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Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus Association suisse du journalisme scientifique Swiss Association of Science Journalism http://www.science-journalism.ch

EDITORIAL

Notfallszenarien Kleine Rechenaufgabe: Eine Zeitung lebt zu zwei Dritteln von Inseraten. In einem Jahr sinken die Inserateeinnahmen um 40 Prozent. Wie viel fehlt der Zeitung insgesamt nach diesem Jahr? Das Beispiel ist nicht fiktiv, sondern spiegelt die Realität wider. Die Realität einer mittleren Schweizer Tageszeitung. Sie steht mit ihren Geldproblemen nicht allein da, wie der Beitrag auf Seite 2 zeigt. Gehts den Medien ökonomisch schlecht, droht den Redaktionen der Verlust der Unabhängigkeit. Und zwar gar nicht so sehr, weil verbleibende Inserenten redaktionelle Druckversuche machen würden (das geschieht, obwohl immer wieder kolportiert, höchst selten), sondern viel mehr, weil Chefredaktionen in Geldnot zu Sparmassnahmen greifen, die gegenüber den Lesern möglichst wenig auffallen, aber umso mehr an die Substanz von Qualitätsjournalismus gehen. Zum Beispiel so: Zwar wird die Wissensseite beibehalten, aber nur noch von

einem statt vorher zwei Redaktoren betreut. Oder/und: Das Budget für Beiträge von freien Wissenschaftsjournalisten wird massiv zusammengestrichen. Konsequenz solcher Aktionen: Weniger Redaktore müssen mehr schreiben. Seiten werden abgefüllt, möglichst schnell, möglichst billig. Was liegt da näher, als auf aufwändige Eigenrecherchen zu verzichten und vorbereitete Texte von Unipressestellen zu übernehmen, Beiträge aus dem Horizonte abzudrucken oder Redaktoren aus den Lokalressorts mit Interesse fürs Weltall oder für Schönheitschirurgie die Seiten füllen zu lassen? Beispiele für solche Entwicklungen gibt es. Zwar entstehen dadurch Wissensseiten, die vielleicht interessant sind, aber selten relevant und kritisch sind. Abhängigkeit von Informanten korrumpiert den Journalismus mehr als Abhängigkeit von Inserenten. Eine andere Lösung hat in der Not beispielsweise der «Bund» getroffen: Aus der Einsicht, mit den verbliebenen Prozenten keine qualitativ befriedigende regelmässige Wissensseite machen zu können, hat man diese aufgegeben und versucht seither, den Wissenschaftsredaktor fliegend in allen anderen Ressorts einzusetzen. Das funktioniert – solange die anderen Ressorts Platz gewähren, was nicht immer der Fall ist. Und: Wissenschaftsnews, die nicht direkt politisch oder wirtschaftlich von Belang sind, die zu wenig gewichtig sind, um eine ganze Themenseite zu rechtferti-

gen und zu wenig simpel, um zwischen Sex und Verbrechen auf der Letzten platziert zu werden, fallen aus dem Raster. Die beste Lösung wäre, in anderen Ressorts zu sparen. Denn: Wissenschaft interessiert dermassen, dass damit Geld verdient werden kann, sprich: Leser (und damit auch Inserenten) gewonnen werden. Das zeigt eine Umfrage, die der Klub in Auftrag gegeben hat (siehe Seite 4). Während Chefredaktionen alter Schule Wissensseiten noch als netten Luxus in guten Zeiten betrachten, ist für aufgeschlossene Verlags- und Redaktionsleiter, denen nicht egal ist, was die Leserschaft interessiert, ausgebauten Wissenschaftsjournalismus schlicht ökonomische Vernunft. In guten wie in schlechten Zeiten. This Wachter twachter@gmx.ch INHALT Wissensressort in der Krise?

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Wissenschaft macht Schlagzeilen 4-5 Klubreise nach Südafrika

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Klub / SNF Tagung

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Que se passe-t-il?

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Hinweis GV / Mutationen

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NICHT VERGESSEN 13. Mai

Klub / SNF Tagung

11. Juni GV im Verkehrshaus 18. Sept. Jubiläumsfest 30 Jahre SKWJ

Redaktion und Layout: Christian Heuss, Dittingerstr. 10, 4053 Basel, Tel. 061 361 29 15, FAX 061 361 29 16, christian.heuss@nasw.org


Seite 2 THEMA

SKWJ-bulletin 1/04 WISSENSRESSORT IN DER KRISE?

Wissensressorts in der Krise: Anfang einer Neuorientierung? von Christian Heuss Als der Zürcher Tages-Anzeiger letzten Herbst seinen Kahlschlag im Kulturbereich bekannt gab, liefen alle Sturm: von Opernhaus-Intendanten Alexander Pereira, über Theaterwirbelwind Christoph Marthaler bis zum eidgenössischen Kulturhüter David Streiff. Kultur gehöre zur Grundversorgung, beklagten Streiff & Co. den Abbau des Kulturjournalismus bei den Schweizer Zeitungen. Aber nicht nur die Kultur hat Federn gelassen, auch den Wissenschaftsressorts ging’s an den Kragen. Und da schrie Keiner! Der Inserate-Einbruch traf die Schweizer Zeitungen hart. Nach den fetten neunziger Jahren mit immer pralleren und farbigeren Zeitungsblättern, hiess es plötzlich: Sparen, sparen, sparen. Die Krise kam just zu einem Zeitpunkt, als die Wissensressorts sich von ihrem Stiefkind-Image langsam aber sicher befreiten. Die Genschutzinitiative, die Stammzellendiskussion oder das Klonschaf Dolly zeigten den Chefredaktionen und Verlegern: Wissenschaft, Technik und Medizin sind Mainstream-Themen geworden und nicht einfach schöner Luxus. Vielerorts redeten die Verlagsstrategen in den Chefetagen plötzlich von Ausbau, von Wissenschaftsquerschnittsressorts oder mehr Wissensgeschichten auch auf der Front. Doch die kalte Spardusche bescherte vielen dieser euphorischen Ausbaupläne ein jähes Ende. Schaut man sich heute die Deutschschweizer Tageszeitungen mit eigener Wissenschaftsberichterstattung an, sind die Sparschnitte augenfällig. Ein Traditionsblatt wie Der Bund hat sein Wissensressort ganz gekippt. Die Neue Zürcher Zeitung hat ihren Mittwochsbund um eine ganze Seite gekürzt. Der Tages-Anzeiger hält zwar an seiner viermal wöchentlich erscheinenden Wissensseite fest, füllt sie aber vermehrt mit Agenturmeldungen auf. Und ob bei der Basler Zeitung nach dem Relaunch im Sommer mit neuem Layout noch zwei Wissensseiten pro Woche übrig bleiben, scheint derzeit zumindest fraglich. Der Abbau in den Wissensressorts in den Tageszeitungen geht weiter. Und dies obwohl die Leserforschung klar zeigt, dass Wissensgeschichten so beliebt sind wie noch nie (siehe Seite 4).

