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WOJ 16. Jg. - 2/2010

April/Mai/Juni 2010

ISSN 0947-5273

Von Kรถnigin Luise zur FuรŸballweltmeisterschaft Mittendrin statt nur dabei!


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Inhalt „Die Stunde des Bösen ist die Stunde der falschen Vereinfachung.“ 3 „Abwarten und Zusehen sind keine christlichen Haltungen“

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Die preußische Madonna Königin Luise. Leben und Mythos 6 Überflüssig? Das Ende des Vertriebenenministeriums 1969 7 Konservativer Preuße durch und durch: Carl Goerdeler 20 Jahre danach: Voraussetzungen und Folgen der deutschen Einheit

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Ernst David Kaiser: „Die Geschichte eines Mordes“ 10 Bieneks Oberschlesien

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Bergersdorf – keine einfache Geschichte

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„Zukunft - Stadt - Geschichte“ – Städte in Schlesien gestern und heute 13 „Gehetzt. Südfrankreich 1940 – Deutsche Literaten im Exil“

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„Königin Luise. Liebe und Leid einer Königin“ (Deutschland 1957)

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„Die erste Polka“ (Deutschland 1979) 16 „Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“ (Deutschland 1987)

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„Meine Zeit wird kommen“

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20 Jahre gesamtdeutsche Demokratie - Eine Zwischenbilanz

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Vergangenheit dokumentieren – Zukunft gestalten

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„east meets west“

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Liveübertragung der Fußball-WM

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Wanderer zwischen den Kulturen – Deutsche aus Russland in NRW

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Wie deutsch sind die Russlanddeutschen?

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NRW in Oberschlesien

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Materialien und Projekte für den Unterricht

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Studienfahrten

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Bibliothek

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am 8. Mai 2010 wird es 65 Jahre her sein, dass der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Inzwischen lebt die fünfte oder schon die sechste Nachkriegsgeneration, so dass für die allermeisten Menschen der Gegenwart der Krieg nicht einmal mehr eine ferne Erinnerung, sondern eben nur Geschichte ist. Umso bedeutsamer ist es, das historische Gedenken an diesen Krieg wachzuhalten, da die lebendige Erinnerung derer, die einst die unselige Dekade der 1930er und frühen 1940er Jahre noch selbst miterlebt und miterlitten haben, dahinschwindet. Umso wichtiger ist es auch, das Bewusstsein wachzuhalten, dass dieser Krieg von Deutschland ausgegangen ist – in diesen Tagen jährt sich auch der Tag zum 65. Mal, an dem Hitler Selbstmord beging und sich so der Verantwortung für das entzog, was unter seiner Führung im deutschen Namen geschehen war. Die katastrophalen Folgen hatten alle Überlebenden in Deutschland zu tragen, dem Land, das weithin in Trümmern lag, und das nun zerstückelt wurde nach dem Willen der Sieger. Thomas Mann, der 1933 Deutschland verlassen hatte, stellte am 10. Mai 1945 in einer der letzten seiner berühmten RadioAnsprachen aus dem amerikanischen Exil fest: „Und dennoch, die Stunde ist groß – nicht nur für die Siegerwelt, auch für Deutschland –, die Stunde, wo der Drache zur Strecke gebracht ist, das wüste und krankhafte Ungeheuer, Nationalsozialismus genannt, verröchelt und Deutschland von dem Fluch wenigstens befreit ist, das Land Hitlers zu heißen.“ Das stimmt – es stimmt aber auch, dass gewaltsamer Tod, Leid und Unrecht mit dem 8. Mai 1945 nicht beendet waren. Vielmehr wurden jetzt noch Millionen Deutsche davon getroffen, vor allem solche Menschen, deren Heimat zufällig östlich von Oder und Lausitzer Neiße lag. Der Philosoph Theodor Haecker, ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus, an dessen Tod vor 65 Jahren wir in diesem Heft auch erinnern, wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der wichtigste Grundsatz der Wahrheitsliebe der ist, nichts auszulassen. In diesem Sinne haben wir uns bemüht, auch für das nun beginnende Quartal ein facettenreiches Programm zusammenzustellen, das vielerlei Bezüge zur deutschen Geschichte und Kultur aufweist. Das Nähere hierzu finden Sie wie üblich auf den folgenden Seiten. Wir freuen auf Ihre nächsten Besuche im Gerhart-Hauptmann-Haus! Herzlich Ihr

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„Die Stunde des Bösen ist die Stunde der falschen Vereinfachung und der falschen Gleichungen.“ Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2010 „Die Stunde des Bösen ist die Stunde der falschen Vereinfachung und der falschen Gleichungen. Gut ist gleich böse, und böse ist gleich gut. Der Erfolg ist gut. Jedes Mittel ist recht.“ Diese Sätze notierte der Philosoph Theodor Haecker am 10. Juli 1940 in sein geheimes Tagebuch. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die NS-Diktatur unter Hitler vermeintlich auf dem Höhepunkt ihres Erfolges: Das im September 1939 angegriffene Polen war binnen weniger Wochen geschlagen und besetzt worden. Im April 1940 waren Dänemark und Norwegen – beide neutral – ihrerseits handstreichartig von der Wehrmacht okkupiert worden. Im Mai folgte die Besetzung der Niederlande, Luxemburgs und Belgiens. Am 22. Juni 1940 wurde das überraschend schnell geschlagene Frankreich zur Annahme eines Waffenstillstandes gezwungen. Hitler ließ sich einen Tag später vor dem Eiffelturm posierend ablichten und dieses Bild zeigten Zeitungen rund um den Globus. Einzig Großbritannien stand noch unbesiegt im Krieg mit Hitler-Deutschland – seit dem Juli 1940 tobte am Himmel über den britischen Inseln die Luftschlacht, die scheinbar nur das Vorspiel zur geplanten Landung von deutschen Streitkräften dort war. Sebastian Haffner, damals selbst als politischer Emigrant in London lebend, bemerkte in seinen klugen, 1978 zuerst erschienenen „Anmerkungen zu Hitler“ dazu, die Ereignisse von 1939/40 hätten dessen „Ruf als Wundertäter und diesmal auch als militärisches Genie“ befestigt wie nie zuvor. Theodor Haecker gehörte zu denjenigen Menschen des „Anderen Deutschland“, die sich vom Begeisterungstaumel nicht mitreißen ließen. Der 1879 im schwäbischen Eberbach geborene Haecker wuchs in Esslingen am Neckar auf, wo sein Vater als Ratsschreiber tätig war. Schon während seiner kaufmännischen Lehre bildete sich Haecker autodidaktisch weiter, so dass er mit dem nachgeholten Abitur später in Berlin und München studieren konnte. Der mit Haecker seit Jugendtagen befreundete Münchner Verleger Ferdinand Schreiber bot ihm eine Beschäftigung

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in seinem Unternehmen, die Haeckers materiellen Unterhalt sicherte und ihm zugleich einigen Raum ließ für seine Tätigkeit als Übersetzer (u. a. von Werken Vergils, Sören Kierkegaards und John Henry Newmans) und Autor. Da der nicht nur philosophisch, sondern auch politisch interessierte Haecker seit 1905 ständig in München lebte, erlebte er nach dem Ersten Weltkrieg die Anfänge der NSDAP und der politischen Karriere Hitlers aus nächster Nähe mit. Hinsichtlich seiner

Theodor Haecker Haltung zum Nationalsozialismus freilich ließ Haecker niemals Zweifel aufkommen. Bereits in einem Aufsatz vom Juni 1923, noch vor dem gescheiterten, aber öffentlichkeitswirksamen November-Putsch, als Hitler allenfalls den Rang einer Münchner Lokalgröße hatte, hat Haecker ihn scharf angegriffen. Ein ebenfalls entschieden ablehnender Artikel Haeckers, der Anfang 1933 in einer in Österreich erscheinenden Zeitschrift publiziert wurde, trug ihm im Mai 1933 seine erste Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei ein. Bereits in den 1920er Jahren hatte Haecker sich als einer der bedeutendsten Köpfe unter den katholischen Intellektuellen Deutschlands profiliert – in deren publi-

zistischem Flaggschiff „Hochland“ war er ständiger Autor. Seit 1933 hat er einer beeindruckend dichten Kette von Büchern der NS-Weltanschauung das christliche Menschen- und Weltbild entgegengestellt (Was ist der Mensch? 1933; Schöpfer und Schöpfung 1934; Der Christ und die Geschichte 1935; Schönheit. Ein Versuch 1936; Der Geist des Menschen und die Wahrheit 1937). Inzwischen längst mit öffentlichem Redeund Publikationsverbot belegt, lernte Haecker 1941 durch den „Hochland“Herausgeber Carl Muth Hans und Sophie Scholl und deren Freundeskreis kennen. Heimlich las er aus verschiedenen seiner Bücher für sie und es ist bezeugt, dass Haecker wesentlichen Einfluß auf die geistige Haltung der „Weißen Rose“ ausübte. Dieser ist bis in einzelne sprachliche Wendungen der Flugblätter der studentischen Widerstandsgruppe hinein nachvollziehbar. Nach der Verhaftung der Scholls und ihrer Freunde im Februar 1943 ist Haecker selbst dem Zugriff der Gestapo nur knapp entgangen – seine Tochter hat geistesgegenwärtig das TagebuchManuskript, in dem Haecker seinem Zorn gegen die verbrecherischen Machthaber freien Lauf ließ, während einer Durchsuchung als Klaviernoten getarnt aus dem Haus geschafft. Später wurde es von Inge Scholl, der jüngeren Schwester des am 22. Februar 1943 ermordeten Geschwisterpaares, versteckt. Ein gegen Haecker eingeleitetes Hochverratsverfahren vor dem „Volksgerichtshof“ in Berlin wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt. Theodor Haecker ist vor 65 Jahren am 9. April 1945 in Ustersbach bei Augsburg gestorben. Er wurde nur 64 Jahre alt. In München „ausgebombt“, hatte er sich dorthin zurückziehen müssen. Im Chaos des Zusammenbruchs des „Tausendjährigen Reiches“ waren die zur Behandlung von Haeckers Zuckerkrankheit erforderlichen Medikamente nicht mehr zu beschaffen. Knapp drei Wochen später besetzten Truppen der US-Armee München und Umgebung. Haecker verstummte also in einer Zeit, in der das untergehende NS-Regime in einem letzten Mordrausch dafür sorgte, dass auch zahlreiche andere Protagonisten des „Anderen Deutschland“ nicht mehr an einem Neubeginn mitwirken konnten: In den Monaten vor dem 8. Mai 1945 wurden Helmuth James von Moltke, Hans Oster, Fortsetzung auf Seite 4

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Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes

Theodor Haecker. Das „Lexikon der Gerechten unter den Völkern“, das solche Personen würdigt, die nachweislich vom Carl Goerdeler, Hans von Dohnanyi, Heimatverlust und Deklassierung durch NS-Regime politisch oder rassisch VerDietrich Bonhoeffer und viele andere er- Flucht und Vertreibung erlitten haben. folgten Hilfe geleistet haben, verzeichnet mordet. Dohnanyi, Oster und Bonhoeffer Deutschland hat den Krieg begonnen fast 40 Personen, die aus den Regionen starben am gleichen Tag wie Haecker im und verloren, das darf nicht ausgelassen östlich von Oder und NeiKonzentrationslager Flosße oder dem Sudetenland senbürg von Mörderhand. stammten und es ist nicht Einige dieser Persönlichersichtlich, dass die Herkunft keiten, die ihre familiären der mutigen Helferinnen und Wurzeln im historischen Helfer über das damalige deutschen Osten hatten, könReichsgebiet irgendwie unnen wir in diesen Wochen gleich verteilt gewesen wäre. stellvertretend würdigen Die Aufforderung nichts aus(vgl. S. 5). Sie hätten gerade zulassen gilt auch weiterhin, auch Nachkriegsdeutschland heute 65 Jahre nach dem noch einiges zu sagen gehabt. Ende des Zweiten WeltkrieHaecker hat dies immerhin ges in Europa. Deshalb ist noch in seinen 1947 erstmals es auch gut und richtig, dass posthum veröffentlichten in der Bundeshauptstadt „Tag- und Nachtbüchern“ tun Berlin und damit unweit können. Etwa mit diesem Zides Holocaust-Denkmals tat: „Und das wird das Ende eine repräsentative Erinneder Deutschen sein, dieses rungsstätte an Flucht und betrogensten Betrügers unter Vertreibung in Entstehung den Völkern, dass jeder auf begriffen ist. Menschliche den anderen deuten wird in Opfer sind niemals gegenWut und Verachtung; wie einander verrechenbar. Sie konntest du nur, du Narr?! alle verdienen ein respektvolMußte denn nicht jeder seles Andenken – und sie alle hen, dass es so ausgehen Kriegsende 1945: Deutsche Vertriebene auf dem Weg nach Westen mahnen zur verantwortlichen muß? Aber sich selber an Bewahrung der freiheitlichen die Brust schlagen wird keiner.“ Das liest werden, aber nicht alle Deutschen haben Demokratie, die unbeschadet mancher sich wie ein Kommentar zur noch heute in gleicher Weise die Folgen dafür zu Mängel im einzelnen immer noch die blamablen Entnazifizierungsmisere in der tragen gehabt. Flüchtlinge und Vertriebeste Gewähr bietet für die Achtung der jungen Bundesrepublik – Haecker freilich bene aus dem historischen deutschen universell geltenden menschlichen Würschrieb diese Zeilen im Januar 1941, als Osten sind von der deutscherseits selbst de. Und noch einmal Theodor Haecker, der größte Teil Europas scheinbar dauer- verschuldeten Kriegskatastrophe härter aufgeschrieben im Sommer 1940: „Die haft Hitlers Herrschaft unterworfen war. getroffen worden, als diejenigen ihrer liberalen Demokratien gehen zugrunde Oder: „Hüte dich vor leichtsinnigen und deutschen Landsleute, die zufällig weiter oder werden zugrunde gehen [wenn sie gewalttätigen Vereinfachern im Theore- westlich geboren wurden und lebten. Aber nicht Vorkehrungen treffen] am Mangel an tischen und im Praktischen. Sie ‚Verbindlichkeit’. Es ist, wie wenn schaffen schließlich die heilloseste Menschliche Opfer sind niemals gegeneinanein Körper am Mangel an VitamiVerwirrung. Wer etwas auslässt, der verrechenbar. Sie alle verdienen ein res- nen zugrunde geht. Scheinbar ist alschafft rettungslosere Unordnung, pektvolles Andenken – und sie alle mahnen zur les da, nur eine Kleinigkeit anderer als wer die Dinge nur untereinanverantwortlichen Bewahrung der freiheitlichen Ordnung fehlt. Das ‚Verbindliche’ derbringt.“ ist eine Kraft an sich […].“ Demokratie. Haecker hat in der Tat recht damit, Der Satz „Die Würde des Mendass das Auslassen gefährlicher ist schen ist unantastbar“ ist ein Satz als die direkte Lüge. Seine Mahnung gilt sie haben nicht mehr Mitverantwortung von genau der Verbindlichkeit, die Haecknicht zuletzt für die Auseinandersetzung oder Mitschuld am Zustandekommen und er meinte. Den Müttern und Vätern unsemit unserer eigenen Geschichte. Wir dür- Agieren der NS-Diktatur gehabt, als die res Grundgesetzes war dies sehr bewusst. fen weder die Millionen von Opfern der im Westen beheimateten Deutschen. Und Wir tun gut daran, uns dies, mehr als rassistischen Massenmorde und sonstigen aus den Reihen der Ostdeutschen kamen sechs Jahrzehnte nach der Gründung der Verbrechen des NS-Regimes „auslassen“, gleichermaßen Vertreter des „Anderen Bundesrepublik Deutschland und zwei noch die Menschen, die als Deutsche Deutschland“ – Dietrich Bonhoeffer und Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft Helmuth James von Moltke etwa, beide Jahrzehnte nach der Vereinigung, immer wurden, gleichviel ob sie Verheerung und aus Schlesien stammend, waren in vie- neu zu vergegenwärtigen. Nichts auslasTod durch den Bombenkrieg oder Tod, ler Beziehung einig mit dem Schwaben sen. Winfrid Halder

