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Inhalt

❚ Vorwort

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❚ Höhepunkt | Das Denkmal ist eingeweiht

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❚ Fokus | Wir zeigen Impressionen von der Einweihung und unserer Veranstaltungsreihe Denkmal Weiter in Berlin

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❚ Interview | Der Holocaust-Überlebende Zoni Weisz spricht über die europäische Dimension der Bürgerrechtsarbeit

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❚ Panorama

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❚ Antiziganismus | Wiederaufbauprojekt in Ungarn abgeschlossen

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❚ Revue | Wir berichten über die Tagung Antiziganismus und unser Programm

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❚ Publikationen | Reinhard Florian – ein Sinto erinnert sich

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❚ Projekte | Blaudes – Tanzen und Filmen gegen Rassismus und Vergessen

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❚ Mitgliedsverbände | Das Denkmal in Trier ist eröffnet

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❚ Zentralrat | Minderheiten helfen Minderheiten

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❚ Impressum

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Vorwort

© Filip Singer

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

die vierte Ausgabe unseres Magazins Newess handelt auch von einem historischen Ereignis: 20 Jahre nach der Initiative des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma wurde am 24. Oktober 2012 das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin eröffnet. Über 140 Holocaust-Überlebende, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Botschafter vieler Länder und weitere hochrangige Gäste aus aller Welt wohnten der Einweihung bei. Der israelische

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Künstler Dani Karavan hat einen Ort der Erinnerung geschaffen, einen Ort des stillen Gedenkens mitten im Zentrum Berlins, dem Parlament gegenüber. Das Denkmal ist ein sichtbares Symbol für die Anerkennung des Leids unserer Menschen und dafür, dass sich die Bundesregierung auch zu dem Holocaust an 500 000 Sinti und Roma bekennt. Zugleich versinnbildlicht es die Verantwortung, Gegenwart und Zukunft menschlicher zu gestalten als die Vergangenheit. Ich möchte an dieser Stelle auch im Namen des Vorstands und der Überlebenden nochmals der Bundesregierung, dem Berliner Senat und allen Beteiligten, insbesondere Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der die Fertigstellung des Denkmals zu seinem persönlichen Anliegen gemacht hat, Ministerialdirektorin Ingeborg BerggreenMerkel und dem Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, herzlich danken. In den Rubriken Höhepunkt und Fokus lesen Sie mehr. Auch gedenken wir der Holocaust-Überlebenden, die in den letzten Monaten von uns gegangen sind, teils ohne die Denkmalseröffnung noch zu erleben. Wir erinnern an sie in einem ausführlichen Nachruf in der Rubrik Panorama. Als eindeutiges und europaweites Signal für Minderheitenschutz von Sinti und Roma begrüßen wir die Verfassungsergänzung in Schleswig-Holstein. Am 14. November


stimmte der Landtag in Kiel über die Aufnahme der deutschen Sinti und Roma in den Minderheitenschutz-Artikel 5 der Landesverfassung ab. Zum Auftakt der NovemberSitzung wurde der Schutz unserer Minderheit einstimmig in die Landesverfassung aufgenommen. Schleswig-Holstein ist damit das erste Bundesland, das diesen Schritt vollzogen hat. Unsere Menschen haben nun den gleichen Anspruch auf Schutz und Förderung wie die dänischen und friesischen Minderheiten. Angesichts des gewaltbereiten Rassismus in vielen Ländern Europas setzt Schleswig-Holstein damit ein Zeichen an diese Staaten, sich zu den bei ihnen beheimateten Roma-Minderheiten zu bekennen und sie vor den Angriffen der Rechtsextremisten und dem alltäglichen Rassismus wirksam zu schützen. Im Dezember besprach ich mit Innenminister Hans-Peter Friedrich die Lage der Roma-Minderheiten in Serbien und in Südosteuropa. Anlass für unser Gespräch war die Migration aus Serbien und Mazedonien nach Deutschland und die damit in der Öffentlichkeit verbundenen Vorwürfe wegen „Asylmissbrauchs“, die uns Anstoß zur Sorge waren. Bei dem Gespräch herrschte Übereinstimmung dahingehend, dass das deutsche Asylrecht kein Instrument zur Lösung sozialer oder wirtschaftlicher Probleme in den Herkunftsländern sein könne. Ich machte deutlich, dass Asylanträge einzeln und sorgfältig geprüft werden müssten. Eine Einschränkung der

Reisefreiheit, wie sie von Serbien und Mazedonien bereits durchgeführt wird, beziehungsweise die Einführung der Visumspflicht für Angehörige der Roma-Minderheit darf für kein demokratisches Land in Europa akzeptabel sein. Die Bundesregierung muss ihren Einfluss geltend machen, um Fluchtursachen wie Rassismus und Diskriminierung in den entsprechenden Ländern zu beenden. Auch Minister Friedrich wies ausdrücklich darauf hin, dass die Ursachen der Migration – nicht nur in Serbien und Mazedonien, sondern ebenso in den neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – grundsätzlich in diesen Staaten selbst strukturell und nachhaltig geändert werden müssten. Ich wünsche Ihnen – wie immer – viele spannende Eindrücke beim Lesen. Bleiben Sie uns verbunden.

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Höhepunkt

❚ Das Denkmal ist eingeweiht

Am 24. Oktober 2012 wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin mit einem feierlichen Eröffnungsakt der deutschen Öffentlichkeit übergeben. Es steht im Zentrum Berlins zwischen dem Reichstag und dem Brandenburger Tor. Über 67 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus kommt diesem Ort eine mehrfache Bedeutung zu: einerseits hält es die Erinnerung an den jahrzehntelang verdrängten Völkermord an den 500 000 Sinti und Roma wach. Andererseits ist es ein symbolisches Bekenntnis der deutschen Politik und Gesellschaft, ihre aus dem Holocaust resultierende historische Verantwortung gegenüber den heute in Europa lebenden zwölf Millionen Sinti und Roma wahrzunehmen. Die künstlerisch anspruchsvolle Herausforderung, dies umzusetzen, ist dem renommierten israelischen Künstler Dani Karavan in beeindruckender Weise gelungen. Er hat dafür nicht nur bei den Sinti und Roma, sondern allgemein große Anerkennung und Würdigung gefunden. Zur Einweihung kamen über 1000 internationale Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur, darunter über 140 Überlebende des Holocaust. Medien aus aller Welt berichteten über dieses für unsere Minderheit so wichtige Ereignis. Impressionen von diesem Tag und von unserer begleitenden Veranstaltungswoche finden sich in der Rubrik Fokus. (Silvio Peritore)

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Romani Rose spricht bei der feierlichen Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin | © Jens Jeske

„Das Denkmal versinnbildlicht die Verantwortung, Gegenwart und Zukunft menschlicher zu gestalten als die Vergangenheit“ – Romani Rose. | © Jens Jeske

Über 1000 internationale Gäste kamen zum Simsonweg zwischen Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude und wohnten der Eröffnung bei; Medien aus aller Welt berichteten | © Jens Jeske


Fokus

Am 19. Oktober 2012 eröffnete Romani Rose in der Topographie des Terrors die Ausstellung „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe“ des Dokumentations- und Kulturzentrums und damit die einwöchige Veranstaltungsreihe „DENKMAL WEITER – Sinti und Roma Kulturveranstaltungen zur Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin“, die das Dokumentations- und Kulturzentrum und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit vielen Partnern um die Einweihung des Denkmals realisierten. | © Jens Jeske

Dazu gehörten auch zwei Gastspiele des Theater und Orchester Heidelberg und ein Gastspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Am 20. Oktober zeigte das Heidelberger Theater Dirk Lauckes Stück „Einigkeit und ...“ im Theater Aufbau Kreuzberg und am 21. Oktober „Elses Geschichte“ nach dem Kinderbuch von Michail Krausnick im Grips Theater. Hier sind Karen Dahmen, Nicole Averkamp, Olaf Weißenberg und Volker Muthmann in Dirk Lauckes Stück zu sehen. Regie führte Tobias Rausch. Am 23.10. führte das Badische Staatstheater Rike Reinigers Stück „Zigeuner-Boxer“ über den Sinto-Boxer Johann Trollmann im Maxim Gorki Theater auf. | © Jens Jeske


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Zur Sache ging’s mit Oswald Marschall und seinen Jungs im Kreuzberger Johann Trollmann Boxcamp, in dem auch schon der ehemalige Deutsche Meister Johann „Rukeli“ Trollmann in den Dreißigern trainiert hat. In knüppelharten Schaukämpfen heizten die Amateure dem Publikum ein, bevor der Journalist Roger Repplinger aus seiner Doppelbiographie „Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder“ las. | © Jens Jeske

Besonders freuten wir uns, dass der Holocaust-Überlebende Reinhard Florian bei der Lesung aus seiner neu erschienenen Biographie „Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen! Das Überleben eines deutschen Sinto“ (s. Rubrik Publikationen) anwesend sein konnte. Aus dem Buch las im Ort der Information der Schauspieler Robert Gallinowski. | © Jens Jeske

Der niederländische Sinto und Holocaust-Überlebende Zoni Weisz gibt der Deutschen Welle ein Interview. Das internationale Medienecho war überwältigend. Unter anderem erschienen ausführliche Artikel in der New York Times, der International Herald Tribune, dem Guardian und Le Monde. Auch die BBC, das Norwegische Fernsehen und viele osteuropäische Sender brachten Beiträge. | © Jens Jeske

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Dann war es endlich so weit: Am 24. Oktober weiht Bundeskanzlerin Angela Merkel das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas ein. Anwesend waren über 100 Überlebende, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, über 1000 weitere Gäste sowie Medien aus aller Welt. | © Bundesregierung / Jesco Denzel

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Der israelische Künstler Dani Karavan entwarf und baute das Denkmal. Er wollte einen „kleinen, unscheinbaren Platz schaffen, der sich dem Lärm der Großstadt entzieht. Ein Ort innerer Anteilnahme, ein Ort, den Schmerz zu fühlen, sich zu erinnern und die Vernichtung der Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Regime niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.“ Begleitet wird diese Erinnerung durch das Gedicht „Auschwitz“ von Santino Spinelli und „dem Klang einer einsamen Geige allein geblieben von der gemordeten Melodie, schwebend im Schmerz“, so Karavan. Den Klang spielte Romeo Franz ein. | © Jens Jeske

Das Denkmal des Künstlers Dani Karavan besteht aus einem runden Wasser mit einem versenkbaren Stein, auf dem täglich eine frische Blume liegt. Um das Bassin ist Santino Spinellis Gedicht „Auschwitz“ eingelassen. Der Geigenton von Romeo Franz klingt aus den Bäumen, die den Platz am Simsonweg zwischen Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude säumen. Darüber hinaus informiert die „Chronologie des Terrors“ auf Tafeln über den NS-Völkermord an den Sinti und Roma. Das Denkmal ist Tag und Nacht frei zugänglich. | © Jens Jeske

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Die junge Sintezza Messina Weiß legt die erste Blume, einen Eisenhut, auf den Stein im Wasser nieder. Noch zu sehen sind hier von links: Frau Schadt mit Bundespräsident Joachim Gauck, dahinter Bundestagspräsident Norbert Lammert, daneben Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Romani Rose, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Reinhard Florian. Die Blume ist „Symbol des Lebens, der Trauer und der Erinnerung an den Völkermord“. | © Jens Jeske

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Am 24. Oktober abends klang die Woche mit einem Konzert von Ferenc Snétberger, dem Kammerorchester „Concerto Budapest“ unter der Leitung von András Keller sowie Schülerinnen und Schülern des Snétberger Music Talent Centers im Allianz Forum am Pariser Platz aus. | © Jens Jeske

Zitat

Dieses Denkmal mitten in Berlin erinnert an das unsägliche Unrecht, das den vielen Hunderttausend Sinti und Roma widerfuhr. [...] Im ehrenden Gedenken der Opfer liegt immer auch ein Versprechen. So verstehe ich auch unseren Auftrag zum Schutz von Minderheiten heute nicht nur im Blick auf die Schrecken der Vergangenheit, sondern als Auftrag für heute und für morgen. [...] Die Geschichte von Minderheiten, ihre Kulturen, ihre Sprachen – sie sind eine Bereicherung der Vielfalt Deutschlands. Diese Vielfalt macht unser Land lebenswert und liebenswert. Doch reden wir nicht drumherum: Sinti und Roma leiden auch heute oftmals unter Ausgrenzung, unter Ablehnung. [...] Sinti und Roma müssen auch heute um ihre Rechte kämpfen. Deshalb ist es eine deutsche und eine europäische Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, wo auch immer und innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer sie leben. (Bundeskanzlerin Angela Merkel)

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Auschwitz

Auschwitz

Auschwitz

Muj sˇukkó, kjá kalé vusˇt sˇurdé; kwit. Jiló cˇindó bi dox, bi lav, nikt ruvbé.

