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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Die Zahlen

Die Schwergewichte

die analyse

die Meilensteine

Die Gründe

die warnung

Ein Blick auf den Schweizer Finanzplatz Seite 3

Die Chefs von UBS, BlackRock und CS nehmen Stellung Seite 4

Starökonom Parag Khanna ist optimistisch Seite 7

Von der Gründung des Schweizer Finanzplatzes bis heute Seite 10

Deshalb kommt das Geld in die Schweiz Seite 15

Patrick Odier, oberster Banker, hebt den Warnfinger Seite 19

Der Ausweg aus dem Dilemma Was Politik und Banken jetzt brauchen

hat neue, global aufgestellte Firmen hervorgebracht, die weit mehr von Informationstechnologie verstehen als alle Banken zusammengenommen. IT ist in den Genen von Facebook, Google und Apple eingelagert, diese Firmen leben IT. Banken dagegen müssen ihre Informationstechnologie zumeist teuer zukaufen, unter oft heiklen OutsourcingSzenarien, in diversen Weltregionen. Was hier folgen wird, ist eine umfassende Konsolidierung für kleine und mittlere Banken. Viele von ihnen werden den hellen Schein der IT-basierten Bankzukunft kaum mehr zu sehen bekommen.

Banking = Bits und Bytes

Auf dem Finanzplatz Schweiz ist nicht alles Gold, was glänzt.

Die Schweizer Politik und die Bankenindustrie schaffen es bisher nicht, geeint und mit starken Leitmotiven die Zukunft des Banking zu definieren. Das Swiss International Finance Forum will «den neuen Weg» erarbeiten. Ziel ist die Profilierung der «mittelfristigen Strategie zur Stärkung des Finanzplatzes».

ten längst in einem gemeinsamen Effort an die globale Kommunikationsfront werfen. Schweizer Banken gehören zu den am besten kapitalisierten Geldhäusern der Welt, müsste argumentiert werden. Schweizer Banken verfügen zumeist über zuverlässige, bewährte Produkte. Ihre Dienstleistungen sind weltweit die Richtschnur im Geschäft mit Geld. Und im Gleichschritt mit der Politik könnten profilierte Banker die politische, die soziale und die rechtliche Stabilität der Schweiz international endlich wieder in den Vordergrund rücken.

Bendicht Luginbühl Das Leitmotiv der Konferenz im Berner Hotel Bellevue legt die Latte hoch: «Shaping the new path / der neue Weg». Das Swiss International Finance Forum SIFF nimmt sich vor, den neuen Weg zu weisen, den die Schweizer Finanzindustrie gemeinsam beschreiten könnte. Der Begriff des «shaping» klingt nach Arbeit, nicht bloss in den Ohren jener Banker, die in jungen Jahren ihre Surfbretter von Hand mühsam selber geformt haben. Das «shaping» ist eine anstrengende, langwierige Arbeit und «der neue Weg» ist nicht einfach zu definieren, das zeigen die Dissonanzen in der Finanzindustrie deutlich. Hochkarätige, aber eitle Sololäufer aus der Bankenwelt arbeiten allzu oft mit kryptischen Ansätzen, mit sybillinischen Worthülsen. Verständliche Kernbotschaften fehlen, Wort und Tat klaffen auseinander. Banker müssen, statt nachvollziehbare Lösungsansätze aufzuzeigen, nunmehr seit Jahren schlechter werdende Resultate und hohe persönliche Bezüge rechtfertigen. Trotz dieser selbst verschuldeten Schlagseiten: Die Finanzbranche müsste ihre Errungenschaf-

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Zurück aufs Podest Weltweit ist die Marke Schweiz nach wie vor ein Asset erster Güte, die Sicherheit des Staates ist unangetastet. Angesichts der Höhe der drohenden Bussengelder in den USA wäre ein Kommunikationsbudget in dreistelliger Millionenhöhe bereitzustellen, um nach dem Aderlass den Bankenplatz Schweiz mit einer global zupackenden Kampagne wieder dorthin zu stellen, wo er hingehört: aufs Podest. Und sogar US-Anwälte äussern inzwischen Erstaunen ob der Tatsache, dass die Schweizer Politik nicht mehr tut für ihre Banken. Die Vertreter der Finanzwirtschaft, die öfters mit zu den intelligentesten Zeitgenossen der Schweiz gehören, haben es bisher erstaunlicherweise nicht geschafft, die Schweizer Politik von ihren TurnaroundIdeen zu überzeugen. Parlamentarier jeglicher Couleur und beider Kammern suchen sich auffällig oft anderswo Rat zum Thema Banken – etwa in der Wirtschaftswelt und gar unter Freunden. Oft auch mal spontan, unter Berns Lauben, kurz vor den entscheidenden Abstimmungen. Wie, lautet die zen-

trale Frage, geht es mit unseren Banken, der Bankenindustrie eigentlich jetzt weiter? Wer ist im Lead? Wer zieht die Fäden, wer erklärt das Thema, wer koordiniert die Operation Bankenplatz Schweiz? Aus dem bisherigen, gemeinsamen «shaping» zwischen Bankern und Politikern gibt es bis zur Stunde keine griffige, verlässliche gemeinsame Positionierung für den Finanzplatz Schweiz. Unverständlich, wenn man bedenkt, welch enorme Bedeutung dem Bankenplatz Schweiz für die Volkswirtschaft zukommt. Und welchen Einfluss die Branche hat auf die politischen Institutionen dieses Landes, auf allen Ebenen des helvetischen Föderalismus, auf den gesellschaftlichen und den kulturellen Alltag der Schweizer.

Streit beflügelt Singapur Schwindende Rechtssicherheit, der automatische Informationsaustausch, das FATCAPowerplay der Amerikaner, dazu der ständige Ärger mit guten europäischen Nachbarn: Geschliffen, geformt und «geshapt» im Sinne der Widersacher wurden bisher vor allem die Schweizer Banker, die Schweizer Institutionen. Die schrittweise Demontage des Schweizer Bankgeheimnisses, lautstark applaudiert und eindimensional gestützt durch die Schweizer Linke, setzt die Schweiz international immer stärker unter Druck – während die härtesten Mitbewerber der Schweiz, wie etwa Singapur, vorwärts machen, ihren Standort offensiv vermarkten und dabei selbstbewusst die Existenz des Bankgeheimnisses in Singapur betonen. Nicht so in der Schweiz. Hier stranguliert ein enormer, marktferner Regulationseifer das künftige Geschäft und der Begriff Bankgeheimnis

Gold-Partner

wird, wie das Finanzportal Finews unlängst pointiert festgestellt hat, zum eigentlichen Unwort. Dabei ginge es um den Schutz der Privatsphäre des Bankkunden – ein hohes Gut, auf das Bankkunden – und das sind wir alle – nach wie vor zählen. So werden Wettbewerbsvorteile zerstört. Dazu kommt der Paradigmenwechsel im Banking nur schleppend voran – Jahrzehnte alte BankerGewohnheiten lassen sich nicht über Nacht anpassen. Die lange Jahre vergleichsweise exzellent gehaltenen Bankangestellten scheinen nur langsam zu begreifen, dass sie endlich in der neuen Finanzwelt ankommen müssen, unter Preisgabe von Privilegien und Einkommensanteilen: «Der neue Weg», das SIFF-Leitmotiv, ist auch für sie die Forderung der Stunde. Denn der Kunde von morgen könnte ein anderer sein. Den Schweizer Banken muss und wird der Turnaround gelingen, da sind sich die Branchenkenner einig, denn Banken sind «too Swiss to fail». Ein zerfallender Bankenplatz Schweiz würde eine völlig andere, deutlich bedeutungslosere Schweiz generieren. Doch «shaping the new path» könnte um Dimensionen herausfordernder werden, als sich die Banker dies bisher vorzustellen wagten – für Zündstoff im Berner Fünfsternehotel Bellevue ist gesorgt und die «vue» wird nicht nur «belle» sein. Während das Bank-Kerngeschäft verwechselbarer, austauschbarer, globaler und margenärmer wird, ziehen die Big Guns der Zukunft ihr Szenario auf: Apple, Google, Facebook und Amazon, um einige zu nennen, sind die Eigner gigantischer Datenmengen und betreiben IT als Kernkompetenz, als Enabler für ihre Geschäftsmodelle. Die ITRevolution, die den Kostenblock für das Banking Tag für Tag dramatisch verteuert,

Apple kennt seine Kunden, hat die Verbindungen, kann innert weniger Monaten zur Bank werden – den richtigen neuen Ansatz vorausgesetzt. Apple verfügt im Appstore über 800 Millionen Kundenprofile, in einer hohen Qualität, inklusive Anbindung an Zahlungsmodule, Persönlichkeitsprofile und Lebensgewohnheiten. Daten erster Güte, Bankverbindungen inklusive. Und: Apple verfügt über enorme flüssige Mittel. Das Gleiche gilt für Google, das mit seinen multidimensionalen IT-Kompetenzen den Banken weit voraus ist. Oder Facebook, als künftige Bank für seine gut 1,2 Milliarden User: Mit Kommissionen und Lizenzgebühren nimmt Facebook bereits heute viel Geld ein. Eine gigantische WeltPlattform, die eine Art neue, soziale und transparente Bank werden könnte. Angesichts dieser enormen Herausforderungen ist eine «unité de doctrine» für die Schweiz jetzt unerlässlich. Höchste Zeit , die «mittelfristige Strategie zur Stärkung des Finanzplatzes Schweiz», wie die Zielsetzung des Swiss International Finance Forums formuliert ist, zu konkretisieren und unverzüglich umzusetzen – der Countdown läuft und die Kunden haben auch nicht unendlich Geduld mit Schweizer Bankern.

