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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung Betr.: Titel, Kermani, SPIEGEL GESCHICHTE

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in Selfie ist zum Inbegriff deutscher Willkommenskultur geworden und zugleich mitverantwortlich für Angela Merkels momentane Lage, näher am Abgrund zu sein als jemals zuvor in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin: Das Foto, aufgenommen in Berlin, zeigt sie lächelnd, und direkt neben ihr steht Hassan Alasad, Flüchtling aus Syrien, untergebracht in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Markus Feldenkirchen hat Alasad getroffen, auch ein Selfie gemacht und mit ihm über Alasad, Feldenkirchen Merkel gesprochen. Feldenkirchen und René Pfister ergründen in der Titelgeschichte dieses Hefts, welche Motive die Kanzlerin bei ihrer Flüchtlingspolitik antreiben und warum sie nicht einlenkt. Dabei sprachen sie auch ausführlich mit ihren Kontrahenten in dieser Sache, Wolfgang Schäuble und Horst Seehofer. Ergänzt wird das Titelstück durch die Texte zweier Redakteure, die ihre Meinung zu Merkel geändert haben: Tobias Rapp, früher Merkel-Gegner, und Jan Fleischhauer, früher Merkel-Unterstützer, beschreiben, warum sie jetzt im jeweils anderen Lager stehen. Seite 12

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MAJID MOUSSAVI / DER SPIEGEL

weimal in den vergangenen beiden Jahren war der Kölner Schriftsteller Navid Kermani für den SPIEGEL unterwegs. Seine erste Reise führte ihn in den Irak; seine Reportage, die als dreiteilige Serie veröffentlicht wurde, beschrieb ein zerrissenes Land im Bürgerkrieg. Vergangenen Herbst verfolgte er den Treck der Flüchtlinge durch Europa. Inzwischen gilt der Muslim Kermani als einer der führenden IntellektuelKermani, Gorris len des Landes, dem im Herbst 2015 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Lothar Gorris besuchte Kermani in seiner Heimat, dem Eigelstein-Viertel in Köln. In der Nähe des Hauptbahnhofs sprachen und stritten die beiden über die Folgen der Silvesternacht, über den IS und Pegida, über Merkel und Europa und auch darüber, dass ausgerechnet ein Friedenspreisträger glaubt, dass man den IS nicht mit Luftschlägen besiegen kann, sondern nur am Boden. „Es wird“, so Kermanis Fazit, „unbequem werden.“ Seite 116

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ast 500 Jahre lang haben europäische Mächte versucht, über fremde Menschen, fremde Länder zu herrschen. Seefahrer aus Portugal, Spanien, den Niederlanden fanden es selbstverständlich loszusegeln, in der Überzeugung, im Auftrag Gottes zu handeln. Welche Folgen das für die Menschen in den besetzten Ländern hatte, welche Rolle Deutschland spielte, beschreibt die neue Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE. Neben politischen Analysen bietet das Heft ein Gespräch mit dem Historiker Jürgen Zimmerer über die Mythen der Kolonialzeit. SPIEGEL GESCHICHTE „Die Kolonialzeit“ erscheint am kommenden Dienstag. DER SPIEGEL 4 / 2016

3

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Kanzlerin Merkel, CSU-Politiker Thomas Kreuzer in Wildbad Kreuth

THOMAS RUSCH

DAVID GRAY / REUTERS

THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

Titel Die ganze Welt fragt sich inzwischen, was mit Angela Merkel los ist. Für ihre offenherzige Flüchtlingspolitik scheint sie bereit zu sein, notfalls ihr Amt aufs Spiel zu setzen. Woher kommt die plötzliche Entschiedenheit und Überzeugung der Kanzlerin? Seiten 12 bis 22

Menschen helfen Menschen Nächstenliebe Ein marokkanischer Augenarzt fährt über Land, um Menschen vom grauen Star zu heilen. Ein Rentner aus Montpellier ist der Fahrer, ein Fotograf aus Hamburg dokumentiert alles und hilft beim Finanzieren. Es gibt, in Nordafrika, Geschichten vom Gelingen. Seite 52 4

Das Bargeld verschwindet

Berlin ganz klein

Digitalisierung Start-ups und Internetkonzerne arbeiten an einer Revolution der Finanzwelt. Ihre Vision: Bezahlt wird mit dem Handy, Banken und Bargeld werden überflüssig – manche wollen sogar die klassischen Währungen durch digitale Bitcoins ersetzen. Seite 64

Mode Seit Jahren wird Berlin, Heimat der Fashion Week, vermarktet als Modemekka und Modemetropole, als fest etabliert neben den vier Modehauptstädten Mailand, London, Paris und New York. Aber ist Berlin wirklich schon so groß? Ein Besuch. Seite 58

Titelbild: Illustration Torsten Wolber für den SPIEGEL unter Verwendung eines Fotos von Laurence Chaperon / Roba Images

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

Prinzip Hoffnung


In diesem Heft Ausland

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Deutschland Leitartikel Die Industriestaaten tun zu wenig

im Kampf gegen die Ungleichheit Meinung Kolumne: Der gesunde Menschenverstand / So gesehen: Armee als Happening Tornados bleiben länger am Boden / Verfassungsklage gegen Merkel / Große Gnade für Uli Hoeneß Migration Deutschland diskutiert über das Frauenbild von Muslimen TV-Debatten Der Chefredakteur des SWR, Fritz Frey, über die Entscheidung, die AfD aus den Gesprächsrunden vor den Landtagswahlen auszuladen Steuern Der 145-Millionen-EuroDeal – wie Milliardärstöchter mögliche Freiheitsstrafen vermieden Umwelt Brüssel propagiert die Kreislaufwirtschaft Bildung Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, über die Neuauflage der Exzellenzinitiative Schleswig-Holstein Die neue Lebensgefährtin des Ministerpräsidenten und ihre merkwürdigen Geschäfte mit der Landesregierung Senioren Ehemalige RAF-Terroristen haben Probleme mit ihrer Altersvorsorge Kommunen Großstädte tun zu wenig gegen die Luftverschmutzung Polizei Ein Streifenbeamter hortete Waffen und Nazidevotionalien in seiner Wohnung

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Die thailändische Militärregierung geht gegen Kritiker vor / Ist Präsident Putin für den Litwinenko-Mord verantwortlich? Polen Eine breite gesellschaftliche Opposition tritt gegen die nationalkonservative Regierung an USA Hillary Clinton gerät im Vorwahlkampf in Bedrängnis gegen den Sozialisten Bernie Sanders Essay Der Arabische Frühling war nicht erfolgreich, und trotzdem sollten wir ihn noch nicht aufgeben Italien Neapels Kampf gegen die Camorra Griechenland Alexis Tsipras’ Jahr an der Macht – und wie er sein Land verändert hat Türkei Tourismusminister Mahir Ünal über die Folgen des Anschlags von Istanbul Global Village Psychiater, Pfleger und ihre Patienten tanzen und singen in der verrücktesten Sambatruppe Brasiliens

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Sport 32 34 38 40 43 44 46 47

Gesellschaft Früher war alles schlechter: Die Menschen werden immer größer / Badeverbot für deutsche Opas! 50 Eine Meldung und ihre Geschichte Don Camillo und Peppone ringen mit dem Feinstaub 51 Nächstenliebe Der Kampf eines marokkanischen Arztes gegen die Volkskrankheit grauer Star 52 Mode Die Fashion Week ist nur noch in Berlin und Umgebung weltberühmt 58 Ortstermin Die „Caravan“ in Stuttgart sucht Urlaubsideen in Zeiten des globalen Terrors 60

Wirtschaft Kontrolleure wollen Rundfunkbeitrag senken / Lufthansa-Beschäftigte misstrauen ihrer Führung / Brüssel kommt der Autoindustrie entgegen 62 Digitalisierung Das Bezahlen per Smartphone ersetzt das Bargeld – die Finanzbranche steht vor einer Revolution 64 Analyse Warum sich die Krisen der Weltwirtschaft häufen – und gegenseitig verstärken 71 Dieselskandal Ein Hacker knackte die Schummelsoftware von Volkswagen 72 Immobilien SPIEGEL-Gespräch mit der chinesischen Milliardärin Zhang Xin über die Krise in ihrem Land 74 Wachstum Die Grünen wollen Wohlstand anders messen als die Regierung 78

Skistar Aksel Lund Svindal kritisiert IOC / Neue Disziplin im Bobsport Tennis Die Wettmafia verdient mit verschobenen Spielen Millionen Fußball Der deutsche Nationalspieler Emre Can hat sich beim FC Liverpool zur Führungsfigur entwickelt

MAJID MOUSSAVI / DER SPIEGEL

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Navid Kermani Er repräsentiert genau das multikulturelle Deutschland, das seit der Kölner Silvesternacht infrage gestellt wird. Im SPIEGEL-Gespräch sagt der Schriftsteller: „Die Vielfalt ist immer gefährdet und, ja, auch gefährlich.“ Seite 116

97 98 JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL

Wie aus Angela Merkel die Flüchtlingskanzlerin wurde Die Illusion von den EU-Hotspots als Lösung der Flüchtlingskrise Die SPIEGEL-Redakteure Jan Fleischhauer und Tobias Rapp über ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf die Kanzlerin Berlin und Brüssel suchen nach einem Plan B in der Flüchtlingspolitik

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Wissenschaft Ausgerechnet der „Pluto-Killer“ will einen bislang unbekannten Planeten gefunden haben / Warane sollen keine Giftkröten mehr fressen / Warum wir mehr Palliativärzte brauchen 102 Verkehr Darf ein selbstfahrendes Auto seine Insassen töten? 104 Medizin Pharmaforscher unter Schock – Hirnschäden bei Medikamententest 107 Utopien Die letzte Ehefrau des legendären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick spricht über dessen bizarre Gedankenwelt 108 Tiere Warum sich viele Spinnenmännchen darauf einlassen, nach dem Sex verspeist zu werden 110

Kultur Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ / Gurlitts Anwalt vor Gericht / Kolumne: Besser weiß ich es nicht Debatte Die Angst vor dem Fremden, die Angst vor der Krise – ein SPIEGEL-Gespräch mit Navid Kermani Theater Matthias Hartmann inszeniert „Der Idiot“ in Dresden Literatur Ein Besuch bei Orhan Pamuk in Istanbul Karrieren Der eigentliche Star im Til-Schweiger-„Tatort“ ist Fahri Yardım Fernsehkritik „Letzte Ausfahrt Gera“, ein dokumentarisches Drama über Beate Zschäpe Bestseller Impressum, Leserservice Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel / Rückspiegel

Zhang Xin Sie arbeitete am Fließband, und heute ist sie eine mächtige Bauunternehmerin. Im Gespräch über die Krise ihres Landes sagt die chinesische Milliardärin: „Wir sind nicht anders, auch wir wollen Freiheit.“ Seite 74

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116 123 DEFODI / DDP IMAGES

Titel

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Emre Can

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Er zählt für Joachim Löw zum Kandidatenkreis für die Fußball-Europameisterschaft, bei Jürgen Klopp, dem Trainer des FC Liverpool, spielt er fast immer. Der gebürtige Frankfurter will ein Anführer sein. Seite 100

Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Die Scheinheiligen Die politische Elite des Westens redet viel über Ungleichheit, tut aber kaum etwas dagegen.

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SWISS-IMAGE. CH / ACTION PRESS

s gibt ein neues Ritual auf der Welt, bei dem man des großen Geldes auf die Politik nimmt dagegen zu. In den nicht weiß, wie man es nennen soll: scheinheilig? Dreist? USA stimmen sich die Lobbyisten der Rüstungs-, Pharmaoder Ölindustrie die großen Parteien mit millionenschweren Zynisch? Jedes Jahr im Januar meldet die Entwicklungsagentur Wahlkampfspenden gewogen. In der Schweiz versucht der Oxfam, dass eine kleiner werdende Zahl Superreicher über Rechtspopulist und Milliardär Christoph Blocher mit teuren einen größeren Teil des weltweiten Vermögens verfügt. Ak- Kampagnen den Ausgang von Volksabstimmungen zu beeintuell sollen es 62 Milliardäre und Multimilliardäre sein, die flussen. Man muss kein Marxist sein, um die Konzentration von Kapital und Macht auf beiden Seiten des Atlantiks als rund die Hälfte des weltweiten Kapitals besitzen. Anschließend treffen sich die Reichen und Mächtigen re- „neofeudal“ zu bezeichnen. Viele westliche Politiker sehen sich außerstande, etwas gelmäßig zu ihrem glamourösen Gipfel im schweizerischen Davos und beklagen, dass sie wieder ein Stück reicher und gegen die wachsende Ungleichheit in ihren Gesellschaften mächtiger geworden sind. Um dann, wenn sie ein paar Tage zu unternehmen. Sie fühlen sich getrieben von anonymen Kräften wie der digitalen Respäter in ihre Chefbüros und volution oder der GlobalisieRegierungszentralen zurückkehrung, gegen die nationalstaatren, bedauernd festzustellen, liche Politik angeblich nichts dass sich dagegen nichts maausrichten kann. chen lässt. Weil sich die Staaten Doch das ist falsch, wie zahlnicht auf gemeinsame Maßnahreiche Studien von Organisatiomen einigen können, schon gar nen wie dem Internationalen nicht auf eine globale ReichenWährungsfonds oder der OECD steuer. Ende der Debatte. Wieausweisen. Man muss ja nicht dervorlage im nächsten Jahr. gleich eine weltweite VermögenDer bigotte Schönsprech von steuer einführen. Vielfach würDavos ist mehr als ein Ärgernis. de es schon genügen, wenn die Er ist eine Gefahr für den soziaRegierungen die Abgaben einlen Zusammenhalt und die Detrieben, die ihnen zustehen. mokratie. Die Mischung aus EmManche Finanzbehörden jepörungsrhetorik und Tatenlosigdoch behandeln selbst notokeit lässt das Misstrauen gegenrische Steuerhinterzieher mit über der Politik wachsen. Sie Nachsicht (siehe Seite 34). Und trägt auch dazu bei, dass das viele Politiker treten bei diesem Problem noch immer unterThema als gespaltene Persönschätzt wird. Dabei droht die lichkeiten auf. EU-KommisKluft zwischen Arm und Reich sionspräsident Jean-Claude Junin der industrialisierten Welt cker beispielsweise: In Brüssel längst wieder jenes obszöne Ausmaß zu erreichen wie in den Zwanzigerjahren des vorigen gibt er gern den wortgewaltigen Kämpfer für soziale GerechJahrhunderts, als der US-Romancier F. Scott Fitzgerald seinen tigkeit. Daheim in Luxemburg dagegen ließen seine Beamten kein Schlupfloch ungenutzt, um gemeinsam mit der Industrie „Großen Gatsby“ schrieb. Der Befund der Statistiker ist eindeutig: Seit einem Vier- Europas Steuerregeln zu umgehen und die Lasten der Konteljahrhundert kommt der Wohlstandszuwachs in den Indus- zerne zu drücken. Wer im Kampf gegen Ungleichheit erfolgreich sein will, trienationen vor allem den reichsten zehn Prozent zugute. Die Verdienste der Mittelschicht stagnieren seit Jahren. Und muss auch die Rahmenbedingungen für untere Lohngruppen wer das Pech hat, sich als ungelernter Leih-, Teilzeit- oder verbessern und ihnen Aufstiegschancen bieten. Er muss mehr Hilfsarbeiter verdingen zu müssen, erlebt in vielen Ländern, Geld für Kitas und Ganztagsschulen bereitstellen und Leihwie sein Einkommen schrumpft. „Wenn es einen Klassen- arbeit und Teilzeitjobs besser regulieren. Nötig ist zudem kampf gibt“, spottet der US-amerikanische Großinvestor War- eine Steuer- und Sozialpolitik, die vor allem Niedrigverdienern hilft. Die derzeitige Bundesregierung verfolgt vielfach ren Buffett, „dann ist meine Klasse der Gewinner.“ Die Aussicht auf sozialen Aufstieg ist geschwunden. In den das genau entgegengesetzte Programm, etwa bei der Rente Nachkriegsjahrzehnten war es in vielen Ländern des Westens mit 63, die vor allem gut ausgebildeten männlichen BesserProgramm, Arbeiterkindern den Weg an die Universitäten verdienern nutzt. Es ist Zeit, dass die Industrieländer die Gerechtigkeitsfrage und in Managerpositionen zu ebnen. Heute hängt die Bildung wieder stärker denn je vom Elternhaus ab. Zugleich gelingt wieder ins Zentrum ihrer Politik rücken. Was wir dagegen es den Regierungen immer weniger, die ungleiche Verteilung nicht brauchen, ist die Wir-kümmern-uns-Heuchelei von durch Steuern und Sozialtransfers zu korrigieren. Der Einfluss Davos. Michael Sauga 6

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Meinung Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand

Historisches Laienspiel Die spinnen, die Amis, dachte ich, als ich im Frühjahr die USStadt Gettysburg besuchte. Hier hatte 1863 die Schlüsselschlacht im Bürgerkrieg stattgefunden. Südstaaten gegen Nordstaaten. Recht auf Sklaverei gegen Abschaffung der Sklaverei. Der Norden und die Zivilisation siegten. Beim Spaziergang im Wald entdeckte ich in einem abgelegenen Winkel eine Familie, die auf offenem Feuer kochte. Die Männer waren in Uniform mit Gewehr, die Frauen trugen Röcke und lustige Häubchen. „Wir sind die Südstaatler“, grüßten sie. Ich erfuhr, dass sie viele Wochenenden im Wald verbrachten, um Südstaatler zu sein, als Hobby, ehrenamtlich. Montags kehrten sie in ihre Büros zurück. Ihr Ding hieß „Reenactment“, das Nachspielen historischer Ereignisse und Epochen. Ob sie als „Südstaatler“ denn auch die Sklaverei wieder einführen wollten, fragte ich sie. Das kam nicht gut an, und ich machte mich lustig über so viel historische Ignoranz. Inzwischen ist mir für deutsche Überheblichkeit die Grundlage abhandengekommen. Auch bei uns gibt es nun immer mehr Laienschauspieler, die ein dunkles Kapitel unserer Geschichte wieder aufführen: die Zwanzigerjahre, jenes rüde deutsche Jahrzehnt, dem das brutalste folgen sollte. Die Aufführungen finden nicht im Wald, sondern auf deutschen Straßen und im Internet statt. Großer Beliebtheit erfreut sich etwa der Fackelumzug, jene abendländische Tra-

Kittihawk

dition, die unter den Nazis zu voller Blüte reifte. In München trifft sich die PegidaTruppe inzwischen bevorzugt vor jener Feldherrnhalle, zu der die historischen Vorbilder 1923 ihren berühmten Marsch unternahmen. Die Wirtshausschlägerei, ein in der Spätphase der Weimarer Republik beliebtes Genre, wird nicht mehr in der Gaststube, sondern in Internetforen nachgestellt. Was man den Laiendarstellern hoch anrechnen muss, ist ihre Textsicherheit. Sie kennen alle Gassenhauer, die im Kampf gegen die Demokratie erfolgreich waren, vom „Volksverräter“ bis zur „Schwatzbude“. Zu den Stars des deutschen Reenactments gehört Björn Höcke, der sich im Laternenschein auf dunkle Plätze stellt und mit authentischem Tremolo einschlägige Begrüßungen nachahmt: „Ich sehe Männer und Frauen. Ich sehe eine Gemeinschaft. Ich sehe ein Volk, das eine Zukunft haben will.“ Seit den Übergriffen von Köln ist das Nachspielen von Freikorps der letzte Schrei. Sie nennen sich „Freikorps Bürgerwehr Selbstschutz der Patrioten und unserer Familien“ oder ganz einfach „Kassel passt auf“. Die Darsteller sind oft mit Schäferhunden unterwegs und scheinen ausgezeichneten Zugang zu Nahrung zu haben. Beim Haarwuchs hingegen muss es ein Problem geben. So sehr ich mich über die Geschichtsvergessenheit der „Südstaaten-Familie“ in Gettysburg gewundert habe, so vernünftig erscheint sie mir jetzt. Alles, was die Leute wollten, war, still im Wald herumzusitzen. An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Markus Feldenkirchen und Jan Fleischhauer im Wechsel.

Armee zur Dekoration So gesehen Einsatz der Bundeswehr im Inneren? Bitte nur als Happening. Bislang war ich eigentlich gegen einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren, wie ihn Wolfgang Schäuble jetzt wegen der Flüchtlingskrise wieder gefordert hat. Das galt, bis ich nach Brüssel zog. In der belgischen Hauptstadt gehören Soldaten inzwischen zum Straßenbild wie in Kabul oder Islamabad. Natürlich, vor den Toren der mächtigen EU-Zentrale schoben schwer bewaffnete Militärs schon seit Längerem Wache. Aber erst seit den Terroranschlägen von Paris im November patrouillieren Soldaten in der gesamten Stadt, sogar vor dem Eingang von Ikea. Zu übersehen sind sie nicht, dank ihrer senffarbendunkelgrün-gefleckten Tarnanzüge, die noch aus dem letzten Einsatz im Kongo zu stammen scheinen. Zu tun gibt es nichts, meist flanieren die Soldaten in Zweiergrüppchen durch die Stadt. Einer soll in der Fußgängerzone beim Weihnachtsshopping gesichtet worden sein, das Präsenttütchen baumelte neben dem Sturmgewehr. Ein senfgrünes Pärchen bewacht besonders gern die berühmteste Friterie Brüssels an der Place Jourdan. Der Wirt der benachbarten Brasserie spendiert Kaffee. Und der Sinn des Ganzen? Terrorbekämpfung? „Die Armee hat keine präventive und keine repressive Funktion“, sagt der Soziologe Eric Corijn, „sie ist nichts als Dekoration, die uns aufgezwungen wird.“ Der Militäreinsatz im Inneren, ein Happening? Ich finde: wenn schon Militär auf deutschen Straßen, dann bitte so unaufregt, senfgrün und dekorativ wie in Belgien. Peter Müller

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Regierungschefin Merkel mit Mitarbeitern im Kanzleramt

Egal wie es ausgeht … Regierung Noch nie war Merkels Kanzlerschaft so in Gefahr wie derzeit. Ihre Flüchtlingspolitik irritiert nicht nur viele Bürger, sondern lässt die CSU um ihre Existenz fürchten. Was treibt Merkel an? Von Markus Feldenkirchen und René Pfister

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Titel

CHRISTIAN THIEL

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n einem Sonntagabend Anfang Januar besucht Angela Merkel mit ihrem Ehemann ein Klavierkonzert des Pianisten Antonio Acunto im Kleinen Saal des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt. Auf dem Programm stehen Werke von Chopin, Rachmaninow und Schumann. Aber die Kanzlerin ist nicht nur wegen der Musik gekommen, es geht auch um die gute Sache, um Haltung. Das Konzert ist eine Benefizveranstaltung für Flüchtlinge. Ihre Flüchtlinge. Kurz vor Beginn des Konzerts sieht Merkel einen alten Bekannten. An der Seite von Pfarrer Rainer Eppelmann, dem ehemaligen Chef des Demokratischen Aufbruchs, hatte vor 26 Jahren ihre politische Karriere begonnen. Eppelmann erzählt ihr, wie menschlich, wie mutig, ja großartig er ihre Flüchtlingspolitik findet. Er habe angesichts ihrer Lage zuletzt oft an sein Lieblingszitat des ehemaligen tschechischen Präsidenten und Schriftstellers Václav Havel gedacht. Das müsse er jetzt unbedingt loswerden, als Ermutigung. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht. Hoffnung ist die Gewissheit, dass eine Sache Sinn macht, egal wie sie ausgeht.“ Das Konzert beginnt, Merkel hört Chopin, eine melancholische Ballade in g-Moll. In der Pause springt sie von ihrem Stuhl auf und läuft zielstrebig auf Eppelmann zu. Sie fragt: „Wie war das noch genau mit der Hoffnung?“ Es ist dieser Tage völlig ungewiss, wie jenes Experiment ausgehen wird, das die deutsche Kanzlerin dem europäischen Kontinent, ihrem Volk und nicht zuletzt ihrer Partei aufgenötigt hat. Ihre Entscheidung im vergangenen Spätsommer, die deutsche Grenze für Flüchtlinge zu öffnen, hat Merkel zu einer historischen Figur gemacht. Es war der folgenreichste Entschluss ihrer Kanzlerschaft. Das US-Magazin „Time“ kürte sie dafür zur Person des Jahres, im Herbst galt sie als aussichtsreiche Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Inzwischen hat sich nicht nur in Deutschland die Stimmung gedreht. Um politische Gewalt wie in den Dreißigerjahren zu verhindern, müsse Deutschland umgehend umsteuern, schrieb kürzlich ein Kolumnist der „New York Times“: „Das bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss.“ In Merkels Union wird über eine Regierung ohne die amtierende Chefin nachgedacht. Anfang der Woche erlaubte CSUChef Horst Seehofer seinem Verkehrsminister Alexander Dobrindt, Merkel öffentlich zu kritisieren. Das ist eigentlich ein Tabu. Meuternde Minister waren schon häufiger das Wetterleuchten für einen Kanzlersturz. Das Drehbuch für den Putsch ist noch nicht geschrieben, aber erste Skizzen existieren schon. Seehofer will Merkel so lange unter Druck setzen, bis sie ihre Politik re-

vidiert. Er will sie nicht aus dem Amt drängen, aber wenn sie nicht spurt, können sich manche in der Union vorstellen, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble die Regierungsgeschäfte übernimmt. Noch ist es nicht so weit, aber die kritische Masse findet sich langsam. In einem Brief an die Kanzlerin wandten sich 44 Unionsabgeordnete gegen Merkels Kurs. Am Mittwoch hat Österreich eine Obergrenze für Flüchtlinge beschlossen. Das macht die Kanzlerin noch einsamer. Was viele Kritiker mindestens ebenso verwundert wie die Entscheidung zur Grenzöffnung selbst, ist die Sturheit, mit der Merkel an ihrem Kurs festhält. Weder die Terrorangriffe von Paris noch die sexuellen Übergriffe aus der Kölner Silvesternacht, weder die Empörung wütender Bürger noch die Warnungen ihrer Parteifreunde hatten bislang zur Folge, dass sie ihre Politik der offenen Grenzen infrage stellte. Es wirkt, als sei Angela Merkel – ganz im Sinne Václav Havels – von der Gewissheit geleitet, dass ihr Kurs Sinn ergibt. Ganz egal wie die Sache ausgeht. „Die Deutschen werden auf die Barrikaden gehen, sie werden diese Frau stürzen“, prognostizierte der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump in der vergangenen Woche. „Ich weiß nicht, was zum Teufel in ihr vorgeht.“ Nicht nur Trump beschäftigt diese Frage. Die halbe Welt rätselt mittlerweile über die Motive der Kanzlerin aus Deutschland. Was also treibt Angela Merkel an, die ihre Macht mithilfe eines unerbittlichen Pragmatismus errang und nun mit einer solchen Unbedingtheit regiert? Warum zeigt sie in ihrer Flüchtlingspolitik bislang keine ernsthaften Anzeichen des Einlenkens – obwohl ihre Beliebtheitswerte dramatisch sinken und das Fundament ihrer Macht zerbröselt?

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eter Altmaier hat ein herrliches Büro im Kanzleramt mit Blick auf Hauptbahnhof und Regierungsviertel. Doch die dicken Scheiben halten den Lärm der Stadt ab, das Auffälligste an der Regierungszentrale ist die Stille darin. Altmaier ist die Stimme von Merkels Flüchtlingspolitik, auch wenn ihn im Moment eine üble Erkältung erwischt hat. Die Weltlage stellt sich aus Merkels Sicht so dar: Um eine menschliche Katastrophe zu vermeiden, mussten im Spätsommer vergangenen Jahres die Grenzen aufgemacht werden. Nun geht es darum, ein Zerbrechen Europas zu verhindern. Wenn Deutschland die Schlagbäume nach unten sausen ließe, wäre nicht nur das Europa der offenen Grenzen gescheitert; die Flüchtlinge würden sich auch auf der Balkanroute stauen und dort die jungen Demokratien destabilisieren. Griechenland würde überlaufen mit den Verzweifelten aus Syrien und dem Irak. DER SPIEGEL 4 / 2016

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Titel

Jordanien und der Libanon, die jetzt schon ber halt nicht mitgenießen kann“, sagt das dann am Weiterreisen gehindert wurden. Sie fand das empörend. Merkel entscheifast zwei Millionen Flüchtlinge beherber- Mädchen. In Rostock antwortet noch die alte Mer- det, die Flüchtlinge nach Deutschland zu gen, könnten an den Rand des Staatskollapses geraten. Die Alternative dazu sei kel. Sie will nicht herzlos wirken, aber sie lassen. Sie sei „ein Stück weit stolz auf unein Abkommen mit der Türkei, jenem will auch keine Versprechungen machen, ser Land“, sagt sie drei Tage später. Von nun an steigen die FlüchtlingszahLand, durch das fast alle Flüchtlinge reisen nur weil sie in eine unangenehme Situation geraten ist. „Ihr könnt alle aus Afrika len rasant. Bald sind es bis zu 10 000 pro müssen. So weit die amtliche Version. Wenn man kommen, und ihr könnt alle kommen, das Tag, und mit dem Zustrom steigt auch die mit Merkels Leuten spricht, erscheint ihre können wir auch nicht schaffen“, stammelt Kritik. Seehofer sagt, Merkel habe einen Flüchtlingspolitik wie eine völlig rationale Merkel. Nicht schaffen. Kurz darauf bricht Fehler gemacht, an dem die Republik noch Entscheidung. Wie eine Kette politischer Reem in Tränen aus. In den Tagen darauf lange tragen werde. Der Satz trägt dazu wird Merkel Kaltherzigkeit vorgeworfen, bei, dass die Flüchtlingskrise zur MachtNotwendigkeiten. Merkel konnte sich auch deshalb so lan- im Internet wird sie unter dem Hashtag frage wird. Merkel war bislang immer flexibel. Sie war für die Wehrpflicht und hat ge im Amt halten, weil sie zumindest als #merkelstreichelt verhöhnt. Ende August fährt sie mit ihrem Regie- sie dann abgeschafft. Sie war gegen den Regierungschefin nie für ein größeres Projekt gekämpft hat. Sie war anliegenlos. Sie rungssprecher Steffen Seibert nach Heide- schnellen Atomausstieg und dann dafür. gefiel sich als Krisenkanzlerin, ähnlich wie nau. In der sächsischen Kleinstadt steht „Aber sie ist nicht flexibel unter Druck“, Helmut Schmidt. Nun, in der Spätphase ein ehemaliger Baumarkt, in dem Flücht- sagt einer ihrer Leute. „Vielleicht ist das ihrer Kanzlerschaft, ähnelt sie dem frühen linge untergebracht sind, davor hatten ihr größter Fehler.“ Am 6. Oktober sitzt sie in einem Flieger, Rechte randaliert. Als Merkels WagenkoWilly Brandt. Dem Visionär. Es ist nicht so, dass Merkel 2005 frei von lonne vorfährt, empfängt sie ein wütendes der sie von einer Indienreise zurück nach Überzeugungen ins Kanzleramt einzog. Pfeifkonzert. Als sie nach einer Stunde Berlin bringt. Eigentlich könnte sie ein bissDie Ostdeutsche Merkel glaubte an die wieder ins Auto steigt, brüllt eine Frau: chen Ruhe gebrauchen. Aber Merkel will Kraft der Freiheit und des Marktes. Aber „Fotze! Steig in deine hässliche Kiste!“ Sei- sich erklären, sie spürt, dass die Fragen weil die Wähler ihr Reformprogramm im bert wird noch viel später fassungslos von immer drängender werden und ihre Antworten immer weniger überzeugen. Jahr 2005 nicht goutierten, ließ sie es dieser Lynchstimmung berichten. Sie lässt sich einen Zettel aus dem CockIn den Tagen danach verändert sich etschnell wieder fallen. Und über ihre ostdeutsche Herkunft und ihren Glauben was im Kanzleramt. Als Merkel am 31. Au- pit bringen, er zeigt die Route des Bungust ihre Sommer-Pressekonferenz gibt, ist deswehr-Airbus von Bangalore nach Bersprach sie anfangs fast gar nicht. Das Versteckspiel war Teil ihres Erfolges, keine Rede mehr davon, dass Deutschland lin. Ihr Finger wandert über die Karte, sie weil so all die Wessis, Atheisten und streng- nicht jeden aufnehmen könne. Es ist auch sieht Saudi-Arabien, Syrien, die Türkei, gläubigen Katholiken nicht verschreckt keine Rede mehr von Überforderung wie Deutschland. Für sie ist es nicht nur ein wurden. So stieg sie zur beliebtesten Poli- beim Bürgerdialog in Rostock. „Deutsch- Stück Papier, sondern die Bestätigung ihtikerin der Republik auf. Im Frühsommer land ist ein starkes Land“, sagt Merkel. rer Politik. Es zeigt, dass sich Deutschland 2015, kurz vor Beginn des großen Flücht- „Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge nicht mehr abschotten kann, dass alles mitlingsstroms, lag sie in allen Umfragen weit herangehen, muss sein: Wir haben so vie- einander zusammenhängt. Die Deutschen würden sich zwar die oben. Sie hatte ein gewaltiges Vertrauens- les geschafft – wir schaffen das!“ Merkel hat sich entschieden, für ein Zeit vor der Flüchtlingskrise zurückwünkapital unter den Deutschen angesammelt. Die Frage war nur, ob sie es jemals einset- Thema zu kämpfen. Sie hat so lange ge- schen, aber damit könne sie leider nicht spart und krämerisch ihre Macht gehütet, dienen, sagt Merkel. Natürlich könne sie zen würde. Am 15. Juli 2015 begegnet Merkel bei jetzt will sie ausgeben. Erst jetzt lernen die Grenzen schließen, aber dann würden einem „Bürgerdialog“ in Rostock der 13- die Deutschen die echte Angela Merkel sich Menschen vor Stacheldraht stauen. Hässliche Bilder. Die Deutschen hielten es jährigen Reem Sahwil. Das Mädchen ist kennen. Am 4. September öffnet sie die Grenze ja nicht mal aus, wenn jemand draußen vor vier Jahren mit seinen Eltern aus dem Libanon geflüchtet, nun droht die Ab- für die Flüchtlinge aus Ungarn. Später wird übernachte. Sie hingegen wolle die Fluchtursachen schiebung. „Es ist wirklich sehr unange- sie erzählen, dass sie im Fernsehen vernehm zuzusehen, wie andere wirklich das folgte, wie sich die Menschen aus Syrien bekämpfen und mit der Türkei kooperieLeben genießen können und man es sel- am Bahnhof in Budapest sammelten und ren. Unter ihr werde Deutschland kein

Schwindendes Zutrauen

Befragte, die sich für Angela Merkel eine wichtige politische Rolle wünschen

85% Beschluss der Mehrwertsteuererhöhung von 16 % auf 19 %

80%

Erstes EuroRettungspaket

76 %

70% Bundestagswahl 27. September Schwarz-gelbe Koalition Beginn der Eurokrise

Deutschland übernimmt EU-Ratspräsidentschaft.

60% Große Koalition

Beginn der Finanzkrise

55%

50%

AKW-Laufzeitverlängerung

52 % Okt.

Jan.

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2005 2006

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März

2010

Juni

Sept.


BERND VON JUTRCZENKA / DPA BUNDESREGIERUNG.DE

Kanzlerin Merkel mit Flüchtling Alasad 2015: Ein Selfie geht um die Welt

CDU-Politikerin Merkel mit Flüchtlingsmädchen Reem 2015: „Es ist wirklich sehr unangenehm“

Land werden, das Menschen in Not mit Absicht verscheucht. „Ich werde nicht in einen Wettbewerb eintreten um die schlechteste Behandlung der Flüchtlinge“, sagt Merkel. Es ist ein stolzer Satz, in dem auch eine Prise Trotz gegen die CSU steckt. Als sie einen Tag später in der Talkshow von Anne Will sitzt, wiederholt sie die Ausführungen aus dem Flugzeug fast wortgleich. Merkel, der sonst kaum etwas unangenehmer ist, als im Fernsehen sprechen

zu müssen, lächelt oft an diesem Abend. Bei vielen anderen Themen kann man ihr beim Reden ansehen, dass ihr egal ist, was sie gerade erzählt. Bei diesem Thema ist es anders. „Sie war leidenschaftlicher als sonst“, sagt Will, die Merkel schon öfter interviewt hat, rückblickend. Während des Interviews habe sie immer wieder gedacht: „Sie wirkt frei. Frei auch in der Wortwahl. Eins mit sich, geradezu fröhlich. Das ist neu.“

Umfrage von TNS Forschung für den SPIEGEL; rund 1000 Befragte ab 18 Jahren; *letzter Umfragewert Infratest dimap

78 %

11. März: Reaktorkatastrophe in Fukushima

Natürlich hat Merkel die Flüchtlingskrise auch unter machtpolitischen Aspekten gesehen. Sie verfolgt schon lange das Ziel, der SPD die Wähler der Mitte streitig zu machen. Das Drama der Sozialdemokraten resultiert auch aus dem Bemühen der CDU-Chefin, fast jedes linke Thema mitzubesetzen. „Merkel ist die erste CDUVorsitzende, die das Motto verfolgt, dass sich links von der CDU keine richtige Partei etablieren darf“, sagt ein enger Weggefährte der Kanzlerin nur halb im Spott. Aber wenn es nur um Taktik gegangen wäre, hätte Merkel spätestens dann gebremst, als die Werte für die AfD immer besser wurden und ihre eigenen fielen. Es muss noch andere, persönliche Motive geben, die sie an ihrem Kurs festhalten lassen. Ende Oktober besucht sie in Brüssel einen Gipfel mit den Ländern, die auf der Balkanroute liegen, auf der die Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der sein Land mit einem Stacheldrahtzaun sichern ließ, ist auch da. Er sieht und genießt Merkels Nöte. Er meldet sich zu Wort und sagt: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Deutschland einen Zaun baut, dann habe ich das Europa, das ich für richtig halte.“ Merkel schweigt erst einmal, so erinnert sich ein Teilnehmer der Runde. Erst später, nachdem sich ein paar andere Regierungschefs zu Wort gemeldet haben, sagt sie zu Orbán: „Ich habe zu lange hinter einem Zaun gelebt, als dass ich mir das noch einmal zurückwünsche.“ Merkel, das wird in der Flüchtlingskrise klar, hat den Mut gefunden, ihre Politik mit ihrer Biografie zu begründen. Sie will nicht mehr die Frau ohne Eigenschaften sein. „Eine erstaunliche Freundschaft im späten Leben“, nennt Klaus von Dohnanyi das, was ihn, den Sozialdemokraten und einstigen Ersten Bürgermeister von Hamburg, und Angela Merkel verbindet. Sie treffen sich regelmäßig, meist mit ihren Ehepartnern, dabei reden sie nur selten über Politik. Es geht um Konzertbesuche, Theaterstücke, Naturwissenschaft. Dohnanyi kannte Merkels Eltern, er glaubt, dass in der Flüchtlingskrise stark

Übergriffe in Köln

Aussetzung der Wehrpflicht

64%

Atomausstieg bis 2022

Bundestagswahl 22. September Große Koalition

Zweites EuroRettungspaket

Dez.

März

2011

Juni

Sept.

Dez.

März

2012

Juni

Sept.

Dez.

März

2013

Juni

Sept.

Dez.

Die Migration von Flüchtlingen nach Deutschland nimmt dramatisch zu.

März

2014

Juni

Okt.

Jan. März

Drittes EuroRettungspaket

Juni

Sept.

58 %*

Dez. Jan.

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ihre christliche Erziehung durchschimmert. „Sie ist die Tochter eines sozialistischen Pastors. Und die Mutter ist eine ganz fromme Frau. So was steckt in einem drin, das geht nicht mehr raus.“ Im Hause Kasner habe man eine sehr praktische Theologie verfolgt, die darin bestand, Armen, Kranken und Benachteiligten zu helfen. Merkel sei mit dem Grundsatz aufgewachsen: Wenn Fremde in der Nässe vor deiner Haustür stehen, lässt du sie rein und hilfst. „Und wenn man sie reinlässt, macht man auch kein böses Gesicht“, sagt Dohnanyi. „Das tun Christen nicht.“ Merkel selbst drückte es vor Kurzem ähnlich aus: „Wir halten Sonntagsreden, wir sprechen von Werten. Ich bin Vorsitzende einer christlichen Partei. Und dann kommen Menschen aus 2000 Kilometern zu uns, und dann muss man sagen: Hier darf man kein freundliches Gesicht mehr zeigen?“ Auch Pfarrer Eppelmann ist überzeugt, dass Merkels Haltung in der Flüchtlingskrise tief in ihrer Biografie wurzelt. „Sie steht auf einem festen Fundament, das in der Kindheit und Jugend gelegt wurde.“ Er weist darauf hin, dass es sich bei ihrem Elternhaus nicht um ein gewöhnliches evangelisches Pfarrhaus handelte, sondern um eine Behinderteneinrichtung der Diakonie. Dort im „Waldhof“ wuchs Angela Kasner in der Dienstwohnung ihres Vaters unter Behinderten auf, um die es sich zu kümmern galt. „Sie hat dort Empathie inhaliert wie die Luft und den Sauerstoff“, sagt Eppelmann. Merkel habe später auch die Erfahrung gemacht, wie brutal es sei, von einem Regime gegängelt zu werden. Dass sie zunächst keinen Studienplatz bekommen hatte, obwohl sie Klassenbeste war. „Eine solche Erfahrung kann einen Menschen brechen“, sagt Eppelmann. Insofern könne Merkel gut nachempfinden, was in Menschen vorgehe, die vor Willkür-Regimen wie dem „Islamischen Staat“ oder Assads Syrien fliehen. Das Wichtigste aber sei das evangelische Pfarrhaus, betont Eppelmann, der selbst in der DDR als Pastor gearbeitet hat. Man bekomme einfach einen „gewissen ethischen Anspruch mit, wie das Leben zu sein hat“. Dazu gehöre, dass man sich selbst nicht für wichtiger oder wertvoller halte als andere Menschen, egal aus welchem Land sie kämen. Jeden Tag sei im Hause Kasner von Jesus und Gott die Rede gewesen. Die tägliche Botschaft habe geheißen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nicht nur deutsche Menschen. Gott hat alle lieb.“ Man solle doch mal die Erklärungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Flüchtlingskrise mit Merkels Worten vergleichen, rät Eppelmann. „Das ist nahezu identisch.“ 16

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ADAM BERRY / GETTY IMAGES

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Kanzleramtschef Altmaier: Das Zerbrechen Europas verhindern

Als Merkel Mitte Dezember vor dem CDU-Parteitag spricht, erinnert ihre Rede fast an eine Predigt. Sie erinnert an die Leistungen der CDU, die Westbindung und die Wiedervereinigung, die Adenauer und Kohl gegen alle Ungläubigen und Zauderer durchgesetzt hätten. Sie stellt ihre Politik in eine Linie mit diesen Wundern der Christdemokratie. „Die Idee der Gründung der CDU war eigentlich eine ungeheuerliche Idee“, sagt sie. „Eine Partei, die im C ihre Grundlage findet, also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen. Das heißt, dass heutzutage keine Menschenmassen kommen, sondern dass einzelne Menschen zu uns kommen.“ Als sie nach einer Stunde endet, applaudieren auch die Ungläubigen und Zauderer im Saal – neun Minuten lang. Nur einer sitzt mit versteinerter Miene an seinem Platz: Wolfgang Schäuble.

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er Finanzminister fröstelt, er trägt einen Pullover über dem Hemd. Es ist Ende November, am Morgen saß Schäuble vier Stunden auf der Regierungsbank im Bundestag, es ist immer ein bisschen zugig da, aber er wollte nicht vorzeitig aufbrechen. Kollegin Merkel musste ihre Rede zum Etat des Kanzleramts halten, es sollte nicht schon wieder so aussehen, als wolle er nichts mit ihrer Politik zu tun haben. Erst ein paar Tage zuvor hatte Schäuble die Kanzlerin mit einer ungeschickten Skifahrerin verglichen, die im Hang eine Lawine auslöste, es war ein Bild, das jene bestätigte, die Merkel für die Ankunft all der Flüchtlinge verantwortlich machen. In Zeitungen stand, dass Schäuble sich bereithalte, die unglückliche Selfie-Kanzlerin Merkel abzulösen. Stimmt das?

Schäuble, so viel ist sicher, ist der Einzige, dem man in der Union Merkels Nachfolge zutraut. Er war schon Kanzleramtschef, als Merkel noch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig war. Er war auch schon Innenminister, Partei- und Fraktionschef, und jetzt, mit 73 Jahren, ist er die Hoffnung derer, die Merkel gern vom Hof jagen würden. Schäuble hielt es für richtig, dass Merkel in der berühmten Nacht des 4. September die Grenze für die gestrandeten Flüchtlinge in Ungarn öffnete. Aber er hätte sich gleichzeitig ein Signal von ihr gewünscht, dass Deutschland nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann. Mitte September ermuntert er Innenminister Thomas de Maizière, ein europäisches Kontingent für die Aufnahme von Flüchtlingen zu fordern und damit das Signal zu setzen, dass es eine Art Obergrenze für den Zuzug gibt. De Maizière folgt ihm, am 19. September erscheint ein entsprechendes Interview im SPIEGEL. Zu Schäubles Ärger distanziert sich nicht nur SPD-Chef Sigmar Gabriel von dem Vorschlag, sondern auch Merkels Sprecher Steffen Seibert. Kurz darauf sitzt Schäuble zusammen mit Merkel im Kanzleramt. Es könne nicht sein, dass man de Maizière im Regen stehen lasse, klagt er. Merkel erwidert, Seibert sei nichts anderes übrig geblieben, weil die SPD den Vorschlag de Maizières nicht mitgetragen habe. Die SPDWähler wollten doch auch, dass die Flüchtlingszahlen sinken, entgegnet Schäuble. Deswegen werde Gabriel am Ende einlenken. „Die halten das keine drei Tage durch.“ Schäuble hat sich in den vergangenen Jahren das Image des weisen Elder Statesman zugelegt, aber in der Innenpolitik war er lange ein Verfechter einer scharfen Li-


OLIVIER HOSLET / DPA

Flüchtlingskrise hatte er von Anfang an eine Strategie, und die beruhte auf der Macht der Zahlen: Deutschland kann Flüchtlinge aufnehmen, aber eine Million pro Jahr sind zu viel. Kein Kanzler kann das auf Dauer durchhalten. „Wenn die Lage total aus den Fugen gerät, lässt sich die Stimmung nicht mehr drehen.“ Es ist der 3. November 2015, als Seehofer das sagt, ein Dienstag, er sitzt in der bayerischen Landesvertretung in Berlin. Er hat das Wochenende davor in der Hauptstadt verbracht, um das weitere Vorgehen in der Flüchtlingskrise zu beraten. Zehn Stunden saß er mit Merkel im Kanzleramt, auch Altmaier, Fraktionschef Volker Kauder und Gerda Hasselfeldt, die Chefin der CSU-Landesgruppe, waren dabei. Die Bayern versuchten ihre Gegenüber zu der Zusage zu bewegen, dass man eine Obergrenze für die Flüchtlinge brauche, aber Merkel und Altmaier wehrten sich mit Zähnen und Klauen. Am Ende eiFinanzminister Schäuble: „Das mit dem Skifahrer fällt einem bei Ihnen gar nicht ein“ nigte man sich darauf, dass der Zuzug der nie. Er findet, dass Merkel zu wenig Rück- Leute selbst, habe noch nie den offenen Flüchtlinge reduziert werden müsse. Mersicht auf die Befindlichkeiten des rechten Putsch gewagt. Er traute sich nicht, Helmut kel schrieb den Satz persönlich nieder. „Die Kanzlerin hat selbst die Blätter geRandes nimmt. Wäre es nach ihm gegan- Kohl zu stürzen, als dieser sich in den gen, dann hätte die Bundesregierung die Neunzigern weigerte, für einen Jüngeren holt, es war eine FormulierungsolympiaLeistungen für Asylbewerber drastisch ge- Platz zu machen. Und als Merkel die Grie- de“, erzählt Seehofer. „Wir sind im Mokürzt und zugleich von ihnen verlangt, chen gegen seinen Willen im Euro hielt, ment sehr zufrieden mit dem Papier“, sagt er und setzt ein listiges Lachen auf. Für dass sie teilweise selbst für ihre Deutsch- gab es auch keinen Aufstand. Allerdings kann Schäuble es bis heute ihn ist es der erste kleine Sieg in der kurse aufkommen. Dass das Bundesverfassungsgericht vor ein paar Jahren nur schwer akzeptieren, dass er die Num- Schlacht mit Merkel. Es geht dabei nicht entschieden hat, die Zuwendungen für mer zwei hinter Merkel sein soll. Hinter je- nur um die Flüchtlingszahlen, für Seehofer Asylbewerber dürften nicht unbegrenzt ge- ner Frau, die er einst zur Generalsekretärin steht der Fortbestand der CSU als Partei stutzt werden, ist für Schäuble kein Argu- machte und die ihn nach seinem Sturz über auf dem Spiel, die all ihre Kraft aus der ment. „Ich schmeiß jeden Verfassungs- die Spendenaffäre als CDU-Vorsitzende ab- absoluten Mehrheit in Bayern zieht. „Die referenten raus, der so was sagt“, raunte löste. In seinen klaren Momenten erkennt CDU kann es sich leisten, wenn sie auch er, dass er eigentlich zu alt für das Kanz- mal in den 30-Prozent-Turm rutscht. Für er seinen Leuten zu. Schäuble hat die Kunst verfeinert, sich leramt ist. Andererseits: War Adenauer uns ist das existenziell.“ Aus Seehofers Sicht begann Merkel ihzum Dissidenten zu stilisieren, ohne Mer- nicht ebenfalls 73, als er Kanzler wurde? ren Urfehler am 4. September 2015, als sie kel öffentlich zu widersprechen. Er ist Loyalist und Rebell zugleich, das macht m Ende wird alles von Horst See- die Türen für die Flüchtlinge in Ungarn seine Popularität aus, in den Umfragen hat hofer abhängen, und bei ihm mi- öffnete. In jener Nacht versuchte sie, Seeer Merkel inzwischen weit überholt. Als schen sich wie bei Schäuble ratio- hofer auf dem Handy zu erreichen. Aber er vor ein paar Tagen in der „Süddeut- nale Erwägungen mit den Verletzungen ei- er schlief und ging deshalb nicht ran, so schen Zeitung“ gefragt wurde, ob er Mer- ner langen Politikerkarriere. Inzwischen stellt er es zumindest dar. Als sie ihn am kel in der Flüchtlingskrise aus Überzeu- spricht Seehofer im Wochentakt neue Dro- folgenden Morgen erreicht, weiß sie noch gung oder aus Loyalität folge, sagte er: „So hungen und Ultimaten aus. Er hat den Ruf die genaue Uhrzeit ihres Anrufs. Es klingt, eine Frage dürfen Sie einem intelligenten des ewigen Wendehalses, aber in der als habe sie ein schlechtes Gewissen. „Das werden wir nicht beherrschen könMenschen nicht stellen.“ Hinter jedem nen“, sagt Seehofer. Schäuble-Satz kann sich ein Abgrund auf„Da bin ich betrübt“, erwidert Merkel. tun. Er ist der Mann mit dem größten Bru- Umfrage Die Kanzlerin habe in jener Nacht mit tus-Potenzial in Berlin. „In der Flüchtlings- und Asylpolitik macht die den besten Absichten einen großen Fehler Nach der Spitze mit der Skifahrerin und Bundeskanzlerin ihre Sache eher …“ gemacht, sagt Seehofer rückblickend. Aus der Lawine meldet sich Schäuble bei Mer60% seiner Sicht wäre es auch später noch mögkel, um sich zu entschuldigen. Aber wie „schlecht“ lich gewesen, die Dinge in geordnete Bahso oft tat er dies mit einer kleinen Bosheit. nen zu lenken. Man hätte die Grenzöff„Das mit dem Skifahrer war falsch, das 50% nung zu einer humanitären Ausnahmefällt einem bei Ihnen ja gar nicht ein“, sagsituation erklären können. Als Merkel bei te er. Man muss dazu wissen, dass Merkel 40% „gut“ einer Pressekonferenz am 7. September sich vor zwei Jahren beim sehr langsamen mit Vizekanzler Gabriel ihre Entscheidung Langlauf das Becken gebrochen hatte. Als 30% erläutert, sagt sie etwas anderes: „DeutschAlpinistin im Tiefschnee kann man sie sich Quelle: Forschungsgruppe Wahlen land ist ein aufnahmebereites Land.“ tatsächlich nicht vorstellen. Seehofer hat eine Theorie über den UmWie weit wird er es noch treiben? Okt. Nov. Dez. Jan. Sept. 2015 2016 gang mit politischen Fehlern. Probleme Schäuble, damit beruhigen sich Merkels

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entstünden nicht durch falsche Entscheidungen, sondern durch die Unfähigkeit, sie rasch zu korrigieren. „Oft scheitern Politiker an den Beta-Fehlern.“ Verhängnisvoll sei es, wenn der Primärfehler mit einer Philosophie überhöht werde. Merkels verhängnisvolle Philosophie ist für Seehofer die Willkommenskultur. Er glaube nicht, sagt er, dass Merkel ihr Amt bewusst aufs Spiel setzen wolle. „Sie ist in einem Alter, wo man die Macht nicht mehr aus der Hand gibt. Vielleicht kocht sie ab und zu für ihren Mann. Aber Politik ist ihr Leben.“ Der Keim jeder scheiternden Kanzlerschaft, warnt Seehofer, liege in der wachsenden Distanz zur Parteibasis. Helmut Schmidt sei über den Nato-Doppelbeschluss gestürzt, Gerhard Schröder über die Agenda-Politik. Merkel, fügt er noch an, sei durchaus fähig, sich zu korrigieren. Er lehnt sich zurück und erinnert an das Jahr 2004, als in der Union der Kampf um die Kopfpauschale geführt wurde, um all die Reformpläne, die Seehofer für neoliberale Verirrungen hielt. Als Merkel im Jahr 2005 um ein Haar die Wahl verlor, habe sie all ihre Pläne einfach vergessen. „Es gab keine öffentliche Beerdigung.“ Sollte Merkel sich nun in der Flüchtlingspolitik wieder korrigieren müsse, werde sie das nicht zugeben. „Sie wird nie sagen, dass das falsch war.“

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ann sein, dass Merkel nie Fehler eingesteht. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich einfach im Recht fühlt, und das liegt auch an Menschen wie Hassan Alasad. Er trägt einen dunkelblauen

sehen gewesen. Er hat fast alle gespeichert in seinem Handy. „Ich dachte, Deutschland sei das Paradies“, sagt Alasad. „Das ordentlichste Land der Welt. Ein Land mit Struktur.“ Seine Vision von Deutschland beinhaltete alles, was seine Heimat nicht hatte. Bevor Bomben sein Büro und seine Lagerhalle zerstörten, war Hassan Alasad Unternehmer gewesen. Er wollte seine Heimat nicht verlassen, aber er fühlte sich nutzlos dort, seit Jahren schon. Als er mit seinem Bruder einen Ausflug an einen See machte und Flugzeuge Bomben abwarfen, die Freunde und Bekannte in Fetzen rissen, entscheiden sie sich, Syrien zu verlassen.

Pullunder über dem hellblauen Hemd und sitzt in einer Unterkunft der Arbeiterwohlfahrt im Nordwesten Berlins. Vor ihm liegen zwei Handys. Er nimmt eines davon und flippt über den Bildschirm. Natürlich habe er das Foto noch. Er werde es immer bei sich haben, sein Leben lang. Auf dem Foto, das den syrischen Flüchtling zu einer Symbolfigur machte, sieht man ihn neben der deutschen Bundeskanzlerin in eine Handykamera lächeln. Das vielleicht berühmteste Selfie des Jahres 2015 ging um die Welt. Es wurde zum Inbegriff jener Willkommenskultur, die nun mit Merkels Namen verbunden ist und sie an den Abgrund ihrer Karriere geführt hat. Es ist der 10. September, als Merkel die Unterkunft besucht, in der Hassan Alasad noch heute seine Tage verbringt. Sie habe so freundlich, so nahbar gewirkt, erzählt er nun, da die Kälte nach Deutschland gekommen ist. Da habe er sie spontan um ein Selfie gebeten. In seiner Heimat sei es unmöglich gewesen, die Mächtigen persönlich zu Gesicht zu bekommen. In zwölf Jahren habe er nicht mal seinem Bürgermeister die Hand geben können. „Dann bin ich gerade mal ein paar Tage in Deutschland, und die Bundeskanzlerin kommt persönlich vorbei, um uns zu begrüßen.“ Alasad schüttelt den Kopf und lacht dabei. „Das war ein großartiges Gefühl.“ Freunde aus aller Welt riefen ihn danach an, aus Dubai, aus Belgrad, aus Afghanistan. Das Foto sei in unzähligen Zeitungen und auf noch mehr Internetseiten zu

CSU-Chef Seehofer: Kein Kanzler kann das auf Dauer durchhalten

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m 5. Januar steht Merkel in der Lobby des Kanzleramts, die Sternsinger sind da, sie singt mit den Mädchen und Jungen, die als Könige aus dem Morgenland verkleidet sind, das Lied heißt: „Wir haben seinen Stern gesehen.“ Einmal sieht es so aus, als müsste sich Merkel eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Dann hält sie eine kurze Ansprache. Sie sagt, dass man die Sternsinger, die von Haus zu Haus ziehen, inzwischen als „Kulturerbe“ bezeichne, aber eigentlich sei das doch eine christliche Tradition. Das Motto der Sternsinger sei Respekt, sagt sie, und Respekt verspreche auch das Grundgesetz, in dem stehe, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Das gelte aber nicht nur für Deutsche oder Europäer, „sondern es gilt für alle Menschen – für jeden Menschen als Gottes Geschöpf“. Ihre Haltung gegenüber Flüchtlingen ist auch im neuen Jahr dieselbe geblieben. Dabei hat sich die Situation, seit sie im November mit Seehofer im Kanzleramt saß, beinahe täglich verschärft. Die Flüchtlingszahlen sinken zwar leicht, aber das kann sich bald wieder ändern, wenn der Winter verblasst. Seehofer treibt seine Partei immer schärfer in den Konflikt mit Merkel, und seit den Übergriffen der Kölner Silvesternacht kennt der Hass auf Merkels Politik in weiten Teilen der Bevölkerung keine Grenzen mehr. „Wir müssen uns immer wieder gegenseitig anspornen, dass man auch etwas zum Guten wenden kann“, sagt Merkel den Sternsingern. Es ist ein rührender Satz. Sie stemmt sich gegen die Geilheit des Scheiterns, die sich seit Köln breitmacht, gegen die immer höhnischer vorgetragene Meinung, ihre Politik sei der naive Versuch gewesen, die Welt ein Stück humaner zu machen. Spricht man in diesen Tagen mit ihren Vertrauten, gestehen diese allenfalls Fehler im Detail zu. Den Tweet des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zum Beispiel, der am 25. August um die Welt ging und den Eindruck erweckte, Deutschland


Video: René Pfister über seine Merkel-Momente spiegel.de/sp042016merkel oder in der App DER SPIEGEL

Wartende in Moria

GIORGOS CHRISTIDES / DER SPIEGEL

öffne seine Türen für alle syrischen Flüchtlinge. Dabei ist es offensichtlich, dass Merkel die Kontrolle über die Flüchtlingspolitik verloren hat. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was sie für richtig hält, und den Nebenwirkungen, die diese Politik für ihr Land hat. Es scheint, als spiele sie nur noch auf Zeit, aber dieses Spiel hält keine guten Karten für sie bereit. Angela Merkel wollte Deutschland ein soziales, ein freundliches Gesicht geben. Das ging ein paar Wochen gut, aber inzwischen ist das deutsche Gesicht ein verkniffenes. Es ist nicht mehr das befreite, fröhliche Merkel-Gesicht, sondern das der grimmigen Pegida-Marschierer und AfDKrakeeler. Deren Partei liegt bundesweit inzwischen bei zehn Prozent und mehr. Merkel ist enttäuscht darüber, dass ihr das Volk und die Partei letztlich nicht gefolgt sind. Sie selbst hat es allerdings versäumt, ihre Willkommensbotschaft mit einem Plan zu verbinden, wie der Zuzug der Flüchtlinge in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt werden kann. Das hat die Stimmung in Deutschland kippen lassen, Europa gegen Deutschland aufgebracht und die Rechtspopulisten gestärkt. Das ist auch eine Bilanz. Selbst Hassan Alasad, Merkels SelfieMann, hat nach vier Monaten ein anderes Bild von Deutschland. Obwohl alles dafür spricht, ihn als Flüchtling anzuerkennen – was ihm die Gelegenheit geben würde zu arbeiten –, habe er bis heute nicht die entsprechenden Papiere erhalten. Jede Woche stehe er vor dem Amt, vergebens. Er hat jetzt mit Behörden zu tun, die keine Zeit für ihn haben, die überfordert sind. Wenn Merkel noch einmal zu Besuch käme, sagt er, würde er sie fragen, was in ihrem Land eigentlich los sei. Es kann sein, dass Merkel doch noch zu ihrem alten Pragmatismus zurückfindet und dabei hilft, Flüchtlinge an der slowenischen Grenze abzuweisen (siehe Seite 22). Das freie Reisen im Schengen-Raum wäre so weitgehend gesichert, aber die Menschen würden auf dem Balkan stranden, in Mazedonien oder Griechenland – und Deutschland würde dabei mithelfen, dass Europa ein hässliches Gesicht zeigt. „Sie täte mir menschlich unendlich leid, wenn sie in eine Situation kommen sollte, in der sie ihre Überzeugungen und Prägungen verraten müsste“, sagt Eppelmann. „Aber wenn es so weit käme, würde sie eher den Hut nehmen.“ Das wäre, bei allen Überraschungen, die Angela Merkel in den vergangenen Monaten für die Deutschen bereithielt, dann doch die größte Überraschung.

Heiße Luft Griechenland Die Hotspots sollen den Flüchtlingsstrom stoppen, doch geändert hat sich dadurch auf der Insel Lesbos bisher nichts.

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ie Behörden von Lesbos hatten auf will mir gar nicht ausmalen, was in den den Winter gehofft, darauf, dass er nächsten Monaten passiert.“ Eigentlich sollten bis Ende November ihnen eine kurze Erholung bringen würde. Aber nun schneit es, Straßen und elf Hotspots eingerichtet sein. Bisher gibt Schulen sind geschlossen – und trotzdem es nur drei: auf Sizilien, auf Lampedusa – kommen jeden Tag Hunderte, manchmal und eben in Moria. Obwohl Athen fürchTausende Flüchtlinge an. An diesem eisi- ten muss, dass der anhaltende Menschengen Mittwoch sind es mehr als 1500 Men- strom Grenzschließungen im Norden proschen. Das sind die, die Glück hatten. Wer voziert und damit Zehntausende im Land weniger Glück hatte, erreicht gar nicht erst stranden könnten, geht es kaum voran, die Küste. Mindestens zwei Menschen ster- weil Bürger und Behörden Widerstand leisben an diesem Tag, eine Frau und ein Kind. ten. Der Bürgermeister von Kos schrieb Am Donnerstag ist das Wetter wieder bes- diese Woche einen Brandbrief an Premier ser, und so landen schon am frühen Morgen Alexis Tsipras, in dem er forderte, den Hotüber 300 Flüchtlinge am Strand. Busse brin- spot-Bau zu stoppen, der „Griechenlands gen sie nach Moria, einem winzigen Dorf, viertbeliebtestes Urlaubsziel opfern“ würauf das sich alle Hoffnungen von Brüssel de. Auf ähnliche Widerstände trifft ein geund Berlin richten. Denn nahe Moria steht plantes Zentrum im Norden des Landes, ein früheres Gefängnis, das nun als erstes das bis zu 10 000 Menschen aufnehmen soll. Daher gibt es bisher nur diesen einen EU-Registrierungszentrum in Griechenland dient. Hotspots, so heißen diese Zentren, Hotspot auf Lesbos, und auch er arbeitet und wenn der Plan aufgeht, sollen sie die nicht mit voller Kapazität. Vor allem fehlt erste Front im Kampf gegen den Flüchtlings- das wichtigste Element: die geordnete Verstrom sein. Im Schnellverfahren soll hier teilung der Flüchtlinge innerhalb der EU. entschieden werden, wer gute Chancen auf Verteilt wurde über die Hotspots bisher Asyl hat, wer nach Europa weitertransferiert kaum jemand. So gut wie alle machen sich noch immer auf eigene Faust auf den Weg. oder wer abgeschoben wird. 220 griechische Polizisten und 170 FronEs ist allerdings ein Plan, der bisher nur tex-Beamte sind in Moria im Einsatz, aber in der Theorie funktioniert. Im Hotspot Moria stehen die Flüchtlinge sie haben nur 18 Fingerabdruckleser. Niean, sie sind nass und erschöpft, Frauen tra- mand kann garantieren, dass alle Flüchtgen in Decken gewickelte Babys. Freiwil- linge registriert werden – und dass sie auch lige teilen Tee und Kekse aus, aber gegen die sind, für die sie sich ausgeben. Denn die Kälte können sie wenig machen, auch zum einen ist keine Zeit, um alle Abdrücke nicht gegen die Tatsache, dass sich die mit den Datenbanken abzugleichen. Zum Schlange kaum bewegt. Abhängig von ih- anderen verkaufen kriminelle Banden gerer Nationalität erhalten die Flüchtlinge in fälschte Registrierungsdokumente. Knapp 130 Menschen hat Griechenland Moria eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung, sechs Monate für Syrer, ein seit Jahresbeginn zurück in die Türkei geMonat für alle anderen. Danach nehmen bracht – während sich zur selben Zeit sie die Fähre nach Piräus und reisen nach 30 000 Menschen in umgekehrter Richtung auf den Weg machten. Und so befürchtet Norden, also: alles wie immer. Es sei eine hoffnungslose Schlacht, die der Polizist Amountzias das Schlimmste: sie hier führten, sagt Dimitris Amountzias, „Ich habe diesen wiederkehrenden Albder Chef der Polizei in Moria. „Trotz der traum, in dem Tausende verzweifelte Kälte haben wir im Dezember mehr Flüchtlinge auf mich zustürmen und mich Flüchtlinge registriert als im August. Ich um Hilfe anflehen.“ Giorgos Christides DER SPIEGEL 4 / 2016

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Es ist machbar

Wie ich die neue Angela Merkel schätzen lernte. Von Tobias Rapp

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eine überraschende Liebe zu Angela Merkel begann mit zwei Bildern. Das eine ist eine Aufnahme von den Verhandlungen zum Minsker Friedensabkommen. Die Kanzlerin und der ukrainische Präsident Poroschenko laufen mit Grabesmiene einen Korridor entlang, dahinter der feixende Putin und sein weißrussischer Kollege Lukaschenko. Putin glaubt, dass er gewonnen hat, das ist offensichtlich. Für ihn sieht es aus, als ob der Westen seiner Militärmacht in der Ukraine nichts entgegenzusetzen hätte. Aber er liegt falsch. Im Schatten von Merkels Waffenstillstand setzen sich die Stärken des Westens durch, Soft Power, Wirtschaft, Kultur, Recht. Es ist ein fragiler Prozess, der immer wieder bedroht ist. Er wird sich über eine Generation hinziehen. Aber die Menschen, die auf dem Maidan demonstrierten, werden in dem Land leben, für das sie unter der EU-Flagge gekämpft haben. Zurück in die russische Einflusssphäre werden sie nicht gehen. Auch auf dem anderen Bild ist eine EU-Flagge zu sehen. Sie wird von Flüchtlingen geschwenkt, die sich auf einer ungarischen Autobahn zu Fuß auf den Weg nach Westen gemacht haben. Es ist vom vergangenen Sommer. Diese Leute können wir nicht abweisen, dachte ich mir, als ich es sah. Das taten wir dann auch nicht. Es war der Beginn von dem, was einen Augenblick lang aussah wie ein Sommermärchen und nun vor allem Flüchtlingskrise genannt wird. Ich habe noch nie in meinem Leben CDU gewählt. Ich bin ein ehemaliger Hausbesetzer, ich war „taz“-Redakteur, ich bin immer noch Mitherausgeber der linken Wochenzeitung „Jungle World“. Der deutsche Konservatismus und ich könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Trotzdem vertraue ich Angela Merkel wie keinem Politiker, an den ich mich erinnern kann. Sie hat Fehler gemacht, wie sollte es auch anders sein. Aber sie hat sich in zwei entscheidenden Situationen menschlich verhalten, pragmatisch und prinzipien-

fest. Das ist es, was ich von einem Politiker erwarte. Die Welt ist unruhig geworden. Riesige Mengen Geld umkreisen den Globus, bilden Blasen, untergraben Institutionen. Die arabische Welt wird von einer tiefen Modernisierungskrise geschüttelt, es gibt Krieg, er wird so schnell nicht aufhören, Flüchtlinge kommen. Es ist unser Krieg, die Amerikaner interpretieren ihre globale Rolle neu. Europa und der Nahe Osten sind für sie weniger wichtig geworden. Was tun? Der Wunsch nach einer Welt, in der das Unwägbare draußen

Autobahn gesehen – sie hat auch verstanden, was sie in uns sehen. In Europa, diesem glücklichen Kontinent. Dem versucht sie, gerecht zu werden. Wie all die Menschen, die Kleidung in Flüchtlingsunterkünften verteilen oder bei Behördengängen helfen. Es ist das Wesen solcher Krisen, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Dass ihre Bewältigung Zeit braucht, die man nicht hat. Dass Dinge schiefgehen, dass es Rückschläge gibt. Fast 900 000 Menschen in einem halben Jahr aufzunehmen ist eine ungeheure Aufgabe. Aber es ist machbar. Wie angenehm ist es, eine Kanzlerin zu haben, die das auch weiß. Und es den Deutschen erklärt, ihrer Partei, den kritischen Bürgern, sogar den Sternsingern, die neulich im Kanzleramt waren. Dass die Menschen kommen, so oder so. Dass Deutschland davon lebt, seine Waren in alle Welt zu verkaufen, dass wir die Grenzen auch deshalb nicht einfach schließen können. Vielleicht hat sie verstanden, dass diese Krise, und wie wir mit ihr umgehen, der Anfang einer neuen Erzählung für dieses Land sein könnte. „Wir schaffen das“ ist einer der großen Politikersätze des 21. Jahrhunderts, ein deutsches „Yes we can“. Angela Merkel hat ihn gesagt, diese Frau, der immer wieder vorgeworfen wurde, ihr fehle die Gabe der öffentlichen Rede. 44 Briefunterzeichner aus ihrer eigenen Fraktion verweigern ihr jetzt die Gefolgschaft? Ich nicht. Ich kann mich an Freunde meiner Eltern erinnern, die, es muss Anfang der Achtziger gewesen sein, über Helmut Schmidt sagten: guter Mann, leider in der falschen Partei. So ist es nun wieder. Angela Merkel: große Kanzlerin, leider in der falschen Partei. Nützt es ihr was? Für jeden wie mich, den Merkel gewinnt, verliert sie wahrscheinlich fünf Stammwähler. Und ob sie mich wirklich gewonnen hat, ist auch keine ausgemachte Sache: Wählen müsste ich ja ihre Partei. Aber Liebe ist ein egoistisches Gefühl. Viele Jahre lang war sie mir gleich, jetzt ist Angela Merkel meine Kanzlerin.

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MICHAEL GOTTSCHALK / PHOTOTHEK.NET

Über Helmut Schmidt hieß es: guter Mann, falsche Partei. So ist es wieder: große Kanzlerin, falsche Partei.

bleibt, ist verständlich. Aber dann muss man Grenzen errichten und Mauern bauen und im Zweifelsfall auch bereit sein, Gewalt anzuwenden. Das ist das Modell Orbán. Oder man hält sich an das, was Europa in den vergangenen Jahrzehnten groß gemacht hat. Offenheit, Menschlichkeit, Kompromissfähigkeit. Angela Merkel hat sich diese Krisen nicht ausgesucht. Aber sie hat sie angenommen. Sie hat nicht nur die Menschen auf dem Maidan oder auf der


Carrie, komm zurück

Warum ich die alte Angela Merkel vermisse. Von Jan Fleischhauer Teilnehmer in Erinnerung haben. Was als Wandel durch Annäherung begann, um den Ostblock zu destabilisieren, endete als milliardenschweres Stützungsprogramm. Dass der Kommunismus dann doch in die Knie ging, hat wenig mit Willy Brandt zu tun und ganz viel mit Ronald Reagan, der nie viel von Wandel durch Annäherung hielt. No-Nonsense eben. In einer Konferenz wurde neulich die Frage diskutiert, wie Integration gelingen könnte. Meine Antwort wäre: Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass das Wort Grenze wieder an Be-

Mal mussten die Beamten mit 2 oder 3 Wagen anrücken, mal mit 27. Was immer die Gründe dafür sein mögen, dass es in den Unterkünften hoch hergeht: Mir zeigt die Zahl, dass wir uns schon jetzt übernommen haben. Ich fand von Anfang an die bayerische Haltung überzeugend. Politisch kämpft man dort aus mir einsichtigen Gründen für eine Begrenzung der Zahl der Asylsuchenden. Aber den Leuten, die bereits im Land sind, wird mit Herz und Verstand geholfen. Tatsächlich ist Bayern, was die Flüchtlingshilfe angeht, ein Vorbild in Deutschland. Selbst die traditionell CSUfeindlich eingestellte „Süddeutsche Zeitung“ musste neulich anerkennen, dass man dankbar sein kann, dass die deutsche Außengrenze zu Österreich nicht in Berlin oder Nordrhein-Westfalen verläuft. Meine Chefredakteurin hat mich gefragt, ob ich nicht von Angela Merkel enttäuscht sei. Enttäuschung ist nicht das richtige Wort. Um enttäuscht zu sein, muss man vorher jemandem innerlich verbunden gewesen sein. Ich habe nie an Merkel geglaubt, ich schätze einfach ordentliches Handwerk. Wenn Merkel gefragt wurde, was sie an Deutschland liebe, war ihre Antwort: dass die Fenster so schön schließen. So hat sie auch regiert: vernünftig, mit einem wachen Gespür für Zugluft. Merkel verfolgt jetzt ebenfalls eine große Idee. Diese Idee ist die Einheit in Europa. Sie ist der Meinung, dass alles verloren ist, wenn sie die Grenzen schließt. Dafür ist sie sogar bereit, die Kanzlerschaft zu riskieren. Das ist ehrenwert, aber es ist falsch, wie ich überzeugt bin. Das Europa, das sie bewahren will, gibt es nicht mehr. Der Norden hat bereits dichtgemacht. Sollten die Flüchtlinge beschließen, dass es ihnen in Frankreich besser gefällt, wäre das die nächste Grenze, die sich schließt. Ich wünschte, Carrie würde zurückkehren. Die Carrie aus der ersten Staffel, der man kein X für ein U vormachen konnte, nicht die aus der dritten.

Wenn die Kollegen schrieben, die Politik der Kanzlerin sei blutleer und kraftlos, musste ich innerlich lächeln.

MICHAEL GOTTSCHALK / PHOTOTHEK.NET

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in Kollege berichtete von den Grünen, dass sie dort jeden Tag eine Kerze aufstellen, damit der Herrgott seine Hand über die Kanzlerin halte. Wer nicht an Gott glaubt, wendet sich an Buddha oder einen der Schutzheiligen aus dem Reich der Veganer. In jedem Fall ist man wegen der Angriffe aus der Union in großer Sorge um Angela Merkel. Wenn die Grünen für die Kanzlerin beten, ist das für mich ein sicheres Zeichen, dass etwas schiefläuft. Ich kenne viele nette Leute bei den Grünen, aber sobald sie politisch aktiv werden, ist Vorsicht geboten. Das mag etwas vereinfacht klingen, aber als Faustregel hat es sich bewährt. Was Leute, die fest im rotgrünen Lager stehen, heute an der Kanzlerin bewundern, ist genau das, was mich an ihr zweifeln lässt. Bislang sah ich Angela Merkel immer als jemanden, der die Dinge kühl betrachtet und sich nicht von Sentimentalitäten leiten lässt. Man kennt den Typus aus amerikanischen TV-Serien: sozial eher zurückhaltend, kein großer Smalltalker, aber ein Ass, wenn es darum geht, die Dinge in Sekundenschnelle zu durchdringen. So wie Carrie, die unbestechliche „Homeland“-Heldin. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass aus Carrie mal eine Idealistin werden würde. In Journalistenkreisen kam Merkel mit ihrem No-Nonsense-Stil nie gut an. Journalisten lieben die große Idee und den flammenden Auftritt. Ihr großes Vorbild ist Willy Brandt und sein Kampf für die Ostverträge. Über Merkel hieß es, sie führe das Land in ein neues Biedermeier. Ich habe nichts gegen Biedermeier. Wenn die Kollegen schrieben, die Politik der Kanzlerin sei blutleer und kraftlos, musste ich innerlich lächeln. Die Flüchtlingskrise ist für viele Sympathisanten von Rot-Grün so etwas wie ihre Ostpolitik. Endlich gibt es wieder ein Projekt, für das es sich zu streiten lohnt. Dabei wird übersehen, dass schon der damalige Einsatz nicht so glanzvoll verlief, wie es die

deutung gewinnt. Wenn man nicht einmal dafür sorgen kann, dass die Leute, die bereits hier sind, anständig versorgt werden, macht es wenig Sinn, ständig neue Leute ins Land zu lassen. Nur ein Beispiel: Der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Dennis Gladiator hat vor Kurzem vom Senat seiner Stadt Auskunft über Polizeieinsätze in Erstaufnahmeeinrichtungen verlangt. Der Senat listete darauf für das vergangene Jahr 2000 Polizeieinsätze auf.

