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© Jim Rakete

WOJ 20. Jg. - 2/2014 April/Mai/Juni ISSN 0947-5273

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West-Ost-Journal

2 2014

April Mai Juni

Eine fruchtbare Beziehung: Literatur und Musik Ausstellung

Ausstellung

Kinemathek

»Joseph Schmidt war ein Superstar seiner Zeit! Er begeisterte mit seiner Stimme Millionen von Menschen vor den heimischen Radios und füllte die Konzertsäle in Berlin, Wien und New York. Die Begeisterung des Publikums hatte fast schon Züge einer Massenhysterie«, so Carsten Eichenberger vom Haus der Heimat des Landes BadenWürttemberg und Alfred A. Fassbind, Leiter des Joseph Schmidt-Archivs im schweizerischen Oberdürnten ...

Er war auch ein »1914er« – so wie etwa Hanns Helmut Kirst oder Herbert Czaja. Eine Generation, deren Schicksal es war, nicht mehr der vermeintlich »guten alten Zeit« vor dem Ersten Weltkrieg angehören zu dürfen, der »Welt von Gestern«, wie Stefan Zweig sie wehmütig genannt hat. Einer Welt, in der es scheinbar noch feste Ordnungen und damit Orientierungsmöglichkeiten gab, »Sicherheiten« wenigstens in subjektiver Wahrnehmung ... Seite 24 .

Kriegswinter 1942. Gefreiter Asch ( Joachim Fuchsberger) liegt mit seiner Einheit seit Monaten im zermürbenden Stellungskrieg an der Ostfront. Zu allem Überdruss wird der ehrgeizige Hauptmann Witterer (Rolf Kutschera) zum neuen Batterie-Chef ernannt. Von kameradschaftlicher Führung, wie Oberleutnant Wedelmann (Rainer Penkert) sie pflegt, hält der Menschenschinder und Karrierist nichts. Stattdessen bringt er die Front in Aufruhr ...

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www.gerhart-hauptmann-haus.de

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2 Editorial

Inhalt 3

»Wach auf und träume«

4 Andreas Hillgruber (19251989) – ein deutscher Historiker Zum 25. Todestag am 8. Mai 2014 7 Wider den Riss durch Deutschland – ein Schriftstellerleben in Ost und West 8 »Als im Gurkenland die Häuser wuchsen« 9

Sein Lied ging um die Welt

11 Die »Ausmerzung des jüdischen Elementes« in der deutschen Musik (1933-1945) 12 Der Film zur Ausstellung »Ein Lied geht um die Welt« 12 »Alle Welt preist Deine Herrlichkeit« – Die religiösen Gesänge Joseph Schmidts Kontrapunkt S. 13-16

13 »Die Spurensuche der Enkel hat begonnen« 15

Abschied in Werschetz

16

Reisenotizen aus Israel

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Dirk Urland M.A. (1960-2014)

18 »Und dann und wann ein weiSSer Elefant« 19 Ein Kinderschicksal – Aus dem Sudetenland nach Hessen 20

»Wer erzählt, erinnert

sich«

21 Verleihung des Andreas Gryphius-Preises an Hans Bergel 21

»Europa – Nein Danke?«

22 Vertriebenengedenktag: Ja, aber wann? 23 Kaiserdämmerung – Der Schattenwurf des Jahres 1914 24 Geworfen ins »Zeitalter der Extreme« 24 »08/15« – Teil 2, Gefreiter Asch in Russland 25 »Aber in meiner Heimat treibt alles Musik…« – Böhmen, das Konservatorium Europas 28

Neues aus der Bibliothek

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des Gerhart-Hauptmann-Hauses, im Jahre 1992 veröffentlichte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama ein Buch, das einiges Aufsehen erregte: »Das Ende der Geschichte«. Fukuyama sah darin nicht etwa ein apokalyptisches Weltuntergangszenario oder das Ende von Geschehnissen innerhalb der menschlichen Population als bevorstehend an, sondern vielmehr das »Ende der Geschichte« im Sinne des Schwindens großer Systemantagonismen als Bewegungsmoment der Geschichte. Kapitalismus und die Demokratie westlich-liberalen Zuschnitts standen, so meinte Fukuyama, nach dem Zusammenbruch des sozialistischen, diktatorisch regierten Staatenblocks unter Führung der Sowjetunion, ohne großen Gegenentwurf da, es gab also keine sich unversöhnlich gegenüberstehenden, weltweit um Vorherrschaft und Überwindung der anderen Seite ringenden Weltanschauungslager mehr. Somit erschien das Ende des Kalten Krieges als das »Ende der Geschichte«. Vor einem knappen Vierteljahrhundert mochte Fukuyamas These nicht wenigen einleuchtend erscheinen: Ende Dezember 1991 – einige Monate vor dem Erscheinen seines Buches – hatte sich die Sowjetunion förmlich aufgelöst. Die sozialistischen Planwirtschaften wurden privatisiert und von staatlicher Gängelung befreit, marktwirtschaftlich umstrukturiert, die Herrschaft der kommunistischen Funktionärseliten in Ost- und Ostmitteleuropa wich einem Demokratisierungsprozess. Scheinbar. Dass der Siegeszug des Kapitalismus gewissermaßen zwangsläufig die Demokratie westlicher Prägung im Gepäck hat, denkt wohl heute niemand mehr. Dass Kapitalismus und autoritäre Regierungsformen unschwer kombinierbar zu sein scheinen, dürfte im Gegensatz dazu evident zu sein. Fukuyama selbst hat inzwischen eingeräumt, dass er die Entwicklung des Islamismus nicht berücksichtigt und dass er die Gefahren für die Demokratie, die gerade vom »Turbo-Kapitalismus« ausgehen, unterschätzt hat. So ist die Geschichte also keineswegs »zu Ende«, auch wenn – bisher – ein »großer« Gegenentwurf zum Kapitalismus fehlt; als allseits akzeptierte wirtschafts- und gesellschaftspolitische »Endstufe« erscheint er in seiner gegenwärtigen Form wohl nur gewissen sehr kleinen Kreisen mit der Neigung zu spekulativen Finanzgeschäften. Wir leben eben nach wie vor nicht in der »einen Welt«, die keine Fundamentalkonflikte und damit keine »Geschichte« mehr kennt. Unser Blick richtet sich derzeit sorgenvoll nach Osten, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion, ein Jahrzehnt nach der »Osterweiterung« der Europäischen Union. Deutschland liegt, das bedingt nun einmal die europäische Geographie, in der Mittlerposition zwischen Ost und West. Umso wichtiger ist es für die Bundesrepublik, deren Geschichte und Bewusstsein vor 1989/90 vorrangig von der ökonomischen, aber auch mentalen »Westintegration« geprägt wurden, heute Kultur und Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas im eigenen Bewusstsein wach zu erhalten. Und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: Weil sie bis zu einem gewissen Grade Teil unserer eigenen Geschichte sind, und weil die gegenwärtige Entwicklung in diesem Raum schwerlich verstanden werden kann ohne Kenntnis ihrer historischen Voraussetzungen. Die Auseinandersetzung mit Geschichte hält keine Patentlösungen für Gegenwart und Zukunft parat. Aber sie kann helfen, vorschnelle Fehler zu vermeiden, weil sie den Blick für komplexe Verhältnisse schult. Insofern nehmen wir mit unserem Programm eine Aufgabe wahr, die eines ganz gewiss nicht ist: rückwärtsgewandt. Schauen Sie mit uns nach vorne.


3 Lesung

Hanna Schygulla liest aus ihrer Autobiographie

»Wach auf und träume« Hanna Schygulla ist eine Ausnahmeerginnt sie 1964 Germanistik und RomaLuc Godard »Passion« (1982) und scheinung in der europäischen Filmnistik zu studieren. Als sie eines Tages mit Andrzej Wajda »Eine Liebe in und Theaterlandschaft. Melancholisch, zufällig eine Freundin in deren SchauDeutschland« (1983), für ihre Rolle in ein wenig entrückt, verführespielschule begleitet, trifft sie Marco Ferreris »Storia di Piera« erhält risch, unergründlich – so kennt dort einen Jungen. Sie denkt: sie 1983 den »Preis für die beste Darman sie aus den Filmen von »Der ist besonders begabt, stellerin« in Cannes. In den 90er Jahren So, Rainer Werner Fassbinder, Jeanund er mag mich nicht.« Es ist wird Hanna Schygulla zudem auch als 22.06. Luc Godard, Andrzej Wajda, FaRainer Werner Fassbinder. EntChansonsängerin bekannt. In den letz11 Uhr tih Akin oder Alexander Sokugegen ihrer ersten Vermutung ten Jahren arbeitet Schygulla vor allem rov. Ihre Autobiographie »Wach mag Rainer Werner Fassbinder mit Filmregisseuren der jüngeren Geauf und träume«, die 2013 zu die junge Hanneration wie mit Till Im Rahmen der ihrem 70sten Geburtstag erschienen ist, na Schygulla und er ist Franzen in »Die blaue Düsseldorfer nimmt die Leser mit auf eine Zeitreise es auch, der ihr großes Grenze« (2005), Hans durch ihr bewegtes Leben und zeigt die Schauspieltalent erkennt. Literaturtage 2014 Steinbichler in »WinFrau hinter den Filmrollen. In seinem Action-Theterreise« (2006) und Hanna Schygulla wird am 25. Dezemater bietet er ihr die erste Theaterrolle mit Fatih Akin in »Auf der anderen Seiber 1943 in der oberschlesischen In– die Antigone – an. Viele weitere Rolte« (2007). dustriestadt Königshütte geboren. Der len folgen und auch beim Film erhält Nun hat Hanna Schygulla ihre AutobioArzt hatte der Mutter, die bereits am 24. sie kleine Engagements. 1969 dreht graphie geschrieben. Ohne ein »zeitDezember in den Wehen lag, ein WeFassbinder seinen ersten abendfüllenliches Hintereinander« schildert sie in hen hemmendes Mittel gespritzt, damit den Spielfilm »Liebe ist kälter als der einzelnen Kapiteln Lebensstationen er in Ruhe Weihnachten feiern konnte. Tod« und gibt darin Hanna Schygulla und Lebenssituationen wie ihre kurze Die Geburt zieht sich für Mutter und ihre erste Hauptrolle. Von da an spielt Kindheit in der Heimat Schlesien, ihre intensive Zusammenarbeit mit dem Regisseur Fassbinder, ihre dreizehn Jahre währende Liebe zu dem Schriftsteller Jean-Claude Carrière, ihr Leben in Paris, die jahrelange Pflege der beiden Eltern bis zu ihrem Tod, ihre eigene Erkrankung, die sie zeitweise an den Rollstuhl fesselt, die Pläne für eine Zukunft in Berlin. Es ist keine minutiöse Chronik einer Schauspielkarriere, sondern eher eine literarische Zeitreise durch ein intensiv gelebtes Leben. Der Leser begegnet einer lebensklugen, empfindsamen Frau, die nachdenklich und mit sich im Reinen über sich und das eigene Tun schreibt. »Wach auf und träume«, ein Zitat von Henrik Ibsen und der Titel ihrer Autobiographie, gibt wider, was Hanna Schygulla  © Jim Rakete Hanna Schygullas Wesen ausmacht: im Tochter qualvoll in die Länge. Kommt sie in vielen seiner Filme und TheaterLeben und im Spiel mit offenen Augen daher – so fragt sich die erwachsene stücke mit. Zu den bekanntesten zähzu träumen. Hanna in ihrer Autobiographie – der len »Die bitteren Tränen der Petra von Im Rahmen der Düsseldorfer Litera»Horror vor dem Steckenbleiben«? Kant« (1972), »Effi Briest« (1974), turtage 2014 liest Hanna Schygulla in 1945 flieht die Mutter mit der zwei»Die Ehe der Maria Braun« (1978), einer Matinee im Savoy-Theater aus ihjährigen Hanna vor den Russen nach »Berlin Alexanderplatz« (1979) und rer Autobiographie. Im Anschluss führt München. Drei Jahre später stößt der natürlich »Lili Marleen« (1980). FassMichael Serrer (Literaturbüro NRW) Vater Joseph Schygulla, ein Holzarbeibinder macht sie zu einem Star, sie wird ein Gespräch mit der Schauspielerin ter, nach seiner Entlassung aus der ameseine Muse, aber die Beziehung zu ihm über ihr Leben, ihre Arbeit, über das rikanischen Kriegsgefangenschaft zu ist nicht ohne Konflikte. Er will bedinWachsein und das Träumen. Margarete Polok seiner Familie. Seine Heimkehr gehört gungslose Liebe und Gefolgschaft in Eine gemeinsame Veranstaltung mit zu den ersten schmerzhaften Kindheitsseinem »Clan«, sie ihre Freiheit und dem Literaturbüro NRW und der VHS. erinnerungen. Der Vater ist für sie ein Unabhängigkeit. Es kommt immer wieSavoy-Theater Düsseldorf, GrafFremder, der keine Gefühle zeigen, geder zu Brüchen, manche dauern Jahre. Adolf-Straße 47, 40210 Düsseldorf, schweige denn seine kleine Tochter in 1982 stirbt Fassbinder, der »verhexte Eintritt: 12,00 € + VVK; Tageskasse den Arm nehmen kann. Hexer«. Da hat sich Hanna Schygulla 12,00 €, Vorverkauf an allen bekannIn München geht Hanna Schygulla zur als Schauspielerin bereits unabhängig ten Vorverkaufsstellen. Schule und macht das Abitur, dort bevon ihm gemacht. Sie dreht mit Jean-


4 Vortrag

Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Jost Dülffer (Universität zu Köln)

Andreas Hillgruber (1925-1989) – ein deutscher Historiker Zum 25. Todestag am 8. Mai 2014 Es kommt nicht allzu häufig vor, dass Historikers Christopher Clark (Die Auseinandersetzungen innerhalb der Schlafwandler. Wie Europa in den Ers»Zunft« der Historikerinnen und ten Weltkrieg zog, München 2012) haHistoriker massenmediale Aufmerkben dies zur Genüge gezeigt. samkeit auf sich ziehen. Bei den »norÄhnlich stark schlug das massenmedimalen«, unablässig um das eine oder ale Aufmerksamkeitsbarometer wohl andere Thema kreisenden fachnur noch bei den Auseinanderwissenschaftlichen Debatten setzungen aus, die, seit dem Juni mag sich manch ein Beteiligter Mi, 1986 geführt, unter dem Namen einiges zugute halten hinsicht»Historikerstreit« zusammen14.05. lich seiner »Prominenz« und gefasst werden. Ausgangspunkt 19.00 Uhr der damaligen, höchst kontroMeinungsführerschaft innerhalb der Kollegenschaft – was versen Debatte war ein Beitrag aber noch lange nicht bedeudes (West-)Berliner Historikers tet, dass dergleichen jenseits der Türen Ernst Nolte (geb. 1923) in der »Frankvon Hörsälen und Konferenzzentren furter Allgemeinen Zeitung« vom 06. überhaupt registriert wird. Zwischen Juni 1986, in welchem Nolte die These Selbstwahrnehmung und tatsächlicher vertrat, der Massenmord an den euroReichweite von auch noch so klug päischen Juden durch das nationalsound kompetent begründeten Meizialistische Regime sei erst ermöglicht nungsäußerungen klafft zuweilen eine worden durch die vorausgegangenen beträchtliche Lücke. Und wer liest im Gewaltaktionen des kommunistischen Abspann der allfälligen »Dokus« und Regimes gegen »bürgerliche« und »Histotainment«-Sendungen schon sonstige »Klassenfeinde« in der Sowjetunion seit 1917. Der Holocaust habe, die Namen, die unter »Wissenschaftliso Nolte, gewissermaßen »reaktiven« che Beratung« firmieren? Charakter gehabt, da die NS-Ideologie Wenn also Namen von »Experten« die Schaffung der kommunistischen und Inhalte von »Kontroversen« über Diktatur auf den Trümmern des zusamdie im engeren Sinne fachlichen Kommengebrochenen russischen Zarenreimunikationskanäle hinaus etwa in der ches für das Ergebnis einer »jüdischTagespresse oder gar dem Fernsehen bolschewistischen Verschwörung« einen gewissen Bekanntheitsgrad erhielt. langen, so ist das durchaus ungewöhnNur wenige Wochen später wurde der lich. Bezogen auf die historiographiAuffassung Noltes scharf widersproschen Debatten in der Bundesrepublik chen, und zwar durch den Frankfurter Deutschland kann dies wohl nur für Soziologen und Philosophen Jürgen zwei Fälle festgestellt werden: Zunächst Habermas (geb. 1929), der seinerseits für die sogenannte »Fischer-Kontromit der Wochenzeitung »Die Zeit« verse«, die – ausgelöst durch den Kieler ein Pressemedium und kein fachwisHistoriker Fritz Fischer (1908-1999) senschaftliches Organ nutzte (»Eine – seit Beginn der 1960er Jahre den Art Schadensabwicklung. Die apoloteils heftigen Streit um die Verteilung getischen Tendenzen in der deutschen der Verantwortlichkeiten für den AusZeitgeschichtsschreibung«, in: Die bruch des Ersten Weltkrieges in eine Zeit, Nr. 29 v. 11.07.1986, S. 40). Habreite Öffentlichkeit trug. Insbesonbermas hielt Noltes Sichtweise für eine dere die Frage, ob die »Kriegsschuld« unzulässige »Relativierung« des einzigso einseitig dem damaligen Deutschen artigen Charakters des Holocaust und Reich angelastet werden konnte, wie es unterstellte ihm zugleich die Absicht der Versailler Vertrag vom Juni 1919 einer »Revision« des Geschichtsbildes auf Beschluss der Siegermächte tat, war in der Bundesrepublik Deutschland, in umstritten – und blieb es im gewissen dessen Mittelpunkt (bezogen auf das Sinne bis heute. Denn die Erinnerung 20. Jahrhundert) die Verbrechen des an den am 01. August 2014 bevorsteNS-Regimes standen. Habermas behenden 100. Jahrestag des Kriegsbegnügte sich indessen nicht damit, Nolte ginns hat im Grunde lediglich eine zu attackieren, sondern griff auch gleich neue Runde in der noch immer unabdrei weitere Historiker an. Diesen wiegeschlossenen Debatte eingeläutet. Die derum unterstellte er, sie würden die Reaktionen auf das neue, in unserem Sichtweise Noltes stützen. Habermas Programm im Herbst des vergangenen nannte Michael Stürmer (geb. 1938) Jahres vorgestellte Buch des britischen

– damals Universität Erlangen –, Klaus Hildebrand (geb. 1941) – Universität Bonn – und Andreas Hillgruber – Universität Köln. Der sich daraufhin rasch ausweitende Streit hatte von Beginn an einen eminent politischen Kontext: Im Oktober 1982 war Helmut Kohl nach dem Ausstieg der FDP aus der Koalition mit der SPD im Zuge eines konstruktiven Misstrauensvotums als Nachfolger Helmut Schmidts zum Bundeskanzler

