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SELBSTHILFE

Verband Angehรถriger und Freunde psychisch Kranker

LEBENSWERTES LEBEN

WELTTAG DER PSYCHISCHEN GESUNDHEIT


SELBSTHILFE

IMPRESSUM

Inhaltsverzeichnis

Editorial

Seite

3

Lebenswertes Leben

Seite

4

Jeden Menschen, so wie er ist, in seiner Würde und Freiheit respektieren

Seite

5

Interview

Seite

6

Mit psychisch Kranken leben

Seite

7

Zuhörecke

Seite

9

Rede mit uns...

Seite

9

Welttag der psychischen Gesundheit

Seite 10

Wo stehen wir heute?

Seite 12

Die Präsidentin Siglinde Jaitner trifft Landesrat Richard Theiner

Seite 12

Tagung: „Wie Selbsthilfe wirkt was Selbsthilfe braucht“

Seite 13

Pflegesicherung

Seite 15

Dritteljährliche Informationsschrift des Verbandes Angehöriger und Freunde psychisch Kranker Eintragung beim Tribunal Bozen: Nr. 17/95 R. St. vom 3.7.1995 Herausgeber: Verband Angehöriger und Freunde psychisch Kranker G.-Galilei-Str. 4/a 39100 Bozen Tel. 0471 260 303 Fax 0471 408 687 info@selbsthilfe.it www.selbsthilfe.it Verantwortlich für den Inhalt: Prof. Carla Leverato Redaktion: Martin Achmüller, Lorena Gavillucci, Margot Gojer, Laura Kob, Carla Leverato Übersetzung: Martin Achmüller, Carmen Premstaller, Lorena Gavillucci, Margot Gojer, Carla Leverato Bilder: Archiv, Martin Achmüller, Massimo Bernardo, Luca Dell‘Antonio, Margot Gojer

Am 25.09.2008 starb

Helmut Falkensteiner. Er war ein Pionier des Sozialwesens in Südtirol: als Leiter des Katholischen Bildungswerks, als Präsident des Familienverbandes, als Gründungsmitglied des Eltern-Kind-Zentrums und in den letzten Jahren mit seinem Einsatz für Menschen mit psychischen Problemen. Für diese baute er den „Bartgaishof“ als Struktur mit auf. Ein großes Vergelt’s Gott, Helmut! Vielen wirst du in guter Erinnerung bleiben



Layout: Carmen Premstaller Druck: Karo Druck, Frangart Die Redaktion dankt allen, die durch verschiedene Beiträge zur Veröffentlichung dieser Ausgabe beigetragen haben. Sie behält sich das Recht vor, Kürzungen an den Texten vorzunehmen. gefördert von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol Assessorat für Sozialwesen

gefördert von der Stadtgemeinde Bozen


EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser! Carla Leverato sie sich der Einheit von Körper und Seele bewusst war. Wenn die Seele leidet, ist auch der Körper beeinträchtigt, und umgekehrt lässt ein kranker Körper genauso die Seele leiden. Darum gefällt es mir nicht, als „zu behandelndes Organ“ betrachtet zu werden anstatt als leidender Mensch. Ich habe bei mir selbst und bei kranken Freunden miterlebt, wie sehr ein Lächeln, ein aufmerksames Zuhören, ein aufmunterndes Wort des Arztes so etwas wie eine „Vertrauensspritze” waren, die meine Zuversicht und so auch meine Heilung gestärkt haben – neben der rein medizinischen Behandlung der Krankheit.

S

ehnsucht nach der „guten alten Zeit” habe ich kaum einmal. Nur eines geht mir sehr ab: dass die Medizin früher anders war und insbesondere die Art der Ärzte, mit den Kranken umzugehen. Es tut weh, wenn die Menschen, die sich um dich kümmern sollen, dir nicht richtig zuhören – noch mehr trifft es jene, die zerbrechlich und ausgegrenzt sind: Menschen mit psychischen Problemen und Menschen, die im Sterben liegen. Ich erinnere mich an eine „humane” Medizin, die den ganzen Menschen im Auge hatte und behandelte, weil

Manche neue Errungenschaft der Medizin erschreckt mich, wenn man damit dem Allmachtswahn verfällt, Leben um jeden Preis verlängern und den Tod hinausziehen zu können, meistens auf Kosten der Menschenwürde. Für diese Ausgabe haben wir einigen Personen die Frage gestellt, wie die Ärzte auf sie als Patienten mit ihren Rechten eingegangen sind. Es geht ganz klar hervor, wie hilfreich und tröstlich es ist, wenn man sich angenommen oder verstanden fühlt oder, dass andernfalls das Leiden verstärkt wird. Nie wurde das fachliche Wissen

des Arztes in Zweifel gestellt, sondern ausnahmslos die Fähigkeit des Kommunizierens oder des „Mensch-Seins”. Welchen Umgang sich kranke Menschen bei der Pflege von Angehörigen oder anderen Personen wünschen, bringt uns Martin Achmüller in einem ansprechenden Brief nahe. Dr. Massimo Bernardo schreibt in seinem Artikel nicht theoretisch über Rechte und Würde des Kranken, sondern berichtet, wie man sie in seiner Abteilung für Palliativmedizin im Krankenhaus Bozen effektiv umsetzt. Nicht umsonst wurde diese Abteilung von einer Tageszeitung als Aushängeschild des Gesundheitswesens in Südtirol bezeichnet. Wer einmal dort einen Kranken besucht, kann sich davon überzeugen. Es geht uns nicht um eine Schuldzuweisung einer mangelhaften Kommunikation (in diesem Fall an die Ärzte). Gerade weil wir um die Schwierigkeiten eines „guten Gesprächs” wissen, beginnen wir in dieser Ausgabe mit zwei neuen Rubriken: „Zuhörecke” und „Rede mit uns“. Sie sollen uns helfen, eine verständnisvolle Beziehung zu den Menschen aufzubauen, die uns nahe stehen. Je näher uns eine Person ist, desto leichter schleichen sich Fehler ein .

