Page 155

ZARTBITTER

Text: Alexander Kords

süß schmeckt. Wegen dieser Erkenntnis wurde die Pflanze, die heute als Zuckerrohr bekannt ist und zunächst ausschließlich im ostasiatischen Raum vorkam, bald gezielt angebaut. Die Bedeutung der Pflanze hielt sich jedoch zunächst in Grenzen. Erst als man in Indien eine Methode entwickelte, den Zucker zu kristallisieren, wurde das Thema interessant. Die Inder kochten zunächst einen Saft aus dem Zuckerrohr, den sie anschließend in ein nach unten spitz zulaufendes Gefäß gossen. Durch ein Loch im Boden floss der nicht zuckerhaltige Sirup ab, und der Zucker kristallisierte in der Spitze des Gefäßes. Drehte man dieses nun um, so fiel der Zuckerhut heraus – nicht zu verwechseln mit dem Berg in Rio de Janeiro, der seinen Namen der Ähnlichkeit zu dem kegelförmigen Stück Zucker zu verdanken hat. In Form eines Hütchens ließ sich der Zucker viel besser transportieren, was auch bald fleißig geschah: Im Zuge der islamischen

Expansion kam das Süßungsmittel ab dem 7. Jahrhundert in den Mittelmeerraum und bis nach Spanien. Die Kreuzzüge sorgten im 11. Jahrhundert dafür, dass der Zucker auch im Rest von Europa Einzug hielt. Wie bei vielen anderen Produkten, die frisch eingeführt wurden, war auch er zunächst ein Luxusgut, das den reichen Bürgern vorbehalten war, während das Volk seine Speisen weiterhin mit Honig süßte. Weil Zuckerrohr bei Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad Celsius am besten wächst, begannen die Europäer ab dem 16. Jahrhundert, die Pflanze in den tropischen Gebieten anzubauen, die sie inzwischen erobert hatten. Und weil sie die mühsame Ernte und Weiterverarbeitung des Zuckerrohrs nicht selbst erledigen wollten, erfuhr der Sklavenhandel einen erschreckenden Aufschwung. Millionen von ­Afrikanern mussten auf den Plantagen der europäischen Besatzer arbeiten und auf kräftezehrende Weise den steigenden

153

SISTERMAG 24 | 05 / 2016

Profile for sisterMAG

sisterMAG Ausgabe 24 – "Zart wie Papier"  

Unser sisterMAG gibt es zwar auch in der 24. Ausgabe nicht auf Papier, aber dennoch möchten wir uns in der Mai-Ausgabe dieses Jahres dem Obe...

sisterMAG Ausgabe 24 – "Zart wie Papier"  

Unser sisterMAG gibt es zwar auch in der 24. Ausgabe nicht auf Papier, aber dennoch möchten wir uns in der Mai-Ausgabe dieses Jahres dem Obe...