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Vortrag

Mi, 21.04. | 19.15 Uhr

„Abwarten und Zusehen sind keine christlichen Haltungen“ Zum 65. Todestag von Dietrich Bonhoeffer Vortrag von Prof. Dr. Kurt Düwell, Heinrich-Heine-Universität „Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuse- 1923 zunächst in Tübingen, Rom und zuhen sind keine christlichen Haltungen. Den letzt in Berlin studieren. Zwischenzeitlich Christen rufen nicht erst die Erfahrungen absolvierte er auch Aufenthalte in Spanien am eigenen Leibe, sondern die Erfahrun- und den USA, die seinen Blick für soziale gen am Leibe der Brüder, um derentwillen Problemlagen schärften. Nach der RückChristus gelitten hat, zur Tat und zum kehr nach Berlin begann Bonhoeffer nicht Mitleiden.“ Als Dietrich Bonhoeffer an der nur selbst an der Universität zu lehren (mit Jahreswende 1942/43 diese Worte nieder- 24 Jahren bereits habilitiert), sondern auch schrieb, hatte er selbst bereits längst den praktische Erfahrungen in der Seelsorge zu Weg zum aktiven Widerstand gegen das sammeln. Im Jahre 1931 wurde er ordiniert. NS-Regime eingeschlagen. Leicht war das Schon die ersten antisemitischen Maßnahfür den hochqualifizierten evangelischen men der soeben installierten Regierung Theologen nicht gewesen – wie viele ande- Hitler stießen auf Bonhoeffers entschiedere Christen auch hatte nen Widerspruch. Aner mit dem Problem ders als für die Anhäneiner theologischen ger der „Deutschen Begründung des WiChristen“ innerhalb derstandsrechts gedes Protestantismus gen die „weltliche“ stand für Bonhoeffer Obrigkeit gerungen. von Anbeginn an fest, Konsequenter als dass die rassistische andere aber hat sich NS-Ideologie und Bonhoeffer verhalten, der christliche Glaunachdem er zu dem be nicht miteinander Schluss gekommen vereinbar waren. war, auch und gerade Dementsprechend Christen seien zum wurde er zum Mitpolitischen Handeln begründer des „Pfarverpflichtet. rernotbundes“, indem In Anbetracht seiner sich noch 1933 die familiären Vorpräkonsequenten Geggung ist die Entwickner der Anwendung lung, die Dietrich des antisemitischen Bonhoeffer in den Dietrich Bonhoeffer „Arierparagraphen“ Widerstand geführt in der protestantihat, letztlich wenig überraschend. Sein schen Kirche sammelten. Vater Karl Bonhoeffer war ein führender Bonhoeffer war seit dem Herbst 1933 für Psychiater und Neurologe; anders als fast zwei Jahre als Pfarrer zweier deutschviele Andere im bürgerlich-konservativen sprachiger Gemeinden in London tätig, Milieu war für Karl Bonhoeffer von Be- setzte sich aber auch von Großbritannien ginn an klar, dass die Berufung Hitlers ins aus energisch für die sich seit 1934 herausReichskanzleramt in den nächsten Krieg bildende „Bekennende Kirche“ ein. Die führen würde. Sein Sohn Dietrich – als in London geknüpften Kontakte sollten sechstes von acht Kindern Anfang 1906 später noch für seine Widerstandstätigkeit in Breslau geboren – teilte diese Sicht. Er hohe Bedeutung gewinnen.Im April 1935 hatte sich zur Überraschung seiner zwar kehrte er aus der Sicherheit, die London protestantisch geprägten, aber nicht sehr ihm bot, nach Deutschland zurück und kirchennahen Familie nach dem Abitur war seither führend im Predigerseminar – die Bonhoeffers wohnten inzwischen der Bekennenden Kirche tätig. Dieses längst in Berlin – zum Theologiestudium war in Finkenwalde in Pommern untergeentschlossen. Dank des Wohlstands der bracht, wurde jedoch 1937 staatlicherseits Familie konnte Dietrich Bonhoeffer seit zwangsweise geschlossen. Bonhoeffer

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führte dessen Tätigkeit gleichwohl in der Illegalität weiter, offiziell als Hilfsprediger in Schlawe tätig. Erst 1940 beendete die Gestapo die Arbeit des Seminars endgültig. Zwischenzeitlich hatte Bonhoeffer Kontakt zu dem Widerstandskreis um Wilhelm Canaris und Hans Oster gefunden. Während einer USA-Reise im Jahre 1939 wurde ihm ein Lehrstuhl angeboten, diesen schlug er jedoch aus, da er davon ausging, dass ein erneuter Krieg bevorstand, in dem er seinen Platz im eigenen Land sah. Obwohl Bonhoeffer längst im Visier der NS-Verfolgungsbehörden stand, wurde er seit 1940 für das von Canaris geleitete „Amt Ausland/Abwehr“ tätig. Seine eigentliche Aufgabe bestand in der eines Verbindungsmanns der Widerstandskreise ins Ausland. Nach schwerem inneren Ringen bejahte Bonhoeffer schließlich die Frage, ob in einer verbrecherischen Diktatur notfalls auch das Mittel eines politisch motivierten Attentats legitim sei. Dietrich Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 verhaftet, nachdem die Gestapo im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen seinen Schwager Hans von Dohnanyi auf seinen Namen gestoßen war. Das gegen ihn eingeleitete Verfahren wurde erst nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 beschleunigt fortgeführt. Vor dem Hintergrund des Vordringens alliierter Streitkräfte, wurden Bonhoeffer und andere gefangene Widerstandskämpfer Anfang 1945 von Berlin zunächst ins Konzentrationslager Buchenwald und dann nach Flossenbürg verlegt. Dort wurde er am 9. April 1945 – nicht ganz vier Wochen vor Kriegsende – ermordet. Referent des Abends ist Prof. Dr. Kurt Düwell. Prof. Düwell ist gebürtiger Düsseldorfer; er hat in Köln studiert und sich dort 1974 habilitiert. Im Jahre 1977 wurde er als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an die Universität Trier berufen. 1995 übernahm er den Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der HeinrichHeine-Universität Düsseldorf. Seit 2002 ist er emeritiert. Die wissenschaftlichen Interessen von Prof. Düwell galten nicht zuletzt der Geschichte der NS-Diktatur. Er hat sich unter anderem mit dem Düsseldorfer Polizeioffizier Franz Jürgens auseinandergesetzt, der aufgrund seines Eintretens für eine kampflose Übergabe der Stadt an die alliierten Streitkräfte im April 1945 von den NS-Behörden ermordet wurde. Prof. Düwell wird auch auf weniger bekannte Aspekte im Leben Dietrich Bonhoeffers eingehen, etwa dessen Auseinandersetzung mit der Widerstandskonzeption Mahatma Gandhis. Winfrid Halder

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Vortrag

Do, 22.04. | 19.15 Uhr

Die preußische Madonna - Königin Luise. Leben und Mythos Vortrag von Dr. Philipp Demandt, Kulturstiftung der Länder Am 19. Juli 1810 starb Preußens beliebteste Königin im Alter von 34 Jahren. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht wenigstens am 10. März, ihrem Geburtstag, das Kenotaph im Mausoleum des Charlottenburger Schloßparks mit Blumen geschmückt ist. Wie schlafend liegt sie dort von Christian Daniel Rauch in Marmor gehauen auf ihrem Grab. Noch heute gehört sie zu den populärsten Frauengestalten der deutschen Geschichte, unter den elf preußischen Königinnen ist sie in der Bekanntheits- und Beliebtheitsskala unangefochtene Spitzenreiterin. Als die schönste Frau ihrer Zeit hatte sie gegolten, Einfachheit und Herzlichkeit wurden ihr nachsagt. Zehn Schwangerschaften (nur sieben ihrer Kinder überlebten das Säuglingsalter), ihre vermeintliche Moral (die vor allem in ihrem Verhältnis zu ihrer Schwester Friederike eine Rolle spielte), ihre Häuslichkeit und ihre Bescheidenheit verkörperten bürgerliche Tugenden, die von bedeutende Dichtern und Schriftstellern ihrer Zeit – Novalis, Kleist, Jean Paul, August Wilhelm Schlegel – besungen wurden. Ihre Feindschaft zu Napoleon und ihr aufopferungsvolller Bittgang in Tilsit, der den schmählichen Frieden mit dem mächtigsten Mann Europas verhindern sollte, machten sie zur Märtyrerin. Sie wurde zur Dulderin, die sich für ihr Land opferte. Bei ihrer Flucht nach Memel erfuhr sie die Härte des Krieges am eigenen Leibe. Schließlich starb sie am 19. Juli 1810 an gebrochenem Herzen, wie man sagte, mit 34 Jahren im Schloß ihres Vaters in Hohenzieritz. Eine Kultfigur ist Luise von Mecklenburg-Strelitz heute nur noch für Wenige. Nach wie vor wird sie jedoch als emotional anrührende Persönlichkeit der deutschen Geschichte wahrgenommen. Man beschäftigt sich mit ihr und nach dem Fall der Mauer wieder deutlich mehr als in der alten Bundesrepublik. Unzählige Institutionen, Straßen und Plätze tragen ihren Namen. Devotionalienhandel und Tourismus be-

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dienen sich des Mythos um Königin Luise. Die Königin-Luise-Route, initiiert von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Mecklenburg-Vorpommern und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, verbindet Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg auf den Spuren Luises und führt die Besucher zu authentischen Orten. Die Sanierung des Mausoleums im Park des Schlosses Charlottenburg ist abgeschlossen, einschließlich der landschaftsarchitektonischen Wiederherstellung des Umfeldes nach historischen Maßstäben. Bereits am 18. Juni 2009 wurde in Magdeburg das Luisendenkmal wieder aufgestellt. Der 200. Todestag von Königin Luise steht im Jahr 2010 im Mittelpunkt zahlreicher Aktivitäten der

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Dazu gehören unter anderem drei Ausstellungen an historischen Schauplätzen ihres Lebens. Die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus wird in einem Vortrag und mit einem Bei-

Königin Luise von Preußen als Kronprinzessin, Henriette Félicité Tassaert, um 1797 trag der Kinemathek an Luise, ihr Leben und den Mythos erinnern. Warum wurde diese Frau, die nach zehn Geburten mit 34 Jahren starb, Grundlage für eine Verehrung, die sich seit nun 200 Jahren hält und Dichter, Künstler und Filmemacher inspirierte? Dieser Frage geht Dr. Philipp Demandt in einem Lichtbildervortrag im GerhartHauptmann-Haus nach. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus sagte Demandt auf die Frage nach der aktuellen Bedeutung der Königin Luise: „Sie ist sicherlich die schönste, aber auch tragischste Frau der preußischen Geschichte. Die neue Begeisterung ist ein Zeichen der Suche nach dem alten Preußen, die nach dem Fall der Mauer zugleich Identitätssuche ist. Lange wurde ein eher negatives Bild von Preußen gepflegt, man sprach vom ‚Hort des Militarismus‘ oder gar der ‚Wurzel allen Übels‘. Nun entwickelt sich ein Bedürfnis nach einem besseren Preußenbild, und in dieses passt Königin Luise perfekt hinein.“ Der Kunsthistoriker stellt das Leben der Königin dar und untersucht den Wandel der Luisenverehrung im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Dr. Philipp Demandt, geb. 1971, ist Kunsthistoriker und Dezernent der Kulturstiftung der Länder. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen zur preußischen Geschichte, darunter „Luisenkult - Die Unsterblichkeit der Königin von Preußen“, 2003. Markus Patzke

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Vortrag

Mi, 28.04. | 19.15 Uhr

Überflüssig? Das Ende des Vertriebenenministeriums 1969 Vortrag und Gespräch mit Staatsminister a. D. Gerd Ludwig Lemmer, letzter beamteter Staatssekretär im Vertriebenenministerium 1967-1969 Das Bundesministerium für Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsgeschädigte wurde im September 1949 als Ressort der ersten Bundesregierung unter Dr. Konrad Adenauer gebildet. Bundeskanzler Adenauer damit trug dem Umstand Rechnung, dass die gerade erst gegründete Bundesrepublik Deutschland bis dahin bereits rund 8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus dem historischen deutschen Osten hatte aufnehmen müssen. Unbeschadet der lange Zeit durchgehaltenen deutschlandpolitischen Grundlinie, dass über die endgültige völkerrechtliche Zugehörigkeit der faktisch 1945 abgetrennten Ostgebiete erst mit einem noch abzuschließenden Friedensvertrag zu entscheiden sei, forderten die zumeist noch desolaten Verhältnisse, unter denen die Masse der Millionen unfreiwillig nach Westdeutschland gekommenen Menschen zu leben hatte, rasche und durchgreifende politische Maßnahmen. Diese sollten durch ein eigenständiges Ministerium vorbereitet und koordiniert werden. Tatsächlich hatte das Ressort in der Folgezeit Anteil an den wichtigsten Hilfs- und Integrationsmaßnahmen für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die vor dem Hintergrund einer immer unwahrscheinlicher werdenden Rückkehr in die Heimat umgesetzt wurden. Zu nennen sind insbesondere das allerdings in der Hauptsache im Finanzministerium konzipierte Lastenausgleichsgesetz (1952) und das Bundesvertriebenengesetz (1953), die jeweils heftig umstritten waren, die jedoch gleichwohl langfristige Wirkungen entfalteten. Darüber hinaus hat das Vertriebenenministerium mit der schließlich acht voluminöse Bände umfassenden Vertreibungsdokumentation (ursprünglich erschienen zwischen 1954 und 1961) das noch immer umfangreichste zeitgeschichtliche Forschungsvorhaben der Bundesrepublik angeregt und finanziert. Dass es sich insgesamt um ein schwieriges, politisch brisantes Ressort handelte, spiegelt nicht zuletzt der Umstand, dass das Ministerium in den fast exakt 20 Jah-

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ren seiner Existenz 9 Minister hatte. Nur das Justizministerium hat in der gleichen Zeit ebenso viele Führungswechsel erlebt, die meisten anderen Bundesressorts erheblich weniger. Die längste Amtszeit als Vertriebenenminister hatte Theodor Oberländer aufzuweisen, der das Ressort vom Oktober 1953 bis zum Mai 1960 leitete. Zugleich handelt es sich bei Oberländer um eine der umstrittensten Figuren in der Geschichte der jungen Bundesrepublik. Oberländer war nach der zweiten Bundestagswahl und der Bildung der zweiten Regierungskoalition unter Bundeskanzler Adenauer als Vertreter des „Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ ins Kabinett eingezogen. Sehr schnell wurden Vorwürfe laut, der nunmehr zum Minister aufgestiegene Vertriebenenpolitiker sei tief in das NS-Regime verstrickt und sogar an Massenmordaktionen nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion beteiligt gewesen. Im April 1960 wurde Oberländer durch ein DDR-Gericht in Abwesenheit wegen Massenmorden in Lemberg 1941 zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Wenngleich das im SED-Staat durchgeführte Verfahren in der Bundesrepublik nicht anerkannt wurde, wuchs der öffentliche Druck auf Oberländer so stark an, dass er sich im Mai 1960 zum Rücktritt gezwungen sah. Bereits nach Oberländers Abgang wurden Forderungen laut, das Vertriebenenministerium aufzulösen und seine Kompetenzen dem Innenministerium zuzuweisen. Dazu kam es einstweilen nicht, allerdings gab es noch mehrere rasche Führungswechsel; auf Hans-Joachim von Merkatz (1960/61) folgten als Minister Wolfgang Mischnik (1961-63), Hans Krüger (1963/64), Ernst Lemmer (1964/65), Johann Baptist Gradl (1965/66), Kai-Uwe von Hassel (196669) und schließlich Heinrich Windelen, der das Ministerium 1969 nur noch rund neun Monate leitete. Nach der Bildung der ersten sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt im Oktober 1969 wurde das Vertriebenenministerium

2008: Vergabe der Ehrenbürgerschaft Remscheids an Gerd Ludwig Lemmer. rasch aufgelöst. Der Referent des Abends, Gerd Ludwig Lemmer, war der letzte beamtete Staatssekretär im Vertriebenenministerium. Er folgte auf diesem Posten Peter Paul Nahm, der für fast anderthalb Jahrzehnte der Garant von Kontinuität im Vertriebenenressort gewesen war. Staatssekretär Lemmer amtierte von Anfang Dezember 1967 bis zur Auflösung des Ministeriums im Oktober 1969, hatte folglich unter den beiden Ministern von Hassel und Windelen eine führende Funktion inne. Er wird über die letzte Arbeitsphase des Ministeriums und die Vertriebenenpolitik in den 1960er Jahren berichten. Gerd Ludwig Lemmer hat sich noch während seines Jurastudiums in seiner Heimatstadt Remscheid kommunalpolitisch engagiert; zwischen 1961 und 1963 war er ehrenamtlicher Oberbürgermeisters Remscheids. Seit 1958 gehörte er für fast zwei Jahrzehnte der CDUFraktion des nordrhein-westfälischen Landtages an. Von 1979 bis 1994 war er Mitglied des Europäischen Parlamentes. Von 1962 bis 1966 gehörte Lemmer als Minister für Bundesangelegenheiten dem nordrhein-westfälischen Kabinett unter Ministerpräsident Franz Meyers an. Für seine politischen Verdienste wurde Gerd Ludwig Lemmer vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Seit 2008 ist er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Remscheid. Winfrid Halder