ZUHÖREN E I N E „TAT K R Ä F T I G E “ M Ö G L I C H K E I T ZU ÄNDERN Z U WAC H S E N ZU HEILEN Geben wir dieses Geschenk weiter! MIT DEN BESTEN WÜNSCHEN FÜR EIN FREUDVOLLES WEIHNACHTEN




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Lebenswertes Leben

nach einem Artikel von Massimo Bernardo, frei übersetzt von Martin Achmüller

I

n den letzten Jahrzehnten gab es große Entdeckungen in der Medizin. Das Leben kann verlängert, der Tod hinausgezögert werden. Der Organersatz hat große Probleme gelöst und zugleich viele ethische oder moralische Fragen aufgeworfen - Fragen nach Lebenswürde und Lebensqualität. Eine mehr und mehr technik-orientierte Medizin verliert den Menschen aus den Augen. Selbst das Lebensende, das früher eher im Familienkreis erlebt wurde, wird zunehmend Teil einer medizinischen Versorgung, die ohne Bezug zu Angehörigen oder Kranken abläuft. Die kalte, lebensfremde Technologie erschreckt den Kranken; er denkt wieder an sein Recht zu sterben. Diskussionen über Behandlung „um jeden Preis” und über Euthanasie zeigen auf, dass es nicht mehr um einen gemeinsamen Kampf von Arzt und Patient zur Reduzierung des Leidens geht. Doch gerade in der Auseinandersetzung mit der Krankheit wird der Mensch schwach und hilflos und braucht Nähe, Mitgefühl, Begleitung, „Aufgehoben-Sein”. Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung von lebenswertem Leben. Also liegt die Entscheidung 

über eine Behandlung beim Patienten selbst. Der eine wird alles versuchen (lassen), der andere möchte vielleicht (endlich) in Ruhe sterben. Die Entscheidungsfreiheit liegt beim Einzelnen, sein Entschluss muss respektiert werden. Dies ist in der Verfassung und im ärztlichen Verhaltenskodex klar ausgedrückt. Auch die europäische Konvention zum Schutz der Kranken spricht von der Zustimmung zur Behandlung und dem jederzeit möglichen Widerruf. Schwieriger wird es, wenn der Betroffene seinen Willen nicht mehr mitteilen kann. Dann muss man sich daran orientieren, was der Kranke früher geäußert hat. Dies ist Thema bei verschiedenen Gesetzesvorlagen. Man wird noch lange diskutieren, bis man eine Lösung findet, die sowohl der medizinischen Versorgung als auch der Situation des einzelnen Kranken gerecht werden kann. Lebensverlängernde Maßnahmen können leicht das Wohlbefinden des Kranken außer acht lassen. Wer darauf verzichtet, entscheidet sich nicht für den Tod, sondern für seine eigene, persönliche Art, mit der verbleibenden Lebenszeit umzugehen. In jedem Fall haben der Kranke und seine Angehörigen das Recht auf eine kompe-

tente medizinische Betreuung. Zahlreiche Vereinigungen haben in den letzten Jahren zahlreiche Schriften verfasst über die Rechte des Kranken, des Sterbenden, des alten Menschen, über sinnlosen Schmerz... – im Alltag brauchen die Kranken weniger das Recht auf freie Entscheidung als vielmehr Trost und Aufgehobensein in der Auseinandersetzung mit der Krankheit und ihren vielen Fragen. Das kommt klar zutage bei den Palliativbehandlungen. Auf Pflege angewiesen sein, bedeutet nicht einen Verlust der Menschenwürde. Diese steht und fällt damit, wie wir miteinander umgehen. Lebenswert bleibt das Leben, wenn wir mit dem anderen in Kontakt bleiben, den Alltag gemeinsam durchstehen, niemand aus unseren menschlichen Beziehungen ausgrenzen. Die Pflege eines Sterbenden besteht nicht in einer Technologie der Lebensverlängerung. Deshalb werden immer mehr Stimmen laut, die vom „Recht auf Sterben” sprechen. Sie werden erst dann verstummen, wenn Palliativmaßnahmen ihren Raum finden, mit denen nicht die Krankheit behandelt wird, sondern der Mensch – mit Rücksicht auf seine seelischen Bedürfnisse, seine persönlichen Wünsche, seine Vorstellung von einem „lebenswerten Leben”. Dem Kranken und erst recht dem Sterbenden vermittle ich so, wie ich ihm gegenüber bin, welchen Wert ich seinem Leben gebe.


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Jeden Menschen, so wie er ist, in seiner Würde und Freiheit respektieren

M

it dem Gesetz Nr. 180, welches die Psychiatrie in Italien reformierte, war es möglich, alle öffentlichen Irrenanstalten, in denen bis zu 100.000 Menschen eingesperrt waren, zu schließen. Doch auch 30 Jahre später gibt es immer noch sehr viele Unterschiede zwischen den Regionen; in vielen Abteilungen für psychische Gesundheit sind die bestehenden Zustände verbesserungsbedürftig. Aus diesem Grund haben 17 nationale Organisationen ein MANIFEST MIT 10 GRUNDLEGENDEN PUNKTEN ausgearbeitet, wofür in ganz Italien Unterschriften gesammelt wurden. Das Manifest soll der italienischen Regierung, den Institutionen und den Bürgern unterbreitet werden. In Südtirol konnten mit Unterstützung der Sozialsprengel im ganzen Land, der Zentren für psychische Gesundheit und einiger anderer Strukturen 232 Unterschriften gesammelt werden. Kampf gegen das Stigma Stigma und Vorurteile kommen vom Unwissen. Man kann sie bekämpfen, wenn die Gesellschaft sich den Themen der psychischen Gesundheit bewusst und verantwortlich stellt. Jeder kann in seinem Bereich durch Ausbildung und Information die Akzeptanz, das Verständnis und die Solidarität verbessern. Beginn der Behandlung mit Hoffnung auf Genesung Grundlegend dafür sind qualifizierte Dienste für die psychische Gesundheit (die rund um die Uhr zur Verfügung stehen), eine qualifizierte Behandlung sowie die aktive Mitarbeit der Betreuten und der Betreuer. Man kann und muss behandeln, ohne jemand im Stich zu lassen, noch jemand zu demütigen..

Recht auf Information und Zustimmung Die Betreuten sollen die verschiedenen Wege zur psychischen Gesundheit kennen und der jeweiligen Behandlung (auch medikamentös) frei und bewusst zustimmen können. Alle Menschen haben Anspruch auf ihre persönlichen Rechte, auch wenn sie zeitweise nicht dazu in der Lage sind. Verbot der Freiheitseinschränkung und Kontrolle des Medikamentenmissbrauchs Immer noch reagiert man auf die verschiedenen Formen der Krankheit und die vielfältigen Bedürfnisse der Patienten in psychiatrischen Abteilungen damit, dass man Menschen anbindet, einsperrt und mit hohen Dosen von Psychopharmaka ruhig stellt. Zwangsmaßnahmen missachten die Menschenrechte, da sie die Freiheit und Würde des Einzelnen verletzen. Die Freiheit des Menschen muss überall respektiert werden. Zwangseinweisungen Sie sind nur im Notfall im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften anzuwenden und müssen auch dann die Würde der Person respektieren. Als medizinische Maßnahme sind sie durch medizinisches Personal durchzuführen. Jeder Missbrauch muss strafrechtlich verfolgt werden. Wohnmöglichkeiten Dringend durchzuführen ist eine ernsthafte Bestandsaufnahme aller Strukturen, in denen Menschen mit psychischen Problemen untergebracht werden (auch mit den Kriterien Zwangsunterbringung und/oder Langzeitaufenthalte). Die Unterbringung und Versorgung in kleinen Wohngemeinschaften, die möglichst einer normalen Wohnung entsprechen, sollen geplant und umgesetzt werden. Die jeweilige Betreuung wird an die persönlichen Bedürfnisse an-

