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WOJ 18. Jg. - 4/2012 Oktober/November/Dezember 2012 ISSN 0947-5273

1 KAPITEL/ RUBRIK

THEMA

TITEL

West-Ost-Journal

4 2012

Oktober November Dezember

Zum 150. Geburtstag und dem 100. Jahrestag der Nobelpreisverleihung an Gerhart Hauptmann 03 Lesung

09 Symposium

17 Vortrag

Im Frühjahr 1893 besprach Franz Mehring in »Die Neue Zeit« Gerhart Hauptmanns Theaterdichtung »Die Weber«. Das Stück war am 26. Februar 1893 von der Berliner »Freien Bühne« erstmals gespielt worden; die Aufführung war allerdings nur möglich in Form einer »geschlossenen Veranstaltung«, nicht zugänglich für das allgemeine Publikum. Die »Freie Bühne« war der Rechtsform nach ein Verein; ....

Grenzen in Europa. Diese brachten prägende Erfahrungen für viele Generationen und Völker mit sich. Die Überwindung von Grenzen bedeutet Weiterentwicklung und ist ein länger währender Vorgang. Er besteht aus einem Geflecht von Aktionen, Begegnungen, Diskussionen, Gesprächen und Handlungen. Vor der Grenze zu verharren, bedeutet Stillstand und verhindert Entwicklungen.

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Als Carl Zuckmayer Ende Dezember 1896 geboren wurde, war Gerhart Hauptmann als 34-Jähriger bereits ein arrivierter Dichter. Die skandalträchtigen Uraufführungen von »Vor Sonnenaufgang« (1889) und »Die Weber« (1893/94) lagen hinter ihm, der heftige Meinungsstreit über Wert oder Unwert der »naturalistischen« Theaterdichtung Hauptmanns, der auch in diversen Gerichtsverfahren ausgetragen worden war, ... Seite 17

www.gerhart-hauptmann-haus.de


02 Editorial

Inhalt

3 Er gehört innerlich zu uns. Gerhart Hauptmann – ein politischer Dichter? Drei Momentaufnahmen 06 Mittendrin am Rand. Michael Zeller liest seine Erzählung »Der Schüler Struwe« 07 Vom Schlagbaum zur Grenze. Die deutsch-polnische Grenze im 20. Jahrhundert 08 Itzig Manger - Der Prinz der jiddischen Ballade 09 Eine kulturhistorische Studienreise 22.4. - 29.4.2013 10 Verleihung des Andreas Gryphius-Preises 11 König Friedrich II. von PreuSSen und Polen 13-16 Kontrapunkt 17 Demokratiefeindschaft von rechts und der Untergang der Weimarer Republik - In Erinnerung an den 90. Todestag Walther Rathenaus 18 Schülerexkursion nach Schlesien 19 »Er ist der letzte, den wir, ohne uns des Wortes zu verdrieSSen, einen Dichterfürsten nennen dürfen.« Zur Nachwirkung Gerhart Hauptmanns auf folgende Autorengenerationen 20 Ägypter bis Zwangsassimilitation. Das »Lexikon der Vertreibungen« – ein Meilenstein zur Geschichte des »Zeitalters der Extreme« 21 »Auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.« 22 Ein auSSergewöhnlicher Europäer. Zum ersten Todestag von Jiři Gruša (1938-2011) 23 Von Heimweh, gebrochenem Deutsch und Selbsteinwanderung 23

Die Legende vom Vierten

23

Erbe weitergeben

König

24 Weihnachtlicher Abschied vom Gedenkjahr zum 300. Geburtstag König Friedrichs II. von PreuSSen mit Literatur und Musik

Liebe Leserinnen und Leser, mit dem letzten Quartal geht das bedeutsame Gedenkjahr 2012 seinem Ende entgegen. In Anbetracht des 150. Geburtstages unseres Namenspatrons am 15. November und des 100. Jahrestages der Verleihung des Literaturnobelpreises an den großen schlesischen Dichter am 10. Dezember 2012 steht Gerhart Hauptmann im Vordergrund des Programms. In seinem langen Leben hat Hauptmann zwischen 1862 und 1946 nicht allein mehrere epochale Umbrüche in der kulturellen Entwicklung miterlebt und (zumindest teilweise) mitgestaltet, sondern er hat auch in fünf sehr unterschiedlichen politischen Perioden gelebt. Als er im November 1862 geboren wurde, gehörte seine Heimatprovinz Schlesien zum preußischen Staat und dieser zum Deutschen Bund. Eine große politische Weichenstellung war allerdings im Gange, denn nur wenige Wochen zuvor, am 23. September 1862, hatte König Wilhelm I. Otto von Bismarck zum neuen preußischen Ministerpräsidenten berufen. Bismarck hatte seine berühmte »Blut und Eisen«-Rede schon gehalten (30. September 1862) und sollte in den kommenden Jahren die politische Landschaft Deutschlands und Europas umgestalten. Gerhart Hauptmann war noch keine zehn Jahre alt, als die Reichsgründung von 1871 vonstattenging – nunmehr lebte er im Deutschen Reich. Als Bismarck im Frühjahr 1890 abtreten mußte, war Hauptmann schon ein junger, durch sein Drama »Vor Sonnenaufgang« bekannt gewordener Dramatiker. Wilhelm II., der letzte König von Preußen und deutsche Kaiser, war kein Freund von Hauptmanns Dichtungen. Als der letzte HohenzollernHerrscher 1918 abdanken mußte und die erste deutsche Republik gegründet wurde, avancierte der Nobelpreisträger Hauptmann rasch zu deren kulturellem Aushängeschild. Als solches hätten gerne auch die NS-Machthaber Hauptmann nach 1933 für sich instrumentalisiert, freilich blieb das wechselseitige Verhältnis ausgesprochen zwiespältig. Und als Gerhart Hauptmann am 6. Juni 1946 hochbetagt in seinem Refugium in Agnetendorf am Rande des Riesengebirges starb, war das Deutsche Reich im selbstverschuldeten Krieg untergegangen und seine schlesische Heimat faktisch bereits dem polnischen Staatsgebiet zugeschlagen.

Neben dem gewaltigen historischen Gehalt dieses Lebens steht natürlich der künstlerische. Diesen hier auch nur zu umreißen ist unmöglich; es mögen zwei Hinweise genügen: Zwei Tage vor Gerhart Hauptmanns Geburt verstarb Ludwig Uhland. Kurz vor der Französischen Revolution geboren (1787), gehörte Uhland zur romantischen Dichtergeneration um Joseph von Eichendorff (1788-1857) und andere. Um die Zeit als Hauptmann starb, begann Wolfgang Borchert an seinem Drama »Draußen vor der Tür« zu arbeiten, ein Stück, das einer der größten Erfolge der Nachkriegsbühnendichtung in Deutschland werden sollte. So weit ist die literarische Spannbreite in Hauptmanns Lebenszeit gesteckt. Ein Dichterleben also, das allemal Stoff genug für eine facettenreiche Auseinandersetzung bereithält. Wir machen zu dieser Auseinandersetzung in unserem Programm verschiedene Angebote, bei denen über Hauptmann gesprochen wird, bei denen er natürlich aber auch selbst durch Lesungen zu Wort kommt. Die andere große geschichtsmächtige Gestalt, der wir in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit gewidmet haben, ist der preußische König Friedrich II. Dessen 300. Geburtstag war im Januar 2012 Ausgangspunkt einer Veranstaltungsreihe, die nunmehr schließt – zuguterletzt nach viel (Geschichts-) Wissenschaft klingend mit unserem besonderen Weihnachtskonzert am 14. Dezember. Über Hauptmann und Friedrich hinaus gibt es aber auch manch andere spannende Materie. Wir erwarten Sie also wieder zu einer Fülle von hochkarätigen Veranstaltungen – und natürlich auch wieder zu unserem alljährlichen Ostdeutschen Weihnachtmarkt. Wie immer am 2. Advent (9. Dezember 2012) bei uns im Gerhart-Hauptmann-Haus! Herzlich Ihr


3 Lesung & Gespräch

Lesung und Gespräch mit Dr. Hajo Buch und PD Dr. Winfrid Halder

Er gehört innerlich zu uns. Gerhart Hauptmann – ein politischer Dichter? Drei Momentaufnahmen

Momentaufnahme Nr. 1: Im FrühOrgan der deutschen Sozialdemokratie. dramatisches Material entlehnt hatte. jahr 1893 besprach Franz Mehring Beide, Mehring und Kautsky, gehörten Er verwies nachdrücklich darauf, dass in »Die Neue Zeit« Gerhart Hauptzur intellektuellen Elite der Partei, die Hauptmann eine bereits 1845 verfassmanns Theaterdichtung »Die Weber«. sich nach dem Ende des »Sozialistente Darstellung des Weberelends von Das Stück war am gesetzes«, mit dem Wilhelm Wolff verwendet hatte. Wolff, Veranstaltungsort: 26. Februar 1893 Reichskanzler Otto selbst 1809 im niederschlesischen Tarvon der Berliner Stadtbüchereien Landes- von Bismarck seit nau unweit der späteren Zentren des »Freien Bühne« hauptstadt Düsseldorf, 1878 vergeblich Weberaufstands geboren, hatte wegen Zentralbibliothek, erstmals gespielt versucht hatte, die seiner demokratischen Gesinnung eine Bertha-von-Suttnerworden; die Aufsozialistische Armehrjährige Festungshaft verbüßt und Platz 1 führung war allerbeiterbewegung zu war später ein früher Mitstreiter von dings nur möglich zerschlagen, 1890 Karl Marx geworden. Wie Friedrich in Form einer »geschlossenen Veranunter dem Namen SPD reorganisiert Engels war auch Wilhelm Wolff Mitstaltung«, nicht zugänglich für das allhatte. Kautsky, 1854 in Prag gearbeiter der 1848/49 in Köln gemeine Publikum. Die »Freie Bühne« boren, und der knapp acht Jahre von Marx herausgegebenen, war der Rechtsform nach ein Verein; zu ältere, aus dem pommernschen Mi, dann jedoch schnell verbotenen den vom Vereinsvorstand organisierten, Schlawe stammende Mehring, 07.11. »Neuen Rheinischen Zeitung« in angemieteten Räumlichkeiten stattwaren eher untypische Sozial- 20.00 Uhr gewesen. Marx widmete dem findenden Darbietungen hatten nur demokraten: Aus bürgerlichen schon 1864 verstorbenen Wolff Mitglieder Zutritt. Ein knappes Jahr zuElternhäusern kommend, hatten den ersten Band seines zentvor hatte das Berliner Polizeipräsidium beide ein geisteswissenschaftliches Sturalen Werkes »Das Kapital« (1867). eine Aufführung der ersten, im schledium absolviert und sich dann erst der Franz Mehring wäre gewiß noch übersischen Dialekt geSozialdemokratie zeugter von der sozialdemokratischen haltenen Fassung angeschlossen. Die Prägung von Hauptmanns Stück gewevon Hauptmanns SPD hatte bei der sen, hätte er gewußt, dass dieser nicht Stücks verboten. vorangegangenen nur die Arbeit Wilhelm Wolffs gelesen Auch die weitgeReichstagswahl im hatte, sondern dass er sich darüber hihend ins HochdeutFebruar 1890 (kurz naus der Kenntnisse Max Baginskis besche übertragene vor dem förmlichen dient hatte. Baginski, zwei Jahre jünger zweite Fassung, die Ende des Sozialisals Hauptmann, stammte aus einem der Dichter gegen tengesetzes) ihren Schuhmacherhaushalt im ostpreußiJahresende 1892 Anteil an den abgeschen Bartenstein. Bereits als 18-jähribeim Polizeipräsigebenen Stimmen ger Geselle hatte er sich der damals verdium eingereicht auf 19,7 % nicht botenen sozialdemokratischen Partei hatte, erhielt keine ganz verdoppelt angeschlossen. 1891 hatte ihn die ParAufführungsgeund entsandte 35 tei mit der Redaktion der Zeitung »Der nehmigung. Gegen statt bisher 11 AbProletarier aus dem Eulengebirge« bedas erneute Verbot geordnete in den auftragt – er leitete also das sozialdemolegte Hauptmanns Reichstag. kratische Organ im Gebiet des WeberRechtsanwalt RiMehring also, der aufstands von 1844. Im Frühjahr 1891 chard Grelling Befür »Die Neue hatte Baginski in Langenbielau Gerhart schwerde beim zuZeit« das FeuilleHauptmann kennengelernt, der sich ständigen Berliner Franz Mehring (SPD) ton schrieb, hatte dort für seine Stoffrecherchen für das B e z ir k saussc hu ß sich Gerhart Hauptgeplante Weber-Drama aufhielt. In der ein. Allerdings wurde das Verbot durch manns »Weber« vorgenommen. Er Folgezeit hat er Hauptmann als ortsdiesen am 14. März 1893 bestätigt. widersprach eingangs entschieden der und menschenkundiger Führer gedient. Daraufhin reichte Grelling dagegen Behauptung von Teilen der bürgerliFranz Mehring konnte das nicht wissen, beim Preußischen Oberverwaltungschen und konservativen Presse, bei den denn Baginski hat sich öffentlich dazu gericht Klage ein – das Verfahren sollte »Webern« handele es sich um ein »soerst 1905 geäußert. Gleichwohl war noch bis zum Oktober 1893 andauern, zialistisches Tendenzstück«. So einfach Mehring davon überzeugt, dass Gerwar also noch nicht abgeschlossen als lägen die Dinge bei Hauptmann nicht. hart Hauptmann bei der Abfassung der Mehring seine Besprechung schrieb. Allerdings wollte Mehring auch nicht »Weber« »aus dem Born eines echten Franz Mehring war nicht irgendein Reder Auffassung einiger Verteidiger des Sozialismus zu schöpfen verstanden zensent und »Die Neue Zeit« nicht jungen Dichters folgen, welche behauphat, das stellt ihm ein ehrendes Zeugnis irgendein Organ. Die Zeitschrift, 1883 teten, das Stück sei über dem »Dampf aus.« mit dem Untertitel »Revue des geisund Dunst alles Parteipolitischen« in tigen und öffentlichen Lebens« ge»reineren Höhen« angesiedelt. Nach Momentaufnahme Nr. 2: Am 9. gründet, war zu dieser Zeit unter ihrem Meinung Mehrings war das Stück eben Juni 1942 findet im Großen Saal der Herausgeber und Chefredakteur Karl doch ein politisches und zwar durch die (alten) Berliner Philharmonie die einKautsky das wichtigste theoretische Quellen, aus denen Hauptmann sein Fortsetzung auf seite 4


4 Lesung & Gespräch Fortsetzung von seite 3

zige öffentliche Lesung Gerhart Hauptmanns während der nationalsozialistischen Diktatur statt. Sie ist Teil der »Berliner Kulturwochen«, deren Organisation in den Händen von Gerhard Scherler liegt, hochrangiger Funktionär im Reichspropagandaministerium und zuvor selbst als Theaterregisseur tätig. Außer Hauptmann lesen vor dem Publikum der Kulturwochen, das nach Scherlers Planung zur Hälfte aus verwundeten Soldaten und Rüstungsarbeitern besteht, neben anderen auch der aus Bayern stammende Hans Carossa und die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel. Scherler, der Hauptmann seit seiner Berliner Inszenierung von dessen Stück »Florian Geyer« im Jahre 1934 persönlich kennt, hatte den Dichter, der im November 1942 seinen 80. Geburtstag feiern wird, eigens in Agnetendorf aufgesucht, um dessen Zusage zu erreichen. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen zur 17-bändigen Werkausgabe Hauptmanns, die anläßlich des bevorstehenden runden Geburtstages erscheinen soll. Die Lesung in der Philharmonie gerät zum umjubelten Triumph Hauptmanns im vollbesetzten Saal. Am nächsten Tag liest Hauptmann noch einmal im vornehmen Hotel Adlon vor laufender Kamera. Am Abend des 10. Juni 1942 folgt ein, wiederum von Gerhard Scherler veranlaßter allerdings höchst exklusiver Programmpunkt: Gerhart Hauptmann ist mit seiner Frau bei Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und dessen Frau zum Abendessen eingeladen. Das intime Diner findet in der luxuriösen Villa des Ehepaars Goebbels auf der Berliner Havel-Insel Schwanenwerder statt. In einer der teuersten Berliner Wohngegenden hatte Goebbels 1935 ein Grundstück erworben – von einem jüdischen Voreigentümer, der gezwungen wurde, es weit unter Wert zu verkaufen. Mit seiner Ehefrau Magda, die aufgrund ihrer früheren Ehe mit dem Großindustriellen Günther Quandt einen mondänen Lebensstil gewohnt war, baute Goebbels dort seinen Privatwohnsitz. Zu Gast waren an jenem Juni-Abend 1942 neben dem Ehepaar Hauptmann der gebürtige Düsseldorfer Gustav Gründgens, Schauspielstar und Generalintendant des Preußischen Staatstheaters, die Schauspielerin Käthe Gold, die mit Gründgens beruflich eng verbunden war, der Schauspieler und Präsident der Reichstheaterkammer Paul Hartmann mit Frau sowie Gerhard Scherler ebenfalls mit Ehefrau. Der Abend im Hause Goebbels verlief offenkundig harmonisch. Der Propagandaminister, selbst studierter Litera-

turwissenschaftler, der 1921 in Heidelberg von seinem jüdischen Doktorvater Max von Waldberg promoviert worden war, zog unmittelbar danach, eifriger Tagebuchschreiber der er war, Bilanz: Hauptmann sei »im persönlichen Umgang sympathischer als aus der Entfernung gesehen.« Und weiter: »Dem Kriegsgeschehen steht er [Hauptmann] mit warmem Herzen und fast jugendlicher Leidenschaftlichkeit gegenüber.« Zu dieser Zeit tobte, fast genau ein Jahr nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, auf der Krim die Schlacht um die Festung Sewastopol, bei der die deutsche Armee rund 27.000 Mann an Gefallenen, Verwun-

Joseph Goebbels (NSDAP)

deten und Vermißten verlor. Wenige Wochen später begann der Angriff auf Stalingrad. Seit einem guten halben Jahr steht der NS-Staat auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika in einem von deutscher Seite erklärten Krieg: Die NS-Machthaber haben damit die Anti-Hitler-Koalition der Großmächte Großbritannien, Sowjetunion und USA selbst komplettiert. Das gewaltige militärische Potential der Nordamerikaner hat schon im Ersten Weltkrieg seit dem Frühjahr 1917 die deutsche Niederlage endgültig unabwendbar gemacht – dennoch glauben Hitler und seine Getreuen an den »Endsieg«. Und systematisieren zugleich den Massenmord an den europäischen Juden. Die berüchtigte »Wannsee-Konferenz«, auf der unter Leitung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich entsprechende Schritte beschlossen wurden, hat am 20. Januar 1942 stattgefunden – einen Steinwurf von der Goebbels’schen Prunkvilla entfernt. Goebbels fuhr in seinem Tagebuch fort: Zwar habe Hauptmann bisher einige Distanz gewahrt zum Kulturbe-

trieb im NS-Staat, nun aber solle sich das ändern. »Ich halte es deshalb für notwendig, dass man bei seinem hohen Lebensabend noch den Versuch macht, ihn für das nationalsozialistische Regime vollkommen zu gewinnen. Man braucht dazu nicht viel Mühe aufzuwenden; denn er gehört innerlich zu uns […].« Goebbels bemühte sich also um den einen der beiden zu diesem Zeitpunkt noch lebenden deutschen Literaturnobelpreisträger (Theodor Mommsen, Rudolf Eucken und Paul Heyse waren längst verstorben). Und der andere? Thomas Mann, der Deutschland 1933 verlassen hatte und dem die NS-Behörden 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt hatten, lebte seit 1939 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von dort sandte er seit dem Oktober 1940 monatliche, stets mit »Deutsche Hörer!« beginnende Radiobotschaften an seine deutschen Landsleute, die über den britischen Sender BBC ausgestrahlt wurden. Sie trotz strikten Verbots anzuhören, stellte nach Goebbelsscher Lesart ein »Rundfunkverbrechen« dar, das mit drakonischen Strafen bedroht wurde. Wenige Tage nach dem Besuch der Eheleute Hauptmann bei Goebbels sprach Thomas Mann in seiner Rundfunkbotschaft über den Massenmord von Lidice. In dem tschechischen Dorf unweit von Prag hatte die SS – als vorgebliche Vergeltung für am 4. Juni 1942 an den Folgen eines Attentats verstorbenen Reinhard Heydrich, der neben seiner führenden Funktion im »Reichssicherheitshauptamt« (der Zentrale von politischer und rassischer Verfolgung im NS-Staat) auch als stellvertretender »Reichsprotektor für Böhmen und Mähren« amtiert hatte – 172 Männer und Jungen ermordet, Frauen und Kinder verschleppt, die meisten auch in einen baldigen Tod. Geschehen war dies genau in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942, als Gerhart Hauptmann in der Philharmonie las und tags darauf bei Propagandaminister Goebbels speiste. Thomas Mann kommentierte die (von Goebbels gesteuerte) Berichterstattung über Heydrichs Tod und die Folgen: »Seit dem gewaltsamen Tod des Heydrich, dem natürlichsten Tode also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhaft-hemmungsloser als je. Es ist absurd und läßt wieder einmal den Ekel hochsteigen vor der Mischung aus Brutalität und kreischender Wehleidigkeit, die von jeher für das Nazitum kennzeichnend war.« Über die Manns (Thomas und seinen ebenfalls emigrierten Bruder Heinrich) wurde bei Goebbels am Abend des