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Vortrag

Mi, 16.06. | 19.15 Uhr

eine Tätigkeit in der Kommunalpolitik – dies nicht zuletzt auf Anraten des mit seinen Eltern befreundeten Königsberger Oberbürgermeisters Körte. Die erste berufliche Station wurde für Goerdeler Solingen, wo er seit Herbst 1911 verschiedene Aufgaben innerhalb Vortrag von Prof. Dr. Hans Mommsen der Stadtverwaltung wahrnahm. Zeitweilig wurde er bereits mit der Vertretung Den Namen Carl Goerdelers bringen die „Juden in Erz“ verschwinden lassen. Als des Bürgermeisters betraut. Der Ausbruch meisten Menschen heute wohl zunächst sich Goerdeler Mitte November 1936 des Ersten Weltkrieges unterbrach die mit Leipzig in Verbindung. Das ist auch auf einer dienstlichen Auslandsreise bekommunalpolitische Karriere Goerdelers, richtig, denn Goerdelers demonstrativer fand, wurde das Denkmal gegen seinen da er als Reserveoffizier sofort einrücken Rücktritt vom Amt des Oberbürgermeis- erklärten Willen entfernt. Wenige Tage musste. Der Krieg führte Goerdeler nach ters der traditionsreichen sächsischen nach seiner Rückkehr zog Goerdeler die Ostpreußen zurück, wo er unter anderem Handelsmetropole Ende November 1936 Konsequenzen und legte sein Amt als an der Schlacht bei Tannenberg teilnahm. hat ihn damals unverhohlen in die dünne Oberbürgermeister nieder. Auch im weiteren Kriegsverlauf blieb Phalanx der Gegner des NS-Regimes ge- Damit endete äußerlich eine lange poliGoerdeler in verschiedenen Verwendunstellt. Goerdeler wagte diesen Schritt als tische Karriere, die ihren Höhepunkt in gen an der Ostfront. Hitler sich auf einem ersten Höhepunkt Sachsen gefunden hatte, als Carl GoDie Niederlage des Deutschen Reiches seiner Popularität als „Führer und Reichs- erdeler im Mai 1930 zum Leipziger Stad1918 bedeutete auch für Goerdeler eine kanzler“ befand: Anfang März hatte er toberhaupt gewählt worden war. Seine schwere Enttäuschung. Die Gründung den Einmarsch von Wehrmachtstruppen- persönlichen und politischen Prägungen der ersten deutschen Republik fand nicht teilen in das bis dahin auf der Grundlage hatte der zu diesem Zeitpunkt 55-jährige seine Zustimmung. Bezeichdes Versailler Vertrages nenderweise schloß er sich entmilitarisierte Rheinland Anfang 1919 der Deutschbefohlen. Hitler kalkulierte nationalen Volkspartei an, richtig, dass die Westmächdie viele nationalkonservate, vor allem Frankreich tive Gegner der Weimarer und Großbritannien, sich Republik in ihren Reihen nicht würden entschließen sammelte. Anfang 1920 verkönnen, diesem offenen ließ Goerdeler Solingen, Vertragsbruch energisch nachdem er sich bei der Wahl entgegenzutreten, nötigenzum Zweiten Bürgermeister falls auch militärisch. Eine Königsbergs knapp gegen kriegerische Auseinandereinen sozialdemokratischen setzung hätte Deutschland Mitbewerber durchgesetzt zu diesem Zeitpunkt keihatte. In dem Jahrzehnt seinesfalls erfolgreich benes Wirkens in der ostpreustehen können. Dass die ßischen Metropole erwarb Westalliierten Hitler bei Carl Goerdeler während des Prozesses im September 1944 sich Goerdeler als versierter der Demontage des von Verwaltungsfachmann auch den meisten Deutschen entschieden ab- Goerdeler allerdings anderswo erfahren. die Achtung politischer Gegner. Mehrfach gelehnten Versailler Vertrages letztlich Er wurde im Juli 1884 in Schneidemühl war Goerdelers Name im Spiel als es um gewähren ließen, schuf ihm manchen in der damaligen preußischen Provinz mögliche Kandidaten für das Amt des neuen Anhänger. Im Sommer 1936 folgten Posen geboren. Goerdeler entstammte Reichskanzlers ging. die Olympischen Spiele in der Reichs- einer Beamtenfamilie, die seit mehreren Goerdelers Wahl zum Leipziger Oberhauptstadt Berlin, die propagandistisch Generationen im preußischen Staatsdienst bürgermeister im Mai 1930 war auch sorgfältig inszeniert waren, und dem Re- stand. Der heranwachsende Beamtensohn eine Folge des Rufes als kommunalpogime vermeintlich weithin internationale hat in Marienwerder das Gymnasium belitischer Experte hohen Ranges, den er Reputation bescherten. sucht, bevor er 1902 in Tübingen ein Jurasich inzwischen erworben hatte. Auch Gleichwohl ging Carl Goerdeler kurz Studium aufnahm. Im Jahre 1905 wechselte in Leipzig bewährte sich Goerdelers darauf auf Konfrontationskurs. In ei- der Student Goerdeler an die Albertina in Sachverstand, obwohl das politische nem seit längerem schwelenden Streit Königsberg, wo er bald darauf sein ersUmfeld in Anbetracht der einsetzenden um das Denkmal für den Komponisten tes Staatsexamen ablegte. Unterbrochen Weltwirtschaftskrise immer schwieriger Felix Mendelssohn-Bartholdy vor dem vom Militärdienst, absolvierte Goerdeler wurde. Als Finanzexperten zog ihn auch Leipziger Gewandhaus wandte er sich danach seine Referendarzeit auf verschieReichskanzler Heinrich Brüning zu Rate. Dem Aufstieg der NSDAP zur Massenentschieden gegen die Entfernung des denen Stationen in Ostpreußen. Nach dem partei stand Goerdeler – wie viele andere 1892 errichteten Monumentes. Die Leip- zweiten Staatsexamen und inzwischen nationalkonservativ eingestellte Deutsche ziger Nationalsozialisten wollten den promoviert, entschied sich Goerdeler für

Konservativer Preuße durch und durch: Carl Goerdeler

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Vortrag – distanziert, aber nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Nach der Berufung Hitlers ins Reichskanzleramt wurde Goerdeler als einer von nur vier Oberbürgermeistern in Deutschland im Amt belassen. Seither stand er in Leipzig im Spannungsfeld von Teilübereinstimmung und Konflikt mit der örtlichen NS-Führung. Der Rücktritt infolge des Streits um das MendelssohnDenkmal war lediglich der Endpunkt einer ganzen Kette von mehr oder weniger heftigen Reibereien. Goerdeler stand zusehends in Widerspruch insbesondere zu den antisemitischen Maßnahmen wie auch zur Wirtschafts- und Finanzpolitik des NS-Regimes. Nach dem Ende seiner öffentlichen Tätigkeit fungierte Goerdeler offiziell als Berater der Firma Bosch. Tatsächlich knüpfte er zahlreiche Kontakte zu Regimegegnern im Inland und unternahm häufig Auslandsreisen, die geschäftlich getarnt der Sondierung internationaler Unterstützungsmöglichkeiten dienten. Goerdeler kommunizierte direkt oder indirekt mit höchsten Regierungsstellen vor allem in Großbritannien und den USA. In Deutschland begann er intensiv mit General Ludwig Beck zusammenzuarbeiten, wobei auch erste Umsturzpläne ventiliert wurden. Goerdeler und Beck sollten zu den wichtigsten konservativen Repräsentanten im Widerstand gegen das NS-Regime werden. Obwohl sie sich hinsichtlich der politischen Ziele nach einem Sturz Hitlers vor allem mit den jüngeren Angehörigen des Widerstandes keineswegs in jeder Beziehung einig waren, war Goerdeler als künftiger Reichskanzler vorgesehen. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 floh Carl Goerdeler aus Berlin und versuchte in seiner westpreußischen Heimat unterzutauchen. Infolge einer Denunziation verhaftet, wurde er im September 1944 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 2. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee ermordet. Der Referent des Abends, Prof. Dr. Hans Mommsen, hat jahrzehntelang an der Ruhr-Universität in Bochum gelehrt. Er ist einer der profiliertesten deutschen Zeithistoriker und zugleich einer der führenden Experten für die Erforschung des Widerstandes gegen das NS-Regime. Eine Fülle einschlägiger Publikationen zeugt davon. Im Jahr 2003 wirkte Prof. Mommsen als Mitherausgeber der politischen Schriften und Briefe Carl Goerdelers. Winfrid Halder

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Mo, 07.06. | 19.15 Uhr

20 Jahre danach: Voraussetzungen und Folgen der deutschen Einheit Vortrag von Prof. Dr. Dr. h. c. Gerhard A. Ritter Vor inzwischen zwei Jahrzehnten vollzog sich in noch heute staunenswerter Geschwindigkeit der Prozess der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Zwischen der Öffnung der Berliner Mauer beziehungsweise der innerdeutschen Grenze im November 1989 und dem formellen Beitritt der fünf neuen Länder zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 lag nicht einmal ein Jahr. Dabei überraschte damals nicht allein die Rapidität, sondern schon das Möglichwerden des Einigungsprozesses überhaupt die allermeisten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen vollkommen. Mit der Vollendung der staatlichen Einheit im Herbst 1990 jedoch wurde der innere Einigungsvorgang natürlich keineswegs abgeschlossen. In mancher Beziehung ist er das gewiss bis heute nicht. Allerdings ist es mittlerweile möglich, einen weiter gefassten Blick auf die langfristigen und die situativ bedingten Voraussetzungen und Folgen des Umbruchs von 1989/90 zu werfen. Als einer der ersten hat sich Gerhard A. Ritter in umfassender wissenschaftlicher Perspektive mit der deutschen Einigung auseinandergesetzt. Sein 2007 erschienenes Buch „Der Preis der deutschen Einheit“ stellt eine Pionierstudie zu den ökonomischen und sozialen Folgekosten der Vereinigung dar. Er konnte dazu zum Teil erstmals Akten der beteiligten staatlichen Institutionen auswerten. Von der Kritik hochgelobt, erhielt Gerhard A. Ritter für dieses Werk noch im Jahr des Erscheinens den renommierten Preis des Historischen Kollegs in München. Sein neues Buch „Wir sind das Volk! Wir

sind ein Volk!“ (München: C. H. Beck 2009) bietet ein fundierten Überblick zu den internationalen Rahmenbedingungen, den politischen Voraussetzungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR sowie zu den sich aus der Vereinigung bis heute ableitenden Folgen insbesondere für das soziale Sicherungssystem. Prof. Dr. Gerhard A. Ritter zählt zu den international renommiertesten deutschen Historikern. Er hat in Tübingen und seiner Heimatstadt Berlin Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Bereits 1952 führte ihn ein erster Forschungsaufenthalt an die Universität Oxford. 1961 habilitierte er sich an der FU Berlin und wurde kurz darauf auf seine erste Professur dort berufen. Seit 1965 hatte Gerhard A. Ritter einen Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster inne, 1974 wechselte er an die Münchner Universität. Dort blieb Prof. Ritter bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1994, unterbrochen von Gastprofessuren in Oxford, Berkeley und Tel Aviv. Den Umgestaltungsprozess der Hochschulen in den neuen Bundesländern seit 1990 hat er aktiv mitgestaltet. Gerhard A. Ritter hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter das Große Bundesverdienstkreuz (2008). Sein Werk umfasst eine Vielzahl von Studien zur deutschen und internationalen Sozialgeschichte. Er gilt insbesondere als führender Experte für die Geschichte des Systems der sozialen Sicherung. W.H. In Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung NordrheinWestfalen.

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Lesung

Do, 15. 04. | 19.15 Uhr

Ernst David Kaiser: „Die Geschichte eines Mordes“ Ingrid Bachér und Helmut Braun lesen aus dem Roman und erzählen die Lebensgeschichte des Autors. In einer Nacht inmitten des Weltkrieges wacht der reiche Industrielle Kalm auf und glaubt, einen brutalen Raubmord begangen zu haben. Seine Versuche, die Polizei von seiner Schuld zu überzeugen, scheitern. Trotzdem will er nicht an seine Unschuld glauben… Als Hermann Broch 1947 das Manuskript von Ernst David Kaiser zur Begutachtung erhielt, war er begeistert und schrieb: „… es will mir scheinen, dass noch niemals ein Irrsinnsfall so präzis und tief geschildert worden ist wie hier. Das Auffallendste ist die Plausibilität dieses Irrsinns, und da die Plausibilität mit Hilfe künstlerischen Intuition und einer durchaus prägnanten künstlerischen Darstellungsweise erzielt ist, darf man wohl von einem Kunstwerk sprechen …“ Dass David Ernst Kaisers Roman erst 63 Jahre später publiziert wurde, ist auch der Biografie seines Autors geschuldet. Der Jude Kaiser, 1911 in Wien geboren, besuchte dort ein Gymnasium und begann das Studium der Germanistik. Bevor er seine Promotion abschließen konnte, erfolgte der Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Kaiser floh nach London. Trotz intensiven Bemühens fand er lediglich in einem Schlachthof eine Arbeitsstelle. Der „kleine, zarte Mann“ schleppte Schweinehälften im Kühlhaus. Zu Kriegsbeginn wurde Kaiser interniert „und diente hernach sechs Jahre in der Britischen Armee, zuletzt in der Militärregierung in Hamburg als Dolmetscher im Rang eines Sergeanten und zog es vor, sich danach ins Privatleben zurückzuziehen und auf den eventuellen Offiziersrang zu verzichten.“ Später notierte er, er kämpfte gegen Deutschland für Deutschland. Ende 1946 lebte Kaiser wieder in London, arbeitete als Übersetzer. Er erhielt die englische Staatsbürgerschaft und lernte Eithne Wilkins, eine neuseeländische Germanistin, kennen. Sie lehrte an der Universität in London. Kaiser und Wilkins heirateten 1949. Gemeinsam mit ihr übersetzte er Bücher aus der deutschen in die englische

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Sprache. Sie gelten als herausragende Übersetzer, die für erste Verlagsadressen tätig waren. Bahnbrechend waren ihre Übersetzungen mehrerer Werke Robert Musils, darunter auch „Der Mann ohne Eigenschaften“, in neuer Fassung aus dem Nachlass ediert. Die wissenschaftliche Arbeit am Werk Robert Musils wurde seit 1950 für Kaiser und Wilkins-Kaiser zur Haupttätigkeit, die sich in zahlreichen Publikationen niederschlug. Mehrfach versuchte Ernst Kaiser seinen Roman „Die Geschichte eines Mordes“ in deutschen Verlagen unterzubringen. Alle Mühen blieben jedoch vergeblich; zu anspruchsvoll schien das Werk. Die Schriftstellerin Ingrid Bachér hielt sich in der ersten Hälfte der 1960er Jahre in Rom auf. Sie lernte Kaiser/Wilkins dort kennen, es entstand Freundschaft. Ingrid Bachér kehrte nach Deutschland zurück und die Kaisers gingen 1966 wieder nach Großbritannien. Mit Ingrid Bachér blieben sie in brieflichem Kontakt. 1972 starb Ernst Kaiser in Reading. Nur zwei Jahre später starb auch Eithne Kaiser-Wilkins. Nach kurzer Zeit meldete sich bei Ingrid Bachér der ehemalige Assistent von Kaiser-Wilkins an der Universität und schrieb, die Kaisers hätten verfügt, ihr alle Manuskripte Ernst Kaisers zu übergeben, verbunden mit der Bitte, aus diesem Konvolut zu veröffentlichen. Das avisierte Paket mit den Texten kam nie an. Alle Versuche, seinen Verbleib zu klären, blieben erfolglos. Die Texte des Schriftstellers Ernst David Kaisers mussten als verschollen gelten. 2001 führte ein Student eine Recherche im Internet durch und wurde auf der Suche nach Spuren Kaisers fündig. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach fanden sich Hinweise zu Kaiser, darunter auch der Durchschlag des Manuskriptes „Die Geschichte eines Mordes“. Ingrid Bachér ließ sich den Text kopieren und suchte nach einem Verlag. Erst im Frühjahr 2008 wurde sie beim Verlag Ralf Liebe fündig. Sie übernahm es, wie seiner Zeit Ernst Kaiser versprochen, den Text behutsam und ohne

Ingrid Bachér stilistische Eingriffe „objektiv brauchbar zu machen, zu straffen und zu kürzen“. Damit liegt ein „lesbarer Text“ vor, der spannend und beklemmend von einem Mann erzählt, der auf surreale Weise in eine Falle von Realität und Fiktion gerät, an der Frage der Schuld fast zugrunde geht und durch den Verzicht auf alles, was sein Leben ausmachte, eine Erlösung anstrebt. Helmut Braun

Der weite Weg gen Westen

Geflohen - vertrieben - angekommen an Rhein und Ruhr Hrsg. Winfrid Halder, Michael Serrer Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes berichten von ihren eigenen Erfahrungen. Ihre damalige Perspektive war die von Kindern und Jugendlichen, daher richten sich ihre Zeugnisse insbesondere auch an die junge Generation von heute, die dafür sensibilisiert werden soll. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder für Multiplikatoren bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW zu beziehen. Schöningh-Verlag, ISBN 9783506766830

€18,90

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Lesung

Do, 06.05. | 19.15 Uhr

Beschreibung einer Provinz Horst Bieneks Oberschlesien - Lesung mit Dr. Hajo Buch und einer Einführung von PD Dr. Winfrid Halder Horst Bienek hat wie kein anderer Autor seine Heimat Oberschlesien und deren Geschichte in der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg verankert. Der vierbändige Romanzyklus über Bieneks Heimatstadt Gleiwitz („Gleiwitzer Tetralogie“, erschienen zwischen 1975 und 1982) zählt zweifellos zu den bedeutendsten literarischen Zeugnissen aus einer Welt, die durch Gewaltherrschaft, K r i e g , Flucht und Vertreibung weitgehend zerstört wurde. Am 7. Mai 2010 würde er 80 Jahre alt werden, hätte nicht ein allzu früher Tod Bienek schon im Dezember 1990 verstummen lassen. Der 80. Geburtstag und der bevorstehende 20. Todestag sind allemal Anlass genug, an Horst Bienek zu erinnern und Teile seines Werkes im wörtlichen Sinne hörbar zu machen. Bieneks Biographie spiegelt gleich eine ganze Reihe von fundamentalen Brüchen in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er in Gleiwitz als jüngstes von sieben Kindern. Seine Eltern – der Vater war bei der Reichsbahn beschäftigt – waren nach Gleiwitz gezogen, nachdem die Heimatstadt von Bieneks Mutter Lublinitz mit Teilen des östlichen Oberschlesien im Jahr 1921 an den wieder gegründeten polnischen Staat gefallen war – gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit in der vorangegangenen Volksabstimmung. Die Gleiwitzer Lebenswelt am Rande des oberschlesischen Industriereviers im jahrhundertealten deutsch-polnischen Spannungsfeld, in der Bienek bis 1946 aufwuchs, sollte später sein literarisches Hauptthema werden.

