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Nachrich ten kritisch, unabhängig und meistens unparteiisch

25. Ja h rga ng F r e i tag 18 . M a i 2 018

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Liebe Festivalbesucher, Sie halten die Erste Ausgabe des 25. Jahrgangs der Open Ohr Nachrichten in der Hand. Das sind nun schon 24 Jahre Erfolgreiches Jugendprojekt und wir hoffen natürlich auch einen 50. Jahrgang bereit stellen zu können. Auch die Open-Ohr-Nachrichten gehen mit der Zeit. Deshalb wollen wir Umweltfreundlicher werden. Die letzten Jahre haben unmengen an Papier und Toner verbraucht, was trotz Recyclingpapier nicht Umweltfreundlich ist. Daher haben wir uns dieses Jahr dazu entschieden, die Auflage der Open-OhrNachrichten zu reduzieren. An Stelle von 1000 Exemplaren jeder Ausgabe drucken wir dieses Jahr nur noch eine 500 Stück umfassende Auflage. Wir bitten Sie, geben Sie die Nachrichten an Ihren Nachbarn weiter oder bringen Sie diese zurück zu unseren Stand. Außerdem werden wir die Ausgaben dieses Jahr auch zum Download auf unserer Seite www.sjr-mainz.de anbieten. Des weiteren werden wir mit „Wandzeitungen“ an unserem Stand experimentieren. Wir freuen uns über Ihr Feedback. Wir wünschen Ihnen ein schönes Festival und gutes Wetter.

Eure OON-Redaktion

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Inhalt Eure OON-Redaktion FETT!

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Thesenpapier zum 44. Open Ohr Festival in leichter Sprache Grenzen der Menschheit

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Prometheus 11 Ein bisschen mehr Gefühl Das ewige Leben? Rätsel

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Machen wir es uns doch ein bisschen in der Thematik bequem... 17 Zukunft 18

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Blogito Ergo Sum

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unsere Unterstützer

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Wir sagen Danke!

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FETT! Du siehst einen schlanken Körper. Ich sehe Fett. Geschwungener Kiefer. Fette Wangen. VIEL ZU VIEL WANGE Heller, schmaler Hals. Fett. Doppelkinn. EKELHAFTES DOPPELKINN Sichtbare Schlüsselbeine unter zarter Haut. Nicht sichtbar genug. ROLLEN. Kleine Brüste. Und doch immer noch viel zu viel Fett. FETT Schmale Taille. Zu viel Fett. Im Hintern. VIEL ZU VIEL. Egal, was ich esse. Leicht gewölbter Bauch. Fett. Fett. Fett. Überall Fett. Ich versinke in diesem Haufen aus loser Haut. Oberschenkel. Viel zu viel Oberschenkel. VIEL ZU VIEL Viel zu viele Tränen - vor dem Spiegel. Vor dem Fenster im Dunkeln. Vor jedem Schaufenster. Bei jedem Sitzen. VIEL ZU VIEL FETT FETT FETT (nj)

FETT FETT FETT

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Thesenpapier zum 44. Open Ohr Festival in leichter Sprache Körperbau An unserem Körper zeigt sich die Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt. Der Körper ermöglicht das Spüren. Der Körper ist unser Werkzeug. Der Körper gehört uns selbst. Der Körper kann aber noch viel mehr von seiner Außenwelt lernen. Man kann zum Beispiel Bewegungen lernen. Wir werden durch unseren Körper in mehrere Bereiche eingeteilt. Der Körper kann verletzt werden. Man kann mit dem Körper Sex haben. Körper bestehen aus viel lebendigem Material. Der Körper drückt unsere Kultur aus. Den Körper haben wir unser Leben lang. Wenn wir einen Körper haben, dann gibt es uns. Der Körper kann auch gestohlen werden. Der Körper muss sich anpassen. Menschen können einen Körper einsperren und der Körper kann fliehen. Wir haben die Welt gebaut. 6

Wir haben die Welt um unseren Körper herum gebaut. Der Mensch will aber mehr. Er will nicht nur die Welt um den Körper bauen. Dadurch will der Mensch Grenzen überwinden. Der Mensch will auch seinen Körper ändern. So will er seinen Körper an die Umwelt-Bedingungen anpassen. Es gibt eine sehr alte Erzählung. Das ist die Geschichte von Ikarus und Dädalus. Dädalus ist der Vater von Ikarus. Dädalus baut Flügel für sich und Ikarus. Der Vater und der Sohn wollen von der Insel Kreta fliehen. Die Geschichte endet traurig. Ikarus fliegt zu nahe an die Sonne. Dadurch stürzt er ins Meer und stirbt. Der Vater muss hilflos zusehen. Ikarus geht nicht vernünftig mit den Flügeln um. Die Flügel sind ein Beispiel für die neue Technik. Und ein Beispiel für den verbesserten Körper. Eine Veränderung unserer Körper scheint unmöglich.


