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SELBSTHILFE

Verband Angehöriger und Freunde psychisch Kranker

DIE VERGESSENEN KINDER Kinder von Eltern mit psychischen Problemen

WELTTAG DER PSYCHISCHEN GESUNDHEIT Poste Italiane Spa - Spedizione in abbonamento postale - D.L. 353/2003 (Conv: in L. 27/02/2004, n. 46) art. 1, comma 2, DCB Bolzano Reg. 3.7.1995, n. 17/95, Nr. 3/2009

„Normalität wird überbewertet“ 10. Oktober 2009


SELBSTHILFE

Inhaltsverzeichnis

IMPRESSUM

Editorial

Seite 3

Verrückte Kindheit

Seite 4

Dritteljährliche Informationsschrift des Verbandes Angehöriger und Freunde psychisch Kranker

Zwei Frauen zwei Leidensgeschichten

Seite 7

Eintragung beim Tribunal Bozen: Nr. 17/95 R. St. vom 3.7.1995

Kinder eines psychisch erkrankten Vaters erzählen...

Seite 8

Unterstützungsmaßnahmen für Kinder von psychisch erkrankten Eltern

Seite 10

Erfahrungen aus der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft „Villa Winter“

Seite 12

Zuhörecke Die Angst vor der Stille

Seite 13

Rede mit uns... Ist es sinnvoll mit Kindern über psychische Erkrankungen zu sprechen?

Seite 14

Wer stört, ist gesund?! Wer still bleibt, wird krank?!

Seite 15

The forgotten Children Die vergessenen Kinder

Seite 15

Welttag der psychischen Gesundheit

Seite 16

Die Armut (La povertà)

Alda Merini

verstarb am 01. November 2009 Sie war eine der größten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts und mehrfach für den Nobelpreis in Literatur nominiert. Die Künstlerin litt selbst unter psychischen Problemen und verfasste eigens für das Benefizkonzert „Worte und Musik zur Recovery“ des Verbandes im Jahr 2008 nebenstehendes Gedicht. Vielen wird sie in guter Erinnerung bleiben



Ich gehe vorbei und erinnere mich an die üppigen Felder dort war ich unermesslich glücklich weil ich allein war Ich habe keine Mauer gesehen noch irgendein Gefängnis aber einen zu bearbeitenden Boden und diesem Boden gehörten meine Gedanken Eines Tages durch die Stille schauend sah ich eine seltsame Ernte ich hatte ein Feld ohne Worte gesät und war ein großer Dichter geworden Alle interpretierten mich verstanden mein Schweigen und es entstand ein merkwürdiger Glauben mit dem Namen GOTT Irgendwann wurden wir alle reich so reich bis wir allein blieben

Herausgeber: Verband Angehöriger und Freunde psychisch Kranker G.-Galilei-Str. 4/a 39100 Bozen Tel. 0471 260 303 Fax 0471 408 687 info@selbsthilfe.it www.selbsthilfe.it Verantwortlich für den Inhalt: Prof. Carla Leverato Redaktion: Martin Achmüller, Margot Gojer, Carla Leverato, Lorena Gavillucci, Laura Kob Übersetzung: Martin Achmüller, Margot Gojer, Carla Leverato, Alessandro Svettini, Carmen Premstaller Bilder: Archiv, Martin Achmüller, Margot Gojer, Carmen Premstaller Layout: Carmen Premstaller Druck: Karo Druck, Frangart Die Redaktion dankt allen, die durch verschiedene Beiträge zur Veröffentlichung dieser Ausgabe beigetragen haben. Sie behält sich das Recht vor, Kürzungen an den Texten vorzunehmen.

gefördert von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol Assessorat für Sozialwesen

gefördert von der Stadtgemeinde Bozen


EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser! Carla Leverato

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iesen Sommer hat mir eine liebe Freundin die Geschichte einer Verwandten mit einer schweren psychischen Erkrankung erzählt. Nach Jahren mit einer wirksamen Behandlung hatte sie plötzlich die Medikamente abgesetzt und war in eine schwere Krise geraten, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein. Sehr wohl aber waren die Angehörigen unvorbereitet diesem Schrecken, dieser Ohnmacht und dieser Verzweiflung ausgesetzt worden. Zweifellos waren die Kinder am meisten betroffen. Was konnte man für sie tun, die ja das schwächste Glied in der Kette waren? Diese Frage ging mir immer wieder im Kopf herum. Dann fand ich im Verband die Bro-

schüre der „HPE“, des österreichischen Vereins „Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter“. Sie wurde speziell für Kinder und Jugendliche mit einem psychisch erkrankten Elternteil erstellt, gibt in einer einfachen, verständlichen Sprache Informationen über die häufigsten Störungen und zeigt vor allem mögliche Hilfen auf. Dabei geht sie immer vom Gefühlserleben der Kinder und Jugendlichen aus. Daraus entstand im Redaktionskomitee der Gedanke, diese Ausgabe dem Thema „Kinder von psychisch erkrankten Eltern“ zu widmen – oder genauer: „Kinder von Eltern mit einer psychischen Störung“. Unsere erste Sorge war, ob wir dabei nicht den Kranken „Schuld“ zuschieben könnten, obwohl sie schon genügend Leid erleben. Die nächste Frage war, ob wir genug Leute finden würden, die von ihrer Leidensgeschichte erzählen könnten. Werden wir von den „Diensten“ erfahren, was für die Familien geschieht? Werden wir imstande sein, das Thema in sinnvoller und hilfreicher Weise darzustellen? Wir haben es versucht: entscheidet ihr, ob es uns gelungen ist. Wir danken von ganzem Herzen all jenen, die uns ihr bewegendes Zeugnis überlassen haben, die uns wichtige Hinweise gaben. Unser Dank geht an Tanja, Christian und Markus für das wunderschöne

Bild ihres erkrankten Vaters, der doch ganz gleich ist wie alle anderen Väter, vor allem in der tiefen Zuneigung und Liebe, die seine Kinder für ihn empfinden. Danke auch an die Frau, die ihre Scham und ihr Leid überwinden musste, die aus der Erinnerung ihrer doppelten, noch nicht überwundenen Leidensgeschichte entstanden. Vielleicht wäre es möglich gewesen, eine zufrieden stellende Beziehung herzustellen, wenn beide ihr Unbehagen und ihre Wünsche hätten zur Sprache bringen können (wie wir es im Artikel „Reden wir darüber...“ aufzuzeigen versuchen). Doch wir wissen, wie schwer Kommunikation ist es fällt schwer, auf sich zu hören, und genauso, anderen richtig zuzuhören. Unser Dank geht auch an jene wenigen, die auf unsere Fragen geantwortet haben, welche Maßnahmen es auf öffentlicher und privater Ebene für Kinder, Jugendliche und Familien in Krisensituationen gibt, vor allem bei psychischen Problemen. Sie haben uns geholfen, einen gangbaren (und absolut not-wendigen!) Weg aufzuzeigen. Und schließlich auch einen großen Dank all jenen, die auch in diesem Jahr mit ihren Beiträgen, Berichten, Anregungen und ihrer Wertschätzung an unserer Zeitschrift mitgearbeitet haben.