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Als die Rote Armee im Januar 1945 in Oberschlesien einmarschierte, blieb der 14 Jahre alt Horst Bienek durch eine Verkettung unglücklicher Umstände alleine in Gleiwitz zurück. Trotz seiner Jugend wurde er von der Besatzungsmacht zu Demontagearbeiten in örtlichen Industriebetrieben zwangsverpflichtet. 1946 gelangte Bienek mit einem Vertreibungstransport in die damalige Sowjetische Besatzungszone. Seit jeher literarisch und künstlerisch interessiert und nach ersten eigenen journalistischen und lyrischen S c h r e i b e rfahrungen, wurde er 1951 von Bertolt Brecht als Schüler am Berliner Ensemble angenommen. Die begonnene Schauspielkarriere endete jedoch schon nach wenigen Monaten abrupt, da Bienek im November 1951 unter dem Vorwurf der „antisowjetischen Hetze“ verhaftet und anschließend von einem sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit in der UdSSR verurteilt wurde. Davon musste Bienek immerhin vier Jahre als Bergarbeiter im berüchtigten sibirischen Zwangsarbeitslager Workuta verbüßen, bevor er aufgrund einer Amnestie 1955 entlassen wurde und in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln konnte. Seither arbeitete Bienek in verschiedenen Redakteursfunktionen im Rundfunk und im Verlagswesen. 1968 wagte er den Sprung in die Existenz als freier Schriftsteller. Nicht zuletzt als Leiter der Abteilung Literatur der Bayerischen Akademie der Schönen Künste war Bienek aber bis zu seinem Tod auch bemüht, jüngeren Kolleginnen und Kollegen behilflich

zu sein. München wurde zu seinem letzten Lebensmittelpunkt. Hier entstanden die vier Bände der bereits erwähnten Gleiwitzer Tetralogie. Zwar Horst Bienek ist in diese viel autobiographische Erfahrung Bieneks eingeflossen, er hat allerdings wie wenige andere Autoren bei der Vorbereitung der Niederschrift akribische historische Studien betrieben. Der damalige Direktor des renommierten Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat – ein ausgewiesener Kenner der schwierigen deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte –, stand ihm dabei hilfreich zur Seite. So entstand ein literarisch meisterhaftes und zugleich historisch präzises Bild Oberschlesiens und seiner Geschichte im 20. Jahrhundert. Bienek selbst hat gesagt, dass ihn bei der Arbeit der Gedanke leitete, „ein Requiem für diese Provinz zu schreiben.“ Horst Bienek war neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch politisch engagiert und bemühte sich insbesondere um die deutsch-polnische Aussöhnung. Die Solidarność-Bewegung hat er nachdrücklich unterstützt. Von seinem hohen Ansehen gerade auch in Polen zeugen zahlreiche Übersetzungen seiner Werke in die polnische Sprache. Horst Bienek hat zahlreiche Ehrungen und Preise erhalten, darunter den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen sowie den Andreas-Gryphius-Preis der KünstlerGilde Esslingen. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste verleiht alle zwei Jahre den Horst-Bienek-Preis für Lyrik, der auf eine testamentarische Stiftung Bieneks zurückgeht. An diesem Abend liest der bekannte Rezitator Dr. Hajo Buch aus Werken von Horst Bienek, darunter „Reise in die Kindheit. Wiedersehen mit Schlesien“ (1988) und „Birken und Hochöfen. Eine Kindheit in Oberschlesien“ (1990). PD Dr. Winfrid Halder führt kurz in Bieneks Leben und Werk ein. Begleitend zu diesem Abend zeigen wir in der Kinemathek zwei Filme nach Büchern von Horst Bienek: „Die erste Polka“ und „Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“ (s. Seite 16) Winfrid Halder

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Lesung

Di, 19.05. | 19.15 Uhr

Bergersdorf – keine einfache Geschichte Lesung und Gespräch mit der Autorin Herma Kennel, Berlin Am 19. Mai 1945, vor genau 65 Jahren, wurden unweit ihres Heimatortes Bergersdorf (nahe Iglau) 11 Männer ermordet, allesamt Zivilisten, Bauern, „kleine Leute“. Die Täter stammten offenbar aus dem Umfeld, kannten sich in der Gegend aus, kannten womöglich auch ihre Opfer. Sie waren wohl „Revolutions-Gardisten“, die in den Tagen des chaotischen Zusammenbruchs der NS-Herrschaft vielerorts zumindest zeitweilig die Macht an sich rissen – wenige Tage zuvor hatte mit der „Heeresgruppe Schörner“ der letzte intakte Großverband der Wehrmacht, der den böhmisch-mährischen Raum zum größten Teil bis dahin noch kontrolliert hatte, kapituliert. So weit waren die Vorgänge in Bergersdorf damals, leider, nicht ungewöhnlich. Wenngleich der Zweite Weltkrieg in Europa mit der deutschen Gesamtkapitulation vom 8. Mai 1945 faktisch beendet war, herrschte vielfach noch immer eine extreme Gewaltsamkeit. In der Gegend um Iglau kam es, wie anderwärts auch in Teilen der 1938/39 vom NS-Staat zerschlagenen und besetzten Tschechoslowakei, zu Ausschreitungen gegen Angehörige der deutschsprachigen Bevölkerung. Die unter dem Begriff „Sudetendeutsche“ subsumierten Menschen wurden nun oft zum Ziel der Rachegelüste ihrer tschechischen Nachbarn – nicht zuletzt als Reflex auf die brutale Gewaltherrschaft der nationalsozialistischen Machthaber in den Jahren zuvor. Das persönliche Tun oder Lassen der Betroffenen spielte dabei zuallermeist keine Rolle. So war es wohl auch im Falle der Ermordeten von Bergersdorf. Der Ort war, auch dies ist in der Region nicht ungewöhnlich, zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstanden, als in Böhmen und Mähren unter dem Herrschergeschlecht der Przemysliden gezielt deutsche Siedler ins Land geholt wurden. In Bergersdorf waren es wohl sächsische Bergleute, die angesiedelt wurden, um

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mit ihrem Fachwissen den örtlichen Silberbergbau voranzutreiben. So entstand in der Gegend um Iglau herum eine „Sprachinsel“, in der über Jahrhunderte hinweg Deutsch und Tschechisch sprechende Menschen in einem engen Nachbarschaftsverhältnis miteinander lebten. Dieses endete freilich mit der von sich steigender Gewalt geprägten Ära nach dem Ersten Weltkrieg, endete vor allem in der blutigen Katastrophe von 1938 bis 1945/46. Auch in Bergersdorf. Ein ganz gewöhnlicher Ort also an der böhmisch-mährischen Grenze. Und doch kein so ganz gewöhnlicher Ort. Denn kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war Gottlob Berger auf den Ort, der vermeintlich seinen Namen trug, aufmerksam geworden. Der aus Württemberg stammende Berger war einer der hochrangigsten SS-Führer und enger Vertrauter Himmlers. Er übernahm die „Patenschaft“ über Bergersdorf, das den „Ehrentitel“ „SS-Dorf“ tragen durfte. Geändert hat dies am örtlichen Leben offenbar nicht viel – es mag aber eine schreckliche Rolle gespielt haben, als 1945 der Rachedurst von tschechischer Seite ungehindert losbrechen konnte. Kein ganz gewöhnlicher Ort insofern – und in der jüngsten Zeit allemal ein Ort mit durchaus ungewöhnlicher Geschichte. Bergersdorf heißt heute Kamenná u Jihlava. Wer nicht irgendeinem speziellen Interesse folgt, dürfte sich in das Dörfchen mit nicht einmal 200 Einwohnern kaum verirren. Auch die aus Pirmasens stammende Schriftstellerin Herma Kennel hätte den Ort wohl kaum aufgesucht, hätte es nicht eine verwandtschaftliche Beziehung dorthin gegeben. Herma Kennel ist beruflich viel in Europa herumgekommen, hat unter anderem längere Zeit in Bukarest und Brünn gelebt. In Bergersdorf wurde sie auf die Geschichte des Ortes aufmerksam, fing an zu recherchieren und ein Buch darüber zu schreiben – unter an-

Herma Kennel derem auch über die Morde vom 19. Mai 1945. Dass diese geschehen waren, und dass dafür bislang niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, obwohl die Täter offenbar aus der Gegend selbst kamen, war für viele Ortsansässige augenscheinlich kein Geheimnis. Im Jahr 2003 veröffentlichte der Prager Vitalis-Verlag Herma Kennels Buch „BergersDorf“. Seither hat es in Deutschland und Tschechien Aufsehen erregt. Und – spätestens hier wird die Geschichte sehr ungewöhnlich – nachdem die Autorin das Buch 2009 auch in Iglau vorgestellt hatte, erstatteten zwei örtliche Journalisten Strafanzeige wegen mehrfachen Mordes gegen Unbekannt. Sie waren der Meinung, dass das in Tschechien noch immer geltende Amnestiegesetz von 1946 für Taten in den ersten Nachkriegsmonaten hier nicht anwendbar sei, da es sich offenkundig um willkürlich ausgesuchte, unschuldige Opfer handelte. Seither ermittelt die Polizei in Iglau. Eine Exhumierung der sterblichen Überreste, die auf einer Wiese nahe des Ortes lokalisiert wurden, ist geplant. Herma Kennel wird aus ihrem Buch lesen und über dessen Entstehung sowie die Folgen sprechen. Voraussichtlich kann sie auch über die Fortschritte bei den polizeilichen Ermittlungen berichten. Auf ihr Anraten hin soll bei der für das Frühjahr 2010 geplanten Exhumierung auch ein Experte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hinzugezogen werden. Das Ergebnis darf mit Spannung erwartet werden. Winfrid Halder In Zusammenarbeit mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

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Ausstellung

Vom 14.04. bis 30.05.2010

„Zukunft - Stadt - Geschichte“ – Städte in Schlesien gestern und heute Die Dokumentarausstellung, ein Kooperationsprojekt des Museums für schlesische Landeskunde in Königswinter / Haus Schlesien und polnischer Partner, beschreibt die Entwicklung von zwölf ausgewählten schlesischen Städten von deren Gründung bis in die Gegenwart. Zum Verständnis der aktuellen Physiognomie der vorgestellten Städte ist die Kenntnis ihrer historischen Entwicklung unabdingbar. Wechselnde Herrschaftsverhältnisse, Kriegseinflüsse und der Wandel der Bevölkerungsstruktur bestimmten im Laufe der Jahrhunderte das heutige Erscheinungsbild der schlesischen Städte. Weisen sie untereinander zahlreiche Parallelen auf, so unterscheiden sie sich in einigen Aspekten jedoch deutlich von vielen westdeutschen Zentren. Der überwiegende Teil der schlesischen Städte entstand im 13. Jahrhundert, der Hochphase mittelalterlicher Stadtgründungen und wurde – im Zuge der östlichen Siedlungsbewegung – planmäßig angelegt und mit deutschem Stadtrecht ausgestattet. Ihr Grundriss war weitgehend identisch, charakterisiert durch den rechteckigen Marktplatz (Ring / Rynek) als Zentrum, um den ein gitterförmiges Straßennetz angelegt ist. Umgeben wurden die mit einer Grundfläche von 5 bis 10 ha eher kleinen Ansiedlungen zunächst von Plankenzäunen, später von massiven Steinmauern und weiteren Mauerringen verstärkt. Die wirtschaftlichen Grundlagen, Handwerk und Fernhandel, prägten in der Folgezeit unübersehbar das Stadtbild. Prächtige Bürgerhäuser und Kirchen zeugen von der ökonomischen Prosperität. Das Rathaus als Symbol der Selbstverwaltung und Unabhängigkeit der Stadt erhielt einen zentralen Platz in der Mitte des Rings. Der wirtschaftlichen Blüte der schlesischen Städte vom 14. bis 16. Jahrhundert folgten Dekaden des Niedergangs in Zeiten der Pest, des 30jährigen Kriegs und der Schlesischen Kriege des 18. Jahrhunderts. Die industrielle Revolution differenzierte die Städtelandschaft erneut, veränderte durch neue Verkehrsverbindungen und Bebauungen die Wirtschafts- und Bevöl-

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kerungsentwicklung. Die durch Schleifung der Stadtbefestigungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden Freiflächen konnten zu städtischen Grünflächen umgewandelt oder für den Bau öffentlicher Gebäude genutzt werden. Mit dem Ausbau des Eisenbahnsystems siedelten sich neue Industrien in Bahnhofsnähe an und verlagerten damit

entstanden so außerhalb der Zentren umfangreiche Gewerbegebiete. Die zweisprachige (deutsch-polnisch) Ausstellung wurde im Haus Schlesien gemeinsam mit den Stadtverwaltungen und Museen der einzelnen polnischen Städte erstellt. Die Beiträge über die jüngste Geschichte seit 1945 sind von den jeweiligen Stadtämtern bzw. Stadtmuseen selbst verfasst worden. Ziel der Ausstellung ist es, bewusst den Bogen von der frühesten Stadtgeschichte bis in die Gegenwart zu spannen. Die wechselvolle Historie von der Stadtgründung bis zum Zweiten Weltkrieg ist eben-

Besucher der Ausstellung im Haus Schlesien den wirtschaftlichen Schwerpunkt der Städte. Grundlegend änderte auch das 20. Jahrhundert mit den Entscheidungen des Versailler Friedensvertrages und den verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs die Geschichte der schlesischen Städte. Zudem stellte die Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung eine radikale Zäsur dar. Bis in die 1960er Jahre hinein dauerte der Wiederaufbau der zumeist völlig zerstörten Städte an. In den folgenden Jahrzehnten entstanden in den Vorstädten große Plattenbau-Siedlungen. Seit der politischen Wende 1989 und dem Beitritt Polens zur EU vollzog sich ein erneuter Wandel. Im Zuge des Wirtschaftsaufschwunges

so prägend für die heutige Struktur und Physiognomie der schlesischen Städte wie der Krieg, der anschließende Austausch der Bevölkerung, der Wiederaufbau und die aktuellen wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklungen. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit dokumentiert wie stark das Interesse an der deutschen Vergangenheit der schlesischen Kulturlandschaft vor Ort gewachsen ist. Eröffnung: 14.04.2010 | 19.15 Uhr Es sprechen: PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart- Hauptmann-Hauses Dipl. Geogr. Silke Findeisen Kuratorin, Haus Schlesien

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Ausstellung

Vom 08.06. bis 30.07.2010

„Gehetzt. Südfrankreich 1940 – Deutsche Literaten im Exil“ Als sich nach dem Machtantritt Hitlers die Grundzüge der nationalsozialistischen Diktatur offenbarten, entschlossen sich zahlreiche deutsche Intellektuelle – offensichtlich an Leib und Leben bedroht – zur Flucht aus ihrem Heimatland. Neben führenden Politikern der SPD und KPD, renommierten Wissenschaftlern und Künstlern, entschieden sich viele der bereits verfolgten und regimekritischen Schriftsteller, nach dem „Anschluss“ auch aus Österreich, unter Aufgabe der bisherigen Lebensperspektive, zum Gang ins Exil. So emigrierten u. a. die Literaten Walter Benjamin, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Hermann Kesten, Rudolf Leonhard, Golo Mann, Walter Mehring, Alfred Polgar, Hans Sahl, Friedrich Torberg, Anna Seghers und Franz Werfel nach Frankreich. Die zumeist jüdischen Schriftsteller hatten dort schon lange eine geistige Heimat, manche in Paris und Südfrankreich ihren Wohn- und Arbeitsort gefunden. „Hier ist man eben Kurgast und nicht Emigrant“, urteilte Marta Feuchtwanger 1934. Auch der 1889 in Breslau geborene Dramatiker, Essayist und Romancier, Walter Meckauer, empfand sich noch im Sommer 1939 in Nizza „fast wie ein glücklicher Badegast an der Côte d’Azur“, während sich die öffentliche und politische Meinung in Frankreich längst mit ausländerfeindlichen und antisemitischen Äußerungen gegen die inzwischen unerwünschten Emigranten wandte. Bereits am 30.08.1939 begann die Pariser Regierung zunächst mit der Verhaftung der führenden Funktionäre der KPD und KPÖ die Repression gegen ausländische Hitlergegner in Frankreich und verfügte

