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KINO DER ORTE – DAS PROJEKT Schon in den letzten beiden Jahren hat sich das Filmarchiv-Projekt KINO DER ORTE der Suche nach den öffentlichen Räumen der Film- und Kinogeschichte dieser Stadt verschrieben. Das Filmarchiv-Projekt KINO DER ORTE 2014 ist eine Hommage an die eigentlichen Schauplätze des Kinos: ehemalige, heute vergessene, umfunktionierte und aus dem kollektiven Gedächtnis verschwundene Wiener Kinos werden jeweils für zwei Tage noch einmal geöffnet und bespielt. In den alten Lichtspielhäusern sind Filme und Geschichten zu sehen, die das Kino über sich selbst erzählt hat. Zu entdecken sind dabei auch die Relikte einer seinerzeit nahezu flächendeckenden Topografie öffentlicher Dunkel- und Sehräume, die für Jahrzehnte die urbane Kultur geprägt haben. KINO DER ORTE ist ein Projekt des Filmarchiv Austria in Zusammenarbeit mit St. Balbach Art Produktion, Wien.

KINO DER ORTE 6 PHÖNIX KINO 21. & 22. Mai 2014 Lerchenfelder Straße 35, 1070 Wien (Club Level 7) Schon 1913 wurde mit dem Phönix Kino von Architekt Hans Prutscher einer der ersten KinoNeubauten Wiens eröffnet. Prutscher realisierte hier das Optimum dessen, was zu dieser Zeit von einem Kinobau erwartet wurde: spitzwinkeliger Grundriss, um möglichst vielen Besuchern einen günstigen Blickwinkel auf die Leinwand zu ermöglichen, Souterrain mit zwei Galerien und Logen, weitläufige FoyerRäumlichkeiten, eine aufwändige, an ein Theater erinnernde Einrichtung, moderne Installationen und eine leistungsfähige Projektionsanlage. 1930 wurde das Kino mit Tonfilmapparatur ausgestattet und wie viele andere Wiener Lichtspielhäuser 1938 arisiert. Aufgrund seiner Größe von ca. 590 Sitzplätzen hatte das Kino spätestens im allgemeinen Kinosterben der 1970er-Jahre mit der Auslastung zu kämpfen und musste am 11.5.1976 mit der Aufführung des Filmes WENDEKREIS DES KREBSES schließen. 1979 erfolgte der Umbau des bis dahin leer stehenden Kinos in die Diskothek Studio 35. Ein letzter größerer Umbau erfolgte im Oktober 2006 mit der Eröffnung des Phoenix Supperclub Vienna. Heute wird im Phönix der HipHop/R’n’B-Club Level 7 betrieben. Von der originalen Ausstattung Hans Prutschers sind allerdings nur noch Fragmente erhalten.


Programm 1 Mi 21.5.2014, 20:00 PRIX DE BEAUTÉ F 1930 REGIE Augusto Genina DREHBUCH René Clair, G.W. Pabst, Bernhard Zimmer, Alessandro die Stefano KAMERA Rudolph Maté, Louis Née MIT Louise Brooks, Georges Charlia, Augusto Bandini, Yves Glad, Jean Bradin, Gaston Jacquet s/w, stumm, 92 Minuten Vorfilm:

