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Nr. 2, MAI 2013

verum

Magazin für Wirtschaft, Politik, Kultur, Gesellschaft

Cher M. Le Premier Ministre verum schreibt an Jean-Marc Ayrault

Überwindet das Misstrauen! Zu keiner Zeit haben Franzosen und Deutsche so harmonisch miteinander gelebt wie heute. Gesellschaft und Wirtschaft beider Staaten sind aufs Engste zusammengewachsen. Frankreich und Deutschland sind das Herz der EU und der Motor der europäischen Einigung. Doch mit Ausbruch der weltweiten Finanzkrise hat sich ein Graben des Misstrauens zwischen den Regierenden im Elysée-Palast und dem Kanzleramt geöffnet. Präsident Hollande vertraut auf Staatsdirigismus à la Colbert und auf Keynes, während Kanzlerin Merkel Sparanstrengung mit Augenmaß und mehr Marktwirtschaft anmahnt. Mit ernstem Willen und einer guten Portion gegenseitigen Vertrauens lassen sich diese unterschiedlichen Politikansätze verbinden. Andernfalls heizt man die Euro-Krise wieder an und spielt den Extremisten in Südeuropa in die Hände. Lesen Sie unseren Brief an den französischen Premierminister Jean-Marc Ayrault. Seite 10


I

N H A L T

Der Big Bang wird überhört Controller und Personaljuristen treiben Deutschlands Unternehmen in die Sackgasse

Seite 3

Cher Monsieur Le Premier Ministre Offener Brief an Jean-Marc Ayrault

Seite 10

HSH-Nordbank Flammender Appel von Werner Marnette an Thomas Mirow

Seite 12

Der Nimbus verblasst Deutschlands Universitäten auf dem absteigenden Ast

Seite 17

Lesermeinung Die ersten Reaktionen

Seite 21

Das Jahrhundert der Hirnforschung Mit Milliardenaufwand sind Wissenschaftler dem Geheimnis des Komplexesten unserer Organe auf die Spur

Seite 22

Schicksale zweier Weltunternehmen Hoechst und Bayer vor 150 Jahren gegründet

Seite 28

Deutschlands Denker verlieren den Überblick Die zeitgenössische Philosophie gehorcht den Gesetzen des (Medien-)Markts

Seite 33

Wandlungen Kunststrecke: Die Berliner Malerin Christiane Lillge

Seite 39

ZITAT DES MONATS „Aber vergessen wir auch niemals, dass zu allem großen Geschehen Geduld gehört, und dass gerade wir Europäer, die wir ein vereintes Europa schaffen wollen, dieser Geduld bedürfen.“ Konrad Adenauer, Bundeskanzler, Bad Godesberg 24.05.1963 IMPRESSUM verum-magazin verlag Planckstraße 13 D-22765 Hamburg Tel. +49.40.28492860 Fax +49.3212.5337724 V.i.S.d.P.: Dr. Franz Wauschkuhn, Jochen Dersch Layout: Monika van der Meulen

verum erscheint am jeweils ersten

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Donnerstag eines Monats. Wir freuen uns über Leserbriefe, am liebsten per eMail an: redaktion@verum-magazin.com. Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernehmen wir keine Haftung.


Foto: photaki

A\ R\ B\ E\ I\ T\ S\ W\ E\ L\ T\

Der Big Bang wird ĂźberhĂśrt Controller und Personaljuristen treiben Deutschlands Unternehmen in die Sackgasse \3\


„Ich bilde nicht mehr aus. Ich mag den ständigen Ärger nicht mehr.“ Seit 1987 hat der Schlachtermeister Lehrlinge und Gesellen ausgebildet. Sein Familienbetrieb mit drei Filialgeschäften beliefert die besten Hotels von Sylt bis Esbjerg. Als Innungsvorstand hatte der Schlachtermeister seine Kollegen bislang dringend gemahnt, betrieb-

lichen Nachwuchs heranzubilden. „Mürbe hat mich die zunehmende Disziplinlosigkeit vieler junger Leute gemacht. Erschwerend kommt hinzu, dass immer weniger Absolventen unserer Hauptschulen über verlässliche Rechen- und Schreibfertigkeiten verfügen. Früher war das selbstverständlich, heute nicht. Die unentschuldigten Fehlzeiten werden immer mehr und obendrein noch das Übermaß staatlich verordneten Papierkrams.“ Womit unser Schlachter die Erhebungen der OECD voll bestätigt, wonach ein Viertel aller Fünfzehnährigen in Deutschland nur auf Grundschulniveau lesen und rechnen kann. Den Familienunternehmer in vierter Generation wundert es nicht, dass inzwischen fast jeder vierte Auszubildende seine Lehre vorzeitig abbricht. Realschüler für das Fleischerhandwerk zu gewinnen, ist inzwischen nahezu aussichtslos. So ist es kein Zufall, dass die Zahl mittelständischer Fleischereibetriebe bundesweit ständig im Sinkflug begriffen ist. Die Betriebe überaltern, die Meister finden keinen Nachfolger mehr. Den Deutschen geht’s nicht mehr um die Wurst. Doch das lautlose Betriebssterben im Fleischerhandwerk dürfte bis 2020 sämtliche traditionellen Handwerksberufe erfasst haben. Schon heute können freie Klempnerstellen erst nach einer durchschnittlichen Suchperiode von 110 Tagen neu besetzt werden, Ersatz für eine(n) Lokführer(in) zu finden, dauert bereits ein halbes Jahr. Aus lauter Frustration keine Lehrstellenbewerber mehr zu finden, \4\

bildet in den Neuen Bundesländern nur noch jeder vierte Betrieb selbst aus. Demographisch geraten damit das Handwerk und die drei Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die für 80 Prozent aller Arbeitsplätze gerade stehen, immer mehr in die Zange. Denn der Bevölkerungsanteil der unter 20-Jährigen schrumpft beängstigend. Lag er 2005 noch bei gut 20% wird er 2020 nur noch 16,9% betragen. „Im Jahr 2020 wird es deutschlandweit zwanzig Prozent weniger Schulabgänger geben als 2007, in Ostdeutschland sogar ein Drittel weniger“, warnt der Deutsche Industrie- und Handelkammertag (DIHK). Noch deutlicher wird der deutschnationale Schrumpfungsprozess bei den Einschulungen: Gab es 2007 noch 803.000 Erstklässler,


werden es 2020 nur noch 685.000 Schultütenträger(innen) sein. Markus Biercher von der Agentur für Arbeit: „Junge Menschen werden zum knappen Gut.“ Lehrlinge für die Elektrohandwerke müssen bereits mit der Lupe gesucht werden. Das Hotel- und Gastgewerbe, wo Berufsanfänger über drei Jahrzehnte vielfach mit Ignoranz und Brüllerei malträtiert wurden, hat bei Jugendlichen inzwischen ein so katastrophales Image, dass diese Stellen nur noch notdürftig von Fall zu Fall mit Hilfspersonal aus dem Ausland besetzt werden können. Landhotels gelten als chancenlos. Damit sie nicht in den Katastrophenstrudel des Fachkräftemangels hinein gerissen werden, haben DAX-Unternehmen wie der größte Kupfer- und Edelmetallproduzent Europas, die Aurubis AG (ex Nord-

deutsche Affinerie AG) in Hamburg, schon seit der Jahrtausendwende massiv in Nachwuchsförderung vom Facharbeiter bis hin zum angehenden Ingenieur investiert. „Die Migrantenkinder müssen von der Straße und bei uns in die Lehre“, postulierte der damalige Vorstandsvorsitzende Werner Marnette. „Das mitarbeiterfreundliche Image wird in Zukunft überlebenswichtig“, heißt es im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Doch selbst die so genannten Hidden Champions des industriellen Mittelstands, der aktuell mit Maschinenexporten nach China glänzt, sind sich der lauernden Gefahr leider keineswegs voll bewusst. „Die zentrale, und immerwährende Herausforderung dieser Weltmeister besteht darin, dass sie immer weniger qualifizierte Mitarbeiter finden, mit denen sie ihren gegenwärtigen Erfolg absichern und den zukünftigen garantieren können“, sagt Roland Schatz vom Global Media Impact Center in Boston. Aber auch wenn Handwerk, Handel und Industrie sich zu einer umfassenden Ausbildungsoffensive aufraffen sollten, bleibt der anhaltende Rückgang der Schulabsolventen das wichtigste Problem der deutschen vereinigung behaupteten namhafte Unternehmen. Bundespolitiker, die zigtausend verlassenen Häuser und verödeten Halbwahrheiten der Plattenbausiedlungen in MecklenBerliner Nomenklatura burg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt Mittlerweile treibt alle Wirt- oder Thüringen seien ausschließschaftsforschungsinstitute von Kiel lich die traurige, aber unvermeidbis München die Frage um: Welche liche Konsequenz der deutschen ökonomischen Effekte zieht der de- Binnenwanderung nach Westen. Was jedoch wieder einmal eine mographische Wandel nach sich? Zehn Jahre nach der Wieder- Halbwahrheit der Berliner Par\5\


tei- und Ministerial-Nomenklatura war. Denn wer 2001 aufmerksam durch Städte des Ruhrgebiets oder westdeutsche Kleinstädte ging, dem wurde schon damals drastisch vor Augen geführt, was sich hinter verdreckten Fassaden und verrauchten Gardinen anbahnte. Die menschenleeren Marktplätze, räudigen Innenstädte und Hausruinen eines sinnlosen Vandalismus sind heute keineswegs ausschließlich ein Ostproblem. Ehemals stolze Landstädte wie Wesselburen oder Lunden an der schleswig-holsteinischen Westküste sind heute Schatten ihrer

Die Abwärtsspirale wird sich beschleunigen, da der fehlende Fachkräftenachwuchs und die schwindende Kaufkraft in diesen ländlichen Regionen selbst die verbliebenen Betriebe in Kürze zur Abwanderung in die Metropolregionen oder zur gänzlichen Aufgabe zwingt. Was selbst. Rotten Burroughs (verfaulte bleibt, sind Maisplantagen und BiStädtchen), wie man sie bislang nur ogasanlagen, also das Paradies für aus der Geschichte Irlands und Mit- Wildschweine. Ein Teufelskreis. Fritz Goergen, über Jahrzehnte telenglands kannte, werden in Zukunft das Bild ganzer Landstriche der strategische Kopf der FDP, von Dithmarschen im Westen bis schätzt, dass heute bereits 60.000 Neubrandenburg im Osten prägen. Ingenieure fehlen und sich der daraus resultierende Schaden für die