gepasst. Außerdem sind „geschützte Wohnungen“ vorzusehen und zu realisieren. Ausbildung des Personals Die Konferenz von Helsinki über die psychische Gesundheit in Europa spricht von „kompetenten und leistungsfähigen Mitarbeitenden“. Das Wissen, das in der Ausbildung vermittelt wird, beruht weiterhin fast ausschließlich auf biologischen Fakten; der Umgang mit psychiatrischen Patienten in der Gemeinschaft wird außer Acht gelassen. Starre Sichtweisen verkennen den gesundheitlichen, sozialen und menschlichen Aspekt der psychischen Störungen. Endgültige Auflassung der psychiatrischen Strafanstalten Da auch die medizinische Betreuung in den Strafanstalten auf den nationalen Gesundheitsdienst übertragen werden soll, haben die Regionen und die Abteilungen für Psychiatrie grundlegende Aufgaben und Verantwortung in der Behandlung von straffällig gewordenen psychiatrischen Patienten. Dadurch kann man endlich die psychiatrischen Strafanstalten auflassen. Unterstützung von Sozialverbänden und -genossenschaften Besonders intensiviert werden soll die Unterstützung jener Verbände, die in Zusammenarbeit mit den psychiatrischen Abteilungen Heilungsprozesse und soziale Wiedereingliederung der Menschen mit psychischen Problemen ermöglichen, in erster Linie „Sozialgenossenschaften vom Typ B“, die sich um Arbeitseingliederung bemühen. Entmündigung und Sachwalterschaft Das Gesetz über Entmündigung muss abgeschafft werden. Die Sachwalterschaft (mit zeitlicher Begrenzung!) muss verstärkt eingesetzt werden. 


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mir sst es he, a p brauc um e r t t n n t e e ikam s stör Im Z d E e . M n e eh och , a ich n thin g ch stört es r D o . d t h r i nic eite uss; m aber w m h äre ich n c e i w t r s s l a s a w mu et, ch ir red enn i m w t i , h m d. mic rzt es Kin der A n i n e l n k e w ein

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Hast du dich

ernst genommen gefühlt? Mehr

Vertrauen entsteht, wenn...

Ich hatte nicht solches Glück - zwei negative Erfahrungen, zuerst mit einer Neurologin, dann mit einem Psychiater im Zentrum; dort wussten zu meinem Entsetzen bald alle von meinen familiären Problemen. In Bad Bachgart traf ich endlich auf einen Psychologen, der mir sehr geholfen hat. Von ihm fühlte ich mich verstanden, akzeptiert, aufgefangen… das richtige „feeling“...

Mir ging es oft schlecht, aber richtige Hilfe habe ich selten erfahren: sie erzeugten Schuldgefühle in mir, hatten kaum Zeit, gaben mir keine Erklärungen. Ich wusste nichts über die Medikamente, ihre Wirkung, ihre Nebenwirkungen, wie lange ich sie nehmen sollte, und vor allem wusste ich nicht, woran ich erkrankt war und warum. Mindestens verstanden sie mein Leiden, meine Sensibilität und Verwundbarkeit. Ich war darauf angewiesen, dass man mir zuhörte und mich mit Vorsicht behandelte. Da ich mich an meinen Zustand gewöhnt hatte, brauchte ich jemand, der mir zu verstehen gab, dass es nicht ein Normalzustand, sondern eine Krankheit war.



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Mit psychisch Kranken leben Martin Achmüller

D

as Leben mit einem psychisch Kranken ist eine große Belastung - aber bitte glaube mir: für mich, den psychisch Kranken, mindestens genauso! Du kommst mit mir nicht leicht zurecht – ich mit mir auch nicht. Ich habe es mir nicht ausgesucht, und auch ich leide darunter. Mit dieser Einleitung bitte ich dich um Verständnis für die vielen schwer verständlichen Begebenheiten, Momente, Reaktionen, Aussagen, Verhaltensweisen…, die du an meiner Seite oft durchmachen musst. Auch für

mich sind sie fast immer unverständlich. Oft ist mir zum Weinen; manchmal gelingt es mir auch. Aber bitte verlange nicht von mir, dass ich danach nicht mehr traurig oder verzweifelt bin. Oder kannst du deine Gefühle ganz einfach „abschalten“? (nach der Art: „Jetzt hör doch endlich auf, dich zu freuen!“)

meiner Situation arbeiten soll, wo ich Abstand brauche. Bitte verwechsle nicht Ursache mit Schuldzuweisung! Und selbst wenn ich dir sage, dass du mit deinem Verhalten manchmal beigetragen hast, so ist dies nicht eine Anklage, sondern eine ehrliche Stellungnahme mit der Bitte, einzelne Verhaltensweisen oder Aussagen zu ändern. Ich weiß, dass es schwer ist, sich zu ändern, aber bitte glaube mir, dass manche (gut gemeinten) Sätze mir sehr weh tun, mich noch mehr in meine Verzweiflung stürzen können. (Einige davon sind auf der nächsten Seite angeführt; wenn du willst, kannst du sie mit mir durchsprechen, und ich werde dir meine Sichtweise, meine Empfindung darlegen). Lass dann bitte meine Meinung einfach so stehen, ohne zu widersprechen, ohne deine gute Absicht zu erklären. Versuch bitte zu verstehen, dass meine Gefühle eben oft anders sind als deine! Die ganz banalen Freuden

Es gibt Menschen, die ihren Ausgleich vom Alltag suchen, indem sie möglichst viel unternehmen. Bitte gestehe mir zu, dass ich meine Ruhe viel leichter finde, wenn ich nicht von Aktivität zu Aktivität eile, sondern wenig unternehme! Beschäftigung kann ablenken, manchmal auch verdrängen. Ich habe gelernt, dass ich den Alltag nicht mehr verdrängen will. Ich muss ihm ins Auge schauen, damit ich besser damit umgehen kann.