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„Verrückte Kindheit“ Zusammenfassung von Carla Leverato

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or kurzem veröffentlichte der österreichische Verein “HPE” (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) eine sehr interessante Broschüre für Kinder psychisch erkrankter Eltern. In einfacher und klarer Sprache richtet sich das Heft vor allem an Kinder und Jugendliche und versucht, ihnen ihre Situation und ihre Gefühle bewusst zu machen. Es ist sehr gut gelungen, die wichtigsten Informationen über die häufigsten psychischen Erkrankungen zu geben. Es wird ein Lösungsweg aufgezeigt, wie sie ihre schwieri-

Welche psychischen Probleme sind die häufigsten? Natürlich ist es nicht möglich, eine so komplizierte Krankheit wie zum Beispiel die Schizophrenie in wenigen Zeilen zu erklären, auch weil sie sich von Person zu Person verschieden äußert und weil alle Familien verschieden sind. Aber einige Grundinformationen über psychische Erkrankungen können helfen, dass man sie besser versteht, weniger Angst hat und sich leichter von Schuldgefühlen löst.

Persönlichkeitsstörung.

ge Lebenssituation besser bewältigen können. Die zwei wichtigsten Botschaften: • Hilfe suchen • keine Schuldgefühle

fühle angesprochen, mit denen sich Kinder und Jugendliche regelmäßig auseinandersetzen müssen, wenn jemand aus ihrer Familie an psychischen Problemen leidet.

Wir haben den Inhalt der Broschüre, die es zur Zeit nur in deutscher Sprache gibt, zusammengefasst. Darin wird versucht, eine Antwort auf die großteils unausgesprochenen Fragen zu geben. Weiters werden die meist verwirrenden und unterdrückten Ge-

Bipolare Störung.

“Mein Vater hat sich in letzter Zeit sehr verändert. Er redet ununterbrochen, er ist nie müde und arbeitet fast die ganze Nacht hindurch im Haus, dauernd baut er Regale zusammen, er hat sich sogar ein neues, luxuriöses Auto gekauft, auch wenn Mama ihn gebeten hatte, kein Geld mehr auszugeben, weil wir fast keines mehr haben. Dann, nach einer ziemlich „normalen“ Zeit, plötzlich eine erneute, radikale Veränderung: er spricht nicht mehr, er lacht nicht mehr, er isst fast gar nichts mehr, er hat vor allem Angst und verbringt die meiste Zeit im Bett. Er sagt, er sei es nicht mehr wert zu leben, er wäscht sich nicht mal mehr. Meine Mutter hat es geschafft, ihn zum Arzt zu bringen, aber er weigert sich, irgendwelche Medikamente zu nehmen, weil er sich vor den Nebenwirkungen fürchtet.“ (Sara, 16 Jahre) Die bipolare Störung, auch manisch-depressive Störung, äußert sich in wechselnden Phasen von extremem Tatendrang (der Kranke fühlt sich stark genug, die ganze Welt zu erobern und zu beherrschen) und Phasen, in denen er keine Kraft hat, etwas zu tun (auch nicht sich zu waschen, einzukaufen oder zu essen), in denen er Angst hat, sich hilflos fühlt und von riesigen Schuldgefühlen geplagt wird.

“Mein Vater macht mir Angst. Er regt sich schrecklich über Kleinigkeiten auf, er schreit und wirft mit allem um sich, was ihm in die Hände kommt. Meiner Mutter gegenüber war er wahnsinnig eifersüchtig, er beschuldigte und beschimpfte sie. Er hat uns auch geschlagen. Am Tag danach war er freundlich und brachte uns auch Geschenke. Wir haben keine Freunde mehr. Er möchte wieder mit uns leben. Das hat er mir und meiner Mutter so ängstlich und verloren gesagt, dass er mir zum ersten Mal leid getan hat.“ (Tina, 17 Jahre) Wer an einer Persönlichkeitsstörung leidet, tut sich schwer, stabile Beziehungen mit Menschen aufzubauen, vor allem wegen seines sehr schwachen Selbstwertgefühls. Er kann sich selbst nicht richtig einschätzen und schwankt so von der Abwertung anderer zu Hilflosigkeit und Angst vor dem Verlassenwerden. Er kann in einem Moment freundlich sein, kurz darauf aggressiv. Er verträgt Kritik oder andere Meinungen nicht und hält andere entweder für absolut gut oder total böse.




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Zwangserkrankung.

“In letzter Zeit hat sich meine Mutter sehr verändert. Sie tut nichts anderes mehr als das Haus zu putzen, drei mal am Tag, von oben bis unten, und sie sagt, das wäre unsere Schuld, weil wir Schmutz, Bakterien und Viren ins Haus tragen würden. Wir müssen uns ausziehen, bevor wir ins Haus gehen, und dreimal am Tag duschen, sonst wird sie zur Furie. Ich kann keine Freunde mehr mit nach Hause bringen, denn solange sie bei mir sind, benimmt meine Mutter sich normal. Sobald sie gegangen sind, beginnt das Theater. Mir ist immer zum Weinen zumute.“ (Florian, 13 Jahre) Wer an einer Zwangserkrankung leidet - in diesem Fall an einem Reinlichkeitszwang - fühlt sich andauernd zu irgendwelchen Handlungen gezwungen. Der Betroffene empfindet das als anstrengend und weiß, dass es übertrieben ist, aber das Gefühl, ansonsten würde etwas Schlimmes geschehen, ist stärker. Wenn er das Gefühl hat, alles getan zu haben, um das Furchtbare abzuwenden, fühlt er sich für kurze Zeit entspannt. Es gibt noch viele andere Zwänge, wie zum Beispiel ständig den Herd kontrollieren zu müssen oder nachzuschauen, ob die Türen geschlossen sind, oder den Zwang, Dinge ständig berühren oder eben nicht berühren zu müssen oder Dinge immer in einer bestimmten Art und Weise zu ordnen oder bestimmte Worte, Sätze oder Melodien ohne Unterlass zu wiederholen.

