals wahrgenommen?

zeilen .weise: Haben Sie sich mitziehen lassen? Deppendorf: Ja, na klar. Wir sahen, dass auf beiden Seiten verhandelt wurde. Das eine war der Herr Röbel, das andere ein Kollege von der BILDZeitung in Köln. Als ich dann sah, dass Röbel plante, die aus der Stadt raus zu geleiten, bin ich mit meinem Kamerateam in unseren Wagen gestiegen. Wir haben uns erst einmal etwas abseits positioniert, denn es gab nicht viele Wege, um da raus zu kommen. Wir waren dann der erste Wagen hinter denen und sind ihnen in Richtung

Frankfurt gefolgt. Ich habe aber zu meinem Team gesagt, wir machen hier kein Harakiri und gefährden beim Fahren keine anderen Personen. Als wir Siegburg erreichten, sahen wir Herrn Röbel dort ankommen (er wurde von Rösner und Degowski an der Raststätte abgesetzt; Anm. d. Red.) und ich habe ihn interviewt. Danach sind wir mit Herrn Röbel zusammen wir haben den noch mitgenommen wieder zurück ins Funkhaus. zeilen .weise: War das damals auch ein Wettrennen um die schnellste Story? Deppendorf: Ja. Da sind Sicherungen durchgebrannt - bei allen. Es war so, dass jeder dabei sein und Bilder haben wollte. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Keiner hatte den Mut, keiner hatte die Selbstkritik, keiner hatte die Größe zu sagen: "Kommt Freunde, das machen wir hier nicht mehr mit." Das gilt für alle Medien -


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zeilen .weise: Die Diskussion um journalistische Moral und journalistische Verantwortung wurde nach Gladbeck lange geführt und ist auch heute noch aktuell. Wie sehen Sie diese? Deppendorf: Ich finde es richtig, dass sie geführt wird. Manchmal kommt sie mir allerdings sehr wohlfeil vor - viele Thesen aufstellen, die dann selbst nicht eingehalten werden. Wichtig ist aber, dass wir uns immer wieder - auch bei der ARD - hinterfragen, was wir eigentlich in der Berichterstattung machen. Sind wir vielleicht zu schnell mit unseren Berichten? Haben wir noch die Zeit, gegen zu checken? Da sage ich: ja, die nehmen wir uns auch. zeilen .weise: Was macht für Sie einen guten Journalisten aus? Deppendorf: Erstmal, dass er neugierig ist. Zweitens, dass er bei den Recherchen immer Gegenrecherchen macht - die Fakten müssen stimmen. Dass er abwägt, was er mit dem, was er schreibt oder sendet, bewirken kann oder auch nicht bewirkt. Und ein gewisses Misstrauen gegenüber Entscheidungsträgern sollte er haben, also eine Distanz und eine distanzierte Betrachtungsweise. Er sollte sich nicht, wie Friedrichs das einmal gesagt hat, mit einer Sache gemein machen.

und Neutralität? Osterkorn: Es gibt ja den berühmten Satz von dem Tagesschau-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs: "Ein Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten". Das ist sehr beklatscht worden. Das halte ich für schwierig. Natürlich steigen wir, auch gerade der stern, ein, wenn man irgendein großes Leid oder Elend sieht. Oder man nimmt sich den Anliegen kleiner Menschen an, die einen Kampf mit einer Behörde oder sonstwas führen. Dann ergreift man automatisch Partei. Einen Journalisten, der immer objektiv ist, halte ich für unmöglich.

"Die Medien regulieren sich selbst"

zeilen .weise : Also hat ein sozialer, auch parteiischer, Journalismus durchaus seinen Platz verdient? Osterkorn: Absolut. Stern

für die Zeitungen, die Magazine, für Fotografen, für die Anstalten. zeilen .weise: Heißt das, dass Sie heute anders handeln würden? Deppendorf : Ich glaube, dass wir heute nicht mehr so hinterher fahren würden, wie wir es damals getan haben. Ob wir uns ganz zurückhalten würden, das weiß ich nicht. Das will ich auch im Moment nicht entscheiden. Aber dieses Wettlaufen so nah dran und so nah hinterher, das würden wir heute nicht mehr machen.