Auf einen ganz großen Unterschied will ich dich hinweisen: psychisch gesunde Menschen empfinden öfters Freude daran, sich nett anzuziehen, einen Tisch oder ein Zimmer zu schmücken, ein Essen schön herzurichten… manchmal tun sie es für andere, ein kleines bisschen aber auch (Gott sei Dank!) für sich selbst. Bei mir ist es leider fast immer so, dass ich dieses Gefühl nicht in mir habe. Du leidest darunter, weil dir meine Aufmerksamkeit für dein Bemühen fehlt; ich leide darunter, dass der Schmuck, die Atmosphäre… mich kaum berühren, mich nicht erfüllen. Das realisiere ich in den seltenen Augenblicken, in denen mein Herz dafür offen ist. Ich lebe fast immer in einer anderen (Gefühls-)Welt.

Mit mir reden

Eine andere Welt

Ich habe gelernt, nach Ursachen für meine dunklen Gedanken zu suchen; dann kann ich besser verstehen, wo ich aufpassen muss, wo ich an mir und

Dort sind manche Sachen anders. So ist z. B. der Satz: „Mir geht es gut, wenn es dir gut geht“ von dir sicher gut gemeint. Mich entmutigt er. Er

Ruhe als Ausgleich

macht mich noch hilfloser: ich will keineswegs meine Gefühlsarmut dir aufbürden, und ich kann nicht Verantwortung für dein Gefühlsleben übernehmen. Oder der Satz: „Du musst selber gesund werden (wollen)“: stell dir bitte vor, du hast ein Bein gebrochen und in Gips! Wenn ich dir dann dazu sage: „Du nützt es ja aus, dass du überall hin gefahren werden willst!“ oder: „Immer müssen wir nur auf dich Rücksicht nehmen!“ - was geht dann in dir vor? Der Unterschied zu einer „gebrochenen Seele“ liegt darin, dass ich Wochen brauche, bis ich wieder mit der üblichen Kraft und Geschicklichkeit gehen kann, meine Seele aber Jahre braucht bis zur Genesung. Fassaden Ich baue Fassaden auf, um überleben zu können - Fassaden gegen die Außenwelt mit ihren häufigen Ersatzfreuden, ihrer scheinbaren Anteilnahme, ihrer gespielten Freundlichkeit, ihrer geschäftigen Unruhe, ihrem konstanten Zeitmangel, ihren meist leeren Parolen. Ich schütze mich mit dieser Fassade, damit man meine Verzweiflung nicht sieht. Bei sehr wenigen Menschen wage ich es, diese Fassade zur Seite zu rücken. Du gehörst dazu. Manchmal öffne ich mich; dann kannst du hineinschauen in meine tiefe Dunkelheit. Dann habe ich eine einzige, ehrliche, tiefe Bitte: nimm meine Gefühle wahr, lass sie sein, streite sie mir nicht ab – wenn du meine Gefühle ablehnst, weil du sie als nicht wahr empfindest, dann lehnst du mich ab. 


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HÄUFIGE AUSSAGEN

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Jetzt hör doch auf mit deiner Trauer!

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Beratungsangebote: Jeden Montag Einzelgespräche für Angehörige und Betroffene im Vinschgau Im Krankenhaus von Schlanders (1. Stock, Zimmer 1006) werden jeden Montag von 17:00 – 19:00 Uhr kostenlose Einzelgespräche für Angehörige und Betroffene angeboten. Für die Einzelgespräche ist eine Anmeldung erbeten. Nähere Informationen bei Ingeborg Forcher, Tel. 0473 624 558.



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Zuhörecke Carla Leverato

E

s ist Sommer. Ich sitze in der Bar, in der ich immer meinen Kaffee trinke und die Zeitung lese. Etwas entfernt von mir bemerke ich eine Frau, deren Gesicht großes Leid widerspiegelt. Sie ist den Tränen nahe. Ihr Körper wird von lautlosen Schluchzern geschüttelt. Die Besitzerin der Bar kommt zu mir und spricht von ihrer Sorge um die Frau, aber auch vom Wunsch, ihr zu helfen oder zumindest den Schmerz und die Verzweiflung der Frau ein wenig zu lindern. Sie weiß, dass die Frau seit längerer Zeit an Depressionen leidet. Niemand weiß, was man tun kann. Die Freundinnen haben sich zurückgezogen, einfach weil sie sich verlegen und hilflos fühlen, da es ihnen nicht gelang, die Mauer der Verzweiflung zu durchbrechen, hinter

die sich ihre Freundin geflüchtet hat. Es sieht so aus, als wolle (oder könne!) sie mit niemandem reden. Immerhin schafft sie es, jeden Tag aus dem Haus zu gehen, ihre Einkäufe zu erledigen und auch in der Bar vorbeizukommen. Ich überlegte tagelang, wie man dieser Frau helfen könnte. Schließlich fragte ich mich, was ich mir in einer solchen Situation von den anderen wünschen würde. Da erinnerte ich mich, wie vor vielen Jahren das einfache Da-Sein eines Menschen, eine leichte Berührung mir in einer Zeit großen Schmerzes half, mich nicht mehr allein zu fühlen. Und dann fiel mir noch ein, wie weh mir leere Worte taten, Höflichkeitsfloskeln, die mich trösten sollten... Gerade in schlechten Zeiten sind unsere Antennen dafür sehr sensibel. Ich verstand, dass in

Wirklichkeit niemand bei mir bleiben wollte. Alle hatten Angst vor meinem seelischen Schmerz und hielten die Stille eines geteilten Schmerzes nicht aus. Mit leeren Worten verdecken wir oft, dass wir nicht wissen, wie wir mit Leidenden umgehen sollen. Dabei vergessen wir uns selbst, unsere einfache Anwesenheit, einen Blick, eine Umarmung, ein Innehalten..., wodurch wir den Schmerz gemeinsam leichter ertragen. Wie möchtet ihr, dass die anderen sich euch gegenüber verhalten, wenn ihr Schmerzen oder Angst habt oder verzweifelt seid? Und wozu könnt ihr euch aufraffen, wenn ihr jemandem begegnet, dem es schlecht geht?

Rede mit uns... Martin Achmüller Weihnachten naht. Meiner Schwester (wegen einer Depression in Behandlung) geht es wieder einmal wesentlich schlechter. Wenn die Wärme des Sommers vergeht, wenn es im Herbst früher dunkel wird, geht es vielen Menschen so: sie spüren das Bedürfnis nach Wärme und Licht, wenn auch oft unbewusst. Das kann bei Menschen mit Depressionen sehr leicht das Gefühl der fehlenden Geborgenheit, der Kälte, der Ängste, der Hoffnungslosigkeit verstärken. Aber um Weihnachten feiert man doch miteinander, vergisst am ehesten den Alltag…, da sollte doch viel eher Freude aufkommen?

…gerade sensible Menschen spüren die große unerfüllte Sehnsucht nach einer Freude, die nicht nur wegen des Festes äußerlich gezeigt wird, sondern von innen heraus erfüllt und wärmt…

ist, kann sie die Botschaft vom Frieden nicht erwecken.