Andreas Hillgruber (1925-1989)

gewählt worden. Nach 13 Jahren SPDgeführter Bundesregierungen unter Willy Brandt und Helmut Schmidt war damit erstmals wieder ein CDU-Politiker Regierungschef. Bei der von Kohl kurz darauf herbeigeführten Neuwahl des Bundestages am 06. März 1983 wurde die CDU/CSU-FDP-Koalition mit einer sicheren Mehrheit bestätigt. Der neue Kanzler stand auch für den Anspruch einer konservativen »geistigmoralischen Wende«, die vermeintlich eine Abkehr von der vorangehenden sozialliberalen Reformära intendierte. Habermas und andere sahen in dem Vorstoß Ernst Noltes gewissermaßen die geschichtspolitische Dimension dieser »Wende«. Dass Hildebrand, Hillgruber und Stürmer dabei mit ins Visier von Habermas gerieten, leuchtete auf den ersten Blick eigentlich nur im Falle Stürmers ein, dessen Rolle als Berater Kohls gemeinhin bekannt war. Keiner der drei hatte sich indessen ausdrücklich mit Noltes Sichtweise einverstanden erklärt, alle drei galten jedoch als eher konservative Fachvertreter. Insbesondere für Andre-


5 Vortrag as Hillgruber stellten die teilweise bis ins Persönliche reichenden Angriffe, die aus seiner Involvierung in den »Historikerstreit« herrührten, in seiner letzten Lebensphase eine schwere Belastung dar. Hillgrubers Vita als Mensch und mehr noch als Wissenschaftler fällt in mancher Beziehung aus dem Rahmen. Er wurde am 18. Januar 1925 im ostpreußischen Angerburg in einer Lehrerfamilie geboren. 1943 legte er an der Staatlichen Hufenschule in Königsberg das Abitur ab. Danach wurde Hillgruber, wie so viele Altersgenossen, zur Wehrmacht einberufen. Bei Kriegsende 1945 Unteroffizier, war für ihn, als er 1948 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, an eine Rückkehr in die Heimat natürlich nicht zu denken. Der 23-Jährige entschloss sich, in die väterlichen Fußstapfen zu treten, und nahm noch im gleichen Jahr in Göttingen ein Lehramtsstudium in den Fächern Geschichte, Germanistik und Pädagogik auf. Nach dem Staatsexamen 1952 promovierte Hillgruber über die Beziehungen zwischen NS-Deutschland und Rumänien bei dem Göttinger Historiker Percy Ernst Schramm. Seit 1954 war er im Schuldienst tätig – die Wissenschaft ließ ihn indes nicht los. Zeitweilig als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft arbeitete Hillgruber an der voluminösen, in der Druckfassung mehr als 700 Seiten umfassenden Studie »Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941« (München 1965). Darin untersucht er detailliert die langfristigen Absichten, die Hitlers Entschluss zum Krieg gegen die Sowjetunion zugrunde lagen – eine militärische Auseinandersetzung, die von den ideologischen Prämissen des NSDAP-Chefs ausgehend dessen »eigentlicher« Krieg wurde und von Anfang an beabsichtigt war. Mit dieser Arbeit, die nach wie vor als Standardwerk gilt, habilitierte sich Hillgruber 1965 bei dem Marburger Osteuropa-Historiker Peter Scheibert. Der durchaus ungewöhnliche Sprung aus dem Schuldienst zurück an die Universität gelang ihm endgültig, als er 1968 auf eine Professur für Neuere Geschichte an der Universität Freiburg i. Br. berufen wurde. Kurzzeitig war er auch Leitender Historiker des damals in Freiburg befindlichen Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr. Schon 1972 wechselte Hillgruber – tatkräftig unterstützt von dem einst an der Königsberger Albertina lehrenden Theodor Schieder (1908-1984) – auf einen historischen Lehrstuhl an der Universität zu Köln. Von Köln aus festigte Hillgruber seinen Ruf als Experte für die Geschichte der

Außenpolitik und der internationalen Stellung Deutschlands vor allem von der Gründung des Kaiserreichs 1871 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine noch immer lesenswerte, ebenso knappe wie pointiert formulierte Synthese von Hillgrubers Interpretation der deutschen Außenpolitik vom Kai-

Ernst Nolte

serreich bis zum Untergang des NSStaates erschien zuerst 1980 unter dem Titel »Die gescheiterte Großmacht. Eine Skizze des Deutschen Reiches 1871-1945«. Erstmals einer größeren Öffentlichkeit jenseits der Fachwissenschaft wurde Hillgrubers Name 1983 bekannt. Die Zeitschrift »Stern« brachte mit großem (Werbe-)Aufwand eine vermeintlich sensationelle Neuigkeit

Jürgen habermas

ans Licht – die angeblich erst unlängst aufgefundenen, bislang unbekannten Tagebücher Adolf Hitlers. Andreas Hillgruber, als Zeithistoriker mit den Quellen zur NS-Führung vertraut, war sofort der Auffassung, dass es sich nur um Fälschungen handeln könne. Der »Stern« überschüttete Hillgruber daraufhin mit Hohn und Spott – und musste rasch klein beigeben, als kriminaltechnische Untersuchungen Hillgrubers Mutmaßungen vollauf bestätigten.

Anfang 1986 veröffentlichte Hillgruber beim (West-)Berliner Siedlerverlag das schmale Bändchen »Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums«. Im Jahr zuvor war in der gleichen »Corso«-Reihe ein Band mit Reden des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker erschienen – darin enthalten war auch Weizsäckers viel diskutierte Ansprache vor dem Deutschen Bundestag anlässlich des 40. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 08. Mai 1985. Weizsäcker wertete den 08. Mai 1945 mit Nachdruck als »Tag der Befreiung«, nicht allein für KZ-Häftlinge und andere Opfer des NS-Regimes, sondern für alle Deutschen, und löste gerade mit dieser Betonung eine teilweise erregte Diskussion aus. Hillgruber, der gebürtige Ostpreuße, sah sich – ohne direkten Verweis auf die Weizsäcker-Rede – offenbar veranlasst, seine Sicht auf die Bedeutung des Kriegsendes in Europa 1945 explizit zum Ausdruck zu bringen. Ergebnis war der erste in seinem CorsoBand abgedruckte Beitrag unter dem Titel »Der Zusammenbruch im Osten 1944/45 als Problem der deutschen Nationalgeschichte und der europäischen Geschichte«. Einerseits betont Hillgruber darin die Bedeutung des Abwehrkampfes der Wehrmacht gegen die vordringende Rote Armee 1944/45, da dieser unzähligen Menschen noch die Flucht aus den dann von den sowjetischen Streitkräften Zug um Zug eroberten deutschen Ostgebieten ermöglichte. Angesichts des Ausmaßes der dabei ausgeübten Gewalt gegen zivile »Nicht-Kombattanten« und der langfristigen Folgen für die ganze deutsche Nation verwirft er ausdrücklich den Begriff der Befreiung (S. 24). Gewiss war Hillgrubers Sicht nicht zuletzt von der eigenen familiären Erfahrung geprägt – sein Vater, der 1937 vom NS-Regime zwangspensioniert worden war, kam 1946 in sowjetischer Gefangenschaft um. Mindestens ebenso wichtig wie die Bewertung des 08. Mai 1945 war Hillgruber in dem Essay über den Zusammenbruch im Osten aber die Darlegung und Begründung einer zentralen These, die er prominent gleich im Vorwort formulierte: »Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und die Zerschlagung des Deutschen Reiches [...] waren nicht nur eine ‚Antwort‘ auf die – im Krieg ja noch gar nicht in vollem Maße bekannt gewordenen – Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, sondern entsprachen lange erwogenen Fortsetzung auf Seite 6


6 Vortrag Fortsetzung von Seite 5

Zielen der gegnerischen Großmächte, die während des Krieges zum Durchbruch gelangten.« (S. 9f.) Bei der näheren Entfaltung dieser Sicht hatte für Hillgruber – neben der sowjetischen – die britische Kriegszielplanung besonderen Stellenwert. Deren Entwicklung blieb, darauf verwies Hillgruber mit Entschiedenheit, nicht unbeeinflusst von den Vorstellungen der polnischen und der tschechoslowakischen Exilregierung in London hinsichtlich der Gestaltung der künftigen europäischen Nachkriegsordnung. Die Londoner Verantwortlichen fassten so frühzeitig – nämlich schon 1942 – eine weitreichende ethnische und politische Umgestaltung Ostmitteleuropas ins Auge. Hillgruber wörtlich: »Von diesem Zeitpunkt an hatte die Absicht einer Bevölkerungsverschiebung in Ostmitteleuropa, mittels derer zugleich der aus britischer Sicht harte Kern Deutschlands, nämlich Preußen, gebrochen werden sollte, einen festen Platz in der britischen Nachkriegsplanung. Das, was im Ersten Weltkrieg an Gedanken einer völkischen Feld- und Flurbereinigung in Deutschland verbreitet war, was auf deutscher und sowjetischer Seite seit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 praktiziert worden war, war nun […] auch von britischer Seite in die eigene Kriegszielplanung als ein Element eingefügt worden, das eine vermeintlich dauerhafte Sicherung der eigenen Führungsrolle in Europa zu versprechen schien.« (S. 53) Das, was Hillgruber hier verknappt zusammenfasste, basierte nicht zuletzt auf einer erheblich umfangreicheren Studie, die er 1982 veröffentlicht hatte: »Der Zweite Weltkrieg 1939-1945: Kriegsziele und Strategien der großen Mächte« (Stuttgart u. a. 1982). Das renommierte Werk erlebte bis 1996 fünf weitere Auflagen. Womöglich war es kein glücklicher Einfall Hillgrubers, in dem Band »Zweierlei Untergang« zwei ganz unterschiedliche Texte zusammenzufassen. Der erste Text über den Zusammenbruch im Osten gehörte zu einem Hillgruber sehr geläufigen Forschungskontext. Seine dort entwickelte Sichtweise dürfte heute von kaum jemandem als rundweg falsch angesehen werden. Hillgruber hatte sich intensiv wissenschaftlich mit der Deutschlandpolitik Großbritanniens unter dem konservativen Premierminister Winston Churchill befasst; er hat die große Reserve, die das von der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher regierte Großbritannien gegen die Herstellung der deutschen Einheit 1989/90 hegte, nicht mehr miterlebt, denn er starb am 08. Mai 1989. Über-

rascht hätte sie ihn wohl kaum. Denn sie fügt sich gut ins Bild. Der zweite, in dem Corso-Bändchen enthaltene Text »Der geschichtliche Ort der Judenvernichtung« ist nicht nur erheblich kürzer als der erste, er behandelt auch einen Gegenstand, nämlich den Holocaust, über den Hillgruber selbst nicht unmittelbar geforscht hatte. Ursprünglich handelte es sich um das von Hillgruber 1984 in Stuttgart gehaltene Schlussreferat auf einem Kongress über den Holocaust. Inhaltlich reicht er kaum über die knappe Zusammenfassung von landläufig Bekanntem hinaus. Mit der vermeintlichen Verknüpfung der unabhängig voneinander entstandenen Texte lieferte Hillgruber selbst Habermas die Vorlage, um ihn der »Relativierung« des Holocaust zu bezichtigen, da er diesen ja gewissermaßen im gleichen Atemzug mit der überaus gewaltsamen Eroberung der deutschen Ostgebiete durch die Rote Armee, mit Flucht, Vertreibung und Gewaltverbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung nannte. Eine wie auch immer geartete Verharmlosung oder ein Aufwiegen des Holocaust lagen Hillgruber indessen völlig fern. Andreas Hillgruber war 1968 mit seiner Berufung nach Freiburg als Hochschullehrer an die Universität zu einem Zeitpunkt zurückgekehrt, da dort große Unruhe herrschte. Manche »68er« schreckten auch vor persönlichen Angriffen auf angeblich »reaktionäre« Professoren nicht zurück. Als Hillgruber 1972 nach Köln wechselte, empfing ihn dort ein eigens geschaffenes »Hillgruber-Komitee«, hinter dem der »Marxistische Studentenbund Spartakus« stand, eine DKP- und damit SED-nahe Organisation. Hillgru-

ber, an dessen Berufung angeblich das »westdeutsche Monopolkapital« beteiligt gewesen war, wurde als »große Gefahr« betrachtet, gezielte Störungen seiner Lehrveranstaltungen waren keine Seltenheit. So lächerlich dergleichen Anwürfe heute erscheinen mögen: Sie haben Hillgruber das Leben schwer gemacht – und nicht nur das als Hochschullehrer. Unter der »Prominenz«, die aus seiner von Jürgen Habermas unterstellten Rolle im »Historikerstreit« resultierte, hat er wohl eher gelitten. Sein Schaffen als Historiker und sein Leben blieben mit der Geschichte des Deutschen Reiches verwoben. Er wurde an einem 18. Januar geboren, dem Tag, der eingedenk der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles als Gründungstag des Deutschen Reiches gilt. Er starb ausgerechnet an einem 08. Mai, dem Tag, der gewöhnlich als Datum des Untergangs des Deutschen Reiches gewertet wird. Zufall? Ja sicher, aber ein merkwürdiger im Leben eines deutschen Historikers. Der Referent des Abends, Prof. Dr. Jost Dülffer, hat seit 1962 an den Universitäten Hamburg und Freiburg i. Br. Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie und Latein studiert. 1972 promovierte er bei Andreas Hillgruber in Köln und war anschließend an dessen Lehrstuhl Wissenschaftlicher Assistent. Nach seiner Habilitation (1979) wurde Dülffer 1982 auf eine Professur für Neuere Geschichte an der Universität zu Köln berufen, seit 2008 ist er emeritiert. Zwischenzeitlich war er als Hochschullehrer auch in München, Aachen und Washington D.C. tätig. Prof. Dülffer ist nicht zuletzt ein Experte für historische Friedensforschung. Winfrid Halder

»25 Jahre Umbruch in Ostmitteleuropa und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft der Republik Polen und der Tschechischen Republik« Eine Podiumsdiskussion in der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen

Mo, 05.05. 19.00 Uhr

Diskussionsteilnehmer: JUDr. Rudolf Jindrák, Botschafter der Tschechischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland (angefragt) Markus Meckel, Außenminister a.D. Marek Prawda, Botschafter der Republik Polen bei der Europäischen Union und von 2006 bis 2012 Botschafter der Republik Polen in Deutschland (angefragt) Eine gemeinsame Veranstaltung des Polnischen Instituts Düsseldorf, des Tschechischen Zentrums, der Staatskanzlei NRW und der Stiftung GerhartHauptmann-Haus Düsseldorf. Persönliche Anmeldung erforderlich. Es ergehen gesonderte Einladungen.

Im Rahmen der Europa-Woche


7 Vortrag

In memoriam … Erich Loest (1926-2013) Vortrag und Diskussion mit Dr. Jörg Bilke (Coburg)

Wider den Riss durch Deutschland – ein Schriftstellerleben in Ost und West

Im Jahre 1981 veröffentlichte Erich Lode. Erich Loest hatte, als er 1972 mit est seine Autobiographie »Durch die der Niederschrift seines ErinnerungsErde ein Riß« – da war er gerade erst 55 buches begann, sicherlich zu keinem Jahre alt und konnte nicht ahnen, dass Zeitpunkt angenommen, dass er dieihm weitere 32 Lebensjahre beschieses in der DDR würde veröffentlichen den sein würden. Genug zu erzählen können. Denn weit mehr als die Hälfte über sein in mancher Beziehung sehr der über 400 Seiten des Bandes behandeutsches Leben hatte Loest allerdings deln die politische Entwicklung in der auch schon nach wenig mehr als fünf vom Alt-Stalinisten Walter Ulbricht Jahrzehnten. Und er nutzte die erste geprägten DDR der 1950er und frühen sich bietende Gelegenheit, die 1960er Jahre, die den zunächst bereits rund eine Dekade zuvor noch fest überzeugten SEDbegonnene Beschreibung der Genossen Loest 1957, da er Di, eigenen Vita der Öffentlichkeit die »Entstalinisierung« ernster 27.05. bekannt zu machen. 1981 war nehmen wollte, als Ulbricht ge19.00 Uhr nehm war, zunächst in die MühErich Loest soeben in der Bundesrepublik Deutschland angelen eines politisch motivierten kommen – die DDR hatte sich Strafprozesses und dann für sieendlich des seit langem Unbequemen ben Jahre hinter die Gitter des berüchentledigt, hatte Loest nach langjähritigten »Gelben Elends«, des Zuchthauger Haft und noch länger andauernses Bautzen II, brachte. Das Buch endet der Überwachung und Schikanierung mit der Entlassung Loests aus Bautzen durch den Staatssicherheitsdienst in Ende September 1964. Loest hat demden Westen abgeschoben. Da konnte nach die folgenden, für ihn auf andere er sich zu Wolf Biermann, Reiner KunArt quälenden anderthalb Jahrzehnte ze, Manfred Krug, Katharina Thalbach als DDR-Bürger gar nicht behandelt, und etlichen anderen unbotmäßigen als er unter Pseudonym KriminalroIntellektuellen und Künstlern geselmane und andere Unterhaltungslitelen, die das SED-Regime unter Erich ratur schrieb, um den Lebensunterhalt Honecker loswerden wollte, die aber für sich und seine Familie bestreiten zu populär waren, um zu können. Als er es sie wie Tausende andann 1978 wagte, mit dere Bürgerinnen und »Es geht seinen Gang Bürger des »realsozioder Die Mühen der alistischen ArbeiterEbene« den trüben und Bauernstaates« und engen DDR-Alleinfach hinter den tag mit hoher atmoGefängnismauern von sphärischer Dichte zu Hohenschönhausen, beschreiben, war es Bautzen, Waldheim seitens des Regimes oder anderwärts vermit der zuvor geübten schwinden zu lassen. unwilligen Duldung Die mit der Inhaftiedes Ex-Häftlings vorrung auch im Wesbei. Das Buch durfte ten bekannter Perin der DDR nicht ersonen verbundene scheinen, sein Autor »schlechte Presse« trat aus Protest gegen scheuten die Machtdie Zensur aus dem haber in Ost-Berlin Schriftstellerverband dann doch, vor allem, aus – womit sich jegliseit sie sich mit der che Perspektive, in der Unterzeichnung der DDR als SchreibenKSZE-Schlussakte in Helsinki im Somder weiter zu existieren, erledigt hatte. mer 1975 vor der Weltöffentlichkeit zur Der Gang in den Westen 1981 brachte Wahrung elementarer Menschen- und Loest auch die Chance, vom Schreiben Bürgerrechte verpflichtet hatten. Hinwieder leben zu können – ohne Pseudonym und Zensur. aus also auch mit Erich Loest. Die hat er genutzt: In der verhältnismäUnnötig zu sagen, dass »Durch die ßig kurzen Zeit bis zur »Wende« von Erde ein Riß« einstweilen nur dem 1989/90 schrieb und publizierte Loest westdeutschen Publikum bekannt wur-