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uch wenn jeder anders auf die psychische Erkrankung eines Elternteils reagiert, gibt es doch Gefühle und Verhaltensweisen, in denen sich jeder Jugendliche wiedererkennen kann: • du leidest, weil ein Elternteil sich verändert hat und du mit ihm nicht mehr die Beziehung haben kannst, wie deine Freunde sie mit ihren Eltern haben • dir fehlt seine Aufmerksamkeit, und du fühlst dich von ihm nicht mehr beschützt • du hast große Schuldgefühle, weil du glaubst, du hättest mit deinem Verhalten die Erkrankung ausgelöst • du hast Angst und bist verwirrt, weil du das Verhalten deines

• •

Schizophrenie.

„Meine Mutter führt sich auf wie eine „Verrückte“: sie hat Angst, dass alle sie verfolgen und ausspionieren. Wir müssen die Fenster und Vorhänge schließen, damit uns niemand sieht. In der Nacht schläft sie nicht, weil sie bedrohliche Stimmen aus der Wand hört. Sogar uns schaut sie argwöhnisch an… Sie macht mir Angst, weil sie Dinge sieht, fühlt und denkt, die ich nicht sehe, nicht fühle und nicht höre. Sie hat mir verboten, darüber zu sprechen, weil es gefährlich für uns wäre. In der Küche mache alles ich, weil sie nur alles durcheinander bringt. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ (Michael, 14 Jahre) Schizophrenie äußert sich auf verschiedene Art und Weise. Bei Michaels Mutter äußert sie sich in Wahnvorstellungen. Das Denken, die Wahrnehmung und das Sprechen sind gestört. Was uns als Fantasie und/oder Einbildung erscheint, ist für seine Mutter Realität. Sie hört Stimmen und sieht Dinge, die nicht da sind. Auch die Gefühle und die Stimmung sind gestört. Manchmal fehlt ihr die Kraft, etwas zu tun, sie zeigt kein Interesse mehr an irgendwelchen Aktivitäten.

Elternteils nicht verstehst du schämst dich für das merkwürdige Verhalten und Benehmen deines Elternteils du schaffst es nicht, mit anderen darüber zu reden, weil deine Eltern es dir verboten haben, weil du dich schämst und weil das Verhalten deiner Bekannten in Bezug auf psychische Erkrankungen negativ ist. So fühlst du dich einsam und verlassen du brauchst deine Eltern, ihre Liebe und Aufmerksamkeit, aber dir ist bewusst, dass deine Mutter/ dein Vater nicht mehr dazu fähig ist und zusätzlich noch negative Gefühle wie Angst und Aggression auf dich überträgt. Da du nicht einfach davongehen kannst, bist

du gezwungen, die Situation auszuhalten die Hausarbeiten bleiben an dir hängen. Oft musst du deinen Vater/deine Mutter trösten und beruhigen. Langsam langsam vollzieht sich ein Rollentausch. Du beginnst, dich für deinen Vater oder für deine Mutter verantwortlich zu fühlen. deine Eltern streiten sich öfter als früher, und du weißt nicht, auf welcher Seite du stehen sollst. Es ist wie bei einer Scheidung, nur dass nun einer der beiden auch noch krank ist.

Was ist eine psychische Erkrankung? Eine psychische Erkrankung hat keine 


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äußerlich sichtbaren Merkmale, man kann sie keinem bestimmten Organ zuschreiben. Ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung verhält sich anders, weil er anders denkt, fühlt und handelt als „gesunde“ Menschen. Das ist es, was uns durcheinander bringt, uns erschreckt, uns Sorgen bereitet oder uns wütend macht. Seine extremen Empfindungen und Gefühle, seine bizarren Gedanken können dazu führen, dass der Betroffene jegliches Zeitgefühl verliert, dass er sich selbst und sein Zuhause nicht mehr pflegt, dass er alle sozialen Kontakte abbricht und dass er nicht mehr zur Arbeit geht. Einige spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, und leiden darunter. Andere hingegen leben in einer „anderen Welt“, können das nicht erkennen, sehen ihre Krankheit nicht ein und verleugnen sie aus diesem Grund. Warum ist mein Vater/meine Mutter krank geworden und wer ist schuld daran? Glaube auf keinen Fall, dass es deine Schuld wäre, dass dein Elternteil krank ist! Das würdest du gar nicht schaffen! Grundsätzlich kann jeder von uns psychisch erkranken. Bis heute gibt es keine (genaue) Erklärung warum ein Mensch psychisch erkrankt. Es scheint, als gäbe es mehrere Ursachen. Einige Personen sind extrem sensibel und daher verletzlicher. Andere haben während ihrer Kindheit sehr gelitten und diese Erlebnisse nie verarbeitet. Wieder andere haben schlimme Erfahrungen gemacht, zum Beispiel von Gewalt oder Trauer. Es gibt auch Personen, die unter großem Druck stehen weil sie zu viele Sachen gleichzeitig erledigen müssen. Eine Vielzahl solcher Belastungen können (müssen aber nicht) das innere Gleichgewicht zusammenstürzen lassen und für kurze oder längere Zeit zu psychischen Problemen führen. 

Was kann man tun, um die Krankheit zu bekämpfen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Therapie und Behandlung: • Medikamente, die vom Psychiater verschrieben werden, können dem Betroffenen helfen, sich besser zu fühlen und sein Verhalten zu stabilisieren. Leider haben einige Medikamente auch Nebenwirkungen, die sehr stören können, zum Beispiel zittern oder starke Gewichtszunahme. • Dein Vater/deine Mutter kann auch regelmäßig zu einem Psychotherapeuten gehen, der in mehreren Gesprächen helfen kann, sich stärker zu fühlen und sich den Anforderungen des Lebens gewachsen zu fühlen. • Es gibt auch Selbsthilfegruppen. Man trifft sich mit Gleichgesinnten, spricht über das Erlebte und fühlt sich so nicht mehr allein. • Wenn es deinem Elternteil sehr schlecht geht, kann er sich einige Zeit in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses zurückziehen, wo er zusätzliche Behandlungen bekommt, um sich besser zu fühlen. Wird mein Vater/meine Mutter wieder gesund? Manche erkranken nur ein einziges Mal in ihrem Leben, andere mehrere Male, einige sind auch für lange Zeit krank. Aber immer ist eine Besserung möglich. Das hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel dem Alter, seit wann jemand krank ist und wie schwer die Krankheit auftritt, welche Therapien es gibt und ob der Betroffene kooperativ ist oder nicht. Werde auch ich erkranken? Wir alle können psychisch erkranken. Es scheint jedoch so, dass Kinder von psychisch erkrankten Eltern häufiger psychische Probleme entwickeln, auch wenn sie nicht die Er-

