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Nr. 43

67. Jahrgang

Oktober 2012

KOPFZEILE BLINDTEXT

Die schรถnsten Hotels unter 100 Euro

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Nur die Ruhe ... Brombeeren essen auf der Holzschaukel, lesen am Steg – idyllischer geht es kaum. Der Gasthof Galkowo im Masurischen Landschaftspark weckt Erinnerungen an glßckliche Kindheitstage VO N

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Über tautriefende Wiesen spazieren und sehen, wie sich das Nebelmeer lichtet: Dazu verlässt man das Bett hier gerne früh

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ie sehnige 73-Jährige steht wie ein Gondoliere am Heck ihres Holzkahns und singt wehmütige ostpreußische Heimatlieder. Kristina ist Stakerin, schon ihr Leben lang. Von Frühjahr bis Herbst schippert sie mit ihrem zwei Meter langen Kiefernstab Touristen durch die Windungen des kristallklaren Waldflüsschens Krutynia im Masurischen Landschaftspark. In jungen Jahren ist sie mal ausgewandert, nach Westen. Zwei Jahre lang hat sie es dort ausgehalten, dann kehrte sie zurück. Am Ufer des Flüsschens, dort, wo eine abgestorbene Birke bizarr ins Wasser ragt, sind wir mit Aleksander Potocki verabredet. Aleksander hat sich ein paar Kilometer weiter, in Galkowo, verwurzelt – pipidówa, sagen die Polen dazu, janz weit draußen. Am Rande des 130-Seelen-Fleckens im südöstlichen Masuren erwarb der Nachkomme eines polnischen Adelsgeschlechts vor 15 Jahren ein Stück unbebautes Wiesenland am Waldesrand. »Warum gerade hier?« – »Ach, die Liebe, wissen Sie ...« Aleksander, ein baumlanger junger Mann mit Lockenkopf, träumte von einem Gasthof mit Kneipe. »Vom Bankier zum Kneipier«, nennt er seinen Lebensentwurf. Zunächst baute er ein Haus für sich, seine Frau Dorota und ihre beiden Kinder. Dann machte er sich auf die Suche nach verfallenden Scheunen und Schuppen, im armen Masuren keine Seltenheit. Zwei Holzruinen versetzte er auf sein Land, restaurierte sie und richtete darin einen Altersruhesitz für seine Mutter Renate Marsch-Potocka und 14 Gästezimmer für Touristen ein. Kleine Räume mit weiß getünchten Wänden, Decken und Fußböden aus Holz, schlichte alte Bauernmöbel aus der Region – ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, eine Lampe. An der Wand die Handzeichnung einer Jagdszene. Durch das geöffnete Fenster duftet die Blumenwiese. Das Wiehern der Pferde ist vom nahe gelegenen Gestüt zu hören, das Kläffen eines Hundes von irgendwo – mehr nicht. Der Gast aus der Großstadt schlummert still zufrieden dem nächsten Morgen entgegen. Zum Frühstück schlendert er ein paar Z E IT

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Schritte durch den Garten, rüber in die knajpa, ein drittes Gebäude. Das ehemalige Forst- und Jagdhaus der Grafen von Lehndorff-Steinort stammt aus dem 19. Jahrhundert. Heute prangt das Wappen der Grafen Potocki unter dem Dachfirst – Aleksanders Vorfahren. Das dunkelholzige, mit Weinlaub bewachsene Gebäude ist sein wahr gewordener Traum. Unter Aufsicht des polnischen Denkmalschutzes hat er das vom Verfall bedrohte Haus abgetragen und von Sztynort ins 80 Kilometer entfernte Galkowo verbracht. »Warum habt ihr das gemacht?« – »Weil wir verrückt sind«, antwortet Aleksander. Drei Jahre hat die Rekonstruktion gedauert, Aleksander wurde zu einem der größten Arbeitgeber der armen Region. In der knajpa trifft man sich immer ab neun Uhr morgens zum Essen, Trinken, Schwatzen, Ausruhen. Familien, Hundebesitzer, Paddler, Radler, Wanderer, Reiter, Reisegruppen – jeder ist hier willkommen. Die jungen Bedienungen sprechen ein bisschen Deutsch, sie stammen aus dem Freundeskreis der Potockis. Adam, der Koch, hat schon beim Aufbau der knajpa geholfen. Die regionale Küche wird der jeweiligen Saison angepasst und ist köstlich: zum Frühstück Joghurt mit Himbeeren aus dem eigenen Bauerngarten, zum Mittagessen Kartoffelpuffer mit frischen Pfifferlingen, zum Nachmittagskaffee Apfelkuchen – da werden Kindheitserinnerungen wach. Im anheimelnden Halbdunkel des Gastraums sitzt man auf Holzbänken an langen Tischen, die terrakottafarben gestrichenen Wände sind bedeckt mit Familienfotos und gerahmten Bildern – Szenen von einst, die Aleksanders Großvater »aus der Erinnerung« gezeichnet hat. Am brennenden Kaminfeuer in das plüschige rote Dreisitzersofa sinken, einen Wodka kippen und die feuchten Wanderschuhe trocknen lassen – auch das ist hier möglich. Geöffnet ist, bis der letzte Gast geht. Wer später kommt, hat noch die Holzveranda vor dem Haus, um im Schein