Erich Loest (1926-2013) 

© PUNCTUM/Peter Franke

eine Fülle von Romanen und Erzählungen, die Lebenswirklichkeit und Charakter der DDR anschaulich machten. Darunter war etwa der Roman »Völkerschlachtdenkmal« (1984), in dem Loest die Geschichte der Sprengung der (kultur-)historisch hochbedeutsamen Leipziger Universitätskirche (Weihe 1240) am 30. Mai 1968 verarbeitet, die während des Zweiten Weltkrieges nur leicht beschädigt worden war, die jedoch nach Meinung der SED-Oberen der Stadt nicht mehr in das Konzept des Umbaus der »Karl-Marx-Universität« (gegründet 1409, unter diesem Namen 1953-1991) passte. Zugleich entfaltet Loest darin ein Panorama der sächsischpreußischen Geschichte, und zwar zu einer Zeit, in der viele Westdeutsche sich herzlich wenig dafür interessierten, was östlich von Elbe und Werra geschehen war und geschah. Loests Bestreben war es, den Riss mitten durch Deutschland spürbar, wahrnehmbar zu halten – um auch im wohlhabenden Westen das Gefühl der Zusammengehörigkeit gegen die wachsende Gleichgültigkeit wachzuhalten, die jenseits der feiertäglichen Lippenbekenntnisse (vorzugsweise am 17. Juni) überwog. Bequem war Loest damit, dass er ausdauernd und unverwandt den Finger in die für ihn noch immer offene, von anderen längst verdrängte Wunde der deutschen Teilung legte, auch im Westen nicht. Und zumindest Unbehagen löste er mit »Durch die Erde ein Riß« wohl auch bei vielen Lesern und Kollegen in der Bundesrepublik aus. Denn


8 Vortrag & Schulprojekt bevor er die Malaise von Prozess und Haft im SED-Staat beschreibt, berichtet Loest dort über seine Kindheit und Jugend im sächsischen Mittweida, die hauptsächlich geprägt wurde von der anderen deutschen Diktatur, der mörderischen nationalsozialistischen nämlich. Der 1926 Geborene verschweigt dabei keineswegs seine bis zum bitteren Kriegsende 1945 andauernde Begeisterung für den »Führer« und den HJ-Dienst. Er versucht vor allem offenzulegen, was ihn dazu brachte, den NSParolen willig Glauben zu schenken. Er will – gewiss auch mit Blick auf jüngere Leser – die Mechanismen von Unkenntnis und Desinformation, Lockung und Drohung zeigen, die sich nicht nur bei unbedarften Kleinstadtkindern wie dem jungen Erich Loest als wirksam erwiesen. Das eindrückliche Kapitel »Pistole mit Sechzehn« verleugnet auch nicht die Faszination, die er empfand, als er und einige Altersgenossen im Frühjahr 1945 »richtige« Schusswaffen erhielten – mit der Maßgabe, diese auch als »Werwölfe« zu benutzen, zu einem Zeitpunkt, da die Wehrmacht längst geschlagen und Deutschland von den Truppen der »Anti-Hitler-Koalition« fast vollständig besetzt war. Loest stand schließlich auch dazu, dass er sich freiwillig zur SS hatte melden wollen, was nur misslang, weil der zuständige Schuldirektor dem Minderjährigen die Erlaubnis dazu verweigerte mit dem Argument, er käme »später schon auch noch rechtzeitig dazu«. Loests Freimut, seine rückhaltlose Selbstbefragung mögen manchem westdeutschen Kollegen vergleichbaren Alters – damals selbst noch weit entfernt von dergleichen Bekenntnisbereitschaft – insgeheim einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Die Erinnerung an deutsch-deutsche Verstrickungen und Traumata blieb Loest auch nach Herstellung der deutschen Einheit wichtig – so zeigt er die nicht selten bis in die einzelnen Familien hineinreichenden Brüche, die sich besonders in der Endphase der DDR zwischen der Treue zum SED-Staat und dem Drang nach Veränderung auftaten, in seinem Roman »Nikolaikirche« (1995, noch im gleichen Jahr verfilmt). Seit längerer Zeit schwer erkrankt, setzte Erich Loest am 13. September 2013 im Alter von 87 Jahren seinem Leben ein Ende – in Leipzig, der Stadt, die in seinem Leben und Schaffen eine zentrale Rolle spielte. Der Referent des Abends, Dr. Jörg Bilke, studierter Germanist, war selbst politischer Häftling in der DDR und wurde von der Bundesregierung freigekauft. Er kannte Erich Loest persönlich sehr gut. Winfrid Halder

Radiobeitrag mit Jugendlichen aus der St. Benedikt-Hauptschule

»Als im Gurkenland die Häuser wuchsen« »Als im Gurkenland die Häuser wuchgrenzenden, neu entstandenen komforsen« ist der Titel eines Schulprojektes, tableren Wohnsiedlungen der 1960er an dem sich im Schuljahr 2013/14 JuJahre. Einen Hinweis, dass unter den gendliche der St. Benedikt-Hauptschuneuen Bewohnern des Gurkenlandes le Düsseldorf und deren Geschichtsnach Kriegsende viele Flüchtlinge und lehrerin Frau Linda Dörken mit dem Vertriebene aus den historischen deutGerhart-Hauptmann-Haus schen Ostgebieten waren, gibt der beteiligten. Die SchülerinBau der katholischen Kirche, die Fr, nen und Schüler beschäftigam 19. März 1961 zum Gedenken ten sich darin mit dem Ende 27.06. an Papst Pius X. geweiht wurde. des Zweiten Weltkrieges in 12.30 Uhr Denn eigentlich war die Pfarrei St. Düsseldorf, mit den ZerstöJosef in Oberbilk für die Neuangerungen und späteren städtekommenen zuständig. Die dortige baulichen Veränderungen, mit der GeKirche war jedoch weit entfernt und so schichte und den Lebensbedingungen wurde bereits 1950 ein Bauwagen als von Flüchtlingen und Vertriebenen, Kapelle aufgestellt und 1957 eine Baradie in Düsseldorf und NRW ankamen. cke als Notkirche errichtet, aus der späSchwerpunkt war das Sammeln von ter die Kirche St. Pius X. entstand. Erfahrungen, wie an diese Ereignisse Viele Informationen zur Stadtgeschichheute in Museen und Medien erinnert te bekamen die Jugendlichen im Stadtund wie Geschichte intensiver erlebbar museum sowie im Bezirksmuseum wird. »Forum 8« in Schloss Eller, das sich Das »Gurkenland«, ein Begriff, der aus mit der Geschichte und Gegenwart der der Regional-Presse bekannt ist, beStadtteile beschäftigt. Aktiv und mit zeichnet das Gebiet rund um den Bingegroßem Engagement widmeten sich die Schülerinnen und Schüler der Zeitzeugenbefragung – so z.B. mit Frau Barbara Schoch – und den Befragungen von älteren Stadtte i l b e w o h n e r n auf dem Gertrudisplatz. In Tonstudio erarbeiteten und gestalteten die Jugendlichen Schülerinnen und Schüler der St. Benedikt-Hauptschule zusammen mit der Medienpädner, Wormser und Offenbacher Weg in agogin Jessica Straatmann-Behr einen Düsseldorf. Manche meinen, wie Umeindrucksvollen Beitrag, den sie selbst fragen der Jugendlichen ergaben, dass moderierten und der am 23.02. um hier früher Gurken angebaut wurden. 19:00 Uhr auf Antenne Düsseldorf lief. Es stimmt, dass sich hier ausgedehnte Alle, die sich die Sendung noch einmal Ackerflächen befanden. Vor allem gab gemeinsam mit den Schülerinnen und es hier Schrebergartenkolonien, die Schülern der St. Benedikt-Schule anhönach dem Ende des Zweiten Weltkrieren und mit den Jugendlichen über das ges regulär von den Ausgebombten, Projekt sprechen möchten, sind am 27. Flüchtlingen und Vertriebenen in der Juni um 12.30 Uhr zur Projektpräsenstark zerstörten Stadt bewohnt und betation im Gerhart-Hauptmann-Haus wirtschaftet wurden. Einige Schrebereingeladen. Katja Schlenker gärten im »Gurkenland« sind bis heute fester Wohnort inmitten städtischer Ein Projekt gefördert durch das ProNachkriegsbebauung geblieben. Nach gramm »Jugend, Kultur und Schule« und nach gaben aber auch viele ihr eindes Kulturamtes der Landeshauptfaches Häuschen im Schrebergarten stadt Düsseldorf als Wohnung auf und zogen in die an-


9 Ausstellung

Auf den Spuren des Tenors Joseph Schmidt - Eine ausstellung

Sein Lied ging um die Welt »Joseph Schmidt war ein Superstar seiner Zeit! Er begeisterte mit seiner Stimme Millionen von Menschen vor den heimischen Radios und füllte die Konzertsäle in Berlin, Wien und New York. Die Begeisterung des Publikums hatte fast schon Züge einer Massenhysterie«, so Carsten Eichenberger vom Haus der Heimat des Landes BadenWürttemberg und Alfred A. Fassbind, Leiter des Joseph Schmidt-Archivs im schweizerischen Oberdürnten, die die einzigartige Ausstellung über das Leben und Schaffen des Weltstars aus Czernowitz kuratierten. Die Ausstellung blickt zunächst auf Herkunft und religiöse Heimat des Sängers – das »jüdische Czernowitz«. Orthodoxe und chassidische, liberale und zionistische Juden prägten an der Wende zum 20. Jahrhundert das Bild der

Der aus der Bukowina stammende Tenor Joseph Schmidt © Joseph Schmidt-Archiv

Stadt mit. Joseph Schmidt lernte alle diese Strömungen kennen. Vater Wolf Schmidt war strenggläubiger Chassid, der kleine Joseph gehörte seit der Übersiedlung der Familie von seinem Geburtsort Davideny nach Czernowitz 1914 einer zionistischen Jugendorganisation an. Später, während des Studiums in Berlin, kam er in Kontakt mit der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin, die mit zu den liberalsten überhaupt gehörte. Entdeckt wurde das musikalische und gesangliche Talent des jungen Joseph Schmidt in der Synagoge. Josef Towstein, Komponist und Leiter des Cho-

res des »Israelitischen Tempels« in fasst 209 Aufnahmen, darunter allein Czernowitz, förderte die gute Gesangs41 Opern und 15 Operetten. ausbildung des Jungen. Zehn Jahre späDie Carl Lindström AG, damals größter – aus dem »singenden Wunderkind te Plattenfirma Europas mit Stammsitz aus Davideny« war bereits ein gefragter in Berlin, engagierte im Sommer 1929 Sänger geworden – wurde Schmidt Joseph Schmidt und andere talentierte zum ersten Kantor, zum Vorjunge Sänger für Aufnahmen beter in der Synagoge, ernannt. der gesamten musikalischen Mo, Die Ausstellung zeigt erstmals Liturgie der jüdischen Reform07.04. in Deutschland einige Faksimigemeinde auf über 100 Schallles von Bittschriften Schmidts 18.00 Uhr platten. Damit sollten jüdischen an den Vorstand der KultusgeKultusgemeinden, Altenheimen meinde. Das Staatliche Gebietsund Krankenhäusern, die sich archiv Tschernivcy in der Ukraine hat aus finanziellen Gründen keinen Kansie für die Ausstellung zur Verfügung tor leisten konnten, erstklassige musikagestellt. lische Darbietungen für Gottesdienste 1925 zog Schmidt zu seinem Onkel zur Verfügung gestellt werden. Die von Leo Engel nach Berlin. Freunde und Schmidt besungenen Schallplatten, daFörderer ermöglichten ihm ein Studirunter auch einige in hebräischer und um an der Hochschule für Musik und aramäischer Sprache, gehören zu den Gesang bei Prof. Hermann Weißenschönsten der Sammlung, die heute nur born, der in späteren Jahren auch Dietnoch lückenhaft erhalten ist. Die Musrich Fischer-Dieskau zum erfolgreichen terplatte einer Aufnahme von »Preist Sänger ausbildete. Auf Empfehlung des den Herrn« (Baruch Sche-natan), von Direktors der Musikhochschule durfte Joseph Schmidt in hebräischer Sprache Schmidt Anfang Februar 1929 beim nach der Musik des preußisch-jüdiRundfunk vorsingen. Der Leiter der schen Komponisten Louis LewandowOpernabteilung des Berliner Senders ski (1821-1894) gesungen, ist eines der »Funkstunde«, der niederländische herausragenden Exponate der AusstelOpernsänger Cornelis Bronsgeest, lung. suchte ständig nach neuen Talenten. Aber schon ab etwa 1933 stellten KriSchmidt, der mit seiner kleinen Gestalt tiker immer öfter die Frage, in welches von nur 1,54 Meter Körpergröße für die Fach sie den gefeierten Tenor stecken Opernbühne ungeeignet schien, konnsollten: War er ein ernst zu nehmente sich mit einer ausder Opernsänger, drucksvollen Stimme In Kooperation mit dem ein Gesangskünstler Haus der Heimat für den Rundfunk oder ein auf Breitenbaden-Württemberg empfehlen. Gleich wirkung bedachter bei seinem Rundsingender Filmstar? funkdebüt am 18. April 1929 sang er Joseph Schmidt war sich dieser Gratmit der Rolle des Vasco da Gama in wanderung immer bewusst. Sein PuMeyerbeers Oper »Die Afrikanerin« blikum indes stellte sich diese Fragen eine der heikelsten Partien, die es in nicht. Es jubelte ihm in Breslau, Danzig, der Opernliteratur für Tenöre gibt. Sein Czernowitz und Riga zu, er trat beim Auftritt war ein Riesenerfolg. KörbeSüdfunk Stuttgart und an der Königweise ging die Fanpost beim Berliner lich Flämischen Oper in Antwerpen Sender ein. Von nun an war »der kleine auf. Er gastierte zu Wohltätigkeits- und Mann mit der großen Stimme« jeden Rundfunkkonzerten in Deutschland, Monat, bis 1933 in insgesamt 42 groEngland, den Niederlanden, Belgien, ßen Funkopernproduktionen, live über Frankreich, Polen, der Schweiz, Finnden Berliner Sender zu hören. land, Österreich, Rumänien, Bulgarien Im Herbst 1929 brachte die junge Platund der Tschechoslowakei. Im Frühtenfirma Ultraphon die ersten Schalljahr 1934 reiste er für mehrere Wochen platten mit der Stimme Schmidts henach Palästina, wo er ein halbes Dutraus: Arien aus Opern und Operetten. zend ausverkaufter Konzerte vor jüdiSchmidts Platten verkauften sich mit schen Landarbeitern gab. In der Wiener ungeahntem Erfolg und machten den »Stimme« schilderte der Tenor seine Tenor zum meistgehörten Sänger Anbesonderen Eindrücke von dieser Reifang der 1930er Jahre. Sein auf Schellse: »Ein unvergessliches Erlebnis… Fortsetzung auf seite 10 lackplatten verkauftes Repertoire um-


10 Ausstellung Fortsetzung von Seite 9

Das war kein Konzert mehr. Eins waren ich und das Publikum, vorwiegend Arbeiter in ihren schmucken Arbeitskitteln, direkt von der Arbeit kommend… Ich sang hier aus purer Lust am Singen und zugleich mit dem Bewusstsein der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft, und im Gefühle, als ob ich mit ihnen eben von der Feldarbeit heimgekehrt wäre…« Am 9. Mai 1933 umjubelten im einst größten Kino Deutschlands, im Berliner Ufa-Palast, 2.200 Zuschauer die Uraufführung des Joseph-SchmidtFilms »Ein Lied geht um die Welt«. Der 29jährige Joseph Schmidt hatte den Höhepunkt, aber auch den Wendepunkt seiner Karriere in Deutschland erreicht. Wenige Monate zuvor waren in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gekommen. Dem Juden Joseph Schmidt war bereits im Februar 1933 der Zutritt zum Rundfunkhaus verboten worden. Sein erfolgreicher Film durfte noch einige Zeit gezeigt werden und wurde dann verboten. Ab 1936 war auch der Verkauf seiner Schallplatten, wie auch vieler anderer »Judenplatten«, in Deutschland untersagt. Joseph Schmidt emigrierte Ende 1933 nach Wien, feierte dort Triumphe wie

Blick in die Ausstellung im Haus der heimat in Stuttgart

schon zuvor in Berlin. In der Donaumetropole standen ihm alle Türen offen. Er drehte hier weitere erfolgreiche Musikfilme, die jedoch dem deutschen Publikum nie gezeigt wurden. Gerade von einer Konzerttournee an der Ostküste der USA nach Wien zurückgekehrt, konnte sich Schmidt wenige Tage vor dem »Anschluss« Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 nach Brüssel absetzen. Hier traf er unverhofft alte Bekannte: Musiker, Komponisten, Sänger und Filmschauspieler – alle auf der Suche nach einer Zuflucht vor dem Nazi-Regime. Mit

Ausstellungseröffnung: Montag, 07.04. – 18.00 Uhr Grußwort: PD Dr. Winfrid Halder (Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses) Einführung in die Ausstellung: Alfred Fassbind (Joseph Schmidt-Archiv) und Carsten Eichenberger (Haus der Heimat, Baden-Württemberg) Musikalische Begleitung: Paul Rosner (Konzertgeiger und Großneffe von Joseph Schmidt) Laufzeit der Ausstellung: 07.04.-31.05 Mi, 23.04. – 15.00 Uhr Filmvorführung »Ein Lied geht um die Welt« (1933) Vorab um 14.00 Uhr Führung durch die Ausstellung mit Dr. Katja Schlenker Mi, 30.04. – 13.00 Uhr Zum 85. Jahrestag der Tonaufnahme von Puccinis Oper »Tosca« Führung durch die Ausstellung mit Dr. Katja Schlenker Mo, 19.05. – 19.00 Uhr »Alle Welt preist Deine Herrlichkeit« – Die religiösen Gesänge Joseph Schmidts Carsten Eichenberger im Gespräch mit dem Tenor Alfred Fassbind (SchmidtBiograph) und dem Konzertgeiger Paul Rosner (Großneffe Joseph Schmidts) Veranstaltungsort: Jüdische Gemeinde Düsseldorf, Leo-Baeck-Saal, Zietenstraße 50/Paul-Spiegel-Platz 1 Mi, 21.05. – 19.00 Uhr Josef Schmidt – Die »Ausmerzung des jüdischen Elementes« in der deutschen Musik (1933-1945) Vortrag von Helmut Braun mit Musikbeispielen und Originaltönen aus Reden von Joseph Goebbels, Hans Severus Ziegler und Heinrich Glasmeier Weitere Führungen durch die Ausstellung auf Anfrage bei Dr. Katja Schlenker: Tel.: 0211-16991-23; Email: schlenker@g-h-h.de Öffnungszeiten der Ausstellung vgl. S. 27.