SWISS INTERNATIONAL FINANCE FORUM Das 1. Swiss International Finance Forum (SIFF) findet am 20. Mai 2014 im Hotel Bellevue Palace in Bern statt. Das Forum befasst sich mit den Perspektiven des Finanzplatzes Schweiz. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Der Fokus liegt auf der Zukunft des Privat Bankings, neuen Technologien in Banking & Finance sowie Trends, Märkten und dem Investoren-Outlook. Das Programm beinhaltet neben Vorträgen auch Podiumsgespräche und Workshops. Unter den 25 Referenten aus der Finanzwelt sind internationale Wirtschaftsexperten vertreten. Weitere Informationen finden Sie unter: www.nzz-siff.com

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Übersicht

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Finanzplatz Schweiz in Zahlen Von den Bankomaten bis zu den verwalteten Vermögen

Das Swiss International Finance Forum SIFF steht im Zeichen der Perspektiven des Finanzplatzes Schweiz. Das Entwerfen von künftigen Szenarien bedingt einen Blick in die Zahlen der finanzwirtschaftlichen Gegenwart. Katharina Lierow

11 Prozent der gesamten Schweizer Wertschöpfung erbringt der Finanzsektor, also rund 62 Milliarden Franken. Im Bankensektor beträgt die Produktivität pro Erwerbstätigen 192 000 Franken. Mit 34 Milliarden Franken bringt der Bankensektor 6 Prozent der gesamten Wertschöpfung ein. Der Versicherungssektor steuert mit 28 Milliarden 5 Prozent der Wertschöpfung bei. Inklusive indirekter Effekten wächst die Wertschöpfung des gesamten Finanzsektors von 62 Milliarden Franken auf 86 Milliarden Franken – das entspricht rund 15 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung der Schweiz.

2778 Milliarden Franken beträgt die Bilanzsumme aller Banken per Anfang 2013.

3,3 Prozent betrugt die Arbeitslosenquote in der Schweiz im April 2014. 137 087 Personen waren Ende April bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eingeschrieben.

2200 Milliarden Franken an privaten ausländischen Vermögenswerten werden in der Schweiz verwaltet.

238 000 238’000 10,7 Franken beträgt die Produktivität pro Erwerbstätigen im Finanzsektor und ist somit doppelt so hoch wie der schweizerische Durchschnitt.

6821 Bankautomaten, 3726 Bankfilialen und 321 Banken gibt es aktuell in der Schweiz.

731 Milliarden Franken betragen die AnlagefondsVermögen in der Schweiz.

Franken betrugt die Produktivität pro Erwerbstätigem Billionen Franken im Finanzsektor beträgt der Schweizer im 2012 und Kaist somit doppelt pitalbestand im Ausland. so hochDiese wie der ausländischen schweizerische Durchschnitt.umfassen Investitionen Direktinvestitionen von Schweizer (Quelle: BAKBASEL) Unternehmen in ausländische Unternehmen mit der Absicht auf eine langfristige, strategische Beziehung – wie beispielsweise die Eröffnung einer unselbständigen Zweigstelle, die Gründung einer Tochtergesellschaft, Unternehmenskäufe oder Fusionen. Im internationalen Vergleich tätigt die Schweiz sehr hohe Direktinvestitionen im Ausland: Per Ende 2012 lag das Verhältnis zwischen dem Bestand der schweizerischen Direktinvestitionen im Ausland und dem nominellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei 181 Prozent. Gut ein Fünftel aller Direktinvestitionen stammt aus dem Finanzsektor.

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Prozent beträgt der Schweizer Marktanteil an den weltweit verwalteten Vermögen. Den Begriff «verwaltete Vermögen» definiert die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) als alle Anlagewerte, für die Anlageberatungs- und / oder Vermögensverwaltungsdienstleistungen erbracht werden. So setzt sich das verwaltete Vermögen aus folgenden Positionen zusammen: Wertschriftenbestände in Kundendepots, Treuhandanlagen, Verpflichtungen gegenüber Kunden in Spar- und Anlageform sowie Verpflichtungen gegenüber Kunden auf Zeit. In der Schweiz verwalten rund 29 000 Angestellte Vermögen für ausländische Kunden und erwirtschaften damit eine Wertschöpfung von rund 8 Milliarden Franken.

Millionen Banknoten waren 2013 im Umlauf. Ihr Gesamtwert beläuft sich auf 54 Milliarden Franken.

260 900 5565 Erwerbstätige arbeiten im Schweizer Finanzsektor, das sind 5,5 Prozent aller Beschäftigten in der Schweiz. Der Finanzsektor setzt sich aus dem Banken- und Versicherungssektor zusammen. Dazu zählen auch banknahe bzw. versicherungsnahe Dienstleistungen wie Fondsgesellschaften oder unabhängige Vermögensverwalter.

Milliarden Franken: Das ist der Wert der Vermögen, die in der Schweiz total verwaltet werden.

20 Prozent aller Arbeitnehmenden in Unternehmensleitungen in der Schweiz sind Frauen. 1990 waren es erst 11 Prozent.


Stärke

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Dank Innovation an der Weltspitze Plädoyer für den Erhalt eines wettbewerbsfähigen Finanzsektors Die Rahmenbedingungen für den Schweizer Finanzplatz haben sich in den vergangenen Jahren massgeblich verändert. Diese Veränderungen bergen zweifelsohne Risiken. Gleichzeitig ergeben sich aus ihnen aber auch enorme Erneuerungsimpulse.

jedoch die Arbeitsplätze in der Schweiz dauerhaft zu erhalten, ist es wichtig, dass wir in der Finanzplatzstrategie eine langfristige Perspektive einnehmen, die internationalen Standards konsequent umsetzen und in den intensiven Verhandlungen die gemeinsamen Interessen herausstreichen.

Konstruktives Zusammenspiel Um die aktuellen Herausforderungen meistern und die Chancen des Schweizer Finanzplatzes nutzen zu können, bedarf es des konstruktiven Zusammenspiels von Banken, Politik und Aufsicht. Die Bereiche Systemstabilität der Banken und Steuerkonformität der Kunden wurden bereits angegangen. Handlungsbedarf besteht nunmehr – neben einer abschliessenden Lösung der Vergangenheit – vor allem beim Marktzugang und bezüglich einer wirkungsvollen, verlässlichen und an internationalen Standards ausgerichteten Regulierung. Gleichermassen wird es für den Finanzplatz Schweiz entscheidend sein, weiterhin in die Kernkompetenz Vermögensverwaltung zu investieren. Die Schweiz muss sicherstellen, dass auch künftig die notwendigen Fachkräfte in der Vermögensverwaltung zur Verfügung stehen. Die Asset-Management-Initiative der Schweizerischen Bankiervereinigung und des Anlagefonds- und Asset-Management-Verbands ist hierfür ein hilfreicher Baustein. Zukunftsfähige Lösungen in diesen Bereichen sind entscheidend für den Finanzplatz und die nachhaltige Stärkung seiner Wettbewerbsfähigkeit in einem global immer härter umkämpften Markt.

Philipp Hildebrand, Urs Rohner, Axel Weber Damit die Schweiz als Finanz- und Vermögensverwaltungszentrum auch in Zukunft wettbewerbsfähig und erfolgreich bleibt, muss die Branche bereit sein, neue Wege einzuschlagen. Nach insgesamt gut überstandener Finanzkrise gilt es nun – im Zusammenspiel mit der Politik – das Vertrauen in die Finanzindustrie wieder nachhaltig herzustellen, das Kundenversprechen zu erneuern, die Kernkompetenz in der Vermögensverwaltung zu stärken und Innovation voranzutreiben.