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des sich rundenden Augustmondes den Tag ausklingen zu lassen. Es hat sich gelohnt, um halb fünf morgens auf die Pirsch zu gehen, um zehn nach fünf hat wirklich der Hirsch geröhrt. Nein, das war kein Hund! Und gelohnt hat sich auch der Rückweg über die tautriefende Wiese, vorbei am Friedhof der Altgläubigen, wo die aufgehende Sonne das morgendliche Nebelmeer geradezu mystisch auflöste und die weißen Kreuze auf den Gräbern enthüllte. Ein neuer Tag. Über die geschwungene Treppe mit von Generationen ausgetretenen Holzstufen gelangt man in die oberen Räume der knajpa. Hier hat Aleksanders Mutter zu Ehren der unvergesslichen Journalistin Marion Gräfin Dönhoff einen Salon eingerichtet, einen Ort zum Verweilen mit Blick auf die Pferdeweiden, zum Lesen der ausliegenden Literatur. Man kann auch der vom Knistern des Tonbandes verfremdeten Stimme Marion Dönhoffs lauschen. Sie liest aus ihrem Ritt durch Masuren: »Herr Gott, wie schön die Welt ist – sein könnte ...« Ins Gästebuch hat jemand geschrieben: »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.« Der Besucher aus der Großstadt hat sie wiedergefunden, still in seinem kleinen Zimmer, lesend auf dem Steg im See, Himbeeren essend auf der Holzschaukel im blühenden Garten, durch Wiesen wandernd unterm Regenbogen. Jeder Gast wird an diesem besonderen Ort irgendetwas wiederfinden, mit Glück sogar sich selbst. Hin und wieder kommt auch Kristina mal vorbei. Neulich brachte die alte Stakerin ihre Schwester mit. »Wollt ich ihr mal das Häuschen zeijen und den ippijen Jarten.« Beide finden alles von einer »jroßarrtjen Scheenhejt«. Gasthof Galkowo, Aleksander Potocki, Galkowo 46, 12-220 Ruciane-Nida, Tel. 0048-87/425 70 73 oder 0048-87/425 70 68, www.galkowo.pl. DZ ab 35 Euro

Fotos (S. 4 - 7): Cyrus Saedi für DIE ZEIT/www.cyrus-saedi.com

Stakerin Kristina schippert Gäste über das Flüsschen Krutynia. Aleksander Potocki ist der Besitzer des Gasthofs. In einem alten Forsthaus hat er die »knajpa« eingerichtet


Der Eingangsbereich der »knajpa«. Sie ist geöffnet, bis der letzte Gast geht

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Der Strand von Capo Sant’Andrea liegt nur 100 Meter vom Hotel entfernt. Kleines Foto: Frauen mögen Himmelbetten – deshalb gibt es sie in den »Bougainvillea«-Zimmern

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Blaues Wunder Glasklares Meer, mediterranes Zimmer, und das Obst kommt aus dem eigenen Garten: Im Hotel Ilio auf Elba ist Luxus ganz einfach VO N

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Fotos (S. 8-9): Cyrus Saedi für DIE ZEIT/www.cyrus-saedi.com