Drenperdo Mui, phagede Jakha schiel Wuschtia; Pokunipen. Phagedo Dschi kek Ducho, kek Labensa, kek Asvia.

Eingefallenes Gesicht erloschene Augen kalte Lippen Stille ein zerrissenes Herz ohne Atem ohne Worte keine Tränen.

(Originalversion)

(Sinti-Romanes)

(Deutsch)

Das Rahmenprogramm „DENKMAL WEITER – Sinti und Roma Kulturveranstaltungen zur Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin“ fand statt mit freundlicher Unterstützung von: Manfred Lautenschläger Stiftung | EVZ Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft | Auswärtiges Amt | Volkswagen AG | Allianz Kulturstiftung | DFB-Kulturstiftung Theo Zwanziger | DB Mobility Networks Logistics | Ernst & Young | Sebastian Cobler Stiftung für Bürgerrechte | Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur | Friede Springer, Ulrich Plett und Prof. Carl Hahn Sowie in Kooperation mit: Topographie des Terrors | Galerie Kai Dikhas | Theater Aufbau Kreuzberg | Theater und Orchester Heidelberg | Grips Theater | Wagenbach | Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg | Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden | Maxim Gorki Theater | Badisches Staatstheater | Snétberger Zentrum für Musiktalente | Allianz Kulturstiftung | Manfred Lautenschläger Stiftung | Anne Frank Zentrum | Königreich der Niederlande | sauerbrey | raabe. büro für kulturelle angelegenheiten

Weitere Informationen: www.stiftung-denkmal.de | www.sintiundroma.de | www.denkmal-weiter.de | www.elses-geschichte.de | www.snetbergerkozpont.hu


Interview

❚ „Wir müssen für ein Leben in Würde kämpfen“ Der niederländische Sinto und Holocaust-Überlebende Zoni Weisz spricht über die Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas und die europäische Dimension der Bürgerrechtsarbeit Dokumentations- und Kulturzentrum: Herr Weisz, Sie haben neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, Romani Rose und anderen zur Eröffnung des Denkmals für die im NS ermordeten Sinti und Roma Europas am 24. Oktober 2012 in Berlin gesprochen. Was empfanden Sie als Überlebender des Holocaust dabei? Zoni Weisz: Zunächst habe ich lange überlegt, ob ich es überhaupt machen soll. Vater, Mutter, meine zwei jüngeren Schwestern und mein kleiner Bruder wurden ja von den Nazis ermordet. Und obwohl das mehr als 60 Jahre her ist, träume ich noch heute davon, wie der Zug nach Auschwitz mit ihnen abfährt. Ich stand ja auch am Gleis mit meiner Tante, sah sofort, in welchem Waggon sie waren, weil der blaue Mantel meiner Schwester vor den Gitterstäben des Viehwaggons hing. Noch heute fühle ich den Stoff. Nur mit Hilfe eines niederländischen Polizisten entkamen wir unserem Schicksal. Meine Familie aber starb. Daran dachte ich. Und daran, dass der Holocaust an den Sinti und Roma immer noch ein vergessener Holocaust ist. Deshalb habe

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ich es dann letztlich auch gemacht. Um ein Zeichen zu setzen. Genauso, wie das Romani Rose macht. Für mich als Überlebenden ist es ja eine besondere Ehre, zu diesem Anlass zu reden – stellvertretend für die Hunderttausenden von Sinti und Roma, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen. Was ich empfand, ist schwer zu sagen. Ich war, ich glaube, alle waren bewegt. Aber auf der anderen Seite sage ich auch heute noch: Eine halbe Million Sinti und Roma wurden im Holocaust ermordet und nichts oder fast nichts hat die Gesellschaft daraus gelernt. Dokuz: Sie kommen aus den Niederlanden.1972 wurde in Heidelberg der Sinto Anton Lehmann von einem Polizisten erschossen. Für die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma war das ein Schlüsselereignis. Nun wurde in Berlin das Denkmal errichtet – ein wesentliches Ziel dieser Bewegung. Gibt es in Ihrem Heimatland vergleichbares? Zoni Weisz: Nein. Was Romani Rose und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geleistet haben und immer noch leisten ist einzigartig und auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zu sehen. Deutschland hat sich zwar offen mit seiner Geschichte auseinandergesetzt, umso erstaunlicher ist es, dass der Holocaust an den Sinti und Roma lange Zeit geleugnet und erst so spät anerkannt wurde. Das ist allein der Verdienst Romani Roses und des Zentralrats. Sie haben für ein Leben in Würde gekämpft und tun


„Nichts, fast nichts, hat die Gesellschaft aus dem Holocaust gelernt, sonst würde man jetzt auf andere Art und Weise mit uns umgehen“ – Zoni Weisz im Gespräch | © Jens Jeske

dies noch. In den Niederlanden gab es früher nicht wirklich den Bedarf nach einer Interessenvertretung wie das hier der Fall war. Leider gibt es immer noch keine, auch wenn der Bedarf jetzt da wäre. Aber dass hier in Berlin jetzt dieses Denkmal steht, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Niederlande und andere Länder. Denn die Nazis haben ja in beinahe ganz Europa gemordet. Persönlich bin ich als jemand, der seine Familie verloren hat, natürlich dankbar, dass es solch einen Ort des Erinnerns gibt. Leider ist es für viele Überlebende der Nazi-Schrecken und ihre Familien inzwischen zu spät. Dennoch: dieses Denkmal ist in meinen Augen eine spürbare Anerkennung für das von unserem Volk durchlittene, unfassbare Leid. Dokuz: Aber? Zoni Weisz: Aber die Arbeit des Zentralrats und anderer Interessensvertretungen hat nichts an Brisanz verloren. Unsere Minderheit ist in ihren europäischen Heimatländern immer noch nicht gleichberechtigt. Wir werden immer noch diskriminiert, ausgegrenzt, beschimpft und sogar ermordet! Deshalb ist es existentiell, dass die Arbeit weiter geht, sich weiter internationalisiert, noch einflussreicher wird. Wir alle haben die Aufgabe, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Minderheiten in Frieden und Sicherheit leben können. Ich hoffe, dass jeder – ungeachtet seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion – gleiche Rechte und gleiche Chancen bekommt. Und dass diese Rechte in der Praxis auch

anerkannt und ausgeführt werden. Das Denkmal ist kein Schlusspunkt, sondern der Ausgangspunkt für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Holocaust an den Sinti und Roma, für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren gemeinsamen europäischen Werten, im Kern: den Menschenrechten. Wir Überlebende würden uns sehr wünschen, dass der Zentralrat, als Initiator des Denkmals, baldmöglichst eine eigene Repräsentanz in Berlin erhält, um den Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen, noch wirkungsvoller begegnen zu können. Dokuz: Herr Weisz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Der niederländische Sinto Zoni Weisz musste als siebenjähriger Junge mit ansehen, wie seine Familie nach Auschwitz verschleppt wurde. Nur durch einen Zufall überlebte er den NS-Terror und baute sich danach eine erfolgreiche Karriere als Florist auf. Unter anderem entwarf er Blumendekorationen für die Krönungsfeier der niederländischen Königin Beatrix und die Hochzeit des Kronprinzen WillemAlexander sowie für die Festveranstaltung „50 Jahre Deutscher Bundestag“. Im Bundestag sprach er auch als erster Vertreter seiner Minderheit überhaupt zur Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2011. Bei der Eröffnung des Denkmals für die im NS ermordeten Sinti und Roma Europas am 24. Oktober 2012 in Berlin sprach er als Repräsentant der Überlebenden. Die Fragen stellte Armin Ulm.

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Panorama

❚ Wir nehmen Abschied von Luise Bäcker, Franz Rosenbach, Walter Winter, Wilhelm Spindler und Arno Lustiger

Mit Luise Bäcker, Franz Rosenbach, Walter Winter und Wilhelm Spindler verlieren die deutschen Sinti und Roma wichtige Zeugen des nationalsozialistischen Völkermords, die ihr Leben in den Dienst des Erinnerns gestellt haben. Luise Bäcker starb am 23. September 2012 in Biedenkopf (Hessen), dem Ort, in dem sie 1931 geboren und von wo aus sie am 8. März 1943 zusammen mit ihren Eltern und elf Geschwistern in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden war. Während Luise Bäcker auf einen Häftlingstransport in das Konzentrationslager Ravensbrück kam, wurden ihre Eltern und drei ihrer Geschwister in der Nacht vom 2. auf den 3. August bei der „Liquidierung“ des „Zigeunerlagers“ Auschwitz-Birkenaus in den Gaskammern ermordet. Mauthausen und Ravensbrück waren weitere Stationen ihres Leidensweges. Fast alle ihre Angehörigen fielen dem Holocaust zum Opfer. Luise Bäcker nahm bis ins hohe Alter an Gedenkfahrten teil und suchte insbesondere den Kontakt mit der jungen Generation, um ihre Erfahrungen weiterzugeben: nie im Sinne einer Anklage, sondern im Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung. Besonders die Verbindung zu Polen war ihr wichtig, dort traf sie in Krakau oder in der Gedenkstätte

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Luise Bäcker, Franz Rosenbach, Walter Winter, Wilhelm Spindler | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Auschwitz mit Jugendlichen aus Polen, der Ukraine, Russland und Deutschland zusammen. Wenige Monate vor ihrem Tod wurde Luise Bäcker für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zuletzt sprach sie am 2. August 2010 bei einer Gedenkveranstaltung in Auschwitz-Birkenau. Sie beklagte damals, dass das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas nicht fertiggestellt werde.