60.000 Ingenieure fehlen \6\


Foto: photaki

deutsche Wirtschaft schon auf gut 13 Milliarden Euro summiert. „Also müssen neue Wege her, die mit alten Hindernissen und Vorurteilen brechen. Es gibt jede Menge Fachkräfte, die älter als 60 sind und gerne arbeiten würden. Doch immer noch stellt die Wirtschaft ebenso wie die öffentliche Hand schon Menschen über 50 so gut wie gar nicht ein. Geradezu pervers finden viele dieser Fachkräfte, dass die politische Klasse über Rente mit 65 oder 67 streitet, wo die Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen über 45 sich vergeblich bewerben.“ Goergen sagt damit nichts anderes, als dass die Personalgewaltigen der meisten deutschen Unternehmen noch immer nicht den demographischen Big Bang vernommen haben. Hier rächt sich bitter, dass das Personalwesen

während der vergangenen fünf Jahrzehnte sowohl in mittelständischen als auch in (DAX-) Großunternehmen Juristen überlassen wurde, die nichts Besseres zu tun wussten, als vor jungen Controllern zu katzbuckeln. Der Controller sagte: „Warum beschäftigen wir so viele ältere Mitarbeiter? Die sind zu teuer. Wir bieten den Alten Frühverrentung an und stellen stattdessen junge Leute ein. Die kosten uns die Hälfte.“ So haben diese Mandarine sich – zusätzlich getrieben von Unternehmensberatern – fast ausschließlich auf das Thema Personalabbau fokussiert, in der bornierten Meinung, Fachkräfte seien jederzeit verfügbar. Dass zugleich wertvollster Wissenstransfer systematisch unterbrochen wurde, interessierte nicht. „Ingenieure gibt’s wie Sand am Meer“, \7\

tönte diese Managerspezies noch vor zehn Jahren von München bis Hamburg. Der deutsche Akademikerexport freut die Nachbarn So wurden junge Diplomingenie ure(„innen!“) ab Anfang der 90-er lausig bezahlt und suchten – wie aktuell die jungen deutschen Krankenhaus- und Landärzte(innen) – ihr Heil im Ausland. Großbritannien vertrieb / exportierte während der 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts Zehntausende best ausgebildeter, junger Ärzte (darunter spätere Nobelpreisträger) in die USA und nach Australien. Das wiedervereinte Deutschland tat’s den Briten gleich - nur eben mit Ingenieuren, Physikern und Chemikern.


Ingenieure, die Spargel stechen

schen Notunterkünften befinden, darum hat sich die Mehrheit dieser Verbandslobbyisten bislang nicht wirklich ernsthaft gekümmert. „Dabei kennt jeder in seinem Umfeld den Akademiker aus Osteuropa, der bei uns Spargel sticht, und die afrikanische Ärztin, die kellnert“, sagt Goergen. Aber der explodierende Mangel an Fachkräftenachwuchs wird sämtliche Unternehmen (ob groß oder klein) und ihre Lobbies zu unkonventionellen Überlegungen zwingen. Familien und Frauen haben keine Lobby Christina Boll und Nora Reich vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) haben in ihrer jüngsten Analyse über die Arbeitsmarktsituation der Länder des Ostseeraums enorme Arbeitskraftpotentiale identifiziert. So sind in Deutschland 45% der arbeitenden Frauen nur teilzeitbeschäftigt – freiwillig oder unfreiwillig. Unter verbesserten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen könnten sie für Vollzeitarbeit gewonnen werden. Über die nicht erwerbstätigen Frauen sprechen lediglich das HWWI und die International Labor Organization (ILO). Folgt man der ILO-Statistik, sind über 45% der Frauen in Deutschland (Kohorte: 15 bis 74 Jahre) nicht erwerbstätig. In keinem anderen Land des Ostseeraums ist der Anteil der beruflich inaktiven Frauen so hoch. Diese riesige, stille Arbeitskraftreserve, sagt Boll, gilt es zu mobilisieren, wenn Deutschland sich auch zukünftig in der Führungsgruppe der Industrienationen halten will. wau.

Wie viele Ärzte, Ingenieure, Geisteswissenschafter und Facharbeiter sich aber unter den 100.000 Asylbewerbern – zur Untätigkeit verurteilt – in Heimen und deut-

Foto: photaki

Eine Entwicklung übrigens, worüber sich der Schweizer Maschinenbau und die Basler Pharmabranche noch heute die Hände reibt. Den Titel „Diplomingenieur“, über 150 Jahre das weltberühmte Markenzeichen deutscher Technikkompetenz, überantworteten diese Personaler und jene frühere CDU-Bildungsministerin namens Dr. Annette Schavan dem Untergang. Über die immensen volkswirtschaftlichen Kosten dieses bald zwanzigjährigen „brain drain“, also des Verlusts an Intelligenz und Wissen in der Bundesrepublik, wird bemerkenswerterweise weder in den Wirtschaftsverbänden in der Bundeshauptstadt noch in den regionalen Industrie- und Handelskammern ernsthaft diskutiert, weil eben auch diese Kammern und Verbände sich fast ausnahmslos im Griff der „BGB-Mandarine“ befinden. Und welche Krähe hackt der anderen schon ein Auge aus? Stattdessen erheben dieselben angeblichen Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft ein mediales Geheul, als sei der Mangel an Fachkräften wie eine göttliche Heimsuchung aus azurblau heiterem Olymp hernieder gefahren. Wirklich erheiternd sind diese bildungsfernen Lobbyisten aus Berlin Mitte, immer wenn sie in TV-Talkshows irrwitzig vom kommenden „Mangel an Technologen“ bramarbasieren. Denn sie wissen nicht, dass die „Technologie“ (ho tes technes logos) aus dem Altgriechischen übersetzt die „Wissenschaft von der Technik“ ist und nicht die Technik selbst.

Kein ande b \8\


eres Land leistet sich 45 Prozent beruflich inaktive Frauen \9\


T\ I\ T\ E\ L\ Sehr geehrter Herr Premierminister Ayrault, mit großer Freude haben viele unserer privaten und journalistischen Freunde und Weggefährten vor knapp einem Jahr Ihre Ernennung zum Premierminister Frankreichs begrüßt. Das geschah nicht nur, weil Sie der erste Premierminister Frankreichs sind, der Deutsch ebenso so gut wie Französisch parliert und die Bundesrepublik ganz schlicht per VW-Bus erkundet, sondern auch, weil sie als Bürgermeister die Stadt Nantes aus ihrem langen Dornröschenschlaf erweckt haben. Nantes ist wieder eine jugendliche, pulsierende Großstadt geworden, die unsere Frauen und unsere erwachsenen Kinder jeden Sommer gern besuchen. Wir fühlen uns an der französischen Atlantikküste bald ebenso zuhause wie an der Nordsee. Anlass dieses Briefs an Sie ist die große Besorgnis vieler Deutscher über die ständig wachsende Entfremdung zwischen den Regierungen in Paris und Berlin. Es ist sicherlich so, dass Sie, Herr Premierminister, angesichts Ihrer täglichen Arbeitsüberlastung diese Verschlechterung in ihrer Schärfe nicht wahrnehmen, aber das französisch-deutsche Zusammenleben ist ein viel zu kostbares Gut, als dass es durch Nachlässigkeit, Dummheit oder Antipathie der handelnden Personen verdorben wird. Schon als Kinder erfuhren wir - bewusst seit 1953 durch einen Dozenten des Institut Francais - sehr viel über Dien bien phu, die Inflation in Frankreich und den weisen, alten Herrn in Colombey. De Gaulle wurde für uns und viele Klassenkameraden zum politischen Heros. Nicht wenig trug dazu bei, mit welchen Argumenten de Gaulle den schrecklichen Algerienkrieg zu beenden wusste. Das war schlichte klare Logik. Als Jugendliche wollten wir ihn dann persönlich sehen, als er auf dem Balkon des Hamburger Rathauses den Bürgern zuwinkte, eine Rede auf Deutsch hielt und sich im Jenisch-Haus über der Elbe von den Strapazen seines Besuchsprogramms erholte. Adenauer und de Gaulle Hand in Hand in Reims – dies Bild wird wohl kein Nachkriegsdeutscher vergessen. Sie wissen sicher, dass de Gaulle Adenauer oft mit einem deutschen Verb oder Substantiv aushalf, wenn der Altkanzler noch um eine Formulierung rang. De Gaulle hatte als junger Obrist während der Rheinlandbesetzung 1923 die deutsche Sprache erlernt. Heute sagt man: „Warum so pathetisch?“ Wir meinen, in unserer Epoche des Fernsehens und des Internets brauchen die Menschen Bildsequenzen gegenseitigen Verstehens und der wechselseitigen Sympathie unserer Staatsrepräsentanten mehr denn je. Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl gemeinsam in Verdun – dieses Sinnbild französisch-deutscher Gemeinsamkeit half in den 90-er Jahren vielen Bundesbürgern darüber hinweg, dass Mitterand – ähnlich wie Frau Thatcher - 1989 offensichtlich nicht viel von einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschland gehalten hatte. Manchmal hilft ja auch die kleine Geste. Präsident Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Schmidt waren Meister solcher Inszenierungen: Schmidt im Pullover empfängt Freund Valérie an der Gartenpforte seines Scheibenhauses in Hamburg-Langenhorn. Man plauscht und trinkt später im spießigen Partykeller. Die Hamburger haben sich damals köstlich amüsiert und Giscard d’Estaing bewundert/ bedauert. Was die beiden Regierungschefs damit demonstrierten, \10\