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gleichzeitig deren Internierungspflicht in einem sich ausweitenden Lagersystem. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden alle Ausländer auf französischem Boden aufgefordert, sich in „Erfassungszentren“ einzufinden, um dort „ihre Situation überprüfen zu lassen“. Arbeiter, Geschäftsleute und Künstler, die seit Jahrzehnten in Frankreich lebten, fanden sich nun in Sammellagern festgesetzt. Lion Feuchtwanger, mit 1500 Männern – darunter auch der Maler Max Ernst – in der Ziegelei „Les Milles“ interniert, berichtet in seinen Erinnerungen „Der Teufel in Frankreich“: „In einem Ziegelbau waren wir untergebracht, und die Ziegel waren das Merkmal dieser Zeit. Ziegelmauern, durch Stacheldraht gesichert, schlossen unsere Höfe von der schönen, grünen Landschaft draußen ab, zerbröckelnde Ziegel waren überall gestapelt, sie dienten uns als Sitze und als Tische, auch dazu, das Strohlager des einen von dem des andern abzutrennen. Ziegelstaub füllte unsere Lungen, entzündete unsere Augen.“ Angesichts der drohenden Einweisung in ein Lager bekannte der jüdische Übersetzer, Schriftsteller und Verleger Hermann Kesten: „Ich habe Angst davor. Aber ich bin durch alles zu erschrecken, was die dignité humaine, die Würde des Menschen angreift. […] Frankreich beginnt also seinen Krieg gegen Hitler mit dem Krieg gegen die Feinde Hitlers, die nach Frankreich geflüchtet sind.“ Die militärische Niederlage Frankreichs gegenüber Deutschland verschärfte die Situation der Emigranten dramatisch: Artikel 19 des Waffenstillstandsabkommens vom 22. Juni 1940 verfügte die Ausliefe-

rung von deutschen Staatsangehörigen auf Verlangen der Berliner Reichsregierung. Das traditionsreiche französische Asylrecht – 1830 für politische Verfolgte formuliert – dem auch die Verfolgten der nationalsozialistischen Diktatur vertraut hatten, war damit aufgehoben. „Bisher waren wir deprimiert und erschreckt gewesen, jetzt wurden wir, zumindest ich, von echter Panik erfasst“, so empfand der Schriftsteller und Journalist Arthur Koestler. Lion Feuchtwanger notiert in seinem Tagebuch: „Tiefer Pessimismus…, ungeheuere Depression. Selbstmordpläne.“ Der sofortigen Verfolgung durch die Nationalsozialisten im besetzten Nordfrankreich ausgesetzt und durch exzessive ausländerfeindliche und antisemitische Gesetze im „freien“ Vichy-Frankreich des Philippe Pétain bedroht, fanden sich die verzweifelten Exil-Literaten an der vormals idyllischen Küste Südfrankreichs zusammen. Allen gemeinsam das Ziel: Weg aus Frankreich, weg aus Europa! Doch nur wenige Länder waren bereit, sie aufzunehmen, die Beschaffung notwendiger Ausreisedokumente ein einziger Hindernislauf. Schließlich gewannen illegale Ausreiserouten an Bedeutung. Der Weg über Spanien und Portugal wurde lebenswichtig. Für viele Exilanten war die Flucht zu Fuß über die Pyrenäen die einzige Möglichkeit zu entkommen. Verzweifelte wie Walter Benjamin und Walter Hasenclever waren der Belastung nicht gewachsen und flüchteten in den Tod. Ruth Werfel, freie Kulturjournalistin in Zürich, recherchierte seit Jahren das Schicksal der deutschsprachigen Literaten im französischen Exil. Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie als Kuratorin einer Dokumentarausstellung, die in der Zentralbibliothek Zürich, der Universitätsbibliothek Basel und im Schloss Reinbek gezeigt wurde. Als Begleitbuch gab Ruth Werfel den Band „Gehetzt. Südfrankreich 1940. Deutsche Literaten im Exil“ heraus, der mit zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen in die Ausstellung einführt. Dirk Urland Eröffnung: Dienstag, 08.06.2010 | 19.15 Uhr Es sprechen: PD Dr. Winfrid Halder Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses Dr. Jan-Pieter Barbian Direktor der Stadtbibliothek Duisburg Martin Dreyfus, Rüschlikon

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Kinemathek

Mi, 07. 07. | 15 Uhr

Königin Luise. Liebe und Leid einer Königin (Deutschland 1957) Fortsetzung der Preußen-Filmreihe Was liegt näher, als im Gedenkjahr an Königin Luise, die Preußen-Filmreihe der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus mit einem Film über die „preußische Madonna“ (Vgl. S. 6) fortzusetzen. Sieben Filme gibt es über Preußens populärste Königin, die Kinemathek zeigt davon den Bekanntesten aus dem Jahr 1957, in dem Ruth Leuwerick die Königin spielt. Der Film zeigt das Leben der Königin Luise in der Zeit von etwa 1804 bis zu ihrem Tode 1810. Themenschwerpunkte sind die Darstellung ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter sowie ihr Einfluß auf die Politik gegenüber Rußland und Frankreich und auf ihren Mann, König Friedrich Wilhelm III. (Dieter Borsche). Die preußische Königin Luise feiert 1806 auf Gut Paretz ihren 30. Geburtstag im Kreis der Familie. Unter den vielen Geschenken befindet sich auch eine kostbare Robe, die Napoleon übersandt hat. Obwohl Luise sich darüber freut, sieht sie in Napoleon nur einen Emporkömmling, der Preußen als Verbündeten gegen Russland zu gewinnen versucht. König Friedrich Wilhelm III. will sich aber weder auf Frankreich noch auf Russland festlegen. Als sich Friedrich Wilhelm gegen Napoleon entscheidet, lässt dieser seine Armeen gegen Preußen aufmarschieren. Der preußische König zeigt sich wankelmütig; erst Luise bringt ihn dazu, den Kampf aufzunehmen. Nach dem Sieg Napoleons in der Schlacht von Jena u n d Auerstedt (1806) flieht die Königin mit ihren Kindern nach Ostpreußen und sucht in Tilsit Napoleon (René Deltgen) auf, und bittet um mildere Friedensbedingungen. Napoleon geht nur scheinbar darauf ein,

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Preußen muss sich ihm beugen. Drei Jahre später stirbt Luise. Karena Niehoff stellte im Berliner Tagesspiegel am 07.04.1957 fest: „Der Film, nach langer Pause wieder einer, der sich mit unserer Geschichte befasst, spart den knarrenden Protz der preußischen Legende aus. Aber er hat in seiner Gutartigkeit gegen jedermann nichts anderes dafür zu bieten.“ Einen besonderen Platz innerhalb der Luisenverehrung nahm stets ihr Aufenthalt in Ostpreußen ein: Ihre Flucht vor der siegreichen französischen Armee in den äußerst e n Wi n k e l d e s Reichs machte sie zur Märtyrerin. Ihr Zusammentreffen mit Napoleon galt als Höhepunkt ihrer Leidensgeschichte. Der 1905 in Liebau in Schlesien geborene Regisseur Wolfgang Liebeneiner wollte 1957 noch einmal an diesen Mythos anknüpfen. Er spart dabei nicht mit Parallelen zur damals aktuellen politischen Situation. Etwa wenn er Hardenberg (Hans Nielsen) zu Luise sagen läßt: „Es ist der Zar, der unsere Ostgebiete erhalten soll!“ Oder wenn König Friedrich Wilhelm III. als maßvoller Außenpolitiker gezeichnet wird, der sein Land aus den Auseinandersetzungen zwischen Ost (Rußland) und West (Frankreich) möglichst heraushalten wollte. Ganz anders dagegen seine impulsive und emotionale Gattin Luise: Sie hasst Napoleon und bringt ihren Mann dazu, gegen diesen den Krieg zu beginnen. Dafür wird sie bitter bestraft. Im Gespräch mit dem Erzfeind muss sie wiedergutmachen, was sie mitverschuldet hat. Das gelingt ihr nicht. Also muss sie

sterben. Bezeichnenderweise äußerte Ruth Leuwerick schon 1957 über die Wirkung auf das Publikum „Sie sollen nicht weinen, sie sollen lernen!“ Der Film ist ganz anders, als das, was die Kinemathek in der Preußenreihe bisher gezeigt hat. Auch dieser Film wollte Einfluß nehmen und über die populäre Gestalt der Königin Luise auf das Publikum wirken. Wirklich gelungen ist das nicht. Der Film wurde im Kino ein Flop. Im Wirtschaftswunderland war Luise fehl am Platz. Sehenswert ist er trotzdem, gerade weil er andere Klischees bedient, als die bisher in dieser Reihe gezeigten PreußenFilme und, weil er sich des nationalistischen Personenkults weitgehend enthält. Markus Patzke

Königin Luise im Film: 1913: Der Film von der Königin Luise. Regie: Franz Porten, Darsteller: Hansi Arnstädt (Königin Luise) 1927: Königin Luise. 1. Teil: Die Jugend der Königin Luise. Regie Karl Grune 1927/28: Königin Luise. 2. Teil. Regie Karl Grune 1931: Luise, Königin von Preußen. Regie Carl Froelich, Darstellerin: Henny Porten 1957: Königin Luise. Regie: Wolfgang Liebeneiner, Darstellerin: Ruth Leuwerik (Königin Luise) 2005: Vivat – Königin Luise im Fichtelgebirge. Regie: Gerald Bäumler 2010: Luise – Königin der Herzen. Dokumentarfilm von Georg Schiemann mit Luise Bähr als Königin Luise

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Kinemathek/Gedenken

Mi, 05.05. | 15 Uhr

„Die erste Polka“ (Deutschland 1979) Mi, 23.06. | 15 Uhr

„Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“ (Deutschland 1987) Horst Bieneks ist zwar nur gerade 60 Jahre alt geworden (vgl. S. 11), gleichwohl durfte er erleben, dass immerhin zwei seiner Bücher nicht nur zahlreiche Leser, sondern auch Zuschauer fanden. Zuerst wurde 1979 der erste Band seiner „Gleiwitzer Tetralogie“ verfilmt – der

Szene aus „Die erste Polka" Film trägt den gleichen Titel wie das Buch, das nur vier Jahre zuvor erschienen war: „Die erste Polka“. Bienek hat die Handlung auf nur zwei, allerdings sehr dramatische Tage zusammengedrängt. Sie spielt am 31. August und 1. September 1939 in Gleiwitz – also unmittelbar bei Beginn des Zweiten Weltkrieges. Bienek lässt seine Protagonisten zufällig Zeugen des fingierten „Überfalls“ auf den Sender Gleiwitz werden, der von Hitler als einer der Vorwände für den Angriff auf Polen verwendet wurde. Die von Bienek zeitgeschichtlich genau recherchierten Hintergründe werden kunstvoll mit dem individuellen Schicksal der auftretenden Personen verwoben. In der weiblichen Hauptrolle ist Maria Schell zu sehen. Es fügte sich, dass der erste Band des großartigen Gleiwitz-Zyklus verfilmt wurde und der gewissermaßen letzte. Denn Bienek hatte die Roman-Folge zwar mit dem vierten Band „Erde und Feuer“ (1982) abgeschlossen, ließ aber gleichwohl 1984 eine damit in Zusammenhang stehende „letzte Geschichte“ folgen. Ausgangspunkt ist wiederum eine authentische Episode aus den letzten Tagen

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des Zweiten Weltkrieges, in die Bienek einige Figuren aus den Gleiwitz-Büchern einbindet. Auf einem Schloß in Böhmen hat sich eine achtköpfige Gruppe adeliger Damen zusammengefunden, von denen die meisten bereits auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee sind. Als eine SS-Einheit das Schloß besetzt, bereit zu einer offenkundig sinnlosen, aber gewiss blutigen und zerstörerischen Verteidigung, beschließen die mutigen und gewitzten Damen, dem kommandierenden General einen Strich durch die Rechnung zu machen. Bienek, der für diese Verfilmung selbst das Drehbuch geschrieben hat, ist es gelungen, eine im Grunde traurige

Filmplakat „Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“ Geschichte mit überzeugenden komödiantischen Elementen zu durchsetzen. Das großartige Ensemble der Darstellerinnen – unter anderem Marianne Hoppe, Camilla Horn und Marika Rökk! – macht den Film (Regie: Peter Schamoni) vollends zu einem immer noch und immer wieder sehenswerten Kabinettstück. Winfrid Halder

„Meine Zeit wird kommen“ – Zum 150. Geburtstag von Gustav Mahler (1860-1911) Am 7. Juli 1860 wurde Gustav Mahler in Kalischt, einem kleinen Dorf unweit von Iglau in Mähren geboren. Mahler stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie; sein ehrgeiziger, selbst aus ärmlichen Verhältnissen kommender Vater ermöglichte dem ältesten Sohn eine gute Schul- und frühzeitig auch musikalische Ausbildung. Mit 15 Jahren wurde der hochbegabte Junge vom Wiener Konservatorium aufgenommen, damit war der Weg zum Berufsmusiker vorgezeichnet. Als der erst 21-Jährige 1881 Kapellmeister in Laibach wurde, begann einer der steilsten Dirigentenkarrieren seiner Zeit – mit 37 Jahren wurde Mahler 1897 Chefdirigent der Wiener Hofoper und hatte damit die damals wichtigste Position in seinem Fach erreicht. Daneben leitete er als Gast Konzerte mit den renommiertesten Orchestern in Europa und den USA. Neben seiner Dirigententätigkeit war Mahler intensiv um sein eigenes kompo-

sitorisches Schaffen bemüht – daraus gingen schließlich insbesondere 9 vollendete Sinfonien hervor. Bei den Zeitgenossen hatte Mahler es allerdings schwer sich auch als Komponist durchzusetzen, zu ungewohnt waren die gewaltigen Klangdimensionen seiner Werke. Behindert wurde Mahlers künstlerischer Erfolg auch durch antisemitische Angriffe, die ihn 1907 veranlassten, seine Tätigkeit an der Wiener Hofoper zu beenden. Gleichwohl war er überzeugt, dass ihm mit der Zeit die Anerkennung auch als Komponist nicht versagt bleiben würde. Damit hat Gustav Mahler gewiss Recht behalten, auch wenn er die Erfüllung seiner Prophezeiung infolge seines frühen Todes 1911 nicht mehr erleben durfte. Heute stellt niemand mehr in Abrede, dass Mahler der wohl bedeutendste Sinfoniker zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert war. Winfrid Halder

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Diskussion

Mo, 12.04. | 19 Uhr

20 Jahre gesamtdeutsche Demokratie – Eine Zwischenbilanz Diskussion mit Hildigund Neubert Vor über sechzig Jahren wurde die DDR 19.20 Uhr gegründet. Sie hatte vierzig Jahre Bestand 40 Jahre SED-Diktatur und 20 Jahre gebis sie 1989 zusammenbrach. Aber es samtdeutsche Demokratie wurde schon sehr viel früher deutlich, Hildigund Neubert dass dieser Staat aus eigener Kraft nicht Landesbeauftragte des Freistaats Thürinstabil war. Nur indem er Protest gewalt- gen für die Unterlagen des Staatssichersam unterdrückte, seine Bürgerinnen und heitsdienstes der ehemaligen DDR Bürger mit einer Mauer daran hinderte, aus ihm zu flüchten, indem zentrale Menschenrechte massiv verletzt wurden, konnte das SED-Regime überhaupt vierzig Jahre lang an der Macht bleiben. Über zwanzig Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen. Der Ruf „Wir sind ein Volk“ wurde unüberhörbar und machte den Weg frei zur Deutschen Einheit. Welche Hildigund Neubert Erfahrungen haben die Menschen mit Demokratie, Freiheit und sozialer Marktwirtschaft 19.50 Uhr in dieser Zeit gemacht? Wie sehr hat die Dialog Wiedervereinigung unser Land insgesamt Hildigund Neubert und Dr. Marion verändert? Haben wir – in Ost und West Gierden-Jülich – einen angemessenen Umgang mit dem dunklen Erbe gefunden, das SED und 20.15 Uhr Diskussion mit den Gästen Staatssicherheit hinterlassen haben? Vierzig Jahre – zwanzig Jahre, zum Rückblick auf eine wechselvolle Phase 21.00 Uhr deutscher Geschichte und Geschichte in Imbiss und Ausklang Deutschland lädt die Landeszentrale für politische Bildung zu einer Diskussion mit Hildigund Neubert ein. Frau Neubert engagierte sich früh in der Opposition gegen das SED-Regime. Seit 2003 ist sie Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Moderation Tom Hegermann, WDR Kontakt und Organisatorisches Veranstaltungstermin und -ort 12. April 2010 Maxhaus Katholisches Stadthaus in Düsseldorf, Schulstraße 11, 40213 Düsseldorf www.maxhaus.de (Auf der Webseite finden Sie unter „Kontakt“ eine detaillierte Anfahrtsbeschreibung.) Veranstalter Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen Horionplatz 1, 40213 Düsseldorf www.politische-bildung.nrw.de Ansprechpartner Bert Krause Telefon: 0211 - 86 18 46 32 E-Mail: bert.krause@mgffi.nrw.de Teilnahmebedingungen Die Teilnahme ist kostenlos. Die Plätze sind begrenzt, daher bitte rechtzeitig anmelden. Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Weitere Informationen zur Veranstaltung im Internet unter: www.politischebildung.nrw.de. In Kooperation mit: Konrad Adenauer Stiftung; Friedrich Naumann Stiftung „Für die Freiheit“; Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus; Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Mi, 05.05. | 10 Uhr