krankung ihrer Eltern, zum Beispiel Schizophrenie oder bipolare Störung, bekommen. Eine Erklärung dafür kann sein, dass diese Kinder ebenso sensibel sind wie ihre Eltern, und sie deshalb viel anfälliger für Belastungen sind. Oder sie haben zu sehr unter den Folgen der Erkrankung ihres Elternteils gelitten. Aber der Großteil der Kinder erkrankt nicht, und es kann viel unternommen werden, um einer Erkrankung vorzubeugen und die Kinder zu stärken. Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Für deine Mutter/deinen Vater machst du bereits eine ganze Menge. Was kannst du selbst machen, damit es dir besser geht? • Darüber reden. Es ist wichtig, dass du jemanden hast, dem du vertraust und mit dem du sprechen kannst. Das wird dir gut tun. • Mach nicht zu viel. Versuch nicht, alles zu erledigen was deine Mutter/dein Vater nicht mehr schafft. Es gibt auch andere Hilfsmöglichkeiten, z. B. die Sozialdienste. • Nimm dir Zeit für das, was dir Spaß macht, verzichte nicht darauf. Gerade in schwierigen Zeiten braucht man Zerstreuung. • Gib auch auf deine Gefühle acht und drücke sie aus. Wenn etwas geschieht, das dir weh tut, das du nicht verstehst, das dir zu viel ist, versuch darüber zu sprechen! Wenn sich die Situation dadurch nicht ändert, geh weg, in dein Zimmer oder nach draußen. Vergiss deine Bedürfnisse nicht! • Suche fachliche Hilfe und Unterstützung, gemeinsam mit deiner Familie. Niemand kann die Schwierigkeiten und Folgen einer psychischen Erkrankung allein bewältigen. Und mach dir bewusst, dass nicht nur du einen Elternteil mit einer psychischen Erkrankung hast. Es gibt viele andere.


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Zwei Frauen - zwei Leidensgeschichten Carla Leverato

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ines steht fest: eine psychische Erkrankung bringt Leid mit sich – nicht nur für die Betroffenen. Hier folgen zwei solche Leidensgeschichten – unterschiedlich in der Art, aber kaum in der Intensität. Die Mutter

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ie leidet „schon immer“ unter einer Depression, hat sich aber nie behandeln lassen. Oft hat sie Angst-zustände, fühlt sich als Opfer und sucht dafür Bestätigung von den anderen. Ihre Art der Kommunikation ist immer dieselbe: „Ihr müsst mir zuhören und mir helfen, weil ich unglücklich bin und zugleich heldenhaft alles aushalte.“ Und dabei ist sie überzeugt, dass ihr niemand zuhört, dass sie niemand verstehen kann, dass es keine Heilung für ihr Leiden gibt.

Jetzt, als Erwachsene (!), fühle ich mich schuldig, weil ich nicht genügend Zeit für alle um mich herum habe (meine Familie mit eingeschlossen), weil ich es nicht mehr schaffe, weil meine Worte aggressiv werden, wenn ich am Boden bin, weil ich meine Wut nicht mehr unter Kontrolle habe - die Wut gegen meine Mutter, die auf eine unverständliche Art die anderen Familienmitglieder erdrückt, statt sie wachsen zu lassen. Sie unterdrückt in zunehmendem Maß das Selbstwertgefühl der anderen, da sie immer dieselbe Botschaft weitergibt:

du hast Unrecht, auch wenn du dich um mich oder um die anderen kümmerst, weil du es immer falsch machst. Nur ich habe Recht - ich, deine Mutter! Und so ist das riesige schwarze Loch, das mich zu verschlingen droht, immer vor mir...“ Gibt es aus solchen unheilvollen Schuldgefühlen einen Ausweg, bevor es zu spät ist, bevor man dermaßen erstarrt und erfroren ist, dass es keine Aussicht auf Hilfe oder mindestens auf Erleichterung gibt?

Die Tochter

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on Natur aus zart besaitet und sensibel, ohne Bezugspersonen, ohne rechten Halt, mit einer negativen Lebenseinstellung aufgewachsen. In der Beziehung zur Mutter gab es von Beginn an einen Rollentausch: „Du musst mich beschützen“ war die klare, oft wiederholte Botschaft der Mutter an die Tochter. An Stelle von Geborgenheit, die sie selber gebraucht hätte, wurde ihr die Angst eingeimpft, unfähig zu sein, nicht angenommen zu sein. Das ist ihre Lebensgeschichte. „Ich fühlte mich bedroht und verspürte nur Angst, riesige Angst. Wie konnte ein Mädchen anders reagieren, dem das Recht auf Geborgenheit und Zuwendung verweigert wurde? Es hat sich nicht viel geändert – nur die Schuldgefühle wuchsen über mich hinaus. Ich war schuld, wenn es meiner Mutter schlecht ging. Ich war schuld, weil ich ihr nicht helfen konnte, weil ich zu schwach war. Meine ganze Existenz war schuldbeladen. 


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Kinder eines psychisch erkrankten Vaters erz채hlen...