Aber wir spielen doch nicht alle nur Weihnachtsfreude vor!?

Wie kann ich besser dafür sorgen, dass meine Schwester in dieser Zeit nicht noch mehr hinuntergezogen wird in die Dunkelheit, die Enttäuschung, die Verzweiflung?

Ich denke, es ist für viele ein Moment, in dem sie endlich „Zeit für zwischenmenschliche Freude“ haben, wenn auch leider oft unter Zeitdruck. Empfindsame Menschen spüren leicht, dass etwas fehlt, was in die Tiefe geht. Ganz innen drin merken sie, dass eine solche äußerliche Freude auf schwachen Beinen steht, sehr leicht zusammenfallen kann. Echte innere Freude ist stabiler, lässt sich aber nicht „auf Knopfdruck“ einplanen. Wenn die Hoffnung erfroren

Bitte nehmen Sie vor allem ernst, was Ihre Schwester sagt! Vielleicht können Sie sie zu einem Gespräch ermutigen – mit Ihnen, in einer Selbsthilfegruppe oder in der Psychotherapie. Wenn sie reden will, dann hören Sie ihr einfach zu. Schenken Sie Ihr Zeit, Nähe und Verständnis: Freude lässt sich nicht „einschalten“ (genauso wenig wie Trauer). Möglicherweise hilft auch eine kurze Erhöhung der Medikamentendosis. Aber vor allem: die Gefühle Ihrer Schwester sind wahr! 


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Welttag der psychischen Gesundheit Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen, Ansprüche zu realisieren, wie sie auch jeder Gesunde hat Harald Tappeiner

E

inige psychische Krankheiten zeichnen sich - über das Leid des Kranken und seiner Angehörigen hinaus - auch heutzutage durch oft lange Dauer und erhebliches Rückfallrisiko aus und gehören zu den häufigsten Krankheiten überhaupt. Psychiatrische Dienste in Südtirol haben sich in den letzten Jahrzehnten zu Behandlungszentren mit differenzierten Behandlungsangeboten entwickelt. Unser System der gesundheitlichen Versorgung psychisch erkrankter Menschen steht jedoch nach sichtbaren positiven Entwicklungen weiterhin vor großen Herausforderungen. Der Anspruch des gesunden Menschen auf selbstbestimmte soziale Teilhabe und Unabhängigkeit wird auch heute durch psychische Krankheit oft erheblich beeinträchtigt, ja manchmal auch zunichte gemacht. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die psychische Krankheit früh beginnt und den jungen Menschen vor Abschluss seiner beruflichen Etablierung trifft oder wenn lange Dauer oder häufige Rückfälle zum Verlust des Arbeitsplatzes und zu sozialer Diskriminierung oder gar zu Hilfsbedürftigkeit und völliger Abhängigkeit von anderen führen. Durch umfassende Unterstützung bei der Überwindung seiner Krankheit sowie im Umgang mit ihr und ihren Folgen sucht die moderne Psychiatrie dem psychisch Kranken dabei zu helfen, Ansprüche zu realisieren, wie sie auch jeder Gesunde hat. Damit ist neben dem Anspruch des psychisch Kranken auch der Anspruch der modernen Psychiatrie genannt. Insbesondere können akute psychische Krisen und Erkrankungen - so wie auch sonst in 10

der Akutmedizin - heute kurativ entsprechend behandelt werden. Auch versucht die wirksame und deshalb heute als Standard angesehene Kombination von medikamentösen, psychotherapeutischen und rehabilitativen Interventionen Rückfällen und auch deren Chronifizierung (beide sind bei psychischen Krankheiten häufig) vorzubeugen. Leider ist die Therapie jedoch nicht in allen Fällen und nicht immer in ausreichendem Maße erfolgreich und wird folglich von einzelnen PatientInnen und deren Angehörigen als nicht zufrieden stellend erlebt. Erst recht kann die Psychiatrie anhaltende erlebte „Behinderungen“ noch nicht so kompensieren, dass der Mehrheit dieser psy-

chisch Kranken eine selbstbestimmte soziale Teilhabe gelingt. Deshalb gehört es zum Anspruch der Psychiatrie, durch vollständige Umsetzung des be-

reits bekannten Wissens in die Praxis die Versorgung und damit die Situation der psychisch Kranken weiter zu verbessern. Eine besondere Rolle spielt dabei, wie wir dem psychisch Kranken in seiner Auseinandersetzung mit der Krankheit, ihrer Dauer und ihren Folgen - kurz in seinem Kranksein in einem institutionell und territorial vielfältig gegliederten System komplementärer Einrichtungen zwischen stationärer und ambulanter Behandlung beistehen. Schließlich ist Teil dieses Anspruches, über das Erscheinungsbild, das Ausmaß und aktuelle Behandlungsmöglichkeiten sowie die gesellschaftlichen Folgen psychischer Krankheit zu informieren, um gesellschaftlicher Diskriminierung entgegenzuwirken. Um den Anspruch der Psychiatrie auf Optimierung und weiteren Ausbau der Versorgung psychisch erkrankter Menschen auch in Südtirol weiter durchzusetzen, braucht es auch zukünftig konstruktive wirklichkeitsbezogene Ideen und Konzepte und persönliches Engagement. Wir müssen weiterhin konkrete Ziele und realitätsorientierte Problemlösungen an alle den Wirkungsraum der Psychiatrie bedingenden gesellschaftlichen Kräfte herantragen, um die tatsächlichen Schwierigkeiten in unserer Wirklichkeit so zu überwinden, dass dem Anspruch der psychisch Kranken auf selbstbestimmte soziale Teilhabe und qualitativ hochwertige Behandlung auch in Zukunft ausreichend Rechnung getragen wird.


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Kunst der Bewegung Stefania Tardio

Fotos: Luca Dellantonio

D

er 10. Oktober war der Welttag der psychischen Gesundheit. In den Tagen zuvor zogen sechs „außergewöhnliche“ Gestalten durch die Straßen der Stadt Bozen… Der Wunsch, den Welttag der psychischen Gesundheit gemeinsam mit den Bürgern zu verbringen, hat uns zusammengebracht. Der Wunsch, mit den Bürgern in Kontakt zu kommen, hat uns dazu getrieben, durch die Straßen der Stadt zu streifen. Einige von uns arbeiten im Psychiatrischen Dienst, andere suchen dort Hilfe.