Abschied nehmen mussten wir auch von Franz Rosenbach, der am 7. Oktober 2012 in Nürnberg verstarb. Im Frühjahr 1943 wurde der damals 15-jährige zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der letzten Selektion am 2. August 1944 im Lagerabschnitt B II e, dem sogenannten Zigeunerlager, stufte ihn die SS als „arbeitsfähig“ ein; er kam auf einen Transport in das Konzentrationslager Buchenwald. Später wurde er nach Mittelbau-Dora verlegt, wo er in unterirdischen Stollen Zwangsarbeit leisten musste. Bis auf zwei Schwestern fielen alle Angehörigen aus seiner Familie dem Holocaust zum Opfer. Nach seiner Befreiung 1945 musste Franz Rosenbach lange um die Anerkennung als Opfer des Holocaust kämpfen. Erst nach Jahrzehnten


wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihm die Nazis geraubt hatten, wieder zuerkannt. Franz Rosenbach begleitete über viele Jahre Delegationen von Überlebenden zu Gedenkveranstaltungen im In- und Ausland. Regelmäßig berichtete er in Schulen und Universitäten über sein Schicksal. Besonders in der Gedenkstätte Auschwitz traf er alljährlich mit jungen Menschen aus Deutschland und aus anderen Ländern zusammen. In seinen 2005 erschienenen Erinnerungen begründete er sein Engagement so: „Damit die Nachkommen wissen, was uns alles passiert ist. Ja, das habe ich jetzt zu meiner Aufgabe gemacht, und ich werde es tun, solange mir Gott das Auge offen hält.“ Sein jahrzehntelanges Eintreten für die Sinti und Roma – etwa als Gründungs- und Vorstandsmitglied des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Bayern – wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, unter anderem mit der Bayerischen Verfassungsmedaille und dem Bundesverdienstkreuz. Walter Winter verstarb am 19. November 2012 mit 93 Jahren in seiner Heimatstadt Hamburg. Wie er in seinen Erinnerungen schildert, wurde er als junger Marinesoldat aus der Armee ausgeschlossen: aus „rassepolitischen

Gründen“, wie es offiziell hieß. Wenig später, im Frühjahr 1943, wurde er verhaftet und kam zusammen mit seinen Angehörigen auf einen Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Walter Winter gehörte zu den vormaligen Soldaten aus den Reihen der Sinti und Roma, die den Versuch, das „Zigeunerlager“ am 16. Mai 1944 aufzulösen, durch ihren Widerstand verhindern konnten. Als die SS an diesem Tag versuchte, die Insassen dieses Lagerabschnitts in den Gaskammern zu ermorden, verbarrikadierten sich die Häftlinge, mit Werkzeugen provisorisch bewaffnet, in den Baracken, so dass die SS-Männer die Aktion schließlich abbrachen. Walter Winter wurde kurz darauf in das Männerlager im KZ Ravensbrück verlegt, gegen Kriegsende kam er nach Sachsenhausen. Die meisten Angehörigen seiner Familie kehrten nicht aus den Lagern zurück. Auch Walter Winter war es stets ein wichtiges Anliegen, seine Geschichte an die jüngere Generation weiterzugeben. In Schulen und Universitäten, aber ebenso im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma berichtete er bis ins hohe Alter über seine erlittene Verfolgung. Seine 2009 von Karin Guth unter dem Titel„Z-3105: Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust“ publizierten Erinnerungen sind ein bleibendes Vermächtnis.

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Der Ehrenvorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Wilhelm Spindler, verstarb am 12. Januar 2013 in Freiburg. Geboren wurde er am 16. April 1923 und überlebte die Verfolgungsmaßnahmen und gewalttätigen Übergriffe durch die Nationalsozialisten. Wilhelm Spindler war der Mitbegründer der „Sinti Union Freiburg“ und gehörte zu den Bürgerrechtsaktivisten der ersten Stunde, die im Jahre 1982 den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gründeten. Seit dem war er dessen Stellvertretender Vorsitzender bis zum Jahre 2010, bis er aus gesundheitlichen Gründen das Amt abgab und die Mitglieder des Zentralrats ihn zu seinem ersten Ehrenvorsitzenden wählten. Im Zentralrat gehörte er auch dem Beirat der Holocaust-Überlebenden an. Wilhelm Spindler musste als Kind und Jugendlicher den Abtransport vieler seiner engsten Verwandten miterleben und zusehen, wie seine zwei Schwestern nach Auschwitz deportiert wurden. Während der Verfolgung erlitt er schwere körperliche und seelische Wunden. Dennoch war ihm als Zeitzeuge die Aussöhnung immer ein großes Anliegen, und er sah es als seine Aufgabe an, die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Für sein jahrzehntelanges Eintreten für die Sinti und Roma sollte er jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden, konnte die Überreichung des Ordens aber nicht mehr erleben. Wir haben einen unermüdlichen Mitkämpfer, einfühlsamen Ratgeber und großen Freund verloren.

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Luise Bäcker, Franz Rosenbach, Walter Winter und Wilhelm Spindler haben sich unermüdlich für die Realisierung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma eingesetzt. Romani Rose würdigte sie als große Persönlichkeiten, die die Verantwortung vor der deutschen Geschichte eingefordert und sich immer wieder gegen das Vergessen gewandt hätten. Erinnern wollen wir an dieser Stelle auch an Arno Lustiger, der bereits am 15. Mai 2012 in Frankfurt am Main verstarb. 1924 als Kind polnischer Juden geboren, überlebte er unter anderem die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Nach dem Ende der Nazi-Barbarei lebte Arno Lustiger in Frankfurt am Main, wo er die jüdische Gemeinde mit begründete. Er leitete ein eigenes Unternehmen und trat darüber hinaus als Autor bedeutender historischer Werke hervor. Ein besonderes Anliegen war ihm die Erforschung des jüdischen Widerstands in der Zeit des Nationalsozialismus. Auch Helfern von verfolgten Juden hat er ein eigenes Buch gewidmet. Arno Lustiger war mehrfach zu öffentlichen Vorträgen in unserem Zentrum zu Gast. Darüber hinaus verband ihn mit Romani Rose eine persönliche Freundschaft. Mit Arno Lustiger verlieren wir einen engen Freund und Mitstreiter, der in seinen Schriften und Reden immer wieder für Sinti und Roma Partei ergriffen hat. (Frank Reuter)


Weihbischof Norbert Werbs, Romani Rose, ehemalige Schwestern des Heims und Minister Mathias Brodkorb weihen die Gedenktafel in Neustrelitz ein | © Dokumentations- und Kulturzentrum

❚ Gedenktafel für deportierte Sinti-Kinder in Neustrelitz eingeweiht

Am 11. Juni 2012 wurde in Neustrelitz unter großer Beteiligung der Einwohnerschaft eine Gedenktafel für fünf im Nationalsozialismus deportierte Sinti-Kinder eingeweiht. Die Kinder waren am 8. März 1943 aus dem katholischen Kinderheim abgeholt und wenig später mit ihren Angehörigen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Den Abtransport der Kinder hatte ein Kaplan namens Heinrich Kottmann heimlich vom ersten Stockwerk des Kinderheims durch die Fensterscheibe aufgenommen (wir berichteten). Kottmanns Photo ist gemeinsam mit den Namen der Kinder, die allesamt dem Völkermord zum Opfer fielen, auf der Gedenktafel zu sehen. Diese ist an der Außenwand des zentral gelegenen Gebäudes angebracht, das auch heute noch als Kinderheim dient. Zum Einweihungsfestakt war unter anderem der katholische Weihbischof Norbert Werbs und Mathias Brodkorb, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in

Mecklenburg-Vorpommern, nach Neustrelitz gekommen. In seiner Ansprache würdigte Romani Rose insbesondere das Engagement der Initiatoren: Eine lebendige Zivilgesellschaft brauche Bürgerinnen und Bürger, die sich vor Ort für die demokratischen Werte einsetzen. Darüber hinaus erinnerte Rose an Kaplan Kottmann, dessen Photographien die letzten Zeugnisse der ermordeten Kinder sind. Er gehört nach Roses Worten zu den Menschen mit Gewissen und aufrechtem Gang, die uns vorgemacht haben, was Mut und Solidarität für eine menschenwürdige Welt bedeuten. Presse und NDR-Fernsehen haben ausführlich über die Einweihung und die historischen Hintergründe berichtet. In der letzten Ausgabe der „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland“ (erschienen in der Edition Temmen) hat Frank Reuter, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Dokumentations- und Kulturzentrum, das Schicksal der Neustrelitzer Sinti-Kinder anhand der Täterakten rekonstruiert und in den Kontext der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Sinti und Roma gestellt. (Frank Reuter)

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2. August in Polen – am nationalen Gedenktag des Holocaust an den Sinti und Roma ehren die Überlebenden und Jugendlichen die Toten | © Dokumentations- und Kulturzentrum

❚ Jugendliche begegnen Auschwitz

„Auf den Gleisen dort sind die Häftlinge angekommen“ – schon vor der Einfahrt auf das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz werden 16 Jugendliche, unter ihnen sowohl Roma als auch Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, mit der Vergangenheit dieses Ortes konfrontiert. Für einige unter ihnen ist dies nicht nur eine realistische Erfahrung von Geschichte, sondern eine Reise in die ganz persönliche Vergangenheit. Sie sind berührt, „den Ort zu sehen, an dem Vorfahren gestorben sind“. Alljährlich fahren das Dokumentations- und Kulturzentrum und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Anfang August mit Überlebenden des Holocaust, Angehörigen und Jugendlichen aus der Mehrheitsgesellschaft in die Gedenkstätte Auschwitz, um den Verstorbenen zu gedenken, sich auszutauschen und zu lernen. „Das Geschehene niemals zu vergessen“ ist der Auftrag, den die Jugendlichen im Gästebuch der Ausstellung über die durch die Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma auf dem

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Gelände des ehemaligen Stammlagers hinterlassen. Auschwitz-Birkenau, wo in der Nacht vom 2. August 1944 2900 Sinti und Roma aus dem sogenannten Zigeunerlager in den Gaskammern getötet wurden, ist auch der Ort der offiziellen Gedenkveranstaltung. Ein Anlass, an dem die Betroffenen Abschied von ihren Verwandten nehmen. Das Geschehene greifbar macht der Zeitzeugenbericht des niederländischen Sinto Zoni Weisz, der als damals Siebenjähriger mit Hilfe eines Polizisten der Deportation nach Auschwitz entkommen konnte. „Wenn ich meinen Hut abnehme, dann müsst ihr rennen“, war der Satz, der ihm das Leben rettete. Hass auf Deutsche, so erfahren die Teilnehmer, kann Weisz nicht empfinden. Er unterscheidet grundlegend zwischen Rassisten und Nicht-Rassisten. Beide gäbe es in jedem Land dieser Erde. „Die Reise hat mich geprägt, weil das größer war als ich gedacht habe“, „… weil das Gesehene in der Gruppe sofort besprochen wurde“ – diese Zitate zeigen, dass die Reise tiefe Eindrücke bei den Jugendlichen hinterlassen hat. Ihre


ganz persönlichen Empfindungen und Gedanken aus der Woche dokumentierten sie unmittelbar während des Besuchs mittels Photos und Videos. Diese wurden zum Abschluss unter der Anleitung des Medienpädagogen Stefan Mayr zu kurzen Filmen und Präsentationen zusammengefügt, die die Sichtweise der Teilnehmenden auf ihre Erlebnisse widerspiegeln. (Jonathan Prunzel) Weitere Informationen:

www.auschwitz.org | www.sintiundroma.de

❚ Schleswig-Holstein nimmt als erstes Bundesland die deutschen Sinti und Roma als Minderheit in die Landesverfassung auf – europaweites Signal für Minderheitenschutz von Sinti und Roma