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s ist viel zu heiß! Und ganz schön weit! Aber fest steht: Wir kommen wieder. Von Hamburg sind wir nach Pisa geflogen, haben ein kleines Auto gemietet, sind ein Stündchen bis zum Hafen von Piombino gefahren, dann auf die Fähre, zehn Kilometer in einer halben Stunde – und runter in Portoferraio. Elba! Wir sind aber noch nicht da. Also weiter über Berg und Tal, durch Haarnadelkurven und entlang steiler Klippen. Das Meer, Wahnsinn! Die Fahrerin wird ermahnt: Nicht gucken, aufpassen! Tollkühne Vespa-Fahrer überholen uns, Kräuter und Beeren säumen die Küstenstraße; hoch an den Bergen kleben uralte Dörfer in Rosa oder Weiß, und überall: der würzige Duft von Pinien. Irgendwann geht es rechts hinunter nach Capo Sant’Andrea, ein kleiner Weg führt zum Hotel Ilio. Nur noch 100 Meter, und wir stünden im Meer. Das war schon mal eine traumhafte Fahrt, und jetzt gibt es etwas zu trinken, Maurizio Testa, Besitzer des Hotels, ist so freundlich. Er ist ein hochgewachsener Mann, Mitte/Ende 40, mit blankem Schädel und sehr aufmerksamen Augen, informell gekleidet, aber erlesen, italienisch eben. Er und sein Hotel, werden wir schnell feststellen, passen gut zusammen: In der Einfachheit steckt Gediegenes, im Modernen Althergebrachtes und Bodenständiges. 20 Zimmer mit 47 Betten, verstreut auf drei Häuser – und kein Zimmer gleicht ganz dem anderen. Es gibt die »Camere Bougainvillea« mit Himmelbett – eine kleine Konzession des Hausherrn, wie es scheint (»Frauen mögen es«) – und die »Camere Toscana« im Haupthaus über der Frühstücksterrasse. Am günstigsten sind die »Camere Verde« im Gartengebäude, mit einer Wand, in sanftem Grün gewischt, einem Doppelbett mit fein geschmiedetem Kopfteil und mediterraner Tagesdecke über weißen Laken und gleich dahinter eine gewitzte Wandkonstruktion statt eines Schranks. In allen Zimmern fächelt und säuselt ein Ventilator unter der Decke, Energie spendet hier übrigens die Sonne, und auch, was es an »Schmuck« gibt, stammt von hier: vom Meer angeschwemmtes, ausgeblichenes Baumholz, eine Schale aus Olivenholz, ein alter toskanischer Schrank, ein Bord aus dem Holz der Weinfässer des Großvaters, ein Stück altes Gemäuer. Der Großvater hatte Wein angebaut, der einst mit Segelschiffen aufs ligurische Festland gebracht wurde. Er hütete den einzigen Enkel, als die Eltern im Haus am Meereshügel erst eine Gastwirtschaft eröffneten und später, 1959, ein kleines Hotel; es wurde nach Ilio, dem Großvater, benannt. Nach der Schule half Maurizio natürlich im Familienbetrieb, kümmerte sich um den Garten, putzte die Zimmer, räumte den Keller auf, spülte das Geschirr. Vor 15 Jahren hat er alles übernommen. Die Großeltern sind längst gestorben, die Mutter sitzt manchmal freundlich lächelnd vor dem Eingang des Hotels und genießt das Meer. Maurizio trinkt hier frühmorgens seinen Cappuccino, und wenn die Gäste auf der Terrasse Platz nehmen, ist er bereits in Aktion. Plant Veränderungen wie An- und Ausbauten, die dann außerhalb der Saison umgesetzt werden. Zudem lehrt er an toskanischen Marketingschulen, schreibt Bücher zum Thema und berät Familienbetriebe aus der Hotelbranche. »Von seinem Unternehmergeist haben wir alle etwas«, sagt Andrea, der vor elf Jahren im Dorf, das im Winter nicht einmal hundert Bewohner hat, eine Tauch- und Schnorchelschule aufmachte. Mit ihm aufs Meer hinauszufahren ist ein schönes Erlebnis. Seine Gäste werden umsichtig betreut, wenn sie bei einem Wrack tauchen oder eine Höhle in den wundersamen Granitfelsen erkunden. Und hat er nicht eine einleuchtende Philosophie für seine Schüler erdacht? »Try to be a drop of water!« Nicht nur bei ihm bekommen Gäste aus dem Ilio einen Rabatt, auch auf Leandros betagtem Schiff für etwa 20 Gäste, mit dem wir von der Nordwestspitze Capo Sant’Andrea einen ganzen Tag lang um die Westküste schippern mit lauter freundlichen und entspannten Italienern. Ab und zu springen wir ins unglaublich klare Meer – die Kinder von der Reling hinunter –, schnorcheln, tauchen und trinken später Wein aus Pappbechern. Was für ein schöner Tag! Verabschiedet wird er wie alle Tage mit einem Menü all’italiana/elbana, an dem rein gar nichts aus-

zusetzen ist. Alle Zutaten kommen aus dem Meer, dem Garten, dem Wald, es duftet, sieht hübsch aus und schmeckt prima. Dazu elbaischen Wein, nach den Vorgaben des Hoteliers hergestellt. Espresso und Grappa auf der Terrasse, plauschen, Karten spielen und sich wieder auf die Brombeeren zum Frühstück freuen, die der Gärtner frisch gepflückt hat. Am kleinen Strand von Capo Sant’Andrea ist es morgens um halb sieben ganz still. Zwei Angler auf dem Felsen, der Müllmann hat noch zu tun, dabei blitzt schon alles. Im Strandrestaurant Le Sirene fegt die Großmutter, bevor die ganze tüchtige Familie antritt, um die leckersten Bruschette und Panini zu servieren. Auf der Mole stapeln sich die Kajaks, in der Bucht schaukeln Dingis und kleine Motorboote. Keine Abramowitsch-Jachten weit und breit. Ja, wir kommen wieder, im Mai, Juni oder September – dann wandern wir vielleicht sogar. Und nähern uns eventuell ein bisschen schneller: Eine kleine Fluggesellschaft gibt es, die einen zum Beispiel in Zürich oder München aufpicken und direkt nach Elba bringen kann, Maurizio Testa hat auch mit ihr einen Deal – zum Segen seiner Gäste. Hotel Ilio, Via Sant’Andrea, 5, S. Andrea, 57030 Marciana, Elba/Toskana, Tel. 0039-0565/90 80 18, www.hotelilio.com. DZ mit Halbpension ab 110 Euro