DIE FILMPRIMADONNA D 1913 REGIE, DREHBUCH Urban Gad KAMERA Axel Graatkjaer, Karl Freund MIT Asta Nielsen, Paul Otto, Fritz Weidemann, Fred Immler s/w, stumm, 17 Minuten LIVE-MUSIK: Gerhard Gruber Für viele Darsteller und Darstellerinnen war der Wechsel vom stummen zum tönenden Film eine zu große Herausforderung. Große Gesten, eindringliche Mimik und eine emphatisch zur Schau gestellte Körperlichkeit zeichneten die Darstellungskunst der Stummfilmära aus. Wo die Laute fehlten, mussten Augen, Gebärden und Bewegungen ausgleichen und sprechen. Asta Nielsen war der erste weibliche Star des Mediums Film. Von Beginn an überzeugte sie Kritiker und Publikum durch ihre dezente und doch ausdrucksvolle Körpersprache. Prinzessinnen und Prinzen (HAMLET), Dirnen, Künstlerinnen und Arbeiterinnen verkörperte sie mit einer Mischung aus Selbstsicherheit, Leichtigkeit und mitunter viel Schwermut. 1913 gibt sie in DIE FILMPRIMADONNA eine hingebungsvolle Schauspielerin, die sich im Bewusstsein ihres Könnens und ihres Einflusses aktiv an der Gestaltung »ihres Films« beteiligt. Sie verwirft Drehbücher, mischt an der Besetzung mit und diskutiert in der Dunkelkammer über die Qualität der vorliegenden Aufnahmen. Das Filmfragment lässt den Stummfilmstar zahlreiche Facetten seiner Kunst in nur wenigen Szenen ausspielen. Den Wechsel zum Tonfilm hat Asta Nielsen letztlich nicht geschafft, obwohl ihre Stimme durchaus von Wohlklang war (ihr einziger »tönender Film« UNMÖGLICHE LIEBE stellt dies unter Beweis). Ähnlich erging es einer anderen Mimin des stummen Films – Louise Brooks. Der amerikanische Flapper, der in Europa Karriere machte, stellte sich gegen die mächtigen Paramount Studios. Als man ihr dort 1928 eine Gehaltserhöhung verwehrte, kündigte sie ihren Vertrag. Ihrer Weigerung, den noch nicht veröffentlichten Film THE CANARY MURDER CASE (US 1929) nachzusynchronisieren, folgte eine entsprechende Antwort: Die Paramount startete eine Kampagne gegen die Schauspielerin und verkündete per Pressemitteilung, dass Brooks Stimme für den Tonfilm ungeeignet wäre. Wie verleumderisch dieses Statement war, zeigen vereinzelte Auftritte der Künstlerin in Produktionen der 1930er-Jahre. Das Gerücht reichte jedoch, um ihrer Karriere einen Bruch zu versetzen, von dem sie sich nie mehr erholen sollte. Drei europäische Filme und ein österreichischer Filmemacher prägten den Mythos Louise Brooks. In DIE BÜCHSE DER PANDORA (D 1929) und DAS TAGEBUCH EINER VERLORENEN (D 1929) ist G.W. Pabst ihr Regisseur, an PRIX DE BEAUTÉ (F 1930) ist er gemeinsam mit René Clair als Drehbuchautor beteiligt. Brooks gibt Lucienne, eine kleine Schreibkraft, ein »Working-Girl« neuer Art mit unbändiger Energie. Das Mädchen ist sich seiner natürlichen, erotischen Körperlichkeit durchaus bewusst und findet Gefallen an extrovertierten Auftritten. Lucienne avanciert zum Star, wird zur Miss Europe gekürt. Ihrem Aufstieg in den Olymp der Stars steht als ein Repräsentant alter traditioneller Werte ihr Verlobter André entgegen. Dieser Konflikt, dieses Auseinanderklaffen von modernen und überholten Werten lässt von Beginn an vermuten, dass hier zwei Welten aufeinander prallen, die letztlich nie zusammenfinden werden. Die Unsterblichkeit der filmischen Darbietung wird in PRIX DE BEAUTÉ unvergesslich in Szene gesetzt. Lucienne stirbt im Vorführraum, während sie auf der Leinwand im Hintergrund weiter agiert.