5 Lesung & Gespräch 10. Juni 1942 auch gesprochen. Der schrieb in sein Tagebuch: »Über die Manns fällt er [Hauptmann] das denkbar absprechendste Urteil.« Momentaufnahme Nr. 3: In den ersten Oktobertagen des Jahres 1945 kam Johannes R. Becher nach Agnetendorf und suchte Gerhart Hauptmann im »Haus Wiesenstein« auf. Leicht war die Fahrt für Becher bestimmt nicht: Er war von Berlin aus aufgebrochen, musste durch Brandenburg und Sachsen nach Schlesien bis an den Rand des Riesengebirges fahren – durch ein vom Krieg verwüstetes Land, in dem erst seit fünf Monaten die Waffen schwiegen. Die schweren Kämpfe gegen die Rote Armee haben auf der ganzen Strecke Spuren hinterlassen, zerschossene und zerbombte Städte, die mühsam umfahren werden müssen, darunter das total vernichtete Dresden. Jeder Flussübergang ist heikel, da ungezählte Brücken gesprengt sind. Und Becher ist gegen die Bewegungsrichtung von Hunderttausenden von Menschen unterwegs: Nach Osten, nach Schlesien, aus dem die verbliebene deutsche Bevölkerung, die noch nicht geflohen war, von den inzwischen eingerichteten polnischen Behörden oder auch »wild« von unorganisierten Gruppen gerade vertrieben wird. Ohne die Unterstützung der sowjetischen Sieger wäre so eine Reise ganz unmöglich gewesen. Becher hätte nämlich sonst weder ein Auto noch Kraftstoff zur Verfügung gehabt. Und wenn er sie trotzdem gehabt hätte, so wäre die Fahrt doch ohne »Propusk«, ohne Passierschein, am ersten Kontrollpunkt der Roten Armee zuende gewesen. Der Dichter Becher reiste also zum Dichter Hauptmann mit Billigung und Rückendeckung der Besatzungsmacht. Die beschwerliche Reise war Becher wichtig, sonst, das ist klar, hätte er sie gar nicht angetreten. Um nach Agnetendorf zu gelangen, verließ Becher zum ersten Mal seit er wieder in Deutschland war Berlin. Und er war erst seit dem 10. Juni 1945 wieder in Deutschland, in der bisherigen Reichshauptstadt – nachdem er mehr als 12 Jahre in der Emigration zugebracht hatte. Johannes R. Becher war einer der ersten namhaften deutschen Schriftsteller, der aus dem Exil heimkehrte. Die meisten anderen mussten weitaus länger warten (vorerst erteilte keine der Besatzungsmächte Einreisegenehmigungen ins besetzte Deutschland), oder sie kehrten gar nicht mehr zurück. Becher indes kam nicht einfach als Privatmann, der wieder nach Hause wollte. Becher kam im Parteiauftrag und nur dies sicherte ihm

deutschen Kommunisten für die Rückdie Unterstützung der Sowjets. kehr nach Deutschland nach Hitler erDer 1891 in einer gutbürgerlichen Juproben soll. Der KPD fehlte nämlich, ristenfamilie in München geborene Jodank der Verfolgung durch Hitler und hannes R. Becher hatte frühzeitig eine Stalin, 1945 vor allem eines: Zuverlässiwüste Jugendrevolte gegen die eigene ge »Genossen« in ausreichender Zahl. Herkunft durchgemacht. Der MilitärAlso brauchte sie für ihre in Moskau dienst im Ersten Weltkrieg blieb ihm mit Billigung der sowjetischen Schutzerspart, da sich der morphiumabhängiherren konzipierte Herrschaftsstrategie ge junge Dichter des Expressionismus »fortschrittliche bürgerliche Kräfte«, in psychiatrischer Behandlung befand. mit denen einstweilen nach außen hin Bereits zuvor Mitglied des Spartakusein »antifaschistisches Bündnis« gebundes, wurde er schon 1919 Mitglied bildet werden kann. Ulbricht, der kurz der soeben gegründeten Kommunisvor Becher von den Sowjets nach Berlin tischen Partei Deutschlands. Er wurde gebracht wird, gibt die Devise aus: »Es bald einer der führenden Kulturfunkmuß demokratisch aussehen, aber wir tionäre der Partei. Zu Berühmtheit müssen alles in der Hand haben.« gelangte Becher spätestens als er 1925 wegen der Veröffentlichung seines Romans »Levisite oder Der einzig gerechte Krieg« verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Gotteslästerung und Aufreizung zum Klassenhass angeklagt wurde. Eine Solidaritätswelle wird ihm, dem Kommunisten, zuteil: Zahlreiche Schriftstellerkollegen protestieren unter Verweis auf Artikel 142 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 (Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Johannes r. Becher (KPD) Lehre). Unter den Unterzeichnern einer der Mit Rückendeckung der BesatzungsResolutionen zugunsten Bechers befinmacht organisierten die Kommunisden sich Thomas und Heinrich Mann ten um Ulbricht und den kurz darauf – und Gerhart Hauptmann. Das Verzurückkehrenden Pieck das neue pofahren gegen Becher wurde eingestellt. litische Leben in der Sowjetischen Im März 1933 floh er aus Deutschland, Besatzungszone: »Antifaschistische« zunächst in die Tschechoslowakei und Parteien durften gegründet werden; für nach Frankreich. 1935 ging Becher die fünf Länder bzw. Provinzen der SBZ nach Moskau – wo unter Wilhelm Pieck wurden Koalitionsregierungen gebilund Walter Ulbricht die Exilführung det – die klassischen »Machtministeder KPD residiert, vollkommen abhänrien« Inneres und Wirtschaft erhielten gig von Stalins Gnaden. Becher wohnte aber stets kommunistische Minister. später auch im berühmt-berüchtigten Daneben wurden »gesellschaftliche »Hotel Lux«, dem »Absteigequartier Organisationen« gegründet, die Teil der Weltrevolution«. Dort werden der Bündnisstrategie mit den »bürgerauch die aus aller Herren Länder in die lichen Kräften« sind. Sowjetunion gekommenen internatiJohannes R. Becher hatte im Einklang onalen Kommunisten von der Welle mit der Parteiführung die Gründung der mörderischen »Säuberungen« Staeiner dieser Organisationen bereits lins erfasst. Becher überlebt in der von im Exil vorbereitet, so dass er, zurück wechselseitigen Denunziationen und in Deutschland, sehr schnell handeln blanker Angst geschwängerten Atmokann: Kaum 14 Tage nach seiner Ansphäre – nach zwei Selbstmordversukunft versammelt Becher in seiner chen und pflichtschuldig von ihm verBerliner Wohnung eine Handvoll von fassten Stalin-Lobpreisgedichten. 1943 Kulturschaffenden unterschiedlicher war er Gründungsmitglied des »Napolitischer Couleur; darunter ist etwa tionalkomitees Freies Deutschland«, Ferdinand Friedensburg, der bei der das mit kriegsgefangenen WehrmachtsFortsetzung auf seite 6 angehörigen die Bündnisstrategie der


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Gründung der CDU in Berlin eine wichtige Rolle spielt, der Theaterkritiker Herbert Ihering oder der Philosoph Eduard Spranger. Becher erklärt das Treffen zur Gründungsversammlung des »Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands«. Bereits am 27. Juni 1945 wird der Kulturbund von der sowjetischen Stadtkommandantur in Berlin zugelassen, am 3. Juli 1945 findet die erste öffentliche Großveranstaltung mit rund 1.500 Teilnehmern im Großen Sendesaal des Berliner Rundfunks statt – wäre die Besatzungsmacht nicht von vornherein mit im Spiel gewesen, wäre das alles sicherlich nicht so schnell und reibungslos verlaufen. In der Kundgebung am 3. Juli sprechen Paul Wegener, eben noch einer der wichtigsten UFA-Filmstars von Goebbels‘ Gnaden (wenn auch sicher kein Nationalsozialist), Becher selbst und der Schriftsteller Bernhard Kellermann. Wenige Wochen später, am 8. August 1945, wird Becher in einer neuerlichen Versammlung zum Präsidenten des Kulturbundes gewählt. Ein weiterer Beschluß wird gefasst: Die Ehrenpräsidentschaft der neuen Organisation soll keinem anderen als Gerhart Hauptmann angetragen werden. Um die Zustimmung des greisen Dichters einzuholen, nimmt Johannes R. Becher alle Schwierigkeiten der Reise nach Agnetendorf auf sich. Im Gründungsmanifest des Kulturbundes heißt es, dieser betrachte sich »als ein Instrument der Erweckung wahrhaft freiheitlichen Fühlens und Denkens, als ein Instrument der Erweckung des Gewissens der Nation. […] Wir erstreben eine neue, freiheitliche, demokratische Weltanschauung. Wir fordern die Erziehung unseres deutschen Volkes im Geist der Wahrheit, im Geist eines streitbaren Demokratismus. Es handelt sich hierbei um ein nationales Befreiungs- und Aufbauwerk größten Stils auf ideologisch-moralischem Gebiet.« Johannes R. Becher und die anderen Kommunisten, die den »Kulturbund« konzipiert haben, glauben im Herbst 1945 eine geeignete Galionsfigur hierfür gefunden zu haben: Gerhart Hauptmann. Es ist alles andere als einfach, jenseits aller Vereinnahmungsversuche den politischen Standort des Dichters Gerhart Hauptmann auszumachen. Soviel dürfte klar sein. Die kommentierte Lesung versucht, Hauptmann selbst zu Wort kommen zu lassen – und so seinem politischen Denken nachzuspüren. Winfrid Halder

Literatur im Foyer: Lesung und Gespräch

Mittendrin am Rand. Michael Zeller liest seine Erzählung »Der Schüler Struwe«

»Nicht wie einer von uns.« So kommt er ihnen vor, seinen Mitschülern in Marburg, zu denen der Schüler Struwe erst spät stößt, nach dem Krieg. Ein wenig älter ist er als sie, das ist aber nicht das einzige, was ihn von den anderen unterscheidet. Seine altmodische Kleidung, seine Bewegungen: Er ist nicht in dem Sinne jung wie die fast Gleichaltrigen. Über den Vater ist nur das Kürzel »gef.« in Erfahrung zu bringen, damals verstehen alle sogleich, dass das »gefallen« bedeutet. Das kannten allzu viele. Der Schüler Struwe kommt mit Mutter und jüngerem Bruder, ohne Vater, »irgendwoher aus dem Osten« – aus Ostpreußen, wie sich später herausstellt. Findet Aufnahme bei einer Tante, die Obdach bietet und zugleich die Herrschaft über die Restfamilie beansprucht. Auch später, als Erwachsener, führt Struwe äußerlich scheinbar ein »normales Leben« – und bleibt doch ein gezeichneter Außenseiter. Michael Zeller entwirft in seiner 2009 im Wuppertaler Nordpark-Verlag erschienenen Erzählung das genau beobachtete Porträt eines Menschen, der Lasten mit sich herumträgt – ohne dass diese ausdrücklich genannt werden. Hinter dem Schüler Struwe steckt mehr als der den Klassenkameraden ein wenig merkwürdig anmutende Sonderling. In der Fortsetzung der neu begründeten Veranstaltungsreihe »L i te ra tur im Foyer« liest Michael Zeller seine Erzählung und will im Anschluß daran mit dem Publikum ins Gespräch Mo, kommen. Literatur soll hier nicht als Einbahnstraße vom Au01.10. tor zum Publikum verstanden werden. 19.00 Uhr Zeller wurde Ende 1944 in Breslau geboren. Nach Michael der Flucht seiner Familie (ohne den im Kampf um Breslau verschollenen Vater) wuchs er in Westdeutschland auf. Michael Zeller hat in Marburg und Bonn studiert und wurde 1974 mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit in Bonn promoviert. Noch während er seine wissenschaftliche Karriere bis zur Habilitation (1981) fortsetzte und als Literaturkritiker arbeitete, begann er selbst als Prosaautor und Lyriker hervorzutreten. 1978 erschien sein erster Roman, 1981 sein erster Gedichtband. Seither folgten weitere sechs Romane (zuletzt »Falschspieler«, 2009) sowie mehrere Bände Lyrik und Erzählungen sowie Essays. 2009 schrieb Michael Zeller das Schauspiel »Die Soester Fehde«, 2010 gab er die Kriegstagebücher von Gerhard Nebel (»Zwischen den Fronten«) neu heraus. Michael Zeller hat zahlreiche Reisen nicht zuletzt nach Polen und in seine Geburtsstadt Breslau unternommen und seine Erfahrungen dort literarisch verarbeitet. Seit einigen Jahren ist Michael Zeller besonders darum bemüht, durch die Schaffung von »Schulhausromanen« in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulen jungen Leuten Literatur nahezubringen. Er hat eine ganze Reihe von Litertaturstipendien erhalten. 1997 erhielt Michael Zeller den »Kulturpreis Schlesien« des Landes Niedersachsen, 2008 den Von der Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal und 2011 den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen. Winfrid Halder


07 Symposium

Internationales wissenschaftliches Symposium

Vom Schlagbaum zur Grenze. Die deutsch-polnische Grenze im 20. Jahrhundert

Grenzen in Europa. Diese brachten prägende Erfahrungen für viele Generationen und Völker mit sich. Die Überwindung von Grenzen bedeutet Weiterentwicklung und ist ein länger währender Vorgang. Er besteht aus Mo, einem Geflecht von Aktionen, Begegnungen, Diskussionen, Gesprächen und Handlungen. Vor der Grenze zu 22.10. bis verharren, bedeutet Stillstand und verhindert Entwicklungen. Di, 23.10. Zum offiziellen Abschluss des »Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahres 2011/12« findet zweitägig das internationale wissenschaftliche Symposium »Vom Schlagbaum zur Brücke. Die deutsch-polnische Grenze im 20. Jahrhundert« statt. Experten verschiedener Nationen werden zur Situation vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart zu Wort kommen. Ihre unterschiedlichen Einschätzungen ergeben eine breite Wahrnehmung und bieten eine facettenreiche Sicht auf dieses Themenfeld. Dabei wird deutlich, dass die Grenzziehungen nicht durch die Völker selbst bestimmt oder alleine entschieden wurden. Das Entstehen, das Wirken und das Überwinden von Grenzen zwischen Völkern wird am deutsch-polnischen Verhältnis in besonderer Weise verständlich. Die Veranstaltung soll ein wichtiger Baustein werden für ein verbessertes europäisches Zusammenwirken, sie dokumentiert somit auch die kontinuierliche bilaterale regionale Kooperation zwischen Nordrhein-Westfalen und der polnischen Partnerregion Schlesien und akzentuiert eine zukunftsorientierte historisch-politische Bildungsarbeit. Vorgesehenes Programm: Montag, 22. Oktober 2012 18.00 Uhr: Eröffnung Grußworte und Einführung: Vertreter der Landesregierung Nordrhein-Westfalen Dr. Jerzy Gorzellik (Marschallamt der Woiwodschaft Schlesien, Katowice) Anschließend Vorführung des Filmdokuments »Land unter dem Kreuz« (Deutschland, 1927) Kommentar: Dr. Guido Hitze (Landeszentrale für politische Bildung NRW) Dienstag, 23. Oktober 2012 9.00 Uhr: Begrüßung 1. Sektion 9.05 Uhr – 10.45 Uhr: Die Interessen der europäischen Großmächte und das deutsch-polnische Verhältnis zur Zeit der Weimarer Republik: Negative Vorbelastungen im Schatten des Versailler Vertrages Referenten: Dr. Frédéric Dessberg (Université Paris I Panthéon Sorbonne), Dr. James Bjork (King’s College London) Ergänzende Statements aus polnischer und deutscher Perspektive: Prof. Dr. Ryszard Kaczmarek (Uniwersytet Śląski w Katowicach), Dr. Guido Hitze (Düsseldorf ) 2. Sektion 11.00 Uhr – 12.30 Uhr: Das deutschpolnische Verhältnis zur Zeit des Nationalsozialismus: Vom Nichtangriffspakt zum Eroberungs- und Vernichtungskrieg

Referenten: Prof. Dr. Hans Hecker (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ), Prof. Dr. Ryszard Kaczmarek (Uniwersytet Śląski w Katowicach) Mittagspause (Verpflegung ist individuell zu regeln) 3. Sektion 13.30 Uhr – 14.45 Uhr: Das deutschpolnische Verhältnis von 1945-1969: Zwischen Abschub und Abschottung – die Oder-Neiße-Grenze, die deutsche Teilung und der Ost-West-Konflikt Referentin: Prof. Dr. Katarzyna Stoklosa (University of Southern Denmark Sonderborg) 4. Sektion 15.00 Uhr – 16.15 Uhr: Das deutschpolnische Verhältnis 1969 bis 1988: Lücken im Grenzzaun – Entspannungspolitik, Helsinki-Prozess, Solidarność und der Niedergang des kommunistischen Systems Referent: Prof. Dr. Bernd Faulenbach (Ruhr-Universität Bochum) 5. Sektion 16.15 Uhr – 17.30 Uhr: Das deutschpolnische Verhältnis 1989 bis 2011. Entgrenzung – vom Umbruch in Osteuropa zur(gesamt) europäischen Integration; Referent: Dr. Stephan Kaiser (Oberschlesisches Landesmuseum Ratingen) Abschlussplenum 17.45 Uhr – 18.30 Uhr: Podiumsdiskussion – Zusammenfassung und Ausblick Teilnehmer: Dr. James Bjork, Dr. Frédéric Dessberg, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Prof. Dr. Ryszard Kaczmarek,

Prof. Dr. Katarzyna Stoklosa Moderation: Dr. Guido Hitze Ab 18.30 Uhr: Ausklang mit Stehempfang Eine formlose Anmeldung ist aus organisatorischen Gründen zwingend erforderlich! Kontakt: Heidi Vohrmann Oberschlesisches Landesmuseum 02102 965-256 02102 965-400 tagung@oslm.de In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung NordrheinWestfalen (Düsseldorf ) und dem Oberschlesischen Landesmuseum (Ratingen) und in Verbindung mit dem Instytut Badań Regionalnych Biblioteki Śląskiej (Katowice) und dem Muzeum Górnośląskie (Bytom) sowie der Deutschen Gesellschaft für Osteuropaforschung (Berlin)