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Mal reinlesen Wer den Alpenhof in Appenzell besucht, muss wissen, worauf er sich einlässt: Den Sog von 12 000 Büchern und den schroffen Charme einer Künstlerpension S U S A N N

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Die Bibliothek ist eine Dauerleihgabe des Sammlers Andreas Züst. Die Jukebox in der Lobby offeriert selten gehörte Popmusik. Neben dem Hotel liegt die Kapelle St. Anton

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er sicherste Ort liegt über dem Abgrund. Fast senkrecht fällt der von alten Föhren bewachsene Hang in die Tiefe. Auf dieser Seite des Waldfensters ruht man jedoch auf einem griffigen Filzkissen. Hier duftet es nach dem Holz der Dachbalken und dem leichten Staub von 12 000 gut gepflegten Büchern. Kein Laut stört beim Lesen, und zum Lesen kommt man ja auch hierher. Die Künstlerpension Alpenhof, zuoberst auf dem St. Anton in Appenzell, beherbergt unter ihrem Dach nämlich eine der aufregendsten Büchersammlungen der Schweiz. Es ist die private Bibliothek des Zürcher Kunstsammlers und Universalgelehrten Andreas Züst. Untergebracht in einem raffinierten, simplen Holzkastensystem auf zwei Etagen. Für Tage kann man sich darin verlieren. Andreas Züst war Sammler und Mäzen vieler Künstler und kam somit zu Hunderten seltener Kataloge und Buchwerke: von Peter Fischli und David Weiss, Dieter Roth, HR Giger, auch Originalkataloge von Andy Warhol und Yves Klein sind dabei. Kunst und Sachbuch beherrschen die ganze obere Etage. Es ist, als würden die Schlagworte nach einem greifen; Architektur, Kunstgeschichte, Politik, aber auch Das Weib, Parapsychologie und Magie oder Schamanen, Geister und Seher. Da steht der dubiose Titel Gibt es eine außerirdische Basis auf Puerto Rico? nicht weit von Loving the Alien, in dem sich Diedrich Diederichsen ernsthaft mit der Konstruktion von Fremdheit unter Berücksichtigung der ScienceFiction befasst. Die untere Etage gehört der Belletristik. Achternbusch, Maugham, Zola, alles da. Ja, diese verschrobene Bibliothek zeugt von einem zügellosen Interesse auch an entlegenen Gebieten des Weltwissens. Noch eben in Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen reinblättern. Kurz schauen, was sich hinter Bändsel, Leinen, Trossen und wie man damit umgeht verbirgt. Und dann wieder zurück zu den Kunstbänden. Stunde um Stunde vergeht, ohne dass man die Landschaft mit der frischen Bergluft auch nur einmal betritt. Dabei könnte man von der Rückseite des Hauses aus bis zum Bodensee schauen. Lieblich ist der Alpenhof nicht. Der viereckige Kasten, schwer und unerbittlich, wirkt wie ein Frachtschiff, das ein Wahnsinniger auf 1100 Meter heraufgeschafft hat. Die Betreiber nennen ihn »Kulturfrachter«. Er kann genauso streng schweigen wie das steinerne Alpenmassiv von Appenzell und Vorarlberg, dem er gegenübersteht. Zu Züsts Lebzeiten (er verstarb im Jahr 2000 überraschend und früh) war das Haus ein in die Jahre gekommener und schließlich geschlossener Ausflugsgasthof, wo Einheimische ihre Hochzeiten und Taufen gefeiert hatten. Auf einer Fahrt durch Appenzell entdeckte der Sammler das Gebäude. Mit im Auto saß der damals aufstrebende Schriftsteller und Musiker Peter Weber. Das leer stehende Hotel erschien beiden als idealer Ort für