Programm 2 Do 22.5.2014, 20:00 SUNSET BLVD. US 1950 REGIE Billy Wilder DREHBUCH Charles Brackett, Billy Wilder KAMERA John Seitz MUSIK Franz Waxmann MIT Gloria Swanson, William Holden, Erich von Stroheim, Nancy Olsen, Fred Clark, Cecil B. DeMille, Buster Keaton s/w, OF, 110 Minuten Die alternde und vom Publikum der 1950er-Jahre bereits vergessene Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson) lebt in ihrer eigenen konservierten Traumwelt. In einem alten Hollywood-Anwesen der Stummfilmära bewundert sie sich stundenlang im hauseigenen Vorführraum. Das Haus ist ein Schrein der Erinnerung. Umgeben von Fotos, Artikeln und Filmausschnitten, die ein junges Konterfei des Stars vergegenwärtigen, entzieht sich Norma Desmond der Realität. Der mittellose junge Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) erweckt in ihr die Hoffnung auf ein Comeback. Das schmerzliche und erbarmungslose Ende vieler Stummfilmkarrieren wird über Norma Desmonds Schicksal und ihre wiederholt scharfen Attacken gegen die Neukonzeption des Mediums Ende der 1920er-Jahre offenbar: »We didn‘t need dialogue. We had faces!« »There once was a time in this business when I had the eyes of the whole world! But that wasn‘t good enough for them, oh no! They had to have the ears of the whole world too. So they opened their big mouths and out came talk. Talk! TALK!« SUNSET BLVD. wechselt mit bitterem Sarkasmus zwischen fiktiver Geschichte und tatsächlicher Hollywood-Komparserie. Gloria Swanson war nicht nur selbst ein realer Star der Stummfilmzeit, mit Erich von Stroheim – ihrem Film-Butler und Film-Ex-Mann Max von Mayerling – verbindet sie eine filmhistorische Begebenheit. Unter seiner Regie spielte sie in QUEEN KELLY (US 1929). Doch noch weitere HollywoodGrößen haben ihren Auftritt in SUNSET BLVD.: Der Produzent und Regisseur Cecil B. DeMille spielt sich selbst und tritt als einstiger Protegé der Diva Norma Desmond auf. Im realen Leben war er an der Karriere Gloria Swansons maßgeblich beteiligt. Buster Keaton, H.B. Warner und Anna Q. Nilsson treten als Freunde aus den Zeiten der Stummfilmära zu einer Bridge-Runde zusammen. Die reale Klatschkolumnistin Hedda Hopper ist als Protagonistin des wahren Hollywoods in der fiktiven Geschichteebenfalls präsent. Hollywood-Filme über Hollywood sind nicht zufällig selten. MGM-Studioboss Louis B. Mayer, einer der bedeutendsten Männer der Filmstadt, tobte nach dem Besuch der ersten Testvorführung von SUNSET BLVD.: »This bastard Billy Wilder should be sent back to Germany! He bites the hand that feeds him!« Davon unbeeindruckt schuf Wilder mit SUNSET BLVD. ein melodramatisches Meisterwerk über den Erfolgsdruck in der »Stadt der Träume« und erhielt dafür den Oscar für »Best Writing, Story and Screenplay«. Insgesamt wurde SUNSET BLVD. für 11 Oscars nominiert. Doch nicht nur die vier nominierten Protagonisten gingen leer aus, auch der Oscar für den »Besten Film« ging an eine andere große Produktion des Jahres 1950 (ALL ABOUT EVE). Die Academy Award Jury war offensichtlich nicht bereit, jene Produktion zu ehren, die der eigenen Industrie ihre dunkelsten Seiten vor Augen hielt Kuratoren: Thomas Ballhausen, Karin Moser


Informationen Spielort PHÖNIX KINO Lerchenfelder Straße 35, 1070 Wien (Club Level 7) Tickets Normalpreis: Euro 7,50 Ermäßigter Eintritt: Euro 5,– für Mitglieder des Filmarchiv Austria, des Club Ö1, Standard-AbonnentInnen und StudentInnen, sowie für InhaberInnen von Tickets bzw. Jahreskarten von Theatermuseum, Weltmuseum Wien, Schauspielhaus, brut, WUK, TAG, WestLicht, 21er Haus und Österreichische Nationalbibliothek. Freier Eintritt bei allen Veranstaltungen von Kino der Orte für Mitglieder des Filmarchiv Austria! Abonnement für Mitglieder Abonnement für 10 Vorstellungen (max. 2 Karten pro Vorstellung): Euro 45,– Mitgliedschaft im Filmarchiv Austria Es können Jahresmitgliedschaften für 2014 (Euro 25,–) und Zweijahresmitgliedschaften für 2014 & 2015 (Euro 40,–) gelöst werden Infos + Ticketreservierung tickets@filmarchiv.at, Tel.: 01/216 13 00

www.filmarchiv.at


Kino der Orte 6