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MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING

unmittelbarer Nähe gemalt und blickt den Beobachter direkt an; sein Mund ist leicht geöffnet. Bemerkenswert dabei ist Vermeers Umgang mit Licht: Er konnte Konturen allein mit Licht und Schatten erzeugen. Seien es die Glanzeffekte auf den Lippen des Mädchens oder der Schimmer der titelgebenden Perle: Vermeer konnte mit seiner natürlichen Lichttechnik unbelebte Objekte scheinbar zum Leben erwecken. Der Turban und die Perle wurden von Kunsthistorikern als Zeichen des Orientalismus gelesen. Die Kleidung spiegelt das damalige Interesse Hollands an der orientalischen Kultur nach den Türkenkriegen wider; Turbane waren beliebte Modeaccessoires im Barock. Das Gemälde lässt viele Fragen offen. Unbekannt ist, wer das Mädchen im Gemälde ist. Sie könnte ein bezahltes Modell, eine Auf-

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tragsarbeit oder eine Angestellte Vermeers gewesen sein. Eine Vermutung ist aber, dass das Bild vielmehr eine sogenannte Tronie (holländisch für »Kopf« oder »Gesichtsausdruck«) darstellt. In der niederländischen Malerei entwickelten sich Tronien zur eigenständigen Bildgattung. Dabei handelt es sich um porträtähnliche Charakterstudien, mit denen Künstler Allegorien oder Typen und keine bestimmten Menschen darstellen wollten. Umstritten ist übrigens auch, ob es sich bei dem Ohrschmuck tatsächlich um eine Perle handelt. Zu besichtigen ist das Ölgemälde heute im Mauritshuis in Den Haag. Weltweit berühmt wurde das Gemälde durch seine moderne Rezeption im 21. Jahrhundert.

SISTERMAG 48 | 05 / 2019

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sisterMAG48 – Jan Vermeer: Das Mädchen mit dem Perlenohrring – DE  

Für die Maiausgabe der digitalen Frauenzeitschrift sisterMAG lassen wir uns von Jan Vermeers Gemälde »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« ins...

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Für die Maiausgabe der digitalen Frauenzeitschrift sisterMAG lassen wir uns von Jan Vermeers Gemälde »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« ins...