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4 Reportage

„In Gottes Namen – Metall!“ Der Guss der neuen Glocken für die Alfelder St.-Nicolai-Kirche

Die Alfelder Gruppe an der bereits gegossenen, kleineren der beiden neuen Alfelder Glocken.

„Fest gemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt…“ So beginnt das berühmte Glockengedicht von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1799. Dass sich am Handwerk des Glockengießens seither wenig geändert hat, erlebten dreizehn Mitglieder der Alfelder St.-Nicolai-Gemeinde im August: 2250 Kilogramm flüssige Bronze ergossen sich aus dem Ofen der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe in die vorgefertigte Form im Erdloch – die Geburtsminuten einer von zwei neuen Glocken für die St.-Nicolai-Kirche.

Im Glockenstuhl der Alfelder St. Nicolai-Kirche hängen seit jeher sechs Glocken, die aus zwei Uhrzeitglocken und aus vier Amtsglocken bestehen. Die älteste Glocke stammt aus dem Jahr 1468. Bis zum Ersten Weltkrieg bestand das Geläut ausschließlich aus Bronzeglocken, von denen man zwei zu Rüstungszwecken einschmolz. Sie wurden ersetzt, erlitten aber im Zweiten Weltkrieg das gleiche Schicksal: 1941 wurden sie von den Nationalsozialisten enteignet und für die Waffenproduktion eingeschmolzen. In Bockenem wurden 1948 zwei Stahlglocken aus Eisenschrott in Auftrag gegeben, doch diese haben aufgrund des sehr spröden Materials und der Rostanfälligkeit nur eine begrenzte Lebenszeit. Der Glockensachverständige für die Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover hatte der Kirchengemeinde geraten, einen Teil des Geläuts der St.-Nicolai-Kirche zu erneuern. Nach ausführlicher Diskussion entschloss sich der Kirchenvorstand, der Empfehlung zu folgen. Bei der Glockengießerei Bachert in Karls-

ruhe wurden zwei neue Bronzeglocken für rund 90.000 Euro in Auftrag gegeben. Die Kosten trägt die Stadt Alfeld im Rahmen ihres Patronats, hinzu kamen Spenden von Alfelder Firmen. Die größere der beiden Glocken mit einem Gewicht von 2250 Kilogramm und einem Durchmesser von 1,5 Metern wurde am 6. August im Beisein von 13 Gemeindemitgliedern gegossen. Die kleinere Glocke mit einem Gewicht von 930 Kilogramm konnte bereits begutachtet werden: im Rohzustand, also ungeputzt und ungeschliffen. Die Verzierung der Glocke beinhaltet den Namen des Gießers, das Gussjahr sowie einen Vers aus dem Brief des Paulus an die Römer (Kapitel 4,5): „Wer an den glaubt, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ Aufmerksame Gemeindemitglieder entdeckten einen kleinen Schönheitsfehler in der Zier: Die Kirche „St. Nikolai, Alfeld“ wird nicht mit „k“, sondern mit „c“ geschrieben. Gegossen werden Glocken schon seit etwa 5000 Jahren. „Das heute noch ge-

Dämpfe und Hitze bestimmen die Szenerie in der Gießereihalle. Rechts läuft das flüssige Metall in die Form.

Die Vorarbeiten Der Glockengießer benötigt zur Herstellung einer Glocke eine dreiteilige Form, bestehend aus Kern, „falscher Glocke“ und Mantel. Der Kern, der dem Inneren der Glocke entspricht, wird aus Lehmsteinen und verschiedenen Lehmschichten gemauert, die wie vor Jahrhunderten mit Stroh, Pferdemist und Kälberhaaren angereichert werden. Die falsche Glocke muss in Umfang und Aussehen genau der späteren, noch zu gießenden Bronzeglocke entsprechen. Sie besteht aus Lehm und Talg, die Zier wird in Wachs aufgetragen. Vor der Herstellung des Mantels streicht der Glockengießer zunächst einen feinen, dann immer gröberen Lehm auf die falsche Glocke, so dass sich die Zier im Mantel abdrücken kann. Dieser muss dem hohen Druck standhalten, der während des Gießens auf ihn einwirkt. Vor dem Guss wird der Mantel abgenommen und die falsche Glocke zerschlagen. Der Hohlraum zwischen Kern und Mantel ergibt die spätere Glocke. Der Guss Glocken werden traditionell freitags um 15 Uhr gegossen, was an die Sterbestunde Jesu Christi erinnern soll. Bereits seit 2.30 Uhr in der Nacht wurde der Schmelzofen für die neue Glocke der St.Nicolai-Kirche angefeuert, damit die „Glockenspeise“, die aus 78 Prozent Kup-

fer und 22 Prozent Zinn besteht, schmelzen konnte. Als die Bronze eine Temperatur von 1020 Grad Celsius erreicht hatte, begann der Guss. Nach einem gemeinsamen Gebet gab der Glockengießermeister den Befehl: „In Gottes Namen – Metall!“ Mit langen Holzstangen prüften die Glockengießer das Schmelzgut. Beißender Qualm und Asche stieg auf und erfüllte die Halle bald vollends. Flammen schossen aus den Ofenluken und ihr Lichtschein warf wilde Schatten an Decke und Hallenwände. „Ein Moment höchster Spannung, nicht nur, weil immer auch etwas Unvorhergesehenes passieren kann“, erklärte Christiane Bachert. Als die rot glühende Glockenspeise aus dem Ofen floss, Rauch aufstieg und Gase abbrannten, hatte der Glockenguss seinen Höhepunkt erreicht. Das Team von Albert Bachert überwachte in feuerfester Montur die Prozedur. Immer höher stieg der Spiegel des flüssigen Metalls. Nach zwanzig Minuten war der oberer Rand der Gussform erreicht. Die gegossene Glocke musste in der ausgehobenen Glockengrube noch einige Tage auskühlen, bis sie aus ihrem Mantel befreit werden konnte. Dann wurde mit der Stimmgabel geprüft, ob der Guss gelungen war und die Glocke wie gewünscht klingt. Der Klang Der Klang einer Glocke muss bis auf Sechzehntel-Halbtonschritte exakt festgelegt werden. Die neuen Glocken für die St.-Nicolai-Kirche müssen nämlich mit dem bestehenden Geläut und auch mit der Glocke der katholischen St.-MarienKirche harmonieren, die in Hörweite ist. Entscheidend für den Ton einer Glocke sind der Durchmesser, die Höhe und die Wandstärke. Je nach Größe dieser drei Parameter verändert sich der Ton. Eine Glo-

Fotos: M. Sygalski

Geschäftsführerin Christiane Bachert erläutert den Ablauf des Glockengusses.

bräuchliche Verfahren geht auf das 16. Jahrhundert zurück“, erklärt Geschäftsführerin Christiane Bachert. Seit 1725 werden in mehreren Familien- und Firmenzweigen bedeutende Glocken gegossen, darunter die „Jahrtausendglocke“ für den Hamburger „Michel“ und das neue Geläut für die Dresdner Frauenkirche. Das Glockengießen ist eine Kunst, die noch immer von Hand ausgeübt wird.

SiebenRegionalSept 2011  

Vier Wochen lang wird die SIEBEN: als Informationsmedium genutzt. Anspruchsvoll gestaltet und hochwertig produziert bietet unser Magazin Ihn...

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