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DANIEL BISKUP / LAIF

Flüchtlinge und Polizisten an der kroatisch-slowenischen Grenze: „Leidensdruck erhöhen“

Operation Bugwelle Flüchtlingskrise Offiziell sucht die Bundesregierung weiter nach einer europäischen Lösung. Intern aber wird längst überlegt, die Zahl der Schutzsuchenden auf andere Weise zu verringern.

D

ie großen Veränderungen kündigen sich manchmal ganz leise an. Jeden Donnerstag reden Vertreter der Länder, die an der Flüchtlingsroute über den Balkan liegen, in einer Videoschalte miteinander, um die aktuelle Lage zu besprechen. Gibt es genügend Unterkünfte in Griechenland? Reicht die Zahl der beheizten Zelte in Kroatien? Viele organisatorische Fragen, Verwaltungsvorgänge, fast schon Routine. Für Deutschland nimmt der europapolitische Berater der Bundeskanzlerin, Uwe Corsepius, an der Runde teil. Vergangenen Donnerstag teilten er und seine Kollegen aus Österreich und Slowenien mit, dass man erste Gespräche führe und unter anderem nach Wegen suche, um die Grenze in Slowenien besser zu kontrollieren. Was so nichtssagend klang, war in Wirklichkeit die Ankündigung eines Strategiewechsels in der deutschen Flüchtlingspolitik. Angela Merkel hält daran fest, dass die Krise europäisch gelöst werden soll. Nur die Frage, was eine „europäische Lösung“ ist, wird mittlerweile in Berlin anders als früher beantwortet. Bislang war die offizielle deutsche Linie, dass die Flüchtlinge an der Außengrenze der Europäischen Union in Griechenland 22

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und Italien aufgehalten werden sollten. Vorgesehen war, sie in großen Aufnahmezentren, den sogenannten Hotspots, zu registrieren und über eine mögliche Verteilung zu entscheiden. An diesem Plan hält Merkel nach eigenen Worten fest. Das Problem ist nur, dass die Einrichtung dieser Hotspots nur zäh vorankommt. Vor allem Griechenland, über das derzeit die meisten Flüchtlinge in die EU einreisen, hält seine Verpflichtungen nicht ein. Deshalb ist auch die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland nicht so gesunken, dass der politische Druck auf Merkel nachließe. Im Gegenteil: Mit ihrer Ankündigung, eine Obergrenze für Flüchtlinge einzuführen, hat die österreichische Regierung die Kanzlerin weiter in die Defensive gebracht. Die Sache sei „nicht hilfreich“, räumte Merkel am Mittwoch vor CSU-Landtagsabgeordneten in Wildbad Kreuth ein. Weil die Zahl der europäischen Verbündeten sinkt, arbeiten die Experten im Kanzleramt nun an einem Plan B, den vor allem die CSU lautstark fordert. Offiziell dementiert Merkel, dass es einen solchen Plan gibt. Es soll nicht so aussehen, als sei sie vor CSU-Chef Horst Seehofer eingeknickt. Vorangetrieben wird er trotzdem,

und er sieht anders aus, als ihn sich die CSU vorstellt. Eine Obergrenze und strikte Kontrollen an der deutschen Grenze, wie Seehofer sie fordert, lehnt die Kanzlerin nach wie vor ab, auch weil sie ein Ende der Reisefreiheit im Schengenraum fürchtet, jenem Verbund von Ländern also, die sich vor Jahren in der luxemburgischen Gemeinde Schengen auf gemeinsame Außengrenzen verständigt hatten. Aber es gibt möglicherweise eine elegantere Lösung, die zuerst von der Regierung in Österreich ins Spiel gebracht wurde. Slowenien spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil es nach Griechenland das erste Land auf der Westbalkanroute ist, das eine Schengen-Außengrenze besitzt. Dort sollen Migranten aus Afghanistan, Pakistan und Nordafrika aufgehalten werden, die sich verstärkt über den Westbalkan nach Deutschland aufmachen, aber kaum Chancen auf Schutz haben. Schengen würde ein Stück weiter nach Norden verlegt. Die Binnengrenzen in Europa könnten offen bleiben. Von den 1,83 Millionen Flüchtlingen, die laut EU-Grenzschutzagentur Frontex 2015 nach Europa kamen, stammen 227 000 aus Afghanistan. Die Zahl der Nordafrikaner liegt weit darunter, allerdings stellten


Titel

Die Bundesregierung will behutsamer deutsche Behörden in den vergangenen Und falls all das nicht hilft? Dann wird Wochen einen deutlichen Anstieg der Zahl vorgehen. „Wir können kein Interesse da- es am Ende möglicherweise doch zu von Flüchtlingen aus den Maghreb-Staaten ran haben, dass sich durch einen Rückstau massenhaften Zurückweisungen von Asylder Flüchtlinge die Lage im Westbalkan suchenden an der deutschen Grenze Algerien oder Marokko fest. Die meisten von ihnen haben keine Aus- und in Griechenland zunehmend ver- kommen. Bei ihrem Besuch vor den CSUsicht auf Asyl. Mit der Rückverlagerung schlechtert“, sagt der Staatsminister im Landtagsabgeordneten in Wildbad Kreuth der Schengen-Außengrenze nach Slowe- Auswärtigen Amt, Michael Roth. bezeichnete Merkel eine solche Lösung nien könnte verhindert werden, dass sie Ohne ein koordiniertes Vorgehen zwi- als Ultima Ratio, als letztes Mittel. bis nach Deutschland gelangen. Um die schen Wien und Berlin wird der Plan B kaum Ob die deutsche Polizei einen entspreheiklen rechtlichen Fragen, so die unaus- Erfolg haben. Die Ankündigung Österreichs, chenden Befehl umsetzen darf, ist rechtlich gesprochene Hoffnung in Berlin, werde in eine Obergrenze für Flüchtlinge einzuführen, umstritten. In einer internen Analyse Slowenien möglicherweise weniger Auf- hat die Chance dafür nicht erhöht. In der halten Bundesinnenministerium und Bunhebens gemacht als in Deutschland. Umgebung Merkels nennt man die Pläne desjustizministerium zunächst fest, dass Ob die Beamten an der slowenischen „grotesk“. Obwohl die Österreicher betonen, jeder EU-Mitgliedstaat nach der DublinGrenze Asylsuchende einfach zurückwei- Berlin über Details ihrer Obergrenze infor- III-Verordnung das Recht habe, einen sen könnten, sei offen, sagt der Konstanzer miert zu haben, weiß in Berlin niemand, was Schutzsuchenden in einen sogenannten Europarechtler Daniel Thym. Dies sei ein mit den Migranten geschieht, die darüber sicheren Drittstaat zurückzuweisen. Un„rechtlicher Graubereich“. Es entspreche hinaus kommen. Im österreichischen Außen- klar sei aber, ob formal auch ein EUsicher „nicht der ursprünglichen Idee des ministerium schließt man nicht aus, dass sie Mitgliedstaat als „sicherer Drittstaat“ gelDublin-Systems“, man könne sich aber dann einfach ins Nachbarland durchgewinkt ten könne. Dies sei „mit rechtlichen Ri„rechtliche Konstruktionen überlegen, mit werden. Slowenien macht dies bereits vor. siken behaftet“, heißt es. Es erscheine aber denen das gehen könnte“. Am Donnerstag kündigte die Regierung an, vertretbar. Der Plan klingt auf den ersten Blick gut, künftig nur noch solche Flüchtlinge ins Land Außerdem ergebe sich aus dem „derzeihat aber zahlreiche Fehler, wie man in zu lassen, die in Deutschland oder Österreich tigen Systemversagen des europäischen Berlin weiß. Slowenien wird die Aufgabe, um Asyl bitten wollen. (Außen-)Grenzschutz- und Asylsystems“ viele Flüchtlinge zu kontrollieren, kaum Einig ist man sich immerhin darüber, dass mit der „Durchleitung von Tausenden allein bewältigen können. Bislang sind un- die Maghreb-Staaten abgelehnte Asylbe- Schutzsuchenden an die deutsche Grenze“ gefähr zehn Polizisten der Bundespolizei werber schneller wieder zurücknehmen sol- eine „fundamental neue Situation“, die an der slowenischen Grenze im Einsatz, len. Zu diesem Zweck will Deutschland ein Vorgehen zum Schutz der öffentlichen sie beraten ihre Kollegen, an Grenzkon- künftig den Botschaften dieser Länder in Sicherheit eröffne, so das Papier. Entscheitrollen sind sie nicht beteiligt. Noch liegt Berlin helfen, die Herkunft der Flüchtlinge den müsste am Ende aber die Politik. keine weitere Anfrage vor. „Man kann versuchen, eine solche Zufestzustellen. Da sie oft keine Papiere haEs ist unklar, ob die Regierung in Lju- ben, sollen sie mit sogenannten EU-Lais- rückweisung von Flüchtlingen an einer bljana überhaupt dazu bereit ist, sich helfen sez-passer-Dokumenten ausgestattet wer- EU-Binnengrenze zu rechtfertigen“, sagt zu lassen. Wie eine Grenzkooperation aus- den, damit sie leichter ausgeflogen werden Rechtsprofessor Thym. Ob das vor den sehen würde, ist offen. Österreich, das mit können. „Das bisherige mehrphasige Rück- Gerichten Bestand hätte, stehe nicht fest. dieser Idee vor einigen Wochen an die Bun- kehr-Verfahren ist zu schwerfällig“, schrei- Allerdings, so Thym, befinde sich Deutschdesregierung herangetreten war, habe bis- ben Außenminister Frank-Walter Steinmei- land „gegenwärtig in einer politischen lang keine konkreten Vorschläge gemacht, er (SPD) und Innenminister Thomas de Mai- Situation, wo man sich um das Recht nur heißt es im Bundesinnenministerium. zière (CDU) an ihre Amtskollegen in Nord- noch am Rande kümmert“. Das liegt möglicherweise daran, dass die afrika. Für Wohlverhalten stellen die DeutDietmar Hipp, Peter Müller, Ralf Neukirch, Auffassungen darüber, wie die Grenze kon- schen in ihrem Brief Belohnung in Aussicht. Christoph Schult trolliert werden soll, in Berlin und Wien auseinandergehen. Bundesregierung und EU-Kommission wollen Griechenland und Grenzkontrollen im Schengenraum die Nachbarländer Sloweniens nicht destaEU-Staaten, die Schengen Nicht-EU-Staaten, die EU-Staaten, die nicht dem Von Deutschland bilisieren. „Länder wie Serbien dürfen vollständig anwenden Schengen anwenden Schengenraum angehören zu sicheren Herkunftsstaaten nicht zum Parkplatz für Zehntausende erklärt* Wiedereinführung von Grenzkontrollen Flüchtlinge werden, wenn sie nicht mehr an Binnengrenzen weiterkommen“, sagt EU-Erweiterungsverstärkte Grenzkontrollen kommissar Johannes Hahn. „Es geht dateilweise Grenzzäune rum, die Bugwelle umzudrehen, ohne dass POLEN Chaos auf dem Balkan ausbricht“, heißt es an anderer Stelle in der Kommission. DEUTSCHLAND TSCHECHIEN Zumindest Teile der österreichischen SLOWAKEI Regierung sehen das anders. Ein Rückstau werde den „Leidensdruck“ für eine geÖSTERREICH UNGARN samteuropäische Lösung erhöhen, sagt FRANKREICH SLOWENIEN RUMÄNIEN Außenminister Sebastian Kurz nach der Entscheidung über die Obergrenze. In der KROATIEN SERBIEN CSU hat dieses Vorgehen Anhänger. „Wenn Griechenland seine Außengrenze ITALIEN BULGARIEN nicht besser sichern kann, besteht die GeMAZEDONIEN fahr, dass eine vorübergehende Auszeit aus dem Schengenraum für das Land leider * 2014: Bosnien-Herzegowina, näherrückt“, sagt der Chef der EVP-Frak- Serbien, Mazedonien, seit Okt. 2015: TÜRKEI GRIECHENLAND Hauptfluchtroute tion im Europaparlament, Manfred Weber. Albanien, Kosovo, Montenegro DER SPIEGEL 4 / 2016

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FALK BÄRWALD / DPA

„Tornado“ in Incirlik

Verteidigung

„Tornados“ weiter nachtblind

Nachrüstung der Cockpitbeleuchtung dauert länger als angekündigt. Die über Syrien eingesetzten Luftwaffen-„Tornados“ werden wohl noch längere Zeit nachts nicht fliegen können. Derzeit müssen die Maschinen bei Dunkelheit am Boden bleiben, weil die mit Nachtsichtbrillen ausgestatteten Piloten durch die rote Diodenbeleuchtung des Cockpits geblendet würden. Moderne, für Nachteinsätze geeignete Leuchtmittel hat die Luftwaffe von einem eigenen Instandhaltungsbetrieb zwar entwickeln lassen, aber keine Zulassung erwirkt. Intern rech-

Flüchtlinge

kel es unterlassen habe, das Klage gegen Merkel Dublin-III-Abkommen sowie die deutschen Asyl- und Aufenthaltsregeln umzusetzen. Eine Gruppe von Rechtsan„Die Bundeskanzlerin darf wälten hat in Karlsruhe Vermit ihrer Politik nicht den fassungsbeschwerde gegen Rahmen der Gesetze verlasdie Flüchtlingspolitik der Bundesregierung eingereicht. sen, den die Wähler ihr durch das Parlament vorgegeben In dem Schriftsatz rügen die haben“, sagt der Verfasser sechs Kläger eine Verletzung der Beschwerde, der Düsselihres Wahlrechts und ihres dorfer Anwalt Clemens AntAnspruchs auf Teilhabe an weiler. Merkel sei insofern der demokratischen Willenseine „Wiederholungstäterin“: bildung. Das Gericht solle Angela Merkels Entscheidung Schon bei der Energiewende oder der Eurorettung habe vom 4. September 2015 über sie sich nicht an die eindeutidie Öffnung der Grenzen für gen Vorgaben europäischer Flüchtlinge für verfassungswidrig erklären. Grundgesetz- und deutscher Gesetze gehalten. ama widrig sei zudem, dass Mer24

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net man deshalb nicht damit, dass ein Austausch der Beleuchtung so schnell zu bewerkstelligen ist, dass im Februar das Problem behoben ist, wie das Verteidigungsministerium angekündigt hatte. Dabei hätte die Bundeswehr durchaus Zeit gehabt, auf das technische Problem der „Tornados“ zu reagieren – es ist seit dem Kosovokrieg 1999 bekannt. Im Afghanistaneinsatz ab April 2007 halfen sich die Piloten mit Pappe, was allerdings den Vorschriften widersprach. gt

Parlament

Folgenlose Sünden Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) schont die Bundestagsfraktionen trotz erdrückender Beweise, dass sie in großem Stil Steuergelder missbraucht haben. Der Bundesrechnungshof hatte in 67 Fällen PR-Maßnahmen der Fraktionen beanstandet (SPIEGEL 18/2015). Diese hatten Steuermittel für Werbebroschüren, Reisen oder Zeitungsanzeigen eingesetzt, was mit ihrer Parlamentsarbeit häufig nichts zu tun hatte. Trotzdem konnte sich Lammerts Behörde nur in

kleineren Fällen zu einer Strafe durchringen: Die Bundestagsverwaltung wertete zwei Sommerreisen der SPD-Fraktion als unzulässige Parteispende und stellte einen Sanktionsbescheid in Höhe von 3496,80 Euro aus. Weitere Verstöße seien nicht geahndet worden, sagte ein Sprecher des Bundestags. Mehrere Aktionen seien durch die ZehnJahres-Frist verjährt. Auffällig ist, wie viel Zeit sich die Rechnungsprüfer ließen. Sie brauchten fast zehn Jahre. Anschließend dauerte es noch einmal rund zwei Jahre, bis Lammerts Beamte den Vorgang abschlossen. srö, sve

Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel


Deutschland investigativ Länderlösung auf Bundeskosten Die von den Ministerpräsidenten angestrebte Reform des Finanzausgleichs zwischen Bund und Ländern stößt auf erbitterten Widerstand der Regierungsfraktionen von Union und SPD. „Das von den Ländern vorgelegte Konzept löst kein einziges Problem“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus. „Wenn die Große Koalition den Finanzausgleich refor-

gerechteren Steuervollzug zu erreichen“, so Schneider. Im Dezember hatten sich die Ministerpräsidenten einstimmig auf ein Konzept für eine Finanzreform verständigt, bei der alle 16 Länder gegenüber dem heutigen System bessergestellt wären, der Bund aber pro Jahr rund zehn Milliarden Euro draufzahlen müsste. In der kommenden Woche treffen sich die Regierungschefs der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dabei soll es auch um den Finanzausgleich gehen. böl

miert, muss auch etwas Großes dabei rauskommen, das System muss also transparenter und einfacher werden.“ Das sieht SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider genauso: „Es kann nicht sein, dass die Länder untereinander die Solidarität aufkündigen und der Bund dafür dauerhaft einspringen soll.“ Brinkhaus und Schneider wollen, dass der Bund im Gegenzug für eine Zustimmung zur Reform mehr Macht erhält. „Wir müssen etwa in der Steuerverwaltung zusätzliche Kompetenzen beim Bund zentralisieren, auch um einen

Strafvollzug Die Zahl der Strafgefangenen, die nur die Hälfte ihrer Freiheitsstrafe absitzen mussten, ist äußerst gering. Das zeigen Stichtagserhebungen des Statistischen Bundesamts aus den beiden vergangenen Jahren: Nur etwa zwei Prozent aller nach Erwachsenenstrafrecht verurteilten und per Gerichtsbeschluss vorzeitig aus der Haft entlassenen Gefangenen kommen in den Genuss derselben Vorschrift wie Fußballmanager Uli Hoeneß. Das Strafgesetzbuch lässt eine solche Strafaussetzung nur bei günstiger Rückfallprognose und bei Vorliegen „besonderer Umstände“

Justiz

Union gegen Maas Die geplante Konferenz von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zum Thema rechtsextreme Gewalt stößt auf Widerstand bei den Landesministern von CDU und CSU. Sie fordern, Inhalt und Termin zu ändern. Zwar sei rechte Gewalt „unerträglich“, schreibt Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) in einem Brief an Maas. Man müsse aber auch die „rassistische Gewalt im Migrantenmilieu“ behandeln, vor allem gegen jüdische Bürger. Ähnlich sieht es Hessens Justizmi-

LACKOVIC / IMAGO

„Sehr gnädig“

Hoeneß

nisterin Eva Kühne-Hörmann (CDU): „Während die Bundesrepublik sich über die Folgen der Silvesternacht in Köln Gedanken macht, nutzt Herr Maas den Justizgipfel leider nicht, um diese Thematik zu besprechen.“ Die Minister aus Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen fordern ebenfalls, nicht bloß rechtsextreme Gewalt zu diskutieren. Die Unionspolitiker halten zudem den Konferenztermin drei Tage vor Landtagswahlen in drei Bundesländern für unglücklich: Im „Wahlkampfgetöse“ sei ein „überparteilicher Konsens“ kaum erreichbar, so Heilmann. ama

zu. Was das Landgericht Augsburg zur Begründung im Fall Hoeneß ausgeführt habe, seien aber „im Grunde alles ganz normale Dinge“, die in anderen Fällen nur eine Entlassung nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haftstrafe rechtfertigen würden, so der Tübinger Strafrechtsprofessor Jörg Kinzig. Aspekte, die zulasten Hoeneß gingen, hätte das Gericht zumindest „nicht offengelegt“. Die angekündigte Entlassung von Hoeneß, so Kinzig, sei deshalb „sehr gnädig“. Die Staatsanwaltschaft München II könnte gegen den Entlassungsbeschluss allerdings noch bis Montag Beschwerde einlegen. hip

Lobbyismus

Zigarettenindustrie sperrt sich Die deutsche Tabakindustrie versucht, den ab Mai geplanten Abdruck von Schockbildern auf Zigarettenpackungen zu verzögern. Eine Reihe großer Hersteller argumentiert, dass die Zeit nicht ausreiche, um die technischen Voraussetzungen für die Umstellung zu schaffen. Das Gesetz soll am kommenden Freitag im Bundesrat diskutiert werden. Die Lobbyisten werfen dem zuständigen Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) vor, den Entwurf zu spät vorgelegt

NSU-Prozess

„Vollkommen verrückt“ Der ehemalige sächsische Neonazi-Aktivist Jan W. hat den jüngsten Aussagen der Hauptangeklagten im Münchner NSU-Prozess, Beate Zschäpe, widersprochen. Die mutmaßliche Rechtsterroristin hatte am Donnerstag vor Gericht erklären lassen, W. habe ihren Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos einst eine Pistole in den Untergrund geliefert; auch von einem Schalldämpfer sei damals die Rede gewesen. Das habe ihr Böhnhardt erzählt. W. wies diese Behauptung nun zurück. Er sagte dem SPIEGEL, er habe „nie eine Waffe besessen, geschweige denn an die drei weitergegeben“. Er kenne Zschäpe überhaupt nicht. Ihre Aussage sei „vollkommen verrückt“. Jan W. ist einer von insgesamt 14 Beschuldigten im NSU-Ermittlungskomplex; 5 von ihnen stehen derzeit in München vor Gericht – W. gehört nicht dazu. mba, srö

SEBASTIAN WIDMANN / IMAGO

Finanzausgleich

Zschäpe

zu haben. Vor allem Hamburg drängt nun auf eine Verschiebung, dort haben nicht nur die Konzerne Imperial (Davidoff, Gauloises) und British American Tobacco (Lucky Strike) wichtige Standorte, dort sitzt auch der Zigarettenmaschinenhersteller Hauni. Weltmarktführer Philip Morris (Marlboro) hatte zunächst ebenfalls gegen die Umsetzung der vor zwei Jahren verabschiedeten Tabakrichtlinie argumentiert, die ab dem 20. Mai EU-weit Abbildungen von beispielsweise Krebsgeschwülsten vorschreibt. Später lenkte der US-Konzern ein. csc, pau DER SPIEGEL 4 / 2016

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Deutschland investigativ

Hass im Netz

Joost: Ich sehe den Staat und

„Facebook darf kein Zensor werden“

Facebook gleichermaßen in der Pflicht. Staatsanwälte haben die Aufgabe, rechtswidrige Inhalte zu verfolgen. Aber bei einer millionenfach genutzten Plattform schaffen sie das nicht allein. Die Machtverhältnisse haben sich so stark zugunsten von Unternehmen wie Facebook verschoben, dass der Konzern auch in der Verantwortung steht, diese Inhalte zu sanktionieren. Facebook muss seinen Laden eben auch selbst sauber halten. SPIEGEL: Noch bedeutet Facebooks Idee von Sauberkeit, vor allem nackte Brüste zu tilgen. Aber zurzeit werden neue Kontrolleure eingestellt. Werden sie auch politisch missliebige Kommentare löschen? Joost: Facebook darf keine Zensurbehörde werden. Im Zweifel sollte man sich immer gegen eine Löschung von Meinungen entscheiden. Aber ich erwarte, dass Facebook effektiv die Inhalte in seinem Netzwerk beobachtet. Der Konzern sollte mithilfe von Vertretern seiner Community, zum Beispiel in Nutzerpanels, Standards für den Umgang mit rechtmäßigen, aber problematischen Inhalten entwickeln. SPIEGEL: In Deutschland und den USA gelten sehr unterschiedliche Regeln, was man sagen darf. Joost: Maßstab müssen schon die Werte unserer westeuropäischen Debattenkultur sein. Wir dürfen erwarten, dass nicht nach dem Prinzip der sogenannten politischen Korrektheit auch freche Sprüche getilgt werden. Aber was derzeit gegen fremdenfeindliche Kommentare getan wird, reicht eindeutig nicht aus. ama

UTE GRABOWSKY

Gesche Joost, 41,

Digitale Botschafterin der Bundesregierung, über die „Initiative für Zivilcourage Online“ von Facebook gegen Hassbotschaften im Netz. Facebook setzt auf die Hilfe von NGOs und auf Debatten seiner Nutzer. SPIEGEL: Frau Joost, was halten Sie von den FacebookPlänen? Joost: Die Details sind sehr vage, und die Investition von nur einer Million Euro für einen Milliardenkonzern wie Facebook eine überschaubare Summe. Da das Geld noch dazu vor allem in die Vermarktung der Initiative zu fließen scheint, riecht das Vorhaben für mich sehr nach einer PR-Aktion. SPIEGEL: Facebook will Hassposts lieber nicht löschen, sondern mit sogenannter counter speech bekämpfen; die Nutzer sollen dagegenhalten. Kann das klappen? Joost: Facebook hat recht mit der These, dass der Hass nicht aus der Welt ist, bloß weil Hassbotschaften gelöscht werden. Ich selbst habe lange an die Selbstreinigungskräfte des Internets geglaubt. Aber inzwischen bezweifle ich, dass das genügt. Im Internet radikalisieren sich Menschen leichter, und die sozialen Netzwerke wirken wie Verstärker ihres Hasses. Man darf das nicht laufen lassen oder das Problem nur den Nutzern aufbürden. SPIEGEL: Wer soll der Entwicklung dann Einhalt gebieten?

Migration

Dialog über Werte Angesichts anhaltender Zuwanderung wird im Bundesinnenministerium Anfang Februar ein neuer Stab „Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Integration“ einge26

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richtet. Ihm unterstehen sieben Referate mit 45 Mitarbeitern. Dazu gehört auch ein neues Referat, das sich insbesondere mit der „Vernetzung der politischen Zielsetzungen der Bundesregierung“ und einem „Wertedialog“ beschäftigen soll. aul

Faktencheck der SPIEGEL-Dokumentation

Nachrichtensperre?

DAS PROBLEM Die einen sind stolz auf die Pressefreiheit im Lande, die anderen erkennen „Schweigekartelle“. Zu Letzteren gesellte sich kürzlich der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Anlass war die zögerliche Berichterstattung vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien über die Ereignisse zu Silvester in Köln. Friedrich: Sobald es um Vorwürfe gegen Ausländer gehe, greife offenbar eine „Nachrichtensperre“. FÜR UND WIDER In der Silvesternacht kam es am Kölner Hauptbahnhof zu Hunderten von sexuellen Übergriffen. Dennoch sprach die Polizei zunächst von friedlichen Feiern – dpa tickerte: „Feuerwerk wie immer“. Grund für eine Schlagzeile? Beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ meldete sich derweil ein erstes Opfer, eine junge Frau. Die Redaktion berichtete online noch am Neujahrstag, tags darauf auch der WDR. Am Samstag, dem 2. Januar, informierte die Kölner Polizei über die Einrichtung einer Ermittlungsgruppe. Mittlerweile waren rund 30 Strafanzeigen eingegangen. Die Täter hätten ein „nordafrikanisches Aussehen“ gehabt, hieß es. Sonntag griff der dpa-Landesdienst den Fall kurz auf, wusste von fünf festgenommenen Personen, die Frauen bedrängt und Reisende bestohlen haben sollen, verschwieg aber den möglichen Migrationshintergrund der Beschuldigten. Auch das war noch nicht wirklich überregional interessant. Dann gab Kölns Polizeichef eine Pressekonferenz. Die Rede war von „Straftaten einer völlig neuen Dimension“. Oberbürgermeisterin Henriette Reker nannte die Vorfälle „ungeheuerlich“. Das war am Montag, dem 4. Januar. Hatten überregionale Medien bisher kaum über die Kölner Geschehnisse informiert, änderte sich das nun schlagartig. Als Friedrich dann am Mittwoch, dem 6. Januar, lauthals ein „Schweigekartell“ beklagte, hatte sich bereits ein wahrer Meldungs-Tsunami aufgebaut. Bis zum 15. Januar registrierte das SPIEGEL-Archiv den Eingang von über 2400 Artikeln mit Bezug auf die Vorfälle in Köln. Die Münchner Terrorwarnung zu Silvester brachte es bis dahin auf gerade mal 160 Artikel. FAZIT Die großen Medien hätten trotz der Feiertage vielleicht ein bis zwei Tage schneller sein können. Aber deshalb von einer Nachrichtensperre zu sprechen ist Unsinn. Hauke Janssen

Artikel zu Silvestervorfällen 350

250

Übergriffe in Köln Terrorwarnung in München

150

50 1. Jan.

Quelle: SPIEGEL-Archiv

2.

4.

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Foto: 4* Superior Panoramahotel Oberjoch


HEINZ UNGER / BABIRADPICTURE

Performance vor dem Kölner Dom am 8. Januar: „Gegen dieses ganze Arschgekneife und Busengegrapsche“

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Deutschland

Ein verquerer Begriff von Ehre Migration Seit Langem schon erleben Frauen, wie problematisch das Rollenbild vieler Muslime ist. Die Kölner Silvesternacht hat die Frauenfrage wieder ins Zentrum der Integrationsdebatte gerückt.

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ZUMA PRESS / ACTION PRESS

as Erich-Gutenberg-Kolleg ist eine Seite 116). Und die linksliberale „Zeit��� rät- lime weltweit von westlichen Ideen der Gleichberechtigung weit entfernt. PatriarBerufsschule im strukturschwachen selte: „Wer ist der arabische Mann?“ Viele Frauen haben sich diese Frage chalische und frauenfeindliche ÜberzeugunKölner Stadtteil Mülheim, zwei Drittel der Schüler hier haben einen Migra- schon gestellt. Manche kennen Männer, gen werden oft mit dem Koran begründet. tionshintergrund, die meisten sind Muslime. die sich weigern, einer Frau die Hand zu Die Situation von Frauen in muslimisch Ein paar Tage nach der Silvesternacht von geben. Lehrerinnen treffen auf muslimi- geprägten Regionen ist besonders schlecht. Köln steht eine Lehrerin vor ihrer Klasse sche Väter, die es ablehnen, Gespräche mit Und dass Männer und Frauen gleiche der Höheren Handelsschule, Lernziel: Fach- ihnen zu führen, oder auf Eltern, die nicht Rechte haben, ist für die Mehrzahl der abitur. Sie will mit ihren Schülern über die wollen, dass ihr Kind von einer Frau un- Muslime nicht selbstverständlich. Das Übergriffe gegen Frauen sprechen. Doch terrichtet wird. Geschäftsleute fragen nach amerikanische Pew Research Center bedie Reaktion in der Klasse entsetzt sie. „Was dem – männlichen – Vorgesetzten, weil sie fragte zwischen 2008 und 2012 weltweit wollen Sie denn eigentlich?“, ruft einer der eine Frau nicht als Gesprächspartnerin 38 000 Muslime. Mehr als die Hälfte von Schüler. „Damit müssen Frauen doch rech- anerkennen. Und es gibt Männer, die nicht ihnen war der Ansicht, dass eine Frau nen, wenn sie nachts da langgehen!“ Nie- akzeptieren, dass Frauen Recht sprechen ihrem Mann immer gehorchen sollte. Im mand in der Klasse protestiert, Mittleren Osten und Nordafrika auch die Mädchen schweigen. denken das sogar 87 Prozent. „Sie denken sich ihren Teil, aber Dort meinte nur ein Viertel der sie sagen oft nichts“, sagt SchulBefragten, dass Töchter und leiter Rolf Wohlgemuth. Er Söhne gleich viel erben sollten, selbst ging nach dem Vorfall in und nur ein Drittel gesteht Fraudie Klasse, bemühte sich, den en das Recht zu, sich scheiden Schülern zu vermitteln, dass der zu lassen. Staat die Rechte aller, auch der Lamya Kaddor ist die DebatFrauen, schützt. Er ist skeptisch, te um den Islam inzwischen leid. ob die Botschaft bei allen nachSeit Jahren arbeitet die liberale haltig wirkt. Islamwissenschaftlerin als Vermittlerin. Sie erklärt den NichtDrei Wochen sind seit der muslimen in Deutschland den Silvesternacht von Köln verIslam, sie erklärt den Muslimen gangen, rund 800 Anzeigen sind die Nichtgläubigen. Es gab sehr inzwischen von Frauen eingeviel zu erklären, seit al-Qaida gangen, und noch immer wiram 11. September 2001 Flugken die Schockwellen von Köln zeuge ins World Trade Center nach ins politische Berlin, noch steuern ließ und sich auf Allah immer fahndet die Polizei nach berief. Auf die Debatte über weiteren Tätern, noch immer den Terror folgte die über rätselt das Land über deren MoZwangsverheiratungen und Ehtive. Köln könnte als Wenderenmorde. Über Beschneidunpunkt der Flüchtlingsdebatte in gen. Über Salafisten. Über Midie Geschichte eingehen, aber narettbau. Und nun wieder über es gibt noch eine andere, grundIranerinnen im Tschador: „Eine Kultur, die alles Sexuelle tabuisiert“ das Frauenbild. „Jetzt fange ich sätzlichere Dimension. Auch wenn die Täter von Köln nur eine winzige und Anweisungen geben. „Die Machokul- wieder von vorne an zu erklären: Was ist kriminelle Minderheit unter Migranten tur ist ein Teil Deutschlands“, sagt Ahmad der Islam?“, sagt Kaddor. In Dinslaken unterrichtet die 37-Jährige und Flüchtlingen ausmachen, entscheidend Mansour, ein palästinensischer Israeli, der ist: ihre Opfer waren Frauen. Seit der Sil- sich als Psychologe für die Integration en- Islamkunde. Das Frauenbild vieler Migranten sei tatsächlich ein Problem, sagt vesternacht ist die Frauenfrage wieder ins gagiert. Zentrum der Integrationsdebatte gerückt. Diskriminierung und Gewalt gegen Frau- sie. Sie kämen aus „unterdrückten GeKöln macht die Spannungen bewusst zwi- en hätten nichts mit dem Islam zu tun, sa- sellschaften“ in ein freies Land. „Dann schen der aufgeklärten, westlichen Idee von gen seine offiziellen Vertreter. „Der Islam müssen sie 15 Monate warten, ob sie bleiGesellschaft und Gleichberechtigung und geht davon aus, dass Frau und Mann vor ben dürfen oder nicht. Das ist zu lange, da der patriarchalischen Prägung muslimischer Gott und Gesetz gleichwertig sind“, sagt fällt man schnell in alte Muster zurück“, Gesellschaften mit ihren viel enger definier- etwa Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zen- sagt Kaddor. Muster, wie sie in Deutschland viele ten Frauen- und Männerrollen. „Die Grenz- tralrats der Muslime. Es stimmt, Islam und überschreitung – Migrantenmänner, euro- Patriarchat gehören nicht zwangsläufig zu- Frauen erleben. Dabei geht es gar nicht um päische Frauen und die kulturelle Kluft“ sammen, der Islam erlaubt eine liberale sexuelle Belästigung, sondern um Situatiotitelt der britische „Economist“ in der ver- Auslegung des Koran. Denn die Religion nen, in denen Frauen gezeigt wird, dass sie gangenen Woche. Navid Kermani beschäf- kennt kein Oberhaupt wie den Papst, das in ihrem Beruf und ihrer Funktion nicht tigt sich im SPIEGEL-Gespräch mit der Fra- eine verbindliche Auslegung festlegt. Doch akzeptiert werden. Die meisten Frauen, mit ge, ob Deutschland das schaffen wird (siehe in der Realität ist der Mainstream der Mus- denen der SPIEGEL gesprochen hat, wollen DER SPIEGEL 4 / 2016

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Deutschland

THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

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Es geht um das schematische Frauenbild sich nicht mit ihrem Namen zitieren lassen Die Tochter marokkanischer Einwanderer aus Angst, als fremdenfeindlich zu gelten. wurde 1981 in Hannover geboren, ist Mit- von Heiliger und Hure, in dem es für eine Und sie betonen, dass Schwierigkeiten die glied der Deutschen Islam Konferenz und selbstbestimmte Frau keinen Platz gibt. Ausnahme seien und die meisten muslimi- Vorkämpferin einer islamischen Frauen- Dass in Deutschland nicht jede Frau verschen Männer nicht grundsätzlich ein Pro- bewegung. „Emanzipation im Islam – eine fügbar ist, „nur weil sie im Minirock heAbrechnung mit ihren Feinden“ heißt ihr rumläuft“, sei für diese Männer irritierend blem mit Frauen hätten. und frustrierend. „Die einen reagieren, in„Straffällige Muslime haben häufig ein Buch, das im Februar erscheint. Die Unterdrückung der Frau durch pa- dem sie superreligiös werden, die anderen Akzeptanzproblem mit weiblichen Richtern“, sagt eine Richterin aus Hamburg. triarchalische Strukturen präge die Ge- werden aggressiv.“ Irritation und Frustration erleben junge Sie behandelten sie geringschätzig, zeigen schichte des Islam bis in die Gegenwart, durch Gesten oder Mimik, dass sie eine sagt sie. Die Kölner Übergriffe hatten für muslimische Männer nicht nur in Europa, sondern auch in Marokko. „Es Frau in dieser Position nicht gibt einen krassen Widerrespektieren. Eine Flugbegleispruch“, sagt El Masrar. „Sex terin sagt, sie habe „nicht selist einerseits tabuisiert, andeten Schwierigkeiten mit musrerseits überall abrufbar.“ Solimischen Männern, die uns gar Sex-Hotlines gebe es auf zuarbeiten“. Um unangenehme Arabisch. Ihre Verunsicherung Situationen zu vermeiden, werleben die Männer auf der Strade in den Crews öfter im Vorße aus, wo Frauen belästigt und feld entschieden, einen männangemacht werden. Doch seit lichen Kollegen vorzuschicken. einiger Zeit haben die begonBundespolizistinnen, die an nen, sich zu wehren. In einer der Grenze zu Österreich MiArt #aufschrei-Bewegung gingranten in Empfang nehmen, gen in Marokko Frauen auf die berichten, sie würden von Straße, um zu protestieren: „geMännern ignoriert oder begen dieses ganze Arschgekneischimpft. Manche spucken vor fe und Busengegrabsche, das ihnen aus, sagt eine von ihnen. Getuschel und die Perversio„Das erfordert mitunter einen nen, die Frauen an den Kopf robusteren Einsatz.“ geworfen werden“. Eine Personalerin eines UnAuch junge Männer beginternehmens in Baden-Württemberg erinnert sich daran, Schnellrestaurant in den Arabischen Emiraten: Kontext von Prostitution nen, einen Ausweg aus dem engen patriarchalischen Rollenwie ein Angestellter sie anfuhr, bild zu suchen. Zum Beispiel sie habe ihm als „deutsche Asmen Ilhan. Der junge Mann Frau“ gar nichts zu sagen. Ein aus Berlin ertappte sich vor anderes Mal bat ein Mitarbeiter ein paar Jahren dabei, dass er darum, das ausstehende Gedie Mädchen in seiner Klasse spräch mit einem männlichen in „Schlampen“ und „NichtKollegen führen zu dürfen: „Es schlampen“ einordnete. In ist nichts gegen Sie, aber da, Mädchen, die einen Freund wo ich herkomme, klären das hatten, abends ausgingen und Männer.“ enge Hosen trugen. Und in Maresi Lassek, 20 Jahre lang Mädchen, die sich so verhielLeiterin einer Bremer Grundten, wie man es in der türkischule, erinnert sich an die schen Community für angemes„Väter mit auf dem Rücken gesen hielt.  falteten Händen“, um ihr nicht Welche Schülerin als die Hand reichen zu müssen. „Schlampe“ galt und welche Eine Grundschullehrerin aus nicht, war ein wichtiges Thema dem Odenwald spricht von an der Carl-von-Ossietzky„befremdenden Erfahrungen“. Oberschule in Berlin-Kreuz„Ich hatte oft das Gefühl, dass berg. Für die Jungs, die ihre Väter mich nicht ernst nahmen, „Heroe“ Ilhan: Hadern mit der eigenen Kultur Schwestern bewachten und selweil ich eine Frau bin“, sagt sie. Eine Erzieherin aus Hamburg berichtet, sie viele Gründe: die beengte Unterbrin- ber knutschten und Sex hatten. Und für dass die Väter versuchten, „uns Frauen zu gung von Migranten in Heimen oder über- die Mädchen, die sich besser von allen meiden und sich mit unseren männlichen füllten Wohnungen, ihre Perspektivlosig- Männern fernhielten. Niemand hätte sich Kollegen auszutauschen“. Und wenn in keit, ihre Verwahrlosung, weil Halt und gewundert, wenn auf dem Schulhof jemand geschrien hätte: „Ich bring meine der Klasse von Annelie Hobohm, die in Aufsicht durch die Familie fehlen. Ein Grund sei aber auch „eine Kultur, Schwester um, wenn einer sie anfasst.“ einer Hamburger Stadtteilschule Analphabeten unterrichtet, alle gemeinsam aufräu- die alles Sexuelle tabuisiert“, sagt El Mas- Und niemand wusste, ob so ein Satz vielmen sollen, kommt es vor, dass Jungen rar. Die jungen Männer kämen aus einem leicht ernst gemeint sein könnte. Ilhan stand immer dazwischen. Seine sich weigern zu fegen. Putzen sei doch Milieu, in dem es keine liebevolle Sexualität gibt. „Alles, was mit Zärtlichkeit und Eltern waren Ende der Siebzigerjahre aus Frauenarbeit, sagen sie. „Es gibt eine Frauenverachtung, einen Sex zu tun hat, steht im Kontext von der Türkei gekommen, er kam in Berlin zur Welt. Für die Deutschen war er der Hass auf Frauen“, sagt Sineb El Masrar. Prostitution.“ 30

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IN DER SPIEGEL-APP

Türke, für die Türken der Kurde. Als traditioneller  Muslim ging er nie durch, weil sein Vater Alevit ist. Seine Mutter engagiert sich in der migrantischen Frauenbewegung. Ein Wort wie „Schlampe“ hätte am Abendbrottisch niemals fallen dürfen. Aber in der Klasse galten andere Regeln. Mädchen hatten rein und leise zu sein, Jungs stark und laut, fixiert auf ihre vorbestimmte Rolle als Bewacher und künftige Ernährer. Ilhan hatte sich daran gewöhnt, schon um irgendwie dazuzugehören. Als er 16 war, kamen ihm Zweifel.  Damals lud ein Freund ihn zu einer Gruppe ein, die sich regelmäßig traf und ihr Bild von Mädchen und Jungs grundlegend infrage stellte. Sie haderten mit einer Kultur, in der die Ehre der gesamten Familie davon abhängt, ob die Tochter bei der Hochzeit noch Jungfrau ist, und Jungs die Pflicht haben, diese Ehre zu überwachen. Ob sie wollen oder nicht. Ilhan und seine Freunde wurden Teil eines ungewöhnlichen Projekts, in dem sich junge Männer mit Migrationshintergrund für Frauenrechte starkmachen: „Heroes“, Vorbilder. 35 junge Männer hat das Projekt inzwischen ausgebildet. Wer ein echter „Heroe“ wird, darf sich ein Zertifikat in sein Zimmer hängen. Im Programm haben die „Heroes“ unterschiedliche Rollenspiele. Es geht um den strengen Vater, der den Sohn losschickt, die Schwester heimzuholen, die sich gerade mit Freunden trifft. Oder es geht um die Familie, die es verbietet, die Freundin aus Schweden zu heiraten. Die Rolle des Mädchens spielt immer ein Junge. Über tausend solcher Workshops haben die „Heroes“ in den vergangenen sieben Jahren in Schulen oder Jugendzentren abgehalten. Sogar der Bundespräsident hat das preisgekrönte Projekt schon besucht. Ein Foto von diesem Tag hängt an der Wand, gegenüber ein Plakat mit einem Satz von Albert Camus: „Nichts ist kläglicher als Respekt, der auf Angst beruht.“  „Durch Köln sind unsere Themen aktuell geworden“, sagt der Theaterpädagoge Yilmaz Atmaca, der das „Heroes“-Projekt mitgegründet hat. Ilhan ist heute 23, studiert Psychologie und arbeitet als Gruppenleiter. In der ersten Januarwoche kamen seine sieben Jungs wieder zusammen. Die Runde suchte nach einer Erklärung für Köln. Auch dort, meinte sie, ging es um einen verqueren Begriff von Ehre. „Ich fürchte, dass die Täter westlich gekleideten Frauen, die nachts allein unterwegs sind, die Ehre absprechen. Genau diese Haltung wollen wir mit unserer Arbeit verhindern.“ Zugleich fühlten sich die Jugendlichen angegriffen. Seit Jahren engagieren sie sich für Frauenrechte – „und nun heißt es plötzlich pauschal, der arabische Mann sei eine Gefahr“. Nicht nur muslimische Männer sind seit Köln verunsichert. Das Spannungsverhält-

nis zwischen Frauenfrage und Flüchtlingssolidarität beschäftigt viele. Darf man, aus Rücksicht auf fremde Gepflogenheiten, Abstriche bei der Emanzipation machen? Auch die Bundesagentur für Arbeit schlägt sich mit dieser Frage herum. Sie schult ihre Mitarbeiter sowohl in „interkultureller Sensibilisierung“ als auch in Sachen „Gendersensibilität“. Das Problem ist, dass „interkulturelle Kompetenz“ und „Genderkompetenz“ nicht immer zusammenpassen. Was etwa, wenn ein muslimischer Kunde der Mitarbeiterin zur Begrüßung den Handschlag verweigert? Soll die Mitarbeiterin das interkulturell korrekt akzeptieren oder gendersensibel auf dem Händeschütteln bestehen? „Zwischen einer migrationssensiblen und einer gendersensiblen Beratung kann es Widersprüche geben“, sagt Eva Peters, Leiterin des Projekts Weiterbildungsberatung. Julia Klöckner, CDU-Oppositionsführerin in Rheinland-Pfalz, hat das für sich klar entschieden. Vor knapp vier Monaten hatte sie darauf verzichtet, einen Imam zu treffen, der ihr nicht die Hand geben wollte. Es war eine plakative Aktion, die aber die notwendige Frage nach den Grenzen der Toleranz stellt. Von Frauen, so die Logik, kann nicht verlangt werden, dass sie aus kultureller Rücksichtnahme Diskriminierung in Kauf nehmen. Bei Weitem nicht immer ist die Begegnung der Kulturen problematisch. Die 41jährige Betriebswirtin etwa, die in einer Essener Flüchtlingsunterkunft ehrenamtlich Deutsch unterrichtet, kann über ihre Schüler nur Gutes berichten. Sie sind Bauarbeiter und Automechaniker aus Afghanistan, Apotheker aus Syrien. Hilfsbereit, höflich und respektvoll – so erlebt die Ehrenamtliche ihre Schüler. „Sie begrüßen und verabschieden sich jedes Mal freundlich, sie bedanken sich nach dem Unterricht, sie tragen schwere Taschen, wenn man bepackt ist. Und sie respektieren meine Privatsphäre: Mich hat nie jemand zur Unzeit angerufen.“ An einem Adventssamstag organisierte die Gruppe einen Kochabend: Männer und Frauen schnippelten gemeinsam, rührten, schmeckten ab und präsentierten dann syrische Vorspeisen und einen Reistopf nach afghanischem Rezept – vereint im Stolz, dass ihre Herkunft und Kultur auf diese Weise gewürdigt wurde. Das Fazit der Helferin: „Diese muslimischen Männer verhalten sich wertschätzender, als ich es von vielen Deutschen kenne.“

Ausgebootet Ein Jahr nach dem Syriza-Wahlsieg ist der Hafen von Piräus mehr denn je zum Symbol der Griechenlandkrise geworden: In einem Land, in dem jeder Vierte arbeitslos und auf die Hilfe seiner Familie angewiesen ist, bangen die Arbeiter im Containerhafen um ihren Job, jetzt, da der chinesische Großkonzern Cosco die Mehrheit des Hafens übernommen hat. Die Fischer werden von der EU dafür bezahlt, dass sie ihre Boote zerstören – und damit ihre Existenzgrundlage. Und ein reicher Reeder sagt, für ihn habe sich trotz Syriza nichts geändert. Sehen Sie „Ausgebootet – die Visual Story“ im digitalen SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.

Christiane Hoffmann, Julia Jüttner, Sarah Kempf, Ann-Katrin Müller, Cornelia Schmergal, Katja Thimm, Andreas Ulrich

Video: Der Islam und die Frauen spiegel.de/sp042016islam

JE TZ T D I GI TA L LE S E N

oder in der App DER SPIEGEL DER SPIEGEL 4 / 2016

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ALEXANDER KLUGE / SWR

Journalist Frey

„Das ist sehr frustrierend“ TV-Debatten SWR-Chefredakteur Fritz Frey, 57, kritisiert SPD und Grüne. Sie hatten den Sender genötigt, die AfD auszuladen. Es war eine landespolitische Kettenreaktion: Der SWR hatte geplant, zu den sogenannten Elefantenrunden vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg auch Vertreter der AfD einzuladen. Als die Regierungsparteien SPD und Grüne erklärten, in keine TV-Sendung mit AfD-Vertretern zu gehen, gab der Sender das Vorhaben auf. Daraufhin wollte die rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner nicht mehr teilnehmen. Verfassungsrechtler räumen der AfD gute Chancen im Falle einer Klage gegen die Entscheidung des SWR ein: „Jede Partei, die reelle Chancen auf Einzug in den Landtag hat, muss sich an der Fernsehdebatte beteiligen dürfen“, sagt Ex-Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier. „Die AfD an den Katzentisch zu verbannen bedeutet eine Verletzung ihrer Chancengleichheit.“ Parteienrechtler Martin Morlok kritisiert den SWR: „Zur Rundfunkfreiheit gehört auch die Verantwortung, sich nicht von Regierungsparteien zur Änderung eines Sendungskonzepts erpressen zu lassen.“ SPIEGEL: Herr Frey, warum haben Sie der Boykottankündigung der Regierungsparteien nachgegeben? Frey: Weil die Sendung nicht mehr wie geplant durchführbar war. Wenn man etwa über Regierungspolitik streiten will, dann kann man das nicht ohne die verantwortlichen Regierungsparteien tun. Hätten wir eine TV-Debatte mit zwei leeren Stühlen senden sollen? SPIEGEL: Einen leeren Stuhl haben Sie jetzt trotzdem, weil CDU-Kandidatin Klöckner Ihnen als Reaktion abgesagt hat. Frey: Das ist eine Eskalation, die zweifeln lässt, ob die Beteiligten noch wissen, wo-

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rum es hier geht. Um die Information. Um die Meinungsbildung der Bürger. Aber das geht gerade im machttaktischen Fingerhakeln völlig unter. SPIEGEL: Sie haben die Parteien aufgefordert, ihre Haltung noch einmal zu überdenken. Haben Sie da Hoffnung? Frey: Die Parteien haben uns jetzt zweimal unser journalistisches Konzept zerschossen. Ich halte das für fatal. So muss doch der Eindruck entstehen, wir würden uns unsere journalistischen Sendungskonzepte von den Parteien diktieren lassen. SPIEGEL: Sie hätten sich nicht erpressen lassen dürfen. Wer Ihrer Einladung nicht folgen will, kommt eben nicht. Frey: Und dann? Die Sendung wäre eine Farce gewesen. Wir hätten zwar unsere journalistischen Egos gestreichelt, wären aber unserer Pflicht, zu informieren, nicht nachgekommen. Ich gebe zu, wir haben darüber nachgedacht, die Sendung komplett zu streichen. Auch das wäre mit unserem Informationsauftrag nicht vereinbar. SPIEGEL: Die SPD in Rheinland-Pfalz hat in einer Pressemitteilung begründet, warum sie nicht in eine Fernsehsendung mit AfD-Vertretern geht. Können Sie die Gründe nachvollziehen? Frey: In keiner Weise. Es heißt da etwa, Talkshows hätten die AfD stark gemacht. Und es wird eigens Bezug genommen auf eine Sendung, „Günther Jauch“, in der Björn Höcke zu Gast war. Allerdings saß in derselben Sendung auch Heiko Maas. Will die rheinland-pfälzische SPD etwa behaupten, nicht einmal einer ihrer Bundesminister sei in der Lage, der AfD argu-

mentativ Paroli zu bieten? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. SPIEGEL: In dieser SPD-Pressemitteilung heißt es auch: Talkshows und TV-Sendungen begünstigten die Arbeit mit Bildern und ließen Argumente oftmals in den Hintergrund treten. Damit kämen sie „der radikal vereinfachten, bildlichen Arbeitsweise von Populisten entgegen“. Frey: Das macht mich nun wirklich zornig. Wenn es so wäre, wie die SPD das behauptet, dann könnten wir im Fernsehen die politische Berichterstattung doch gleich einstellen. Ich halte eine solche Einlassung für eine politische Bankrotterklärung. Das ist die Absage an die Überzeugung, man selbst habe die besseren politischen Ideen und Argumente. Fernsehen zum Medium zu erklären, das nicht mehr für die politische Debatte geeignet ist, ist hochbedenklich. SPIEGEL: Immerhin ist es allgemein üblich, zu solchen Runden nur Vertreter der Parteien einzuladen, die im Parlament sind. Frey: Das stimmt so nicht. Der SWR hat bereits zur Wahl 2011 in Rheinland-Pfalz nicht nur die im Landtag vertretenen Parteien eingeladen, sondern auch die, von denen unsere Analysen sagten, sie haben eine ernst zu nehmende Chance. Das war uns wichtig. Die politische Gemengelage hat sich geändert. Es ist Bewegung im Parteiengefüge. SPIEGEL: Die AfD gab es damals nicht. Frey: Nein, aber die Grünen. Das war 2011 die Partei, die von unserem Konzept profitiert hat. Sie waren damals nicht im rheinland-pfälzischen Landtag, hatten aber beste Aussichten, und deshalb waren sie in der SWR-Elefantenrunde zu Gast. Wenn dieselbe Partei heute sagt, wir haben zwar damals von diesem Prinzip profitiert, aber heute sind wir dagegen, weil es dem politischen Konkurrenten nutzt, dann ist das mehr als nur ironisch. SPIEGEL: Sie müssen damit rechnen, dass sich die AfD in die Runde hineinklagt. Frey: Das macht mir keine Sorgen. Die Juristen haben unser Gesamtkonzept geprüft und sind der Ansicht, dass die Partei angemessen vorkommt, wenn wir direkt nach der Runde ein ungeschnittenes Interview mit ihrem Spitzenkandidaten senden. SPIEGEL: Das öffentliche Echo auf Ihre Entscheidung ist verheerend. Frey: Das ist sehr frustrierend. Aber verantwortlich dafür ist eindeutig die Politik. Mich ärgert das Demokratieverständnis der Regierungsparteien. Man möchte denen fast zurufen: Was seid ihr eigentlich für Schönwetterdemokraten, wenn ihr euch jetzt wegduckt, anstatt euch auf die Bühne zu begeben! Demokraten müssen doch genau jetzt die Auseinandersetzung annehmen, gerade mit der AfD, weil es um mehr geht als nur um den üblichen Meinungsstreit. Jetzt geht es doch darum, die Demokratie zu vertreten und zu verteidigen. Interview: Markus Brauck


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Deutschland

Zwischen Erde und Mond Steuern Auf Mitglieder der Unternehmerfamilie Engelhorn fiel ein schwerer Verdacht: 440 Millionen Euro Schulden beim Staat. Sie kommen wohl glimpflich davon.

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MICHAEL BUCKNER / GETTY IMAGES

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as Chalet Souleiadou im schweizerischen Gstaad, in den Fünfzigerjahren für Aga Khan erbaut, diente dem Jetset jahrzehntelang als nobler Rückzugsort. 2006 kehrte Ruhe ein, als ein älteres Ehepaar in das Anwesen zog: der Milliardär Curt Engelhorn und seine ebenfalls vermögende vierte Gattin Heidemarie. Doch am 10. Februar vorigen Jahres, einem milden Dienstag, zeichnet eine Überwachungskamera am Gartentor kurz vor elf Uhr eine Szene wie aus einem billigen Agentenfilm auf. Aus einem Škoda Octavia mit einem alten tschechischen Kennzeichen, PMU-95-27, springen zwei Männer mit Schlapphut und Mantel. Sie rennen zur Einfahrt, klingeln und rufen in die Gegensprechanlage: „Engelhorn, du Steuersünder, zahl deine Schulden beim Finanzamt.“ Sie rasen mit quietschen Reifen davon, bevor Sicherheitsleute des Ehepaars auf die Straße gelangen. Den seltsamen Auftritt kann sich in der Luxusvilla in Gstaad angeblich noch heute niemand erklären, die Insassen des Wagens ließen sich nicht feststellen. Sie schienen jedenfalls Bescheid zu wissen über ein ebenso geheimes wie aufwendiges Strafverfahren: Steuerfahnder gingen davon aus, dass Mitglieder der Familie Engelhorn dem deutschen Staat eine riesige Summe schulden, Steuern in Höhe von rund 440 Millionen Euro. Zentrale Figur ist der Hausherr des Chalets Souleiadou, Curt Engelhorn, 89 Jahre alt, ehemals Konzernchef und Hauptanteilseigner des Pharmariesen Boehringer Mannheim. Drei Jahre lang waren Staatsanwälte und Steuerfahnder aus Augsburg der Familie jenes Mannes auf den Fersen, dem die Welt unter anderem schnelle Diabetestests verdankt und dessen Büste schon zu Lebzeiten im Foyer des Deutschen Museums in München aufgestellt wurde. 1997 gelang ihm einer der bis dahin größten Firmenverkäufe Europas. Für elf Milliarden Dollar übernahm der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche die Boehringer-Mannheim-Werke. Ein Megadeal, den Engelhorn durch eine Verlagerung seines Wohnsitzes und des Firmensitzes ins Ausland so clever vorbereitet hatte, dass kein einziger Pfennig für den deutschen Fiskus abfiel. Man habe „die Steuerfalle“ erfolgreich umgangen, sagte Engelhorn, „Herr Waigel wird sich ärgern“. Jetzt scheint doch noch ein Teil des sagenhaften Familienvermögens in staat-

Unternehmer Engelhorn, Ehefrau: „In Wahrheit ein lebendes Testament“


AP

GIS BERMUDAS

lichen Kassen zu landen. Es wäre nur ein die aufwendigen Ermittlungen verloren 42 Prozent. Nach dem Verkauf an Roche kleiner Teil, aber immer noch sehr viel sich teilweise in einem Knäuel auslän- blieben ihm rund 4,6 Milliarden Dollar. discher Konten und Firmensitze, Belege Der gebürtige Münchner behauptet in Geld, mehr als 145 Millionen Euro. Curt Engelhorn soll seine beiden jüngs- sind angeblich unauffindbar, werden von Interviews gern, er ziehe ein Leben jenseits ten Töchter nach dem Konzernverkauf Offshore-Staaten nicht übermittelt oder von Luxus vor, „ohne Jachten und all die üppig beschenkt haben, unter anderem mit von der Familie im Ausland verwahrt. So Sachen“. Die Familie neige „eher zum einem Pferdegestüt nahe dem oberbayeri- kommen die Engelhorns wohl glimpflich Geiz“. Auf der Liste der reichsten Deutschen Landsberg und mit einer Villa samt davon: Die bayerische Justiz will die Sache schen des „Manager Magazins“ stand sie Park am Ufer des Starnberger Sees sowie noch in diesem Monat mit einem Deal be- 2015 mit 3,2 Milliarden Euro auf Platz 37. Wahrscheinlich ist es Ansichtssache, wo mit einer halben Karibikinsel – und offen- enden. Die Vermögensverhältnisse des Engel- Geiz endet und Luxus beginnt. Der „schilbar wurden die Millionengaben allenfalls horn-Clans – inklusive Dutzender Trusts lernde Curt“, wie ihn Freunde nennen, leiszu einem sehr geringen Teil versteuert. So zumindest lautet der Vorwurf der und Firmen in Europa und Mittelamerika, tete sich als Zweitwohnsitz die BermudaAugsburger Steuerfahnder. Der zweite mit denen der Vater seinen Reichtum ver- insel Five Star Island. Die legendären Feste, die Ehefrau Heidi arrangierte Vorwurf: Auch bei der Angabe und auf denen die Damen mit ihrer Einkünfte sollen die TöchHandkuss begrüßt wurden, wirkter gegenüber dem Finanzamt ten wenig bescheiden. stark untertrieben haben. Der Zum 80. Geburtstag des Famidritte Vorwurf: Die Töchter hätlienoberhaupts im Frühjahr 2006 ten ihrer in der Schweiz lebenwurden Gäste aus dem In- und den Mutter Anne viele Jahre Ausland in die Münchner Resigroßzügig Geld gegeben, auch denz geladen, in der Allerheilidafür sei keine Schenkungsteugen-Hofkirche sang der Chor der ern gezahlt worden. Staatsoper. Tag zwei des JubiDie Ermittlungen treffen zwei läums begann im Barockgarten Frauen, die beide etwas über 40 des Schlosses Schleißheim, wieJahre alt sind und nicht gerade der floss der Champagner, auf die Öffentlichkeit suchen. Die blau beleuchteten Eiswürfeln ältere der beiden liebt Tiere und wurde Kaviar serviert. Bei Eindie Natur. Eigenes Geld musste bruch der Dunkelheit ließ die sie jedenfalls nie verdienen, sie Familie Vater Curt mit einem trainiert und züchtet Pferde. Die Feuerwerk hochleben, zum Ausandere ist promovierte Mediziklang sang Elton John im Park. nerin. Trotz ihres Vermögens Engelhorn-Geschenk Five Star Island: Legendäre Feste Auch die Gäste wurden beging sie einer Arbeit nach, sie war schenkt: mit der druckfrischen, Ärztin in einem Krankenhaus. 300 Seiten starken Autobiografie Gemeinsam mit einer Freundin des Jubilars, Titel: „Hefe im hat sie eine Stiftung gegründet, Teig“. die sich um Kinder mit seltenen Darin äußert sich der MilliarKrankheiten kümmert. där über „große AusschüttunZu den Beschuldigten gehört gen“ an seine Kinder. Für die zudem einer der bekanntesten Augsburger Steuerfahnder sollte Wirtschaftsanwälte Deutschlands. diese Passage auf Seite 263 Jahre Der langjährige Finanzverwalter später überaus interessant werdes Clans, der Münchner Steuerden, nachdem sich die Finanzrechtsprofessor Reinhard Pöllath, behörden in Deutschlang lange 68, soll etliche Transaktionen nicht mit Curt Engelhorn bedurchgeführt haben. Pöllath verschäftigt hatten: Seine Wohndient zudem als Aufsichtsratsvorsitze lagen im Ausland. sitzender der Beiersdorf AG und Engelhorn pendelte zwischen der Tchibo-Holding Maxingvest Bermuda und der Schweiz, dazu AG sein Geld, ist Träger des Vergab es eine viktorianische Villa dienstkreuzes 1. Klasse und Nain London und ein Luxusappartemensgeber des Asteroiden 7448, Chemiewerk Boehringer Mannheim 1997: Steuerfalle umgangen ment in New York. Nach der der am Tag vor seiner Geburt entdeckt wurde. Gegen ihn ermittelt die waltet – sind nicht leicht zu entwirren. Hochzeit mit Heidi erwarb der Trust Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zur Dem SPIEGEL sagte Engelhorn 1997, solch Homestead Settlement für das Paar das Steuerhinterziehung. ein System werde gern als Mittel der Steu- Anwesen La Fiorentina am Cap Ferrat, Auch ein ehemaliger Kollege Pöllaths, erhinterziehung gedeutet. „In Wahrheit ist Ehefrau Heidi nannte es „Curt’s Folly“, eines der schönsten Prachtschlösser an der der inzwischen dessen Nachfolge in der es ein lebendes Testament.“ Kanzlei angetreten hat, und der frühere Zur Altersvorsorge des Patriarchen ge- Côte d’Azur. Die Schwierigkeiten begannen für den Sicherheitschef und Ex-Lebenspartner ei- hörte es bereits, den Firmensitz der Holner Tochter sollen geholfen haben, Steuern ding Corange Ltd., der Muttergesellschaft Engelhorn-Clan mit dem Kauf einer Steuzu sparen. des Pharmariesen Boehringer Mannheim, er-CD mit Daten der Schweizer Merrill Die Augsburger Fahnder rechneten da- in Hamilton auf den Bermudainseln anzu- Lynch Bank durch das Land Nordrheinmit, inklusive Zinsen mindestens 440 Mil- siedeln. Dort hatte er schon einen Wohn- Westfalen 2012. Es fanden sich Konten der lionen Euro einfordern zu können. Doch sitz. Curt Engelhorn hielt an Corange Ltd. New Corange Ltd., Portfolionummern DER SPIEGEL 4 / 2016

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Deutschland

ERIC FENOUIL

424 609 und 428 329, mit mehr als zehn Mil- errechtsanwalts Jörg Weigell. Wenig später lionen Dollar. Verfügungsberechtigt waren wurden beide dort festgenommen. Ein Augsburger Ermittlungsrichter ließ Curt Engelhorn, seine Frau Heidi und die beiden jüngsten Töchter. Bei der New Co- die ältere Tochter in die Haftanstalt Starange soll ein Teil der Summe gelandet delheim bringen; die andere Tochter, die sein, die Engelhorn beim Verkauf des Kon- ihre beiden kleinen Kinder bei sich hatte, kam zur Untersuchungshaft in das Mutterzerns erhalten hatte. Den Steuerfahndern in Aachen blieb Kind-Haus Aichach. Dort durfte sie ihr verborgen, wem der vier Berechtigten wie Ehemann kurzfristig besuchen, Justizbeviele Prozent der Millionen gehörten. Die amte schilderten später, das Paar sei von Daten wurden nach Augsburg übermittelt, einem langen Abschied ausgegangen, woan die zuständige Steuerfahndungsstelle möglich von „mehreren Jahren“. In Hamburg stoppte die Nachricht von für Reichling bei Landsberg: den Sitz jenes Gestüts, das Vater Curt den Töchtern ge- den Razzien den Anwalt Pöllath am Flugschenkt haben soll. Der Fall galt zunächst hafen, er ging zurück in seine Wohnung als wenig brisant. Dennoch machte sich und erreichte nach seiner Festnahme imdort ein Ermittler die Mühe, in alten Unter- merhin eine schnelle Verlegung nach 1 lagen zu suchen, und stieß auf Briefwech- München. Doch das prominente Trio konnte die sel eines Anwalts der Familie mit dem FiZellen rasch wieder verlassen. Ein knappes nanzamt. Der Jurist hatte 1998 befürchtet, beim Dutzend renommierter Verteidiger legte Kauf des Gestüts Classic S Ranch und der der Augsburger Staatsanwaltschaft lange Villa am See durch die Engelhorn-Trusts Listen mit Argumenten vor, die gegen eine könnte es sich um Geschenke an die Töch- Haft sprachen, jeweils bezeichnet als „Entter handeln, die nicht versteuert worden wurf“ einer Haftbeschwerde. Darin verwaren. Von dem Bekenntnis des Kollegen neinte etwa der Verteidiger der älteren aufgeschreckt, hatte sich Pöllath, inzwi- Tochter eine Fluchtgefahr, unter anderem schen Miteigentümer der Ranch, wenig weil seine Mandantin unter panischer Flugspäter an das Amt gewandt, um „Unregel- angst leide und hundert Fische, vier Hunde mäßigkeiten“ im Zusammenhang mit dem und fünf Ziegen zu versorgen habe. Außerdem suchten sie nach Schwächen Gestüt zu bereinigen. Das Ganze sei, soll Pöllath vorgetragen haben, keine böse Ab- in den Haftbefehlen. Den Ermittlern waren tatsächlich Fehler unterlaufen. So hatten sicht gewesen. Immerhin wurden für Zuwendungen der sie als Fall von Steuerhinterziehung auch Mutter an die ältere Tochter im Jahr 2000 die halbe Karibikinsel Five Star Island aufrund 70 000 D-Mark Schenkungsteuer ge- gelistet, welche die jüngere Tochter auf einem rauschenden Hochzeitsfest von Vater zahlt. Für die Zukunft einigte man sich auf Curt bekommen hatte. Doch diese Immoeine Jahres-Sammelschätzung. Allein: Die bilienübertragung war dem Finanzamt mitSchätzung blieb in den folgenden Jahren geteilt worden, ein Tatverdacht bestand aus. Das fiel niemandem auf, weil dem Fi- deshalb nicht. Am 17. Oktober 2013 erreichten die nanzamt die dafür erforderliche Software fehlte. Doch der aufmerksame Steuerfahn- „Entwürfe“ der Verteidiger den Augsburder, der auf den Briefwechsel gestoßen war, ger Leitenden Oberstaatsanwalt Reinhard 2 und seine Kollegen machten nun Ernst. Sie Nemetz. Nach neun Tagen Haft ließ er, kamen in einer Hochrechnung auf rund ohne Auflagen und ohne die Ermittler zu 440 Millionen hinterzogene Steuern. Das informieren, alle drei Beschuldigten frei – war eine Hochrechnung, nicht mehr, nicht eine riskante Entscheidung, wie sich rasch beide Töchter größere Zuwendungen erweniger; sie reichte jedenfalls für Durch- zeigte. Die Töchter reisten sofort in die halten hatten – und wiederum ihrer Mutter Schweiz und gaben bald darauf die deut- Anne Millionen zukommen ließen. Der suchungsbeschlüsse und Haftbefehle aus. Generalbevollmächtigte zweier Trusts, PölAm 8. Oktober 2013 um neun Uhr trafen sche Staatsbürgerschaft auf. Die Ermittler entdeckten in den be- lath, habe sich dazu eines Treuhänders 18 Beamte beim Gestüt am Lech ein. Gleichzeitig gab es Razzien im nahen Haus schlagnahmten Akten unter anderem Hin- bedient, der die Summen zum Teil auf ein des Sicherheitschefs, an zwei Adressen von weise darauf, wie Steuervorteile in diver- „Durchschleusekonto“ der Mutter bei der Pöllaths früherer Kanzlei P+P und bei der sen Ländern genutzt wurden. Es existieren UBS Bank Zürich überwiesen habe. Von SOCIO Verwaltungsgesellschaft in der Trusts etwa in Bermuda, Spanien und den dort sollen sie auf Konten in München Münchner Innenstadt, zudem in Pöllaths Niederlanden. Beispielsweise soll Heidis gegangen sein. Mehrere Millionen Euro seien unter den Wohnungen in München und Hamburg Sohn von den Erträgen einer Trustgruppe sowie in der Villa am Starnberger See. Die profitieren, welche die Villa La Fiorentina Codenamen „Erde“ und „Mond“ abgeruErmittler beschlagnahmten an diesem Tag hält, eingerichtet mit 70 Millionen Euro. fen worden – damit die Beschenkte wusste, zahlreiche Beweismittel, später zählten sie Die beiden jüngsten Töchter wiederum welche der beiden Töchter jeweils die Sumsollen „nachrangig Begünstigte“ zweier me spendiert hatte. insgesamt 750 Asservate. In einem Interview mit Curt Engelhorn Auf der Ranch trafen die Ermittler nur ausländischer Trusts sein, die mit jeweils von 2007 lasen Fahnder zudem, es habe den Verwalter und die Hausdame an. Die 35 Millionen ausgestattet sind. Die Konstruktionen sind schwer durch- bereits großzügige Zahlungen an die ältere Tochter befand sich auf Einkaufstour in München und eilte dort ebenso wie ihre schaubar und rechtlich oft umstritten. Die älteren Kinder gegeben: an den Sohn in jüngere Schwester in die Kanzlei des Steu- Fahnder waren zunächst überzeugt, dass Spanien und an zwei Töchter in den USA. 36

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1 Engelhorn-Villa am Starnberger See

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2 Villa La Fiorentina am Cap Ferrat 3 Chalet Souleiadou in Gstaad

ERIC FENOUIL

4 Classic S Ranch bei Landsberg

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Sie sollen, wie Medien damals berichteten, mit jeweils bis zu 450 Millionen Euro abgefunden worden sein. Seither hegt die Augsburger Steuerfahndung den Verdacht, die Summe für die beiden Lieblingstöchter des Milliardärs dürfte kaum geringer ausgefallen sein. Beweise fand man nicht. Die wichtigsten Unterlagen könnten sich im Family Office des Clans in Monaco befinden. Immerhin fanden die Ermittler bei den Durchsuchungen ein Dokument, wonach die beiden Töchter zusammen rund 383 Millionen Euro aus dem Vermögen des Vaters erhalten sollten. Diesen Schluss legt eine aufgefundene „Pflichtteilsverzichterklärung“ sehr nahe. Die Ermittler stießen zudem auf ein schriftliches Versprechen von Vater Curt Engelhorn aus dem Jahr 2010: 180 Tage nach seinem Tod

solle die ältere Tochter gut 230 Millionen und die jüngere rund 220 Millionen Euro erhalten. Die Steuerfahnder rechneten diese und weitere Beträge zusammen und kamen damit – für jede der beiden Töchter – ungefähr auf jene Summe von 450 Millionen Euro, die an die älteren Kinder geflossen sein soll. Die Ermittler glauben: Auch die jüngsten beiden Töchter haben die Millionen längst erhalten. Sie seien nur auf dem Papier als Erbe deklariert, um keine Steuern zahlen zu müssen: Mit der Aufgabe der deutschen Staatsbürgerschaft könnten die Töchter nun den Vorteil genießen, den künftigen Nachlass steuerfrei zu behalten. Den Durchsuchungen im Oktober 2013 folgten zähe Verhandlungen mit bis zu 18 Verteidigern, Termine mussten wegen Krankheiten und Urlaub verschoben wer-

den. Im Mai 2015 sollen Curt Engelhorns Anwälte das Angebot gemacht haben, ihr Mandant sei auch angesichts seines fortgeschrittenen Alters bereit, eine stattliche Summe nachzuzahlen. Im Sommer machte das Landesamt für Steuern – die Behörde ist den Finanzämtern übergeordnet – einen Vorschlag: Man gebe sich mit dem Zugeständnis zufrieden, jede Tochter habe 100 Millionen Euro erhalten. Also weit weniger als jene 440 Millionen Euro, von denen die Fahnder ausgegangen waren. Kurz vor Weihnachten wurden zwischen allen Parteien vier „tatsächliche Verständigungen“ niedergeschrieben. Die Bedingung der Anwälte für ihre Einwilligung lautete: Niemand geht ins Gefängnis. Dafür lieferten sie das Geständnis, noch vor 2003 habe jede Tochter 108 Millionen Euro erhalten und inklusive Zinsen eine Schenkungsteuerschuld von je 56,9 Millionen Euro angehäuft. Dazu kommen einmal 13 und einmal 16 Millionen aus nicht angemeldeten Kapitalerträgen und Schenkungsteuer für das Geld an Mutter Anne. Insgesamt fast 145 Millionen Euro sollen so geräuschlos und rasch an die Finanzbehörden fließen. Erledigt wären damit auch etwaige Steuern für einen Großteil der jahrelangen Millioneneinkünfte der Töchter, etwa aus Trusts oder dem Gestüt. Über die Trusts hätten die Töchter keine Verfügungsgewalt, argumentierten die Anwälte, und die Ranch gelte als Liebhaberei. Das Finanzamt erklärt in den „Verständigungen“ kleinlaut, es habe sich herausgestellt, dass „ein Fall der erschwerten Sachverhaltsermittlung“ vorliege. Am Ende scheute offenbar der Freistaat eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der vermögenden Familie. Man befürchtete, die Prozesskosten könnten sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen. Dafür muss nun alles schnell zu Ende gehen. In den nächsten Tagen soll ein Richter die mit der Generalstaatsanwaltschaft abgestimmten Strafbefehle an den Verteidiger der älteren Tochter, Rainer Spatscheck, faxen. Die Töchter erhalten jeweils eine Geldstrafe in Höhe von 720 Tagessätzen à 3000 Euro. Das Geld soll von Spatscheck zusammen mit zweimal 50 Millionen Vorauszahlung auf die Steuerschuld per Blitztransfer bezahlt werden. Anwalt Pöllath soll einen Strafbefehl wegen nicht gezahlter Umsatzsteuer erhalten. Keiner der Beschuldigten wollte sich gegenüber dem SPIEGEL zu den Vorwürfen äußern. Curt Engelhorn hatte vermutlich in seiner Biografie schon die richtigen Worte gefunden. Als hätte er geahnt, was noch auf ihn oder seine Familie zukommt, schrieb er damals: „Möglicherweise ist meine Lebensgeschichte ein Wirtschaftskrimi.“ Conny Neumann, Peter Richter DER SPIEGEL 4 / 2016