Steigender Gesamtbeitrag Die Schweizer Wirtschaft ist international stark verflochten – Güter im Wert von 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) werden exportiert und Güter im Wert von 40 Prozent des BIP importiert. Zudem verfügt das Land über einen aussergewöhnlich hohen Kapitalstock. Als Folge der andauernden Leistungsbilanzüberschüsse verfügen die Schweizer zudem über bedeutende Auslandsvermögen in Höhe von 600 Prozent des BIP (brutto) oder 150 Prozent des BIP (netto). Damit ist die Schweiz nach Japan, China und Deutschland in absoluten Zahlen der viertgrösste Nettogläubiger der ganzen Welt. Schweizer Firmen beschäftigen im Ausland fast drei Millionen Menschen, fast gleich viel wie im Inland. Die tief greifende globale Verflechtung und der hohe Kapitalbestand rechtfertigen, ja bedingen geradezu einen dynamischen und gleichzeitig robusten internationalen Finanzplatz. Der Finanzplatz ist aber nicht nur essenzieller Dienstleister für Firmen und Privathaushalte im In- und Ausland. Er ist selbst zu einem wichtigen Arbeitgeber und einem grossen Exporteur geworden. Der Export von Bank- und Versicherungsdienstleistungen generiert rund ein Drittel des Schweizer Handelsbilanzüberschusses. Der Gesamtbeitrag des Finanzsektors ans BIP stieg in den vergangenen 25 Jahren von 7 Prozent auf 11 Prozent und fast eine Viertelmillion Arbeitnehmer oder 6 Prozent der 4,2 Millionen Beschäftigten arbeiten mittlerweile im Finanzsektor. Der Finanzsektor und

Drei Elemente für einen Erfolg

Axel A. Weber, Präsident des Verwaltungsrats UBS AG Axel A. Weber wurde 1957 in Deutschland geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, habilitierte und ist heute Ehrendoktor der Universitäten Duisburg-Essen und Konstanz. Von 2004 bis 2011 war er Präsident der Deutschen Bundesbank. Seit 2012 ist er Verwaltungsratspräsident der UBS AG. Axel A.Weber ist Mitglied der Group of Thirty, Mitglied im Verwaltungsrat des Institute of International Finance und engagiert sich in einer Reihe weiterer Organisationen. Stabilität. Hinzu kommen kompetitive Rahmenbedingungen, attraktive Steuersätze und solide Staatsfinanzen, Rechtssicherheit sowie qualitativ hochwertige Dienstleistungen. Verwöhnt von dieser Erfolgskombination hatte sich mancherorts leider auch eine gewisse Selbstzufriedenheit breit gemacht.

«Die Schweiz ist nach Japan, China und Deutschland der viertgrösste Nettogläubiger der Welt.» insbesondere die internationale grenzüberschreitende Vermögensverwaltung stellen somit einen ganz wesentlichen Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg und den Wohlstand der Schweiz dar.

Veränderte Rahmenbedingungen Die weltweit führende Stellung des Schweizer Finanzplatzes wurde kontinuierlich über mehr als 150 Jahre hinweg erarbeitet. Dieser Erfolg basiert auf politischer, wirtschaftlicher sowie finanz- und währungspolitischer

Mit Blick auf die Zukunft bleiben zwar viele der Erfolgsfaktoren durchaus bestehen. Gleichzeitig haben sich aber einige der Rahmenbedingungen fundamental verändert oder stehen gewissermassen auf dem Prüfstand. Geschäftsstrategien müssen sich daran anpassen. Die liberale Wirtschaftsordnung, welche die Schweiz zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht hat, steht seit einiger Zeit von innen und aussen erheblich unter Beschuss, und auch die internationale Konkurrenz, vor allem in Asien und den USA,

schläft nicht. Zudem stellen die sich verändernden rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen die Geschäftsmodelle vieler Schweizer Banken vor fundamentale Herausforderungen. Auch die AssetManagement-Branche muss sich auf eine sich kontinuierlich weiterentwickelnde Regulierung einstellen. Die steigenden Anforderungen an Compliance und Risikomanagement bringen zusätzliche Investitionserfordernisse und damit Kosten für die Anbieter mit sich. Das wiederum verschärft den Wettbewerb in der Branche. Grösse und Effizienz werden daher zunehmend zum notwendigen Erfolgsfaktor. Den alternativen Weg gehen Anbieter, die sich ganz bewusst auf eng definierte Nischen oder Investitionsthemen konzentrieren. Asset Manager, die weder über ausreichende Grösse noch über eine klare Spezialisierung verfügen, werden sich in diesem Umfeld äusserst schwer tun. Sinkende Erträge sind eine Herausforderung für den gesamten Finanzplatz. Gestiegene Regulierungs- und Compliance-Kosten, erhöhte Anforderungen der Kunden und das anhaltende extreme Niedrigzinsumfeld führen zu strukturellen Kostensteigerungen. Aktuelle Ergebnisse aus einer Private-Banking-Studie1) veranschaulichen das: Während die Ertrags-

marge in der Vermögensverwaltung in den letzten fünf Jahren von 97 auf 89 Basispunkte fiel, stieg zugleich die Kostenmarge von

Trotz aller aktuellen Turbulenzen sind das Private Banking und die darin verankerte Vermögensverwaltung angesichts ihrer Grösse und ihres internationalen Renommees (Schweizer Banken belegen regelmässig die Spitzenränge bei einschlägigen Branchenumfragen) zweifelsohne das Kernstück des Schweizer Finanzplatzes. Doch auch das Asset Management hat hierzulande eine lange Tradition und gewinnt zusehends an Profil. Das Land verfügt auch – und gerade im internationalen Vergleich – über erstklassige Kompetenz. Institutionelle Anleger schätzen die Stabilität und das breite Dienstleistungs- und Produktangebot des Schweizer Finanzplatzes. Die Standort- wie auch Startbedingungen sind nach wie vor hervorragend. Und zusammen mit der Politik kann die Branche darauf aufbauen. Während es jedem Finanzinstitut überlassen bleibt, das eigene

«Grösse und Effizienz werden daher zunehmend zum notwendigen Erfolgsfaktor.» 58 auf 68 Basispunkte. Auch das Wachstum, gemessen am Zufluss von Kundenneugeldern, könnte in Zukunft geringer sein, als viele Banken dies gewöhnt waren. Branchenschätzungen gehen davon aus, dass Hongkong und Singapur bis Ende des Jahrzehnts die Schweiz als internationales Vermögensverwaltungszentrum überholen werden.2) Für ein erfolgreiches internationales Vermögensverwaltungsgeschäft ist ein möglichst unbeschränkter Marktzutritt in Europa ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dieser setzt voraus, dass die Schweiz ihre Beziehungen zur Europäischen Union grundsätzlich und nachhaltig stabilisiert. Hinzu kommt, dass sich auf globaler Ebene zunehmend eine Entwicklung in Richtung national motivierter Regulierung bemerkbar macht. Um

Geschäftsmodell zu überdenken und eine jeweils passende Strategie zu entwickeln, erachten wir drei Elemente als zentral. In der aktuellen Umbruchphase gilt mehr denn je: Vertrauen ist die Grundlage für langfristige Kundenbeziehungen. Erstens muss also das durch die Finanzkrise schwer in Mitleidenschaft gezogene Vertrauen nachhaltig wiederhergestellt werden. Der enorme Kapitalaufbau und die stark verbesserte Liquiditätsausstattung sowie die Neuausrichtung der Geschäftsmodelle der Grossbanken tragen massgeblich dazu bei. Der eingeschlagene Weg muss in diesem Sinn konsequent weiterverfolgt werden. Zweitens gilt es, den Ruf des Finanzplatzes zu schützen. Jeder einzelne Vorfall kann dem gesamten Finanzplatz Schaden zufügen.


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«Gemäss Prognosen werden Hongkong und Singapur die Schweiz überholen.» Daher sind wir alle gefordert, unser Haus in Ordnung zu halten, Kontrollsysteme weiter zu stärken und operative Risiken zu minimieren. Eine starke Führungskultur und unmissverständliche Vorgaben des Managements in puncto adäquates Geschäftsgebaren, hohe ethische Anforderungen an die Mitarbeitenden und Null-Toleranz gegenüber Verfehlungen helfen dabei. Letztlich muss das Kundenversprechen klar und transparent neu formuliert werden. Auch im Private Banking geht es um zeitgemässe Antworten auf die entscheidenden Fragen: Was wollen Kunden von ihrer Bank? Welchen Mehrwert erwarten sie heute und künftig? Wie wollen Kunden mit ihrer Bank interagieren? Sehr vermögende Kunden haben Bedürfnisse, die weit über die traditionelle Dienstleistungs- und Produktpalette des Private Banking hinausgehen. Dienstleistungen aus dem Wealth Management, Asset Management und Investment Banking müssen zum Nutzen des Kunden sinnvoll vernetzt werden. Dabei wird es zentral sein, die Vermögensverwaltungskompetenz als Kernstück des Schweizer Finanzplatzes zu bewahren und weiter zu

stärken. Private-Banking-Kunden sind zunehmend mobil, haben ihr Vermögen global investiert und erleben in anderen Branchen, wie komplexe Anforderungen intelligent, benutzerfreundlich und mit neuester Technologie angegangen werden. Das klassische Private Banking dagegen ist ein traditionelles Geschäft, das vielerorts immer noch auf einem primären Kontaktpunkt fusst: dem Kundenberater. Dieser bleibt zentral. Die Interaktion zwischen Kunde und Bank muss aber erweitert werden.