zeilen .weise: Herr Osterkorn, was sind die Lehren aus Gladbeck? Osterkorn: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man eine gewisse Distanz zum Geschehen halten muss - nicht nur räumlich, sondern auch emotional. Man darf bei solchen Kapitalverbrechen nicht Teil der Handlung werden. Weder, dass man sich von der Polizei instrumentalisieren lässt, noch sich von den Gangstern zu irgendwelchen Zwecken - als Pressesprecher oder Übermittler von Botschaften - einsetzen zu lassen. Man steht dort, um zu berichten und nicht um in irgendeiner Weise einzugreifen.

zeilen .weise: Was würden Sie gerne im deutschen Journalismus ändern? Deppendorf: Ich hoffe, dass bei einigen Publikationen die Recherchequalität wieder zunimmt.

zeilen .weise: Auf welche journalistischen Werte legen Sie bei Ihren Redakteuren Wert? Osterkorn : Wesentlich für einen Journalisten ist die Wahrheit. Der sollte man möglichst nahe kommen. Was Wahrheit ist, darüber kann man lange diskutieren. Aber man sollte versuchen einen klaren Blick auf Personen, auf Sachverhalte zu haben. Wenn man dann ins Kommentieren gerät, kann man durchaus eine Haltung haben. Die muss man aber klar machen. Also nicht etwas als Nachricht verkaufen, was Meinung ist und vice versa.

zeilen .weise : Vielen Dank für das Gespräch!

zeilen .weise: Wie stehen Sie zu den journalistischen Werten Objektivität

zeilen .weise : Besitzen Sie diese Fähigkeiten? Deppendorf: Nein, das wäre ja vermessen. Man bemüht sich.

zeilen .weise : Was hat sich seit Gladbeck im deutschen Journalismus verändert? Osterkorn : Die Sünden der Journalisten waren vor 20 Jahren dieselben. Da hat es auch ständig Entgleisungen, vor allem der Boulevard-Presse, gegeben. Was heute viel stärker ist, dass Medien übereinander berichten und sich Fehler vorhalten und nach recherchieren, wie beim BILD-Blog. Wenn wir beim Stern einen Fehler machen, dann wird das sofort zur großen Diskussion im Medienteil der Süddeutschen. Ich glaube, es gibt heute mehr Kontrolle und gegenseitiges Beäugen und Berichten. SZ, FAZ und Der Spiegel haben alle Medienteile. Auch die BILD-Zeitung hat heute einen viel höheren Wahrheitsgehalt. zeilen .weise: Eine effektive Selbstregulierung der Medien? Osterkorn : Ist schon da. Natürlich auch, weil der Markt reguliert ist. Und wer dagegen verstößt, verschreckt irgendwann seine Leser und dann irgendwann seine Anzeigenkunden. Es ist nicht alles gut und nicht alles schlecht. Und früher war auch nicht alles besser. zeilen .weise : Vielen Dank für das Gespräch! Johannes Musial


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Folkert Lenz

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Zuversichtlich: Folkert Lenz im Basislager auf 4.900 Metern

Eine Geschichte 1997 lebte Brad Pitt sieben Jahre in Tibet; dort lehrte er Westliches ebenso wie er von den Tibetern lernte. Im Frühjahr 2008 verbrachte Folkert Lenz sieben Wochen im Hochland des Himalaya. Im Hochgebirge gibt es ein Sprichwort unter den Einheimischen, eine Weisheit für den Reisenden: Auf Reisen in fremde Länder lernt man nicht das Land kennen, sondern sich selbst. Das kommt der Beschreibung von Folkert Lenz' Reise sehr nahe. Nein, es trifft punktgenau - des Pudels innerster Reisekern gewissermaßen. Denn der Journalist bestieg den Manaslu, einen Achttausender. Weniger als achthundert Meter vor dem Gipfel musste er entkräftet umkehren. In 7.400 Metern siegte Verstand über Ehrgeiz.