08 Lesung

Buchvorstellung und Lesung mit Helmut Braun

Itzig Manger Der Prinz der jiddischen Ballade

»Prinz der jiddischen Ballade«, nieGymnasialjahr verlassen musste. Wahrmand weiß genau zu sagen, wer diesen scheinlich ist, dass sein verarmter Vater Ehrentitel für Itzik Manger erfunden die Kosten des Schulbesuchs nicht aufhat und niemand weiß, wann er das ersbringen konnte und Isidor Helfer deste Mal so genannt wurde. Selten aber halb das Gymnasium verließ und bei seiwurde ein solcher Titel mit mehr Benem Vater eine Schneiderlehre begann. rechtigung verliehen als für den jiddiManger, der in Gedichten immer wieschen Dichter, dessen geschliffen der auf das soziale Elend vieler funkelnde Lyrik den Leser fasziosteuropäischer Juden hinwies, Di, niert und beglückt. hat in seinen Kinder- und JuItzik (seine Zeitgenossen schrie- 30.10. gendjahren erlebt, was Hunger, ben den Namen Itzig) Manger 19.00 Uhr Kälte, unzureichende Wohnunwurde als Isidor Helfer vel Mangen und fehlende ärztliche Hilfe ger in Czernowitz geboren. Seibewirken. Hilflos musste er erlene erste Heiratsurkunde vermerkt den ben wie seine beiden jüngsten Brüder im 30. Mai 1901 als Geburtstag. Andere Kleinkindalter starben. Das hat Narben Quellen nennen Tage im April 1901 auf seiner Seele und Spuren in seinem oder andere Daten im Mai als GeburtsWerk hinterlassen. datum. Geboren wurde er in CzernoDer Junge feierte seine Bar Mizwa in der witz, der Stadt, die als Vielvölkerstadt Großen Synagoge in der, der Wohnung gerühmt wird, in welcher Menschen der Familie naheliegenden Synagogenmit verschiedensten Religionen, aus gasse in Czernowitz. Bis dahin verläuft unterschiedlichen Kulturen, in fast basein Leben zwar turbulent und wird von bylonischem Sprachengewirr, friedlich privaten Schicksalsschlägen geprägt, nebeneinander lebten. doch nur wenige Monate später, beginSein Vater war Schneidermeister, der ob nen die großen Katastrophen, die Euroseiner handwerklichen Kunst geschätzt, pa vollkommen verändern werden und im Laufe der Jahre aber als Sonderling die Lebensläufe der Menschen – ganz verarmte. besonders der jüdischen Menschen - exDie Familie Helfer vel Manger war fünftrem verändern.. köpfig, der Vater Hilel Helfer, geboren Im August 1914 begann der 1. Weltkrieg. 1879 in Stoptschet, Galizien, die MutRussische Kosakendivisionen eroberten ter Chawe, geborene Wolliner, als Tochsehr schnell Czernowitz, das nur etwa ter eines Matratzenmachers um 1878 in 20 Kilometer von der russischen Grenze Kolomea, Galizien, geboren, Itzik, der entfernt lag. Der überwiegende Teil der älteste Sohn, geboren 1901, der Bruder Czernowitzer Bevölkerung floh aus der Notte (Nathan), geboren 1903, Schneibesetzten Stadt, die Familie Helfer nach der wie sein Vater. und Schejndl ( JeaRumänien in die Stadt Jassy. nette), die Schwester, geboren 1905. Dort schrieb Isidor Helfer seine ersten Zwei weitere Geschwister starben noch Gedichte. Zunächst soll er – nach eials Klein-kinder. Alle Kinder kamen in gener Aussage - in deutscher Sprache Czernowitz auf die Welt. geschrieben haben. Allerdings konnte Isidor ging in den Cheder, die jüdische bis heute kein deutscher Text von seiner Vorschule. Ab dem sechsten Lebensjahr Hand gefunden werden. Frühe jiddische besuchte er die sechsklassige KommuGedichte lassen sich aber nachweisen. nale Volksschule in der Landhausgasse. Hat Isidor Helfer seine Schneiderlehre Die Ferien verbrachte Itzik häufig bei ordnungsgemäß abgeschlossen? Wir den Großeltern in Stoptschet. Die wissen zwar, dass Manger nicht nur bei Großmutter und die Tanten behüteten seinem Vater, sondern auch bei mehund verwöhnten ihn und der Großvareren anderen Schneidermeistern in ter der als Fuhrmann mit eigenen Pferdie Lehre ging, es dort jedoch jeweils den und Wagen den Lebensunterhalt nur wenige Wochen oder Monate ausverdiente, nahm den Jungen gerne auf hielt und ein Abschluss seiner Lehre seine Fahrten mit. Kein Wunder, dass oder eine Tätigkeit als SchneidergeselManger diese Zeit als eine besonders le ist uns nicht bekannt. Vielmehr beglückliche erinnert und davon in seinen schloss er bereits 1919 ausschließlich Erzählungen berichtet. als Schriftsteller zu leben. Dabei schreibt Der Schüler Manger wechselte nach er ausschließlich in jiddischer Sprache der sechsten Klasse auf ein Gymnasiund er ist sicher, dass jiddische Literaum, welches er jedoch schon im ersten tur Weltliteratur ist. Und dieses nicht

nur wegen ihrer Verbreitung, sondern auch wegen ihrer Qualität.. Seine Wahl für die Sprache ist auch eine Entscheidung für die jiddischsprachige Welt, für die Muttersprache Mameloschen, für die jiddische Kultur und Lebensweise. Manger ist sich bewusst, dass ein jüdisches Leben auch ein Leben in ständiger Gefahr ist. Jahre später notiert er: »Ich wuchs in einem Land des klassischen Antisemitismus auf. In Rumänien. Die griechisch-orthodoxen Kirchen verbreiteten ihren giftigen und gefahrvollen Schatten über die jüdische Bevölkerung. In Polen, dem Land, in dem ich bis zum Zweiten Weltkrieg

Itzig Manger porträtiert von Arthur Kolnik

lebte, spitzte sich dies zu.« 1919, wenige Monate nach dem Ende des 1. Weltkriegs, siedelt Isidor Helfer nach Bukarest um. Rumänien hat sich von den Kriegsverlierern Österreich, Ungarn und Russland die Bukowina, Teile Siebenbürgens und Bessarabien angeeignet. Bukarest ist damit auch die neue Landeshauptstadt für Czernowitz. Isidor Helfer dichtet intensiv und beginnt 1921 Balladen in jiddischer Sprache in literarischen Zeitschriften in Warschau, New York, Berlin, Czernowitz und Bukarest zu veröffentlichen. Seine Veröffentlichungen zeichnet er mit Itzig Manger, als Dichternamen, der bald auch sein ausschließlicher Name im Alltag wird. Wie etliche Urkunden belegen, bleibt er aber für die Behörden Isidor Helfer vel Manger. Manger beginnt ein unstetes Wander-


09 Lesung & Studienfahrt leben. Er pendelt stets zu Fuß zwischen Bukarest und Czernowitz. Auf sein Äußeres achtet er wenig, er beginnt zu trinken, Wein und Schnaps werden sein tägliches Brot. Seiner Kreativität tut dies keinen Abbruch. Allerdings wird auch glaubhaft berichtet, dass Mangers »Lotterleben« von seinen Ehefrauen – seit seiner ersten Heirat im Frühjahr 1932 mit Golde Trauring – in geordnete Bahnen gelenkt wurde. Dies kam seiner Gesundheit, seinem Aussehen und seiner Arbeit als Schriftsteller zu Gute. 1929 lässt sich der Dichter in Warschau nieder. Warschau wurde für einen Zeitraum von knapp zehn Jahren sein offizieller Wohnsitz. In diesem Zentrum jiddischen Lebens findet er die Arbeitsbedingungen und die Publikationsmöglichkeiten, die er braucht und wird zum bekannten und gefeierten Dichter in der jiddischsprachigen Welt Osteuropas. In rascher Folge erscheinen seine Gedichtbände, zunächst in Bukarest, dann in Warschau. Er verdient beachtliche Summen als Korrespondent für Warschauer, Bukarester, Amsterdamer und New Yorker Zeitungen. Manger arbeitet an Drehbüchern für jiddische Filme mit. So schreibt er unter anderem die Lieder für den Film »Jidl mitn Fidl« und er bearbeitet traditionelle jiddische Theaterstücke. »Das Buch vom Paradies«, ein bewundernswerter Schelmenroman erscheint 1939 in Warschau. Dieses Buch wird ihn später in ganz Europa, in Israel und in Amerika berühmt machen. Doch als das Buch erschien ist Manger schon aus Polen geflohen und über gefährliche Umwege nach Paris gelangt. Als die Deutsche Wehrmacht in Paris einmarschiert, flüchtet der Dichter nach Marseille und gelangt schließlich auf abenteuerlichen Wegen ins Exil nach London. In ärmlichen Verhältnissen, angewiesen auf die Almosen von Freunden, lebt er dort bis 1950. 1951 schließlich gelingt ihm die Einreise in die USA. Er schreibt und publiziert nur noch wenige neue Texte, aber die Neuausgaben seiner Bücher mehren seinen Ruhm. Nach mehreren Schlaganfällen übersiedelt er nach Israel, wo er 1969 stirbt. Auf dem Friedhof versammelten sich, so berichtet es Alfred Kittner, Tausende Trauernde, unter ihnen der Staatspräsident Israels. Glanzvoller sei kein Vagabund zu Grabe getragen worden.

Auf den Spuren des Deutschen Ordens und der Hanse

Eine kulturhistorische Studienreise 22.4. - 29.4.2013

1. Tag: Montag, 22. April 2013 Abfahrt des Busses am Morgen in Düsseldorf nach Kiel von der Reisebushaltestelle Hauptbahnhof. Fährüberfahrt nach Memel/Klaipeda in Litauen. Übernachtung auf der Fähre.

2. Tag: Dienstag, 23. April 2013 Ankunft in Memel/Klaipeda. Kleiner Stadtrundgang. Fahrt nach Riga. Unterwegs Station am Berg der Kreuze in Schaulen. Der Berg der Kreuze ist ein Zeichen von litauischer Frömmigkeit und Litauens Widerstandes gegen seine Unterdrücker. Weiterfahrt nach Riga. Übernachtung in Riga. 3. Tag: Mittwoch 24. April 2013 Stadtbesichtigung von Riga, der lettischen Hauptstadt, die gerne als eine der schönsten Städte des Baltikums bezeichnet wird. Riga blickt auf eine reiche Vergangenheit zurück, das spürt man auf Schritt und Tritt. Unübersehbar sind die geschichtlichen Wurzeln der Stadt. Mächtige Stadtkirchen, prunkvolle Patrizierhäuser, Kontore, das neuerrichtete Schwarzhäupterhaus, die Gilden und vieles mehr weisen in die Richtung des Ursprungs und der Tradition - nach Westen. 4. Tag: Donnerstag 25. April 2013 Sie fahren morgens zunächst in das landschaftlich eindrucksvollste Gebiet Lettlands, in den Gauja-Nationalpark. Besuch der Bischofsburg Turaida. Weiter geht es dann entlang der Ostseeküste nach Pärnu. Kleiner Stadtrundgang. Abendlicher Rundgang durch die Altstadt von Tallinn. Übernachtung in Tallinn. 5. Tag: Freitag, 26. April 2013 Stadtbesichtigung Tallinn. Die wechsel-

volle Geschichte der Stadt scheint greifbar in den unverfälschten Straßen und Gassen der Altstadt, die Sie besichtigen und die wie ein lebendiges Museum wirkt. Tallin, früher eine bedeutende Hansestadt, teilt sich in die Oberstadt, von der man eine schöne Aussicht auf die Stadt und den Hafen hat, und die Unterstadt mit vielen historischen Bauten. Durch das »Lange« oder das »Kurze Bein«, zwei alte Sträßchen, gelangt man von der Oberstadt - Toompea, dem ehemaligen Sitz der Adeligen, Geistlichen und Ritterschaften, in die Unterstadt. 6. Tag: Samstag, 27. April 2013 Am Morgen setzen Sie mit der Fähre von Tallinn nach Helsinki über. Abfahrt um 8.00 Uhr, Ankunft 10.30 Uhr. Stadtrundfahrt in der finnischen Hauptstadt. Am Nachmittag Weiterfahrt nach Turku. Einschiffung auf die Nachtfähre nach Stockholm, Abfahrt um 21.00 Uhr. Übernachtung auf der Fähre. 7. Tag: Sonntag, 28. April 2013 Ankunft der Fähre um 6.30 Uhr in Stockholm. Stadtrundfahrt Stockholm. Weiterfahrt nach Helsingborg. Vadstena ist berühmt wegen des Brigittenklosters, des imposanten Schlosses und des ältesten Rathauses Schwedens. Übernachtung in Helsingborg. 8. Tag: Montag, 29. April 2013 Fahrt nach Kopenhagen. Stadtrundfahrt Kopenhagen. Der Preis für die Reise beträgt 1049,- € bei Unterbringung im Doppelzimmer mit Halbpension. Einzelzimmerzuschlag : 149,- €. Anmeldung un Information bei Mattias Lask unter Tel. 0211-1699118.

Helmut Braun

Riga: Schwarzhäupterhaus


10 Preisverleihung

Armut als Gewinn.

Verleihung des Andreas Gryphius-Preises der Künstlergilde Esslingen an Monika Taubitz Monika Taubitz, die diesjährige Trägemit ihrer Mutter rin des renommierten Andreas Gryphiin das großväus-Preises, ist einmal gefragt worden, terliche Haus in ob es das traumatische Erlebnis der Eisersdorf, unVertreibung aus ihrer schlesischen Heiweit von Glatz. mat gewesen sei, das sie auf den Weg Von dort vertriedes Schreibens gebracht habe. Sie hat ben, gelangte sie zugestanden, dass die Vertreibung für mit ihrer Mutter ihre Prägung eine wesentliche Rolle 1946 ins niedergespielt habe, fuhr dann jedoch fort: sächsische Nor»Aber der eigentliche Grund war die denham. 1951 erdamit verbundene große Armut. Es gab folgte der Umzug buchstäblich nichts, womit ich als Kind ins Allgäu, seit hätte z. B. spielen können. Aus diesem 1958 studierte nichts, gar nichts haben, aus diesem sie am damaligen Monika Taubitz Freisein von Dingen, die ja heute unsePädag o g i s c h en re Wohlstandskinder beschweren und Institut in Weinnicht mehr zu sich kommen lassen, aus garten – mit dem Wunsch in die Fußdiesem absoluten Freisein, davon hatte stapfen ihres früh verstorbenen Vaters ich die Möglichkeit, die inneren Bilder zu treten, der Lehrer gewesen war. Seit meiner Phantasie, meines Erlebens und 1960 im Schuldienst, arbeitete Monika Beobachtens, meiner VorstelTaubitz seit 1965 bis zu ihrer lungskraft wachsen zu lassen; Pensionierung 1997 als LehreFr ich glaube, das war es, was mich rin in Meersburg am Bodensee, 26.10. geprägt hat und später zu einer wo sie heute noch lebt – im 19.00 Uhr Dunstkreis ihrer großen westfäSchriftstellerin gemacht hat.« Monika Taubitz hat ihre Verlischen Dichterkollegin Annette lusterfahrung auf diese Art und von Droste-Hülshoff (1797Weise fruchtbar gemacht – die Vertrei1848), die ihre letzten Lebensjahre in bung und die schlesische Heimat spieMeersburg verbracht hat. len in ihrem Werk stets eine Rolle, sei Neben ihrer Lehrtätigkeit hat Monies explizit oder implizit. So findet sich ka Taubitz stets geschrieben. 1968 erin ihrem jüngsten Lyrikband »Im Zug schien ihr erster Gedichtband »Fallen– nebenbei. Gedichte von unterwegs« de Sterne«. Diesem folgten seither fünf (Neisse Verlag Dresden 2011) folgenweitere Gedichtbände, drei Romane des Gedicht: sowie eine Vielzahl weiterer Veröffentlichungen wie Erzählungen und BüNicht vorbei cher über Schlesien. Einige Werke von Monika Taubitz wurden ins Polnische Das waren noch Zeiten, übersetzt. Vor wenigen Wochen ist der damals! von Rainer Bendel beim Aschendorff Sagte der Gleiswärter, Verlag in Münster herausgegebene als er die Weichen, Band »Die zweite Hälfte der Heimat. vom Eis befreite Brücken bauen im Südwesten und in und der Transport Europa. Gespräche mit Monika Tauder Millionen begann, bitz und Erzbischof Robert Zollitsch« von Ost nach West. erschienen. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit und Eine Meisterleistung , ihrem Wirken als Autorin hat sich der Bahn, Monika Taubitz in zahlreichen Kultursetzt er hinzu, vereinigungen engagiert. Nicht zuletzt tippt an den Rand war sie viele Jahre lang Vorsitzende des seiner Mütze »Wangener Kreises – Gesellschaft für und grüßt Literatur und Kunst Der Osten«. die stillgelegten Gleise. Schon bisher ist Monika Taubitz für ihr schriftstellerisches Werk vielfach ausgeMonika Taubitz wurde 1937 in Breslau zeichnet worden. So erhielt sie unter angeboren. Dort wuchs sie auch zeitweiderem den Eichendorff-Literaturpreis lig auf. Um den häufiger werdenden (1978) und den Kulturpreis Schlesien Bombenangriffen zu entgehen, zog sie des Landes Niedersachsen (1980). Winfrid Halder

Programm der Preisverleihung: Freitag, 26. Oktober 2012 | 19 Uhr Begrüßung PD Dr. Winfrid Halder Direktor der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus Dr. Wolfgang Schulz Künstlergilde Esslingen Preisverleihung Laudatio N. N. Dank Monika Taubitz Empfang Es ergehen gesonderte Einladungen. Aus organisatorischen Gründen ist eine formlose persönliche Anmeldung erforderlich (auch telefonisch unter 0211/1699114 – Frau Bittenbinder – oder per e-mail bittenbinder@g-h-h.de möglich).