Am 14. November 2012 beschloss der Schleswig-Holsteinische Landtag in Kiel einstimmig die Aufnahme der deutschen Sinti und Roma in den Minderheitenschutz-Artikel 5 der Schleswig-Holsteinischen Landesverfassung. Der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose, war dabei anwesend. Mit der erstmaligen Verankerung des Anspruchs auf Schutz und Förderung für die Minderheit der Sinti und Roma in einer Verfassung setzte das Land Schleswig-Holstein ein Zei-

chen für die Minderheitenpolitik in ganz Europa. Unter dem Eindruck der für die Minderheit der Sinti und Roma als historisch empfundenen Einweihung des Denkmals beim Reichstag in Berlin ist dies ein zweiter großer Schritt für eine gleichberechtigte Anerkennung der Minderheit als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Der Staat bekennt sich damit auch zu seiner besonderen Verantwortung nach dem Holocaust gegenüber Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten hier beheimatet sind. Angesichts des gewaltbereiten Rassismus in vielen Ländern Süd- und Osteuropas gibt Schleswig-Holstein damit ein Signal an diese Staaten, sich zu den bei ihnen beheimaten Roma-Minderheiten zu bekennen und sie vor rechtsextremen Angriffen sowie alltäglichem Rassismus zu schützen. Damit wird auch an ihre Verpflichtung erinnert, der Roma-Bevölkerung in ihren Ländern ein Mindestmaß an Lebensmöglichkeiten zu garantieren. Aufgrund der Initiative des Zentralrats und des SchleswigHolsteinischen Landesverbands hatte schon im Februar 1998 Ministerpräsidentin Heide Simonis eine Gesetzesvorlage für eine entsprechende Verfassungsergänzung unterbreitet. Trotz der eindeutigen Empfehlung des eingerichteten Sonderausschusses „Verfassungsreform“ scheiterte der Antrag im Landtag damals an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit. Der Zentralrat bewertet es als großen Erfolg der Bürgerrechtsarbeit und der Selbstorganisationen der Minderheit, dass es jetzt zu dieser wichtigen politischen Entscheidung gekommen ist. (Arnold Roßberg)

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Antiziganismus

❚ Internationales Wiederaufbauprojekt in Ungarn abgeschlossen

Im September 2012 wurde mit der feierlichen Übergabe des letzten fertig gestellten Hauses das internationale Wiederaufbauprojekt abgeschlossen, das der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Kooperation mit dem Internationalen Bauorden und der ungarischen Roma-Nichtregierungsorganisation Phralipe in den Jahren 2010 bis 2012 in mehreren ungarischen Ortschaften realisiert hat. Das Projekt richtete sich an diejenigen Roma-Familien, deren Angehörige in den Jahren 2008 und 2009 Opfer einer rassistisch motivierten Mordserie geworden und deren Häuser bei den dabei verübten Brandanschlägen entweder stark beschädigt oder vollständig zerstört worden waren. Diese Mordserie allein forderte insgesamt sechs Tote. Darunter war auch ein fünfjähriger Junge, der zusammen mit seinem Vater erschossen wurde, als dieser versuchte, mit seinen Kindern aus dem brennenden Haus zu fliehen. Fünf weitere Personen wurden schwer verletzt, auch darunter ein Kind. (Quellen: European Roma Rights Center / Magyar Távirati Iroda)

Das Wiederaufbauprojekt sah vor, für die Familien der Mordopfer angemessene Wohnverhältnisse zu schaffen, die zerstörten Häuser wieder aufzubauen und beschädigte Gebäude zu renovieren. Durch die Beteiligung von Freiwilligen aus ganz Europa sollte mit dem Projekt ein Zeichen der Solidarität mit den Familien gesetzt und deutlich gemacht

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werden, dass derartige rassistische Morde und Anschläge nicht toleriert werden. Die jungen Menschen, die sich als Freiwillige an den teils mehrwöchigen Bauarbeiten beteiligten, kamen unter anderem aus Bulgarien, Ungarn, Belgien, Japan, Deutschland und den Niederlanden. Verwandte und Bekannte der betroffenen Familien haben sich ihren Möglichkeiten entsprechend in vielen Fällen ebenfalls tatkräftig an den Bauarbeiten beteiligt. Insgesamt konnten auf diese Weise zwölf Häuser neu aufgebaut beziehungsweise instand gesetzt werden. Die Anschubfinanzierung für das Projekt erfolgte über die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). Die Wiederaufbaumaßnahmen selbst wurden durch finanzielle Zuwendungen der ungarischen Regierung, die insgesamt acht Millionen Ungarische Forint (ca. 30 000 Euro) zur Verfügung stellte, sowie durch Spenden von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen ermöglicht. Insbesondere im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit unterstützten Theo Zwanziger und der Deutsche Fußballbund (DFB) die Initiative. Die mit dem Fußball-Länderspiel Ungarn-Deutschland am 29. Mai 2010 verbundene Medienöffentlichkeit nutzte der DFB, um ein klares Zeichen gegen Rassismus und für die Solidarität mit den Angehörigen der Mordopfer zu setzen. Einige der von den Anschlägen betroffenen Familien wurden als Ehrengäste zu dem Spiel


2010 besuchte der erste Vizepräsident des Deutschen Fußballbunds, Hermann Korfmacher, zusammen mit dem Zentralrat und der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Petra Pau, sowie der deutschen Botschafterin, Dorothee Janetzke-Wenzel, das Dorf Tatárszentgyörgy, in dem eines der Bauprojekte stattfand | © Zentralrat

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September 2012 wurde das Wiederaufbauprojekt abgeschlossen, das der Zentralrat, der Internationale Bauorden und die ungarische Roma-NRO Phralipe von 2010 bis 2012 in Ungarn gemeinsam realisierten | © Zentralrat

eingeladen. Im Vorfeld des Länderspiels besuchte eine Delegation des DFB zusammen mit dem Zentralrat sowie der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, und der deutschen Botschafterin, Dorothee JanetzkeWenzel, das Dorf Tatárszentgyörgy, in dem eines der Bauprojekte stattfand. Die Delegation informierte sich über die Renovierungsarbeiten, der DFB übergab der örtlichen Fußballmannschaft Fußbälle und Trikots. Das Wiederaufbauprojekt sollte in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Roma-Selbstverwaltungen und den Kommunen erfolgen, deren Unterstützung in Form von Bereitstellung der Arbeitsgeräte und dem Abtransport des Bauschutts unerlässlich war. Während die Zusammenarbeit mit den Roma-Selbstverwaltungen problemlos verlief, gestaltete sich die Einbeziehung der Kommunen teilweise schwierig. Einzelne Bürgermeister standen dem Vorhaben anfangs skeptisch bis ablehnend gegenüber. Nicht zuletzt als Ergebnis intensiver Bemühungen unserer ungarischen Partnerorganisation Phralipe konnte diese ablehnende Haltung in den meisten Fällen aufgebrochen und die Kooperation mit den lokalen Vertretungen erreicht werden.

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Beispielhaft war dies in der Ortschaft Tatárszentgyörgy, wo im Rahmen des Projektes erstmals ein direkter Kontakt zwischen der Bürgermeisterin und den Hinterbliebenen der Mordopfer hergestellt wurde, die von der Bürgermeisterin in ihrem Haus besucht wurden. Das Wiederaufbauprojekt hat demnach – wenigstens zum Teil – auch den öffentlichen Umgang mit den Familien verändert, deren Angehörige bei den Anschlägen ums Leben gekommen sind. Die anfangs wenig kooperative Haltung der Gemeinden dokumentiert den insgesamt schwierigen Umgang der ungarischen Öffentlichkeit mit dieser Mordserie. In Ungarn gibt es in weiten Teilen der Gesellschaft einen tiefgehenden Rassismus gegenüber Roma, der sich in der Ausgrenzung der Minderheit aus fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens manifestiert. Teile der politischen Elite schüren seit Jahren durch eine gezielt gegen Roma gerichtete Rhetorik ein feindseliges gesellschaftliches Klima und instrumentalisieren soziale Spannungen zwischen Mehrheit und Minderheit für ihre Zwecke.


Freiwillige aus ganz Europa halfen die zerstörten Häuser wieder aufzubauen | © Zentralrat

Weder die seinerzeitige Regierung Ungarns noch die ungarische Zivilgesellschaft zeigten eine angemessene Reaktion auf die Mordserie und erschwerten dadurch auch auf lokaler Ebene eine Solidarisierung mit den Opfern. Auch unterband die Regierung die zeitgleich mit den Morden stattgefundenen Aufmärsche der rechtsextremen „Ungarischen Garde“ und anderer paramilitärischer Vereinigungen durch Dörfer mit hohem Roma-Anteil nicht konsequent. Damit verantwortete sie zumindest indirekt die dadurch entstandene Pogromstimmung. Hinzu kam, dass bis zur Ergreifung der aus dem rechtsextremen Milieu stammenden Täter im Jahre 2009 die Strafverfolgungsbehörden – ähnlich wie bei den Morden der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle in Deutschland – primär im Umfeld der Opfer ermittelten und einen rassistischen Hintergrund der Taten nicht in Erwägung zogen. Die Morde sind insofern im Kontext einer komplexen gesellschaftlichen Gemengelage zu sehen. Die Aufarbeitung ihrer Ursachen ist eine – bis heute nicht in Angriff genommene – gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Der Prozess gegen sie läuft seit März letzten Jahres. Allerdings wurde das Verfahren immer wieder vertagt. Der Zentralrat hat daher in einem Schreiben an die ungarische Regierung den zügigen Abschluss des Verfahrens gefordert. Das kommende Urteil muss der ungarischen Öffentlichkeit klar signalisieren, dass die Roma vor rassistisch motivierten Angriffen und Bedrohungen geschützt und die Täter konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Dass der Prozess nicht weiter verschleppt wird, ist man vor allem den schwer traumatisierten Angehörigen der Mordopfer schuldig. (Jara Kehl)

Im August 2009 wurden vier Männer, denen die Morde angelastet werden, festgenommen und vor Gericht gestellt.

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Antiziganismus Newess 1 | 13

❚ Paramisa – der Photograph Rogier Fokke zeigt außergewöhnliche Porträts

In seiner Reihe Paramisa porträtiert der niederländische Photograph Rogier Fokke Sinti und Roma aus ganz Europa. Sie alle verbindet eines: als Minderheit geraten sie kaum in den Blickwinkel der Mehrheitsbevölkerung. Fokke möchte diesen Blickwinkel erweitern. Indem er die Geschichten erzählt, die in jedem Gesicht liegen. Die Resultate entwaffnen durch ihre große Intensität und Nähe und widersprechen in ihrer würdevollen und sensiblen Ästhetik jeder stereotypen Darstellungsweise. Hier möchten wir vier Aufnahmen zeigen. Rogier Fokke wurde in Nijmegen geboren. Nach einem Soziologiestudium absolvierte er die „Academie voor Fotografie“ in Haarlem. Seit 1991 photographiert er überall auf der Welt. Weitere Informationen: www.rogierfokke.nl

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Maika Limberger


Tutsi Basily

Lucia Gaszova

Seven Kadrievi 25


Revue

Mit Zipflo Weinrich (rechts) spielte einer der besten Jazzgeiger Europas mit seiner Band bei uns | Š Dokumentations- und Kulturzentrum

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Die Wienerin Barbara Tiefenbacher referierte auf unserer Tagung zum Thema Antiziganismus im November – neben theoretischen Betrachtungen über den Begriff Antiziganismus oder über „Zigeunerbilder“ standen einzelne europäische Länder, aber auch die Tsiganologie im Fokus. Der Tagungsband erscheint dieses Jahr | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Auch der Historiker Wolfgang Wippermann war bei der Tagung zu Gast – gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte, der Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Soziologie, der Linguistik und Literaturwissenschaft sowie der Geographie | © Dokumentations- und Kulturzentrum

❚ In eigener Sache

❚ Unsere Highlights im Spätjahr

Informationen zu unseren Veranstaltungen finden Sie in der Presse, also in der RNZ, dem Mannheimer Morgen, Meier online, Heidelberg aktuell, Heidelberg Marketing, Stadtblatt etc., auf unserer Internetseite www.sintiundroma.de, auf www.facebook.com/sintiundroma und bei Twitter: sintiund romaDE, auf Plakaten in Heidelberg und gegebenenfalls auch in Mannheim, oder Sie bekommen sie per Email oder per Post.