Trotz allem hat der Mensch sein Ziel nicht aufgegeben. Der Mensch ließ sich nicht durch Regeln der Gesellschaft aufhalten. Vor langer Zeit schnitten Forscher tote Menschen auf. So konnten die Forscher in das Innere vom Menschen schauen. Dadurch verbesserten die Forscher ihr Wissen über den Körper. Bis heute ist der Mensch neugierig. Zuerst änderte der Mensch nichts an seinem Körper. Sondern der Mensch erfand Mittel um Fehler vom Körper zu verbessern. Zum Beispiel hat der Mensch die Brille erfunden. Damit kann der Mensch besser sehen. Oder zum Beispiel hat der Mensch das Auto erfunden. Damit kann der Mensch schneller von einem Ort zum anderen Ort kommen. Oder zum Beispiel hat der Mensch das Flugzeug erfunden. Damit kann der Mensch sogar fliegen. Wie Dädalus und Ikarus. Aber das Auto und das Flugzeug sind nur Hilfsmittel. Sie gehören nicht zu unserem Körper. Die Grenzen vom Körper sind

immer noch da. Zum Beispiel können wir mit einer Rakete in das Weltall fliegen. Aber wenn die Rakete zu schnell ist, dann werden wir ohnmächtig. Wenn der Mensch blind ist. Dann ist es sehr schwer den Menschen wieder sehend zu machen. Die größte Grenze vom Menschen ist der Tod. Auch in der Zukunft. Der Tod ist nicht zu besiegen. Trotzdem ist der Fortschritt sehr groß. Der Mensch verschiebt immer mehr die Grenzen vom Körper. Zum Beispiel weiß der Mensch viel über Medizin. Oder der Mensch lebt in einer saubereren Welt als früher. Oder der Mensch kann besseres Essen haben. Der Mensch ist sehr schlau. In der Gen-Forschung wird der Körper genau erforscht. Der Mensch entwickelt die GenForschung immer weiter. Die Gen-Forschung entwickelt sich immer schneller. Jetzt ist das Geheimnis vom Leben fast gelöst. Die Forscher verstehen den Körper immer besser. Die Forscher haben Werkzeuge entwickelt. 7


Damit können die Forscher GenInformationen von anderen Informationen trennen. Und die Informationen austauschen. Nebenbei passiert ein Wechsel. Wir passen nicht mehr die Welt dem Körper an. Wir passen immer mehr den Körper der Welt an. Zum Beispiel brauchen wir weniger Hilfsmittel. Forscher verändern einfach unseren Körper. Zum Beispiel werden kaputte Gene ausgetauscht. Oder wir entscheiden uns für ein anderes Aussehen. Vielleicht verändern Forscher den Körper. Dann ist der Körper geschützt vor Krankheiten. Aber darf der Mensch das? Darf der Mensch seinen Körper so viel verändern? Darf der Mensch Gott spielen? Darf der Mensch schon Babys in der Mutter verbessern? Darf der Mensch ungeborene Babys schöner und besser machen? Darf der Mensch Gene bei ungeborenen Babys austauschen? Darf der Mensch mögliche Behinderungen bei Babys verhindern? Darf der Mensch einen anderen Menschen so viel verändern? 8

Soll der Mensch nicht lernen mit der Behinderung umzugehen? Soll der Mensch sich über den Umgang mit Behinderung mehr Gedanken machen? Die Technik ist in der Zukunft sehr wichtig. Zum Beispiel gibt es Gesundheits-Armbänder. Die Armbänder sammeln und speichern viele Daten. Zum Beispiel Bewegungs-Daten. Das sind Daten die zeigen wie oft und wann man sich bewegt. Oder Schlaf-Daten. Oder Daten wie und was wir essen. Diese Daten sollen uns helfen und uns besser machen. Um mehr Erfolge zu erreichen. Das wird von der Gesellschaft wohl erwartet. Aber diese Daten werden auch ausgenutzt. Zum Beispiel nutzen Unternehmen die Daten, um uns zu schaden. Zum Beispiel kann eine Kranken-Versicherung sagen: „Wir bezahlen Ihren Krankenhausaufenthalt nicht. Weil Sie nicht gesund gegessen haben.“ Ein anderes Beispiel sind Prothesen. Das sind Hilfsmittel.