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Unterstützungsmaßnahmen für Kinder von psychisch erkrankten Eltern

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ir wollten herausfinden, welche Unterstützungsmaßnahmen es für Kinder von psychisch erkrankten Eltern in Südtirol gibt, und haben die Sozialsprengel im ganzen Land und verschiedene andere Vereine, Institutionen und Strukturen angeschrieben und sie gebeten, uns ihre Angebote zu diesem Thema mitzuteilen. Die Resonanz war ernüchternd. Durch die wenigen Antworten, die wir erhalten haben, müssen wir annehmen, dass es in Südtirol nur sehr wenige Angebote für diese Kinder und Jugendliche gibt. Das Ergebnis der Rundfrage lesen Sie hier: Sozialsprengel Brixen und Umgebung Pädagogische Angebote für Kinder

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m Sommer 2009 startete Frau Dr. Veronika Hafner, Sozialpädagogin der Bezirksgemeinschaft Eisacktal, ein Projekt für Kinder und Jugendliche von Müttern oder Vätern, die vom Zentrum für psychische Gesundheit, vom Psychologischen Dienst, von den Sozialdiensten oder der Familienberatungsstelle begleitet werden, also für Kinder von Eltern mit psychischen Problemen. Frau Dr. Veronika Hafner ist für die Mitarbeit an der Fachambulanz für psychosoziale Gesundheit im Kindesund Jugendalter im Krankenhaus von Brixen freigestellt und bemüht sich im Rahmen ihrer Tätigkeit auch um Präventionsprojekte. Konkret handelt es sich um altersgemäße pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche, die vor allem Freude bereiten sollen. Sie beinhalten das gemeinsame Erleben von Bilderbüchern, Lern- und Gesellschaftsspielen bis hin zum Gestalten von kreativen und kunstpädagogischen Werken. Auch eine kreative Schreibwerkstatt für ältere Kinder wird angeboten sowie Rhythmik für 4- bis 7-Jährige. 10

Die Nachfrage konzentrierte sich schließlich auf die ersten drei Angebote, die sich als sehr gelungen herausstellten. Es wurden Kinder von 4 bis 13 Jahren aus der Stadt Brixen und den umliegenden Dörfern angemeldet. Die Sozialpädagogin besuchte die Kinder in einem Zeitraum von 5 bis 10 Wochen daheim und brachte die nötigen Materialien selbst mit. Die Rückmeldungen von Kindern und Eltern waren äußerst zufriedenstellend. In den Evaluierungsgesprächen mit den Eltern und den zuständigen Sozialassistentinnen wurde überlegt, welche weiteren Freizeitangebote sich die Kinder noch wünschen könnten, aber auch, ob sie für ihre Entwicklung eine besondere fachliche Unterstützung brauchen, z. B. Logopädie, Ergotherapie, Maloder Musiktherapie. Wenn nötig, wurden zum besseren Verständnis

des Kindes auch Gespräche mit den Bezugspersonen in den Kindergärten und Schulen geführt. So fand auch ein Informationsaustausch über die Befindlichkeit und über die Bedürfnisse der Kinder statt. Im Vordergrund stand dabei der psychosoziale Gesamtzustand, der allgemeine Entwicklungsstand sowie die Einschätzung der Stützfunktionen für das Lernen (Ausdauer, Konzentration, Reaktionsfähigkeit, Wahrnehmung, Motivation...). Das Sommerprojekt läuft nun in leicht abgeänderter Form weiter. Weitere interessierte Kinder und Eltern werden eingeladen, in die Fachambulanz für psychosoziale Gesundheit im Kindes- und Jugendalter des Krankenhauses Brixen zu kommen. Wenn Kinder weiter entfernt wohnen, werden sie weiterhin an ihrem Wohnort aufgesucht.


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Südtiroler Kinderdorf Therapie Center Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen

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n das Therapie Center des Südtiroler Kinderdorfes können sich sowohl Kinder und Jugendliche von psychisch erkrankten Eltern wenden als auch Kinder und Jugendliche, die selbst unter psychischen Problemen leiden. Eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten werden angeboten. Für Kinder von psychisch erkrankten Eltern sind die Gestalttherapie, die Rhythmik- und Musiktherapie und die Spieltherapie am besten geeignet. Gestalttherapie: Das Angebot umfasst aktives Zuhören, Entspannungsübungen, Fantasiespiele und Fantasiereisen, therapeutische Rollenspiele, Selbstausdruck und spielerisches Darstellen von Situationen aus dem Alltag und eigener Probleme mit Lösungssuche sowie den Einsatz von Spielen und kreativen Medien. Rhythmik- und Musiktherapie: Das Angebot umfasst Spiele mit Musik, Bewegung, Material und Stimme (Gestaltung einer Geschichte), Körperarbeit und Wahrnehmungsübungen mit Musik (Bewegung zur Musik), freie Musikimprovisation mit Instrumenten (Ausdruck der momentanen Befindlichkeit) und Übungen zum sozialen Lernen in der Musiktherapie in Gruppen (durchsetzen oder anpassen). Spieltherapie: In der therapeutischen Spielstunde können Kinder (unverarbeitete) Erfahrungen und Emotionen auf symbolische Art zum Ausdruck bringen, sich selbst und die eigenen Möglichkeiten explorieren und soziale Beziehungen aufbauen. Die Spieltherapie bietet dem Kind eine Beziehung und eine Umgebung, in der es geschützt seine Emotionen ausdrücken kann. Kinder können traumatische Situationen in einer sicheren Umgebung ohne die erlebten Gefährdungen nachspielen. In der therapeutischen Spielstunde

werden die heilenden Kräfte des kindlichen Spiels wirksam. Sozialsprengel Bruneck und Umgebung Unterstützungsangebot der Sozialpädagogischen Grundbetreuung für Kinder, Jugendliche und deren Familien

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m Sozialsprengel Bruneck und Umgebung gibt es zwar kein Angebot, das rein auf die Bedürfnisse von Kindern, deren Eltern psychische Probleme haben, zugeschnitten ist. Es gibt aber eine Reihe von sozialpädagogischen Angeboten für Kinder und Jugendliche, aus denen auch diese Kinder großen Nutzen ziehen können. Fachkräfte der Sozialpädagogischen Grundbetreuung unterstützen Kinder, Jugendliche und deren Familien in schwierigen Lebenslagen. In Absprache mit den Eltern sowie in Zusammenarbeit mit anderen Fachdiensten, Schulen und Kindergärten versuchen sie, für die betroffenen Familien eine

konkrete Besserung ihrer Situation zu erreichen. Sie informieren und beraten, klären die Situation umfassend ab und versuchen zusammen mit den betroffenen Familien, eine Besserung der Situation zu erarbeiten. Sie unterstützen und begleiten bei der Umsetzung von Veränderungen und bieten bei Bedarf und Notwendigkeit konkrete Hilfen aus ihrem sozialpädagogischen Unterstützungsangebot an. Dieses Unterstützungsangebot umfasst Tagesstätten für Kinder und Jugendliche, individuell abgestimmte Einzelbetreuungen, ambulante sozialpädagogische Familienhilfen, begleitete Besuche, sozialpädagogische Beschäftigungsprogramme während der Sommerferien sowie Unterbringung der Kinder in familienähnlichen Einrichtungen und Pflegefamilien oder „begleitetem Wohnen“. Wisst ihr von weiteren Angeboten? Sendet sie uns doch bitte zu. 11