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Deutschland

Der Kreis ist heiß

will die Kommission in großem Stil von unabhängigen Laboren untersuchen lassen, um es notfalls zu verbieten. Dass in der Kreislaufwirtschaft mehr Chancen als Risiken stecken, hat mittlerweile auch die Wirtschaft erkannt. Würde die Ökonomie nach den EU-Plänen umgebaut, könnten die Kosten für Mobilität, Umwelt Die EU-Kommission Wohnen und Lebensmittel in Deutschland will die Industrie zwingen, ihre um 25 Prozent sinken, hat die Unternehmensberatung McKinsey in einer Studie Produkte haltbarer zu machen. ausgerechnet, die sie in der kommenden Ein guter Plan, sagt die UnterWoche in Berlin vorstellen will. Die Wirtnehmensberatung McKinsey. schaft in Deutschland könnte jährlich um 0,3 Prozent schneller wachsen. „Die meisten wissenschaftlichen Unie Materialien sehen nicht gerade tersuchungen erwarten einen deutlichen danach aus, als würde mal ein Auto Effekt auch für die Beschäftigung“, sagt aus ihnen entstehen: eine Schale McKinsey-Manager Martin Stuchtey. In getrockneter Olivenblätter, ein Glas mit der EU könnte ab dem Jahr 2030 der jährFasern der Kenaf-Pflanze, ein Stoß hauchliche Nutzen der Circular Economy 1,8 Bildünner Rinde vom Eukalyptusbaum. lionen Euro betragen. Letzterer sei „übrigens in Oberbayern Mit Nachhaltigkeit zu mehr Profit, das gewachsen“, sagt Johannes Voigtsberger. Credo der Unternehmensberater spricht Der Techniker arbeitet im sogenannten sich bei Unternehmern herum, zuletzt dieNachhaltigkeitsmanagement im BMWse Woche auf mehreren Symposien beim Werk in Leipzig, wo das grüne AushängeWeltwirtschaftsforum in Davos. „Die Wirtschild des Konzerns gebaut wird: das schaft wird in den nächsten Jahren mit Elektrofahrzeug I3. Im Armaturenbrett ist dem Wegwerfprinzip Schluss machen“, Kenaf verbaut, und das Leder der Sitze ist sagt Stuchtey. Umweltbewusste Kunden mit Olivensäure gegerbt. werden Produkte nicht mehr kaufen, daBeim Design haben die Ingenieure auch mit die dann die meiste Zeit herumstehen berücksichtigt, wie die Materialien am wie etwa Autos, die im Durchschnitt 92 Ende möglichst komplett wiederverwertet Prozent ihrer Lebensdauer auf Parkplätwerden sollen. „Dazu muss man in Kreiszen abgestellt sind. läufen denken“, sagt Voigtsberger und Pkw-Hersteller haben deshalb Carnennt damit ein Prinzip, das in Unternehsharing-Angebote wie DriveNow oder men und neuerdings auch in Brüssel KonCar2go entwickelt. Andere folgen: Bosch junktur hat und neudeutsch Circular Ecovermietet Spülmaschinen und Herde, Ikea nomy genannt wird. plant ähnliche Mietmodelle für kom„Unser Planet und unsere Wirtplette Küchen. „In unserem neuen schaft können nicht überleben, Möbelhaus in Kaarst bei Düsselwenn wir den Wegwerfansatz UMSTEIGEN dorf werden wir ein Reparaturweiterverfolgen“, sagt auch der Einsatz neuer Technologien café einrichten, wo die KunNiederländer Frans Timmer(z. B. 3-D-Drucker), den unter Anleitung ihre demans. Der Vizepräsident der kombinierter Verkehr fekten Stücke wieder in OrdEU-Kommission stellte im nung bringen können“, so Dezember einen AktionsUlf Wenzig, Nachhaltigplan vor, der wie eine grükeitsmanager bei Ikea. ne Utopie klingt, inzwiVIRTUALISIEREN Die Brüsseler Pläne haschen aber auch von WIEDERHERSTELLEN Die Hebel ben eine wirtschaftspoliwichtigen Teilen der In- Digitale Waren und DienstErholung der Ökosysteme; leistungen (z. B. E-Books tische Grundsatzdebatte dustrie unterstützt wird. Maßnahmen zur Einsatz erneuerbarer und Onlinehandel) ausgelöst. Die Vorschläge Brüssel will eine neuVermeidung struktureller Energien seien „nicht ambitioniert artige Kreislaufwirtschaft Verschwendung genug“, kritisiert Reinhard schaffen, die zugleich die Bütikofer, ParteivorsitzenRessourcen schonen und Quelle: McKinsey der der Europäischen Grüneues Wachstum schaffen nen. Die Vertreter traditiosoll. neller Industrien dagegen Rund 50 Maßnahmen umRECYCELN warnen vor den hohen Kosten fasst der Katalog, von RecyWiederaufbereitung; TEILEN des Programms. cling-Zielen für die AbfallwirtWiederverwertung von Fahrzeugen, Doch die Kommission ist entschaft über die Reduzierung der Räumen und schlossen, ihre Pläne durchzusetzen. Lebensmittelverschwendung bis zu Geräten OPTIMIEREN Die Kreislaufwirtschaft, heißt es in der einer neuen Düngemittelverordnung. Effizienzsteigerung von Produkten; McKinsey-Studie, könne „Europas nächsBis 2025 will Brüssel in einem ersten Müllvermeidung in der Werttes großes Wirtschaftsprojekt werden“. Schritt die Industrie verpflichten, 55 Proschöpfungskette zent des Plastiks, 60 Prozent des Holzes Christoph Pauly, Gerald Traufetter

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und Dreiviertel der Metalle, Gläser und Papiere aus dem Müll zu holen und als wertvollen Rohstoff zu nutzen. Und damit aus der Theorie auch Praxis wird, hat die Kommission ihr Konzept jetzt konkretisiert. Geplant sind teils revolutionäre Maßnahmen. So will Brüssel noch in diesem Jahr die Hersteller von Monitoren für Computer oder Handys zwingen, schon bei der Produktion daran zu denken, wie sie die Bildschirme wiederverwerten kann. Displays sollen die Ingenieure künftig so konstruieren, dass sie für das Recycling leichter zerlegbar sind. Zudem sagt die EU-Kommission der Exund-hopp-Gesellschaft den Kampf an. Verbraucher sollen nicht mehr ihr Mobiltelefon wegwerfen müssen, nur weil es einmal auf den Steinboden gefallen ist. Die Hersteller sollen künftig Ersatzteile bereithalten und darauf achten, dass ihre Produkte sich reparieren lassen, und zwar auch von den Verbrauchern selbst. Auf einer Feuerwache bei San Francisco brennt seit über hundert Jahren dieselbe Glühbirne. Bei vielen modernen Produkten ist die Lebensdauer dagegen auffallend kurz. Nun will die EU-Kommission dem alten Vorwurf von Verbraucherschützern nachgehen, dass die Industrie mit allerlei Vorkehrungen die Vergänglichkeit ihrer Ware künstlich herbeiführt. Geplante Obsoleszenz heißt das Phänomen, und das

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Intensiverleben


„Sichtbar gegen die Erdkrümmung“ Bildung Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, erklärt, warum Harvard unerreichbar und die Neuauflage der Exzellenzinitiative trotzdem wichtig ist. Der Chemiker Herrmann, 67, leitet seit 20 Jahren die Technische Universität München. Er ist der dienstälteste Uni-Chef in Deutschland. SPIEGEL: Die Hochschulen warten gespannt

auf die Neuauflage der Exzellenzinitiative, in den ersten beiden Runden zählte Ihre Universität zu den großen Siegern. Wie sicher sind Sie, dass es wieder klappt? Herrmann: Ach, gesetzt ist gar nichts. Wir müssen uns bewähren, wie in der Vergangenheit auch. SPIEGEL: Am Freitag stellt eine Kommission die Begutachtung des bisherigen Programms von Bund und Ländern vor, bis zum Sommer wollen die Politiker über den genauen Zuschnitt der Neuauflage entscheiden … Herrmann: … und wir werden dann alles daransetzen, dass wir wieder erfolgreich sind. Ich bin jedenfalls schon gespannt, wie die neue Exzellenzinitiative angelegt wird: als Wettbewerb der Institutionen wie bisher oder als Wettbewerb der Regionen. 40

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SPIEGEL: Wäre es Ihnen lieber, wenn nicht

mehr einzelne Universitäten ausgezeichnet werden? Herrmann: Die nächste Runde sollte tatsächlich ganze Standorte und Regionen erfassen. Wenn man schon von Leuchttürmen

Exzellenzinitiative zur Förderung herausragender Wissenschaft in Deutschland die drei Säulen:

Graduiertenschulen

für den wissenschaftlichen Nachwuchs 2012: 45

Exzellenzcluster

der Spitzenforschung 2012: 43

Zukunftskonzepte „Elite Universitäten“

2006 bis 2017 unterstützt von Bund und Ländern mit rund

4,6

Mrd. €

zum Ausbau der Spitzenforschung 2012: 11

spricht, sollten die auch eine bestimmte Höhe haben, um gegen die Erdkrümmung sichtbar zu sein. Je stärker wir Einzelinstitutionen zusammenführen, desto stärker würden diese Exzellenzstandorte international wettbewerbsfähig. SPIEGEL: München mit seinen beiden großen Universitäten, der TUM und der LMU, würde von einem solchen Konzept wohl profitieren, genau wie Berlin. Und die anderen Regionen blieben außen vor? Herrmann: Eben nicht. Berlin und München wären sicherlich dabei, vielleicht auch Heidelberg. Aber zwei bis drei Standorte wären zu wenig. Das würde Hochschulen benachteiligen, die sich sehr gut entwickelt haben, aber außerhalb der Ballungszentren liegen. Ein Wettbewerb soll motivieren. Fünf bis zehn Standorte gibt Deutschland locker her, die müssen ja nicht alle gleich groß sein. Je mehr man Chancen gibt, umso mehr Fantasie kommt ins Land. SPIEGEL: Die Exzellenzinitiative hatte bisher ein Volumen von 4,6 Milliarden Euro für elf Jahre. Das klingt viel, musste aber

PETER SCHINZLER / DER SPIEGEL

Hochschulchef Herrmann


Deutschland

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auch für sehr viele Graduiertenschulen, Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte reichen (siehe Grafik). Was bleibt da für eine einzelne Hochschule übrig? Herrmann: Die TU München hat aus der Exzellenzinitiative insgesamt 289 Millionen Euro erhalten, also umgerechnet rund 26 Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: Unser jährlicher Haushalt liegt bei knapp 1,3 Milliarden Euro, einschließlich Klinikum. Aber auf die Summe kommt es nicht an. Wenn ein Projekt als exzellent anerkannt ist, ist die Chance groß, andere Geldquellen anzuzapfen, etwa das Bundesforschungsministerium, die Industrie, die Europäische Union oder gar Stifter. SPIEGEL: Hochschulvertreter und Forscher fordern immer wieder, die Gelder sollen nach einer wissenschaftsgeleiteten Auswahl verteilt werden. Was heißt das? Herrmann: Das meint, dass Wissenschaftler und nicht Politiker bestimmen sollen, und es sagt sich so leicht. Richtig ist, dass die Besten der Zunft ihre Kollegen nach akzeptierten Maßstäben bewerten. Aber es kann nicht nur um Kennzahlen wie die Zitationshäufigkeit gehen. Exzellent kann auch sein, was gesellschaftlich relevant ist, die Bildungsforschung oder die Lehrerbildung etwa. Und da gibt es auch Kriterien außerhalb der Wissenschaft. SPIEGEL: Sie waren einer der ersten Hochschulrektoren, der von Elitenförderung gesprochen hat. Das war lange verpönt, wie sieht es heute aus? Herrmann: Deutschland hat sich daran gewöhnt, dass Spitzenförderung notwendig ist und wir Toptalente herausfiltern müssen, um sie in unser aller Interesse zu fördern. Wichtig ist aber auch, dass wir eine solide Breitenausbildung leisten. Das ist der doppelte Anspruch. SPIEGEL: Vor dem Start der Exzellenzinitiative war die Rede davon, ein deutsches Harvard schaffen zu wollen. Mit Recht? Herrmann: Es ist schlicht Unsinn, eine deutsche Universität mit Harvard zu vergleichen. Das ist eine Rieseninstitution mit einem Riesenvermögen, die sich für ein neues Fachgebiet von heute auf morgen die fünf besten und teuersten Professoren auf der Welt holen kann. Das können wir nicht, aber wir können in einzelnen Bereichen sehr wohl mithalten. SPIEGEL: Ist es schon deshalb schwierig, internationale Wissenschaftler zu gewinnen, weil viele kein Deutsch sprechen? Herrmann: Nein, auch bei uns läuft ja vieles inzwischen auf Englisch. Wir stellen immer mehr Masterprogramme auf Englisch um, so wie wir es vor 20 Jahren erstmals ausprobiert haben. Das ist ein Signal auch nach außen: Diese Universität nimmt sehr gute Leute an, auch wenn sie kein Deutsch sprechen. Wir halten auch die Sitzungen unseres Hochschulpräsidiums auf Englisch ab, weil darin eine Kollegin aus Kroatien

„Mal angenommen, es ist Freitagabend und du sagst deinem Schreibtisch: ‚Tschüs, mein Lieber. Bis nächste Woche.‘ Du läufst zur Bahn, wartest, wartest, wartest. Endlich 18 00 Uhr. Was wieder nicht kommt, ist deine Bahn. Aber: Was kommt, ist der digitale SPIEGEL, zu 100 % pünktlich auf dem Tablet. Gleich kannst du nachlesen, was im SPIEGEL von morgen steht. Die Bahnfahrt wird richtig spannend. Und du startest bestens informiert in dein Wochenende. Nur mal angenommen.“

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Deutschland

sitzt, die ihre Karriere in den USA gemacht hat. SPIEGEL: Verbannen Sie Deutsch bald aus allen Masterprogrammen? Herrmann: Nein, angehende Lehrer etwa werden weiterhin auf Deutsch studieren. Für die Mediziner gilt abseits der wissenschaftlichen Forschung dasselbe, denn sie unterhalten sich ja später mit ihren Patienten – das hoffe ich zumindest. SPIEGEL: Wegen der englischsprachigen Masterangebote hat Sie der Verein Deutsche Sprache als „Sprachpanscher des Jahres 2015“ ausgezeichnet. Was haben Sie gegen Ihre Muttersprache? Herrmann: Ich liebe sie und schreibe sehr gern Texte auf Deutsch. Ich finde es traurig, dass sich Englisch so ausgebreitet hat. Aber

war, hat man über ferne Ruhestandsgehälter nicht nachgedacht. Wenn ich heute Professoren berufe, fragen die relativ häufig danach. SPIEGEL: Finden Sie das anmaßend? Herrmann: Mir geht es ja nur darum, das Augenmerk weg von der Jobsicherheit hin auf die Perspektive zu richten. Der Tenure Track sorgt für einen schrittweisen Aufstieg innerhalb des Professorenkollegiums. Der Nachwuchs wird gut begleitet und regelmäßig evaluiert. Bei exzellenten Leistungen ist man schnell auf einer W3-Professur, der höchsten Dotierung. SPIEGEL: Was haben denn eigentlich die Studenten von dem ganzen Wettbewerb um Spitzenkräfte und internationale Präsenz?

SPIEGEL: Lenkt die Konzentration auf Aus-

wahl und Spitzenförderung nicht vom eigentlichen Problem ab – dass die Hochschulen bei steigenden Studentenzahlen unterfinanziert sind? Herrmann: Ich glaube nicht, dass die Politik ablenken will. Die Unterfinanzierung der Hochschulen ist jedem Politiker klar. Aber das ist nicht Sache der Exzellenzinitiative, das ist Sache der Länder. SPIEGEL: Ein Gutteil der Drittmittel, die Hochschulen wie die TUM einwerben, stammt aus der Wirtschaft. Sind Sie noch unabhängig? Herrmann: Die Hochschule als verlängerte Werkbank? Diese Gefahr besteht. Aber wenn eine Universität mit wissenschaftlichem Selbstbewusstsein arbeitet und kla-

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Girokonto kostenlos.* Zufriedenheit garantiert. es ist nun einmal so, dass wissenschaftliche Publikationen in vielen Disziplinen heute fast ausschließlich auf Englisch erscheinen. Als ich noch ein junger Assistent war, haben wir diskutiert, ob es statthaft ist, eine englische Zusammenfassung eines deutschen Fachaufsatzes zu schreiben. Heute erscheint der Aufsatz auf Englisch und vielleicht eine ergänzende deutsche Zusammenfassung. Das ist der Lauf der Dinge – und entweder Sie sind dabei, oder Sie verlieren in diesem Wettbewerb. SPIEGEL: Ein weiteres Instrument, um Toptalente anzulocken, ist die sogenannte Tenure-Track-Professur nach angelsächsischem Vorbild. Also eine Professur auf Probe, die bei guten Leistungen zur sicheren Stelle führt. Hilft das, damit der wissenschaftliche Nachwuchs endlich mehr Jobsicherheit bekommt? Herrmann: Sicherheit ist heute für die Menschen ganz wichtig geworden. Als ich jung 42

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Herrmann: Sie profitieren davon, dass sich

ihnen Themenfelder öffnen, die es sonst nicht gegeben hätte. Die jungen Professoren dynamisieren das Kollegium, das ist eine Abkehr von der klassischen Ordinarienuniversität. Unser durchschnittliches Berufungsalter liegt in dieser Gruppe bei 34 Jahren, alle mit Auslandserfahrung. Aber ich gebe zu, dass bei Wettbewerben wie der Exzellenzinitiative die Lehre bislang zu kurz gekommen ist. SPIEGEL: Ein Drittel der Bachelorstudenten an Universitäten bricht das Studium ab – weil die Lehre so schlecht ist? Herrmann: Wenn wir die Studenten durch Eingangstests mit persönlichen Gesprächen auswählen, brechen weniger Studenten ihr Studium ab. Wir machen das, von zwei Ausnahmen abgesehen, mittlerweile in allen Studienfächern. Nach diesen Eignungsfeststellungsverfahren liegt der Schwund im Gesamtschnitt nur bei 19 Prozent.

re Rahmenbedingungen vorgibt, kann es das nicht geben. Wir haben Stiftungslehrstühle abgelehnt, weil der Stifter gern inhaltlich mitmischen und den zu  berufenden Professoren Themen vorgeben wollte. Das können wir nicht machen. Die Universität muss unabhängig bleiben, nur so kann sie ihr Niveau halten. Lieber verzichtet man auf Geld. SPIEGEL: Befürworten Sie Studiengebühren? Herrmann: Ja. Aber nicht primär, um zusätzliches Geld in die Kasse zu kriegen, sondern wegen des erzieherischen Moments. Wenn Sie für eine Leistung etwas bezahlen müssen, räumen Sie ihr auch mehr Wert ein. Das haben wir hier vor 2013 erlebt, als man in Bayern noch Studiengebühren erheben durfte: dass Studenten sich auf einmal dafür interessiert haben, was der ganze Laden im Einzelnen kostet. Interview: Jan Friedmann, Miriam Olbrisch


Löwe mit Gabel LUKAS SCHULZE / DPA

Schleswig-Holstein Der Ministerpräsident hat eine neue Lebensgefährtin – und die hat ein Problem: Sie steht im Verdacht, die Regierung geleimt zu haben.

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er Außerparlamentarischen Opposition der Jahre 1968 und folgende verdankt die Republik den Hinweis, dass das Private immer auch politisch sei. Wie privat umgekehrt das Politische sein kann, zeigt ein Fall in Schleswig-Holstein, wo größere und kleinere Affären von jeher zur Folklore gehören. Diesmal geht es um den Ministerpräsidenten Torsten Albig (SPD) und seine neue Lebensgefährtin. Sie ist die Chefin einer Agentur für Strategie und Kommunikation und war in dieser Rolle auch für Albigs Kabinett und mehrere Landesministerien tätig. Mitte Januar hatte Albig zuerst seine Kabinettskollegen und dann die „Kieler Nachrichten“ darüber informiert, dass er „eine neue Partnerin, Bärbel Boy aus Kiel, erst kennen und dann später lieben gelernt“ habe. Er bitte darum, dies „als Privatangelegenheit von mir und meiner neuen Partnerin zu behandeln“. Ein legitimer Wunsch. Doch es gibt den Verdacht, dass die neue Liebe als Agenturchefin die Regierung ihres Partners geleimt hat – im Zusammenhang mit der umstrittenen Landesmarketingkampagne „Der echte Norden“. Jahrelang waren Besucher an der Landesgrenze mit Schildern und Plakaten empfangen worden, auf denen SchleswigHolstein sich als „Land der Horizonte“ empfahl. 2013 stellte das zuständige Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie eine neue Dachmarke vor: „Schleswig-Holstein. Der echte Norden.“ Kaum war der Slogan öffentlich, meldete sich der ehemalige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) zu Wort. „Das habe ich auch schon auf dem Tisch gehabt und nicht für gut befunden“, sagte Carstensen. Insbesondere das Logo missfiel ihm: ein stilisierter Löwe und ein Nesselblatt, das manchen Betrachter an einen kopflosen Hummer erinnerte. Nachforschungen des Wirtschaftsministeriums ergaben, dass Boys Agentur das Logo bereits 2009 auf dem Entwurf für eine Kampagne „Willkommen im Wissenschaftsland“ in der Staatskanzlei vorgestellt hatte; Löwe und Nesselblatt waren nahezu identisch. Die Ministerialbeamten

Landeschef Albig, Partnerin Boy, Markenzeichen: „Später lieben gelernt“

waren verschnupft. Dass das neue Logo alles andere als frisch und in der Staatskanzlei schon einmal Thema war – davon hatte die Agenturchefin nichts gesagt. Sie soll sich im Ministerium unter anderem mit dem Argument verteidigt haben, dass der Entwurf nie im Rahmen einer Kampagne verwendet worden sei. „Eigentlich hätte man denen den Stuhl vor die Tür setzen müssen“, sagt ein Ministerialer, „Frau Boy hätte mit der Tatsache, dass die Bildmarke der Kampagne schon anderswo fast identisch verwendet worden war, transparent umgehen müssen.“ Auch bei der Opposition sorgte der Vorgang für Unmut. Das Argument: Geschäfts- und Privatleben seien nicht sauber getrennt. Im überschaubaren Kiel galten die zarten Bande zwischen dem Ministerpräsidenten und der Agenturchefin schon damals als offenes Geheimnis. Von B. B. war die Rede, von Bärbel Boy, die mit Albig B&B teile – Bed and Breakfast. Doch keiner wollte damit aus der Deckung. Es blieb bei vier Kleinen Anfragen im Parlament, die immerhin Aufklärung über die Kosten brachten. In den Jahren 2013/14 hatte die Agentur dem Ministerium rund 400 000 Euro für „Einführung und Umsetzung“ des Dachmarkenprozesses in Rechnung gestellt. Mehr als 90 000 Euro kosteten allein „Strategische Prozessbegleitung und Entwicklung Landesdachmarke“ – sprich: Logo, Claim und weitere damit zusammenhängende Aktivitäten. Hinzu kommt: „Die Landesregierung hat sich die ausschließlichen und unbefristeten Nutzungsrechte der Dachmarke durch die Agentur Boy als alleinigem

Urheber einräumen lassen“, wie das Wirtschaftsministerium im Februar 2015 in seiner Antwort auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Hans-Jörn Arp einräumte. Das könnte jetzt für Querelen sorgen. Denn Löwe und Nesselblatt hatte die Agentur bereits 2007, im Paket mit anderen Leistungen, an einen Verein zur Förderung der regionalen Esskultur verkauft. Zu „seinerzeit marktüblichen Preisen“, wie „Feinheimisch e. V.“ bestätigt. Löwe und Blatt im Feinheimisch-Logo gleichen weitgehend denen des „Echten Nordens“. Allerdings sind es hier zwei Löwen, die überdies Messer und Gabel in ihren Pranken halten. Das Nesselblatt liegt wie ein Hummer auf einem stilisierten Teller. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums antwortet auf die Frage, ob die Agentur darauf hingewiesen hätte, dass sie Bestandteile der Bildmarke schon anderen Kunden verkauft habe, mit viel Sinn für Details. Es habe „mehrere Präsentationen“ gegeben: „Dabei wurde von der Agentur auch das Logo von Feinheimisch als eine etablierte Marke gezeigt.“ Bärbel Boy weist den Vorwurf, ihre Auftraggeber im Ministerium im Unklaren gelassen zu haben, zurück. Man habe „bei der Analyse der vorhandenen Zeichen in Schleswig-Holstein auch Feinheimisch gezeigt beziehungsweise genannt“. Den Vorwurf, sich selbst kopiert und für einen Entwurf zweimal kassiert zu haben, findet sie ebenfalls haltlos: Es handele sich schließlich „um ein visuelles Zitat eines seit dem 14. Jahrhundert vorhandenen Identitätszeichens des Landes“. Gunther Latsch DER SPIEGEL 4 / 2016

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JAN PETER / DPA

CLAUDIO BADER

DANIEL MAURER / DAPD

Ehemalige RAF-Kader Becker 2011, Boock 2015, Mohnhaupt 2011: „Das Leben in der Illegalität ist viel teurer als ein legales Leben“

Die Rentner Armee Fraktion Senioren Früher kämpften sie gegen den Imperialismus, heute um den Lebensunterhalt: Ex-Terroristen schlagen sich als Räuber durch, leben von staatlicher Hilfe oder gehen ordentlich arbeiten.

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DPA

An der Schwelle zum Seniorenalter zieerroristen im Ruhestand haben es lität“, sagt der einstige RAF-Mann Peterauch nicht leicht. In ihrer Zeit als Jürgen Boock über seine ehemaligen Weg- hen viele Menschen Bilanz. Für die ergrauGuerilleros zahlten sie keine Renten- gefährten, „ist wesentlich teurer als ein le- ten Revolutionäre ein tristes Unterfangen. Sie sind von der Niederlage gezeichnet, beiträge. Sind sie danach abgetaucht, war gales Leben.“ es ebenfalls schwierig, fürs Alter vorzusorFast keiner der RAF-Rentner redet gern die sie erlitten haben. Die kommunistische gen. Und wer jahrelang im Gefängnis saß, über die gescheiterte Revolution und die Weltrevolution, als deren Avantgarde sie hatte keine Gelegenheit, in die Lebensver- Zeit danach, einerlei ob nun Journalisten sich verstanden, hat nicht stattgefunden. sicherung einzuzahlen oder eine barriere- oder Staatsanwälte die Fragen stellen. Sie Zur kollektiven Niederlage kam die indifreie Wohnung für später zu erwerben. wollen nicht in die Öffentlichkeit gezerrt viduelle Bestrafung; 26 Mitglieder der RAF Das ist, finanziell gesehen, die Lage, in werden, da sie zu Recht befürchten, we- kassierten lebenslang. Die Solidarität nahm im Laufe der Jahre der sich ehemalige Mitglieder der Roten gen ihrer Taten erneut an den Pranger Armee Fraktion (RAF) heute befinden. gestellt zu werden, obwohl sie ihre Stra- Schaden, zunächst im Gefängnis, dann in 45 Jahre nach den ersten RAF-Aktionen fen verbüßt haben. Auch wenn sie selbst der Freiheit: Den Versuch mehrerer ehekommen die einstigen Terroristen allmäh- ihren bewaffneten Kampf heute kritisch maliger Terroristen, ihre Geschichte mitlich ins Rentenalter. Und damit stehen sie sehen, moralisch sind sie stets in der hilfe von Psychotherapeuten sieben Jahre lang in Gruppensitzungen aufzuarbeiten, vor einem bürgerlichen Problem: Sie brau- Defensive. verweigerten die Hardliner der chen ein Rezept gegen AltersGruppe. armut. Nicht zuletzt am Umgang mit Sollen sie Geld ausgerechnet der eigenen Geschichte schievon jenem Staat annehmen, den sich die Geister. Brigitte den sie einst bekämpften? Mohnhaupt etwa, die AnführeRichten sie sich in einer Exisrin der zweiten Generation der tenz als Hartz-IV-Empfänger RAF, wollte an alten Propaganein, mit regelmäßigen Besudalügen der Gruppe festhalten. chen im Jobcenter und einer Andere hatten das Bedürfnis, Mindestrente, sobald sie die endlich reinen Tisch zu machen Altersgrenze erreicht haben? und Selbstkritik zu üben, KarlOder ist es besser, immer mal Heinz Dellwo zum Beispiel, wieder einen Geldtransporter der zu den Geiselnehmern in zu überfallen? Diese Variante Fahndungsfotos der abgetauchten RAF-Täter Staub, Klette, Garweg der deutschen Botschaft in wählten, wie nun bekannt wurSie brauchen ein Rezept gegen Altersarmut Stockholm 1975 gehörte. Zu de, offenbar drei ehemalige RAF-Mitglieder, die seit rund 25 Jahren un„Einmal RAF, immer RAF“, sagt eine einer gemeinsamen Aufarbeitung der tergetaucht sind: Daniela Klette, Burkhard der Mitbegründerinnen der Gruppe, die Geschichte kam es nicht. Vielleicht überforderte die BeschäftiGarweg und Ernst-Volker Staub. Sie über- schon 1974 wieder ausgestiegen war. „Manfielen Ende Dezember einen Geldtrans- che finden dich interessant und exotisch“, gung mit der Vergangenheit Menschen, die porter in Wolfsburg, mit Schnellfeuerge- beschreibt sie ihre Erfahrungen, „aber alles nach langen Gefängnisstrafen wieder in wehren und einer Panzerfaust, scheiterten in allem überwiegen die Nachteile.“ Sie der Gesellschaft Fuß fassen mussten. Viele aber. So ähnlich war es schon im Juni 2015 habe beispielsweise verschiedene Jobs we- von ihnen kamen dennoch wieder auf die in Groß Mackenstedt bei Bremen gewesen. gen ihrer Vergangenheit nicht bekommen, Beine, mit der Hilfe von GesinnungsgenosAuch da flohen die Täter ohne Beute. „und dann stellen dir regelmäßig ahnungs- sen, Freunden und ihrer Familie. Manfred Grashof aus der RAF-GründerIhr Kampf geht offenbar weiter. Leichter lose Leute Fragen wie: ,Haben Sie auch gruppe arbeitete nach 16 Jahren Knast bis wird er nicht. „Das Leben in der Illega- jemanden erschossen?‘“ 44

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Deutschland

zur Rente friedlich als Techniker beim Ber- anwalt Siegfried Buback lud das Gericht einen Teil der zweiten Generation der liner Grips-Theater. Karl-Heinz Dellwo saß 20 Jahre hinter RAF als Zeugen vor: Günter Sonnenberg Gittern. Inzwischen ist er Geschäftsführer gab an, von Sozialhilfe zu leben, ebenso des Hamburger Laika-Verlags und publi- Rolf Heißler. Auch Brigitte Mohnhaupt, ziert Bücher und Videos zur revolutionä- die in Karlsruhe lebt und einen neuen Namen trägt, hat keine Arbeit und bezieht ren Theorie und Praxis. Knut Folkerts, Kader der zweiten RAF- Hartz IV. Eine einstige Unterstützerin und BesuGeneration, ist nach 18 Jahren Knast in Hamburg als Buchhalter vorwiegend für cherin von RAF-Gefangenen hat beobachtet: „Wie das Leben nach der RAF aussieht, Genossenschaften tätig. Peter-Jürgen Boock schrieb mehrere hängt meist von der sozialen Herkunft ab.“ Bücher über seine Zeit in der RAF und Ehemalige Terroristen, die aus bürgerlebt heute auf einem abgelegenen Bauern- lichen Familien kommen, die von diesen hof in Italien – nicht zuletzt von der Rente unterstützt werden oder etwas erben, hätten es natürlich leichter. seiner Frau. „Und Männer“, so die Ex-Unterstützerin, Als Birgit Hogefeld 2011 nach 18 Jahren Haft entlassen wurde, war sie das letzte „haben es offensichtlich einfacher als FrauRAF-Mitglied, das wieder in Freiheit kam. en.“ RAF-Männer, die schon im Gefängnis Als Freigängerin hatte sie für einen Frank- von sie bewundernden Frauen besucht furter Verlag gearbeitet, mittlerweile stu- wurden, hätten sich in Freiheit gern junge diert sie wieder. Noch im Gefängnis hatte Freundinnen geangelt. Die Frauen aber, die die zentrale Frau der dritten RAF-Genera- früher in der RAF waren, sind heute zution ein Fernstudium in Sozialpsychologie meist allein, leben oft ziemlich isoliert. Keiner der einstigen RAF-Terroristen hat und Literaturwissenschaften absolviert. Allerdings sind die Revolutionäre im noch nennenswerte Straftaten begangen, Ruhestand, die eine ordentliche Arbeit die Resozialisierung verlief insoweit erfolggefunden haben, in der Minderzahl. Im reich. Vor diesem Hintergrund ist das jetzt Prozess gegen Verena Becker wegen ihrer fieberhaft gesuchte Trio Staub-Klette-GarBeteiligung am Mord an Generalbundes- weg die große Ausnahme.

Es scheint, als lebe die Rentner Armee Fraktion mit einer guten Legende irgendwo in Norddeutschland. Gut möglich, dass sie dabei ein paar verschwiegene Unterstützer haben. Gleichzeitig stiegen sie von politischen Aktivisten zu gewöhnlichen Verbrechern ab. Nun müssen sie womöglich spüren, dass im Alter auch bei Räubern die Kräfte nachlassen, dass Umsicht und Nerven schwächer werden. Was nicht unproblematisch ist, wenn man wie früher mit schweren Waffen hantiert. Bei einem Überfall in Wolfsburg vergaß einer von ihnen, sich zu maskieren, weshalb es nun ein aktuelles Phantombild gibt. In Groß Mackenstedt bei Bremen gaben sie zwar drei Schüsse ab. Doch der Fahrer ließ seinen Geldtransporter so lange verriegelt, bis das Trio die Geduld verlor und ohne Beute verschwand. Die „taz“, die in ihren radikalen Gründungszeiten eine Amnestie für RAF-Mitglieder gefordert hatte, macht sich heute über die letzten Mohikaner der RAF nur noch lustig. „Seniorenkriminalität deutlich gestiegen“, hieß eine Schlagzeile. Dazu zeigte sie eine neue Variante des RAFLogos: den fünfzackigen roten Stern, aber die Maschinenpistole ersetzt durch einen Krückstock. Michael Sontheimer

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den. Diese „Luftreinhaltepläne“ sind aller- einzurichten, um Fahrzeuge mit hohem dings offenbar nur selten wirkungsvoller Stickoxidausstoß fernzuhalten. Betroffen wären vor allem Autos mit als der treuherzige Appell in Stuttgart. Umweltverbände wie der BUND und die Dieselmotoren, die für den weitaus größDeutsche Umwelthilfe verlangen seit Jah- ten Teil der Stickoxid- und Feinstaubren härtere Maßnahmen bis hin zu Fahr- belastung auf den Straßen verantwortlich verboten. In mehreren Städten, darunter sind. Alle Diesel, die noch nicht die Kommunen Die Luft ist in vielen Hamburg und München, haben die Ver- strengste Schadstoffklasse Euro 6 erfüllen, bände bereits erfolgreich geklagt, damit müssten aus den belasteten Innenstädten Städten zu schmutzig, doch die die Pläne verschärft werden. Trotzdem ausgesperrt werden können, fordert auch habe sich kaum etwas verbessert, meinen Maria Krautzberger, die Chefin des UmBehörden scheuen Sanktionen weltbundesamtes. Anderenfalls werde sich die Verbände. gegen Autofahrer. Gerichte So sehen das inzwischen auch mehrere die Luftqualität bis zum Jahr 2030 „nicht wollen das nicht mehr hinnehmen. Gerichte. Das Verwaltungsgericht Wies- wesentlich verbessern“. Die Landesregierungen sind von solchen baden droht dem hessischen Umweltmiine Woche lang herrschte „Feinstaub- nisterium jetzt mit einem Zwangsgeld von Forderungen nicht begeistert. Die grünAlarm“ in Stuttgart, doch zu spüren jeweils 10 000 Euro, wenn sich die Pläne rote Koalition in Baden-Württemberg will war davon wenig. Der Verkehr floss für die Städte Darmstadt und Wiesbaden Fahrverbote frühestens 2018 ins Auge fasfast so stark wie an anderen Tagen, das er- nicht im Laufe des Jahres so verändern, sen. Die grüne Umweltministerin in Hesgaben Zählungen, und auch die Luftmess- dass die Grenzwerte für Stickoxide einge- sen, Priska Hinz, bezeichnete generelle stationen in der Stadt zeigten praktisch halten werden. Die Richter hatten dem Dieselfahrverbote als momentan „undenkkeine Veränderung. Am Verkehrsknoten- Ministerium schon 2011 in einem Urteil na- bar“ und gab die Verantwortung für strenpunkt Neckartor zum Beispiel wurde der hegelegt, in beiden Städten Umweltzonen gere Regeln an die Bundesregierung weiter. Auch der Berliner Senat setzt Grenzwert für gesundheitsgeauf Zeit. Dort hatte das Verwalfährdenden Feinstaub auch dietungsgericht Anfang Januar die se Woche wieder deutlich überEinführung von Tempo 30 auf schritten. einem Teil der Berliner Allee, Dabei gilt für die Landeseiner Hauptverkehrsstraße, verhauptstadt ein „Luftreinhaltelangt, um die hohen Schadstoffplan“. Gleich zwei Politiker der werte zu reduzieren. Dagegen Grünen sind dafür verantwortwill die Landesverwaltung volich: Oberbürgermeister Fritz raussichtlich Berufung einlegen. Kuhn und LandesverkehrsminisDie Umweltverbände aber ter Winfried Hermann. Die wollen den Druck noch erhöMaßnahmen, die ihr Plan für hen und haben bereits mehrere Tage mit hohen SchadstoffkonGerichte auf ihre Seite gebracht. zentrationen vorsieht, sind jeDie Deutsche Umwelthilfe hat doch eher symbolischer Art. in Bayern und Baden-WürttemDie Autofahrer wurden am voberg die Androhung weiterer rigen Montag lediglich dazu aufZwangsgelder beantragt, um gerufen, doch bitte auf Bus, für München und Reutlingen Bahn oder Fahrrad umzusteischärfere Regelungen zu ergen. Konsequenzen für alle, die zwingen. Wenn die Behörden trotzdem mit dem Auto fuhren: untätig bleiben und die Zahlunkeine. gen eingetrieben werden, wäre In vielen Städten sehe es ähndas peinlich für die Landeslich aus, beklagen Umweltschütregierungen – die verlangen von zer und auch das Umweltbunden Bürgern schließlich auch desamt. Stuttgart, die HeimatGesetzestreue. stadt der Autobauer Daimler Ein finanzieller Schaden entund Porsche, ist zwar trauriger stünde einem Bundesland allerRekordhalter in Deutschland; dings nicht. Das Zwangsgeld nirgendwo sonst werden die euwürde von der Justizverwaltung ropäischen Grenzwerte für Feineingezogen, die ebenso Teil der staub und Stickoxide so häufig Landesverwaltung ist wie das überschritten. Aber auch in anUmweltressort. Dadurch wäre deren Städten ist die Luft oft die Angelegenheit ein Nullsumschmutziger, als sie sein darf, menspiel: Die 10 000 Euro, meinunter anderem in München, te das Umweltministerium in Berlin, Köln, Hamburg, FrankHessen, müssten nur von einem furt am Main, Dresden, Aachen, Bilanzposten der Landeskasse Gelsenkirchen und Reutlingen. auf einen anderen umgebucht Nach EU-Recht müssen Lanwerden. desregierungen und Städte in Nach einer harten Sanktion belasteten Regionen Regelunklingt auch das nicht. gen ausarbeiten, damit die Grenzwerte eingehalten werHinweistafel in Stuttgart am vergangenen Montag: Bitte umsteigen Matthias Bartsch, Jan Friedmann ARNULF HETTRICH / IMAGO

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ren, in dem geklärt werden könnte, ob ein schwerbewaffneter Neonazi in den Reihen der Polizei seinen Dienst tut. Das hat nicht einfach mit der Unschuldsvermutung zu tun, sondern könnte auch an mangelnder Sensibilität der Behörden liegen. So meldete die Zollfahndung ihr Durchsuchungsergebnis erst Wochen späPolizei Ein Streifenbeamter horter den übergeordneten Dienststellen und tet zu Hause Schusswaffen und verschwieg dabei die Nazifundstücke. Auf Nachfragen bei der Polizei in SchleswigNazidevotionalien. Er bleibt im heißt es: Der Vorgang sei dort Dienst – in seinem Revier liegen Holstein nicht bekannt. Auch das Hamburger Lanmehrere Asylbewerberheime. desamt für Verfassungsschutz weiß nach eigenen Angaben weder von dem entakete aus China bekommt der Zoll deckten Waffenlager noch den Hinweisen im schleswig-holsteinischen Mölln auf die Neonazi-Szene. Das Dezernat Innicht jeden Tag auf den Tisch. So terne Ermittlungen in Hamburg, zustänschauten sich die Beamten im November dig für Beamtendelikte, erklärt, nie etwas eine Warensendung aus der Volksrepublik davon gehört zu haben. Selbst die Hamgenauer an – und wurden fündig. In der burger Polizei meldete zunächst: FehlanLieferung an eine private Adresse entdeck- zeige. Bei der Staatsanwaltschaft in Lübeck ist ten sie ein Hilfsmittel für Schusswaffen, eine Laserzieleinrichtung. Was nur hatte das Verfahren bisher als reines Waffendelikt in der Abteilung für allgemeine Strafder Empfänger damit vor? Da solche Geräte in Deutschland ver- sachen anhängig, nicht in der politischen boten sind, erließ das Amtsgericht Lübeck Abteilung. „Wir prüfen jetzt, ob auch hineinen Durchsuchungsbeschluss. Der Bestel- sichtlich der Nazidevotionalien ein Strafler des Pakets war ein Polizeibeamter aus tatbestand vorliegt“, sagt Oberstaatsanwalt Hamburg. Als Zollfahnder am 24. Novem- Ralf Peter Anders. Wenn der Beamte die ber seine Wohnung in Schleswig-Holstein Sachen nur zu Hause aufbewahrt und nicht zur Schau gestellt habe, sei das durchsuchten, machten sie eiwomöglich nicht der Fall. nen spektakulären Fund. Der Dass die Hamburger Polizei Beamte hatte fast tausend Fiel er mit als Arbeitgeber nicht in KenntWaffen, Waffenteile und Patroradikalen nis gesetzt war, rechtfertigt nen gehortet, darunter eine Äußerungen Anders damit, dass andere BePumpgun, ein Scharfschützenhörden nur über Haftbefehle, gewehr und eine Maschinenauf? Kannten Anklagen oder Strafbefehle inpistole sowie Wurfsterne und Kollegen in formiert werden müssten. AlMesser. lerdings, so räumt der StaatsWas der 41-Jährige darüber der Dienstanwalt ein, liege es im eigenen hinaus zu Hause aufbewahrte, stelle seine Ermessen, andere Behörden macht den Fall noch heikler: Sammlung? zu unterrichten. Die Hambureine Hakenkreuzfahne, die ger Innenbehörde werde nun Reichskriegsflagge und sonsti„unverzüglich“ informiert. ge Nazidevotionalien wie ein Was wusste man in der Dienststelle des Koppelschloss mit Hakenkreuz und der Prägung „Deutschland muss leben, und Polizisten? Fiel er mit radikalen Äußerunwenn wir sterben müssen“. Zudem fanden gen auf? Kannten Kollegen seine Waffensich diverse Neonazi-Zeitschriften, -Auf- sammlung? Der Polizeibeamte wollte sich auf Nachnäher und -Sticker. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen frage des SPIEGEL nicht zu den Vorwürfen unerlaubten Waffenbesitzes. Der Beamte äußern. Sein sichergestelltes Arsenal an aber versieht nach wie vor seinen Dienst. Waffen und Munition geht indes weit über Es lägen derzeit keine Hinweise auf eine das hinaus, was selbst passionierte Sammrechtsextremistische Gesinnung vor, sagt ler gemeinhin zusammentragen. Die Aufein Polizeisprecher. Allerdings ist polizei- näher, Zeitschriften und Sticker lassen auf intern bisher offenbar lediglich der Waf- Verbindungen zum Neonazi-Milieu schliefenbesitz bekannt. Der Anwalt des Be- ßen: „Er muss sich in der rechten Szene schuldigten habe den Dienststellenleiter bewegt haben, um solche Sachen zu beüber die Ermittlungen informiert, heißt es kommen“, heißt es aus Fahnderkreisen. bei der Staatsanwaltschaft. Ein Aufkleber, der in der Wohnung Der Beamte ist in einem Polizeikommis- gefunden wurde, trägt die Aufschrift sariat eingesetzt, in dessen Zuständigkeits- „Deutschland uns Deutschen“, eine Parole gebiet mehrere Asylbewerberunterkünfte rechtsextremer Parteien wie der NPD. liegen. Bisher gibt es weder eine interne Und auf einem Hakenkreuz steht: „Bin Untersuchung noch ein Disziplinarverfah- gleich zurück.“ Andreas Ulrich

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eben, wohin man blickt. Die Saar windet sich ruhig durch herrliche Natur. Der Kanzemer Altenberg ist ein hervorragender Aussichtspunkt und eine der besten Lagen für edle Weine. Hier entstehen die Spitzen-Rieslinge des traditionsreichen Weinguts Von Othegraven. Im Jahr 2010 hat Günther Jauch mit seiner Frau Thea das Anwesen übernommen und steht zusammen mit seinen Mitarbeitern für uneingeschränkte Qualität. Sich auf dem prominenten Namen auszuruhen, liegt den beiden fern: Hervorragende Weine entstehen an Saar und Mosel nur mit unglaublichem Arbeitseinsatz in den Steilhängen, dem der Moderator großen Respekt zollt. Von Othegraven hat sich zu 100 Prozent dem Riesling verschrieben. Die Rebsorte bringt besonders frische und oft apfel- und zitrusduftige Weine hervor, die bis heute für viele Weißweinfans die erste Wahl sind. Doch Riesling kann noch mehr: Das Terroir widerzuspiegeln und die Vielseitigkeit der Anbaugebiete zu zeigen, das sind seine Stärken. Ein echtes Parade-Beispiel dafür ist Jauchs Saar-Riesling vom Devonschiefer,

GÜNTHER JAUCH UND DAS VDP-WEINGUT VON OTHEGRAVEN Vor sechs Jahren erfüllt sich Günther Jauch einen Traum: Er kaufte das renommierte Weingut Von Othegraven an der Saar. Jede freie Minute verbringt der Moderator in den Steilhängen, unterstützt die Weinlese und überzeugt sich von der herausragenden Qualität der Kreationen. Das Weingut ist Gründungsmitglied des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) und hat sich ganz dem Riesling verschrieben.

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für den größten Teil der vergangenen zwei Jahrtausende. Die durchschnittliche Körpergröße bis 1900 schwankte in Europa um die 170-Zentimeter-Marke (Männer). Erst im 20. Jahrhundert wuchs der Homo sapiens über sich hinaus sozusagen. Allerdings je nach Weltgegend in sehr unterschiedlichem Maße. Niederländische Männer sind heute mit 183 Zentimetern die größten, Indonesier mit 158 die kleinsten. Wie groß Menschen werden, hängt davon ab, ob sie sich ausgewogen und reichhaltig ernähren können und wie gut die Gesundheitslage ist –

Badeverbot

Sind deutsche Opas die schlimmeren Grapscher, Herr Lawendel? Mario Lawendel, 32, Betriebsleiter im Südbad in Bremen, über den angemessenen Umgang mit Besuchern, die Frauen und Mädchen belästigen SPIEGEL: Herr Lawendel, in

Ihrem und in den anderen Bremer Schwimmbädern fordern Aushänge dazu auf, sexuelle Übergriffe den Bademeistern zu melden. Hat das etwas mit Flüchtlingen im Schwimmbad zu tun? Lawendel: Nein, ganz und gar nicht. Die Kampagne „Ich sag’s“ läuft bei uns schon seit 50

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April 2011. Damals haben wir uns entschlossen, das Tabuthema der sexuellen Übergriffe offensiv anzugehen. SPIEGEL: Was war der Anlass? Lawendel: Grapscher, Glotzer sind Teil jedes Schwimmbades, und wir wollten deutlich machen, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten gegen diese Besucher vorgehen. SPIEGEL: Was tun Sie? Lawendel: Wenn uns ein Besucher gemeldet wird, der sich unangemessen verhält, sprechen wir ihn an, sagen ihm, dass es einen Verdacht gibt, dass wir ihn von nun an im Auge behalten werden. Kommt es zu weiteren Beschwerden, nehmen wir die Personalien auf, rufen die Polizei oder sprechen ein Hausverbot aus. Außerdem

beides abhängig vom Wohlstandslevel. Legt man den Zollstock an die Entwicklung des Menschengeschlechts, lässt sich vieles ablesen, etwa dass Kommunismus klein macht. Osteuropäer waren um 1900 so groß wie Westeuropäer, verloren aber während der sowjetischen Herrschaft bis 1970 volle drei Zentimeter. Nur in wenigen Ländern schrumpfen die Menschen, so in Mosambik, dessen Bewohner im 20. Jahrhundert fünf Zentimeter einbüßten. Die Deutschen legten im selben Zeitraum um elf Zentimeter zu. Guido Mingels Mail: guido.mingels@spiegel.de

informieren wir die anderen Bäder in der Stadt, beschreiben den Verdächtigen. Er kann ja am nächsten Tag ein Bad in einem anderen Stadtteil besuchen. SPIEGEL: Im nordrhein-westfälischen Bornheim wurde

nach Übergriffen einzelner Flüchtlinge pauschal männlichen Flüchtlingen der Zutritt zum Bad für eine Woche verwehrt. Halten Sie das für angemessen? Lawendel: Das wirkt auf mich schon eher verzweifelt, und es kann nur die letzte Möglichkeit sein. SPIEGEL: Würden Sie denn auch deutsche Rentner aussperren, wenn sie sich unangemessen verhalten? Lawendel: Wir wollen uns gegenüber allen Besuchern gleich verhalten. Also: ja. ubu Anweisung in Münchner Schwimmbad SVEN HOPPE / DPA

Wir werden immer größer Bei 1,70 Meter war Schluss. Das galt


Gesellschaft Times“ berichtete, in den sozialen Medien forderten sie seinen Rücktritt und schrieben: „Schäm dich, Bürgermeister!“ Die Welt lächelte über ihn, diesen Eindruck musste Falcone gewinnen. Dabei, und das sagt er noch heute in seiner Arztpraxis nahe dem Rathaus, sei die Lage bitterernst und hätte eine Eine Meldung und ihre Geschichte Der „gewisse Zivilcourage erfordert, von jedem Bürger“. „Bei uns Feinstauberlass des Bürgermeisters sorgt für schmeißt niemand seinen Müll aus dem Fenster wie in Neapel“, Zoff in einem süditalienischen Städtchen. sagt Falcone, der Abfall werde getrennt und täglich abgeholt, das solle ihm erst mal einer nachmachen. Und überhaupt: „Ohne s steht ein mannshoher, grauer Kasten in San Vitaliano meinen Kasten wüssten wir nicht einmal, wie schlecht es wirkam Fuße des Vesuvs, an dem entzünden sich die Gemüter. lich um unsere Luft steht.“ Es hilft nichts. Es geht um Pizza, und dazu noch in Süditalien. Er steht unter einer Zypresse im Innenhof einer Grundschule, wenn man sein Ohr an diesen Kasten hält, hört man es Das weiß Ciro Coluccino, 64, des Bürgermeisters Widersacher, in seinem Inneren leise ticken. Die Messstation im Kasten zeich- er spielt die Rolle des schlitzohrigen Pfarrers Camillo, einer, net die Feinstaubbelastung von San Vitaliano auf, und sie bringt der gegen alles anstinkt, was sich der Bürgermeister ausdenkt. zwei Einwohner dazu, sich gegenseitig das Leben schwer zu Er sitzt gegenüber von Falcones Praxis, in „La Vigna“ vor einem machen wie einst Don Camillo und Peppone aus den Italien- Bier, bestellt eine „Bufala“, eine hauchdünne Pizza mit Büffelkäse, und erzählt mit großer Geste und mit vollem Mund. filmen der Fünfzigerjahre. Als Coluccino, Umweltaktivist und Pensionär, vom Erlass erBereits vor acht Jahren wurde der Kasten installiert, eine Idee des Bürgermeisters Antonio Falcone, 56, der in dieser Pos- fuhr, organisierte er eine Demonstration auf dem Rathausplatz. 60 Bürger trugen Atemmasken se die Rolle des Peppone inneund riefen: „Lasst unsere Pizza hat. Seit Januar 2015 funktioin Ruh! Unsere Pizza ist unniert die Messstation tatsächschuldig!“ Noch heute schmunlich und zeichnet den Feinstaubzelt er über seinen Spruch und wert PM10 auf. Wenn dieser findet den Erlass albern, denn Wert stimmt, und das bezweifelt er lenke ab von den eigentlihier niemand, ist die Belastung chen Problemen. im 6000-Einwohner-Ort San ViSein Ort, sagt Coluccino, lietaliano höher als in der Smogge inmitten der eigentlich so Metropole Mailand. Glaubt man fruchtbaren Lavafelder des Veden Lokalzeitungen, sogar suvs. Heute? Verseucht durch schlimmer als die von Peking. Dioxin, entstellt von BauruiAllein im frühlingshaften Denen; das Land, wo nichts mehr zember lag sie bei über 190 Miblüht, weil die Camorra hier krogramm pro Kubikmeter Luft, illegal Industriemüll verscharrt der EU-Grenzwert liegt bei 50 und verbrennt. Laut Coluccino Mikrogramm und darf an nicht brauchte es ganz andere Maßmehr als an 35 Tagen pro Jahr nahmen als den Pizzaerlass – überschritten werden. In San die Schnellstraßen müssten umVitaliano tat er das im DezemFalcone geleitet, die Verbrennungsanber fast jeden Tag. lagen verlegt, die KreuzfahrtBürgermeister Falcone, verschiffe verboten werden – aber antwortlich für das Wohl seiner da traue sich halt niemand ran. Bürger und im Hauptberuf AllColuccinos Pizza ist aufgemeinmediziner, stand dopgegessen, und man ahnt, dass pelt unter Druck: Als Arzt weiß dieser Mann dasselbe will wie er, was die feinen Staubpartikel sein Bürgermeister – ein gesunanrichten können in Lunge und des Zuhause für seine Enkel. Atemwegen. Als Bürgermeister Und man wünscht beiden, dass muss er sogenannte Aktionssie wie Don Camillo und Peppläne gegen den Smog auf den Von der Website Sueddeutsche.de pone erkennen, wie ähnlich sie Weg bringen, das verlangt die EU-Richtlinie. Seine Amtskollegen in Rom und Mailand ver- einander sind. Beide treibt auch die Angst um, nicht mehr viel hängten Fahrverbot oder Böllerstopp zu Silvester, auch Falcone Zeit zu haben, ihr Dorf zu retten, bei beiden wurde 2015 Krebs diagnostiziert. musste handeln. Als der Ofen aus ist und der letzte Gast gegangen, klettert Eine Woche vor Heiligabend, am 17. Dezember, reinigender Regen war noch immer nicht in Sicht, ließ er seine „Ordinanza Pizzabäcker Pasquale, 47, aufs Dach zum Schornstein und zeigt n. 20“ in den Schaukasten vor dem Rathaus hängen und im stolz seine schon vor zwei Jahren installierte Filteranlage. Er Netz veröffentlichen, Falcones Feinstauberlass, vier Seiten lang. sagt, am meisten genervt hätten die Anrufer, die wissen wollten, Darin ordnete er an, dass mit sofortiger Wirkung alle Pizza-, wann er wieder backe. „Dabei hab ich immer gebacken“, sagt Back- und weiteren gewerblichen Öfen mit Filteranlagen zu bestü- Pasquale, „wir hatten die Anlage ja längst eingebaut, wie alle cken seien, von März an würden die Öfen kontrolliert, sollten sie sechs Pizzerien im Ort.“ Aber, fragt Pasquale, was bringe das bis dahin nicht gerüstet sein für die Moderne, drohe eine Geldstrafe. teure Umrüsten, wenn im nahen Neapel Tausende Pizzaöfen So kam es, dass San Vitaliano in die Schlagzeilen geriet und rauchten, unkontrolliert und ohne Filter? Solange nicht weitere Falcone fortan als Bürgermeister galt, der Pizza hasst, ein Frevel Bürgermeister mitzögen, sagt Pasquale, bleibe der Erlass Nr. 20, in Italien. Lokalzeitungen beschimpften ihn, die „New York was er ist – ein Witz. Fiona Ehlers

Pizza Vesuvio

GIANNI CIPRIANO / NYT / REDUX

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FOTOS: THOMAS RUSCH

„Siehst du?“, fragt der Doktor. Die Antwort heißt: Ja. 52

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Gesellschaft

Auge um Auge Nächstenliebe Zweimal im Jahr fährt ein marokkanischer Arzt übers Land, um Patienten mit grauem Star zu operieren. Der Eingriff ist kurz, ein deutsches Netzwerk hilft mit Geld und Kunst, es ist eine Geschichte vom Gelingen – und doch kein Märchen. Von Fiona Ehlers

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s ist ein Augenblick, unvergesslich, der Moment, in dem es wieder Licht wird, in dem, ganz behutsam, der Doktor das Pflaster vom Auge zieht. Sein Patient, der Schaffellgerber und Gelegenheitssänger Omar Banni, 81 Jahre alt, einer von vielen, blinzelt. Er kehrt gerade zurück in eine Welt ohne Nebel und Unschärfen. Es ist wie bei taub geborenen Babys, die dank eines Implantats zum ersten Mal hören: Sie lachen. Omar Banni lacht. „Alhamdulillah“, ruft er, Gott sei es gedankt. Der Doktor hat seinen grauen Star operiert, an dem Banni fast erblindet wäre, er hat ihm das Augenlicht zurückgegeben. Die Operation ist keine große Sache, eigentlich, sie ist nicht einmal besonders teuer. Aber für Omar Banni, den alten Gerber, acht Kinder, noch viel mehr Enkel, ist es eine Erschütterung: Er springt vom Krankenbett auf und umarmt den Doktor, einen Hünen im weißen Kittel, er drückt den Kopf an dessen Brust und spricht unter Tränen aus seinen neuen Augen – von einem Wunder. Alhamdulillah. Das Erste, das jeder Patient nach der Operation sieht, ist er, der Doktor: Abderrahmane Raiss, 50 Jahre alt, ein Mann von mächtiger Gestalt, Typ gutmütiger Schwergewichtsboxer, mit einem Gesicht, in dem immer ein großes Lachen steckt, dazu Hände wie Pranken, eine breite Brust. Doktor Raiss ist ein Mann mit zwei Leben. „Schuf?“, fragt er die Armen, die Schaffellgerber und Korbflechter, die Töpfer und Bauarbeiter, die er kostenlos am grauen Star operiert. „Schuf?“, das heißt so viel wie: Siehst du? Und die Antwort lautet immer: Ja. In seinem anderen Leben macht der Doktor Geld, indem er reichen Privatpatienten die Hornhaut dioptriefrei lasert, mit ultrakurzen Lichtimpulsen. Raiss ist als Augenarzt eine Koryphäe. Aus ganz Afrika kommen sie in seine Klinik in Casablanca, edle Steinböden, Blumengebinde, Massagesessel, zehn Angestellte, nur die wenigsten Augenkranken können sich einen Besuch leisten, in Marokko nur eine winzige Oberschicht. Deshalb zieht Doktor Raiss zweimal im Jahr mit einer medizinischen Karawane übers Die gezeigten Porträts entstammen der Fotoserie, die der Hamburger Fotograf Thomas Rusch von Patienten vor deren Operation gemacht hat. Die Fotos wurden in Deutschland verkauft, der Erlös wird für die Finanzierung der OP-Karawane verwendet.

Land, um auch den mittellosen Marokkanern zu helfen. Es ist, in dieser Zeit, in dieser Weltlage, in dieser Weltgegend, eine andere Geschichte. Eine Geschichte nicht über das Scheitern, sondern über das Gelingen. Und trotzdem kein Märchen. Seit fünf Jahren fährt Doktor Raiss mit einem alten Campingmobil voller Medikamente und Mikroskope die Küste ab, fährt hinauf nach Ouarzazate im Atlasgebirge oder in die Oasenstadt Zagora am Rande der Sahara – und operiert unentgeltlich augenkranke Menschen. Es ist eine Karawane des Lichts, eine Art mobiles Einsatzkommando mit internationaler Beteiligung, das sich da auf den Weg macht. Ein pensionierter Lastwagenfahrer aus Montpellier sitzt am Steuer, jahrzehntelang hat er Waren durch Europa gekarrt, alles, von der Tomate bis zum Sarg, jetzt fährt er das mehrere Hundert Kilogramm schwere Mikroskop von Carl Zeiss aus Jena, Germany, durch Marokko. Doktor Raiss und seine Krankenschwestern folgen in Geländewagen, im Gepäck Plastiklinsen von Eagle Optics aus Mumbai, Indien. Es geht diesmal zu den Kunsthandwerkern in die Medina von Marrakesch, die Altstadt, ein deutscher Fotograf ist dabei; auch er wird Teil des Projekts und gehört zur Geschichte des Gelingens, Thomas Rusch, 53 Jahre alt, ein zierlicher Mann mit großen, runden Augen, normalerweise fotografiert er Models in Modekleidung oder nackt. Auch Rusch hat ein anderes, erstes Leben neben diesem zweiten, er arbeitet als Porträtfotograf und für die Werbung, setzt manchmal Produkte in Szene, manchmal Politiker; sein Beitrag zur Blindenmission des Doktor Raiss: Rusch fotografiert die am grauen Star erkrankten Patienten, fertigt aufwendige, anrührende Porträts von ihnen an, die in Deutschland ausgestellt und verkauft werden. Und mit dem Erlös, 460 Euro pro Bild, werden die vielen Operationen an den Augen mitfinanziert; es soll ein Modell sein. Fotograf Rusch und beteiligte Stiftungen glauben daran, Ähnliches für andere Krankheiten und Weltprobleme auf die Beine zu stellen, Hilfe zu organisieren, wirklich unbürokratisch, für Menschen, die nicht lesen und schreiben können, für Minenopfer, für Kriegsversehrte, für Menschen mit Gaumenspalten. Die Liste der

Gebrechen und Probleme, die schnell und einfach behoben werden könnten, ist lang. Weit aufgesperrt ist das Auge der Tänzerin. Klammern, die Wimpernzangen ähneln, ziehen ihre Lider auseinander, ihr Kopf ist mangels Stütze mit Kreppband an der Liege festgeklebt, es wird im Folgenden um Mikrometer gehen. Malika Benchouchou, eine Dame Mitte sechzig, des traditionellen Bauchtanzes mit dem ausladenden Hüftschwung mächtig, spürt nichts. Mit einer Spritze wurde ihr linkes Auge betäubt, sie merkt nur den grellen Lichtstrahl. In einem ärmlichen Operationssaal beugt sich Doktor Raiss in Marrakesch über sie, rechts neben ihm das OP-Besteck, ein mobiler Monitor, der die Herztöne der Tänzerin als wellenförmige Linien zeichnet, und ein Laptop, aus dem in voller Lautstärke das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dröhnt, ein altes YouTube-Video. Als der Walzer „An der schönen blauen Donau“ erklingt, dirigiert von Daniel Barenboim, ruft in Marrakesch der Doktor Raiss „Jalla!“, auf geht’s, und dirigiert seinerseits mit nacktem Fuß das Pedal seines großen Mikroskops aus Jena. Ritzt mit einem Skalpell flink drei Löcher in die Hornhaut der Madame Benchouchou, zerteilt die trübe, altersschwache Linse in vier Teile, saugt sie ab durch einen klitzekleinen Schlauch und bringt dann die künstliche Linse aus Indien in den Augapfel der Tänzerin, farblos, um die zehn Euro wert, man erkennt sie kaum auf dem zehnfach vergrößerten Monitorbild über Raiss’ Kopf. Und während sie im Laptop, in Wien, bei Barenboim „Prosit Neujahr“ rufen, stehen dem Doktor Schweißperlen auf der Stirn. Es war sein 14. Auge heute, auf 25 wird er es bringen an diesem einen Tag. Das Auge der Bauchtänzerin braucht jetzt Ruhe, es verschwindet unter einem dicken Pflaster und bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Grauer Star ist eine Volkskrankheit. Weltweit, schätzt die Weltgesundheitsorganisation, sind 20 Millionen Menschen durch sie erblindet, die meisten leben in Entwicklungsländern. Das Leiden ist erblich und meistens altersbedingt. Weitere Ursachen sind schlechte Ernährung oder zu viel Sonne. Die Krankheit, auch Katarakt genannt, ist mit bloßem Auge erkennbar: hellgraue DER SPIEGEL 4 / 2016

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FOTOS: THOMAS RUSCH

Die Portr채ts der Patienten schm체cken Altbauten in Berlin. 54

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Gesellschaft

Schlieren werden sichtbar, die Linse hinter der Pupille trübt sich ein. Der Kranke sieht die Welt nur noch wie durch ein ungeputztes Fenster und bemerkt das unter Umständen erst spät, weil er Analphabet ist. Wird er nicht operiert, verliert er sein Augenlicht und mit dem Augenlicht seine Arbeit, und dann kann er die Familie nicht mehr ernähren; diese Geschichten ereignen sich in ärmeren Weltgegenden oft, viel zu oft. In Deutschland ist der graue Star meist ein Leiden des Alters und ambulant zu operieren. Ein Routineeingriff, zehn Minuten, bei dem die altersschwache Linse durch eine künstliche ersetzt wird. In Deutschland ist es einer der häufigsten Gründe für eine Operation am menschlichen Körper, die Krankenkassen übernehmen meist die Kosten. Woanders sieht das anders aus: Weltweit leben schätzungsweise 40 Millionen Blinde, alle paar Sekunden verliert ein Mensch sein Augenlicht. Und jeder zweite wird blind durch Katarakt, hätte also rechtzeitig geheilt werden können. Doktor Raiss will Teil der Lösung dieses Problems sein, dafür lässt er zweimal im Jahr seine Frau, selbst Augenärztin, und seine drei Kinder allein, die vornehme Praxis nahe der von Palmen gesäumten Strandpromenade von Casablanca muss dann ohne ihn funktionieren. 90 000 Menschen müssten Marokkos Augenärzte im Jahr operieren, um die Krankheit im Land zu besiegen. Sie schaffen gut die Hälfte, und Raiss ist der einzige, der mit Equipment und Personal die Elendsviertel um Rabat, Fès und Marrakesch besucht und in entlegene Dörfer in den Bergen und in der Wüste reist. Als er zum ersten Mal aufbrach, in die Oasenstadt Zagora, standen Tausende Berber, unter ihnen auch Nomaden, vor seinem notdürftig aufgestellten Operationszelt Schlange, um sich operieren zu lassen. Er konnte nur einem Bruchteil von ihnen helfen. Diese Not in Zagora, seine eigene Hilflosigkeit damals, ließen ihn schwören, zurückzukehren und immer wieder zu operieren, bis am Ende alle geheilt sind, die Hilfe brauchen. Die Arbeit habe ihn demütiger werden lassen, sagt Doktor Raiss, aber auch zufriedener mit dem Leben. Gleichzeitig hat ihn die Arbeit zum Pragmatiker gemacht. „Zwei Marokkaner mit einem Auge“, erklärt er seinen Patienten jedes Mal, „sehen mehr als ein Marokkaner mit zwei Augen“, deshalb operiere er jeweils nur ein Auge. So könne er doppelt so vielen Menschen helfen. Raiss’ Karawane erreicht Marrakesch, hier kommt Maha Elmadi ins Spiel, die den Doktor kennenlernte, als er ihr mit dem Laser die Augen schärfte. In der Medina, dem Zentrum der alten Königsstadt, kennt jedes Kind diese selbstbewusste

Frau von 44 Jahren in ihrer wallenden Dschellaba. Wo Elmadi aufwuchs, in der Medina mit ihren Moscheen, Basaren und dem berühmten Dschamaa al-Fana, dem Platz der Gaukler, ist Marrakesch noch nicht ganz zum orientalischen Themenpark verkommen, hier sitzen noch echte Handwerker in Holzverschlägen entlang den Gassen und fertigen traditionelles Kunsthandwerk. Damit das so bleibt, leitet sie, Maha Elmadi, stolz und schön und verheiratet mit einem Polizisten in der Leibgarde der Königsmutter, das Storchenhaus, einen alten Werkhof mit offenem Dach. Sie hat daraus das Sozialzentrum Dar Bellarj gemacht, eine Art Fortbildungsstätte. Bei ihren Werkstattbesuchen in der Altstadt von Marrakesch war sie es, die als Erste die Schlieren in den Augen der Schneider, Weber, Silberschmiede erkannte. Also stellte Maha Elmadi den Kontakt her zwischen Doktor Raiss’ Stiftung „Albassar“ und der deutschen Stiftung „Abury“, die einerseits marokkanische Handwerker unterstützt und andererseits Handtaschen im Berberstil in der Berliner Kastanienallee verkauft – und die bald den Fotografen Rusch mit ins Spiel brachte. Bald kam der Doktor zur Visite und wählte drei Tage lang seine Patienten aus. Untersuchte sie mit seinen Spaltlampen, sah sofort, ob sie am grauen Star litten, und hämmerte, falls das so war, einen Stempel in ihre Krankenakte: „On doit opérer“, muss operiert werden. Ein paar Monate später kehrte Doktor Raiss zurück, wieder unterwegs mit seiner Karawane, und operierte im schmuddeligen Krankenhaus nebenan. 90 Handwerker würde er an drei Tagen heilen, und Maha Elmadi tätschelte Patienten, trocknete Tränen, sie kannte jeden Einzelnen mit Namen und sprach ihnen Mut zu. Auch sie gehört in diese Geschichte vom Gelingen, von Menschen, die Zeit, Kraft und Talent einsetzen, um zu helfen, um Gemeinschaft zu stiften, um eine Gesellschaft am Laufen zu halten; der eine als Arzt, der operiert, der andere als Fotograf, der Bilder macht, die Dritte als Mitbürgerin, die sich kümmert und die hervorragend kommunizieren kann. Nachmittags, als die Crew operierte, führte Maha Elmadi durch ihr Viertel, durch schummrige Gassen, in denen sich die Hitze staute. An der Hutmacherin vorbei, die schon kurz nach ihrer eigenen Augenoperation wieder unterm Sonnenschirm saß und Stroh flocht, als wäre nichts gewesen. Im Basar schaufelten Gewürzhändler Zimt und Kardamom, Kreuzkümmel und orangefarbenen Safran zu appetitlichen Pyramiden, und in den Cafés zielten Kellner in hohem Bogen den Minztee aus sil-

bernen Kannen in kleine Gläser. Maha Elmadi kennt das alles, seit ihrer Kindheit, beim Spaziergang im vergangenen Jahr sah sie Verfall und Künstlichkeit. Das neue, glitzernde Marrakesch macht sich breit in der alten, echten, mittelalterlichen Welt rund um die Altstadt. Protzige Araber und Partyvolk aus Europa rücken der Medina gefährlich nahe, Letztere sind die Kinder der Hippies, die in den Siebzigerjahren schon diese Stadt heimsuchten. Und mit ihnen kommen Wellnesstempel für Westler, Shoppingcenter, Stretchlimousinen, das Klicken von Kameras, das Klackern der Rollkoffer. Die Medina ist zum Ziel der globalen Touristenströme geworden, und auf dem Weg durch die Gassen kann man sich fragen, was echter ist: der als Schlangenbeschwörer verkleidete Anglistikstudent oder der chinesische Plunder, um dessen Preis er feilscht. Touristen ersetzen Einwohner, AirbnbKunden verdrängen Eingesessene, und die Handwerker haben bald niemanden mehr, dem sie ihre Fertigkeiten vererben könnten. „Cataracte morale“ nennt Maha Elmadi dieses Phänomen, Doktor Raiss und sie wollen dagegen kämpfen. Maha bog ein ins alte Gerberviertel, den Wirkungsort von Omar Banni, dem der Doktor am Morgen den Verband vom Auge gezogen hatte. Männer standen knöcheltief in Farbpfützen, blau, gelb, rot, in denen sie die Schaffelle erst gerben, dann färben. Jeden Tag, 60 Jahre lang, stand hier auch Omar Banni, die bloßen Füße umspült von ätzender Säure. Heute steht da sein Sohn, immerhin in Gummistiefeln, aber es stinkt immer noch bestialisch. Und der Alte kommt noch täglich vorbei und bellt Befehle, wie sie die Pantoffeln zu färben haben, die Gürtel und die Sofakissen. Bannis Haus liegt nicht weit von hier, ein Haus voller Andenken an die Zeit, als er mit einem bekannten Folkloreorchester durch die Lande zog. Er spielte die Oud, die traditionelle, dickbauchige Laute, und sang dazu. Seine Stimme ist immer noch voll, und seine Augen sind wieder klar, dank Doktor Raiss. Er kann sie wiedersehen, die Frau, mit der er seit 62 Jahren verheiratet ist, eine Marokkanerin mit breiten Hüften und noch breiterem Lachen, er nennt sie bis heute „ma gazelle“. Es gibt ein Foto von Omar Banni, es hängt jetzt in einem Wohnzimmer in Berlin-Charlottenburg. Es zeigt einen Mann mit bestickter Gebetskappe, vollen Lippen, dunkler Haut und einem dunklen Fleck auf der Stirn vom vielen Beten auf dem Boden der Moschee. Das Bild hält einen kurzen intimen Moment fest, den Anflug eines Lächelns, es ist eines der schönsten Porträts aus der marokkanischen Serie von Thomas Rusch. Das Foto entstand im Storchenhaus von Maha Elmadi, bei der VorDER SPIEGEL 4 / 2016

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THOMAS RUSCH

Gesellschaft

Augenarzt Raiss (M.), Team: Karawane des Lichts

Menschen helfen, weil sie können, was andere brauchen. untersuchung zur Augenoperation. Rusch setzte die Patienten vor einen schwarzen Hintergrund, redete mit ihnen und sie mit ihm – obwohl keiner des anderen Sprache verstand. Der Fotograf tat, was er am besten kann, er brachte sie dazu, sich zu öffnen, wartete den besten Moment ab und drückte auf den Auslöser. So rang er dem strengen Imam ein Lächeln ab, ließ die zehnjährige Firdaus eine Augenbraue hochziehen, entlockte dem Gesicht des 50-jährigen Metallarbeiters das verschmitzte Grinsen. So entstanden 88 frontale Close-ups, fotografiert mit einer Kleinbildkamera, schöne, menschliche Momente, die so anders sind als lange arrangierte Begegnungen mit Schauspielern und Politikern, sagt Rusch, das Projekt mit dem Augenarzt habe auch sein Leben verändert. Es habe ihm geholfen, Prioritäten neu zu setzen, Perspektiven zu verändern, besser zu sehen. Was ihn am meisten fasziniere an „Portraid“, sagt der Fotograf, sei die Einfachheit der Idee. Jeder, dem er von ihr erzähle, verstehe sofort, worum es gehe und wie es funktioniere – und auch, warum Rusch seinen Jahresurlaub dafür drangibt. Dass Menschen helfen, einfach weil sie etwas können, das andere brauchen. Entwicklungshilfe, von Mensch zu Mensch. 56

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Ruschs Bilder hingen eine Zeit lang in der marokkanischen Botschaft nahe dem Berliner Gendarmenmarkt, 88 Fotografien, 40 mal 60 Zentimeter groß, in schwarzen Rahmen, beleuchtet von oben wie in einer Galerie. Die Ausstellung der Abury-Stiftung war ein Erfolg, aber vor allem erfüllte sie ihren Zweck – alle Porträts wurden verkauft, alle Marokkaner konnten vom Erlös operiert werden, und damit hatte erst niemand gerechnet. Auch das Porträt von Malika Benchouchou, der alten Tänzerin mit der indigoblauen Berbertätowierung zwischen den Augenbrauen, hing in Berlin. Bei seiner Tour nach Marrakesch operierte Doktor Raiss sie als Letzte, sie leidet obendrein an schwerer Diabetes, das machte den Eingriff kompliziert. Ihren Sohn hatte sie nicht um Erlaubnis gefragt, er hätte sie ihr nicht gegeben, aus Sorge, dass sie den Eingriff womöglich nicht übersteht. Aber Benchouchou wollte wieder scharf sehen, und sie hat einen Dickkopf, von jeher. Alles ging gut, mit dem Pflaster noch, aber erleichtert ließ sie sich nach der OP in ihr windschiefes Haus begleiten, zeigte Fotos von damals, als sie auf Hochzeiten und Festen die Hüften schwang, stets hochgeschlossen in Taft und Seide, und mit den anderen Frauen in den hohen Gesang der flirrenden Zungen einstimmte.