war die Selbstverständlichkeit französisch-deutscher Freundschaft. Und die ging in die Köpfe der Menschen. Aktuell aber sehen wir lediglich einen misslaunigen (ich bitte um Verzeihung, wenn ich zu drastisch bin) Président Hollande und ein zickiges Lächeln unserer Frau Kanzlerin. Doch gerade jetzt, wo Währungskrieg gegen den Euro geführt wird, wirkt Disharmonie zwischen Ihrer Regierung und der Bundesregierung wie Öl im Feuer. Die Währungs-Trader der Großbanken und Fonds sind in der Regel alles andere als diabolische, strategische Köpfe, sondern Durchschnittsmenschen, die sich in der Regel nur recht oberflächlich mit hoher Politik befassen. Auch ihr Handeln ist wesentlich bestimmt von den Bildern, die sie im TV oder in den Zeitungen sehen. Weshalb sehen wir Herrn Hollande und Frau Merkel nicht gemeinsam bei Herrn Draghi im Frankfurter EZB-Turm? Warum sieht man die beiden nicht im Kino bei den „Sch’tis“? Ein Film, der mehr zum wechselseitigen Verständnis von Nord- und Südeuropäern beigetragen hat als jedes Kunst-, Fußball- oder sonstiges Sportereignis! Übrigens: Jacques Tati erfreut sich in der Bundesrepublik nach wie vor größter Beliebtheit Bedrückend ist jedoch, dass sich weder ein Herr Barroso für die EU-Kommission noch ein französischer Minister gegen die Renaissance des „German-Bashing“ ausgesprochen hat. Von den britischen Medien sind die Bundesrepublikaner dies seit Jahrzehnten gewohnt. Von Murdock ist auch nichts anderes zu erwarten. Doch die Fotos aus Athen und Nicosia haben die Menschen zwischen Basel und Cottbus in tiefe Verwirrung gestürzt. „Gibt es überhaupt Freunde in Europa?“ fragen sich die Menschen. Kann ich es wagen, den Urlaub mit meiner Familie in Südspanien, auf einer griechischen Insel oder am Strand von Zypern zu verbringen? Dass sich obendrein Politiker wie Berlusconi oder Grillo dazu hinreißen lassen, sich in jeder Hinsicht feindlich aggressiv über Deutschland und Deutsche zu äußern, ist verheerend für den gesamten Mittelmeertourismus. Vielleicht nehmen Sie sich bitte einmal einige Minuten Zeit, um zu lesen, was in den Blogs und Internetforen zu lesen ist. Sehr geehrter Herr Premier Ministre, im Bewusstsein der meisten Menschen, die wir kennen, sind Frankreich und Deutschland eins. Ökonomisch sind unsere beiden Staaten so zusammengewachsen, dass jede Barriere/Trennung eine Wirtschaftskatastrophe für beide Länder zur Folge hätte – weit schlimmer als nach dem Ersten europäischen Bürgerkrieg 1914/1918. Und menschlich? Die Zahl der Ehen von Frauen und Männern mit französischem oder deutschem Pass geht jährlich in die Zehntausende. Inzwischen beschenkt jeder von uns zum Geburtstag Kinder aus diesen Ehen. Sind es französische oder deutsche Kinder? Diese Frage stellt sich diesen Kindern nicht, sie fühlen sich zweisprachig in Kiel so heimisch wie in Brest. Sehr geehrter Herr Ayrault. Ich glaube Sie sehen die Dinge ähnlich wie wir. Bitte tun Sie alles, was in Ihren Kräften steht, damit nicht durch wechselseitige Antipathien in Paris und Berlin ein giftiger Spaltpilz entsteht. Hochachtungsvoll Ihre sehr ergebenen Franz Wauschkuhn und Jochen Dersch \11\


Links: Das HSH-Gebäude in Kiel (Foto: Linzenz GNU) Rechte Seite: Thomas Mirow (Foto: Hertie School of Governance)

F\ I\ N\ A\ N\ Z\ E\ N\

HSH Nordbank

Spät, aber nicht zu spät

Ein öffentlicher Aufruf von Werner Marnette

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H

amburg, den 16. April 2013 - Die Lage der HSH Nordbank hat sich dramatisch zugespitzt. Die Bank hängt am Tropf der Eigner Hamburg und Schleswig-Holstein. Nur ihre Kapitalunterstützung sichert das Überleben der HSH – und ist von der Zustimmung der EU-Kommission abhängig. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht des Abschlussprüfers KPMG für 2012. Trotzdem scheut die HSH keine neuen Risiken. Noch in 2012 soll sie Kredite in Höhe 1.200 Mio. EURO nach Zypern vergeben haben. Da erscheint es wie eine Farce, wenn Constantin von Oesterreich, der Vorstandsvorsitzende der HSH Nordbank, anlässlich der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag, den 11. April 2013 sagt: „Bis Ende 2014 wird die ,Bank für Unternehmer' ihre volle Ertragskraft entfaltet haben und in ihren Kernmärkten eine feste Größe darstellen. Unsere Altportfolien werden wir bis dahin soweit reduziert haben, dass die daraus resultierenden Lasten die ,Bank für Unternehmer' in ihrer Entwicklung nicht mehr aufhalten können.“

Diese positiven Sprüche des HSH-Vorstands kennen die Bürger Hamburgs und Schleswig-Holsteins seit Jahren. Behauptungen, die durch die konkreten Zahlen auch im Jahresabschluss 2012 leicht zu widerlegen sind. Die Ertragslage der Bank verschlechtert sich seit Jahren stetig. Trotzdem wird das Ergebnis durch Einmalerträge und durch einen „Bilanzkniff“ geschönt. So wird die Ländergarantie bei der Risikovorsorge, die für das Ergebnis einer Bank eine entscheidende Größe darstellt, gegengerechnet. Besonders krass erfolgte dies beim Jahresabschluss 2011, wie dies die Financial Times Deutschland am 23. März 2012 kommentierte: „Obwohl das Institut angesichts der schwierigen Schiffsmärkte 1.200 Millionen Euro neue Risikovorsorge für faule Kredite bilden musste, buchte es dafür unter dem Strich sogar einen Ertrag von fast 400 Mio. Euro. Hintergrund: Die Mehrheitseigner Hamburg und Schleswig-Holstein übernehmen die Risikovorsorge

Herr Mirow, handeln Sie schnellstens im Interesse der Bürger!

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mittels ihrer Zweitverlustgarantie.“ Statt eines tatsächlichen Verlustes in Höhe 1.100 Millionen Euro wies die HSH auf diese Weise in 2011 nur einen Verlust in Höhe 204 Mio. Euro aus. Auch das in der vergangenen Woche vorgestellte Ergebnis 2012 ist durch diesen „Bilanzkniff“ geschönt. Hinzu kommen nach Aussagen der Bank „Einmalerträge“ in Höhe 892 Millionen Euro, die aus der „erforderlichen Neubewertung hybrider Finanzinstrumente“ und aus dem „Rückkauf von Nachranganleihen“ stammen. Offiziell ausgewiesen wird ein Verlust (vor Steuern) in Höhe 185 Millionen Euro. Der tatsächliche Verlust dürfte bei über 720 Millionen Euro und bei Nichtberücksichtigung der „Einmalerträge“ sogar bei weit über 1.000 Millionen Euro liegen. Die Bank ist damit faktisch am Ende. Den Vorstand der HSH kümmert dies alles nicht. Er stellt für 2014 sogar einen „Turnaround“ in Aussicht und kündet gleichzeitig die „Inanspruchnahme der Ländergarantie zwischen 2019 und 2025 in Höhe von 1.300 Millionen Euro“ in Aussicht. Widersprüchlicher geht es nicht, denn die Inanspruchnahme dürfte längst fällig sein. Offensichtlich kennt der HSH-Vorstand keine Beschränkungen. Sonst wäre die kürzliche Bekanntgabe der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) nicht zu verstehen: „Die HSH Nordbank hat bis Ende

September 2012 Darlehen an Zypern in Höhe von ca. 1.600 Mio. EURO vergeben.“ Hauptsächlich sollen diese Kredite in die Schiffsbranche geflossen sein. Ein Irrsinn, auf den es keinen Hinweis im Geschäftsbericht 2012 der Bank gibt. Auch im Jahresabschluss 2012 belastet die Bad-Bank (Restrukturierungseinheit) die gesamte Bank wie ein Krebsgeschwür mit 50.000 Mio. Euro. Für diese kann es nur eine gemeinsame und langfristige Lösung mit dem Bund geben. Zuvor muss sie von der Kernbank getrennt werden. Nur das verschafft Transparenz sowie Vertrauen in die Kernbank und macht Bilanzmanipulationen unmöglich. Der Bund wird die Hilfe nicht verweigern können, denn es gibt genügend Gründe, ihn mit in die Pflicht zu nehmen. Doch Kiel und Hamburg sehen es offenbar anders. Nur so ist die Antwort des SoFFin-Chefs vom 3. April 2013 auf die Frage zu verstehen: „ Die HSH braucht erneut Hilfe der Eigentümer: Kein Fall für die Finanzmarktstabilisierung?“ Er antwortete: „Die Eigner haben sich zu ihrer Verantwortung bekannt.“ Unfassbar in Anbetracht der Haushaltslage beider Länder Durch diese Fehlentwicklungen ist der Unternehmenswert der Bank inzwischen erheblich abgestürzt. Der Fonds, der Anteile der beiden Bundesländer an der Bank hält, musste bereits Anfang 2012 fast 1.000

Dr. Luana Lima behandelt Patienten im Flüchtlingslager Dadaab (Kenia), Juli 2011 © Brendan Bannon

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Mio. Euro abschreiben. Ende 2012 mussten beide Bundesländer den Unternehmenswert nochmals um insgesamt 1.000 Mio. Euro zurücknehmen. Der tatsächliche Abschreibungsbedarf dürfte noch viel höher liegen. Es ist kaum vorstellbar, dass bei einem Verkauf der Bank diese Verluste rückgängig gemacht werden können. Doch die verantwortlichen Politiker in der Kieler Landesregierung und im Hamburger Senat schweigen dazu. Sie scheuen davor zurück, den Parlamenten und den Bürgern die Wahrheit zu sagen.Wohl wissend, dass die Bürger am Ende die Zeche bezahlen müssen. Unverdrossen lassen der Senat und die Kieler Landesregierung bisher den Aufsichtsrat und den Vorstand der Bank „weiterwurschteln“ und setzen auf Zeit. Ein gefährliches Vabanquespiel. Denn die anhaltende Finanzkrise hat wiederholt gezeigt: Abwarten und auf Zeit spielen erhöht Risiken und macht Lösungen nur teurer. Dies gilt nicht nur für marode Staaten, sondern auch für marode Banken. Ich setzte jetzt auf Senator a. D. Thomas Mirow als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der HSH. Ich kenne und schätze ihn als klar denkenden und verantwortungsvollen Politiker und Wirtschaftsexperten. Ich gehe davon aus, dass er nach sorgfältiger Analyse lösungsorientiert und im Interesse der Bürger handeln wird. Ihm dürfte längst bewusst sein, dass die Landesregierungen

in Kiel und in Hamburg über kein Konzept verfügen und durch Untätigkeit und Fehlentscheidungen inzwischen ihre HSH-Unschuld verloren haben. Alleine die Idee, faule Kredite der HSH – und das noch auf Pump – aufkaufen zu wollen, wäre ein finanzpolitischer Skandal gewesen. Dies ist offenbar jetzt vom Tisch. Noch sollte es für Thomas Mirow nicht zu spät sein, die überwiegende Zahl der Arbeitsplätze der HSH unterhalb der Führungsetage zu sichern und eine Lösung für die überlebensfähigen Segmente der Bank (Kernbank) zu finden. Deshalb muss der Vorstand sofort klare Leitlinien erhalten und gebremst werden, die Fehler des Jahres 2007 zu wiederholen. Konkret heißt dies heute: Kein Neugeschäft ohne entsprechenden Ertrag und kein Ausbau weiterer Risiken. Mein Petitum: Thomas Mirow, nutzen Sie als neuer Aufsichtsratsvorsitzender das in Sie gesetzte Vertrauen und beenden Sie schnellstmöglich diesen Betrug an den hamburgischen und schleswig-holsteinischen Bürgern.