Wir haben uns einen Arm sehr verletzt und Ärzte müssen den Arm entfernen. Dann können wir eine Arm-Prothese benutzen. Eine Prothese ist eine Maschine. Die Prothese funktioniert mit Technik. Prothesen helfen uns im Alltag. In der Zukunft könnte eine Prothese aber besser sein als unser Körper. Dann könnte es ein Ziel vom Menschen sein, seinen Körper durch Prothesen zu ersetzen. In Zukunft wird es vielleicht neue Berufe geben. In den neuen Berufen kann man vielleicht nur mit Prothese arbeiten. Außerdem gibt es Forscher, die Sex-Roboter entwickeln. Sex-Roboter sehen echten Menschen immer mehr ähnlich. Die Sex-Roboter können uns vielleicht mit mathematischen Funktionen glücklich machen. Viele Menschen sprechen immer öfter von Sex-Robotern. Der Forscher Ian Pearson sagt: „Im Jahr 2050 werden wir SexRoboter lieber mögen als Menschen.“ Was kann der Staat machen? Wo muss der Staat uns beschützen? Wo muss er den Forschern Frei-

heiten lassen? Wie kann er die Technik für alle ermöglichen? Und nicht nur für die Reichen? Politiker müssen sich um diese Sache kümmern. Aber nicht nur die Technik entwickelt sich weiter. Unser Körper wird auch geistig betrachtet. Judith Butler sagt: „Der Mensch soll nicht in Mann und Frau eingeteilt werden.“ Wenn der Mensch nicht mehr als Frau und Mann eingeteilt wird. Dann werden Mann und Frau gleicher behandelt. Vielleicht werden aber auch andere Einteilungen wichtiger. Deswegen wäre die ungleiche Behandlung nur verschoben. Die Forschung ist sehr weit. Aber die Öffentlichkeit redet nicht darüber. Das Thema ist sehr schwierig zu begreifen. Aber es ist sehr persönlich. Es geht um unseren Körper. Es geht um die Forschung. Es geht darum wie wir in der Welt leben. Wir finden: „Es ist wichtig darüber zu reden. Es ist wichtig mitzuwirken!“ (lm)

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Grenzen der Menschheit Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Über die Erde sät, Küss ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust. Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgendein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsicher’n Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde. Steht er mit festen, Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen.

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Was unterscheidet Götter von Menschen? Dass viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken. Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseins Unendliche Kette. Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)


Prometheus Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst, Und übe, Knaben gleich, Der Disteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöh'n! Musst mir meine Erde Doch lassen steh'n, Und meine Hütte, Die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um dessen Glut Du mich beneidest. Ich kenne nichts Ärmeres Unter der Sonn' als euch Götter! Ihr nähret kümmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch Eure Majestät, Und darbtet, wären Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Toren. Da ich ein Kind war, Nicht wusste, wo aus, wo ein, Kehrt' ich mein verirrtes Auge Zur Sonne, als wenn drüber wär’ Ein Ohr zu hören meine Klage, Ein Herz wie meins, Sich des Bedrängten zu erbarmen. Wer half mir Wider der Titanen Übermut? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei?

Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz? Und glühtest, jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben? Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Je des Geängsteten? Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmächtige Zeit Und das ewige Schicksal, Meine Herren und deine? Wähntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten flieh’n, Weil nicht alle KnabenmorgenBlütenträume reiften? Hier sitz' ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, Zu leiden, weinen, Genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Wie ich! Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) 11


Ein bisschen mehr Gefühl Der menschliche Körper und die Möglichkeiten, die sich ihm heute und zukünftig eröffnen, werden nicht nur für das Open Ohr 2018, sondern für alle Inhaber eines menschlichen Körpers von Bedeutung sein. Was aber ist mit dem eigenen, dem ganz persönlichen Körper? Wie steht es um unser Körpergefühl? Als Antwort wird das übliche Gerede über Problemzonen serviert, die Bikinifigur werde ja noch in Abgriff genommen, Sport müsse man sowieso unbedingt machen, natürlich esse man viel zu viel und vor allem zu wenig Salat und fühle sich ja heute sowieso überhaupt nicht wohl, weil nicht in Form und der Gedanke, sich spontan in Shorts zu werfen, löst Schamgefühle und Ausreden aus. Aber keine Sorge, was nicht passt, kann ja übertüncht werden; ob mit neuer Kleidung und Accessoires, Absätzen, einer undurchsichtigen Foundation oder Fake Lashes und nicht zuletzt durch einen hübschen Filter. Hauptsache, der nächste Post glänzt und wird zum Spiegel des perfekten Images, das nötig zu sein scheint, um anerkannt zu werden. Industrien, Konzerne, 12