11 Vortrag

Buchvorstellung und Vortrag mit Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg (Justus-Liebig-Universität)

»Als Grundgesetz der Regierung des kleinsten wie des größten Staates kann man den Drang zur Vergrößerung sehen.« König Friedrich II. von Preußen und Polen Der ohne Zweifel ungewöhnlich vielallein der Wahrheit verpflichtete seitig begabte preußische König FriedDistanziertheit im Falle Friedrich II. hat gewissermaßen auch als Hisrichs natürlich ebenso eine Fiktoriker besonderen Stellenwert. Denn tion war wie bei jedem anderen es gibt wohl kaum einen anderen Mo»Zeitzeugen«, so sagen doch narchen, der der Nachwelt eine nahezu seine geschichtlichen Werke viel lückenlose Darstellung seiner gesamten über den Politiker Friedrich aus. Regierungszeit hinterlassen hat. Und So heißt es etwa ein Stück weiter zwar nicht in Form von »Memoiren«, in dem schon zitierten Vorwort in deren Zentrum naturgemäß von 1742 mit für uns die eigene Person steht, und wie heutige Betrachter stausie viele Zeitgenossen Friednenswerter Offenheit: Mo, richs hinterlassen haben, son»Als Grundgesetz der 12.11. dern durchaus in Form von GeRegierung des kleinsten 19.00 Uhr wie des größten Staates schichtsschreibung. Sehr früh, nämlich im November 1742 kann man den Drang zur nahm der erst 30-jährige König Vergrößerung sehen.« sein erstes historiographisches Werk Diesem Grundgesetz folgte in Angriff. Der Friede von Breslau, der er selbst sogleich nach seiner den durch Friedrich knapp zwei Jahre Thronbesteigung, als er bedenzuvor ausgelösten Ersten Schlesischen kenlos die scheinbar günstige Krieg gegen die Habsburgermonarchie Gelegenheit nutzte, sich Schlesifür Preußen erfolgreich beendete, lag en anzueignen. erst wenige Monate zurück. Nach BerSpäter schrieb Friedrich II. über lin zurückgekehrt, begann Friedrich II. die Ausgangslage Preußens, als mit der Niederschrift seines ersten Geer 1740 seinem verstorbenen Vaschichtswerkes – modern gesprochen ter Friedrich Wilhelm I. folgte, in Karikatur zur dritten polnischen teilung einer zeitgeschichtlichen Darstellung der »Histoire de mon temps«: seiner eigenen jüngst unternommenen »Ce qu‘il y avait de plus fâcheux, fürchten hatte, als wenn er arrondiert politischen Schritte. Im Lauf der Jahre c‘était que l‘État n‘avait point de forme worden wäre.« erweiterte und ergänzte der König das régulière. Des provinces peu larges, Ein einziger Blick auf eine historische so frühzeitig begonnene Geschichtset pour ainsi dire éparpillées, tenaient Karte zeigt, was Friedrich II. meinte: werk – 1775 schloß Friedrich die depuis la Courlande jusqu‘au Brabant. Die territorialen Erwerbungen seiner »Histoire de mon temps« (GeschichCette situation entrecoupée multipliait Vorfahren vor allem seit dem Dreißigte meiner Zeit) ab, eine umgearbeitete les voisins de l‘État sans lui donner de jährigen Krieg hatten das KurfürstenFassung seiner Darstellung der ersten consistance, et faisait qu‘il avait bien tum Brandenburg aus seiner Lage als beiden Schlesischen Kriege. Schon plus d‘ennemis à redouter que s‘il avait Binnenstaat an die Ostseeküste vorge1763, wiederum unmittelbar nach été arrondi.” schoben. Der Große Kurfürst Friedrich Kriegsende, hatte Friedrich die »GeNatürlich schrieb Wilhelm hatte 1648 In Zusammenarbeit mit schichte des Siebenjährigen Krieges« der König, der spädurch den Westgeschrieben. Später fügte er noch eine ter zum deutschen dem Polnischen Institut fälischen Frieden Düsseldorf Darstellung der Zeit bis 1774 an. Nationalheros umHi n te r p o m m e r n Friedrich gibt sich in seinen historiogedeutet wurde, wie erhalten. Friedrich graphischen Werken den Anschein des (fast) immer Französisch – da er ja der Wilhelm I. profitierte von seiner marstreng sachorientierten, vermeintlich Meinung war, Deutsch sei »une langue ginalen militärischen Beteiligung am neutralen Beobachters. In einem ersten à demi barbare« (De la littérature AlleGroßen Nordischen Krieg durch den Vorwort von 1742 schrieb der König: mande, des défauts qu‘on peut lui reproFrieden von Stockholm (1720): Nun»Viele haben Geschichte geschrieben, cher, etc., 1780). Also übersetzen wir mehr fielen auch Vorpommern bis zur aber sehr wenige haben die Wahrheit die Einschätzung des großen PreußenPeene mit der Odermündung und der gesagt. Schlecht unterrichtete SchriftKönigs für sein Land im Jahre 1740 in reichen alten Hafenstadt Stettin sowie steller wollten Anekdoten schreiben unsere halbbarbarische Sprache: »Das die Inseln Usedom und Wollin an Branund haben sie erdichtet oder VolksÄrgerlichste aber war, dass der Staat denburg. Warum Friedrich II. vom Gegerüchte für bewiesene Tatsachen gekeine regelmäßige Form hatte. Nicht bietsstatus des Jahres 1740 ausgehend nommen und sie der Nachwelt dreist allzu große und sozusagen verstreute zunächst Schlesien anvisierte – dem aufgetischt. […] Ich halte mich [..] für Provinzen reichten von Kurland bis Grundgesetz der Vergrößerung und der verpflichtet, der Nachwelt eine wahre nach Brabant. Diese unzusammenhänLogik der Arrondierung folgend – liegt und exakte Darstellung der Ereignisgende Situation vergrößerte die Zahl auf der Hand. Die Oder nahezu insgese zu geben, die ich selbst erlebt habe der Nachbarn des Staates ohne ihm samt in preußische Hand zu bringen, […].« Zusammenhang zu geben, und führte Fortsetzung auf seite 12 Auch wenn die behauptete, angeblich dazu, dass er weitaus mehr Feinde zu


12 Vortrag Fortsetzung von seite 11

war ein naheliegendes Ziel. Friedrich II. mag nicht damit gerechnet haben, dass ihn der kriegerische Erwerb Schlesiens bis 1763 vollauf beschäftigen würde. Als dieser aber mit dem Frieden von Hubertusburg im Februar 1763 endlich vollzogen war, bedurfte es nicht viel Phantasie um des Königs nächstes Ziel der »Arrondierung« auszumachen. Zwar war er einstweilen durch den notwendigen Wiederaufbau seines schwer zerstörten Landes stark gebunden, aber auch nach der Hinzufügung Schlesiens waren noch etliche Teile des preußischen Staatsgebietes »éparpillées«, vertreut, ohne direkte territoriale Verbindung mit dem brandenburgischen Zentrum der Hohenzollernmonarchie. Dies galt zunächst für die schon im 17. Jahrhundert erworbenen westlichen Gebiete um Kleve, Minden, Mark und Ravensberg. Aber: Einerseits schätzte Friedrich II. (wie schon sein Vater) seine eigensinnigen Untertanen am Rhein nicht allzu sehr. Andererseits war die geographische Entfernung von Brandenburg aus dorthin groß. Und das Kurfürstentum Hannover lag – gewissermaßen wie ein Sperrriegel – »mitten im Weg«. Den Versuch zu unternehmen, sich dieses im Sinne der »Arrondierung« anzueignen, hätte bedeutet, sich mit der Großmacht Großbritannien auf einen Konflikt einzulassen, denn 1714 war der Hannoveraner Kurfürst auf dem Erbweg als Georg I. König von Großbritannien geworden. Das »Arrondierungsprojekt Hannover« mußte also bis 1866 warten, als Otto von Bismarck es für Wilhelm I. kriegerisch umsetzte – ermöglicht auch durch das Ende der Personalunion zwischen London und Hannover im Jahre 1837. Folglich mußte sich der Blick Friedrichs II. nach 1763 nahezu zwangsläufig nach Osten und nicht nach Westen richten: Hier gab es aus preußischer Sicht auch offenkundigen Arrondierungsbedarf: Zwischen Hinterpommern und dem bereits 1618 ererbten Herzogtum Preußen (Ostpreußen) lag das zur polnischen Krone gehörende Westpreußen, umschlossen davon die mächtige, reiche und alte Handels- und Hafenstadt Danzig. In das ostpreußische Territorium ragte zudem, gleichsam wie ein riesiger Widerhaken, das ebenfalls unter Oberhoheit der polnischen Krone stehende Fürstbistum Ermland hinein. Das Königreich Polen aber eignete sich für die territorialen Abrundungs- und Erweiterungspläne Friedrichs II. weitaus besser als das Kurfürstentum Hannover. Denn: »Ce royaume est dans une anarchie perpétuelle : les grandes familles sont toutes divisées d‘intérêt; ils préfèrent leurs avantages au bien pu-

blic, et ne se réunissent qu‘en usant de la même dureté, pour opprimer leurs sujets, qu‘ils traitent moins en hommes qu‘en bêtes de somme.« So wenig schmeichelhaft fiel die Einschätzung der Situation Polens in der »Histoire de mon temps« aus: »Dieses Königreich befindet sich dauerhaft in Anarchie: Die großen Familien werden alle durch ihre Interessen voneinander getrennt, sie ziehen ihre eigenen Vorteile dem Gemeinwohl vor und vereinen sich nur in dem einen Punkt, nämlich die gleiche Härte zur Unterdrückung ihrer Untertanen anzuwenden, die sie weniger als Menschen denn als Lasttiere behandeln.«

nische Sicht auf den Preußen-König stehen im Mittelpunkt der unlängst erschienen großen Studie von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg unter dem Titel »Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen. Ereignis- und Erinnerungsgeschichte« (Stuttgart 2011). Adam Krzeminski lobte Prof. Bömelburgs Studie in der »Süddeutschen Zeitung« und stellte fest, das Buch lasse deutlicher als bisher werden, dass Polen »eine historische Verantwortung für das materielle Erbe auch des friderizianischen Preußen« habe. Wie es andererseits in Deutschland eine »Verantwortung für den polnischen Teil der preußischen Geschichte« gebe, »die uns nach wie

Polen also war durch seine fortwährende innere Zerrissenheit schwach und hatte den Begehrlichkeiten der benachbarten Großmächte Russland, Preußen und Habsburg kaum noch etwas entgegenzusetzen. Kaum verwunderlich ist also, dass Friedrich II. zu den Hauptakteuren der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 gehörte. Diese passte haargenau in das Konzept des »Arrondierens« und brachte endlich die Landverbindung mit Ostpreußen durch die Vereinnahmung Westpreußens und des Ermlandes mit sich. Eine zeitgenössische Allegorie des französischen Kupferstechers Nicolas Noël Le Mire mit dem Titel »Le gateau des Rois« – »der Kuchen der Könige« – zeigt über der Landkarte Polens Friedrich II., Joseph II., Kaiser und Chef des Hauses Habsburg, die russische Zarin Katharina II. sowie Stanislaus II. August Poniatowski, König von Polen seit 1764, der versucht, seine Krone festzuhalten. Das Verhältnis König Friedrichs II. zu Polen, aber auch umgekehrt die pol-

vor eng miteinander verbindet. Dank sei dem Gießener Historiker, dass er das so einprägsam darstellt. […] Deutsche und Polen verbindet mehr, als den meisten bewusst ist.« Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg hat in Münster, BesanÇon und Mainz studiert. 1992 wurde er in Mainz mit einer Arbeit zum Übergang Westpreußens an die preußische Krone im Zuge der Ersten Polnischen Teilung promoviert. Von 1994 bis 2003 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, davon von 1999 bis 2002 als Stellvertretender Direktor. Anschließend arbeitete HansJürgen Bömelburg bis 2007 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nord-OstInstitut in Lüneburg. 2005 habilitierte er sich an der Universität Halle-Wittenberg. 2007 wurde er auf die Professur für die Geschichte Ostmitteleuropas an die Justus-Liebig-Universität Gießen berufen. Prof. Bömelburg ist Mitglied diverser wissenschaftlicher Gremien, nicht zuletzt der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Winfrid Halder


13 Kontrapunkt

Gerhart-Hauptmann-Haus unterstützte Initiative

»Mit Kunst gegen Krebs« »Zum Ersten… Zum Zweiten… Zum Dritten«. Als medizinkundiger Auktionator führte der prominente Kabarettist Dr. Ludger Stratmann im April des Jahres durch eine Kunstversteigerung der besonderen Art. Mit Unterstützung des Landesverbandes der Betriebskrankenkassen Nordwest (BKK – LV NW) wurde im Haus an der Essener Kronprinzenstraße eine erste Benefiz-Auktion zugunsten der Krebshilfe Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Vor zahlreichem Publikum wurden 38 Gemälde, Drucke, Fotografien und Objekte der bildenden Kunst versteigert. Auktionator Dr. Stratmann erzielte mit charmanter Beharrlichkeit und Geschick einen bemerkenswerten Erlös von rund 23.000 Euro. »Für die Krebsstiftung NRW ist die Kunstauktion ein erster großer Schritt in die Öffentlichkeit«, betonte Prof. Dr. Hans Georg Bender, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, die die Einnahmen für die qualitative Verbesserung der psychosozialen Krebsberatung in NRW verwenden will. »In Nordrhein-Westfalen erkranken pro Jahr rund 100.000 Menschen neu an Krebs – Tendenz steigend«, erläuterte Manfred Puppel, Vorstand des BKK – Landesverbandes Nordwest, »trotzdem nehmen nur ca.

20% der Männer und 50% der Frauen an Vorsorgeuntersuchungen teil.« Die publikums- und medienwirksame Veranstaltung wurde von Anbeginn auch vom Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus unterstützt. Nachfragen bei renommierten Künstlerinnen und Künstlern, die dem Haus in der Bismarckstraße verbunden sind, zeigten deren spontane Bereitschaft, ihre Werke für den guten Zweck zur Verfügung zu stellen. So konnten an diesem Tag meistbietend und mit bestem Erfolg Exponate von Helga von Berg-Harder, Ulla Dretzler, Era Freidzon, Karl-Ulrich Peisker, Reinhardt Schuster und Alexander Stroh versteigert werden. Ihre Arbeiten wurden zudem in einem repräsentativen Auktionskatalog vorgestellt, der die verschiedensten künstlerischen Techniken der beteiligten Freunde des Gerhart-Hauptmann-Hauses – Malerei, Acrylarbeiten, Grafik, Serigraphie bis hin zur Fotokunst – eindrucksvoll dokumentiert. Die Künstlerinnen und Künstler, die im Düsseldorfer Gerhart-HauptmannHaus zum Teil seit vielen Jahren ihre Werke präsentieren, waren von der Initiative »Mit Kunst gegen Krebs« begeistert und hoffen auf eine Fortsetzung Dirk Urland im nächsten Jahr.

Die Künstlerwerkstatt im Gerhart-Hauptmann-Haus lädt ein zur Großen Herbstveranstaltung Freitag, 9. November 2012, 19.30 Uhr im Ausstellungsraum, Bismarckstraße 90 Gezeigt werden Malereien von Annelie Sonntag, Dortmund (die Künstlerin stammt aus dem Spreewald) sowie Objekte aus Papier von Hildegund Rißler, Essen (aus Böhmen stammend) In die Ausstellung führt die Künstlerin und Publizistin Ulla Dretzler ein Heiteres und Besinnliches aus der ostdeutschen Poesie moderiert der Schriftsteller Franz Heinz Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgt Roger Dretzler (Musikhochschule Münster) am Klavier Alle Freunde der Künstlerwerkstatt und des Hauses sind herzlich eingeladen

Redaktion der beilage KOntrapunkt: Franz heinz


14 Kontrapunkt

Kunst und Kultur im alten Pfarrhaus

Das Kunsthaus Kasper in Kamen Reimund Kasper, der als Leiter des Fachbereichs Kultur der Stadt Kamen viele Jahre das öffentliche Kulturleben der Stadt Kamen mitbestimmte, erwarb 1999 mit seiner Ehefrau eine historische Villa in Kamen, die 1903 als Privathaus für den damaligen Pfarrer von dem Bremer Architekten Friedrich Riepe gebaut wurde, der dem Haus sein norddeutsches Aussehen gab. Das Haus wurde bis 1996 überwiegend als Pfarrhaus benutzt. Reimund Kasper baute das Haus in den folgenden Jahren zu einem Kunsthaus um. Ende November 2011 veranstaltete Reimund Kasper in dieser außergewöhnlichen Architektur mit ihren hohen Räumlichkeiten und dem Charme der Jahrhundertwende die erste Ausstellung mit dem Titel »Bilder von Köpfen und Gesichtern«. Gezeigt wurden etwa 45 Arbeiten von Reimund Kasper, Anton David Noll aus Kamen, Frank Georgy und Thomas Hugo – Schüler von Professor Manfred Vogel an der FH Krefeld und heute in Köln und Düsseldorf tätig. Drei Künstlergenerationen setzten sich mit dem Thema »Köpfe und Gesichter« auseinander und zeigten in sehr persönlichen Handschriften ihre Seh- und Empfindungsweisen der Zeit. Anton David Noll (1932-2008), der viele Schaffensjahre mit seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Frau in Berlin verbrachte, nahm in seinem Werk Einflüsse der zeitgenössischen Musik und Literatur auf und improvisierte mit Tönen und Klängen. Sein bildnerisches Hauptwerk wird durch Montagetechniken bestimmt. Er verbindet verschiedene Realitätsebenen zu einer neuen bildlogischen Einheit. Frank Georgys Porträts zeigen Charaktere. Ähnlichkeiten zu realen Menschen sind für ihn unwichtig. Wesentliche Konturen und Formelemente erinnern im weitesten Sinne an Comics; der schwarze, bestimmende Pinselstrich verleiht seinen Arbeiten Ruhe und Prägnanz. Thomas Hugos Kompositionen sind von Dynamik und Emotionalität bestimmt. Er betont für ihn wichtige Einzelheiten. Reimund Kasper, 1947 als Sohn westpreußischer Eltern geboren, hat sich sowohl als vielseitiger Künstler wie auch als Kunstmanager einen Namen gemacht. Seine Werke befinden sich in vielen Sammlungen im In- und Ausland und im öffentlichen Raum. 2009 stellte er gemeinsam mit Era Freidzon in ei-

ner Ausstellung der Künstlerwerkstatt im Düsseldorfer Gerhart-HauptmannHaus aus. Der Schöpfungsprozess seiner Bilder ereignet sich in Geste, Spur, Flecken und Material. Der Künstler lässt sich auf keine Verbindlichkeiten ein – einmal ist sein Stil auf subtile Ästhetik angelegt, ein anderes Mal auf Provokation und Dissonanz. Mit hoher Sensibilität erkundet er im Malprozess die Bildstruktur. Nach dem großen Erfolg der ersten Ausstellung plant Reimund Kasper in seinem Kamener Kunsthaus weitere Kunstausstellungen. Daneben biete er,

unter seiner Leitung, Kunstkurse für Malerei und Zeichnen und für Plastisches Gestalten und Bronzeguss an. Im April hatte er zu einem Kunstseminar ins Künstlerhaus Lauenburg bei Hamburg eingeladen. Im September 2012 fand die 7. Art Kamen in der Kamener Stadthalle statt, die Reimund Kasper verantwortlich in Zusammenarbeit mit seinem Künstlerkollegen Peter Tournée durchführte. Man kann auf weitere Veranstaltungen gespannt sein. Auf Anmeldung ist der Besuch des Kunsthauses jederzeit möglich. Tel. 02307797427. info@kunsthaus-kasper.de

Kunsthaus Kasper

Meldungen +++ Meldungen

K

arin Flörsheim las am 16. September aus ihrem lyrischen Werk im Frauenmuseum Bonn. Für den musikalischen Rahmen (Gitarre, Klavier, Gesang) sorgten Daniela und Benjamin Flörsheim. Die Einführung in den Abend unternahm Christina zu Mecklenburg. Karin Flörsheim ist sowohl als bildende Künstlerin wie als Schriftstellerin bekannt. Im Rahmen der Künstlerwerkstatt stellte sie 2010 im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus aus. 2010 ist im Geest-Verlag ihr Buch »Die Wandlungen der Esther Flor« erschienen. Sie ist 1930 in Chemnitz geboren und lebt in Düsseldorf.

G

abriele Hornig, 1945 in Schlesien geboren und heute in Köln und Plettenberg ansässig, zeigt bis 30. Oktober im AMORC-FORUM Baden-Baden die Ausstellung »Die Begegnung des I GING mit dem Rosenkranz« (Faltungen: verbergen, verformen, fantasieren). Die Faltungen, so die Künstlerin, sollen die Bildaussage ergänzen oder kontrastieren. Die Botschaft liegt verborgen in den Faltungen. In einer Zeit, in der alles offen gelegt ist, sollen die Faltungen den Betrachter zum Finden anregen. Arbeiten von Gabriele Hornig waren 2010 im GerhartHauptmann-Haus Düsseldorf ausgestellt.


15 Kontrapunkt

Förderverein für den Wiederaufbau des Eichendorff-Schlosses gegründet

Aufruf für den Wiederaufbau des EichendorffSchlosses in Lubowitz (Oberschlesien) Das Schloss, in dem 1788 der Dichter Joseph von Eichendorff das Licht der Welt erblickte, befindet sich in dem Dörfchen Lubowitz, unweit der Stadt Ratibor, an der oberen Oder im jetzt polnischen Oberschlesien. Es wurde Ende Januar 1945 durch russischen Artilleriebeschuss stark zerstört und in den Jahren danach von der örtlichen Bevölkerung als »Lieferant« von Baumaterial benutzt. Erst nach der politischen Wende im Jahre 1989 wurde der Lubowitzer Eichendorff-Verein gegründet, aus dem inzwischen die Eichendorff-Stiftung hervorgegangen ist, die Eigentümerin der Schlossruine und der umliegenden Park- und Gutsflächen wurde. Seitdem hat man bereits ein Begegnungszentrum mit einem Museum sowie mehreren Tagungs- und Beherbergungsgebäude errichtet. Die Stiftung hat beschlossen, das Schloss in der Form, wie es zu Lebzeiten des Dichters ausgesehen hat, wieder aufzubauen und als kulturelles Zentrum der deutschen Volksgruppe in Polen und als »Haus der deutsch-polnischen Begegnung« zu nutzen. Mit Unterstützung deutscher und polnischer Sponsorengelder wurden bereits die Baupläne erstellt, Kostenberechnungen vorgenommen und die Ruine gesichert. Die Landesgruppe Baden-Württemberg der Landsmannschaft Schlesien hat zur Unterstützung des Wiederauf-

Das Eichendorff-Schloss in Lubowitz im heutigen Zustand

baues des Eichendorff-Schlosses einen Förderverein gegründet, der sich das Ziel gesetzt hat, durch Beiträge, Spenden und Überschüsse aus Veranstaltungen, Reisen und anderen Maßnahmen insgesamt 6 Mio. Euro zu sammeln, davon 1,8 Mio. Euro für den eigentlichen Wiederaufbau und 4,2 Mio. Euro für eine Kapitalstiftung für den späteren Unterhalt und Betrieb des Schlosses als Tagungs-, Bildungs-, Ausbildungs- und Begegnungsstätte sowie als Museum.