Ihre Enkelin, eine Hebamme, kam vorbei, eine verschleierte junge Frau mit Brille und ernstem Blick. Sie hat die alten Berberbräuche stets abgelehnt. Wenn ihre Großmutter tanzt, findet sie das unanständig. Keine junge Frau, sagte sie, die Enkelin, würde heute so leben wollen. Als sie von der Operation erfuhr, als sie verstand, dass ihre Großmutter bald wieder gestochen scharf sehen kann, als sie hörte, dass das Porträt der Alten nun bei einem Berliner Autor in der Wohnung hängt und wie viel Geld der dafür bezahlt hat, schnaubte sie verächtlich und ärgerte sich, nicht eingeweiht gewesen zu sein. Aber dann lächelte sie doch. Doktor Raiss war längst zurück in Casablanca. Mittagspause an der Strandpromenade am Fuß der Hassan-II.-Moschee. Die Menschen saßen wie immer am Wasser mit Sonnenbrille und pickten Meeresfrüchte von silbernen Tabletts. Raiss sah wortlos den Wellen zu, die sich am Strand brachen. Er kommt täglich her, zum Schweigen, zum Nachdenken. Er sagt, er brauche den Atlantik, um seine Augen zu entspannen und gedanklich die nächste Karawane zu planen. Sie wird ihn wieder in die Oasenstadt Zagora führen, wo alles begann, wo die Arbeit noch lange nicht erledigt ist. I


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THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

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Monaco de luxe Mode Ein Besuch der in Berlin weltberühmten Fashion Week. Von Juan Moreno

muss. Auf dem Podest steht ein Auto. Ein Mercedes-Cabrio. Mercedes sponsert die Fashion Week. Helle Ledersitze, vulgärblauer Lack, Zielgruppe dieses Autos vermutlich Osteuropa, Russland und mittlerer Orient. Irritierender als der Porno auf Rädern an einem Ort, an dem es um Schönheit und Eleganz gehen soll, ist das Verhalten der Besucher im Zelt. Viele von ihnen stört das Auto gar nicht. Im Gegenteil. Sie steigen auf das Podest, lehnen sich an den Wagen, zücken das Handy und machen Selfies. Ein dicker Mann, der ein Mikrofon hält, auf dem Monaco de luxe steht, hat sich auch auf das Podest gestellt und interviewt einige der Leute. Der Mann hat einen Videokanal, in dem es um Mode, Lifestyle und vieles mehr gehe, sagt er. Der Mann trägt rosafarbene Schlangenleder-Cowboystiefel, und sein YouTubeKanal hat 423 Abonnenten. Man stellt sich für eine Sekunde vor, was Karl Lagerfeld in Paris jetzt sagen würde. Unweit des Autos steht Helmut Kuhn. Er hat keine Lust auf Mode, das ist ziem-

THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

as oktoberfestgroße Zelt, das die Veranstalter der Berlin Fashion Week ans Brandenburger Tor gesetzt haben, wirkt wie ein Raumschiff, gebastelt aus kühlen weißen Planen. Limousinen mit laufendem Motor parken davor, Wachleute kontrollieren das Gelände, sprechen in ihre Ärmel, was sehr dramatisch aussieht. Sie bewachen, so scheint es, eine Welt, die aus den Modemagazinen heraus in die Wirklichkeit geschwappt ist. Ab und an sieht man sehr schöne Frauen aus einem Taxi steigen und in das Raumschiff gehen. Entrückte Wesen, so schön, so atemberaubend, jede Einzelne ein Beweis, dass Gott ein Mann ist. Zweimal im Jahr steht dieses Zelt für knapp eine Woche in Berlin. 200 TV-Berichte, 5000 Zeitungsartikel, genauso viele Onlinebeiträge, noch viel mehr Twitter-, Instagram- und Facebook-Posts entstehen in der Zeit. Alle schreiben, knipsen. Neue Talente, neue Trends, neue Promis. Ein Jahrmarkt der Schönheit. Vom „ModeMekka Berlin“ ist die Rede, vom „Hype um die Modemetropole“. Die Lokalpresse schreibt: „Nach vielen … Versuchen hat sich Berlin nunmehr, neben Mailand, London, Paris und New York, als eine fünfte Modehauptstadt mit einem ganz eigenen Flair in der Modewelt fest etabliert.“ Die Fashion Week, erklärte der Regierende Bürgermeister Michael Müller, ein ganz modischer Typ, letzte Woche zu einem „Muss“, „auch international“, sie setze „Maßstäbe“. Das geht jetzt schon seit Jahren so. Die Berlin Fashion Week gibt es – mehr oder weniger regelmäßig – seit 2007. Entstanden ist sie zu einer Zeit, in der Deutschland sich gerade neu erfand. Die Weltmeisterschaft 2006 war vorbei, Deutschland war plötzlich locker und die Hauptstadt am lockersten. Es gab einen schwulen Bürgermeister, der zwar keinen Flughafenbau überwachen, aber eine Party aufmischen konnte wie kein Zweiter. Es gab die deutsche Ausgabe der amerikanischen „Vanity Fair“, Eisbär Knut war ein Star, und mit Griechenland verband man angenehme Dinge wie schöne Urlaube und den „Lindenstraßen“-Wirt. Dann kam Suzy Menkes von der „Herald Tribune“, zeitweise die wichtigste Modekritikerin des Planeten, und sagte: „Berlin entwickelt sich immer mehr zum Zentrum Europas.“ Kurzzeitig drehten alle durch. Zentrum Europas. Man hatte es geahnt. Da war es auch nicht wichtig, dass der Sponsor der Fashion Week Frau Menkes hatte einfliegen lassen. Man kann all den Meldungen von der Modemetropole Berlin glauben. Man kann aber auch einfach mal zwölf Stunden in dem Zelt sitzen und gucken. Gleich am Eingang steht ein großes Podest, direkt am Ende des roten Teppichs, sodass man auf jeden Fall daran vorbei-

lich klar. Er trinkt Mumm Sekt, den es an einem Stand in süßer Himbeervariante umsonst gibt. Mit Mode hat Kuhn nichts am Hut. Von Beruf ist er „Selfmade-Privatier“ und hat eine M-Klasse gekauft. „100 000 Euro“, sagt er. Kuhn bekam nach seinem Autokauf von Mercedes einen „VIP-Fashion-Trip“ nach Berlin geschenkt. Er hat hier noch andere getroffen, die den Trip machen. Sie haben einen ganzen Bereich im Zelt, eine Lounge, wie man heute sagt. Über Mode sei in der Lounge nicht geredet worden, sagt Kuhn, eher über Merkel und die „sieben Millionen Araber“, die gerade kommen. Kuhns Frau findet es toll in Berlin und freut sich auf Alexandra Neldel, die für später angekündigt ist. Außerdem möchte sie unbedingt eine dieser Plastiktaschen haben, die jeder akkreditierte Journalist bekommen hat. Kuhn bietet Geld an. Die meisten Besucher laufen mit irgendwelchen Taschen herum. Die Labels und Sponsoren verteilen sie. In den Taschen sind kleine Werbegeschenke. Parfum -


THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL

Eine Fernsehredakteurin sagt: „Ich kann das nicht mehr. Das wird hier ja immer popeliger.“

proben, Schminkspiegel, solche Sachen. Die meisten halten ihre Taschen sehr, sehr fest. Eine blonde Frau, Holländerin, Hochsteckfrisur, ihr Name ist Jennifer Demmers, macht sich auf einem der Hochtische in der Mitte des Raums Notizen. Eine internationale Fachbesucherin. Endlich. Sie sucht junge Designtalente in Deutschland, die sie mit Einkäufern aus Belgien und den Niederlanden zusammenbringen will. Zuletzt hat sie in Madrid Modenschauen gesehen. Fragt man sie, was ihr zur Berlin Fashion Week einfällt, sagt sie: „Nun ja, ein bisschen wie Amsterdam.“ Nicht wie Paris? Demmers lacht. „Wer erzählt denn so was?“ Eine Modebloggerin, die während des Gesprächs mehrmals sehr ernst nachfragt, ob der SPIEGEL wirklich kein Modemagazin sei, was ja bei dem Namen „voll Sinn“ machen würde, findet, dass Berlin „abkackt“. Modemäßig. Und zwar schon seit Längerem. Die Fashion Week und die Messen hier seien nur noch lokal relevant. „So

bis Leipzig“, schätzt sie. „Die meisten kommen zum Partymachen. Bestellt wird in München und Düsseldorf.“ Berlin kein Mekka? „Achtland weg, Firma weg, nicht mal Michalsky kommt. Nee, kein Mekka“, sagt die Bloggerin. Achtland war ein hochgelobtes Label, das kürzlich nach London übergesiedelt ist. Firma war ein scheinbar erfolgreiches Unternehmen, 17 Jahre aktiv, etabliert und gut vernetzt. Überraschend kündigte es vergangenes Jahr an aufzuhören. Der Markt sei einfach zu schwierig, hieß es. Und Michael Michalsky war mal Chefdesigner bei Adidas und macht Mode für die Leute, die den Mercedes auf dem Podest mögen. Auch er zeigt seine Kollektion nicht mehr auf dieser Fashion Week. Escada, Joop, Boss und einige andere, die noch am Anfang dabei waren, haben auch aufgehört. Die wirklich Großen wie Yves Saint Laurent, Dior, Chanel oder Armani waren nie da. Man muss nach einer Weile in diesem Zelt an ein Prädikat denken, mit dem die „Süddeutsche Zeitung“ einige

Prominente auszeichnete: „in München weltberühmt“. Die Stunden vergehen. Die junge Boutiquebesitzerin Elisabeth Reichardt erzählt, dass sie eine Internetseite betreibt, auf der man Umstandsmode mieten kann, bonbelly.de. Sie kommt gern nach Berlin, vor allem wegen der Designerin Lena Hoschek, die sie sehr mag. Über Berlin redet Reichardt wenig. Eigentlich gar nicht. Die jungen YouTuberinnen, die über Mode reden, beschäftigen sie mehr. Gerade hat sie eine kontaktiert. Reichardt wollte wissen, was es kostet, wenn das mit der Umstandsmode-Miete in einem Video erwähnt würde. Das wäre ein Tag Arbeit, bekam sie zur Antwort, „also 10 000 Euro“. Es wird Abend. Kamerateams rücken an, Fotografen kommen. Die ersten Promis werden angekündigt. Die meisten kennt man nur, wenn man schon nachmittags Zeit zum Fernsehen hat. Die Männer halten die Zeigefinger in die Kameras, heben beide Daumen. Die Frauen lächeln, legen den Kopf zur Seite. Das alles plätschert eine Weile. Eine Fernsehredakteurin sagt: „Ich kann das nicht mehr. Das wird hier ja immer popeliger.“ Dann, endlich, wird richtiges Material angeliefert, A-Prominenz. Jessica Schwarz zum Beispiel, Schauspielerin. Sie wird belagert, gibt Kurzinterviews, lächelt, legt den Kopf zur Seite. Profi. Es folgen Jasmin Gerat und Alexandra Neldel. Kurz vor Beginn der Show steht Jessica Schwarz für einen Moment allein. Warum ist sie hier? „Das ist ein Job. Ich werde gebucht, komme zu dieser Show und unterschreibe, dass ich zu keiner anderen gehe. Das ist Teil des Geschäfts. Als Schauspielerin muss du dafür sorgen, dass du gesehen wirst.“ Man möchte Jessica Schwarz umarmen, weil sie es einem abnimmt zu sagen, was ist. Am Ende, als Über-VIP sozusagen, kommt Irina Shayk, eine hübsche Russin, die mal mit dem Fußballer Cristiano Ronaldo zusammen war und jetzt mit dem US-Schauspieler Bradley Cooper. Shayk wurde auch gebucht. Ihre Aufgabe besteht darin, sich in die erste Reihe zu setzen, umringt von Bodyguards. Schon seltsam. Ein Model, das nicht fürs Modeln, sondern fürs Anschauen anderer Models bezahlt wird. Ganz am Ende des Abends, nach gut zwölf Stunden in diesem Zelt, am Ende aller Modenschauen, bleiben nicht mehr viele Besucher. Einer von ihnen ist der berühmte Fotograf André Rival. Einer der besten, die es in Deutschland gibt. Auch er war den ganzen Tag im Zelt. Die Ausbeute? Er zeigt ein Bild. Das Porträt einer extrem grell geschminkten Transsexuellen, die riesengroß ist und sich in das Cabrio am Eingang quetscht. Mehr war nicht. I DER SPIEGEL 4 / 2016

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Gesellschaft

Ortstermin Auf der Tourismusmesse in Stuttgart stellt sich die Frage, wo man heutzutage überhaupt noch Urlaub machen kann.

I

n Halle 1 der Tourismusmesse in Stuttgart (CMT) steht ein Gefährt wie geschaffen für die neuen, unruhigen Reisezeiten: das Bliss-Mobil. Eine Mischung aus kriegserprobtem Unimog (vorn) und Luxuscaravan (hinten). Die Räder sind riesig. Für den Einstieg gibt es eine Leiter. „Höhe bedeutet Sicherheit“, sagt Günther Schumacher am Stuttgarter Messestand. Dazu kommen noch: eine Außenkamera, fernüberwachbar. Zwei Kühlschränke, eine Meerwasserentsalzungsanlage, 700 Liter Diesel an Bord. Essen, Wasser und Sprit gehen so nie aus. „Das ist auch ein Sicherheitsaspekt“, sagt Schumacher. Die Steigfähigkeit des Bliss-Mobils liege bei 45 Grad, sagt Schumacher. Luxus gibt es auch: Fußbodenheizung, Induktionskochfeld, Bambusechtholzverkleidung. Aber das Allerwichtigste beim Reisen mit dem Bliss-Mobil sei natürlich „das ruhige, sichere Grundgefühl“, sagt Schumacher. Im Moment ist das ruhige Grundgefühl ein bisschen verloren gegangen. Man schaut auf die Welt und denkt: überall Krisen und Konflikte. Früher waren die Krisen und Konflikte ja immer so schön weit weg gewesen. In Pakistan, Afghanistan, im Irak oder im Sudan. Da wollte man im Urlaub sowieso nie hin. Heute rücken die Einschläge näher. Terroranschläge in Istanbul, in Paris, in Tunesien, in Ägypten. In den Nachrichten hört man den Satz: auch Deutsche unter den Opfern. Das Letzte, was man im Urlaub sein möchte, ist natürlich Opfer. Was zu der Frage führt: Wo fährt man jetzt hin? Wo gibt’s noch ein hübsches, sicheres Plätzchen für den Urlaub? Mit dem Bliss-Mobil, sagt Günther Schumacher, könne man problemlos auch durch wilde Gebiete wie Tadschikistan oder die Mongolei reisen. Aber was will man in Tadschikistan bei den wilden Tadschiken? Vielleicht also doch lieber Dänemark? In Halle 7 stehen die dänischen Reiseveranstalter. Dänemark gilt als sehr sicher. Tausende Touristen mieten sich ein Ferienhaus auf Lolland oder Bornholm. Dort sitzt man dann. An der Ostsee. Die Ostsee ist ein kaltes, verregnetes Binnenmeer ohne Wellen. Man braucht raschelnde Funktionskleidung. Reisen, das vergisst man heute fast, war ja schon immer irgendwie gefährlich. Flugzeuge stürzten ab. Fähren versanken im Meer. Es gab wilde Tiere und tödliche Krankheiten. Touristen saßen im Ferienstau auf der A 9, wurden wahnsinnig und starben an Herzversagen. Das Problem mit dem Terrorismus ist eben nur: Er ist so vollkommen willkürlich und unberechenbar. Er wird sogar dort gefährlich, wo nie Gefahr drohte. In Hotelanlagen, an einsamen Stränden, auf Caféterrassen oder im touristischen Zentrum von Istanbul. Viele Deutsche bleiben deshalb in Deutschland. Und reisen jetzt lieber in die Lausitz („Europas größte künstliche Seenlandschaft!“) oder in den Harz („Klein, aber vielfältig!“) oder 60

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MARIJAN MURAT / DPA

Im Streuobst

in den Schwarzwald. Der Schwarzwald boomt. Die Tourismuszahlen sind so gut wie zuletzt vor 24 Jahren, kurz nach der Maueröffnung. 2015 wird ein Rekordjahr! Den Schwarzwald und Baden-Württemberg findet man in Halle 6. Die Band auf der Messebühne spielt: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“ Es ist wahnsinnig voll, und überall wird Wein ausgeschenkt, werden Wein-, Genuss- und Gourmetreisen angeboten. In Zeiten der Unsicherheit sind Weinreisen natürlich fast therapeutisch. Alkohol enthemmt. Alkohol ist ein Angstlöser. Die Schwäbische Alb hatte man bislang noch nicht so im Blick, touristisch. Aber dort findet man die „größte Streuobstlandschaft Mitteleuropas“. Zwischen Göppingen, Böblingen und Balingen. Wer kein Streuobst mag, kann den Oberschwäbischen Pilgerweg beschreiten. Motto: „Gehen, beten, zu sich und Gott finden“. Aber dann steht man hier in Halle 6 und denkt wehmütig: Das Schöne am Reisen war doch gerade die Ferne. Das Fremde. Das Entdecken. Nicht die Gemütlichkeit. Nicht das deutsche Streuobst. Oder? Absolut sicher ist es in Böblingen, Göppingen und Balingen natürlich auch nicht. Thomas de Maizière, der deutsche Innenminister, hat immer wieder betont: Auch Deutschland ist ein potenzielles Anschlagsziel. Niemand weiß, wo die nächste Bombe hochgeht.

Polizisten vor dem Türkei-Stand auf der CMT

Aber wenn man im Urlaub überall Opfer sein kann, warum dann nicht wenigstens dort, wo es schön warm ist? Im Süden, am Mittelmeer, dort, wo die Zikaden zirpen? Am Stand des Ministeriums für Kultur und Tourismus der Republik Türkei steht etwas traurig der freundliche Herr Dișçi und sagt: „Alle fragen nur noch: ,Wie sicher ist die Türkei?‘“ Und was sagt er dann? „Was in Istanbul passiert ist, kann woanders auch passieren!“ Es war einfach Pech, heißt das. Herr Dișçi legt einen Prospekt auf den Tisch und empfiehlt eine schöne Zugreise durch die Türkei. Mit dem Trans-Anatolien-Express. Das sei landschaftlich und kulturell sehr reizvoll. Eine Zugreise – gar keine schlechte Idee. Ein bewegliches Ziel ist schwerer zu treffen als ein liegendes Ziel am Strand von Antalya. Und muss man die Türkei nicht unterstützen? Muss man sich nicht solidarisch zeigen, als Tourist? Ist nicht jede Reise an die Türkische Riviera jetzt auch eine Verteidigung des westlichen Lebensstils? Auf in die Türkei! Jochen-Martin Gutsch


Von: Simon Koch An: E.ON Betreff: Solarenergie

Wer sorgt dafür, dass Solaranlagen auch nach Jahren noch in Form sind?

Hallo Herr Koch, wir machen das: mit den E.ON SolarProfis. Schon heute erzeugen die Photovoltaik-Anlagen in Deutschland im Jahr so viel grünen Strom, wie ihn rund 20 Millionen Menschen brauchen. Doch jede dritte Anlage* schöpft ihr volles Potenzial nicht aus oder hat sogar Sicherheitsmängel. Deshalb bieten die E.ON SolarProfis deutschlandweit und herstellerunabhängig einen neuen Service an. Vom kostenlosen OnlineErtragscheck bis zur detaillierten Prüfung und Reparatur vor Ort. Damit wir die Energie der Sonne immer besser nutzen können.

* TÜV Rheinland, Qualitätsmonitor Solar 2015.

eon-solarprofis.de


THORSTEN JANDER / NDR

ARD-Nachrichtenstudio, -Moderatoren

Öffentlich-Rechtliche

Weniger statt mehr Der Rundfunkbeitrag für ARD, ZDF und Deutschlandradio könnte sinken.

Ökostrom

Deutsche sollen für Nachbarn zahlen Die deutschen Stromverbraucher sollen künftig Subventionen für Ökostrom zahlen, der in anderen EU-Mitgliedstaaten produziert wurde. Das geht aus dem Entwurf von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) für ein reformiertes ErneuerbareEnergien-Gesetz (EEG) vom 7. Dezember hervor. Insgesamt könnten demnächst „fünf Prozent der jährlich zu installierenden Leistung auch für Anlagen in anderen Mit62

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gliedstaaten offenstehen“, heißt es in dem gut 200 Seiten langen Entwurf. Die Bundesregierung will so offenbar die wachsende Kritik der EUKommission abmildern, ihre Förderpolitik zu wenig mit den europäischen Nachbarstaaten abzustimmen. Für deutsche Energieunternehmen wie etwa E.on könnte sich die geplante Reform positiv auswirken. Sie sind schon länger an Windkraftanlagen oder Solarparks in Nachbarstaaten beteiligt, obwohl es dafür bislang keine Subventionen aus Deutschland gab. fdo, gt

nicht. Die KEF hat vor allem den von der ARD angemeldeten Finanzbedarf nach unten korrigiert. Unter anderem strich sie knapp 130 Millionen Euro, die die ARD für die „Bestandssicherung“ ihres „audiovisuellen Erbes“ angesetzt hatte. Über eine mögliche Senkung des Beitrags entscheiden die Länder. In der bis Ende 2016 laufenden Gebührenperiode sind die Einnahmen von ARD, ZDF und Deutschlandradio erheblich gestiegen, da sich durch die Umstellung auf den Rundfunkbeitrag die Zahl der beitragszahlenden Haushalte erhöht hat. bra, mum

PAUL LANGROCK / ZENIT / LAIF

ARD und ZDF müssen in der kommenden Gebührenperiode mit weniger Geld auskommen, als sie in ihren Finanzplanungen verlangen. Statt einer Erhöhung des Rundfunkbeitrags, wie ihn die ARD gefordert hatte, würde die zuständige Kontrollkommission KEF die Abgabe am liebsten senken. Auf Grundlage ihrer vorläufigen Berechnungen wollen die Kontrolleure in der kommenden Woche eine Senkung um mindestens 30 Cent pro Monat und Beitragszahler vorschlagen, heißt es aus Kreisen der Prüfer und der Rundfunkanstalten. Einen Beschluss gibt es jedoch noch

Rotorblätter in Jütland


Abgastests

Brüssel kommt der Industrie entgegen Das EU-Parlament ist zu weitreichenden Kompromissen zugunsten der Autoindustrie bereit, um die schärferen Abgastests unter realen Verkehrsbedingungen noch dieses Jahr durchzusetzen. Konservative wie Sozialdemokraten wollen von 2017 an eine 2,1-fache Überschreitung des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerts beim Ausstoß von Stickoxiden akzeptieren, bis 2021 soll diese Überschreitung auf das 1,5-fache sinken.

Dies hatte der Umweltausschuss des EU-Parlaments noch im Dezember abgelehnt. Allerdings wollen die Sozialdemokraten ein fixes Datum im nächsten Jahrzehnt durchsetzen, ab dem die Autoindustrie die Abgasnormen einhalten muss. Um die Umweltpolitiker zu besänftigen, will die polnische EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska kommende Woche eine strengere Verordnung zur Autotypenzulassung verkünden. Das bisher in Deutschland zuständige Kraftfahrt-Bundesamt soll entmachtet werden. pau

BERND SETTNIK / DPA

Wirtschaft investigativ

Spohr mit Bord- und Cockpitpersonal

Lufthansa

KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Vorstand erhält schlechte Noten

Hatz

VW-Skandal

Comeback eines Porsche-Vorstands? Einer der Manager, die wegen der Dieselaffäre des VW-Konzerns beurlaubt sind, steht möglicherweise vor seiner Rückkehr: Der Aufsichtsrat des Konzerns will auf einer der nächsten Sitzungen prüfen, ob Wolfgang Hatz seine Position als Vorstand bei der Porsche AG wieder einnehmen kann. Hatz wurde beurlaubt, weil er von 2007 bis 2012 die Motorenentwicklung im VW-Konzern geleitet hatte. In dieser Zeit wurden

Güterverkehr

Die Langen kommen Die wegen ihrer Größe umstrittenen sogenannten LangLkw setzen sich in der Praxis immer mehr durch: Mit Brandenburg hat nun das 13. Bundesland beantragt, am Feld-

die Dieselmotoren mit der in den USA verbotenen Software eingeführt. Die Ermittlungen der Revision und der Anwaltskanzlei Jones Day haben nach Informationen von Insidern bislang keinen Hinweis geliefert, dass Hatz von dem Betrug wusste oder ihn anordnete. Porsche will nun klären lassen, ob Hatz seine Arbeit wiederaufnehmen könnte. Dagegen spricht, dass seine Rückkehr in den Vorstand in den USA als Zeichen dafür gewertet werden könnte, dass es der VWKonzern mit der Aufklärung nicht so genau nimmt. haw

versuch des Bundesverkehrsministeriums teilzunehmen. Damit sind bis auf Berlin, Rheinland-Pfalz und dem Saarland alle Länder auf die Linie von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingeschwenkt, auch SPD-geführte. Weitere Länder, da-

Nach der härtesten Streikwelle der Lufthansa-Geschichte ist auch das Vertrauen der Belegschaft in die Führung auf einen Tiefpunkt gesunken. Das geht aus einer konzernübergreifenden Mitarbeiterumfrage der Fluglinie hervor. In der vom Ausstand besonders stark betroffenen Passagiersparte gaben nur knapp 30 Prozent der Befragten an, dass sie sich mit den Unternehmenszielen identifizieren. Lediglich gut jeder Zehnte

Euro

würde Bekannten empfehlen, sich bei der Lufthansa zu bewerben. Auch fürchten nach Gründung des Billigablegers Eurowings zwei Drittel der Angestellten im Flugbetrieb um ihren Job. Noch alarmierender fiel das Urteil über den Vorstand aus. Nur fünf Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Konzernchef Carsten Spohr und seine Kollegen einen ehrlichen Umgang mit den Mitarbeitern pflegen. In fast 90 Prozent aller Rückmeldungen hieß es, der traditionelle Zusammenhalt der Belegschaft sei verloren gegangen. did

Die Troika aus EZB, EUKommission und Internationalem Währungsfonds will Griechenland bei den Kosten für seine Hilfskredite entlasten. Im Gespräch ist, dass der europäische Rettungsschirm ESM bilaterale Hilfskredite aus dem ersten Rettungspaket übernimmt und Griechen-

land im Gegenzug frisches Geld zu besseren Konditionen gewährt. Für die Hilfsgelder aus der ersten Rettungsrunde fallen in der Regel höhere Zinsen an. Am Schuldenstand Griechenlands würde sich nichts ändern, wohl aber an den Aufwendungen für Zins und Tilgung, so das Kalkül. Ob der Plan klappt, hängt jedoch davon ab, ob Griechenland seine Reformauflagen erfüllt. rei

runter das grün-rot regierte Baden-Württemberg, haben zusätzliche Strecken angemeldet. Auf Bundesebene versucht die SPD noch immer, die Gigaliner zu verhindern. Inzwischen beteiligen sich 51 Unternehmen mit 135 Lang-Lkw an dem Feld-

versuch. Das Streckennetz umfasst mehr als 10 000 Kilometer, der Großteil davon ist Autobahn. Dobrindt will den streckenbezogenen Regelbetrieb der Gigaliner genehmigen, sofern sich an seiner positiven Beurteilung ihres Einsatzes nichts mehr ändert. böl

Schuldentausch für Griechenland

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Zahlung per Smartphone An der Kasse

Die Datei wird an die Bank des Verkäufers weitergeleitet, die den Betrag dann einzieht.

Der Kunde hält sein Smartphone an ein Lesegerät. 9,9

9€

In einer verschlüsselten Datei schickt das Smartphone alle Angaben zum Geschäftsabschluss an das Lesegerät. Das Lesegerät empfängt einen Code, den die Kasse an die Bank des Kunden weiterleitet. Damit kann diese den Kunden identifizieren.

Falls das Konto nicht gesperrt ist, gibt die Bank die Transaktion frei.

Bank des Käufers

Der Kunde autorisiert die Zahlung, zum Beispiel über seinen Fingerabdruck oder eine Geheimzahl.

Unterwegs Produkte im Schaufenster oder Eintrittskarten können durch das Einscannen eines QR-Codes bestellt und bezahlt werden.

Zu Hause Mit dem Einscannen des QR-Codes einer Ware am PC erledigt die SmartphoneApp den kompletten Bestellund Bezahlvorgang.

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Bank des Verkäufers


Wirtschaft

Eine Welt ohne Bargeld Digitalisierung Das Smartphone wird zum Portemonnaie, Geld lässt sich per SMS verschicken, selbst die Währung könnte aus Algorithmen entstehen: Das Finanzgewerbe steht vor einem radikalen Umbruch. Werden Banken überflüssig? können die Händler und Kneipiers mit den eingenommenen Bitcoins wenig anfangen. Benutzt werden die Terminals bisher fast nur von dem Bitcoin-Unternehmer selbst und von Kollegen aus der Start-upSzene. Das Reisebüro um die Ecke hat zwar ein Terminal, doch das liege eingeschlossen im Safe, sagt eine Mitarbeiterin. Schwer vorstellbar, dass aus solch bescheidenen Anfängen eine große Revolution entsteht? Nicht für Chris Dixon. Er ist Partner bei Andreessen Horowitz, dem großen Wagniskapitalfinanzierer aus dem Silicon Valley, und auf Finanzthemen und Bitcoin spezialisiert. Geld sei „kein natürliches Element im Internet“, sagt Dixon, die bisherigen Bezahlsysteme wie Kreditkarten seien dafür ausgelegt, dass Transaktionen direkt zwischen zwei Personen stattfinden und nicht im virtuellen Raum – Zeit für etwas grundlegend Neues. Die neue Geldwelt hat viele Anhänger: libertäre Geister, die den Staat und zentrale Institutionen wie die Notenbanken zurückdrängen wollen, vor allem aber Investoren und Gründer, die gute Geschäfte wittern, wenn sie mit neuen Ideen das Finanzsystem umkrempeln. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Die Digitalisierung hat schon viele Branchen durchgeschüttelt, traditionsreiche Unter-

MARIO WEZEL

A

usgerechnet Hannover. Dass sich die Zukunft des Geldes nicht nur im Silicon Valley und in Peking oder Berlin, sondern auch hier besichtigen lässt, liegt an Ricardo Ferrer Rivero: einem jungen Mann, der in Venezuela zur Welt kam, in den USA zur Schule ging und in Deutschland studierte, wo er schließlich hängen blieb. Als sein Vater Geburtstag hatte, kaufte die Mutter in Caracas das Geschenk, Ferrer Rivero und seine Schwester, die in Madrid lebt, steuerten einen Anteil bei. „Früher wäre das kompliziert gewesen“, sagt Ferrer Rivero. „20 Euro zu überweisen hätte sich wegen der Gebühren nicht gelohnt und ewig gedauert.“ Heute ist das anders – es kann zumindest anders sein, wenn man, wie der Unternehmensgründer Ferrer Rivero in Hannover, über Bitcoins verfügt: eine virtuelle Währung, die aus Algorithmen entsteht. Geld, das nicht mehr greifbar und für viele auch nicht begreifbar ist. Bitcoins lassen sich per Mausklick um die Welt schicken, die Kosten sind vernachlässigbar, Banken braucht man dafür nicht, und Zentralbanken werden machtlos, weil sie die Geldmenge nicht mehr steuern können. Deshalb gibt es nicht wenige, die in sogenannten Kryptowährungen, die wie Bitcoin auf Verschlüsselungstechniken beruhen, die Zukunft des Geldes sehen – am Ende einer digitalen Revolution, die das gesamte Finanzsystem, wie wir es heute kennen, sprengt. Wie weit diese Utopie allerdings noch von der Realität entfernt ist, lässt sich ebenfalls in Hannover bei Ricardo Ferrer Rivero beobachten. Ende 2014 gründete er das Start-up Pey und sammelte von Investoren 300 000 Euro ein. Er entwickelte eine App und Bezahlterminals, die er aus Smartphones und Bauteilen aus dem 3-D-Drucker zusammenbaut. Pey überlässt diese Terminals kostenlos Laden- und Restaurantbesitzern rund um sein Büro im hannoverschen Stadtteil Linden, die können damit Zahlungen in Bitcoin annehmen. Gebühren fallen keine an, das macht Pey für die Einzelhändler interessant. Der Bezahlvorgang am PeyTerminal dauert nur wenige Sekunden, die Umrechnung in Euro übernimmt der Dienstleister BitPay. Denn solange die virtuelle Währung nicht weiter verbreitet ist,

Start-up-Gründer Ferrer Rivero Bauteile aus dem 3-D-Drucker

nehmen vernichtet und neue Konzerne hervorgebracht, sie hat unsere Wirtschaft und unseren Alltag grundlegend verändert. Wir informieren uns anders, wir konsumieren anders – und in Zukunft werden wir auch anders bezahlen. Warum sollte auch ausgerechnet das Geld, eine der frühesten Innovationen der Wirtschaftsgeschichte, von der digitalen Revolution verschont bleiben? Und warum sollte ausgerechnet unser Finanzsystem überleben, das seit der Renaissance von den Banken beherrscht wird? Wenig spricht dafür, denn die Nachteile des alten Systems sind unübersehbar: Es ist kompliziert und teuer, allein das Drucken und Verteilen des Bargelds kostet zig Milliarden, eine Überweisung über Landesgrenzen hinweg kann Tage dauern, bei jeder Transaktion greifen Banken und Kreditkartenkonzerne Gebühren ab, die große Zahl verschiedener Währungen verkompliziert und verteuert den Zahlungsverkehr zusätzlich. Insgesamt werden so die Volkswirtschaften mit mehreren Hundert Milliarden Euro pro Jahr belastet. Weniger klar ist allerdings, was an die Stelle des Alten treten wird. Sicher scheint zwar: Das Bargeld wird weitgehend aus unserem Alltag verschwinden. Bezahlt wird künftig mit dem Smartphone, es ersetzt das Portemonnaie und erledigt die Bankgeschäfte, Geld lässt sich schon jetzt wie eine E-Mail oder SMS in Echtzeit von einem Handy zum anderen schicken. Aber die große Frage ist, ob es beim sogenannten Mobile Payment bleiben wird – ob also nur der Zahlungsverkehr, das Bezahlen und das Überweisen, digitalisiert wird. Oder ob das Geld selbst durch Bits und Bytes ersetzt wird. Am Ende dieses Prozesses könnte dann ein ganz anderes, ein dezentrales Finanzsystem stehen, vielleicht sogar eine globale Währung wie Bitcoin, die auf Software basiert. Könnte – denn bis dahin ist es ein weiter Weg, auf dem viele Hindernisse zu überwinden sind, nicht zuletzt der Widerstand derer, die das heutige Geldsystem beherrschen, und das Misstrauen der Menschen, die am Vertrauten hängen. Besonders wenn es um ihr Erspartes geht. „Geld war nie eine rationale Angelegenheit“, sagt der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, der vor allem durch seinen fulminaten Essay „Das Gespenst des DER SPIEGEL 4 / 2016

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Wirtschaft

Kapitals“ über die Irrationalitäten des Fi- Geld ist rein virtuell, es kann so schnell nanzsystems bekannt wurde. „Es war im- verschwinden, wie es geschaffen wurde. „Bargeld ist in hoch entwickelten Volksmer mit Emotionen und Erregungen verwirtschaften weitgehend überflüssig“, sagt bunden.“ Der Philosoph Christoph Türcke spricht Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup. sogar von der „Magie des Geldes“, die er Der Zahlungsverkehr könne elektronisch auf dessen religiösen Ursprung zurück- effizienter abgewickelt werden. Er selbst führt. Er zieht eine Linie vom Menschen- benutze Bargeld praktisch nur noch, wenn opfer über das Tieropfer zur Opfermünze er Trinkgeld gebe, und das sei schließlich bis hin zum Papiergeld: „Die Opfer der zumindest in den USA Teil der SchattenFrühzeit wurden im Laufe vieler Jahrtau- wirtschaft, weil es in der Regel von den sende durch immer weniger schreckliche, Empfängern nicht versteuert werde. „Man sollte die Abschaffung des Bargelimmer erträglichere, immer kostengünstides forcieren“, findet Buiter. Die Schatgere Zahlungsmittel abgelöst.“ Ökonomen sehen das Geld und seine tenwirtschaft gedeihe auf der Basis von Geschichte nüchterner: als Tauschmittel, Bargeld. Dessen wichtigste Eigenschaft sei auf das sich die Menschen zur jeweiligen die Anonymität, Bargeld hinterlasse keine Zeit einigen konnten. Das konnten Steine Spuren. Gerade große Geldscheine würsein, Federn oder Muscheln, vor 2600 Jah- den deshalb vor allem von Kriminellen genutzt. Wie könne es sonst sein, dass ren gab es dann die ersten Münzen. Die Zahlungsmittel wurden im Laufe der 500-Euro-Noten etwa 30 Prozent des in Zeit zunehmend abstrakter. Im 16. Jahr- der Eurozone zirkulierenden Bargeldes hundert entstand das Papiergeld, unter an- ausmachen? „Ich jedenfalls habe noch nie derem aus Quittungen für eingelagertes eine 500-Euro-Note gesehen.“ Ein Verbot des Bargelds als Mittel der Gold. Im 18. und 19. Jahrhundert konnte man Münzen und Scheine noch in Gold Verbrechensbekämpfung? und Silber eintauschen, sie hatten also Bundesjustizminister Heiko Maas hält einen realen Gegenwert. Der verschwand, „von solchen Überlegungen gar nichts. Für als die Regierungen mehr Geld brauchten, mich wäre das eine geldpolitische Horroretwa um Kriege zu führen. vision“. Neben den Ausgaben würde auch Bargeld ist heute nichts anderes als be- das Verhalten und der Aufenthalt der drucktes Papier oder geprägtes Metall – Bürger registriert. „Im Zeitalter von Big verbunden mit dem Versprechen, dass Data würden wir bald zum Objekt der man etwas damit kaufen kann. Es besitzt Datenanalyse und zum gläsernen Kunden“, keinen eigenen Wert. warnte der SPD-Politiker beim JahresempWas die Sache noch komplizierter – und fang des Bundesverbandes deutscher Banabstrakter – macht: Geld ist heute viel ken (BdB) im April vergangenen Jahres. mehr als die Summe aller Scheine und Diese Bedenken sind berechtigt. Aber Münzen, es existiert zum größten Teil nur sie werden kaum verhindern, dass das Barin den Büchern der Banken, die es quasi geld weitgehend aus dem Alltag verschwinaus dem Nichts schaffen. Banken können det – ganz freiwillig. ein Vielfaches dessen verleihen, was ihre In manchen Ländern ist das schon heute Kunden ihnen anvertraut haben. Dieses Realität. Dort werden auch kleine Beträge

Geldschürfen

mit der Kreditkarte bezahlt. In Norwegen kann man schon heute Urlaub machen, ohne eine Krone anzufassen, in Dänemark gibt es sogar Pläne, den gesetzlichen Annahmezwang für Münzen und Banknoten teilweise aufzuheben. Die Kreditkarte ist nur eine Übergangslösung, bezahlt wird künftig mit dem Handy. Alle großen Internetkonzerne arbeiten an solchen Lösungen, sie sehen in der Digitalisierung des Bezahlens und dem Mobile Payment ein Riesengeschäft. Was für Maas eine Horrorvision ist, empfinden sie als Verheißung. Dabei geht es ihnen nicht nur um Daten, sondern auch um die Chance, die Nutzer noch enger an ihre Geräte und an ihre Software zu binden, wenn künftig neben der Kommunikation und dem Fotografieren auch noch das Bezahlen über das Smartphone läuft. Google und Apple, PayPal und Samsung haben bereits Hunderte Millionen Dollar in entsprechende Systeme und Apps investiert, die alle nach ähnlichem Prinzip funktionieren: Eine Kreditkarte wird auf dem Handy hinterlegt. Zum Bezahlen muss dann nicht mehr das Portemonnaie gezückt, sondern nur noch das Smartphone an einem entsprechenden Empfangsgerät an der Kasse vorbeigezogen werden. Bisher waren die Vorstöße der Internetkonzerne in die Bezahlwelt zwar wenig erfolgreich, die Verbraucher zücken weiterhin lieber die Kredit- oder die EC-Karte, als mit dem Handy zu bezahlen. Doch was hierzulande noch utopisch erscheint, gehört in manchen Regionen der Welt längst zum Alltag: In Afrika besitzen Millionen Menschen ein Handy, aber kein Konto, und nutzen mobile Geldtransferdienste wie M-Pesa.

4 Dabei werden etwa alle zehn Minuten in den Rechenzentren

Funktionsweise der Kryptowährung Bitcoin

mancher Teilnehmer (sogenannter Bitcoin-Schürfer oder „Miner“) die aktuellen Vorgänge zu Datenblöcken zusammengefasst. Die Schürfer werden für ihre Rechenleistung mit Bitcoins belohnt.

2

4

1 Die Bitcoin-Software erstellt für den Teilnehmer eine „Bitcoin-Adresse“, die als anonymes Konto fungiert.

5

2 Wer etwas überweisen will, gibt die

eigene Bitcoin-Adresse und die des Empfängers ein und „unterschreibt“ mit einem geheimen Privatschlüssel.

3 Alle Zahlungsvorgänge werden

automatisch überprüft, chronologisch erfasst und an einen schier endlosen Programmcode gehängt.

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Die Kette aller Datenblöcke bildet eine Art Grundbuch sämtlicher Zahlungsvorgänge („Blockchain“). Sie ist bei allen Teilnehmern im Bitcoin-Zahlungsverkehr hinterlegt. Eine Manipulation der Daten gilt so als ausgeschlossen. Das System benötigt jedoch immer mehr Rechenleistung. Es endet, wenn 21 Millionen Bitcoin an die Schürfer ausgeschüttet wurden.


JOE PULGIESE / AUGUST

M-Pesa-Kiosk in Nairobi: Millionen Menschen besitzen ein Handy, aber kein Konto

XINHUA / DDP IMAGES

Nirgendwo ist mobiles Bezahlen allerdings so verbreitet wie in China. „Etwa 70 Prozent aller Kunden zahlen inzwischen mit dem Telefon“, sagt der Pekinger Taxifahrer Zhang Hongmei. Am Rückspiegel über dem Taximeter baumelt eine Karte mit seinen Barcodes für die Zahldienste Alipay und WeChat Wallet: Der Kunde öffnet seine App, gibt den Betrag ein, dann scannt er Zhangs Code, und die Summe wird automatisch transferiert – vom Mobilguthaben des Kunden auf das von Zhang. Alipay, 2004 gegründet, ist mit 400 Millionen registrierten Nutzern und 60 Millionen Transaktionen pro Tag heute der weltgrößte mobile Bezahldienst. WeChat Wallet, erst 2014 eingeführt, zählt bereits 200 Millionen private und mehr als 400 000 kommerzielle Nutzer. Die beiden Apps bieten eine Fülle von Anwendungen: eine einfache Transferfunktion von Nutzer zu Nutzer, eine für die Strom-, Gas- oder Wasserrechnung, eine Funktion für kostenpflichtige Streamingdienste oder Onlinespiele, eine fürs Taxi, für Bahn- oder Flugtickets, für Kinos, Bars, Restaurants, Massagesalons – letztere immer gleichzeitig mit einer Reservierungsfunktion. Typisch chinesisch ist ein Dienst, dessen Icon stets in Rot dargestellt wird: Chinesen lieben es, sich zu den Feiertagen oder aus guter Laune einen „hongbao“, einen roten Umschlag, mit ein paar Geldscheinen zuzustecken, auch das geschieht inzwischen millionenfach mobil. Überall auf der Welt arbeiten Fintechs, wie die Start-ups des Finanzgewerbes genannt werden, an vergleichbaren Apps, mit deren Hilfe Geld schneller und billiger transferiert werden kann, beispielsweise von Handy zu Handy, einfach und schnell wie eine E-Mail und ganz ohne IBAN. Wenn sich solche und andere Finanz-Apps durchsetzen, werden die Banken zu reinen Infrastrukturbetreibern degradiert – vergleichbar denen der Telekom, die das Netz bereithalten, mit dem die Internetunternehmen ihre Gewinne machen, die dabei aber selbst kaum Geld verdienen. In den USA nutzen vor allem die unter 25-Jährigen sogenannte Peer-to-Peer-Zahlungssysteme, die Geldtransfers unter Freunden ermöglichen. Ohne Kontodaten oder Bankinformationen einzugeben, wird das Geld einfach per SMS oder Instant Message unter den Nutzern der App transferiert. So kann bei einem Abendessen einer bezahlen, und die anderen überweisen ihm sofort den jeweiligen Anteil. Venmo ist eines der beliebtesten dieser Angebote, es wurde inzwischen von Paypal, dem Pionier des Bezahlens im Internet, übernommen. Die Messaging-App Snapchat bietet dort ebenfalls Geldtransfers an. Und seit Frühsommer vergangenen Jahres können

Taxi-App in Peking: Nirgendwo ist mobiles Bezahlen weiter verbreitet als in China

Facebook-Nutzer in den USA über die ner gehörigen Portion Risikobereitschaft, Messenger-App des Unternehmens ihren wenn man sein Geld nicht nur in die EntFreunden nicht nur Nachrichten, sondern wicklung des Mobile Payment, sondern auch noch in Geschäfte mit der virtuellen auch Geld zukommen lassen. Die Internetkonzerne haben sich inzwi- Währung Bitcoin investiert. Wagniskapitalfinanzierer Marc Andreesschen darauf eingestellt, dass ein grundlegender Wandel des Bezahlverhaltens nicht sen von Andreessen Horowitz schreckt das über Nacht kommen wird. „Wir haben Ge- nicht. Er hat einen der ersten Internetduld, Google sieht das als ein langfristiges browser mitentwickelt. Er ist überzeugt: Projekt“, sagt Sherice Torres, Marketing- „Bitcoin bietet enorme Chancen, das Fichefin von Googles AndroidPay. „Aber ge- nanzsystem für das Internetzeitalter neu nauso wie die Menschen heute nicht mehr zu erfinden.“ Ausgerechnet Bitcoin, diese obskure ohne ihr Smartphone aus dem Haus gehen, werden sie sich in wenigen Jahren nicht Währung, die vor allem durch Skandale mehr daran erinnern können, dass sie ex- und extreme Kursschwankungen auffiel? tra einen Geldbeutel mit sich rumschlep- Die im Computer auf eine Weise entsteht, die kaum jemand begreift? Und der despen mussten, um zu bezahlen.“ Geduld werden sie alle brauchen, die halb das Wichtigste fehlt, was eine WähInternetkonzerne, die Start-ups und Ven- rung braucht: Vertrauen? Am 31. Oktober 2008, auf dem Höheture-Capital-Gesellschaften, die mit der Digitalisierung des Finanzgewerbes Geld punkt der Finanzkrise, veröffentlichte ein verdienen wollen. Und dazu bedarf es ei- gewisser Satoshi Nakamoto sein Konzept DER SPIEGEL 4 / 2016

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Wirtschaft

einer neuen virtuellen Währung. Seit Jah- radezu umzustürzen: Sie könnte einen gloren wird gerätselt, wer sich hinter diesem balen Standard setzen, das teure, ineffiPseudonym verbirgt. Vor wenigen Wochen ziente Klein-Klein der nationalen Währundachten einige Medien wieder einmal, sie gen überwinden, und sie ist zudem als hätten den ominösen Bitcoin-Erfinder ent- Tauschmittel unschlagbar günstig. Vor einiger Zeit veröffentlichte Antarnt, verdächtigt wurde der Australier Craig Steven Wright. Beweise aber gab es dreessen ein viel beachtetes Editorial in nicht, stattdessen mehrten sich die Zweifel der „New York Times“, in dem er die Kryptowährung als grundlegenden Sprung an dieser Darstellung. Nakamoto entwickelte ein kompliziertes in der Informatik beschrieb, vergleichbar Programm, mit dessen Hilfe Bitcoins am nur mit dem Durchbruch des PC 1975 und Computer geschaffen werden können. Die- dem Internet 1993. Entsprechend hat der ser Vorgang, „mining“ genannt, wird im- Wagniskapitalgeber erhebliche Summen mer aufwendiger, er bedarf immer größe- in Bitcoin-Start-ups investiert. Allen voran rer Rechnerleistungen, je mehr Bitcoins in eine Firma namens 21 Inc, die über „geschürft“ werden – bis es irgendwann 120 Millionen Dollar einsammelte, um unmöglich wird: Mehr als 21 Millionen Bit- „Bitcoin zu einem Mainstream-Produkt zu coins, so hat es Nakamoto festgelegt, wird machen“. Die digitale Welt braucht ein eigenes, es nie geben. Bitcoins können von Computer zu Com- auf sie zugeschnittenes Finanzsystem – dieputer übertragen werden, günstig, an- se Meinung ist im Silicon Valley weit veronym – und angeblich auch absolut sicher. breitet. Dass es bisher noch nicht weit geDafür sorgen aufwendige kryptografische diehen ist, hänge auch damit zusammen, Verfahren. Niemand kann nachvollziehen, dass „die besten Unternehmer und Ingewer hinter einer Zahlung steckt. Der Kurs nieure noch nicht an Bitcoin-Ideen arbeider Währung bildet sich allein aufgrund ten, sondern weiterhin auf Smartphonevon Angebot und Nachfrage, keine zen- Anwendungen fixiert sind“, sagt Andreestrale Institution, keine Regierung und kei- sens Partner Dixon. Doch das ändere sich ne Zentralbank kann eingreifen, wenn der langsam, und wenn sich erst einmal eine Flut von Tausenden Entwicklern auf die Wert verfällt. Zunächst war es nur eine kleine, ver- Kryptowährung stürze, „dann wird alles schworene Gemeinschaft, die Bitcoins ganz schnell gehen“. Explosionsartige Durchbrüche waren schürfte, es folgte, was die Journalisten Michael Casey und Paul Vigna in ihrem Buch auch schon bei anderen digitalen Modellen „Cryptocurrency. Wie virtuelles Geld un- zu beobachten. Sie treten meist dann auf, sere Gesellschaft verändert“ die „Wildwest- wenn Netzwerkeffekte zum Tragen komphase“ nennen: Hacker verschafften sich men: Je mehr Menschen Bitcoin nutzen, Zugang zu Bitcoin-Handelsplätzen, Dro- desto lohnenswerter ist die Kryptowähgenhändler nutzten die anonyme Währung rung für jeden Nutzer und umso größer für ihre Geschäfte, und Spekulanten trie- ist dann wiederum der Anreiz für neue ben den Kurs in aberwitzige Höhen, von Nutzer. So haben sich auch schon Facewo aus er dann spektakulär abstürzte. Der book oder Airbnb durchgesetzt. Die Technologieexperten im Silicon ValRuf war ruiniert. Doch dann entdeckten, von der Öffent- ley sind fasziniert von den weitreichenlichkeit weitgehend unbeachtet, Gründer den Möglichkeiten, die programmierbares und Wagniskapitalgeber Bitcoin. Denn die Geld bietet. Bitcoin lässt sich etwa proKryptowährung hat das Zeug, das Finanz- blemlos in kleinste Einheiten teilen. Dasystem nicht nur zu erneuern, sondern ge- durch können auch Minibeträge übertra-

gen werden, zum Beispiel der Bitcoin-Gegenwert von 50 Cent für einen Onlineartikel oder 20 Cent für das Ansehen eines kurzen Videos. Bislang konnte sich trotz vieler Bemühungen kein massentaugliches System für solche Micro-Payments im Internet durchsetzen. Große Anwendungsmöglichkeiten sehen die Bitcoin-Befürworter zudem bei den Milliarden Menschen in Schwellenund Entwicklungsländern, für die traditionelle Bankdienstleistungen oft teuer oder schwer zugänglich sind. Laut Weltbank schicken Migranten aus Entwicklungsländern jedes Jahr über 400 Milliarden Dollar an Familienangehörige in ihre Heimat, sie müssen dabei rund acht Prozent an Gebühren für jeden internationalen Geldtransfer zahlen. Start-ups wie Bitbond oder BTCjam vermitteln Mikrokredite, für die kein Konto, sondern nur ein Smartphone benötigt wird. Dixon glaubt, dass es so auch erheblich einfacher wird, in kleine Dienstleister in Asien oder Afrika zu investieren. So wie andere Fintech-Start-ups nutzen auch viele Bitcoin-Unternehmen letztlich Nischen, in denen die etablierte Finanzindustrie ineffizient, umständlich und teuer ist. Oder gar nicht verfügbar. Auf das Aufspüren solcher Nischen hat sich Jörg von Minckwitz spezialisiert. Er ist einer der Väter der jungen Berliner Bitcoin-Szene. Im Room77, einer Kneipe in Kreuzberg, traf man sich 2011 zum BitcoinStammtisch. Viele Geschäftsideen rund um den Bitcoin sind im Schummerlicht des Room77 entstanden, und bei vielen hatte Minckwitz seine Finger im Spiel. Den Durchbruch brachte All4btc, ein Angebot, das im Wesentlichen darin besteht, Bitcoin-Zahlern den Kauf von Produkten bei Onlinehändlern wie Amazon, Ebay oder Alibaba zu ermöglichen. „Der Kunde gibt bei All4btc beispielsweise seine Amazon-Bestellung ab und bezahlt in Bitcoin, wir reichen die Bestellung gegen zwei Prozent Gebühr an Amazon weiter und

Die Geschichte der Zahlungsmittel vor 8000 Jahren

vor 3500 Jahren

vor 2600 Jahren

vor rund 1000 Jahren

Naturalgeld Ein wertvolles und seltenes Gut wird als allgemeines Tauschmittel verwendet, z. B. Muscheln, Vieh, Salz oder Kakaobohnen.

Hack- oder Wägegeld Die Menschen benutzen Metalle wie Kupfer, Silber oder Gold zum Bezahlen. Dies sind keine Münzen, sondern Barren, Stifte, Ringe oder Drähte, von denen ein Stück abgehackt und gewogen wird.

Münzgeld

Erstes Papiergeld

Im Königreich Lydien, in der heutigen Westtürkei, werden die ersten Münzen aus Metall geprägt. Sie bestehen aus einer GoldSilber-Legierung, haben ein bestimmtes Gewicht und ein aufgeprägtes Bild.

Chinesische Kaufleute erfinden das erste Papiergeld. Weil Herrscher zu viele Scheine drucken, kommt es immer wieder zu Inflationen. Europa erfährt im 13. Jahrhundert aus den Reiseberichten von Marco Polo von chinesischem Papiergeld.

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Internetinvestor Andreessen „Das Finanzsystem neu erfinden“

ternet den Datenverkehr verändern wird“, so der Coinbase-Gründer. „Uber oder Ebay konnte sich damals auch noch niemand vorstellen.“ Bisher jedenfalls stößt die neue Währung noch auf breite Skepsis: Sie wirke deflationär und würge am Ende die Wirtschaft ab, weil ihre Menge begrenzt sei, sagen Kritiker. Allerdings gibt es inzwischen mehrere Kryptowährungen, gut möglich, dass sich am Ende eine andere durchsetzt oder mehrere nebeneinander existieren. Andere Kritiker warnen vor Hackerangriffen. Auch schrecken die extremen Kursschwankungen. Der jüngste Kurssturz von 450 auf 360 Dollar wurde von dem langjährigen Bitcoin-Entwickler Mike Hearn ausgelöst, der in einem Blogpost die Kryptowährung kurzerhand für tot erklärte. Hintergrund ist ein Streit innerhalb der Bitcoin-Community über die Schwächen des Systems, das der zunehmenden Zahl der Transaktionen offenbar nicht mehr gewachsen ist. Auf weit mehr Zustimmung als die digitale Währung selbst stößt auch in der traditionellen Finanzindustrie das Prinzip der Besitzübertragung, das hinter Bitcoin steckt;

es lässt sich nämlich nicht nur auf Geld, sondern auch auf alle anderen Wertgegenstände anwenden: Aktien, Anleihen oder Immobilien und andere materielle Güter. Das Wunderwerkzeug, das auch nach Ansicht nüchterner Banker die Finanzwelt revolutionieren könnte, heißt „blockchain“, zu Deutsch: Blockkette. Wechselt ein Bitcoin, beispielsweise per Fingerzeig auf dem Smartphone, den Besitzer, dann wird im Hintergrund die schier endlose Kette eines Programmcodes fortgeschrieben. Sie hält in einer Art Grundbuch in geschützter Form den Zeitpunkt und die Teilnehmer jeder einzelnen Transaktion fest, bei der Bitcoins von einer digitalen Geldbörse zur anderen übergehen. Das Grundbuch mit all diesen Informationen liegt identisch auf sämtlichen Computern vor, die am Bitcoin-Handel beteiligt sind. Und jedes neue Bitcoin-Geschäft kommt nur zustande, wenn das Netzwerk es über einen Algorithmus als legitim bestätigt und sicherstellt, dass nicht der gleiche Bitcoin von einem Marktteilnehmer ein zweites Mal ausgegeben wird. Man kann sich die Blockkette auch als eine Vertragstechnik vorstellen, die keine dritte Person oder Institution braucht, um zu verifizieren, ob beide an dem Geschäft beteiligten Parteien die vereinbarten Voraussetzungen erfüllen. Notare beim Hauskauf oder Clearing-Häuser beim Wertpapierhandel könnten demnach überflüssig werden. Außerdem lassen sich mithilfe der Blockkette Verträge so gestalten, dass Vertragsbrüche automatisch sanktioniert werden können. Zahlt beispielsweise ein Autokäufer eine fällige Kreditrate nicht, würde dies von dem elektronisch geschlossenen Vertrag registriert. Die Nutzung des mit dem Kredit erworbenen Fahrzeugs könnte automatisch blockiert werden. Für die Finanzkonzerne ist die Blockkette Bedrohung und Chance zugleich. Sie laufen schon beim mobilen Bezahlen Gefahr, auf die Rolle des Abwicklers im Hintergrund

1644

19. Jahrhundert

1950

1994

heute

Erste Banknoten in Europa

Papiergeld

Kreditkarten Einführung der ersten Kundenkreditkarte für bargeldlose Zahlungen

Onlinebanking

Buchgeld

Durchbruch in Europa

In Schweden werden Kupferplatten als Geld geprägt. Diese sind jedoch ziemlich unhandlich und rund 20 Kilogramm schwer. Man kann die Platten bei der privaten Bank Stockholms Banco hinterlegen und bekommt

eine Art Quittung dafür. Mit dieser können die Menschen bezahlen oder sie jederzeit wieder gegen die schweren Kupferplatten eintauschen. Diese Zettel gelten als die ersten Banknoten in Europa.

für Privatpersonen wird eingeführt.

R. KOENIG / PICTURE-ALLIANCE; ALAMY / MAURITIUS IMAGES; UWE NIEHUUS

JOE PULGIESE / AUGUST

bezahlen in Euro“, erklärt Minckwitz. Die Kunden sind oft junge, technikaffine Großstädter aus Osteuropa, aber auch arabische Frauen, die kein Bankkonto haben und somit Onlinebezahldienste wie Paypal nicht nutzen können. Mittlerweile setzen Minckwitz und seine Mitgründer mit Diensten wie All4btc und Bitwala fünf bis zehn Millionen Euro im Jahr um, sie können von den Projekten leben. Das Berliner Beispiel zeigt, wie sich Kunden durch Bitcoin von Banken unabhängig machen können – aber auch, an welche Grenzen sie noch stoßen, weil sie Bitcoin immer noch in andere Währungen umtauschen müssen. Die Bitcoin-Anhänger im Silicon Valley denken in anderen Dimensionen, Andreessen Horowitz hat allein 50 Millionen Dollar in Coinbase investiert, die bisher größte Bitcoin-Börse. Coinbase-Gründer Fred Ehrsam, 27, arbeitete für die Investmentbank Goldman Sachs im Währungshandel und war dabei zunehmend frustriert von den vielen Problemen und Hürden des internationalen Zahlungsverkehrs. In Bitcoin dagegen glaubt Ehrsam „die wichtigste Technologie der nächsten 15 Jahre gefunden zu haben“, mit der die Grundlagen für eine eigenständige Internetökonomie geschaffen werden. Finanzdienstleistungen seien künftig „nur noch ein Softwareproblem“. Neben der Bitcoin-Börse bietet Coinbase eine „Bitcoin Wallet“ an, in der Kunden die Währung quasi wie auf einem Konto aufbewahren können, und eine Programmierschnittstelle, mit der Softwareingenieure neue Apps entwickeln können. Das könnte sich am Ende noch als wichtigstes Produkt herausstellen, denn noch sind im Silicon Valley alle auf der Suche nach der „Killer-App“, der einen Schlüsselanwendung, die Bitcoin in den Mainstream katapultiert. Wie diese Anwendung aussehen soll, weiß auch Ehrsam nicht. „Das ist genau so, als hätte man 1992 gefragt, wie das In-

Heute besteht nur noch ein kleiner Teil des umlaufenden Geldes aus Münzen und Scheinen. Das „stofflose“ Buchgeld, das nur von Konto zu Konto bewegt wird, hat sich durchgesetzt.

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DAN MONICK / CORBIS OUTLINE

Coinbase-Gründer Ehrsam, Brian Armstrong: „Die wichtigste Technologie der nächsten 15 Jahre“

reduziert zu werden. Wenn nun auch noch herkömmliche Währungen, Aktien, Anleihen, ja selbst komplizierteste Derivate dezentral den Besitzer wechseln könnten – wozu braucht man dann noch Banken? Andererseits bietet die Blockkette den Banken auch die Chance, eines ihrer größten Probleme zu lösen: die zu hohen Kosten. Spaniens Marktführer Santander schätzt, die Blockchain-Technologie könnte den Banken bis 2022 helfen, jährlich 15 bis 20 Milliarden Euro einzusparen. „Banken werden nur erfolgreich sein, wenn sie sich öffnen und Teil des Ökosystems werden, das die Finanzwelt von morgen entwirft“, sagt Oliver Bussmann, Chief Information Officer der UBS. 2013 wechselte er vom deutschen Softwareriesen SAP ins Finanzgeschäft, um die größte Schweizer Bank fit für die Zukunft zu machen. „Eine Bank, die heute versteht, wie man die Blockchain einsetzen kann, wird morgen zu den Gewinnern zählen“, sagt Bussmann. Als Bank könne die UBS mithilfe dieser Technik schneller an den Finanzmärkten agieren, die Kosten und das Handelsrisiko mit Wertpapieren reduzieren. Geht die Rechnung auf, brauchen Banken in einer solchen Welt auch weniger Kapital, um Risiken abzusichern. Die Puristen in der Fintech-Szene werfen den Banken vor, die Blockkette für ihre Interessen vereinnahmen zu wollen, um ihre Macht zu bewahren. Das aber laufe der Idee einer dezentral organisierten Finanzwelt zuwider. In dieser Welt, so die Bitcoin-Ideologen, sind Banken ebenso überflüssig wie Zentralbanken. Sie träumen von einer Entstaatlichung des Geldes, wie es der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek 1976 forderte. Hayek schlug ei70

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nen freien Wettbewerb privater Währungen vor: Das bessere Geld setzt sich durch, das schlechtere wird verdrängt. Eine staatsfreie Gesellschaft – das war auch der Traum der kleinen Gruppe anarchistischer Computernerds, die die BitcoinBewegung gründeten. Im Silicon Valley ist diese libertäre Ideologie weit verbreitet. Eine Kryptowährung, unabhängig von Zentralbanken und anderen staatlichen Einflüssen, wäre ein großer Schritt zur Erfüllung ihrer politischen Visionen. Das genaue Gegenteil wollen Ökonomen wie der Harvard-Professor Kenneth Rogoff und das Mitglied des Sachverständigenrats Peter Bofinger: Sie fordern die Abschaffung des Bargelds, um die Macht der Zentralbanken zu stärken. Die versuchen seit Jahren, mit historisch niedrigen Zinsen die Wirtschaft anzukurbeln – mit mäßigem Erfolg. Gäbe es kein Bargeld mehr, könnten die Notenbanken die Bürger durch Strafzinsen zwingen, noch mehr zu konsumieren. „Doch solange die Kunden die Möglichkeit haben, auf Bargeld auszuweichen, können Zentralbanken mit Negativzinsen nicht viel erreichen“, erklärt der Citigroup-Chefökonom Buiter. Anstatt das Geld auszugeben, würden die Leute es zu Hause in bar horten und darauf warten, dass die Preise weiter fallen. „Das ist eine künstliche und sehr teure Einschränkung der Geldpolitik“, findet Buiter. Sie zwinge Zentralbanken, verrückte und gefährliche Dinge zu tun, etwa Staatsanleihen und andere Wertpapiere zu kaufen und so ihre Bilanzen aufzublähen. „Diese Art, Geldpolitik zu betreiben, hat viele negative Nebeneffekte.“ Die Bürger fürchten dagegen eher die Nebeneffekte niedriger oder gar negativer Zinsen: Die entwerten ihre Ersparnisse.

Und so treffen sich erstaunlicherweise die Interessen der konservativen Bargeldliebhaber mit denen fortschrittsgläubiger Bitcoin-Anhänger. Beide Gruppen wollen frei sein, unabhängig von der Kontrolle und Willkür, die Staaten und Regierungen ausüben. Welche Technik und welche Ideologie werden sich am Ende durchsetzen? Wahrscheinlich wird das Finanzsystem der Zukunft aus vielen Elementen bestehen: aus den Bezahlsystemen der großen Internetkonzerne, den Apps der Fintechs, die auf der Infrastruktur der Banken aufbauen, und Kryptowährungen wie Bitcoin. Das Bezahlen als eigenständiger Akt wird sich auflösen, prophezeit André M. Bajorat, Chef und Gründer der FintechFirma Figo. „Wir werden mehr und mehr in Prozessen bezahlen“, sagt Bajorat. Seine Zukunftsvision: Der Kunde wird bereits am Eingang des Supermarktes über sein Smartphone identifiziert. Die Waren werden automatisch gescannt, sobald er sie in den Einkaufswagen legt. Und ebenso automatisch wird die Rechnung beim Rausgehen abgebucht. Der Kunde braucht kein Bargeld und keine Karte, er muss nicht einmal sein Handy zücken. Alles geht automatisch – wenn denn die Menschen bereit sein werden, den Zugriff auf ihr Geld Maschinen zu überlassen. Und den Zugriff auf all ihre Daten den Internetkonzernen. „Die Kaufentscheidungen werden immer kürzer und unspürbarer gemacht“, sagt der Finanzmarktkritiker Vogl, er warnt vor der „Erzeugung eines idealen Wirtschaftssubjekts, das immer einfacher und schmerzloser konsumiert“. Dennoch scheint der Weg in die Welt ohne Bargeld unaufhaltsam. Unwahrscheinlich aber, dass dabei, wie manche Netzutopisten träumen, die herkömmlichen Währungen verschwinden werden. Die Staaten werden kaum zulassen, dass die Zentralbanken die Macht über das Geld verlieren. Sie werden sich auch weiter das Recht nehmen, die Finanzmärkte zu regulieren – und entscheiden auf diese Weise mit, wie weit der Triumphzug der Geldrevolutionäre führt. Vielleicht werden die Notenbanken sogar eines Tages ihr eigenes virtuelles Geld erzeugen – und der Revolution von unten die Revolution von oben entgegensetzen. Dann hätten sie ihre Macht sogar noch ausgebaut. Und schließlich haben auch die Verbraucher ein Wörtchen mitzureden. Sie müssen entscheiden, welche Form von Geld ihnen sicher erscheint. Geld kann man zwar auch virtuell erzeugen. Vertrauen nicht. Wiebke Harms, Martin Hesse, Armin Mahler, Thomas Schulz, Bernhard Zand Mail: martin.hesse@spiegel.de


Wirtschaft

Die Multikrise

Analyse An den Börsen wächst die Angst vor dem Crash. Warum sich die Risiken der Weltwirtschaft häufen – und gegenseitig verstärken. Von Armin Mahler

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enn es stimmt, dass die ersten Börsentage den Trend für das ganze Jahr vorgeben, dann steht den Aktionären, aber auch der Weltwirtschaft 2016 Schlimmes bevor: Schlechter ist der Deutsche Aktienindex noch nie gestartet, und auch an der Wall Street brachen die Kurse in den ersten Wochen um knapp zehn Prozent ein, nicht einmal 2008 begann das Börsenjahr so schlecht. Damals folgten: die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die Finanzkrise, ein Börsencrash, eine weltweite Rezession. Es gibt viele, die Parallelen zwischen 2008 und 2016 ziehen. George Soros, der Altmeister der Spekulation, warnt: „Die globalen Märkte stehen am Rande einer Krise.“ Andrew Roberts, Chefanalyst für Europa bei der Royal Bank of Scotland, rät, alle Aktien zu verkaufen. Albert Edwards, Anlagestratege der Société Générale, glaubt, dass die Kurse an der Wall Street um weitere 60 Prozent einbrechen. Dass so viele einen Crash prophezeien, heißt nicht, dass der kurz bevorsteht. Und fallende Aktienkurse sind noch lange kein Indiz für eine bevorstehende Weltwirtschaftskrise. Aber als Stimmungsbarometer taugen die Kursstürze allemal. Die Stimmung ist schlecht, die Börsianer reagieren zunehmend nervös. Und das hat gute Gründe, denn die Welt steht 2016 vor einer Fülle von Risiken, wirtschaftStand: 21. Januar lichen wie politischen, jedes von ihnen Quelle: Thomson Reuters Datastream vermag einen Dominoeffekt auszulösen, der die Weltwirtschaft tatsächlich zum Kippen bringen kann. Dass in der Weltwirtschaft alles mit allem zusammenhängt, ist eine Binse, aber nie war sie so wahr – und so gefährlich – wie heute. Der Zustrom der Flüchtlinge nach Europa, der Absturz der Rohstoffpreise, Chinas schwächelnde Wirtschaft, Geldschwemme und Terrorgefahr – das alles sind Ereignisse, die, jedes für sich, schon schwer genug zu bewältigen sind. Aber sie sind nicht isoliert, sie sind verbunden über Waren- und Finanzströme, über Währungen und Wechselkurse, über Anleger, die um ihr Geld fürchten, und Schuldner, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Ausgelöst wurde das aktuelle Börsenbeben von China schon im Sommer vergangenen Jahres. Das Land wertete seine Währung ab, die Aktienkurse brachen ein, zuerst in China, wo die Regierung den Börsenboom zuvor mit entfacht hatte, dann im Rest der Welt. Doch warum ist China so gefährlich? Das Land hat nur noch 6,9 Prozent Wachstum? So what! (Wenn denn diese offizielle Zahl wirklich stimmt.) Eine so große Volkswirtschaft kann nicht dauerhaft zweistellig zulegen. Gefährlich wäre eine solche Normalisierung nicht, gefährlich ist, dass der Boom in der Vergangenheit künstlich angeheizt wurde,

durch Schulden. So entstanden Stahl- und Zementfabriken, die keiner mehr braucht, und Hochhäuser, die leer stehen. Diese Blase droht nun unkontrolliert zu platzen, ähnlich wie in der Subprime-Krise, die zur Lehman-Pleite führte – und deren Folgen Chinas Regierung durch ihr 584 Milliarden Dollar schweres Investitionsprogramm zu bekämpfen versuchte. So gesehen ist die neue Krise gar keine neue Krise, sondern die Fortsetzung der alten. Seit Lehman hat sich die Wirtschaft nie wirklich erholt. Verzweifelt drückten Notenbanken und Regierungen immer noch mehr Geld ins System. Mit mäßigem Erfolg: Die Schulden stiegen schneller als das Wachstum. Aber mit gewaltigen Risiken: Jeder Schock kann ein neues Beben auslösen. Der Ölpreis könnte solch ein Auslöser sein, er fällt nach wie vor ungebremst – auch weil die Weltwirtschaft schwächelt, allen voran China und die mit der chinesischen Volkswirtschaft eng verbundenen Schwellenländer. Die US-Banken Morgan Stanley und Goldman Sachs sehen den Ölpreis schon auf 20 Dollar pro Barrel absacken. Die amerikaniVerlust seit sche Fracking-Industrie müsste Mil1. Januar liarden abschreiben, die US-Banken Dow Jones haben angeblich bereits hohe Rück–9,5% stellungen gebildet. Ein so niedriger Ölpreis würde zuDax dem Löcher in die Staatshaushalte der –12,6% Golfstaaten reißen, sie müssten ihr Shanghai riesiges Vermögen liquidieren, wahrComposite scheinlich auch Beteiligungen an west–15,9% lichen Unternehmen verkaufen, was wiederum deren Aktienkurse abstürzen ließe. Russland, ebenfalls auf den Export von Öl und Gas angewiesen, ist jetzt schon ökonomisch schwer angeschlagen, der Rubel fiel am Mittwoch auf ein Rekordtief. Und was passiert, wenn Europa das Flüchtlingsproblem nicht in den Griff bekommt? Wenn wieder Grenzzäune gezogen werden? Wenn Hunderttausende Flüchtlinge dann in Griechenland stranden und nicht mehr weiterkönnen? Eine neue Eurokrise wäre unausweichlich, ein Auseinanderbrechen des Euro möglich. Das alles sind Befürchtungen, keine Fakten. So kann, so muss es aber nicht kommen. Die Optimisten halten dagegen: Sie glauben, dass China den notwendigen Umbau seiner schuldengetriebenen Investitionswirtschaft in eine konsum- und dienstleistungsorientierte Wirtschaft ohne große Verwerfungen managen kann. Sie setzen darauf, dass die Öl exportierenden Länder es schaffen, die Produktion zu drosseln, und dass der Ölpreis dann im Laufe des Jahres wieder auf 40 bis 50 Dollar steigt. Sie sind überzeugt, dass die Länder Europas die Einheit des Kontinents nicht aufs Spiel setzen werden. Es gibt sie, diese Optimisten. Immer noch. Aber, gemessen an den Börsenkursen, wird ihre Zahl von Tag zu Tag kleiner. I DER SPIEGEL 4 / 2016

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VW-Präsentation auf der Detroit Motor Show am 11. Januar

Bewusste Verschleierung Dieselskandal Ein Hacker aus Lübeck hat die Motorsoftware von Volkswagen geknackt und die betrügerischen Zeilen im Code identifiziert. Nun will er Motoren anderer Hersteller untersuchen.

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er schwarze VW-Sharan kroch durch die nächtlichen Straßen von Lübeck, als ob sein Fahrer nicht ganz bei der Sache wäre. Schläfrig. Oder betrunken. Doch das Gegenteil war der Fall. Selten war Felix Domke konzentrierter als bei diesen Fahrten im Schneckentempo. Hellwach saß er hinter dem Steuer – um ja keinen Fehler zu machen. Er wollte sein eigenes Auto überführen, eines jener Modelle, in deren Motor der Volkswagen-Konzern die berühmt-berüchtigte Schummelsoftware verbaut hatte. Mit seinem seltsamen Fahrstil folgte er den EU-Vorgaben für Abgastests. Domke wollte genauer wissen, was da in seinem Fahrzeug vor sich geht. In der Motorsteuerung. In den Tiefen des Programms. Er wollte exakt jene Zeilen finden, mit denen VW den Betrug begangen hat, über den seit September vorigen Jahres der größte europäische Autokonzern in seine bisher schwerste Krise gestürzt ist. Während der nächtlichen Fahrten durch Lübeck starrte Domke immer wieder auf sein Notebook auf dem Beifahrersitz – das er durch ein Kabel mit einer Box im Motorraum verbunden hatte. Dieses Bauteil ist in etwa so groß wie ein Hardcover-Buch und 72

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heißt in der Fachsprache Engine Electronic Control Unit (ECU), also Motorsteuerung. Domke ist Softwareentwickler und hat sich als ethischer Hacker einen Namen gemacht – als einer, der Schwachstellen findet, Firmen und Nutzer darauf hinweist. Auch in diesem Fall ist er inzwischen sicher, mit seiner technischen Detektivarbeit erfolgreich gewesen zu sein. Er hat die Box geknackt und die Routinen ausgemacht, die erkennen, ob sich der Sharan auf einem Prüfstand befindet, und dann für eine intensivere Abgasnachbehandlung sorgen. Damit ist Domke einer der wenigen außerhalb der Herstellerszene, die genau wissen, wo und wie der Betrug bei diesem Modell funktioniert hat. Er ist damit ein gefährlicher Mann – vor allem, wenn es weitere Hersteller geben sollte, die bei ihren Motoren ähnliche Softwaretricks angewendet haben. Domke hat jetzt einen Schlüssel in der Hand, um nachzuweisen, was alle Konzerne bestreiten, mancher unabhängige Experte aber für wahrscheinlich hält: dass Schummeln in der Branche weitverbreitet ist. „Es gibt eine ganze Reihe von Modellen anderer Hersteller, in denen sehr ähnliche Steuerungen verbaut sind“, sagt Domke. Er würde sich nun gern alle in Ruhe anse-

hen, aber das ist ein zeitraubendes, juristisch heikles und teures Unterfangen. Die Autohersteller blockieren schon seit Jahren jeden externen Einblick in ihre Motorbetriebssysteme und verweisen auf Copyright und Geschäftsgeheimnis. „Die geltenden Bestimmungen schützen diejenigen, die manipulieren, eine unabhängige Kontrolle findet nicht statt“, sagt Domke. Er misstraut den offiziellen Aufklärungsbemühungen. Die von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) einberufene Kommission hat zwar auch bei Fahrzeugen anderer Hersteller einen deutlich erhöhten Ausstoß giftiger Stickoxide gemessen. Gerade diskutiert das Ministerium mit den Unternehmen, wie es dazu kommen konnte. Doch Domke befürchtet, „dass die Beamten sich mit fadenscheinigen Erklärungen abspeisen lassen“. Er muss also irgendwie selbst ran. Für die These, dass Volkswagen mit seinen Manipulationen nicht allein steht, gibt es zumindest Verdachtsmomente. In Frankreich etwa geriet gerade Renault in Erklärungsnot. Die Abgaswerte einiger Modelle waren deutlich zu hoch, es gab Razzien, der Börsenkurs brach zeitweise um 20 Prozent ein. Die französische Regie-


Wirtschaft

zeichnung „Akustikfunktion“ – eine „bewusste Verschleierung“, wie er glaubt. Akustikfunktion war also wohl der Deckname für jene Routine, die erkennt, dass sich sein Sharan auf dem Prüfstand befindet – und die in diesem seltenen Sonderfall auf das Standardmodell der Abgasnachbehandlung, das regelkonforme, umschaltet. Ansonsten läuft sie nahezu immer im „alternative model“, also im „Alternativmodell“ – dem Schummelmodus. Auf einem Prüfstand bestätigte sich Domkes Verdacht. Einen Vormittag lang ahmte er mit seinem Sharan den Testzyklus nach, und sein Familienauto aktivierte jedes Mal die betrügerische Akustikfunktion. Kurz vor Silvester reiste Domke nach Hamburg zur Konferenz des Chaos Computer Clubs. Er hatte sich zunächst nicht für einen Vortrag angemeldet, aber Daniel Lange, ein ehemaliger BMW-IT-Experte, der einen anderen Beitrag über die Affäre vorbereitet hatte, teilte seinen Slot mit ihm.