Weniger Mittel, mehr Leistung Weniger Zeilen- und Seitenzahlen haben auch verkleinerte Redaktionsbudgets zur Folge: Entweder werden Redaktorenstellen gestrichen – wie etwa beim Bund – oder aber die Redaktionen müssen mit weniger Geld haushalten und das meist überproportional zur gekürzten Zeilenzahl. Das heisst im Endeffekt: weniger Einkaufen und mehr selber Schreiben. Bei gleichzeitig kleineren Spesenbudgets steigt da offensichtlich die Gefahr, dass auf aufwendigere Geschichten und Reportagen verzichtet wird. Vor allem aber leiden die externen freien JournalistInnen unter der Sparkrise. Die Aufträge für freie Journis werden rarer und die eh nicht gerade üppigen Tagesansätze noch knapper. Der vermeintliche Konkurrenzdruck zwischen den Zeitungen führt auch dazu, dass Mehrfachverkäufe einer Geschichte in-

nerhalb der Schweiz praktisch unmöglich geworden sind. Ein freier Journalist – nicht nur in den Wissensressorts – kann sich heute mit dem reinen Journalistenhandwerk höchstens knapp über Wasser halten. Dass da die Qualität einer Geschichte mitunter auf der Strecke bleibt, ist nicht weiter verwunderlich. Reichen diese Sparmassnahmen nicht aus, dann greifen die Redaktionen vermehrt auch zu pfannenfertigen Beiträgen: Zum Beispiel von Nachrichtenagenturen. «Wir drucken deutlich mehr 50-Zeiler Agenturmeldungen ab», sagt etwa Barbara Vonarburg, Leiterin Ressort Wissen beim Tages-Anzeiger. Diesen Trend zu leicht redigierbarer Agentur- und PR-Kost hat letztes Jahr bereits eine Umfrage bei Schweizer ZeitungsjournalistInnen der Berner PR-Agentur Howald&Partner festgestellt: Aufwändige Themen fallen bei 35% der Redaktionen ganz oder teilweise durch den Rost, weil Zeit oder Geld fehlen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an zugeliefertem Material. Wie weit solche Aussagen auch für Wissensressorts stimmen, lässt sich aus der Studie nicht direkt herauslesen. Doch die Universitäten und Forschungsinstitutionen landauf landab haben in den vergangenen Jahren ihre Pressestellen spürbar aufgerüstet: die Zahl an Pressecommuniqués mit Hinweisen auf neue Publikationen, Forschungsresultaten und Preisen für Wissenschaftler ist deutlich gestiegen. Das ist an sich lobenswert. Doch unter der vorherrschenden Ressourcenknappheit steigt damit die Gefahr, dass RedaktorInnen zum unkritischen Sprachrohr der nach Publizität strebenden Forschergilde werden. Dazu gesellt sich die mächtige PR-Maschinerie der grossen Wissenschaftsverlage wie Nature oder AAAS (die Herausgeberin von Science), die über alle Kanäle auf «ihre» Forschungsveröffentlichungen aufmerksam machen und JournalistInnen mit bereits herunter gebrochenen Communiqués versorgen.

Wissen: ein Querschnittsressort? Mit dem Spardruck sind gleichzeitig auch die Anforderungen an die Wissensredaktionen gestiegen. Nicht nur hauen RedaktorInnen heute vermehrt selber in die Tasten und müssen mehr in weniger Zeit liefern. WissenschaftsredaktorInnen müssen heute auch über ihren Ressort-Gartenhag hinausschauen. Quervernetzung mit anderen Ressorts heisst das Stichwort. Erklärstücke wie «Stammzellen sind Alleskönner» begleiten beispielsweise die aktuelle Berichterstattung zum Stammzellgesetz im Inlandbund. Oder beim Tages-Anzeiger kommen auf der neu geschaffenen Analyseseite durchaus auch Wissenschaftsthemen oder Portraits von Wissenschaftlern zur Sprache. Vermehrt werden beim Tages-Anzeiger auch aktuelle Themen auf der Wissensseite weiter gezogen, sagt Barbara Vonarburg. Solche Mehraufgaben stärken zwar die Stellung der Wissensressorts innerhalb der Zeitung. Aber sie binden auch Kräfte, die dann im eigenen Ressort fehlen: «Wir kommen an unsere Leistungsgrenzen», sagt Barbara Vonarburg. Bei der Neuen Zürcher Zeitung hat man in der Ausbaueuphorie vor etwa zwei, drei Jahren sogar extra ein Wissenschaftsdienstpult eingerichtet. Damit wollte die NZZ die Wissenschaftsberichterstattung aus ihrem Mittwochsgetto rausholen und unter Leitung der Inlandfrau Heidi Blattmann aktueller


Wissenschaftsressorts in der Krise?

werden lassen. Das fand zu Beginn zwar nicht überall Anklang. Es hat aber doch dazu geführt, dass mehr Wissensgeschichten vorallem aus dem Life-Science Bereich im ersten Bund oder in den vermischten Meldungen auftauchen. «Das Model bewährt sich gut», sagt NZZ Wissenschaftsredaktor Christian Speicher. Beim Bund – der zurzeit ohne eigenes Wissensressort da steht – muss sich ein letzter verbliebener Wissenschaftsredaktor mit Geschichten in die Ressorts reinkämpfen. Das führe zwangsläufig zu weniger Wissensgeschichten, sagt Patrick Imhasly. Und: «Der Blickwinkel hat sich auf mehr Geschichten mit Lokalbezug verschoben». Trotz anfänglicher Katzenjammerstimmung nach der Schliessung des Ressorts gibt sich der Redaktor heute zwar gelassener, meint aber, dass die «schönen klassischen Wissenschaftsgeschichten» eher unter den Tisch fallen. Ganz gestorben ist das Ressort Wissen beim Bund nicht. Ob aber wieder ausgebaut wird, hängt vorallem davon ab, wie sich das Berner Modell mit Bund und Berner-Zeitung unter einem Verlagsdach bewährt.