Künstler, um sich auszutoben. Sie suchten Mitstreiter, gründeten einen Verein und überredeten den Besitzer, ihnen das Haus zu vermieten. Es entstand eine Art provisorische Künstleralphütte, in die sich für ein paar Jahre Schriftsteller wie Peter Weber und Ruth Schweikert und bildende Künstler wie Pipilotti Rist zum Arbeiten zurückzogen. Doch mit wachsendem Erfolg wurde ihnen der Spielplatz zu behelfsmäßig, und ihr Engagement nahm ab. Züst selbst war noch vor Einzug der ersten Gäste gestorben, und seine Bibliothek tingelte als Wanderausstellung durch die Schweiz. Schließlich gab sich der Künstlerverein einen Ruck, renovierte das Haus und öffnete es 2009 für das Publikum – als »Selbstkochpension«. 2010 übergab Züsts Tochter Mara die Bibliothek ihres Vaters dem Alpenhof als Dauerleihgabe. Dem Bilder- und Ideenorganismus der Büchersammlung kann man sich am besten widersetzen, indem man die Zimmertür hinter sich schließt. In den asketischen Zimmern weicht die intellektuelle Überwältigung langsam den sinnlichen Eindrücken. Der Boden aus feinporigem Betonschaum schmeichelt den Füßen. Die Wände sind aus Holz. Nicht die vertäfelte, mit Heimatsehnsucht aufgeladene Variante, sondern flache, samtweiche Paneele. Dazu gibt es ein Bett mit kühler, glatter Bettwäsche, einen Tisch, zwei Metallstühle und vor dem Fenster das weit aufgespannte Panorama von Alpstein, Säntis und den Vorarlberger Alpen. In den öffentlichen Räumen des Alpenhofs mildern viele Details aus der verspielten Anfangszeit die Strenge des Hauses. Im weitläufigen Panoramasaal, der als Lobby dient, gibt es eine Jukebox mit selten gehörter Popmusik, daneben einen skurrilen Kaffeetisch, in dessen Platte ein Bastler vor vielen Jahren prächtige Dias von Alpenpanoramen eingelassen und mit einer raffinierten Beleuchtung versehen hat. Auf dem Buffet steht für Gäste immer eine Schale mit frischem Obst. Die vielen Sessel stammen aus einem ehemaligen Luxushotel. Die Fußböden werden im Winter beheizt. Der schroffe Alpenhof hat ein gutes Herz. Aber man muss wissen, worauf man sich einlässt. Unter der Woche oder in der Nebensaison kann es nämlich passieren, dass man die Nacht fast allein in dem großen Haus verbringt, im Sog der Bibliothek. Dann gähnt auch diesseits des Waldfensters ein ziemlich gefährlicher Abgrund. Alpenhof, St. Antonstraße 62, 9413 Oberegg AI, Tel. 0041-71/890 08 04, www.alpenhofalpenhof.ch. DZ inklusive Frühstück ab 116 Euro Gäste können in der gut ausgestatteten Küche selbst kochen. In direkter Nachbarschaft zum Alpenhof gibt es eine Bergwirtschaft und eine Bäckerei. Die Bibliothek Andreas Züst geht vom 9. November bis zum 8. Februar auf Reisen, danach kann sie wieder im Alpenhof besichtigt werden und ist dann immer am Samstag von 13 bis 16 Uhr auch für NichtHotelgäste geöffnet. Eintritt frei. www.andreaszuest.net

Fotos (S.12 - 13): Cyrus Saedi für DIE ZEIT/www.cyrus-saedi.com

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In Zimmer 24 h채ngt ein Werk aus Kordel des Schweizer K체nstlers Michael G체nzburger

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Kunst vor der Hütte Die art-lodge in Kärnten versammelt auf 1058 Meter Höhe moderne Installationen, Bilder und Skulpturen. Wem das zu bunt wird, der springt einfach ins kalte Wasser A N D R E A

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in nackter Mann kniet vor mir. Kahl und kreideweiß kauert er auf dem Boden. Es sieht aus, als würde er in einer Yogapose verharren. Die Figur ist eine Installation der Künstlerin Claudia Rogge. Sie steht im Eingangsbereich der art-lodge, eines kleinen Hotels in Kärnten. Und sie ist nur eines von unzähligen Kunstwerken, die Dirk und Katrin Liesenfeld im Laufe der Jahre gesammelt haben. Die beiden ehemaligen Werber aus Düsseldorf, sie eine zierliche Blonde, er Typ gemütlicher Kumpel in Freizeithemd und kurzer Hose, hatten irgendwann einmal keinen Platz mehr für all die Bilder und Skulpturen und Installationen. Ursprünglich wollten sie damit ein Kunsthotel in Portugal eröffnen, an der Küste. »Die Alpen waren für uns ein Kindheitstrauma, da mussten wir immer mit den Eltern zum Wandern hin«, sagt Katrin Liesenfeld nach einem herzlichen Empfang in der Lobby. Doch dann verbrachten sie vor sechs Jahren ein paar Tage in den Nockbergen, die tatsächlich an Nockerl erinnern, und ihnen erging es wie allen, die hierher kommen: Die Blicke über sanft gerundete Kuppen und Hänge, über Fichtenwälder und Wiesen mit bunten Wildblumen machen einfach glücklich. Inmitten diesen grünen Wunders fanden die beiden auf 1058 Meter Höhe den Rohrerhof, ein 300 Jahre altes Gebäude in hölzernem Kleid, samt Scheune und Schuppen. Kein Bus schraubt sich die Straße hoch, der nächste Nachbar ist außer Sicht- und Hörweite, Ruhe pur. Die Liesenfelds zögerten nicht lange, kauften und entrümpelten, bauten um und machten