Eichendorffs Gedichte und auch seine Prosa gehören zum Weltkulturerbe. In den deutschsprachigen Ländern sind nahezu 1000 Straßen und Plätze und mehrere hundert Schulen nach ihm benannt. Die Pflege der Erinnerung an ihn und sein Werk an seinem Geburtsort ist eine gemeinsame Aufgabe der Deutschen und Polen und zugleich ein versöhnender Brückenschlag zwischen unseren Völkern.

Meldungen +++ Meldungen +++Meldungen

M

arie-Luise Salden präsentierte bis 29. September in der Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt Tenri, Köln, die Ausstellung »Mit allen Fasern… Farb-Holzschnitt auf Japanpapier«. Das Werk der aus Elbing stammenden Künstlerin vermittelt durch seine vielfältigen und unterschiedlichen Akzente eine immer weiter greifende zeitliche und räumliche Orientierung. In die Ausstellung führte Christina zu Mecklenburg ein. Marie-Luise Salden leitete auch in diesem Sommer eine Werkstatt mit grafischen Techniken im Regionalmuseum Krockow/Polen, der Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums Münster.

H

orsthardi Semrau stellte im Walter Cordes Wohnstift, Duisburg Industrieporträts, Naturlandschaften, Stadtansichten sowie Bilder mit geistlicher und floraler Thematik aus. Der gebürtige Niederschlesier lebt seit mehr als vierzig Jahren in Duisburg und war hier als Lehrer für Kunst, Literatur und Sprachpflege an einer Schule für Sozialpädagogik tätig. Der Künstler Horsthardi Semrau ist auch im literarischen Bereich erfolgreich. In der Beilage »Kontrapunkt« der Künstlerwerkstatt im GerhartHauptmann-Haus sind wiederholt Gedichte und Aphorismen von Horsthardi Semrau zu lesen.

R

einhardt Schusters große Einzelausstellung »Farbklänge – Klangfarben« in Bern/Schweiz stand unter der Schirmherrschaft des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland, Peter Gottwald. Gezeigt wurden Malerei und Grafik sowie die Assemblage »Das wohltemperierte Tastenbild«, womit der Künstler auf den Ausstellungsort im Yehudi-Menuhin-Forum der Stadt Bern künstlerisch Bezug nahm. Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellung von den »Berner Sommerserenaden«, die zeitgleich mit der Ausstellung von Reinhardt Schuster stattfanden. Der Künstler stammt aus Siebenbürgen und lebt heute in Bonn- Bad Godesberg.


16 Kontrapunkt

Eine lange Liste von Ausstellungen im In- und Ausland belegen die Anerkennung seines künstlerischen Werks

Franz Kumher 85 Jahre alt

Am 16. Juli beging Professor Franz Kumher in Hildesheim seinen 85. Geburtstag. Als Kind einer Handwerkerfamilie im Südbanter Bergstädtchen Orawitz geboren, schulte er schon früh den Blick fürs Praktische sowie den Sinn für das Schöne in und hinter den Dingen.1946 aus der Deportation in die Sowjetunion entlassen, gelangte er in den Kreis Einbeck in der damaligen britischen Bestzungszone. Bereits 1948 besuchte er die Pädagogische Hochschule Alfeld/Leine und daran anschließend die Werkkunstschule Hannover, Klasse Freie Grafik, Freie Malerei und Kunstpädagogik. Seine Ausbildung setzte er an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg fort und schloss sie dort 1961 ab. Zusätzlich belegte er Malkurse in Oskar Kokoschkas Schule des Sehens in Salzburg sowie druckgrafische Ateliers in Salzburg und Hannover. Ab 1963 und bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1992 war Franz Kumher Professor für Bildende Kunst in Alfeld/Leine, Hildesheim und an der Universität Hildesheim. Studienfahrten führten ihn wiederholt nach Italien, Spanien, Portugal, Österreich, in die Schweiz und nach Rumänien. Eine lange Liste von Ausstellungen im In und Ausland und zahlreiche bedeutende Kunstpreise belegen die Anerkennung seines künstlerischen Werks. Aus der Vielzahl an Presseberichten und kunstkritischen Analysen in Katalogen wiedergeben wir in Auszügen einige Passagen.

Franz Kumher geht es um die Weiterentwicklung der Bildsprache mit neuen Chiffren… Bei seiner Malerei und Grafik soll sich der Betrachter auf Spurensuche begeben, um Kumhers malerischen Dialog mit der Dingwelt in einem von Technik geprägten Zeitalter zu entschlüsseln oder zu deuten. Prof. Klaus Sliwka, Universität Osnabrück Franz Kumhers Bilder werden – fernab von jeder Hoffnung und Versprechung –zu Betrachtungsfeldern, welche den letzten Dingen nicht ausweichen, sondern in unbeirrbarer Wiederholung die Strukturen der Zeitlichkeit und damit der Wirklichkeit überhaupt aufdecken. Prof. Dr. Josef Nolte

Es ist die Verwunderung über das Sein und die Veränderung der Dinge, die Franz Kumhers Bilder bestimmt. Sie suchen den Dialog mit der Zeit, und nicht alles wird dabei nostalgisch umflort. In seinen lichtkinetischen Arbeiten »Sprachgitter« greift der Künstler dunkle Gedankengänge von Paul Celan auf, in den metaphysischen Bildbühnen finden sich hingegen neben den Symbolen der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit auch Zeichen jener verhaltenen Heiterkeit, in der wir, wie einmal gesagt

wurde, die Dinge Bestand haben und aufgehoben sind für alle Zeit. Franz Heinz Die Robot-Harlekine, Antennen, großäugigen Module und gekuppelten Tore entwerfen eine Welt, in der alles sich auf der großen Bühne Leben präsentieren darf, frei und ohne die Dominanz des Anderen. Manchmal, mit einer gehörigen Portion Ironie, ähnelt dieses Welttheater auch einem wohlsortierten Supermarkt, wo das Kleine und das Große friedlich nebeneinander existieren und sich selbstbewusst darbieten. Wer mich akzeptiert und erwünscht, so scheinen die Dinge zu sagen, wird keine Fragen mehr stellen, ob ich eine Schraube, eine Tütensuppe, ein Windrädchen bin, oder der Petersdom, das Orakel von Delphi oder der Titus-Bogen auf dem Forum Romanum. Beatrix Nobis Zum 85. Geburtstag von Franz Kumher zeigen das Deutsche Kulturhaus in Reschitza/ Rumänien und das Kultur- und Dokumentationszentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Ulm Arbeiten des Künstlers.

Aus historischen Brücken und den Antennendschungeln der Gegenwart, aus altem Mauerwerk und Computertastaturen werden Bausteine eines sich weiter und weiter ausdifferenzierenden Kosmos. Kumher sammelt Welt und Zeit zu symbolischen Andenken, die er in ausgewogener Architektur übereinander schichtet. André Mumot Trotz der vordergründigen Gegenständlichkeit wird dem Betrachter der Hinweischarakter deutlich, der sich nicht zuletzt aus der Inszenierung der Objekte und ihrem inneren Bezug zueinender ergibt. Der Mensch kommt in diesen wie in vielen anderen von der Kunstkritik als Still-Leben bezeichneten Malereien Kumhers nur scheinbar nicht vor. Als Gestalter dessen, was mit Tradition oder Fortschritt hintergründig angesprochen wird, ist der Mensch im Bild gegenwärtig. Dr. Walter Engel

Plakat zur Ausstellung von Franz Kumher in Reschitza


17 Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Hans Mommsen (Ruhr-Universität Bochum)

Demokratiefeindschaft von rechts und der Untergang der Weimarer Republik - In Erinnerung an den 90. Todestag Walther Rathenaus

Am 25. Juni 1922 trat der amtierende ther verlebte seine Kindheit und Jugend selbst antrat (zusätzlich zum AufsichtsReichskanzler der ersten deutschen in Berlin und wurde durch umfassende ratsvorsitz bei der AEG, den er seit 1912 Republik ans Rednerpult des Berliner Studien (Physik, Chemie, Maschineninnehatte). Seinem Organisationstalent Reichstags. Der Zentrumspolitiker bau) in Straßburg, Berlin und München war es wesentlich zu verdanken, dass Joseph Wirth hatte das Amt des Reauf eine künftige Beteiligung an der die Versorgung der kaiserlichen Argierungschefs erst vor etwas mehr als Unternehmensführung vorbereitet. Almee insbesondere mit Munition nicht einem Jahr übernommen, er stand an lerdings hegte bereits der junge Walther schon Ende 1914 zusammenbrach. der Spitze einer Koalition aus Zentrum, Rathenau ein intensives Interesse auch Zwar schied Walther Rathenau aus der SPD und linksliberaler DDP. Mit für bildende Kunst, Literatur Funktion bei der Kriegsrohstoffabtei41 Jahren war er der bis dahin Do, und Politik. Seit 1893 übernahm lung bereits im März 1915 wieder aus, jüngste deutsche Kanzler. In der 08.11. er trotz eines zeitweilig gespanner hatte jedoch dauerhafte Impulse für vorausgegangenen parteiinterten Verhältnisses zu seinem Vadie kriegswirtschaftliche Organisation nen Kandidatenkür hatte sich 19.00 Uhr ter, Leitungsaufgaben innerhalb gegeben. Wirth als Repräsentant des lindes Konzerns. Daneben begann Mit der Novemberrevolution, dem ken Zentrumsflügels gegen den als koner frühzeitig auch als Autor mit kritiEnde der Monarchie und der Gründung servativ geltenden Oberbürgermeister scher Haltung zu Kultur und Politik der Weimarer Republik Ende 1918 trat von Köln, Dr. Konrad Adenauer, durchseiner Gegenwart hervorzutreten. Eine die Politik endgültig in den Vordergesetzt. sechsbändige Werkausgabe zeugt heute grund der Tätigkeit Walther Rathenaus. Wirths erste Amtszeit als Kanzler hatte noch von der stupenden Produktivität Schon Mitte November 1918 wirkte er allerdings nur wenige Monate gedauert, Rathenaus, der immer nur gewissermaam Zustandekommen der ersten förmda er im Oktober 1921 bereits wieder ßen »nebenbei« schrieb. Durch seine lichen Vereinbarung zur Zusammenarzurückgetreten war – dies vor allem künstlerischen Interessen kam Walther beit von Gewerkschaften und Arbeitum den Protest seines Kabinetts gegen Rathenau in Kontakt mit zahlreichen gebern (Stinnes-Legien-Abkommen) die von den alliierten Siegermächten Zeitgenossen aus der Kulturszene; mit. Daneben konzentrierte er seine des Ersten Weltkriegs angeordnete Teieine Freundschaft verband ihn etwa publizistische Tätigkeit auf Schriften lung Oberschlesiens zugunsten Polens mit Gerhart Hauptmann. Hauptmann zum politischen und wirtschaftlichen zum Ausdruck zu bringen. In einer äuvermittelte Rathenaus Aufnahme in Neubeginn in Deutschland. Er schloß ßerst schwierigen politischen Situation den elitären Kreis der Autoren des S. Fisich der neu gegründeten DDP an aber hatte ihn der sozialdemokratische scher-Verlages (darunter neben Hauptund wirkte als deren WirtschaftsfachReichspräsident Friedrich Ebert erneut mann u. a. mann. In dieser mit der Regierungsbildung beauftragt, Thomas Mann, Rolle wurde »Nicht nur die glühendste und Wirth hatte schweren Herzens Hugo von HofRathenau auch Liebe zu Deutschland hatte zugestimmt und sein zweites Kabinett mannsthal, beteiligt an der dieser Mann, der dunklen zusammengestellt. Dieses war allerRichard Deh- Mächten zum Opfer gefallen Lösung der audings wiederum mehrfach umgebildet mel oder Herßen- und wirtist, er hatte auch eine tiefe worden; die wohl wichtigste Änderung mann Hesse). schaftspolitisch Liebe zu PreuSSen.« bestand darin, dass Wirth, der zuvor in Im Gegenzug (Gerhart Hauptmann über d räng en d sten Personalunion auch das Ressort Äußewidmete Ra- Walther Rathenau, 27. Juni 1922) und schwierigsres geleitet hatte, am 01. Februar 1922 thenau Hauptten Problematik Walther Rathenau zum Außenminister mann 1912 seine bedeutende Schrift der jungen Republik, nämlich der Frage bestellte. »Zur Kritik der Zeit« »als Zeichen der der Reparationsleistungen an die AdRathenau war damit neben ReichsDankbarkeit, die ich als Deutscher dem resse der siegreichen Kriegsgegner, so wehrminister Otto Geßler der zweite Dichter unserer Zeit schulde, und als wie sie der Versailler Vertrag vom Juni Minister, der der DDP angehörte. ZuGabe herzlicher Freundschaft.« 1919 forderte. Rathenau plädierte dagleich war er längst bevor er das neue Zum ersten Mal eine im engeren Sinne für, den Versuch zu unternehmen, den Ministeramt antrat, eine der prominenpolitische Funktion übernahm Walther Reparationsforderungen der Alliierten testen Persönlichkeiten in Wirtschaft, Rathenau Mitte August 1914, wenige möglichst weitgehend nachzukommen Kultur und Politik Deutschlands. Tage nach Ausbruch des Ersten Welt– letztlich aber in der Intention daWalther Rathenaus Vater, Emil Rathekriegs. Im Unterschied zum größten mit unter Beweis zu stellen, dass diese nau, hatte 1883/87 die »Allgemeine Teil der politischen und militärischen schlechterdings unerfüllbar waren und Electrizitäts-Gesellschaft« AEG geFührung des Deutschen Reiches hatzugunsten Deutschlands revidiert wergründet, nachdem er das wirtschaftlite Rathenau bereits erkannt, dass im den müßten. Er vertrat folglich mutig che Potential erkannt hatte, das in der Zeitalter der Hochindustrialisierung eine weitaus realistischere, allerdings damals hochmodernen Nutzung von eine effektive Organisation der Kriegsauch äußerst unpopuläre Auffassung elektrischer Energie zunächst vor allem wirtschaft entscheidende Bedeutung zur Reparationsfrage als die meisten zu Beleuchtungs- und Antriebszwecken für die Erfolgsaussichten einer Kriegsanderen Politiker. Insbesondere seisteckte. Emil Rathenaus Unternehmen partei hatte. Auf seine Anregung hin tens der rechtsradikalen Kräfte wurde wuchs in sehr kurzer Zeit sprunghaft zu wurde im preußischen KriegsminisRathenau als »Erfüllungspolitiker« geeinem der größten deutschen Industrieterium die »Kriegsrohstoffabteilung« schmäht und zum Hassobjekt gemacht Fortsetzung auf seite 18 konzerne heran. Sein ältester Sohn Waleingerichtet, deren Leitung Rathenau


18 Vortrag Fortsetzung von Seite 17

– ohne dass diese in der Reparationspolitik in Anbetracht der massiven Überlegenheit der Siegermächte eine irgend praktikable Alternative zu bieten gehabt hätten. Rathenau eignete sich für die rechtsradikal-antisemitischen Kräfte auch in Anbetracht seiner Herkunft aus einem wohlhabenden jüdischen Unternehmerhaushalt offenbar besonders als Feindbild. Nachdem Walther Rathenau am 1. Februar 1922 im Kabinett Wirth die Leitung des Auswärtigen Amtes übernommen hatte, trat er noch mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Schon wenige Wochen später, Mitte April 1922 reiste Rathenau als Außenminister mit Reichskanzler Wirth zu einer internationalen Wirtschaftskonferenz nach Genua. An deren Rand vereinbarte Rathenau am 16. April 1922 mit der ebenfalls angereisten Delegation der jungen, von Wladimir I. Lenin beherrschten Sowjetunion unter Führung von deren Außenminister Georgi Tschitscherin im nahegelegen Rapallo einen Vertrag, der die Weltöffentlichkeit überraschte. Die beiden infolge von Krieg und Revolution international isolierten Staaten sagten sich gegenseitig einen Verzicht auf jegliche Wiedergutmachungsleistungen zu und verabredeten zugleich die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen. Walther Rathenau zeichnete damit für eine der wichtigsten Etappen der deutschen Außenpolitik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verantwortlich. Der außenpolitische Überraschungserfolg führte allerdings nicht dazu, dass die Schmähungen gegen Rathenau nachgelassen hätten. Ein bereits zuvor geschmiedetes Mordkomplott nahm seinen Lauf. Am Morgen des 24. Juni 1922 wollte Walther Rathenau von seiner Berliner Privatvilla ins Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße fahren. Er befand sich trotz vorausgehender Morddrohungen lediglich in Begleitung seines Chauffeurs. Bald nach der Abfahrt wurde Rathenaus offenes Cabriolet von einem anderen Fahrzeug überholt. Als sich beide Autos auf gleicher Höhe befanden, eröffnete einer der beiden Attentäter, der 23-jährige Erwin Kern, mit einer Maschinenpistole das Feuer auf Rathenau. Sein Mittäter, der 26-jährige Hermann Fischer, warf eine Handgranate in den Fonds des Minister-Wagens. Walther Rathenau war sofort tot. Beide Mörder hatten im Ersten Weltkrieg als junge Offiziere gedient, beide hatten danach verschiedenen Freikorps angehört. So wie der Kreis ihrer Unterstützer, die die Tat mitvorbereitet und

Kern und Fischer zunächst zur Flucht steht der Feind – und darüber ist kein verholfen hatten, waren sie Mitglieder Zweifel: dieser Feind steht rechts!« der rechtsradikalen »Organisation Prof. Dr. Hans Mommsen geht in seiConsul« (O.C.). Die O. C. war eine nem Vortrag den Triebkräften der weitverzweigte Terrororganisation, die »Konterrevolution« von rechts und deder ehemalige Marine-Offizier und ren Rolle beim Scheitern der Republik Freikorpsführer Hermann Ehrhardt von Weimar nach. Die Kräfte, die in den 1920 gegründete hatte. Ihre Mitglieder ersten Jahren der Republik direkt oder waren wie Kern und Fischer mehrheitindirekt hinter den Morden an Matthias lich einstige Offiziere, die meisten waErzberger und Walther Rathenau sowie ren noch keine 30 Jahre alt. Angehörige ungezählten weiteren Gewalttaten stander O.C. waren auch in die Ermordung den, waren auch an ihrer letztendlichen des Zentrumspolitikers Matthias ErzVernichtung seit Beginn der 1930er berger am 26. August 1921 und einen Jahre beteiligt. Prof. Mommsen stellt Anschlag auf den Sozialdemokraten das Wirken dieser politischen Richtung Philipp Scheidemann am 4. Juni 1922 in einen gesamteuropäischen Zusamverwickelt, den dieser nur durch Zufall menhang. überlebte. In beiHans Mommsen geden Fällen hatten In Zusammenarbeit mit hört seit Jahrzehnten die Attentäter – wie der Volkshochschule zu den international Düsseldorf bei Rathenau – ihre renommiertesten unbewaffneten Opdeutschen Zeithisfer, die keinen Polizeischutz hatten, auf torikern und den besten Kennern der offener Straße angegriffen. Geschichte der Weimarer Republik Die beiden eigentlichen Täter des Raund der NS-Diktatur. Zu diesem Thethenau-Mordes wurden rund drei Womenfeld hat er eine Vielzahl von Verchen nach der Tat auf der Burg Saaleck öffentlichungen vorgelegt, darunter von der Polizei gestellt, Kern wurde nicht zuletzt den voluminösen Band erschossen, Fischer beging Selbstmord. »Aufstieg und Untergang der RepubGegen einen Teil der weiteren Tatbelik von Weimar 1918-1933« (3. Aufl., teiligten wurden wenig später zum Teil München 2009). Er hatte von 1968 hohe Haftstrafen verhängt. Allerdings bis zu seiner Emeritierung 1996 den war selbst der Fahrer des Wagens, in Lehrstuhl für Neuere Geschichte an dem Kern und Fischer gesessen hatten, der Ruhr-Universität Bochum inne. der wegen Beihilfe zum Mord zu 15 Hans Mommsen hat Gastprofessuren Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, aufbeziehungsweise Forschungsaufentgrund einer Amnestie bereits Anfang halte an den Universitäten Princeton, 1930 wieder frei. Harvard, Berkeley, Washington D. C. Reichskanzler Wirth stand also an jeund Jerusalem absolviert. Er war und ist nem 25. Juni 1922 am Rednerpult des Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Reichstages, am Tag nach dem Mord an Gremien. 2010 nannte ihn die »Zeit« Walther Rathenau. Zunächst machte er anläßlich seines 80. Geburtstages einen die hasserfüllten Anwürfe von deutsch»der ganz Großen seines Fachs«. Im nationalen Politikern gegen Rathenau gleichen Jahr erhielt er für sein Gesamtfür die »Mordatmosphäre« verantwerk den »Bruno-Kreisky-Preis für das wortlich, aus der schließlich die Tat politische Buch«. hervorgegangen sei. Gerade Rathenau Der Vortrag eröffnet eine Veranstalmit seinem eminenten Verhandlungstungsreihe, die sich aus gegebenem geschick auch gegenüber den alliierten Anlass mit rechter Gewalt und DemoSiegermächten werde nun bitter fehlen. kratiefeindlichkeit in der deutschen Wirth schloß seine Rede mit dem Ausund europäischen Geschichte des 20. ruf: »Da steht der Feind, der sein Gift Jahrhunderts auseinandersetzt. Sie wird in die Wunden des Volkes träufelt. – Da 2013 fortgesetzt. Winfrid Halder