«Überflüssige Wissenschaftsgefässe» Etwas hellhörig machte Kurt W. Zimmermann in seiner Medienkolumne in der Weltwoche Anfang Jahr: Unter dem Titel «Angefütterte Minderheiten» machte er die Anzeigenflut der Neunzigerjahre für den teilweise massiven Ausbau der klassischen Politik-, Lokal-, Sport- und Kulturressorts verantwortlich. Darüber hinaus seien weitere «an sich überflüssige Lifestyle-, Gesellschafts-, Wissenschafts- und Haushaltgefässe» entstanden, die als publizistisches Auffangbecken für die Inseraterückseiten dienten. Zwar will Zimmermann die Wissensressorts nicht abschaffen, sagt er heute auf Anfrage. Doch das Thema Wissenschaft gehöre ursprünglich nicht zu den Kernkompetenzen einer Tageszeitung. In den Augen des Weltwoche-Medienkolumnisten haben sich die Zeiten aber tatsächlich geändert: «Wissenschaft wurde für eine klassische News-Zeitung vom ‹an sich unnötigen› Gefäss zu einem Must.» Das Publikum sei mit den Jahren auf den Geschmack gekommen. Trotzdem: Für Zimmermann gehört Wissenschaftsjournalismus vorallem in Zeitschriften und Nachrichtenmagazine, weil die moderne Wissenschaftsvermittlung da auch grafisch am besten umgesetzt werden könne. Es birgt eine gewisse Ironie, dass Zimmermann solche Verlautbarungen gerade in der Weltwoche macht. Denn gerade dieses Magazin hat das Wissensressort nach der Umgestaltung von der Zeitung zum Magazin gekippt. Zwar schreiben auch heute noch drei WissenschaftsredaktorInnen in der Weltwoche. Doch unter der Ägide Köppel ist die Zahl der Wissenschaftsgeschichten deutlich zurückgegangen. Und schöne Grafi ken gibt es gar keine mehr. «Wissenschaftsgeschichten brauchen jetzt einen gesellschaftlichen Aufhänger», sagt dazu die Weltwocheredaktorin Theres Lüthi. Das Themensetting komme aus der Redaktionskonferenz an der die drei Wissensredaktoren allerdings nicht teilnehmen. «Wir werden aber gegenüber der Kultur nicht benachteiligt», sagt Theres Lüthi.

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Magazine und Sonntagsblätter Nicht ganz überraschend kommen die Wissensressorts der SonntagsZeitung und von Facts den Vorstellungen Zimmermanns – dem ehemaligen SonntagsZeitungs-Chefredaktor und Facts-Gründungsmitglied – am Nächsten. Beide Publikationen pflegen einen eher süffigen Stil und legen Wert auf aufwändige Grafi ken und Bilder mit Erklär- und Hintergrundcharakter. Die Sparwut scheint an den Wissensressort der beiden TA-Media Produkte weitgehend vorrüber gegangen zu sein. Bei der SonntagsZeitung hat der Wissens-Bund (früher Innovation) eine traditionell starke Stellung, die durch eine Leseruntersuchung vor zwei Jahren noch zusätzlich untermauert wurde: Der Wissensbund steht hoch in der LeserInnengunst, noch vor dem Sport oder den Nachrichten. «Bei uns gab es keinen Abbau», sagt denn auch Wissen-Redaktionsleiter Nik Walter, weder personell noch bei den Budgets. Dazu dürfte auch die Konkurrenzsituation zur NZZ am Sonntag sicherlich beigetragen haben, die ebenfalls einen ausführlichen Wissensteil pflegt. Ähnliches bei Facts: Dem Ressort Wissen wird weiterhin einen grossen Stellenwert eingeräumt. Davon zeugt auch die Präsenz auf der Titelseite: «Wir waren seit Jahresbeginn bereits sechsmal auf der Front», freut sich Ressortleiter Thomas Häusler. Wert wird auch vermehrt auf aufwändige Infografiken gelegt. Nach dem Relaunch mit neuem Layout wurden die Ressortsgrenzen mit dem Verzicht auf eine Auftaktseite optisch zwar etwas aufgeweicht. An der klassischen Ressortstruktur wird aber festgehalten. Und neu gesellt sich zum Wissen auch noch eine Gadget-Seite. Die hat zwar mit Wissenschaft nur am Rande etwas zu tun, dient sicherlich aber auch als Blickfänger und lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Wissensgeschichten. Und personell wird bei Facts sogar wieder aufgestockt. Facts will das Wissensressort mit einem Geisteswissenschaftler verstärken.

Trend zu mehr Geist und weniger Natur Damit scheint Facts einem weiteren Trend zu folgen. Wissenschaftsjournalismus heisst je länger desto weniger Naturwissenschaftsjournalismus. Geistes- und sozialwissenschaftliche Themen finden in den Wissensressorts mehr und mehr Beachtung. Das muss zwar nicht zu Überreaktionen führen wie etwa bei der WoZ, die fast nur noch geistes- und sozialwissenschaftliche Themen im Ressort Wissen abhandelt. Es könnte aber durchaus als Zeichen dafür gedeutet werden, dass der Wissenschaftsjournalismus in der Schweiz endlich erwachsen geworden ist und sich allen Wissenschaftsgebieten öffnet. Vielleicht suchen jene Themen aber einfach ein neues Zuhause, die in den beschnittenen Kultur- und Feuilltonressorts ihre Heimat verloren haben. christian.heuss@nasw.org

Christian Heuss arbeitet als Wissenschaftsredaktor bei Schweizer Radio DRS und als freier Wissenschaftsjournalist in Basel.


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SKWJ-bulletin 1/04

Wissenschaft macht Schlagzeilen Von Michael Breu Wissenschafts- und Technikthemen sind bei Leserinnen und Zuschauern äusserst beliebt. Für Verlage und Fernsehsender sind sie eine «Goldgrube», findet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Daten über Lese- und Sehgewohnheiten gibt es aber nur wenige – und wenn es sie gibt, dann werden sie als Betriebsgeheimnis gehütet. «Wissenschaft bringt Auflage. Das wissen seit den Erfolgen von Facts mit Themen zu Forschung, Technik und Medizin auch die Schweizer Verlage», berichtete vor fünf Jahren das Medienmagazin Klartext und meinte: «Science sells – das belegt die Leserforschung». Wer nach konkreten Daten recherchiert, muss jedoch lange suchen. In der Publizistikwissenschaft wurde bislang kaum über das Leserverhalten geforscht. Eher standen Arbeitsmethoden und journalistisches Verständnis im Vordergrund der wissenschaftlichen Tätigkeit. Das soll sich ändern: Das Institut für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule Winterthur plant, das Versäumnis nachzuholen. Gleiche Be-