und taten, bis sie endlich fertig war: ihre art-lodge, ein Vier-Sterne-Haus mit einem Dutzend individuell gestalteter Zimmer und Suiten. Alles voll mit Kunst. Bunt ist es geworden. Im Flur dominieren Magenta, Schwarz und Silber, und kaum betrete ich mein Zimmer, da werde ich von Pfefferminzkaugummigrün, saftigem Orange und schrägem Rot geblendet. Das winzige Bad ist aus einem Guss und original Siebziger, der dunkle hochflorige Teppich zum Glück nicht. Die Möbel aus altem Gasthausbestand sind neu lackiert, die Wände teils noch original holzvertäfelt. Kein Kühlschrank brummt neben dem Kopfkissen, eine Minibar für alle gibt es im Flur. Als ich mir eine Flasche Wasser nehme, lugt Frau Schulz um die Ecke. Frau Schulz ist klein, hat schwarze Haare und benimmt sich so höflich wie alle hier. Freudig wedelt die Zwergpudeldame mit dem Schwanz. Ich kraule sie hinter dem Ohr, das genießt sie, dann greife ich mir eine der überall im Haus ausliegenden Design- und Kunstzeitschriften und mache mich auf den Weg nach draußen. Etwas unterhalb der Weide mit den wolligen Galloway-Rindern bleibt mein Blick wieder hängen. Die weiße Skulptur Ja Rot von Wolfgang Flad ist mit sechs Meter Länge und fast drei Meter Höhe das größte Objekt der art-lodge und scheint blutige Schrammen zu haben. Zwischen Kunst und Natur schwankend, entscheide ich mich dann doch für den Bio-Pool hinter dem Saunaschuppen. Das Wasser ist von beglaubigter Bergseequalität, deshalb steht auf einem Schild am Beckenrand, dass Gästen mit »ekelerregenden Krankheiten« das Schwimmen unter-

art-lodge, Verditzer Straße 52, 9542 Verditz/Afritz am See, Kärnten, Tel. 0043-4247/299 70, www.art-lodge.at, von Mai bis Dezember geöffnet. DZ ab 95 Euro

Die art-lodge liegt in den Nockbergen, kein Bus schraubt sich die Straße hoch. Das Haus ist 300 Jahre alt

Ob in den zwölf Zimmern, im Flur oder im Restaurant: Das Vier-Sterne-Hotel geizt nicht mit Farbe

Dirk und Katrin Liesenfeld sammeln seit Jahren Kunst. Die Skulptur »Ja Rot« ist von Wolfgang Flad

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sagt ist. Das sei leider vorgeschrieben, sagt Dirk Liesenfeld und grinst dabei süffisant. Kopfüber springe ich in das Quellwasser, oweia, ist das kühl, tauche auf und blicke nach oben. Der Himmel ist Yves-Kleinblau, und außer Grillengezirpe und einem leisen Plätschern ist nichts zu hören. Anschließend lehne ich mich an die sonnenwarme Wand des Schuppens und lasse mich trocknen. Beim Blättern in der Zeitschrift erfahre ich, dass österreichische Wissenschaftler dem Holz der Zirbelkiefern erstaunlich erquickliche Wirkungen attestieren: Es verhilft zu besserem Schlaf und fördert die Geselligkeit. Ich verdränge mein schlechtes Gewissen, weil ich nicht beim Mountainbiken, Klettern oder Segeln oder sonst was bin, all den Dingen, für die andere Gäste hierher reisen. Und nicke ein. Pünktlich zum Abendessen bin ich wieder auf den Beinen. Dirk Liesenfeld bekocht seine Gäste höchstselbst. Heute hat er eine Kartoffelsuppe gezaubert, einen Salat mit Honigdressing und für Vegetarier Tofugeschnetzeltes. Schmeckt grandios. Genauso wie die Cremeschnitte. Den Gute-Nacht-Trunk nehme ich auf meinem Balkon ein. Eine Sternschnuppe zieht ihre Bahn, der Ruf eines Kauzes ertönt, und ganz weit in der Ferne grollt Gewitterdonner. Ich denke an Kuschelrinder und junge Kunst und werde gleichzeitig gesellig und müde. Der Balkon muss aus Zirbelholz sein.