Programm: 19.00 Uhr Eröffnung und Begrüßung Dr. Marion Gierden-Jülich Staatssekretärin im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

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Vergangenheit dokumentieren – Zukunft gestalten Ostdeutsche Heimatstube, Oberstr. 17 in Neuss Die Frühjahrstagung der Arbeitsgemeinschaft Ostdeutscher Museen, Heimatstuben und Sammlungen findet in der Ostdeutschen Heimatstube in Neuss statt. Information und Anmeldung unter Tel.: 0211 - 1699118

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Museumsnacht

Sa, 08.05. | 19-24 Uhr

„east meets west“ Nächtliches Programm im Gerhart-Hauptmann-Haus zur „10. Düsseldorfer Nacht der Museen“ Die Düsseldorfer Nacht der Museen lädt seit vielen Jahren im Proberaum des Gerbereits zum 10. Mal ein zur nächtlichen hart-Hauptmann-Hauses als „Hausband“ Tour durch die Kulturszene Düsseldorfs. gastiert, steht für Rock’n’Roll, Drive und Mehr als 37 Kulturinstitutionen, darunter entfesselte Energie. Gekonnt setzen die vor allem Museen, Galerien und Sonder- vier Jugendlichen, die unterschiedlicher ausstellungsräume bieten am 8. Mai 2010 nicht sein könnten, ihre Erfahrungen und von 19 Uhr bis weit nach Mitternacht ein Gefühle in einer Symbiose aus eigenen breit gefächertes Programm mit Kurz- Texten, heißer Show und impulsivem, anFührungen, Musik, Lesungen und Kulina- steckendem Sound um. Rock’n’Roll wird rischem an. Besucher aus ganz Nordrhein- für „The Spiderpigs“ zum experimentelWestfalen- im vergangenen Jahr waren len Medium und fusioniert mit Reggae, es mehr als 22.000 - werden wieder die Funk, Jazz und Kraut. Die Texte auf Gelegenheit nutzen, von einem kulturelle Russisch, Deutsch und Englisch handeln Highlight zum nächsten zu wandern oder von zwischenmenschlichen Beziehungen, mit dem Shuttle Bus verborgene kulturelle Konkurrenzdenken und (Sehn)Süchten. Perlen erstmals für sich zu entdecken. Anschließend geht die Show ab 22 Uhr Auch die Stiftung für Freunde des Gerhart-HauptGlam-Rock weimann-Haus beteiligt ter mit ONI, der sich in diesem Jahr „russischsten Band an der „Nacht der Deutschlands“, eiMuseen“ und öffnigen bereits benet unter dem Motto kannt von ihrem „east meets west“ glamourösen Aufmit einem vielfältritten im Gerharttigen Angebot die Hauptmann-Haus Türen für Jung und Nicht verpassen - ONI, Die russischste vergangenes Jahr Alt gleichermaßen. Band Deutschlands oder dem diesjähZu einem Ausstelrigen Auftritt im lungsbesuch mit „Ostpreußischen Im- April im zakk. Die Band, die seit sieben pressionen“ laden die sehenswerten Ma- Jahren besteht, setzt in ihrem Programm lereien und Aquarelle des in Ostpreußen auf Visualisierung und Theatralisierung geborenen und in Düsseldorf verstorbenen der Musik. Das Auge, so die ONIMalers Karl Leo Herbert Guttmann ein. Bandmitglieder selbst, soll sich ebenso Speziell für die Nacht der Museen und freuen wie das Ohr, weshalb in ihre zugleich Highlights des Abends für Auge Show komplizierte Texte, verschiedeund Ohr sind rheinisches politisches Ka- ne Musikrichtungen und Instrumente, barett und extravaganter russischer Rock. Theater und vielerlei Ideen gekonnt und Los geht es zwischen 19.30 und 21 Uhr für stimmungsvoll einbezogen werden. Freunde des Kabaretts mit „Best of Jüne- Für Abkühlung oder Erwärmung sorgen mann“ von Didi Jünemann, bekannt aus gekühlte Getränke an der Bar bzw. eine der Kölner Stunksitzung oder der WDR heiße Samowarecke. Comedyshow „Frühstückspause“ mit Jür- Der Preis für die Eintrittskarten, mit denen gen Becker. Der renommierte Kabarettist die Besucherinnen und Besucher zu allen wird jeweils 3 mal 15 Minuten sein spe- beteiligten Kultur-Stationen während der ziell konzipiertes und zusammengestelltes Nacht der Museen Zutritt haben, beträgt Kabarett-Überraschungsprogramm zum 12,- EUR. Für den Transfer innerhalb der Besten geben. Stadt werden kostenlose Shuttlebusse zur Danach „bebt“ im Eichendorff-Saal des Verfügung gestellt. Hauses die Bühne. Zunächst ab 21 Uhr mit Für den Erwerb der Karten zur Nacht „The Spiderpigs“. Die Band, die übrigens der Museen im Vorverkauf oder aber

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Rock‘n ‚Roll, Drive plus energy - The Spiderpigs bei gezieltem Interesse an den einzelnen Kabarett- und Bandauftritten im GerhartHauptmann-Haus am 8. Mai 2010 melden Sie sich bitte bei der Stiftung GerhartHauptmann-Haus, Tel. 0211 1699 10, E-Mail bergmann@g-h-h.de Weitere Informationen zur Nacht der Museen in Düsseldorf unter: www.nachtder-museen.de Katja Schlenker Programmübersicht Nacht der Museen im Gerhart-Hauptmann-Haus Ausstellung Karl Leo Herbert Guttmann (geb. 1907 in Memel – gest. 1978 in Düsseldorf)) – Ostpreußische Impressionen, Malerei und Grafik Kabarett 19.30 und 20 Uhr und 20.30 Uhr: „Best of Jünemann“ 3x15 Minuten Kabarett mit Didi Jünemann (Kabarettist, bekannt aus dem Radio-Kult Programm: Herr Jünemann, Frühstückspause! und der Kölner Stunksitzung) (Live-)Musik 21-22 Uhr: The Spiderpigs (junge russische Rock’n’Roll Band mit einem Hang zum Experimentellem) ab 22 Uhr: ONI (Oni-Rock und GlamRock-Show) weitere Specials ab 21 Uhr kühle Drinks an der Bar und heiße Samowar-Ecke

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Liveübertragung

So, 13.06. | 20 Uhr

Mi, 23.06. | 20 Uhr

Liveübertragung der Fußball-WM Das Gerhart-Hauptmann-Haus lädt zum Gemeinschaftserlebnis ein Wenn für Deutschland am 13. Juni 2010 die Fußballweltmeisterschaft in Durban mit dem Spiel gegen Australien beginnt, gehören auch Spieler zur Nationalmannschaft, die einen ost- oder sudetendeutschen Hintergrund haben. Der Kapitän der Deutschen, Michael Ballack, ist 1976 in Görlitz geboren und damit ein waschechter Schlesier. Obwohl es seine Eltern früh nach Chemnitz verschlagen hat, ist der schlesische Akzent bei Ballack unverkennbar. Die Stürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski sind Oberschlesier. Während die Medienberichterstattung beide nur als Nationalspieler „polnischer Herkunft“ bezeichnet, sind sich Klose und Podolski ihrer schlesischen Herkunft und Identität nur zu bewusst. Beide Familien sind in den achtziger Jahren als Spätaussiedler in die Bundesrepublik Deutschland gekommen. Klose wurde als Sohn des deutschen Fußballspielers Josef Klose und der ehemaligen polnischen Handballnationalspielerin Barbara Jeż in Oppeln geboren. Seine Kindheit verbrachte Klose zunächst in Polen und kam im Alter von acht Jahren mit seiner Familie als Aussiedler nach Deutschland. Eine ganz ähnliche Lebensgeschichte hat der in Gleiwitz geborene Lukas Podolski. Josef Klose, der Vater des Nationalspielers, einst Linksaußen des polnischen Erstliga-Clubs Odra Opole, reagiert gereizt, wenn man ihm die polnische Herkunft unterstellt: „Ich bin Schlesier und Europäer.“ Vergessen werden soll an dieser Stelle auch nicht Philipp Lahm. Der junge Mann, Jahrgang 1983, hat nämlich sudetendeutsche Wurzeln. Sein Großvater Rudolf Lahm wurde in Schönbrunn/Kreis Tachau geboren. Philipp Lahm steht zu den sudetendeutschen Wurzeln seiner Herkunft und hat Kontakt zur Heimatgemeinde seines Großvaters aufgenommen. Es gibt also offensichtlich eine sehr lebendige Verbindung des deutschen

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Fußballs zu den historischen deutschen Ostgebieten. Erstaunlich ist dabei die Herkunft vieler Spieler aus Oberschlesien. Erwähnenswert ist etwa Ernst Wilimowski, der ein historisches Bindeglied zwischen Deutschen und Polen ist. Er ist der einzige Spieler, der in beiden Nationalmannschaften spielte und sowohl ein Tor gegen Deutschland (am 9. September 1934 beim 2:5 in Warschau) als auch Tore für Deutschland erzielte. Dazu gehören aber auch Gerard Cieschlik, Ernst Pohl, Gerhard Wodasch, Leonard Piontek, Erwin Nytz, Ewald Cebulla, Anatol Muschalla, Adolf Krzyk, Edmund Giemsa, Werner Janik, die Brüder Richard und Wilhelm Pietz, Richard Malik, Adolf Thiem und Ewald Dytko, von denen viele in der polnischen Nationalmannschaft und in deutschen, schlesischen Vereinen spielten. Die beste deutsche Fußballmannschaft der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts war der FC Schalke 04. Zwischen 1933 und 1942 ziehen sie neun Mal ins Finale um die Deutsche Meisterschaft ein. 1939 gelingt den Knappen der höchste Sieg, der je in einem Endspiel um einen nationalen deutschen Wettbewerb errungen wurde. Admira Wien wird mit 9:0 überrollt. Bis 1942 werden sechs deutsche Meisterschaften gewonnen, 1937 wird Schalke 04 Pokalsieger. Legendär war dabei der sogenannte „Schalker Kreisel“, der von den Spielern Ernst Kuzorra und dessen Schwager Fritz Szepan entwickelt wurde. Die Eltern beider Spieler waren aus Ostpreußen in das Ruhrgebiet zugewandert. Mit dazu gehörte auch Herbert Burdenski, der als Schütze des ersten deutschen Länderspieltores nach dem Krieg Fußballgeschichte schrieb. In jenen Jahren wurde Schalke 04 bei seinen Gegnern auch „Polackenverein“

genannt. Die Spieler wehrten sich dagegen in einer offiziellen Erklärung im Fußballfachblatt „Kicker“ vom 7. August 1934 energisch. Sie wiesen darauf hin, dass ihre Eltern alle im „heutigen oder früheren Deutschland geboren seien“ und sie selber auch keine Immigranten seien. Schalke 04 brachte ein Rundschreiben mit dem Titel „Schluss mit polnischen Gerüchten“ heraus. Insgesamt zehn aktive Spieler des Vereins stammten aus dem Osten, die meisten von ihnen aus Masuren, andere aus Schlesien und Oberschlesien. Es ist wohl wahr, dass Schalke 04 ohne die Zuwanderer aus den damaligen Ostgebieten und ihren Nachkommen nicht der Verein geworden wäre, der er heute ist. Schalke 04 hat damit im Übrigen auch ein wichtiges Stück Migrationsgeschichte geschrieben. Allerdings - und das wird in der Berichterstattung häufig übersehen - handelte es sich bei den Spielern des „Polackenvereins“ um deutsche Staatsbürger, während die Schalker Tomasz Waldoch und Tomasz Hajto tatsächlich polnische Staatsbürger und Spieler der polnischen Nationalmannschaft waren. Die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus stellt für die beiden Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft am 13.06. und 23.06.2010 jeweils um 20 Uhr ihre technische Ausstattung zur Verfügung. Sie bietet damit allen Freunden und Gästen des Hauses, aber auch den am Fußballsport Interessierten die Möglichkeit, die Spiele gemeinschaftlich in gemütlicher Atmosphäre zu verfolgen. Markus Patzke

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Aussiedler

Mo, 21.06. | 10 Uhr

Programm

Wanderer zwischen den Kulturen – Deutsche aus Russland in NRW

Dr. Nadezda Kutova, Mettmann Lebenswelten Deutscher in Russland

Seminar für Lehrer und Multiplikatoren in der Aussiedlerbetreuung Seit der Wende in den osteuropäischen Staaten sind mehr als 700.000 Spätaussiedler mit ihren Angehörigen nach Nordrhein-Westfalen gereist, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Viele, die als „Deutsche unter Deutschen“ leben wollten, stellten fest, dass sie in der neuen Heimat in Deutschland als „Russen“ wahrgenommen werden. Sie erleben im Alltag ein Spannungsfeld von Akzeptanz und Absperrung ihrer kulturellen Eigenheit seitens der einheimischen Bevölkerung. Die Verbesserung der Integrationschancen

von Deutschen aus dem östlichen Europa unter Einbeziehung ihrer Geschichte und des mitgebrachten Potenzials ist seit Jahren erklärtes Ziel von Seminaren im Gerhart-Hauptmann-Haus. Ein besonderes Anliegen dieser Veranstaltungen ist die Förderung der Integration von Spätaussiedlern im geistig-kulturellen Bereich. Ausgehend von den Referaten vermittelt das Seminar Impulse zur Förderung der Integration von Russlanddeutschen im kulturellen Bereich sowie die Möglichkeit zur Erörterung von entsprechenden Maßnahmen.

Dr. Svetlana Kiel, Osnabrück Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Ergebnisse einer empirischen Studie Aus der Praxis für die Praxis Dr. Katja Schlenker, Gerhart-Hauptmann-Haus Materialien für den Unterricht Lilia Lawruk, Vorsitzende des Integrations-Kulturzentrums, Mettmann Bewältigte Schicksale, Buchpräsentation Anmeldung und Information unter Tel.: 0211 - 1699118

Wie deutsch sind die Russlanddeutschen? Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen Identität in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien In den vergangenen Jahrzehnten siedelten mehrere Hunderttausende von Deutschstämmigen aus Osteuropa nach Deutschland aus. Besonders groß war der Zuzug der Spätaussiedler aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks nach dem Umbruch in den Mittel- und Osteuropäischen Staaten. Unter ihnen bilden die Russlanddeutschen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion die größte Gruppe. Für viele Bundesbürger sind die Spätaussiedler – „die fremden Deutschen“ – in Wirklichkeit ziemlich fremd. Auch die Aussiedler, die ursprünglich u. a. „als Deutsche unter Deutschen“ in Deutschland leben wollten, merken schon in der ersten Zeit ihres Deutschlandaufenthaltes viele Unterschiede zu der ansässigen Bevölkerung. Die besondere Situation der Russlanddeutschen besteht in der Ambivalenz, sich selbst als Zugehörige zur deutschen Kultur wahrzunehmen, gleichzeitig jedoch in der Bundesrepublik Deutschland auf Fremdheit zu stoßen.

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Diese spezifische Kultursituation macht die Autorin zum Gegenstand ihrer Untersuchung und erörtert im Rahmen einer umfassenden empirischen Studie die hierin von den Russlanddeutschen entwickelten Lösungsstrategien. Anhand von qualitativen Methoden gelingt es ihr, den nach der Migration einsetzenden Identitätsbildungsprozess detailliert zu rekonstruieren und vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen zu typisieren. Zudem wird deutlich, dass die Definition der eigenen ethnischen Identität den Erfolg oder Misserfolg einer Integration der Migranten grundlegend bedingt. Anhand des Beispiels der Gruppe russlanddeutscher Aussiedler liefert die Studie einen tiefen Einblick in die Prozesse der Konstruktion ethnischer Identität infolge einer Migration.

Die Autorin Svetlana Kiel, Dr. disc. pol., wurde 1977 geboren und studierte Erziehungswis-

Dissertation aus der Reihe Internationale Hochschulschriften, Band 516, Waxmann Verlag senschaften an der Universität KoblenzLandau. Als Graduiertenstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung promovierte sie 2008 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität in Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migrationsforschung und qualitative Forschungsmethoden.