«Science sells – das belegt die Leserforschung» strebungen gibt es auch in den Nachbarländern: Die Bertelsmann-Stiftung, die Fachhochschule Darmstadt und das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin wollen die Lese- und Sehgewohnheiten der Deutschen unter die Lupe nehmen, und in Österreich plant der Nausner&Nausner Verlag in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Joanneum in Graz und dem Klub der Bildungsund Wissenschaftsjournalisten Österreichs, den Stellenwert des Wissenschaftsjournalismus zu ergründen. Wie die Berichterstattung über Wissenschaft in den Printmedien und wie Wissenschaftssendungen in Radio und Fernsehen beachtet werden, ist den meisten Verlagen und Sendeanstalten bekannt. Die Daten rücken sie jedoch nur ungern heraus. Bei „Focus“, „Stern“ und „Spiegel“ stehen sie zum Beispiel unter Verschluss, sind Betriebsgeheimnis. Dennoch ist einiges bekannt. Und tatsächlich: Wissenschaft verkauft sich gut. Sehr gut sogar.

Beliebte Wissensressort 86 Prozent der Leserinnen und Leser nutzen das «Wissen» der Sonntags-Zeitung. Zum Vergleich: Beim Sportbund sind es 76 Prozent der Leser, beim Nachrichtenbund 84 Prozent. Die Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Link vom vergangenen Jahr zieht den Schluss, dass «die vermehrte Bericht-

erstattung über Themen zu Gesundheit und Medizin auf reges Interesse stösst». Bei der Hamburger Zeit kommt der Wissensbund sehr gut an. Das Ressort wird am zweithäufigsten gelesen; 91 Prozent gaben im vergangenen Jahr an, den Bund zu nutzen. Vier Jahre zuvor waren es erst 82 Prozent, eine Steigerung von fast 10

«Das Ressort avanciert zum Kassenschlager» Winfried Göpfert

Prozent! Bei den Tageszeitungen sind die Quoten tiefer aber immer noch hervorragend. Die Seite «Wissen» des Zürcher Tages-Anzeigers wurde 1999 immerhin von 35 Prozent der Lesenden genutzt. Und eine Magisterarbeit der Freien Universität Berlin bestätigt: «Wissenschaft ist nicht ein Fünf-Prozent-Ressort, wie oft vorgeworfen wird.» Im Gegenteil: «Das Ressort avanciert zum Kassenschlager», glaubt Winfried Göpfert. Der Berliner Medienprofessor und ehemalige Journalist ist überzeugt, dass das Interesse an Wissenschaftsjournalismus auch in den nächsten Jahren weiter steigen wird In Magazinen kommt Wissenschaft ebenfalls gut an. Bei Facts, Focus, Stern und Spiegel schaffen es vor allem Themen aus der Medizin immer wieder auf die Titelseiten. Auch populäre Wissenschaftsmagazine steigern von Jahr zu Jahr ihre Auflagen. In den letzten zwanzig Jahren ist sie bei Geo und P.M. um 43 Prozent gestiegen. Auch belegt eine Untersuchung des Instituts AWA aus dem vergangenen Jahr, dass die Leserbindung bei National Geographic, Spektrum der Wissenschaft oder P.M. deutlich höher ist als bei Special Interest-Titeln wie Manager Magazin, Max oder Cinema.

Wissenschaft bringt Quote Im Fernsehen wünschen sich die Zuschauer mehr Wissenschaftsdokumentationen, kommt eine aktuelle Befragung der Hamburger Programmzeitschrift TV Movie zum Schluss. Das Interesse bestätigt auch die Zuschauerquote von SF DRS: Mit einem Marktanteil von 27 Prozent (440000 Zuschauer) gehört Menschen Technik Wissenschaft zu den erfolgreichsten Formaten des Schweizer Fernsehens. Auch beim Zukunftsmagazin nano von 3Sat sind die Macher Janka Arens und Helmut Riedl zufrieden: «Die steigenden Zuschauerzahlen belegen, dass nano weiterhin erfolgreiche Zeiten bevorstehen.» Und beim Sender ProSieben erreicht das Sendegefäss Galileo trotz Konjunkturflaute eine Werbeauslastung von 90 Prozent – bei den privaten


Wissenschaft macht Schlagzeilen

Stationen ein Indikator, dass die Sendung erfolgreich ist. «Medien sind ein Wirtschaftszweig, der Waren und Dienstleistungen produziert wie andere Wirtschaftszweige auch», sagte Gero von Randow, Wissenschaftsredaktor der Zeit am European Science Writer Award 2003. «Welche Waren und Dienstleistungen produziert werden, hängt in erster Linie von der Nachfrage ab. Und siehe da: Die Nachfrage nach Wissenschaftsjournalismus scheint zu wachsen. Das belegen neu eingeführte und von prominenten Moderatoren präsentierte Wissenschaftssendungen am Fernsehen. Das belegen auch die stabilen Auflagen der wissenschaftsorientierten Magazine.» Und auf dem Sommerfest der Universität Kiel meinte von Randow: «Wissenschaft macht Schlagzeilen. Sie lässt Titelstories, Aufmacher, Leitartikel entstehen, die Top-Meldungen in der Tagesschau, Sondersendungen des ZDF, ausserdem Kinofi lme und Bestseller.»

Am falschen Ort gespart Trotzdem: Bei jeder Sparrunde wollen Verleger und Chefre-

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dakteure zuerst am Ressort Wissen das Messer anlegen. Beim Zürcher Tages-Anzeiger wurde letztes Jahr auf höchster Ebene diskutiert, das Ressort aufzulösen und die Berichterstattung an anderen Stellen im Blatt fortzusetzen. Einen ähnlichen Schritt vollzogen bereits die Boulevardzeitung Blick und die Weltwoche. Diese Entwicklung steht quer zum Interesse der Leserinnen und Zuschauer: Eine Untersuchung im Rahmen des Forschungsprogramms Univox 2002 zeigt, dass Themen aus Gesundheit (69 Prozent), Umwelt & Ökologie (56 Prozent) sowie Wissenschaft, Forschung und Technik (44 Prozent) auf grösseres Interesse stossen als Themen aus Politik (42 Prozent) und Wirtschaft (23 Prozent). Heidi Diggelmann, Präsidentin des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds, findet: «Wissenschaftsjournalismus ist von grosser Bedeutung. Einerseits als Möglichkeit der Vermittlung von Informationen aus Wissenschaft an die Gesellschaft, andererseits als Plattform für die Diskussion aktueller wissenschaftlicher Probleme.» breu@gmx.net Michael Breu arbeitet als Redaktor bei ETHLife.