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rung versicherte dennoch schnell, ein Betrug wie bei VW liege nicht vor, die Software sei sauber, angeblich liegen die fatalen Messwerte daran, dass die Motoren erst bei Außentemperaturen ab 17 Grad die Gesetzesvorgaben einhalten. Doch wie unabhängig agiert der französische Staat wirklich, der an Renault genauso beteiligt ist wie Niedersachsen an VW? „Es gibt massive Interessenallianzen“, sagt Domke, „und viel zu wenig unabhängigen Sachverstand.“ Diese Leerstelle wollte Domke im Herbst füllen. Es ist ja nicht sein erster Erfolg auf diesem Gebiet. Vor Jahren schon fand er zusammen mit einem Kollegen eine Schwachstelle in einer der weltweit beliebtesten Spielekonsolen. Sie konnten tief ins System vordringen und eigene Software aufspielen. Domke und sein Kompagnon machten mit ihrem Hack international Schlagzeilen. Sogar im HollywoodFilm „The Fifth Estate“ sind sie verewigt. Sie hatten den Hersteller vorab informiert, bevor sie ihre Methode auf Hackerkonferenzen vorstellten, „responsible disclosure“ nennt sich das Verfahren. Der Spielkonsolenproduzent schloss die Lücke – und engagierte Domke. Heute arbeitet er als Softwareentwickler für den Konzern. Die Volkswagen-Geschichte habe ihn von Anfang an elektrisiert, erzählt Domke in einem Lübecker Café. Ihn reizten die spärlichen Informationen, die Volkswagen zu seiner „Schummelsoftware“ herausgab, und das Wissen, dass er in der Lage wäre, anhand der Software mehr herauszufinden. Es gab auch noch ein persönliches Motiv, das hat er gegenüber geparkt. Es ist der schwarze VW-Sharan, das Auto der Familie Domke, eines der elf Millionen betroffenen Fahrzeuge. „Ein Glücksfall“, sagt er. So hatte er einen Verdächtigen in der eigenen Garage – und konnte bei seinen Nachtfahrten das Motorsteuergerät auf Herz und Nieren testen. Zusätzlich ersteigerte Domke ein weiteres Modell der Motorsteuerung auf Ebay, für 150 Euro. Die Box aus dem Hause Bosch erreichte ihn im Oktober. Und die nahm Domke dann komplett auseinander. Er hat die Box mitgebracht und tippt mit dem Zeigefinger auf den Chip. Darin schlummert das Corpus Delicti – der Schummelcode. Domke schraubte die Box auseinander, lötete einen Stecker auf die Platine, verkabelte alles mit einem Tacho und einem Notebook. Den Schutz zu überwinden sei fast enttäuschend einfach gewesen, sagt Domke. Er spielte mit der Stromversorgung für den Chip, schon war er drin. Die eigentliche Schwierigkeit begann, als er im babylonischen Wirrwarr von Daten die verdächtigen Programmzeilen suchte, zumal die Entwickler sie natürlich nicht mit „Betrugscode“ gekennzeichnet hatten. Domke fand sie schließlich unter der Be-

Softwareexperte Domke mit Motorsteuergerät Glücksfall in der Garage

Domke referierte auf Englisch, er sprach nüchtern wie ein Unidozent, seine Folien über den Katalysator und die Abgasnachbehandlung zeugen von der Akribie, mit der er arbeitet. Es gab Szenenapplaus – und viele Reaktionen und Anfragen aus dem In- und Ausland. VW und Bosch hingegen rührten sich nicht. Felix Domke sieht den Vortrag nur als Etappe, als ein Zwischenergebnis. Er hat die Routine gefunden, die den Prüfstand erkennt, und er hat festgestellt, dass sein eigener Sharan zu etwa 80 Prozent im Schummelmodus fährt und deshalb nur 0,6 Liter des vorgeschriebenen Kraftstoffzusatzes Adblue auf 1000 Kilometer verbraucht – statt der rund 2,5 Liter, die wohl eigentlich nötig wären, um die Grenzwerte einzuhalten. Er hat auch einen Weg gefunden, um zu bestimmen, welche Code-Zeilen vom

Hersteller der Steuerungseinheit, der Firma Bosch, stammen und welche von VW. Nach seiner Analyse stammt das Gerüst der Akustikfunktion von Bosch, VW-Leute haben aber die Variablen eingetragen, die dazu führten, dass der Schummelmodus praktisch immer aktiviert wird. Domke ist sicher, dass allen Beteiligten klar war, worum es bei der Akustikfunktion geht, auch bei Bosch: „Warum sollte es diese Funktion im Code sonst überhaupt geben?“ Und warum wurde sie unter dem Namen „Akustikfunktion“ verschleiert? Bei Bosch und Volkswagen heißt es auf Anfrage, die internen Untersuchungen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. Deshalb könne man sich zu dem Sachverhalt nicht äußern. Domke hat sich entschieden weiterzutesten. Er hat inzwischen ein Gerät gebaut, um seine Fahrwerte mitzuschneiden, zwei mit silbernem Klebeband zusammengehaltene Platinen, die Daten landen auf einer herkömmlichen Speicherkarte. „Ich will den letzten Beweis führen und wirklich verstehen, was da passiert“, sagt er. Was Domke und sein Koreferent Lange nicht verstehen und akzeptieren wollen, ist, dass sie sich dafür in einen rechtlichen Graubereich bewegen müssen. Nach jedem Flugzeugabsturz würden Blackboxen ausgewertet und detailreiche Abschlussberichte publiziert, so Domke. In diesem Fall, mit Millionen Geschädigten, würden sogar die Messwerte der Dobrindt-Kommission unter Verschluss gehalten, von der Software der Hersteller ganz zu schweigen. Die Motorsteuergeräte dürften keine Blackbox bleiben, findet auch Daniel Lange, der durch seine Branchenerfahrung Insider-Einblicke mitbringt. Er warnt: „Wir übertragen der Bordelektronik gerade immer mehr Aufgaben bis hin zum autonomen Fahren, spätestens dann kann blindes Vertrauen in die Hersteller nicht nur Menschen und Umwelt schaden, sondern potenziell tödliche Folgen haben“ (siehe Seite 104). Domke gibt sich seinem Autohersteller gegenüber erstaunlich versöhnlich. Er fühle sich nicht persönlich betrogen, sagt er. Betrogene seien die Umwelt, die Gesundheit der Menschen, denen der Konzern geschadet habe. Wie die anderen betroffenen Kunden wartet er in diesen Tagen auf die Einladung zum Software-Update. Er wird in die Werkstatt fahren, aber auf einen Einblick bestehen: „Die neue Software kommt mir erst unter die Haube, wenn ich sie mir anschauen konnte.“ Marcel Rosenbach, Gerald Traufetter Mail: marcel.rosenbach@spiegel.de, gerald.traufetter@spiegel.de

Video: Wie man ein Auto hackt spiegel.de/sp042016hacker oder in der App DER SPIEGEL DER SPIEGEL 4 / 2016

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„Das alte Modell geht nicht mehr“ SPIEGEL-Gespräch Die Milliardärin und Bauunternehmerin Zhang Xin über die Crashs an den Börsen, das Ende der chinesischen Gründerzeit und Mark Zuckerberg als Vorbild für Reiche

SPIEGEL: Frau Zhang, wenn China ein Unternehmen wäre und Sie die Chefin – was würden Sie tun, um Ihre Firma für die Zukunft fit zu machen? Zhang: Keine Volkswirtschaft, kein Unternehmen, keine Persönlichkeit kann sich heute voll entfalten, ohne sich auf zwei fundamentale Entwicklungen auszurichten – Globalisierung und Digitalisierung. SPIEGEL: Was bedeutet das für China? Zhang: Das Land muss sich weiter öffnen und anerkennen, dass die Welt letztlich eins ist. Die Vorstellung, man könne seine Probleme allein lösen, funktioniert nicht mehr, ökonomisch, kulturell und auch politisch nicht. Wer sich isoliert, hört auf zu wachsen. Ich bin in China groß geworden und kenne die Isolation, aus der wir kommen. Diese Ära ist vorbei. SPIEGEL: Die Börsencrashs im Sommer und zum Jahresbeginn haben das Vertrauen in Chinas Wirtschaftskraft weltweit erschüttert. Wie bewerten Sie die extremen Ausschläge auf Chinas Kapitalmarkt? Zhang: Investoren mögen keine Unsicherheit. Das ist genau das, was uns der Markt jetzt sagt: Wir wollen Sicherheit, wir wollen wissen, wohin sich die Wirtschaft bewegt. Wenn die Regierung die Politik der Öffnung fortsetzen will, dann muss sie dafür Regeln schaffen – und auch durchsetzen. SPIEGEL: Chinas Führung will das Geschäftsmodell des Landes verändern – von einer Investitions- und Industriewirtschaft zu einer Dienstleistungs- und Konsumwirtschaft. Wird das funktionieren? Zhang: Der Konsumanteil an Chinas Wirtschaftsleistung ist immer noch viel zu gering. Aber die Richtung stimmt. SPIEGEL: Viele zweifeln inzwischen daran, dass China diesen Übergang schafft. Zhang: Die Frage ist nicht, ob wir den Übergang schaffen oder nicht, sondern wie lange

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VPL / REX FEATURES / ACTION PRESS

Der Aufstieg der Immobilienunternehmerin Zhang, 50, gilt als eine der klassischen Erfolgsgeschichten des modernen China: Als junge Frau stand sie in der Textil- und Elektronikindustrie am Fließband, als 19-Jährige ging sie nach England, um sich zur Fremdsprachensekretärin ausbilden zu lassen. Sie begann ein Wirtschaftsstudium und arbeitete als Investmentbankerin in London und an der Wall Street. 1995 kehrte sie nach Peking zurück und gründete mit ihrem Mann Shiyi Pan den Immobilienkonzern Soho China. Zhang äußert sich – für chinesische Wirtschaftsführer eher ungewöhnlich – regelmäßig auch zu sozialen und politischen Fragen.

Bürokomplex Galaxy Soho in Peking: „Vor 20 Jahren nur Betonschachteln“


Wirtschaft

78 USA*

73 EU*

Im Übergang Anteil des Dienstleistungssektors an der Wirtschaftsleistung in Prozent

zum Vergleich

51

50 Industrie

40

CHINA

33 30 1995

2000

2005

2010

2015

Quellen: Chinesisches Statistikamt, CIA World-Factbook; * 2014

JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL

wir dafür brauchen. Der Strukturwandel wird stattfinden, so oder so. Wenn eine Volkswirtschaft wächst, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem es nicht mehr reicht, zu investieren und zu bauen. Unsere Kapitalrendite sinkt. Das alte Modell geht nicht mehr. Wir müssen uns verändern. Und das ist eine Frage der Geschwindigkeit. SPIEGEL: Ihre Firma ist eines der größten Immobilienunternehmen Chinas. Wie hat sich Ihr Geschäftsmodell verändert? Zhang: Vor 20 Jahren haben wir in China im Grunde nur Betonschachteln gebaut. Heute entwerfen Architekten aus aller Welt unsere Projekte, Zaha Hadid aus London, Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg, Kengo Kuma aus Japan. SPIEGEL: Wie waren Ihre Anfänge? Zhang: Als wir Mitte der Neunzigerjahre loslegten, waren wir unter den Ersten. Peking hatte keine und Shanghai nur wenige große Bürotürme. Unsere Devise war: erst bauen, bauen, bauen und dann verkaufen, verkaufen, verkaufen. Wir haben funktioniert wie ein Industriebetrieb. In Peking und Shanghai merkten wir aber bald, dass die Grundstücke knapp wurden. Es reichte also nicht mehr, wie eine Fabrik nur zu bauen und zu verkaufen. Wir behielten unsere Gebäude selbst und fingen an, sie zu verwalten: Wir wurden zu Dienstleistern. SPIEGEL: Und was kommt jetzt? Zhang: Jetzt kommt der dritte Akt. Chinas Wirtschaft wird komplexer, unsere Kundschaft verändert sich. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Unternehmen, die völlig anders arbeiten als unsere traditionellen großen Konzerne. Die folgen keiner Planwirtschaft und mieten ihre Büros nicht auf Jahre hinaus. Dafür fangen sie auf der Stelle an und brauchen ein Büro für eine Woche, für zwei Monate, für ein, zwei Jahre. Zu unseren Mietern zählen Firmen wie der Taxidienst Uber, die Rabattplattform Meituan.com und eine große Zahl Startups. Die sind genau wie ihre Kunden: Sie gehen ins Internet, suchen sich ein Angebot und schlagen zu. SPIEGEL: Wundert es Sie, dass nach den Börsencrashs die Zweifel wachsen? Zhang: China hat uns selbst immer wieder verwundert, schon seit Beginn seiner wirtschaftlichen Öffnung. Vor 20 Jahren war es unvorstellbar, dass das Land je da stehen würde, wo es heute steht. Ich schreibe es dem Fleiß und der Flexibilität der Chinesen zu, dass es trotzdem so gekommen ist. SPIEGEL: Haben Sie da ein Beispiel? Zhang: Ich bin Läuferin. Im September fand hier in Peking ein Marathon statt. Er war nicht besonders gut organisiert: Die Veranstalter hatten nur für drei Stunden Wasser und Proviant entlang der Strecke organisiert. Wer länger brauchte – und das sind bei einem solchen Lauf die meisten – schien Pech zu haben. Tatsächlich aber war die Strecke bis zum Schluss perfekt versorgt,

Unternehmerin Zhang „Wer sich isoliert, hört auf zu wachsen“

vor allem in der vierten und der fünften Stunde, als die Nachfrage am höchsten war. SPIEGEL: Warum? Zhang: Weil die Anwohner kurzfristig Nahrung und Getränke herbeischafften. So ist China. In einem gut organisierten Land wie Deutschland wäre es erst gar nicht zu einem solchen Engpass gekommen, aber in China erkannten die Leute sofort die Gelegenheit – die Lücke, die zu schließen war. SPIEGEL: Niemand bezweifelt den Fleiß und die Flexibilität der Chinesen, doch reicht das, um eine „harte Landung“ der Wirtschaft zu verhindern? Zhang: Die Wachstumsraten werden sinken, das bestreitet längst niemand mehr.

Die Frage ist: Wo sind jetzt die Lücken, wo sind die Gelegenheiten? Ich sehe positive und negative Trends. Gut ist, dass es inzwischen immer einfacher wird, in China ein Unternehmen zu gründen, dass der Wechselkurs unserer Währung liberalisiert wird und dass die Visaregeln für Chinesen immer großzügiger werden. Das öffnet unsere Wirtschaft. Schlecht ist, dass die Reformen vor allem der großen Staatsbetriebe so lange hinausgezögert werden. SPIEGEL: Und was ist mit den Millionen Arbeitskräften, die bei solchen Reformen entlassen werden? Zhang: China hat seinen Staatssektor schon einmal reformiert, Ende der Neunzigerjahre. Damals gingen Dutzende Millionen Jobs verloren, das war beängstigend. Auch damals gab es Warnungen vor sozialen Unruhen. Sie haben sich nicht erfüllt, stattdessen veränderte sich die Struktur unserer Wirtschaft. SPIEGEL: Sie und andere Unternehmer Ihrer Generation haben in China eine Ära geprägt, die man im Deutschland des 19. Jahrhunderts die „Gründerzeit“ nannte. Geht diese Ära jetzt zu Ende? Zhang: Als wir anfingen, dachten wir nie daran, dass die Zeit der großen Gelegenheiten je zu Ende gehen würde. Wir hatten es viel zu eilig, unsere Firmen aufzubauen. In China kann eine Stadt, selbst eine Megacity wie Peking oder Shanghai, heute in 10, 15 Jahren hochgezogen werden – dann ist sie fertig. In der Bauwirtschaft ist die Gründerzeit vorbei. Aber das gilt nicht für alle Branchen. SPIEGEL: Sondern? Zhang: In China hat die Digitalisierung gerade erst begonnen. Nicht nur das Transportgeschäft und das Hotelgewerbe verlagern sich ins Internet – dieser Trend wird noch viele Sektoren erfassen: das Bildungsund das Gesundheitswesen, die Verwaltung, selbst das Justizwesen, wirklich alles. Wer ehrgeizig und einfallsreich ist, für den ist in China noch viel zu tun. SPIEGEL: Chinas Gründergeneration ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr reich geworden. Was haben Sie und die etwa 600 anderen chinesischen Dollarmilliardäre eigentlich vor mit Ihrem Geld? Zhang: Vor ein paar Wochen kündigte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg an, er werde 45 Milliarden Dollar seines Vermögens für wohltätige Zwecke spenden. Dieser Trend setzt sich jetzt auch in China durch. Mein Mann und ich haben vor eineinhalb Jahren 100 Millionen Dollar für ein Bildungsprojekt gestiftet, das begabten jungen Chinesen Studien an den besten Universitäten der Welt finanziert. Viele Unternehmer spenden an Universitäten, andere stiften für Gesundheitsprojekte. Keiner hier will eines Tages als der Reichste auf dem Friedhof liegen. DER SPIEGEL 4 / 2016

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Wirtschaft TERRA X

Zeitreise – Die Welt im Jahr 1500 Der Archäologe Matthias Wemhoff taucht in die Geschichte der Zivilisationen der Jahre 1500 nach Christus ein: Kopernikus erkennt, dass

Wemhoff im mexikanischen Tenochtitlán

sich die Erde um die Sonne bewegt, zugleich glauben die Menschen an Magie und Hexen. Europäische Seemächte erobern die Neue Welt, die Kirche wehrt sich gegen die Ideen des Reformators Martin Luther.

SPIEGEL TV MAGAZIN

SONNTAG, 24. 1., 23.15 – 0.00 UHR | RTL

Lebenslang Abschiedskampf – Legat, Elvers, Naddel und Co.; Schubsen, Grapschen, Klauen – Einsatz gegen Trickdiebe; Im Niemandsland – Abge-

wiesen an der deutschen Grenze

SPIEGEL TV REPORTAGE

MITTWOCH, 27. 1., 22.30 – 23.30 UHR | SAT.1

Die rote Meile – Das Frankfurter Bahnhofsviertel Sündhaft, sexy und nobel – das ist das Image der Gegend rund um den Frankfurter Hauptbahnhof, die jetzt auch Treffpunkt hipper Partygänger und Restaurantbesucher ist.

SPIEGEL GESCHICHTE

MITTWOCH, 27. 1., 21.50 – 23.00 UHR | SKY

Kein Asyl – Anne Franks gescheiterte Rettung Eher zufällig stieß ein Mitarbeiter des Institute for Jewish Research in New York vor ein paar Jahren auf Dutzende Briefe Otto Franks. Der Vater der Tagebuchschreiberin Anne hatte jahrelang verzweifelt versucht, in den USA Asyl zu erhalten, um seine Familie vor den Nazis in Sicherheit zu bringen.

SPIEGEL: Ist Philanthropie nicht auch ein

Zeichen dafür, dass der Staat zu wenig für Bildung und Wohlfahrt tut? Zhang: In manchen Fällen stimmt das. Trotzdem ist es sinnvoll, sich für etwas einzusetzen, das einem am Herzen liegt. Ich bin selbst arm aufgewachsen und habe von einem Stipendium profitiert. Wenn ich Geld dafür spende, dass brillante, aber arme chinesische Studenten im Ausland lernen, dann bringt das alles zum Ausdruck, woran ich glaube: Bildung, Globalisierung, soziale Mobilität. SPIEGEL: China erinnert trotz seiner kommunistischen Prägung oft eher an Amerika als an Europa. Wer es zu Reichtum bringt, wird bewundert, nicht beneidet. Zhang: Ich habe eine profunde Abneigung dagegen, Reichtum zur Schau zu stellen. Das ist unsensibel und widerspricht jeder Herzensbildung. Doch was ich an China schätze und in Europa manchmal vermisse, ist der Ehrgeiz, den bei uns schon junge Leute haben, unsere Dynamik, unsere Unermüdlichkeit. SPIEGEL: Das verbindet China mit Amerika? Zhang: Ja, und es erklärt vielleicht auch, warum privates Engagement von Unternehmern hier eine große Rolle spielen wird. Ich wunderte mich anfangs, warum sich amerikanische Universitäten so oft über Stiftungen finanzieren. Inzwischen weiß ich es: Als Amerikas Aufstieg begann, war der Staat arm. Die Bürger mussten selbst Geld auftreiben. In Europa war das historisch anders, da gab es immer einen starken Staat, da gab es Fürsten und Könige. Von denen kam das Geld. SPIEGEL: Kann man in China reich werden, ohne mit der Partei zu gehen? Zhang: Unsere Firma ist bis heute ausschließlich in Peking und Shanghai aktiv – zwei stark vom Markt dominierte Orte Chinas. Das war ein Vorteil. Grundstücke werden hier in öffentlichen Auktionen verkauft, also in einem transparanten Verfahren. Wer außerhalb dieser Städte im Immobiliengeschäft ist, der muss „guanxi“ haben, Beziehungen im Apparat. SPIEGEL: Jack Ma, der Chef des Onlinehändlers Alibaba, hat Chinas Unternehmern einmal geraten, sie sollten die Partei „lieben, aber sie nicht heiraten“. Zhang: Wir sind in diesen Dingen nicht besonders gut. Unser Erfolg beruht darauf, dass wir den chinesischen Markt verstehen und internationale Erfahrung haben. Und ich widerspreche auch der Behauptung, in China könne man nur erfolgreich sein, wenn man Beziehungen hat. Weder mein Mann noch ich sind Prinzlinge, also Kinder einflussreicher Leute. Und doch hat Chinas Aufstieg auch uns den Aufstieg ermöglicht. SPIEGEL: Doch die Partei setzt ihren Machtanspruch immer schärfer durch. Zhang: Ich glaube, unser Justizwesen muss reformiert werden. Die Fälle von Bürgern, * Mit Redakteur Bernhard Zand in Peking.

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JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL

SONNTAG, 24. 1., 19.30 – 20.15 UHR | ZDF

Zhang beim SPIEGEL-Gespräch* „Wir müssen uns verändern“

die eingesperrt und dann viel zu lange ohne Gerichtsprozess festgehalten werden – das ist beängstigend, für jedermann. Wenn jemand eine Straftat begeht, dann muss er schnell einen Prozess bekommen. Warum dauert das bei uns so lange? Ich verstehe das nicht. Ist das nur so, weil unser Justizwesen noch in seinen Kinderschuhen steckt? China hat versprochen, sein Rechtssystem zu modernisieren. Das hat höchste Priorität. SPIEGEL: Wenn sich Länder wirtschaftlich entwickelten, kam bislang noch überall der Zeitpunkt, an dem die Bürger auch politisch mehr Mitsprache wollten. Wird das in China auch so sein? Zhang: Ich sagte schon vor ein paar Jahren, dass sich die Chinesen nicht mehr nach Nahrung und Wohnraum sehnen, sondern nach Demokratie. Daran halte ich fest. Ich weiß nicht, welchem Modell China folgen wird, aber je höher unser Lebensstandard wird, je höher unser Bildungsgrad, desto weiter schauen sich die Menschen um. Und sie sehen, welche Offenheit andere Gesellschaften genießen. Wir sind nicht anders, auch wir wollen Freiheit. Die Frage ist, wie viel Freiheit man uns erlaubt. SPIEGEL: Die Silhouetten Ihrer Bauten bestimmen heute das Stadtbild von Peking und Shanghai. Wie dauerhaft ist das, was Sie und Ihre Mitarbeiter geschaffen haben? Zhang: Es war in der Geschichte der Menschheit noch nie so einfach wie heute, große Bauwerke zu errichten. Es wäre ein Leichtes, eine neue Pyramide von Gizeh oder eine Große Mauer zu bauen. Doch diese Bauten haben der Zeit widerstanden, weil sie einen symbolischen Wert haben, weil sie eine Kultur repräsentieren. Ich fürchte, was wir im modernen China errichtet haben, wird nicht denselben Einfluss haben wie die Architektur, die vor 100, vor 500 oder 1000 Jahren entstand. Die großen Bauwerke jener Zeit, das waren Wunder. Solche Wunder vollbringen wir heute nicht mehr, deshalb sollten wir bescheidener sein. Mir reicht es, wenn ich eines Tages mit meinen Enkelkindern vor eines meiner Gebäude treten und sagen kann: Auf diesen Turm bin ich stolz. SPIEGEL: Frau Zhang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


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Wirtschaft

Illusionärer Wohlstand Wachstum Die Grünen kritisieren den Jahreswirtschaftsbericht als ökologisch blind und sozial gleichgültig. Deshalb legen sie eine Alternative vor.

E

s ist eines jener staatstragenden Rituale, die es Jahr für Jahr sicher in die „Tagesschau“ schaffen: Nächsten Mittwoch legt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Jahreswirtschaftsbericht vor, im Regierungssprech kurz JWB genannt. Alles wie gehabt, seit 1968. Die Grünen wollen das Ritual stören. Sie stellen das Regierungsdokument grundsätzlich infrage – und präsentieren einen Gegenentwurf. Ihr „Jahreswohlstandsbericht“ bricht mit Ansatz und Methode des JWB. „Wir bilanzieren falsch“, sagt Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen. „Der Jahreswirtschaftsbericht ist ökologisch blind und sozial gleichgültig.“ Die Grünen stört vor allem, dass der Bericht einseitig auf materielles Wachstum abzielt und dabei Naturverbrauch und gesellschaftliche Kosten außen vor lässt. Ihr Alternativbericht, den sie nächste Woche veröffentlichen und im Bundestag zur Abstimmung stellen wollen, soll diesen Makel beheben. Der herkömmliche Regierungsbericht kommt daher wie immer. Auf fast hundert Seiten legt Gabriel darin das segensreiche Wirken der Regierung für Wachstum, Finanzen und Beschäftigung dar. Doch was die Öffentlichkeit am meisten interessiert, gerade in weltwirtschaftlich unsicheren

Zeiten, ist nicht das in spröder Regierungs- gleichen die Entwicklung des herkömmprosa gehaltene Eigenlob, sondern das lichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit Zahlenwerk des Berichts. Darin sagen Ga- einem weiter gefassten Index, in den Leisbriels Experten voraus, wie sich die Kon- tungen einfließen, die nicht am Markt gehandelt werden, etwa Hausarbeit oder junktur im laufenden Jahr entwickelt. Immerhin: Sie haben für ihren Chef eine ehrenamtliches Engagement (Indikator 5). gute Nachricht parat. Zwar revidieren sie Die Einkommensverteilung (Indikator 3) ihre Wachstumsprognose für 2016 leicht wird ebenso berücksichtigt wie die Funknach unten, von 1,8 Prozent, wie noch im tionsfähigkeit von Regierung und VerwalHerbst vorausgesagt, auf 1,7 Prozent. Doch tung (Indikator 8). Eine Ampel signalisiert, wo Verbessedie Botschaft ist klar: Der Aufschwung geht weiter, die Wirtschaft legt im gleichen rungen nötig wären. Das Ergebnis: Nur Tempo zu wie 2015. Billiges Öl, schwacher zwei Indikatoren zeigen sich zufriedenstelEuro und die Nullzinspolitik der EZB trei- lend, nämlich der für den Anteil grüner ben die Konjunktur an, nur die Schwäche Technologie an den Exporten und der für der Schwellenländer dämpft ein bisschen. Regierungsqualität. In ökologischer HinAlles prima also, wenn da nicht das Ge- sicht steht die Ampel dagegen auf Tiefrot. genkonzept der Grünen wäre. Das kon- Die Gutachter befinden, „dass der Wohlzentriert sich nicht mehr nur darauf, ob stand gerade durch die beiden Indikatoren der materielle Reichtum des Landes zu- der ökologischen Dimension negativ beoder abnimmt. Neben der rein ökonomi- einträchtigt wird“, trotz aller Erfolge im schen Entwicklung betrachtet es auch, wie Umweltschutz. Weil das BIP das nicht absich der Zustand von Umwelt und Gesell- bilde, gaukle die herkömmliche Messzahl „illusionären Wohlstand“ vor. schaft entwickelt. „Politischen Handlungsbedarf“ signaliDie Kritik an der konventionellen Wachstumsmessung ist nicht neu, blieb sieren auch die sozialen Indikatoren. „Die aber weitgehend folgenlos. „Bislang haben zunehmende Einkommensungleichheit hat wir den Wohlstand in Deutschland ge- inzwischen das Potenzial zu einem soziamessen wie kurz nach dem Zweiten Welt- len Konflikt“, so die Gutachter. Die Grükrieg“, sagt Roland Zieschank, der die Stu- nen sind überzeugt, dass sie mit ihrem die zusammen mit dem Heidelberger Öko- Wohlstandsbericht eine echte Alternative nomen Hans Diefenbacher verfasst hat. anbieten zur etablierten Veröffentlichung „Da herrscht noch immer die Tonnenideo- der Bundesregierung. Dennoch rechnet Fraktionsvize Andreae nicht damit, dass logie der Wirtschaftswunderjahre vor.“ Der alternative Wirtschaftsbericht der die Regierungsmehrheit ihrem Antrag Grünen will einiges anders machen. Der zustimmt. Aufgeben wollen die GrünenReichtum einer Gesellschaft entstehe auch Politikerin und ihre Mitstreiter aber nicht. „aus dem richtigen Umgang mit dem Hu- Auch im nächsten Jahr werden sie einen man- und dem Sozialkapital sowie dem neuen Wohlstandsbericht vorlegen. Die Grünen verstehen ihr Vorgehen als vorhandenen Naturkapital“, heißt es dort. Die Autoren benutzen acht Indikatoren, Probelauf. „Sobald wir wieder an der Bunum die ökologische, soziale, gesellschaft- desregierung beteiligt sind, werden wir unliche und ökonomische Dimension des ser Konzept in das regierungsamtliche BeWohlstands zu beschreiben (siehe Grafik). richtswesen aufnehmen“, kündigt Andreae Sie messen etwa, ob die Belastung von Na- an. Dann wäre der Wohlstandsbericht amttur und Umwelt deren Fähigkeit zur Rege- lich – und irgendwann selbst Ritual. Christian Reiermann neration übersteigt (Indikator 1). Sie ver-

Kernindikatoren des Jahreswohlstandsberichts der Grünen Umwelt

Ökologischer Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität

Artenvielfalt und Landschaftsqualität

Einkommensverteilung

Bildungsabschlüsse der Bevölkerung

Nationaler Wohlfahrtsindex und BIP

Anteil von Umweltschutzgütern an den Industriewarenexporten

Wirtschaft

Gesellschaft

Subjektive Lebenszufriedenheit

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GovernanceIndex

Wirtschaftsminister Gabriel

STEFAN BONESS / IPON

Soziales


CEO-Image 150 Vorstandschefs im Test Rohstoffcrash Systemrisiko für die Weltkonjunktur Deutsche Bank Achleitner unter Beschuss

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Ausland Russland

Spanische Spur Eine der möglichen Schlüsselfiguren im Mordfall des Kremlkritikers Alexander Litwinenko lebt unbehelligt in Sankt Petersburg: der Mafiapate Gennadij Petrow, 68. Ein britischer Ermittlungsbericht schrieb diese Woche Präsident Wladimir Putin eine mögliche Verantwortung für die Tat zu. Die mutmaßlichen Mörder sind russische Geheimagenten, Putin soll den Einsatz des Inlandsgeheimdiensts gebilligt haben. Litwinenko war ein erbitterter

Thailand

Repression im Touristenparadies Thanakorn Siripaiboon, 27 Jahre alt, unbescholtener Fabrikarbeiter, war einer der Ersten, die inhaftiert wurden. Eine regelrechte Verhaftungswelle sei gefolgt, sagt seine Anwältin Pawinee Chumsri. Zuletzt am Mittwoch wurde Sirawith Seritiwat, Anführer der Studentengruppe New Democracy Movement, von Militärs auf offener Straße in ein Fahrzeug gezerrt. Im Touristenparadies Thailand herrschen repressive Zustände. Das Vergehen, das Thanakorn und seinen Leidensge-

Kritiker Putins – er beschuldigte ihn, pädophil zu sein und Attentate vorgetäuscht zu haben. Kurz vor seinem Tod durch eine Polonium-Vergiftung im November 2006 soll er außerdem der spanischen Justiz geholfen haben, Machenschaften der russischen Mafia aufzuklären. Spanische Ermittler nahmen den Mafiapaten Petrow im Juni 2008 auf Mallorca fest. Sie warfen ihm vor, von Spanien aus Morde, Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel organisiert zu haben. Trotzdem durfte er nach anderthalb Jahren in die Heimat

ausreisen. „Der kriminellen Organisation, die Petrow führt, ist es gelungen, staatliche Strukturen zu durchdringen“, hieß es damals in der Anklageschrift. Zum Netzwerk Petrows sollen zahlreiche Putin-Vertraute gehören, so ein Gazprom-Aufsichtsratschef und der Leiter des Putin unterstellten Ermittlungskomitees. Heute behauptet der oppositionelle Zeitungsmacher Nikolaij Andruschtschenko, Petrow Mitte der Neunziger häufig in Putins Büro gesehen zu haben, als dieser noch Vizebürgermeister in Petersburg war. lok, mas

klusive Paradeplatz und sienossen vorgeworfen wird: Majestätsbeleidigung. Ein ge- ben riesenhaften Königsstatuen. Bei Auftragsvergabe fährlicher Vorwurf, da der König so etwas wie göttlichen und Bau soll Korruption im Spiel gewesen sein. Doch dieStatus genießt und per Gese Vorwürfe werden nur leise setz vor jedweder Kritik geund mit Vorsicht geäußert. schützt wird. Tabu ist dabei „Es ist nicht möglich, das nicht nur der derzeitige Moöffentlich auszusprechen“, so narch, der greise König BhuAnwältin Pawinee, die den mibol, selbst über den Hund des Königs darf man offenbar Fabrikarbeiter vertritt. Der hatte eine Grafik des ankeine Witze machen. Die regeblichen Korruptionsnetzes gierenden Generäle können auf Facebook geteilt. Aber auf diese Weise Kritiker ausschalten; die Militärs in Bang- da er sich über den Hund des Königs lustig gemacht hatte, kok reklamieren den königlichen Segen gern für ihre oft wird ihm zusätzlich zu Computervergehen und Aufruhr dubiosen Unternehmen. Spektakuläres Beispiel ist der auch Majestätsbeleidigung vorgeworfen. Ihm drohen Bau eines Parks in der Provinz Prachuap Khiri Khan, in- mehr als 30 Jahre Haft. red

Fußnote

ATHIT PERAWONGMETHA / REUTERS

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Sirawith (M.)

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Setzlinge von Cannabispflanzen wurden südlich von Santiago de Chile verpflanzt – in der größten legalen Marihuanaplantage Lateinamerikas. Hier sollen Medikamente für 4000 Patienten gewonnen werden, die beispielsweise an Epilepsie, Krebs oder Parkinson leiden. Betrieben wird das Projekt von einer NGO, die chilenische Regierung hat es abgesegnet.


DANIEL BEREHULAK / NEW YORK TIMES / LAIF

Händler des Schlafs

Korea

US-Raketen gegen den Diktator? Mit seinem jüngsten Nukleartest hat es Nordkoreas Diktator Kim Jong Un geschafft, die rasante Annäherung zwischen China und Südkorea zu bremsen. Lange hatte der Jungdiktator mitansehen müssen, wie sich die Chinesen, seine engsten Verbündeten, über seinen Kopf hinweg immer inniger mit dem verfeindeten Süden verständigten. So hatte Chinas Staatsund Parteichef Xi Jinping im Juli 2014 nicht Pjöngjang, sondern dem kapitalistischen Se-

oul als Erstes seine Aufwartung gemacht. Umgekehrt nahm Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye im September in Peking an der Militärparade zum 70. Jahrestag des Kriegsendes teil, obwohl westliche Staatsoberhäupter der Veranstaltung weitgehend fernblieben. Doch nun erntet Park für ihren Schmusekurs mit Peking im eigenen Land Kritik. Der Grund: Die Chinesen zögern, Diktator Kim – wie von Seoul gewünscht – für seinen Nukleartest durch schärfere Sanktionen zu bestrafen. Park muss sich im eigenen Land fragen lassen, was ihre pro-

GETTY IMAGES

In den kalten Winternächten suchen viele der etwa 100 000 Obdachlosen im historischen Zentrum von Delhi besondere Märkte auf: Dort wird mit Schlafplätzen gehandelt. Für ein paar Rupien können sie eine Decke und einen Rastplatz mieten. Die sogenannten Schlafhändler sind in Mafiamanier organisiert: Sie haben die Bürgersteige in Reviere aufgeteilt, verlangen bei fallenden Temperaturen mehr Geld, bestimmen, wo der Kunde lagern darf – und damit über die Qualität der Nachtruhe.

Park

chinesische Linie dem Süden denn gebracht habe. Nun sieht sie sich gezwungen, wieder stärker auf die USA zuzugehen: Angesichts der Bedrohung durch den Norden, kündigte sie an, werde ihre Regierung prüfen, ob sie den US-Truppen in Südkorea die Stationierung des Raketenabwehrsystems THAAD erlaube. Gegen entsprechende Pläne hatte China bisher stets heftig protestiert. Die Chinesen glauben, die amerikanische Raketenabwehr richte sich nicht nur gegen Nordkorea, sondern vor allem auch gegen sie selbst. ww DER SPIEGEL 4 / 2016

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Demonstration für Pressefreiheit in Warschau

Im Widerstand WOJCIECH GRZEDZINSKI / LAIF

Polen Jarosław Kaczyński will das Land umbauen: nationalistisch, antiwestlich und erzkatholisch. Dagegen wendet sich eine Protestbewegung, der linke Aktivisten, Journalisten und sogar ein konservativer Expremier angehören.

E

s ist ein feuchtkalter Samstagnachmittag im Januar, noch immer hängt der Weihnachtsschmuck über der Warschauer Prachtstraße Nowy Świat. Doch die Straße ist leer, nur am „Platz der Warschauer Aufständischen“ drängen sich die Menschen, dort, wo sich die Zentrale des Staatsfernsehens befindet. Einige Tausend Demonstranten sind an diesem Tag gekommen, sie schwenken die rot-weiße Nationalflagge und skandieren ihren Schlachtruf: „Freiheit des Wortes“. Denn das Wort, fürchten sie, ist nicht mehr frei, seit die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) an der Macht ist, seit die dieses Gesetz verabschiedet hat. Ein Gesetz, nach dem sie alle Führungsposten bei den öffentlichen Medien neu besetzen kann. 82

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Kamil Dabrowa ist einer der Demonstranten, auch er einer, dessen Wort nicht mehr frei ist. Bis zum Vortag leitete er das Erste Polnische Radio, dann wurde er gefeuert. Ebenfalls dabei ist die Soziologin Joanna Erbel, die Haare rot gefärbt, ausgezeichnet für ihr Engagement in einer Stadtteilinitiative, sie sagt: „In Polen steht die Demokratie auf dem Spiel.“ In Łódź geht zur selben Zeit Mateusz Kijowski auf die Straße. Er trägt zwei Ohrringe im linken Ohr, Vollbart, die langen grauen Haare mit einem Gummiband zusammengebunden. Kijowski ist der Anführer dieser neuen außerparlamentarischen Opposition, Ende vergangenen Jahres hat er das „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“, kurz KOD, gegründet. „Die Pressefreiheit ist

bedroht“, sagt er, „und damit die Demokratie insgesamt.“ Nur Kazimierz Marcinkiewicz, der ehemalige konservative Premier, ist an diesem Tag ausnahmsweise zu Hause geblieben. Dabei geht auch er sonst zu den Demonstrationen gegen die Regierung. Insgesamt rund 20 000 Menschen protestieren an diesem Samstag gleichzeitig, in Warschau und Łódź, aber auch in Berlin, London und Prag. Es ist schon die dritte große Protestaktion, seitdem die Nationalkonservativen an der Macht sind. Homosexuellenaktivisten, Umweltschützer und Veteranen aus der antikommunistischen Bewegung der Vorwendezeit sind dabei, aber auch katholische Konservative und ziemlich viele normale Bürger. Sie alle verbindet eine Angst: dass die Nationalkon-


PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL

Oppositionsführer Kijowski „Die Demokratie steht auf dem Spiel“

Feministin Erbel „Feindbild ist die Mittelklasse auf dem Rad“

PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL

Kijowski ist Jahrgang 1968, er hat das servativen den Staat nach ihrer Agenda kommunistische Polen erlebt und sich in umbauen und die Freiheit einschränken. Sofort nach dem Wahlsieg Ende Okto- der Opposition gegen die Staatsmacht enber begann die Regierung mit ihrer „na- gagiert. Nach der Wende studierte er Intionalen Revolution“ nach dem Vorbild formatik, beriet Firmen und einen staatUngarns. Staat, Medien, Justiz, Bildungs- lichen Versicherungskonzern. „Meine Gewesen, Staatsbetriebe, sogar Theater und neration hat sich nach 1989 lange nur mit Museen sollen auf ein Machtzentrum aus- sich selbst beschäftigt, wir hatten Erfolg gerichtet werden. Und dieses Machtzen- und wurden wohlhabend. Die Demokratie trum, das ist vor allem einer: PiS-Vorden- hielten wir für gesichert – doch nun zeigt ker und Parteigründer Jarosław Kaczyński, sich, dass sie es nicht ist.“ Die Abkürzung KOD ähnelt nicht ganz offiziell vertreten durch Präsident Andrzej Duda und Premierministerin Beata Szydło. zufällig einer legendären DissidentenorgaDoch Polen ist nicht Ungarn, und so nisation aus den Siebzigerjahren: KOR, sieht sich Kaczyński nun dieser Protest- dem„Komitee zur Verteidigung der Arbeibewegung ausgesetzt, die von Woche zu ter“, gegründet, um verhaftete Streikende Woche mehr Unterstützer anzuziehen zu beschützen. „Wie damals wollen wir eischeint. Denn anders als die Ungarn sind nen Denkprozess anstoßen. Wie soll Polen die Polen erfolgsverwöhnt, seit 25 Jahren in Zukunft aussehen?“, fragt Kijowski. wächst ihre Wirtschaft stetig – und das hat „Wir verstehen uns nicht nur als Anti-PiSeine selbstbewusste, wohlhabende, europa- Organisation.“ Das KOD allerdings ist vor allem eine begeisterte Mittelschicht hervorgebracht. Die geht jetzt auf die Straße, um ihre Frei- Bewegung der Älteren. Joanna Erbel gehört mit ihren 31 Jahren schon zu den heit gegen Kaczyński zu verteidigen. Den Protest im eigenen Land fürchte Jüngsten unter den Aktivisten. Sie wohnt Kaczyński, mehr sogar als den Wider- im Stadtteil Mokotów, einem früheren Arspruch aus der EU, mehr als die Überprü- beiterviertel, in das inzwischen viele junge fung von Polens Rechtsstaatlichkeit, sagen Polen ziehen, und das hat auch mit Joanna Leute aus seinem Umfeld. Brüssel wird lan- Erbel zu tun. Sie engagiert sich seit Jahren ge brauchen für das Prüfverfahren, und in der lokalen Selbstverwaltung, setzt sich dass es Sanktionen verhängen könnte, das für Straßenbahnen und Radwege ein. Sie halten die meisten Polen ohnehin für sehr kämpft für die Erhaltung der Altbauten unwahrscheinlich. Aber Massendemonstra- und der traditionellen Milchbars, wo es tionen, die kann Kaczyński nicht gebrau- für wenig Geld Barszcz und Pierogi gibt. Gerade hat sie Gewürzkuchen gebacken, chen, schließlich maßt er sich ja an, eine nationale Mission zu erfüllen und die Inte- Anti-PiS-Kuchen, wie sie ihn nennt, vegan ressen aller Polen zu vertreten. Deshalb und ohne Milch. Denn Vegetarier und Radgilt Kaczyńskis Abneigung in diesen Tagen fahrer, das seien keine wahren Polen, so weniger der EU und mehr der Opposition, hat es neulich der Außenminister gesagt. er diffamiert sie als „nationale Verräter“ Auch einen „Mix von Kulturen und Rassen“ und sexuelle Freizügigkeit halten die Naund „Polen der schlechteren Kategorie“. Damit meint er vor allem Menschen wie tionalkonservativen für Polens Verderben. „Ein anständiger Pole isst Kotelett und Mateusz Kijowski, den Gründer des KOD. Es war eine Freundin, die ihn anstiftete, Eisbein, er fährt Auto und heiratet früh, etwas zu unternehmen, nach diesem ersten so wünscht sich PiS das ganze Land“, sagt Schlag von Kaczyński im Dezember, mit Erbel. „Die gesundheitsbewusste, globalidem er das Verfassungsgericht entmachte- sierte Mittelklasse auf dem Fahrrad – das te. Kijowski gründete auf Facebook eine ist das Feindbild.“ Also Menschen wie sie, Gruppe unter dem Namen des Komitees. die in ihrer Freizeit eine Männer-Strip„Es war ein Donnerstag, am Abend hatten Show moderiert und mit einem protestanwir 100 Follower, am Tag darauf 300 und tischen Pfarrer verlobt ist, der auch einen am Montag 32 000.“ Heute zählt das KOD männlichen Partner hat und die alljährmehr als 133 000 Anhänger, 20 000 davon lichen Schwulenparaden mitorganisiert. Alles, was nach Westen rieche, lehnten sind aktiv, schätzt Kijowski. Er hat seitdem wenig geschlafen, denn die Konservativen ab, sagt Erbel. „Sie greisein Haus mit dem verwilderten Garten in fen damit die Unzufriedenheit all derer der Warschauer Vorstadt ist zum Zentrum auf, die glauben, von der Wende nicht ausder Bewegung geworden. Auf den Sofas reichend profitiert zu haben.“ Das sind hocken Aktivisten mit Laptops und beant- nicht nur die Alten und die Arbeiter, sonworten Mails aus dem ganzen Land. Einige dern auch viele junge Leute – ihnen vervon ihnen übernachten schon seit mehre- dankt PiS den Wahlsieg. Die sozialen Verren Tagen bei Kijowski; im Haus herrscht sprechen der Partei kamen nicht nur in Chaos. Kijowski trägt rote Jeans und einen Ostpolen gut an, sondern auch bei vielen, KOD-Button am zerknitterten Sakko, Jour- die nach 1989 geboren sind. nalisten empfängt er in der Küche, die Denn während die Generation von auch mal wieder aufgeräumt werden müss- Kijowski und Erbel noch vom großen Elite. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. tenwechsel der Nachwendezeit in Behörden

PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL

Ausland

Radiomann Dabrowa „Kaczyński will keinen Pluralismus“ DER SPIEGEL 4 / 2016

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PIOTR MALECKI / DER SPIEGEL

Ehemaliger Premier Marcinkiewicz: „Kein Mandat, um Polen zum Außenseiter zu machen“

und Unternehmen profitierten, können die Jüngeren nur schwer aufsteigen. Viele Posten sind noch lange besetzt, also hangeln sie sich mit schlecht bezahlten und befristeten Jobs durchs Leben. Sich wie Joanna Erbel für Radwege einzusetzen ist für all jene, die nicht mal davon träumen können, sich ein Auto zu leisten, die reine Dekadenz. Der Journalist Dabrowa kennt das Gefühl der Unsicherheit, wenn der Job weg ist. Denn es ist nicht das erste Mal, dass er von Kaczyński gefeuert wird. Schon vor zehn Jahren, als PiS ebenfalls die Parlamentswahl gewonnen hatte, verlor er seine Stelle. Damals rief ihn der neue Radiodirektor an, um ihm die Kündigung mitzuteilen; von einer Stunde auf die andere wurden sein Diensthandy und die Tankkarte für den Dienstwagen gesperrt. Diesmal kamen drei Vertreter des neuen, von PiS beschickten Rundfunkrats in sein Büro und fragten: „Bekennen Sie sich schuldig?“ Dabrowa: „Schuldig? Wofür?“ Die PiS-Leute: „Nun, äh, die Nationalhymne gespielt zu haben?“ Aus Protest gegen die Übergriffe auf das Verfassungsgericht und die Medien hatte Dabrowa tatsächlich zu jeder vollen Stunde abwechselnd die Nationalhymne oder Beethovens „Ode an die Freude“ senden lassen. „Ausgerechnet die Nationalkonservativen haben mich abgesetzt, weil ich die Hymne gespielt habe“, sagt er und kann seine Freude über diesen Widersinn kaum verbergen. Er hat jetzt viel Zeit, um mit seiner Tochter zu spielen und den Hund in seinem Viertel auszuführen, wo übrigens auch Jarosław Kaczyński wohnt. „PiS will keinen Pluralismus in der Kultur und den Medien“, sagt Dabrowa. „Sie 84

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will ein einheitliches Narrativ.“ Dieses Narrativ lautet: Die Polen sind ein stolzes, katholisches Volk, dem insbesondere von Deutschen und Russen übel mitgespielt wurde; aber das Land hat sich immer wieder aufgerappelt und gegen seine Besatzer gestellt. Die Geschichte ein einziges Heldenepos, die Nation gegen die inneren und äußeren Feinde geeint, katholisch, frei von westlichen Marotten wie der Homoehe oder übertriebener Gastfreundschaft für syrische Kriegsflüchtlinge – so wünscht sich Jarosław Kaczyński Polen. Kaczyńskis nächstes Projekt sei es, so fürchtet der Journalist, das Flugzeugunglück von Smolensk umzuinterpretieren. Zwei Untersuchungsausschüsse haben ermittelt, dass die Maschine des damaligen Präsidenten Lech Kaczyński, Jarosławs Bruder, 2010 aufgrund von Fehlern des russischen Towers und der polnischen Crew abgestürzt war. Doch für die Nationalkonservativen ist Lech Kaczyński Opfer eines heimtückischen russischen Attentats geworden. Das ist eine Lesart, der auch der öffentliche Rundfunk unter Dabrowa stets widersprochen hat. Kaczyński, glaubt der Journalist, sehe sich von dunklen Mächten umgeben, die Polen feindlich gesinnt seien – und deshalb mache er mit ähnlich undurchschaubaren Mitteln Politik. Dazu zählt für Dabrowa vor allem die Ernennung des Kaczyński-Vertrauten Mariusz Kamiński zum Koordinator der Geheimdienste. „Er wird die Dienste für den politischen Kampf einsetzen. Es wird zu Provokationen kommen, und ich würde mich nicht wundern, wenn auf den Computern von PiS-Gegnern plötzlich Kinderpornos gefunden werden oder Gerüchte

über Drogenmissbrauch auftauchen.“ Deshalb freut sich Dabrowa, dass die EU sein Land jetzt unter die Lupe nehmen und die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards überwachen will. Der gleichen Meinung ist auch Kazimierz Marcinkiewicz. Und das ist zumindest einigermaßen erstaunlich, denn: Noch vor zehn Jahren stand er als Premier einer PiS-Regierung vor; ein frommer Katholik, Mathelehrer, Vater von vier Kindern. Allerdings waren es nur acht Monate, in denen er sein Amt redlich und unauffällig versah und deshalb glänzende Umfragewerte hatte. Dann wurde er Kaczyński wohl zu mächtig – und Marcinkiewicz wurde abgesägt und auf einen Posten bei der Europäischen Entwicklungsbank in London weggelobt. Dort machte der biedere Familienvater eine mehrfache Verwandlung durch: zum Kaczyński-Kritiker und zum Star der Boulevardpresse. Marcinkiewicz verließ Frau und Kinder für eine 22 Jahre jüngere Schönheit, kaufte sich Designeranzüge und ließ sich einen Dreitagebart stehen. Inzwischen ist die neue Beziehung vorbei, Marcinkiewicz arbeitet jetzt in Warschau als Wirtschaftsberater und geht am Nachmittag gern an der Bar des Hilton einen Tomatensaft trinken. Sein Land, sagt er, habe sich 2003 in einem Referendum für die EU ausgesprochen und für die in dem Bündnis geltenden Grundsätze. „Deshalb darf Brüssel natürlich überprüfen, ob wir sie auch einhalten.“ PiS habe zwar die absolute Mehrheit im Parlament, doch hätte wegen der geringen Wahlbeteiligung nur knapp ein Fünftel der Polen für die Partei gestimmt. Die EU-Begeisterung sei Umfragen zufolge noch immer sehr hoch: „Das heißt, dass Jarosław Kaczyński kein Mandat hat, Polen in der EU zum Außenseiter zu machen.“ Schon jetzt, sagt er, deuteten seine Klienten, allesamt Manager großer Konzerne und Banken, immer öfter an, dass sie sich aus Polen zurückziehen würden, wenn die Regierung nach ungarischem Vorbild internationalen Unternehmen Sondersteuern aufbürden sollte. Marcinkiewicz sagt von sich, er sei immer noch ein Konservativer. Doch das bedeute noch lange nicht, auch PiS-Anhänger zu sein. Die neue Regierung müsse Minderheiten schützen, ob sie einem gefielen oder nicht. Kaczyński aber setze seine Mehrheit rücksichtslos ein, um die totale Kontrolle über alle Lebensbereiche zu gewinnen. „Zur nächsten Demonstration werde ich gehen“, sagt der Expremier. „Denn ich mache mir Sorgen um Polen.“ Jan Puhl Mail: jan.puhl@spiegel.de

Videoreportage: Die Widerständler spiegel.de/sp042016polen oder in der App DER SPIEGEL


Ausland

USA Hillary Clinton galt bei den Demokraten als gesetzt, nun bröckelt ihr Vorsprung auf den Sozialisten Bernie Sanders – viele fühlen sich an 2008 erinnert.

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m Samstagabend steigt Hillary Clinton auf die Bühne des MarriottHotels in Charleston, Bundesstaat South Carolina, und richtet einen emotionalen Appell an ihre Anhänger: „Ich muss euch nicht sagen, wie wichtig ihr für uns bei dieser Wahl seid. Ihr seid unsere erste Verteidigungslinie!“ Ihre Anhänger springen auf und applaudieren, der Satz soll mobilisieren, er soll aufrütteln. Aber er ist auch ein Alarmsignal. Denn Clintons Kampagne verläuft nicht so wie geplant. Die letzten Tage vor Beginn der Vorwahlen sollten für sie, die Favoritin der Demokraten, ein Triumphzug werden. Stattdessen steht sie auf der Bühne und errichtet Verteidigungslinien. Seit Wochen schon wächst im ClintonLager die Unruhe. Kurz vor den ersten parteiinternen Vorwahlen in Iowa am 1. Februar liegt Clinton in dortigen Umfragen mit 47 zu 43 Prozent nur noch knapp vor ihrem linken Rivalen Bernie Sanders. In New Hampshire, wo eine Woche später gewählt wird, führt Sanders sogar mit 51 zu 40 Prozent. „Ich glaube, dass Sanders in Iowa und New Hampshire gewinnen kann“, sagt der konservative Wahlforscher Frank Luntz. Für Clinton wäre das ein Desaster. Die beiden Staaten entscheiden zwar nur über wenige Delegierte auf dem Parteitag im Juli, aber sie haben eine große symbolische Bedeutung und können das Momentum des Wahlkampfs verändern. Wie damals, 2008, als Clinton schon einmal überraschend in Iowa verlor, gegen Barack Obama. Für Obama wurde Iowa der Beginn seines Siegeszugs ins Weiße Haus. Für Clinton wurde Iowa zum Trauma.  Ihre Berater haben nun Angst vor einem Déjà-vu. „Wenn wir in einem der entscheidenden ersten Staaten verlieren, werden wir viel investieren müssen, und es wird sehr viel härter, die Nominierung zu gewinnen“, sagt Clintons Wahlkampfchef John Podesta. Zumindest South Carolina, wo ebenfalls im Februar gewählt wird, muss sie gewinnen – deswegen ihr emotionaler Auftritt am vorigen Samstag. Clintons Schwäche und der überraschende Aufstieg ihres Rivalen Bernie Sanders sagen viel über den Zustand Ameri-

darzustellen. „Der Unterschied zwischen ihr und mir ist, dass ich kein Geld von Großbanken nehme“, sagt er. „Und ich bekomme keine Redehonorare von Goldman Sachs.“ Von sich selbst zeichnet Sanders das Bild eines Anwalts der kleinen Leute, er nimmt nur Kleinspenden an. „Wenn Bernie sieben Pullover hat, sind das für ihn drei zu viel“, sagt seine Frau Jane. Hinzu kommen offene Fragen wie Clintons Verantwortung beim Sturm auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi 2012 sowie ihre Nutzung eines privaten E-MailServers als Außenministerin. Es sind eigentlich Nebensächlichkeiten, aber sie werden von den Konservativen ausgeschlachtet. Während der Fernsehdebatte der demokratischen Bewerber am vorigen Wochenende lauteten zwei der drei populärsten Google-Suchbegriffe: „Wird Hillary Clinton angeklagt?“ und „Was hat Hillary Clinton alles Illegales getan?“ Der Demoskop Frank Luntz glaubt dennoch, dass Clinton am Ende die Nominierung gewinnen wird. Sanders habe zwar ein paar einprägsame Thesen, „aber Clinton hat Gravitas“. Zudem ist Clinton erfolgreicher bei Frauen, auch bei Schwarzen und Hispanics liegt sie mit 69 zu 27 Prozent deutlich vor Sanders. Doch je offensichtlicher Clintons Schwäche und die Wut der Wähler werden, umso mehr graut ihren Leuten vor dem Wahlkampf gegen den Kandidaten der Republikaner. Wird das Donald Trump, wonach es derzeit aussieht, dann wäre das wieder jemand, der wie Sanders nicht von Großspendern abhängig ist, bei seinen Auftritten ohne Teleprompter spricht und sich gezielt an die ärmere Bevölkerung richtet. Im Vergleich zu Trump wirkt Bernie Sanders da wie ein freundlicher Opa. Holger Stark Mail: holger.stark@spiegel.de, Twitter: @holger_stark

TIMOTHY A. CLARY / AFP

Maximal vier Pullover

kas aus. Sanders ist ein grimmig dreinschauender Senator aus Vermont, einem der kleinsten Bundesstaaten, ein 74 Jahre alter Mann mit einer sperrigen Brille, der sich selbst als Sozialist und Schweden als Vorbild bezeichnet. Nach allen Regeln des politischen Gewerbes, das in den USA von Soundbites und Telegenität bestimmt wird, müsste er abgeschlagen am Ende des Felds dümpeln. Doch die Politikmüdigkeit und der Hass auf Washington sind bei vielen Amerikanern inzwischen so groß, dass der Außenseiter Sanders nun scheinbar unaufhaltsam nach oben gespült wird.  Anders zu sein ist jetzt kein Makel mehr, sondern eine Auszeichnung. Die Zugehörigkeit zum Washingtoner Establishment, in dem sich Präsident und Parlament bis zur Funktionsunfähigkeit blockieren, gilt als toxisch. Die Gesellschaft hat sich an den Rändern radikalisiert, und diese Radikalisierung dringt nun auch in die Mitte vor. Von diesem Effekt profitiert auch Donald Trump bei den Republikanern. Clinton indes steht für all das Alte: eine Berufspolitikerin, 68, die in den vergangenen 25 Jahren immer irgendwie dabei war, deren Name mit der Wall Street und derart vielen Affären verbunden ist, dass es bei anderen Politikern wohl schon mehrmals zum Rücktritt gereicht hätte. „Hillary ist durch und durch käuflich“, glaubt Timothy Farr, ein Anhänger Sanders’, der in einer schneeverwehten Fußgängerzone in Burlington, Vermont, steht und Wahlkampf für sein Idol macht. Die Clintons haben nach ihrem Ausscheiden aus dem Weißen Haus im Jahr 2001 mit öffentlichen Auftritten und Reden weit mehr als hundert Millionen Dollar verdient. Geschickt nutzt Sanders solche Zahlen, um Clintons Glaubwürdigkeit zu untergraben und sie als Marionette der Finanzelite

Rivalen Clinton, Sanders bei einer TV-Debatte: „Durch und durch käuflich“ DER SPIEGEL 4 / 2016

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Ausland

Requiem für eine Revolution Essay Der Arabische Frühling hat Kriege und neue Diktaturen gebracht, aber es ist zu

früh, um sein endgültiges Scheitern auszurufen. Von Erich Follath

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s war einmal ein Volksaufstand, und welche Euphorie, welche Hoffnungen mit ihm verbunden waren, wird keiner vergessen, der damals in Kairo dabei war. Am 25. Januar 2011 hatte eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Studenten und Unternehmern, Facharbeitern und Ärzten den „Tag des Zorns“ proklamiert und zu landesweiten Demonstrationen aufgerufen. Präsident Hosni Mubaraks Schergen hatten wieder einmal einen Unschuldigen gefoltert und später in die protestierende Menge geschossen – es war ein Dutzend Tote zu viel. Mit etwa 10 000 Teilnehmern rechneten die Initiatoren, es wurden Hunderttausende. Die Angst war gewichen, sie hatte sogar die Seiten gewechselt. Die Staatsmacht wirkte wie gelähmt, sie schickte statt eigener Truppen bezahlte Provokateure los, die peitschenschwingend auf Pferden und Kamelen die Menge überfielen. Doch die Aufständischen ließen sich nicht vertreiben, nicht an diesem Tag und nicht danach, vor allem nicht vom Tahrir-Platz, vom „Platz der Freiheit“. Zwei Wochen später stürzte Mubarak. Der Weg schien frei für eine bessere Zukunft, in Ägypten und in der gesamten arabischen Welt, wo die Menschen gegen ihre unfähigen Politiker, gegen Vetternwirtschaft, Armut und politischen Stillstand aufstanden. Fünf Jahre und sechs Revolutionen später ist die Bilanz niederschmetternd, ist nirgendwo ein Happy End in Sicht. Libyen wurde zu einem gescheiterten, von Milizen zerstückelten Staat; das Golfkönigreich Bahrain unterdrückt heute noch brutaler als zuvor oppositionelle Denker und Schiiten; in Syrien und im Jemen toben Kriege, die mehr als eine Viertelmillion Menschen das Leben gekostet und Millionen weitere zur Flucht gezwungen haben. Lediglich in Tunesien, dem Ausgangspunkt der Arabellion, gibt es noch Ansätze einer demokratischen Entwicklung, aber auch da sind Reformen stecken geblieben, terrorisieren Islamisten die Bevölkerung, sitzen noch immer Vertreter des alten Regimes in wichtigen Positionen. „In Ägypten ist die Menschenrechtssituation heute schlimmer als unter Mubarak, es gibt mehr Pressezensur, mehr Polizeiwillkür“, klagt verzweifelt mein Bekannter Alaa Al Aswany, der auf dem Tahrir immer an vorderster Front dabei war. Aswany ist einer der meistgelesenen Schriftsteller des Landes, seine Prominenz schützt ihn vor Verhaftung. Aber immer wieder wird ihm durch staatsnahe Medien unterstellt, für ausländische Geheimdienste zu arbeiten, wahlweise den israelischen oder den iranischen. Man will ihn einschüchtern und mundtot machen, wie alle Kritiker im Land. Selten hat die Mehrheit der Araber in bedrückenderen Zeiten gelebt. Die Hoffnungen des politischen Frühlings

Jeder Autokrat muss heute mit seinem Sturz rechnen, wenn er keine Fortschritte aufweisen kann.

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sind einer neuen Eiszeit gewichen; was sich an Zivilgesellschaft gebildet hatte, ist wieder zersplittert, die Arbeitslosigkeit immer noch hoch. Von „good governance“, einer Rechenschaft ablegenden, ihren Bürgern Mitbeteiligung einräumenden Regierungsführung – nirgendwo eine Spur. Was also ist schiefgelaufen? Warum erwiesen sich die Kräfte der alten Regime letztlich als so beharrlich? Und lässt sich aus diesem Desaster lernen?

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n Ägypten hatte die Revolution drei große Defizite, die ihr zum Verhängnis wurden. Das erste war, dass die Revolutionäre kein Programm besaßen, keine politische Agenda. Sie wussten nur, was sie nicht wollten – eine Fortsetzung der Mubarak-Diktatur. Bei der Organisation des Protests erwies sich die Vielfalt der Teilnehmer noch als nützlich, aber für die Zeit danach fehlte es an gemeinsamen Zielen und Prioritäten. Viele Aufständische unterlagen zudem einer fatalen Fehleinschätzung: Sie glaubten die Armee an ihrer Seite. Richtig war, dass die Generalität den Diktator Mubarak zwar nicht mehr unterstützte, aber zugleich keineswegs daran dachte, die Macht abzugeben – und so weiterhin alle Fäden zog. Der zweite Fehler war, dass die Revolutionäre keine politische Führungspersönlichkeit hatten. Mohamed ElBaradei, der in Kairo geborene Jurist und Friedensnobelpreisträger, schien geeignet für die Rolle und inspirierte viele der jungen Idealisten. Doch er sah sich nur als „Katalysator des Wandels“, nicht als Mann an der vordersten Front. Bei seinen wenigen Auftritten auf dem Tahrir-Platz blieb der stets Integre blass – und nach Mubaraks Sturz scheute er sich, eine Partei zu gründen und die Präsidentschaft anzustreben. Und schließlich setzten die Revolutionäre auf schnelle Wahlen statt auf den Ausbau demokratischer Institutionen, das war der dritte Fehler. Dabei hätte es zuerst noch viel mehr gebraucht, um das zutiefst autokratische, durch einen konservativen Islam und eine korrupte Oberschicht geprägte Land zu reformieren: unabhängige Gerichte, Pressefreiheit, starke Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen. In den überhastet anberaumten Wahlen konnten sich daher die gut organisierten Muslimbrüder durchsetzen; sie ruinierten das Land innerhalb eines Jahres so gründlich, dass die Mehrzahl der Ägypter den Militärputsch im Sommer 2013 fast als Befreiung empfand. Seither regiert das Militär wieder ganz offen das Land, mit dem Exgeneral Abdel Fattah el-Sisi an der Spitze. Der neue „Pharao“ verteilt mit Milliardenhilfe aus Saudi-Arabien Wohltaten, mehr an die Armee als an sein Volk. Er sieht sich aber einer Welle des Terrors gegenüber, auch eine Folge davon, dass er die Muslimbrüder brutal verfolgt und in den Untergrund getrieben hat. Ägypten, im Januar 2016, ist ein Land am Abgrund: Exdiktator Mubarak ist vielleicht bald wieder frei, und Mohamed Morsi, sein immerhin demokratisch gewählter Nachfolger als Präsident, ist wegen Mordes zum Tode verurteilt. Diplomat ElBaradei hat inzwischen seine Me-


AMANDA MUSTARD / REDUX / LAIF

Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz im Juli 2012

moiren geschrieben und lebt fern der Heimat in Südfrankreich und in Wien. Rockmusiker Ramy Essam, dessen Lied „Irhal“ („Zieh Leine“) zu einer Hymne der Revolution wurde, hat nach Folter und Auftrittsverbot Kairo verlassen, er lebt jetzt im schwedischen Malmö, wo er für zwei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat. Und der Apotheker Moaz Abdelkarim, einer der wenigen Muslimbrüder, die an Pluralismus geglaubt haben, hofft im türkischen Exil weiterhin auf politischen Wandel. Viele der namenlosen Revolutionshelden sind verbittert, zynisch, zukunftsverzagt. Wer aus der Innenstadt von Kairo in Richtung der Pyramiden von Gizeh fährt, kann an einer Hauswand das Graffito des Tahrir-Aktivisten Kareem Shaheen lesen: „Freunde, erinnert ihr euch an das Morgen, das niemals kam?“

D

ie Revolution küsst ihre Kinder, die Revolution frisst ihre Kinder, die Revolution vergisst ihre Kinder – dieser Ablauf ist nicht neu, keineswegs beschränkt auf den Arabischen Frühling. So war es in der Geschichte (fast) immer – und was wir im Nachhinein als dramatische Veränderungen wahrnehmen, ging oft nur im Schneckentempo und im Zickzackkurs voran. „Amerikas Gründungsväter stützten ihre Unabhängigkeitserklärung auf die unveräußerlichen Rechte auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück, doch Amerika brauchte danach noch fast ein Jahrhundert, um die Sklaverei abzuschaffen, und ein weiteres Jahrhundert, um Bürger aller Hautfarben vor dem Gesetz gleichzustellen“, schreibt der Nahostkenner Thanassis Cambanis in seinem Buch „Once Upon a Revolution“ und plädiert für mehr Geduld mit Ägypten. Auch nach 1848 hatten in Europa die revolutionären Bewegungen erst einmal wenig Effekt, vielerorts sogar konservative Rückschläge ausgelöst, bevor sie dann Jahrzehnte später Politik und Gesellschaft voranbrachten. Selbst bei der Studentenrevolte

von 1968 war es letztlich nicht anders. Als der chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai einmal gefragt wurde, was er denn von der Französischen Revolution halte, sagte der kommunistische Führer nach gründlichem Nachdenken: „Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen.“ Fehlt uns womöglich nur der lange Atem der in größeren historischen Dimensionen denkenden Chinesen, um Ägyptens Revolution richtig zu beurteilen? Verdient der Arabische Frühling eine zweite Chance oder wenigstens doch eine vorsichtigere, nicht durchweg verdammende Beurteilung? Neue Medien wie Facebook und Twitter erwiesen sich als ideale Mobilisierungsmittel, als Beschleuniger des Aufstands – aber sie waren keine Wunderwaffe für die Zeit nach dem Umbruch. Das Problem aller Revolutionäre in der heutigen Zeit ist die Erwartungshaltung, der Beschleunigungsdruck, der Zwang zur Sofortbelohnung: Während Umstürze in den neuen Medien im Zeitraffer abzulaufen scheinen, hinkt die reale Politik in Zeitlupe hinterher, besonders beim Schaffen neuer Jobs oder besserer Lebensbedingungen. Das muss zu Enttäuschungen und zu Rückschlägen führen. Auf die Tage der Euphorie folgt wohl unvermeidlich ein Übergangschaos; das auszuhalten, es in eine positive, stetige Entwicklung zu überführen, wird immer schwieriger. Fast unmöglich. Das ist die pessimistische Sicht der Dinge. Die optimistische geht so: Während die Gaddafis, Mubaraks und Ben Alis sich noch ihrer Gewaltherrschaft über Jahrzehnte sicher sein konnten, ist die Überlebensdauer solcher Regime heute nicht mehr garantiert. Jeder Autokrat, auch Ägyptens Präsident Sisi, muss mit revolutionären Umwälzungen und mit seinem Sturz rechnen, wenn er auf die Dauer keine Fortschritte aufweisen kann, wenn er korrupt ist und sich zu diktatorisch gebärdet. Die arabische Revolution ist keine Erfolgsgeschichte. Aber sie ist, vielleicht, eine Fortsetzungsgeschichte. I DER SPIEGEL 4 / 2016

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Im Bauch von Neapel

Italien Noch immer kämpft die Stadt am Vesuv gegen die Camorra: Dutzende Menschen starben vergangenes Jahr im Bandenkrieg. Ein Besuch im Problemviertel Sanità.

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is hinab ins Reich des Todes sind es zwölf Sekunden. Vom Stadtteil Santa Teresa aus rauscht der Fahrstuhl hinunter ins Viertel Sanità. „Ghetto“ nennen die Bewohner von Neapel ihren zwischen Tuffsteinfelsen am Rand der Altstadt eingekeilten Bezirk. Schon zu vorchristlicher Zeit wurden hier Tote bestattet, in Katakomben und Grotten. Später kamen Zehntausende Opfer von Pest und Cholera in der Nekropole am Hügel unter. Ihre Schädel und Gebeine, säuberlich in einer Gruft gestapelt, zählen zu den Sehenswürdigkeiten des Viertels. 88

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Für die Toten der Gegenwart, Opfer des Bandenkriegs der Camorra vor allem, wurde ein stillerer Ort gefunden: ein Verschlag im linken Kirchenschiff der Basilika Santa Maria della Sanità. Darin ruhen nun, im Tod vereint: „Pierino“ Esposito, Camorra-Chef des Viertels, erschossen und verblutet vor der Kirche am 14. November 2015. Sein Sohn Ciro Esposito, hingerichtet am 7. Januar 2015. Und Gennaro Cesarano, am 6. September 2015 im Alter von 17 Jahren vor der Basilika ermordet. Ein Grabstein auf der Piazza, dem Jungen gewidmet, trägt die Inschrift: „Unschuldiges Opfer“.

Ob schuldig oder nicht, Friede ihrer Asche, sagt Don Antonio Loffredo und steckt sich eine Marlboro an. Er ist Priester in Sanità seit 15 Jahren, einer von dem Schlag, der Papst Franziskus gefällt: ein Hirte, der nach seiner Herde riecht. Don Antonio unterteilt die Welt nicht in Gut und Böse; eher in Arm und Reich, in unten und oben. Befragt, wie die Camorra zu bekämpfen sei, sagt er zornig: „Wir Priester in den schwierigen Vierteln sind es leid, dass man uns auf dieses Thema reduziert. Was zählen denn schon die Straftaten hier bei uns, gemessen an denen, die in Montecitorio – im Parlament zu Rom – begangen werden?“


Ausland Zentrale Piazza im Stadtteil Sanità Zustände „wie in Bagdad“

Nicht, dass das Problem dem Premier schließlich bei mir zur Erstkommunion.“ Erst später, beim Versuch, der Armut im fremd wäre. Er kennt Neapel und war 2014 Viertel zu entkommen, treffe „der eine sogar in Sanità. Allerdings nur, um im Aroder andere Heranwachsende die falsche menhaus der Stadt seine Schlusskundgebung vor den Europawahlen abzuhalten. Wahl“. Und das bedeutet hier: Camorra. 114 kriminelle Familienverbände befeh- Ausgerechnet hier, in einem Viertel, desden sich nach Carabinieri-Angaben auf sen Einwohner im Staatsfernsehen nur zu dem Gebiet der Region Kampanien. Mehr Wort kommen, wenn ihr Neapolitanisch als 50 Clans sind allein in Neapel aktiv. Ihr mit Untertiteln versehen wird, und die in Kampf um Macht und Marktanteile in der ihrer Mehrheit Renzi für einen als SozialStadt hat im vergangenen Jahr an Bruta- demokraten getarnten Marktliberalen hallität zugenommen. Während der ersten ten. Der Premier erntete Pfiffe und Prosechs Monate stieg die Mordrate um ein testgebrüll, obwohl er sich mühte, seinem Fünftel; Dutzende Menschen starben allein Publikum zu schmeicheln: „Italien hat kei2015 im Bandenkrieg. Die Chefin der par- ne Zukunft ohne den Süden“, rief er und lamentarischen Antimafiakommission Ita- kündigte eine Kehrtwende an. „Gegen einen Staat, der uns aufgegeben liens bezeichnet die Clans als „konstitutives Element“ der Gesellschaft Neapels. hat, gegen einen Staat, der mordet“ – Und der Innenminister bekennt, die Stadt seinen ganzen Zorn brüllt der Mann am Lautsprecherwagen ins Megafon, während am Vesuv sei mittlerweile ein „Notfall“. An keinem anderen Ort lässt sich das neben ihm mit zusammengeflickten Eingebesser besichtigen als in Sanità. Keine drei weiden der Überlebende der letzten SchieKilometer Luftlinie vom Dom entfernt, hat ßerei in Sanità sitzt. Es ist der Tag des groß hier das alte Neapel überlebt. Eine Welt angekündigten Protestmarschs gegen die der kleinen Leute, der frommen Kirchgän- Camorra. Ganz vorn mit dabei: Don Antoger, Strauchdiebe, Tagelöhner. Mit 67 000 Menschen auf fünf Quadratkilometern fast doppelt so dicht besiedelt wie der Rest der Stadt, gleicht Sanità der Kulisse eines Fünfzigerjahrefilms mit Sophia Loren: dreiköpfige Familien plus Hund auf der Vespa, in den Gassen trocknende Wäsche und vor den Bassi, ebenerdigen Kleinstwohnungen, wachsame Großmütter. Der Camorra- nio. Seine Miene verrät nicht, ob auch er Nachwuchs bevölkert derweil, gegeltes dem Staat Mitschuld am Morden gibt. Ein Häuflein von höchstens 2000 AktiResthaar auf rasiertem Schädel, die Piazza oder sortiert zu Hause das Waffenarsenal. visten ist da zusammengekommen an dieWährend des Mussolini-Faschismus so sem Morgen: Gewerkschafter, Rollstuhlgut wie entmachtet, erlebten die Clans fahrer, Studenten, Anarchisten. In der Mitnach dem Erdbeben von 1980 eine neue te marschieren Gymnasiasten aus Sanità Blütezeit – Milliardensummen flossen da- mit trendigem Schuhwerk und modischen mals als Wiederaufbauhilfen in den Süden. Sonnenbrillen unter dem Banner „Gegen Von den Neunzigern an kamen dann zwar den Staat und gegen die Camorra“. Die Parole stammt aus den späten Neunreihenweise Clanbosse in Haft, doch seither drängen Jüngere nach. In Sanità sind zigerjahren. Schon damals organisierten 60 Prozent der Jugendlichen ohne Job. Priester den Protest. Nun, fast 20 Jahre Und noch ganz unten in der Camorra-Hie- später, sind die Probleme noch immer die rarchie lässt sich erheblich mehr verdienen gleichen, sagt Don Antonio: zu wenige Ganztagsschulen, Kindergärten, zu wenig als durch ehrliche Arbeit. Roberto Saviano hat dieses Milieu 2006 Kultur. Wer von der Camorra und ihren in seinem millionenfach verkauften Buch Morden rede, dürfe die korrupten Politiker „Gomorrha“ beschrieben. Er, der inzwi- nicht vergessen: „Wenn es ganz unten Menschen wegen wiederholter Morddrohun- schen mit Blut an den Händen gibt, dann gen in den USA lebt, sieht die Schuld auch deshalb, weil es ganz oben Menschen eindeutig beim Staat. An Premier Matteo mit schmutzigen Händen gibt – solche, die Renzi gewandt, beklagte er zuletzt die schmieren oder sich schmieren lassen.“ Nur ein paar Meter hinter Don Antonio „Unfähigkeit“ der Regierenden und verwies ausdrücklich auf die Situation in läuft ein Herr in elegantem Wintermantel Sanità. Beispielhaft zeige sich dort das und kommentiert das Geschehen für die Versagen der „Polit-Pantomimen in Stadt Kameras des Fernsehsenders Sky. „Belund Staat“. Die Geburt der „neuen Gene- lissimo“ sei dieser Marsch, sagt er, „das ration von Mafiosi“, so Saviano, gehorche Volk ist in Bewegung“, herzerwärmend simpler Logik: Bandenkriminalität sei das Ganze und dringend nötig, denn: einer der letzten profitablen Wirtschafts- „Diese Regierung massakriert uns.“ Unter zweige im Süden. Die Regierung in Rom Renzi werde in Rom gnadenlos gekürzt, habe bis heute kaum etwas für den Mez- bei den Mitteln für Kultur und Soziales vor allem. Das Gegenrezept? „Friedliche zogiorno getan.

MAURO PAGNANO / DER SPIEGEL

Der Bürgermeister ruft zur Rebellion auf und erklärt ganz Neapel zur „Renzi-freien Zone“.