Mit der Verleihung des Europäischen Bürgerrechtspreises der Sinti und Roma im April und der Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie des einwöchigen Rahmenprogramms „Denkmal Weiter“ im Oktober 2012 standen letztes Jahr zwei Mammutprojekte an, beide in Berlin. Dennoch boten wir das ganze Jahr über auch in Heidelberg spannende Veranstaltungen an. Im November richteten wir sogar eine wissenschaftliche Tagung zum Thema Antiziganismus im Dokumentations- und Kulturzentrum aus.

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Zunächst spielte am 22. September Lulo Reinhardt bei uns. Lulo ist einer der wichtigsten und authentischsten SintiMusiker. Und das liegt sicher nicht allein daran, dass er der Großneffe des weltberühmten Django Reinhardt ist. In Lulos Musik fusionieren unterschiedliche Stile wie Flamenco, Latin und Jazz, denen er einen ganz eigenen Ausdruck verleiht – Lulo Swing eben. Herrlich! Außer bei uns spielte Lulo Reinhardt schon bei vielen Großveranstaltungen wie Rock gegen Rechts, International Cultural Festival Sahara en el Corazón, World Roma Festival Khamoro und vielen mehr. Weitere Informationen: www.lulo-reinhardt-project.de

Im Rahmen der Französischen Woche zeigten wir am 20. Oktober Claude Millers„Un Secret/Ein Geheimnis“. Claude Miller, der Tiefenpsychologe unter Frankreichs großen Autorenfilmern, hat mit „Ein Geheimnis“ eine komplexe und emotional bewegende Erzählung über das dunkle Geheimnis einer jüdischen Familie von der Okkupationszeit bis in die Achtziger inszeniert – überragend gespielt von Cécile de France, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric. Wie immer sind wir hoch erfreut über den großen Zulauf in der Französischen Woche und danken hiermit ausdrücklich Publikum, Veranstalterinnen und Veranstaltern. Wir freuen uns schon auf die diesjährige Woche! Weitere Informationen: www.franzoesische-woche-heidelberg.de

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Am 17. November spielte dann Zipflo Weinrich traditionellen Sinti-Swing. Lancy Falta, der Sohn von Bobby Falta an der Sologitarre, Sohn Buko an der Rhythmusgitarre und Karl Sayer am Bass waren genau die richtigen Musiker, die Zipflo dazu brauchte. Zipflo Weinrich spielte schon mit internationalen Größen wie Barney Kessel, Attila Zoller, Oliver Jackson, Doot Thielemann, Red Mitchell, Philip Chaterine, Stochelo Rosenberg und anderen. Sein unverkennbares Geigenspiel ist geprägt durch den Sinti-Swing, wobei er den musikalischen Bogen über Bebop bis hin zum Modern Jazz spannt. 2001 wurde Zipflo Weinrich von der Stadt Wien zum Künstler des Jahres gekürt, 2008 bei einem großen Jazzfestival in der Slowakei zum besten Jazzgeiger Europas. Wir können seine musikalische Qualität nur bestätigen. Weitere Informationen: www.zipfloweinrich.com

Am 29. und 30. November fand im Dokumentations- und Kulturzentrum in Kooperation mit der Gesellschaft für Antiziganismusforschung und unter der Schirmherrschaft von Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, die interdisziplinäre Tagung Antiziganismus statt. Der Antiziganismus ist ein weit verbreitetes, aber kaum erforschtes Phänomen, das gemeinhin als Bezeichnung für Rassismus gegenüber Sinti und Roma dient. Er ist eines der


wirkmächtigsten Ressentiments in Europa. Das Phänomen ist vielschichtig, die Begrifflichkeit ebenso problematisch und unbestimmt wie der Versuch, das Phänomen inhaltlich zu definieren und in seiner Komplexität theoretisch zu erfassen. Allein die Auswirkungen des Antiziganismus als Vorurteilsstruktur, Ideologie und rassistische Praxis auf die mit dem Stereotyp „Zigeuner“ assoziierten Gruppen sind allzu deutlich und betreffen die tägliche Lebensrealität von Europas größter Minderheit. Dieses Phänomen wurde auf der Tagung aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Stärken und Schwächen des Begriffs wurden beleuchtet sowie Handlungsoptionen aufgezeigt, um dem Antiziganismus künftig wirkungsvoller begegnen zu können. Neben theoretischen Betrachtungen über den Begriff Antiziganismus oder über „Zigeunerbilder“ standen einzelne europäische Länder, aber auch die Tsiganologie im Fokus.

über „Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne“. Franz Alt war von 1972 bis 1992 Leiter und Moderator des politischen Magazins „Report“. Von 1992 bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion Zeitsprung im SWR, seit 1997 das Ma-gazin Querdenker und ab 2000 das Magazin Grenzenlos in 3sat. In seinem Vortrag sprach er über Ressourcenknappheit, den Energiehunger der Industrienationen und den Umstieg auf erneuerbare Energien. Weitere Informationen: www.sonnenseite.com

Vertreterinnen und Vertretern der Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte, der Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Soziologie, der Linguistik und Literaturwissenschaft sowie der Geographie brachten in insgesamt 15 Vorträgen unterschiedlichste Perspektiven zum Ausdruck. Einig waren sich dabei alle: die Antiziganismusforschung muss endlich institutionalisiert werden! Schließlich hielt am 11. Dezember der Journalist, Fernsehmoderator und Buchautor Franz Alt bei uns einen Vortrag

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❚ Veranstaltungen im Dokumentations- und Kulturzentrum

26.2.2013 | 19.30 Uhr | Filmvorführung: Revision Der Dokumentarfilm von Philip Scheffner ist eine filmische Revision. Er rekonstruiert die Umstände, die 1992 zum Tod zweier Männer auf einem Feld nahe der deutsch-polnischen Grenze führten. Mit zunehmend beklemmender Dichte webt Scheffner ein Netz aus Landschaft und Erinnerung, Zeugenaussagen, Akten und Ermittlungen. 1992 entdeckte ein Bauer zwei Körper in einem Getreidefeld in Mecklenburg-Vorpommern. Ermittlungen ergaben, dass es sich bei den Toten um rumänische Staatsbürger handelt. Sie wurden bei dem Versuch, die europäische Außengrenze zu überschreiten, von Jägern erschossen. Diese gaben an, die Menschen mit Wildschweinen verwechselt zu haben. Vier Jahre später begann der Prozess. Welcher der Jäger den tödlichen Schuss abgegeben hatte, ließ sich nie beweisen. Das Urteil: Freispruch. dpa meldete: „Aus Rumänien ist niemand zur Urteilsverkündung angereist.“ In den Akten stehen die Namen und Adressen von Grigore Velcu und Eudache Calderar. Ihre Familien wussten nicht, dass jemals ein Prozess stattgefunden hat. Kinostart war 2012. Weitere Informationen: www.realfictionfilme.de

5.3.2013 | 19.30 Uhr | Ausstellungseröffnung: „Geschichte, Genozid und Gegenwart der Roma und Sinti in Böhmen und Mähren“ Auf 28 Tafeln zeigt die Ausstellung die Geschichte der Roma und Sinti in Tschechien, den Genozid in Böhmen und Mähren und das heutige Miteinander. Acht Biographien von Roma-Persönlichkeiten, ihre positive Einstellung zur Mehrheitsgesellschaft und ihr aktives Wirken für die Volksgruppe der Roma in Tschechien dokumentieren die Gegenwart. Auch die Biographie von Karel Holomek, Gründer des Roma-Museums in Brno (Brünn), des einzigen in Europa, ist zu sehen. Die Ausstellung wurde bereits im Haus der nationalen Minderheiten in Prag gezeigt. Zwei Arbeiten in Holz des Bildhauers Johannes Seelig sind integriert. Bei uns ist sie bis zum 28. März zu sehen.

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21.3.2013 | 19.30 Uhr | Lesung: „Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen! Das Überleben eines deutschen Sinto“. Mit Reinhard Florian und Robert Gallinowski Reinhard Florians Erinnerungen (s. Rubrik Publikationen) bieten Einblicke in die bislang weitgehend unbekannte Verfolgung der ostpreußischen Sinti. Sie erschienen anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in der Schriftenreihe der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Reinhard Florian,1923 geboren,1941 verhaftet, überlebte Deportation und mehrere Lager, Hunger und einen Todesmarsch.

„Die Wirklichkeit, meine ich, das Lagerleben, diese brutale Vergangenheit. Die steckt im Menschen drin. Die geht nicht mehr raus, selbst wenn wir das wollten, und wir wollen es gerne vergessen. Unser Leben wird bestimmt von dieser brutalen Vergangenheit.“ Reinhard Florian Es liest der Schauspieler und Maler Robert Gallinowski. Jana Mechelhoff-Herezi, Mitherausgeberin des Buches und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Romani Rose führen in das Thema ein. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Weitere Informationen: www.stiftung-denkmal.de | www.internationale-wochen-gegen-rassismus.de

17.4.2013 | 19.30 Uhr | Ausstellungseröffnung: „Bedrängte Existenz – Überlebende Roma des NS-Terrors in der Ukraine“ Sechzehn Roma, die die deutsche Gewaltherrschaft in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges überlebten, berichten von ihrem wechselvollen Lebensweg im Krieg, der Nachkriegszeit und über ihren Alltag heute. Die Photographin Birgit Meixner porträtierte im Mai 2012 Roma in der Ukraine, die an Projekten der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) teilhaben. Meixners Porträts sind Momentaufnahmen aus dem Leben einer auch heute noch bedrängten ethnischen Minderheit. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ, Dr. Martin Salm, und Romani Rose werden in das Thema einführen. Die Ausstellung ist bis zum 8. Mai zu sehen. Weitere Informationen: www.stiftung-evz.de


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20.4.2013 | 19 Uhr | Konzert, Film und Führungen im Rahmen der Langen Nacht der Museen: Wawau Adler Zur Langen Nacht der Museen haben wir Jazz-Weltstars geladen: das Wawau Adler Duo swingt gleich zwei Mal, um 20 und 22 Uhr. Um 19 und um 21 Uhr findet jeweils eine Führung durch die Ausstellung zum Holocaust an den Sinti und Roma statt. Den ganzen Abend über ist der Kurzfilm „Blaudes“ zu sehen. Blaudes war Teil des Rahmenprogramms zur Eröffnung des Denkmals für die im NS ermordeten Sinti und Roma Europas vergangenen Oktober in Berlin, mehr darüber findet Ihr in der Rubrik Projekte. Wawau Adler gilt ohne Zweifel als einer der profiliertesten deutschen Gitarristen. Nach Ausflügen in die Weltmusik und den Modern Jazz kam er zurück zu seinen Wurzeln: dem Sinti-Jazz. Schon im Alter von neun Jahren griff er zur Gitarre und studierte Django Reinhardts Aufnahmen. Mit dreizehn Jahren gab er sein erstes Konzert. Heute zählen für den erfolgreichen Virtuosen nicht nur Technik und Schnelligkeit, sondern Swing mit Gefühl und Authentizität. Weitere Informationen: www.langenachtdermuseen.com | www.wawau-adler.de

11.5.2013 | 19.30 Uhr | Eröffnungskonzert: Baschrass In Kooperation mit dem Kulturhaus Karlstorbahnhof Heidelberg und Musique Estetica Records präsentieren wir dieses Jahr zum zweiten Mal die Konzertreihe „Baschrass – Weltmusik der Sinti und Roma“. Baschrass, das heißt „Lasst uns musizieren!“. Bei uns findet das Eröffnungskonzert statt. Unterstützt wird Baschrass von der Manfred Lautenschläger Stiftung. Weitere Informationen: www.karlstorbahnhof.de | www.musiqueestetica.com

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Publikationen

❚ Empfehlenswerte Neuerscheinungen

Karola Fings/ Ulrich F. Opfermann (Hg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945. Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung. Paderborn 2012 Reinhard Florian: Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen! Das Überleben eines deutschen Sinto. Hg. von Jana Mechelhoff-Herezi und Uwe Neumärker. Berlin 2012 (Schriftenreihe der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas) Lith Bahlmann, Moritz Pankok, Matthias Reichelt (Hg.): Das Schwarze Wasser – O Kalo Phani. Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin. Berlin 2012

Der Bewusstseinswandel, der mit Blick auf die Wahrnehmung des nationalsozialistischen Genozids an den Sinti und Roma in den letzten zwanzig Jahren stattfand, spiegelt sich auch in der lokal- und regionalgeschichtlichen Aufarbeitung dieses Verbrechens wider. Vor allem auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens ist eine ganze Reihe einschlägiger, zum Teil hochrangiger Untersuchungen erschienen, oft in Verbund mit den Gedenkstätten vor Ort.