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Erfahrungen aus der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft „Villa Winter“ EOS Sozialgenossenschaft - ausgearbeitet von Dr. Lisa Steger und Michaela Mair

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ür Eltern mit einer psychischen Erkrankung ist die Elternschaft eine besondere Herausforderung. Sie sind für das Leben ihres Kindes verantwortlich und müssen sich darüber hinaus mit ihrer psychischen Erkrankung und den damit verbundenen Belastungen auseinandersetzen. Wegen möglicher genetischer Risikofaktoren und durch das krankheitsbedingt beeinträchtigte Erziehungsverhalten der Eltern haben diese Kinder selbst ein erhöhtes psychiatrisches Erkrankungsrisiko. Um den Kindern eine möglichst normale Entwicklung zu ermöglichen, ist eine adäquate fachkompetente Begleitung der Eltern ratsam, die eine hohe Kooperation und regelmäßige Kontakte der Institutionen untereinander voraussetzt. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Eltern mit psychischen Problemen keine schlechteren Eltern sind als Eltern, die nicht an psychischen Erkrankungen leiden. Sie benötigen jedoch besondere Unterstützung und Hilfe, um ihre Verantwortung als Eltern wahrnehmen zu können.

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In der Zusammenarbeit des pädagogischen Teams mit Eltern, die psychische Probleme haben, gibt es einige Schwerpunkte, die gemeinsam beachtet werden müssen, damit ein gesundes und sicheres Umfeld für die Kinder und Jugendlichen geschaffen wird, in dem eine normale Entwicklung möglich ist: nicht jedes Kind braucht psychiatrische Betreuung, jedoch mindestens eine verlässliche Bezugsperson. Hier hat sich gezeigt, dass es Eltern mit einer psychischen Erkrankung oft Schwierigkeiten bereitet, Verhaltensregeln vorzugeben und einzuhalten. Das äußert sich z. B. darin, dass sie Termine nicht einhalten oder Abmachungen mit Institutionen oder mit dem Kind und Jugendlichen nicht adäquat umsetzen können. Diese Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit muss oft erst intensiv mit den Eltern erarbeitet werden und nimmt viel Zeit in Anspruch. Die Befindlichkeit der Eltern schlägt sich häufig auf das Wohlbefinden und Verhalten der Kinder nieder. Die Probleme der Eltern werden oft an die Kinder und Jugendlichen weitergegeben, so dass sie in der Familie die Rolle des Erwachsenen einnehmen (müssen) und damit entsprechend überfordert sind. Solchen Kindern

und Jugendlichen fällt es sehr schwer, sich an die Vorschriften einer Wohngemeinschaft anzupassen, da sie ein anderes Rollen – und Verhaltensverständnis haben. Um effektive Fortschritte zu erzielen, müssen die Eltern ebenfalls an die Regeln der Wohngemeinschaft herangeführt werden, so dass die Jugendlichen im Idealfall zu Hause einen ähnlichen Rahmen erleben. Eine große Schwierigkeit bei der Umsetzung sind die eingefahrenen familiären Muster, und es ist äußerst zeit– und arbeitsintensiv, sich dieser alten Muster zu entledigen und sich neue anzueignen. Es kommt oft zu „Rückfällen“. Vor allem in Krisensituationen fehlt die Kraft und Motivation, sich an vereinbarte „Trainings“ zu halten. Es wird auf alte Handlungsweisen zurückgegriffen bis hin zur völligen Resignation. Eltern fällt es oft schwer, Hilfe von außen anzunehmen, sie verleugnen so lange die Probleme, bis das Kind oder der Jugendliche auffällig wird. Die Kinder und Jugendlichen machen eine Zeit durch, die nicht der Realität ihrer Altersgenossen entspricht. Sie sind darauf angewiesen, die Welt von Erwachsenen gezeigt und erklärt zu bekommen. Hier liegt die Gefahr, dass die Kinder und Jugendlichen ins „kranke“ Sys-


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tem der Eltern hineingezwängt werden. Die Aufgabe des pädagogischen Teams ist es, ihnen andere Realitäten und Blickwinkel aufzuzeigen. Dies ist eine Gratwanderung. Eine Arbeit am Wertesystem der Eltern bedeutet einen Eingriff in einen sehr persönlicher Bereich, so dass es hier gerade von Seiten der Eltern oft zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten kommt. Eltern müssen dann freundlich darauf hingewiesen werden, ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen, z. B. eine altersadäquate Sprache zu benutzen, keine Kraftausdrücke zu verwenden, Hygienemaßnahmen beizubehalten usw., was oft als persönlicher Angriff

empfunden wird. Kinder und Jugendliche, die außerhalb der Familie untergebracht sind, erreichen mit der Zeit einen bestimmten Abstand zur Familie. Sie realisieren und erkennen, welchen Missständen und extremen Bedingungen sie ausgesetzt waren. Im Nachhinein reagieren sie mit Vorwürfen und Zorn auf ihre Eltern. Das Verhältnis ändert sich und muss neu geordnet werden. Auf die Anschuldigungen der eigenen Kinder reagieren die Eltern verständlicherweise mit Abweisung und sind gekränkt. Dies verlangt ein großes Stück Beziehungsarbeit vom pädagogischen Team und den Eltern.

Die Erzieher der Wohnheime müssen über die Art der psychischen Erkrankung der Eltern informiert sein, damit sie mit allen Betroffenen entsprechend umgehen können. Dies kann bedeuten, Inhalte eines Gespräches nachvollziehbar und verständlich zu erklären, oder auch Dinge zu vereinbaren, die uns alltäglich scheinen, wie z. B. ein angemessenes Freizeitprogramm auszuarbeiten. In Krisensituationen sind Eltern oft überfordert und brauchen deshalb auch bei kleinsten Aufgaben pädagogische Unterstützung..

siert ist. Ich möchte, dass du dich für mich interessierst, für meine Gefühle.

Hör mir schweigend zu: akzeptiere respektvoll, was ich sage und versuche es zu fühlen, auch wenn es für dich absurd klingt. Erspare mir die Mühe, dich überzeugen zu müssen. Überlass es mir, zu verstehen, was hinter meinen Gefühlen steckt.

Zuhörecke

Die Angst vor der Stille

Hör mir schweigend zu: du brauchst nichts tun, um mein Problem zu lösen. Ich möchte es selbst lösen, auch wenn ich noch nicht weiß wie. Warum glaubst du, ich wäre dazu nicht fähig?