D

er Manaslu ist mit 8.163 Metern Höhe der achthöchste Berg der Erde. Er liegt zweihundert Kilometer nordöstlich der nepalesischen Hauptstadt Katmandu und zählt zu den anspruchvollsten Steinmassiven der Welt. Täglicher Schneefall, donnernde Höhenwinde und unsichtbare Gletscherspalten - das sind die tückischen Charakterzüge der schroffen Primadonna, des bedrohlichen Unikums. Seit der Erstbesteigung 1956 wurde der "Berg der Seele" insgesamt knapp 300 mal erklommen. Zum Vergleich:

Am 26. Mai 2008 erreichten 77 Bergsteiger zeitgleich den Gipfel des Mount Everest - in der kommenden Saison wird der höchste Berg der Erde den viertausendsten Besucher auf dem Bergschopf empfangen. Todeslüsterner Massentourismus. "Der Manaslu ist ein Berg, der ziemlich im Schatten steht", sagt Folkert Lenz, "weil er so schwierig und das Wetter immer lausig schlecht ist". Kein Berg für Einsteiger, keiner für Greise, Blinde oder Lahme - wie sie am Everest zu finden seien. Der Bremer Journalist ist

gesund, sportlich und erfahren. Doch auch er scheiterte am Manaslu. Entbehrung und Qualen Bei seiner ersten AchttausenderExpedition musste der 43-Jährige vor dem Gipfel kehrt machen. Im Lager IV, mehr als sieben Kilometer über dem Meeresspiegel. "Der erste Versuch blieb im Höhenorkan stecken", erklärt Lenz. Zwei Stunden hätten er und sein Team bei minus 30 Grad draußen im Sturm ausgeharrt. "Einen zweiten


Folkert Lenz

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Quälend: Die Expedition beim Erklimmen des Manaslu

des Scheiterns Anlauf habe ich selbst nicht mehr mitgemacht", sagt er. Vier Nächte habe er zuvor nicht schlafen können, die Anstrengungen seien zu immens gewesen. Zwei Kompagnons blieben länger, schafften die letzen Meter und erreichten den Gipfel. Unterdessen habe Folkert Lenz schon der beschwerliche Abstieg ins Basislager gequält. "Solche Anstrengungen habe ich beim Bergsteigen noch nie empfunden", gesteht er rückblickend. Doch alles umsonst. Die ganzen Entbehrungen, Qualen und inneren Schweinehunde. Alles vergebens. Der Gipfel blieb ihm verwehrt. Schinden, überwinden, weiter machen und wieder schinden. Ein Abriss einer siebenwöchigen Bergtortur: Folkert Lenz zeigt Bilder des ManasluAbenteuers. Bilder, die bestätigen: ein Marsch an der Grenze. Der Bremer in Daunenjacke, mitten im Tiefschnee. Die Augen sind zusam-

mengekniffen, gebettet in tiefe Furchen der Schlaflosigkeit. Seine Wagen sind übersäht mit blauen und roten Äderchen, Zeugnisse der Kälte. Dann ein Bild des Basislagers, "auf vergleichsweise niedrigen 4.900 Metern". Orangefarbene und rote Igluzelte inmitten eines weißen Niemandslandes. Bunte Fähnchen zum Schutz vor bösen Geistern sind über das Zeltlager gespannt. Im Schnappschuss festgehalten: die stechenden Windböen, die das Fahnengespann beinahe entzweien. Und noch ein Bild vom Berg, ein Blick auf den Koloss. Auf das Herz hören Die Bergsteigertruppe, die fotografisch eingefangen wurde, ist so winzig, dass sie auch ein Staubkorn auf dem Negativ hätte sein können. Ein schöner Fleck Erde. Einer, der lebensbedrohlich werden kann. Ein Ort, an der Grenze

eben. Folkert Lenz hat sie nicht überschritten, nichts riskiert, denn er ist erfahren, hat schon viele Berge bestiegen. Den Weg zum Gipfel des Mount Everest säumen etwa 120 nicht geborgene Leichen. Im Schnitt kommt einer von zehn Gipfelstürmern nicht lebend zurück ins Basislager. Auf Normalnull lebt Brad Pitt inzwischen in Berlin - zumindest vorübergehend, für Dreharbeiten. Auch Folkert Lenz ist zurück an der Weser, zurück in Bremen. Soll es also mit einer weiteren tibetischen Weisheit belassen sein: Bei schwierigen Prüfungen wende Dich deinem eigenen Herzen zu, suche Zuflucht in Dir selbst, und steige mit erneuerten Kräften wieder aus Dir empor. Folkert Lenz ist am Manaslu gescheitert. Dreizehn weitere Achttausender bleiben ihm noch.