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Reisebericht

Nordrhein-Westfalen in Oberschlesien Begegnungsreise des Integrationsbeauftragten Thomas Kufen - Zweiter Teil Am dritten Reisetag stand die Woiwodschaft Oppeln im Mittelpunkt des Interesses der Delegation. Verschiedene politische Sondierungsgespräche sollten die Teilnehmer über die aktuelle wirtschaftliche und kulturelle Situation der Region informieren und vor allem mit der Lage der Deutschen Minderheit vertraut machen. Die Woiwodschaft Oppeln gehört zum historischen Oberschlesien und ist stärker als die Woiwodschaft Schlesien landwirtschaftlich geprägt. Nach der Teilung Oberschlesiens blieb dieser Teil Oberschlesiens bei Deutschland und nahm deshalb eine andere geschichtliche Entwicklung. Die Woiwodschaft Oppeln ist mit dem Land Rheinland-Pfalz partnerschaftlich verbunden. Im Gespräch mit dem Woiwoden Ryszard Wilczynski ging es zunächst allgemein um die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. Thomas Kufen betonte die Wichtigkeit der historischen Verantwortung und Anerkennung geschichtlicher Tatsachen. Angesprochen auf Erika Steinbach und ihre Wahrnehmung in Polen, versicherte Ryszard Wilczynski, dass die deutsch-polnische Geschichte aufgearbeitet und die Vertreibung, Umsiedlung und Aussiedlung als gemeinsame Erfahrung angesehen würden. Beide Seiten hätten darunter gelitten, doch könne man jetzt über das Thema der ehemaligen Ostgebiete sprechen. Als wichtiger Partner für gemeinsame Projekte nannte Wilczynski das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz. Mit etwa 250.000 bis 300.000 Personen ist die deutsche Minderheit in Oppeln am stärksten vertreten. In 27 von 71 Gemeinden leben überwiegend Deutsche. Die Situation der Deutschen Minderheit schätzte der Woiwode als positiv ein. Fortschritte habe es vor allem im sprachlichen Bereich gegeben. Hätten nach 1989 zunächst in Oppeln nur emeritierte Lehrer für die Vermittlung der deutschen Sprache zur Verfügung gestanden, so befinde man sich jetzt in der zweiten Phase, in der Deutsch als Muttersprache unterrichtet werde. Allgemein verfüge die deutsche Minderheit, auch aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft, über viele Möglichkeiten und

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Rechte, die vor allem durch die Sozialkulturelle Gesellschaft wahrgenommen würden. So könne sie sich auf Deutsch verständigen und sei dennoch nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die zweisprachigen Ortsschilder seien bereits in 15 Orten realisiert worden. Anschließend besichtigte die Delegation den Landtag der Woiwodschaft Oppeln. Vereinbart war ein Gespräch mit den Abgeordneten der deutschen Minderheit und dem Vorsitzenden der Sozial-KulturellenGesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, Norbert Rasch, dem Vizemarschall der Woiwodschaft Oppeln, Józef Kotyś, sowie mit Fraktionsmitglied Bruno Kosak. Rasch skizzierte die Strukturen und Aufgaben der Sozial-KulturellenGesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien. Die 45.000 Mitglieder zählende Organisation ist politisch und im Bildungsbereich aktiv. Dazu gehört die Einrichtung von Samstagsschulen und bilingualen Schulen. In Oppeln stellt die Deutsche Minderheit 500 Gemeinderäte, 70 Kreisräte und 5 Landräte und 25 Bürgermeister. Thomas Kufen erkundigte sich nach der Art und Weise der Realisierung der Minderheitenpolitik, insbesondere der Bewährung des Minderheitsgesetztes in der Praxis. Kotyś wies auf eine veränderte Sichtweise der deutsch-polnischen Geschichte hin. Die Landesregierung unterstütze Veranstaltungen der Deutschen, fördere das Schulwesen und die Kultur in den Gemeinden und Landkreisen. Dass dies der polnischen Bevölkerung nicht immer gefalle, zeige sich auch in der Beschmierung einiger zweisprachiger Ortsschilder. Dennoch gebe es gerade in der Sprachvermittlung eine positive Entwicklung. Wie bereits aus anderen Gesprächen bekannt, gab es direkt nach der politischen Wende in Oberschlesien keine Deutschlehrer. Ab 1995 besserte sich die Situation allmählich. An der Universität in Oppeln wurde das Germanistikstudium eingeführt und seit 2008 wird Deutsch in Polen systematisch als Muttersprache unterrichtet. Davon profitiert zuerst die junge Generation. Deren Eltern war es bis zur Wende verboten, Deutsch zu sprechen. Rasch wies aber auch auf Defizite in der Vermittlung der deutschen Sprache hin,

Blick auf das Rathaus in Oppeln die er auf die Lehrpläne zurückführte. So werde bereits ab der zweiten Grundschulklasse Deutsch und Englisch unterrichtet. Statt auf dem Gymnasium daran anzuknüpfen, fingen die Schülerinnen und Schüler wieder ganz vorn an. Der Vizemarschall wies auf das Problem der Abwanderung von zweisprachig ausgebildeten Fachkräften aus der Woiwodschaft Oppeln hin, wenngleich dort der höchste Lebensstandard in Polen herrsche. Bereits nach der Wende hätten viele Deutsche aus Oberschlesien in Deutschland Arbeit gefunden. Die doppelte Staatsangehörigkeit habe diese Abwanderungstendenz gefördert. Viele Polen, bestätigte Kotyś, hätten mit Neid auf die „privilegierten Deutschen“ geschaut. Heute sei dies heute kein Problem mehr. Vielmehr blicke man in der Woiwodschaft Oppeln mit viel Hoffnung und Zustimmung auf die Entwicklungen der EU. Die Ansiedlung deutscher Unternehmen in der Woiwodschaft werde gern gesehen. Im Anschluss an das Gespräch mit Regierungsvertretern aus Oppeln besuchte die

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Reisebericht Delegation das Deutsche Generalkonsulat in Oppeln. Dort wurde sie von Konsul Ludwig Neudorfer herzlich empfangen. Neudorfer schilderte den Gästen kurz die Geschichte des Konsulats. Es wurde 1992 als Außenstelle des Generalkonsulats in Breslau gegründet, weil die deutsche Minderheit in Oppeln besonders stark vertreten ist. Im Rahmen von Sparmaßnahmen sollte das Vizekonsulat 1999 neben 19 anderen diplomatischen Geschäftsstellen geschlossen werden. Neben zahlreichen Protestaktionen mit Unterschriftensammlungen machten sich auf Seite der deutschen Minderheit zahlreiche schlesische Vertreter aus Politik und Kirche für den Erhalt des Vizekonsulats stark. Von polnischer Staatsseite wurde ebenfalls für die Erhaltung des Vizekonsulats plädiert. Das Konsulat zählt 28 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Davon sind etwa zwei Drittel Angehörige der deutschen Minderheit. Zu den Aufgaben gehört die Betreuung der deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Oppeln. Für die Passstelle sind acht Mitarbeiter zuständig. Die Aufgaben des Konsuls sind diplomatischer Natur. Neudorfer informierte die Delegation über die Situation der deutschen Minderheit und deren Zukunft. Die deutsche Minderheit in Oppeln ist mit ihren etwa 45.000 organisierten Mitgliedern wesentlich stärker vertreten als in der Schlesischen Woiwodschaft, wo ihre Zahl sich auf nur ca. 10.000 – 15.000 Personen beläuft. Die Passanträge sind jedoch auch in Oppeln rückläufig. Die Beteiligung der in Oppeln lebenden Deutschen an der diesjährigen Bundestagswahl in Deutschland war relativ gering. Von den neuen Möglichkeiten nach der politischen Wende 1989 begeistert, entstanden 1990 die organisatorischen Strukturen der deutschen Minderheit. Die anfängliche Begeisterung konnte sich über die vielen Jahre hinweg nicht halten. Das Problem sieht Neudorfer im fehlenden Nachwuchs und den zu geringen Maßnahmen zur Förderung des Identitätsgefühls. Das Konsulat verwaltet die Gelder, die in die Kulturarbeit der deutschen Minderheit fließen. Geldgeber ist das deutsche Innenministerium. Seit 2006 kann die deutsche Minderheit das Geld weitgehend selbst kontrollieren. Auch künftig werden Mittel für die deutsche Minderheit zur Verfügung stehen. Die Delegation interessierte sich außerdem für die grenzüberschreitende Kulturarbeit und erfuhr, dass Polens Beitritt zur EU die grenzüberschreiten-

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de Zusammenarbeit mit dem deutschen Nachbarn wesentlich vorangebracht hat. Deutsche Sprachkenntnisse sind auch in Polen wichtig. So ist kaum bekannt, dass es in Polen die meisten Deutsch lernenden Menschen (drei Millionen) auf der Welt gibt. Viele grenzüberschreitende Projekte werden über das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz und Oppeln vermittelt. Es gibt darüber hinaus Schulungsmaßnahmen für deutsche und polnische Jugendliche. Das Kulturreferat des Konsulats in Breslau unterstützt und vermittelt deutsch-polnische Kulturprojekte. Nach den aufschlussreichen Gesprächen

Thomas Kufen (r.) überreicht Mariusz Kleszczewski (l.)ein Präsent der Landesregierung. an diesem Tag blieb nur noch Zeit für eine Stippvisite in der Woiwodschaftshauptstadt Oppeln, dem Wirtschafts-, Kulturund Verwaltungszentrum des westlichen Oberschlesiens und der bedeutendsten Stadt Oberschlesiens außerhalb des Industriegebiets. Oppeln ist zudem seit 1972 Bischofssitz. Nach der Besichtigung des Rings mit dem im Stil der Florentiner Renaissance gestalteten Rathaus und den Bürgerhäusern mit Fassaden im Stil des Rokoko und Biedermeier, ging es zurück nach Kattowitz. Am Abreisetag, stand nochmals Kattowitz im Mittelpunkt der politischen Informationsreise. Die Woiwodschaftshauptstadt ist einer der wichtigsten und florierenden Wirtschaftsstandorte Polens. Auf dem Programm stand zunächst die Fahrt zum schlesischen Sejm, einem monumentalen Gebäude im Stil des Klassizismus. Es stammt aus der Zwischenkriegszeit nach der Grenzziehung, als Kattowitz Hauptstadt der Autonomen Woiwodschaft Schlesien wurde. Das Gebäude ist ein Zeugnis ehrgeiziger Bauprojekte der damals aufstrebenden Hauptstadt, die sich ebenso

wie die deutschen Städte Oberschlesiens auf der anderen Seite der Grenze mit der Grenzsituation auseinanderzusetzen hatte. Zunächst wurde die Delegation durch das von einem Krakauer Architektenteam errichtete imposante Gebäude geführt. Ein dreistöckiges Treppenhaus mit großer zweiflügliger Treppe verbindet die einzelnen Stockwerke. Es wird von einer mächtigen Kuppel überdeckt. Beeindruckend war vor allem der Sitzungssaal des schlesischen Parlaments im ersten Stockwerk, der nach dem Vorbild eines antiken Theaters halbrund angelegt ist. Die Verzierungen stammen von Jan Paszaka, der auch für den Ornamentschmuck im Treppenhaus verantwortlich ist. Nach dieser kunsthistorischen Unterweisung wurde die Delegation von Mariusz Kleszczewski, Mitglied des Vorstands der Woiwodschaft Schlesien, empfangen. Thomas Kufen stellte die Delegation vor und nannte das Ziel der Reise, die auch dazu diente, den kulturellen Austausch zu vertiefen. Dabei erinnerte er an den Freiheitswillen der Polen und die 20-jährige Wiederkehr der deutschen Wiedervereinigung in Freiheit, an der auch Polen maßgeblich beteiligt war. Kleszczewski knüpfte daran an, erinnerte an die ersten freien Wahlen in Polen nach 1989 und setzte große Hoffnung auf die Jugend für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Er hob dann auf die vielfältigen Kulturprojekte zwischen der Woiwodschaft Schlesien und dem Land Nordrhein-Westfalen ab, allen voran auf die geplante Präsentation der Woiwodschaft Schlesien in NordrheinWestfalen. 2010 ist das Jahr der Kulturhauptstadt Essen für das Ruhrgebiet, an dem sich auch oberschlesische Kultureinrichtungen beteiligen werden. Auf die Frage Dr. Halders nach der Bedeutung der Kohleförderung für Oberschlesien antwortete Kleszczewski, dass die Montanindustrie, vor allem die Steinkohle, in Oberschlesien weiterhin eine wichtige Rolle spielen werde. Andere Industrien, z.B. die Auto- und Elektroindustrie sowie Informationstechnik, würden aber an Bedeutung gewinnen. Die russlanddeutschen Delegationsteilnehmer interessierte vor allem das russisch-polnische Verhältnis. Kleszczewski bemerkte hierzu, dass ohne die Entwicklung in Polen die Russlanddeutschen nicht hätten zurückwandern können. Mit vielen neuen Eindrücken, Informationen und Kontakten im Gepäck ging es wieder zurück nach NordrheinWestfalen. Susanne Peters-Schildgen

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Angebote für Schulen

Materialien und Projekte für den Unterricht „Flucht, Vertreibung, Integration seit Ende des Zweiten Weltkrieges – Voraussetzungen und Folgen“ In den Lehrplänen für Geschichte insbesondere für die höheren Klassen ist das Thema „Flucht, Vertreibung, Integration im europäischen Kontext" verankert. Schülerinnen und Schülern die Voraussetzungen und Folgen der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges nahe zu bringen, kann unter verschiedenen spannenden Ansatzpunkten erfolgen, z.B. durch die Einbeziehung der Thematik in die Inhaltsfelder Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, aber auch „Wirtschaftswunder“ und „Neue Ostpolitik“ als auch aus ganz aktueller Sicht. Gerade in NRW ist für viele Schülerinnen und Schüler „Flucht, Vertreibung, Integration“ ein aktuelles, die eigene Familiengeschichte oder die der Freunde betreffendes Phänomen. Das Thema war und bleibt damit ein wichtiger Bestandteil der Landesgeschichte. Die Stiftung ist Ansprechpartner für Lehrer aller Schularten in ganz NRW und bietet breite Unterstützung, um diese sensible Materie im schulischen Unterricht kritisch und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Für alle Angebote kann das GerhartHauptmann-Haus als außerschulischer Lernort genutzt werden. Es liegt verkehrstechnisch außerordentlich günstig und bietet mehrere modern ausgestattete Seminar- und Unterrichtsräume, eine Fachbibliothek, eine Theaterbühne und moderne Filmvorführgeräte. Fachliche Information Lehrerhandreichung zum Thema „Flucht und Vertreibung“. Derzeit wird unter inhaltlicher Federführung durch die Stiftung im Auftrag der Staatskanzlei und des Schulministeriums in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung eine einschlägige Lehrerhandreichung vorbereitet (voraussichtliche Fertigstellung zum Schuljahr 2010/2011). Lehrerfortbildungen zum Thema „Flucht und Vertreibung“, auf Anfrage Materialien für den Unterricht Die öffentliche Bibliothek der Stiftung ver-

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fügt über eine umfassende Sammlung von Publikationen zu Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen und südöstlichen Europa wie zu Gegenwartsfragen in Ostmittel- und Osteuropa. Für die Unterrichtsvorbereitung steht ein ausgewählter Handapparat mit folgenden Schwerpunkten zur Verfügung: • Literatur zum Thema „Flucht und Vertreibung im europäischen Kontext“ • Literatur zum Thema „Ankunft und Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen in NRW“ • Erlebnis- und Augenzeugenberichte von Flüchtlingen und Vertriebenen • Bild- und Kartenmaterial • Dokumentationsfilme • Belletristik zum Thema „Flucht und Vertreibung“ Vermittlung von Zeitzeugen Die Zeitzeugen stammen aus Herkunftsregionen wie Schlesien, Ostpreußen, dem Sudetenland oder Bessarabien. Eine Einführung in die Oral History- Methode kann gegeben werden. Die Gespräche können in der Schule, aber auch in Form eines „Erzählcafés“ hier im Hause stattfinden. Projektunterricht Gemeinsam mit der Stiftung GerhartHauptmann-Haus erarbeiten Schulklassen oder Kurse in Projekten einzelne Themen und präsentieren die Ergebnisse anschließend. Die Themen können fächerübergreifend eingebunden werden, verschiedene Lehrplanbezüge an Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien sind möglich. Projekt: „Wege nach… - Verstehen, woher wir kommen, verstehen, wer wir sind“ Jugendliche erarbeiten ihre individuelle Familiengeschichte im historischen Kontext. Das Unterrichtsprojekt wurde bereits wiederholt erfolgreich durchgeführt. Es verbindet historischen Grundlagenunterricht mit eigenständiger Recherche- und Darstellungsarbeit der Schülerinnen und

Schüler. Am Ende steht eine öffentliche Ergebnispräsentation unter Einbeziehung von Eltern, Mitschülern, Lehrern und weiteren Interessierten. Mediale Projekte • Persönlichkeiten aus dem historischen deutschen Osten • Straßennamen und der historische deutsche Osten Veranstaltungen Historische Exkursionen Gemeinsam mit der Stiftung GerhartHauptmann-Haus werden Exkursionen inhaltlich vorbereitet und begleitet. In jüngerer Zeit wurden mit Schülerinnen und Schülern bzw. Studierenden Fahrten ins Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, ins Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen in Wesel, zur Varusschlacht-Ausstellung nach Kalkriese u. a. durchgeführt. Vorträge zu historischen Themen Als Referentinnen und Referenten waren in jüngerer Zeit im Rahmen des Stiftungsprogramms zu Gast: Prof. Dr. Helga Grebing, Prof. Dr. Hans Mommsen, Prof. Dr. Bernd Faulenbach, Prof. Dr. Dr. h. c. Gerhard A. Ritter, Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Prof. Dr. Kurt Düwell, Prof. Dr. Christopher Clark, Prof. Dr. Hans-Ulrich Wehler, Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Vogel Lesungen und Gespräche mit namhaften Autorinnen und Autoren, Literaturverfilmungen können im Gerhart-Hauptmann-Haus wahrgenommen werden (auf Wunsch auch in der Schule). Theateraufführungen Derzeit stehen moderne Inszenierungen von „Die Weber“ und „Die Ratten“ nach Gerhart Hauptmann in Zusammenarbeit mit dem „Kölner Zentrum für Schauspiel und Film“ im Programm. Ein Einführungsvortrag, auch in der Schule, ist möglich. Alle Angebote der Stiftung sind in der Regel kostenneutral. In der Projektzusammenarbeit ist lehr- und stundenplangerechte Anpassung an die schulischen Erfordernisse möglich. Ansprechpartner für weitere Informationen und Beratung: PD Dr. Winfrid Halder (Leitung der Stiftung), halder@g-h-h.de; Dr. Katja Schlenker (Koordination Schulzusammenarbeit), schlenker@g-h-h.de

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Studienfahrten

Vom 07.07.bis 12.07.