dem Ziel, Europa zu verlassen, reiste Schmidt, wie viele andere Flüchtlinge, 1941 nach Südfrankreich. Er scheiterte mehrere Male bei dem Versuch, auf legalem Weg in die USA auszureisen. Als gebrochener Mann rechnete er täglich damit, von der Gestapo abgeholt und nach Osten deportiert zu werden. Nur eine Flucht in die Schweiz konnte ihn noch vor der Deportation retten. Doch die Schweizer Behörden verfügten im August 1942 eine totale Grenzsperre für Flüchtlinge. Am 7. Oktober 1942 gelang ihm bei Genf der illegale Grenzübertritt. Völlig erschöpft wurde er in Zürich, wo er zwei Jahre zuvor noch Konzerte gesungen hatte, aufgegriffen. Die Schweizer Behörden erteilten dem Sänger, der sich mittellos und illegal im Land aufhielt, Auftrittsverbot und wiesen ihn in das Internierungslager Girenbad ein. Die damaligen polizeilichen Befragungs- und Vernehmungsprotokolle waren sieben Jahrzehnte unter Verschluss. Jetzt werden sie in der Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Am 16. November 1942, erst 38 Jahre alt, starb Joseph Schmidt an Herzversagen. Die Ausstellung, die 2013 erstmalig im Haus der Heimat in Stuttgart gezeigt wurde, präsentiert rund 150 sorgsam ausgewählte Briefe, Fotos, Konzertprogramme, Filmplakate und Filmausschnitte, seltene Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen und Exponate aus dem persönlichen Besitz Schmidts, darunter zwei Seidenschals, die der Sänger 1932 als Anerkennung für besonders hohen Plattenumsatz von seiner Plattenfirma Parlophon bekommen hatte, sein zerschlissener Toilettenkoffer, der zu seinen wenigen Habseligkeiten im Lager Girenbad zählte sowie ein goldener Crayon (Drehbleistift), ein Geschenk der Stadt Czernowitz für Schmidts Benefizkonzert zugunsten eines Kinderspitalbaues. Carsten Eichenberger/Katja Schlenker


11 Vortrag

Vortrag zur Ausstellung über Joseph Schmidt

Die »Ausmerzung des jüdischen Elementes« in der deutschen Musik (1933-1945)

Joseph Schmidt, jüdischer Tenor aus nicht mehr auftreten, die Aufführung Czernowitz, war im Berlin der 1920er der Musik jüdischer Komponisten ist und frühen 1930er Jahre ein gefeierter verboten. Juden dürfen nicht einmal Star. Der kleingewachsene Mann mit öffentliche Konzerte als Zuhörer besuder brillanten Stimme triumphierte mit chen. Opern- und Operettenpartien im noch Eine abschreckende Schau soll die jungen Rundfunk, besang zahlreiche Ausstellung »Entartete Musik« im Schallplatten, gab höchst erfolgreiche Mai 1938 in Düsseldorf sein. StaatsKonzerte im In- und Ausland rat Dr. Hans Severus Ziegler, und glänzte in Filmen wie Intendant am Staatstheater in Mi, »Heut ist der schönste Tag in Weimar, überzeugter Nationalmeinem Leben« und »Ein Lied sozialist der ersten Stunde, Hit21.05. geht um die Welt«. Nach der lerverehrer auch noch zwanzig 19.00 Uhr Übernahme der Macht durch Jahre nach dem Ende des Dritdie Nationalsozialisten Anfang ten Reiches, zeichnet für die 1933 versuchte Goebbels JoAusstellung verantwortlich. Er seph Schmidt zu schützen; er bot ihm sagt in seiner Eröffnungsrede: »Was in sogar an, ihn zum »Ehrenarier« zu mader Ausstellung ‚Entartete Musik‘ zuchen. Aber auch Goebbels Vorliebe für sammengetragen ist, stellt das Abbild ihn konnte Schmidt nicht retten. Der eines wahren Hexensabbats und des friSänger bekam Auftrittsverbot im Rundvolsten geistig-künstlerischen Kulturfunk und Film, seine Konzerte wurden bolschewismus dar und ein Abbild des unterbunden. Er floh nach Wien, 1938 Triumphes von Untermenschentum, weiter nach Brüssel, 1939 nach Frankarroganter jüdischer Frechheit und völreich. Am 07. Oktober 1942 gelangte liger geistiger Vertrottelung.« Um ganz sicher zu gehen, dass kein Jude er schließlich illegal in die Schweiz, wo die »Reinheit der deutschen Musik« er kurz darauf entkräftet und entmutigt beschmutzte, wurde das »Lexikon der durch die jahrelange Flucht, als SimuJuden in der Musik« geschaffen. Jeder lant aus einem Krankenhaus gewiesen, Deutsche sollte wissen, dass die dort an einer Herzerkrankung starb. Aufgeführten aus dem deutschen MuJoseph Schmidts Schicksal ist kein sikleben ausgeschlossen waren. Selbst Einzelfall. Vielmehr begann 1933 die jüdische Klavierlehrerinnen sind aufzuvor schon angekündigte Hetzjagd geführt und dürfen nicht mehr unterauf alle »jüdischen Elemente« in der richten: arisch soll sie sein, die Musikerdeutschen Musik. Die Verfemung und ziehung der deutschen Jugend. Häufig Ausgrenzung der im Nazijargon »Muführt der Eintrag in dieses Lexikon zur sikjuden« genannten Künstler und ihDeportation der Betroffenen. rer Werke erfolgte »legal« auf der Basis Und dieser Ausschluss betraf nicht nur von Gesetzen, Erlassen und VerordJuden. Auch die »Niggermusik« – der nungen. Bereits im April 1933 wird das Jazz – war verfemt. Und zusätzlich auch Gesetz über die Wiederherstellung des alles »Undeutsche«, alles, was nicht Berufsbeamtentums erlassen und dadem »Germanischen Dreiklang« entmit werden alle Nichtarier vom Staatssprach. Die Komponisten Ernst Kredienst ausgeschlossen. Sofort entlassen werden alle jüdischen Professoren an nek und Paul Hindemith sind für diese den Musikhochschulen, die jüdischen »Kategorie« die wohl bekanntesten Generalmusikdirektoren, Intendanten, Vertreter. Dirigenten, Dramaturgen und ihre jüdiVon 1933-1940 emigrieren 262.000 schen Mitarbeiter an den Theatern und Juden aus Deutschland. Unter ihnen Opernhäusern. Die jüdischen Musiker sind auch die »Musikjuden« Otto in den Staats- und Landesorchestern Klemperer, Bruno Walter, Erich Wolfverlieren umgehend ihre Stellen. Die gang Korngold, Kurt Weill und Arnold Flut der einschränkenden, schikanöSchönberg, um nur einige der promisen, später auch tödlichen Gesetze und nentesten zu nennen. Ihre Stellen im Verordnungen sind unter dem Begriff Musikbetrieb werden frei und schnell »Das Sonderrecht für Juden im SSbesetzt – von Nachrückern, die nun Staat« gesammelt und füllen mehrere vorrücken und ungehindert Karriere dickleibige Bände. machen. Darunter manch einer, der wie 1938 ist es »geschafft«: Juden sind aus Werner Egk, Carl Orff, Karl Böhm und dem Musikleben verdrängt, sie dürfen Herbert von Karajan auch nach dem

Der Sänger und Schauspieler Joseph Schmidt auf dem Höhepunkt seiner Karriere

Dritten Reich die Glanzlichter im Musikleben setzte. Auch die »leichte Muse« war nicht ausgeklammert. Sehr viele der Komponisten, die Operetten, Revuen und Schlager in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre komponierten und viele der Sängerinnen und Sänger, die sie sangen, waren Juden. Das Ausgrenzungsverdikt traf auch sie, die Unbekannten und die Bekannten, wie zum Beispiel die Comedian Harmonists, von denen drei Juden waren. Nach 1945 dauerte es viele Jahre, bis die Musik der Verfemten wieder nach Deutschland zurückkam. Vieles blieb für immer verschollen. Manch einer, der zurückkehrte, war nicht mehr willkommen. Das deutsche Musikleben hat sich von diesem Aderlass bis heute nicht erholt. Helmut Braun erzählt vom Niedergang der Musikkultur und ihren Folgen für die Betroffenen und die Musik in Deutschland. Originaltöne aus Reden von Joseph Goebbels, Hans Severus Ziegler und Heinrich Glasmeier sowie Musikbeispiele ergänzen den Vortrag. Helmut Braun

In Kooperation mit der Gesellschaft für die Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Düsseldorf e.V.


12 Kinemathek & Vortrag

Höhepunkt der filmischen Karriere von Joseph Schmidt

Der Film zur Ausstellung »Ein Lied geht um die Welt«

Der Kinofilm »Ein Lied geht um die vorzudringen und ein Engagement zu Welt« markiert den Höhepunkt der filergattern. Er wird ein Rundfunkstar. mischen Karriere von Joseph Schmidt. In einem Schallplattengeschäft lernt Als am 9. Mai 1933 im Berliner Ricardo die Verkäuferin Nina Ufa-Palast die glanzvolle Pre(Charlotte Ander) kennen, die miere stattfindet, feiern über jedoch nur in seine Stimme verMi, 2000 begeisterte Zuschauer liebt ist. Ricardo ist unglücklich 23.04. Joseph Schmidt als Hauptdarverliebt und seine Trauer wird 15.00 Uhr steller, unter ihnen auch Joseph größer, als er feststellen muss, Goebbels. dass Rigo das Herz von Nina Der Film spielt in Venedig. Rigewonnen hat. Die Freundcardo, dargestellt von Joseph Schmidt, schaft der beiden Männer ist auf eine ist ein unbekannter Tenor. Rigo (Viktor harte Bewährungsprobe gestellt. Joseph de Kowa) arbeitet als Musikclown. GeSchmidt singt in dem Film die Lieder: meinsam teilen sie sich eine Wohnung. »Land so wunderbar«, »Am Brunnen Der arbeitslose Ricardo ist trotz seiner vor dem Tore«, »Santa Lucia«, »Voga, herrlichen Stimme viel zu klein, um Voga«, »Mal d‘amore«, »Launisches eine Bühnenkarriere zu machen. Mit Glück«, »Frag nicht« und »Ein Lied Hilfe seines Freundes Rigo gelingt es geht um die Welt«. MP ihm, bis zum Direktor des Rundfunks

»Alle Welt preist Deine Herrlichkeit« Die religiösen Gesänge Joseph Schmidts

Carsten Eichenberger stellt im Gespräch mit Alfred A. Fassbind (SchmidtBiograph) und dem Konzertgeiger Paul Rosner (Großneffe Joseph Schmidts) diese einmaligen Tonaufnahmen vor.

Joseph Schmidt genießt als Tenor bis produzenten Europas, wurden zwiKatja Schlenker heute anhaltende Popularität und das schen 1928 und 1930 Gesänge der Ort: Leo-Baeck-Saal der Jüdischen auch bei einer jüngeren Fangemeinde. musikalischen Liturgie der jüdischen Gemeinde, Paul-Spiegel-Platz 1 Sein Repertoire besteht aber Reformgemeinde zu Berlin aufEintritt frei nicht nur aus „Ein Lied geht genommen. Unter Mitwirkung Mo, um die Welt“. Als ausgebildedes großen Chors der GemeinVeranstalter: Gerhart-Hauptmanntem Kantor blieb Schmidt zwar de, zweier Organisten und jun19.05. Haus und B´nai B´rith Franz-Roseneine Karriere in der Synagoge zu 19.00 Uhr ger Berliner Solisten, darunter zweig-Loge Düsseldorf Czernowitz verwehrt, dennoch auch des 25-jährigen Joseph sind seine Interpretationen liSchmidt, entstand eines der In Kooperation mit der Jüdischen Geturgischer Lieder durch Schallletzten musikalischen Zeugnismeinde Düsseldorf und der Gesellplattenaufnahmen bekannt. In dieser se einer freien deutsch-jüdischen Geschaft für Christlich-Jüdische ZusamVeranstaltung soll an die exzellenten meinde vor dem Völkermord. menarbeit Düsseldorf. religiösen Gesänge in deutscher, hebräischer und aramäischer Sprache erinnert werden, die in der Interpretation von Biographie und DVD-Kollektion Joseph Schmidt dem Hörer regelrecht Einen umfassenden Einblick in das Leben und Schaffen von Joseph Schmidt durch Mark und Bein gehen. bietet die 2012 erschienene Biographie von Alfred A. Fassbind. Der Leiter des In den Berliner Studios der Lindström Joseph Schmidt-Archivs in Dürnten bei Zürich hat aus einer Fülle von BrieAG, damals des größten Schallplattenfen, Zeitzeugenberichten und Dokumenten das Leben des Tenors detailreich nachgezeichnet. Ergänzt wird sein Buch durch eine beiliegende CD, die eine Auswahl von Schmidts Tonaufnahmen enthält, darunter auch fünf bisher unveröffentlichte Titel. In einer aufwendig ausgestatteten DVD-Kollektion liegen erstmalig auch drei sorgfältig restaurierte Originalspielfilme mit Joseph Schmidt vor: »Ein Lied geht um die Welt« (1933), »Ein Stern fällt vom Himmel« (1934) sowie »Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben« (1936). Ergänzt wird die Kollektion durch Géza von Bolvárys Film »Ein Lied geht um die Welt – Die Joseph Schmidt Story« (1958) und den Dokumentarfilm »Joseph Schmidt. Geschichte eines kurzen Lebens« von Mareike Schroeder. Buch und DVD-Kollektion sind in der Bibliothek der Stiftung entleihbar. Ein Grammophon aus der Ausstellung


13 Kontrapunkt

Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Walter Engel

»Die Spurensuche der Enkel hat begonnen« Als Band 11 der Banater Bibliothek sind kürzlich unter dem Titel »Blickpunkt Banat« die gesammelten Beiträge von Dr. Walter Engel zur rumäniendeutschen Literatur und Kultur erschienen. Auf 566 Seiten vermittelt das Buch einen Querschnitt durch ein Schrifttum, das über den Rahmen einer Regionalliteratur hinaus Beachtung verdient und diese, wie u.a. der Nobelpreis für die Banater Schriftstellerin Herta Müller zeigt, auch findet. In seinen Beiträgen fächert der Autor kenntnisreich und sachkritisch vor allem die Literatur des Banats auf, wobei er die regionalspezifischen Eigenheiten benennt und zugleich die grenzüberschreitenden Aspekte aufzeigt. Dr. Walter Engel, 1942 im Banat geboren, promovierte 1981 in Heidelberg mit dem Thema »Deutsche Literatur im Banat« unter besonderer Bezugnahme auf den Beitrag der Kulturzeitschriften zur banatschwäbischen literarischen Kultur zwischen 1840 und 1939. Ab 1988 war er 18 Jahre hindurch als Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses (Haus des Deutschen Ostens) in Düsseldorf tätig, in dessen Rahmen er in Zusammenarbeit mit Verbänden, Regionen und den benachbarten ost- und südosteuropäischen Nachbarländern den Kulturaustausch förderte und den Dialog ausbaute. Dr. Walter Engel ist Verfasser und Herausgeber wissenschaftlicher und kulturhistorischer Werke, vornehmlich zur Kultur und Literatur der Banater Schwaben. »Sinn der regionalen Geschichtsschreibung«, so lesen wir in Ihrem neuen Buch, »ist denn auch, die Eigenart eines literarisch-kulturellen Raums in seinen historischen Entwicklungslinien zu erfassen… in organischer Verknüpfung mit den historisch-politischen Entwicklungsbedingungen.« Nun ist aber, nach erfolgter und nahezu totaler Abwanderung aus den Siedlungsgebieten, der historische Raum nicht mehr gegeben. Könnte das dazu führen, dass die Literatur der Rumäniendeutschen künftig nur noch Erinnerungsliteratur sein wird? Nein, das glaube ich nicht. Die »Erinnerungsliteratur« – darunter verstehe ich vor allem die Memorialistik, Kindheitsund Jugenderinnerungen, selbstbiographische Texte u.Ä. – nimmt gewiss bei den recht schreibfreudigen Banater Schwaben großen Raum ein. Es gilt ja, das Verlorene, das nun zeitlich und räumlich sich Entfernende aus eigenem Erleben festzuhalten. Die Spurensuche der Enkel hat begonnen, die nach den Wurzeln ihrer Herkunft forschen, z.B. in Johann Lippets Roman »Bruchstücke aus erster Hand«. Sie finden natürlich ein anderes Banat vor als das ihrer Eltern und Großeltern. Mit der massiven Aussiedlung im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts ist dort eine Ära des deutschen kulturellen und literarischen Lebens zur Neige gegangen. Die noch aus dieser Erfahrung schrei-

benden Autoren heben viel davon auf. Ich denke aber, dass beispielsweise Richard Wagners Roman »Habseligkeiten« oder Herta Müllers großes Buch »Atemschaukel« über den Begriff Erinnerungsliteratur hinausgehen, eben hohem literarischen Anspruch genügen. Die Frage ist, ob man vom Fortbestand einer deutschen Banater Regionalliteratur sprechen kann. Der radikale politische Wandel nach 1989 brachte aber auch neue Chancen für die verbliebene kleine deutsche Bevölkerungsgruppe im Banat und in Siebenbürgen. Ihre kulturelle Infrastruktur

Dr. Walter Engel Foto: D. Göllner

– Schulen, Presse, Theater – konnte sie weiter aktivieren, wenn auch mit einer überaus dünnen Intellektuellenschicht. Eine Regionalliteratur kann ohne ein solches kulturelles Fundament und Umfeld nicht bestehen. Und es gibt heute junge Autoren, die dort in deutscher Sprache schreiben. Das heißt, dass heutige und auch künftige Banater deutsche Literatur nicht zwangsläufig »Erinnerungsliteratur« sein muss. Die ausgewanderten Banater und Siebenbürger Schriftsteller entfernen sich naturgemäß zunehmend von der Landschaft ihrer Herkunft und wenden sich auch neuen Themen zu. Mit dem Exodus der rumäniendeutschen Literaten kam der Begriff von einer Ankunftsliteratur auf, mit der die gesellschaftliche Schnittstelle bezeichnet wird, die es nach dem Wechsel in den Westen zu überwinden galt. Wieviel an literarischer Heimat konnte dabei bewahrt werden? Dies ist eine tief greifende Frage, will man sie nicht allein auf die Thematik der Texte beziehen. Sie kann auch nur individuell, für das Werk des einzelnen Schriftstellers beantwortet werden, vielleicht auch bezogen auf eine Autorengeneration. In meinem Aufsatz »Angekommen – angenommen?«, der im oben erwähnten Buch enthalten ist, versuche ich, die Wirkung der neuen Welt auf einige aus dem Banat ausgewanderte Autoren zu erläutern. Literarische Heimat bewahren kann ja nur ein Autor, der seiner Heimat – trotz aller Misshelligkeiten und DrangsaFortsetzung auf seite 14