Ein schräger Vergleich. Nirgendwo sonst in Neapel, vielleicht nirgendwo sonst in Italien, ist das lukrative Geschäft mit Drogen so umkämpft wie in Sanità: Es wird gemordet und geballert am helllichten Tag; in Wohnungen fliegen Waffenlager und Kokaindepots auf. Die Bezirksbürgermeisterin beklagt Zustände „wie in Bagdad“, während die Bewohner, ohnmächtige Mütter allen voran, mehr Hilfe vom Staat fordern. Die zumeist jungen Camorristi von Sanità aber machen unverdrossen weiter. Don Antonio kennt sie alle, die Unbescholtenen wie die kleinen Gauner, die Mörder wie die Dealer: „Sie waren ja

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ROBERTO SALOMONE

Priester Don Antonio, Jugendliche: Von der Straße holen, bevor sie eine Knarre halten können

Rebellion.“ Der Mann im Mantel ist nicht irgendjemand, sondern Luigi de Magistris, der Bürgermeister. Ein streitlustiger Neapolitaner, der sich dem Wahlvolk seit vier Jahren als frei denkender Basisdemokrat und Sprachrohr der Politikverdrossenen verkauft. Folgerichtig sieht er keinen Widerspruch darin, gegen das Blutvergießen mitzuprotestieren in dieser Stadt, deren höchster Repräsentant er selbst ist. De Magistris entstammt einer alteingesessenen neapolitanischen Juristenfamilie und war, ehe er Bürgermeister wurde, Ankläger in diversen Verfahren gegen die Camorra. Im Zuge seiner Ermittlungen kam er 2007 unter anderen dem damaligen Premier Romano Prodi in die Quere. Daraufhin folgte, zwangsläufig oder zufällig, seine Versetzung auf einen Richterposten. Das hat er bis heute nicht verwunden. „Scheiß-Camorra“ ist auf der Außenmauer des Palazzo San Giacomo zu lesen, ein Graffito nach dem Geschmack des Bürgermeisters, der hier seinen Amtssitz hat. Oben im zweiten Stock, zwischen Porzellannippes und Papstfotos, residiert er – mit

Blick aufs Meer und auf die Kreuzfahrtschiffe, die beinahe stündlich Kundschaft ausspeien. „Neapel ist quicklebendig“, sagt de Magistris, „wird aber ständig schlechtgemacht.“ Steigende Touristenzahlen, sinkende Verbrechensraten bei Diebstahl und Raub im Stadtgebiet, dazu ein um drei Viertel vermindertes Haushaltsdefizit – warum interessiere das eigentlich keinen? Warum immer nur Camorra-Morde? „Ich regiere hier seit vier Jahren ohne Geld“, sagt der Bürgermeister, „alles fließt nach Nord- und Mittelitalien.“ Daran wird sich nach menschlichem Ermessen so schnell auch nichts ändern. Denn de Magistris hat Neapel mittlerweile auf Facebook zur „Renzi-freien Zone“ ausgerufen. Er behauptet, der Premier arbeite daran, „die Schönheiten unseres Landes für einen Ausverkauf an Lobbys, Cliquen und Mafiaorganisationen“ zu nutzen. Verrückt? Neapel. Der Bürgermeister will im Juni wiedergewählt werden. Auch deswegen zeigt er sich vor Heiligabend zur Langen Nacht der Kultur in Sanità, wo vor Don Antonios

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Ermordeter Clanchef „Pierino“ Esposito 2015: Erschossen und verblutet vor der Kirche Santa Maria

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Basilika des erschossenen 17-Jährigen gedacht wird. Und auch sonst lässt der Stadtobere nichts unversucht, um Renzis Sozialdemokraten die Schuld für die neapolitanische Misere in die Schuhe zu schieben. Der Premier in Rom aber schert sich wenig um den Vorwurf, Italiens Süden werde vernachlässigt: „Schluss mit dem Gejammer, lasst uns die Ärmel hochkrempeln“, erklärte er bereits im Herbst. Auch zwischen Neapel und Palermo sei ab sofort ehrliche Arbeit gefragt. Ähnlich wie Renzi sehen das viele in Italien, im Norden mehr als im Süden, im rechten Lager mehr als im linken. Den Klagen der Bewohner des Mezzogiorno begegnen sie mit Fakten: Nicht nur bei der Höhe der Gehälter im öffentlichen Dienst, auch bei der Zahl der Krankmeldungen oder den hinterzogenen Steuern liegt der Süden deutlich vorn. 500 Milliarden Euro flossen seit 1951 über Sonderabgaben und Strukturhilfen in den Süden, nach heutigem Stand fast das Vierfache dessen, was die Amerikaner mit dem Marshallplan für ganz Westeuropa bereitstellten. Sichtbare Erfolge blieben trotzdem aus. Der Großteil der Gelder landete in den Fangnetzen von Politik, Bürokratie und organisierter Kriminalität. Von 46 Milliarden Euro an verfügbaren Mitteln wurden zwischen 2007 und 2013 zwölf Milliarden nicht einmal abgerufen. Weitere 85 Milliarden Euro an Zuschüssen hat Brüssel bis 2020 in Aussicht gestellt. „Dem Süden fehlt es nicht an Geld, sondern an der richtigen Politik“, sagt Renzi. Und recht hat er. Er muss sich ja nur die eigene Mannschaft in Neapel anschauen: Sein Parteikollege, der Gouverneur der Region, wurde erstinstanzlich zu einem Jahr Haft verurteilt wegen Amtsmissbrauchs. Die Antimafiabehörde führt ihn auf ihrer schwarzen Liste. In die Bürgermeisterwahl im Juni wiederum zieht für Renzi voraussichtlich ein Parteiveteran, der das Amt schon ab 1993 innehatte – und der im Rückblick einräumt, die Camorra sei „kein Krankheitssymptom an einem ansonsten gesunden Körper“. Was so viel bedeutet wie: Neapel leidet in Politik und Gesellschaft an Multiorganversagen. „Die Bedürftigen“, sagt Don Antonio im ehemaligen Kloster neben seiner Kirche, „sind nur die allerletzte, vertrocknete Frucht an einem riesigen Baum. Wer bessere Früchte ernten will, der muss am Stamm und an den Wurzeln ansetzen.“ Was das heißt? Den Jungen eine Chance geben, egal aus welchem Milieu sie stammten. „Ein Heranwachsender bleibt ein Heranwachsender“, so Don Antonio, „auch wenn er der Sohn von Adolf Hitler ist.“ Ciro Esposito, den Sprössling des Clanchefs im Viertel, kannte der Seelsorger gut. Als der Bursche erschossen wurde vor dem Fahrstuhl, der Sanità mit der Restwelt verbindet, hatte er ein kleines Kind mit seiner


Verlobten und die Aussicht auf ein Leben sche Spur. Er sucht nämlich mit seinen ohne Camorra. Nun ist er tot, wie sein Leuten die Camorra auf der Straße. Der Vater. Zum Gottesdienst bei Don Antonio Oberst, Generaldirektor für Verbrechensprävention, drei goldene Sterne auf den kommen nur noch die Witwen. „Du musst die Jungen in diesen Vierteln Schulterstücken, ist einer der ranghöchsten von der Straße holen, bevor sie eine Knar- Polizisten Neapels – und in Erklärungsnot, re halten können – am besten im Alter seit die Metropole des Mezzogiorno von von eins bis sechs“, sagt einer, der selbst „einer unerhörten Welle der Gewalt“ erCamorrista war und sich nun ehrenamtlich fasst wird, wie „Il Mattino“ schreibt. In der Kommandozentrale des Polizeium gefährdete Kinder im Norden der Stadt kümmert. „Die Camorra steckt uns allen präsidiums von Neapel, Via Medina, vierin den Ritzen der Fußsohlen. Das Einzige, ter Stock, verfolgt Spina auf zehn Flachbildschirmen in Echtzeit, was 700 Überwawas dagegen hilft, ist mehr Kultur.“ 70 000 Besucher kommen jährlich nach chungskameras in seiner Stadt aufzeichSanità, um sich von Don Antonios Mit- nen. Auf seinem Schreibtisch hat der arbeitern durch die antiken Katakomben Colonello einen Zettel liegen, der zur Eile führen zu lassen. Jahrhundertelang verlas- mahnt: „Der schlimmste Dieb ist der, der sen, sind sie mittlerweile mustergültig res- dir die Zeit stiehlt.“ Und ins Gesicht getauriert. Wer hinabsteigt in den Bauch von schrieben steht ihm die Nachricht, dass Neapel, der sieht die frühere Grabstätte soeben wieder ein Mann ermordet wurde. des Stadtheiligen San Gennaro neben ei- Im Norden Neapels, nahe dem Flughafen, nem Altar aus dem dritten Jahrhundert. tot aufgefunden auf offener Straße. „Alfa Zero Uno, wir kommen“, spricht Und der begreift, dass selbst in Sanità VerSpina ins Funkgerät und ordert einen Streiänderung möglich ist. Die Touren durchs Reich der Toten brin- fenwagen. Es geht über Scampia, Europas gen Leben ins Viertel: 20 junge Frauen und ehemals größten Drogenumschlagplatz mit Männer arbeiten mittlerweile in der von Bandenkriegen, die Hunderte das Leben kosteten, nach Sanità. Vier Beamte, halb automatische Berettas im Anschlag, halten vor Don Antonios Kirche Wache. Es ist kurz nach 23 Uhr, die Nacht fängt eben erst an. Dass Gennaro Cesarano hier auf der Piazza früh um halb fünf erschossen wurde, sei bezeichnend, sagt Oberst Spina – Don Antonio gegründeten Kooperative. die neuen Banden verhielten sich unorthoNeben Katakombenführungen werden dox und gäben der Polizei Rätsel auf. „Die Übernachtungen im ehemaligen Kloster alten Clans waren, so paradox das klingen angeboten. Das Jugendorchester Sanitan- mag, weniger gefährlich für die Allgemeinsamble war im November sogar beim heit, denn sie saßen fest im Sattel und wollPapst eingeladen. Franziskus schüttelte ten vor allem eins: in Ruhe Geschäfte maDon Antonio lange die Hand und sagte chen und um keinen Preis auffallen.“ Die Beamten salutieren, der Colonello dann: „Danke für all das, was Sie tun.“ Spricht Don Antonio über Politik, so ist fährt weiter, in dieser Nacht fließt kein er schnell bei Franziskus, der sich und seine weiteres Blut. Erst zwei Wochen vor HeiligWeltsicht unlängst „sinistrino“ nannte – abend schlägt die Camorra wieder zu. linkslastig, dabei fest verankert im Boden Nicht weit von Sanità wird ein Drogender katholischen Sozialdoktrin mit ihrem dealer erschossen. Und Stunden später verAugenmerk auf den Armen. Einem wie blutet ein Mann am Steuer seines Smart, Don Antonio, der beim Kirchenkritiker niedergemäht mit Schüssen aus einer kleinHans Küng in Tübingen studiert hat, gefällt kalibrigen Pistole – zur Mittagszeit, direkt dieser aufmüpfige Papst – weil der nichts vor einer Grundschule. Es sind Tage wie dieser, an denen sogar und niemanden zu fürchten scheint. Als Franziskus vor einem Jahr Neapel Don Antonio ins Zweifeln gerät. Er, der besuchte, nahm er zwar das Wort Camorra hier geboren und mit der Camorra groß nicht in den Mund, wetterte aber gegen geworden ist. „Wir wussten schon als das „Böse“ und „die stinkende Korrup- Kinder, was das Wort Camorra bedeutet – tion“. Wer wollte, verstand das als Hinweis aber wer wollte, konnte damals noch wegauf die Symbiose zwischen Politik und sehen“, sagt der Priester. „In meiner Kindorganisierter Kriminalität. „Indem man heit ist niemand vor einer Grundschule kleine und große Verbrechen toleriert, erschossen worden.“ Walter Mayr wird ein Umsturz von unten verhindert“, Mail: walter.mayr@spiegel.de schrieb der Soziologe Amato Lamberti. Video: Und: „Die Camorra ist eine kriminelle Polizeieinsatz in Sanità Lobby aus Politikern und Unternehmern.“ spiegel.de/sp042016italien Trifft das zu, dann verfolgt Colonello oder in der App DER SPIEGEL Michele Spina an diesem Abend die fal-

Die alten Camorra-Clans waren weniger gefährlich – sie wollten um keinen Preis auffallen.

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ANGELOS TZORTZINIS / AFP

Premier Tsipras nach seinem Wahlsieg am 20. September 2015 in Athen: Sie stimmten noch einmal für ihn, aber der Zauber war weg

Es gab nie einen Plan Griechenland Vor einem Jahr wurde Alexis Tsipras gewählt, um ein Wunder zu vollbringen. Die Geschichte eines fatalen Missverständnisses. Von Giorgos Christides

I

n dieser Nacht im Januar 2015, als Alexis Tsipras die Wahl gewann, konnte auch ich der Euphorie nicht widerstehen. Ich hatte ihn nicht gewählt, aber ich dachte: Er hat diese Chance verdient. Wie die meisten Griechen sah ich hinter den Merkmalen dieser Krise – den 26 Prozent Arbeitslosigkeit, den um rund 40 Prozent gesunkenen Löhnen, der Armut – die Gesichter meiner Freunde, Nachbarn und Angehörigen. Der Sieg von Syriza war der Hilfeschrei einer verzweifelten Nation. Noch dazu fühlte ich mich mit Tsipras auf eine gewisse Weise verbunden: Er war der erste Regierende aus meiner Generation. Er hatte Menschen um sich geschart wie Despina Charalambidou, eine Arbeiterin ohne Job und nun bald Vizepräsidentin des Parlaments. Es tat sich etwas Großes. Ich glaubte nicht, dass Alexis Tsipras und seine zusammengewürfelte Partei das Bailout-Programm in Stücke reißen würden. Auch nicht, dass sie all ihre Versprechen halten würden: den Schuldenschnitt, das Ende der Privatisierungen, die Rücknahme der Gesetze ihrer Vorgänger. Was ich aber nicht erwartete: dass Tsipras ein Jahr später so gut wie alle seine Versprechen gebrochen haben würde. Dass er einem dritten Bailout zugestimmt haben würde, der auf dem nur allzu bekannten Austeritätsrezept basiert – Sparen, Steuererhöhungen, Privatisierungen und Reformen. Doch rückblickend war Tsipras’ Transformation unausweichlich.  Wenn ich die Syriza-Leute vor der Wahl fragte, wie  sie ihre Ziele erreichen wollten, lautete ihre Antwort immer ungefähr so: 92

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Der Schwung des Wahlsiegs und Tsipras’ Charisma, eine Allianz mit den anderen rezessionsgeplagten Ländern der Eurozone und die Unterstützung von Freunden wie Moskau würden eine Umsetzung all dieser Pläne ermöglichen. Und was, wenn das nicht funktionieren würde, was war ihr Plan B? Darauf bekam ich nie eine Antwort. Damals dachte ich, sie hätten einen Plan, aber wollten ihn nicht offenlegen. Heute weiß ich: Es gab nie einen Plan. Jede Hoffnung, dass diese Strategie funktionieren könnte, wurde bald nach der Wahl zerschlagen. Tsipras hatte die Machtverh��ltnisse in Europa falsch eingeschätzt. Aber das war nicht die einzige Schwäche seiner Strategie. Die Griechen waren und sind überwiegend für den Euro, Tsipras wäre vermutlich nie Premier geworden, wenn er für eine Rückkehr zur Drachme geworben hätte. Er hatte also weder das Mandat noch den Mut, einen glaubwürdigen Plan für den Euroaustritt vorzulegen. Anders als viele glauben, wollte Tsipras nie einen Grexit, dafür hatte er nie einen Plan. Was es gab, war das Schreckensszenario einer Rückkehr zur Drachme. Auch heute will der damalige Finanzminister Yanis Varoufakis über Details nicht sprechen, doch bei einem Treffen vor einigen Wochen sagte er: Sein „Plan B“ sei damals entwickelt worden „in der Absicht, allen Angst einzujagen, die ihn lesen“. Es war ein Notfallplan, falls Griechenland aus dem Euro fliegen würde. Was von Tsipras’ revolutionärer Rhetorik überlagert wurde: dass er eigentlich einen Ausgleich mit den Europäern wollte.

Daher machte er Giannis Dragasakis zum Vizepremier, einen höflichen, leisen Mann, sicher keinen Revolutionär. Wochen vor der Wahl hatte mir Dragasakis gesagt, eine Syriza-Regierung werde einen Kompromiss suchen, Brücken bauen und keine Erpressungsmethoden gebrauchen.  Es war allerdings Varoufakis, den man im Rest Europas vor allem wahrnahm. Doch selbst er war ein Verfechter von Griechenlands Mitgliedschaft in der Eurozone. Aufschlussreich war, wen Tsipras nicht zum Minister machte. Etwa John Milios, zum Zeitpunkt der Wahl der Chefökonom von Syriza. Er hatte gefordert, den Schuldendienst sofort nach der Wahl einzustellen. Aber Tsipras hörte nicht auf ihn. Nach außen hielt Tsipras den Eindruck einer Konfrontation aufrecht, solange es ging – ohne je einen totalen Bruch zu riskieren. Aber die Zeit war nicht auf seiner Seite. Die Griechen zogen Milliarden Euro von ihren Bankkonten ab. Anfang Juni waren die staatlichen Reserven so gut wie erschöpft. Als der zweite Bailout auslief, hatte Tsipras weder Geld noch Verhandlungsspielraum. So wählte er den einzigen Ausweg, den er in diesem Moment sah: ein Referendum. Nachdem die Griechen am 5. Juli gegen die Sparauflagen gestimmt hatten, hielt Tsipras’ Triumph nicht lange an. Eine Woche später war er in Brüssel und verkündete nach einer Marathonsitzung, dass er einem dritten Rettungsprogramm zugestimmt habe, Umfang bis zu 86 Milliarden Euro, Laufzeit drei Jahre. Hätte er das nicht getan, sagte er, wären innerhalb von


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48 Stunden die Banken ohne Geld gewesen, die Wirtschaft wäre kollabiert, Griechenland hätte Drachmen drucken müssen. Danach musste Tsipras um sein politisches Überleben kämpfen. Er warf die Hardliner aus dem Kabinett, spaltete seine Partei und brachte den Bailout mit den Stimmen der Opposition durchs Parlament. Tsipras war immer noch der beliebteste griechische Politiker; viele Wähler glaubten ihm, dass er ein Opfer der „Erpressung der Europäer“ geworden sei. Und so gaben sie ihm bei der Neuwahl am 20. September erneut ihre Stimme. Aber der Zauber war weg, und alle wussten: Syriza würde nun harte Reformen durchführen. Und so ist es gekommen.  Fast alles scheint sich in diesem Jahr verändert zu haben, selbst die Parteizentrale von Syriza. Damals blätterte die Farbe von den Wänden, so heruntergekommen war der Bau, dass ein Angestellter über die versammelten Fernsehkorrespondenten aus aller Welt bemerkte: „Ihre Anzüge kosten mehr als das ganze Gebäude.“ Jetzt ist die Zentrale frisch gestrichen, die Einrichtung wurde modernisiert. Ist Syriza also heute auch im Innersten eine andere Partei? Das seien alles nur kosmetische Veränderungen, sagt Panagiotis

Rigas, der Sekretär des Syriza-Zentralkomitees, er steht vor dem Gebäude und blickt nachdenklich auf die frische Fassade. Sie bedeuteten keine Veränderung am Charakter der Partei, und überhaupt, „der Bailout und seine Folgen sind nicht zu vereinbaren mit unserer DNA“. Tatsächlich scheint beides zusammen unmöglich, und so verliert Syriza derzeit rasend schnell an Beliebtheit. Nur 18 Prozent der Griechen würden laut einer Umfrage heute für Syriza stimmen. Und die Unterstützung könnte in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin sinken, wenn die Regierung wieder Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, Privatisierungen umsetzen und die Renten weiter senken muss. Rentner, Bauern, Selbstständige – fast alle hat Tsipras inzwischen gegen sich.   Vielleicht bleibt Tsipras bald nichts anderes übrig, als zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren – und wieder den radikalen, linken Populisten herauszukehren. Einige seiner Minister zeigen bereits Reformmüdigkeit. Die meisten haben keine Lust, die Vollstrecker des verhassten Sparprogramms zu sein. Manche kritisieren sogar öffentlich die eigenen Gesetze, ja, der Landwirtschaftsminister informierte offiziell das Parlament, dass er nicht die Absicht habe,

das von seinem Ministerium zur Abstimmung vorgelegte Gesetz umzusetzen. Der Druck hin zu einer Linkswende wird immer größer, vor allem weil Tsipras nicht mehr die einzige politische Option ist. Die liberal-konservative Nea Dimokratia liegt in Umfragen vor Syriza. Sie hat gerade Kyriakos Mitsotakis zum Parteichef gewählt, einen Pragmatiker und ernsthaften Rivalen für Tsipras. Sollten die Griechen glauben, dass Einsparungen unvermeidbar sind – warum sollten sie dann nicht einen Politiker mit der Durchsetzung betrauen, der auch tatsächlich an das Reformprogramm glaubt? Selbst wenn Tsipras sich ein weiteres Mal neu erfindet, ist nicht sicher, dass die Griechen ihm erneut folgen werden. Nicht nur für Syriza, auch für die meisten Griechen war das Jahr 2015 ein Schock. Mein Freund Stefanos gehört zu den vielen Griechen, die vor einem Jahr für Syriza gestimmt haben, weil sie angewidert waren von den alten Parteien. Jetzt sagt er, beim nächsten Mal werde er für Mitsotakis stimmen. Warum? Ganz einfach: Die Linken seien gescheitert. „Ich weiß nur eins“, sagt mein Freund, „die Situation ist so verfahren, da ist jede Veränderung besser.“ Seine Worte kamen mir bekannt vor. I

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Nachtleben in Istanbul: „Sie machen sich zu viele Sorgen“

„Der Feind ist unter uns“ Türkei Tourismusminister Mahir Ünal über den Kampf gegen den Terror und das Verhältnis seines Präsidenten zur Demokratie Ünal, 49, hat Theologie sowie Soziologie studiert und als Lehrer gearbeitet, bevor er 2003 in die AKP eintrat. Seit November ist der enge Vertraute von Präsident Recep Tayyip Erdoğan Minister für Tourismus und Kultur. SPIEGEL: Herr Minister, können deutsche

Touristen noch ohne Angst Urlaub in der Türkei machen? Ünal: Der Anschlag von Istanbul wird die Türkei genauso verändern wie die Anschläge von Paris auch Frankreich verändert haben. Unsere Vorsichtsmaßnahmen wurden verdoppelt, mancherorts verdreifacht. Wir tun alles, um Sicherheit zu gewährleisten, ganz besonders in den Urlaubszentren. SPIEGEL: Die Auswirkungen auf den Tourismus sind verheerend, die Buchungen sind um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Ünal: Die Tourismusbranche steht weltweit vor großen Herausforderungen. Die Menschen wollen reisen – und ihre Sicherheit kann nicht immer gewährleistet werden. Doch wenn wir uns jetzt in unseren Freiheiten einschränken lassen, wenn wir der Angst nachgeben, dann haben die Terroristen gesiegt. Wir befinden uns in einem neuen Weltkrieg gegen den Terror, und wir müssen ihn konsequent bekämpfen, indem wir eng zusammenarbeiten. Nur dann haben wir eine Chance zu gewinnen. SPIEGEL: Bis vor Kurzem ist die Türkei allerdings gegen den „Islamischen Staat“ (IS) nicht sehr entschlossen vorgegangen. Ünal: Wir sind das Land, das den IS im Moment am effizientesten bekämpft. Einen mutmaßlichen Mittäter von Paris hatten 94

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wir vor den Anschlägen festgenommen und an Belgien ausgeliefert. Tausende Ausländer, die nach Syrien wollten, haben wir seit 2012 verhaftet und in ihre Heimat zurückgeschickt. Und was ist dort mit ihnen geschehen? In vielen Fällen nichts. SPIEGEL: Zumindest anfangs hat die Türkei aber mit dem IS kooperiert, weil er gegen Diktator Baschar al-Assad kämpfte. Ünal: Das stimmt nicht. Seit 2011 kannten wir die Verbindungen zwischen dem IS und Assad. Weil wir wussten, dass die Terroristen eher an dessen Seite stehen, haben wir ihnen keine Vorteile verschafft. Wir haben schon den Vorläufer des IS 2013 zur Terrororganisation erklärt. Damit waren wir fast allen anderen Regierungen voraus. SPIEGEL: Über Ihr Land sind die IS-Sympathisanten doch erst nach Syrien gelangt. Ünal: Solche Grenzübertritte haben wir nicht zugelassen. Aber umgekehrt kommen über unsere 900 Kilometer lange Grenze mit Syrien viele Flüchtlinge, die wir aufnehmen müssen. Das birgt natürlich das Risiko, dass sich unter ihnen auch Terroristen befinden. Doch wir fühlen uns zur humanitären Hilfe verpflichtet. SPIEGEL: Gleichzeitig erschüttern immer wieder Meldungen und Bilder von auf der Flucht ertrunkenen Kindern an Ihren Stränden die Welt. Was tun Sie dagegen? Ünal: Einige europäische Länder diskutieren, ob sie 3000 oder 5000 Flüchtlinge verkraften können, ob diese Menschen nun Christen sind oder Muslime, ob sie gut ausgebildet sind oder nicht und mit wem sie weniger Probleme hätten. Wir hingegen nehmen die Flüchtlinge auf und helfen ihnen, damit sie nicht in die Boote steigen und diese Reise in den Tod antreten. Die

Uno hat unsere Leistungen für die Flüchtlinge als die weltweit besten gewürdigt. SPIEGEL: Dem Ansehen der Türkei schadet nicht nur Terror, nicht nur die Flüchtlingskrise, sondern auch Erdoğans Despotismus. Ünal: Es ist nicht das erste Mal, dass einem erfolgreichen, beliebten Präsidenten der Türkei dieser Vorwurf gemacht wird. Doch die Siege, die Erdoğan in demokratischen Wahlen erzielt hat, sind unbestritten. Zudem befindet sich die Türkei noch in einem Demokratisierungsprozess. Und dieses schlechte Image, von dem Sie sprechen, wird von gewissen antidemokratischen Kräften gezielt befördert. SPIEGEL: Sie meinen die Kurden und die linke außerparlamentarische Opposition? Ünal: Diese Kräfte beleidigen unseren Präsidenten, und wenn er die Gerichte anruft, heißt es gleich, er sei ein Diktator. Auch ich wurde schon hundertfach auf Facebook und Twitter angegriffen. Wehre ich mich dagegen, werde ich angeprangert als einer, der die freie Meinung unterdrückt. Leider arbeiten auch einige unserer Medien mit diesen antidemokratischen Kräften zusammen. SPIEGEL: Inwiefern? Ünal: Wenn Paris von Terroristen angegriffen wird, schreibt unsere Presse: „Frankreich weint um seine Kinder.“ Wenn das Gleiche in Istanbul passiert, reden sie vom „Land des Grauens“. Das meine ich, wenn ich sage: Der Feind ist mitten unter uns. SPIEGEL: Aber noch mal: Erdoğan redet und handelt oft wie ein Autokrat. Ünal: Wie können Sie jemanden als Autokraten bezeichnen, der so viele Wahlen gewonnen hat? Es war doch die AKP, die diesen Staat demokratisiert hat! Heute dürfen Sie hier Ihre Meinung sagen, solange Sie nicht zur Gewalt aufrufen. SPIEGEL: Gerade erst wurden mehr als zwei Dutzend Wissenschaftler verhaftet, weil sie das brutale Vorgehen gegen die Kurden im Südosten kritisiert hatten. Das nennen Sie Meinungsfreiheit? Ünal: Der kurdische Terror macht uns seit Jahrzehnten zu schaffen. Da geht es nicht, dass der Staat, der diese Gewalt bekämpft, in einem offenen Brief angegriffen wird. SPIEGEL: Demokratie bedeutet aber, auch unbequeme Meinungen zuzulassen. Ünal: Diese Wissenschaftler haben den Staat beschuldigt, Massaker zu begehen, obwohl dafür die Terroristen verantwortlich sind. Über deren Verbrechen haben die Verfasser kein Wort verloren. SPIEGEL: Verstehen Sie denn nicht, dass sich der Westen um Ihre Demokratie sorgt? Ünal: Sie machen sich zu viele Sorgen. Der Kampf gegen den Terror erfordert unser volles gegenseitiges Vertrauen und unsere enge Zusammenarbeit. Der Anschlag von Istanbul, dessen Opfer unser ganzes Mitgefühl haben, darf sich nicht wiederholen. Interview: Dieter Bednarz Mail: dieter.bednarz@spiegel.de, Twitter: @DieterBednarz


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Global Village Beim Karneval in Rio de Janeiro tanzt und singt die verrückteste Truppe des Landes: Psychiater, Pfleger und ihre Patienten.

D

ie Musik hat Hamilton de Jesus Assunção den ganzen Morgen begleitet, als er den Zug bestieg, im Westen von Rio de Janeiro, zwei Stunden bis ins Zentrum, das Handy in der Hand, Kopfhörer im Ohr. Sie hat ihm geholfen, das Lampenfieber zu bekämpfen, als er die Treppe zum Rio Scenarium hinaufstieg, einem der bekanntesten Musikklubs der Stadt. Und sie trägt ihn jetzt, als er auf die Bühne gerufen wird und vor die Jury tritt. Hamilton greift das Mikrofon und beugt den Körper vor, ein Fuß stampft den Rhythmus, Trommeln explodieren, und dann singt er sich die Seele aus dem Leib. „Der Samba ist eine heilige Arznei!“, so hat er den Song genannt, es ist auch der Refrain, und das Publikum stimmt ein. Hamilton ist ein kleiner, drahtiger Mann mit schwarzen Augen, seine Habseligkeiten trägt er in einem zerschlissenen Rucksack mit sich herum. Das Display seines Handys ist zersplittert, er lebt von Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs als Komponist. Dabei kann er nicht mal Partituren schreiben. Und jetzt dieser Samba, einfach so fiel er ihm ein, er sang die Strophen und nahm ihn mit dem Handy auf. Auch den Text hat er selbst gedichtet: „Es war leicht, ich brauchte nur aus meinem Leben zu erzählen.“ Sein Leben, das sind diese dunklen Momente, wenn er sich verfolgt fühlt und sich am liebsten einschließen möchte vor der Welt. Sein Leben, das sind diese Pillen aus der Schachtel mit dem schwarzen Warnstreifen, die er jeden Morgen nimmt. Und es sind die Glücksmomente, die er empfindet, wenn wieder Karneval ist, wenn er seine Musik singt, wenn nicht nur er, sondern die ganze Welt um ihn herum auf dem Kopf steht. All das hat er in seinen Samba gepackt. Hamilton leidet unter paranoider Schizophrenie, seit über 20 Jahren ist er in psychiatrischer Behandlung. Den ersten Anfall habe er gehabt, als er beim Militär war, erzählt er, „sie haben mich misshandelt und eingesperrt“. In den vergangenen Jahren sind die Anfälle zurückgegangen, und das liege nicht nur an den Pillen, meint Hamilton: „Die beste Therapie ist der Karneval.“ Am 31. Januar ist es wieder so weit: Dann sind die Narren los, dann wird Hamilton mit dem Bloco „Tá Pirando, Pirado, Pirou“ auf der Avenida Pasteur defilieren, der großen Zufahrtsstraße zum Zuckerhut. Blocos, das sind die Sambatruppen, die den Straßenkarneval bestreiten. Über 400 gibt es in Rio, Tag und Nacht ziehen sie durch die Stadt und machen den Karneval zum größten Volksfest auf Erden. Doch kein Bloco ist so verrückt wie „Tá Pirando, Pirado, Pirou“: Er besteht aus über 40 Patienten, Ärzten und Pflegern des Instituts Philippe Pinel, des größten psychiatrischen Krankenhauses der Stadt. Ins Leben gerufen vor gut elf Jahren von Alexandre Wanderley, einem karnevalbegeisterten Psychiater, und versehen mit diesem Namen, der passt wie kein anderer: „Tá Pirando, Pirado, Pirou“, was sich übersetzen lässt mit: „Wir drehen total durch.“ Aber sie haben auch ein sehr politisches Anliegen: Sie singen und tanzen gegen die Internierung psychisch kranker Patienten, für eine neue Gesundheitspolitik, sie fordern, dass sie in die 96

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VINCENT ROSENBLATT / DER SPIEGEL

Samba-Therapie

Gesellschaft integriert werden. Und wie ließe sich das besser zeigen als beim Karneval, dieser durchgedrehten Riesenshow, die ja vom Rollenwechsel lebt: Männer verwandeln sich in Frauen, Arme in Millionäre, Putzfrauen in Königinnen, und keiner kann sagen, wer nun eigentlich verrückt und wer gesund ist. Anfangs hatten einige Zuschauer Angst vor den Kranken auf der Straße, inzwischen laufen über 1500 Begeisterte hinter dem Bloco her. Was klingt wie ein Hilfsprojekt, ist professionell organisiert, der Anspruch auf Perfektion ist nicht geringer als bei anderen Sambatruppen. Vor zwei Jahren wurde „Tá Pirando, Pirado, Pirou“ sogar von der Stadtverwaltung als Kulturattraktion anerkannt, seither erhält der Bloco finanzielle Unterstützung und wurde ins offizielle Karnevalsprogramm aufgenommen. Monatelang bereiten sich die Teilnehmer auf den Umzug vor, sie schneidern die Kostüme, schmücken den Karnevalswagen, komponieren Sambas. Und jetzt, kurz vor dem Umzug, wählt eine Jury aus Karnevalsexperten die beste Musik aus. In diesem Jahr stehen 15 Sambas zur Auswahl, und einer ist der von Hamilton de Jesus Assunção. Aufgeregt begrüßt Hamilton seine Freunde. Da ist der Vortänzer, ein bärtiger, paranoider Maler mit der Statur eines Bären, der Karnevalswagen und Kostüme entworfen hat. Da ist der Clown mit der bunten Perücke, der sich an den Vortänzer schmiegt und ein Selfie macht; der Clown ist schizophren, aber das spielt im Karneval keine Rolle, denn hier führen alle ein Doppelleben. Da ist der Vorsänger oben auf der Bühne, ein schlanker Schwarzer, der früher nackt durch die Straßen

Komponist Assunção: Die Kranken geben den Rhythmus vor

lief und der jetzt mit zitternder Hand, aber kräftiger Stimme singt. Da ist der Mann am Tamburin, auch er paranoid; und schließlich die Batería, die Trommlertruppe, bestehend vor allem aus Patienten. Die Kranken, sie geben hier den Rhythmus vor. Nach drei Stunden, nachdem alle Sambas gehört sind, zieht sich die Jury zur Beratung zurück, und als sie zurückkehrt, steht fest: Hamilton hat gewonnen. Er hüpft vor Freude, springt auf die Bühne und singt erneut seinen Samba. Der ganze Saal macht mit, wild und laut und ein bisschen durchgedreht, ein Vorgeschmack auf den großen Umzug. Dann wird Hamilton auf dem Lautsprecherwagen stehen, über sich den Zuckerhut, vor sich das Meer, die Luft wird vibrieren vom Klang der Trommeln, Tausende Menschen werden ihm folgen, und Hamilton wird sein Lied singen, bis er heiser ist: „Der Samba ist eine heilige Arznei!“ Jens Glüsing Mail: jens.gluesing@spiegel.de


Sport Ski alpin

Rennläufer Svindal kritisiert IOC

FABRICE COFFRINI / AFP

Eigentlich, sagt Aksel Lund Svindal, seien Olympische Winterspiele für Skirennläufer „das Größte“. Allerdings ist der derzeit beste Abfahrer der Welt sich nicht mehr sicher, ob das auch so bleibt. Die nächsten Winterspiele werden 2018 in Pyeongchang, Südkorea, ausgetragen. Für Svindal ein Ort, wo der Wintersport „nicht geboren wurde“. Besonders kritisch sieht der Norweger die Vergabe der Winterspiele 2022 nach Peking. „Die haben keinen Berg, auf dem man Ski fahren kann“, schimpft Svindal. Dass sich Städte wie Oslo und München aus dem Bewerberkreis für Winterspiele verabschiedet haben, zeige, dass die Bedeutung Olympias erodiere. „Da ist etwas schiefgegangen.“ Das Internationale Olympische Komitee (IOC) solle nicht nur darauf schauen, wer bereit ist, für Olympia „brutal viel Geld auszugeben“, sondern sich bei der Vergabe auch danach richten, wo Wintersport Tradition hat, „wo vernünftig Wintersport gemacht werden kann“. Svindal startete bislang zweimal bei Olympischen Spielen, in Vancouver 2010 gewann er die Goldmedaille im Super-G. gp

Leichter und kürzer Bobfahren war bislang ein Sport, in dem die Aufgaben klar verteilt waren. Im Viererbob sitzen Piloten, Anschieber und Bremser. Im neuen Monobob dagegen ist nur ein Athlet unterwegs, und er muss alle Aufgaben selbst übernehmen. Monobobs sind leichter und kürzer als Zweier- und Viererbobs. Der Weltverband hat die neue Disziplin eingeführt, um Bobfahren für Jugendliche attraktiver zu machen. Früher durften Sportler erst mit 18 Jahren durch den Eiskanal rauschen. In den Monobobs sitzen auch schon 14-Jährige; mit bis zu 130 Stundenkilometern steuern

sie die Gefährte durch die Kurven. Die sogenannten Abweiser, die wie Leitplanken an der Front des Bobs angebracht sind, sollen verhindern, dass er bei Schräglage auf die Seite kippt. Bei den Olympischen JugendWinterspielen, die ab 12. Februar in Lillehammer, Norwegen, ausgetragen werden, gehört Monobob erstmals zum Programm. Bald soll die Disziplin olympisch werden. Viererbobs sind meist Spezialanfertigungen und können mehrere Hunderttausend Euro kosten. Monobobs werden von einer Schweizer Firma zusammen mit dem Formel-1-Rennstall Sauber in Serie produziert, für rund 20 000 Euro pro Stück. Das macht den Sport für kleine

Verbände erschwinglich, auch Fahrer aus Spanien und Brasilien starten bei den Rennen. In den Monobobs sind Sensoren eingebaut, die während der Fahrt übermitteln, welche G-Kräfte auf den Piloten wirken. Das soll den Sport fürs Publikum span-

nender machen. Der BSD suchte über Facebook und Twitter nach Jugendlichen für die neue Disziplin, es meldeten sich Leichtathleten und Fußballspieler. In Lillehammer werden drei von ihnen für Deutschland im Monobob starten. le

SWISSBOB.ORG

Bobsport

Monobobfahrer DER SPIEGEL 4 / 2016

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Tennis Jede Saison stehen Hunderte Matches unter Manipulationsverdacht. F端r Wettbetrug ist die Sportart wie geschaffen. Sie steckt in einer schweren Glaubw端rdigkeitskrise. 98

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Blackbox


Sport

W

er gewinnt den ersten Punkt im zweiten Satz? Das ist eine Frage, mit der man im Tennis viel Geld verdienen kann, wenn ein Spieler für die richtige Antwort sorgt. Die Frau, die sich am Morgen im Frühstücksraum des Hotels neben den Profi aus Osteuropa gesetzt hatte, bot 4000 Euro, falls er den richtigen Ball zur richtigen Zeit ins Netz oder ins Aus schlagen würde; 0:15 zu Beginn des zweiten Satzes. Der Spieler war 29 Jahre alt, er zählte in der Weltrangliste nicht zu den Top 150, und 4000 Euro für einen verschlagenen Ball? Er musste nicht lange überlegen. Nach dem Match wartete die Frau auf einem Parkplatz, sie fuhren in ein Restaurant, dort bekam er sein Geld und ein Handy, für die weitere Kontaktaufnahme. Das Handy klingelte häufig. Er sollte einen Doppelfehler zu Beginn seines dritten Aufschlagspiels machen, sollte mal den ersten Satz verlieren und mal den zweiten, sollte bei einem Turnier in Rumänien spielen, dann in Malaysia. Er bekam 1500 Euro, 6000 Euro, man versprach ihm 15 000 Euro, wenn er einen Spieler besorgt, der dasselbe macht wie er. Wie viel die Frau oder die Wettmafia, die hinter ihr stand, mit ihm verdient hat, weiß er nicht. Es könnten Millionen sein. Ein Beispiel nur, so erzählt von einem Ermittler, der den Spieler befragt hat. Aber so läuft das im Tennis, wie man seit Montag weiß. Seit dem Tag, an dem auch die Australian Open in Melbourne begonnen haben, liegt ein Schatten auf dem Tennis. Die BBC und das Onlinemedium BuzzFeed veröffentlichten zeitgleich, dass in den zurückliegenden zehn Jahren 16 Profis, die unter den Top 50 standen oder noch stehen, in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein sollen. Sie berufen sich auf Dokumente, die ihnen ein Whistleblower zugespielt hat und nach denen 72 Matches möglicherweise manipuliert wurden, auch in Wimbledon. Insgesamt sollen 28 Spieler beteiligt sein, auch der Sieger eines GrandSlam-Turniers. Beweise gibt es keine, was es gibt, sind Indizien; Außenseitersiege, auf die jemand seltsam hohe Summen gesetzt hat. Die einzigen Namen, die zunächst genannt wurden, waren die des Russen Nikolai Dawydenko und des Argentiniers Martín Vassallo Argüello. Dieser Fall war aber schon länger bekannt. Viel deutet darauf hin, dass 2007 ein Match der beiden manipuliert war. Dawydenko war damals die Nummer 4 der Weltrangliste, Argüello die Nummer 87, sieben Millionen Euro an Wetteinsätzen flossen an den Buchmacher, das war zehnmal mehr als üblich. Die Ermittlungen der Profivereinigung ATP blieben seinerzeit ohne Folgen. Die Spieler, die längst nicht mehr aktiv sind, beteuern ihre Unschuld.

Der Vorwurf, dass im Tennis Spiele verschoben werden, ist nicht neu, in den vergangenen sechs Jahren bestraften die Tennisverbände 18 Profis wegen Manipulation, sie sprachen sechs lebenslange Sperren aus. Sollten sich allerdings die neuen Anschuldigungen erhärten, steht das Tennis vor seiner größten Krise. Wenn Doping die Cholera des Sports ist, dann ist Wettmanipulation die Pest. Wer dopt, wer seine Leistung mit verbotenen Medikamenten steigert, der tut das mit der Absicht zu gewinnen. Wer ein Match verschiebt, der will verlieren, der will also nicht erreichen, worum es im Sport doch letztlich geht, den Sieg. Man kann mit Tennis viel Geld verdienen, als Profi auf der Tour. Und als Zocker. Bei Betfair, der größten Online-Wettbörse der Welt, wird nur auf Fußballspiele und Pferderennen mehr Geld gesetzt als auf Tennis. Weltweit liegt der Einsatz bei 20 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Tenniswetten sind reizvoll, weil Tennis leicht zu verstehen ist, es wird im Fernsehen übertragen und im Internet, es gibt

„Du machst einen Doppelfehler in dem Spiel, in dem du das Break kassieren sollst – das war’s.“ allerhand Statistiken, die leicht zu finden sind, auf der Homepage der ATP zum Beispiel. Irgendwo findet immer ein Turnier statt, Zehntausende Matches werden im Jahr ausgetragen, ebenso viele Sätze, Hunderttausende Spiele, Millionen Punkte, und auf alles Mögliche kann man Geld setzen: Wer gewinnt den ersten Satz? Wer das ganze Match? Wer schafft das zweite Break? Wer macht den vierten Doppelfehler? Hätte man den Auftrag, eine Sportart zu erfinden, die für den Wettbetrug gemacht, die für Manipulation wie geschaffen ist, dann müsste man Tennis erfinden. An einem Einzel sind nur zwei Spieler beteiligt, man muss also nur einen Spieler kaufen, um den Verlauf eines Matches zu beeinflussen. Und wer ein Match absichtlich verlieren möchte, der kann abschenken, ohne dass es auffällt. Lag es am Wind, dass der Ball ins Aus geflogen ist, oder hat der Spieler ihn absichtlich zu weit geschlagen? Ist er nicht schneller zum Ball gelaufen, weil er verletzt ist, oder wollte er nicht? Ein Experte, der in der Überwachung des Wettmarkts arbeitet und lieber namenlos bleiben will, sagt: „Man kann jeden Monat Hunderte vollkommen absurde Wettsetzungen im Tennis beobachten. Das sind Handlungsschemata, die schon deutlich auf Manipulation und Betrug hinweisen.“

Es gibt Wetten, die besonders lukrativ sind. Bei denen es nicht schlimm ist, den zweiten Satz, wie besprochen, zu verlieren. Wenn man weiß, dass man am Ende stark genug ist, um das Match noch zu gewinnen. Dann kommt zum Schmiergeld das Preisgeld obendrauf. Wer schafft das erste Break? Wer macht das erste Spiel? Der Österreicher Daniel Köllerer wurde vor fünf Jahren lebenslang gesperrt, weil er drei Spiele manipuliert haben soll. Bis heute bestreitet er das, sagt aber: „Es ist so einfach, den Ball neben die Linie zu setzen.“ Kein Zuschauer würde merken, wenn man extra verliere: „Du machst einen Doppelfehler im Spiel, in dem du das Break kassierst, und das war es dann.“ Köllerer sagt auch, man habe ihm in Indien einmal 50 000 Dollar für eine Niederlage geboten. Viel Geld für Köllerer, wenig für einen Profi, der unter den Top Ten steht. Zwar soll unter den Betrügern, von denen nun die Rede ist, mindestens ein Spieler sein, der ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, aber das ist eher die Ausnahme. Auf unterklassigen Challenger-Turnieren, dort, wo der Nachwuchs versucht, sich in der Weltrangliste nach oben zu kämpfen, und die älteren Profis ihre Karriere ausklingen lassen, finden die Wettmanipulateure leicht willfährige Helfer. Ein Spieler, der noch keine Sponsoren hat, muss im Jahr rund 180 000 Euro aufbringen für Reisen, Hotels, Trainer. Scheidet er in der zweiten Runde aus, erhält er 730 Euro, schafft er es ins Finale, bekommt er 3600. Warum zwischendurch nicht mal der Versuchung nachgeben, für ein Formtief zu sorgen und das Zehnfache einzustecken? Der Experte, der anonym bleiben möchte, sagt: „Manche Spieler sind so abgebrüht, die kommunizieren über verabredete Zeichen mit Leuten, die auf der Tribüne sitzen. Das Spiel bewetten die dann live aus dem Stadion.“ Wer schlägt das erste Ass? Geht das dritte Spiel im zweiten Satz über Einstand? Man kann mit Tenniswetten viel Geld verdienen, ohne einen Spieler zu schmieren. Ohne überhaupt Ahnung von dem Sport zu haben. Wenn man der Mathematik vertraut. Der Amerikaner Elihu Feustel, ein ehemaliger Wirtschaftsanwalt aus South Bend im US-Bundesstaat Indiana, guckt vielleicht eine Stunde Tennis im Jahr, hat aber 60 Stunden in der Woche an seinem Rechenmodell gearbeitet: Feustel hat einen Algorithmus erstellt, für den er die Daten von 260 000 Tennisspielen ausgewertet hat. Wer hat welche Bilanz gegen wen? Wer spielt besser auf Sand? Wenn Feustel auf Tennis wettet, was er eine Zeit lang 30-mal am Tag getan hat, will er einen Gewinn von zwei Prozent im DER SPIEGEL 4 / 2016

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Sport

Kein ruhiges Leben

Jahr erzielen. Das heißt, setzt er eine Million Euro, erlöst er 20 000. Vor zwei Jahren schrieb Feustel an einer Studie mit, zusammen mit einem Assistenzprofessor für Sportrecht untersuchte er 6204 Erstrundenspiele der ATP und der WTA, die zwischen 2011 und 2013 ausgetragen wurden. Sie kamen damals zu dem Fußball Emre Can, deutscher Ergebnis, dass jedes Jahr im Schnitt 23 Matches manipuliert sein könnten; ungewöhn- Nationalspieler des FC Liverpool, liche Wettverläufe und Wetteinsätze legten gilt als künftiger Macher. Mit den Verdacht nahe. seinem Machtanspruch hat er sich Unter den zweifelhaften Spielen waren auch welche bei den French Open 2011, schon mal die Finger verbrannt. den Australian Open 2012 und aus beiden Jahren in Wimbledon. Die beiden Autoren er erste Schritt zum Verständnis nannten allerdings nicht, welche Spieler von Jürgen Klopps Fußballidee beauf dem Platz standen und wann genau, stand für den gelehrigen Schüler an welchem Tag und um welche Uhrzeit, Emre Can in einer einfachen Denksportdie Begegnungen ausgetragen wurden. aufgabe. Frage: Wann müssen wir uns Vielleicht handelt es sich um dieselben nicht weiter damit abmühen, den Ball zu Partien, von denen es nun heißt, Syndikate erobern? Die Lösung: Immer dann, wenn aus Russland und Italien hätten Hundert- wir ihn schon haben. tausende Euro auf sie gewettet. Es ging um das Pressing, ein LieblingsWer schafft das erste Rebreak? Wer ver- werkzeug des Liverpooler Trainers Klopp. liert, obwohl er den ersten Satz gewonnen Can sollte vor Journalisten erläutern, hat? Der frühere Tennisprofi Andy Rod- warum man nicht übermenschliche Kräfte dick twitterte am Dienstag, ein ehemaliger braucht, wenn man ständig dem Gegner Kollege habe ihm mitgeteilt, er kenne min- entgegenrennen soll. Klopps Jäger hetzen destens 8 oder 9 der 16 Topspieler, die jetzt ja schon in dessen Hälfte von Mann zu beschuldigt werden, ein Match manipuliert Mann, um die Kontrahenten zu Fehlern zu haben. Konkreter wurde es nicht, aber zu zwingen. „Dieses Pressing“, sagte Can, die Unterlagen mit den Spielernamen sol- „müssen wir ja nicht 90 Minuten lang len der ATP vorliegen. machen“, so hatte er es von Lehrer Klopp Reflexartig wies der Chef der Organi- erklärt bekommen. „Denn wenn wir den sation den Vorwurf zurück, die Kommis- Ball gewonnen haben, müssen wir uns sion zur Integrität im Tennis, die TIU, hätte nicht selber pressen.“ Beweise unterdrückt. Nicht jeder glaubt Can lernt schnell. ihm. Ein österreichischer Buchmacher sagt: In jenen Tagen, da sein neuer Trainer „Die TIU nennen wir nur die Blackbox. gerade eingetroffen war, trug er einen Dort werden alle notwendigen Informa- Verband um die rechte Hand. Er hatte tionen eingespeist, und dann verschwin- sich den Daumen verbrannt, verriet er den sie umgehend.“ bei einem Gespräch in Liverpool, „in der Am Mittwoch stellte dann ein Blogger Küche“. Die Herdplatte, das passiert ihm eine Liste mit 15 Namen ins Netz, und bei nicht wieder. Eigentlich könne er sowieso den Australian Open muss sich jeden Tag nicht kochen. ein anderer Profi für eine verblüffende Mut haben, Fehler machen, dazulernen. Niederlage rechtfertigen. Tennis läuft auf Das ganze Leben ist für Emre Can, 22, im eine schwere Glaubwürdigkeitskrise zu, Prinzip eine einzige heiße Herdplatte. Den die ATP müsste dringend Aufklärung leis- Ball verlieren, ihn zurückgewinnen, beim ten, macht aber erst mal nichts. Am Sonntag der kommenden Woche treffen sich in Melbourne die Herren zum Finale, ein wichtiger Termin für die Zocker. Beim Endspiel vor vier Jahren zwischen Rafael Nadal und Novak Djoković setzten sie 60 Millionen Euro. Wer macht den dritten Punkt im zweiten Satz? Wer gewinnt das dritte Spiel? Im Oktober haben die Organisatoren des Turniers einen neuen Sponsor vorgestellt, einen „offiziellen Partner“, zusammen sei man „das perfekte Paar“, hieß es. Der Sponsor ist William Hill, der größte englische Wettanbieter.

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Rafael Buschmann, Maik Großekathöfer Twitter: @Rafanelli, @grossekat

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Trainer Klopp, Profi Can Schnelles Spiel, harte Zweikämpfe

nächsten Mal den Ball nicht mehr so schnell verlieren – darum geht es, aber nicht nur. Man müsse sich als Mensch weiterentwickeln, sagt Can in einem Hotel am Princes Dock mit Blick auf den Mersey-Fluss. „Jeder kann im Leben etwas dazulernen, vom Taxifahrer bis zum Kellner.“ Can zum Beispiel lernt mit einem Privatlehrer Englisch. Die Geschichte des deutschen Fußballtalents mit türkischen Wurzeln ist die typische Karrierenummer des schnellen Aufsteigers, getrieben von hohen Zielen, diszipliniert und folgsam. So sind sie, die besten Absolventen der angesehensten deutschen Fußballinternate, sie ähneln sich in der Sprache, in der höflichen Zurückhaltung und Bescheidenheit. Das wirkt oft gekünstelt. Can hat das alles auch. Doch bei aller Demut macht er sich keine Mühe, seinen Führungsanspruch auf dem Platz zu verheimlichen, er will dort Verantwortung und den Ball, will den Ton angeben – das steckt in ihm drin. Mit 17 Jahren war er Kapitän der deutschen U-17-Auswahl, mit 18 Debütant bei Bayern München, mit 19 Jahren erstmals bei einer U-21-Europameisterschaft – so fing das an. Can hatte mit 15 Jahren ein Angebot von Manchester United erhalten, sich aber für das des FC Bayern entschieden, er wechselte von Eintracht Frankfurt, dem Klub seiner Heimatstadt, nach München ins Fußballinternat. Can, ein Kerl wie ein Baum, will weiterkommen, will mehr, es kann ihm nicht schnell genug gehen. Er gehörte zum Bayern-Kader im Jahr des Triple-Gewinns 2013, im Jahr darauf zum Stammpersonal bei Bayer Leverkusen. Im zweiten Jahr Premier League zählt er nun zur ersten Wahl des FC Liverpool. Schon seine Körperhaltung verrät eine Kraft, andere mitzureißen. „Ich bin laut auf dem Platz. Ich möchte helfen“, sagt Can. „Ich sage gern zu anderen: Komm, Junge, Kopf hoch.“ Einem Freund, der nicht zitiert werden will, fällt ein Vergleich ein. Can sei wie „ein höflicher Effenberg“. Das erste Heimspiel unter Trainer Klopp, der Gegner ist Rubin Kasan aus Russland. Can verliert den Ball im Mittelfeld gegen Marko Dević. Mit eingesprungener Grätsche holt er ihn von Carlos Eduardo zurück. Szenenapplaus im Stadion an der Anfield Road. Zwölf Minuten später verliert Can den Ball im Dribbling. Bevor der Gegner ihn ins Aus rollen lassen kann, springt Can hinterher, holt unter tosendem Beifall eine Ecke heraus. So spielt Can. Die Zeitung „Liverpool Echo“ schreibt, es sei sein ungewolltes Markenzeichen, dass er zuerst leichtfertig den Ball verliere, um ihn dann furios rackernd zurückzuholen – als gehörten beide Aktionen in einen logischen Handlungs-


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Liverpool-Spieler Can: „Nur Fußball spielen und ins Fernsehen kommen“

ablauf. „Em-re Can, Em-re Can, Em-re Can“, singen fröhlich die Fans im Stadion, nach der Melodie von „Here We Go“. Hin und her, rauf und runter, kaum einer hat den Liverpool-Stil in der Premier League so verinnerlicht. Can spielt fast immer bei Klopp. Beim 6:1 gegen Southampton im Ligapokal gelang ihm ein gelupfter Pass, der aussah wie ein Kunstwerk. Daniel Sturridge machte ein Tor daraus. Bei Spielern wie ihm sprechen Fußballexperten von einer „Präsenz“, wenn sie die besonderen Tugenden auf dem Platz beschreiben. Manchmal wirkt Cans Präsenz noch ungestüm, das Selbstbewusstsein etwas vorlaut. Man könnte auch sagen: Er hat bewiesen, dass er selbst verschuldete Rückschläge wegstecken kann. Im Juni bei der U-21-Europameisterschaft katapultierte er sich frontal in ein solches Debakel, das anderen die Karriere verhagelt hätte. Die deutsche Mannschaft von Trainer Horst Hrubesch galt als Favorit, und Can, nach eigener Einschätzung „vom Typ her Führungsspieler“, war der Chef im Mittelfeld. Nach dem letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber Tschechien kündigte er an, er

wolle den ausstehenden zwei großen Spielen seinen „Stempel aufdrücken“. Forsche Töne waren das, ein bisschen zu selbstgefällig, als dass er von heftiger Kritik hätte verschont werden können nach dem unmittelbar folgenden Desaster in Olmütz: 0:5 im Halbfinale gegen Portugal, Can wirkte hölzern. Er ging mit dem Team unter. Dann blieb er lange in der Kabine, niedergeschlagen, auch noch zur Dopingkontrolle ausgelost. Als er endlich hinaustrat, warteten immer noch Journalisten. Der Teamgefährte Matthias Ginter hatte geheimnisvoll eine nicht professionelle Vorbereitung „einiger“ Mitspieler beklagt, und jetzt kam er. Can legte ein Geständnis ab. Wenn man immer gelobt werde, denke man leicht, man sei „ein Großer“, bekannte er vor den Reportern. „Vielleicht habe ich vor dem Spiel gedacht, dass ich der Größte bin. Ich glaube, ich muss wieder auf den Boden kommen.“ Er musste sich auch für einen Ausflug mit Teamkameraden nach dem letzten Gruppenspiel rechtfertigen, sie hatten ein Bild mit ihrer Pizza ins Netz gestellt – aus

einem Lokal in Prag, im Hintergrund die Moldau. Offenbar hatte darauf der Kollege Ginter angespielt. Pizza ist keine Profinahrung. Gut vier Monate später in einem Hotelrestaurant in Liverpool – Can hat schon gegessen und bestellt nichts – möchte der Spieler zum Wirbel von Olmütz etwas klarstellen: „Es tur mir leid, wenn ich das sage, aber das fand ich ein bisschen lächerlich.“ Er meint den Pizzavorwurf. Damals hatte es sich angehört, als hätten sich ein paar Profis vor einem wichtigen Spiel einen Vollrausch genehmigt. Aber es war wirklich nur Pizza. Can meint: „Wir sind auch nur Menschen und können nicht jeden Tag das Gleiche essen.“ Ginter, der Ankläger von Olmütz, ist inzwischen sein Rivale im Kampf um einen Platz in der Elf von Joachim Löws Nationalmannschaft. „Wir haben nicht mehr darüber gesprochen“, sagt Can. Olmütz hat ihm gutgetan. Die verblüffende Selbstgeißelung kam gut an in der Szene, ein solches Hochmutbekenntnis hatte es noch nicht gegeben. „Es lag mir einfach auf dem Herzen. Ich wollte auch bei keinem Pluspunkte sammeln oder sonst was. Ich wollte einfach ehrlich sein.“ Can spricht leise. Er rollt das R, lispelt ein wenig, erzählt mit eigenwilligem Stolz von zu Hause. Die Gegend in der Frankfurter Nordweststadt, in der er aufwuchs, ist kein Villenviertel. „Es gibt leider viele Jugendliche dort, die zu Drogen greifen“, sagt er. „Um für sie ein Vorbild zu sein, muss ich nur Fußball spielen und ins Fernsehen kommen, dann gucken die zu und sagen: Der war unser Nachbar. Das freut mich einfach. Es freut mich so sehr, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Der Spielerberater Reza Fazeli entdeckte Can bei der Frankfurter Eintracht, als der 14 war. Er war Stürmer, schoss viele Tore, dann ließ er sich klaglos vom Trainer in die Abwehr versetzen. Fazeli entwickelte mit ihm einen Plan. Schon früh hatte er England als passendes Tätigkeitsfeld für den Klienten im Blick, das schnelle Spiel, die harten Zweikämpfe. Der Vertrag mit Leverkusen enthielt eine Rückkaufoption für Bayern München und eine Ausstiegsklausel fürs Ausland. So stand, als Liverpool rief, dem Wechsel auf die Insel nach nur einem Jahr nichts im Weg. Und Can war bereit. Geborgenheit ist nicht sein Ziel. „Wer ein ruhiges Leben will, kommt nicht dorthin, wo ich hinwill“, sagt er. Seit etwa einem Jahr gehört Can regelmäßig zur Startelf in Liverpool. Bei Klopp spielt er meistens in einem Dreier-Mittelfeld auf der linken Seite. Er hat die meisten Aktionen am Ball. „Ich bin noch lange nicht auf der Stufe, auf der ich sein will“, stellt er fest. „Ich will Weltklasse werden.“ Jörg Kramer DER SPIEGEL 4 / 2016

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Zelten am Südpol In der Antarktis herrscht derzeit Sommer. Bei Temperaturen um minus zehn Grad Celsius ist es für dortige Verhältnisse fast schon mollig warm – eine gute Gelegenheit für Klimaforscher, tausend Kilometer vom Südpol entfernt ihre Muschelzelte aufzuschlagen. Der Fußboden ist aus Holz, und die Wände sind zweifach isoliert, wodurch sich das Innere an einem sonnigen Tag auf bis zu 20 Grad aufheizen kann. Der Ort für das Zeltlager ist gut gewählt: In der Nähe liegt ein Blaueisfeld. Darauf sammelt sich kein Schnee, weshalb Flugzeuge mit Rädern statt auf Kufen landen können.

Kommentar

Bevor es zu spät ist Warum jeder über seine letzten Tage nachdenken sollte Gäbe es die Palliativmedizin als Medikament, könnten Pharmakonzerne auf Werbung dafür verzichten. Die Erfolge dieser Wunderpille wären so beeindruckend, dass jeder diese am Lebensende haben wollte. Palliativpatienten erleben weniger Schmerzen und Ängste, dafür mehr schöne Momente im Beisein ihrer Liebsten – dank vieler Gespräche, intensiver Pflege und Schmerzmittel. Unter Umständen leben sie sogar länger als mit manch waghalsiger Krebstherapie. Aber der Verzicht auf Chemotherapie und Bestrahlung in hoffnungslosen Fällen lässt sich nun einmal schlecht verkaufen. Nur so lässt sich erklären, warum das besagte Wundermittel so lange vernachlässigt wurde. Nun endlich will Deutschland 200 Millionen Euro zusätzlich in die Palliativmedizin investieren. Es ist an der Zeit. Zwei Drittel aller Deutschen wünschen sich, zu Hause zu sterben – nicht 102

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im Krankenhaus und schon gar nicht im Heim. Dass nur jedem fünften dies gelingt, liegt auch am Mangel an Palliativmedizinern: Dort, wo sich viele Ärzte darauf spezialisiert haben, sterben weit mehr Menschen daheim. Doch die Schuld liegt auch bei uns. Wir schieben auf, wofür es irgendwann zu spät ist. Es geht um die Frage: Was ist wichtig, wenn die Zeit knapp wird? Wie viel Therapie will ich mir zumuten? Wer das für sich klärt, hat bessere Chancen auf ein friedliches Ende. Diejenigen, die das am besten wissen, sind die Ärzte. Sie sehen jeden Tag, wie sehr die Apparatemedizin das Leiden noch kurz vor dem Tod verlängert, dass am Lebensende weniger oft mehr ist. Ärzte in den USA, so eine aktuelle Studie, verbringen ihre letzten Monate seltener im Krankenhaus und müssen weniger OPs erdulden als der Rest der Bevölkerung. Laura Höflinger

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Wissenschaft+Technik Astronomie

PATRICK T. FALLON FOR THE WASHINGTON POST / GETTY IMAGES

„Da geht was Komisches vor sich“ Der Astrophysiker Mike Brown, 50, vom California Institute of Technology hat starke Indizien für einen bislang unbekannten neunten Planeten gefunden.

Verhaltenstherapie für Warane Australische Biologen haben Warane darauf abgerichtet, keine Giftkröten mehr zu fressen. Zu diesem Zweck setzten die Forscher von der University of Sydney den Reptilien noch junge AgaKröten vor, die weniger als 25 Gramm wogen. Von dem Verzehr wurden die Warane zwar krank, starben aber nicht daran. Die unangenehme Lektion, durch die ihnen der Krötengenuss vergällt wurde, rettete den Echsen später das Leben. Denn das Gift einer ausgewachsenen

Aga-Kröte (rund ein Kilogramm schwer) reicht aus, um einen Waran zu töten. Einst eingeführt, um schädliche Käferlarven auf Zuckerplantagen zu fressen, breiten sich die Giftkröten unaufhaltsam über den Kontinent aus und sorgen dabei für ein Artensterben. Bereits 90 Prozent aller Arguswarane sind verschwunden. Die Verhaltenstherapie soll jetzt helfen, das Aussterben der Warane zu stoppen, schreiben die Forscher im Journal „Biology Letters“: Von den konditionierten Tieren überlebte die Hälfte länger als dreieinhalb Monate – lang genug, um

SPIEGEL: Sie haben den neuen

Planeten noch nicht gesehen. Wie hat er sich verraten? Brown: Er hält einige Asteroiden auf bestimmten, sehr ungewöhnlichen Bahnen. Diese Objekte befinden sich exakt dort, wo sie unsere Modellrechnungen vorhersagen. SPIEGEL: Wie viel würden Sie darauf wetten, dass Ihr Planet 9 wirklich existiert? Brown: Das hängt davon ab, wie viel Zeit Sie mir zum Finden geben. Wenn der Planet im Moment gerade am sonnenfernsten Punkt seiner Bahn steckt, also in rund 150 Milliarden Kilometer Entfernung, dann werden wir neue Teleskope brauchen; denn in diesem Fall wäre er tausendmal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. In sieben, acht Jahren werden wir

sich einmal oder zweimal zu paaren. Von untrainierten Echsen in einer Vergleichsgruppe hingegen widerstand nur einer so lange der tödlichen Mahlzeit. Und an Tag 183 fraß auch dieser Waran eine giftige Kröte. lh Aga-Kröte, Arguswaran

CYRIL RUOSO/BIOS/OKAPIA

Tiere

Mörder Plutos. Bekennen Sie sich schuldig? Brown: Ja, ich gestehe. Es waren unsere Entdeckungen, die dazu führten, dass Pluto vor zehn Jahren der Status des Planeten aberkannt wurde. SPIEGEL: Jetzt behaupten Sie, ganz weit draußen einen neuen Planeten gefunden zu haben, der die Sonne alle 10 000 Jahre einmal umkreist. Hoffen Sie auf Vergebung? Brown: Meine Tochter hat mir gesagt: Finde einen neuen Planeten! Sorge dafür, dass es wieder neun sind! Nur so kannst du wiedergutmachen, was du getan hast. SPIEGEL: Im Ernst: Haben Sie erwartet, dass am Rande des Sonnensystems noch ein weiterer Planet kreist? Brown: Damals, als Pluto herabgestuft wurde, haben mich das viele Leute gefragt. Ich habe ihnen geantwortet: „Nein, das war’s.“ Erst vor zwei Jahren haben wir dann gemerkt, dass da draußen irgendwas Komisches vor sich geht.

F1ONLINE

FELIPE TRUEBA / PICTURE ALLIANCE / DPA

SPIEGEL: Sie gelten als der

über die nötigen Geräte verfügen. Dann, darauf wette ich 1000 Dollar, wird Planet 9 gefunden und fotografiert. Ich würde den Einsatz gern erhöhen, aber das erlaubt meine Frau nicht. SPIEGEL: Wie genau können Sie Ihren Kollegen sagen, wo sie suchen sollen? Brown: Wir können die Bahn von Planet 9 vorhersagen, aber wir wissen nicht, wo darauf er sich befindet. Am besten sollte er am Novemberhimmel zu sehen sein. SPIEGEL: Wie groß ist Planet 9? Brown: Unseren Rechnungen zufolge ist er so schwer wie fünf bis zehn Erden. Das ist übrigens nicht unerwartet: Astronomen haben sich immer wieder gefragt, ob neben Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun noch weitere Gasplaneten entstanden sind, die dann aus dem Sonnensystem herauskatapultiert wurden. Es hat nur niemand darüber nachgedacht, ob diese herausgeschleuderten Planeten in einer fernen Bahn wieder eingefangen worden sein könnten. SPIEGEL: Wie soll Ihr neuer Planet heißen? Brown: Bis er gesehen worden ist, finde ich Planet 9 einen guten Platzhalter. Wenn er wirklich gesichtet wird, sollte nicht ein Einzelner den Namen festlegen. Dann brauchen wir eine breite Diskussion. jg

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Technik

Lotterie des Sterbens Verkehr Bei selbstfahrenden Autos entscheidet der Rechner über Leben und Tod. Darf er notfalls auch die Insassen opfern? Über die Abgründe einer neuen Maschinenethik.

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ines Tages wird es geschehen, so oder ähnlich: Ein selbstfahrendes Auto saust übers Land, der Computer lenkt. Der Fahrer hat es gemütlich, er liest Zeitung. Da hüpfen drei Kinder auf die Straße, links und rechts stehen Bäume. In diesem Augenblick muss der Computer entscheiden. Wird er das Richtige tun? Drei Menschenleben hängen davon ab. Nein, vier. Der Computer könnte ja auch zu dem Schluss kommen, es sei unter diesen Umständen am besten, den Fahrer zu opfern. Dann setzt er den Wagen an den Baum. Und warum auch nicht? Sollen lieber drei Kinder sterben? Kein schönes Ende für unseren Fahrer. Die Visionäre vom selbstfahrenden Auto dagegen machen es sich leicht: Der Mensch rollt entspannt dahin, sagen sie, bequem und sicher wie in der Eisenbahn. Aber es wird immer Unfälle geben, die nicht zu vermeiden sind: Kinder aus dem Nichts, jäh kreuzende Motorradfahrer oder ein schleudernder Bruchpilot auf der Gegenspur. Was dann? Bis der Mensch aus der Zeitung auftaucht und die Lage peilt, ist es zu spät. Die Maschine allein muss in so einem Szenario ausrechnen, was zu tun ist; sie ist hoffentlich darauf programmiert, den Schaden möglichst gering zu halten. Das heißt aber auch: Damit urteilt sie über Leib und Leben der Beteiligten. Ob die Gesellschaft das erträgt? Die Frage stellt sich eher früher als später. Erstaunlich schnell kam die Technik voran; bald könnten die ersten Autos einsatzreif sein, die ganz ohne Eingriffe des Fahrers auskommen – auf den Autobahnen schon 2020, wenn es nach den Optimisten geht. Ein paar Jahre später wäre es dann im gesamten Straßennetz so weit. Viele Hersteller, von Daimler bis Tesla, haben selbstfahrende Autos in Arbeit; allen voraus eilt Google. Der Suchmaschinenkonzern wagt auch die verwegenste Prognose. Chris Urmson, Projektleiter des Google-Autos, sagte kürzlich, sein älterer Sohn dürfe in vier Jahren den Führerschein machen: „Wir wollen, dass er dann gar keinen mehr braucht.“ Der Computer wäre sicherlich der bessere Fahrer – nie abgelenkt, reaktionsstark und stets im Bilde über das Verkehrsge104

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schehen ringsum. Sollte er das Steuer übernehmen, dürfte die Zahl der Unfälle stark sinken. Dafür wird es andere Unfälle geben, neuartige und verstörende. Denn künftig wird so manches Opfer vorher ausgesucht. Das Auto wählt, wen es verletzt und wen es verschont – im Grenzfall auch: wer weiterleben darf und wer nicht. Dagegen nimmt sich der gute alte Verkehrsunfall fast gemütlich aus. Ein menschlicher Fahrer hat kaum eine Wahl, wenn es passiert: Er steigt in die Bremse, reißt das Steuer herum, lenkt hierhin oder dorthin, streift Passanten, kracht in ein anderes Auto oder gegen einen Baum. Egal, was er tut: Wer wollte ihn für die Reflexe einer Schrecksekunde haftbar machen? Selbst wenn der Unglücksfahrer sieben Fußgänger an der Ampel überrollt, weil er einem Kind ausweichen wollte, das ihm vor die Stoßstange lief: Schicksal! Niemand trifft überlegte Entscheidungen im Augenblick höchster Not. Da walten nur noch die uralten Paniksysteme eines Lebewesens, das sich retten will. Ganz anders der Computer. Er kennt kein Entsetzen, er bleibt kalt und jederzeit zurechnungsfähig. Im Nu analysiert er die Lage, tausendmal schneller als der Mensch. Er lenkt zudem ein Auto, das vollgepackt ist mit Sensoren und optischen Abstandsmessern. Kameras sorgen für stete Rundumsicht. Bald kann er, mittels Gesichtserkennung, womöglich auch Alter und Geschlecht der Unfallbeteiligten einschätzen. Es ist, als könnte ein Fahrer mitten im Unfallgeschehen gleichsam den Film anhalten: Dann sähe er vor sich die Kinder, mitten auf der Straße – aber zugleich auch schon das voll besetzte Auto, das von hinten viel zu schnell herangerast kommt. Und was nun? Vollbremsung oder nicht? Der Computer hat die Wahl. Selbst in extremer Zeitnot kann er annähernd kalkulieren, was geschieht, wenn er so oder so handelt. Er ist imstande, rational zu entscheiden, und deshalb muss er das auch. Er kann nicht einfach panisch bremsen oder drei Kinder überfahren, wenn es einen weniger schlimmen Ausgang gibt. Nur: Ist der Tod des unschuldigen Fahrers weniger schlimm? Solche Fragen wirft die Zukunft auf, und Philosophen sind bereits zur Stelle.

Mit leicht sadistischer Einfallsfreude denken sie sich künftige Unfallszenarien aus, eines abgründiger als das andere. Die Aufgabe jeweils: Berechnen Sie den geringstmöglichen Schaden. Vergleichsweise einfach ist noch die Wahl zwischen zwei Fußgängern. Ein Kind läuft auf die Straße, das Auto könnte nur noch auf den Gehweg ausweichen. Dort schiebt eine Greisin ihren Rollator. Dem Kind stehen, statistisch gesehen, noch viele Lebensjahre bevor. Die Greisin hätte viel weniger zu verlieren. Dennoch: Darf ein Auto zum Zwecke der Schadensminderung die arglose Dame töten?