Verlage; die Mode und Trends im Allgemeinen ernähren sich davon, dass ihre Konsument*innen sich hässlich und unzulänglich in ihrem eigenen Körper fühlen. Hochglanzmagazine, Werbungen, Instagram, Serien - sie alle offenbaren Ideale oder Vorstellungen von Schönheit, Wohlstand und Lifestyle, die Standard zu sein scheinen. Im Auge eines Sturms an Erwartungen steht jeder allein mit ihrem oder seinem Körper, der meistens verneint wird. Aber gehen wir einen Schritt zurück: Warum diese ganze Unzufriedenheit? Warum haben wir ständig den Wunsch nach irgendeiner, gerade aktuellen Idealform - sei es nun skinny oder strong, aber Hauptsache sexy - für die wir vielleicht gar nicht veranlagt sind? Warum fühlen wir uns nicht wohl in unserem eigenen Körper? Warum schämen wir uns? Und am wichtigsten: Muss das alles sein? Betrachtet man den Körper einmal völlig losgelöst von all diesen destruktiven Gedanken, kann man eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Der menschliche Körper ist ein absolutes Wunder, ein Geschenk


voller Gaben, Fähigkeiten und einem immensen Potential! Aus einem Zellhaufen entwickelt sich schon weit vor dem „Wunder der Geburt“ ein einzigartiges Geschöpf, das gerade in seiner Individualität seine fesselnde Besonderheit und Schönheit birgt. Um einen Blick auf einen kleinen Bruchteil zu eröffnen: Unsere Füße trage uns durch unser ganzes Leben, unsere Sinne eröffnen uns Welten der Freude und des Genusses, unsere Hände werden zu Werkzeugen schöpferischer Kräfte. Kurz: Wir leben. Doch anstatt dankbar zu sein oder den eigenen Körper zu achten und ihm das zu geben, was er braucht und verdient, beziehungsweise was wir als Menschen brauchen und verdienen, reden wir uns und unseren Körper schlecht, füttern, kleiden und „verzieren“ ihn meistens mit Schadstoffen und richten ihn auf diese Weise über kurz oder lang zugrunde. Im Angesicht einer wohl nicht allzu fernen Zukunft, in der die Grenzen des menschlichen Körpers durch technische oder medizinische Eingriffe und Erwei-

terungen alsbald überwunden und neu gestaltet werden könnten, sollten Fragen nach den Möglichkeiten oder Risiken und Rechtmäßigkeiten jeglicher Art bezüglich Body-Enhancements hinter Folgendes gestellt werden: Die Sensibilisierung für den eigenen Körper oder mit anderen Worten: ein bisschen mehr (Körper-)Gefühl. Blicken wir einmal objektiv auf uns selbst, beschauen unser Äußeres und Inneres losgelöst von dem Leben anderer. Schenken wir uns und unseren Bedürfnissen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Lernen wir uns selbst und unseren Körper wertzuschätzen als das, was er ist: Ein Geschenk, das wir pflegen sollten. Selbstakzeptanz und ein Bewusstsein für den eigenen Körper sind der Schlüssel zu einem Leben im Reinen mit sich selbst, was darüber hinauskommen mag, kann für einen Menschen in Balance nur Bereicherung sein. (cs)

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Das ewige Leben? Seit jeher ist der menschliche Körper so viel mehr als nur die Grundlage unseres Lebens. Für die Beziehung zwischen Mensch und Natur, sowie der Beziehung von Menschen untereinander ist er unabdingbar. Seit dem Zeitpunkt, als sich die Menschen auf diesem Planeten ausbreiteten, gab es eine Gemeinsamkeit, die sie alle verbunden hat – ihre Sterblichkeit. Doch damit könnte es nach über 300.000 Jahren bald vorbei sein. An der Verwirklichung des „(Alb-)Traumes des ewigen Lebens“ oder zumindest der künstlichen Verlängerung um mehrere Jahrzehnte wird seit den 1990er Jahren immer intensiver geforscht. Beinahe ohne große mediale Berichterstattung oder öffentliche Aufmerksamkeit ist in den letzten Jahren eine neue Technologiebranche entstanden, die von Expert*innen auch als „Singularität“ bezeichnet wird. In einem 2015 vom Forbes-Magazin veröffentlichten Interview erklärt der Analyst Ray Kurzweil, dass bereits im Jahr 2029 „durch medizinische und technologische Fortschritte die durchschnittliche Lebenserwartung jedes Jahr um ein Jahr verlängert werden könnte”. Um 14