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lierungen – verbunden war und auch noch ist, daraus einen guten Teil seiner Identität und seines Selbstbewusstseins ableitet, sich dazu bekennt. Er muss deshalb kein Heimatschriftsteller im engen Sinne sein. Die zwei großen Sprachgruppen – die Banater Schwaben und die Siebenbürger Sachsen – durchlebten im sozialistischen Rumänien eine intensive kulturelle Annäherung , die nun in Deutschland wieder rückläufig geworden ist. Davon betroffen ist auch die jeweilige Literatur, die hier eher getrennt wahrgenommen wird, wenngleich die behandelte Problematik dieselbe ist. Gemeinsame Tagungen überbrücken nur zum Teil die zunehmende Separation. Für die gegenseitige Annäherung der deutschen Bevölkerungsgruppen Rumäniens unter dem Dach des Begriffs »rumäniendeutsch« gab es nach 1945 gute Gründe. Bei allen Unterschieden zwischen den Gruppen war und ist die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur, zur deutschen Sprachgemeinschaft das Gemeinsame und Verbindende. Alle deutschen Bevölkerungsgruppen waren in der Nachkriegszeit den gleichen Repressalien ausgesetzt – man denke an die Russland-Deportation! Schließlich hat das radikal zentralistische System im sozialistischen Rumänien im Bereich der Kultur dominante zentrale Einrichtungen geschaffen, in denen

Banater und Siebenbürger Deutsche gleichermaßen arbeiteten: die Zeitung »Neuer Weg«, die Zeitschrift »Neue Literatur«, der »Kriterion Verlag«. Die Temeswarer Leser wussten, was in Hermannstadt geschah, die Sathmarer erfuhren viel über Reschitza. Man saß im gleichen Boot, wenn auch zuweilen in unbequemer Stellung, konnte die Richtung zwar nicht selbst bestimmen, wollte sich aber gemeinsam über Wasser halten. Eine Art Notgemeinschaft, wenn dies vordergründig auch nicht so empfunden wurde. Hier und heute gibt es all diese Gründe nicht mehr. Der Begriff »rumäniendeutsche Literatur« war sowieso, auf Neudeutsch gesagt, ein Konstrukt. Die sogenannte »fünfte deutsche Literatur« setzte sich aus zwei Regionalliteraturen, der Banater und der Siebenbürger deutschen Literatur, zusammen. Doch von Separation würde ich nicht sprechen. Ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl und ein anregender Austausch zwischen Schwaben und Sachsen besteht auch in Deutschland fort, auch bei den Literaten. Oft wird das Fehlen eines eigenen Verlagshauses beklagt, das für die gesamte rumäniendeutsche oder sogar südostdeutsche Literatur zuständig ist. Obwohl es mehrere Verlage mit südostdeutschem Profil gibt, wissen viele potentielle Leser nicht, was auf dem Buchmarkt aufliegt. Was wäre zu unternehmen, um über die übliche, oft recht

dürftige Verlagswerbung hinaus, unseren Büchermarkt zu aktivieren? Die starke heimatliche, also lokale oder regionale Bindung der Aussiedler, wie ja auch im Falle der ostdeutschen Vertriebenen, hat bekanntlich weder ein gemeinsames Presseorgan noch einen gemeinsamen Verlag zugelassen. Für einen guten Überblick über die Buchveröffentlichungen deutscher Autoren aus Südosteuropa sorgt die Münchner Literatur- und Kulturzeitschrift »Spiegelungen«, die vorwiegend von den Literaten selbst gelesen wird. Intensivere Werbung könnte von den gruppenorientierten Zeitungen geleistet werden. Eine konsequente »Buchecke« in der »Siebenbürgischen Zeitung«, die auch relevante Neuerscheinungen von Banater Autoren oder über das Banat verzeichnet, wäre ebenso zu begrüßen wie eine ähnliche Rubrik in der »Banater Post«, die auch auf Siebenbürgisches hinweist. Die Bibliotheken der einschlägigen Kulturinstitute für die historischen deutschen Ostgebiete und südostdeutschen Siedlungsgebiete haben in diesem Bereich ein weites Aufgabenfeld, das es intensiver zu bestellen gibt. Das Gespräch führte Franz Heinz 

Walter Engel: Blickpunkt Banat. Beiträge zur rumäniendeutschen Literatur und Kultur. 566 Seiten. ISBN 3-922979-67-X

In der Mitte des 18. jahrhunderts errichtet, gehört die Domkirche in TemÊswar zu den bedeutendsten barocken Sakralbauten in Südosteuropa


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Fragment aus dem Roman »Kriegerdenkmal. 1914 – hundert Jahre später«

Abschied in Werschetz Die Familie des Autors, im Banat ansässig seit 1724, lebt heute vor allem in Deutschland und Österreich. Auf der Marmorplatte des Kriegerdenkmals in seinem Banater Dorf ist auch der Name seines 1915 in russischer Kriegsgefangenschaft umgekommenen Großvaters eingemeißelt. Für seine Witwe Katharina und die vier unmündigen Kinder konnte nichts mehr sein, wie es einmal war. Der unbewältigt gebliebene Verlust verlagerte sich in den nächsten Krieg. Katharina starb als Flüchtling in einem Dorf am Inn. Ihr Grab ist nicht mehr auffindbar. Für sie hat sich der Autor auf die Reise zu den alten Kriegsschauplätzen aufgemacht. Es sollte eine Spurensuche sein, aber es wurde im Kern eine Begegnung mit den Menschen und der Geschichte anderer Landstriche, mit ihren Nöten, Erinnerungen und verschütteten Erwartungen. Mit den gleichen Fragen, auf die überall nur halbe Antworten zulässig sind. Vor diesem Erlebnishintergrund ist der Roman »Kriegerdenkmal« angesiedelt. Phil verfolgte auf der Karte seinen Reiseweg zurück, der bereits am Anfang von einer Grenze durchkreuzt war, die vorgab, die anliegenden Landstädtchen sauber zwischen Serbien und Rumänien aufzuteilen. Werschetz, Weißkirchen, Hatzfeld – Phil gebrauchte für sich die alten deutschen Ortsnamen, obwohl ihm die serbischen, ungarischen und rumänischen geläufig waren und obwohl heute kaum noch Deutsche hier leben. Die Geschichte aber, meinte Phil, ist vielstimmig, und wenn genug Zeit vergangen ist, werden ohnehin die Ansprüche maßvoller und die Eitelkeiten flacher. Man könnte, dachte er, der Ansicht sein, es wäre seit 1918 genug Zeit vergangen, um alles so zu sehen, wie es einmal war und wie es geworden ist, nachdem die Sehnsüchte der Völker auseinander liefen. Alle meinten das Gleiche, aber jeder fühlte sich durch den anderen verhindert. Der neuen Zeit vorangegangen war eine andere neue Zeit. Ein Jahrhundert war angebrochen und die Welt gefiel sich, zumindest nach außen hin, so wie sie war. Gerade jetzt zu leben, wurde als Privileg empfunden, dabei zu sein im großen Aufbruch ins neue Zeitalter als epochales Erlebnis. Alles schien machbar. Europa war darauf aus, sich neu zu definieren mit alten Königshäusern und Kaiserreichen neben Industriebaronen und Bürgersinn. Gott schien entmachtet, die Kunst erfand sich neu, und in den Geschichtsbüchern häuften sich die Majuskeln. Das macht es nicht leichter. Musst hinhören auf Gesagtes und Verschwiegenes, und das Gesagte ist noch einmal zu hinterfragen, und das Verschwiegene ist auszuleuchten. Bruchstückhaft bleibt das Nachgeraffte, aber die Wahrheit, heißt es, hinterlässt immer nur Scherben. Und schon immer war sie im Verbergen geübt. Als hätten sie, die Beteiligten, 1914 die Wahrheit gekannt? Die Dabeigewesenen,

die Davongekommenen und die Hingegangenen, die Hinterbliebenen und die Nachgeborenen trugen ihr Schicksal auf die eine oder andere Art, und das war die ganze erfassbare Wahrheit. Und auch sie kann so gewiss nicht sein. In Werschetz, Phil kreuzte es auf der Karte an, hatte er seine Reise nach Galizien angetreten. In Vrsac, einer serbischen Kleinstadt mit rund 35.000 Einwohnern, angelehnt an den 680 Meter hohen und weithin sichtbaren Kudritzer Kopf. Verwaltungsmäßig gehört die Stadt zur autonomen Provinz Wojwodina, bis 1918 aber war sie königlich-ungarische Freistadt im Komitat Temesch. Knapp 25.000 Einwohner hatte sie schon damals: Deutsche, Rumänen, Serben, Ungarn. Als die Phylloxera kurz vor der Jahrhundertwende auch die Werschetzer Weingärten vernichtete, waren alle davon betroffen, die Winzer, die Händler und die Trinker aller Sprachen. Die Reblaus machte alle gleich, und das in einer Zeit, in der viele meinten, das nicht sein zu müssen oder zu können. Später wollten einige darin einen Fingerzeig des Allmächtigen erkannt haben, mit dem er gleichermaßen an die deutschen, rumänischen, serbischen und ungarischen Herzen rühren wollte und die Augen öffnen für das, was zählt. Gott liebte Werschetz wie es war, und es war glücklich ohne es zu wissen. Phil wollte, als er in Werschetz aus dem Zug stieg, Gefühle erst gar nicht aufkommen lassen. Sie versperren den Blick für das Eigentliche, fand er, und doch spürte er schon beim ersten Schritt die Geschichte. Sein Großvater Franz Potichen war in den ersten Augusttagen 1914 von einem dieser Bahnsteige mit dem königlich-ungarischen Infanterieregiment 7 nach Galizien verfrachtet worden. Ohne Wiederkehr. In Sarajewo hatte der Student Gavrilo Princip am 28. Juni den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie erschossen, und das veränderte für Franz Potichen über Nacht die Welt. Er war Bäckermeister in einem südungarischen Dorf, hatte eine liebenswerte Frau und vier gesunde Kinder, schwitzte und lachte, zählte abends die Einnahmen und begriff nicht so recht, wieso er nun und gegen wen tapfer sein sollte. Er hatte sich, um ehrlich zu sein, nie besonders viel aus dem Thronfolger gemacht, ja er empfand sogar eine zwar schwer erklärbare, aber dennoch deutlich vorhandene Zurückhaltung gegen ihn, genährt möglicherweise durch seine anerzogene und festgefügte Verehrung für den alten Kaiser Franz Joseph. Dem Bäckermeister Franz Potichen waren patriotische Gefühle nicht fremd, österreichische so wenig wie ungarische, aber er hatte Mühe einzusehen, warum er für das, was in Sarajewo vorgefallen war, in Galizien gegen die Russen kämpfen musste. Phils Großmutter hatte es immer wieder erzählt, wie sie mit ihrer damals siebenjährigen Tochter Marischka nach Werschetz gefahren war. An einem Dienstag im August, nach sieben Stunden Fahrt, kamen sie an. Auf dem Bahnhof wimmelte es von Soldaten, Bräuten und Kindern, es roch nach Bohnensuppe und stank nach Urin und Schweiß, Kommandos waren zu Fortsetzung auf seite 16


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hören, Trompeten wurden geblasen, Pärchen umschlangen sich, promenierten zwischen Tornistern und Gewehren. Züge kamen an und fuhren ab, es wurde gesungen und geweint, Taschentücher flatterten zum Abschied. – Und Franz war nicht da. Schon seit anderthalb Stunden irrten Mutter und Tochter umher, fragten nach dem königlich-ungarischen Regiment 7 auf dem Bahnsteig draußen, in der Halle und wieder draußen, und die Hoffnung wurde immer kleiner. Marischka hatte ihr schönstes Kleid an, hellblaue Seide mit Spitzenkragen, ein Kleid für besondere Anlässe. Es war heiß, und sie hatte Durst. Ein Limonadenverkäufer füllte zitronengelbe und himbeerrote Säfte in hohe Gläser, spülte sie in einem Kübel aus und füllte sie nach. Das Geschäft ging gut an diesem Dienstag auf dem Werschetzer Bahnhof, und es sah so aus, als hätte sich der Krieg schon jetzt für den Limonadenverkäufer gelohnt. »Trink nicht so hastig«, warnte die Mutter, und das Kind fragte gequält: »Wann kommt er endlich!« Er kam, stand in der offenen Tür eines Viehwaggons, aus der ein gutes Dutzend uniformierter Männer heraushingen, blaue Honvéds, einer wie der andere und fremd. Das Kind wich aus, erstarrte auf dem Bahnsteig als ihr Vater – war er’s? – auf sie zugelaufen kam, sie hochhob, herumwirbelte, und dann die wartende Frau in die Arme schloss und festhielt. »Ich dachte nicht mehr an den Krieg, nicht an Sarajewo und nicht an den Kaiser«, erzählte sie später. »Ich vergaß, wo ich stand und wie ich hingekommen war und spürte, dass ich nie mehr so geborgen sein werde.«

Phil lief die Bahnsteige ab, hielt an, lotete mit geschlossenen Augen die Stelle aus, auf der 1914, im August, der Abschied stattgefunden haben könnte, rief das Bild in sich wach, aus der Erinnerung weiter gereicht in die übernächste Generation. Ein inneres Beben, meinte er, müsste vom Boden ausgehen und die Stelle wie unter der Wünschelrute markieren. Es kann, redete er sich zu, nicht untergehen, was unverwunden in Erinnerung geblieben ist. Der Bahnhof in Werschetz war ein Eckpunkt seiner Familiengeschichte, ein Drehmoment, der die Lebensrichtung veränderte, denn nie wieder fand die ausgehebelte Welt des Bäckermeisters in den Ruhepol zurück. Vierzig Minuten hatte die Begegnung in Werschetz gedauert. Die Lokomotive stand unter Dampf. Waggons wurden angehängt, verlängerten den Zug weit über den Bahnsteig hinaus, die Signalglocke hämmerte, auf das Frachtgleis umgeleitete Züge hielten vor den Verladerampen, über die sonst das Schlachtvieh getrieben wurde. Das Bahnpersonal war überfordert und die Kommandos der Offiziere wurden überhört. Die Soldaten hockten kartenspielend auf ihren Holzkoffern, tranken oder schrieben Briefe und sangen in allen Sprachen der Monarchie, sparten nicht an flotten Bemerkungen, wenn sich ein Weiberrock zeigte, nähten Knöpfe fest und kramten im Tornister nach unauffindbaren Dingen. Franz Potichen hatte seine siebenjährige Tochter Marischka in den Nacken gehoben und den rechten Arm schützend um seine Frau gelegt, und wusste doch, dass sie hilflos zurückbleiben würden und seine Tapferkeit in Galizien nichts daran ändern wird. Franz Heinz: Kriegerdenkmal. 1914 – Hundert Jahre später. Roman. Anthea Verlag , Berlin 2014. 179 Seiten. ISBN 978-3-943583-29-8.

Redaktion der Beilage: Franz Heinz

Reisenotizen aus Israel »Von Palmen, Wüsten und Basaren« heißt das neue Buch von Hans Bergel, das in der Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH Berlin erschienen ist. Es sind aktuelle Reisenotizen aus Israel, die uns der aus Siebenbürgen stammende Autor vorlegt, Begegnungen und Erkundungen sowie Gedankengänge auch und Sequenzen aus vielen Gesprächen mit alten und neuen Freunden. Hans Bergel begegnet dem langjährigen Freund Manfred Winkler, mit dem er 1956 bei einem Schriftstellertreffen in Bukarest zum ersten Mal zusammentraf und der nun »im Land der Väter« Heimat gefunden hat. Der Bogen nach Siebenbürgen wird auf dieser Reise häufig geschlagen, und so ist es, bei aller morgenländischen Faszination, nicht zuletzt das Ausloten kultureller Interferenzen, was diese Reisenotizen von den sonst gängigen abhebt. Bergel begibt sich diesbezüglich nicht auf die Suche – es ist einfach da und kommt auf ihn zu, unabweisbar und mit überzeugender Selbstverständlichkeit. Das Land selbst, durchgeistigt und schon immer wie kein zweites auf der Gottsuche, umstritten und missverstanden, legendär und politisch brisant,

4. Mai, Grabmal Gurion, En Advát

Das Grabmal von ben Gurion

erlebt er allerdings weit über das Regionale hinaus. »Wie soll einer den Sogkräften dieser historischen und mythischen Dichte widerstehen?« fragt der Autor, und findet nur zu einer Antwort: »Ich werde wiederkommen.« Hans Bergel: Von Palmen, Wüsten und Basaren. Reisenotizen aus Israel. Edition Noack & Block, Berlin 2013. 86 Seiten, illustriert. ISBN 978-3-86813-019-5.