Wir wollten das Thema psychische Erkrankung bekannt machen und die Bürger einladen, über die Vorurteile nachzudenken, die sie gegenüber Menschen mit psychischen Problemen haben. Wir haben das auf kreative Art versucht. Unsere schwarzen Kleider und unsere weiß bemalten Gesichter strahlten Harmonie aus. Gemeinsam gingen wir durch die Menschenmenge und mit den Menschen. Unser Ziel war es, etwas nach außen zu tragen. „Angst“, „Scham“, „Furcht“, „Einsamkeit“ sind einige der Worte, die wir im Chor der Bevölkerung zugerufen

haben. Die langsamen Bewegungen unseres Körpers zu diesen Worten antworteten auf einladende Weise, ohne zu urteilen, und zeigten vertrauensvoll, dass wenige Gesten dem Menschen Wärme spenden und ihn würdigen können. Einige Personen schauten uns an, andere gingen unberührt vorbei, einige nahmen Kontakt mit uns auf, andere lachten über uns. Für uns war es wichtig, „nachdenklich“ zu stimmen und uns verbunden zu fühlen mit einer Welt, die die Menschen immer mehr dazu bringt, sich zu verteidigen und sich einsam zu fühlen. 11


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Wo stehen wir heute? Luce

A

m Welttag der psychischen Gesundheit 2007 – also vor einem Jahr - hat der Verband der Öffentlichkeit, den Einrichtungen, den Politikern und den Massenmedien aufgezeigt, wie groß der Mangel an Unterbringunsgsmöglichkeiten für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Südtirol ist. In der Folge gab es mehrere Treffen mit verschiedenen Verantwortlichen. In erster Linie verweisen wir auf die Tagung “Verletzlich und überfordert” im November 2007, die vom Landesethikkomitee ausging und an der unser Verband zusammen mit der AMA (Vereinigung der Selbsthilfegruppen) und der Hospizbewegung der Caritas mitwirkte. Schließlich hat im April 2008 die Mitgliederversammlung des Verbandes einstimmig ein Dokument verabschiedet, das die reale Situation

aufzeigt. Es beinhaltet auch konkrete Lösungsvorschläge. Auch der neu gewählte Vorstand hat es als sein Anliegen übernommen. Wir bringen hier eine kurze Zusammenfassung. In Südtirol fehlen Strukturen für Menschen mit psychischen Problemen, die sich wegen der Schwere oder des Verlaufs der Krankheit auf unbefristete Zeit nicht selbst versorgen können. Es braucht dringend – ähnlich wie für Menschen mit körperlicher Behinderung – so etwas wie „geschützte Wohnungen” oder „Wohngemeinschaften” mit psychologischer Rund-um-dieUhr-Betreuung. In dieser Mitteilung, die auch eigens an die zuständigen Stellen übermittelt wurde, unterstrichen wir den klaren Handlungsbedarf für diese Kranken, deren Zahl ständig zunimmt. Sie werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, und dadurch verstärkt

sich ihr persönlicher Leidensweg, was wiederum auf die Familie und die Gesellschaft zurückfällt. Heute fragen wir, wie es mit der Lösung dieser Probleme aussieht. Landesrat Richard Theiner hat seinen Willen zur Unterstützung ausgedrückt und den Wunsch aller bekräftigt, eine dauerhafte, den Bedürfnissen entsprechende Lösung zu finden. Der Landtagsabgeordnete Andreas Pöder hat erklärt, dem Problem seine Aufmerksamkeit zu schenken. Wir danken für diese Aussagen, die im Einklang mit unserer Tätigkeit sind. Zugleich weisen wir darauf hin, dass die Politiker, die Einrichtungen und die Verwaltungen sich des Problems bewusst sein müssen. Wenn sie sich nicht um eine Lösung der Situation bemühen, bleiben alle dringenden Fragen dieser schwer leidenden Menschen unbeantwortet.

Die Präsidentin Siglinde Jaitner trifft Landesrat Richard Theiner Landespresseamt - chr gen der psychisch Kranken sowie ihrer Angehörigen und ihre Arbeit rund um den Aufbau und die Festigung des Verbands nur danken“, so Theiner im Gespräch mit Morinis Nachfolgerin, der er seine Wertschätzung für das bisher Geleistete und seine besten Wünsche für die verantwortungsvolle neue Aufgabe aussprach. Foto: LPA

S

iglinde Jaitner war bei den Vorstandswahlen im Mai an die Spitze des bis dahin von Margit Morini geführten Verbands getreten. Morini hatte die Interessengemeinschaft zuvor über Jahre geleitet. „Wir können der ausgeschiedenen Obfrau für ihren unermüdlicher Einsatz für die Anlie 12

Jaitner, die hauptberuflich im Sozialsprengel St. Leonhard in Passeier tätig ist, informierte den Landesrat in der Aussprache, dass die Aufgaben nun auf den siebenköpfigen Vorstand verteilt worden seien. Dies, um die Verantwortlichen zu entlasten und so weiterhin eine ehrenamtliche Führung des Verbands der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker zu

ermöglichen. Ein besonderes Augenmerk sei in Zukunft auf die Betreuung und die Unterbringung von chronisch Kranken zu legen, so Jaitner, die damit auf die Zustimmung von Landesrat Richard Theiner und Alfred König, Direktor des Landesamts für Gesundheitssprengel, stieß.„Jede Maßnahme, die den Angehörigen von psychisch Kranken hilft, hilft auch den Kranken selbst“, unterstrich Theiner, der darauf verwies, dass die Landesregierung alles unternehme, um die Rahmenbedingungen für eine optimale Betreuung psychisch Kranker zu schaffen: „Innerhalb dieses Rahmens ist die ehrenamtliche Arbeit der Angehörigen aber ein Wert, der durch nichts zu ersetzen ist“, so der Landesrat.


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Tagung: „Wie Selbsthilfe wirkt - was Selbsthilfe braucht“ Dachverband der Sozialverbände - Dienststelle für Selbsthilfegruppen

S

pannend verlief die Tagung „Wie Selbsthilfe wirkt - was Selbsthilfe braucht“, welche die Dienststelle für Selbsthilfegruppen im Dachverband der Sozialverbände Südtirols am 12. September 2008 im Pastoralzentrum in Bozen veranstaltet hat. Anwesend waren ca. 170 Interessierte, vor allem Teilnehmer von Selbsthilfegruppen, Betroffene und Fachkräfte aus dem Sozial- und Gesundheits­wesen.

den Nutzen von Selbsthilfegruppen.