Fotos (S. 20 - 21): Cyrus Saedi für DIE ZEIT/www.cyrus-saedi.com

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Das Wasser im Bio-Pool ist von beglaubigter Bergseequalit채t

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Schloss, endlich Drei Jahre Arbeit investierte das Ehepaar Forytta in das alte Herrenhaus Marihn in Mecklenburg-Vorpommern. Heute leuchtet die Fassade cremeweiß, und im Garten duften die Rosen VO N

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Schloss Marihn und seine Gärten – der Hausherr hat sie selbst gestaltet

enn die Wiesen blühen, steht Sonja Forytta schon frühmorgens am Wegrain, um blaue Kornblumen und weiße Margeriten zu pflücken. Die Sträuße kontrastieren einfach so wunderbar bäuerlich mit den eleganten, stuckverzierten Gästezimmern ihres Schlosses! Sonja und Horst Forytta sind Aussteiger. Zwei, die ihre alten Jobs an den Nagel gehängt haben, um sich ganz ihrer Rolle als Gastgeber zu widmen. 2004 entdeckten sie Schloss Marihn – und waren auf Anhieb begeistert: von den hügeligen Weiten Mecklenburg-Vorpommerns, von den Rauhwolligen Pommerschen Landschafen auf den Wiesen, von den Störchen, die hier auf den Dächern ihre Nester bauen, und natürlich vom Schloss selbst, obwohl es sich damals in einem erbärmlichen Zustand befand. Im 19. Jahrhundert hatte Schinkel-Schüler Wilhelm Buttel das weiße Herrenhaus im palladianischen Stil erbaut. Zu DDR-Zeiten dann waren willkürlich Wände eingezogen worden, um Raum für Konsum-Laden, Kindergarten und Wohnungen zu schaffen. Drei Jahre Arbeit investierten die Foryttas, um das heruntergekommene Gebäude in das Schloss ihrer Träume zu verwandeln. Als 2007 die ersten Gäste kamen, fehlte nur noch der Landschafts- und Rosengarten – der, gestaltet von Horst Forytta, zwei Jahre später fertig wurde, pünktlich zur Bundesgartenschau. Wer das Schloss heute besucht, fährt an Neustrelitz vorbei bis Marihn, einem 300-Seelen-Dorf mit putzigen Backsteinhäusern. Wenige Kurven weiter sieht man dann, hinter einem kleinen Wäldchen, die cremeweiße Fassade des Schlosses leuchten, an dessen Eingang Sonja Forytta ihre Gäste selbst willkommen heißt. Der Empfangsbereich ist mit gemütlichen Sofas bestückt. Über eine wunderbare alte Eichentreppe geht es hinauf zur Beletage. Dort befinden sich die »Chambres d’Hôtes«, wie die freundliche, angenehm zurückhaltende Hausherrin ihre Gästezimmer nennt. In den hübschen Räumen, gestrichen in Petrolblau, Pflaumenrot und Resedagrün, tragen die Sessel französische Stoffbezüge; die antiken Möbel sind aus Birkenholz. Unvergleichlich ist der Ausblick auf den Park mit seiner Blutbuche, den alten Eichen und Linden. Unwillkürlich zieht es einen hinaus ins Grün, wo man durch den Gemüsegarten schlendert, vorbei an Spinat und Weintrauben, Erdbeeren und Spalierobst. Bis sich in der Nase ankündigt, was ein paar Schritte weiter die Sinne berauscht: ein Garten voller David-Austin-Rosen, 10 000 Pflanzen, 250 Sorten. Aus ihnen kocht Sonja Forytta das Rosengelee, das sie am Morgen zum Frühstück reicht. Danach geht’s mit dem Fahrrad zum Mühlensee. Frösche quaken, durch die Baumkronen rauscht der Wind. Der Duft der Rosen aber weicht dem Ausflügler lange nicht aus der Nase. Schloss Marihn, Flotower Str. 1, 17219 Marihn, Tel. 03962/22 19 30, www.schlossmarihn.com. DZ ab 95 Euro, Frühstück 12,50 Euro pro Person

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Fotos: Cyrus Saedi für DIE ZEIT/cyrus-saedi.com

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Dem Touri sein Quartier Früher holten die Kumpel hier ihr Geld ab. Heute ist die Alte Lohnhalle in Essen-Kray ein Hotel – mit Zechencharme und Waschkauenschick VO N

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ndustriekultur – das ist schon seit Jahren das Zauberwort, mit dem im Ruhrgebiet Kohlenstaub in Gold verwandelt werden soll. Zahllose aufgelassene Kokereien, Gebläsehallen, Kohlenwäschen zwischen Duisburg und Dortmund wurden zu Museen, Kneipen, Vergnügungsparks, auf dass Touristen aus der ganzen Welt kommen mögen, um die Dinosaurier des Montanzeitalters mit offenem Munde zu bestaunen. Aber stil- und themengerecht übernachten im Pütt? Schwierig. Das kann man nur an einem einzigen Ort: im Hotel Alte Lohnhalle in Essen-Kray. »Dem Ruhri sein Vier Jahreszeiten«, hieß es darüber auf Plakaten, die Essen als Europas Kulturhauptstadt 2010 bewarben. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber etwas ganz Besonderes ist dieses Haus in jedem Fall. Einst war die 1903 erbaute Lohnhalle das Herzstück der Zeche Bonifacius, auf der zu Bergbau-Hochzeiten 1,3 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr gefördert wurden. Entsprechend großmächtig ist das Gebäude, in dem die mehr als 3000 Kumpel täglich ihre Schichtzettel und wöchentlich ihre Lohntüten abholten: Kathedralenartig strebt die neogotische Backsteinfassade mit Spitzbögen und Türmchen in die Höhe, und auch die riesige Halle gleich hinter dem Eingang

