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ses und ohne männliche Begleitung aufhalten durften. Die Verbreitung von Kaufhäusern in den 1850ern und 1860ern trug wesentlich dazu bei, dass sich das Bild von Frauen auf den urbanen Straßen normalisierte und Geschlechterrollen neu verhandelt wurden. Die Galeries LAFAYETTE (1895) in Paris, das KADEWE (1907) in Berlin oder HARRODS (1884) in London wurden zu beliebten Tageszielen. Bereits 1870 nannten die ersten Reiseführer übrigens Orte in London, »an denen Damen in Ruhe zu Mittag Essen konnten, wenn sie ohne Begleitung eines Gentlemans unterwegs waren« Shopping wurde so zu einer öffentlichen Freizeitaktivität für bürgerliche Frauen, die fortan einen Tag in der Stadt jenseits ihrer Haushaltspflichten verbringen konnten. Plötzlich diente die kulturelle Praxis des Einkaufens auch als gewisse Ermächtigung. Wie der französische Soziologe Henri Lefebvre erläutert, ist die Stadt ein Raum, der durch unsere sozialen Aktivitäten aktiv konstruiert wird. Die Frauen erschufen sozusagen im Gehen ihren städtischen Raum.

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S SHOPPING ANGELS & D I E S TA D T D E R MODERNE Möglich war dies nur durch das Aufkommen öffentlicher Orte für Frauen innerhalb der Stadt wie Cafés, »LADIES TEAROOMS« oder dem intimsten Raum: öffentliche Damentoiletten wie die am OXFORD CIRCUS (1884). Auch der Ausbau des Verkehrsnetzes mit der LONDONER U-BAHN (1863) und PARISER MÉTRO (1900) ermöglichte es Frauen, sich mehr und mehr in der Stadt aufzuhalten. In Paris mussten sie sich zwar noch bis zur Jahrhundertwende mit öffentlichen Toiletten gedulden, dafür bot ARISTIDE BOUCICAUT in seinem BON MARCHÉ schon früh eine Kinderkrippe und Teestube an. Eine neue kaufkräftige Kundenzielgruppe war gefunden: Die weibliche Mittelklasse. Kritiker sahen jedoch in den heimeligen Interieurs der Warenhäuser nur eine Fortführung der privaten Sphäre, sozusagen ein zweites Heim jen-

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sisterMAG 44 – Strasse in Paris an einem regnerischen Tag – DE