Spurensuche Deutsche Geschichte und Kultur in Sankt Petersburg Die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Düsseldorf eine Studienreise nach Sankt Petersburg. Auf dem Programm stehen, neben ausführlichen Besichtigungen von Museen und bedeutenden Bauwerken, Begegnungen mit Vertretern von Institutionen und Organisationen der Deutschen in Sankt Petersburg.

Programm Mi. 07.07.2010 Abflug mit der Lufthansa von Düsseldorf nach Sankt Petersburg am Vormittag. Transfer zum Hotel „Moskwa“, direkt am Newski Prospekt gelegen. Do. 08.07.2010 Stadtrundfahrt mit Außenbesichtigungen von der Admiralität, dem Flussleuchtturm, der Akademie der Künste, der Petersburger Universität und der Peter und Paul Festung, die den Ursprung und das historische Zentrum der Stadt bildet. Innenbesichtigung der Isaak-Kathedrale. Fr. 09.07.2010 Besichtigung der ehemaligen Winterresidenz des Zaren, in der sich heute die Eremitage befindet. Besuch des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland. (fakultativ) Sa. 10.07.2010 Fahrt nach Puschkin und zur bekanntesten Zarenresidenz, dem Katharinenpalast, wo sich das legendäre Bernsteinmuseum befindet (Innenbesichtigung). Besichtigung der deutschen evangelisch lutherischen Petrikirche in St. Petersburg und der Dauerausstellung „Geschichte der Deutschen in St. Petersburg“ im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum. (fakultativ) Am frühen Abend geführter Spaziergang mit der örtlichen Reiseleitung entlang der Newa durch die Stadt. So. 11.07.2010 Ausflug mit dem Tragflügelboot zur

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prunkvollen Sommerresidenz an der Ostsee, dem Peterhof. Mo. 12.07.2010 Abreise - Transfer zum Flughafen. Rückflug nach Düsseldorf am Nachmittag. Programmänderungen vorbehalten. Der Preis für die Reise beträgt 848,00 Euro für Vollpension und Unterbringung im Doppelzimmer, zuzüglich Visumbeschaffung in Höhe von ca. 70,00 € pro Person. Einzelzimmerzuschlag 136,00 € Anmeldung und Informationen im Gerhart-Hauptmann-Haus unter Tel.: 0211 - 1699118.

Im Jahr 1717 beauftragte Katharina I. den deutschen Architekten Johann Friedrich Braunstein mit der Errichtung des Katharinenpalastes.

Vom 19.06. bis 26.06.

Eine Reise nach Czernowitz Mythos Czernowitz. Von der Hauptstadt der Bukowina geht eine ungewöhnliche Faszination aus. „Klein-Wien am Pruth“ oder auch „Jerusalem am Pruth“ sind Bezeichnungen, die die Stadt in der Vergangenheit charakterisieren sollten. Eine Stadt, in der Menschen aus vielen Ethnien, aus unterschiedlichsten Kulturen, Anhänger diverser Religionen, mit verschiedenen Muttersprachen friedlich miteinander lebten. Ausgerichtet auf die Hauptstadt des KuK-Reiches Österreich-Ungarn, auf die Metropole Wien, geprägt durch die jüdischen Bewohner, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellten, überwiegend assimiliert und Träger einer deutschen „Leitkultur“ waren. Das „goldene Zeit-

alter“ der Stadt reichte von 1845, als die Bukowina zum eigenständigen Kronland mit der Hauptstadt Czernowitz erklärt wurde, bis 1915, als russische Kosaken im 1. Weltkrieg die Stadt überfluteten und die Bukowina 1918 an Rumänien fiel. Da die alte, die „österreichische“ Stadt, zwar in weiten Teilen sanierungsbedürftig, bis heute erhalten blieb, lohnt es sich, vor Ort zu erkunden, welche Zeugnisse des „goldenen Zeitalters“ sich noch finden lassen und zu prüfen und zu fühlen, ob vom Geist und der Ausstrahlung des mythischen Ortes noch etwas erhalten, noch zu spüren ist. Alle Informationen zur Reise erhalten Sie im Internet unter www.roseausländer-stiftung.de oder auf Anforderung schriftlich bei der Rose Ausländer-Stiftung, Blücherstraße 10, 50733 Köln.

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Bibliothek

„Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung“ Durch den Zweiten Weltkrieg verloren Millionen von Menschen ihre Heimat. Sie wurden zur Flucht gezwungen, wurden gewaltsam vertrieben, systematisch umgesiedelt oder deportiert. In der „Illustrierten Geschichte der Flucht und Vertreibung“ haben polnische Historiker erstmals die gesamte Geschichte dieser Zwangsmigration in Mittel- und Osteuropa zwischen 1939 und 1959 aufgearbeitet. Im Vordergrund stehen dabei die Schicksale von Polen im Dritten Reich und in der Sowjetunion, von Juden im Zweiten Weltkrieg und im kommunistischen Nachkriegspolen, von Deutschen in Mittel- und Osteuropa der Jahre 19441948 sowie von Ukrainern unter deutscher Besatzung und in Volkspolen. Die historischen Darstellungen werden ergänzt durch ausführliches Kartenmaterial, Originalquellen wie Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungen sowie Zeittafeln. Das Buch veranschaulicht, dass durch den Zweiten Weltkrieg nicht nur die politische Karte des östlichen Mitteleuropa, sondern von allem seine ethnische Struktur völlig verändert wurden. Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung. Ost- und Mitteleuropa 1939 bis 1959. Weltbild, 2009.

„Rückkehr des böhmischen Adels“ von Vladimir Votýpka Vor mehr als 30 Jahren begann der tschechische Journalist Vladimír Votýpka, die Schicksalswege böhmischer Adelsfamilien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzuzeichnen. Der böhmische Adel war immer eng mit der Geschichte Europas verbunden. Zur Zeit der Habsburgermonarchie übte er in der Funktion von Ministerpräsidenten, Außenministern, hohen Beamten und Militärs einen erheblichen Einfluss auf das politische Geschehen aus. Was aber wurde nach dem Ende der Monarchie aus diesen Familien? Wie haben sie – Jahre später – auf die kommunistische Machtergreifung in der Tschechoslowakei reagiert? Viele von ihnen gingen ins Exil und fanden so eine neue Heimat. Nach der politischen Wende des Jahres 1989 kehrten sie überwiegend in ihre alte Heimat zurück, wo sie sich des Jahrhunderte alten Familienbesitzes annahmen. Das Buch ermöglicht einen tiefen Einblick in oftmals abenteuerliche Lebensschicksale zahlreicher Familien und den Neuanfang der zweiten und dritten Generation adeliger Nachkommen. 2007 erschien der Band „Böhmischer Adel. Familiengeschichten“, der die Lebensschicksale während des Kommunismus dokumentierte. Im neuen Band steht die Zeit nach der Wende und des Wiederaufbaues im Zentrum. Votýpka, Vladimir: Rückkehr des böhmischen Adels., Böhlau, 2010.

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„Die vergessene Front. Der Osten 1914/15“ Mit dem Ersten Weltkrieg verbindet sich in der kollektiven Erinnerung vielfach das Trauma des modernen, technisierten Krieges. Sein Bild wird dominiert von den Ereignissen und Erfahrungen an der Westfront von Namen und Symbolorten wie Verdun, Flandern und die Somme. Der Krieg an der Ostfront ist dagegen in Vergessenheit geraten. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt Potsdam (MGFA) nahm den 90. Jahrestag des Kriegsausbruches zum Anlass, um sich den ersten beiden Jahren des Krieges im Osten zuzuwenden. Der Band gibt die Ergebnisse einer Tagung wieder, bei der Fachhistoriker aus acht Ländern den östlichen Kriegsschauplatz unter operations-, mentalitätsund kulturhistorischen Fragestellungen behandelten und zugleich aktuelle Fragen der Darstellung des Krieges im Internet, in Form von Ausstellungen und in Museen diskutierten. Das Buch verfolgt drei miteinander verbundene große Themen: Die Kampfhandlungen an der Ostfront 1914/1915, die erlebte Kriegswirklichkeit und die Verarbeitung der Kriegserfahrung an der Front und in der Heimat sowie die Gedenkkultur des Ersten Weltkrieges. Die vergessene Front. Der Osten 1914/15. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. Hrsg. von Gerhard P. Groß. Schöningh, 2006.

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Chronologie Mi jeweils 19 bis 20.30 Uhr Probe der Düsseldorfer Chorgemeinschaft Ostpreußen-WestpreußenSudetenland Leitung: Iskra Ognyanova Mi 07.04., 26.05., 06.06. | jeweils 15 Uhr Ostdeutsche Stickerei mit Helga Lehmann und Christel Knackstädt Raum 311 Do 08.04. | 17 Uhr „Vergessene Slowakei“ – Das karpatendeutsche Vermächtnis am Beispiel Krickerhaus“ Eine Veranstaltung des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland – Landesverband NRW e. V. Idee und Ausführung: Alexander Crolmuss Raum 412 Mo 12.04. | 19 Uhr „20 Jahre gesamtdeutsche Demokratie - Eine Zwischenbilanz“ Diskussion mit Hildigund Neubert Veranstaltungsort: Maxhaus Katholisches Stadthaus Düsseldorf (Siehe S. 17) Mi 14.04. | 19.15 Uhr Ausstellungseröffnung „Schlesische Städte gestern und heute“ Konferenzraum (Siehe S. 13) Do 15.04., 20.05., 17.06. | jeweils 19.30 Uhr Offenes Singen mit Barbara Schoch Raum 412 Do 15.04. | 19.15 Uhr Buchvorstellung Ernst David Kaiser „Die Geschichte eines Mordes“ Lesung mit Ingrid Bachér und Helmut Braun Konferenzraum (Siehe S. 10) Mi 21.04. | 19.15 Uhr „Tatenloses Abwarten und stumpfes Zusehen sind keine christlichen Haltungen“ – Zum 65. Todestag von

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Dietrich Bonhoeffer Vortrag von Prof. Dr. Kurt Düwell, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf Konferenzraum (Siehe S. 5) Do 22.04. | 19.15 Uhr „Die preußische Madonna – Königin Luise. Leben und Mythos“ Lichtbildervortrag von Dr. Philipp Demandt Konferenzraum (Siehe S. 6) Mi 28.04. | 19.15 Uhr „Überflüssig? Das Ende des Vertriebenenministeriums 1969“ Vortrag und Gespräch mit Staatsminister a. D. Gerd Ludwig Lemmer Konferenzraum (Siehe S. 7) Mi 05.05. | 10 Uhr Ostdeutsche Heimatstube Neuss Frühjahrstagung „Vergangenheit dokumentieren – Zukunft gestalten“ (Siehe S. 17) Mi 05.05. | 15 Uhr Kinemathek „Die erste Polka“ Konferenzraum (Siehe S. 16) Do 06.05. | 19.15 Uhr „Beschreibung einer Provinz – Horst Bieneks Oberschlesien“ Lesung mit Dr. Hajo Buch und einer Einführung von PD Dr. Winfrid Halder Raum 312 (Siehe S. 11) Sa 08.05. | 19 - 24 Uhr „east meets west“ Programm zur „10. Düsseldorfer Nacht der Museen" (Siehe S. 18) Di 19.05. | 19.15 Uhr Autorenlesung Herma Kennel „Bergersdorf“ Konferenzraum (Siehe S. 12) bis 20.05. Ausstellung Karl Leo Herbert Guttmann – Malerei und Grafik Ausstellungsraum

Mo 07.06. | 19.15 Uhr „Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! 20 Jahre danach: Voraussetzungen und Folgen der deutschen Einheit“ Vortrag von Prof. Dr. Dr. h. c. Gerhart A. Ritter, ehem. Ludwig-MaximiliansUniversität München Konferenzraum (Siehe S. 9) Di 08.06. | 19.15 Uhr Ausstellungseröffnung „Gehetzt“ – Südfrankreich 1940. Deutsche Literaten im Exil Ausstellungsraum (Siehe S. 14) So 13.06., Mi 23.06. | 20 Uhr Liveübertragung der Fußball - WM Konferenzraum (Siehe S. 19) Mi 16.06. | 19.15 Uhr „Konservativer Preuße durch und durch: Carl Goerdeler und die Zukunftsvorstellungen des Widerstandes für ein Deutschland nach Hitler“ Vortrag von Prof. Dr. Hans Mommsen, ehem. Ruhr-Universität Bochum Konferenzraum (Siehe S. 8) Vom 19.06. bis 26.06. Studienreise nach Czernowitz (Siehe S. 24) Mo 21.06. | 10 Uhr Seminar „Wanderer zwischen den Kulturen – Deutsche aus Russland in NRW“ Konferenzraum (Siehe S. 20) Mi 23.06. | 15 Uhr Kinemathek „Die letzte Geschichte von Schloss Königswald“ Konferenzraum (Siehe S. 16) Mi 07.07. | 15 Uhr Kinemathek „Königin Luise. Liebe und Leid einer Königin“ Konferenzraum (Siehe S. 15 ) Die nächste Ausgabe unserer Beilage „Kontrapunkt“ mit Informationen der West-OstKünstlerwerkstatt erscheint in Heft 3 / 2010.

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Sehr geehrte Abonnenten, wir möchten Sie hiermit freundlichst bitten, Ihren Jahresbeitrag für das West-Ost-Journal von 6,50 € auf das Konto der Stiftung – Stadtsparkasse Düsseldorf Kto.-Nr. 36 005 007, BLZ 300 501 10 - zu überweisen. Sie erhalten damit auch weiterhin die aktuelle Programmzeitschrift unseres Hauses zum Versandkostenpreis. Ihr Team vom Gerhart-Hauptmann-Haus Geöffnet

Servicezeiten der Verwaltung Mo-Do 8 - 12.30 ● 13 - 17 Uhr Fr 8 - 14 Uhr Servicezeiten der Bibliothek Mo-Mi 10 - 12.30 ● 13.30 - 17 Uhr Do 10 - 12.30 ● 13.30 - 18.30 Uhr Öffnungszeiten der Ausstellungen Mo - Fr 8 - 17 Uhr Sa auf Anfrage ● Sonn- und feiertags geschlossen

Viele weitere Informationen über das Gerhart-Hauptmann-Haus und zu den im Heft behandelten Themen finden Sie - rund um die Uhr - auch im Internet unter www.g-h-h.de.

Herausgeber: Stiftung „Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteurpäisches Forum“ Vorsitzender des Kuratoriums: Reinhard Grätz Vorsitzender des Vorstandes: Konrad Grundmann † Bismarckstr. 90 40210 Düsseldorf Postanschrift: Postfach 10 48 61 40039 Düseldorf Telefon: (02 11) 16 99 10 Telefax: (02 11) 35 31 18 Mail: bergmann@g-h-h.de Internet:www.g-h-h.de

Redaktion: PD Dr. Winfrid Halder, Chefredakteur; Dirk Urland M.A. Satz und Layout: Markus Patzke Herstellung: WAZ-DRUCK GmbH & Co. KG vorm. Carl Lange Verlag, Theodor-Heuss-Straße 77, 47167 Duisburg

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Neu erschienen auf CD: Oskar Gottlieb Blarr spielt historische Orgeln in Ostpreußen und im Ermland Prof. Oskar Gottlieb Blarr, Organist, Kantor, Dirigent und Komponist (1934 in Bartenstein / Ostpreußen geboren), hat sich um die Erhaltung zahlreicher Orgeln in den Kirchen seiner Heimat mit unermüdlichem Einsatz große Verdienste erworben.Manches Instrument von unschätzbarem Wert würde ohne ihn nicht mehr existieren. Auf den vom Gerhart-Hauptmann-Haus herausgegebenen CD’s erklingt die „Orgellandschaft Ostpreußen“ (20 €) und die Orgel der St. Anna-Kirche zu Barczewo/Wartenburg (15 €, davon 2 € für die Restaurierung des Instruments). Erhältlich im Gerhart-Hauptmann-Haus.

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Das Titelbild zeigt Königin Luise bei ihrem Treffen mit dem französischen Kaiser Napoleon am 6. Juli 1807 in Tilsit. Das Gemälde von Nicolas Louis Gosse entstand 1837. Dem 200. Todestag der Königin Luise und der Fußballweltmeisterschaft widmet die Stiftung GerhartHauptmann-Haus eigene Veranstaltungen.

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