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– 170 Quadratmeter Grundfläche, 16 Meter hoch – hat Kirchenschiffdimensionen. Wer eintrat, sollte gleich begreifen, wie mächtig der Gott Kohle ist, dem hier gedient wurde. Doch war es mit dessen Herrlichkeit bald vorbei, schon 1967 wurde Bonifacius stillgelegt. Danach dauerte es fast 40 Jahre, bis ein mutiger Dortmunder dem sinnlos gewordenen Weiheort nach diversen halbgaren Zwischennutzungen als Techno-Disco und Tonstudio neues Leben einhauchte. Heinrich Huke schrubbte eigenhändig die dicke Schicht Zechendreck vom erdroten Fliesenboden, rückte an die Stelle der Lohntütenausgabe eine Rezeption, einen Bartresen und ein kleines Restaurant, importierte mit zwei großen Sitzecken Gemütlichkeit in die Halle und fand Platz für zwei Tagungsräume und 17 Hotelzimmer. Aus der Not, dass in so einem Gebäude nichts irgendeiner Norm gehorcht, hat Huke eine Tugend gemacht und jedes Zimmer zu einem Einzelstück geformt. Es gibt handliche Doppelzimmer mit Blick auf den denkmalgeschützten Förderturm, den ältesten erhaltenen seiner Art. Die »Steiger-Suite« dagegen besteht aus zwei geräumigen Zimmern, die man über den luftigen Umgang auf halber Höhe der großen Halle erreicht.

Hukes Frau, die Designerlampen und -sitzmöbel sammelt, hat ihre Schätze, vom Kronleuchter bis zum in Würde gealterten Lederfernsehsessel, gerecht im ganzen Haus verteilt. Das restliche Mobiliar ist mit überschaubarem Budget, aber stets geschmackssicher zusammengestellt – die Alte Lohnhalle ist keines dieser geleckten, chromblitzenden Designhotels, sondern Zeugnis eines gelebten Sammlertums, das sich nicht scheut, die ein oder andere Lücke bei Ikea zu schließen. Die Betten sind schlichtweg perfekt; in den schnörkellosen Bädern mischt sich das Erbe von Bauhaus und Waschkaue. Im ganzen Haus waltet der schöne Charme des ruhrpöttisch-liebevoll Gefrickelten, beschützt von einer kleinen Skulptur der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, zu deren Füßen in der Lobby ein dicker Klumpen Fettkohle funkelt. Mit der Besichtigung der Ruhr-Kultur kann man gleich vor dem Hotel weitermachen: Was von Bonifacius erhalten blieb, steht unter Denkmalschutz; mit der monatlichen Führung kommt man sogar auf den alten Förderturm. Unter den stattlichen Platanen zwischen Hoteleingang und ehemaliger Elektrowerkstatt macht sich ein netter Biergarten breit, in der Lampenstube, wo einst die Gruben-

lampen aufgeladen wurden, bringt heute ein Fitnesscenter die Köpfe der Trainierenden zum Glühen (für Hotelgäste kostenlos), in der Turbinenhalle schließlich findet sich ein bestens sortierter Weinhandel. Und irgendwann, wenn nach dem Kohle- auch das Autozeitalter vorbei sein wird, werden vielleicht sogar die Hallen des benachbarten Opel-Händlers und das typische Gewerbeparkmischmasch ringsum zum Kulturgut erklärt ... Weil die Alte Lohnhalle zwar nicht im Zentrum von Essen, wohl aber im Herzen der »Route der Industriekultur« liegt, ist es nicht weit zu den Höhepunkten des neuen Kohlenpotts. Zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein zum Beispiel mit dem wirklich spektakulären neuen Ruhr Museum in der von Rem Koolhaas umgebauten Kohlenwäsche sind es keine sechs Kilometer. Am besten fährt man übrigens mit dem Rad – seit im Ruhrgebiet kaum mehr Schlote rauchen, erobert die Natur im großen Stil Terrain zurück. Und wer kein Bike sein Eigen nennt, dem wird in der Alten Lohnhalle ebenfalls geholfen – mit einem Leihrad. Alte Lohnhalle, Rotthauser Straße 40, 45309 Essen, Tel. 0201/38 45 70, www.alte-lohnhalle.de. DZ ab 76 Euro ohne Frühstück

Fotos: Cyrus Saedi für DIE ZEIT/cyrus-saedi.com (S.28); Thomas Linkel (S.29)

Betreten gestattet: Fördergerüst der Zeche Bonifacius und die Lobby in der Alten Lohnhalle

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