Private Banking der Zukunft Moderne Technologie bietet hier grosse Chancen. Dafür braucht es innovative Digitalisierungsstrategien: Wer mit webbasierten Instrumenten die Komplexität der Märkte, des Anlageuniversums und der regulatorischen Vorgaben in einer intelligenten und übersichtlichen Art zum Nutzen des Kunden darstellen kann, verschafft sich einen grossen Wettbewerbsvorteil. Innovative Technologien können dem Kunden einen Mehrwert bieten und dessen Beziehung zur Bank erweitern. Die digitale Revolution hat das Bankge-

Urs Rohner, Präsident des Verwaltungsrats Credit Suisse Group AG Urs Rohner wurde 1959 in Zürich geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und war anschliessend für Anwaltskanzleien in Zürich und New York tätig. Als Mitglied der Geschäftsleitung hatte er seit 2004 bei der Credit Suisse diverse Positionen inne. 2011 übernahm er das Amt des Verwaltungsratspräsidenten. Urs Rohner ist unter anderem Mitglied im Verwaltungsrat des Institute of International Finance. schäft und die Finanzplätze bereits jetzt schon grundlegend verändert. Zu den Gewinnern werden jedoch nicht zwingend innovative Startups zählen, sondern vor allem diejenigen etablierten Banken, die sich schnell genug an die neuen Realitäten anpassen und effektive Kooperationsmodelle mit innovativen Jungunternehmen eingehen können, die wesentliche Elemente der bisherigen Wertschöpfungskette aufbrechen. Dabei bringen sie etwas Wichtiges ein: Gerade in der virtuellen Welt will der Kunde wissen, dass hinter einer Web-Applikation letztlich eine solide, gut kapitalisierte und effektiv regulierte Bank steht, in die er Vertrauen hat.

Der Schweizer Weg Grundlegende Umwälzungen erfordern eine tief greifende Neuorientierung des Finanzplatzes. Das sich national wie international rasch verändernde Umfeld stellt den gesamten Finanzplatz vor enorme Herausforderungen: Vertrauen muss zurückgewonnen werden, Stabilität sichergestellt sein, auf

veränderte Kundenbedürfnisse muss mit Kompetenz und Innovationsbereitschaft eingegangen werden. In diesem Sinn wurden bereits viele Fortschritte erzielt, auf denen sich nun aufbauen lässt. Die aktuellen Herausforderungen haben zudem einen industrieweiten Innovationsschub ausgelöst, der dazu beitragen soll, den Finanzplatz Schweiz international an der Spitze zu halten. Andere Branchen sind hier bereits mit gutem Beispiel vorangegangen und haben die sich im Veränderungsprozess ergebenden Chancen genutzt. Jetzt sind wir alle gefordert: Banken, Politik und Aufsichtsbehörden müssen gemeinsam an der Erhaltung und Stärkung eines dynamischen, konkurrenzfähigen und innovativen Bankensektors arbeiten, ohne den die Schweizer Volkswirtschaft und letztlich die Schweizer Gesellschaft in vielerlei Hinsicht um Einiges ärmer wäre.

1) McKinsey Global Private Banking Survey 2013 – Capturing the new generation of clients 2) Credit-Suisse-Studie

«Bereits jetzt hat die digitale Revolution das Bankgeschäft und die Finanzplätze grundlegend verändert.» Philipp Hildebrand, Vice Chairman BlackRock Philipp Hildebrand wurde 1963 in Bern geboren. Er studierte Internationale Beziehungen und doktorierte an der University of Oxford. Er war von 2003 bis 2012 Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank und wurde 2010 zum Nationalbankchef gewählt. 2011 wurde er vom internationalen Finanzmagazin «The Banker» als europäischer Zentralbankchef des Jahres gewürdigt. Seit Oktober 2012 ist Philipp Hildebrand Vice Chairman von BlackRock.


Digitalisierung

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«Der Wettbewerb verschärft sich»

Die Herausforderungen bei der Digitalisierung der Schweizer Finanzindustrie Für Marcel Walker, Leiter Banking Swisscom, bietet die Digitalisierung der Finanzindustrie Chancen, Geschäftsprozesse zu mobilisieren. Damit erschliessen sich mobile Kundenerlebnisse, neue Marktplätze und Wertschöpfungsnetze. Interview: Michael Kuhn Die Digitalisierung der Schweizer Wirtschaft ist in vollem Gang. Wo lauern die grössten Risiken für Banken? Darin, die Mobilisierung und Industrialisierung der Geschäftsprozesse zu verpassen. 2020 werden schon mehr als die Hälfte der Bankkunden Digital Natives sein. Die Finanzindustrie ist gefordert, ihre Dienstleistungen deren Bedürfnissen anzupassen. Der Mobile-Trend darf nicht verschlafen werden. Ausserdem entstehen neue Geschäftsmodelle und Kantons- und Landesgrenzen verschwinden in der digitalen Welt. Darauf gilt es Antworten zu finden. Die Digitalisierung erlaubt neuen Spielern den Eintritt in das Bankengeschäft. Zum Beispiel PayPal und Google. Werden die

traditionellen Banken von einer Lawine neuer Konkurrenten überrollt? Die Bank Attackers, wie wir sie nennen, spüren wir in der Schweiz noch deutlich weniger als im Ausland. Die Eintrittsbarrieren wie Regulierung und landespezifische Zahlungsprozesse sind hoch. Gleichzeitig ist der Schweizer Markt für diese globalen Akteure klein und daher wenig attraktiv für sie. Bis heute gibt es keine Erfolgsgeschichte für eine neue digitale Bank (Direktbank) in der Schweiz. Noch gibt es keine Lawine, der Wettbewerb verschärft sich aber zunehmend. PayPal ist ein sehr gutes Beispiel. Der zunehmende Margendruck drängt in die Digitalisierung. Diese sorgt jedoch auch für teils hohe Projektkosten und zusätzliche Komplexität. Wie können Finanzinstitute diesen Spagat meistern? Jede grössere Firma braucht heute eine digitale Strategie. Mobilisierung und Industrialisierung der Geschäftsprozesse ergänzen sich. Industrialisierung führt zu Standardisierung. Im Bereich der Abwicklung der Prozesse gibt es industrielle Anbieter, deren Dienstleistungen die Komplexität reduzieren und auch die Kosten für das Finanzinstitut senken. Die IT wird immer wieder als die strategische Wettbewerbswaffe genannt. Wo

sehen Sie hier das grösste Potenzial für Banken? An der digitalen Schnittstelle zum Kunden und in der Mobilisierung der Geschäftsprozesse. Die Bank muss überall und jederzeit da sein, wo der Kunde finanzielle Entscheide trifft – auf seinem Handy, Tablet, in seinem sozialen Netzwerk oder sogar übers digitale Fernsehen. Die Interaktion in neuen Partnerschaften und Wertschöpfungsnetzen eröffnet dabei neue Geschäftsmöglichkeiten und den Zugang zu potenziellen Kunden. Die Digitalisierung drängt auch in Bereiche, in denen die persönliche Beratung bislang das A und O war. Werden die persönliche Beratung und Bankfilialen bald ein Nischendasein fristen oder im Gegenteil zu dem Differenzierungsmerkmal für Banken werden? Eine klare Entweder-oder-Antwort gibt es darauf nicht. Die zukünftige Generation von Bankkunden interpretiert Beratung je nach Lebenssituation anders. Sie muss aber immer einfach und schnell sein. Jederzeit und überall verfügbar. Das vertiefte Gespräch mit einem kompetenten Bankberater ist und bleibt ein wichtiger Baustein. Andere Bausteine werden digitale Assistenten sein. Schlüssel für den Erfolg der Bank wird sein, ob die Bankleitung inspiriert und mutig darauf hinarbeitet, kundenzentrierte mobilisierte Beratungsprozesse an-

Marcel Walker, Leiter Banking Swisscom.

zubieten und auf veränderte Kundenbedürfnisse schnell reagieren zu können. Wie wird die Digitalisierung das Angebot der Finanzinstitute in den nächsten zehn Jahren verändern? Die Finanzinstitute werden ihr Angebot noch viel kundenzentrierter gestalten. Geschwindigkeit und Einfachheit im Auftritt nehmen an Bedeutung stark zu. Bankgeschäfte wer-

den Teil von digitalen Marktplätzen. Wir gehen davon aus, dass das einfache Bankgeschäft bereits 2018 zu 70 Prozent über den mobilen Kanal abgewickelt werden wird. Emotionale Bankgeschäfte wie der Kauf des Eigenheims erfordern noch lange eine persönliche Beratung. Bestehende Hypotheken werden jedoch zukünftig über den digitalen Kanal abgelöst. Digitale Finanzassistenten übernehmen dabei die Beratungsfunktionen.

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Globalisierung

Gegen unbegründeten Marktpessimismus Ein Plädoyer für eine robuste Globalisierung

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«Die Schweiz soll nicht werden wie die anderen» Interview mit Parag Khanna, Senior Fellow an der New America Foundation

Die Schweiz wird gestärkt aus dem Umstrukturierungsprozess der Weltwirtschaft hervorgehen. Davon ist der Ex-Obamaberater und indisch-amerikanische Ökonom Parag Khanna überzeugt. Interview: Elisabeth Rizzi

Der Handel über die westlichen Industrienationen hinaus stärkt die Weltwirtschaft.