Der von Karola Fings und Ulrich F. Opfermann herausgegebene Sammelband „Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945“ fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen. Dabei geht es auch um den gesellschaftlichen Umgang mit dem Völkermord an den Sinti und Roma nach Kriegsende.

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Insgesamt 18 Ortsbeiträge von Aachen bis Wuppertal zeigen sowohl den systematischen Charakter der von zentralen Instanzen wie dem „Reichssicherheitshauptamt“ ausgehenden Vernichtungspolitik auf wie auch den Einfluss lokaler Faktoren. Dass es trotz zentraler Planung und Organisation eine eigene Verantwortung der Funktionsträger vor Ort gab, unterstreicht zum Beispiel Ulrich Opfermann in seinem Beitrag über Siegerland und Wittgenstein. Nur Wenige widersetzten sich indes dem zentralstaatlichen Verfolgungsdruck; die meisten versuchten vielmehr, die Vorgaben aus Berlin möglichst radikal umzusetzen. Eine weitere Stärke des regionalgeschichtlichen Ansatzes besteht darin, dass die Opfer aus der Anonymität heraustreten und, soweit die Dokumentenlage dies erlaubt, in ihren konkreten lebensgeschichtlichen Kontexten sichtbar werden. Dazu gehört auch die Verwurzelung der Menschen an bestimmten Orten und in bestimmten Regionen. Nicht zuletzt die vielen dargestellten Einzelschicksale, die sich auch in alten Privat- und Familienphotos widerspiegeln, machen das Buch über weite Strecken zu einer eindringlichen Lektüre. Während manche Beiträge auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen können (zum Beispiel im Falle von Köln oder Gelsenkirchen), betreten andere weitgehend Neuland, wie im Falle von Herford, Soest oder Stolberg. Insgesamt zeichnen die Aufsätze ein deprimierendes Bild von Anpassung und Willfährigkeit lokaler Instanzen und ihrer Bereitschaft, die rassenideologischen Paradigmen des Regimes in die mörderische Tat umzusetzen. Nur selten gibt es einen

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Lichtblick, wie im Falle des Wuppertaler Kriminalbeamten Paul Kreber, der eine befreundete Sinti-Familie vor der Deportation nach Auschwitz rettete und an den seit 2000 eine Gedenktafel im Wuppertaler Polizeipräsidium erinnert. Ein besonders dunkles Kapitel der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte ist hingegen die verweigerte juristische Aufarbeitung des Völkermords an den Sinti und Roma, die Ulrich Opfermann kritisch bilanziert. Was das Buch zu einem Standardwerk über die regionalgeschichtliche Perspektive hinaus erhebt, sind jedoch vor allem die einleitenden Überblicksbeiträge der beiden Herausgeber sowie der Anhang, der neben einer Chronologie und einer Bibliographie ein umfassendes Glossar zentraler Begriffe – von „Antiziganismus“ bis „Zigeunerforschung“ – enthält. Dadurch werden die lokalen Vorgänge in den größeren historischen Zusammenhang eingebettet und zugleich in ihrer exemplarischen Dimension erkennbar. Auch mit Blick auf publizierte Erinnerungen von überlebenden Sinti und Roma gab es in den letzten zehn Jahren große Fortschritte. Inzwischen ist eine beachtliche Zahl von Büchern und auch kürzeren Texten in Sammelbänden erschienen, die den viel beschworenen Zivilisationsbruch aus der Perspektive derer schildern, die ihn am eigenen Leib erfahren mussten. Nun ist in der Schriftenreihe der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein neuer Band mit dem Titel „Ich wollte nach Hause, nach Ostpreußen!“ erschienen, in dem


Reinhard Florian (Mitte) mit dem stellv. Vorsitzenden des Zentralrats, Silvio Peritore (links), und Bundespräsident Joachim Gauck bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas am 24. Oktober 2012 in Berlin | © Jens Jeske

der Sinto Reinhard Florian seine Verfolgungsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus erzählt. Das Buch basiert auf drei ausführlichen Interviews, die Reinhard Florian in den Jahren 1998, 2005 und 2011 gegeben hat. Am Vorabend der Denkmalseinweihung wurde es in Anwesenheit von Herrn Florian in Form einer Lesung mit dem Schauspieler Robert Gallinowski im „Ort der Information“ öffentlich vorgestellt. Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus wiederholen wir am 21. März die Lesung im Dokumentations- und Kulturzentrum. In eindringlichen Worten schildert der Sinto seine Kindheit im geliebten Ostpreußen, die nach 1933 einsetzende Entrechtung und die frühe Trennung von der Familie, als ihm der nationalsozialistische Staat nach seinem Schulabschluss eine Berufsausbildung verweigert und er statt dessen auf einem Gut arbeiten muss, ohne jeden Kontakt zu seinen Angehörigen. Doch sein eigentliches Martyrium beginnt 1942, als er von einem Tag auf den anderen verhaftet und schließlich in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt wird. In ebenso schlichten wie eindringlichen Worten schildert Florian seine Odyssee durch das nationalsozialistische Lager system. Orte wie Auschwitz-Monowitz, Gusen oder Ebensee werden für ihn zu Stationen einer niemals endenden

„Ihr habt vielleicht eine Menge gehört und lest staunend meinen Bericht. Aber mit wem kann ich mich über meine Erfahrungen unterhalten, über meine Erlebnisse, über das Unsagbare, das ich mitgemacht habe? Das hat mit Menschsein nichts mehr zu tun.“ – Der Holocaust-Überlebende Reinhard Florian in seinen Erinnerungen | © Jens Jeske


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Entwürdigung. Immer wieder beschwört er die Grenzen dessen, was überhaupt noch mit Worten mitgeteilt werden kann: „Ihr habt vielleicht eine Menge gehört und lest staunend meinen Bericht. Aber mit wem kann ich mich über meine Erfahrungen unterhalten, über meine Erlebnisse, über das Unsagbare, das ich mitgemacht habe? Das hat mit Menschsein nichts mehr zu tun.“ Reinhard Florian schildert, wie Menschen zu Arbeitssklaven entwertet werden, deren Lebensrecht nach durchschnittlich drei Monaten – nachdem sie zum Gerippe abgemagert sind – endgültig erlischt. Er erzählt von einem Häftlingsalltag, der geprägt ist von grenzenloser Willkür, dem eigenen Abstumpfen gegenüber dem Leid des Mitgefangenen, und von der Allgegenwart des Hungers: „Als bereits alles hoffnungslos war, als wir alle vorigen Hoffnungen bereits begraben hatten, war da noch eine Hoffnung auf die nächste Mahlzeit, denn der Hunger war unerträglich.“ Wir begreifen: eine solche Wunde kann niemals ganz heilen. Wie ein Schatten legt sich die traumatische Erfahrung des Lagers über das Leben von Reinhard Florian, auch nach seiner Befreiung: „Ich bin zu sehr gequält worden, als dass ich heute noch lachen kann über irgendetwas. Mein Lachen ist eine Grimasse, aber nicht mehr. Das Lachen ist mir vergangen. Ich kann nicht mehr von Herzen lachen.“ Das Buch erzählt auch von den Mühen des Neubeginns nach dem Ende der Nazibarbarei. Die meisten seiner Ange-

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hörigen hat Reinhard Florian in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern verloren. Von der elfköpfigen Familie überleben außer ihm nur sein Vater und ein Bruder, die er erst viel später wiedertrifft. In seine geliebte ostpreußische Heimat kann er nach seiner Befreiung aufgrund der veränderten weltpolitischen Lage nicht mehr zurück. Und doch hat sich Reinhard Florian, wie auch Romani Rose in seinem Vorwort betont, nie auf die Rolle des passiven Opfers reduzieren lassen. Ausdrücklich dankt Rose dem fast Neunzigjährigen für seine langjährige Unterstützung. Dass Reinhard Florian am Tag der Denkmalseinweihung neben der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten am Rande des „Sees der Erinnerung“ der Opfer gedachte, kann als ein Zeichen der Anerkennung verstanden werden, die ihm die Bundesrepublik jahrzehntelang vorenthalten hat. Als er vor der schwarzen Wasseroberfläche steht, sagt er: „Jetzt haben auch unsere Toten ein Zuhause.“ Seine Erinnerungen, leise und doch voller Intensität, sind ein Vermächtnis für künftige Generationen. (Frank Reuter)

Weitere Informationen: www.schoeningh.de www.stiftung-denkmal.de


Projekte

❚ Blaudes – Tanzen und Filmen gegen Rassismus und Vergessen!

Ein blaues Kleid voller Erinnerung an Freundschaft und Verbrechen – das war Inspirationsquelle für das Tanzfilmprojekt, das das Referat Dialog des Dokumentations- und Kulturzentrums und medien+bildung.com zur Eröffnung des Denkmals für die im NS ermordeten Sinti und Roma Europas realisierten. Junge Menschen begegneten sich, setzten sich im Rahmen des TanzMedia-Projekts mit ihren verschiedenen kulturellen Hintergründen auseinander und produzierten einen Videotanzfilm.