Alexander Tieg


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Die Strafraumgrenze: I

Christian Walter

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ch bin 73,22 Meter lang, um die zehn Zentimeter breit und habe einen sehr wichtigen Job. Erstens liege ich die ganze Zeit rum. Angenehm. Zweitens verbringe ich mein Leben im Fußballstadion. Ja, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Drittens: Ohne mich gäbe es keine Elfmeter, Schwalben und endlose Diskussionen. Wie langweilig wäre die Sportschau ohne die Frage: Strafstoß oder nicht? Ohne mich und meine Kollegen wäre Fußball nicht das, was er heute ist. Doch der Reihe nach. Angefangen hat alles im Jahr 1846. Damals dachten sich Studenten der Universität Cambridge die ersten Regeln für die heute beliebteste Sportart der Welt aus. 1857 gab es dann den ersten Verein, sechs Jahre später wurde das erste Regelwerk festgelegt. Im Jahr 1896 dann die entscheidende Entwicklung: Der früher halbkreisförmige Strafraum wurde zum Rechteck. Dadurch wurden natürlich weltweit neue Linien gesucht. Die Nachfrage war so groß, dass von nun auch Männer den Beruf der Strafraumgrenze ausüben mussten. Bis dato waren die Mittellinie, die Torlinie und na-türlich auch die Strafraumgrenze fest in Frauenhand. Mein Ur-Ur-Großvater, der damals noch Mitglied der Mittelkreisgewerkschaft war, bewarb sich um den Job als Strafraumgrenze beim ersten deutschen Fußballclub in Jena. Als einer der ersten Männer überhaupt wurde er wenige Jahre später mit dem "Strafraumgrenzen-Diplom für Herren" ausgezeichnet. Dadurch war ein wahres Fieber in unserer Familie ausgebrochen. Kein männlicher Nachkomme wollte mehr etwas anderes sein als Strafraumgrenze. Auch mein Großvater übte diese Funktion aus und war darin ebenfalls sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass er 1974 zur Weltmeisterschaft im eigenen Land berufen wurde. Durch tolle Leistungen in den ersten Spielen entschied sich der Fußballweltverband, ihm die größte Ehre überhaupt zu Teil werden zu lassen. Opa wurde


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Immer auf die Linie achten! Teil des WM-Endspiels zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Niederlanden. Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller, Paul Breitner und die vielen anderen Legenden - Opa hat sie alle kennen gelernt. Noch heute kann ich von der Geschichte um das Foul von Uli Hoeneß an Hollands Superstar Johan Cruyff nicht genug kriegen. Es geschah direkt an der Strafraumgrenze, direkt bei Opa. Noch heute sind sich die Fußballexperten nicht einig, ob das Foul vor oder auf der Linie geschah. Opa sagt: "Ist doch egal, wir haben 2:1 gewonnen, das zählt." Durch diese Geschichte, der ich erstmals im zarten Alter von vier Jahren lauschte, stand mein Berufswunsch fest: Strafraumgrenze. Auch mein Vater hatte diesen Wunsch Anzeige

als Kind. Als er sein Spielfeldgrenzen-Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln absolviert hatte, hatte sich die Fußballwelt deutlich verändert. Durch die globale Vermarktung des Fußballs ergaben sich auch für die Strafraumgrenzen ganz neue Perspektiven. Mein Vater arbeitete im Bremer Weserstadion und übernahm später die Stelle als Strafraumgrenze im altehrwürdigen Wembley-Stadion in London. Zusammen mit meiner Mutter, einer ausgebildeten Seitenlinie, lernte er die große weite Welt des Fußballs kennen. Angetrieben durch meine Vorfahren, die regelrechte Ikonen in der Strafraumgrenzenszene wurden, wollte ich alles tun, um genauso erfolgreich und berühmt zu werden. Ich ging

den gleichen Weg wie mein Vater, studierte, machte Praktika, schaute den großen Strafraumgrenzen Deutschlands über die weiße Schulter. Zuletzt habe ich in der neuen Münchener Allianz-Arena als Ersatzgrenze gejobbt. Mein Ziel ist es, die Hauptrolle im Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, zu spielen, in Champions-LeaguePartien tätig zu sein und Europa- und Weltmeisterschaften zu erleben. Dafür werde ich alles tun. Ich werde hart an mir arbeiten, um eine noch bessere und verlässlichere Strafraumgrenze zu werden. Denn ohne uns wäre der Fußball doch nur halb so schön.

