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Nothilfe

«SIM heute» 3/2014  n  www.sim.ch

Von Suzanne Green, internationale Redakteurin

Der Taifun „Haiyan“, einer der mächtigsten Stürme, die je das Land heimgesucht hatten, zerstörte am 8. November 2013 das östliche Visayas-Gebiet auf den Philippinen. Nach offiziellen Angaben kamen mindestens 5‘600 Menschen dabei ums Leben, weitere 1‘000 wurden im Anschluss an Haiyan als vermisst gemeldet. Millionen von Menschen wurden obdachlos. Die SIM tat sich in ausgewählten Regionen mit örtlichen Gemeinden und Organisationen zusammen, die Auskunft über Orte geben konnten, wo Hilfe nötig war, und half bei den Verteilungsaktionen. Es war uns wichtig, der gesamten Bevölkerung zu dienen: Opfer erhielten Hilfe, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer Religion oder der Frage, ob sie eventuell an Plünderungen direkt nach der Katastrophe beteiligt waren oder nicht. Wir steckten uns als Ziel, 1‘000 Familien (etwa 3‘000 Personen) mit Lebensmitteln, Wasser, Decken, Matten, gebrauchter Kleidung, Medikamenten, Kerzen, Streichhölzern und Gebrauchsgegenständen zu versorgen. In der zweiten Phase sorgten wir für medizinische Hilfe und TraumaBetreuung. Zusätzlich wollten wir Materialien zum Wiederaufbau der Häuser zur Verfügung stellen. Und wir würden gerne, sofern es die finanziellen Mittel erlauben, Kinder mit grundlegendem Schulmaterial versorgen. Die Schätzungen der Kosten für diese Hilfeleistungen, die noch bis zu einem Jahr weitergehen sollen, belaufen sich auf CHF 40‘000. Der SIM-Mitarbeiter Chad Loftis besuchte die Philippinen zwei Wochen nachdem der Taifun zugeschlagen hatte und half bei den Hilfeleistungen in Veloso, in der Provinz Samar. Chad schreibt: „Wir hören das typische Zischen der pneumatischen Bremsen des 12 Meter langen Sattelzuges, der mit Hilfslieferungen in der Stadt ankommt. Jetzt sind die 20 Tonnen Güter bereits über 72 Stunden unterwegs – die meiste Zeit davon im Fährhafen von Surigao. Pascal, ein Europäer Mitte dreissig, der zusammen mit seinem Kollegen Tom die ganze Woche darauf geachtet hat, dass die Waren an ihr Ziel kommen, springt aus seinem Pickup und legt los.

Spuren der Zerstörung an der katholischen Kirche von Veloso

Die Hilfsgüter für die Menschen in Veloso sind herzlich willkommen

Es ist offensichtlich, dass er mehrere Tage nicht geschlafen hat und momentan nur vom Adrenalin angetrieben ist. Aber zum Ausruhen bleibt keine Zeit – das Fuhrunternehmen will, dass er den Rückweg noch heute Abend antritt. Es dämmert schon fast, und zwei weitere Orte warten noch auf die Lieferung. Alle stehen erwartungsvoll vor der Kirche von Veloso, unserem Partner: Wir beschaffen die Güter, sie kümmern sich um die Verteilung. Und dann wird ausgeladen: grosse Säcke voll Reis, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Sperrholzplatten, 10-kgPlastikbehälter mit Eingemachtem, eine Segeltuchplane und weitere Hilfsgüter. Eine Einheit pro Familie. Es wiegt schwer, und es muss kräftig angepackt werden, aber es herrscht eine Feststimmung. Alle machen einen zufriedenen und dankbaren Eindruck. Niemand versucht, mehr als seinen Anteil zu ergattern. Der LKW ist zur Hälfte entladen, die Waren verteilt, und schon wird der Laderaum wieder geschlossen. Wir hechten in den Pickup und rasen nach Santa Rita, etwa 40 Minuten entfernt. Es ist bereits dunkel – stockdunkel, denn auf den 100 Kilometern entlang der Küste gibt es keinen Strom. Wie es scheint, kommen alle Bewohner der Stadt zusammen, um die Güter in zwei kleine öffentliche Gebäude an der Strasse umzulagern. Es geht das Gerücht um, dass Leute aus diesem

Ort, die vom Taifun getroffen, aber nicht umgekommen sind, in den Nachrichtensendungen vom philippinischen Präsidenten erkannt wurden, wie sie Tacloban in einem organisierten Konvoi verlassen und geplünderte Beute wegtragen. Als Strafe sollten sie von der Regierung keine Hilfsgüter erhalten. Als Mitglieder der Kirche vernahmen, dass wir mit Hilfsgütern zu ihnen kommen wollten, ob sie nun Plünderer waren oder nicht, kamen ihnen die Tränen. Beim Betrachten der Leute, wie sie im Licht der Scheinwerfer zusammen schwitzen und die Behälter von Hand zu Hand geben, wird deutlich, wie organisiert sie sind. Selbst der Bürgermeister ist da und überwacht die lange Schlange der Helfer, damit alles möglichst mit rechten Dingen zugeht. Mir geht einfach der Gottesdienst von heute Morgen in der Kirche von Marabut nicht aus dem Kopf: der unerschütterliche Wille der Menschen, zusammenzukommen, gemeinsam zu weinen, Gott für ihr Leben zu danken und um seine Kraft zu bitten. Es hat sogar jemand seine USAID-Plane hergegeben, unter der er hätte schlafen können, damit das zerstörte Gemeindegebäude ein provisorisches Dach hat. Der Sturm hat vieles hier zerstört, aber er konnte nicht den Willen auslöschen, zusammenzuhalten und auf einander Acht zu haben. Filipinos wurden von einer unheimlichen Katastrophe zu Boden geworfen. Aber sie stehen auf, um gemeinsam den Kampf wieder aufzunehmen. Und, ich muss sagen, gemeinsam sind sie stark.“  n ▲

Hilfsgüter verpackt in Plastikbehältern

SIM heute 3/2014  

Zeitschrift der SIM International (Schweiz)