Die Jugendlichen erarbeiten sich die Themen Rassismus und Ausgrenzung anhand einer historischen Quelle aus der Ausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums zum Völkermord an den Sinti und Roma | © Dokumentations- und Kulturzentrum & medien+bildung.com

Der Projekttitel „Blaudes“ basiert auf dem Inhalt eines historischen Dokuments, das in der ständigen Ausstellung „Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma“ im Dokumentationszentrum zu sehen ist. Es handelt sich um ein an die Berliner Polizei gerichtetes Schreiben der jungen Frau Elfriede G., die darin nach ihrem blauen Kleid forscht, das sie ihrer deportierten Kollegin Margarete Herzstein ausgeliehen hat. Bei einer quellenkritischen Betrachtung und Analyse des Brieftextes wird deutlich, dass Elfriede G. den Brief nur als Vorwand formulierte, um Näheres über das Schicksal ihrer deportierten Freundin in Erfahrung zu bringen. Der Brief mit sei-nem unmittelbaren historischen Entstehungskontext bildet zusammen mit den allgemeinen historischen Hintergründen zur Verfolgung der Sinti und Roma

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Projekte Newess 1 | 13

zwischen 1933 und 1945 den „roten“ beziehungsweise „blauen Faden“ durch den Film. Die filmische und tänzerische Interpretation der zu bearbeitenden Themen „Rassismus“, „Ausgrenzung“ und „Antiziganismus“ einschließlich der Regie und Choreographie lag dabei in der Verantwortlichkeit der beteiligten Jugendlichen. Eine professionelle Postproduktion sowie ein bewegendes „Making of“ der Firma Sin2Media machen „Blaudes“ zu einem Meilenstein der modernen Gedenkarbeit. An nur vier Tagen schaffte es eine Gruppe von zwölf jungen Erwachsenen aus Ludwigshafen und Mannheim, Erinnerung lebendig werden zu lassen. Der erste Tag begann mit einer Einführung in die Thematik der Verfolgung von Sinti und Roma im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Die empathische Gruppe schaffte es dann mithilfe des TanzMedia-Teams ihren Gefühlen zur Thematik Ausdruck zu verleihen. Verachtung, Angst, Schmerz oder Verständnislosigkeit wurden mit Methoden der Kunstform Videotanz in bewegte Bilder umgesetzt. Im Zusammenspiel von Tanz, Kamera und digitaler Bildgestaltung entstand jeden Tag ein weiterer Teil zu einem bewegenden Kurzfilm. Die Sichtweisen im Tanzfilm der jungen Erwachsenen zeigen, wie wichtig Jugendkulturarbeit ist. Präsentiert wurde Blaudes öffentlich am 21. Oktober 2012 im Rahmenprogramm „Denkmal Weiter“ zur Eröffnung

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des Denkmals in Berlin und am 27. Oktober 2012 als Teil der „Heldenspiele“ im Theater Im Pfalzbau in Ludwigshafen. Der Kunstfilm wird außerdem sowohl vom RomaVerein Amaro Drom als auch von Schulklassen für die Arbeit mit Jugendlichen verwendet. Am 27. Januar wurde er auf nahezu allen offenen Kanälen in Rheinland-Pfalz ausgestrahlt. In der Langen Nacht der Museen zeigen wir ihn im Dokumentations- und Kulturzentrum und zwischen 17 und 22 Uhr in einer Flashmob-Aktion gegen Rassismus und Vergessen am Wilhelm Hack Museum in Ludwigshafen in Kooperation mit dem Haus für Medienbildung und medienundbildung.com. Die angestrebten pädagogischen Ziele konnten erreicht und umgesetzt werden: Die Sensibilisierung der Teilnehmenden für Rassismus, Migration und Integration sowie das Heranführen an das Schicksal der Sinti und Roma im Nationalsozialismus mit Hilfe von ästhetischer Medienbildung. Die medialen und körperlichen Experimentierräume des TanzMedia-Konzepts schufen besondere Begegnungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Im Sinne von „Kultur lernen – kreativ leben“ konnte das TanzMediaTeam bestehend aus Nadja Winterstein (Dokumentationszentrum), Katja Batzler und Christine Zinn (medien+bildung.com) den Jugendlichen das Erschließen neuer Kommunikationsformen und Einblicke in ästhetische Phantasien von Menschen mit verschiedenen biographischen Erlebnissen anbieten. (Nadja Winterstein)


Blaudes lässt Erinnerung durch Tanz lebendig werden | Š Dokumentations- und Kulturzentrum & medien+bildung.com

Weitere Informationen: Blaudes sowie das Making of sind auf Youtube zu sehen:

www.sintiundroma.de

Blaudes: http://youtu.be/x7JpcnJfGPs?hd=1

www.medienundbildung.com

Making of: http://youtu.be/cytZcCBPNso

www.sin2media.net


Projekte Newess 1 | 13

Gemeinsam sind wir stark: Blaudes – Tanzen und Filmen gegen Rassismus und Vergessen | © Dokumentations- und Kulturzentrum & medien+bildung.com

❚ Video-Workshop zur Verfolgung der Sinti und Roma entwickelt

Anlässlich der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma stellten das Dokumentations- und Kulturzentrum und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein in enger Zusammenarbeit entstandenes neues pädagogisches Angebot vor: In Berlin und Heidelberg können sich Schüler im Rahmen eines Workshops zukünftig mit den Verfolgungsgeschichten dreier Überlebender des Völkermords intensiv auseinandersetzen. Zentrale Medien sind dabei lebensgeschichtliche Video-Interviews, die das Dokumentationszentrum in den Jahren 2007 und 2008 durchgeführt hat. Der zweieinhalbstündige Workshop vermittelt den Völkermord an den Sinti und Roma mit Blick auf das gesamte

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rassistische Weltbild der Nationalsozialisten – Analogien und Unterschiede zur Verfolgung anderer Gruppen werden dabei aufgegriffen. Nach einer grundlegenden Einführung in die Thematik und der gemeinsamen Erarbeitung einer Zeitleiste mit den wichtigsten Stationen der Verfolgung arbeiten die Teilnehmenden selbständig in sechs Kleingruppen weiter. Dabei beschäftigen sich jeweils zwei Gruppen parallel mit den Ereignissen im Leben einer der Protagonisten. Jede Arbeitsgruppe sieht mindestens eine vorbereitete, 10-minütige Passage aus dem Interview. Die Jugendlichen werden aufgefordert, besonders auf die Aspekte Selbstbehauptung und Widerstand zu achten, die in den Interviews auf ganz unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen. So wird beispielsweise die Lebensgeschichte von Walter Winter erzählt, der als Blockschreiber im „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau für die Männer, Frauen und


Im Tanz drücken die Jugendlichen Gefühle wie Ausgrenzung aus | © Dokumentations- und Kulturzentrum & medien+bildung.com

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung Denkmal und des Dokumentationsund Kulturzentrums präsentieren den neuen gemeinsamen Workshop beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin | © Dokumentations- und Kulturzentrum

Kinder in seiner Baracke Verantwortung übernahm und sich mutig gegen die Befehle der SS stellte. Neben den Interviewausschnitten stehen den Arbeitsgruppen ausführliche Zusammenfassungen der gesamten Zeitzeugengespräche, in die auch wesentliche Informationen über das Leben vor und nach der Deportation eingearbeitet sind, tabellarische Lebensläufe sowie Photomaterial und ein ausführliches Glossar mit in diesem Zusammenhang relevanten Begriffen zur Verfügung. Nach der selbständigen Arbeitsphase stellen jeweils die Gruppen, die sich mit der gleichen Lebensgeschichte beschäftigt haben, eine gemeinsame Bildergeschichte zusammen. Diese soll sowohl die Ereignisse als auch die Gefühle der Zeugen sichtbar machen. Für die Bildergeschichte stehen jeweils 30 Motive zur Auswahl, die ausschließlich modern und zeitgenössisch sind. So kann etwa eine Faust für Wut, ein Sternenhimmel für

Sehnsucht stehen – die Schülerinnen und Schüler sollen ihre Interpretation der Symbolbilder bei der Präsentation der Ergebnisse selbst beisteuern. Der Workshop verfolgt zwei Ziele: Er soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass in der Zeit des Nationalsozialismus schätzungsweise 500 000 Sinti und Roma in ganz Europa einem rassistisch motivierten Völkermord zum Opfer fielen, der auf die vollständige Auslöschung dieser Minderheit abzielte, und dass die Diskriminierungen sich bis in die Gegenwart fortsetzen, weshalb der Kampf um die Anerkennung als Opfer ungleich schwieriger war und ist als beispielsweise für die jüdischen Verfolgten. Auf emotionaler Ebene soll Empathie und Verständnis für die Minderheit der Sinti und Roma sowie Neugierde und Interesse an ihrer Geschichte und Gegenwart in Deutschland und Europa geweckt werden. (Ruth Preusse & Andreas Pflock)

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Mitgliedsverbände

Ministerpräsident Kurt Beck eröffnet das Denkmal in Trier | © Friedemann Vetter

❚ Landesverband Rheinland-Pfalz

Denkmal in Trier eingeweiht

Zu Marius Banicas Violinspiel weihte Ministerpräsident Kurt Beck, der Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Verbands Deutscher Sinti und Roma, Jacques Delfeld, sowie der Holocaust-Überlebende Christian Pfeil im September das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Trierer Sinti und Roma am Bischof-Stein-Platz feierlich ein. Hunderte Gäste kamen, um das Werk des Künstlers Clas Steinmann zu sehen und der Toten zu gedenken. Viele Angehörige und mancher Überlebende waren anwesend. Sechs grüne, drei Meter hohe Stelen erinnern im Schatten des Domes an die geschätzten 500 000 Sinti und Roma, die im Holocaust umkamen. „Das Erinnern darf niemals aufhören, damit sich das Schreckliche nicht wiederholen kann“, sagte Beck. Es sei wichtig, jetzt, da nicht mehr viele Zeitzeugen von den Verbrechen berichten könnten, immer wie

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der Zeichen zu setzen. Das Gedenken an die leidvolle Geschichte der Sinti und Roma müsse mit engagierter Antidiskriminierungsarbeit und entschiedener Bekämpfung von Rechtsextremismus einhergehen. Delfeld dankte der Landesregierung für das klare Bekenntnis gegen Ausgrenzung und den Willen, auch die Verbrechen gegen Sinti und Roma in das historische Gedächtnis der Bundesrepublik miteinzubeziehen. Die Initiative für die Gedenkstätte geht auf den rheinland-pfälzischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma zurück. „Vor 14 Jahren begannen die ersten Gespräche, dann bekamen wir viel Unterstützung von unterschiedlichen Seiten“, erinnert sich Delfeld. Mit Spenden des Landes, engagierter Bürgerinnen und Bürger sowie vieler Einrichtungen konnte das 75000 Euro teure Kunstwerk schließlich errichtet werden.

Weitere Informationen: www.vdsr-rlp.de


Zentralrat

Der Zentralrat fordert, Grabstätten von im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma als Ehrengräber oder als denkmalgeschützte Familiengedächtnisstätten bundesweit dauerhaft zu erhalten und zu schützen | © Zentralrat

❚ Baden-Württemberg stellt Grabstätte einer im Nationalsozialismus verfolgten Sinti-Familie unter Denkmalschutz

Mit der Anbringung einer besonderen Gedenktafel im Beisein des Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der stellvertretenden Regierungspräsidentin aus Tübingen, Grit Puchan, sowie Angehörigen der Familie der Verstorbenen wurde am 17. Oktober 2012 auf dem Friedhof der Stadt Burladingen / Zollernalbkreis die Grabstätte der Familie Reinhard unter Denkmalschutz gestellt. In dem Grab sind die Eheleute Kreszentia und Adolf Reinhardt und deren Kinder Georg und Martina Reinhardt bestattet, die während des Nationalsozialismus wegen ihrer Zugehörigkeit zur Minderheit der Sinti und Roma aus sogenannten rassischen Gründen verfolgt wurden. In der Grabstätte befindet sich außerdem die Urne mit der Asche des im Konzentrationslager Natzweiler bei Straßburg ermordeten Joseph Reinhardt, dem ältesten Sohn der Familie Reinhard. Die Urne wurde damals mit der zynischen Begründung einer krankheitsbedingten Todesursache von der

SS-Lagerleitung an die Familie gesandt. Joseph Reinhard war einer von vielen Angehörigen der Minderheit der Sinti und Roma, die in den Konzentrationslagern Opfer medizinischer Menschenversuche wurden und an deren Folgen verstarben. Seine Frau Elise und die beiden Kinder starben im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Für sie gibt es keine Grabstätte. Auch ihrer wird am Grab in Burladingen gedacht. Die Ruhestätte Reinhard sollte im Mai 2010 auf Grund abgelaufener Nutzungsrechte (Ruhezeiten) abgeräumt werden. Obgleich die Familie ausdrücklich den Erhalt des Grabes wünschte, leitete die Stadtverwaltung ein Zwangsverfahren zur Räumung der Grabstätte ein, gegen das wir uns vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen zur Wehr setzten. Als der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das baden-württembergische Staatsministerium einschaltete, konnte die Räumung der Grabstätte erfolgreich abgewendet werden.