Sascha Bornemann


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Zeig mir Deinen Zaun... Der Blick in die Gartenabteilung des Baumarktes beweist es: Es gibt unzählige Variationen von Gartenzäunen. Doch die Wahl des Zauns sollte wohl durchdacht sein, denn er sagt viel über seinen Besitzer aus. Mehr als uns lieb ist. Ein Psychogramm von Immo Maus.

Christian Walter

Jägerzaun An dem Biedermeier-Modell unter den Gartenzäunen sind in den vergangenen Jahrzehnten sämtliche Design-Trends der Zaunbranche spurlos vorüber gegangen. Trotzdem erfreut sich der traditionelle Jägerzaun in den Vorgärten gutbürgerlicher Kleinstädte noch immer größter Beliebtheit. Der Grund liegt auf der Hand: Er ist das Spiegelbild der deutschen Seele und besticht durch Gradlinigkeit, Schnörkellosigkeit und Zacken. Im vorliegenden Fallbeispiel wird der Zaun auf beeindruckende Weise mit einer dichten Sichtschutzhecke kombiniert, was auf eine nur bedingt ausgeprägte Kontaktfreudigkeit der Hausbewohner schließen lässt.

Beim Maschendrahtzaun mit aufgesetztem Nato-Stacheldraht handelt es sich um ein Zaunexemplar, das nur selten in befriedeten Gebieten der Welt Verwendung findet. Hierzulande greifen besonders Menschen mit einem starken Sicherheitsbedürfnis darauf zurück. Zudem dient diese Zaunvariante auch als Schutz vor allzu aufdringlichen Nachbarn, da man sich dank der abschreckenden Wirkung des Stacheldrahts nicht der Gefahr nachbarschaftlicher Small-Talks über das vorabendliche TV-Programm aussetzt. Kaum ein anderer Zaun kann mit einer eindeutigeren Botschaft aufwarten: Nur ein Spruch, Kieferbruch!

Christian Walter

Maschendrahtzaun mit Stacheldrahtaufsatz


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...und ich sage Dir, wer Du bist!

Christian Walter

Hecke Ähnlich wie der Jägerzaun hat auch die Hecke einen festen Platz im VorgartenHerz der Deutschen. Im Gegensatz zum klassischen Jägerzaun lassen sich allerdings am Zustand der Hecke die unterschiedlichen Lebenseinstellungen der jeweiligen Bewohner exakter ablesen. Man unterscheidet hierbei zwischen der akkurat geschnittenen Beamten-Hecke und der antiautoritär wachsenden Öko-Hecke. Auch für Laien ist erkennbar, dass auf unserem Beispielfoto eindeutig Heckentyp 2 abgebildet ist. Dem Gewächs wird Raum zur freien Entfaltung gewährt. Eine reine Reduzierung der Hecke auf die Funktion des Sichtschutzes findet nicht statt. Häufig ist diese Heckenform in Gärten anthroposophischer Haushalte zu finden.

Genügsame Menschen entscheiden sich bei der Wahl des Gartenzauns meist für den schlichten Stahlzaun aus industrieller Produktion. Er verbindet die typischen Anforderungen an einen Zaun mit der Aura des Minimalistischen. Eine überaus positive Eigenschaft des Stahlzauns stellen die engen Gittermaschen dar. Sie garantieren ein Ausbleiben ungebetener tierischer Störenfriede wie beispielsweise Eichhörnchen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein schlichter Zaun für schlichte Gemüter.

Christian Walter

Stahlzaun


Produziert von:

Studiengang Internationale Fachjournalistik 2007

Zeilenweise - An der Grenze  

zeilenweise wird produziert im Internationalen Studiengang Fachjournalistik an der Hochschule Bremen.