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SKWJ-bulletin 1/04 KLUB / SNF TAGUNG 2004

To be cited or not to be Die Rolle der Szientometrie in Forschung und Wissenschaftsjournalismus Tagung des Klubs für Wissenschaftsjournalismus und des Schweizerischen Nationalfonds Donnerstag 13. Mai, im Novotel City, Technopark Zürich «Publish or perish» (Publiziere oder verschwinde) lautete lange Zeit das Motto für aufstrebende Forscherinnen und Forscher. Doch eigentlich müsste es heute «Be cited or perish» (Werde zitiert oder verschwinde) heissen: Zitierungen von wissenschaftlichen Arbeiten sind zu der Währung geworden, in der Forschende gehandelt werden. Forschungsleiter und Forschungspolitiker benutzen Zitierungsstatistiken für ihre Entscheidungen, wer die ersehnten (Dritt-)Mittel erhält. «Nature» wiederum wirbt für sich mit angeblichen 30.9 Zitierungen, die eine dort publizierte Arbeit produziert. Und Hochschulen streiten sich neuerdings darüber, welches Ranking ihre Exzellenz am besten zur Geltung bringe. Sind Zitatierungsstatistiken und Impakt-Faktoren eine pseudo-exakte Entscheidungshilfe für überforderte Wissenschaftsfunktionäre oder ist die neutrale Bewertung von wissenschaftlicher Leistung endlich möglich – losgelöst von persönlichen und undurchsichtigen Beziehungsnetzen? Die diesjährige Tagung des Philip Campbell Klubs für Wissenschaftsjournalismus und des Nationalfonds geht diesen und anderen Fragen nach.

Philip Campbell, Chefredaktor von «Nature», spricht darüber, nach welchen Kriterien die renommierteste wissenschaftliche Zeitschrift selektioniert und welche Rolle Zitierungsanalysen für sie spielen. Nancy Bayers, Research Services ISI-Thompson, wird erklären, wie die verschiedenen Zitierungsinstrumente entstanden sind, und wie sie von ihrer Firma – weltweite Monopolistin für die Zitierungsdaten – vermarktet werden. Der Thompsonkonzern hat vor wenigen Jahren das Institute for Scienitific Information übernommen, welches diese Datenbank ursprünglich aufgebaut hat. François Da Pozzo, Leiter des Zentrums für Wissenschaftsund Technologiestudien (Cest) in Bern, stellt seine «Champions League der Forschungsinstitutionen» vor, erklärt wie neue «Forschungsfronten» mit bibliometrischen Instrumenten erkannt werden und wie seine Analysen in die Wissenschaftspolitik einfliessen. Christian Leumann, NF-Forschungsrat und Vorsteher des Departements Chemie und Biochemie der Universität Bern wird erklären, wie sein Departement seit 1996 einen Teil seiner Mittel nach Impaktfaktoren vergibt und welche Erfahrungen dabei gesammelt wurden. Und: Ein Jungforscher und eine Jungforscherin werden erzählen, welche Rolle die Zitierungszählerei in ihrer Karriere spielte. Zum Schluss der Tagung wird uns Kollege Reiner Korbmann, ex-Chefredaktor von Bild der Wissenschaft, mit einer Reihe frecher Thesen über uns WissenschaftsjournalistInnen den Spiegel vorhalten.

Selbstbefragung: Wieviel Zeit haben wir eigentlich zum Recherchieren? Liebe Kolleginnen und Kollegen. Geht in Euch! — Im Zusammenhang mit Reiner Korbmanns Refererat interessiert uns folgendes: Wieviel Zeit haben wir eigentlich (noch) zum Recherchieren? Deshalb folgender Vorschlag: Jede und jeder von uns überlegt sich, welchen Aufwand er/sie für seine wissenschaftsjournalistischen Artikel/Beiträge seit Jahresbeginn getrieben hat. Thomas Müller wird diese Umfrage für die Tagung anonym auswerten. Auch Antworten von Personen, die an der Tagung nicht teilnehmen können, sind sehr willkommen und erwünscht!

Umfrage: Wieviel Recherche für einen Beitrag?

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Anzahl schriftlicher Quellen (Journal, Archiv, andere Medien)? Anzahl Telefonate (mit jeweils verschiedenen Personen)? Anzahl Emailpartner? Anzahl Interviews von Angesicht zu Angesicht? Anzahl Besuche vor Ort? Antworten mailen/faxen/senden bis 10. Mai an: Thomas Müller Weiherhofstr. 109 4054 Basel FAX: 061 303 15 06 Email: thm@datacomm.ch


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Klub/SNF Tagung 2004

Programm, 13. Mai 2004, «To be cited or not to be» 0900h

1200h

Eröffnung Thomas Müller, Basler Zeitung

Allgemeine Diskussion (in Deutsch und Englisch)

15

1230h

09 h

Mittagessen, SNF lädt ein!

Dr. Nancy Bayers, Research Services Group, Thomson-ISI, Philadelphia (Referat auf Englisch). Nancy Bayers gibt eine kurze historische Einführung ins Thema, stellt Möglichkeiten und Grenzen der Bibliometrie dar und wird einige Produkte von Thomson-ISI präsentieren.

1400h

Dr. François Da Pozzo, Direktor, Center für Science and Technology Studies (CEST), Bern. François da Pozzo wird «seine» Champions League der Wissenschaftsinstitutionen vorstellen, die am CEST entwickelt wurde und auf Zitationsdaten von ISI beruht. Weiter wird er uns die «Forschungsfronten» vorstellen, die ebenfalls auf einer Zitationsanalyse beruhen.

Dr. Philip Campbell, Chefredaktor von «Nature», auf Englisch. Philip Campbell wird zeigen, wie «Nature» funktioniert, wie entschieden wird, welches Paper warum publiziert wird, wie «Nature» versucht an «heisse» Publikationen heranzukommen. Welche Rolle spielen bibliometrische Daten für Nature auch ausserhalb der Werbung? Wie verändern elektronische Wissenschaftsjournals (e-Journals) die Wissenschaft? Wie reagiert «Nature» auf diese Entwicklung. Ausführliche Diskussion gemeinsam mit anderen Referenten (Englisch & Deutsch, Simultanübersetzer für Fragen anwesend).