Werner Marnette ( Jahrgang 1945 ) ist seit 2009 selbständiger Unternehmensberater  mit den Arbeitsschwerpunkten Energie, Rohstoffe, Wirtschaft und Innovation in Hamburg. Von 1994 bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie AG (heute Aurubis AG). Ehrenamtlich war er in dieser Zeit u.a. als Präsidiumsmitglied des Bundesverbands  der Deutschen Industrie, als Präsident der Wirtschaftsvereinigung Metalle, als Vorsitzender des Industrieverbands Hamburg und als Vizepräses der Handelskammer Hamburg tätig. Von 2008 bis 2009 war er Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr in Schleswig-Holstein. \15\


„Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ (Kurt Tucholsky)

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B\ I\ L\ D\ U\ N\ G\

Ruprecht-KarlsUniversität Heidelberg, die älteste auf deutschem Gebiet, gegründet 1386 Foto: GNU

Deutschlands Universitäten: Der Nimbus verblasst Büffeln statt studieren, Gelder generieren statt lehren – die wahre Aufgabe bleibt auf der Strecke Als Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren eine „Bildungsoffensive“ für Deutschland ausrief, waren die Erwartungen groß. Sie wird, dachte man, ihren Aristoteles gelesen haben, der schon vor rund 2400 Jahren erkannt hatte: Das Schicksal eines Staates hängt wesentlich von der (Aus-)Bildung seiner Jugend ab. Doch Berlin ist nicht Athen und das Bundeskanzleramt nicht des Philosophen Lykeion.

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Deutschland veranschlagte für 2012 rund 110,3 Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln für Bildung, 4,3 Milliarden mehr als im Jahr zuvor. Die jüngsten endgültigen Zahlen allerdings – sie stammen aus 2009 – beweisen, dass die Bundesrepublik mit diesen 5,3% des Bruttoinlandsprodukts im OECD-Vergleich weit abgeschlagen im letzten Fünftel liegt; der Durchschnitt beträgt 6,2 %. Auch der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung hält sich mit nur 20 Prozent in Grenzen – das ist nur gut die Hälfte des Wertes in den 34 OECD-Ländern (37 %). Das Armutszeugnis für ein immer noch so reiches Land weist weitere


schlechte Noten auf. Die Situation an den Universitäten ist inzwischen schier unerträglich. Nicht nur, weil die Zahl der Studierenden von 2001 (1,9 Millionen) um 27 Prozent auf rund 2,4 Millionen im Jahr 2011 stieg. Es ist die Qualität, die uns die Lehre bald mit zwei „ee“ schreiben lassen muss.Turbo-Abitur und Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht ha-

Mehr Zeit zu Hause als in der Uni verbringen Studierende Foto: vdm

ben die Zahl um weitere 100.000 erhöht. Die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge erfordern ein weit intensivere Betreuung und Beratung der Studierenden, das hat selbst der Wissenschaftsrat erkannt. Doch zwischen 2008 und 2011 stieg die Zahl der von einer Lehrkraft zu betreuenden Studenten von 15,2 auf 15,9. Eben diese Wandlung der Studiengänge vom klassischen Diplom, Magister oder Staatsexamen hin zum Bachelor respektive Master ist das eigentliche Unheil. Zwar soll der Bachelor der „erste akademische Grad und berufsqualifizierende Abschluss eines mehrstufigen Studienmodells sein“, doch in der Realität heißt das: Pro Semester muss der Studierende durchschnittlich 30 Leistungspunkte erwerben. Bei einem dreijährigen Bachelor-Studium muss er also auf 180 Punkte kommen. Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz (HRK) beschloss, für jeweils 30 Stunden einen Leistungspunkt (LP) zu vergeben. Das summiert sich auf eine Arbeitsbelastung von 40 Stunden pro Woche für den Studenten, wobei ihm sechs Wochen Urlaub im \18\

Jahr eingeräumt werden. Dazu gehören also Vorlesungen, Seminare,Vorund Nachbereitung und letztlich die Prüfungen. Und das unter teils wenig lernfreundlichen Umständen: In den universitären Veranstaltungen sitzt man wie in einer Legebatterie, der Prof wirft Powerpoint-Folien an die Wand und rattert seinen Stoff herunter, den Rest kann sch jeder selbst zusammenreimen. Warum sich ein Land mit einem weltweit anerkannten Hochschulwesen und Ausbildungsstandard internationalen Richtlinien anpassen soll, mag einer noch verstehen: Die gegenseitige Anerkennung akademischer Grade, die vereinfachten Arbeitschancen und damit der länder- und kontinentübergreifende wissenschaftliche Austausch sollen gefördert werden. Doch warum sich immer am Mittelmaß orientieren? Noch 109 der insgesamt 421 deutschen Hochschulen nennen sich Universität, die anderen sind Fachhochschulen, theologische, Kunst- oder pädagogische Hochschulen. Von „universitas“ aber, der „universitas magistrorum et scholarium“, das ist die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, leitet sich zwar der Begriff ab, entspricht


Exzellenzstatus: Die Kölner Universität wurde 1388 gegründet, während der "Franzosenzeit" geschlossen und 1919 neu gegründet Fotos: GNU

aber längst nicht mehr der Realität. Die Universität, die Deutschlands Ruf als Wissensnation seit dem 19. Jahrhundert zu Weltruhm verhalf, wurde abgeschafft. Sie machte einem System Platz, das mehr an Massentierhaltung, günstigerenfalls an seelenlose Bootcamps erinnert als an ihre eigentliche Aufgabe: die Studerenden nicht nur den wissenschaftlichen Stoff zu lehren, sondern sie in ihrer Entwicklung zu frei denkenden Persönlichkeiten und politischen Individuen im Sinne Platons zu unterstützen; das gehört nämlich auch zum „Fächer“-Kanon des humanistischen Bildungsideals. Natürlich lässt sich das als romantische Vorstellung abtun, aber wäre sie heute noch Wirklichkeit, sie hätte vielleicht sogar die Bankenpleiten und damit die weltweite Finanzkrise verhindern können; es gebe nämlich mehr verantwortungsvolle (bestens ausgebildete) Manager und nicht nur solche, die ein Unternehmen ausschließlich auf den eigenen Jahresend-Bonus trimmten. Die Universität 2013 ist in den allermeisten Fällen lediglich eine Fortführung der Schule in ihren weniger positiven Aspekten. Gerade in den ersten Semestern wird Wissen

nicht mehr vermittelt, kann nicht mehr vermittelt werden, weil die Zahl der Lehrenden der der Lernenden nicht angepasst wurde. Es darf gepaukt werden! Selbst in den Seminaren ist keine eigentliche Seminararbeit mehr möglich, da die Räume brechend voll sind, die Professoren sich nicht mehr um den Einzelnen kümmern können, stattdessen den Stoff ins Internet stellen; sollen die Studenten doch zu Hause weiter

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studieren. An vielen Unis sind durch die neuen Studiengänge, die oft aus obligatorischen zwei Hauptfächern bestehen, seitens der Lehrerschaft so unterbesetzt, dass zwei Seminare zum selben Zeitpunkt angeboten werden müssen, obwohl in beiden Anwesenheitspflicht besteht. Sprechstunden dienen nur noch der Verabredung von Formalitäten, schon Erstsemestern wird dringend ans Herz gelegt, abendliche Tutorien zu besuchen, wenn sie mitkommen


wollen – im Seminar bleibt für entscheidende Hinweise des Lehrenden, geschweige denn für ein Ventilieren des Stoffs keine Zeit. Wo die „Einheit der Lehre und Forschung in Freiheit“ bleibt? Auf der Strecke. Man muss sich das

wirklich einmal vorstellen: Amerikas Elite-Universitäten beziehen sich noch heute auf die Ideale der „Humboldtian Research University“, nachzulesen im „International handbook of higher education“, herausgegeben von James J. F. Forest und Philip Geoffrey Altbac. Und wir, die Erfinder dieser so wundervollen Einrichtung, adaptieren Modelle, die nichts anderes sind als die miserable Fortführung überkommener Schulen, die mit Ex-cathedra-Methoden Stoffe in die Studentenhirne hämmern. Es darf auswendig gelernt, aber nicht hinterfragt, nicht diskutiert werden. Es geht nicht um Leistungsbereitschaft und nicht um die Kontrolle derselben, es geht allein um das Verdrängen des universitären Gedankens. Selbstverständlich kann keine Universität der Welt heute noch die Gesamtheit allen Wis-

So voll wie hier bei einer Erstsemester-Veranstatltung bleibt es während des Studiums, so lustig nicht mehr. Foto: Uni Heidelberg

Top-Job ergattern will, ob in der Wirtschaft oder in Staatsdiensten, muss eben die „Grandes Ecoles“ absolviert haben. In den USA kann nur der die Elite-Uni Harvard besuchen, der mehr als 50.000 Dollar im Jahr übrig hat, so hoch sind die Re-

gelstudiengebühren. Im englischen Oxford fallen immerhin noch rund 18.000 Euro an. sens beziehungsweise alle verWie in den Krankenhaus-Systefügbaren Erkenntnisse sämtlicher men – auch einst ein deutscher ExWissenschaftsbereiche vermitteln, portschlager – der Kaufmann dem die Zeiten sind seit dem Mittelal- Arzt die Fallzahlen vorschreibt und ter endgültig vorbei; es muss aber dabei natürlich jährlich nach oben erlaubt sein zu fragen, warum die korrigiert, so gilt heute der ProfesZahl der Studienabbrecher seit sor als besonders erfolgreich, der Einführung des Bachelor/Master- nicht nur viel forscht und publiziert, Systems in den naturwissenschaft- sondern vor allem Sponsorengellichen Fächern so krass gestiegen der generiert. Die Lehre ist inzwiist, warum die Unzufriedenheit der schen höchstens zweitrangig. Ist Studierenden wächst und die der das der propagierte ExzellenzcluLehrenden erst recht. ster? Wie schrieb der Schriftsteller Und wie machen es die, denen Malte Herwig: „Aus dem pädagogiwir uns in vorauseilendem Gehor- schen Eros von einst ist längst ein sam mal wieder angleichen wollen: pädagogischer Porno geworden: Wer in Frankreich jemals einen schnell, schmutzig und auf Dauer nicht richtig befriedigend.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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L\ E\ S\ E\ R\ M\ E\ I\ N\ U\ N\ G\ Zu: Interview mit Bernd Buchholz Zunächst herzlichen Glückwunsch zum neuen Magazin; die thematische Bandbreite gefällt mir. Zum Interview mit Bernd Buchholz: Warum regt sich ein ehemaliger Manager und künftiger Politiker darüber auf, dass sich „dank einer veränderten Medienlandschaft“ auch kleinere Gruppen so „lautstark“ zu Wort melden können? Das ist doch gerade auch ein Merkmal der Demokratie. Ich bin mit dem Internet aufgewachsen und kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es war, als einige wenige Chefredakteure der etablierten Medien der Bevölkerung vorschrieben, welche Nachricht wichtig war und warum. Sicher wird auch diese Möglichkeit, die uns die neuen digitalen Medien bieten, von dem einen oder anderen ausgenutzt, aber letztlich obliegt es doch den Rezipienten (Usern, Lesern, Hörern), was sie mit ihren so gewonnenen Informationen anfangen. In einer pluralistischen Gesellschaft – und als solche begreifen wir uns doch – muss es auch Minderheiten gestattet sein, sich Gehör zu verschaffen. Dass viel Unsinn verbreitet wird, ist jedem klar, aber der „mündige Bürger“ sollte in der Lage sein, das für ihn Wichtige zu finden und den Wahrheitsgehalt einigermaßen einzuschätzen. Bei den herkömmlichen Medien sind wir Nutzer doch auch auf die ethische (und journalistische) Kompetenz der Autoren angewiesen oder fände Herr Buchholz es gut, wenn wir alle nur blinde Konsumenten geblieben wären? Mit „verum“ ist es doch genauso. Sie geben vor, mir „das Wahre“ – so der Titel Ihres Magazins (wenn ich mich recht an meinen Latein-Unterricht erinnere) – mitzuteilen und hoffen sicher, ich nehme Ihnen das ab. Übrigens: Bei der Eingabe des Suchbegriffs „Meinungsfreiheit“ liefert die „google“Suchmaschine 2,29 Millionen Treffer. Viel Erfolg mit Ihrer Publikation! Cornelius Heisenberg, Greifswald via Mail