Die westliche Sicht auf die globalen Finanz- und Handelsströme blendet die stetig stärker werdenden Verknüpfungen zwischen den Schwellenländern aus. Deshalb unterschätzt sie die Stabilität und die Wachstumsmöglichkeiten. Parag Khanna 2009 sagten die «Financial Times» und andere Medien selbstbewusst voraus, dass Chinas Wirtschaft «an ihre Grenzen» gestossen sei und dass das politische System des Landes zusammenbrechen könne. Dann, 2010, tönte es von den westlichen Medien plötzlich wieder ganz anders. Auf einmal war in den Schlagzeilen zu lesen, dass die Entwicklungsländer die Erholung der Weltwirtschaft anführten. Der Kontrast innerhalb nur eines Jahres spiegelt die westliche Ambivalenz und Unwissenheit bezüglich der Dynamik der Wachstumsmärkte. In den letzten Monaten ist eine neue Variante dieses Wachstumsmarkt-Pessimismus entstanden. Sogar Jim O’Neill von Goldman Sachs, der den Begriff «BRICS» geprägt hat, setzte noch einen drauf. Im August 2013 sagte er dem «Wall Street Journal»: «wenn ich es ändern würde, würde ich einfach das‚ C für China weglassen». Ein atemberaubendes Zugeständnis, zumal O’Neills ursprüngliche Idee war, nicht nur ein Akronym für grosse und bevölkerungsreiche Länder zu kreieren, sondern diejenigen mit ausreichender Diversifizierung zu identifizieren, die auch antizyklisch wachsen würden. Wir leben zwar nach wie vor in einer Welt, in der die USA, die Eurozone und China globale Berechnungen dominieren. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass sich die wirtschaftliche Annäherung in allen Regionen fortsetzt. Das ist ein Punkt, den sich die Wachstumsmarkt-Pessimisten – egal ob 2009 oder 2014 – in Erinnerung rufen sollten. Die zehn Mitglieder starke ASEAN-Gruppierung ist die am schnellsten wachsende Region der Welt, Afrika bleibt weitgehend auf der Überholspur und die 800 Millionen Menschen in Lateinamerika machen fast zwei Drittel des BIP von China aus.

Zu behaupten, die grundlegenden Treiber des Schwellenmarktwachstums war die quantitative Lockerung der US-Notenbank – und nicht Investitionen, Konsum und Handel – ist eine falsche Lesart der aktuellen Ereignisse.

Was Ökonomen übersehen Westliche Kommentare zu Asien hätten Beobachter glauben machen können, dass die Finanzkrise 1997–1998 die Region bald wieder in ihren Bann ziehen würde. Aber dieses Mal hat Südostasien weit grössere Reserven, flexiblere Wechselkurse und gesündere Bankund Unternehmensbilanzen. Angesichts sinojapanischer Spannungen hat Japan seine Direktinvestitionen in China um 31 Prozent verringert und gleichzeitig Direktinvestitionen in der ASEAN-Region um 55 Prozent erhöht. Insgesamt investiert es nun 10 Milliarden Dollar in der ASEAN-Region – mehr als das Doppelte der Investitionen in China. Warum sollte man China als den einzig wahren Vertreter der Wachstumsmärkte bestimmen, wenn Grossinvestoren von China wegdiversifizieren? Was die meisten Ökonomen bei der Analyse der einzelnen Schwellenländer übersehen, ist ihre wachsende Widerstandsfähigkeit gegen-

partner. Während neue Investitions- und Handelsströme als auch Lieferketten aufblühen, hat ein neues Muster diversifizierter Interdependenz Gestalt angenommen. Es wird deutlicher, dass die Globalisierung keinen westlichen Anker benötigt. Nicht alle Wachstumsmärkte verheissen linearen Weg zum Erfolg. Diejenigen mit übermässigem Kreditwachstum, hoher Auslandsverschuldung und schwachen Reservepositionen sind und bleiben gefährdet. Laut einem Economist-Index liegen die am meisten gefährdeten Länder in Lateinamerika und Osteuropa. Auch andere Entwicklungsländer wie Brasilien und Indien sind in den letzten paar Jahren Zeugen enormer wirtschaftlicher Rückschläge aufgrund geringer Investitionen in die Infrastruktur geworden. Dennoch sollten nicht unterschätzt werden, wie die Kräfte des Bevölkerungswachstums, der Verstädterung, der Mittelklasse-Bildung, wirtschaftlicher Offenheit und der Erneuerung der Infrastruktur Grundlage des robusten weltweiten Wachstums sind und sein werden. Intelligente westliche Exporteure wie Deutschland sind weit fortgeschritten darin, daraus Wert zu schöpfen: Deutschlands Handel innerhalb der Eurozone ist rückläufig, während die Exporte in die Schwellenländer

«Es wird immer deutlicher, dass die Globalisierung keinen westlichen Anker mehr benötigt.» über Schocks, die von grossen westlichen Volkswirtschaften ausgehen. ASEAN-Exporte in die träge Eurozone zum Beispiel sind seit der Finanzkrise angeschlagen, aber die Handelsvolumen innerhalb der ASEAN- Länder stiegen um 30 Prozent. Die interregionalen Dimensionen der globalen Wirtschaft erklären das stärker verteilte Wachstum. Über die letzten zehn Jahre sind Handelsund Investitionsströme zwischen Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Ostasien zwischen 700 und 1500 Prozent angestiegen. Klar, was einst «Süd-Süd-Handel» genannt wurde, startete auf sehr niedrigem Niveau. Aber heute übertrifft China die Europäer und die Amerikaner als Afrikas grösster Handels-

bis 2025 voraussichtlich 70 Prozent des Handels ausmachen werden. Auch die USA sind daran interessiert, diese Welle zu reiten. Wachstumsmärkte sind Schlüsselspieler in der internationalen WirtschaftsdiplomatieArena geworden. Viele haben ihren wachsenden Einfluss bei der Weltbank angemeldet. Auch am jüngsten G-20-Gipfel in Russland waren Anzeichen für einen wachsenden Markteinfluss spürbar. Kurzum: Die Globalisierung lebt und ist gesund.

Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals am 24. Januar 2014 in der US-amerikanischen Online-Zeitung «Huffington Post». Übersetzung: Gérard Moinat.

Werden die Schwellenländer mit ihren enorm wachsenden Binnenmärkten zunehmend zum ökonomischen Fundament der ganzen Welt? Statistiken zeigen nicht nur, dass die Wachstumsraten der Weltwirtschaft grossmehrheitlich von den Schwellenländern generiert werden. Ebenso machen die Schwellenländer bereits fast die Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts aus. Die Länder in Asien bzw. Südostasien sind besonders stark in den kommenden Jahren. Sie sagen selbst, dass sich die Experten im Potenzial von BRICS geirrt haben. Was sagt uns, dass Sie sich nicht irren mit Ihrem Glauben an Asien? Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die südostasiatischen Länder den Exportwegfall mit eigenem Binnenwachstum mehr als kompensieren konnten. Stark exportorientierte Länder, die auch noch von Chinas Rohstoffimport abhängig sind, können tatsächlich einbrechen. In Brasilien etwa ist die Wachstumsrate von über 6 Prozent auf 1 Prozent gesunken. Auch Länder, die von billigen Krediten leben, sind gefährdet, etwa die Türkei oder Argentinien. In Südostasien ist die Situation aber anders. Hier sind Kredite zwar zugänglich, aber nicht blasenbildend. Und die Inflationsrate ist stark unter Kontrolle. Asiatische Länder haben zudem eine gute Infrastruktur. Und sie investieren in diese, was wiederum ein wesentlicher Wachstumsfaktor ist. Was bedeutet es für das Finanzsystem, wenn diese Länder in internationalen Gremien wie der Weltbank oder dem IWF mehr Gewicht erlangen? Die Weltbank bewirtschaftet tatsächlich nur einen kleinen Anteil der gesamten Kapitalzuflüsse von Industrie- in Entwicklungsländer. Viel grössere Kapitalzuflüsse fliessen von China nach Afrika. Mit dem IWF verhält es sich ähnlich. Der IWF hat in der Finanzkrise eine grosse Bedeutung in Europa erlangt. In Asien ist er demgegenüber nicht mehr als eine Denkfabrik. Diese beiden Organisationen sind zwar als globale Überwacher und in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen relevant. Sie sind aber nicht global regulierend. Viel zentraler wird demgegenüber die WTO. Dank ihr sind die globalen Zölle um 90 Prozent gesunken. Ihr gelingt es, neue Themen wie Dienstleistungen und geistiges Eigentum aufzunehmen, die sich bilateral nicht behandeln lassen. Alle Länder beteiligen sich freiwillig bei der WTO und lassen sich von ihr überwachen. Das verleiht ihr zunehmend global Relevanz.