Der kalte Wind, der gestern Abend einsetzte, pfiff nachts durch die Fensterluken. Nach wie vor wolkenlos. Zwanzig Kilometer nördlich Mizpé Ramóns liegt auf einer Felsterrasse hoch über dem Haupttal mit freiem Blick nach Süden, Osten und Norden am Westrand grandios zerklüfteter Wadilandschaften das Ehepaar David Ben und Paula Gurion – zwei Granitkuben im Schatten dreier Akazienbäume. Der Platz wirkt wie emporgehoben über die aufgebrochenen majestätischen Schluchten, die zu der Morgenstunde, als wir aus den langen Windungen des Zugangs hinaustraten, tief unter uns in allen Wüstenfarben leuchteten. Die Komposition der Grabstätte mit Stilgefühl aus der Landschaft heraus empfunden – kein Zuviel, kein Zuwenig. Formel bedeutender Wirkung seit jeher. Die souveräne Einfachheit erinnerte mich an die Grabstätte Friedrichs des Großen in Sanssouci. Wer sich so beisetzen lässt, hat Format. Die Stunde an dem Ort wird mir unvergessen bleiben. Wüstenlandschaften tragen durch ihre Zurücknahme auf das Wesentliche die Monumentalität in sich. Ernst Barlachs Kunstverständnis. (Auszug, Seite 36)


17 Nachruf

In memoriam …

Dirk Urland M. A. (1960-2014) Er war kein Mensch mit dem Drang, sich in den Vordergrund zu stellen. Kein Selbstdarsteller, kein Freund des Lauten, Grellen, in welcher Form auch immer. So ist seine Lebensleistung zu weiten Teilen im gewissen Sinne »unsichtbar« geblieben – und war zugleich höchst sichtbar und hat die Arbeit unseres Hauses gerade nach außen hin in besonderer Weise sinnlich wahrnehmbar gemacht. Mehr als 22 Jahre lang hat Dirk Urland den Arbeitsbereich Ausstellungen der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus betreut. Das bedeutet, dass er im Rahmen seiner Tätigkeit für weit über 200 Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern und dokumentarischer Art verantwortlich war. Ein enormer »Schauwert« verbirgt sich also hinter diesen Zahlen. Kunstschaffende aus Deutschland und vielen anderen Ländern mit ihren Werken, Themen unterschiedlichster Art aus Kultur, Geschichte und Politik wurden dem Publikum nahegebracht – und die ungezählten Menschen, die all das anschauen konnten, haben wohl nur eher selten daran gedacht, wieviel Arbeit, Mühe, manchmal Probleme und gelegentlich Ärger zu überwinden waren, bis alles »auf dem (richtigen) Nagel hing«, seinen angemessenen Platz gefunden hatte und so wirklich gezeigt werden konnte. Die stets unprätentiöse, zähe Vorbereitungsarbeit war Dirk Urlands »Geschäft«, das er stets mit großer Ruhe, Umsicht, Gewissenhaftigkeit, Zielstrebigkeit und – das ist das vielleicht Erstaunlichste – mit unentwegt gleichbleibender Freundlichkeit betrieb und zum Erfolg führte. Den Ausstellungsbereich habe ich, das darf, das muss ich sagen, solange ich das Haus leiten darf, weitgehend sich selbst – oder vielmehr Dirk Urland überlassen, weil ich sehr schnell eingesehen habe, das ich das ohne Weiteres tun konnte. In der Gewissheit nämlich, dass er nicht nur das Notwendige, sondern auch alles Andere vorbereitete und dass ich mir eigentlich nur den Termin der Ausstellungseröffnung notieren musste, unbesorgt. Denn der Abend würde »funktionieren«. Wenn ich dann vor dem erwartungsvollen Publikum stand, um Begrüßungsworte zu sprechen, überkam mich zuweilen ein Anflug von schlechtem Gewissen, dass ich »im Vordergrund« stand, derjenige

aber, der praktisch alle Vorarbeit geleistet hatte, sich in der für ihn typischen Weise ganz hinten, in der letzten oder vorletzten Reihe platziert hatte – aufmerksam und mit dem nicht minder typischen, zuweilen etwas verschmitzten Lächeln. Für die ruhige Gewissheit, dass alles wohl vorbereitet war, dass ich mich – wie das Publikum – im Grunde nur auf ’s eigentliche »Anschauen« zu freuen brauchte, bin ich Dirk Urland dankbar.

Dirk Urland 1960-2014

Dirk Urland wurde am 1. Dezember 1960 in Dortmund geboren. Nach dem Abitur am dortigen GeschwisterScholl-Gymnasium hat er seit 1981 an der Ruhr-Universität Bochum Neuere und Mittelalterliche Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Als er sein Studium 1989 mit seiner Magisterarbeit über die Russlandpolitik Otto von Bismarcks abschloss, hat er gewiss noch nicht geahnt, dass er bald darauf in der Düsseldorfer Bismarckstrasse berufstätig sein würde. Er hat aber mit der »Blickrichtung nach Osten« in seinem Studium und in der Examensarbeit bereits entscheidende Voraussetzungen geschaffen, die dazu führten, dass er für die Leitung der Stiftung im Frühjahr 1991 der gegebene Mann war, um künftig die Arbeit in Sachen Ausstellungen, aber auch hinsichtlich anderer Veranstaltungen verantwortlich mitzutragen und mitzu-

gestalten. Dies in einer höchst aufregenden Zeit, als Mittelost- und Osteuropa in einem rapiden Wandlungsprozess begriffen waren, der ohne die Kenntnis der historischen Voraussetzungen dieses Raumes schlechterdings nicht verstanden werden konnte. Wie gut, dass nun auch ein Osteuropahistoriker in der Bismarckstrasse arbeitete. Zu dem Aufgabenkreis Dirk Urlands gesellte sich bald auch die Betreuung des »West-Ost-Journals«, der Hauszeitschrift der Stiftung. Für das Journal hat er nicht nur selbst ungezählte Beiträge geschrieben, sondern er hat auch mit hoher Sprachkompetenz und Akribie die redaktionelle Arbeit erledigt – ohne über die notorische Überschreitung von Ablieferungsterminen und vorgegebenen Artikellängen durch andere Mitwirkende zu klagen, aber dafür Sorge tragend, dass am Schluss ein in jeder Beziehung »vorzeigbares« Endprodukt herauskam. Auch in dieser Hinsicht wird er nicht leicht zu ersetzen sein. Dirk Urland war, das merkte man im Gespräch mit ihm rasch, ein »homo politicus«, ein politisch denkender Mensch, dabei indessen alles andere als ein sturer »Ideologe«. Fest in seinen Grundüberzeugen, zugleich aber immer bereit zum Diskurs, wo nötig auch zur kontroversen, aber fairen Auseinandersetzung. Die Dortmunder Sozialdemokratie war seine politische Heimat, das hat er natürlich nie verleugnet, auch wenn ihm die Berufstätigkeit in Düsseldorf weniger Zeit und Gelegenheit zum aktiven politischen Engagement ließ als in früheren Jahren. Die Nachricht von seinem Tod am 5. Januar 2014 hat uns alle in schrecklicher Weise überrascht. Niemand von uns – die wir, mit einer Ausnahme, weniger lange, zum Teil sehr viel weniger lange hier arbeiten – kann sich auf Anhieb das Haus ohne ihn vorstellen. Wir werden das lernen müssen, soviel steht fest. Aber auch dies: Er wird fehlen. Winfrid Halder


18 Musikalisch-litererarischer Abend

Tiere in Liedern und Gedichten von Rilke, Brecht und Anderen

»Und dann und wann ein weißer Elefant« Ein Panther, eine Krähe, ein Schwan Franzose Jean de La Fontaine und andere Tiere bevölkern die Lieder (1621-1695) und im deutschund Texte dieses musikalisch-literarisprachigen Raum der Sachse schen Abends. Nicht nur bei Rainer Gotthold Ephraim Lessing Maria Rilke, aus dessen Gedicht (1729-1781) fort. Die »Karussell« die titelgebende wohl bekannteste FaFr, Zeile stammt, sind Tiere Sinnbel der Moderne ist der 04.04. bilder. In allen Kulturen haben Roman »Farm der TieTiere – seit Jahrhunderten als 19.00 Uhr re« von George Orwell Nutztiere ständige Begleiter (1903-1950), die in ihder Menschen im Alltag oder rem Kern eine Parabel als Wildtiere deren permanente Bedroauf die Geschichte der Sowjethung – Eingang in Kunst und Literatur union ist. Die von den Tieren gefunden. Schon als Kinder begegnen gemeinsam durchgeführte Rewir ihnen in Märchen, ob als Bremer volution wendet sich allmähStadtmusikanten oder in Gestalt des lich in eine Gewaltherrschaft gestiefelten Katers. Auch in den Fabeln der Schweine über alle anderen der Antike bekommen sie menschliche Tiere – so wie auf die vom Volk Züge, natürlich mit der Absicht, den getragene Oktoberrevolution Menschen auf diese Weise ihre eigenen die Diktatur Stalins folgte. Makel vor Augen zu führen. Da gibt es Auch in der Lyrik wenden sich die Fabel über die fleißige Ameise und Schriftsteller Tieren zu: so die allzu vergnügungssüchtige HeuTheodor Storm (1817-1888) schrecke. Diese amüsiert sich im Somin »Die Nachtigall«, Wilhelm mer auf den Feldern, ohne sich um die Busch (1832-1908) in »Der Wintervorräte zu kümmern. Im Winter weise Schuhu«, Christian MorElke jahn (mit Gitarre), Alexandra Lachmann muss sie dann die fleißige Ameise, degenstern (1871-1914) in »Die ren Vorratskammern voll sind, um ein Mitternachtsmaus« und natürwirft ein Licht darauf, in welchem groAlmosen bitten. Oder die Fabel über lich Rainer Maria Rilke (1875-1926) in ßen Maße Tiere Künstlerinnen und den Fuchs, der die für ihn unerreich»Der Panther« oder »Das Karussell«. Künstler faszinieren und inspirieren. bar hoch hängenden Trauben als allzu Bertolt Brecht (1898-1956) verleiht Der Mensch in Beziehung zum Tier, sauer bezeichnet. Die Tradition der Faden Tieren in seinen »Tierversen« das Tier als Spiegel menschlicher Empbel als literarische Gattung setzen der menschliche Züge. Er tut dies auf seine findung – zwischen diesen beiden Po(für ihn) typische len bewegt sich das neue Programm Art: scharf und mit von Alexandra Lachmann (Gesang), politischem Biss. Elke Jahn (Gitarre) und Uli Hoch (ReTiere inspirieren zitation). nicht nur SchriftIhr Programm umfasst u.a. Texte von steller. In der klasRainer Maria Rilke und Ernst Jandl sischen Musik (1925-2000), Vertonungen von Bertolt wimmelt es nur Brechts »Tierversen« durch Paul Desso von Tieren. sau (1894-1979) und Lieder von Franz Joseph Haydn Schubert und Carl Maria von Weber (1732-1809) kom(1786-1826). Zum Programm gehören poniert »Die Lerauch »Hark, hark, the ark!« – ein Lieche«, Franz Schuderzyklus des englischen Komponisten bert (1797-1828) John W. Duarte (1919-2004) nach Tex»Die Forelle«, ten von Spike Milligan (1918-2002) Peter Tschaikowski – sowie Ausschnitte aus »Platero und (1840-1893) den ich« von Mario Castelnuovo-Tedesco »Schwanensee«, (1895-1968) nach dem gleichnamigen Camille SaintWerk von Juan Ramón Jiménez (1881Saëns (1835-1921) 1958). den »Karneval der Alexandra Lachmann, Elke Jahn und Uli Tiere« und Sergej Hoch waren bereits mehrmals Gäste in Prokofjew (1891unserem Haus und auch diesmal erwar1953) »Peter und tet die Besucherinnen und Besucher ein der Wolf«. abwechslungsreicher Abend mit einem Der musikalischaußergewöhnlichen Programm.  MP literarische Abend


19 Buchvorstellung

Wilhelm Böhm liest aus seinem Roman »Zu neuen Ufern«

Ein Kinderschicksal – Aus dem Sudetenland nach Hessen

Wie erlebt ein Kind, gerade mal 10 Jahzurückzukehren. Familienre alt, das Ende des »Dritten Reichs«? vater Leo will als DemonWie die Flucht aus der nordböhmitage-Arbeiter der Russen in schen Heimatstadt Reichenberg, die Neustadt (Sachsen) in einer heimliche Rückkehr mit der Mutter Art Rückzugsbasis durchund dann die endgültige Vertreibung? halten, falls das Wagnis von Wie die Ankunft in der neuen Heimat Ehefrau und Sohn, in der in Hessen? Diesen Fragen ist der Autor Heimat wieder Fuß zu fasWilhelm Böhm in seiner autosen, scheitert. Mit biographisch gefärbten Romaneiner zweifelhaften Tetralogie nachgegangen. Im Genehmigung zum Do, Mittelpunkt seiner zwischen Grenzübertritt in 15.05. 2005 und 2012 entstandedie Tschechoslowa19.00 Uhr kei ausgestattet, genen Bücher »Auf des Messers Schneide«, »Keine Liebe – kein lingt es den beiden Erbarmen«, »Zwischen Bangen Grenzgängern, in und Hoffen« und »Zu neuen Ufern« das Sommerhaus der Famisteht der zehnjährige Wilhelm Klinger, lie im Elbsandsteingebirge der gemeinsam mit seinen Eltern in zurückzukehren. Doch die Reichenberg lebt. Lebensbedingungen dort Von frühster Kindheit an mit der natiomachen es unmöglich, nalsozialistischen Indoktrination aufgelangfristig zu bleiben. Die wachsen, erkennt der Junge zum Ende Hoffnung auf einen Neudes Zweiten Weltkrieges, wie hohl die beginn der ganzen Familie Wilhelm Böhm Phrasen der menschenverachtenden in der alten Heimat weicht Ideologie sind. Aus der Ich-Perspektive im Fortgang der Ereignisschildert er die letzten Kriegstage in se der erschütternden Erkenntnis der verbrachte er in Brüx (heute Most) und Reichenberg und das Erlebnis der bedoppelten Beraubung – durch den makam mit der Versetzung seines Vaters dingungslosen Kateriellen Verlust an an das Oberrealgymnasium in Reipitulation des DeutGrund und Gütern chenberg (heute Liberec) 1940 in die schen Reiches. Nach und darüber hinaus damalige Gauhauptstadt. Hier erlebden gerade überlebdurch die gewaltsate er zusammen mit seinen Eltern das ten Schrecken des me Abtrennung der Kriegsende und die dann folgende VerKriegsendes bleibt seelischen Wurzeln. treibung in die ehemalige sowjetische die Familie in ihrer Gemeinsam mit seiBesatzungszone, nach Sachsen. Wie Heimat und ist nun ner Mutter muss der sein Romanheld Wilhelm Klinger kehrden neuen Bedroelfjährige Wilhelm te Böhm mit seiner Mutter zurück in hungen und der unter entwürdigendie damalige Tschechoslowakei, wo sie Willkür durch die den Begleitumstänein weiteres Jahr im dortigen SommerSieger ausgeliefert. den seine Heimat haus unter der neuen tschechischen Die guten Tschechinun endgültig verVerwaltung ausharrten. Im August schkenntnisse der lassen. Not und Be1946 wurde der Verfasser als Elfjähriger Mutter retten die drängnis bewältigen zusammen mit seiner Mutter in einer Familie mehrmals Mutter und Sohn zweiten Ausweisung in die amerikaaus gefährlichen Simit ungebrochenem nische Zone, nach Hersfeld/Hessen, tuationen. Dennoch Lebenswillen. Mit erneut vertrieben. Nach seinem Abitur kommt die Familie Einfallsreichtum und studierte Böhm Geschichte, Germanisin ein SammellaEntschlossenheit tik, Geographie, Englisch und Politoger für Deutsche in gelingen den beilogie an den Universitäten Heidelberg Reichenberg und den nach der langen und Würzburg. Ein Stipendium ermögwird schließlich auf und abenteuerlichen lichte ihm ein weiterführendes Studium Grundlage der Beneš-Dekrete enteigBahnfahrt im Viehwaggon erste Schritan der Universität London. Seine Unnet und Richtung Sachsen vertrieben. te beim Aufbau einer neuen Existenz in terrichtstätigkeit führte ihn schließlich Völlig ahnungslos, dass die endgültige Hessen. Hier setzt nun die Handlung nach Bayern, wo er neben seiner Arbeit Vertreibung der Deutschen aus den Sudes vierten Bandes »Zu neuen Ufern« an der Schule mit Veröffentlichungen detengebieten ihr längst beschlossenes ein, aus dem Wilhelm Böhm lesen und zu aktuellen Fragen, mit GeschichtsSchicksal ist, machen sich Mutter Klinerzählen wird. vorträgen und Sprachkursen auch in ger und ihr Sohn Wilhelm aus dem nahe Der Autor Wilhelm Böhm wurde als der Erwachsenenbildung tätig war. der Grenze gelegenen Aufenthaltsort Sohn deutscher Eltern 1935 in Prag Heute lebt er mit seiner Familie im bayauf den Weg, um in die alte Heimat geboren. Die ersten fünf Lebensjahre erischen Voralpenland. Margarete Polok


20 Lesung

Peter Härtling liest im Gerhart-Hauptmann-Haus

»Wer erzählt, erinnert sich.« Peter Härtling zählt zu den bekanntesder Nachricht vom Tod ten und beliebtesten deutschen Autodes Vaters, das Leben. ren. Den meisten Leserinnen und LeDie beiden nun elternsern ist er bereits aus ihrer Kinderzeit losen Kinder, Peter und bekannt, denn als Kinderbuchautor hat Lore, kommen in die er mit »Ben liebt Anna«, »Das war der Obhut der GroßmutHirbel« und »Krücke« Kinderbuchter. In dem Bildhauer klassiker geschaffen, die seit Jahund Maler Fritz ren zur Schullektüre gehören. Ruoff findet der Die große Beliebtheit von Peter junge Peter eiMi, Härtling unter Kindern lässt nen Mentor, der 18.06. sich auch daran ablesen, dass ihm in dieser 19.00 Uhr schwierigen Zeit deutschlandweit 16 Schulen seinen Namen tragen. Erwachsene zur Seite steht. Leser schätzen seine klugen RoDas Gymnasimane und Essays, seine Gedichte und um verlässt Peter HärtErzählungen, für die er mit zahlreichen ling vor dem Abitur, da Literaturpreisen ausgezeichnet worden er die Haltung einiger ist. Altnazi-Lehrer nicht erIm vergangenen Herbst ist Peter Härtträgt. Er wird Bürobote, Peter Härtling ling 80 Jahre alt geworden und kann eine gesicherte Zukunft auf ein Leben zurückblicken, das ihn scheint ungewiss. Wähvon Chemnitz über Brünn und Olrend eines Zeitungsvolontariats mamütz nach Zwettl in Österreich und chen sich sein sprachliches Gespür und schließlich nach Nürtingen in Badensein literarisches Talent bemerkbar. Mit Württemberg und Mörfelden-Walldorf erst 20 Jahren wird er Chef des Feuillein Hessen geführt hat. Seine Lebensstatons der Heidenheimer Zeitung. 1967 tionen bezeichnet er selbst als »Fluchtgeht er nach Frankfurt am Main zum spur« – das Resultat der europäischen renommierten Fischer Verlag als ChefGeschichte des 20. Jahrhunderts. lektor und ist von 1968 bis 1973 SpreGeboren am 13. November 1933 in cher der Geschäftsführung. 1974 wagt Chemnitz verbringt Peter Härtling er den Sprung in die Selbstständigkeit seine Kindheit in Hartmannsdorf, eials freier Schriftsteller. nem kleinen Örtchen bei Chemnitz. Seit 1959 ist Peter Härtling mit der PsyDie Familie reist häufig nach Dresden, chologin Mechthild Maier verheiratet. in die Heimatstadt der Mutter. Die väGemeinsam hat das Ehepaar, das nun terliche Seite der Familie stammt aus im hessischen Mörfelden-Walldorf lebt, dem mährischen Brünn, wohin Peter vier heute erwachsene Kinder. Härtling als Achtjähriger mit seinen Aus diesem großen Erlebnis- und ErfahEltern und der jünrungsschatz schöpft geren Schwester Peter Härtling die Im Rahmen der Lore 1941 zieht. Themen seiner Düsseldorfer In Olmütz ist der Bücher. Die eigene Literaturtage 2014 Vater als RechtsBiographie findet anwalt tätig. In der sich in dem JugendFamilie wird deutsch und tschechisch buch »Krücke« (1987) in der Figur gesprochen, da viele Verwandte, Freundes Flüchtlingsjungen Thomas wider, de und Bekannte Tschechen sind. 1945 der auf dem Transport aus der ČSSR flüchten die Härtlings ins niederösterseine Mutter verliert und ganz auf sich reichische Zwettl, wo der junge Peter gestellt Hilfe bei dem Kriegsinvaliden den Einmarsch der Roten Armee erlebt. »Krücke« findet. Die verstorbene MutIm Juli des gleichen Jahres stirbt sein ter wird in dem Roman »Eine Frau« Vater im unweit gelegenen russischen (1974) porträtiert, den Vater versucht Kriegsgefangenenlager Döllersheim – Härtling in »Nachgetragene Liebe« die Familie erfährt erst ein Jahr später (1980) zu ergründen. Er schreibt aus davon. Zusammen mit Mutter, Schwesseiner Erinnerung heraus, der Erinneter, Großmutter und Tante flüchtet Perung eines Kindes und Heranwachsenden, ter Härtling 1946 weiter nach Westen, Erinnerungen an Begebenheiten, Menbis nach Nürtingen. Dort nimmt sich schen, Orte. Indem er erzählt, erinnert die Mutter im gleichen Jahr, nach Erhalt er sich. Die Erinnerungen der eigenen