Zu: Die (letale) Passion der Babette

Ihre Meinung ist uns wichtig. Wenn Sie uns auch schreiben wollen: eine Mail genügt. redaktion@verum-magazin. com Unsere Postanschrift: verum Planckstraße 13 D-22765 Hamburg

Der Autor muss Schreckliches erlebt haben, auch wenn er noch ein Kind war und vieles sicher nicht verstanden hat, er wird die Tragweite der Situation instinktiv geahnt haben. Ich habe meine Eltern oft von dieser schlimmen Zeit erzählen hören. Sie gehörten zwar nicht zu den Verfolgten des Regimes, haben aber dennoch sehr gelitten: Ein Teil ihrer Freunde war von einen auf den anderen Tag verschwunden, und niemand traute sich, etwas dagegen zu unternehmen. Dass dann aber nach Kriegsende dieselben Schergen wieder in Lohn und Brot waren und wieder ihre vertrackte Untertanen-Mentalität (Heinrich Mann) an der Bevölkerung auslebte, war auch für sie - meine Eltern - ein wahrer Kulturschock. Es muss mehr solcher Bücher geben wie die von Wolf Levien, wir müssen uns nur ansehen, wie Roland Jahn, der Leiter der Stasi-Behörde, mit den Ewiggestrigen zu kämpfen hat! Mit freundlichen Grüßen Dr. Kathrin Antonissen, Hamburg via Mail \21\


W\ I\ S\ S\ E\ N\ S\ C\ H\ A\ F\ T\

Das Jahrhundert der Hirnforschung

Foto/Grafik: photaki

Von Michael Manns

ist vollkommen unklar: Wie entsteht aus dem Feuer der Neuronen Eine teigige Masse, honigmelo- so etwas wie Bewusstsein? Das Ich, nengroß, rund 1,4 Kilo schwer, das uns von Tieren unterscheidet. unter Fett und Wasser endlos Wie entsteht aus Materie Geist? verästelt 100 Milliarden Ner- Die alte Frage der klassischen Phivenzellen (soviel Galaxien gibt losophie. es im Universum), jede Nervenzelle noch einmal mit bis Think Big ist keine zu 10.000 Verknüpfungen. Im Erfolgsgarantie toten Zustand ist sie grau. Das ist das geheimnisvollste Zwei Megaprojekte sollen die und komplexeste Organ im Geheimnisse des Hirns entschlüsKosmos: unser Hirn. Jene In- seln. Da ist das europäische Human stanz, die über das All und sich Brain Project. Die EU adelte es als selbst nachdenken kann, jene wissenschaftliches Flaggschiffprojekt Instanz, in der das geheimnis- und will eine Millliarde Euro dafür volle Ich aufscheint, eine In- spendieren (über zehn Jahre verstanz, der die eigene Endlich- teilt). Koordiniert wird das Projekt keit bewusst ist. von dem Neurophysiologen Henry Drei spannende For- Markram von der TH in Lausanne. schungsthemen hat die Er hatte 2005 das Blue Brain Project Wissenschaft unserer Zeit: gestartet, eine Art Vorläufer. Das Den Kosmos, die Gene und Ziel war ein Segment der Hirnrinde unser Gehirn. Und schon aus 10.000 Neuronen nachzubauen. längstsind die Neurowissen- Und da sind die USA. Präsident Obschaften zur Jahrhundert- ama kündigte ein Projekt an, in dem wissenschaft avanciert. Jedes Forscher eine Karte der gesamten Jahr erscheinen etwa 35.000 Hirnaktivität eines Menschen erneurowissenschaftliche Arbei- stellen sollen. Drei Milliarden Dolten. Immer genauer hat man lar (ebenfalls auf zehn Jahre verteilt) das Organ untersucht, immer sollen dafür locker gemacht werpräziser kann man einzelnen den. Zwei Projekte also, die von Regionen bestimmte Denktä- Optimisten als „Apollo-Projekte“ tigkeiten zuordnen. Doch noch des Geistes bejubelt werden. Kritiker sprechen von Größenwahn. Eine der vielen Fragen stellt sich nach dem Sinn von Großforschung in diesen Milliarden-Dimensionen. 1974 hat man den Kampf gegen den Krebs ausgerufen – man kämpft heute noch. Die Entzifferung des Genoms, ebenfalls zwei Großprojekte, führte ebenfalls zur Ernüchte\23\

rung. Die String-Forschung rechnet seit 30 Jahren vor sich hin und das Jahrhundert des Gehirns wurde vor 20 Jahren schon einmal ausgerufen. Big Science führt nicht automatisch zu epochalen Durchbrüchen. Zweifellos hat die Neurowissenschaft in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Einzelergebnisse vorgelegt, vor allem durch die bildgebenden Verfahren. Der Mainzer Neurophilosoph Thomas Metzinger sagt: „Wir stehen bei der Erforschung der Hirnfunktionen erst am Anfang... Es gibt trotzdem atemberaubende Fortschritte. Wir wissen heute, wo Emotionen entstehen, wir kennen notwendige Bedingungen für Gefühle und viele andere Bewusstseinsinhalte, die Menschen mit bestimmten Hirnläsionen nicht mehr haben können.“

Horrorszenario im Rattenlabor Schlaglichter der stürmischen Neuro-Entwicklung aus der jüngsten Zeit: • Ratten-Telepathie: zwei Tiere befanden sich in zwei verschiedenen Labors. Ihre Gehirne waren über Elektroden (Hirn-Hirn-Schnittstellen) und Internet miteinander ver-


Mit Milliarden s entschlüsselt u Wer erhebt Ein

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bunden. Den Forschern gelang es, Signale des einen Rattenhirns auf das andere zu übertragen. Ratte zwei tat mit Zeitverzögerung dasselbe wie Ratte eins. • An der Uni-Klinik Freiburg gelang es Ärzten, schwerst depressive Menschen mit der Tiefen-Hirnstimulation zu heilen. Dabei stimuliert ein drei bis fünf Volt schwacher Strom (für die Kranken nicht wahrnehmbar) ganze Verbände von Nervenzellen. • Große Fortschritte machen Versuche, Maschinen direkt mit Hirnströmen zu steuern. So können schon gelähmte Menschen Roboterarme steuern (und sich Schokolade in den Mund stecken). Aber man will mehr: Bahnbrechende Erkenntnisse mit revolutionären neurotechnischen Anwendungen. Intelligenzverstärker, Gedächtnis- und Gefühlsverbesserer (oder auch -löschung), Gedankenleser, (hier gibt es schon Anfänge), Neurokosmetika, Gehirndoping und Gehirndesign, ungeahnte Therapiemöglichkeiten (Gelähmte, die Rollstühle mit Gedankenkraft lenken). Die Identifizierung der Ursachen von Autismus, Schizophrenie, Hyperaktivität und Depressionen, jenen schlimmen Krankheiten des Geistes. Die Generalstäbe haben die militärische Möglichkeiten im Fokus (Kampfjets, die mit Gedanken gesteuert werden).

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Geschichte erlebte die Gesellschaft eine dramatische Änderung ihres Menschenbildes (mit den dazugehörigen tiefen Kränkungen). Die erste geht auf Galilei zurück. Die soll unser Denkorgan Menschheit musste anerund nachgebaut werden. kennen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt nsprüche? ist. Dann sorgte Darwin für die biologische KränDie Neurotechnik-Euphorie kung. Der Mensch ist ein naturist nicht zu überhören – doch wo haftes Ergebnis der Evolution. Für bleibt die Ethik? Thomas Metzger die dritte Kränkung sorgte Freud. und andere fordern seit langem den Er nahm dem Menschen auch noch breiten Diskurs in der Gesellschaft. seine innere Souveränität. Denn da In den Gehirn-Labors wird schließ- ist das dunkle Unbewusste, das so lich nicht die Geschwindigkeit des viel Macht ausübt. Lichts gemessen oder das 450. Droht uns jetzt die vierte KränSchmerzmittel zusammengeköchelt. kung durch ein Computer-MoEs geht um die Frage der Identität dell des Geistes? Werden des Menschen. Welches Menschen- Gleichungen, die das Feubild haben wir und welches wollen ern von Neuronen bewir in Zukunft? Der Mainzer Philo- rechnen, unser Ich soph: „Die traditionelle Strategie in nur noch als FiktiDeutschland ist es ja, so lange ange- on erscheinen strengt wegzugucken, wie es irgend lassen? Ebgeht, und dann voller Selbstmitleid nen denauszurufen: Davon habe ich nichts ke n d e gewusst!“ MaDer ehrgeizige amerikanische Neurophysiker Sebastian Seung, der eine Art viel beachtetes Manifest der Neurowissenschaften verfasst hat, meint, erst künftige Generationen würden in vollem Umfang begreifen, welch eine wissenschaftliche Revolution sich da gerade vollzieht. Nicht zum ersten Mal in der abendländischen

Zeinung: Lehrbild der Phrenologie (1864)

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schinen den Unterschied zum homo sapiens ein? Rüdiger Vaas hat in seiner „Schönen, neuen Neurowelt“ die Gefahren aufgezählt: Das Problem der Hybris (der Mensch will Gott spielen), die Frankenstein-Ambitionen, da die Grenzen zwischen Mensch und Artefakt verwischt werden, eine neue Eugenik. Er warnte vor dem Weg zu einem Transhumanismus. Dieser könnte nämlich auch zu einem Ende unserer menschlichen Werte und Einstellungen, zu einem Ende der Menschlichkeit und zu einem Ende des Menschen führen. Oder in Adornos Worten: „Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen... den Menschen die Furcht nehmen und sie als Herren einsetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“


G\ L\ O\ S\ S\ E\

Haltet den Uli!