Welche Nationen aus der «alten Welt» werden in diesem Umfeld die Gewinner sein? Deutschland hat sich viel schneller auf die nicht europäischen Schwellenmärkte orientiert als Resteuropa und sich darum erfolgreich im neuen Kräfteverhältnis positioniert. Die Makrowirtschaft der USA hat sich dank des Gasmarktes und vermehrten NearShorings erholt. Die Mikroökonomie steht derweil noch immer auf wackligen Beinen. Bei Grossbritannien habe ich Bedenken für die Zukunft, weil sich die Wirtschaft allein auf London konzentriert. Frankreich wiederum braucht dringend strukturelle Reformen. Was muss die Schweiz daraus lernen? Die Schweiz soll nicht werden wie die anderen. Sie ist in vielen Bereichen wettbewerbsfähig. Die Schweiz ist ständig damit beschäftigt, sich zu erneuern und zu hinterfragen, wo sie noch stärker werden kann. Sie nimmt Erfolg nicht als Gegenstand wahr, sondern als Prozess. Dieser ständige Prozess ist richtig. Die Schweiz hat nur wenige Schwächen: Aber selbst die starke Währung hat sie dank ihrer Wandlungsfähigkeit gut überlebt. Welche Folgen hat die Verschiebung der ökonomischen Gewichte für den Finanzplatz Schweiz? Die Globalisierung ist Fluch und Segen zugleich. Die Finanzkrise hat einerseits zum Abzug von Vermögen nach Asien geführt. Das hat für Schrecken gesorgt und zu Untergangsstimmung auf dem Finanzplatz Schweiz. Andererseits bleibt etwa die UBS weiter in der Schweiz und profitiert von grossen und stetig wachsenden Vermögensbeständen aus Asien. Wie beurteilen Sie die Zukunft in Bezug auf den Druck aufs Bankgeheimnis? Ich glaube nicht, dass man weltweit so stark regulieren kann, wie angedroht. Es gibt viel zu viele Länder mit Ausnahmen bei Steuerdeklarationen; die Hälfte davon britische Territorien. Allein dadurch ergibt sich eine Grenze für den Regulierungsdruck. Ist die Hetzjagd erst einmal vorbei, geht die Schweiz gestärkt hervor und zwar nicht nur dank der Konsolidierung im Finanzbereich. Sie wird weniger verwundbar sein als andere Länder. Dank ihren hochqualitativen Produkten wird sie weniger von den chinesischen Ambitionen betroffen sein, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen.

Starökonom und Autor Parag Khanna.


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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Zukunft

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«Die Nähe zum Kunden ist entscheidend» Die Bedeutung der Universalbanken in der Schweiz

Welches ist das passende Geschäftsmodell für Schweizer Grossbanken? Hans-Ulrich Meister, Head Private Banking & Wealth Management und CEO der Region Schweiz der Credit Suisse, ist überzeugt: Der Schweizer Finanzplatz braucht Vielfalt und damit auch Universalbanken. Interview: Elisabeth Rizzi Was macht eine Bank zur Universalbank? Es ist die umfassende Dienstleistungs- und Produktepalette, die wir Privat-, Firmen- und institutionellen Kunden in allen Sparten des Bankgeschäfts bieten, also im Private Banking, Asset Management und Investment Banking. Welche Rolle spielt dabei das Investment Banking? Das Investment Banking verschafft den Unternehmen Zugang zu den globalen Kapitalmärkten und Investoren, und es berät Firmen bei strategischen Entscheiden. Für die stark exportorientierte Schweizer Wirtschaft ist das von zentraler Bedeutung. Aber auch für private und institutionelle Anleger ist das Investment Banking mit dem kundenorientierten Wertschriften-, Devisen-

und Derivatehandel wichtig. Dieser bildet den Kern des Investment Banking. Aber braucht es dazu die integrierte Universalbank? Erwarten das die Kunden? Ja, sogar je länger, je mehr. Die weitgehend international ausgerichtete Schweizer Unternehmenswelt – darunter vermehrt auch KMU – ist auf ein umfassendes Beratungsund Dienstleistungsangebot angewiesen. Und Privatkunden, vor allem die sehr vermögenden, wünschen umfassende Beratung, wozu auch der Zugang zu einer breiten Palette an Finanz- und Kapitalmarktprodukten gehört. Das gilt für unsere Kunden in der Schweiz wie auch für unser bedeutendes internationales Geschäft. Was bedeutet das in der Praxis? Ein gutes Beispiel ist der Unternehmer, der mit seiner Bank sowohl Fragen zu seinem Privatvermögen als auch die Finanzen seiner Firma besprechen will – weil diese beiden Aspekte eng zusammenhängen. Oder nehmen Sie die komplexen, international diversifizierten Vermögensverhältnisse von sehr wohlhabenden Privatkunden oder die Herausforderungen eines grossen institutionellen Anlegers. Um solchen Ansprüchen gerecht zu werden, ist nebst Expertise im Private Banking und Asset Management die Kapitalmarktkompetenz aus dem Investment Banking zwingend. Zum Beispiel bei einer

Expansion ins Ausland oder bei Nachfolgeregelungen für Unternehmerfamilien mit Börsengängen oder Fusionen. Aber auch bei Finanzierungen und Strukturierungen. Trotzdem hört man oft, die Grossbanken seien für die Schweiz zu gross, zu komplex und damit eben im Krisenfall «too big to fail». Die Finanzkrise und der damit zusammenhängende Vertrauensverlust haben das Bankwesen gewandelt. Auch die Credit Suisse hat sich massiv verändert. Wir haben uns konstruktiv in die Debatte um neue und verschärfte Regulierungsvorschriften eingebracht, und wir haben entschieden Massnahmen ergriffen und umgesetzt. Wir haben unsere Kapitalbasis deutlich gestärkt und im Investment Banking die Risiken rasch und massiv reduziert. Zudem arbeiten wir weltweit an einer neuen Rechtsstruktur, was die Abwicklung in einem Notfall erleichtert. Was braucht es, damit die Universalbank auch künftig ein Erfolgsmodell in der Schweiz bleibt? Die Finanzbranche befindet sich in einer Phase der grundlegenden Transformation. Der Finanzplatz Schweiz positioniert sich neu, wird aber auch künftig auf seine traditionellen Stärken wie die hohe Dienstleistungsqualität, Stabilität, Rechtssicherheit und die kompetitiven Rahmenbedingungen

Hans-Ulrich Meister, Head PB&WM und CEO Region Schweiz, Credit Suisse.

setzen. Es ist wichtig, dass wir zur Attraktivität unseres Finanzplatzes Sorge tragen. Dieser trägt immerhin rund 11 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung in der Schweiz bei. Ungeachtet kommender Veränderungen: Die Nähe zum Kunden ist auch in der Zukunft entscheidend. Nähe

heisst dabei auch, dass die Credit Suisse als Universalbank im Schweizer Markt alle Kompetenzen vor Ort hat, um den Kundenbedürfnissen mit einem spezialisierten Beratungs- und Produkteangebot gerecht zu werden. Darauf haben wir uns mit unserem Geschäftsmodell ausgerichtet.

Die E-Finance-Revolution Welche Pfeile die Internetgiganten im Köcher haben

Neue IT-Player mischen auf dem Finanzmarkt mit. Apple, Google, Amazon und Facebook strecken ihre Fühler nach allen neuen Territorien aus und revolutionieren mit innovativen Modellen den traditionellen Zahlungsmarkt. Sind die IT-Giganten die Banken der Zukunft?

trends, die unser leben verändern Bluetooth Low Energy (BLE) und iBeacons werden den Einzelhandel erobern. Mit der Funktechnik BLE können sich Geräte im Umkreis von 10 Metern durch geringen Stromund Kostenaufwand vernetzen lassen. Mit iBeacons lässt sich die Position des Smartphone-Besitzers ermitteln und gezielt Werbung versenden.

Martina Keller Die Abhängigkeit von der Informationstechnologie im Finanzsektor ist riesig. Von einem reinen Informations- und Unterhaltungsmedium hat sich das Internet zu einer aktiven Plattform entwickelt, die Interaktion ermöglicht – besonders im Finanzbereich. Dies macht Internetgiganten zu wichtigen neuen Playern in der Finanzwelt. Apple, Google, Amazon und Facebook bauen ihren Service im Finanzsektor massiv aus. Mit neuen Modellen und Allianzen fordern sie traditionelle Banken heraus. Die IT-Riesen verfügen über ein umfangreiches Know-how und riesige Datenmengen. Somit stellen sie eine grosse Konkurrenz für traditionelle Banken dar. Diese sind unter dem steigenden Druck zu einer Reaktion gezwungen.

Zwei Welten verschmelzen: bezahlt wird künftig mit dem Smartphone.

Geldbetrag bar verfügen. Der Transfer wird einfach abgewickelt: Dem «menschlichen Bankomat» wird die Summe auf dem iTunes-Konto gutgeschrieben, dem, der abhebt, wird sie abgezogen. So wird das iTunes-Konto zu einem normalen Bankkonto und Apple würde im Handumdrehen zu einer iBank. Zudem plant Apple, 254 AppleStores in den USA mit iBeacons auszustatten und eine neue Zahlungsplattform aufzubauen, die den Kauf von Apple-Produkten vereinfacht.