Schülerexkursion nach Schlesien

Nach den Herbst-Ferien heißt es starten gemeinsame Aktionen von Krei»Geschichte (er)leben«. Vom 31.10. sau (Krzyzowa) aus. Gemeinsam bege- 04.11.2012 geht es zu einer ben sie sich auf Spurensuche zu deutsch-polnischen Schülerbewichtigen deutsch-polnischen gegnung nach Schlesien mit Zwi- 31.10Erinnerungsorten, in Kreisau, schenstation in Görlitz und ei- 04.11. zur Friedenskirche in Schweidnem Projekttag am Schlesischen 2012 nitz und natürlich nach Breslau, Museum dort. Die nächsten der vom miteinander leben und Tage verbringen die deutschen, dann durch Flucht und VertreiLehrer, Schülerinnen und Schüler mit bung von jüdischen, polnischen und einer polnischen Schülergruppe und deutschen Bürgern geprägten Stadt. KS


19 Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Sigfrid Hoefert (University of Waterloo)

»Er ist der letzte, den wir, ohne uns des Wortes zu verdrießen, einen Dichterfürsten nennen dürfen.« Vorbild und Ansporn oder Negativbeispiel? Zur Nachwirkung Gerhart Hauptmanns auf folgende Autorengenerationen Als Carl Zuckmayer Ende Dezember Phrasendrescher sollten ihm das nie 1896 geboren wurde, war Gerhart verzeihen. Als Zuckmayer am 5. März Hauptmann als 34-Jähriger bereits ein 1931 mit »Der Hauptmann von Köarrivierter Dichter. Die skandalträchtipenick« einen weiteren spektakulären gen Uraufführungen von »Vor SonnenBühnenerfolg erzielte, wurde er vollaufgang« (1889) und »Die Weber« ends zur Zielscheibe des Hasses aus (1893/94) lagen hinter ihm, der heftige dem rechten und rechtsextremen politiMeinungsstreit über Wert oder schen Lager. Zuckmayer nahm, Unwert der »naturalistischen« beruhend auf der wahren GeTheaterdichtung Hauptmanns, schichte des dreisten VerkleiMi, der auch in diversen Gerichtsdungsstreichs des Schusters 14.11. verfahren ausgetragen worden Wilhelm Voigt, der sich am war, hatte ihm ungeahnte Pro19.00 Uhr 16. Oktober 1906, angetan mit minenz verschafft. Der heraneiner alten Hauptmanns-Uniwachsende Zuckmayer fand form, völlig ungehindert der im reich bestückten Bücherschrank Stadtkasse des damals vor den Toren seines Elternhauses in Mainz kurz vor Berlins gelegenen Köpenick bemächdem Ersten Weltkrieg nicht zuletzt die tigt hatte, Militarismus und übertrieStücke Hauptmanns vor. Seine Eltern bene Ehrfurcht vor – vermeintlichen wurden, wie Zuckmayer später schrieb, – »Respektspersonen« auf ’s Korn. ob ihrer Neigung zur literarischen MoPremierenort war im Übrigen das inderne im bürgerlich-konservativen zwischen längst von Max Reinhardt Verwandtenkreis »für etwas verrückt« geleitete Deutsche Theater in Berlin – gehalten. Dem seinerseits leidenschaftmithin die gleiche Bühne, auf der nach lich an Literatur interessierten Sohn bedem für Gerhart Hauptmann erfolgreischerten sie so freilich Leseeindrücke, chen Rechtsstreit 37 Jahre zuvor erstdie er nicht mehr vergessen sollte. mals »Die Weber« öffentlich gespielt Bevor Zuckmayer selbst die deutschen worden waren. Bühnen erobern konnte, lag allerdings Jenseits dieser äußerlichen Parallele die Erfahrung des Ersten Weltkriegs vor kannten und schätzten sich Hauptmann ihm. Als 17-jähriger Abiturient meldete und Zuckmayer inzwischen persöner sich noch im August 1914 freiwillig lich. So fiel es nicht von ungefähr Carl zum Dienst in der kaiserlichen Armee. Zuckmayer zu, als 35-jähriger ErfolgsErst im Herbst 1918 kehrte Zuckmayer autor dem doppelt so alten Kollegen heim, als ordensgeschmückter LeutHauptmann im November 1932 zum nant eines Feldartillerie-Regiments und 70. Geburtstag zu gratulieren. Anders für den Rest seines Lebens geheilt von als manch anderer (etwa der seinerseits aller Verherrlichung von Militär und mit Zuckmayer befreundete, 1898 geKrieg. borene Bert Brecht, ebenfalls damals Nach schwierigen Jahren als junger, zuschon ein ausgesprochen erfolgreicher nächst erfolgloser Autor zu Beginn der Bühnenautor der jungen Generation) Weimarer Republik, gelang Zuckmayhielt Zuckmayer Hauptmann nicht er mit der Uraufführung seines Stücks einfach für einen »Mann von gestern«, »Der fröhliche Weinberg« kurz vor sondern betonte, wie viel er und andere Weihnachten 1925 im Berliner Theater dem Älteren zu verdanken hatten. am Schiffbauerdamm der Durchbruch. Die Geburtstagsrede für Gerhart Zuckmayer war inzwischen 28 Jahre alt, Hauptmann in den Berliner Messehalein Jahr älter als Gerhart Hauptmann len am 15. November 1932 war einer bei der Premiere von »Vor Sonnenaufder letzten öffentlichen Auftritte Carl gang« gewesen war. Und auch »Der Zuckmayers – nur wenige Wochen fröhliche Weinberg« spaltete die Meispäter begann mit der Berufung Hitnungen: Einerseits wurde das Stück ein lers zum Reichskanzler die Errichtung gewaltiger Publikumserfolg, der seinen der NS-Diktatur. Einer wie Zuckmayer Autor nicht zuletzt materiell unabhänkonnte unmöglich in Deutschland bleigig und bekannt machte, andererseits ben, er ging sogleich in die Emigration, wurde Zuckmayer heftig angefeindet. zunächst nach Österreich, später über Seine derbe, »naturalistische« Sprache die Schweiz und Frankreich in die USA wurde kritisiert, die in seinem Stück ins Lächerliche gezogenen »schneidigen« Korpsstudenten und nationalistischen

(1939). Zuckmayer, seit 1946 US-Staatsbürger, war auch nach 1945, besonders mit dem 1943 entstandenen Stück »Des Teufels General«, einer der erfolgreichsten deutschen Bühnenautoren. So war er erneut der Festredner, als es 1962 galt, den 100. Geburtstag Gerhart Hauptmanns zu feiern. Und wieder verneigte er sich tief vor dem inzwischen längst verstorbenen Kollegen. Zuckmayer führte aus: »Man sagt, ein großer Mann sei wie ein Baum, in dessen Schatten wir ausruhen. Er ist aber auch auch wie ein Berg, ein Felsgipfel, über den wir nicht wegsehen können, es sei denn, wir begeben uns in gleiche Höhe. So bedeutet er für uns Ansporn zu fortgesetzter Bemühung, zur Aufwärtsbewegung, und gleichzeitig umdacht er uns mit seiner schützenden Krone. Er selbst trug eine unsichtbare Krone, er trug sie als Last und er trug sie als Begnadung. Er ist der letzte, den wir, ohne uns des Wortes zu verdrießen, einen Dichterfürsten nennen dürfen.« Carl Zuckmayer war keineswegs der einzige, der über Gerhart Hauptmann nicht »wegsehen« konnte und wollte. Vielmehr haben zahlreiche deutsche Autorinnen und Autoren vor allem des 20. Jahrhunderts sich direkt oder indirekt auf Hauptmann bezogen oder sich an ihm gemessen. Schließlich war er der vierte von bisher insgesamt nur acht deutschen Literaturnobelpreisträgern (Hermann Hesse und Nelly Sachs waren zum Zeitpunkt der Preisverleihung keine deutschen Staatsbürger mehr). Der Vortrag von Prof. Dr. Sigfrid Hoefert spürt den Nachwirkungen Gerhart Hauptmanns bis in die Gegenwart hinein nach. Prof. Hoefert nimmt etwa den Oberschlesier Horst Bienek in den Blick oder den Danziger Günter Grass, der als siebter deutscher Autor den Literaturnobelpreis erhalten hat (1999). Prof. Hoefert hat bis zu seiner Emeritierung viele Jahre lang deutsche Literatur an der University of Waterloo in Ontario (Kanada) gelehrt. Er ist einer der besten Kenner des Werkes von Gerhart Hauptmann und hat zahlreiche einschlägige wissenschaftliche Werke veröffentlicht. Soeben ist der Band IV der von Sigfrid Hoefert bearbeiteten Internationalen Bibliographie zum Werk Gerhart Hauptmanns erschienen. Winfrid Halder


20 Buchvorstellung

Buchvorstellung und Diskussion mit Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Brandes (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)

Ägypter bis Zwangsassimilitation. Das »Lexikon der Vertreibungen« – ein Meilenstein zur Geschichte des »Zeitalters der Extreme« Der vorliegende Band ist schon rein der »Identität« von Menschengruppen äußerlich ein Schwergewicht: Zwimit sich bringen. Die »Ägypter« sind schen dem ersten (»Ägypter«) und dem eigenen Herkunftsmythos nach dem letzten Stichwort (»ZwangsassiNachfahren ägyptischer Soldaten, die miliation«) liegen 306 weitere Artikel einst mit Alexander dem Großen (356und mehr als 700 Druckseiten Text. 323 v. Chr.) in die Region kamen und Über 120 internationale Ausich niederließen. Somit postutorinnen und Autoren haben lieren sie ein allerdings uraltes mitgearbeitet an dem wissenHeimatrecht – sie sprechen Mo, schaftlichen Mammutwerk, Serbisch, sind dabei Muslime, 19.11. das ein zentrales Thema der werden zum Teil für assimilier19.00 Uhr europäischen Geschichte des te Roma gehalten, sehen sich 20. Jahrhunderts behandelt, aber selbst eben als eigenstännämlich »ethnopolitisch modige Ethnie und passen folglich tivierte und zumeist staatlich induzierte in kein Schema. Zwangsmigration«. Was die HerausgeEthnien, zumal solche, die über lange ber in ihrem Vorwort so exakt und wisZeiträume in enger Nachbarschaft mitsenschaftlich distanziert formulieren, einander leben, wirklich trennscharf zu bringt der Haupttitel des Buches allunterscheiden, ist nachgerade unmöggemeinverständlicher zum Ausdruck: lich – eine vermeintlich banale Einsicht. »Lexikon der Vertreibungen. DeportaDie Idee eines völlig unzweideutig getion, Zwangsaussiedlung und ethnische gen andere abgrenzbaren »Volkes« war Säuberung im Europa des 20. Jahrhunimmer eine Fiktion, mit derts«. Das umreißt ein wahrhaft weider Lebenswirklichkeit tes Themenfeld, denn die europäische von in räumlicher Nähe Geschichte des 20. Jahrhunderts, des miteinander lebenden »Zeitalters der Extreme« (Eric HobsMenschen nicht verbawm), verzeichnet eine Fülle von mal einbar. Dennoch wurde mehr, mal weniger gewaltsamen Bediese Fiktion geschichtsvölkerungsverschiebungen – und zwar mächtig, vor allem durch während fast seiner gesamten Dauer. die, wie das Lexikon Die zeitliche Spannbreite reicht vom prägnant formuliert, ersten Höhepunkt massiver Vertreibun»Aufwertung der Ethnigen in unterschiedlichen europäischen zität zum staatsbildenden Regionen kurz vor dem und im Ersten Prinzip«. Die sich vor Weltkrieg bis hin zum erzwungenen allem im 19. Jahrhundert Heimatverlust von Hunderttausenden in Europa durchsetzende von Menschen in Ex-Jugoslawien in der Leitidee des »Nationalstaates«, in desletzten Dekade des 20. Jahrhunderts. sen Grenzen eben nur die eine sprachDie Anzahl der mehr als 300 Stichworlich, kulturell und ethnisch einheitliche te lässt die Komplexität der Aufgabe, Nation lebt, war von vornherein ein der sich Herausgeber und Autorinnen Konstrukt, das reale Bevölkerungsverund Autoren gestellt haben, lediglich hältnisse ignorierte oder gar verleugneerahnen. te. Selbst auf den »Modellfall« FrankEin wenig deutlicher wird, welche defireich passte dieses Konstrukt nicht nitorischen und inhaltlichen Probleme wirklich – nicht einmal zum Zeitpunkt zu bewältigen waren, wenn man zuder scheinbar glorreichen Überhöhung nächst lediglich den ersten Beitrag liest. der nachrevolutionären »Grande Na»Ägypter« – schon bei der Überschrift tion« zu Beginn des 19. Jahrhunderts. stutzt gewiß so mancher, denn was haSchon an deren Spitze stand nämlich ben die »Ägypter« denn für den landein italienischstämmiger Korse, der die läufig Interessierten mit Vertreibungen Schreibweise seines Nachnamens Buoin Europa zu tun? Der Artikel freilich naparte erst den französischen Gepflobelehrt den Leser rasch darüber, dass genheiten anpassen mußte … es sich bei diesen »Ägyptern« um eine Ihr mangelnder Realitätsbezug freilich zahlenmäßig kleine Bevölkerungsgruphat nicht verhindert, dass die Nationalpe handelt, die überwiegend im Kosostaatsidee zur wesentlichen, wenn auch vo beheimatet ist. Und zugleich kann er sicherlich nicht einzigen ideologischen einiges lernen über die Schwierigkeiten, Grundlage der Vertreibungen im »Zeitdie Selbst- und Fremdzuschreibungen alter der Extreme« wurde. Das vorlie-

gende Lexikon – das ist einer seiner wichtigsten Vorzüge – läßt nicht zuletzt deutlich werden, dass die Vertreibung der Deutschen aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa um die Mitte des 20. Jahrhunderts eingebettet ist in ein viel umfassenderes, komplexes Zwangsmigrationsgeschehen, dass also Vertreibung ein deprimierendes Signum der europäischen Zeitgeschichte insgesamt ist. Wem es um den historischen Ort der Vertreibung der Deutschen geht, wer nicht stets in die Irre führenden Verkürzungen und Vereinfachungen unterliegen will, der kommt an diesem Lexikon nicht vorbei. Die verhältnismäßig kurze Entstehungsgeschichte des »Lexikons der Vertreibung« ist zugleich ein Zeugnis des Wandels nicht allein der deutschen, sondern der europäischen Erinnerungskultur insgesamt in den letzten Jahren. Zu Inhalt und Entstehung des Bandes referiert Prof. Dr. Detlef Brandes, der dem hochkarätigen Herausgebergremium angehört und selbst zahlreiche Beiträge beigesteuert hat. Prof. Brandes ist in Düsseldorf bestens bekannt als herausragender Experte sowohl für die Geschichte der Deutschen in Böhmen und die Entwicklung der deutsch-tschechischen Beziehungen wie auch für die Geschichte der Deutschen in Russland. Prof. Brandes hatte nach früheren wissenschaftlichen Tätigkeiten am Collegium Carolinum in München und an der Freien Universität Berlin seit 1991 an der Heinrich-HeineUniversität Düsseldorf den Lehrstuhl für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa inne. Im Jahre 2008 wurde er emeritiert. Neben anderen Würdigungen seines wissenschaftlichen Schaffens wurde ihm 2001 die Ehrendoktorwürde der Prager Karls-Universität verliehen. Prof. Brandes war zudem viele Jahre lang Mitglied des Kuratoriums der Stiftung GerhartHauptmann-Haus. Winfrid Halder

Das »Lexikon der Vertreibungen« kann auch über die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen bezogen werden (www.politische-bildung.nrw. de; Tel. 0211/837-4593).