dies zu verwirklichen träumt nicht nur Kurzweil von NanoMaschinen, die im menschlichen Körper das Immunsystem kontrollieren, Krankheiten bekämpfen oder Schäden wie verengte Blutgefäße reparieren könnten. Gipfeln könnte diese Entwicklung letztlich in einer Koppelung des menschlichen Gehirns mit einer sogenannten digitalen Cloud – Vorstellungen die bisweilen eher an Fantasyfilme aus Hollywood erinnern, an denen jedoch seit Jahren intensiv geforscht wird. Dabei steht oftmals natürlich nicht der Traum der Unsterblichkeit, sondern vielmehr das enorme finanzielle Potenzial im Mittelpunkt. Längst haben das auch populäre Investoren wie etwa Elon Musk (Tesla, Space X) oder Peter Thiel (PayPal) erkannt und so ist es keine große Überraschung, dass dieses Thema nicht mehr Teil von verrückten „Brainstorming-Runden“ ist. Im Gegenteil: Im kalifornischen Silicon Valley ist seit mehreren Jahren eine rapide Zunahme der Start-up Gründungen in diesem Bereich zu beobachten. Große Technologiefirmen, darunter auch Google oder das Biotechnologie-Unternehmen


WIR BILDEN AUS

McKesson verstärken seit Jahren ihre Investitionsprogramme, trotz der immer noch geringen kurzfristigen Erfolgs- und Renditewahrscheinlichkeit. Doch auch abseits des großen Finanzkapitals gehen Forscher der Frage nach dem ewigen Leben nach. An der Erasmus Universität in Rotterdam untersuchen Wissenschaftler*innen, wie man gezielt menschliche Zellen austauschen und so den Alterungsprozess aufhalten kann. Dabei erzielten sie in verschiedenen Versuchen mit Mäusen bereits beachtliche Versuche – die Lebenserwartung der Mäuse konnte teilweise ver-

doppelt werden. Unklar bleibt natürlich trotzdem wie und ob diese Methode letztlich eines Tages auch auf den Menschen übertragbar ist. Doch es bleibt dabei: Seit Jahrzehnten wächst die weltweite durchschnittliche Lebenserwartung kontinuierlich an und Forscher*innen auf der ganzen Welt gehen täglich der Frage des ewigen Lebens nach, ohne bislang eine eindeutige Antwort geben zu können. Feststeht, dass die moderne Biomedizin unser aller Leben verändern wird – wie genau, das bleibt abzuwarten. (yw) 15


Rätsel

Ihr wollt eure Festival-Highlights auch unabhängig vom Programm mitbestimmen, dann freut euch auf die zweite OONAusgabe.

1. Was heißt „Körper“ auf Latein? 2. Welche technischen Geräte ersetzen laut Ian Pearson 2050 den Menschen beim Geschlechtsverkehr? 3. Wie heißt das von einem irischen Forscher entdeckte neue Organ? 4. Wie heißt die bekannte US16

Wie wir euch zu einem super OpenOhr-Festival verhelfen, könnt ihr jetzt schon durch Lösen des Kreuzworträtsels erfahren. Viel Spaß! (su, lm)

amerikanische Genderforscherin Judith mit Nachnamen? 5. Wie heißt Dädalus Sohn 6. Welche Utensilien helfen sehschwachen Menschen? 7. Welche Forschung ermöglicht es den Körper immer mehr zu verbessern und schon Babys im Mutterleib zu modifizieren? 8. Wie nennt man ein technisches Hilfsmittel, welches Körperteile ersetzt?