Apple: das Bankomaten-Netzwerk Google: das E-Wallet Apple verfügt über 800 000 000 Kundenprofile im iTunes-Store, inklusive Bankverbindungen, persönliche Informationen und Lebensgewohnheiten ihrer Kunden. Mit der App «P2P Cash on Demand» will Apple seine Benutzer verbinden. Sie zeigt AppleBenutzern andere registrierte User in der Nähe an, die über einen gewünschten

300 Millionen US-Dollar hat Google für die Entwicklung seines E-Wallets investiert. Das Google-Wallet ähnelt dem Apple Passbook. Neu können Google User in ihrer virtuellen Brieftasche auch Coupons und Treuekarten speichern und reale Treuekarten mit dem E-Wallet verbinden. E-Wallet-User können

mit ihrer E-Mail-Adresse als Identifizierung Geldtransfers abwickeln. Zudem hat Google eine neue Programmierschnittstelle aufgebaut für Online-Käufe per Mobiltelefon. Die Einführung einer Prepaid-Karte, die mit dem E-Wallet verbunden und an allen Bankomaten benutzbar ist, soll für die Rentabilität des grossen Projekts sorgen. Natürlich kann Google Informationen über getätigte Käufe mit der Karte für gezielte Werbung verwenden. Bereits heute verfügt Google über 47 Prozent des Gesamtanteils des Markts für Mobile-Werbung. Auch Samsung plant ein eigenes E-Wallet. Amazon: die Amazon-Münze Der Online-Versandhändler Amazon baut seinen Service aus und lanciert die «Amazon-Münze» – eine eigene Währung, mit der sämtliche Produkte von Amazon gekauft werden können. Mit der Wunschliste-

App von Amazon auf Facebook wird das Shoppen zudem zu einer «social experience». Facebook: Gift Card und Donate Buttons Facebook hat für seine 1,2 Milliarden User eine eigene Geschenkkarte herausgegeben, die mit Partnershops verknüpft ist. Mit der Karte können Facebook-User Apps kaufen. Auch «Donate Buttons» sind neu auf Facebook: Über sie werden Spenden für wohltätige Organisationen gesammelt. Die Internetriesen verfügen alle über riesige Datenmengen und Kundeninformationen, enorme flüssige Mittel und ein ITKnow-how, von dem Banken nur träumen können. Allianzen verschiedener Player, wie Telekommunikation und Finanzdienstleister, ermöglichen Vereinfachungen für die Kundschaft. So sind die IT-Giganten auf dem besten Weg, sich als neue, innovative Banken zu etablieren.

Kreditkarten bleiben die bequemste Zahlungsmethode. E-Wallets werden nur Erfolg haben, wenn sie zu All-in-one-Apps werden (Integration von Zahlungsmöglichkeit, Ticket, Boardingpass, Wunschlisten etc.) Privatkundenbanken werden mit persönlichen Apps auch um mobile Online-Kundschaft buhlen. Schon bald werden auch traditionelle Banken mit eigenen mobilen Lösungen Geldgeschäfte jeglicher Art überall und jederzeit ermöglichen. Der Markt der alternativen Zahlungsmöglichkeiten wird sich bald konsolidieren. Grosse Player werden die kleinen innovativen Neuerungen aufkaufen und massenfähig machen.

Impressum «Swiss International Finance Forum» ist eine Verlagsbeilage der Neuen Zürcher Zeitung NZZ  Herausgeber Stefan Linder, NZZ Konferenzen, C.F.L. Lohnerstrasse 24, 3645 Gwatt (Thun), konferenzen@nzz.ch  Redaktion Saraina von Grünigen, Michael Kuhn  Anzeigen Fabian Wassmer  Produktion Swisscontent AG, Zürich  Gestaltung Nicole Senn  Bilder zvg, Staatsarchiv


Geschichte

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Die Finanzkrise aus historischer Perspektive Die hiesigen Banken haben schon mehrmals schwere Zeiten durchlebt

Der Schweizer Finanzplatz blickt auf eine turbulente Geschichte zurück. Mit dem stetigen Wegbröckeln des Bankgeheimnisses muss sich die Branche in schwierigem Umfeld zurechtfinden. Alex Hämmerli Der Finanzsektor ist einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche der Schweiz. Über 10 Prozent der hiesigen Wertschöpfung wird durch die Banken und Versicherungen erwirtschaftet. Deren rund 250 000 Angestellte verwalteten im vergangenen Jahr ein Vermögen von über 5,5 Billionen Franken. Das ist zwar deutlich weniger als vor dem Ausbruch der Finanzkrise – Ende 2005 etwa waren es laut Bankiervereinigung noch 6,9 Billionen – aber die Vergangenheit zeigt, dass die Branche schon über viele schwere Zeiten hinweggekommen ist. Der Ursprung des Schweizer Bankenwesens reicht bis weit vor die Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 zurück. Bereits in der Renaissance – im 15. Und 16. Jahrhundert also – wurden hierzulande die ersten Bankgeschäfte abgeschlossen. Diese hatten zwar einen im internationalen Vergleich noch bescheidenen Umfang. Doch dank der Lage im Herzen Europas und des wirtschaftlich wie politisch stabilen Klimas wuchs die Branche rasant. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts spezialisierten sich immer mehr Schweizer Händler auf die Anlage von Geld im Ausland. Denn durch den Söldnerdienst, die schweizerische Protoindustrie und den Handel hatte die helvetische Bevölkerung teils enorme Vermögen angehäuft. Zu den treusten Abnehmern gehörten mitunter die französischen Könige mit ihrem schier unersättlichen Finanzierungsbedarf. Die Beziehung war von Beginn weg von Diskretion geprägt: Schliesslich konnten die katholischen Könige nicht mit protestantischen Geldgebern in Verbindung gebracht werden. Im Zuge der politischen Turbulenzen des 18. Jahrhunderts gelangten die Schweizer Banken an die Spitze der internationalen Finanzwelt: Insbesondere Genf wurde zum Zufluchtsort für jene, die den Folgen der Revolutionen in Frankreich und anderswo entkommen wollten. Es heisst, dass selbst Napoleon I. Kunde der Schweizer Bankiers war. Richtig Fahrt nahm die Entwicklung dann mit dem Ende des Sonderbundkriegs auf: Mit der Entstehung des Bundesstaats im Jahr 1848 etablierte sich die Schweiz als Hort des Liberalismus, der Neutralität und des Friedens. Der Industrialisierungsgrad war – getrieben durch die finanzstarken Banken – nach dem Englands der höchste Europas. Einer der schillerndsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit war Wirtschaftsmagnat Alfred Escher, der zur Finanzierung des Schweizer Bahnnetzes und insbesondere des Gotthardtunnels die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) gründete. Die heutige Credit Suisse war die erste Geschäfts- und Industriebank der Schweiz. Nebst der SKA wurden im 19. Jahrhundert auch die Vorläufer anderer bedeutender Finanzhäuser gegründet, so etwa die der Swiss Re, der Swiss Life und der UBS. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen auch die ersten Börsen der Schweiz ihren Betrieb auf. Mit dem Aufschwung nach dem Ersten Weltkrieg florierten auch die Schweizer Versicherungen und Banken. Der Börsencrash von 1929 und die darauffolgende grosse Depression setzten den Goldenen Zwanzigern aber ein jähes Ende: Der Bankenplatz erlebte seine erste grosse Konsolidierungswelle. Mitunter musste die Schweizerische Volksbank mit Staatsgeldern gerettet wer-

Paradeplatz 1899: Das Zentrum der Schweizer Finanzwelt war schon damals bewegt.

den. Zudem wuchs der Druck des in finanziellen Nöten steckenden Auslands auf das schweizerische Bankgeheimnis. 1935 hielt der Bund diesem Druck demonstrativ entgegen, indem er das Bankgeheimnis formell im Gesetz verankerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch auf dem Schweizer Finanzplatz wieder Aufbruchstimmung. Der Wohlstand stieg rasch – und dennoch blieb ein latentes Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Die neutrale Schweiz wurde insbesondere wegen des Kalten Krieges zum finanziellen Zufluchtsort. Der Zusammenbruch des Bretton-WoodsSystems, der bis 1973 Wechselkursbandbreiten vorschrieb und dadurch stabile Devisenkurse garantierte, gab den Anstoss für eine Deregulierungswelle. Die Komplexität der Finanzprodukte sowie die Internationalisierung stiegen an. Produkte, die einst der Absicherung dienten, wurden alsbald von Spekulanten als Anlage entdeckt.