Der erste Teil der Tagung zeigte die mögliche Wirkung von Selbsthilfegruppen auf. Die Schweizer Psychotherapeutin Ruth Herzog-Diem unterstrich, dass durch die Teilnahme an einer Selbsthilfe­gruppe gesundheitsrelevante Effekte erzielt werden: Belastungen im Umgang mit dem Problem nehmen ab, die soziale Isolation verringert sich durch zunehmende Aktivitäten, und der Umgang der Patienten mit Fachleuten wird selbstbewusster. „Damit Selbsthilfegruppen als Netzwerk funktionieren, brauchen sie strukturelle Unterstützung, insbesondere durch Selbsthilfekontaktstellen“, betonte Herzog-Diem. Anschließend kamen auch die „Experten aus Betroffenheit“ zu Wort: Vertreter/innen der Gruppe „Fallschirm“ für Menschen mit Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma und der Gruppen für Alkoholiker und Angehörige von Alkoholikern „Hands“ berichteten über ihre Erfahrungen und

Der zweite Teil der Tagung beschäftigte sich mit dem Thema „Was Selbsthilfe braucht“. Massimo Cecchi, Psychologe im Sanitätsbetrieb Florenz und Mitglied in der regionalen Koordinierung der Selbsthilfegruppen in der Toskana, listete Voraussetzungen auf, damit Selbsthilfegruppen gut arbeiten können. Organisatorisch notwendig ist

In der Pause standen Vertreter von insgesamt 109 Selbsthilfegruppen für Gespräche und mit Informationsmaterial zur Verfügung. Diese Möglichkeit der persönlichen Information wurde von den Teilnehmern rege genutzt. Dadurch konnten sie die Vielfalt und die Selbsthilfe-Realität in Südtirol aus erster Hand kennen lernen.

z. B. ein kostenloser Raum für die Treffen und die Möglichkeit, kostenlos bzw. -günstig zu telefonieren. Wesentlich ist auch die Unterstützung durch Selbsthilfekontaktstellen beim Aufbau und der inhaltlichen Arbeit von Selbsthilfegruppen, bei der Öffentlichkeitsarbeit oder bei Weiterbildungen zum Thema Selbsthilfe. Die Zusammenarbeit von Selbsthilfegruppen und Fachleuten aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich müsse von beiden Seiten kontinuierlich gepflegt und ausgebaut werden. Primar Roger Pycha moderierte den runden Tisch mit Ingeborg Forcher und Carla Leverato als Vertreterinnen von Selbsthilfegruppen, Enrica Dal Negro, Erwin Demichiel und Michaela Taibon als Vertreter der Sozial- und Gesundheitsdienste und Luciana Fiocca als Vertreterin der Landes­verwal­tung. Sie unterstrichen die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Selbst­hilfe­gruppen und Fachleuten. Voraussetzung dafür ist ein gegenseitiges Kennenlernen, Wertschätzen und Anerkennen. Fachleute sollten die Selbsthilfe als zusätzliches und ergänzendes Hilfsangebot schätzen lernen, Selbsthilfegruppen ihrerseits aktiv auf die Fachleute zugehen. Dies würde laut Georg Leimstädtner, dem Geschäftsführer des Dachverbandes der Sozialverbände Südtirols, auch

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Tagung folgenden Schluss: „Vieles von dem, was Selbsthilfegruppen brauchen, gibt es bereits, vieles fehlt noch. Wünschenswert wäre, die Stärkung der Selbsthilfegruppen in unserem Land kontinuierlich auszubauen und die Selbsthilfe auf allen möglichen Ebenen zu unterstützen und zu fördern, damit die Gruppen ihre Arbeit bestmöglich verrichten können.“

die Breitenwirkung der Selbsthilfegruppentätigkeit verstärken und als zusätzlicher Lösungsansatz bei Problemen bzw. Krankheiten wahrgenommen werden. Irene Gibitz von der Dienststelle für Selbsthilfegruppen zog am Ende der

Schlussbemerkung zur Tagung: Irene Gibitz, Julia Kaufmann, Simonetta Terzariol, Roger Pycha und Georg Leimstädtner haben die Tagung perfekt organisiert und gut strukturiert... und damit vermittelt, dass sie „einfach da sind“ und wissen, worum es geht.

Selbsthilfegruppen... wichtige Aussagen:

Vorteile:

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ein wichtiger Bestandteil in der medizinischen Betreuung eine „nicht professionelle gesundheitliche und soziale Ressource“ ein „Programm für das Wohlbefinden der Allgemeinheit“ reduzieren Belastungen der Patienten und Angehörigen verbessern die Kompetenz der Patienten stärken ihre sozialen Aktivitäten führen zu einem gezielteren Umgang in der professionellen Versorgung ersparen sehr viel an Ressourcen, Geld, Arbeit... erfordern ein Umdenken über Gesundheit

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das Personal zu wenig Zeit oder der Patient zu wenig Mut?)

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Schwierigkeiten: • • •

sehr viel Einsatz erforderlich sehr viel Überwindung, vor allem am Anfang nicht alle Patienten oder Angehörigen sind geeignet (welche Kriterien?)

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freiwillig, gemeinsam gleiches Leiden, gleiche Probleme und Schwierigkeiten gegenseitige Hilfe die anderen verstehen einen viel besser Gespräch ist sehr wichtig – kommt in der üblichen Beratung meistens zu kurz (hat

es braucht jemanden, der die Treffen leitet (muss nicht immer dieselbe Person sein) wenn jemand zu viel redet

wenn jemand zu wenig über sich selbst redet Wechsel in den Gruppen kann beleben, man muss aber auch lernen, mit dem langweiligen Alltag zurechtzukommen Angebote im Krankenhaus werden eher über das Putzpersonal verbreitet als über das Pflegepersonal!!! keine direkte Finanzierung der einzelnen Gruppen, sondern indirekt über Dienststelle

Obwohl es über 200 Selbsthilfegruppen in Südtirol gibt, sind sie:

zu wenig bekannt: • • • •

bei den Kranken bei Ärzten und Pflegepersonal bei Verwaltern und Politikern bei der Bevölkerung


SELBSTHILFE

Pflegesicherung Lorena Gavillucci

D

as Landesgesetz über die Pflegesicherung trat am 1. Juli 2008 in Kraft. Es ist noch zu früh, die Auswirkungen abzuschätzen oder die Folgen zu bewerten, die diese neue Regelung der häuslichen Pflege auf das tägliche Leben von tausenden Personen haben wird. Nach Ansicht der Fachleute und aufgrund der Erwartungen der Familien bleibt kein Platz für Zweifel: schlussendlich wird es für alle eine epochale Änderung sein. Die Änderung kann allerdings positiv oder negativ sein. Es liegt an uns, sie in eine Wachstumsmöglichkeit mit positiven Auswirkungen auf das soziale Gefüge unseres Landes zu verwandeln. STATISTIK: Laut Schätzungen der Landesabteilung für Sozialwesen gibt es 11.700 Pflegebedürftige in Südtirol. Das sind 2,8% der Bevölkerung. Zu Hause gepflegt werden 8.000 (63%), in Alten- und Pflegeheimen sowie in Einrichtungen zur Betreuung von Menschen mit Behinderung leben 3.700 (37%) Menschen. Seitdem das Landesgesetz zur Pflegesicherung im vergangenen November in Kraft getreten ist, wurde der Pflegebedarf für über 5.000 pflegebedürftige Personen erhoben. Zur Zeit erhalten 8.877 Personen diese Vergütung. was ist die Pflegesicherung? Die Grundlagen des neuen Gesetzes sind zumindest ansatzweise allen bereits bekannt: jeder Person, die eine kleinere oder größere Unterstützung nötig hat (Senioren, Menschen mit physischer Behinderung, psychischer Erkrankung oder beidem), soll es ermöglicht werden, zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung bleiben zu können. In diesem Sinne werden die vorgesehenen wirtschaftlichen Erleichterungen für die Familien in vielen Fällen höher ausfallen als jene, die sie laut alter Regelung beziehen