Machen wir es uns doch ein bisschen in der Thematik bequem... Gedanken, Ideen und Spinnereien über den Fortschritt, ebenso wie die Möglichkeiten, die wir als Menschen haben, sind ein Teil von uns. Das Streben nach dem Besseren – schneller, höher, weiter – gewissermaßen macht uns das aus. Genauso menschlich wie die Vorstellungskraft, die uns die Träume über das Ausräumen unserer natürlichen Hindernisse ermöglicht, ist unser Ehrgeiz. Und der hat uns einiges Großes eingebracht: Technologie und Medizin. Schöpfungen, die uns verbessern, die zuvor unmöglich Geglaubtes greifbarer, möglich und teilweise in Zukunft realistisch machen. Für diejenigen unter euch, die sich gleich zu Beginn des Festivals und unserer vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Thema “Körperbau” schon ein wenig in die Themen und deren Chancen und Konflikte “einarbeiten” möchten oder die sich im Anschluss an das diesjährige OpenOhr interessierter wiederfinden, haben wir ein paar (fiktionale) Konsumgüter zusammengetragen. Viel Spaß damit!

Romane Mary Shelley: Frankenstein Kazuo Ishiguro: Never Let Me Go/ Alles, was wir geben mussten* Ramez Naam: Nexus Trilogie Aldous Huxley: Brave New World/ Schöne neue Welt Marc-Uwe Kling: Qualityland* Bruce Sterling: Schismatrix Richard Morgan: Altered Carbon Serien Black Mirror Altered Carbon Orphan Black Limitless Westworld Filme Ex Machina Blade Runner* Limitless Gattaca Robocop The Island Sonstiges: Eine Reihe 30-minütiger Radioprogramme zu transhumanistischen Themen: http://www.bbc.co.uk/programmes/topics/Transhumanism 17


Tipp: Viele interessante BBCDokumentationen und Clips lassen sich auch mit dem Suchbegriff “BBC Transhumanism” bei YouTube finden ;)

den Gegenständen werfen, die die Webpräsenz des Zukunftsinstituts bereitstellt: https://www.zukunftsinstitut. de/

Wer sich für alles rund um das Thema Zukunft interessiert, sollte einmal einen Blick auf die Auseinandersetzung mit verschiedensten zukunftsbetreffen-

*Einträge, die mit Sternchen markiert sind, findet ihr auch im OpenOhr-Programm wieder :) (su)

Zukunft Ein Abhang so tief, dass ich den Boden nicht sehe. Darüber Seile wie Lianen von oben herab. Sie sind der einzige Weg hinüber in Unbekannte und doch Vertraute. Hier hänge ich gleich am ersten von tausend und schwinge hin und her, doch kann ich weder zurück auf den Felsen hinter mir, noch kann ich das Seil vor mir vernünftig packen um auf die andere Seite zu kommen. Es entgleitet mir immer wieder und wieder und so schwinge ich weiter, wie das Pendel einer Uhr. Vielleicht könnte ich hinüberkommen, 18

wenn ich mein Seil loslassen würde. Doch, was wäre, wenn ich falle, würde ich dann sterben oder gäbe es etwas, das den Fall abfängt? Ich weiß es nicht! Deshalb bleibe ich weiter hier hängen, wohlwissend, dass meine Zeit bald abgelaufen sein wird und die Seile sich immer weiter voneinander entfernen. Irgendwann wird es stehen bleiben, ebenfalls wie das Pendel einer Uhr, die nicht aufgezogen wird. Doch dann werde ich längst schon woanders sein. (bd)


Blogito Ergo Sum Wann bin ich eigentlich öffentlich geworden? Bin ich das? Will ich das? Muss ich das sein? Ich, Mitte zwanzig, hatte eine Teenagerzeit, in der man größtenteils noch in der Schule gesehen hat, was man jetzt haben musste, was cool war oder wie man zu sein hatte, um dazuzugehören. Ein recht beschränktes Sichtfeld war das. Das hat aber keine Rolle gespielt. Denn wenn wir uns mal anschauen, wie gerne das Thema Gruppendruck und jugendliche Unsicherheit auch vor dem Aufkommen sozialer Medien fiktional verarbeitet wurde, können wir sehen, dass es keiner Fernrohre und Millionen weiterer Vergleichsfiguren bedarf und bedurfte, um Anpassungsdruck zu kreieren. Die Frage, ob ich für mein persönliches Glück so sein will oder muss, wie andere Leute um mich herum, erinnert an die berühmte nach den Hühnern und ihren Eiern. Genug, um nicht zu sehr aus der Masse zu stechen, aber nicht so sehr, dass ich als #basicbitch im Einheitsbrei versinke, schätze ich. Ich check das mal auf YouTube und melde mich wieder. Soziale Medien sind also die neue Orientierungshilfe. Mit