Carla Leverato

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enn ich möchte, dass du mir zuhörst...

Hör mir schweigend zu: glaubst du wirklich, ich brauche gute Ratschläge? Ich möchte nicht, dass du mir sagst, was ich tun soll oder was gut für mich ist. Bist du wirklich sicher, dass du das beurteilen kannst? Hör mir schweigend zu: beginn nicht gleich, mir zu erzählen, was dir pas-

Hör mir schweigend zu: versuch nicht gleich, Erklärungen dafür zu finden, was mir passiert ist. In diesem Moment brauche ich keine Erklärungen. Hör mir schweigend zu: suche keine Rechtfertigungen, Entschuldigungen oder tröstende Floskeln. Ich würde mich schuldig fühlen und nicht verstanden. Hör mir schweigend zu: sag mir nicht, was du für mich tun möchtest. Warum glaubst du, dass ich das nicht selbst tun kann? Vergrößere nicht meine Angst oder mein Gefühl der Machtlosigkeit.

Hör mir schweigend zu: auch Gott ist stumm. Wenn du zu ihm betest, gibt er dir keine guten Ratschläge, er versucht nicht, Ordnung in dein Leben zu bringen. Er überlässt es dir, deinen Weg zu finden, deine Lösung zu finden, deine Antwort zu finden. Hör mir schweigend zu: Warum hast du so große Angst vor der Stille, dass du sie mit deinen Worten füllen musst? Wenn du mir schweigend zuhörst, werde auch ich dir zuhören.

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Rede mit uns...

Ist es sinnvoll, mit Kindern über psychische Erkrankungen zu sprechen? als Sie meinen; und je mehr Sie ihnen erzählen, desto besser können sie damit zurechtkommen. Sie können versuchen, etwas zu verstehen, wenn Sie es ihnen erklären; wenn man nicht darüber redet, kann das nicht der Fall sein. Das gilt genauso wie für alle Angehörigen. Die verstehen mich doch auch oft nicht! Martin Achmüller

Kindern von psychisch erkrankten Eltern von der Depression erzählen oder von einer Psychose – was soll das für einen Sinn haben? Es gibt mehrere Gründe dafür. Kinder dürfen von Problemen ihrer Eltern etwas erfahren, auch über gesundheitliche Schwierigkeiten. Auch bei einer Verletzung, einer Operation oder bei hohem Blutdruck redet man darüber. Aber doch nicht über psychische Probleme!? Gerade darüber: denn wenn man nicht spricht, verstärkt man erst recht das Tabu, verschlimmert die Vorurteile. Und darunter leiden Menschen mit psychischen Problemen überall. Aber ich kann doch nicht von meinen Stimmungsschwankungen, meinen Ängsten, meiner Verzweiflung reden? Wenn Sie eine gute, konsequente Therapie durchführen, dann werden Sie gerade darüber öfter reden wollen und müssen. Sie merken ja selbst, dass Sie besser Zugang zu Ihrem Inneren, Ihrer Seele, Ihren Gefühlen bekommen. Solche Gespräche erleichtern Ihnen den Umgang mit der Krankheit. Aber die Kinder sind doch keine Psychologen! Ich belaste sie ja nur damit, und sie können nichts anfangen mit meinen Schwierigkeiten! Sie können sicher sein, dass selbst kleine Kinder mehr davon mitbekommen, 14

Haben Sie wirklich ernsthaft über Ihre Gefühle, Ihre Sorgen, Ihr Empfinden gesprochen? Und gemeinsam darüber nachgedacht? Nicht mit Vorwürfen, mit Schuldzuweisungen, mit Jammern, sondern in einem ehrlichen Gespräch? Aber es wird doch keine Schuldzuweisungen geben bei Kindern!? Gerade Kindern gegenüber ist es wichtig zu betonen, dass sie keine Schuld an der Erkrankung haben. Dazu kann es hilfreich sein, wenn man ihnen – wie anderen Angehörigen auch – klar sagen kann, welche Situationen für Sie belastend sind oder was Ihnen in anderen Momenten gut tut, sei es Zuwendung, sei es in Ruhe gelassen zu werden. Ein ehrliches Gespräch über Wünsche und Bedürfnisse hilft beiden Seiten, den Kranken und den Angehörigen. Aber das ist ja auch mit anderen kaum möglich. Es ist immer dasselbe Thema, es sind immer die gleichen Überlegungen, die gleichen leeren Worte… Dann wird es Zeit für eine „Gesprächskultur“: eine Bitte um ein klares Ausdrü-

cken der Empfindungen, der Gefühle bei allen Beteiligten; es wird viel Zeit dafür brauchen, vielleicht auch eine außenstehende Person, die vermitteln kann… Und vielleicht sogar einmal ein paar Gedanken einfach niederschreiben, wie man es sieht, wie man es wünschen würde… Und wenn die Kinder noch klein sind? Auch denen kann man erklären, dass man oft traurig ist, keinen Schwung hat, unter Ängsten leidet, nicht zurecht kommt… Kinder haben Vertrauen zu ihren Eltern, sie werden sich recht leicht einfühlen können - wenn sie darüber reden können! Nur dann können Kinder (und andere auch) versuchen, sich mit der Lage auseinanderzusetzen. Wer von der Angst oder der Trauer nicht weiß, kann es nicht. Und wenn man nichts weiß, sondern nur ahnt, dann wird die Angst vor der Angst und vor der Trauer und vor der Verzweiflung erst recht entstehen. Und Jugendliche? Die sind ja selber „in Krise“. Die „Krise“ wird ganz sicher nicht kleiner, wenn geschwiegen wird. Wenn man über eine Problematik redet, dann begleitet man alle auf dem schwierigen Weg. Sie können eines sicher sein: wenn Sie als Eltern mit Ihren Kindern über Ihre „Schwäche“ (Ihre Empfindsamkeit, Ihre Verletzlichkeit…) reden, dann werden sie es garantiert als „Stärke“ im Umgang damit empfinden. Und Sie selbst werden sich dessen auch bewusst werden.

StützPunkt in schwierigen Lebenslagen Beratung & Information Di und Do 10.00 - 11.00 Uhr

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Vortragsabend in Kaltern

Wer stört, ist gesund?! Wer still bleibt, wird krank?!