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Das Regierungspräsidium Tübingen hat die Grabstätte nun in einer würdigen Feier in Anwesenheit zahlreicher Angehöriger und Gäste, der Presse und des Fernsehens unter Denkmalschutz gestellt. Nach Enthüllung der Gedenktafel segnete der katholische Pfarrer die Grabstätte. Zwei junge Musiker begleiteten die Feier mit Geige und Klavier. Zum Bedauern der Familie nahm an der Feier kein Vertreter der Stadt Burladingen teil, was unter allen Anwesenden Befremden und insbesondere bei Angehörigen der Familie Reinhard Betroffenheit auslöste. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma setzt sich seit langem dafür ein, dass Grabstätten von im Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma bundesweit dauerhaft erhalten und geschützt werden. Diese Grabstätten sollten nach Ablauf der Ruhezeit als Ehrengräber oder im öffentlichen Interesse als denkmalgeschützte Familiengedächtnisstätten in öffentliche Obhut genommen werden. Die Erhaltung von Grabstätten als denkmalgeschützte Gräber auf Dauer und ohne zeitliche Befristung wurde bisher nur in Einzelfällen zugesichert (Baden-Württemberg, RheinlandPfalz, Thüringen). Vielen Gräbern von Sinti und Roma, die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten waren und nach 1945 verstorben sind, droht nach der üblichen Friedhofsordnung aufgrund abgelaufener Fristen (Ruhezeiten) die Räumung. Das derzeitige Gräbergesetz schützt nur die Ruhestätten von NS-Verfolgten, die bis zum 31. März 1952 gestorben waren.

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Für die Familien der Sinti und Roma ist der Erhalt dieser Grabstätten als geschützte Familiengedächtnisstätten von großer Bedeutung, da an den existierenden Gräbern auch derjenigen Verwandten gedacht wird, die im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen umgekommen sind und für die es keine Grabstätten gibt. Die Gräber haben in der Regel eine besondere Gestaltung und auf vielen Grabsteinen wird ausdrücklich an Verwandte erinnert, die in Konzentrationslagern umgekommen sind. Abgesehen von der spezifischen Bedeutung für die Familien und für die Minderheit der Sinti und Roma insgesamt besteht zudem ein öffentliches Interesse, die betreffenden Grabstätten aufgrund ihrer besonderen Geschichte unter Gesichtspunkten des Denkmalschutzes als Mahn- und Lernorte für gegenwärtige und künftige Generationen zu erhalten. In diesem Sinne sind die Gräber, für deren Erhalt der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sich einsetzt, auch nicht als Orte der Anklage, sondern als Gedenkorte zu verstehen. (Jara Kehl)

❚ Entschließungsantrag zum Erhalt der Gräber im Bundesrat vorgelegt

Die vier Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Bremen haben am 12. Oktober 2012 einen Entschließungsantrag in den Bundesrat eingebracht, um eine bundesweite Regelung für den Erhalt der Grabstätten von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen


Konkrete Projekte, hier ein Gemüsegarten, gemeinsam umsetzen – das ist Ziel der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen | © Zentralrat

zu erreichen. Der Bundesrat hat diesen Antrag einstimmig angenommen. In seinem Beschluss „Dauerhafter Erhalt der Gräber der Opfer nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen“ (BR-Drucks. 543/12) fordert der Bundesrat die Bundesregierung auf, „sicherzustellen, dass die in Deutschland liegenden Gräber der Opfer nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen, die nicht unter den Schutz des Gräbergesetzes fallen, öffentlich gepflegt und auf Dauer erhalten werden.“

der Arbeitsgruppe „Minderheiten“ beim Innenausschuss des Deutschen Bundestages bestätigte der Vertreter der Bundesregierung, Ministerialrat Detlev Rein vom Bundesministerium des Innern, dass das zuständige Bundesfamilienministerium die Angelegenheit im Hinblick auf eine Regelung, die auch Betroffenen anderer Verfolgtengruppen einen entsprechenden Antrag ermöglichen soll, bearbeite. (Arnold Roßberg)

Der Bundesratsbeschluss vom 12. Oktober 2012 ist ein wichtiger Schritt zur Verwirklichung einer bundesweiten Regelung zum Erhalt der Gräber. Wird die jetzt vorgelegte Entschließung im Einvernehmen mit der Bundesregierung so vollzogen, wie im Bundesratsbeschluss ausformuliert, entspricht das unserem Anliegen. Entscheidend ist, dass der Bund die entsprechenden Mittel bereitstellt. In einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel vom November 2012 baten wir um eine grundsätzliche Zustimmung, damit der Bundesratsbeschluss im Einvernehmen mit der Bundesregierung vollzogen wird. Bei der Erörterung der Thematik am 7. November 2012 in

❚ Minderheiten helfen Minderheiten

Auf Anregung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma hat die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), der auch der Zentralrat angehört, im Jahr 2011 auf ihrem Jahreskongress in Eisenstadt eine Resolution zur „Solidarität mit den nationalen Minderheiten der Roma“ in ihren jeweiligen Heimatländern verabschiedet. Die Erklärung erfolgte angesichts der in einzelnen EU-Mitgliedstaaten Mittel- und Osteuropas weitgehenden Ausgrenzung der Roma-Minderheit aus fast allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

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Um die Resolution mit Leben zu füllen, sollten rasch konkrete Schritte zu ihrer Umsetzung folgen. In Zusammenarbeit mit dem Zentralrat entwickelte die FUEV daher das Pilotprojekt „Solidarität mit den Roma – Minderheiten als Brückenbauer“, welches in einer ersten Phase die Realisierung konkreter Maßnahmen in den Bereichen Arbeit und Wohnen und auf lange Sicht auch Maßnahmen in den Bereichen Bildung und Gesundheitsversorgung zum Ziel hat. Die Fokussierung auf die genannten Bereiche entspricht der Schwerpunktsetzung der Europäischen Kommission, wie sie in der Rahmenstrategie der Europäischen Union für die Verbesserung der Lage von Roma in Europa vom 5. April 2011 formuliert worden ist. Der Projektentwurf verfolgt einen niedrigschwelligen Ansatz. Angesichts der hohen Arbeitslosenrate innerhalb der Roma-Bevölkerung ist die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten ein vorrangiges Ziel. So sieht das Projekt in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gemeinden und den Minderheitenvertretern vor Ort den Aufbau landwirtschaftlicher Kooperativen vor. Die zu bewirtschaftenden Flächen sollen durch die Stadtverwaltungen zur Verfügung gestellt und die Erzeugnisse unter anderem an öffentlich betriebene Einrichtungen innerhalb der Gemeinden (Kindergärten, Schulen, Altenheime etc.) verkauft werden. Um sozial schwache Familien in ihrer Selbstversorgung zu unterstützen, ist parallel dazu die Wiederbelebung traditioneller Obst- und Gemüsegärten geplant. Ein erstes

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Trainingsprogramm wird für Teilnehmer aus Ungarn und der Slowakei, eventuell Rumänien und / oder Bulgarien in Kooperation mit dänischen Partnern aus dem Bereich ökologischer Landbau vorbereitet. In Fortführung verschiedener Wohnbauprojekte, die der Zentralrat seit Beginn der 1990er Jahre in Rumänien und Ungarn durchführt, zielt das FUEV-Pilotprojekt darüber hinaus durch den Bau oder die Instandsetzung von Häusern auf die Verbesserung der Wohnsituation. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es gemeinsam mit anderen nationalen Minderheiten realisiert werden soll. Dieser Ansatz ist vielversprechend, da die in der FUEV vertretenen Minderheitenorganisationen über Fachwissen in unterschiedlichen Bereichen (z.B. im ökologischen Landbau) und über eine spezifische Infrastruktur in personeller und materieller Hinsicht verfügen, die gewinnbringend in das Projekt eingebracht werden können. Der Projektansatz verfolgt darüber hinaus den Gedanken, dass die Solidarisierung von Minderheitenangehörigen untereinander und ein gemeinsames Auftreten nach außen die Anerkennung und Wahrnehmung der jeweiligen Minderheiten verbessern und die Sensibilität für ihre Belange in der Öffentlichkeit erhöhen kann. Erfahrungen beispielsweise mit dem „DialogforumNorden“ im deutsch-dänischen Grenzland – einer gemeinsamen Kommunikations- und Artikulationsplattform aller autochthonen Minderheiten der Region – belegen diesen Effekt.


Das Pilotprojekt ist von der FUEV als modellhaftes Aktionsprogramm konzipiert, dessen Übertragbarkeit auf andere Minderheiten, die von ähnlicher struktureller Ausgrenzung wie die Roma betroffen sind, von vornherein beabsichtigt. Um dies zu ermöglichen, hat der Zentralrat die Entwicklung einer bei der FUEV anzusiedelnden „Development-Agency“ angeregt, die das bei der Umsetzung der Teilprojekte erworbene Wissen akkumuliert und für zukünftige Projekte abrufbar macht. Um die Nachhaltigkeit der Projektaktivitäten zu gewährleisten, ist die Einbeziehung sowohl der Betroffenen als auch lokaler Nichtregierungsorganisationen in die Entwicklung und Umsetzung der jeweiligen Maßnahmen eine zentrale Bedingung. Damit soll auch vermieden werden, dass das Projekt in Konkurrenz zu bereits bestehenden Initiativen um die ohnehin knappen finanziellen Ressourcen tritt. Die erste Phase des Kooperationsprojekts soll in Ungarn realisiert werden, wo sich die sozioökonomische Lage der Roma seit dem Systemwechsel rapide verschlechtert hat und Angehörige der Minderheit in den letzten Jahren zunehmend rassistisch motivierten Übergriffen bis hin zum Mord ausgesetzt waren. Die ungarische Regierung hat

während ihrer EU-Ratspräsidentschaft die europäische Roma-Strategie auf den Weg gebracht und steht nun ganz besonders in der Pflicht, ihre Glaubwürdigkeit durch die Umsetzung konkreter Schritte unter Beweis zu stellen. In diesem Sinne hat die FUEV die Ungarische Regierung gebeten, das Pilotprojekt in das operationelle Programm („Nationale Roma-Strategie“) der Regierung aufzunehmen und entsprechend zu unterstützen. Zoltán Balog, Minister für nationale Humanressourcen, hat bereits seine Unterstützung zugesagt. Zur Realisierung des Pilotprojektes und einer ersten Orientierung im Hinblick auf mögliche Projektorte und Projektpartner fand im Juni 2012 eine erste Informationsreise der FUEV und des Zentralrats nach Ungarn statt. Dabei konnte vorerst die offizielle Vertretung der deutschen Minderheit in Ungarn als Kooperationspartner gewonnen werden. Eine zweite Informationsreise ist für das Frühjahr 2013 geplant. (Jara Kehl)

Die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) wurde 1949 gegründet und ist mit 90 Mitgliedsorganisationen in 32 europäischen Ländern der größte Dachverband der autochthonen, nationalen Minderheiten in Europa. Die FUEV vertritt die Interessen der europäischen Minderheiten auf regionaler, nationaler und insbesondere auf europäischer Ebene. 47


Impressum

Herausgeber Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Redaktion Armin Ulm newess@sintiundroma.de Gestaltung Andrea Reuter Druck W&F DRUCK UND MEDIEN GmbH Auflage 6500

Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie unterstützt durch das Ministerium für Arbeit und Soziales aus Februar 2013

Mitteln des Landes Baden-Württemberg.


Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Bremeneckgasse 2 | 69117 Heidelberg Fon + 49 (0) 6221 981102 Fax + 49 (0) 6221 981177 info@sintiundroma.de

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Newess heißt Neuigkeiten auf Romanes. Hier findet Ihr zweimal im Jahr Wissenswertes über Sinti, Roma und die Arbeit des Dokumentations- und...

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