dem Unterschied, dass ich mich jetzt nicht nur innerhalb meiner eigenen Schule oder meinem sonstigen direkten Umfeld vergleichen und einordnen kann, sondern mehr oder weniger weltweit. Es gibt für jeden eine Nische: Künstler*innen, Fitnessfreund*innen, Flachwitzverteidiger*innen, Anhänger*innen jeder vorstellbaren Ernährungsweise, Fankultur und (spiritueller) Gesinnung, und genauso viele Gegner*innen derer. Das Tolle daran ist: Wir sehen die Vielfalt. Es gibt mehr da draußen, als das, was wir im Alltag vor uns haben. Mehr Vorbilder, mehr Identifikationspotenzial, mehr Ressourcen, mehr Hilfe, mehr Tipps von nahbareren Personen als Eltern oder Lehrer*innen. In der Theorie ist das alles ganz wunderbar. Allerdings bedeutet das auch, dass uns Dinge und Gewohnheiten, die in Blogger*innenkreisen üblicherweise ihr Unwesen treiben, subtiler in unserer unbewussten Wahrnehmung einen Normalitätsstatus erreichen. Einfach, weil ich vielleicht jeden Tag in meinem Instagramfeed sehe, was ich tun muss, um die #bestversionofmyself, #healthy, #blessed, #strongnotskinny und natürlich #cutiewithabooty zu sein. Und das am besten bis zum #throwbackthursday, denn 19


danach kommt ja schon #friyay und dann darf ich endlich mit einem #hochdiehändewochenende zufrieden in meine wohlverdiente #metime einsteigen. Aber Achtung: #picsoritdidnthappen. Leute, die natürlich alle sind wie du und ich (denn wer von uns ist damals nicht in den Haupteingang ihrer*seiner Schule gestapft und hat mit strahlendem Lächeln „Guten Morgen, meine Süßen!“ in die Gesichter von hunderten persönlich unbekannten Menschen gerufen?), zeigen uns ihren Alltag, ihre Ernährungsweise, ihre Sportroutine, #whatsintheirbag und ihre Einrichtung und werden hier und da von Firmen mit Produkten unterstützt, die sie „wirklich total toll“ finden und auch „definitiv nachkaufen“ werden. Ich will damit gar nicht sagen, dass diese zweite Welt nicht bereichernd ist. Sie schafft einen Sinn für Gemeinschaft, inspiriert, sorgt für Austausch und löst mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle auch Probleme. Das sind sehr positive Dinge. In dem ganzen bunten und inklusiven „Wir können alle sein, was wir wollen, und sind gut, so wie wir sind“-Konfettiregen darf man allerdings nicht ignorieren, dass die heile Welt der sozialen Medien von 20

Menschen genutzt und geprägt wird, die genau das sind, was wir sind und wofür wir sie eigentlich lieben: menschlich, beeinflussbar, fehlbar. Und das führt eben dazu, dass wir uns zwar alle fantastisch und individuell feiern sollen wie wir sind, aber eben oft leider auch nur, wenn wir auf dem Weg sind, etwas zu werden oder zu sein, was wir aktuell nicht sind. Transformation ist das Zauberwort und ist das nicht eigentlich ein bisschen widersprüchlich? Wir dürfen alle unperfekt sein, denn #itsajourney und so, aber eigentlich nur solange wir nach etwas Besserem streben, denn sonst sind wir unambitioniert oder realisieren nicht unser Potenzial. Ob ich nichts werden will, sei mal dahingestellt, aber geht es nicht eigentlich mehr darum, konstant das Gefühl zu haben, etwas sein wollen oder werden zu müssen? Muss ich, bevor ich 25 bin, schon mehr als 50 Länder bereist haben, um eine ernstzunehmende Person zu sein? Aber wie gesagt, ohne Fotobeweise und 25 denglische Begriffe und importierte Bräuche ist das eigentlich auch wertlos. Ne, also unter monatelangen Rucksacktouren durch Asien brauchst du gar nicht mitreden, Pascal. Ich bin wohlwollend und traue den selbst-


beschriebenen Reisesüchtigen an dieser Stelle zu, zu wissen, dass ihre als Identifikationsmerkmal untereinander dienende Profilbeschreibung „Not all those who wander are lost“ im Original von Tolkien stammt, denn immerhin sagen sie auch die Welt sei ein Buch und die, die nicht reisten, läsen nur eine Seite. Sich davon zu lösen, was andere um einen herum angeblich nur für sich selbst tun, wird schwerer, wenn ich das Gefühl bekomme, dass ich irgendwo Teil dieser medialen Repräsentation der Gesellschaft sein muss, um wirklich zu existieren. Nicht selten wird in Bewerbungsprozessen heutzutage auch nach Blogs oder sonstiger Internetpräsenz gefragt. Klassentreffen werden über Facebook organisiert. Das heißt, ob ich mich jetzt persönlich davon unter Druck setzen lassen will, dass meine Nachbarin jeden Tag um 4:30 aufsteht, um vor der Arbeit noch eben zwei Stunden trainieren gehen zu können, ist nicht einmal unbedingt mehr die Grenze des Ganzen. Der Punkt ist: wir sehen mehr. Wir sehen mehr Menschen, die uns Vorbilder sind – ob sie es wollen oder nicht. Wir sehen, welche Herzfrequenz wir haben sollen, wenn wir trainieren.