1045h

ca. 1515h

Kaffee-Pause

Kaffeepause

1120h

1545h

Prof. Dr. Christian Leumann, Leiter Departement Chemie und Biochemie der Universität Bern. Christian Leumann spricht über die Erfahrungen, die sein Departement seit 1996 mit der Zuteilung von Forschungsmitteln aufgrund von bibliometrischen Daten gemacht.

Dr. Reiner Korbmann, ex-Chefredaktor von «Bild der Wissenschaft». Reiner Korbmann wird uns mit einigen Thesen über uns WissenschaftsjournalistInnen konfrontieren, über die wir dann diskutieren können. Ausgangspunkt ist eine kleine Umfrage unter Schweizer WissenschaftsjournalistInnen und eine Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Carola Pahl. Letztere behauptet in einer Studie, Wissenschaftsmeldungen und -berichte würden in der Regel auf einer einzigen Quelle fussen, die dann ausführlich zitiert wird. Ferner wird Korbmann über den Unterschied zwischen Wissenschaftsjournalismus und Wissensjournalismus reflektieren. Anschliessend ausführliche Diskussion unter uns über uns.

1000h

1140h Dr. Lukas Roth, ein junger Forscher bei Novartis reflektiert über die Rolle, welche Rolle bibliometrische Daten in seiner akademischen Karriere spielten und in seiner Industrie-Karriere spielen. Dr. Anita Lüthi, eine junge Forscherin am Biozentrum der Universität Basel, spricht über die Rolle der Bibliometrie in ihrer akademischen Karriere.

1700h Ende der Tagung

Wo und Wann:

Anmeldungen bis Montag 10. Mai an:

13. Mai 2004, 0900 -1700

Frau Monika Aebi, Presse und Informationsdienst Schweizerischer Nationalfonds (maebi@snf.ch, Telefon 031 308 23 74).

Novotel Zürich City Schiffbaustrasse 13 Technopark / vis-a-vis Theater Schiffsbau 8005 Zürich (ZH)

Inhaltliche oder organisatorische Fragen zur Tagung gehen an Thomas Müller, BaZ (thomas.mueller@baz.ch, Telefon 061 639 14 54) oder Hildegard Bösch-Billing (hildegard.boesch-billing@sfdrs.ch, Telefon 01 305 58 85).


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SKWJ-bulletin 1/04 KLUBREISE 2004

Südafrika: Wissenschaft, Geschichte, Gegenwart Zwei Wochen am Kap vermitteln eine grosse Zahl von Eindrücken Von Rolf App (Text) & Diana Hornung (Fotos) Es ist eine Reise in politisch bewegten Zeiten. Südafrika befindet sich im Wahlkampf, und es bereitet sich auf ein wichtiges Jubiläum vor: Ende April wird es zehn Jahre her sein, da Südafrika den Schritt zur Demokratie getan hat, indem das brutale Apartheid-System abgeschafft und eine jahrzehntelange blutige Auseinandersetzung zwischen weisser Minderheit und schwarzer Mehrheit beendet wurde. Seither leben die Menschen im Bewusstsein ihrer neu gewonnenen Freiheit, seither aber befindet sich das Land auch in einem schwierigen Transformationsprozess. Denn mit der Gewährung des Stimmrechts sind politische, wirtschaftliche und soziale Benachteiligungen noch keineswegs aus der Welt geschafft. Wie eng Wissenschaft, Geschichte und aktuelle Politik ineinander verzahnt sind, erfährt jenes Dutzend Mitglieder des Klubs für Wissenschaftsjournalismus immer wieder, das vom 20. März bis 4. April Südafrika bereist. Organisiert haben das anspruchsvolle Vorhaben Rosmarie Waldner, Matthias Meili und Ruedi Küng, der als Afrika-Korrespondent von Radio DRS viel Hintergrundwissen beisteuern kann.

schiedlichster Thematik, die in ihrer Mehrzahl einen Bezug zur Schweiz haben. Am Anfang steht Südafrika als die «Wiege der Menschheit». Francis Thackeray vom Transvaal-Museum in Pretoria zeigt uns die Ausgrabungsstätte von Sterkfontein bei Johannesburg und Funde, die Hinweise zur Frühgeschichte des Menschen liefern. In der Nachbarschaft, in Gladysvale, ist gerade der Paläoanthropologe Peter Schmid von der Universität Zürich mit seinen Studenten daran, eine sehr ergiebige Höhle Stück für Stück zu erforschen. Doch nicht nur auf diese bedeutende Rolle in der Urgeschichte des Menschen kann Südafrika stolz sein. Auch in der Bewältigung heutiger Probleme des afrikanischen Kontinents will Prof.Thackeray zeigt wertvolle Funde das Land eine bedeutende Rolle spielen. Das «Institute for Security Studies» analysiert laufend die Konfl iktherde Afrikas und leistet wertvolle Arbeit auf dem Weg «zu einem stabilen und friedlichen Afrika», wie einer seiner Vertreter sagt.

Aufbruch in eine bessere Zukunft Wiege der Menschheit

Das Veterinärmedizinische Institut Onderstepoort, begründet vom Schweizer Arnold Theiler, leistet Wesentliches in der Bekämpfung von Tierkrankheiten. Die – dem Schweizerischen Nationalfonds vergleichbare – «National Research Foundation» investiert viel in Grundlagenforschung, die den sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozess zusätzlich fördern soll. Dagegen kümmert sich der «Council of Scientific and Industrial Research» vor allem um die Umsetzung in die industrielle Praxis. Keine Stadt spiegelt die schmerzhafte Geschichte des 20. Jahrhunderts, die enormen Probleme der Gegenwart und den Aufbruch in eine bessere Zukunft so eindrücklich wie das zerklüftete Johannesburg. Ein Vortrag der Architekturdozentin Lidsey Bremner von der Witwatersrand-Universität über die Gegensätze des 7-Millionen-Molochs und eine besondere Stadtführung durch den Architekten Hugh Fraser machen dies deutlich. Nicht zufällig endet die Führung im Apartheid-Museum, von dessen Terrasse man eine schöne Aussicht hat auf die Silhouette des modernen Johannesburg und auf jenen Gürtel ehemaliger Goldgruben, aus denen die Anita Vonmont, Rolf App, Herbert Cerutti & Ruth Floeder mit Führer am Kap der Guten Hoffnungen

Ausgehend von den Stationen Pretoria, Johannesburg, Kapstadt und Durban besucht die 10-köpfige Gruppe Projekte unter-