21 Lesung & Gespräch

Texte & Töne – Gerhart Hauptmanns schlesische Dichtungen Lesung und Gespräch mit Frank Schablewski und PD Dr. Jürgen Nelles

»Auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.« Gerhart Hauptmanns lebenslange VerMit dem folgenden Stück »Die Webundenheit mit Schlesien wird schon ber« ging Hauptmann noch weiter: Eirein äußerlich augenfällig: Er wurde nerseits legte er mit dem berühmt-be1862 im schlesischen Obersalzbrunn rüchtigten schlesischen Weberaufstand geboren, er starb 1946 im ebenfalls des Jahres 1844 ein reales historisches schlesischen Agnetendorf. Zwischen Geschehen zugrunde. Die Weberdördem Geburts- und dem Sterfer, deren verzweifeltes Aufbebeort Hauptmanns liegen nur gehren gegen Ausbeutung und wenige Kilometer, so dass man Elend nicht einmal 20 Jahre vor Mi, auf den ersten Blick meinen Hauptmanns Geburt von preu21.11. könnte, der Dichter sei zeit seißischen Soldaten gewaltsam 19.30 Uhr nes Lebens nie aus einem eng erstickt worden war, lagen unbegrenzten regionalen Umfeld weit von seinem eigenen Heiherausgetreten. matort. Und er hat die Gegend, Natürlich ist das nicht der Fall. Für die zu diesem Zeitpunkt längst wohnhaft in künstlerische Entwicklung und den Berlin, eigens mehrfach bereist, um Makünstlerischen Erfolg Hauptmanns terial und Impressionen zu sammeln. war Berlin von entscheidender BedeuDie Niederschrift der »Weber« fand tung. Von 38 Bühnendichtungen, die nach Hauptmanns eigenem Zeugnis zu Hauptmanns Lebzeiten uraufgeführt 1891/92 im schlesischen Schreiberhau wurden, hatten 27 in Berliner Theastatt, ebenfalls in der gleichen Region tern Premiere. Hauptmann hat längere gelegen. Er hat das Stück zudem seinem Zeit in Berlin beziehungsweise dessen Vater Robert Hauptmann gewidmet, unmittelbarer Nähe gelebt, er war ein mit dem ausdrücklichen Verweis daweitgereister Mann, der viel mehr von rauf, dass die Erzählungen des Vaters Europa gesehen hatte als wohl die meisüber dessen Vater, der selbst noch Weten seiner Altersgenossen im Zeitalter ber gewesen war, den ursprünglichen vor dem Massentourismus, er war, daAnstoß für das Drama gegeben hatten. mals gewiß noch ungewöhnlicher, zwei Schließlich schrieb Hauptmann die ersMal jenseits des Atlantik zu Gast in te, Ende 1891 fertiggestellte Fassung in den USA (1894 und 1932). Und doch ihm natürlich vertrauten schlesischen blieb er mit seiner schlesischen Heimat Dialekt nieder. Seine naturalistische verbunden: Als sich der dichterische Kunstauffassung veranlaßte ihn hierErfolg des noch nicht 40-Jährigen auch zu – obwohl dem jungen, gerade erst materiell niederzuschlagen begann, ließ bekannt gewordenen Dichter klar sein er sich das Domizil in Agnetendorf baumußte, dass er damit für große Teile en; 1901 fertiggestellt, blieb das repräseines Publikums schon allein sprachsentative Haus am Rande des Riesengeliche Verständnisprobleme schuf. Die birges sein wichtigster Rückzugsort bis Aufführung der Dialektfassung wurde zum Tod. allerdings Anfang März 1892 von der Neben diesen äußeren VerbindungsBerliner Theaterpolizei verboten, da linien sind die schlesischen Bezüge in sie angeblich eine »Bedrohung der öfHauptmanns Schaffen noch bedeutsafentlichen Ordnung« mit sich bringen mer. »Vor Sonnenaufgang«, das erste würde. Erst danach schrieb Hauptmann Drama des bis dahin nahezu völlig uneine Version, die im Wesentlichen in bekannten Dichters, das am 20. OktoHochdeutsch abgefasst ist. Deren erste ber 1889 in der Freien Bühne Berlin Aufführung war am 26. Februar 1893 uraufgeführt wurde, spielt im Waldennur als »geschlossene Veranstaltung« burger Kohlerevier. Als Ort der Handwiederum in der Berliner Freien Bühne lung ist unschwer Weißstein erkennbar, möglich. Das Recht auf »normale«, eidessen Namen Hauptmann nur sehr nem interessierten Publikum ohne Einvordergründig in »Witzdorf« verfremschränkungen zugängliche Aufführundet hat. Die Premiere des drastischen gen mußte Hauptmann freilich noch Stücks um den Niedergang einer durch gerichtlich erstreiten. Das dauerte bis die Kohlefunde reich gewordenen und zum Herbst 1894. zugleich der Alkoholsucht verfallenen Mit dem gewaltigen öffentlichen AufBauernfamilie geriet zum ersten Thesehen, das der heftige politische und aterskandal in Hauptmanns Karriere juristische Meinungsstreit über die Zuund bescherte dem 26-Jährigen ungelässigkeit der Aufführung von Gerhart ahnte öffentliche Aufmerksamkeit. Hauptmanns wohl »schlesischstem«

Stück mit sich brachte, war er als Autor endgültig etabliert. Obgleich auch Kaiser Wilhelm II. Stück und Autor auf das schärfste ablehnte – von den deutschen Bühnen auf Dauer fernhalten konnte er »Die Weber« nicht. Das Kaiserreich war eben bei aller Kritikwürdigkeit beileibe keine totalitäre Diktatur, die sich auch das kulturelle Leben vollständig zu unterwerfen bestrebt ist. Und Hauptmann wurde mit rasanter Geschwindigkeit auch international bekannt: Nur drei Monate nach der Berliner Uraufführung hatte die französische Übersetzung des Stücks in Paris Premiere – als erstes ursprünglich deutsches Stück, dass in der französischen Hauptstadt seit der Kriegsniederlage von 1870/71 auf die Bühne kam. Noch vor Ende des Jahres 1894 konnte auch das New Yorker Theaterpublikum die schlesischen Weber und ihr Leid auf der Bühne erleben. Auch in späteren Werken Hauptmanns spielt Schlesien als Erfahrungs- und Handlungsort eine bedeutsame Rolle. Dies gilt etwa für das Drama »Rose Bernd« (1903), in das Erinnerungen Hauptmanns an seine Zeit als 16-jähriger »Landwirtschaftseleve« nahe Striegau (in der Nähe von Schweidnitz) eingeflossen sind. Bezeichnend ist, dass Hauptmanns Autobiographie »Das Abenteuer meiner Jugend«, die der inzwischen 75-Jährige 1937 publizierte, zum allergrößten Teil den Kindheitsjahren im elterlichen Hotel- und Gastwirtschaftsbetrieb in Obersalzbrunn gewidmet ist. Dort heißt es: »Auch nur das erste Vierteljahrhundert meines Lebens im Sinne der Kunst auszuwerten, war mir eine Unmöglichkeit.« Die längste Zeit aber dieses ersten Vierteljahrhunderts hat Gerhart Hauptmann in Schlesien zugebracht. Die Veranstaltung führt Leben und Schreiben des Literaturnobelpreisträgers vor Augen und wirft dabei vor allem Blicke auf die ‚schlesischen Spuren‘ in Gerhart Hauptmanns literarischen Werken. Gerhart Hauptmanns Werk und Person werden lebendig durch ausgewählte Texte & Töne. Jürgen Nelles und Frank Schablewski führen im Dialog durch Werk und Biographie von Gerhart Hauptmann. Privatdozent Dr. Jürgen Nelles lehrt Fortsetzung auf Seite 22 unten links


22 Vortrag

Texte, Erinnerungen und Gespräche mit Michael Stavaric, Michael Serrer und Dr. Zuzana Jürgens

Ein außergewöhnlicher Europäer. Zum ersten Todestag von Jiři Gruša (1938-2011)

Er war kein Unbekannter im unserem Havel und anderen gehörte er zu den zahlreichen künstlerischen und politiHaus, im Gegenteil. Zuletzt war er im jungen Autoren, die dem kommunistischen Vereinigungen. Auch als Autor November 2009 hier zu Gast. Damals schen Regime immer offener kritisch blieb er bis zuletzt aktiv; insgesamt hat hat er – gemeinsam mit dem Ungarn entgegentraten. Gruša fünf Gedichtbände, sieben RoGyörgy Dalos – Bilanz gezogen, 20 So verwundert es nicht, dass Jiři Gruša mane und zahlreiche andere Schriften Jahre nach dem Umbruch in Ostmit1968 den Prager Frühling aktiv mittrug veröffentlicht. Zuletzt erregte er 2011 teleuropa, von dem seine tschechiund dass er nach dessen gewaltsamer Aufsehen mit seinem umfangreichen sche Heimat in so besonderer Unterdrückung zu den VerfolgEssay »Beneš als Österreicher«, der Weise betroffen gewesen war. Fr, ten gehörte. Da er als Autor nicht erst im Frühjahr 2012 posthum in deutJiři Gruša konnte das wie kaum 30.11. mehr arbeiten durfte, war er scher Sprache erschien. Das Buch, das ein anderer, denn sein Leben zeitweilig bei Bauunternehmen Leben und Politik von Edvard Beneš wurde von den Umbrüchen der 19.00 Uhr beschäftigt. Ganz eingestellt hat äußerst kritisch beleuchtet, hat bezeichtschechischen Geschichte geer freilich seine literarische Pronenderweise sogar den derzeitigen prägt. Gruša wurde am 10. November duktion nicht, die Veröffentlichung ertschechischen Staatspräsidenten Vaclav 1938 in Pardubice geboren – da stand folgte zum Teil illegal. 1977 gehörte er Klaus zu heftiger öffentlicher Kritik am der Untergang der kurzlebigen zweiten wiederum mit Vaclav Havel und andeAutor Gruša veranlaßt. Erste Angriffe tschechoslowakischen Republik schon ren zu den Unterzeichnern der Charta auf Werk und Autor hat Jiři Gruša noch unmittelbar bevor. Das Sudetenland 77, dem grundlegenden Dokument der selbst kommentiert; die teilweise in war infolge des Münchner Abkommens tschechoslowakischen BürgerrechtsbeBeschimpfungen ausartende Kritik zeivom 29. September 1938 bereits abgewegung. Nachdem 1978 sein Roman ge nach seiner Überzeugung, dass das trennt, die Besetzung des tschechischen »Fragebogen« in Kanada erschienen Buch nicht schlecht sein könne. Restgebietes und dessen Umwandlung war, wurde Gruša wegen »Angriffs auf Jiři Gruša erhielt für sein künstlerisches in das »Reichsprotektorat Böhmen das gesellschaftliche System« verhaftet. und politisches Schaffen zahlreiche und Mähren« erfolgte als der kleine Infolge von Protesten aus dem Ausland Preise und Auszeichnungen, darunter Jiři noch kein halbes Jahr alt war. Die wurde er zwar verhältnismäßig rasch den Andreas Gryphius-Preis (1996), Kindheitseindrücke, die er während der wieder entlassen, entschloß sich aber den Adelbert-von-Chamisso-Preis deutschen Besatzungszeit sammelte, noch im gleichen Jahr die Tschechoslo(1997), die Goethe-Medaille (1999) waren gewiß nicht unwichtig, geprägt wakei zu verlassen. Damit begannen die und noch posthum 2011 den Manèswurde Jiři Gruša jedoch durch sein Exiljahre Grušas, in Sperber-Preis. Gruša In Zusammenarbeit mit Aufwachsen in der (dritten) tschechodenen er sich nach war unter anderem dem Tschechischen slowakischen Republik CSR, die seit kurzen ZwischenTräger des Großen Zentrum Düsseldorf ihrer Gründung 1945 in immer offenespielen in Kanada B u n d e s v e rd i e n s t re Abhängigkeit von der stalinistischen und den USA in der Bundesrepublik kreuzes mit Stern und Chevalier de la Sowjetunion geriet. Als die CSR 1960 Deutschland ansiedelte. Nachdem ihm Légion d’honneur. Die Veranstaltung zu Ehren Jiři Grušas förmlich in Tschechoslowakische Sozi1981 die tschechoslowakische Staatsgestalten gemeinsam Michael Stavaric, alistische Republik umbenannt wurde, bürgerschaft aberkannt worden war, Michael Serrer und Dr. Zuzana Jürgens. studierte Gruša an der Prager Karlswurde er 1983 Bürger der BundesreDer 1972 in Brno/Brünn geborene MiUniversität Philosophie und Geschichpublik Deutschland. Gruša begann chael Stavaric siedelte als Kind mit seite. Als er dort zum Dr. phil. promoviert nunmehr auch Deutsch zu schreiben. nen Eltern nach Österreich über. Nach wurde, hatte er schon begonnen auch Damit schaffte er als literarischer Autor dem Studium der Bohemistik und der literarische Texte zu schreiben. Geeinen Sprachwechsel, der mit Erfolg nur Kommunikationswissenschaft an der meinsam mit dem wenig älteren Vaclav wenigen Dichtern gelungen ist. Wiener Universität arbeitete Stavaric Allerdings blieb es nicht bei der schrifteinige Jahre als Sekretär von Jiři Gruša. stellerischen Karriere. Nachdem sein Er lebt heute als freier Schriftsteller in Weggefährte und Freund Vaclav Havel Fortsetzung von Seite 21 Wien. Er hat bereits zahlreiche Gedichtnach dem Umbruch von 1989/90 der Neuere deutsche Literaturwissenschaft bände, Romane und Kinderbücher vererste demokratische gewählte Präsident öffentlicht. Die letzte der zahlreichen an der Rheinischen Friedrich-Wilder postkommunistischen TschechoAuszeichnungen, die Michael Stavaric helms-Universität Bonn. Frank Schabslowakei geworden war, ernannte er für sein Schaffen erhielt, war der Adellewski ist als Autor und versierter ReGruša zum Botschafter in der Bundesbert-von-Chamisso-Preis in diesem zitator im Gerhart-Hauptmann-Haus republik Deutschland. 1998 wechselte Jahr 2012. Michael Serrer ist Leiter des bestens bekannt. Er hat an der Düsseler auf den Posten des Botschafters in Literaturbüros NRW in Düsseldorf und dorfer Kunstakademie studiert und ist Österreich. Nach seiner aktiven diplowar mit Jiři Gruša befreundet. Er hatte seit 1998 als Lyriker und Essayist mit matischen Karriere leitete er von 2005 auch dessen letzten Gastauftritt in unzahlreichen Veröffentlichungen herbis 2009 die traditionsreiche Diploserem Haus vermittelt. Frau Dr. Zuzana vorgetreten. Darüber hinaus ist Frank matische Akademie in Wien. Daneben Jürgens ist Leiterin des Tschechischen Schablewski ein renommierter Überfungierte er seit 2004 als Präsident des Zentrums in München und in Düsselsetzer aus dem Hebräischen und SpaniInternationalen P.E.N.-Clubs. dorf. Die promovierte Bohemistin hat schen. Seine Arbeit wurde bereits durch Bis zu seinem unerwarteten Tod am vor ihrer Tätigkeit für das Tschechische eine Vielzahl von Stipendien gewürdigt. 28. Oktober 2011 wirkte Jiři Gruša in Zentrum an verschiedenen UniversitäWinfrid Halder ten unterrichtet. Winfrid Halder


23 Integration & Kulturelees

Zafer Senocak liest »Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift«

Von Heimweh, gebrochenem Deutsch und Selbsteinwanderung

Eine Liebeserklärung an das »Deutschkann. Und was das überhaupt heißt: sein« zu schreiben, mutet seltsam an, Deutschsein. besonders, wenn sie nicht erwidert Mit der Ambivalenz seiner eigenen wird und den Deutschen selber verIdentität beschäftigt sich der 1961 dächtig ist. Deshalb hat der in Ankara geborene Zafer Schriftsteller Zafer Senocak, Senocak, seitdem er mit seinen Di, der als 10-jähriger Sohn moEltern 1970 nach Deutschland derner, bildungsbegeisterter gekommen ist. Nach einem 04.12. Eltern von der Türkei nach Studium der Germanistik, 19.00 Uhr Deutschland kam, eine behutPolitikwissenschaft und Phisame Aufklärungsschrift über losophie in München arbeitet die inneren deutschen Zerer heute als Autor, Übersetzer, klüftungen geschrieben und dabei festHerausgeber und Publizist. gestellt: Die Deutschen sind nicht mit Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht sich im Reinen. Sie sind stolz auf ihre das neue Buch von Zafer Senocak, aus multikulturelle Fußballnationalmanndem der Autor Auszüge lesen wird. Im schaft und eine solide Volkswirtschaft anschließenden Gespräch mit ihm wer– diskutieren aber gleichzeitig erbittert den Maren Jungclaus (Literaturbüro über Integration und Zuwanderung. Im NRW), Dr. Thomas Lemmen (TheoKern ging und geht es hier um die Frage loge) und Serap Güler, integrationspoder Identität. Die Frage, wer Deutscher litische Sprecherin der CDU-Landtagsist, wer keinesfalls und wer es werden fraktion NRW darüber diskutieren, was

Zafer Senocak

Foto: David Ausserhofer

die deutsche Identität ausmacht. Eine gemeinsame Veranstaltung von Düsseldorfer Appell/Respekt und Mut, Konrad-Adenauer-Stiftung, Literaturbüro NRW, Maxhaus – Katholisches Stadthaus und Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus. Die Veranstaltung findet im Maxhaus – Katholisches Stadthaus, Schulstraße 11, statt. Der Eintritt ist frei. Margarete Polok.

Schattenspiel mit beweglichen Scherenschnittfiguren

LandesKulturtagung des BdV

Die Legende vom Vierten König

Erbe weitergeben

Das Theater der Dämmerung spielt und stimmungsvoller Musik, vom le»Der Vierte König« als Schattenspiel bendigen Erzählen, das nicht vom Band mit großen beweglichen Scherenkommt, sowie von der gehaltvollen Tieschnittfiguren. fe der im Original belassenen Texte entDiese alte russische Legende erzählt steht ein Gesamtkunstwerk, das Alt & von jenem unbenannten Weisen Jung in Bann zu ziehen vermag. aus dem Morgenland, der geDie Inszenierung richtet sich an meinsam mit den Drei Königen Sa, Erwachsene und an Kinder ab 6 auszog, das Christuskind zu fin- 15.12. Jahren. den. Die Geschichte des Vierten Schauspieler Friedrich Raad, 15.00 Uhr Der Königs ist eine sehr menschliJahrgang ’62, leitet das Theater che. Wir haben in ihr Episoden der Dämmerung. 1987 begann aus »Die letzte Besucherin« und »Wie er in seiner Heimatstadt Stuttgart mit viel Erde braucht der Mensch?« von eigenen Scherenschnitten zu experiLeo Tolstoi eingebettet. mentieren; 1993 gründete er in StuttDas Leid der Welt stellt sich dem Jüngsgart das Theater der Dämmerung und ten der vier Könige immer wieder in übersiedelte 1998 nach Düsseldorf, von den Weg, so dass er den Stern und seiwo aus er nun sein Schattentheater mit ne Gefährten verlieren muss. Er ist ein fünf freien Mitarbeitern betreibt. Die »barmherziger Samariter«. Der vierte meisten Auftritte sind in NRW. Das König kann dem Leiden der Menschen Theater der Dämmerung gastiert in und der Ungerechtigkeit der Obrigkeit Theatern und Büchereien, in Einrichnicht tatenlos zusehen. So dauert seine tungen für Senioren, in KirchengemeinReise über dreißig Jahre- und er findet den, in Schulen und Kindergärten, auf seinen Erlöser vor den Toren JerusaFortbildungen und Betriebsfeiern und lems sterbend am Kreuze. auch im ganz privaten Rahmen auf JuIm harmonischen Zusammenwirken biläen und Geburtstagen. von beweglichen ScherenschnittfiguInformation und Anmeldung unter Tel.: ren und farbenprächtigen Bühnenbil0211 - 1699118 Mattias Lask dern, von gefühlvollen Lichteffekten

Auch in diesem Jahr will die Landeskultur- Sa, tagung des Bundes der 27.10. Vertriebenen an historische Ereignisse und 10.00 Uhr große Gestalten aus dem reichen kulturellen Erbe des Ostens erinnern. In kommenden Jahr wird der 250. Jahrestag des Einladungsmanifests von Katharina der Großen an deutsche Siedler begangen. Grund genug, sich mit Katharina II., ihrer Politik und der Gründung deutscher Kolonien in Russland zu beschäftigen. Zu diesem Thema referiert Dr. Walter Daugsch. Bereits in diesem Jahr jährt sich der Geburtstag des Ostpreußen Ernst Wiechert zum 125. Mal. Seiner Wahrnehmung heute widmet sich Dr. Bärbel Beutner in ihrem Vortrag. Der Vortrag des jungen Historikers Michael Weigand widmet sich wieder einem historischen Thema, nämlich der Konvention von Tauroggen und den Befreiungskriegen. Dieses »Fanal« aus Ostpreußen fand seine Fortsetzung in Schlesien, nämlich in dem »Aufruf an mein Volk« des Königs aus Breslau. Information und Anmeldung unter Markus Patzke Tel. 0211 - 350361.