„Pfui, Schande über ihn. Steuerhinterzieher, Wurstfabrikant, haltet ihn!“ So ganz, ganz stinksauer und echt empört waren sie alle über den Uli vom Tegernsee: der Siegmar, der Peer, die Andrea, der Jürgen! Die ganze Berliner und Münchner Nomenklatura war krass auf Zinne. Nur eine hat diesmal leider echt gefehlt: die Claudia. Also die Claudia Roth, die hätte dem Uli eins eingeschenkt. Das kann die Claudia – so ganz instinktiv wie Brünhilde, bebend vor femininer Wut. Und ganz schrill in ihrem pret-à-porter Walla-walla zur Tagesschau. Aber die Claudia ist leider verreist. Wie blöd. Dabei soll’s in der Toskana richtig doll regnen. Der Jürgen, also unser grüner Molotow, der war gut drauf. Der schwarzen Angela und dem Wolfgang hat er sofort die pure, reine Wahrheit um die Ohren geklatscht: Vom Bayern-Uli seien sie die Mafiapaten. - Kennste nicht det Foto, wie die Angela und der Uli auf der Promibank im Olympiastadion zusammenglucken? Is dat etwa keen Bewees! - Um den Uli, den Bayernboss zu schützen, hätte Wolfgang so lausig mit der Schweiz verhandelt. Der Peer und der Siegmar sind mit dem Jürgen gleich – als er das in der ARD von sich gegeben hat – sofort solidarisch gewesen. Sowie

damals 68 im Göttinger ASTA, als KPD/ML und der Sozialdemokratische Hochschulbund zusammengingen. Alle drei hatten das mit dem Uli und dem reichen Promi-Pack schon ganz von Anfang an gewusst und deshalb das fiese Abkommen mit all den Finanzkapitalisten vom Zürcher Paradeplatz scheitern lassen. Vorgeführt müssen die Superreichen werden, das weiß Molotow noch gut aus Göttinger Zeiten. Darum, nur darum geht’s und nicht um die paar Steuerpiepen. „Na, wenn schon“, sagt der Molotow immer. „Schaden tut’s nur dem Wolfgang, wenn mit dem Scheitern des Abkommens nur fünf statt zehn Milliarden in die Bundeskasse fließen.“ Übrigens Molotow, Peer und Siegmar sind auch darin solidarisch, dass sie es nach der Bundestagswahl bei all den Reichen zwischen Kampen und Schliersee so richtig krachen lassen wollen. Nicht so doof wie der im Elysée. Der Hollande quakt immer von der Reichensteuer. Unsere glorreichen Drei fangen das viel schlauer an: Sie sagen statt Reichensteuer ganz einfach Vermögenssteuer. Der Kirchhof, der Gerichtsheini, nennt eine Vermögenssteuer zwar verfassungswidrig: Nur im äußersten Krisen- und Notfall dürfe in der Bundesrepublik

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eine Vermögenssteuer erhoben werden. Papperlapapp! - Aber, mal ehrlich, Verträge und Verfassungen werden doch immer gebrochen. Das weiß doch echt jeder, der im Europa-Parlament oder im Bundestag hockt. Denkt doch bloß mal eben an den ESM-Vertrag: Stütze sollten danach eigentlich nur systemrelevante Banken bekommen. Aber jetzt kriegt die Zypern-Chose mit Zustimmung von Jürgen, Peer, Angela und Wolfgang zehn Milliarden Euro und die ist so relevant wie die Hammelburger Volkssparkasse. Ja, sicher, wenn Molotow, Peer und Siegmar diese Hartz IV-Gesetze vom Schröder endlich in die Tonne treten, dann brauchen sie nicht nur das Geld von den Großkapitalisten. Das haben sie schon in ihre neuen Wahlprogramme geschrieben. Da muss mehr her: Warum nicht die stille Steuerprogression wieder voll aufleben lassen? Die kleinen Malocher kriegen das doch gar nicht mit! Und das Familiensplitting? Das sind Relikte aus der patriarchalischen Feudalgesellschaft. Alleinerziehende können sich in Neukölln doch auch ohne Splittingtabelle prima über Wasser halten. Das weiß doch jeder. Klar ist ja auch, dass die Pkw-Maut für die Autobahn endlich kommen muss. Es wird viel

zu viel CO 2 erzeugt. Na klar: Weniger Stinker auf der Autobahn – das ist ganz prima für die Umwelt. Was macht das schon, wenn in Wolfsburg und Stuttgart ein paar Zehntausend Arbeitsplätze wegfallen? All die Leute nimmt der Frank Jürgen Weise von der Bundesarbeitsagentur mit Kusshand und schickt sie alle zur Umschulung. Am besten in die Steuerverwaltung. Denn ein paar Hundert neue Steuergesetze und Ausführungsverordnungen brauchen ja auch mehr Steuerbeamte, klaro! Und den Bayern-Uli, das wissen Molotow und Siegmar ganz genau, hätten mehr Steuerbeamte schon längst zur Strecke gebracht. Lasst den alten Kirchhof in Heidelberg mosern: „Das deutsche Steuersystem ist ungerecht. Schon deswegen, weil niemand es mehr versteht. Was nicht als gerecht verstanden werden kann, kann auch nicht gerecht sein.“ – Also, das ist echt humanistische Spitzfindigkeit und Wortklauberei vom humanistischen Gymnasium. Und dessen vollständige Abschaffung haben Molotow, Siegmar und Peer ja längst ins Auge gefasst. Und der Bayern-Uli, der versteht sowieso nichts davon. wau

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Schicksale zw Weltunterneh

Tor West des Industrieparks Hoechst

Foto: Linzenz GNU

U\ N\ T\ E\ R\ N\ E\ H\ M\ E\ N\

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weier hmen

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Vor 150 Jahren wurden Bayer und Hoechst gegründet. Neben Glorie auch Tränen Sieben Männer waren es damals, eine Dampfmaschine mit drei PS und ein kleiner Dampfkessel. Das war Belegschaft und Ausrüstung einer Klitsche am Mainufer vor den Toren von Frankfurt/M. Gründungstermin: Januar 1863. Die Männer bildeten die Urzelle des späteren Weltkonzerns Hoechst. Die Schuhe und Arbeitskittel der Arbeiter trugen rote Spuren. Ursache war der Farbstoff, den sie herstellten. Die Firma wurde im Volksmund daher „Rotfabrik“ genannt. Der Schlüssel zur Produktion von künstlichen Farben war im 19. Jahrhundert die Destillation von Teer, deren chemisches Geheimnis erst mühsam dekodiert werden musste. Die ersten Farbenfirmen hießen daher auch Teerfabriken. Der Bedarf an synthetischen Far-

ben war enorm, denn die Naturfarben konnte sich die breite Masse nicht leisten. So kamen schnell weitere Farben hinzu. Deutschlands Farbenhersteller (nach Hoechst gab es schnell weitere Gründungen) exportierten 1902 allein 20 Millionen Goldmark an Kunst-Indigo. Bereits 1877 kam die Hälfte aller in der Welt verbrauchten künstlichen Farbstoffe aus Deutschland. Erst Farben, dann Medikamente Die Farbenfirmen wuchsen und wuchsen. Biologen und Ärzte griffen in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts zu den synthetischen Farben, um Körpergewebe anzufärben – so konnten sie es unter dem Mikroskop besser beobachten

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und die Krankheitserreger identifizieren. Nach der Synthese der Farben entwickelte sich so die Synthese der Medikamente. Es begann die Zusammenarbeit zwischen den Nobelpreisträgern Paul Ehrlich und Robert Koch. 1910 produzierte Hoechst (nach der Entdeckung durch Ehrlich) Salvarsan – damit wurde erstmals die Behandlung von Syphilis möglich. Die Fabrik musste durch Stacheldraht geschützt werden. Kranke aus aller Welt kamen und wollten auf Biegen und Brechen an das Heilmittel. Mit einem Handels-U-Boot wurde Salvarsan im Ersten Weltkrieg sogar in die USA exportiert. Neben der Säule Pharma entstanden weitere Geschäftsfelder wie Kunststoffe, Düngemittel


und Fasern. Aus Teerfabriken waren Chemie-Konzerne geworden. Vom Bayer-Chef Carl Duisberg ging die Idee aus, die deutsche Großchemie zusammenzulegen (nach dem Beispiel der US-Trusts). So entstanden 1925 die IG Farben, die Farbwerke wurden integriert. 1952 wurden die IG Farben durch die Alliierten zerschlagen. Doch kurze Zeit später stieg Hoechst wieder auf wie ein Phoenix aus der Asche. Zusammen mit Bayer und BASF bildete es das deutsche Chemie-Trio, alle spielten wieder in der Welt-Liga. ...und dann kam der Bad-Man des Unternehmens 1994 übernahm Jürgen Dormann, der erste Nicht-Chemiker, die Kommandobrücke. Jetzt begann das Sterbeglöcklein zu bimmeln. Zuerst wurden die Symbole Brücke und Turm am alten Hauptgebäude abmontiert, dann die Chemie in alle Welt verkauft und die Pharma-Sparte mit dem französischen Konkurrenten RhonePoulenc fusioniert. Das nannte sich Aventis und wurde 2004 von Sanofi geschluckt – mit Unterstützung der französischen Regierung. Hoechst, ein Unternehmen mit 20 Milliarden

Euro Umsatz und 100 000 Mitarbeitern, verschwand. Die Belegschaft, die eine vorbildliche Unternehmenskultur pflegte (die „Hoechst-Familie“) und treu zur Firma stand – gegen alle Anfeindungen eines links-grünen Zeitgeistes - war fassungslos. Man sah alte „Rotfabrikker“ mit Tränen in den Augen. Christoph Wehnelt, ein Wirtschaftsjournalist, schrieb ein Buch und urteilte: Dormann sei eine „nur schwer begreifbare Unternehmerpersönlichkeit mit hoher Egozentrik, subversivem Machtmissbrauch und wenig Fortune“ gewesen. Wolfgang Hilger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender: „Die Generation Dormann hat das in 50 Jahren aufgehäufte Vermögen vernichtet.“ Die Bayer AG dagegen kann die Champagnerkorken knallen lassen. Voller Stolz feiert sie in diesen Monaten ihr 150. Jubiläum – weltweit. Eine feine Kunstausstellung im Berliner Gropius-Bau (noch bis 9. Juni), eine Wanderausstellung durch die ganze Welt, eine Sonderbriefmarke und ein Luftschiff, auf dem das Bayer-Kreuz und die Mission groß zu lesen sind, steuert im Laufe dieses Jahres Ziele in vielen Teilen

Bayer-Werk Leverkusen

Foto: Linzenz GNU

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der Welt an. Am Anfang (1863) stand auch hier eine Männerfreundschaft, viel Forschergeist und zwei Küchenherde. Auf denen experimentierten der Kaufmann Friedrich Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott – und fanden heraus, wie man den Farbstoff Fuchsin herstellt. Am 1. August 1863 gründeten sie in WuppertalBarmen die Firma „Friedr. Bayer et. comp.“ 1866 wurden der Hauptsitz und die meisten Produktionsanlagen auf ein größeres Gelände in Elberfeld verlegt. Hier wurde die Wirkung der Acetylsalicylsäure und der Sulfonamide entdeckt, die unter den Markennamen Aspirin und Prontosil auf den Markt gebracht wurden. Mit dem Sulfonamid Prontosil führte Bayer das weltweit erste Chemotherapeutikum ein, das als Breitbandantibiotikum eingesetzt werden konnte. Carl Bosch protestiert bei Hitler 1883 kam der Chemiker Carl Duisberg zu Bayer und baute die chemische Forschung aus. Aufgrund seiner jahrelangen Initiativen entstand dann der IG-FarbenKonzern mit BASF. Bayer und die Farbwerke Hoechst (mit Cassella


Hoechst Chemie-Park Knapsack

Foto: Linzenz GNU

und Kalle), AGFA und anderen. Im Dritten Reich musste man die jüdischen Arbeiter und Angestellten zwangsweise entlassen. Als Carl Bosch persönlich bei Hitler protestierte, dass man dadurch „um hundert Jahre zurückgeworfen“ werde, antwortete der: „Dann werden wir eben 100 Jahre ohne Chemie und Physik arbeiten“.