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Südafrikareise

wo Reinhold Rau vom «South African Museum» Züchtungsversuche unternimmt. Sein Ziel ist ein Zebra, das möglichst nah an das – nur noch in ausgestopften Exemplaren existierende – Quagga herankommt. Dieses Quagga hatte ein bräunliches Fell und nur wenige oder gar keine Streifen. Es war damit einer offenen Landschaft gut angepasst – bis Schafzüchter ihm den garaus gemacht haben. Noch weiter im Norden gleicht das Terrain mehr und mehr einer Mondlandschaft. Hier in Sutherland haben sich in der Einöde die Astronomen niedergelassen und bauen gerade am grössten Einzelteleskop der Südhemisphäre. Ende Jahr wird dieses mit internationaler Unterstützung gebaute «South African Large Telescope» in Betrieb genommen werden können. Durban ist die letzte Station, und auch hier zeigt sich Südafrika wiederum von einer anderen Seite. Durban, grösste Stadt der Provinz KwaZulu Natal, ist warm und feucht, hat einen kilometerlangen Strand und eine Kindergartenbesuch in Kosololo grosse Bevölkerungsschicht mit indischem Ursprung. Am Morgen früh stechen wir hinaus aufs Meer und Stadt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gewachsen ist. beobachten ein Boot, das Hainetze wartet. Lange hat Kapstadt ist eine andere Welt als Johannesburg. Mehr welt- man sich vergeblich um einen Schutz der Badenden bemüht. städtische Idylle, auch wenn die zum Museum gewordene Mittlerweile funktioniert die Abwehr der Haie recht gut, die Gefängnisinsel Robben Island an den berühmtesten Häftling in Flussmündungen bis zu hundert Kilometer weit vordringen erinnert: den ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela. können. Das «Natal Shark Board» In Kapstadt haben sich die ersten Weissen nimmt nicht nur diese Schutzaufganiedergelassen, hier sind die Sklaven angebe wahr, sondern hat ein Zentrum liefert worden, aber die Kapregion ist auch aufgebaut, das über die erstaunliein Ort grossen Natur-Reichtums. Viele chen Tiere informiert. Pflanzen wachsen nur an der Südwestspitze Einer ganz anderen Welt begegdes Kontinents. nen wir im Township KwaMashu, Ein Besuch des botanischen Gartens wo wir von fröhlich singenden KinKerstenbosch und eine Wanderung am «Kap dern empfangen werden – den Aidsder guten Hoffnung» zeigen den immensen waisen des von der Schweizer StifReichtum in der Kargheit einer einzigarti- Ruedi Küng mit Honorarkonsul Hanspeter Graber tung «Aids & Kind» unterstützten gen Landschaft. Spektakuläre VeränderunGozololo-Projekts. Aids gehört zu gen erlebt man auf der Fahrt gegen Norden den ganz grossen (und noch immer eher verleugneten) Problein Richtung Kalahari-Wüste. Zunächst ist da ein fruchtbarer men des Landes. Gürtel, in dem ursprünglich Hugenotten Wein anbauten. DieVon der Astronomie zur Botanik, vom Weinbau zur Tiersen Weinbau heute zu perfektionieren ist die Hauptaufgabe des zucht, von der Konfliktforschung zur Urgeschichte, von der Weinforschungsinstituts «Nietvoorbeij», das uns einen Quer- Stadtentwicklung zur Aidsbekämpfung: Südafrika ist ein reischnitt seiner Arbeit zeigt. ches Land auch für WissenschaftsjournalistInnen.

Quagga - Zebrazüchtung Schon steppenartig wirkt die Landschaft bei Bartholomeus Klip,

Afrikanische Pinguine südlich von Kapstadt

r.app@tagblatt.ch & dhornung@dplanet.ch


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SKWJ-bulletin 1/04

NOUVELLES DE LA ROMANDIE

Que se passe-t-il? Est-ce grave, docteur ? de Jean Louis Peverelli La science en elle-même, l’explication de ce qu’est celle-ci, ceux qui en sont informés. Les trois pôles bien connus de la théorie de l’information telle qu’elle nous fut enseignée. A savoir, pour simplifier, l’émetteur, le message, le récepteur. En d’autres termes encore : ce qu’on appelle la vulgarisation scientifique! En étant plus concret concernant ce processus de la connaissance, l’on pourrait dire qu’il y a les universités, des écoles polytechniques, quelques instituts privés, du côté scientifique. Qu’il y a des media spécialisés ou non, des journalistes, des musées, le cinéma, que sais-je encore, pour la transmission, et enfin le public qui lui relève certainement d’une catégorie plus diffuse en ce sens qu’elle est difficilement quantifiable. Tout ceci est schématique, théorique, conceptuel, à n’en pas douter. Il n’empêche que la réalité est là et que, disséquée, elle traduirait bien ces contenus d’enseignement. Il y manquerait des nuances, des compléments, d’autres grands domaines comme par exemple la technologie qui donne corps aux idées, plans et projets. Il convient aussi de se tourner du côté de l’Histoire: depuis quand et comment l’acquit de la science a passé progressivement aux humains éloignés d’elle ? Les encyclopédies se sont attachées à cette mission, c’est certain. Ce qui évidemment nous intéresse, c’est aujourd’hui, comme l’on dit. Et cette actualité nous montre que les scientifiques «descendent volontiers dans la rue», pour utiliser une formule qui dit bien que des formes nouvelles sont nées : des émissions de radio et de télévisions, des cafés scientifiques, des débats multiples, des «nuits de la science», des journées «portes ouvertes» sans parler de l’immédiateté médiatique des découvertes

scientifiques, etc. Si maintenant l’on s’en tient à notre pays, la Suisse, vue et analysée avec ce qui précède, l’on conviendra aisément que la science qui s’y développe et s’y enseigne est répartie dans les régions linguistiques selon l’importance démographique de celles-ci. L’on s’aperçoit qu’il en va de même, même si les moyens diffèrent, dans le processus qui consiste pour elle à se faire connaître dans ses résultats. Reste enfin à connaître en quoi le public de ce début du XXIe siècle est moins ignorant qu’avant et de quelle manière il intègre ces connaissances acquises dans sa vie quotidienne. Dès lors, et c’est à cette conclusion que je voulais parvenir, comment expliquer que ce bulletin-ci, celui que vous êtes en train de lire (ou de lire en train!) soit exclusivement en allemand ? Il y a là une anomalie que je ne m’explique pas. En théorie (l’on y revient!), il devrait contenir des chroniques dans les trois, voire quatre langues nationales. Ou, pour être ironique, être écrit en …anglais! Je ne fais que lancer le débat, et vous donne rendez-vous au prochain article! Non sans terminer ces quelques notes par une question-piège (et encore ironique) de linguistique : quelle est l’étymologie de «bulletin», mot-titre de ce périodique ? peverelli@iprolink.ch Jean Louis Peverelli a été journaliste à la Radio suisse romande puis s’est spécialisé en Suisse et en France dans l’information, la diffusion et la vulgarisation universitaire, scientifique et littéraire. Dans SKWJ-bulletin 3/97, il avait écrit un article sur «La vulgarisation scientifique en Suisse romande».