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ind auffällige Kinder krank oder kämpfen sie um ihre Gesundheit? Die Gefahr der Gleichsetzung von Auffälligkeit und Krankheit stand im Mittelpunkt des Vortrags am 3. Dezember 2009 in Kaltern mit Herrn Dr. Ingo Stermann, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Landeskoordinator der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Südtirol. Dr. Stermann sprach über die zunehmenden Verhaltensstörungen und psychosozialen Problematiken bei Kindern und Jugendlichen, die sich nicht nur in Südtirol, sondern in allen Wohlstandsländern häufen. Er zeigte die beiden Seiten seiner fachärztlichen Klientel auf: wie einerseits Kinder und Jugendliche, die eigentlich mit hinreichend guten

Voraussetzungen für ein gesundes seelisches und körperliches Gedeihen auf die Welt kommen, dadurch auffallen, dass sie auf störende, kränkende, traumatisierende Einflüsse in einem ihrer Lebensbereiche Familie, Schule, Freizeit aktiv und oft spiegelbildlich reagieren, dadurch aber in den anderen Bereichen als störend erlebt werden. Andererseits zeigte er auf, wie eine bloß passive Anpassung an solche Lebensbedingungen oder die Verleugnung und Ablehnung von gegebenen Problemen, Schwächen oder Krankheiten letztendlich zu manifesten krankheitswertigen Störungen oder zu Problemverstärkungen führt.

und „normal-verrückt“ in ein verwirrendes „Bäumchen-verwechsel-dichSpiel“ aus dem, laut Stermann, nur diejenigen herausfinden, die akzeptieren, dass es weder Gesundheit noch Krankheit in Reinform gibt, und dass alles, was anders und verrückt zu sein scheint, doch immer mit dem ganzen Menschsein zu tun hat und auch im eigenen Leben Platz finden kann und darf. Weniger Angst vor dem „Anderen“ lässt das „Selbst“ wachsen.

Dabei geraten die scheinbar so klar voneinander abgegrenzten begrifflichen Gegensätze „gesund-krank“

Kongress: The Forgotten Children - die vergessenen Kinder EUFAMI Ortsgruppe Kaltern

Delegierte aus 25 europäischen Ländern unterstützen diese Erklärung des EUFAMI-Kongresses in Vilnius, Litauen, am 26. und 27. November 2009. inder von Eltern mit psychischen Krankheiten tragen schwere Lasten, die sie nicht alleine tragen können. Auf lange Sicht neigen sie zu Problemen in ihrer Gefühlswelt und im sozialen Verhalten und können üblicherweise kaum in der Behandlung mitreden. Deshalb brauchen sie und ihre Familien sowohl eine kontinuierliche Unterstützung von professionellen Begleitern aus dem Gesundheits-, Sozial- und Schulbereich als auch ein Verständnis für ihre Situation in ihrem Umfeld. Die zur Verfügung stehenden Dienste sollten die gesamte Familie im Auge behalten, und zwar nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch z.B. die

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Großeltern, die zum Teil die Elternrolle übernehmen können. Die Unterstützung muss frühzeitig starten, schon vor der Geburt eines Kindes, und bis in die Adoleszenz reichen; besonderes Augenmerk kommt dem ersten Lebensjahr zu. Die Ziele müssen sein, den Eltern zu helfen, ihre Elternfähigkeiten trotz ihrer psychischen Krankheit zu entwickeln, die Familien zusammenzuhalten und zu verhindern, dass Kinder aus ihrer „natürlichen“ Heimat herausgenommen werden. Auch Menschen mit psychischen Krankheiten können ohne weiteres gute Eltern sein, wenn man ihnen die richtige Hilfe kontinuierlich anbietet. Dies kann sowohl eine Unterstützung durch Fachkräfte bedeuten als auch eine Hilfe für die Alltagsaufgaben. Eltern mit psychischen Krankheiten haben die gleichen Rechte wie alle anderen. Besonders sollten sie es

Kindergarten Kaltern/Schulhaus

nicht zulassen, stigmatisiert zu werden oder sich als Eltern schuldig zu fühlen. Es ist Aufgabe der Politik und der Gesellschaft, das Bewusstsein und das Verständnis für psychische Erkrankungen und die Sensibilität für Betroffene zu verbessern. Dieser erweiterte Zugang erfordert eine Zusammenarbeit zwischen Menschen in verschiedenen Organisationen (Schulen, Kinderbetreuungsstätten, Familienorganisationen, Gesundheitsdienste), um den Kindern psychisch Kranker die Unterstützung und die Hilfe zu geben, die sie brauchen, um als Kinder aufwachsen zu können, ohne die geringste Einschränkung ihres individuellen Entwicklungspotentials. Die Regierungen und öffentlichen Stellen, sowie wir alle sind aufgefordert, bei uns vor Ort die Probleme anzugehen, die uns diese vergessenen Kinder aufzeigen. 15


SELBSTHILFE

Welttag der psychischen Gesundheit - 10. Oktober 2009

Normalität wird überbewertet

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s war eine Gemeinschaftsaktion von öffentlichen Institutionen und privaten Verbänden aus dem gesundheitlichen und sozialen Bereich. Schien irgendwie normal zu sein. Normal war das bisher nicht. Und auch nicht normal, dass öffentliche Dienste mit kulturellen Angeboten auf sich aufmerksam machen, ihre Dienste und Hilfen zum Wohle der „erkrankten“ Menschen anpreisen (müssen). Gut daran war sicherlich, dass durch eine wirklich starke Medienpräsenz der Bürger informiert wurde. Informiert, um im eigenen Bedarfsfall zu wissen, an wen er sich wenden kann. Informiert, dass es überhaupt psychisches Leiden gibt, dass es Teil unserer menschlichen Existenz ist. Hat es aber zum Abbau des Stigmas beigetragen, zur Verminderung der negativen Einstellung gegenüber psychisch erkrankten Menschen?

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Wurden dadurch Ausgrenzung und Isolation der betroffenen Menschen vermindert? Verheimlichen sie ihre Erkrankung weiterhin aus Angst vor Distanzierung und Ablehnung durch die Mitmenschen und aus Scham, den „Stempel“ aufgedrückt zu bekommen? Neben Aufklärung und Information ist der persönliche Kontakt zu den betroffenen Menschen von zentraler

Bedeutung. Psychische Erkrankungen sind besonders stark verknüpft mit individuellen Lebensgeschichten. Gerade am Welttag muss den Angehörigen und Betroffenen Raum und Stimme verliehen werden. Es lohnt sich, mehr über diese Geschichten zu erfahren, um eine andere Sichtweise zu bekommen, die den Zugang zum Menschen (auch zum „normalen“) öffnet.


Selbsthilfe_03-2009