Nach dem zweiten Weltkrieg mussten sich 23 Leitende Angestellte der I.G. Farben im I.G.-Farben-Prozess unter anderem wegen Kriegsverbrechen verantworten. Bayer heute: Die AG ist die Holding-Gesellschaft des Konzerns, der aus über 350 Gesellschaften besteht. Schwerpunkt des Konzerns ist die chemische und pharmazeutische Industrie. Im Jahr 2012 erwirtschaftete Bayer bei einem Gesamterlös von rund 39,8 Milliarden Euro einen \32\

Gewinn nach Steuern von 2,5 Milliarden Euro. Vorstandsvorsitzender Dr. Marijn Dekkers: “Was als kleine, aber innovative Farbenfabrik im heutigen Wuppertal-Barmen begann, ist heute ein Weltkonzern mit über 110 000 Mitarbeitern.” mm


P\ H\ I\ L\ 0\ S\ 0\ P\ H\ I\ E\

Deutschlands Denker verlieren den Überblick Von Jochen Dersch Wer hätte das gedacht: Mindestens drei Dinge hat der Autor dieser Zeilen mit dem bekanntesten deutschen Philosophen gemein, und eines hat er ihm sogar voraus. Peter Sloterdijk, 1947 in Karlsruhe geboren, hatte eine aufgrund einer Rhesus-Inkompatibilität „komplizierte“ Geburt, „und auf die schwierige Geburt folgte eine schwere Gelbsucht. Seine Mutter...lernte seinen Vater... in den Nachkriegswirren kennen...“ So steht es, mit Zitaten verifiziert, im Volkslexikon der Moderne, „Wikipedia“. Was der Autor Sloterdijk voraus hat: Im zarten Alter von sechs Wochen wurde er, dem man aufgrund derselben Diagnose keine Überlebenschancen einräumte, in der Uniklinik notgetauft. Ha! Selbstverständlich ist das mitnichten interessant für den Leser. Es lässt aber die Deutung zu, dass der Badener, der diese Angaben selbst getätigt hat, vor allem sein Image als Enfant terrible der deutschen Philosophie (sollte man besser sagen Philosopie-Szene?) pfle-

Peter Sloterdijk, geb. 26. Juni 1947 in Karlsruhe, ist ein deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Buchautor. Seit 2001 ist er Professor für Philosophie und Ästhetik und Rektor der HfG (Hochschule für Gestaltung) in Karlsruhe. Seine Vita in Kürze: • 1968-74: Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in München • 1975 Promotion in Hamburg mit einer Studie zur Philosophie und Geschichte moderner autobiographischer Literatur • seit 1980 freier Schriftsteller, Veröffentlichung zahlreicher Arbeiten zu Fragen der Zeitdiagnostik, Kultur- und Religionsphilosophie, Kunsttheorie und Psychologie • seit 1992 Professor für Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe • seit 1993 Leitung des Instituts für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste in Wien • seit 2001 Rektor der HfG • seit Januar 2002: Leiter der Sendung „Im Glashaus – Das Philosophische Quartett“, mit Rüdiger Safranski, im ZDF • 1993 Ernst-Robert-CurtiusPreis für Essayistik • 2000 Friedrich Märker-Preis für Essayistik • 2001 Christian-Kellerer-Preis für die Zukunft philosophischer Gedanken • 2005 SigmundFreud-Preis für wissenschaftliche Prosa • 2006 „Commandeur de l´Ordre des Arts et des Lettres“ der französischen Republik • Gastdozenturen am Bard College, New York, am Collège International de Philosophie, Paris und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Zürich Foto: Rainer Lück

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gen will. Ob er diese Sätze auch in das Dankschreiben an diejenigen geschrieben hat, die ihn 2001 zum Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe berufen haben, der er heute noch ist? Sloterdijk steht für eine Neuordnung des Begriffs Philosophie, und das nicht, weil er diese „Königin der Wissenschaft“ in eine neue Dimension geführt hätte, sondern weil er sie und sich mit zeitgemäßen Mitteln präsentiert und vermarktet. Die Zahl seiner Werke ist Legion, er hat Grundlegendes verfasst, hat wichtige Debatten angestoßen und mehrere Preise – vor allem für seine Essays, aber auch für Architekturkritik und sein gesellschaftliches Engagement – abgeräumt. Aber hat er damit schon die Berufsbezeichnung „Philosoph“ verdient? Wir sind geneigt, die Frage zu bejahen, denn wer sonst, wenn nicht der uns allen den Spiegel vorhaltende und uns ständig daran, dass wir nicht alles im Griff haben, erinnernde Zeitgenosse dürfte sich so nennen? Hand aufs Herz: Kennen Sie außer Sloterdijk weitere zeitgenössische deutschsprachige Philosophen? Solche


Auch die „Königin der Wissenschaft“ passt sich den Gesetzen des Marktes an

von Format oder besser solche, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind? Vorsicht: Die Träger großer Namen aus der jüngsten Geschichte diskutieren längst in einem, wenn es denn ein solches geben sollte, anderen Leben weiter. Jaspers und Heidegger, die aus der Phänomenologie die Existenzphilosophie entwickelten starben 1969 beziehungsweise 1979, Adorno 1969; Ernst Bloch, der Philosoph der Hoffnung, ging 1977; der Sozialphilosoph

Karls Jaspers 1883 - 1969

Martin Heidegger 1889 - 1976

und sich sein bisher 83 Jahre währendes Leben lang in die öffentliche Diskussion eingemischt oder sie gar angezettelt hat. Sicher, gibt es einige, die zumindest Spuren hinterlassen. Bernhard Waldenfels, der Bochumer Philosoph, der sich dem Phänomen des Fremden genähert hat, oder Ernst Tugendhat, dem wir profunde Schriften zur Sprachanalyse verdanken. Aber viel mehr gibt es nicht, wenn Bieri, Apel und Odo Marquard hier nicht genannt werden, möge man das verzeihen. Das Problem mit den Philosophen ist das Problem der Diversifizierung – unserer Gesellschaft, des Berufslebens, der Forschung, des Denkens. Kann überhaupt heute noch ein Philosoph eine Bedeutung wie Fichte, Schopenhauer, Nietzsche Kant, Hegel erlangen? Da müsste sich einer um künstliche Intelligenz kümmern, um Theorien der Arbeit, um Steuern, Hartz IV, Neona-

Theodor Adorno 1903 - 1969

Ernst Bloch 1885 - 1977

zismus, künstlerische Installationen neuer Art, um elektronische Medien, die geistige Verarmung unserer Universitäten, den Sinn oder Unsinn der Globalisierung, um rechtswidrige Einkäufe gestohlener Bankdatenträger durch den Staat, um die Gewinnung von Stammzellen, um den Zerfall bewährter Tugenden, um Phänomene wie die wuchernde Egomanie des Einzelnen, um die Erpressermethoden einiger Gewerkschafter, den Einfluss der ungefilterten Informationsfluten auf den Menschen, um die unterschiedlichen Verurteilungen bei Vergehen gegen die Institution Staat und gegen das Individuum. Die Liste ließe sich fortsetzen. Liegt es also an der unüberschaubar gewordenen Vielfalt, in die sich die Philosophie aufgesplittet hat? Und falls ja: Warum hat sie sich denn in solch viele Bereiche zerfasert? Weil niemand mehr in der Lage ist, über seinen Tellerrand zu blicken? Angst vor dem Ungewissen, \34\

Jürgen Habermas 1993, also im selben Jahr wie Hans Jonas, dem es um die Verantwortung ging, ein Jahr danach der Erkenntnistheoretiker und Rationalist Karl R. Popper; zwei Jahre später folgte ihm der Wissenschaftstheoretiker Thomas. S. Kuhn; der Soziologe und Philosoph Niklas Luhmann starb 1998; selbst Carl-Friedrich von Weizsäcker, der über die Physik zur Philosophie gekommen war, ist schon seit 2002 nicht mehr. Der einzige noch lebende ist Jürgen Habermas, der sicher zu dem meistgelesenen Philosophen der Welt gehört


das diese kleinkarierte Teilung offenbar mit sich bringt, haben zumindest die Jugendlichen, die vor der Frage der Studienwahl stehen: Die Zahl der Philosophie-Studenten sinkt stetig, in den letzten Zehn Jahren um fast die Hälfte auf rund 15.000. Dabei ist weder die Zahl der Lehrstühle (150) noch die der Professoren (330) gesunken. Für Prof. Carl Friedrich Gethmann ist diese Tatsache allerdings kein Manko, sondern eher eine Katharsis; der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Philosophie meint nämlich, bis vor wenigen Jahren sei Philosophie ein beliebter Parkstudienplatz gewesen, damit sei seit Einführung von Studiengebühren und vor allem des Bachelor-Studiengangs Schluss. Manfred Meiner, Eigentümer des fast hundert Jahre alten Felix Meiner Verlags, sieht das anders. Der Umsatz philosophischer Bücher ist bei uns in wenigen Jahren um rund 20 Prozent geringer geworden. Für ihn ist genau die