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Vermischtes MUTATIONEN

Aufnahmen Ordentliche Mitglieder Marcel Hänggi ist Wissenschaftsredaktor bei der WoZ. Seit 1996 ist er journalistisch tätig, zuerst freischaffend, dann als Bildredaktor bei Keystone, später als Ausland- und Wissenschaftsredaktor bei der Weltwoche. Hänggi ist Historiker.

Thomas Knellwolf ist seit mehr als zehn Jahren als freier Journalist für verschiedene Zeitungen tätig. Er absolvierte ein Geschichtsstudium an der Uni Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Historisches, Politisches und Soziales.

Ausserordentliche Mitglieder Helga Kessler ist Leiterin des Nachdiplomkurses Wissenschaftskommunikation an der Zürcher Hochschule Winterthur und freie Wissenschaftsjournalistin mit Themenschwerpunkt Medizin. Kerstin-Katja Sindemann ist Historikerin und Religionswissenschaftlerin und arbeitete beim ORF Fernsehen (Schwerpunkt Religion), für die Radiostationen ORF, HR und Radio Vatican) und für Zeitungen. Seit 2004 ist sie Medienbeauftragte am religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern. Peter Oliver Vetter arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik und Schulpädagogik der Universität Bern, ist ehrenamtlicher Redaktor bei der Quartierzeitung

«Länggass-Blatt» und Autor des Romans «Anton und Eva» (2001 im Theodor-Schmid Verlag Zürich). Karin Vey ist seit Januar 2004 Kommunikationsverantwortliche des IBM Forschungslabors Zürich in Rüschlikon. Sie löste dort Martin Hug ab, der in Pension gegangen ist. Nikolaus von Einem hat an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und. Gegenwärtig baut er «medien & nachhaltigkeit» auf, ein Projekt zur Förderung der öffentlichen Diskussion um Nachhaltigkeit.

GENERALVERSAMMLUNG 2004

KLATSCH

Laut Klub-Statuten können die ordentlichen Mitglieder innerhalb von 20 Tagen nach Publikationen des Aufnahme-Antrags des Vorstands im Bulletin gegen einzelne Aufnahmen Einsprache erheben.

Freitag, 11. Juni, GV im Verkehrshaus Luzern: 16.00 Uhr:

GV im Hans-Erni-Auditorium, gemäss Traktrandenliste 18.00 - 19.00 Uhr: Essen im Verkehrshaus Luzern, Restaurant Cockpit 19.00 Uhr: Führungen durch den Schatzkeller des Verkehrshauses mit dem Konservator Dr. This Oberhänsli und Vizedirektor Henry Wiedler 20.00 Uhr: Fragerunde 20.30 Uhr: Dessert oder Bierchen in der Stadt (z. Bsp.: KKL) Kosten für das Essen: ab 25 Franken/Person Anmeldung bis 7. Juni für das Essen an m.meili@nzz.ch , 01 258 14 14 erwünscht. Bitte vermerken, wer ein Menu mit Fleisch oder ein vegetarisches Menu möchte.

Matthias Meili & Erika Bucheli

Die Südafrika-Reise war ein voller Erfolg. Der rasende Reporter Ruedi Küng war nicht nur ein kompetenter Reiseleiter, sondern hat quasi nebenher noch aktuell für Schweizer Radio DRS berichtet. Jeweils das schönste Hotelzimmer war für die frisch verlobten Matthias Meili und Erika Bucheli reserviert. Einen romantischen Sommer wünscht Tino Teufel. tino.teufel@gmx.ch

GELESEN... «Journalisten schreiben oder zeigen oftmals nicht das, was wir Wissenschaftler uns wünschen würden, und wir werden sie auch um nichts in der Welt dazu bringen, das zu tun. Und ich bekenne, das ich das für richtig halte, denn Journalismus sollte in unser aller Interesse eine unabhängige Instanz bleiben, die aufdeckt, kritisiert und polemisiert, wenn sie es für richtig hält, sogar auf die Gefahr hin, im Unrecht zu sein. Denn ein Journalismus, der nach dem Munde redet, ist ungleich gefährlicher, weil er seine Kontrollfunktion verspielt.» Michael Hagner, seit Oktober 2003 Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich, in Meridian Nr. 14 / Frühling 2004.


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SKWJ-bulletin 1/04

Der Vorstand Reto. U. Schneider Präsident NZZ Folio Feldeggstr. 66, 8008 Zürich Tel. 01 258 12 58, Fax 01 258 12 59 r.schneider@nzz.ch This Wachter Sekretär Beundenfeldstr. 12 Postfach 449 300 Bern 25 Tel 031 357 38 68, Fax 031 357 38 69 twachter@gmx.ch Christian Heuss Redaktor Klubbulletin Dittingerstr. 10 4053 Basel Tel. 061 361 29 15, Fax 061 361 29 16 christian.heuss@nasw.org Odette Frey Facts Werdstr. 21 Postfach 8021 Zürich Tel. 01 248 56 82 ofrey@facts.ch

Mark Livingston Dorfstr. 1 5627 Besenbüren Tel. 056 664 53 30 mark.livingston@srdrs.ch Matthias Meili Redaktion NZZ am Sonntag Falkenstrasse 11 8021 Zürich Tel. 01 258 14 14 m.meili@nzz.ch Hildegard Bösch-Biling SF DRS, Redaktion Puls Fernsehstrasse 1-4 5052 Zürich Tel. 01 305 58 85, Fax 01 305 58 80 hildegard.boesch-billing@sfdrs.ch Thomas Müller Redaktion Basler Zeitung Postfach 4002 Basel Tel. 061 630 14 54. Fax 061 631 15 82 thomas.mueller@baz.ch

Cartoons: Anna Regula Hartmann, Bättwilerstrasse 1, 4054 Basel, Tel. 061 283 15 69, annah@rtmann.ch, www.annahartmann.net

bulletin 1_04  

http://www.science-journalism.ch Hinweis GV / Mutationen 11 Klubreise nach Südafrika 6-7 This Wachter twachter@gmx.ch Wissensressort in der...

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