(Begleit- oder Hauspflegegeld) und können wirklich eine gute Alternative gegen die Unterbringung in einem Heim sein. Wichtig ist, dass die Familie die Möglichkeit einer strukturierten, qualifizierten, garantierten Betreuung versteht und annimmt. Sollte das neue Pflegegeld ausschließlich für Schwarzarbeit oder nicht qualifizierte Arbeit Anwendung finden, wären wir alle Verlierer: in erster Linie die betreuten Personen, denen eine mittelmäßige Betreuung die Aussicht auf Selbstständigkeit oder auch nur auf Stabilisierung der bestehenden Situation nimmt. DIE neuen einstufungen mit den dazugehörigen Zahlen: Gemäß der Pflegesicherung hat derjenige Recht auf Pflegegeld, der mindestens 2 Stunden täglich und für einen Zeitraum von wenigstens 6 Monaten auf fremde Hilfe angewiesen ist. Die Einstufung wird aufgrund des Pflege- und Betreuungsbedarfs von Seiten Dritter ermittelt. Beim neuen Pflegegeld werden die bisherigen Beiträge, falls vorhanden, zusammengerechnet (Begleit- oder Hauspflegegeld), für die nun eine einzige Zulage ausbezahlt wird: Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 Pflegestufe 4

510,00 Euro 900,00 Euro 1.350,00 Euro 1.800,00 Euro

Dabei muss man berücksichtigen, dass die Pflegestufe 4 einem Pflegebedarf von 24 Stunden täglich entspricht. Personen, die bereits bisherige Zulagen bekamen, erhalten das Pflegegeld vom 01. Juli 2008 an, d. h. seit in Kraft Treten des Gesetzes. Wird das Pflegegeld zuerkannt, vergehen von der Einstufung bis zur Auszahlung max. 2 Monate - wobei der Zeitraum für die Berechnung des Pflegegeldes

ab dem Monat nach der Antragstellung beginnt. Dies betrifft nur die Heimpflege. Personen, die in Strukturen leben, erhalten das Pflegegeld ab 01. Jänner 2009. Antrag auf Pflegegeld Der Antrag auf Pflegegeld muss im zuständigen Sozialsprengel oder in einem der Patronate im Land gestellt werden. Der Antrag auf Pflegegeld besteht aus einem Bogen mit Angaben zur pflegebedürftigen Person und einem Vordruck für ein ärztliches Zeugnis, das vom Basisarzt/der Basisärztin ausgefüllt werden muss. Das Verfahren ist für alle Arten von Pflegesicherungen gleich. Innerhalb von 30 Tagen wird dem Antragsteller ein Besuch des Einstufungsteams am Wohnort abgestattet: zwei Fachkräfte des Sozial- und Gesundheitsbereiches, die für einige Stunden mit der pflegebedürftigen Person, der Familie und der Hauptpflegeperson sprechen. Das Ergebnis der Einstufung wird vom Dienst für Pflegeeinstufung direkt an den jeweiligen Haushalt geschickt. Wie geht es weiter? Das Pflegegeld kann zum Teil in Dienstgutscheinen ausgezahlt werden. Die Dienstgutscheine müssen innerhalb des Monats beansprucht werden, ansonsten verfallen sie. Sie berechtigen dazu, eine verordnete Anzahl an Hauspflegestunden bei einem öffentlichen oder privaten akkreditierten Hauspflegedienst in Anspruch zu nehmen. Bei diesen Organisationen können mit Kostenbeteiligung Hauspflegestunden über die verordneten Dienstgutscheine hinaus angefordert werden, d. h. eine einkommens- und vermögensabhängige Tarifbeteiligung, berechnet vom Sozialsprengel, ist vorgesehen. Der Hilfebedarf der pflegebedürftigen Personen wird in Pflegeformen eingeteilt. Es wird unterschieden in 15


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die Haus-, Betreuungs- und Begleithilfe. Natürlich kann das Pflegegeld auch für formlose Betreuungshilfe verwendet werden, z. B. für die Einstellung einer Pflegekraft im Haushalt („badante“). In diesen Fällen ist es unbedingt notwendig, dass alles ordnungsgemäß durchgeführt wird, da es ansonsten den erbrachten Dienst und die Seriosität von allen in Frage stellt.

Weitere Informationen: www. sozialring.it www.provinz.bz.it/Sozialwesen/

Landessozialplan 2007-2009 endgültig verabschiedet Für den Zeitraum 2007-2009 sind Gesamtausgaben von 300 Mio. Euro vorgesehen. Bereits umgesetzt wurden die im Plan vorgesehene Anhebung des sozialen Mindesteinkommens für Zivilinvaliden, Voll- und Teilblinde sowie Gehörlose um 100 Euro und des Familiengeld des Landes von 80 auf 100 Euro im Monat. Die ersten Zahlungen werden voraussichtlich im Dezember erfolgen, dann allerdings rückwirkend ab 1. September. Für die Kinder- und Jugendpsychiatrie werden 360.000 Euro bereitgestellt.

Schon gestartet ist ein Projekt der Arbeitseingliederung für Menschen mit Behinderung. Es heißt „Plus 35“; für 33 Menschen kam es zum Tragen. Weitere Begünstigungen: für Haushalte in finanziellen Schwierigkeiten versprechen die Behörden etwa 20% Einsparungen auf die Stromrechnungen ab Jänner 2009, rückwirkend für das Jahr 2008. Nachfragen dazu in den Büros des AGB. Quellen und Informationen: www.sozialring.it www.social-bz.net www.provinz.bz.it/sozialwesen/ (Publikationen)

Kerznliacht A Kerzn brennt in meine Händ: ihr stiller Schein, der fång mi ein und gib der Ruah a bissl a Wärm derzua. Martin Achmüller

Der Verband wünscht allen eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Start ins Neue Jahr!

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Selbsthilfe_03-2008