2015 ausgabe 04 sommer

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post vom coach

Welcome to Austria Was bei allen Marken regelmäßig ansteht, ist der (gefürchtete) Besuch aus dem Headquarter. Da reisen sie an, die Global Brand Development Executive Operation Manager sowie die Vice President Chief Officer und die Vision Director Supervisor Relation Manager. Oder so ähnlich. Bettina Sucher-Freinberger, Trainerin im IAK-Institut für Angewandte Kreativität

autorin: Bettina Sucher-Freinberger

Wehe, wenn sie losgelassen. In bestimmten Abständen kündigen sich die Damen und Herren aus den internationalen Zentralen an, um in den Ländern die CI-konforme Umsetzung ihrer Markenwelten und -strategien zu überprüfen. Schließlich sind die Amerikaner, Franzosen und Engländer immerhin auch schon 4 Monate dabei und zeigen jenen, die bereits 25 Jahre und mehr in der Branche arbeiten, wie nun der Hase läuft. Und das speziell in ihrem Land: Im Ausland. Kaum angekündigt, fliegen auch schon die Federn. Die Innen- und Außendienst-Teams werden kurzfristig über den geringen Zeitraum von etwa 8 Wochen umfunktioniert, es wird sofort eine Gruppe gewählt, die Nachforschungen zu tätigen hat, in der es um den Werdegang und die persönlichen Vorlieben des internationalen Besuchs geht. Vom Kleinkindfoto angefangen über außergewöhnliche Hobbies, zensurierte, gesellschaftstaugliche Familiengeschichten und fulminante Erfolge der jeweiligen Karriere sind in eine spektakuläre, mit Musik untermalte Powerpoint-Präsentation zu bringen. OOOhstria muss daneben aber auch noch Platz für seine Umsatzdarstellungen, Marktanteile, Begründungen warum es gerade jetzt so schlecht läuft, Klischees, Würdenträger und Traditionen haben. Dafür wird vorab noch ein Powerpointkurs der neuesten Version vom Controlling genehmigt, das Einführen neuer Laptops für den Außendienst, die Sightseeingtour, die Fiakerfahrt in die Wiener Innenstadt für den Storecheck, danach Tafelspitz, Kaiserschmarrn und Semmelkren... ach, da ist jetzt was durcheinander gekommen. Gott sei Dank

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nichts, was nicht mit einem erlesenen österreichischen Wein perfekt runterzuspülen wäre. Internationalen Hoheiten mit unserer fantastischen Küche das Maul zu stopfen ist das Ziel, damit sie dieses im entscheidenden, kritischen Moment nicht aufkriegen. Währenddessen ist der Außendienst ausgeflogen um die Geschäfte, pardon, die Stores entsprechend zu präparieren: An den Regalen sind die entsprechenden Shelf Visual Liners sowie die Shelf Whoppers und Angel Fluppers zum aktuellen Look anzubringen, die Merchandising Glorifier small und large für die Counter Experience sowie die Brand sowie die Novelty Visual Dias mit LED Leuchten zu montieren. Die ganze Stadt wird mit Auslagen des jeweiligen Themas zugepflastert, sämtliche Mitarbeiter des Handels gebrieft (informiert), welche Kleidung sie zu tragen, welche Aussagen sie zu machen und wie motiviert sie zu tun haben und dass die besagte Marke, eh ihre Lieblingsmarke ist, die am meisten unterstützt wird. Jeder hat sein Sprücherl gelernt, die Nasenflügel freundlich gebläht, die Herzen klopfen, die Poren schwitzen. Und dann die Nachricht: Statt Lindsay kommt Sheryll! Sheryll? Wer zum Kuckuck ist Sheryll? Also, alles wieder von vorn, alle Powerpoints umgestalten, Lindsay raus und Sheryll rein! Welten werden inszeniert, Träume realisiert, Restaurants organisiert. Und dann kam Sheryll. Burger und Diet Coke statt Wienerschnitzel und Welschriesling. Und Fragen nach den Kängurus, die in Austria leben, dem Land mit den 80 Millionen Einwohnern, in dem man doch Französisch spricht. Welcome to reality! Oh, sorry: Welcome to Austria!