24 Literatur & Musik

Dr. Hajo Buch liest weihnachtliche Texte von Theodor Fontane AnschlieSSend Konzert mit dem Malinconia-Ensemble Stuttgart

Weihnachtlicher Abschied vom Gedenkjahr zum 300. Geburtstag König Friedrichs II. von Preußen mit Literatur und Musik »Hauptquartier Herrndorf in Schlesien, des preußischen Nachbarn irgendwie 23. Dezember 1740 hätte wirksam reagieren können. FriedIch erhielt zwei Briefe von Ihnen, lieber rich II. brauchte seine Soldaten also nur Voltaire, konnte aber nicht eher antmarschieren zu lassen. worten. Wie der König im Schachspiel So befand er sich Weihnachten 1740 Karls XII. bin ich stets auf den Beinen. schon in Herrndorf, unweit von GloSeit vierzehn Tagen bin ich immerfort gau. Die nahegelegene Stadt war ihm unterwegs und bei was für Wetter! verschlossen, denn die zahlenmäßig Ich bin zu abgespannt, um Ihre reischwache österreichische Besatzung zenden Verse zu beantworten, und hatte die Festungstore geschlossen und zu durchgefroren, um ihren harrte bis auf weiteres aus. Blieb Reiz voll auszukosten. Aber das das Dorf ein paar Kilometer aukommt wieder. Verlangen Sie Fr, ßerhalb. Quartier wird er wohl keine Gedichte von einem, der 14.12. im Gutshaus der adeligen Hergegenwärtig wie ein Fuhrmann 18.00 Uhr ren vom Berge genommen haauf der Landstraße liegt und ben – da gab es in dem Flecken manchmal bis über die Ohren keine andere Möglichkeit. Die im Schmutz steckt. Gastgeber dürften von dem ungebeteWollen Sie wissen, wie sich mein Lenen Weihnachtsgast nicht allzu begeisben abspielt? Wir marschieren von 7 tert gewesen sein. Der kommt ja auch Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags. Dann nicht allein, sondern seine Stabsoffispeise ich, arbeite, empfange langweiliziere füllen die Tafel, deren Pferde den ge Besuche, und schließlich kommt ein Stall – und hungrig sind sie allesamt. Wust von albernen Bagatellen. Da gilt Immerhin: Einen König hat man nicht es Querköpfe zurecht zu setzen, Heißalle Tage im Haus. sporne zu zügeln, Faule anzutreiben, In Breslau, der reichen alten Kapitale Ungeduldige im Zaum zu halten, RaubSchlesiens, hätte es der Preußenkönig, gierige in die Schranken des Rechts der sich anschickt, zu weisen, Schwätzer anzuhören und der neue Herr des Stumme zu unterhalten. […] Landes zu werden, Das ist meine Beschäftigung! Gern bequemer. Aber er würde ich sie mit einer anderen vertaubraucht noch eischen, wenn mir das Phantom, Ruhm nige Tage dorthin. genannt, nicht allzu oft erschiene. Am 3. Januar 1741 Wahrhaftig, es ist großer Wahnsinn, marschieren seiaber man kommt schwer davon los, ne Soldaten in die wenn man einmal davon ergriffen.« Stadt ein, kampflos, Auch der auf diesen Brief folgende Tag, der König an ihrer der Heiligabend 1740, dürfte für FriedSpitze. Nach dem rich II. nicht gemütlicher verlaufen sein. We i h n a c h t s f e s t Indes: Daran trug der junge König von im bescheidenen Preußen selbst Schuld. Denn er hatte Herrndorf könnte mit seiner Armee erst eine Woche zuvor er so immerhin das die Grenze zur habsburgischen Provinz folgende Hochfest Schlesien überschritten. Der ehrgeizige – Epiphanias, den 28-jährige Monarch, erst seit wenigen Dreikönigstag – in Monat König, brach gerne Regeln: Er a n g e m e s s e n e m Theodor Fontane drang gewaltsam in das Nachbarland Rahmen feiern. Er ein, nur höchst notdürftig verbrämt könnte etwa das durch allzu konstruierte Erbansprüche, Hochamt im prächtigen, altehrwürdiund er hatte seine Armee mitten im gen Dom St. Johannes besuchen. Ob Winter Marsch gesetzt. Dergleichen das dem amtierenden Breslauer Fürsttut man einfach nicht, mögen die habsbischof, Kardinal Philipp Ludwig von burgischen Generale, die ihrer noch Sinzendorf, gefallen hätte, ist allerdings jüngeren Herrscherin Maria Theresia höchst fraglich. Seine Eminenz stammt dienten, gedacht haben. Ihre Truppen nämlich, wie es bei den wichtigen Ämbefanden sich – wie damals allgemein tern in der alten, mit den weltlichen üblich – in den Winterquartieren, weit Herrschaftsstrukturen eng verflochteverstreut über’s Land, viel zu weit, als nen Reichskirche die Regel ist, aus dem dass man auf den Überraschungsangriff Hochadel, und zwar dem österreichi-

schen. So war es auch keineswegs unüblich, dass Sinzendorf als nachgeborener Sohn schon in sehr jungen Jahren mehrere Stellen in bedeutenden Domkapiteln erhalten hatte (so in Köln und Salzburg) – noch bevor er überhaupt zum Priester geweiht worden war. Mit 26 Jahren wurde er Bischof im westungarischen Raab (Györ). Eigentlich ist er dafür nach dem Kirchenrecht zu jung – aber sein gleichnamiger Vater hat zwei Kaisern aus dem Hause Habsburg als Obersthofkanzler gedient und ist überhaupt einer der führenden Politiker der katholischen Dynastie. Da ist eine päpstliche Dispens nicht so schwer zu erlangen. Und auch der Kardinalshut zierte Philipp Ludwig von Sinzendorf schon mit 28 Jahren. Mit 33 wurde er Fürstbischof von Breslau. Aber der Preußen-König hatte sicherlich ohnehin nicht die Absicht, im Breslauer Dom dem Hochamt beizuwohnen, so wenig, wie er vermutlich in der Herrndorfer Dorfkirche die Christmette besucht hat. Letztere hätte ihm, dem protestantisch Getauften, zwar vordergründig betrachtet näher gelegen, aber Friedrich II. war nie ein Kirchgänger, Weihnachten hin, Weihnachten her. Recht besehen darf wohl energisch bezweifelt werden, ob er überhaupt Christ im Glaubenssinne war. In seiner 1766 verfassten Vorrede zu einem Auszug aus der Kirchengeschichte des Franzosen Claude Fleury schrieb Friedrich II.: »Das Christentum hat wie alle Mächte der Welt einen bescheidenen Anfang gehabt.« Damit meinte er freilich nicht die Ärmlichkeit der Geburt des Herrn im Stall zu Bethlehem, sondern die politische Schwäche in der Frühzeit der »Sekte«, die für ihn das Christentum war. Ansonsten war er der Meinung, die Kirchengeschichte offenbare »sich uns als ein Werk der Staatskunst, des Ehrgeizes und des Eigennutzes der

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Priester.« In seinem Politischen Testament von 1752 schrieb der König die bezeichnenden Sätze: »Für die Politik ist es völlig belanglos, ob ein Herrscher religiös ist oder nicht. Geht man allen Religionen auf den Grund, so beruhen sie auf einem mehr oder weniger widersinnigen System von Fabeln. Ein Mensch von gesundem Verstand, der diese Dinge kritisch untersucht, muß unfehlbar ihre Verkehrtheit erkennen. Allein diese Vorurteile, Irrtümer und Wundergeschichten sind für die Menschen gemacht, und man muß auf die große Masse soweit Rücksicht nehmen, dass man ihre religiösen Gefühle nicht verletzt, einerlei, welchem Glauben sie angehören.« Dass Friedrich II. nie in seinem Leben den Zauber des Weihnachtsfestes verspürt hat, dass sein Herz nicht einmal als er noch Kind war, dem lichterbeglänzten Fest entgegengebebt hat – das lässt uns den König bedauern. Ein glücklicher Mensch war er in seinem unterkühlten intellektuellen Hochmut nicht. Ein Preuße so ganz anderer Denk- und Gemütsart war demgegenüber Theodor Fontane (1819-1898). Er hat in vielen Texten eben jenen Weihnachtszauber eingefangen, den er selbst als

Kind erfahren hatte – und den er nie ganz vergaß. Ausgewählte Gedichte und andere Texte von Fontane liest – in gemütlicher Atmosphäre bei passenden Getränken und Gebäck – der vielfach bewährte Rezitator Dr. Hajo Buch. Im Anschluß daran laden wir Sie – wie schon im vergangenen Jahr – zu einem stimmungsvollen Konzert mit dem Fr, renommierten Ma14.12. linconia-Ensemble aus Stuttgart ein. Ge20.00 Uhr führt vom Cellisten Helmut Scheunchen, werden uns die Musiker wieder einen exquisiten Abend mit musikalischen Kostbarkeiten darbieten – Helmut Scheunchen wird die Stücke wieder durch einige erläuternde Sätze zwischendurch erläutern und miteinander verbinden. Und vom großen König Friedrich II. nehmen wir an diesem Jahr Abschied, indem wir ihn als Komponisten für die geliebte Flöte hörbar werden lassen. Das waren vielleicht die glücklichsten Momente in seinem Leben: Wenn er sich der Musik hingab. Deren Zauber immerhin kannte er. Und so wollen wir ihn in Erinnerung behalten.

Preußische Empfindsamkeit – Konzert auf Schloß Sanssouci Weihnachtskonzert mit dem Malinconia-Ensemble Stuttgart Helmut Scheunchen – Leitung und Violoncello Elisabeth Deinhard – Flöte Ramin Trümpelmann – Violine Günter Schmidt – Klavier Werke u.a. von Johann Joachim Quantz Oberscheden b. Göttingen 1697 - 1773 Potsdam Carl Philipp Emanuel Bach Weimar 1714 - 1788 Hamburg Prinz Louis Ferdinand von Preußen Friedrichsfelde b. Berlin 1772 – gefallen 1806 b. Saalfeld Franz Benda Altbenatky 1709 - 1786 Berlin Johann Sebastian Bach Eisenach 1685 - 1750 Leipzig Friedrich II. der Große – König von Preußen Berlin 1712 - 1786 Sanssouci

Winfrid Halder

Flötenkonzert Friedrichs des GroSSen in Sanssouci von Adolph Menzel. Den Mittelpunkt des Gemäldes bildet Friedrich der GroSSe. Das Bild wird durch Friedrichs Notenständer in der Mitte geteilt. Ganz Rechts im Bild steht ein älterer

Zuhörer,

den

Blick nicht dem König zugewandt, den

sondern

Boden

auf

gerichtet.

Es ist der Flötenlehrer Friedrich des GroSSen, Johann Joachim Quantz. Der Musiker mit der Violine rechts auSSen ist Franz Benda. Auch die Gruppe der Zuhörer in der linken Ecke des Bildes ist identifiziert. Der ins Auge stechende korpulente Herr links mit der Perücke ist Graf Gustav Adolf von Gotter, Leicht versetzt hinter ihm steht mit verzücktem Gesichtsausdruck Jakob Friedrich Freiherr von Bielfeld. Der Mathematiker und Geograf Pierre-Louis Moreau de Maupertuis hingegen schaut gelangweilt zur Decke, Im hinteren Teil des Gemäldes ist die schwester Friedrichs des GroSSen, Wilhelmine von Bayreuth, abgebildet, sie sitzt auf dem Sofa. am Cembalo sitzt Carl Philipp Emanuel Bach. 28 Jahre stand er im Dienst des Königs. Die alte Dame hinter dem König in der Bildmitte ist die Gräfin Camas. Wilhelmine zur Rechten sitzen die jüngste Schwester Friedrichs, Amalie von PreuSSen, mit einer Hofdame. Hinter den Prinzessinnen steht Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun. Der Mann im Hintergrund ist Friedrichs Freund Chasôt.


26 Chronologie

Mi jeweils 18.00 bis 20.30 Uhr Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft Ostpreußen-WestpreußenSudetenland Leitung: Radostina Hristova Mi 17.10, 07.11.,05.12. | jeweils 15 Uhr Ostdeutsche Stickerei mit Helga Lehmann und Christel Knackstädt Raum 311 Mo 01.10. | 19.00 Uhr Literatur im Foyer: »Der Schüler Struwe« Lesung von Dr. Michael Zeller EG (Foyer) (Siehe S. 6 ) Do 04.10., 08.11., 06.12., 13.12.| jeweils 19.30 Uhr Offenes Singen mit Barbara Schoch Raum 312 Mo 22.10. - Di 23.10. Internationales wissenschaftliches Symposium: »Vom Schlagbaum zur Brücke. Die deutsch-polnische Grenze im 20. Jahrhundert« Eichendorff-Saal (Siehe S. 7) Fr 26.10. | 18.00 Uhr Verleihung des Andreas-GryphiusPreises an Monika Taubitz Eichendorff-Saal (Siehe S. 10) Sa 27.10. | 10.00 Uhr Landeskulturtagung des Bundes der Vertriebenen Raum 412 (Siehe S. 23) Di 30.10 | 19.00 Uhr »Itzig Manger - Der Prinz der jiddischen Ballade« Buchpräsentation und Lesung mit Helmut Braun Raum 412 (Siehe S. 8) Mi 07.11. | 10.00 Uhr Herbsttagung der Arbeitsgemeinschaft Ostdeutscher Museen, Heimatstuben und Sammlungen in NRW, Raum 412

Mi 07.11.| 20.00 Uhr »Er gehört innerlich zu uns.« Gerhart Hauptmann - Ein politischer Dichter? Drei Momentaufnahmen Lesung und Gespräch mit Dr. Hajo Buch und PD Dr. Winfrid Halder Veranstaltungsort: Volkshochschule Düsseldorf, Bertha-vonSuttner-Platz 1 (Siehe S. 3) Do 08.11.| 19.00 Uhr »Der Feind steht rechts. Demokratiefeindschaft von Rechts und der Untergang der Weimarer Republik« Vortrag von Prof. Dr. Hans Mommsen Konferenzraum (Siehe S.17) Fr 09.11. | 19.30 Uhr Jahresveranstaltung der Künstlerwerkstatt mit Ausstellungseröffnung von Annelie Sonntag und Hildegund Rißler Ausstellungsraum (Siehe S.13) Mo 12.11. | 19.00 Uhr »König Friedrich der II. von Preußen und Polen« Buchvorstellung und Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg Konferenzraum (Siehe S. 11) Mi 14.11.| 19.00 Uhr »Vorbild und Ansporn oder Negativbeispiel? Zur Nachwirkung Gerhart Hauptmanns auf folgende Autorengenerationen« Vortrag von Prof. Dr. Sigfrid Hoefert Raum 412 (Siehe S. 17) Do 15.11. | 15.00 - 19.00 Uhr Workshop »Russlanddeutsche Geschichte«, Konferenzraum Mo 19.11. | 10.00 Uhr Kinderkinofest Filmvorführung »Effi Briest« und Workshop (Siehe S. 28)

Mo 19.11 | 19.00 Uhr »Das Lexikon der Vertreibung« Buchvorstellung von Prof. Dr. Detlef Brandes Konferenzraum (Siehe S.20) Mi 21.11.| 19.00 Uhr »Texte und Töne Gerhart Hauptmanns schlesische Dichtungen« Lesung und Gespräch mit Frank Schablewski und PD Dr. Jürgen Nelles Foyer/Ausstellungsraum (Siehe S. 21) Fr 30.11.| 19.00 Uhr »Jiři Gruša (1938 - 2011): Texte, Erinnerungen und Gespräche mit Michael Stavaric, Michael Serrer und Dr. Zuzana Jürgens Konferenzraum (Siehe S.22) Di 04.12.|19.00 Uhr Deutschsein - eine Aufklärungsschrift Lesung von Zafer Senocak Veranstaltungsort: Maxhaus Düsseldorf (Siehe S. 23) So 09.12.|10.00-16.00 Uhr Weihnachtsmarkt im GerhartHauptmann-Haus Fr 14.12.|18.00 Uhr Lesung und Weihnachtskonzert Dr. Hajo Buch liest weihnachtliche Texte von Theodor Fontane Konferenzraum (Siehe S. 21) anschließend: Fr 14.12. | 20.00 Uhr Weihnachtskonzert des Malinconia-Ensembles Ausstellungsraum (Siehe S. 21) Sa 15.12. | 15.00 Uhr Schattenspiel »Die Legende vom Vierten König« Eichendorff-Saal (Siehe S. 23)


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PD Dr. Winfrid Halder Redaktion:

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WEST-OST-JOURNAL

Satz und Layout:

1 2012 JANUAR FEBRUAR MÄRZ

Markus Patzke

Zum 300. Geburtstag eines großen Königs mit neuer Veranstaltungsreihe

Herstellung: 03 VORTRAG

09 VORTRAG

11 AUSSTELLUNG

Wohl kein anderer König von Preußen erfreut sich heutzutage eines ähnlichen Bekanntheitsgrades in der deutschen Öffentlichkeit, auch und gerade jenseits der fachwissenschaftlichen Kreise wie Friedrich II., dessen Geburtstag sich am 24. Januar 2012 zum dreihundertsten Mal jährt. Das Porträt des »Alten Fritz« hat hohen Wiedererkennungswert, er gilt wohl noch immer Vielen als die Verkörperung Preußens schlechthin.

Als Wilhelm Matull im Jahre 1973 sein umfangreiches Werk »Ostdeutschlands Arbeiteiterbewegung. Abriß ihrer Geschichte, Leistung und Opfer« vorlegte, steuerte der amtierende Bundeskanzler Willy Brandt ein Geleitwort bei. Darin verlieh er der Hoffnung Ausdruck, das Buch möge dazu beitragen, »dass die ostdeutsche Arbeiterbewegung die ihr zukommende historische und politische Würdigung findet.«

Die Dönhoffs, ursprünglich aus Westfalen stammend, stiegen im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts im Dienst der polnisch-litauischen Krone zu einer bedeutenden Magnatenfamilie auf. Ein Zweig des Hauses ließ sich 1640 in Preußen nieder, wo sie sich zu einer der angesehensten Adelsfamilien entwickelten. De Bodt, schuf mit der Schlossanlage ein eindrucksvolles Zeugnis ...

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Angebot für Schulklassen zum KinderKinoFest: Film »Effi Briest« und Workshop am 19.11. um 10 Uhr im Eichendorff-Saal In diesem Jahr beteiligt sich das Gerhart-Hauptmann-Haus wieder am Kinderkinofest der Landeshauptstadt Düsseldorf. Das KiKiFe bietet in Düsseldorfer Kinos, sowie in Düsseldorfer Kinder- und Jugendeinrichtungen vom 15. bis zum 21. November ein spannendes Film- und Mitmachprogramm für Kinder und Jugendliche unter dem Motto »Chancen - Lebe Deinen Traum und träume nicht Dein Leben«. Ausgewählt haben wir für unser Publikum die aktuellste Verfilmung von Theodor Fontanes Erfolgsroman »Effi Briest« (2009, Regie: Hermine Huntgeburth). Da das Besondere des KiKiFe immer auch die filmbegleitenden Mitmach-Aktionen sind, bieten wir für Schulklassen der Jahrgangsstufe 9 - 12 einen Workshop zu Effi Briests und Fontanes Lebens- und Phantasiewelten an. Im Workshop erarbeiten die Schülerinnen und Schüler anhand von Arbeitsblättern, welche nach Ideen von erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen zur Behandlung des Themas im Unterricht entwickelt wurden, zum Beispiel Hintergrundinformationen zur Geschichte Preußens, zu preußischen Werten und Einstellungen im 19. Jahrhundert und anderen Schwerpunkten des Romans. In der Bibliothek des Gerhart-Hauptmann-Hauses nutzen die Jugendlichen geografische Karten und Publikationen für die Erkundung historischer Orten und Schauplätze des Romans. Gemeinsam mit den Schülern verorten wir die Ereignisse des Romans und ziehen Vergleiche zur heutigen Zeit. Der Eintritt ist frei ebenso der Workshop für Schülerinnen und Schüler (Anmeldung erforderlich). Weitere Informationen zu KiKiFe gibt es im Internet unter www.kinderkinofest.de oder im aktuellen Programmheft, das in den teilnehmenden Kinos und Kultureinrichtungen sowie in allen Schulen ab Mitte September ausliegt. Anmeldungen: ab 24.09.2012, Anmelde-Hotline: 0211-274043108 (Mo-Fr von 9.00-16.00 Uhr), Internet: www.kinderkinofest.de

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Das Titelbild zeigt das Gerhart Hauptmann-Porträt aus dem Gerhart-Hauptmann-Zyklus von Ferdinand Staeger. Staegers umfangreiche Arbeiten zu Gerhart Hauptmann kulminierten in dem »GerhartHauptmann-Zyklus« von 1923. Er befasste sich jedoch schon vor dem 1. Weltkrieg künstlerisch mit Gerhart Hauptmann. Mehrere Zeichnungen runden sein umfangreiches Schaffen zu Gerhart Hauptmann ab. Das Bild ist derzeit im original im GerhartHauptmann in der Ausstellung zum 150. Geburtstag Gerhart Hauptmanns zu sehen. Es stammt aus der Privaten Ostdeutschen Studiensammmlung Helmut Scheunchen.


West-Ost-Journal 4_2012