JON FRICKEY / DER SPIEGEL

Heikler wird es, wenn indirekte Personenschäden zu kalkulieren sind. Angenommen, zwei Autos kommen entgegengebraust, links ein Volvo, rechts ein Kleinwagen, der halsbrecherisch überholt. Ein Zusammenstoß ist unausweichlich. Der computergelenkte Wagen kann den dicken Volvo rammen, der wohl mit ein paar Beulen in der Panzerung davonkäme. Oder aber er zerknüllt den Kleinwagen und nimmt den Tod der Insassen in Kauf. Ein Computer, der auf geringstmöglichen Schaden programmiert ist, müsste den Kleinwagen verschonen. Aber ist das gerecht? Zumindest Volvo-Fahrer werden

Einwände haben. Wer will schon in einem rollenden Rammbock sitzen, der im Umkreis von Kollisionen wie magisch die autonomen Autos auf sich zieht? Im Beispielfall kommt die Schuldfrage hinzu; schließlich war der Kleinwagen auf der falschen Spur. Sollte ihm der Computer dafür nicht einen Abschlag in Rechnung stellen? Das sind nur Gedankenspiele zum Eingewöhnen. Aber es wird zu Unfällen kommen, die ihnen ähneln – und jeder einzelne dürfte Aufsehen erregen. Natürlich ist es nicht der Computer, der in der Schrecksekunde entscheidet. Er ist

nur eine Maschine, er braucht eindeutige Regeln, eine Software, ein Programm. Wie sich das Auto in allen erdenklichen Unfallszenarien verhalten soll, muss geklärt sein, noch bevor es aus der Fabrik rollt. Damit verwandelt sich, was bisher Schicksal war, in ein Denkproblem. Die Gesellschaft muss sich eine Moral für ihre Autos überlegen. Das Gute: Sie hat alle Zeit der Welt dafür. Das Schlechte: Eine befriedigende Lösung ist kaum vorstellbar. Bei allen Entscheidungen sind Folgen zu bedenken. Soll man den Autos erlauben, mit der Rücksichtslosigkeit einer Kampfmaschine stets das Überleben der DER SPIEGEL 4 / 2016

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Technik

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denschaftslos wie eine Maschine, notfalls ohne Rücksicht auf das Individuum. Benthams Nutzenkalkül galt lange als närrisch, obendrein kaum praktikabel. Aber nun wird der alte Utilitarist für das selbstfahrende Auto wieder interessant: Ließe sich nicht das heikle Entscheidungsproblem nach seinen Prinzipien regeln? Mit dem bloßen Verrechnen von Personenschäden ist es freilich nicht getan. Autos, die sich darauf beschränkten, wären eine stete Bedrohung fürs Gemeinwesen. Jederzeit könnten sie etwa die unbeteiligte Greisin auf dem Fußweg umfahren, um einem Kind auszuweichen, das plötzlich auf der Straße erschiene. Das ist, als müsste ein Besucher im Krankenhaus Angst vor den Ärzten haben – hinter der nächsten Ecke könnten sie ihn packen und ausweiden, um mit seinen Organen fünf Todkranke zu retten. Philosophen suchen bereits nach einer Lösung. Ein Ansatz: Jedes Nutzenkalkül braucht einen Rahmen; nicht alle Opfer sind gleichwertig. Zum Beispiel erwarten Verkehrsteilnehmer mit Recht, dass die anderen sich konform verhalten. Wer sich im Straßenraum bewegt, weiß, dass er aufpassen muss. Auf dem Gehweg dagegen kommen normalerweise keine Automobile dahergeschossen; hier darf der Fußgänger unbesorgt trödeln. Das Auto muss diese geschützte Sphäre achten – auch wenn es das Leben eines Kindes kostet. Die arglose Passantin hätte demnach die höheren Rechte. Wie auch immer die neuen Regeln des Handelns sich herausbilden: Sie müssen mathematisch formuliert sein, in Zahlen und Gleichungen, damit der Computer sie versteht. Das ist der Preis. Je autonomer die Maschinen, desto maschineller die Moral. Eine breite Debatte darüber ist unabdingbar. Gut möglich, dass daran der Traum vom selbstfahrenden Auto schon scheitert, bevor er wahr wird – weil es eine Gesellschaft heraufbeschwören würde, in der kaum jemand leben will. Dann macht der Fortschritt eben mal halt, nicht wahr? Und der Mensch bleibt bis auf Weiteres selbst am Steuer. Auch das wäre keine unschuldige Entscheidung mehr. Bis zu 90 Prozent der Verkehrsunfälle gehen, je nach Schätzung, auf menschliches Fehlverhalten zurück. Über eine Million Menschen sterben weltweit jedes Jahr auf den Straßen – solange der Computer nicht übernehmen darf, wird sich daran wenig ändern. Ist es das wert? JON FRICKEY / DER SPIEGEL

Insassen zu retten? Auch wenn dafür drei ser bei Rot noch über die Kreuzung jagte? All das muss in der Software festgelegt sein. Kinder umkommen? Die Alternative ist auch nicht verlockend: Programmierer sprechen von Kostenfunkein Wagen, der den Fahrer killt, sobald es tionen. Das sind Gleichungen, mit denen ihm angemessen dünkt. Wer würde so ein sich widerstreitende Interessen verrechnen Gefährt kaufen? Die Maschine, die über das lassen. Am Ende wählt das Auto die Lösung Weiterleben entscheidet, zumal das eigene, mit der geringstmöglichen Schadensumme – ist einfach gar zu unheimlich. Hinzu kommt, mit einem Wort: den optimalen Unfall. dass keine Elektronik ganz ohne Fehler ist. Aber sind Glück und Leid überhaupt beWas, wenn der Computer sich einmal vertut rechenbar? Philosophen denken schon lanund gegen den Baum rast, nur weil ein Ka- ge darüber nach. Der englische Sozialninchen über die Straße hoppelt? reformer Jeremy Bentham entwarf im späDas Auto, wie wir es kennen, war dem ten 18. Jahrhundert sogar ein Formelwerk Fahrer total zu Diensten; das ist sein Zau- dafür. Sein Algorithmus sollte für jede ber. Es gab aber auch schon früh den Grusel vor der Maschine, die zum Eigenleben erwacht. Man denke an Stephen Kings Killermobil „Christine“: Ein blutroter 58er Plymouth Fury rollt da durch die Straßen auf der Suche nach Opfern. Es gibt noch eine Gattung von Maschinen, die über Leben und Tod entscheiden könnten: Killerdrohnen finden vielleicht bald ohne Bodenpiloten ihr Ziel. Auch das selbstfahrende Auto braucht, wie die Drohne, einen Algorithmus, der Zielpersonen aufspürt – nur dass es im Straßenverkehr um einen vorgeblich höheren Zweck geht: den geringstmöglichen Schaden an Leib und Leben. Gibt es Auswege aus dem Dilemma der Autonomie? Fachleute diskutieren sogar schon den Losentscheid. In Grenzfällen könnte ein Zufallsgenerator in der Steuersoftware auslosen, ob es das Kind auf der Straße oder die betagte Passantin auf dem Gehweg trifft. Aber eine Lotterie der Opfer klingt erst recht unmenschlich. Außerdem: Was nützt der Computer am Steuer, wenn er am Ende doch wieder kopflos wie ein Mensch reagieren soll? Bleibt als Lösung, die leidige Autonomie des Autos zu beschränken. Dann wäre der Fahrer verpflichtet, Handlung ermitteln, wie viel Befriedigung sich ständig einsatzbereit zu halten. Aber oder Schmerz sie nach sich zieht. Intensiselbst dann müsste die Maschine für den tät, Dauer, Zahl der Betroffenen – alles Fall gerüstet sein, dass er versagt – oder ging in die Gleichung mit ein. nicht schnell genug die Lage erfasst. Sie Auf Bentham geht die Denkschule der muss handeln, weil sie handeln kann. Utilitaristen zurück. Ihre Anhänger sagen: Ein autonomes Auto, da hilft wohl Gut ist, was den größtmöglichen Nutzen nichts, ist immer im Dienst – erst recht, (Englisch: utility) hervorbringt – und zwar bevor es kracht: Was wäre nun der glimpf- umgerechnet auf alle Beteiligten. Das Prinlichste Verlauf? Das geht nur mit Rechnen. zip der Menschenrechte hielt Bentham für Für jeden Personenschaden braucht der „Unsinn auf Stelzen“. Eine Verfassung wie Computer einen Zahlenwert, genauer: ei- die deutsche hätte er verlacht: Sie verbietet nen Preis. Ist das Leben eines Kindes mehr es, einen Menschen zu töten (oder auch, wert als das eines Erwachsenen? Wie ist nur zu foltern), selbst wenn das viele Ledas bei zwei Erwachsenen? Bei fünf? ben retten könnte. Für Bentham war das Wie ist der Schuldfaktor zu gewichten? gar keine Frage: Er träumte von einer GeFallen Kinder im Auto des Unfallgegners sellschaft, die streng wissenschaftlich ein als Unschuldige ins Gewicht, auch wenn die- Maximum an Gemeinwohl produziert, lei-

Manfred Dworschak Mail: manfred.dworschak@spiegel.de


Wissenschaft

Entspannen ohne Drogen

bringen. Wenn dies gelänge, so die Hoffnung, könnten die Mittel gegen so unterschiedliche Leiden helfen wie Schmerzen, Depressionen, Übergewicht, Angstzustände, entzündliche Darmerkrankungen oder Schizophrenie. Die Hemmung des FAAH-Enzyms ist dabei nur einer von mehreren möglichen Medizin Tödlicher Zwischenfall Ansatzpunkten. „Ich glaube nach wie vor, bei einem Medikamententest in dass dieses System ein großes Potenzial hat“, sagt der Endocannabinoid-Experte Frankreich: Wie riskant ist Piomelli von der University of Caes, das körpereigene „Antistress- Daniele lifornia in Irvine. System“ zu stimulieren? Viele große Pharmafirmen entwickeln und testen derzeit eigene Substanzen, die akaber klingt jetzt der Werbe- das Antistress-System beeinflussen, darunslogan des portugiesischen Pharma- ter Pfizer und das zu Johnson & Johnson konzerns Bial: „Wir sorgen uns gehörende Unternehmen Janssen. Wirkliche Durchbrüche gab es bislang um Ihre Gesundheit.“ Denn bei einem Medikamententest, den das Unternehmen allerdings nicht. Das einzige Mittel, das es im französischen Rennes durchführen ließ, bislang bis zur Zulassung schaffte, der Apstarb ein Proband; fünf weitere Personen petitzügler Rimonabant von Sanofi-Avenkamen mit schweren neurologischen tis, hat einen anderen Wirkmechanismus Symptomen ins Krankenhaus. Offenbar als die FAAH-Hemmer und wurde wieder kam es bei den Opfern zu Hirnblutungen, vom Markt genommen, da er DepressioTeile des Hirngewebes sollen abgestorben nen und andere psychiatrische Nebenwirkungen verursachte. sein. Ein FAAH-Hemmer, den Pfizer als Mehrere Tage lang hatten die Pharmaforscher den gesunden Freiwilligen die ex- Schmerzmittel getestet hatte, erwies sich perimentelle Substanz BIA 10-2474 ver- als unwirksam. Lebensgefährliche oder gar tödliche Neabreicht. Dann kam es plötzlich zu einem der schwersten Zwischenfälle, der sich je- benwirkungen wie jetzt bei den Tests in mals in Europa bei einem Medikamenten- Frankreich waren bislang aber bei FAAHHemmern noch nie aufgetreten. Piomelli test an Gesunden ereignet hat. Weltweit steht die Pharmaindustrie un- räumt den Mitteln deshalb weiterhin gute ter Schock. Große Hoffnung hatten die Fir- Chancen ein: „Das Gebiet ist sehr jung, es men in die neue Medikamentenklasse ge- muss noch reifen.“ Die Frage ist nur, ob die Konzerne weisetzt, zu der BIA 10-2474 gehört, Millionen sind bereits in deren Entwicklung inves- termachen werden. Nach dem Unglück in Rennes hat Janssen sicherheitshalber alle tiert worden. Das erprobte Präparat sollte ein Enzym Studien mit seinem FAAH-Hemmer genamens FAAH hemmen, das normalerwei- stoppt. Das Unternehmen sei „bestürzt se für den Abbau eines körpereigenen Bo- über die tragischen Vorfälle“. Auch Pfizer tenstoffs aus der Gruppe der sogenannten ist vorsichtig geworden: „Das SicherheitsCannabinoide sorgt. Wie auch andere in profil der von uns untersuchten Substanz der Erprobung befindliche Medikamente hätte eine Weiterentwicklung nicht ausgegreift der Hemmstoff damit in ein komple- schlossen“, heißt es. Doch wegen der „akxes, fast überall im Körper wirkendes Re- tuellen Ereignisse werden wir unsere Stragulationssystem ein, in dem auch die Dro- tegie überprüfen“. Alles hängt nun davon ab, wie es zu ge Cannabis ihre Wirkung entfaltet. „Das sogenannte Endocannabinoid-Sys- dem Fiasko in Rennes kam. Derzeit ermittem ist eine Art natürlicher Antistress-Me- teln drei französische Behörden, was gechanismus“, sagt Beat Lutz, Direktor des nau bei der Pharmastudie schiefgegangen Instituts für Physiologische Chemie der ist. Auch das Unternehmen Bial will alles Universitätsmedizin Mainz. Körpereigene tun, um zur Aufklärung beizutragen. FührCannabinoide reduzieren Schmerzen und te eine Verunreinigung der Testsubstanz Angst, verringern Stress und Blutdruck, oder eine falsche Dosierung zu dem tödschützen vor Entzündungen und stimulie- lichen Zwischenfall? Hemmte BIA 10-2474 ren den Appetit und das Belohnungs- womöglich, ohne dass es jemand ahnte, noch ein anderes, lebenswichtiges Enzym system. Entspannen ohne Drogen: Seit dieser im Körper? Sind beim Abbau des MedikaAlleskönner-Mechanismus vor einigen Jah- ments giftige Abbauprodukte entstanden? ren entdeckt wurde, träumen Pharmafor- Oder kam es zu einer Überreaktion des scher davon, Medikamente zu entwickeln, Immunsystems, ähnlich wie bei einem aldie all diese positiven Wirkungen verstär- lergischen Schock? Der US-Pharmakologe Piomelli will die ken – ohne jedoch wie Cannabis zugleich psychoaktive Nebenwirkungen mit sich zu Substanz im Labor untersuchen und sie

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Riskante Hoffnungsträger Das Endocannabinoid-System ist eine Art Stresserholungssystem des Körpers. Medikamente, die es beeinflussen, könnten deshalb möglicherweise gegen Schmerzen, Depressionen, Angstzustände oder Übergewicht helfen. Wo Endocannabinoide wirken (Auswahl)

Gehirn Immunsystem Gefäßsystem Knochenmark Herz Lunge Leber MagenDarm-Trakt Muskeln Reproduktionsorgane

Therapie Das Enzym FAAH baut im Körper Endocannabinoide ab. Durch die Verabreichung von Hemmstoffen wie BIA 10-2474 wird dies blockiert. Die Endocannabinoide werden deshalb im Körper angereichert und verstärken dort ihre Wirkung.

Enzym FAAH Hemmstoff BIA 10-2474

Endocannabinoide

mit anderen FAAH-Hemmern vergleichen. Im schlechtesten Fall könnte sich herausstellen, dass auch die FAAH-Hemmer anderer Pharmaunternehmen potenziell lebensgefährlich sind. „Wenn ein solcher Klasseneffekt schuld war“, sagt der Endocannabinoid-Forscher Christopher Fowler aus dem schwedischen Umeå, „dann war es das mit den FAAHHemmern.“ Veronika Hackenbroch Mail: veronika.hackenbroch@spiegel.de DER SPIEGEL 4 / 2016

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COLLECTION CHRISTOPHEL / ACTION PRESS

„Unser Universum ist nicht real“

Utopien Was ist Wirklichkeit? Das war das Lebensthema des legendären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick. Nun spricht seine letzte Ehefrau über seine bizarre Gedankenwelt.

COURTESY OF TESSA DICK

1982 starb der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick nach mehreren Schlaganfällen mit 53 Jahren. Zu Lebzeiten war er häufig nur knapp dem Bankrott entgangen. Erst nach seinem Tod wurde er zum Kultschriftsteller. Seine Bücher wurden in 33 Sprachen übersetzt und erreichten eine Millionenauflage. Fans verehren ihn heute als kreativen Erzähler und visionären Denker. Viele seiner Werke wurden verfilmt, darunter „Träumen Roboter von elektrischen Schafen?“ (als „Blade Runner“), die Kurzgeschichte „Minority Report“ oder aktuell der Roman „The Man in the High Castle“, der als Vorlage für eine TV-Serie diente. Wer war dieser Mann, dessen faszinierende Gedankenwelt das Genre Science-Fiction für ein breites Publikum öffnete? Kaum jemand stand ihm so nahe wie Tessa Dick, 61, die fünfte und letzte Ehefrau des Schriftstellers. Sie lebt in Crestline, einem gottverlassenen Ort gut eine Autostunde von Los Angeles entfernt. Für sie gilt das Vermächtnis, das Philip K. Dick ihr kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: „Du wirst dich an alles erinnern, und du wirst es allen erzählen.“

Tessa Dick 1973

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SPIEGEL: Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht ein Philip-K.-Dick-Buch verfilmt wird. Aktuell läuft mit großem Erfolg die TV-Serie „The Man in the High Castle“, die auf seinem gleichnamigen Roman basiert. Wie finden Sie die Verfilmung? Dick: Ich habe schon die erste Folge nicht überstanden. Diese fürchterlichen Szenen von folternden Nazis waren zu viel für mich. In der Vorlage geht es vorwiegend um die Besetzung der amerikanischen Westküste durch die Japaner. Phil wollte eine Fortsetzung schreiben über die Besetzung der Ostküste durch die Deutschen. Aber als er sich dann intensiver mit den Nazis beschäftigt hatte, war er so angewidert, dass er das Thema fallen ließ und ein anderes Buch geschrieben hat. SPIEGEL: Dick hat in seinen Büchern oft übertrieben, aber war nicht der Sieg der Achsenmächte Deutschland und Japan über die Alliierten im Zweiten Weltkrieg die größte Übertreibung seiner Karriere? Dick: Im Gegenteil. Für Phil war dieses Buch viel mehr Realität als Fantasie. In Deutschland wurde der Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen Chef des Geheimdienstes. Und in den Vereinigten Staaten trieb mit Wernher von Braun ein deutscher Ingenieur das Mondlandeprogramm voran, der zuvor für Hitler zerstörerische Raketen gebaut hatte. Phil war schockiert und sagte: Die Deutschen haben den Krieg verloren, aber die Nazis haben gewonnen! SPIEGEL: Wie hätten ihm selbst die aktuellen Verfilmungen seiner Werke gefallen?

Dick: Ach, ich glaube, er wusste ganz gut, dass zu viel Treue zur Vorlage keinen guten Film hervorbringt. Ich finde es bemerkenswert, dass die besten Philip-K.-DickFilme ausgerechnet jene sind, die gar nicht auf seinen Büchern beruhen – Werke wie „Matrix“ oder „Inception“ sind wunderbare Beispiele. SPIEGEL: Inwiefern entsprechen diese hochgelobten Filme seiner Gedankenwelt? Dick: Es geht darin um die Auflösung von dem, was wir für Realität halten. Dieses Universum, in dem wir leben, kann nicht real sein – und dennoch werden wir dazu gezwungen, es für real zu halten. SPIEGEL: Das ist ein Grundmotiv, das viele seiner Bücher durchzieht. Dick: Phil war überzeugt davon, dass es sich wirklich so verhält. Wir Menschen und alles um uns herum bestehen aus Atomen, aber Atome sind erwiesenermaßen nur leere Hüllen. Phil hat dieser Gedanke verrückt gemacht, und er hat daraus eine völlig neue Form der Science-Fiction geschaffen. Bei ihm ging es nicht so sehr um utopische Technik, nicht darum, was in ferner Zukunft für faszinierende Raumschiffe durchs All fliegen, sondern um Philosophie. Was ist Wirklichkeit? SPIEGEL: War er ein ängstlicher Mensch? Dick: Zumindest fürchtete er sich davor, dass moderne Technologien außer Kontrolle geraten könnten. Er schrieb über Maschinen, die die Herrschaft über unser Leben übernehmen. Seine Hauptfiguren waren Jedermänner, die mit der Welt nicht


Wissenschaft

EFFIGIE / LEEMAGE / PICTURE ALLIANCE

Filmszene aus „Blade Runner“ 1982, Zukunftsautor Philip K. Dick um 1980

zurechtkamen, in die sie geworfen wurden. Aber das hatte auch eine humorvolle Seite: Dieser unverdrossene Versuch seiner Figuren, sich in dieser fremden, bizarren Welt zurechtzufinden, verlieh seinen Romanen einen reizvollen Aberwitz. SPIEGEL: Und das hat er auch alles so gemeint? Dick: Ja, Phil stellte alles infrage, er hielt selbst viele Leute, mit denen er zu tun hatte, nicht für real existierende Menschen. Gleichzeitig plagten ihn schreckliche Phobien. So hatte er im Wortsinne Platzangst: Öffentliche Plätze jagten ihm einen Mordsschrecken ein. Sagen wir so: Er versuchte mühsam, sich aufrecht zu halten. SPIEGEL: Ihr Mann lebte fast sein Leben lang am Rande der Armut. Ist es nicht verwirrend, dass er heute ein ziemlich reicher Bestsellerautor wäre? Dick: Phil sehnte sich nach Sicherheit, aber nicht nach Reichtum. Gegen Ende seines Lebens kam erstmals etwas Geld rein, und er kaufte ein rotes Sportcoupé. Aber der Wagen stand meistens in der Garage. Wahrscheinlich hätte Phil das meiste Geld weggegeben an wohltätige Organisationen. SPIEGEL: Sie waren seine fünfte und letzte Ehefrau, haben sich aber 1977 von ihm scheiden lassen. Bereuen Sie das im Nachhinein? Dick: Ja, aber nicht so sehr wegen des Geldes. Ich werde von den Erben behandelt wie eine Fremde, die Phil niemals kannte. Phils Töchter Laura und Isa sind eigentlich nette Ladys, aber sie haben aus irgend-

einem Grund Angst, mit meinem Namen in Verbindung gebracht zu werden. SPIEGEL: Einer der Erben ist immerhin ihr gemeinsamer Sohn Christopher. Dick: Christopher ist ein guter Junge. Er besucht mich mehrmals im Jahr. Gerade lässt er sich zum Sheriff ausbilden. Über seinen Vater kann er bis heute nicht sprechen, ohne zu weinen. Er vermisst ihn sehr. SPIEGEL: Könnten die Erben Ihnen nicht wenigstens einen bequemen Ruhestand finanzieren? Die müssten ziemlich viel verdient haben mit den Rechten am Werk ihres Vaters. Dick: Sie geben mir jedes Jahr eine kleine Summe, mehr können sie nicht tun. Anders, als man glauben könnte, sind sie nicht reich geworden. Sie haben ein paar falsche Entscheidungen getroffen, deshalb landet viel Geld in den Taschen irgendwelcher Anwälte. SPIEGEL: Wie verlief denn das wirkliche Leben mit einem so exzentrischen Mann? Sie haben sich nach vier Jahren von ihm scheiden lassen, das deutet auf ein wenig harmonisches Zusammensein hin. Dick: Ich wollte mich gar nicht von ihm trennen, aber er hatte ein neues Apartment angemietet, neue Möbel gekauft und eine neue Freundin dort hineingesetzt. Und ich saß daheim mit unserem kaum fünfjährigen Jungen … SPIEGEL: Also hat er Sie auf klassische Weise sitzen lassen? Das klingt nicht sehr verantwortungsbewusst.

Dick: Ich war vor allem sauer darüber, dass

er aller Welt erzählte, ich wäre es gewesen, die ihn verlassen hätte. Und das Verrückte war: Alle haben ihm geglaubt. Phil besaß einfach nicht die Fähigkeit, ehrlich zu sein. Er flirtete mit Frauen jeden Alters, jeder Form und jeder Größe. Er war ein Womanizer. SPIEGEL: Was fanden Frauen an ihm attraktiv? Dick: Er war sehr klug und unterhaltsam, aber da war noch etwas anderes. Er wirkte sehr schutzbedürftig, wie ein großer Junge. Das ist eine Versuchung, der viele Frauen nicht widerstehen können. SPIEGEL: Sie sind selbst Schriftstellerin. Haben Sie sich gegenseitig Ihre Romane vorgelesen? Dick: Von wegen! Die Aufteilung war so: Ich kümmerte mich um den Haushalt, während Phil schrieb. Das war wohl auch besser so, denn Phil war ein lausiger Hausmann. Er hinterließ überall eine Riesenschweinerei. Als er allein lebte, gab seine Stereoanlage den Geist auf. Ein Techniker schraubte das Gerät auf und fand darin Unmengen von Katzenhaaren und Schnupftabak. Wenn ich mit dem Putzlappen durch die Wohnung lief, rief er: Komm, setz dich zu mir und hör dir an, was ich geschrieben habe. Das führte leider häufig dazu, dass die Wohnung unaufgeräumt blieb. SPIEGEL: Hörten Sie ihm gern zu? Dick: Ich hörte nicht nur zu, wir diskutierten nächtelang über das Konzept von ReaDER SPIEGEL 4 / 2016

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Drama in zwei Akten Tiere Für die Männchen mancher Spinnenarten ist der erste Sex oft auch der letzte: Danach werden sie vom Weibchen verspeist. Warum lassen sie sich darauf ein?

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ehler bei der Partnerwahl können das eigene Leben ruinieren – selten aber ist das Fiasko so endgültig wie im Fall der Wespenspinne. „Gleich frisst sie ihn“, sagt Jutta Schneider, Verhaltensbiologin an der Universität Hamburg. Auf dem Computerbildschirm läuft ein Videodrama, bei dem zwei ihrer Studienobjekte die Hauptdarsteller sind. Deren Liebesakt gerät zur Bluthochzeit. Das Weibchen fesselt den Partner mit Spinnenseide, später wird es ihn verspeisen. Vater kann das Männchen trotzdem werden. Es hatte immerhin das Glück, nicht bereits vor der Paarung gefressen zu werden. „Spinnen sind Kannibalen“, sagt Schneider, „wenn sie Artgenossen fressen können, dann tun sie das auch.“ Vor allem die Männchen bringt jeder Annäherungsversuch in Lebensgefahr, da sie im Spinnenreich meist kleiner und schwächer sind als die Weibchen – ein Dilemma, ist doch die Fortpflanzung nahezu der einzige Zweck ihrer nur wenige Monate währenden Existenz. Genau dieses Drama macht Spinnen wie Argiope bruennichi zum spannenden Forschungsgegenstand für Zoologen: Wie überzeugt ein Männchen ein Weibchen, sich ausgerechnet mit ihm einzulassen? Wie gelingt es, die Konkurrenten im Wett-

lauf um die Vaterschaft zu übertrumpfen? Und schließlich: Wie glückt es einigen Männchen, nach dem Sex unverspeist zu flüchten? Alles beginnt damit, dass Wespenspinnen in einem bestimmten Rhythmus am Netz ihrer Auserwählten zupfen. Das Anklopfen soll signalisieren, dass ein potenzieller Partner ins Netz gegangen ist und nicht eines der bevorzugten Beuteinsekten wie Biene, Wespe oder Heuschrecke. Lässt das Weibchen sich auf das Liebesspiel ein, gerät das Überleben des Partners zu einer Frage des Timings. Nach sechs Sekunden Koitus hat das Weibchen genug – eben noch Geliebte, jetzt Fressmaschine. Paarungen, die länger als sechs Sekunden dauern, überleben die Männchen so gut wie nie. Auch das ist für sie ein Problem; denn je kürzer der Sex, desto weniger Spermien lässt das Männchen zurück. Vor Kurzem haben Schneider und ihre Greifswalder Kollegin Gabriele Uhl eine verblüffende Strategie beobachtet, mit der Wespenspinnenmännchen auch nach ausgedehnteren Liebesakten mit dem Leben davonkommen können. Wie die Forscher in „Scientific Reports“ berichten, muss das Männchen ein Weibchen in dessen schwächstem Moment erwischen: unmittelbar nach einer Häutung. Da ihr Außenskelett nicht dehnbar ist, müssen Spinnen regelmäßig ihre schützende Hülle abwerfen, um zu wachsen. Die neue Haut muss dann erst aushärten – eine Phase, in der die Weibchen potenziellen Feinden schutzlos ausgeliefert sind. Auch für Männchen stellen sie während der Häutung keine Gefahr dar, wie Schneider beobachtet hat: „Die Paarung mit noch nicht ausgehärteten Weibchen überlebten 97 Prozent der Partner.“ Bei einer normalen Paarung entging höchstens jeder fünfte der Fressattacke. Warum aber wählen dann nicht alle Männchen diesen Weg des geringsten Widerstands? Im Freiland machen Paarungen

WILMA LESKOWITSCH / DER SPIEGEL

lität und Halluzinationen. Phil konnte in einer Minute seine Überzeugung darlegen, dass Hitler an Syphilis erkrankt war, und in der nächsten Minute ließ er sich über die Güte eines bestimmten Schnupftabaks aus. Dann nahm er ein paar Schlucke Kaffee und erfand aus dem Nichts die Handlung für einen neuen Roman. Das war faszinierend. Manchmal hatte ich allerdings auch die Nase voll davon, mir anzuhören, was Gott diesmal wieder zu ihm gesagt hatte. SPIEGEL: Kenner führen seine ungewöhnliche Kreativität auf den Konsum von Amphetaminen zurück. Dick: Das ist totaler Quatsch. Phil hat schon Anfang der Sechzigerjahre aufgehört, Amphetamine zu nehmen. Er war damals an einer Pankreatitis erkrankt. Oft sahen ihn Leute Pillen einwerfen, aber das waren harmlose Vitamintabletten. Als wir zusammen waren, war er sauber. Er war ungeheuer produktiv, auch wenn die Verleger seine Bücher lange Zeit als billige Paperbacks verramschten. In den Siebzigerjahren rief einmal John Lennon bei ihm an und sagte ihm, den Song „Paperback Writer“ hätten die Beatles ihm zu Ehren geschrieben. SPIEGEL: In den Siebzigerjahren hat er längst nicht mehr so viele Bücher geschrieben wie in den Sechzigern. War seine Schaffenskraft aufgebraucht? Dick: Nein, sicher nicht. Er war schwermütiger geworden, hatte schwere Lebenskrisen hinter sich und einen schlimmen Selbstmordversuch. Der Humor war aus seinen Büchern verschwunden. Aber er schrieb weiter wie ein Besessener. Seine Exegese, in der er seine religiösen Visionen darlegte, umfasste mehr als 8000 Manuskriptseiten. Sein Literaturagent sagte ihm: Phil, wer um Gottes willen soll das lesen? SPIEGEL: War Philip K. Dick in seinen letzten Jahren ein religiöser Spinner? Dick: Phil experimentierte viel mit Meditation und versuchte, mit Geistern Kontakt aufzunehmen. Dabei hat er etwas Beunruhigendes gesehen, und es ist für mich unwichtig, ob das eine Projektion seines Unterbewusstseins war oder ein wirklich vorhandenes Wesen. Es war in jedem Fall beängstigend. SPIEGEL: Brach nach ihrer Trennung der Kontakt zu ihm ab? Dick: Nein, wir stellten bald fest, dass wir beide nicht mit irgendeinem anderen Menschen zusammen sein wollten. Phil warb intensiv darum, dass ich wieder zu ihm zurückkehre. Weihnachten 1981 überreichte er mir zwölf rote Rosen und hielt um meine Hand an. Wir beschlossen, dass wir im neuen Jahr wieder heiraten wollten. Ein paar Wochen später ist er gestorben. Interview: Frank Thadeusz Mail: frank.thadeusz@spiegel.de

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Verhaltensbiologin Schneider: Opfertod für den Nachwuchs


JULIA STOESS / WWW.INSEKTENMODELLE.DE

Wespenspinnen bei der Paarung (Modell): Nur sechs Sekunden Zeit, um zu flüchten

während der Häutung weniger als die Hälf- Signale der Weibchen gibt, an denen sie sich orientieren, wollen die Forscher als te aller sexuellen Begegnungen aus. Eine mögliche Erklärung: Das Verspei- Nächstes ergründen. Ähnlich hohen Aufwand musste auch sen des Partners kommt dem Nachwuchs zugute – ein verdauter Papa stellt womög- Madeline Girard betreiben, um den Lielich wichtige Proteine zur Verfügung, die bestanz einer weiteren kannibalischen den Spinnenbabys beim Start ins Leben Spinnenart zu analysieren. Die Biologin helfen. Der Opfertod wäre demnach eine von der University of California in Berkeselbstlose Investition in die eigenen Nach- ley interessiert sich für die wenige Millimeter großen Pfauenspinnen. Für ihre Forkommen. Bei Wespenspinnen scheint allerdings schung sammelte Girard zunächst im Umder wichtigere Grund zu sein, dass es gar land der australischen Metropole Sydney nicht so einfach ist, ein sich häutendes Männchen und Weibchen verschiedener Weibchen aufzuspüren. Das mussten auch Arten ein. In ihrem Labor in Berkeley die Forscher um die Biologin Schneider setzte sie die Tiere dann in eine mit Kafeststellen, als sie im Sommer rund um die meras und Sensoren überwachte PaarungsUhr auf einer spinnenreichen Versuchs- arena. Dann ließ die Forscherin die Männchen wiese im wendländischen Pevestorf hockten und warteten. „Wir wussten ja nicht, um ihr Leben balzen: Um die Weibchen wann am Tag die Häutung stattfindet“, zu beeindrucken, ziehen Pfauenspinnenmännchen eine beeindruckende Show ab. sagt die Verhaltensforscherin. Diese Frage ist nun immerhin geklärt: Sie schwenken ihr knallbuntes Hinterteil Argiope fährt stets frühmorgens aus der – irisierend wie die Federn eines Pfaus – Haut: „Als wir das erkannt hatten, ließen und winken mit ihrem übergroßen dritten wir die Tiere nicht mehr aus den Augen.“ Beinpaar. Dazu erzeugen sie rhythmische Genau das ist offenbar auch die einzige Vibrationen. Kommt die Darbietung nicht Chance der Spinnenmännchen. „Die Paa- gut an, endet der Verehrer als Snack statt rungen während der Häutung fanden nur als Sexpartner. In Girards Experimenten hatten meist dann statt, wenn das Männchen ohnehin schon in der Nähe war“, berichtet Schnei- die buntesten Männchen Erfolg, die zuder. Ob die Männchen sich nur auf ihr gleich den eindrucksvollsten Tanz hinlegGlück verlassen oder ob es doch subtile ten. Die Vibrationen hingegen schienen

eher dazu zu dienen, überhaupt die Aufmerksamkeit der Angebeteten zu erregen, schreiben die Forscher im Fachblatt „Proceedings B“: „Offenbar hat die starke sexuelle Selektion durch die Weibchen zur Ausbildung derart komplexer Merkmale geführt“, vermutet Girard. Jutta Schneiders Wespenspinnen haben eine andere Strategie entwickelt, um Konkurrenten auszubooten. Die Männchen bewahren ihre Spermien in zwei Tastorganen auf, die sich aus einem Beinpaar entwickelt haben. Beim Sex bricht einer der beiden Samenspeicher ab, bleibt in einer der zwei Geschlechtsöffnungen des Weibchens stecken und versiegelt diese damit. Höchstens ein weiteres Männchen vermag dann noch das Weibchen zu befruchten. Wer ganz sichergehen will, hat sogar zweimal Sex mit demselben Weibchen – verstopft also beide möglichen Sameneingänge. Das Risiko ist überschaubar: Ob der zweite Liebesakt tödlich endet, spielt keine Rolle für das Männchen. Da es beide Samenspeicher verbraucht hat, war das ohnehin sein letztes Mal. Julia Koch Mail: julia.koch@spiegel.de

Video: Erst Sex, dann Tod spiegel.de/sp042016spinnen oder in der App DER SPIEGEL DER SPIEGEL 4 / 2016

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Schnee im Western Dialoge waren schon immer die Stärke von Quentin Tarantino – so unangenehm seine Charaktere sind, man kann nicht aufhören, ihnen zuzuhören. Da passt es, dass sein neuer Western „The Hateful Eight“ (Start: 28. Januar) im Grunde von der Macht des Wortes handelt. Sieben Männer und eine Frau treffen in einer Kutschenstation aufeinander, weil ein Schneesturm sie überrascht hat. Kopfgeldjäger, Gangster, Rassisten, genau die Typen, von denen es in Tarantinos Filmen immer schon wimmelte. Man trinkt, man redet, und am Schluss liegen überall Leichen. Das Zentrum des Films ist allerdings ein Brief, den Präsident Abraham Lincoln an den Kopfgeldjäger

Gesang

„Wir brauchen Kondition“ Der rumänisch-deutsche Countertenor Valer Sabadus, 30, über den Reiz seiner ungewöhnlichen Stimmlage SPIEGEL: Herr Sabadus, als

Countertenor singen Sie in der Stimmlage einer Frau. Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert? Sabadus: Am Anfang wurde ich oft gefragt, ob es wehtut, was ich da mache. Eine stark Sehbehinderte hat mich im Konzert mal für eine Frau gehalten. Das habe ich für mei114

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nen Gesang aber als Kompliment empfunden. SPIEGEL: Wie kommt man auf die Idee, Countertenor zu werden? Sabadus: Ich komme aus einem Musikerhaushalt in Rumänien. Als wir nach Deutschland kamen, habe ich mit Klavier und Geige angefangen, dazu sang ich im Chor. Ich hab dann mal den Kollegen Andreas Scholl im Fernsehen gehört und ihn imitiert. Das fiel mir relativ leicht. Es war meine Mutter, die sagte: Du bist offenbar ein Countertenor. SPIEGEL: Ihre Kunst beruht historisch auf der Arbeit der

Marquis Warren (Samuel L. Jackson) geschickt haben soll. Ob das stimmt, ist unwichtig, denn es geht nur um die Kraft, die der Brief entfaltet: Noch im Sterben lesen sich die Übriggebliebenen der großen Schießerei am Ende ein paar Zeilen aus ihm vor. „The Hateful Eight“ ist das Gegenstück zu Tarantinos „Django Unchained“. Darin ging es um das Erbe der Sklaverei, um Rache und Gerechtigkeit. Nun geht es um die Geburt des modernen Amerikas: Da war am Anfang ein Haufen mordender Drecksäcke. Und ein paar berauschende Worte von Abraham Lincoln über seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „The Hateful Eight“ ist ein fast schon übertrieben tarantinohafter Tarantino-Film, voller Comicgewalt, Selbstzitaten und großer Musik. Es ist aber auch ein Film, der den Spaßregisseur Tarantino als politischen Filmemacher zeigt. rap

Kastraten, die ihre Männlichkeit verloren, um noch nach der Pubertät im Sopran oder Alt singen zu können. Sabadus: Technisch ist es bei uns, Gott sei Dank, anders. Wir arbeiten mit Randschwingungen, dazu brauchen wir eine große Kondition. Die Kastraten hatten aber einen voll ausgebildeten Lungenapparat, also viel Kraft für ihre hohe Stimme. Daher kam es vielen Zuhörern vor wie Engelsgesang. kro HENNING ROSS

Kino

Sabadus

Sabadus’ aktuelles Album mit Werken des Barock-Komponisten Antonio Caldara ist bei Sony erschienen. Am 25. Januar startet seine Tournee in der Hamburger Laeiszhalle.

ANDREW COOPER / UNIVERSUM FILM

Kurt Russell, Jackson in „The Hateful Eight“


Kultur Sachbücher

ARCHIV ALWIN MEYER

Mehr als 230 000 Kinder und Jugendliche wurden von den Nazis nach Auschwitz verschleppt. Als Sowjetsoldaten das Konzentrationslager vor 71 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten, trafen sie nur noch 650 halb verhungerte Kinderhäftlinge an. Der Publizist Alwin Meyer hat in seinem Buch „Vergiss Deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz“ (Steidl Verlag; 38,80

Lydia Holznerová mit Eltern um 1937, mit älterer Schwester 1933

Prozess um Honorar Bei einem Gerichtstermin in München geht es am Dienstag um ein Honorar, das der Rechtsanwalt Hannes Hartung wegen seiner knapp dreimonatigen Tätigkeit für den Kunstsammler Cornelius Gurlitt verlangt; insgesamt steht eine Forderung von mehr als 1,6 Millionen Euro im Raum. Im November 2013 hatte die Welt von der beschlagnahmten Sammlung des NS-Kunsthändlersohns erfahren. Bald darauf bekam Gurlitt per Gerichtsbeschluss einen vorläufigen Betreuer gestellt. Dieser beauftragte im Januar 2014 wiederum Hartung, ihn und Gurlitt „umfassend“ im Zusammenhang mit dem Schwabinger Kunstfund zu beraten und zu vertreten; die gesetzliche Obergrenze für die Berechnung von Anwaltsgebühren

Waisen der Geschichte

ARCHIV ALWIN MEYER

Die Kinder von Auschwitz

Gurlitt

Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht

Euro) das Schicksal dieser Menschen nachgezeichnet, etwa die Geschichte der kleinen Lydia Holznerová, die mit ihrer Schwester und ihren Eltern nach Auschwitz deportiert worden war. Sie wurde Zeugin, wie ihr Vater immer schwächer wurde; schließlich schickte man ihn ins Gas. Meyer hat für sein berührendes Buch Interviews mit den Opfern geführt. Viele tragen noch heute besonders auffällige Tätowierungen: Die Häftlingsnummern waren mit den Kindern mitgewachsen. dy

wurde dabei vertraglich außer Kraft gesetzt. Gut 120 000 Euro soll Hartung bereits erhalten haben, und am Dienstag wird zunächst nur über wenige Tausend Euro zusätzlich verhandelt, doch weitere Forderungen gelten als wahrscheinlich. Weil noch strittig ist, wer den im Mai 2014 verstorbenen Kunsthändlersohn beerben darf, trifft Hartung vor Gericht nur auf den sogenannten Nachlasspfleger, vertreten von der Kanzlei CMS Hasche Sigle. Diese ist auch für das Kunstmuseum in Bern tätig, das als wahrscheinlicher Erbe Gurlitts gilt. Der CMS-Jurist Claus Thiery betont, er halte die Teilklage Hartungs „für unbegründet“, man sehe ihr gelassen entgegen. Zu klären sein dürfte im Weiteren die Rolle von Gurlitts damaligem Betreuer, inklusive der Frage, ob die Vereinbarung mit Hartung sittenwidrig war. hip, uk

Es gibt da eine Sache, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich davon gelesen habe. Ich kann mich an den Zusammenhang nicht mehr erinnern, aber nach irgendetwas habe ich gesucht, und zwar in der rororo-Monographie (großartige Reihe, hat Rowohlt sterben lassen, warum gibt es da keine Bürgerwehr?) zu Friedrich Schiller. Der Autor, Friedrich Burschell, teilt hier beiläufig mit, dass Schiller, einsam in Jena, seinen „jungen Landsmann Schelling“ zum Kartenspielen traf. (Das Buch ist von 1958.) Und zwar ausdrücklich nur zum Kartenspielen. Ist das nicht ein bisschen so, als würden Peter Sloterdijk und Martha Nussbaum bowlen gehen oder sich Gesine Schwan und Eva Illouz zum Gobelinsticken treffen? Wobei man beim Sticken und Bowlen ja sogar noch reden kann, während das Lieblingsspiel von Schiller und Schelling, L’hombre, ein Vorläufer des Skats, gerade darin seinen sozialen Zweck erfüllt, dass man Zeit miteinander verbringt, ohne zu reden – es sei denn, natürlich, anschließend über das Blatt. Das sogenannte Nachkarten, die einzig erlaubte Form der Konversation, ist außerdem häufig kritischer Natur. Sie trägt eher zur Zerrüttung der Beziehung bei. Möglicherweise war also die Beziehung zwischen Schiller und Schelling bereits zerrüttet, die beiden mochten aber nicht voneinander lassen? So etwas kennt man, wenigstens anschauungshalber, natürlich von der Liebe (bei der dann nicht gespielt, sondern gekocht wird, oder man schimpft mit den Kindern, oder man liegt am Strand, oder man baut ein Haus), vor allem aber in jenem Verbund, der nicht freiwillig gewählt worden ist: Die gute alte Familie ist eigentlich the place to be, wenn man an Gemeinschaften in der Zerrüttung denkt. Zumindest in der bürgerlichen Gesellschaft, die in Autoren wie Thomas Mann ihre Role Models und ihre Diagnostiker gefunden hat: Man macht nicht kaputt, was einen kaputt macht, sondern vermehrt das Übel. Ganz anders (hier ist der Zusammenhang!) erzählt der Schweizer Filmemacher Samir von seiner Familie: Da waltet die Sehnsucht, da werden Fäden versponnen, die nicht Idiosynkrasien der Seele, sondern der Politik zerrissen haben. Der Dokumentarfilm „Iraqi Odyssey“ (jetzt in den Kinos) lässt Männer und Frauen von ihrem Schicksal berichten, die alle derselben Familie entstammen und nun auf vier Kontinenten leben; Waisen der Weltgeschichte. An deren Lebenslauf sich nebenbei allerhand lernen lässt über die Übel, welche die westliche Staatengemeinschaft (aus Familienverbünden entstanden) bar aller Unschuld in den Nahen Osten trug. Eine Kommunistin, die es nach Auckland verschlagen hat, ein hessischer Augenarzt, der nun als Pensionär in London lebt, eine deutsche Pathologin in Lausanne, eine Sprachlehrerin im amerikanischen Nowhereland und ein ehemaliger Atomphysiker in Moskau: Aus ihren stolpernden, tapferen Biografien und charismatischen Erzählungen entsteht ein Bild des Irak, in dem nicht nur Splitterbomben und Aufmärsche, sondern auch Picknicks am Euphrat, schwingende Petticoats und Bibliotheken ihren Platz haben. Und nicht selten gelächelt wird. Ein interessanter Familienfilm. (In jedem Zusammenhang.) An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.

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Autor Kermani

Schaffen wir das? MAJID MOUSSAVI / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Gespräch Terroranschläge. Pegida. Kölns Silvesternacht. Versagende Polizei. Grenzenloses Deutschland. Kraftloses Europa. Der Schriftsteller Navid Kermani schlägt vor, cool zu bleiben. Und realistisch: Unser Leben wird unbequem.

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Kultur

Der Hauptbahnhof ist keine 500 Meter entfernt von Kermanis Wohnung im Kölner Eigelstein, einem Viertel von eigentlich multikultureller Beschaulichkeit. Er wohnt in einem Hinterhof und hat dort schon als Student gelebt, als er aus dem Siegerland nach Köln kam. Es ist in seiner Vielfalt so, wie er sich Deutschland wohl vorstellt. Es ist dieses neue Deutschland, das Kermani als einer der bekanntesten Intellektuellen inzwischen repräsentiert. Es ist aber auch das Deutschland, das durch Terroranschläge und die Kölner Silvesternacht immer lauter infrage gestellt wird. Im Herbst wurde Kermani der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In seiner Rede beklagte der Schriftsteller den Niedergang der islamischen Kultur, und er fragte, ob, angesichts der Zustände in Syrien, ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen dürfe. Seine Antwort: Es ist längst Krieg, und wir können nicht so tun, als ob uns das nichts anginge. Die Rede endete in einem Aufruf zum Gebet. Was sicherlich als Provokation gemeint war. Aber nicht nur. Kermani ist ein Intellektueller neuen Typs, durchaus ein Schriftsteller, der wie die Generation der Achtundsechziger darauf beharrt, sich politisch einzumischen, aber gleichzeitig gegen zwei Grundsätze des Milieus verstößt: das Gebot des Pazifismus und die Ablehnung der Religion. Kermani ist Muslim, sein Glaube hat ihn kulturell geprägt, genauso wie ihn Kafka, Lessing, Heine prägen. Geboren als Sohn iranischer Einwanderer, die 1959 nach Deutschland kamen, um hier zu studieren, hat Kermanis Werk im Alter von 48 Jahren eine gewisse Unübersichtlichkeit erreicht: zahlreiche Romane und Essays, Bücher über die Poesie des Koran und über Deutschland und seine Muslime. Für eine dreiteilige Serie im SPIEGEL war Kermani 2014 im Irak unterwegs, im Oktober veröffentlichte er auf diesen Seiten seine Reportage „Einbruch der Wirklichkeit“ über den Flüchtlingstreck nach Europa, die in einer erweiterten Fassung im Verlag C.H. Beck gerade erschienen ist. Sein Buch „Ungläubiges Staunen“ über die Bilderwelten des Christentums ist seit Monaten auf der Bestsellerliste. Kermani ist kein Schriftsteller der Eindeutigkeiten. Er schreibt und spricht in Kreisen, statt auf einer geraden Linie, die nur einer These folgt. Passt das immer zusammen? Nein. Warum auch. SPIEGEL: Herr Kermani, wir haben kurz

nach dem Bekanntwerden der Kölner Vorfälle miteinander telefoniert. Sie wirkten nicht völlig überrascht. Kermani: Diese Banden sind seit mehreren Jahren ein Problem, auch in diesem Viertel. Jeder weiß das. Geht man aber in das marokkanische Café hier, dann wundert man sich. SPIEGEL: Worüber? Kermani: Darüber, dass die Leute dort anscheinend mehr wissen als die Polizei. Sie Das Gespräch führte der Redakteur Lothar Gorris.

wissen offenbar, wer diese Jungens sind, blick, in dem Menschen sich unsicher fühsie sagen auch, dass die schon in Marokko len, Angst entwickeln, kramen sie ihre verkriminell und drogenabhängig gewesen sei- meintliche Identität hervor und wenden en, Straßenkinder, ohne Erziehung, ohne sie gegen die anderen. Das ist fast ein naBindung, die sich allein auf den Weg ge- türlicher Vorgang. Und dann die sexuellen macht haben. Die marokkanischen Fami- Übergriffe. Das war in Jugoslawien so, nun lien hier sind, vorsichtig ausgedrückt, nicht ist es im Irak oder in Syrien: Frauen sind unbedingt erfreut über diese Nachzügler. immer die ersten Opfer. Die Frauen der anderen sind das Freiwild. SPIEGEL: Das heißt was? Kermani: Na ja, sie reden eher wie Politiker SPIEGEL: Trophäen des Hasses. der CSU: Abschieben, aber sofort! Kermani: Und wenn das jemandem keine Angst macht, würde ich gern wissen, in SPIEGEL: Ach. Kermani: Das, was geschehen ist, ist ja neu was für einer Welt der lebt. Fast eine Milund für uns alle beunruhigend. Der Eigel- lion Einwanderer in einem halben Jahr, stein ist ein Bahnhofsviertel, ein multikul- das sind echt viele. Eine riesige Aufgabe. tureller Stadtteil, mit all der Romantik, SPIEGEL: Und dann versagt die Polizei. aber auch den Problemen, die sich so deut- Kermani: Nicht zum ersten Mal. In Köln lich an Silvester zeigten: Alkohol, Drogen, hat der NSU zwei Terroranschläge verübt, Machogehabe, Enthemmung und diesem, einen davon hier im Viertel: Nur 200 Meter wie man so sagt, „Hass auf die Mehrheits- entfernt in der Probsteigasse hat eine NSUgesellschaft“. Bombe die Tochter von persischen Besitzern eines Lebensmittelladens schwer verSPIEGEL: So weit würden Sie gehen? Kermani: Die, die da wohl den harten Kern letzt. Meine Tochter ist nebenan in die bilden, scheinen jedenfalls nicht diejenigen Kita gegangen. Wir kannten die Familie, zu sein, die gekommen sind, um hier Arzt haben da oft Schokolade oder Milch gekauft. Von einem Tag auf den anderen war zu werden. das Geschäft geschlossen. Die SicherheitsSPIEGEL: Oder Schriftsteller. Kermani: Oder um bei Ford zu arbeiten. behörden haben versagt, Spuren ins Die kommen vermutlich, weil es hier ein- deutschnationale Milieu verwischt und facher ist: mehr Einnahmen, weniger Poli- über Jahre Opfer zu Tätern gemacht. Oder zei, die auch nicht so unangenehm ist wie denken Sie an die Hogesa-Proteste. Das kann nicht sein, dass mitten in der Stadt die Polizei in Marokko. 5000 Hooligans protestieren, wie sie wolSPIEGEL: Nun sind alle schockiert. Kermani: Vielfalt produziert Probleme. len – über Stunden. Wenn sich das VersaMöchte ich, möchten Sie zurück zu einer gen der Sicherheitsbehörden auf so draMonokultur, gar zu einer homogenen matische Weise wiederholt, dann muss ein Volksgemeinschaft? Mir erscheint das Systemfehler vorliegen. Aber den können Deutschland von heute spannender, auch wir uns in einer multikulturellen Gesellliebenswerter als, sagen wir, der Muff der schaft, mit so vielen neuen Einwanderern und Gewaltbereitschaft auf mehreren SeiFünfzigerjahre. SPIEGEL: Und wenn die Probleme zu groß ten, nicht leisten. Wir müssen dem Staat vertrauen können. werden? Kermani: Entschuldigung, aber da kommen SPIEGEL: Kann es sein, dass wir der Illusion so viele Leute aus unterschiedlichsten Län- aufgesessen sind: Okay, es gibt Probleme dern, sozialen Schichten und mit unter- in den Städten, aber prinzipiell läuft das? schiedlichsten Voraussetzungen. Und nicht Kermani: Ich glaube schon, dass man eine nur die Deutschen haben Ressentiments. gewisse Kriminalität geschehen ließ. Nicht Hören Sie mal die Marokkaner der ersten jeder Terroranschlag kann verhindert werGeneration über die zweite reden oder die den, aber was am Hauptbahnhof gescheTürken über die Araber und erst die Perser hen ist, hätte verhindert werden können. über die Türken. Und Istanbuler Als Streifenpolizist, zwischen mit Laizisten über fromme Anatolier! Drogen vollgepumpten, hoch agWir leben in einem fragilen gressiven jungen Männern, hätte Gleichgewicht, wenn dann Terrorich eine Mordswut auf eine Fühanschläge oder Dinge wie an Silrung, die sogar angebotene Vervester geschehen, erzeugt das stärkung ablehnt. Ängste. Wir wissen das aus der SPIEGEL: Sie haben von den BanGeschichte, und wir sehen das den gesprochen, die den harten heute im Nahen Osten: Identität Kern in der Silvesternacht bildebildet sich selbst im friedlichen ten. Offensichtlich waren auch Fall in Abgrenzung von anderen Flüchtlinge dabei. Navid heraus. Und in Zeiten großer Un- Kermani Kermani: Ja, auch wenn natürlich sicherheit oder sozialen Abstiegs Einbruch der alle noch spekulieren. Es scheint jegeschieht das oft genug eben nicht Wirklichkeit denfalls so gewesen zu sein, dass friedlich. Die Vielfalt ist immer ge- Verlag C. H. Beck, dort ebenfalls Flüchtlinge standen fährdet und, ja, auch gefährlich, München; 96 Sei- und tranken und wohl irgendwann das kann kippen. In dem Augen- ten; 10 Euro. dachten, jetzt könnte man mal die DER SPIEGEL 4 / 2016

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Kultur

Sau rauslassen. Und nun diskutieren wir über den arabischen Mann als solchen. Das geht mir total auf den Senkel, dieser Kulturalismus und teilweise auch Rassismus, den plötzlich jeder glaubt, öffentlich ausleben zu dürfen. Der arabische Mann – Hilfe! Elyas M’Barek ist auch einer, und Khedira ebenso, sind die auch gemeint, oder haben wir, also Sie, die abendländisch entschärft? Ich bin als Muslim groß geworden und habe meine Tochter dennoch auf die MontessoriSchule geschickt. SPIEGEL: Ich entschärfe niemanden. Im feministischen Teil der Debatte wird tatsächlich gefragt, ob eine islamische Erziehung Werte wie Achtung und Gleichberechtigung der Frau vermitteln kann. Kermani: Dass ich keine Frau begrapsche, ist jedenfalls nicht nur meiner deutschen Sozialisation geschuldet. SPIEGEL: Aber was ist denn nun mit diesen arabischen jungen Männern? Kermani: Es gibt massive Probleme in weiten Teilen der arabischen Welt, speziell unter den jungen Männern, aber diese Probleme sind keinem arabischen Gen geschuldet, sondern sind benennbar: Bevölkerungsexplosion und wirtschaftliche Liberalisierung, die zu einem sichtbaren Reichtum einiger weniger geführt haben, der immer größer, obszöner wurde. Die Masse der jungen Leute hat selbst mit Studium keinerlei berufliche Perspektive, keinerlei Aussicht auf eine eigene Wohnung und Heirat. Und zugleich wird unehelicher Sex tabuisiert. Die Informationstechnologie hat Freizügigkeit und Pornografie gebracht,

während die Möglichkeiten, Freiheiten auszuleben, immer kleiner wurden. Das macht den sozialen Befund – und ich habe jetzt wirklich nur einen von mehreren Aspekten genannt – nicht harmloser, auch nicht mit Blick auf die Zuwanderung junger Männer aus diesen Gesellschaften. Aber wenn man genau hinschaut, beginnt man immerhin zu verstehen. Was haben wir davon, wenn wir uns einrichten in unserem kulturellen Überlegenheitsdiskurs und immer groteskere Theorien aufstellen, so wie früher über den Neger oder den Juden, heute über den Muslim oder aktuell den arabischen Mann? Davon wird kein einziges soziales Problem gelöst. Im Gegenteil: Die Fronten verhärten sich noch mehr, weil dieser Diskurs in Diskriminierung mündet und zu noch mehr Abgrenzung führt. SPIEGEL: Aber warum sind es vor allem junge Männer, die einwandern, und nicht mehr Familien? Kermani: Weil wir die Einwanderung kriminalisiert haben. So zwingen wir die Leute auf einen langen Fluchtweg, den eher die physisch Starken bewältigen. SPIEGEL: Nun kommen immer noch viele Menschen, trotz des Winters, immer noch haben wir keine Ahnung, wer das ist. Kermani: Nochmals: Um diesen Prozess steuern zu können, dürfen wir die Leute nicht in die Illegalität zwingen. SPIEGEL: Und das geht wie? Kermani: Wir reden seit mehr als zehn Jahren darüber. Wir müssen Einwanderung vom Asyl trennen. Einwanderung richtet sich nach den Bedürfnissen der Aufnahme-

„Elyas M’Barek ist auch ein arabischer Mann und Khedira ebenso. Haben wir die abendländisch entschärft?“

DIMITAR DILKOFF / AFP

Flüchtlingstreck in Serbien

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gesellschaft, Asyl nach der Bedürftigkeit. Solange es kaum eine Möglichkeit gibt, sich für eine Einwanderung zu qualifizieren, versuchen es alle über das Asylverfahren. Und solange es praktisch nicht möglich ist, an einer Außengrenze der EU einen Asylantrag zu stellen, müssen sowohl Einwanderer als auch Flüchtlinge ihr Geld, ihre Zeit, ihren Mut in die Schlepperindustrie investieren statt in ihre Ausbildung und ihre Zukunft. SPIEGEL: Viele europäische Staaten verweigern sich einer gemeinsamen Lösung. Kermani: Ja, so wie sich Deutschland verweigert hat, als noch nicht so viele Flüchtlinge kamen. Deutschland hat Europa das Dublin-Verfahren aufgedrückt und damit das eigene Grundrecht auf Asyl praktisch entsorgt. Man musste ja schon mit dem Fallschirm über Deutschland abspringen, um legal von seinem Grundrecht Gebrauch zu machen. SPIEGEL: War das „Wir schaffen das“ von Frau Merkel und die Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, vielleicht nicht so sinnvoll, weil sich irgendwann fast selbstverständlich die Frage stellt, wie viele Menschen man aufnehmen kann? Kermani: Sie müssen berücksichtigen, dass das eine Notsituation gewesen ist. Die Leute waren in Ungarn auf der Autobahn, ausgehungert und von den ungarischen Behörden aufs Übelste behandelt. Man hätte nicht anders entscheiden können. SPIEGEL: Aber die Leute einzuladen, ohne es zeitlich zu begrenzen? Kermani: Staaten wie Polen oder Ungarn blockieren eine Lösung. Ein Teil Europas ist aus dem Asyl ausgestiegen. Nun gibt es ein Provisorium, das nicht ewig funktionieren wird. Das weiß auch jeder. SPIEGEL: Und wenn doch? Kermani: Dann wird es weiter Nächte geben wie die am Hauptbahnhof. Oder Dinge, die vielleicht noch unangenehmer sind. SPIEGEL: Unangenehm ist eine zurückhaltende Formulierung. Kermani: Deutschland jedenfalls wird es nicht schaffen, die Probleme des Nahen Ostens hier zu l��sen. Wir haben eine Europäische Union, die nicht angemessen auf die inneren und äußeren Herausforderungen reagieren kann, weil man sich in grundlegenden Fragen uneinig ist. Immer mehr Regierungen lehnen die sogenannten europäischen Werte ab, die meinen, dass Frauen und Schwule nicht die gleichen Rechte haben, dass Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung nicht mehr so wichtig sind. Europa hat keine innere Kraft mehr. SPIEGEL: Besonders stark war es nie. Kermani: Doch. Europa war bärenstark – es hat diesem gewalttätigen Kontinent nicht nur Frieden gebracht, es hat uns nicht nur einzigartigen Wohlstand beschert und einigermaßen für sozialen Ausgleich gesorgt, jedenfalls sehr viel mehr, als es das


VOLKER ROLOFF / AGENTUR FOCUS

in den Vereinigten Staaten gibt. Europa hat die Freiheit durchgesetzt, zuallererst in Deutschland, aber auch in Osteuropa und zuvor im Süden, in Griechenland, in Spanien, in Portugal – die Perspektive, zu Europa zu gehören, hat der Demokratie zum Durchbruch verholfen. Europa ist nicht nur ein Friedensprojekt, sondern ein Freiheitsprojekt. Es ist die politische Anwendung der Aufklärung. SPIEGEL: Klingt ein bisschen nach Sonntagsrede. Kermani: Ich weiß. Aber unsere Generation hat den Existenzgrund dieses Europas, den Zweiten Weltkrieg, die Unfreiheit, den Hunger, biografisch nicht erfahren. SPIEGEL: Noch mal zurück zu Köln: Ist es falsch, die Herkunft der Täter zu benennen? Kermani: Überhaupt nicht. Aber wenn man es richtig dicke haben will, dann tut man erst so, als gäbe es ein Schweigegebot, und dann sticht man es den Medien durch. Jetzt haben wir das Paradox: Alle reden über die Herkunft der Täter und haben zugleich den Eindruck, dass man nicht über die Herkunft der Täter reden darf. SPIEGEL: Die Debatte ist auch davon geprägt, dass diese Gesellschaft nicht so viel Vertrauen zu haben scheint in ihre eigene Demokratietauglichkeit. Kermani: Das ist nicht meine Befürchtung. Ich sehe doch, wie das heute in den Schulen ist, nicht nur bei meinen Töchtern, als Schriftsteller lese ich oft in Schulen. In Siegen war ich damals der Einzige, der anders war. Heute gibt es in jeder Klasse viele, die anders sind. Die Vielfalt ist selbstverständlich geworden, gerade jetzt auch für die, die persönliche Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht haben. Wer in seiner Gemeinde Syrer aufnimmt, deren Dankbarkeit erlebt, ihre Geschichten hört, der ist gegen Ausländerhass auch dann gewappnet, wenn sich andere Ausländer Schlimmes zuschulden kommen lassen. Er wird nicht sagen, die Ausländer, die Flüchtlinge, sondern differenzieren. SPIEGEL: Die Anschläge von Paris im November, die Absage des Länderspiels in Hannover, die Bombendrohung in München am Silvesterabend, die Vorfälle in Köln in derselben Nacht, der Terroranschlag in Istanbul, bei dem zehn deutsche Touristen starben. Als ob da jemand ein ganz fürchterliches Drehbuch schriebe. Kermani: Und in gewisser Weise wird dieses Drehbuch auch geschrieben. Es gibt Leute, die die Eskalation herbeibomben. Und so etwas wie der Kölner Hauptbahnhof ist für diese Leute noch ein zusätzlicher Glücksfall. Ich bin eigentlich ein Alte-Schule-Kulturpessimist. Ich habe das Gefühl, dass ich im Alter immer reaktionärer denke. Zu einem muffelnden Alten, der diese neuen Medien nicht mag und immer nur sagt, dass früher alles besser gewesen und die Jugend so unpolitisch sei. Ich fürchte auch, dass

Lebensmittelladen in Berlin

„Die Diskussionen in Schulen sind differenzierter, realistischer als in vielen Medien und Leserbriefspalten.“ Schriftsteller so wohl sein müssen, weil sie qua Beruf dafür zuständig sind, die Verluste zu markieren. Schriftsteller haben in der Regel kein rechtes Sensorium für das Neue, sie stehen ganz am Ende des Zugs und schreiben auf, was wir hinter uns lassen. Und doch: Was ich zum Beispiel auf meiner Balkanreise für den SPIEGEL erlebt habe, war sehr wichtig: Überall haben fast ausschließlich junge Leute geholfen. Diese Generation redet plötzlich über Politik – und vor allem: Sie ist total empathisch. Die Diskussionen, die ich in Schulen mitbekomme, sind differenzierter, realistischer als in vielen Medien und erst recht in den Leserbriefspalten. Die Jüngeren ticken anders. Die haben viele Fragen und tasten sich eher an eine Antwort heran. Ich eingefleischter Kulturpessimist erlebe das als ermutigend, das gibt richtig Kraft. SPIEGEL: Ich mag mich täuschen, aber vorhin klang das ein wenig anders. Kermani: Ja, stimmt, ich glaube, ich widerspreche mir andauernd selbst. Das ist so in meinem Kopf: Wenn ich etwas denke, denke ich das Gegenteil meist auch. Völlig unbrauchbar für eine Talkshow! SPIEGEL: Und jetzt? Kermani: Es gibt diesen berühmten Hölderlin-Satz: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Was übrigens nichts anderes heißt, als dass es einen Wettlauf gibt. Da die Eskalation, dort der Reifeprozess einer Gesellschaft. Beides findet gleichzeitig statt, und, ja, wir müssen uns beeilen, um auch nach dem nächsten Terroranschlag auf unserer Freiheit und Offen-

heit zu bestehen. Die Willkommenskultur war doch keine Erfindung von Frau Merkel. Sie hat darauf reagiert, das gab es sogar in der CDU, in ehemals konservativen kirchlichen Milieus. Dort, wo Flüchtlingsheime entstehen sollten, entstanden sofort Bürgerinitiativen. Und zwar für die Flüchtlingsheime. SPIEGEL: Es passieren seltsame Dinge in Köln. Die Silvesternacht. Eine Oberbürgermeisterkandidatin wird einen Tag vor der Wahl von einem Rechtsextremisten niedergestochen, dennoch gehen nur 40 Prozent zur Wahl. Das 2009 eingestürzte Stadtarchiv ist immer noch nicht neu errichtet. Ist Köln eine „failed city“? Kermani: Spinnen Sie? Wir leben hier. Wir leben wirklich mitten in der multikulturellen Realität, die von halb Deutschland als Albtraum apostrophiert wird. Und wissen Sie was? Wir fühlen uns pudelwohl. Für Pegida-Leute muss Köln so etwas wie das Allerschlimmste sein. Natürlich sind hier rechtsfreie Räume entstanden, punktuell. Aber Köln selbst, ganz Deutschland ist kein rechtsfreier Raum. Vielleicht waren Sie noch nie in einem „failed state“. SPIEGEL: Durchaus, aber man könnte dennoch den Eindruck bekommen, dass staatliche Ordnung zerbröselt. An den Grenzen herrscht Chaos. In Berlin ist die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge zusammengebrochen und funktioniert bis heute nicht. In Leipzig verwüsten Hooligans ein alternatives Viertel. Kermani: Im Gegenteil. Es ist eine große Leistung, wie deutsche Behörden die DER SPIEGEL 4 / 2016

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UNCREDITED / AP / DPA

IS-Propaganda mit Kämpfern in Syrien

„Der IS wäre besiegbar. Und er muss besiegt werden. Für die Menschen dort, für unsere Sicherheit.“ Flüchtlingskrise meistern, mal von Berlin abgesehen. Sogar die viel gescholtenen Bayern sind da sehr gut. SPIEGEL: Die paradoxerweise am besten. Kermani: Die am besten. Nein, das Abendland geht hier nicht unter, wir haben keine bürgerkriegsähnlichen Zustände, wirklich nicht. SPIEGEL: Und Silvester in Köln? Kermani: Das liegt an uns, ob das jetzt ein Anfang war oder ob wir das als Warnschuss verstehen. Wir haben das noch in der Hand. SPIEGEL: Mehr als 800 Angriffe auf Asylbewerberheime im vergangenen Jahr! Kermani: Fast tausend! SPIEGEL: Sehen Sie. Kermani: Dieses heimelige Deutschland, das Sie sich wünschen, das wir uns wünschen, wie soll das funktionieren? Wir sind verbunden mit der Welt. Nicht nur die Wirtschaft ist globalisiert, sondern auch die Konflikte dieser Welt sind es. Und es ist illusorisch, dass wir diese Konflikte draußen halten können. Das Leben wird auch in Deutschland unbequemer. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. SPIEGEL: Eine Welt, in der wir beispielsweise unseren Töchtern sagen, du gehst besser nicht zum Dom. Das ist ein Lebensgefühl, das wir nicht kennen. Kermani: Wir haben in einer Blase gelebt. In Megastädten wie Karatschi oder Lagos oder Jakarta leben die Reichen abgeschottet in Vierteln, die Hochsicherheitstrakten gleichen. Die sitzen abends auf der Veranda und unterhalten sich darüber, wie schrecklich diese Welt ist, wie barbarisch 120

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diese Wilden da draußen sind. Bis 9/11 war unsere Wahrnehmung: Das spielt sich alles da draußen ab. Aber damals begann es, dass die Welt zurückkehrte in unser Leben. Die Armen sind nicht nur ärmer geworden, sondern sie wissen auch, wie reich die anderen, also wir, sind. Und wie in Jakarta schauen auch wir herablassend auf die Wilden: so ungebildet, so unemanzipatorisch, so unökologisch, so undemokratisch. SPIEGEL: Glauben Sie im Ernst, dass unser Lebensgefühl von Sicherheit und Freiheit nicht aufrechtzuerhalten ist? Kermani: Das gilt es zu verteidigen. Und es ist wahrscheinlich überhaupt keine gute Idee, dass wir, wie andere Länder es machen, den Staat schwächen. SPIEGEL: Seltsam, dass wir Kinder der Achtzigerjahre plötzlich über verhasste Begriffe wie „staatliche Ordnung“ diskutieren. Kermani: Wenn man mal dort unterwegs war, wo es keine staatliche Ordnung gibt, lernt man den Wert des Staates ein für alle Mal schätzen. Und erst recht den Wert des europäischen Zusammenhalts. Wie kann denn Deutschland allein reagieren auf den IS? Absurd! Oder auf das, was sonst so alles geschieht im Nahen Osten oder noch auf dem Balkan geschehen könnte. Doch diese Schockwellen erreichen uns. Frau Merkel hat in ihrem Interview bei Frau Will ein sehr ehrliches und sehr schlimmes Schuldeingeständnis gemacht: Sie sagte, ja, wir haben gedacht, das hat alles nichts mit uns zu tun. Hat es aber, und davor gibt es keine Flucht. Die Annahme, sich in „gated communities“ abschotten zu kön-

nen, ist völlig irrsinnig. Der Verzweiflungsdruck außerhalb unserer Mauern wäre zu groß. SPIEGEL: Sie haben in Ihrer FriedenspreisRede gefordert, dass die Weltgemeinschaft den Kampf aufnimmt in Syrien, diplomatisch und im Notfall auch mit Waffen. Nach den Anschlägen von Paris ist das geschehen. Deutschland schickt jetzt AufklärerTornados. Reicht Ihnen das? Kermani: Der IS ist nicht durch Luftschläge zu besiegen, sondern nur am Boden. SPIEGEL: Das scheint so. Und das heißt? Kermani: Hollande macht eine große Show, um die Franzosen zu beeindrucken, nicht so sehr den IS. Wichtiger ist, was seit Wien passiert. Endlich verhandeln die Mächte, die hinter den Kriegsparteien stehen. Vier Jahre zu spät, aber immerhin. SPIEGEL: Und die Bodentruppen? Kermani: Wenn es für Syrien eine Friedensperspektive gäbe – unter Bewahrung des syrischen Staates, aber mittelfristig ganz sicher ohne Assad –, könnte sich die Weltgemeinschaft auf ein gemeinsames Vorgehen gegen den IS verständigen. Und wenn ein Mandat der Vereinten Nationen vorläge, wäre ich für den Einsatz auch ausländischer Bodentruppen, wenn nötig, um Rakka und Mossul zu befreien. Und ich wüsste keinen Grund, warum Deutschland sich dann raushalten könnte. SPIEGEL: Viele Konjunktive. Kermani: Weniger kompliziert kann ich es Ihnen leider nicht bieten. Aber klar ist doch: Der IS wäre besiegbar. Und er muss besiegt werden. Für die Menschen dort, die vom IS terrorisiert, vertrieben, massakriert, versklavt werden. Und für unsere eigene Sicherheit. SPIEGEL: Aber mit dem IS verschwindet doch nicht der Terrorist. Kermani: Nein, aber dass der Dschihadismus eine Erfolgsgeschichte liefert, dass er einen Staat hat, dass er Waffen, Gehalt, dicke Autos und sogar Frauen anbieten kann, beschert ihm einen enormen Zulauf. Wir müssen den IS aus ureigenstem Interesse entzaubern. Dann gäbe es zwar noch Dschihadisten, aber das sind dann Verlierer. Sie hätten kein eigenes Territorium mehr, von dem aus sie planen, Geld einnehmen und mobilisieren könnten. SPIEGEL: Europa ist nicht in der Lage, eine robuste Außenpolitik zu betreiben. Kermani: Dennoch: Die meisten schätzen und lieben dieses Europa. Ein Europa ohne Grenzen, das gleichzeitig nationale Identitäten bewahrt, indem es sie politisch entschärft. Das ist von außen bedroht: von Dschihadisten und Islamisten wie von Leuten, die einwandern und hier ganz anders leben wollen. Aber es ist auch bedroht von denen, die das alles zum Anlass nehmen, um sagen zu können: Europa funktioniert nicht, wir müssen zurück zum Monokulturellen, zum homogenen Nationalstaat.


Kultur

destag. Sie wissen mehr über deutsche Literatur als ich. Die Bedrohung ist für uns dieselbe. Kermani: Ja, das stimmt. Dennoch: Würde unser Gesellschaftsmodell kippen, spielten ethnische Zugehörigkeiten eine Rolle, fiele ich auch wieder heraus. Sogar meine Tochter hat diese Frage im Kopf: Was wäre, wenn? SPIEGEL: Wirklich? Kermani: Das fragen wir uns alle. Ich bin der Letzte, der sich über dieses Land beklagt. Ich habe im Bundestag gesagt: danke. Und das von ganzem Herzen, weil ich finde, dass dieses Deutschland Wahnsinniges geleistet hat für uns. SPIEGEL: Viele sehen das anders. Kermani: Es ist interessant, wie schwer den meisten Deutschen die Anerkennung fällt, wie fantastisch hier vieles ist. Die Angst, dass plötzlich ein „Ihr“ und „Wir“ in diesem Land entsteht, ist das Ziel der Islamisten. Und das Ziel von Pegida. Und von Orbán. Von den Rechtsextremen seit je. SPIEGEL: Sie haben Ihre SPIEGEL-Reportage über den Flüchtlingstreck begonnen mit einem Satz über dieses „weich gewordene Deutschland“. Und Sie haben sich gefragt, was eigentlich wäre, wenn der Puderzucker weggeblasen würde. Kermani: Mit dem Puderzucker meinte ich die Fernsehgalas und die „Bild“-Zeitung. Aber rufen Sie morgen früh bei der Stadt Köln an, und fragen Sie, ob Sie jetzt irgendwo helfen können, dann wird eine etwas genervte Dame sagen: Sie können sich in Listen eintragen, dann sind Sie in ein paar Wochen vielleicht dran, wenn Sie

Glück haben. Es gab eine medial und öffentlich aufbereitete Welle der Hilfsbereitschaft. Nun aber hat sich diese Hilfsbereitschaft verstetigt, und das zählt viel mehr. Genauso wie zuvor die Begeisterung für Flüchtlinge wird nun der Eindruck, dass die Deutschen kollektiv überfordert sind, medial maßlos übertrieben. SPIEGEL: Also cool bleiben? Kermani: Es ist objektiv eine schwierige Situation. Ich meine, der Hauptbahnhof ist hier um die Ecke – als ob mir das keine Angst machen würde, was da passiert ist. Aber Panik ist überhaupt nicht angezeigt. Wenn es ungemütlich wird, darf man nicht so tun, als ginge einen selbst das alles nichts an, sonst wird man von der Realität eingeholt. Stattdessen sollten wir uns fragen: Was müssen wir tun? Was hilft konkret, und was wäre nur Schaumschlägerei? Und was, wenn noch viel mehr nach Europa kommen wollen? In Jordanien sind 20 Prozent der Bevölkerung inzwischen Flüchtlinge. 20 Prozent! SPIEGEL: Das wären auf Deutschland umgerechnet 16 Millionen. Kermani: Wird das passieren? Vielleicht nicht. Aber wir haben die Dinge im Nahen Osten nicht in der Hand. SPIEGEL: Vielleicht hat diese doch etwas hysterische Stimmung damit zu tun, dass plötzlich das gefährdet scheint, was dieses Land erreicht hat: Der Regierungschef ist eine Frau. Aldi führt Bio. Die CDU ist sozialdemokratisch. Atomkraftwerke werden abgeschaltet. Die Wirtschaft wächst. Rechtspopulisten spielen bislang kaum eine Rolle

„Jemand wie ich hat mehr zu verlieren als Sie. Wo soll ich denn hin, wenn es kein Europa mehr gibt?“ Von IS-Terroristen attackiertes Restaurant in Paris

CHRISTOPHER FURLONG / GETTY IMAGES

SPIEGEL: Gerade die Länder im Osten Europas, die 1989 die Freiheit ertrotzten, sind es, die unsere Flüchtlingspolitik für total naiv halten. Kann man sich mit denen einigen? Kermani: Bis auf Weiteres wohl nicht. Aber wer hat denn diese Eskalation in der Asylpolitik herbeigeführt und nimmt gleichzeitig die chaotischen Zustände als Beleg dafür, dass das nicht funktioniert? Genau diese Länder. SPIEGEL: Sie haben noch nicht gesagt, wie Europa eigentlich funktionieren könnte. Kermani: Natürlich darf man die Europäische Union nicht auflösen, aber vielleicht läuft es mindestens für einen Übergang doch auf die alte Idee eines Kerneuropas hinaus, eines Europas der zwei Geschwindigkeiten. Europa hat sich ausgedehnt und zugleich seine Institutionen geschwächt – das konnte nicht gut gehen. Ein Kerneuropa könnte sehr schnell wieder eine enorme Anziehungskraft haben. Dann könnte man es nach und nach wieder erweitern, ohne die alten Fehler zu wiederholen. Dann hätte die gemeinsame Währung wirklich eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, und die europäischen Institutionen wären tatsächlich demokratisch legitimiert. SPIEGEL: Sie träumen. Kermani: Europa wurde geschaffen von Utopisten wie Kant und Monnet. Würden Sie, Sie ganz persönlich, unter einem Regierungschef Viktor Orbán leben wollen, in einem offen fremdenfeindlichen und zunehmend auch antisemitischen Staat, auch wenn es dort mehr Sicherheit, aber weniger Freiheit gäbe, oder doch lieber in einem Deutschland, das sich manchmal für überfordert hält, aber versucht, seine Offenheit einigermaßen zu bewahren? SPIEGEL: Ich bitte Sie. Aber ist die Frage nicht auch, wie viel Chaos dieses Land verträgt? Kann es nicht sein, dass hier fundamentale Konflikte aufbrechen, die diesen Staat plötzlich infrage stellen? Eine derartige Dynamik, dass die Dinge plötzlich so wackeln, habe ich jedenfalls noch nicht erlebt. Selbst die RAF hat das nicht geschafft. Kermani: Aber wäre es nicht ungewöhnlich, dass wir durch unser Leben gehen, und das Dramatischste, was geschieht, ist die RAF? Ziemlich unrealistisch. Und außerdem: Unsereiner, also jemand wie ich, hat mehr zu verlieren als Sie. Wo soll ich denn hin, wenn es kein Europa mehr gibt? SPIEGEL: Sie sind genauso deutscher Staatsbürger wie ich. Kermani: Aber Sie gehören nun einmal der Volksgemeinschaft an, auf die sich Herr Gauland und Herr Höcke berufen, auch wenn Sie das vielleicht doof finden. In dem Moment, da hier plötzlich jemand aufteilen will – die gehören zum Volk und all die Zugezogenen oder etwa der Islam nicht –, gehöre ich zu den anderen. SPIEGEL: Ist das nicht ein bisschen kokett? Sie gehören längst dazu. Sie reden im Bun-

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MAJID MOUSSAVI / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Warum? Kermani: Weil es zum Beispiel eine offener

Pegida-Demonstranten in Dresden

„Fundamentalismus: Traditionen sind weggebrochen, nun kehren sie zurück – radikalisiert, gewalttätig.“ in den Parlamenten. Der Muslim Kermani hält im Bundestag die Rede zu 65 Jahren Grundgesetz. Es war schön in der Komfortzone. Ist das vorbei? Kermani: Viel spricht dafür. SPIEGEL: Zwei Apokalyptiker im Gespräch. Kermani: Und wir haben noch nicht über globale Bedrohungen wie den Klimawandel oder die wachsende Schere zwischen Arm und Reich gesprochen. SPIEGEL: Sie haben den islamistischen Fundamentalismus als ein Phänomen der Moderne erklärt: Traditionen sind weggebrochen, nun kehren sie zurück, radikalisiert, gewalttätig, auch in den bedrohten Mittelschichten. Das klingt wie eine Beschreibung der rechtsradikalen Milieus bei uns. Kermani: Das ist ein nationaler Fundamentalismus. In der Tat. SPIEGEL: Aber was macht man mit diesen Leuten? Sie sind Teil dieses Landes. Kermani: Entscheidend ist die persönliche Begegnung. Das ist doch überall so: Je mehr Fremde, desto weniger Angst vor Fremden. Aber natürlich wird es bei AfD und Pegida auch Leute geben, deren Weltbild so hermetisch ist, dass sie nur Informationen und Eindrücke zulassen, die es bestätigen. SPIEGEL: Andererseits fragen wir uns, was wir mit diesen jungen Männern aus Marokko oder Algerien machen sollen. Kermani: Die Gesetze anwenden. Und solange ein Mensch nicht straffällig wird, 122

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nimmt man seine Ansichten hin. Man muss nicht alles gut finden, was erlaubt ist. Man kann die Grenzen des Zulässigen nur dann einhalten und sichern, wenn sie sehr weit gefasst sind. Das gilt für Karikaturen, das gilt auch für die NPD. SPIEGEL: Sie haben in Ihrer Rede in der Paulskirche den Niedergang islamischer Kultur beklagt. Sie sind Orientalist und haben in Kairo Arabisch gelernt. Kermani: Ich leide wirklich sehr persönlich darunter, es sind meine Erinnerungen, meine Orte, die ich geliebt habe, die jetzt vernichtet werden. Aleppo ist eine der faszinierendsten Städte, die ich je besucht habe. Ich war im Frühjahr vergangenen Jahres mit meinen beiden Töchtern in Marokko. Das war gerade für die Kinder eine gewaltige Erfahrung: Die Gastfreundschaft derer, die selbst nichts haben. Und ich war beglückt, noch einmal den Orient zu erleben, wie ich ihn als Abiturient bereist habe. Und sobald man aus den Touristenzentren wegkommt, gibt es nicht mehr diese ganze blöde Anmache, die einem in Marrakesch auf die Nerven geht. Es war unglaublich entspannt, auch für die 17jährige Tochter, die sich zum Unmut ihres reaktionären Vaters so kleidet, wie sich die jungen Frauen heute eben kleiden. Absurd vielleicht, aber als ich Anfang der Neunzigerjahre in Kairo gelebt habe, habe ich es als lässiger empfunden als Köln.

gelebte Homosexualität gab und eine Vielfalt, wie ich sie aus Deutschland nicht kannte: Menschen, die Kopftuch trugen oder total fromm waren, und gleich daneben Menschen, die in den übelsten Spelunken soffen und kifften. Einfache Frauen und Männer, die bei den mystischen Festen auf dem Platz vor der Azhar ekstatisch bis zum Morgen tanzten. Viele Sprachen, viele Religionen. Dort gab es eine Liberalität, die unterschiedlichste Lebensentwürfe, und sei es im halb öffentlichen Raum, auf engstem Raum nicht bejahte, aber zuließ. Das haben wir Studenten aus Deutschland alle so empfunden. Und wenigstens die Hälfte von uns waren ja Studentinnen. SPIEGEL: Ihre Familie kommt aus Isfahan in Iran, ein geradezu mythischer Ort. Kermani: Ja, das sind so Erinnerungen: Kindergeburtstag meiner Cousine. Da waren Christen und Juden und Muslime. Der Einzige, dem das auffiel, war ich kleiner Stöpkes aus Deutschland. Niemanden sonst hat das interessiert. Diese multikulturelle Wirklichkeit hat sich dort länger behauptet als hier, wo das alles im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde. Jetzt geht sie dort zugrunde, während sie bei uns neu beginnt. SPIEGEL: Der Eigelstein in Köln erinnert Sie an Kairo oder Isfahan? Kermani: Ich gehe auf die Straße und habe die ganze Welt. Warum lebt man in einer Stadt? Man sieht Verrückte, Charakterköpfe, Menschen mit unerhörten Geschichten. Menschen, die Dinge erlebt haben, die wir nicht kennen. Gibt es Reibereien? Klar. Die Türken parken immer in zweiter Reihe. Drogenabhängige sind auch nicht unbedingt ein Plusfaktor, ebenso wenig wie Prostitution. Der Machismo, der mir hier manchmal begegnet, ist zum Kotzen. Und die Verkehrssprache im Kindergarten war Türkisch. Was macht man da als iranische Eltern? Eine dritte Sprache für eine Dreijährige? SPIEGEL: Ja, was macht man? Kermani: Man versucht, Probleme zu lösen und nicht alles als gottgegeben hinzunehmen. Im Eigelstein hat sich längst eine bürgerliche Kultur entwickelt. Das sind Türken und andere Einwanderer der zweiten oder dritten Generation, auch viele alte Kölner Familien, mit Karneval, Kölschkneipen. Und alle haben Kinder, über die sich die Eltern Sorgen machen, wenn sie aus dem Haus gehen. Kinder, denen das iPhone geklaut wird. Kinder, aus denen irgendetwas werden soll. SPIEGEL: Wir schaffen das also? Kermani: Keine Ahnung. Aber versuchen wir es doch wenigstens. SPIEGEL: Herr Kermani, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Kultur

E

in bisschen verschwitzt war der eine der beiden Helden des Abends, mit glitzernden Augen blickte er am Ende ins Publikum, und stolz warf er sich die Locken aus dem Gesicht. Der junge Schauspieler André Kaczmarczyk hatte vier Stunden lang einen sanften, vor Liebe fiebernden Fürsten Myschkin gespielt, die Titelfigur aus Fjodor Dostojewskis berühmtem Roman „Der Idiot“. Einen Mann, der lange weg war aus der bürgerlichen Gesellschaft (wegen eines Sanatoriumaufenthalts), dem viele Kränkungen widerfahren sind und der trotzdem im Herzen so gut ist, dass er niemals Böses mit Bösem vergilt. Der andere der beiden Helden des Abends schlenderte beim Schlussapplaus mit nach vorn gesenktem, weitgehend kahlem Kopf auf die Bühne und schaute ein bisschen skeptisch ins offenkundig begeisterte Publikum. Der Regisseur Matthias Hartmann hat mit „Der Idiot“ eine vergnügliche, herzergreifende Aufführung zustande gebracht – und sich zurückgemeldet unter die wichtigen Regisseure des deutschsprachigen Theaters. Auf der Bühne sah man einen Mann, der fast zwei Jahre lang weg war aus dem Geschäft, dem viel Häme begegnet ist und der nun freundliche Gelassenheit demonstrierte. Der dramatische Fall des Theatermachers Hartmann hat unter Theaterfreunden in Österreich und Deutschland in den vergangenen zwei Jahren für mehr Aufregung gesorgt als jede noch so wilde Inszenierung. Seit Anfang der Neunzigerjahre war Hartmann ein spektakulärer Aufstieg gelungen; er hatte an großen Häusern inszeniert, in Bochum und Zürich Sprechbühnen geleitet und dann 2009 im Alter von 46 Jahren das Wiener Burgtheater übernommen. Im März 2014 aber wurde Hartmann vom österreichischen Kulturminister aus seinem Job gefeuert. Der Vorwurf: Als künstlerischer Geschäftsführer sei der Intendant mitverantwortlich für die finanziel* Mit Lieke Hoppe, Christian Erdmann, André Kaczmarczyk.