© Jürgen Bauer

Kindheit und Jugend werden zu einer erzählten Wirklichkeit. Gleichzeitig hat Härtling ein großes Interesse an dem Leben anderer. Seine als Romane angelegten Künstlerbiographien über die Schriftsteller Friedrich Hölderlin (»Hölderlin«, 1976) und Eduard Mörike (»Die dreifache Marie«, 1982) sowie über die Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (»Das ausgestellte Kind«, 2007), Robert Schumann (»Schumanns Schatten«, 1996) und Franz Schubert (»Schubert«, 1992) zeugen von seiner großen Liebe zu Kunst, Musik und Literatur. Auch in seinem letzten, 2013 erschienen Erzählungsband »Tage mit Echo« schildert er in zwei Erzählungen zwei Künstlerleben: das des am Ende seines Lebens stehenden fiktiven Schauspielers Robert Brodbeck und das des mit 23 Jahren verstorbenen Malers Carl Philipp Fohr. In beiden geht es um Härtlings Lebensthemen: um Anfänge und Abschiede, ums Jungsein und Altwerden, um Kunst, Musik, Literatur. Im Rahmen der Düsseldorfer Literaturtage 2014 liest Peter Härtling aus beiden Erzählungen und spricht mit Michael Serrer (Literaturbüro NRW) über sein bewegtes Leben und die Themen, die sein literarisches Schaffen prägen. Margarete Polok

Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Literaturbüro NRW


21 Gryphiuspreis & Vortrag

Nachlese

Verleihung des Andreas Gryphius-Preises an Hans Bergel

Am 22. November 2013 wurde Hans Bergel mit dem namhaften Andreas Gryphius-Preis ausgezeichnet. Der aus Kronstadt in Siebenbürgen (Rumänien) stammende Autor erhielt den Grossen Literaturpreis der KünstlerGilde Esslingen in Anerkennung seines umfangreichen literarischen Schaffens in mehr als 45 Buchveröffentlichungen. Hans Bergel wurde 1925 in Rosenau bei Kronstadt geboren. Nach dem Krieg arbeitete Bergel im kommunistischen Rumänien zunächst als Lehrer. In den 50er Jahren war er als Kulturredakteur

bei der deutschsprachigen »Volkszeitung« journalistisch tätig. 1959 wurde er verhaftet und im sogenannten Kronstädter Schriftstellerprozess, einem Schauprozess gegen die fünf siebenbürgisch-sächsischen Schriftsteller Wolf von Aichelburg, Hans Bergel, Andreas Birkner, Georg Scherg und Harald Siegmund, zu 15 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Auf Grundlage einer Generalamnestie für politische Häftlinge wurde er 1964 entlassen und durfte 1968 aus dem kommunistischen Rumänien ausreisen. In der BundesHans Bergel bei seiner Dankesrede

Verleihung des Andreas-Gryphius-Preises 2014 Freitag, 13. Juni 2014 | 18 Uhr

Es ergehen gesonderte Einladungen. Aus organisatorischen Gründen ist eine formlose persönliche Anmeldung erforderlich (auch telefonisch unter 0211/1699114 – Frau Bergmann – oder per e-mail bergmann@g-h-h.de möglich).

republik arbeitete Bergel als Journalist beim Bayerischen Rundfunk, bei der »Siebenbürgischen Zeitung« sowie als Mitherausgeber der »Südostdeutschen Vierteljahresblätter«. Daneben ist Hans Bergel als freier Autor tätig und hat Romane, Erzählungen sowie Gedichte und Essays verfasst. Aus seinen Werken sind hervorzuheben »Fürst und Lautenschläger« (1957), »Der Tanz in Ketten« (1977), »Wenn die Adler kommen« (1996) und »Wiederkehr der Wölfe« (2006).

Studie zum Aufstieg rechts- und nationalpopulistischer Parteien

»Europa – Nein Danke?« Der Rechtspopulismus scheint in Europa auf dem Vormarsch zu sein. Parteien wie die Wahren Finnen, der französische Front National und Geert Wilders PVV mobilisieren Vorbehalte und Ängste in der Bevölkerung und konnten sich mit Billigparolen in den letzten Jahren in ihren Ländern als relevante politische Kraft etablieren. Die

parlament wird der Mitautor der StuEnde 2013 geschmiedete Allianz der die, Prof. Dr. Florian Hartleb, seit 2013 Populistenführer Marine Le Pen und als Koordinator für Politikanalysen und Geert Wilders, der weitere Beitritte folParteienforschung bei der Kongen sollen, ist ein Warnzeichen: rad-Adenauer-Stiftung in Berlin Dem nächsten Europäischen tätig, neben den zentralen ErParlament könnten bis zu einem Do, gebnissen der Untersuchung die Drittel EU-Gegner angehören. 10.04. Erfolgsfaktoren von rechts- und Die Konrad-Adenauer-Stiftung 19.00 Uhr nationalpopulistischen Parteien kam in ihrer jüngst erschieneerläutern und Empfehlungen nen Studie für den Umgang mit solchen »Europa – Gruppierungen geben. Nein Danke?« zu einem Fazit, das zuModeration: Matthias Beermann, gleich ein Weckruf ist. Rheinische Post Die RechtspopulisEine gemeinsame Veranstaltung der ten sind mittlerweile Konrad-Adenauer-Stiftung, Düsseleine derart wachsendorfer Appell/Respekt und Mut – Dide Gefahr, dass die akonie Düsseldorf und der Stiftung etablierten Parteien, Gerhart-Hauptmann-Haus. besonders die konservativen Volksparteien, Die Studie steht kostenlos als pdfreagieren müssen. Download zur Verfügung: http:// Im Vorfeld der am 25. www.kas.de/wf/doc/kas_36200-544Mai stattfindenden Der Autor der Studie Prof. Dr. Florian Hartleb 1-30.pdf Wahlen zum Europa-


22 Vortrag

Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Manfred Kittel (Berlin)

Vertriebenengedenktag: Ja, aber wann? »Offizielle Gedenk- und Feiertage gemenen Hürde »bundesweit geltender hören zu den Symbolen, durch die ein gesetzlicher Feiertag« gibt es noch die Staat sich öffentlich darstellt. Durch Kategorie der »Gedenktage«, also der sie werden kollektiv erlebte Schlüsselerförmlich zu offizieller Bedeutung erhoeignisse oder -erfahrungen als für die benen Erinnerungsdaten, die – soweit Gegenwart bedeutsam und erinnesie auf Werktage fallen – nicht arbeitsrungswürdig hervorgehoben.« frei sind. »Nationale GedenkSo definiert es das »Protokoll tage« gibt es in Deutschland Inland der Bundesregierung«. derzeit vier: Zunächst den 27. Mi, Dergleichen »besondere Tage« Januar als Tag des Gedenkens 02.04. sind folglich ein wichtiger an die Opfer des Nationalsozi19.00 Uhr alismus; er bezieht sich auf den Gegenstand öffentlicher Geschichtspolitik. Die regelmäßi27. Januar 1945, an dem sowge »Feier« so festgelegter Erjetische Truppen das Konzentinnerungsdaten soll für die dauerhafte rationslager Auschwitz befreiten. Dann Verankerung bestimmter historischer den 17. Juni als Tag des Gedenkens Bezüge im allgemeinen öffentlichen an den Volksaufstand gegen die SEDBewusstsein sorgen. Der geschichtsDiktatur am 17. Juni 1953. Ferner den politische »Ritterschlag« besteht ge20. Juli als Tag des Gedenkens an den wissermaßen in der Erhebung eines Widerstand gegen die nationalsozialisDatums zum bundesweit geltenden tische Gewaltherrschaft; er bezieht sich gesetzlichen Feiertag. Damit sind wir auf den 20. Juli 1944, an dem Oberst Bundesrepublikaner indessen einigerGraf Stauffenberg und andere versuchmaßen zurückhaltend: Es gibt einen ten, ein Attentat auf Hitler zu verüben einzigen bundesweiten gesetzlichen und die NS-Herrschaft zu stürzen. Feiertag, der auf Bundesrecht beruht, Schließlich ist der Volkstrauertag (jenämlich den 3. Oktober als »Tag der weils am 2. Sonntag vor dem 1. Advent) deutschen Einheit«. Dieser wurde zu nennen. Er wurde als Gedenktag für durch Art. 2 des »Einigungsvertrages« die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zwischen der Bundesrepublik Deutschbereits durch Reichstagsbeschluss 1926 land und der DDR 1990 festgelegt. Der eingeführt, vom NS-Regime 1934 in 3. Oktober 1990 war der Tag, an dem »Heldengedenktag« umbenannt und der Beitritt Sachsens, Sachsen-Anhalts, schließlich 1952 in der Bundesrepublik Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpomunter der ursprünglichen Bezeichnung merns, Thüringens und der östlichen zum »Gedenken an die Toten zweier Bezirke Berlins zum Bundesgebiet forKriege an den Fronten und in der Heimal wirksam wurde. mat« förmlich wiedereingeführt. Eine Alle acht anderen bundesweit beganüberschaubare Zahl also, bisher. genen gesetzlichen Feiertage beruhen Seit geraumer Zeit gibt es indessen Beauf entsprechenden landesgesetzlistrebungen, einen weiteren nationalen chen Regelungen und haben überwieGedenktag zu schaffen. Im Dezember gend einen religiösen Ursprung in der 2010 stellten die Bundestagsfraktionen christlichen Tradition, so Karfreitag, von CDU/CSU und FDP einen AnOstermontag, Christi Himmelfahrt, trag, wonach die Bundesregierung bePfingstmontag sowie 1. und 2. Weihauftragt werden sollte »zu prüfen, wie nachtstag. Ausnahmen bilden lediglich dem Anliegen […] Rechnung getragen der 1. Januar und der 1. Mai als »Tag der werden kann, den 5. August zum bunArbeit«. desweiten Gedenktag für die Opfer von Die in der Bundesrepublik DeutschVertreibung zu erheben.« Der 5. Auland geübte Zurückhaltung bei der gust 1950 war der Tag, an dem in StuttFestlegung gesetzlicher Feiertage hat gart die »Charta der Heimatvertriebenatürlich einerseits eine ökonomische nen« von den Vertretern der einzelnen Seite. Feiertage als »Nicht-Arbeitstalandsmannschaftlichen Organisationen ge« sind auch volkswirtschaftlich reunterzeichnet wurde. levant. Andererseits ist ihre Festlegung Sogleich erhob sich Widerspruch inim Regelfall schwierig, da es sich ja um nerhalb und außerhalb des Parlaments, konsensfähige »Erinnerungsorte« (im und zwar sowohl hinsichtlich der FraSinne der Würdigung bestimmter hisge, ob ein solcher auf die deutschen torischer Bezüge) handeln muss. Vertriebenen am Ende des Zweiten Unterhalb der mithin selten genomWeltkrieges primär bezogener Gedenk-

tag überhaupt eingeführt werden und wenn ja, welches Datum dann gewählt werden solle. Ausdrücklich gegen den 5. August wandte sich sogleich in einem – mehrheitlich abgelehnten – Änderungsantrag die Fraktion der Grünen. Der von CDU/CSU und FDP gestellte Antrag wurde mit den Stimmen dieser Fraktionen am 10. Februar 2011 vom Bundestag angenommen. Seither ist die Diskussion über den »Vertriebenengedenktag« und mögliche Daten nicht abgerissen, ohne dass sich ein Konsens abzeichnet. Beteiligt sind daran auch verschiedene Landesregierungen, nicht zuletzt die bayerische und die hessische, die in gleichlautenden »Proklamationen« vom 27. August 2013 den zweiten Sonntag im September zum jährlichen »Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation« erklärten, der erstmals am 14. September 2014 förmlich begangen werden soll. Aber die Diskussion geht dennoch weiter, zumal im am 16. Dezember 2013 unterzeichneten Koalitionsvertrag der gegenwärtigen Regierungskoalition aus CDU/ CSU und SPD steht: »Wir halten die mahnende Erinnerung an Flucht und Vertreibung durch einen Gedenktag lebendig […]«. Eine Festlegung auf ein Datum steht indessen aus – und die Meinungen dazu gehen offenbar weiterhin auseinander. Prof. Dr. Manfred Kittel resümiert in seinem Vortrag den bisherigen Gang der Debatte um die Einführung eines Vertriebenengedenktages, erläutert die unterschiedlichen Positionen und die Begründung der diversen denkbaren Termine für einen solchen Gedenktag. Prof. Kittel ist einer der führenden Experten für die deutsche und internationale Erinnerungskultur bezüglich der Zwangsmigrationen vor allem im 20. Jahrhundert. Nach langjähriger Tätigkeit am renommierten Münchner Institut für Zeitgeschichte wurde er im September 2009 zum Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin bestellt. Seither ist er verantwortlich für den Aufbau der zentralen Erinnerungsstätte an Flucht und Vertreibung in der Bundesrepublik Winfrid Halder Deutschland.  In Zusammenarbeit mit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung


23 Rundgespräch

Ein Rundgespräch über Europa vor und nach dem »groSSen Krieg« 1914-1918

Kaiserdämmerung – Der Schattenwurf des Jahres 1914 Im Gespräch nach der Vorstellung seiauch der damalige serbische Ministernes aufsehenerregenden Buches »Die präsident Nikola Pasic (1845-1926) Schlafwandler. Wie Europa in den Ersverpflichtet waren. Clark geht davon ten Weltkrieg zog« (München 2013) aus, dass auch Pasic von dem Mordin unserem Programm des vergangekomplott immerhin wusste, auch wenn nen Jahres meinte der in Cambridge er wohl nicht unmittelbar beteiligt war lehrende Historiker Christopher – und jedenfalls nichts dageClark, er habe bereits nach dem gen unternahm. Und Clark ist Erscheinen der englischen Origientschieden der Auffassung, Di, nalausgabe im Jahr zuvor »etwas dass sich die führenden serbi10.06. beunruhigende« Leserkommenschen Verantwortlichen nicht 19.00 Uhr nur darüber im Klaren waren tare aus Serbien erhalten. Wieviel britisches Understatement dabei – im Einvernehmen mit ihauch im Spiel gewesen sein mag rem mächtigen Verbündeten – kein Zweifel kann daran bestehen, Russland –, dass das Attentat eine akute dass Clarks ausgesprochen kritische Kriegsgefahr mit sich bringen würde, Neubewertung der Rolle der serbisondern dass sie dies bewusst in Kauf schen Regierung im Zusammenhang nahmen. mit dem tödlichen Attentat auf den Die »Süddeutsche Zeitung« hat in ihösterreich-ungarischen Thronfolger rer Ausgabe vom 23. Januar 2014 über Erzherzog Franz Ferdinand im damals die Reaktionen in Serbien auf Christozur Habsburgermonarchie gehörenpher Clarks Buch berichtet, die allemal den Sarajewo am 28. Juni 1914 zu den »etwas beunruhigend« sind. Nationaspannendsten und am heftigsten dislistische Politiker und Historiker sprekutierten Aspekten des Buches zählt. chen von einer »brutalen UmschreiDer Umstand, dass der von serbischen bung der Geschichte« im Rahmen Attentätern verübte Mordanschlag der einer »Kampagne des Westens«, von unmittelbare Anlass zur Auslösung einer »Dämonisierung Serbiens«. Die der »Julikrise« war, die führende serbische Tagesdann binnen wenig mehr zeitung »Politika« sieht – als vier Wochen Europa in wie andere auch – hinter den Krieg stürzte, ist seit der von Clark und anderen jeher bekannt. Die Hinterentwickelten Sicht eine gründe indessen, wer von »Verschwörung« der EU, den Attentatsplänen wann die ihre eigenen Mitglieder wusste, wer die Vorbereigewissermaßen historisch tungen unterstützt hat, »versöhnen« wolle – auf wer glaubte, aus dem Tod Kosten der Nicht-Mitdes reformorientierten glieder Serbien und Russund militärischen »Probland. Führend bei diesem lemlösungen« gründlich Komplott kann natürlich abgeneigten Erzherzogs nur ein Mitgliedsstaat sein politischen Nutzen ziehen – das »mächtigste eurozu können – all dies ist seit päische Land«, nämlich 100 Jahren weit weniger klar und zum Deutschland, das – mit Österreich – Teil immer noch Gegenstand von Spean der eigenen historischen Reinwakulationen. schung arbeitet. Christopher Clark hat in seinem Buch Dergleichen ist gewiss für die meisten nun erheblich detaillierter als in vielen geschichtsinteressierten Deutschen früheren Untersuchungen die Belgraschwer nachvollziehbar, die sich den der Hintermänner der Attentäter von Australier Christopher Clark schwerSarajewo in den Blick genommen und lich als gewissermaßen »geschichtsposieht insbesondere den damaligen serlitischen Agenten« vorzustellen verbischen Geheimdienstchef Dragutin mögen. Und nur Kopfschütteln können Dimitrijevic (1876-1917) (Deckname wohl auch die Pläne hervorrufen, dem »Apis«) in einer Schlüsselrolle. Das eigentlichen Mörder Franz Ferdinands, ist zwar nicht neu, indessen zeigt Clark dem bosnischen Serben Gavrilo Prinausführlicher als andere die aggressive cip (1894-1918), an prominenter Stelle und expansionsorientierte »großserin Belgrad (und möglichst auch in Sarabische« Ideologie, der »Apis« und jewo) ein Denkmal zu errichten. Laut