Jürgen Habermas geb. 1929

lektuellen „Fassungsvermögens“ oder Anpassung an die Bedürfnisse der Menschen? Oder ist Philosophie ohnehin nur noch ein Relikt aus der geisteswissenschaftlichen Steinzeit? Dass aus Deutschland über 300 Jahre hinweg die wichtigsten philosophischen Denkanstöße kamen, kann kein Grund sein, die (ehemalige?) „Königin der Wissenschaft“ künstlich am Leben zu erhalten. Wozu könnte die Paradedisziplin der deutschen Denker also heute noch dienen? Sie gibt „Orientierung darüber, was sinnvoll und sinnlos, ... angebracht oder verwerflich“, also gut und böse, ist, meint der Frankfurter Philosophie-Professor Martin Seel. In der „Zeit“ schrieb er: „Ohne den Kompass solcher Grundunterscheidungen wüssten wir nicht, worin menschliches Gelingen und Scheitern besteht.“ Seel geht es um die Begriffe, die wir alle nahezu täg-

Hans Jonas 1903 - 1993

Karl R. Popper 1902 - 1994

Reform hin zum Bachelor-Studium der Grund dafür: Die Studenten lesen aufgrund der hohen zeitlichen Belastung nur noch das, was sie unbedingt müssen, aber nicht mehr, was sie vielleicht interessiert. Wenn heute also laut Gethmann eher Themen- und Fragenbereiche wie „Lebenswelt und Wissenschaft“ angesagt sind und nicht mehr Logik, Ontologie oder Metaphysik – ist dies ein Zeichen mangelnden intel-

Carl F. von Weizsäcker 1912 - 2007

lich denken oder sprechen, auch und gerade mit anderen, und die wir in einem „oft stillschweigenden“ Konsens als gültig ansehen. Die Philosophie als praktische Lebenshilfe. So sieht es auch der Kulturstaatsminister a. D. Julian Nida-Rümelin: „Kein anderes Fach ist so dicht am Puls der Zeit.“ Er scheint recht zu haben. So wie schon einmal im 18. Jahrhundert, als bahnbrechende naturwissenschaftliche Erkenntnisse publiziert wurden und die Philosophie sich dieser neuen Themen annahm, ist es auch heute wieder. Ein kleiner Auszug aus den einzelnen Bereichen verdeutlicht das: Inzwischen gibt es Medien-, Umweltund Techniktheorie-Philosophie, Vertreter anderer Wissenschaftsbereiche – die Soziologie ist hier zuvörderst zu nennen, aber auch die Biologie – werden zu Philosophen. Im Vorwort einer Antholo

Alle Fotos auf diesen Seiten: Linzenz GNU

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gie schreibt Nida-Rümelin, die Philosophie habe kein „einigendes Selbstverständnis“ entwickelt. Geprägt sei sie vielmehr von „interdisziplinären Brückenschlägen“, ihn begeistert die „Phase des Austauschs und der Vielfalt“. Er versteigt sich gar zu der Vision, die Philosophie werde „künftig eine bedeutsamere Rolle spielen als die Lösung technischer Probleme“. Gleichwohl mutet es seltsam an, dass Peter Sloterdijk „nur“ auf Platz drei der meistgefragten Philosophen eines der wichtigsten Internet-Portale ist (nach Habermas und Bieri), im Bewusstsein der Öffentlichkeit aber führt er unangefochten die Hitparade an. Liegt es an

dem Themen, mit denen sie sich beschäftigen? Wohl kaum: Der Schweizer Peter Bieri hirnt über das nach, was uns am wichtigsten sein sollte: die Freiheit. Vielleicht hat ihm die übermächtige Medienpräsenz des badischen Allrounders Sloterdijk den Schneid abgekauft. Statt sich wie dieser ständig im Fernsehen zu präsentieren und Essays über Juden/Christen/Moslems und die Steuern auszulassen, gab der Eidgenosse auf: Er zog sich aus der öffentlichen philosophischen Diskussion zurück und schreibt seither Romane.

Zitate zum Thema Gerhard Ernst: Fortschritt in der Philosophie? (aus „Information Philosophie“, Heft 1/2013) Im Big Typescript schreibt Ludwig Wittgenstein: Ich lese „…. philosophers are no nearer to the meaning of ‚Reality’ than Plato got, ….“. Welche seltsame Sachlage. Wie sonderbar, dass Plato dann überhaupt so weit kommen konnte! Oder, dass wir dann nicht weiter kommen konnten! War es, weil Plato s o gescheit war? (Wittgenstein, BT, S. 424.) Wittgenstein wirft hier eine beunruhigende Frage auf: die Frage nach dem Fortschritt und damit letztlich nach der Natur der Philosophie. Was ist das für eine seltsame wissenschaftliche Disziplin, in der es anscheinend überhaupt keinen Fortschritt gibt? Was machen wir Philosophen denn dann überhaupt? Warum schreiben wir Aufsätze und Bücher, anstatt Platon zu lesen und die Sache damit als erledigt zu betrachten? Aber wie sollte es andererseits möglich sein, dass ein Mensch die Sache der Philosophie mehr oder minder erledigen konnte? So gescheit war Platon ja wohl auch wieder nicht.

Ekkehard Martens: Philosophie in der Öffentlichkeit heute (Auszug aus einem Vortrag) Wenn von „Philosophie in der Öffentlichkeit heute“ die Rede ist, denken die meisten von Ihnen vermutlich daran, welches Bild die akademische Philosophie heute in der Öffentlichkeit abgibt und wie man es verbessern könnte, auch um Absolventen der Philosophie Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Möglichkeit von Philosophie in der Öffentlichkeit wären Vorlesungen für interessierte Laien. Den ersten derartigen Versuch machte Platon, indem er für seine AltersVorlesung „Über das Gute“ seine von ihm gegründete Forschungs und Lehrstätte der Akademie, die der heutigen akademischen Philosophie den Namen gegeben hat, die Öffentlichkeit zuließ. Wie dieser Versuch ausging, wissen wir aus einer Notiz von Aristoxenos, einem Schüler des AkademieAngehörigen Aristoteles. Aristoxenos berichtet: „Jeder nämlich sei gekommen in der Annahme, er werde etwas erlangen von dem, was man für die menschlichen Güter hält, z.B. Reichtum, Gesundheit, Kraft, überhaupt irgendeine wunderbare Glücklichkeit. Als dann die Rede war (…), dass das Gute das Eine sei, da kam ihnen das, so glaube ich, höchst seltsam vor, und die einen verloren das Interesse an der Sache, die anderen kritisierten sie.“ Vermutlich brachten sie ähnliche Kritikpunkte wie heute vor: „Der redet völlig unverständlich! Das hat nichts mit unserem Leben zu tun!“ Meinte Platon, das Gute sei das eine, höchste Ziel unseres vielfältigen Strebens nach Glück? Was bedeutet dies genauer? Wir wissen es nicht, weil von Platons sogenannter „Ungeschriebenen Lehre“ nur wenige Fragmente überliefert sind. \36\


AM ANFANG WAR DAS SCHIFF Ein Buch über Professor Peter Tamm, den Stifter und Gründer des Internationalen Maritimen Museums, und seine eindrucksvolle Sammlung. Mit einem sieben Zentimeter langen Modell eines Küstenmotorschiffs fing alles an. Die Sammlung von Professor Peter Tamm, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Axel Springer Verlages, umfasst heute über 40.000 Miniaturschiffe und 1.000 Großmodelle, darunter Raritäten aus Gold, Silber und Bernstein, sowie die größte private Sammlung von Knochenschiffen weltweit. Hinzu kommen Gemälde, Globen, Seekarten, Kompasse und vieles mehr. Seit 2008 ist seine Sammlung zu 3.000 Jahren Schifffahrtsgeschichte in Hamburgs ältestem noch erhaltenen Speicherbauwerk, dem Kaispeicher B, auf neun Ausstellungsdecks zu bestaunen.

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K\ U\ N\ S\ T\

Feuersbrust

Wandlungen

Pastelle 2011-2012

Die Berliner Malerin Christiane Lillge hält sich gerne an Grenzen auf, die sie bezeichnet, um sie zu überschreiten: An der Grenze von der intuitiven Zeichnung zur strengen Komposition, an der Grenze von der Zeichnung zur Malerei, an der Grenze vom Realen zum Surrealen, an den Grenze vom Tanz zur Malerei, an den Grenzen der Kulturen.

(vor-) zeichnen lässt, um ihm später mit dem Pinsel farbige Realität zu geben: Eine bewusst gebrochene Realität, die gern an der glatt polierten Oberfläche kratzt und hin und wieder tief schneidet, um Unbewusstes und Surreales frei zu legen. Mutig, sinnlich, vielschichtig, Kapriolen schlagend und augenzwinkernd.

Die Auflösung der Grenzen sucht die Unter dem Titel Wandlungen ist eine Serie Malerin malend: Indem sie die träumende von 40 Pastellarbeiten entstanden. Was die Hand den Weg aus dem Unbewussten Künstlerin dazu schreibt: nächste Seite. \39\


Mein Modell steht selten ruhig und ist selten nackt. Sie hockt in einem Bottich, humpelt mit einem viel zu großen Gummistiefel durch den Raum oder stülpt sich eine Mülltüte über den Kopf. Aus der Beobachtung ihres skurrilen Spiels entstehen schnelle, spontane Vorzeichnungen, die später im Atelier ausgearbeitet werden.

Auf diese Art sind im letzten Jahr 40 Pastellbilder entstanden, die vom tänzerischen Spiel mit den Wandlungsmöglichkeiten des weiblichen Körpers erzählen – und den malerischen Wandlungen darüber hinaus. Kontakt: chlillge@yahoo.de

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H채nge - Matte (li) Kopfnuss (re) \41\


Somnambule mit dem Stein der Leisen

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Antikรถrper \43\


Taktiles Zentrum \44\


Gut ger端stet \45\


Mailied Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne, Wie lacht die Flur! Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch Und Freud` und Wonne Aus jeder Brust. O Erd`, o Sonne! O Glück, o Lust! O Lieb`, o Liebe! So golden schön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höh`n!

O Mädchen, Mädchen, Wie lieb` ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich! So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft, Weil ich dich liebe Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud` und Mut Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst. Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst! (J. W. v. Goethe)

Foto: Gabi Rottes

Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe Die volle Welt.

Ich bin im Mai idiotisch erotisch. Da leg ich ich immer gleich hin. Da wirkt alles Männliche auf mich hypnotisch, wenn ich so erotisch bin. Da sind meine Sinne total von Sinnen, da bin ich am ganzen Leib Weib. Da bringt mich der Anblick von Linnen zum Spinnen, o Trieb, du mein Zeitvertreib. Um alle Hüften, da schwingt sich ein Bändchen,

mein Herz übt den Überschlag. Auf jede Rundung, da legt sich ein Händchen bei Nacht um am helllichten Tag. Die alte Erde trägt junges Gemüse. Ein Früchtchen wird frühreif gepflückt. Es wiederbelebt sich die Hirnanhangdrüse, vom Zucken des Frühlings entzückt. (Aus: Miriam Frances, So ist das Franz Schneekluth Verlag, München)

Das nächste verum erscheint am 6. Juni 2013

verum no 2  

the second issue of our monthly online-only magazine

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