Wir sehen, auf welche Weise und wie viel wir genau das tun sollen. Wir sehen, wohin man gereist sein muss und wo man jetzt einkauft. Wir sehen, worauf man Wert legt, was fair ist und worauf man jetzt achtet. Wir sehen, wie Beziehungen aussehen sollen und was nur „echte beste Freunde“ tun. Wir sehen Konzerte durch Handyscreens anderer Menschen. Wir sehen unsere Leben generell durch mehr Bildschirme, eigene und fremde. Das ist eine Entwicklung, die man erstmal wertfrei registrieren muss. Es wird dokumentiert. Alles, jeder, immer. Wichtig dabei ist einfach, dass man sich hin und wieder mal einen Moment nimmt, um darüber nachzudenken, was man wollen würde, wenn es niemand anderes sehen oder sich dazu äußern könnte. Wenn man nicht das Gefühl hätte, sich vergleichen oder darstellen zu müssen. Irgendeinem Standard zu entsprechen. Der Kram – Leben – soll ja irgendwo auch Spaß machen. „Man“ macht vieles (nicht). Aber nur weil „man“ manchmal „du“ ist, ist „du“ nicht immer „man“. Und was willst eigentlich du? (su)

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unsere UnterstĂźtzer Wir sagen Danke!

Jugendamt der Stadt Mainz

Pfarrer-Landvogt-Hilfe e.V. 22


Impressum Die Open Ohr Nachrichten sind ein Projekt des Stadtjugendring Mainz e.V., bei dem Mainzer Jugendliche auf dem Festivalgelände täglich eine Zeitung erstellen. Diese Zeitung muss nicht unbedingt die Meinung des Stadtjugendrings, des Veranstalters, oder der Projektgruppe widerspiegeln. Wir freuen uns über Kritik, Anregungen oder Textbeiträge. Die Redaktion behält sich vor, Textbeiträge zu kürzen. Redaktion: Charlotte Seibert (cs), Susi Roch (sv), Nina Jakob (nj), Linda Weißenrieder (lm), Yannik Wilfinger (yw), Berit Detlefs (bd), Hanna Richter (hr), Phillipp Baumann (pb), Sabrina Roth (sr), Emilie Fiedler (ef), Jan-Niklas Rabe (jnr), Fabian Pitzer (fp), Oskar Pries (op), Fabian Liesegang (fl), Ruth Hainson (rh), Martha Weiss (mw)

Leitung des Jugendprojekts „Open Ohr Nachrichten“ und ViSdP: Andreas Eismann (eis, SJR Mainz e.V.); Katharina Kökler (kk, SJR Mainz e.V.), Lukas Winterholler (lw, SJR Mainz e.V.), Raoul Taschinski (rt, SJR Mainz e.V.), Andra Deiß (ad, SJR Mainz e.V.)

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Verleih von Gehörschutz

Ob groß, ob klein – ein Hörschutz muss sein. Bei Ausleihe erheben wir 20€ Pfand pro Kopfhörer, davon werden bei Rückgabe (egal wann) 5€ abgezogen. Den Restbetrag erhaltet ihr bei der Rückgabe. Wer die Kopfhörer behalten möchte, kann dies gerne auch tun (das Pfand wird in diesem Fall als Kaufpreis vollständig einbehalten). Ausleihen (und auch zurückgeben) kann man die Kopfhörer: Freitagabend 19 – 21 Uhr, Samstag/ Sonntag 12 – 18 Uhr; Montag 10-11 Uhr (immer am Stand der Open Ohr Nachrichten). Die Rückgabe (insb. montags) ist auch außerhalb der genannten Zeiten nach Anruf unter einer der folgenden Rufnummern möglich: Telefonnummern: 01577 - 40 77 565 oder 0176 - 323 792 48

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Open Ohr Nachrichten - Freitag 2018  
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