MATTHIAS HORN

Theater Matthias Hartmann, vor zwei Jahren als Chef der Wiener Burg entlassen, inszeniert in Dresden Dostojewskis „Der Idiot“.

mit einer mächtigen hellgrauen Wand, die der Bühnenbildner Johannes Schütz nur wenige Meter hinter der Rampe aufgestellt hat. Vor dieser Kulisse hält der zerbrechliche Myschkin einen Monolog. Er beschreibt die epileptischen Anfälle, derentwegen er aus St. Petersburg weg- und in die Schweiz zur Kur musste – das Glück seines Absturzes. Im Gemüt selig vor Ruhe, den Kopf von einem „unvorstellbaren Licht“ erhellt, so preist Fürst Myschkin den Augenblick des Zusammenbruchs. Wie ein Erleuchteter in Lumpen spaziert dieser Myschkin dann durch die St. Petersburger Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der die Frauen hohe Schuhe tragen und Abendkleider oder gleich den Pelzmantel auf nackter Haut, die Männer meist zerknitterte Anzüge. Bald schieben sich bewegliche Raumteiler aus der Bühnenrückwand, in den so entstehenden Kammern tragen die Darsteller nun stehend und sitzend Romantexte vor, als handle es sich um eine DostojewskiLesung. Aus diesem Minimalismus entstehen die Kraft und der Witz der Aufführung. Die Romane Dostojewkis sind dank der Pionierarbeit des Regisseurs Frank Castorf als Erzählstoff in den besseren deutschsprachigen Theaterhäusern schwer in Mode – weil die Selbstquälerei der Romanhelden dem Gegenwartspublikum zugleich altmodisch vorkommt und ihm doch Momente des Wiedererkennens beschert. Das Spiel aus komischer Distanzierung von der Textvorlage und glühender Verehrung für deren psychologische Klugheit beherrscht Hartmanns Inszenierung perfekt. Sie zeigt vier Hauptfiguren, die eingekerkert sind im Verlies ihrer Obsessionen. Der Fürst Myschkin des André Kaczmarczyk und die Generalstochter Aglaja, gespielt von Lieke Hoppe, sind beide auf verschieden kindliche Weise zu keinerlei Bosheit begabt. Der Kaufmann Rogoschin (Christian Erdmann) und die schon im Kindesalter als Mätresse missbrauchte Außenseiterin Nastassja (Yohanna Schwertfeger) sind dagegen von Gewalt und Tod besessen, als wären sie Aliens von einem finsteren Stern. Dem Regisseur Hartmann wird gern vorgeworfen, dass er mit seinen Regiearbeiten selbst da, wo er erklärtermaßen den Tiefsinn sucht, stets nette Unterhaltungskunst produziere. In Dresden macht er aus Dostojewskis Kolossaltragödie eine Salonkomödie, die nie klüger sein will als die bösen Geschichten, die ihre Figuren erzählen. Beim Applaus wird der Regisseur minutenlang bejubelt. Vielleicht ist dieser „Idiot“ noch kein Triumph. Aber ein Versöhnungsfest ganz bestimmt. THOMAS KRETSCHEL

Glück im Absturz

le Schieflage der Burg, die mit mindestens 8,5 Millionen Euro verschuldet war. Bis heute ermittelt die Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft, um die Gründe für dieses Debakel zu klären. Die einstige Burgtheater-Finanzchefin Sylvia Stantejsky hat mittlerweile eigenmächtige Manipulationen gestanden, auch dass sie Gelder Hartmanns veruntreut habe und vom Chef der Holding gedrängt worden sei, eine schwarze Null in die Bücher zu schreiben, obwohl das Theater verschuldet war. Hartmann sieht sich entlastet, klagt gegen seinen Rauswurf und auf die Auszahlung seines Intendantenhonorars. Außerdem arbeitet er wieder: als künstlerischer Leiter des österreichischen Fernsehsenders Servus TV, als Opernregisseur – und mit seiner Dresdner „Der Idiot“-Aufführung nun auch wieder im Sprechtheater. Auf den ersten Blick sieht Hartmanns Inszenierung aus wie eine Bußübung. Die Bühne des Schauspielhauses ist zugestellt

Szene aus Dresdner „Der Idiot“-Inszenierung*, Regisseur Hartmann Komödie um einen herzensguten Helden

Wolfgang Höbel DER SPIEGEL 4 / 2016

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CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL

Pamuks zweite Wohnung mit Kisten voller Bücher

Mann mit Aussicht

Literatur Ein Besuch bei Orhan Pamuk, der von seinem Balkon aus über Istanbul blickt – und in seinem neuen Roman „Diese Fremdheit in mir“ eine altbekannte Welt mit anderen Augen sieht

H

ier habe ich gesessen“, sagt Orhan Pamuk und legt die Hände auf den kleinen runden Holztisch am Fenster. „Es war ein friedlicher Tag, ich hatte gerade meinen neuen Roman fertig, schrieb einen Artikel – und plötzlich: bum! Ich wusste sofort, das war ein Bombenanschlag. Wissen Sie, früher, in den Siebzigerjahren, passierte das jeden Tag. Ich weiß, wie sich das anhört, wenn eine Bombe explodiert.“ Es ist Donnerstag, der 14. Januar. Zwei Tage zuvor sind bei dem Anschlag nahe der Blauen Moschee mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. Die Wohnung des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk liegt wenige Kilometer vom Anschlagsort entfernt, im Stadtteil Cihangir. Der Blick aus Pamuks Fenster ist fast so berühmt wie der Dichter selbst. Eines seiner Bücher trägt sogar diesen Titel: „Der Blick aus meinem Fenster“. Trotzdem trifft es den Besucher unvorbereitet, weil man sich auf diesen Blick gar nicht vorbereiten kann. Es ist ein Schock aus Weite und Welt und großem blauem Winterhimmel. Es ist, als stünde sein Schreibtisch in der Luft, Regierungsschreibtisch eines Weltautors. Der Blick geht auf den Bosporus, links Asien, rechts Europa, in der Mitte Schiffe, direkt vor dem Balkon eine Moschee, Katzenschreie, Möwen, kalte Luft. Es ist der Klischeeblick aus dem Fenster 126

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eines Mannes, den sie immer wieder Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa genannt haben und der es hasst, dass sie ihn diesen Brückenbauer nennen, weil er keine Brücken baut, sondern gute Romane schreiben will, die natürlich tief in der türkischen, der osmanischen Kultur wurzeln, aber auch von Pamuks Liebe zur westlichen Literatur und Lebensart geprägt sind. Noch bevor wir unser Gespräch begonnen haben, schlägt er die Reihenfolge der Themen vor: „Bitte erst die Politik“, sagt er. „Dann haben wir es hinter uns. Und sind danach frei für unser Gespräch über Literatur.“ Er holt ein Notizbuch hervor, einige Sätze liest er später vor wie Proklamationen. Aber jetzt, zu Beginn, spricht er von der Bombe. Und dass er, nachdem er die Explosion gehört hatte und ahnte, was passiert war, zehn Minuten wartete, dann an seinen Computer ging und seine Befürchtungen bestätigt sah. Dann, weitere 20 Minuten später, erreichten ihn Mails aus den Zeitungsredaktionen der Welt. Aus Italien, Deutschland, den Vereinigten Staaten, mit der Bitte um Stellungnahme. Aus der Türkei keine Mail. „Für uns sind Bomben eine normale Sache“, sagt er. Aber selbst wenn es für ihn nicht normal ist, was soll er da kommentieren, hier von seinem Weltschreibtisch aus? Dass er Terror ablehnt? Dass der IS eine grauenvolle

Organisation ist? „Sie wollen etwas über den IS?“, fragt er. „Gut, es ist eine grausame, primitive, unmenschliche Organisation. Aber wissen Sie was: Es wird viel zu viel über sie berichtet. Es wird Hysterie geschürt, Panik, das ist Teil des Problems. Die sind so glücklich über die Panik, die sie verbreiten. Mir fehlt es in der Berichterstattung an Analyse, an klugen Gedanken. Das alles hilft dem IS.“ Und er fügt hinzu: „Das ist eine Botschaft, die ich überbringen möchte.“ Wir sitzen uns zu Beginn des Gesprächs fast wie Staatsmänner gegenüber, die zunächst einmal die Fragen der Menschenrechte ansprechen, damit sie später den Wählern zu Hause sagen können, sie hätten auch die Menschenrechte angesprochen. Bevor sie dann endlich über die wesentlichen, also die wirtschaftlichen Fragen reden können. Pamuk spricht von der „verkrüppelten türkischen Demokratie“, davon, dass hier keine Meinungsfreiheit herrsche, er erzählt von einem befreundeten Journalisten, der im Gefängnis sitze, vom Druck der Regierung auf die Zeitungsredaktionen, auf alle kritischen Journalisten. Er beklagt, dass es keine Gewaltenteilung gebe in der heutigen Türkei, er sagt, „die Lehren Montesquieus sind nicht sehr populär hier“, und lacht. Und fügt dann ernst hinzu: „Ich habe den Nobelpreis, ich kann


Kultur

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL

sagen, was ich will.“ Aber dieses Land sei der Welt.“ Und: „Noch dazu hatten seine in einem so schlechten Zustand, und „ich Briefe ihr gefallen.“ will nicht jeden Tag alles kommentieren“. Pamuk erzählt, am großen Fenster seiOrhan Pamuk ist ein mutiger Mann und ner Wohnung stehend, von dieser Liebesein großer Schriftsteller. Es ist etwas geschichte. Ich sage, es sei ja klar, warum mehr als zehn Jahre her, dass gegen ihn, die beiden glücklich werden, es sei ja die nachdem er in einem Interview auf den Liebesgeschichte eines Dichters: Dieser Völkermord an den Armeniern hingewie- Mevlut hat diese Frau und diese Liebe sen hatte, ein Prozess wegen „Verleum- mit seinen Briefen, seinen Worten erst dung des Türkentums“ eingeleitet wurde. erschaffen. Die falsche Frau wird zur richEr stand auf derselben Todesliste extremer tigen Frau durch die Kraft seiner Worte. Nationalisten wie sein armenisch-türki- „Ach, ich weiß nicht“, sagt Pamuk und scher Freund Hrant Dink, der 2007 in Is- lacht. „Ich glaube, es geht da mehr um tanbul erschossen wurde. Pamuk wurde Sex. Sie tun es zum ersten Mal mitzeitweise von drei Leibwächtern bewacht, die ihm die türkische Regierung stellte. In diesen Tagen ist es nur noch einer, den er rufen kann, wenn er ausgeht. „Es gibt zurzeit nicht so viel Hass gegen mich“, sagt er, „nicht so viel politischen Druck wie noch vor zehn Jahren.“ Sein letztes veröffentlichtes Buch war sein bislang erfolgreichstes in seiner Heimat. „Diese Fremdheit in mir“ erscheint in wenigen Tagen auf Deutsch*. Es ist die Geschichte von Mevlut, einem jungen Mann, der Ende der Sechzigerjahre aus seinem Heimatdorf in Anatolien nach Istanbul kommt und dort als Straßenverkäufer arbeitet, sein ganzes Leben lang. Er verkauft Boza, ein Hirsegetränk, das so wenig Alkohol enthält, dass es auch zu Zeiten des Alkoholverbots erlaubt war. Ein Trickgetränk, um strenge Religionsregeln Autor Pamuk zu umgehen, ein Alkoholgetränk für Leute, „Bitte erst die Politik!“ die keinen Alkohol trinken. Mevlut ist ein armer Junge, als er in Istanbul ankommt, einander. Sie sind glücklich. Er ist ein und er wird, anders als die meisten, die dankbarer, bescheidener Mensch. Das ist mit ihm kamen, auch arm bleiben. Eine schon alles.“ Art Hans im Glück, der aber schon zu 44 Jahre und 575 Seiten lang begleiten Beginn seiner Reise mit leeren Händen wir diesen Mevlut auf seinen Wegen als dasteht, und am Ende sind sie nicht voller Straßenverkäufer. Istanbul wächst in dieser geworden. Ein naiver, optimistischer Held, Zeit um zehn Millionen Menschen. Die der die Gabe hat, das Glück zu erkennen alte Stadt stirbt, eine neue entsteht, neue und festzuhalten, wenn es da ist. Er ver- Viertel entstehen, es gibt so viele Möglichliebt sich auf der Hochzeit seines Cousins keiten, ein gemachter Mann zu werden. in die Augen eines jungen Mädchens, Für Mevlut auch, aber er ergreift sie nicht. schreibt ihr Briefe, jahrelang, er schreibt Es ist das erste Mal, dass Orhan Pamuk, und schreibt, und schließlich entführt er der aus reichem Hause stammt, über einen sie, um mit ihr sein Leben zu verbringen. Mann aus der Unterschicht schreibt, „eiDoch man hat ihn betrogen. Er hat die Fal- nen Jedermann“, sagt er. Und dass dies sche entführt, die ältere Schwester der Ge- vielleicht Teil seines Erfolgs sei bei seinen liebten. Sein hinterhältiger Cousin hatte heimischen Lesern. Mevlut ist einer von ihm von Anfang an den falschen Namen ihnen. Und Pamuk schaut nicht auf ihn genannt und die Briefe an die Falsche wei- herab, er beschreibt ihn voller Liebe und tergegeben. Doch entführt ist entführt, Menschlichkeit: ein unpolitischer Held, der Rückgabe ausgeschlossen. Mevlut ist ein bei seinen Verkaufstouren ständig in poliPragmatiker des Glücks. Er zeigt ihr sein tische Gespräche hineingezogen wird und ärmliches Haus, sie schläft gleich ein. „Lei- der sich aber nirgendwo hinziehen lässt, se trat Mevlut ans Bett. Er sah die liegende ein türkischer Hans Castorp, der alles höRayiha lange an und wusste genau, dass renswert findet, linkes Ohr, rechtes Ohr, er diesen Augenblick nie vergessen wür- der Kopf bleibt in der Mitte. „Als Bozade.“ Denn: „Er war nicht mehr allein auf Verkäufer darfst du keine politischen Meinungen haben“, sagt Pamuk. Das vergraule nur potenzielle Käufer. * Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“. Aus dem Trotzdem ist natürlich auch „Diese Türkischen von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München; Fremdheit in mir“ ein politischer Roman, 592 Seiten; 26 Euro. Erscheint am 1. Februar.

in dem er die Korruption beschreibt, die politischen Kämpfe, den Krieg gegen die Kurden, Gentrifizierung, die Opfer der Zerstörung und des Neuaufbaus. Sechs Jahre lang hat er an diesem Buch gearbeitet. So lange, wie an keinem Buch zuvor. Er hat viel recherchiert, und er hat auch viel recherchieren lassen. Assistenten, Freunde und befreundete Studenten halfen ihm dabei, führten Gespräche und Interviews für ihn. Eine kleine Gruppe von sechs Studenten traf sich einmal im Monat in seiner Wohnung, sie tranken Wein und aßen, besprachen Themen wie Stadtentwicklung, Städteplanung, Gentrifizierung. „Junge Leute, die mir neue Horizonte eröffnet, neue Themen erschlossen haben. Die meisten Interviews habe ich aber selber geführt, mit ganz unterschiedlichen Leuten. Viele waren zurückhaltend, misstrauisch, andere begeistert, dass sie mir ihre Geschichte erzählen konnten. Die riefen dann: ,Mensch, ich habe noch einen Cousin, den musst du unbedingt auch treffen! Das glaubst du nicht, was der zu erzählen hat.‘ Jetzt habe ich so viel Material, das reicht noch für ein paar Bücher mehr. Eigentlich sollte dieses nur eine kurze Novelle werden, aber es gab einfach zu viel zu erzählen. Wie der ,Ulysses‘, den hatte Joyce ja auch nur als kurze Erzählung geplant.“ Es ist schön, wie Orhan Pamuk in Fahrt kommt, wenn er über das Schreiben erzählt, wenn er über den Titel spricht und dass schon zu seiner Schulzeit die Klassenkameraden über sein merkwürdiges, befremdendes Reden und Denken gesprochen hätten. „A Strangeness in My Mind“ ist der englische Titel des Buchs. Und auf Englisch erinnert sich Pamuk im Gespräch an das Reden der Kameraden: „You have a strange mind, Orhan.“ Und als er vor einigen Jahren in dem Werk „Präludium“ von William Wordsworth, die Zeile „a strangeness in the mind“ gefunden hatte, da war ihm klar gewesen, dass er eines Tages ein Buch mit einem solchen Titel schreiben würde: „Diese Fremdheit in mir“. Darum geht es: um den fremden Blick auf eine bekannte Welt. Mevlut geht in dieses sich permanent rasant verändernde Istanbul hinein. Niemals geht er als derselbe in dieselbe Stadt. Ganz am Ende des Romans heißt es: „Nun begriff er so recht, was er all die Jahre über schon irgendwie geahnt hatte, nämlich dass er auf seinen Streifzügen durch die Stadt das Gefühl hatte, sich im eigenen Kopf zu bewegen. Wenn er mit den Mauern, den Reklamen, den Schatten, den im Dunkel kaum auszumachenden, geheimnisvollen Dingen sprach, war ihm deshalb auch so, als redete er mit sich selbst.“ Später, noch im Reden, gehen wir auf Pamuks Balkon, drüben auf der asiatischen DER SPIEGEL 4 / 2016

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Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“; nähere Informationen und Auswahlkriterien finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller

Belletristik 1 2 3

(1)

(2)

(5)

Sachbuch

Jojo Moyes Ein ganz neues Leben

1

(1)

Peter Wohlleben Das geheime Leben Ludwig; 19,99 Euro der Bäume

2

(2)

Dalai Lama Der Appell des Dalai Lama Benevento; 4,99 Euro an die Welt

3

(6)

Ildikó von Kürthy Neuland

Wunderlich; 19,95 Euro

Dörte Hansen Altes Land

Knaus; 19,99 Euro

Martin Walser Ein sterbender Mann

Rowohlt; 19,95 Euro

4

4

(3)

Camilla Läckberg Die Schneelöwin

5

(4)

Joachim Meyerhoff Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

(4)

7

(6)

(11)

Sebastian Fitzek Das Joshua Profil

Jürgen Todenhöfer Inside IS – 10 Tage im „Islamischen Staat“

List; 19,99 Euro

C. Bertelsmann; 17,99 Euro

5

(5)

Helmut Schmidt Was ich noch C. H. Beck; 18,95 Euro sagen wollte

6

(3)

Andreas Englisch Der Kämpfer C. Bertelsmann; 19,99 Euro im Vatikan

7

(8)

Manfred Lütz Wie Sie unvermeidlich glücklich werden

Kiepenheuer & Witsch; 21,99 Euro

6

Bastei Lübbe; 19,99 Euro

Bov Bjerg Auerhaus

Wunderlich; 19,95 Euro

Blumenbar; 18 Euro

Gütersloher Verlagshaus; 17,99 Euro

8

(–)

Sabine Thiesler Und draußen stirbt ein Vogel Heyne; 19,99 Euro

8

(7)

Navid Kermani Ungläubiges Staunen C. H. Beck; 24,95 Euro

9

(8)

David Safier Mieses Karma hoch 2

9

(–)

Papst Franziskus Der Name Gottes ist Kösel; 16,99 Euro Barmherzigkeit

10

(9)

Wilhelm Schmid Gelassenheit

10

(9)

Donna Leon Endlich mein

Kindler; 18,95 Euro

Diogenes; 24 Euro

11 (14) Oliver Sacks Dankbarkeit

11 (13) Karin Slaughter

Pretty Girls 12

(–)

HarperCollins; 19,90 Euro

Stephen King Basar der bösen Träume Heyne; 22,99 Euro Hanser; 22,90 Euro

Eine Abrechnung

15

(–)

Mein Leben 14

(–)

Fischer Krüger; 19,99 Euro

16 (15) Michael Hjorth / Hans Rosenfeldt

15 (10) Astrid Lindgren Die Menschheit hat

den Verstand verloren – Tagebücher 1939 – 1945

17 (12) David Lagercrantz nach Stieg Larsson

Verschwörung 18

(–)

Heyne; 22,99 Euro

mayer / Othmar Plöckinger u. a. (Hg.) Hitler, Mein Kampf – Eine kritische Edition Institut für Zeitgeschichte München – Berlin; 59 Euro

18 (19) Tim Marshall Die Macht

Kerstin Gier Silber – Das dritte Buch der Träume

der Geographie

20 (19) Jenny Erpenbeck Gehen, ging,

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DER SPIEGEL 4 / 2016

Knaus; 19,99 Euro

dtv; 22,90 Euro

19 (17) Ajahn Brahm Der Elefant,

Fischer FJB; 19,99 Euro

gegangen

Goldmann; 22,99 Euro

17 (20) Christian Hartmann / Thomas Vorder-

Die frühere TV-Journalistin Gesthuysen verwebt die Biografie der Malerin Georgette Agutte mit einer fiktiven, berührenden Familiengeschichte (7)

Ullstein; 24 Euro

16 (11) Richard David Precht

Erkenne die Welt

Anne Gesthuysen Sei mir ein Vater Kiepenheuer & Witsch; 19,99 Euro

19

Susanne Fröhlich / Constanze Kleis Frau Fröhlich sucht die Liebe ... und bleibt nicht lang allein Das Erfolgsduo Fröhlich/Kleis widmet sich einmal mehr den Herausforderungen für die Frau ab vierzig. Schwerpunkt diesmal: Männersuche

Blessing; 19,99 Euro

Wunderlich; 19,95 Euro

C. Bertelsmann; 24,99 Euro

Fischer Krüger; 16,99 Euro

Kathy Reichs Die Sprache der Knochen

Die Menschen, die es nicht verdienen

Droemer; 19,99 Euro

13 (13) Peter Scholl-Latour

14 (10) Cecelia Ahern Der Glasmurmel-

sammler

Rowohlt; 8 Euro

12 (12) Hamed Abdel-Samad Mohamed –

13 (14) Jane Gardam Ein untadeliger

Mann

Insel; 8 Euro

20

(–)

der das Glück vergaß

Lotos; 16,99 Euro

Ajahn Brahm Die Kuh, die weinte

Lotos; 15,99 Euro

Seite leuchten die Hochhäuser im Rot der untergehenden Sonne. „Sie glauben gar nicht, wie viele Gedichte es über dieses Licht, über diesen Blick gibt, so viele Gedichte“, sagt er. Und dass es die Kunst sei, die Dinge neu zu sehen, fremdartig, anders. Auch seine Stadt, über die er so oft und in den meisten seiner Bücher geschrieben hat, über die neuen Häuser, das Wachstum, die Zerstörung. Pamuk hat Architektur studiert, er sagt, das habe ihm sehr geholfen, vor Beginn jedes Buchs habe er einen Plan, „nur das letzte Kapitel“, sagt er und macht so ein surrendes Geräusch und schwenkt den Arm in die Luft, entstehe „in einem Kreativitätsschwung, da ist dann nichts mehr geplant“. Wir gehen wieder hinein, er holt die alte Glocke eines Boza-Verkäufers, mit dem dieser seine Kunden anlockte. Im Roman ist das am Ende der Klang der Melancholie. Schließlich hat Mevlut überhaupt nur noch solche Kunden, die sich beim Klang seiner Glocke an das alte Istanbul erinnern. Pamuk zeigt seinen Schreibtisch, ich frage, ob das Telefon hier das Nobelpreistelefon sei, wo er 2006 den denkwürdigen Anruf bekam, „o nein, das war in Amerika“, sagt er. Dann fahren wir mit dem engen Aufzug zwei Stockwerke nach oben, wo er eine weitere Wohnung mit ebenso atemberaubendem Ausblick besitzt. Dort leben aber zurzeit nur Bücher. Sie liegen in zahllose Kisten eingepackt, leere Regalschränke warten auf die kommenden Bewohner. Er sucht die deutsche Abteilung, findet gleich eine ganze Kiste Thomas Mann, „Königliche Hoheit“, die „Buddenbrooks“ in einer 40 Jahre alten Ausgabe. Er hat oft gesagt, dass er aus einer Buddenbrook-Familie stamme, der Großvater lebenstüchtiger Fabrikant, der Vater sehnsüchtiger Dichter ohne Erfolg und dann er, Hanno-Orhan, der sich im Leben in einen Thomas Mann, in einen Nobelpreisträger verwandelt hat. Ob er damals, beim ersten Lesen, schon an die Parallelen zu seinem eigenen Leben gedacht habe? „Oh, sicher habe ich das“, sagt er und zieht einen Band Max Frisch aus der nächsten Kiste, dann einen Enzensberger. Auf der vorletzten Seite von Pamuks Roman schreibt er über seinen blauäugigen Helden: „Mevlut erfreute sich am Glück dieser Menschen. Dafür waren die Menschen doch geschaffen worden, dass sie glücklich wurden und offen und ehrlich durchs Leben gingen.“ Und Pamuk sagt, so inmitten all der Bücherkisten: „Ich bin kein froher Mensch, das ist nicht meine Natur. Ich glaube auch nicht, dass wir auf der Welt sind, um glücklich zu sein. Oh, ich bin ein glücklicher Schriftsteller, aber ich bin sicher, dass ich niemals ein glücklicher Mensch sein werde.“ Volker Weidermann


Kultur

Karrieren Wenn Fahri Yardım nicht gerade den „Tatort“Kompagnon von Til Schweiger spielt, grübelt er über Deutschland – oder den Sinn des Lebens.

N

eulich hat er Helene Fischer erschossen. Das kam gut an. Blut quoll aus ihrem Mund, die Augen wurden starr. Auf Twitter juxten Menschen, Fischer sei jetzt, wie ihr Erfolgssong, „atemlos“. Manche beglückwünschten ihn. Fahri Yardım sagt, das sei „das Mieseste“ gewesen, was er im Netz zu seinem jüngsten „Tatort“ gelesen habe, und lobt die Sängerin für ihren Gastauftritt als russische Killerin. Ein Gespräch mit Yardım, 35, verläuft ungefähr so geradlinig wie eine Autofahrt mit drei Promille. Der Schauspieler schlingert von Thema zu Thema. Beschleunigt, bremst, biegt unvermittelt ab. Während der zwei Stunden in einem seiner Berliner Stammcafés ist er Rebell, Sinnsucher, Zweifler. Und Beschützer. Zu schützen gilt es neben Fischer auch Til Schweiger, der seine Kritiker neulich auf Facebook als „Trottel“ beschimpfte. Das wirkte wie ein Betteln um Anerkennung und bewies, dass die beste Schweiger-Parodie noch immer er selbst liefert. Yardım sagt, Schweiger werde verzerrt wahrgenommen. „Klar, er trägt seinen Teil dazu bei. Aber kannst du dir vorstellen, wie sich jemand fühlt, der so viele Beleidigungen inhalieren muss wie er?“ Schweiger ist sein Buddy, ihm verdankt er den „Tatort“-Job. Dass Yardım sein Koermittler werden müsse, war Schweigers Bedingung, bevor er seinen Dienst als Bruce Willis von der Elbe antrat. Von Beginn an war Yardım mehr als nur ein Sidekick. Eigentlich ist er der Star des Hamburger „Tatorts“, Til Schweigers bessere Hälfte. Schnoddrig, geerdet, mit dem Slang eines Hafenarbeiters bringt er eine neue Art von Rauheit ins oft glatte deutsche Fernsehen. Der nächste „Tatort“ mit den beiden wird im Februar im Kino laufen; das gab es zuletzt bei Schimanski. Der „Tatort“ hat Yardım bekannt gemacht. Als Thema langSchauspieler Yardım: „Worüber reden wir hier eigentlich?“

PURIA SAFARY

Die bessere Hälfte

weilt er ihn schnell. Schweiger, Fischer, die Polizei, die 1986 Hunderte Protestierer eiKritiker, die Einschaltquoten – „so etwas nen halben Tag lang umzingelte. Auch als Erwachsener ging Yardım auf Plattes“, sagt er. „Ich meine, worüber die Straße, etwa gegen Studiengebühren. reden wir hier eigentlich?“ Yardım will über Deutschland sprechen. Darüber redet er nur sparsam, es könnte Über die Gewalt von Köln und die auf- ja „selbstherrlich“ klingen. Überhaupt, geheizte Stimmung im Land. „Ich habe fällt ihm nun ein, sei es vielleicht doch zum ersten Mal wirklich Angst. Vielen, die keine gute Idee, dass ein Porträt über ihn jetzt die Klappe aufreißen, unterstelle ich, geschrieben werde. Wäre es nicht spandass sie sich über die Ereignisse in der nender, er dürfte den Interviewer befraSilvesternacht fast gefreut haben. Im Sinne gen? Zur Arbeit in einer Redaktion? Yardım setzt zu einem Monolog an, von: Na, da kann ich mir ja wieder herrlich meinen Rassismus bestätigen lassen.“ Er in dem er eine kritischere Haltung der schimpft auf Pegida und lästert: „Dass die Medien zum Kapitalismus fordert. „Es ist CSU die Frauenrechte entdeckt, ist jetzt beängstigend, dass wir alles durchökonomisieren“, sagt er. Und, ganz Feminist: schon die Pointe des Jahres.“ Zu einem politischen Menschen ist Yar- „Die kapitalistische Gesellschaft hat den dım früh geworden. Er wuchs in der linken weiblichen Körper zum Verkaufsschlager Hamburger Szene auf. Seine Eltern waren gemacht.“ Er appelliert an sich selbst: „Lass dich in den Siebzigerjahren als Studenten aus der Türkei nach Deutschland gekommen; nicht korrumpieren von der Verführbarkeit als er drei war, gründeten sie einen der des Geldes.“ Dann gerät er ins Stammeln. ersten Kinderläden der Stadt. Ihre Freunde „Jetzt weiß ich nach meinem atemlosen wohnten in der umkämpften Hafenstraße. Vortrag nicht mehr, was ich eigentlich saMan war dort für Frauenrechte und ge- gen will.“ Nun wiederum bezweifelt er, ob es sinngen den Nato-Doppelbeschluss, schon als Kind kam Yardım mit zu Demonstrationen, voll war, die großen politischen Themen ein Foto von damals zeigt ihn auf den anzuschneiden. „Hätten wir uns in einer Schultern des Vaters. Mit sechs Jahren anderen Stimmung getroffen, wäre ich vielwäre er beinahe in den „Hamburger Kes- leicht viel komischer gewesen.“ Nach mehr sel“ geraten, den umstrittenen Einsatz der als einer Stunde nimmt er seine Pudelmütze ab. Damit nicht im Text steht, er habe sie die ganze Zeit aufgehabt. Yardım beschreibt sich so: Er vereine in sich drei äußerst unterschiedliche Anteile. Er habe eine wahnsinnig hedonistische, also auf Genuss ausgerichtete Seite, auf die er jedoch nicht eingehen mag. Gleichzeitig erfülle ihn eine politische Ernsthaftigkeit, „ich mache mir häufiger Gedanken über die Gesellschaft als Abendbrot“. Schließlich sei da noch „ein spiritueller Anteil, der versucht, die eigene Endlichkeit zu verarbeiten“, etwa durch Meditation. „Und manchmal pöbelt der politische Teil in mir den spirituellen Teil an: Was bringt es, wenn du schweigend im Schneidersitz im Schlafzimmer hockst, wenn vorn die Nazis einmarschieren?“ Ferner spricht Yardım noch über Sartre, den Sinn des Lebens, seine Selbstzweifel und die Luft nach oben, die er bei seiner schauspielerischen Leistung sehe. Im Netz kursiert seit einigen Wochen der Trailer für den Kino„Tatort“. Darin ist Yardım zu sehen, wie er an der Zimmerdecke hängt, mit einer Schlinge um den Hals und nackt. Aber darüber mag er nicht reden. Alexander Kühn Twitter: @kuehnalex DER SPIEGEL 4 / 2016

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Kultur

tag fragte: „Ihr Name ist Zschäpe, Ihr Vorname Beate?“, nickte sie nur. Schon bei der Frage nach ihrem Geburtsdatum ging einer der Anwälte dazwischen: „Meine Mandantin wird keine Angaben zur Person machen.“ Daran gemessen war Zschäpe ein Jahr zuvor geradezu geschwätzig. Im Juni 2012, nach sieben Monaten Untersuchungshaft, durfte sie einen Ausflug machen, einen Krankenbesuch bei ihrer Großmutter in Thüringen. Zschäpe wurde von der JVA Köln, wo sie damals einsaß, nach Gera und zurück gefahFernsehkritik Das Dokudrama „Letzte ren, höchste Sicherheitsstufe. Ein Hubschrauber überwachte Ausfahrt Gera“ porträtiert die mutmaßliche den Gefangenentransport aus der Luft. NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Bei Zschäpe im Kleinbus saßen auch zwei Beamte des Bundeskriminalamts, ein Mann und eine Frau, Verhörspezialisten, die eigentlich nicht verhören durften, denn Zschäpes Anwälte waren nicht dabei. Aber warum sollte man die Gefangene am Reden hindern? Der BKA-Beamte, im Film heißt er Troller und wird gespielt von Joachim Król, verfasste nach der Fahrt ein zwölfseitiges Protokoll. Dieses Protokoll und seine spätere Aussage im NSUProzess dienten als Grundlage für das Drehbuch. Troller wirkt harmlos, der nette Onkel vom BKA. „Die Fußfesseln lassen wir weg“, sagt er zur Begrüßung zu Zschäpe, verkörpert von Lisa Wagner („Weissensee“). Er lobt ihre Frisur und redet über das Wetter. Die Charmeoffensive wirkt, ein bisschen. Zwischenzeitlich weicht der Trotz aus Zschäpes Gesicht, ihre Anspannung lässt nach. Zum Vorschein kommen Selbstmitleid und Sündenstolz. Zschäpe lamentiert über ihre Zelle („keine Privatsphäre“), sie prahlt: „So einen Fall wie meinen, das gab’s doch noch nie.“ Der BKA-Mann erzählt Zschäpe von Susanne Albrecht und Christian Klar, den Terroristen der RAF. Albrecht kooperierte nach ihrer Festnahme mit den Ermittlern, nach sechs Jahren Haft konnte sie ein neues Leben beginnen. Klar schwieg, er Darsteller Wagner, Król in „Letzte Ausfahrt Gera“ saß mehr als 26 Jahre im Gefängnis. Zschäpe wirkt beeindruckt. „Ich bin ein Meister im Verdrängen“ Doch als Troller nach Details in ihrer Akte fragt, macht wei junge Männer kommen nach Hause, nach getaner Zschäpe dicht. „Ich bin ein Meister im Verdrängen“, sagt sie Arbeit. Sie haben einen Menschen ermordet, Enver und blickt zu Boden. Das muss man nicht glauben. Erkennbar Şimşek, Blumenhändler aus Nürnberg, hingerichtet am wird stattdessen eine Frau, die selbst in Handschellen und 9. September 2000 mit acht Schüssen, das erste Todesopfer des unter extremer Belastung ihren Willen durchsetzt, in diesem NSU. Die Mörder, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, setzen Fall den Willen zu schweigen. „Deckung ist das, was sie am sich im Wohnzimmer aufs Sofa, an der Wand hängt eine große besten kann“, wird Troller am Ende feststellen. Das Bild von Reichskriegsflagge. Die Männer wirken erschöpft, aber auch Zschäpe als unselbstständigem, unterwürfigem Frauchen mit erleichtert; sie wissen, dass es spätestens jetzt kein Zurück Vorliebe für Aldi-Sekt, das einer ihrer Anwälte am Donnerstag vor Gericht zu zeichnen versuchte, wirkt dagegen reichlich unmehr gibt in ein normales Leben. Beate Zschäpe, ihre Freundin, Mitbewohnerin und mutmaß- glaubwürdig. liche Komplizin, blickt sie fragend an. Schweigen, eine ungemütFilme über laufende Strafprozesse sind heikel. Bis zum Urliche Pause entsteht. „Schuhe aus!“, befiehlt Zschäpe, dann ver- teil – Zschäpe ist angeklagt wegen Mittäterschaft bei zehn Morden lässt sie das Zimmer. Die Männer gehorchen. Dann sehen sie sich und zwei Sprengstoffanschlägen – gilt auch für sie die Unschuldsdie Fotos an, die sie am Tatort von ihrem Opfer gemacht haben. vermutung. Die Spielszenen, die Zschäpe privat mit Mundlos War es so? Was passierte davor, was danach? Schuhe aus, und Böhnhardt zeigen, sogar im Schlafzimmer, sind zwangsläufig spekulativ, Mutmaßungen nach Aktenlage. „Unser Dokudrama keine weiteren Fragen, keine Antworten? Die Szene im Wohnzimmer ist Fiktion, Teil des 90-minütigen ist eine Annäherung“, sagt Walid Nakschbandi, der „Letzte AusDokudramas „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate fahrt Gera“ gemeinsam mit Nico Hofmann produziert hat. Zschäpe“, eine Mischung aus Spielszenen, Archivmaterial und Doch zum Glück versucht der Film nicht nur, das PsychoInterviews*. Es ist ein herausragender Film, der der zentralen gramm einer mutmaßlichen Terroristin zu zeichnen. Immer Figur des NSU-Prozesses überraschend nahekommt. Regisseur wieder unterbricht Regisseur Ley die nachgestellten Szenen Raymond Ley ist mit einem dramaturgischen Kunstgriff gelun- und zeigt Interviews mit den echten Hinterbliebenen der Mordgen, was das Gericht bisher nicht geschafft hat: Beate Zschäpe opfer. Zum Beispiel mit Adile Şimşek, der Witwe des Blumenselbst zum Sprechen zu bringen. händlers aus Nürnberg. Frau Şimşek lebt wieder in der Türkei, In der Öffentlichkeit, im Gerichtssaal, genießt die Angeklagte im Kleiderschrank hängen die Anzüge ihres Mannes. Sie erzählt offensichtlich ihre Rolle: ein Mysterium, stolz und stumm. von falschen Anschuldigungen durch die Polizei, von demütiEiner ihrer Anwälte redet in ihrem Namen, genden Verhören. Im Prozess gegen Beate Video: Ausschnitte aus Zschäpe ist sie eine der Nebenklägerinnen. wenn überhaupt. Als der Vorsitzende Rich„Letzte Ausfahrt Gera“ ter Manfred Götzl sie am zweiten Prozess„Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie wohl umgebracht“, sagt Adile Şimşek. „Aber ich spiegel.de/sp042016zschaepe * Sendetermin: Dienstag, 26. Januar, 20.15 Uhr, ZDF. habe mich wieder beruhigt.“ Martin Wolf oder in der App DER SPIEGEL

JANETT KARTELMEYER / ZDF

Sie spricht

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DER SPIEGEL 4 / 2016


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HERAUSGEBER Rudolf Augstein

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GLENN FREY, 67 Wer ein Stück wie „Hotel California“ mitgeschrieben hat, der hat seinen Platz am Tisch der Unsterblichen. Höher kann man nicht steigen, als Glenn Frey und sein Musikerkollege bei den Eagles, Don Henley, es mit diesem Song über das unheimliche Hotel schafften, aus dem man zwar auschecken kann, „but you can never leave“. Eigentlich kam er aus Detroit in Michigan, zog aber als junger Mann nach Kalifornien, wo er rasch Teil der Countryrock-Szene wurde, die sich dort formierte. Mit dem Schlagzeuger Don Henley gründete er 1971 die Eagles. Sie gelten heute als eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten und gaben den USA der Siebzigerjahre ihren Soundtrack. Mal sang Henley, mal sang Frey, mal die anderen. „Take It Easy“, „One of These Nights“, „Lyin’ Eyes“ und „New Kid in Town“ wurden große Hits. In den Achtzigern war Frey als Solokünstler ebenfalls erfolgreich („The Heat Is On“). Glenn Frey starb am 18. Januar in New York an den Komplikationen mehrerer Erkrankungen. rap

KAI JÜNEMANN

MICHEL TOURNIER, 91 Er war der Inbegriff eines Schriftstellers, dem alles geglückt ist. Sinnbild dafür ist der häufige Besuch des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand im kleinen Dorf Choisel, wo Tournier sich vor über 50 Jahren das ehemalige Pfarrhaus kaufte und seitdem bewohnte. Gern zeigte der Autor seinen Besuchern den Landeplatz des Hubschraubers, mit dem Mitterrand aus Paris herübergeschwebt kam. Der Präsident befragte den Schriftsteller bevorzugt über das Wesen der Deutschen, denn Tournier galt seinen Zeitgenossen als der beste Kenner der deutschen Kultur, und zwar der Westdeutschen wie jener der DDR. Er war der Sohn eines Germanistenehepaars und gleich nach dem Krieg als einer der ersten französischen Zivilisten überhaupt zum Studium nach Deutschland gegangen. Mit seinem ersten Buch, „Freitag oder Im Schoß des Pazifik“, wurde er berühmt, das zweite, „Der Erlkönig“, gilt als sein Meisterwerk. Michel Tournier starb am 18. Januar. nm

WOLFGANG SCHNUR, 71 Oft wirkte er wie ein tiefgläubiger Mensch, dem an nichts mehr gelegen war als am Wohl des Nächsten. Doch „Bruder Schnur“, wie sich der Rechtsanwalt gern anreden ließ, führte ein Doppelleben. Direkt vom Mandanten oder dem Gottesdienst ging es auf schnellstem Weg zu seinem Führungsoffizier vom Ministerium für Staatssicherheit. Die Stasi steuerte den einst als Waisenkind in Rostock aufgewachsenen Schnur seit 1965. Gezielt wurde er zum Topinformanten aufgebaut, auftragsgemäß drang er in den innersten Zirkel der evangelischen Kirche vor und wurde zum Vertrauensmann vieler Oppositioneller. Im Herbst 1989 hoffte er offenbar, sein Leben bruchlos fortsetzen zu können. Er gehörte zu den Mitbegründern des „Demokratischen Aufbruchs“, zu deren Pressesprecherin er Angela Merkel machte. Schnur träumte davon, Regierungschef der DDR zu werden. Seine Enttarnung kurz vor den ersten freien Wahlen war ein

ARMIN WEIGEL / DPA

Darin lag eine doppelte Pointe, denn es war Hitlers Regime, vor dem der 18-jährige jüdische Student 1938 aus Wien nach London geflüchtet war. Nach dem Krieg gründete er den Verlag Weidenfeld & Nicolson, in dem später der Skandalroman „Lolita“

erschien. 1949 holte ihn Israels Präsident Chaim Weizmann als Berater. 1969 erhob die Queen den Weltbürger, Netzwerker, Mäzen und Lebemann in den Adelsstand. In Deutschland war Weidenfeld vor allem als Kolumnist der „Welt“ bekannt. Zuletzt setzte er sich für verfolgte Christen in Syrien und im Irak ein. George Weidenfeld starb am 20. Januar in London. akü

ANDREAS ALTWEIN / DPA

ZUMA PRESS / IMAGO

Nachrufe

Schock für viele, zugleich der Anfang einer Reihe von Enthüllungen. In vollkommener Ausblendung der Realitäten leugnete Schnur, dann brach er zusammen. Nach der Wiedervereinigung verlor er seine Anwaltszulassung. Wolfgang Schnur starb am 16. Januar in Wien an Krebs. stb GEORGE WEIDENFELD, 96 Einmal musste er sogar für Adolf Hitler einspringen. Weil Tonbänder mit dessen neuester Rede nicht rechtzeitig bei der BBC waren, setzte die Redaktion ihren Mitarbeiter Weidenfeld ans Radiomikrofon, der ihn perfekt imitierte.

ETTORE SCOLA, 84 Als Chronist des Wandels begleitete der italienische Regisseur seine Figuren durch die Zeitläufte. Er erzählte Geschichten vom Erwachsenund Altwerden, von unerfüllten Sehnsüchten und von Hoffnungen, die etwas zu groß sind, um in Erfüllung gehen zu können. So mischten sich in seinen Filmen „Wir hatten uns so geliebt“ (1974) oder „Die Familie“ (1987) Melancholie, Komik und lebenskluge Abgeklärtheit. Scola, früherer Drehbuchautor, konnte seinen Zuschauern auf amüsante Art die Illusionen nehmen. Kaum ein anderer Film legte so böse und scharfsichtig die Wolfsnatur des Menschen bloß wie Scolas Sozialgroteske „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ (1976). Und doch spürte man, dass da ein Utopist am Werk war, der den Traum von einer besseren Welt nicht aufgeben wollte. Ettore Scola starb am 19. Januar in Rom. lob DER SPIEGEL 4 / 2016

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Frau Nachbarin Als Kind plante sie, Architektin zu werden. Heute könnte es sich die oscargekrönte australische Schauspielerin Cate Blanchett, 46, leisten, Häuser ganz nach ihren Vorstellungen bauen zu lassen. Stattdessen hat sie nun gemeinsam mit ihrem Mann ein 126 Jahre altes Landhaus im südenglischen Crowborough erworben. Das viktorianische Gebäude – mit fünf Wohnzimmern, sieben Schlaf- und Badezimmern, Räumlichkeiten für Personal, einem Türmchen, einem riesigen französischen Kronleuchter und Außengebäuden – befindet sich auf einem über

JOHN RUSSO / CORBIS OUTLINE

Poker-Queen

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Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire und andere internationale Stars legten viele Zehntausend Dollar auf ihren Tisch: Molly Bloom, 36, organisierte einige der exklusivsten und begehrtesten Pokerrunden der USA. Nun wird ihr Leben verfilmt, von Oscargewinner Aaron Sorkin. Vor rund zehn Jahren fing die in Colorado geborene Tochter einer Skilehrerin an, die Rei-

CMN / WENN.COM

fünf Hektar großen parkähnlichen Grundstück. Das liegt etwas außerhalb des Städtchens, in dem einst Sir Arthur Conan Doyle lebte, der Sherlock-Holmes-Erfinder. Blanchetts zeitgenössische Nachbarschaft ist nicht minder illuster: Kate Winslet, ebenfalls Oscarpreisträgerin, wohnt nicht weit entfernt. Blanchett ist mit der Umgebung vertraut, seit sie vor einigen Jahren im nahe gelegenen Brighton gelebt hat. Sie liebe es, so erzählte sie kürzlich der „Times“, auf Immobilien-Websites zu surfen. Ob sie ihr neues Haus auf diesem Weg gefunden hat, ist nicht bekannt, aber dass ursprünglich 3,75 Millionen Pfund für das Anwesen gefordert worden waren, steht fest. Die vierfache Mutter Blanchett, auch in diesem Jahr oscarnominiert, habe aber „nur etwas mehr als drei Millionen“ bezahlt, heißt es. ks

chen und Schönen von Los Angeles zu mehr oder minder legalen Pokerspielen in Fünfsternehotels einzuladen. Während die prominenten Gäste ihr Vermögen aufs Spiel setzten, servierten ihnen die schönsten Hostessen der Stadt Drinks. Bloom setzte dabei viele Millionen Dollar um – ohne je Steuern zu zahlen. 2013 wurde sie festgenommen und zu 1000 Dollar Geldstrafe, 200 Sozialstunden und einem Jahr auf Bewäh-

rung verurteilt. Im vergangenen Sommer erschien ihre Autobiografie „Molly’s Game“, die Sorkin nun adaptiert und als sein Regiedebüt auf die Leinwand bringt. Er kennt sich mit Menschen aus, die auf einfallsreiche, bisweilen fragwürdige Weise zu Geld kommen. Die Drehbücher zu den Filmen über den Facebook-Chef Mark Zuckerberg und den AppleMitgründer Steve Jobs stammen von ihm. lob


Personalien Der Chef des Bundeskanzleramts, Peter Altmaier (CDU) 57, krächzte wegen Überbeanspruchung der Stimmbänder in der Runde der Staatssekretäre am Montagnachmittag zur Begrüßung nur unverständlich vor sich hin. Wer leidet, braucht sich um

Neue Welle Der deutsch-französische Publizist und TV-Moderator Michel Friedman, 59, wird fortan für die Deutsche Welle arbeiten. Der Sender hat Friedman, der bis 2003 „Vorsicht! Friedman“ im Hessischen

Häme nicht zu sorgen: „Vielleicht sollten Sie nicht so viel in Talkshows gehen und nicht so viel reden“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD). Am Abend zuvor hatte Altmaier in der Talkshow von Anne Will mit ausschweifenden Redebeiträgen Aufmerksamkeit erregt. red

CHRISTIAN THIEL / DER SPIEGEL

Stummer Minister

Rundfunk leitete, für die englischsprachige Politiksendung „Conflict Zone“ verpflichtet. Er wird die Sendung im Wechsel mit dem bisherigen Moderator Tim Sebastian präsentieren. Friedmans erster Auftritt ist „in wenigen Wochen“ geplant. mah

Die Augenzeugin

Jemand erschossen? Die Zahnärztin Annette Seewaldt betreibt ihre Praxis in dem Haus in Berlin-Schöneberg, in dem einst David Bowie gelebt hat – heute die zentrale deutsche Bowie-Trauerstätte.

Wolf im Schafspelz

IGOR RUSSAK / RIA NOVOSTI / DPA

„Chirurg“, an die sowjetische Tradition der sogenannten Der Anführer der putintreuen Subbotniks an: gemeinschaftliche, unbezahlte Arbeit zum „Nachtwölfe“, Alexander Nutzen der Gesellschaft. SalSaldostanow, 53, ruft die 5000 dostanow trauert dem unterMitglieder seiner martialigegangenen Sowjetimperium schen Motorradtruppe zu einer ganz und gar untypischen nach, in aufwendigen Shows feiert er die Siege von Stalins Aktion auf: Landesweit sollen die Biker an diesem Sams- Roter Armee. Die „Nachtwölfe“ gelten als eine Art Privattag auf Straßen und öffentlichen Plätzen Schnee schauarmee von Präsident Wladimir feln. Mit der Aktion knüpft Putin und unterstützten die Saldostanow, Kampfname Annexion der Krim. mas

„Es ist ja nicht wirklich störend, das Trauern hier, aber vergangenen Montag, nach dem Bekanntwerden seines Todes, war die gesamte Treppe voll mit Blumen und Kerzen belegt, nicht mal einen kleinen Steg hatten sie freigelassen, und am Abend war der Bürgersteig voller Menschen, die haben Bowie-Lieder gespielt und gesungen. Alles bestens, man hatte auch ein Bild von ihm an mein Praxisschild gehängt, auch das habe ich gelassen, weil mein Name noch frei war. Einige Patienten haben mich gefragt: „Ist da jemand erschossen worden?“ Wir sind zum ersten Mal nach 23 Jahren, in denen ich hier meine Praxis habe, zum Hinterausgang raus. Ich find’s halt ein bisschen übertrieben, aber gut. Am nächsten Tag klebte ein schwarzer Stern auf meinem Namen und ein roter Stöckelschuh direkt auf meinem Praxisschild, das fand ich dann nicht mehr so witzig. Ich finde das ja so weit in Ordnung, aber ein bisschen damit rechnen, dass hier Menschen leben und arbeiten, wär natürlich auch nett. Es gibt Leute im Haus, die hier schon mit Bowie gewohnt haben, und die können das Wort Bowie nicht mehr hören, die sind einfach nur genervt, wenn immer wieder Interviews von ihnen verlangt werden. Es gibt ja auch die verschiedensten Gerüchte, wo er jetzt genau gewohnt haben soll. Viele schreiben, er habe hier in der Zahnarztpraxis gelebt. Aber in diesen Räumen war schon zur Bowie-Zeit eine Zahnarztpraxis. Bowie hat wohl in der Wohnung vis-à-vis meiner Praxis gewohnt. Es halten immer wieder Busse, und Leute springen raus und fotografieren das Haus. Bei der großen Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau habe ich mir vor zwei Jahren eine Bowie-Maske gekauft. Die Maske habe ich jetzt an die Praxistür gehängt. Um mich etwas zu beteiligen. Patienten habe ich durch den Rummel aber kaum gewonnen. Wir fragen die Leute, wie sie auf uns aufmerksam geworden sind, und in all den Jahren haben nur zwei gesagt: ‚Weil David Bowie hier im Haus gewohnt hat.‘ Vergangenen Samstag hatten wir Notdienst, wir haben ein Schild unten drangehängt: ,Heute Notdienst‘. Aber nicht einem von denen ist eingefallen, dass er Zahnschmerzen hat.“ Aufgezeichnet von Volker Weidermann DER SPIEGEL 4 / 2016

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„Wer jetzt die Abkehr der Polizei vom Bild des Freund und Helfers fordert, also von der bürgernahen Polizei, verkennt die wahren Ursachen. Wir haben keine zu weiche Polizei. Die Probleme liegen bei der Justiz und den Verwaltungsbehörden.“ Armin Bohnert, PolizeiGrün e. V., Freiburg im Breisgau

Nr. 3/2016 Staatsohnmacht: Rechtsfreie Räume, hilflose Polizei – können wir uns noch sicher fühlen?

Es ist erstaunlich neu, dass der SPIEGEL auf der Titelseite eine solche Frage stellt. Das bedeutet für mich: Es ist elementar etwas in Bewegung geraten und vieles davon extrem gefährlich und ungelöst. Dabei ist das Sicherheitsproblem im Moment noch nicht da. Das kommt erst noch, wenn das Kölner System Realität wird. Der Satz „Wir schaffen das“, ohne zu sagen, wie denn wohl, war extrem verantwortungslos. Hugo Kohl, Leiwen (Rhld.-Pf.)

Das Titelbild ist preisverdächtig und eine Wucht. Es sagt mehr als tausend Worte. Das Cover bringt das gesamte angestaute Dilemma, die zwischen sicherheitspolitischem Desinteresse, Beamtenschelte, Aufgabenüberladung, Personalabbau, Privatisierungen, „moderne Steuerung“-Schabernack und „Reformeritis“ zermürbten Polizeien und Verwaltungen auf den Punkt. Es sollte als Mahnmal vor jedem Innenund Finanzministerium aufgestellt werden.

Land gepriesen wird, das in der Lage sein dürfte, die Herausforderungen der Flüchtlingsströme zu finanzieren, warum ist es aber dann nicht in der Lage, die exekutive Gewalt ausreichend zu finanzieren? Sabine Krüger, Essen

„Nötig sind keine schärferen Gesetze – sondern mehr Beamte, die Recht und Ordnung durchsetzen“, schreiben Sie. Das ist kurzfristig richtig. Mittelfristig jedoch muss es unser aller Ziel sein, die Denke in den Köpfen (wieder) auf Toleranz und friedliches Zusammenleben auszurichten. Und hier ist das Elternhaus, dann die Schule, aber auch insgesamt unsere Gesellschaft gefordert. Diese Denke muss auch den mit

Dr. Bernd Gravenhorst, Schiffdorf (Nieders.)

Es dürfte den wenigsten Deutschen bewusst sein, wie marode unsere Polizei ist. Das allein ist schlimm genug. Grotesk wird es außerdem, wenn Stimmen aus der Politik der Polizei die Schuld dafür zuweisen. Denn Vorfälle wie in Köln (aber auch die in Heidenau) zeigen ja vor allem das: Es ist politischen Entscheidungen geschuldet, wenn die Polizei über unzureichende Mittel und Möglichkeiten verfügt – auch weil in den vergangenen Jahren massive Stellenkürzungen vorgenommen wurden –, unser demokratisches Wertesystem zu schützen. Wenn Deutschland immer wieder als ein wirtschaftlich überaus starkes 136

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Wenn bei den kommenden Landtagswahlen die AfD erhebliche Stimmenanteile gewinnen wird, blickt man wieder vorwurfsvoll auf den Wähler, der sich hat verführen lassen. Hat er das wirklich, oder hat er nur hilflos einen Ausweg aus der Hilflosigkeit der etablierten Parteien gesucht? Rolf Schmieder, Berlin

Sven Hüber, Bundespolizei-Hauptpersonalrat im BMI, Berlin

Eine Polizei ohne Rückenstärkung durch die Politik traut sich nicht, dem Gewaltmonopol des Staates Geltung zu verschaffen. Bürgerkriegsähnliche Zustände sind programmiert. Immer noch und weiterhin sind es die durch den Holocaust veranlassten unterbewussten Schuldgefühle, die sogar die Bundeskanzlerin noch veranlassen, in ein anderes Extrem zu fallen, und sie einen Willkommenswahnsinn praktizieren lassen. Diese Form des gesetzeswidrigen millionenfachen Grenzübertritts ist mit unseren Ordnungsprinzipien nicht vereinbar und führt ins Chaos!

unterdimensioniert und eilten der Realität bestenfalls hinterher. Was will die Politik eigentlich jetzt noch unternehmen, um unser Vertrauen zurückzugewinnen? Wir leben in einer Welt, in der die Leistung von Glühbirnen en détail geregelt ist, wenn es aber um die großen Fragen geht, bleibt uns die Politik eine Antwort schuldig. Dr. Oliver Boekels, Freiburg im Breisgau

MAJA HITIJ / DPA

Gegenseitige Schuldzuweisung

Polizei am Hauptbahnhof in Köln

Macho-Gehabe ausgestatteten Zuwanderern und Flüchtlingen klar und deutlich gemacht werden. Franz Georg Baumgart, Stade (Nieders.)

Ihre Aussage, dass die Bürokratie überfordert und ausgelaugt sei, der Aufgabe mangels Mitarbeitern nicht gewachsen sei, glaube ich nicht. Wir haben eine ausreichende, in vielen Kommunen und in den Landesministerien eher überbesetzte Verwaltung. Doch da wird nach Schema F gearbeitet, an uralten Abläufen festgehalten und alles dreimal abgefragt. Liegt es nicht eher an der Organisation und der Aufgabenzuweisung? In Bayern wurden Polizisten zur Essensausgabe eingesetzt, bis heute müssen sie Karnevalsumzüge in Vororten begleiten oder Wildunfälle aufnehmen sowie Papierkram mit alten Computern erledigen. André Maßmann, Duisburg

Sie beschreiben das Totalversagen des Staates bei der inneren Sicherheit, das Ergebnis langjährigen Wegsehens und Kaputtsparens. Besonders bitter ist, dass uns die Politik offenbar konsequent und bewusst belügt. Die Zahlen der für 2015 zu erwartenden Flüchtlinge waren lächerlich

Spätestens jetzt offenbart sich die Unfähigkeit eines durch und durch überorganisierten Landes, mit einer Krise umzugehen. Berichte über Inkompetenz, fehlenden Willen zur Verantwortung und föderalen Irrsinn, gegenseitige Schuldzuweisungen und Parteiengezänk in unwürdigem Ausmaß kommen tagtäglich über alle Medien in die Haushalte. Und am Ende soll es der Bürger – gern ehrenamtlich – richten. Peter Mutzek, Faßberg (Nieders.)

Entzauberung Nr. 2/2016 „Mein Kampf“ erscheint erstmals wieder in Deutschland

Wäre die Herausgabe dieses eigentlich gähnend langweiligen Pamphlets nie verboten gewesen, würde sich heute kaum jemand dafür interessieren. Ich fürchte, mit der Kommentierung wird der Zünder (unbeabsichtigt) nicht raus-, sondern reingedreht. Jens Keller, Schaafheim (Hessen)

Es ist mir unbegreiflich, dass ein Fachmann wie der Germanist Helmuth Kiesel Hitlers „Mein Kampf“ als ein stilistisch gelungenes Buch bezeichnen kann. Man braucht sich nur mal das zentrale Kapitel 11 „Volk und Rasse“ zu betrachten, an dem exemplarisch deutlich wird, welchen sprachlichen Schrott der Autor produzierte. Ein Beispiel: „Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen.“ Es war ein großer Fehler, dieses Buch so lange unter Verschluss zu halten, es bekam dadurch einen Nimbus – wie alle verbotenen Bücher –, der diesem Dreckswerk nicht zusteht. Dr. Diethard Hennig, Langensendelbach (Bayern)


Briefe

Dieter Saal, Großheide (Nieders.)

Wer sich einmal durch das Original-Hitlerbuch gequält hat, versteht die Diskussion über diesen 780-Seiten-Schmöker nicht. Man versteht auch nicht, dass dieses Werk eine Gefahr für Deutschland sein soll. Dieses Buch zu lesen ist für den aufgeklärten Menschen im Jahre 2016 eine Höchststrafe, die sich sicher nur wenige Menschen antun werden. Ich glaube nicht, dass die Fleißarbeit der Verfasser des neuen 2000-Seiten-Werkes einen größeren Kreis von Interessenten finden wird. Für Historiker ist es sicher eine Fundgrube. Günter Weber, Filderstadt (Bad.-Württ.)

Die geistige Neuauflage soll erneuter Volksaufklärung dienen, dass geistiger Dünnschiss eben doch nur Scheiße ist. Gerhard Wessel, Lüneburg (Nieders.)

Die Kritik anderer Medien an der kommentierten Veröffentlichung ist kaum nachvollziehbar. Entmystifizierung und Aufklärung ist allemal besser als Geheimniskrämerei. Hartmut Karmeier, Konz (Rhld.-Pf.)

Was mich an der Berichterstattung über dieses Buch am meisten stört, ist die Verherrlichung durch die Kritiker. Es wird der Eindruck hervorgerufen, als wäre hier ein Buch, das so überzeugend ist, dass der, der es liest, sofort zum Nazi wird. Es ist ein elendes Elaborat, voll mit verschwurbeltem Hass und Selbstbeweihräucherung. Eine einfache Veröffentlichung hilft mehr zur Entzauberung als alles andere.

Nr. 2/2016 Das Martyrium eines Ehepaars, das sich gegen eine Abtreibung entschied

Einfach nur Danke für diesen berührenden, von liebevoller Hoffnung durchzogenen Beitrag. Das Leben ist schön. Punkt! Eligio Rappold, Innsbruck

Gesundheit ist keine Voraussetzung für Glück. Als Tante eines behinderten Kindes weiß ich, dass das Leben besondere Herausforderungen, aber auch ganz besondere Freuden bringen kann. So kann unsere Gesellschaft vom Anderssein profitieren. Das sollte auch zum Nachdenken bezüglich der Diagnosemöglichkeiten in der Schwangerschaft anregen, die oft ohne Auseinandersetzung der Konsequenzen genutzt werden. Julia Zantke, Dortmund

Ich halte die Eltern des leidenden Kindes für vermessen und verantwortungslos!

ULLSTEIN BILD

US-Präsident Obama

Es tat gut, Ihre letztlich positive Bilanz über Obama zu lesen. Ich bewundere ihn zutiefst, weiß auch, dass eine Persönlichkeit seines Kalibers zu meinen Lebzeiten nicht wieder ins Weiße Haus einziehen wird. Noch vor wenigen Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, wie tief der politische Diskurs in den USA zu sinken vermag. Und der Abgrund scheint bodenlos zu sein. Antje Kharchi, Arlington, Virginia (USA)

Dr. Renate Hempel, Leipzig

Meine Bestätigung haben diese Eltern ohne Wenn und Aber. Mit dem Argument, wenn ich ein behindertes Kind nicht bekommen würde, dann dürfe ich es auch nicht unterrichten, habe ich als angehende Lehrerin für solche Kinder jede vorgeburtliche Diagnostik abgelehnt: Das Unverständnis war das gleiche wie heute. Schwangerschaft und Geburt sind nur die ersten von vielen Hürden. Ein Kind kann an Hirnhautentzündung erkranken. Und dann?

In der Bilanzierung der Präsidentschaft unterschlagen Sie einen der wesentlichen Erfolge der Obama-Administration: die Wiedererstarkung der Wirtschaft. So hat sich die Arbeitslosenquote seit 2010 nahezu halbiert, und der Dow-Jones-Index ist um fast 8000 Punkte nach oben geklettert. Das Land, dem der SPIEGEL 2010 noch den Titel „Die verzweifelten Staaten von Amerika“ widmete, beherbergt heute 54 der 100 größten Unternehmen. Henning Hofmann, Passau

Silvia Rosenkranz Fronz, Bochum

Der Bericht hat mich tief berührt, denn wir haben Vergleichbares erlebt. Obwohl von der Familie bedrängt, die Schwangerschaft vorzeitig zu beenden, haben wir uns dagegen entschieden. Unsere Tochter, 18, körperlich und geistig schwerstbehindert, geht zur Schule und hat Spaß am Leben.

Ein Umstand verdient noch eine größere Würdigung. Es ist die erschreckende Blockadepolitik der Republikaner. Damit wird eine jahrhundertealte demokratische Tradition bewusst gebrochen. Dies macht das mächtigste Land der Erde zunehmend unregierbar und bringt es – zu unser aller Schaden – in die Nähe eines „failed state“.

Heidrun Henning, Hattingen (NRW)

Dr. Fritz Fischer, Kiel

Eine große Lücke!

Obama ist in erster Linie ein guter Redner, der alles verspricht und wenig hält. Er hat als „Master of the drones“ diesen heimtückischen Krieg ausgeweitet. Die USA bezeichnet er als die großartigste Nation dieses Planeten. Im besten Fall ist er ein grausamer, realitätsferner Träumer.

Nr. 2/2016 Als US-Präsident hat Barack Obama weniger erreicht, als er versprochen hatte – und viel mehr, als ihm die meisten zutrauten

Klaus Versin, Herzogenrath (NRW)

Werbeplakat für „Mein Kampf“ 1934

Herausforderung und Freude CHIP SOMODEVILLA / GETTY IMAGES

Sieben Jahrzehnte blieben wir vor einer Neuauflage von „Mein Kampf“ bewahrt. Kaum ist die Schutzfrist verstrichen, ist der Nazibestseller wieder da, diesmal von Historikern mit kritischen Anmerkungen versehen. Mit der Edition wollen die Historiker dem unerträglichen Machwerk „den Zünder rausdrehen“. Das kann nicht gelingen, denn die inhaltliche Sprengkraft sowie der Zünder bleiben intakt. Die von Hitler formulierten und in wenigen Worten nicht zutreffend zu beschreibenden Grausamkeiten können durch noch so kluge Kommentierungen nicht gemildert werden.

Ihr Urteil über Obama und seinen Platz in der Geschichte erscheint eher fragwürdig. Mögen einzelne innenpolitische Erfolge von epochaler Wirkung sein, hat Obama damit der inneren Befriedung des Landes – seiner vorrangigen Aufgabe – gedient und zur Überwindung der gesellschaftlichen Gräben beigetragen? Wohl kaum! Und hat die außenpolitische Zurückhaltung Früchte getragen? Eine „Welt aus den Fugen“ spricht für das Gegenteil. Reagan hat das Ende des Kommunismus, der zweigeteilten Welt bewirkt, Obamas Bilanz bleibt ernüchternd, trotz bester Absichten. Dr. Hartmut Velbinger, Stuttgart

Dr. Ralph Detze, Ehingen (Bad.-Württ.)

Dieser Präsident war das Beste, was Amerika passieren konnte. Er ist uneitel und redlich! Er hinterlässt eine große Lücke. Auf das, was eventuell folgen könnte, kann man nur mit Entsetzen schauen. Michael von Allesch, Hamburg

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe (leserbriefe@spiegel.de) gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und unter www.spiegel.de zu archivieren. DER SPIEGEL 4 / 2016

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Hohlspiegel

Rückspiegel

Zitate Das „Handelsblatt“ zum SPIEGEL-Bericht „Die Tempo-Falle“ über eine Klage gegen die Deutsche Bank wegen manipulierter Devisenkurse (Nr. 3/2016): Schild am Krankenhaus in Ingelheim Am 21. Dezember ging vor einem New Yorker Gericht eine Sammelklage der Investmentgesellschaft Axiom stellvertretend für über 100 amerikanische Kläger gegen die Deutsche Bank ein. Weil es Nicht-US-Bürgern in den USA nicht möglich ist, vor Gericht zu ziehen, wird die begleitende Kanzlei Hausfeld für europäische und asiatische Mandanten – darunter Banken, Unternehmen und Notenbanken – in London eine analoge Klage einreichen. DER SPIEGEL hatte als Erster darüber berichtet.

Aus der „Badischen Zeitung“: „Das Biosphärengebiet wurde in drei Zonen eingeteilt: Geschützt sind Kernzonen (Minimum 3%), im Schwarzwald häufig schwer unzugängliche Steilhänge.“

Aus der „Eßlinger Zeitung“

Die „Süddeutsche Zeitung“ zum SPIEGELTitel „Staatsohnmacht“ über Zweifel am Flüchtlingskurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (Nr. 3/2016):

Aus dem Zürcher Konsumentenmagazin „K-Tipp“: „Mehr als die Hälfte der Schweizer Briefkästen sind mit Stopp-Reklame-Klebern versehen. Die Post will das ändern. Deshalb sollen die Pöstler bei den Kunden klingeln und sie zum Abkratzen überreden.“

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Aus dem „Tagesspiegel“

Horst Seehofer weiß genau, wie man in einer schwierigen politischen Lage den Druck mit Drohungen vergrößert – und sich gleichzeitig ein Hintertürchen offenlässt. Man kann das schön an den zwei Sätzen ablesen, mit denen der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident sich am Wochenende im SPIEGEL zitieren ließ und die allgemein als ein neues Ultimatum gegen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) interpretiert wurden: „In den nächsten 14 Tagen werden wir die Bundesregierung schriftlich auffordern, an den Grenzen wieder rechtlich geordnete Verhältnisse herzustellen“, so Seehofer. „Wenn sie das nicht tut, wird der Staatsregierung gar nichts anderes übrig bleiben, als vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen.“

Der SPIEGEL berichtete … Aus der „Süddeutschen Zeitung“: „Bei der Hatton Garden Security Company deponierten nicht nur die vielen in der Straße ansässigen Juweliere ihre Kostbarkeiten, sondern wohl unter anderem auch Profifußballer und andere zwielichtige Gestalten.“

... in Heft 23/2012 über den Streit zwischen der Allianz und dem Bund der Versicherten (BdV) wegen zweifelhafter Klauseln in RiesterVerträgen. Jetzt hat der Bundesgerichtshof (BGH) den Verbraucherschützern recht gegeben.

Aus der „Frankfurter Allgemeinen“ Aus der „Berliner Zeitung“: „Gemordet haben Menschen immer wieder. Aber viel eindrücklicher ist, dass sie – wie eng sie auch immer beieinander leben – das doch meist friedfertig tun.“ 138

DER SPIEGEL 4 / 2016

Das Nachrichten-Magazin für Kinder.

Der BGH erklärte zwei Klauseln in Riesterverträgen für „intransparent und deshalb unwirksam“. Der BdV und die Verbraucherzentrale Hamburg hatten geklagt, weil vor allem ärmere und kinderreiche Kunden durch die Verträge benachteiligt würden. Um dies zu erkennen, müssten sie allerdings an sieben verschiedenen Stellen des Vertrags nachlesen. Betroffen von dem Urteil sind laut Allianz 300 000 Verträge.


Elegance is an attitude Aksel Lund Svindal

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Der spiegel 2016 04