Der aus Bosnien stammende Serbe Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajewo

einer Umfrage vom Herbst 2013 sehen 65 % der befragten Serben Princip als »Helden«, nur 7 % als »Terroristen«. Clarks Buch liegt inzwischen auch in Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch, Ungarisch, Rumänisch und sogar Chinesisch vor. Die serbische Übersetzung steht aus, soll aber Ende Juni 2014 bei einem kleinen Verlag erscheinen, nachdem die großen Belgrader Verlagshäuser offenbar nicht interessiert waren. Wir alle dürfen also auf den Fortgang der Debatte gespannt sein. Serbien befindet sich auf dem Weg in die Europäische Union, am 21. Januar 2014 haben die förmlichen Beitrittsverhandlungen begonnen. Nach der gegenwärtigen Zeitplanung soll es 2020 als 29. Mitglied aufgenommen werden. Ein sicherlich in mehrfacher Beziehung weiter Weg liegt noch vor dem Land. Wir beteiligen uns an der gegenwärtigen Diskussion über die Ursachen des Ersten Weltkriegs und zwar gemeinsam mit Frau Dr. Susanne Brandt, die als langjährige Wissenschaftliche Mitarbeiterin am vormaligen Lehrstuhl von Gerd Krumeich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die Forschungsentwicklung zum Ersten Weltkrieg bestens kennt. Mit ihr diskutiert Prof. Dr. Holm Sundhaussen. Prof. Sundhaussen hatte von 1988 bis zu seiner Emeritierung 2007 den Lehrstuhl für Südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin inne. Er gilt als einer der international führenden Experten für die moderne Geschichte Südosteuropas. Winfrid Halder

In Kooperation mit dem ASG-Bildungsforum Düsseldorf


24 Ausstellung & Kinemathek

Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Ernst Oldenburg (1914-1992)

Geworfen ins »Zeitalter der Extreme« Er war auch ein »1914er« – so wie nungen, dem Verlust von Gewissheiten, etwa Hanns Helmut Kirst oder Herbert dem Schwinden einst für unumstößlich Czaja. Eine Generation, deren Schickgehaltener Orientierungspunkte besal es war, nicht mehr der vermeintlich stand. »guten alten Zeit« vor dem Ersten Mit dem Ersten Weltkrieg brach das Weltkrieg angehören zu dürfen, an, was der britische Historiker der »Welt von Gestern«, wie Eric Hobsbawm (1917-2012) Mo, Stefan Zweig sie wehmütig gedas »Zeitalter der Extreme« 16.06. nannt hat. Einer Welt, in der es genannt hat – das mit dem Toscheinbar noch feste Ordnun17.00 Uhr talitarismus Herrschaftsformen gen und damit Orientierungshervorbrachte, die die scheinbar möglichkeiten gab, »Sicherheiselbstverständliche Trennung ten« wenigstens in subjektiver von »privat« und »öffentlich« Wahrnehmung. Nein, die 1914er wurim Leben jedes einzelnen Menschen den – auch wenn sie wie der am 8. Janicht mehr anzuerkennen bereit wanuar 1914 in Danzig geborene Ernst ren, ein Zeitalter, das ein Ausmaß von Oldenburg nominell noch zur letzten Zwang und Gewalt gebar, welches zu»Vorkriegsgeneration« gehörten – in vor schlechterdings undenkbar geweeine Welt geworfen, deren Signum für sen war. Dieses Zeitalter bildete den mehr als drei Dekaden in erster Linie Rahmen des größten Teils von Ernst in der Zerstörung überlieferter OrdOldenburgs Leben und bestimmte es

»08/15« – Teil 2 Gefreiter Asch in Russland Kriegswinter 1942. Gefreiter Asch ( Joachim Fuchsberger) liegt mit seiner Einheit seit Monaten im zermürbenden Stellungskrieg an der Ostfront. Zu allem Überdruss wird der ehrgeizige Hauptmann Witterer (Rolf Kutschera) zum neuen Batterie-Chef ernannt. Von kameradschaftlicher Führung, wie Ober-

Joachim Fuchsberger als Gefreiter Herbert Asch

leutnant Wedelmann (Rainer Penkert) sie pflegt, hält der Menschenschinder und Karrierist nichts. Stattdessen bringt er die Front in Aufruhr und das Leben der Truppe in Gefahr, indem er Schießereien und gefährliche Manöver ansetzt. Währenddessen wird Unteroffizier Vierbein (Paul Bösiger) nach Deutschland kommandiert, um Funkgeräte zu besorgen. Das erweist sich als eine schwierige Mission. Nach dem großen Erfolg des ersten Teils von »08/15« (1954) – es war der bis dahin erfolgreichste Film der Nachkriegszeit – wurde bereits ein Jahr später der zweite Teil nach der Romanvorlage von Hans Hellmut Kirst abgedreht. Während der erste Teil 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, endet, begegnen wir im zweiten Teil den Filmhelden drei Jahre später, mitten im Kriegsgeschehen wieder. Der Krieg mit seinen Grausamkeiten bleibt allerdings außen vor. Kirst schildert in seiner Vorlage den russischen Winterkrieg 1941/42 in einer Kampfpause. Die Schrecken des Krieges ahnt man nur zum Ende des Films, als Panzer über schutzlose Menschenkörper rollen.

Mi, 07.05. 15.00 Uhr

Selbstbildnis, 1989, Öl auf Leinwand

naturgemäß in hohem Maße mit. Ernst Oldenburgs Vater war eines der ungezählten Opfer des »Zeitalters der Extreme«, er fiel 1915 als Soldat der kaiserlichen Armee, noch bevor sein Sohn das zweite Lebensjahr vollendet hatte. Dieser erste große Krieg im Europa des 20. Jahrhunderts mag sich hauptsächlich weit weg von Oldenburgs Heimatstadt Danzig abgespielt haben, er griff jedoch auch jenseits des Todes seines Vaters in das Leben des Kindes ein mit Hunger, Angst und Unruhe. Die Verunsicherung der Erwachsenen wird er gespürt haben mit jener besonderen kindlichen Sensibilität für das Gebaren derer, von denen Kinder nicht zuletzt erwarten, dass sie ihnen Zutrauen zur Welt vermitteln. Vielleicht wurde schon in dieser unruhigen Kindheit, die mit Krieg, Revolution, Putschversuchen, wirtschaftlicher Misere und Hochinflation die meisten Erwachsenen unablässig umtrieb, bei Ernst Oldenburg ein Grundzug seiner Existenz begründet, nämlich der des Suchens nach Ausdruck für Zeit und Menschen. Klar ist, dass er sehr früh den Wunsch entwickelte, Künstler zu werden, und mit erstaunlicher Zielstrebigkeit bereits als 14-Jähriger an die Erfüllung dieses Wunsches ging. 1928 konnte er erreichen, dass ihn der Maler Fritz A. Pfuhle in sein Atelier im Fachbereich Architektur an der Technischen Hochschule Danzig aufnahm. Dank der gediegenen Ausbildung hier konnte es der 18-Jährige bereits 1932 wagen, erstmals in einer Ausstellung eigene Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren.


25 Ausstellung & Konzert Oldenburg stand folglich noch Schaffensdrang war, davon zeugt der ganz am Beginn seiner künstleUmstand, dass der 74-Jährige, nach eirischen Entwicklung und Karrinem Schlaganfall rechtsseitig gelähmt, ere, als das NS-Regime errichtet sich die Fähigkeit abrang, mit der linken wurde und schnellstmöglich die Hand zu malen. Mit dem ZusammenFreiheiten der demokratisch rebruch der kommunistischen Regime in gierten Weimarer Republik zuOst- und Ostmitteleuropa und der Genichte machte – auch hinsichtwinnung der deutschen Einheit durfte lich des künstlerischen Schaffens. der 1914er Ernst Oldenburg noch das Zweifellos kam Ernst Oldenburg Ende des »Zeitalters der Extreme« kaum umhin, als junger Künstler, erleben. Am 9. Januar 1992, einen Tag der 1938 eine Familie gründete, nach seinem 78. Geburtstag, ist Ernst den offenen Konflikt mit dem Oldenburg in Unna gestorben. Regime zu scheuen, einem ReAnlässlich seines 100. Geburtstages gime, das sich auch für berechnehmen wir mit einer Werkschau die tigt hielt, rigoros festzulegen, was Gelegenheit wahr, an den bedeutenden, Kunst, was insbesondere die alaus Danzig stammenden Künstler Ernst lein zulässige »deutsche Kunst« Oldenburg zu erinnern. Winfrid Halder war. Oldenburg war vor allem in einer gewissen »Nische« tätig, er schuf in Berlin großformatige Sich aufbäumendes Pferd, 1968, Öl auf Ausstellungseröffnung: Wandbilder in den Gebäuden Leinwand Montag, 16.06. - 17.00 Uhr von meist größeren Unternehin Anwesenheit der Tochter des Künstmen – also in einer Grauzone lers Karola Ramas-Oldenburg zwischen »privat« und »öffentein Atelier einrichtete, begann 1968 lich«. Zugleich bemühte er sich auch, seine letzte Lebens- und ArbeitsphaLaufzeit der Ausstellung: 16.06.-25.07. durch Reisen (etwa nach Paris) den Anse. Darin nehmen Darstellungen des schluss an internationale Tendenzen in menschlichen Körpers einen wichtiÖffnungszeiten der Ausstellung vgl. S. 27 der Kunstszene nicht zu verlieren. gen Raum ein. Wie ungebrochen sein Hätte ihn das NS-Regime als bedeutsamen »Staatskünstler« betrachtet, so wäre Oldenburg wohl die Einberufung 1940 erspart geblieben. So aber Konzert anlässlich des 300. Geburtstages war er bis 1945 Soldat und erlebte das von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) Kriegsende als Verwundeter in einem Lazarett im vorpommerschen Stralsund. Eine Rückkehr nach Danzig war ausgeschlossen, so blieb Oldenburg mit seiner nach Stralsund geflohenen Familie in der traditionsreichen Hansestadt. In der Sowjetischen Besatzungszone versen stimmungsvollen Konzertabenund dann der jungen DDR konnte er Christoph Willibald Gluck wurde zwar den wohlbekannte Malinconia-Ensemwieder seine künstlerische Tätigkeit im oberpfälzischen Erasbach geboren, ble Stuttgart unter Leitung von Helmut aufnehmen, musste aber – wie so viegeprägt hat ihn jedoch – wie er selbst Winfrid Halder Scheunchen.  le andere auch – bald feststellen, dass bekundete – Böhmen, wo er seine dort von Freiheit gleichwelcher Art keiKindheit und June Rede sein konnte. 1953, kurz nach gend verbrachte. dem Volksaufstand vom 17. Juni, floh Als Dreijähriger Mi, Ernst Oldenburg in die Bundesrepubkam der Sohn ei11.06. lik Deutschland und ließ sich bald danes Försters zurauf im westfälischen Marl nieder. Mit nächst nach Rei19.00 Uhr der fortschreitenden Etablierung als chenberg, später Künstler in Westdeutschland ging die nach Eisenberg, Möglichkeit einher, wieder Auslandswo sein Vater in die reisen zu unternehmen. Der wiederaufDienste des Fürsgenommene Kontakt mit Kolleginnen ten Lobkowitz trat. Wie für Gluck, der und Kollegen in Paris und anderwärts der erste moderne »Starkomponist« blieb nicht ohne Einfluss auf seine stiwurde und jahrzehntelang die eurolistische Entwicklung. Die Bildhauerei päischen Opernbühnen mit seinem nahm neben der Malerei längst einen Schaffen beherrschte, war Böhmen der bedeutenden Platz in seinem Schaffen musikalische Urgrund für ungezählte ein. Vom wachsenden PublikumsinterMusiker. Neben Gluck werden in dem esse an seinen Arbeiten zeugt auch eine Konzert der gebürtige Budweiser AdalVielzahl von Ausstellungen im In- und bert Gyrowetz (1763-1850), der aus Ausland. Welchau stammende Dionys Weber Mit der Übersiedlung nach Unna-Kes(1766-1842) und andere gewürdigt. sebüren, wo Oldenburg sich neuerlich Es spielt das unserem Publikum aus diChristoph Willibald Ritter von Gluck

»Aber in meiner Heimat treibt alles Musik…« – Böhmen, das Konservatorium Europas


26 Chronologie Mi jeweils 18.00 bis 20.30 Uhr Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft OstpreußenWestpreußen- Sudetenland Leitung: Radostina Hristova Mi 09.04., 07.05., 04.06., | jeweils 15 Uhr Ostdeutsche Stickerei mit Helga Lehmann und Christel Knackstädt Raum 311 Do 10.04., 15.05., 12.06. | jeweils 19.30 Uhr Offenes Singen mit Barbara Schoch Raum 412 Mi 02.04. | 19.00 Uhr »Vertriebenengedenktag: Ja, aber wann?« Vortrag von Prof. Dr. Manfred Kittel Konferenzraum Fr 04.04. | 19.00 Uhr »Und dann und wann ein weißer Elefant« Musikalisch-literarischer Abend mit Alexandra Lachmann, Elke Jahn und Uli Hoch Eichendorff-Saal Mo 07.04. | 18.00 Uhr Ausstellungseröffnung »Sein Lied ging um die Welt. Auf den Spuren des Tenors Joseph Schmidt« Konferenzraum Do 10.04. | 19.00 Uhr »Europa - Nein Danke?« Vortrag von Prof. Dr. Florian Hartleb Konferenzraum Mi 23.04. | 14.00 Uhr Führung durch die Joseph Schmidt-Ausstellung mit Dr. Katja Schlenker Mi 23.04. | 15.00 Uhr Kinemathek »Ein Lied geht um die

Welt« (1933) Eichendorff-Saal Mi 30.04. | 13.00 Uhr Führung durch die Joseph Schmidt-Ausstellung mit Dr. Katja Schlenker Mo 05.05. | 19.00 Uhr »25 Jahre Umbruch in Ostmitteleuropa und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft der Republik Polen und der Tschechischen Republik« Podiumsdiskussion Staatskanzlei NRW Mi 07.05. | 15.00 Uhr Kinemathek »08/15« - Teil 2 (D 1955) Eichendorff-Saal Mi 14.05. | 19.00 Uhr »Andreas Hillgruber (19251989) - Ein deutscher Historiker« Vortrag von Prof. Dr. Jost Dülffer Konferenzraum Do 15.05. | 19.00 Uhr »Zu neuen Ufern« Lesung mit Wilhelm Böhm Konferenzraum Mo 19.05. | 19.00 Uhr »Alle Welt preist Deine Herrlichkeit« - Die religiösen Gesänge Joseph Schmidts Vortrag von Carsten Eichenberger Jüdische Gemeinde Düsseldorf, Leo-Baeck-Saal, Zietenstraße 50 Mi 21.05. | 19.00 Uhr »Joseph Schmidt - Die ‚Ausmerzung des jüdischen Elementes‘ in der deutschen Musik (19331945)« Vortrag von Helmut Braun Konferenzraum Di 27.05. | 19.00 Uhr In memorian… Erich Loest

(1926-2013) Vortrag und Diskussion mit Dr. Jörg Bilke Konferenzraum Di 10.06. | 19.00 Uhr »Kaiserdämmerung Der Schattenwurf des Jahres 1914« Gespräch mit Dr. Susanne Brandt und Prof. Dr. Holm Sundhaussen Konferenzraum Mi 11.06. | 19.00 »Aber in meiner Heimat treibt alles Musik…« - Böhmen, das Konservatorium Europas Konzert anlässlich des 300. Geburtstages von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) Konzert mit dem Malinconia-Ensemble Stuttgart Eichendorff-Saal Fr 13.06. | 18.00 Uhr Verleihung des Andreas Gryphius-Preises Ausstellungsraum Mo 16.06. | 17.00 Uhr Ausstellungseröffnung Generation 1914 - Der Maler Ernst Oldenburg (1914-1992) Ausstellungsraum Mi 18.06. | 19.00 Uhr »Wer erzählt, erinnert sich« Lesung mit Peter Härtling Eichendorff-Saal So 22.06. | 11.00 Uhr »Wach auf und träume« Lesung mit Hanna Schygulla Savoy-Theater Fr 27.06. | 12.30 Uhr »Als im Gurkenland die Häuser wuchsen« Präsentation des Schulprojektes Eichendorff-Saal


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Neues aus der Bibliothek

Riga – Kulturhauptstadt Europas 2014

Andreas Fülberth: Riga. Kleine Geschichte der Stadt. Köln, Böhlau, 2014.

Lettlands Hauptstadt Riga ist die größte und zugleich älteste Stadt des Baltikums. 2001 feierte sie ihren 800. Geburtstag und 2014 ist sie Kulturhauptstadt Europas. Kaum eine andere Ostseemetropole blickt auf eine ähnlich wechselvolle Geschichte zurück und zeigt derart deutlich ein von mindestens vier verschiedenen Bevölkerungsgruppen, den Letten, Deutschen, Russen und auch Juden geprägtes Gesicht. Das Buch beschreibt, wie Riga zu einem bedeutenden mittelalterlichen Handelszentrum aufstieg, wie es im 16. Jahrhundert an Polen-Litauen, im 17. Jahrhundert an Schweden und im frühen 18. Jahrhundert an das Zarenreich fiel und wie es nach 1850 schließlich zu einer pulsierenden Großstadt heranwuchs. Die unverkennbaren Narben, die das 20. Jahrhundert im Stadtbild hinterließ, waren für die UNESCO 1997 kein Hindernis, das Stadtzentrum mit seinem faszinierenden Nebeneinander von Backsteingotik, Jugendstil-Pracht und einzigartiger Holzarchitektur als Weltkulturerbe anzuerkennen. Andreas Fülberths kleine Stadtgeschichte der größten Stadt im Baltikum ist eine fundierte Informationsquelle und zugleich ein lesenswerter Reisebegleiter.

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Titelbild Zu den Höhepunkten der diesjährigen Düsseldorfer Literaturtage zählt die Lesung der Schauspielerin Hanna Schygulla. In einer Matinee wird sie aus ihrer Autobiographie „Wach auf und träume“ lesen. Das Titelbild zeigt sie bei der Präsentation des 2013 erschienen Buches. Copyright Jim Rakete

West-Ost-Journal 2 2014  

Programmzeitschrift der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus

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