Die gigantische Nachfrage wurde durch das billige Geld geschürt sowie durch die Möglichkeit, auf Kredit zu investieren. So folgte erst der Immobilien-Crash der frühen 1990erJahre in der Schweiz, der nebst der Spar- und Leihkasse Thun von 1991 bis 1996 mehr als die Hälfte der rund 180 Regionalbanken in den Bankrott trieb. 2008 dann kollabierte das Finanzsystem ausgehend vom US-Immobilienmarkt weltweit. Staaten mussten Milliarden einschiessen – und auch die Ära der Deregulierung kam zu einem abrupten Ende. Sechs Jahre nach Ausbruch der Finanz- und Immobilienkrise ist klar, dass der Finanzplatz von morgen mit dem von gestern nicht mehr allzu viel gemein haben wird. Zu gross war und ist der Druck des Auslands auf die unversteuerten Gelder ihrer Bürger – und somit auf das jahrhundertealte Schweizer Bankgeheimnis. Der Bundesrat hat mit der Weissgeldstrategie die Marschrichtung vorgegeben. Die Zeiten, in denen die Schweizer Banken im grossen

Stil Schwarzgelder verwalteten, sind vorbei. Und zumindest aus steuerlicher Sicht dürfte das Bankgeheimnis nicht mehr lange Bestand haben. Die wohl letzten Zweifel daran hat die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) diesen Februar beseitigt, als sie die Details zum geplanten globalen Standard für den automatischen Informationsaustausch (AIA) präsentierte. Spätestens ab 2019 sollen einmal pro Jahr umfassende Angaben über alle Arten von Kapitaleinkommen, die Höhe von Finanzvermögen und über deren wirtschaftlich Berechtigte automatisch ausgetauscht werden. Die Schweiz wird kaum darum herumkommen, den AIA-Standard ebenfalls anzuwenden. Doch auch schon vor 2019 werden die Schweizer Banken zig Millionen Franken an fremde Finanzministerien überwiesen haben – als Bussgelder für ihre Hilfestellung bei der Steueroptimierung etwa, oder in Form von Abgeltungssteuergeldern. Der Schweizer Finanzplatz steht aber noch an weiteren Seiten unter dem Druck, sich zu

wandeln. So etwa bezüglich der Kapitalvorschriften: Als direkte Folge der Finanzkrise und der «too big to fail» Debatte wurden die neuen Basel-III-Vorgaben eingeführt. Die Margen insbesondere im Investment Banking sind dadurch drastisch gesunken. Und auch aus dem Zinsumfeld drohen Gefahren: Aufgrund der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken und des rekordtiefen Zinsumfelds ist das Risiko einer neuen Immobilienblase gestiegen: Institute mit hohen ausstehenden Hypothekenbeträgen könnten bei steigenden Zinsen in Schieflage geraten. Derzeit vollzieht der hiesige Finanzplatz also den womöglich grössten Wandel seiner Geschichte. Doch das ist keineswegs nur negativ – im Gegenteil. Die Schweiz ist heute wie eh und je ein Hort der Sicherheit, Stabilität und Neutralität. Sie verfügt über eine starke Währung, liberale Rahmenbedingungen und ausgezeichnetes Fachwissen. Dadurch haben die Schweizer Banken auch in Zukunft starke Wettbewerbsvorteile.


Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Geschichte

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Meilensteine und Herausforderungen Was den Schweizer Finanzplatz bewegt hat und bewegt

1755

Mit der Gründung der Bank Leu & Co. durch Zürichs Obrigkeit wird der Grundstein des Zürcher Bankenplatzes gelegt.

1933 1935

1962

1787

1826 1856

1855

Die Schweizerische Volksbank muss durch den Staat gerettet werden. Das Bankgeheimnis wird formell durch das «Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen» verankert. Vorher war ein ungeschriebenes Gesetz Usus – ähnlich dem Anwalts-, Arzt- oder Priestergeheimnis. Der Bundesrat verordnet, dass Banken nachrichtenloses Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg suchen und melden müssen.

Die erste Sparkasse der Schweiz wird gegründet. Es handelt sich um die Berner Dienstzinskasse, die sich vornehmlich um Einlagen von Hausangestellten kümmert. Mit der Berner Depositencassa gibt erstmals eine Schweizer Bank Papiergeld heraus. Die Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse) wird vom Zürcher Wirtschaftsmagnaten Alfred Escher gegründet. In Genf entsteht die erste Schweizer Wertpapierbörse.

1973 1977

1984

1988

1991

1997

Das Bretton-Woods-System bricht zusammen. Der sogenannte SKA-Skandal wird bekannt. In der Filiale Chiasso der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) verursachen Mitarbeiter durch Zinsmanipulationen Verluste in der Höhe von ca. 2 Milliarden Franken. Der SKA-Skandal führt zu einer Volksinitiative der SP, die die Abschaffung des Bankgeheimnisses zum Ziel hat. Sie wird mit 73 % Neinstimmen abgelehnt. Die Derivate-Handelsplattform Soffex nimmt den Betrieb auf. Es handelt sich um die erste vollelektronische Terminbörse der Welt. Die Spar- und Leihkasse Thun wird im Zuge der Immobilienkrise geschlossen. In den kommenden sechs Jahren gehen mehr als die Hälfte der rund 180 Regionalbanken der Schweiz unter. Im Rahmen der Fusion von Schweizerischem Bankverein und Schweizerischer Bankgesellschaft entsteht die UBS.

2008 Der Kollaps des Finanzsystems läutet das Ende der Deregulierung im Finanzsektor ein.

Die Regierungen führen umfangreiche Regelwerke ein. Der Druck aufs Bankgeheimnis wächst.

1880 Die für damalige Verhältnisse imposante Börse wird in Zürich gebaut. 1896 Aus dem Basler Bankverein wird nach weiteren Zusammenschlüssen der Schweizerische

Bankverein (heute UBS).

1907

Die Schweizerische Nationalbank nimmt ihren Dienst auf.

2008 Die in Schieflage geratene UBS wird vom Staat gerettet. Bund und Nationalbank beteiligen sich mit

2013

2013

2013

1929

1930

2013

Mit dem Börsencrash und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise wächst das Bemühen der europäischen Länder, die Steuerflucht einzudämmen.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wird in Basel geschaffen. Zunächst wickelt sie die deutschen Reparationszahlungen ab.

2014

6 bzw. 39 Milliarden Franken in Form von Wandelanleihen.

Die Abgeltungssteuerabkommen mit Grossbritannien und Österreich treten in Kraft. Betroffen sind alle Steuerpflichtigen der beiden Länder, die in der Schweiz ein Bankkonto oder ein Wertschriftendepot besitzen. Deutschland lehnt ein entsprechendes Abkommen ab. Die eidgenössische Volksinitiative «gegen die Abzockerei» wird angenommen – nicht zuletzt wegen der grosszügigen Boni im Finanzbereich. Die UBS zahlt den letzten Teil ihres 2008 erhaltenen Darlehens zurück. Bund und Nationalbank haben aus der Rettung der Grossbank rund 6 Milliarden Franken verdient. Das Parlament verpflichtet die Schweizer Banken zur Umsetzung des US-Steuergesetzes FATCA. Dadurch wird ein beinahe automatischer Austausch von Bankdaten gewährt. Die OECD hat einen globalen Standard für den automatischen Informationsaustausch von Bankkundendaten (AIA) vorgelegt. Dieser könnte dereinst auch für die Schweiz gelten – es wäre das Ende des Bankgeheimnisses.


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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Wir sprechen nicht nur über den Finanzplatz Schweiz von morgen. Wir gestalten ihn mit.

Der Schweizer Finanzplatz ist Änderungen unterworfen. Credit Suisse nimmt ihre Verantwortung wahr, zusammen mit Partnern die Zukunft des Finanzplatzes nachhaltig zu gestalten.


Standortvorteile

Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

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«Schweiz muss Konkurrenz nicht fürchten» Die Stärken des hiesigen Finanzplatzes

Der Schweizer Finanzplatz sei klar positioniert und werde nach wie vor von internationalen Anlegern sehr geschätzt, sagt Christian Hinze, Managing Director von BlackRock Schweiz. Er sieht keine Bedrohung durch ausländische Finanzplätze. Interview: Michael Kuhn Der Schweizer Finanzplatz gleicht sich mehr und mehr an andere Finanzplätze an. Wird der Schweizer Finanzplatz damit austauschbar? Obwohl die verschärfte Regulierung für eine gewisse Angleichung der Finanzplätze sorgt, ist die Schweiz immer noch klar positioniert. Der Finanzplatz steht für Stabilität, für kulturelle Vielfalt, ein umfassendes Dienstleistungsund Produktangebot sowie für gut ausgebildete und kompetente Mitarbeiter. Diese Kombination wird von internationalen Anlegern nach wie vor sehr geschätzt und gefragt. Was sind Ihrer Meinung nach die Schlüsselfaktoren für einen erfolgreichen Finanzplatz Schweiz? Ein erfolgreicher Finanzplatz ist meines Erachtens gekennzeichnet durch Offenheit, stabile Rahmenbedingungen, innovative Dienstleistungen und Produkte sowie in-

ternationale Beratungskompetenz. Kurz, ein erfolgreicher Finanzplatz muss Mehrwert schaffen. Insbesondere bezüglich Innovation und Kompetenz ist es für die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes wichtig, dass wir auch von der Expertise ausländischer Fachkräfte profitieren können. Kritische Stimmen sehen einen Schweizer Finanzplatz, der zwischen den grossen Märkten wie den USA und den kleinsten Mitspielern, die sehr flexibel agieren können, aufgerieben wird. Teilen Sie diese Skepsis? Nein, die Schweiz muss die internationale Konkurrenz nicht fürchten und verfügt über langjährige Tradition, Expertise und Kompetenz im internationalen Asset Management. Bisher wurde der Schweizer Finanzplatz primär als erstklassiger Anbieter von PrivateBanking-Dienstleistungen gesehen. Die vorhandene und weiter wachsende AssetManagement-Kompetenz ging dabei leider etwas unter. Hingegen stellen die international verschärften regulatorischen Rahmenbedingen eine Herausforderung dar. Generell: Was sollten private Anleger derzeit mit ihrem Geld tun? Für Privatanleger sehen wir generell gute Chancen auf stabile Erträge bei Investitionen in Dividendenaktien und in ausgewählten festverzinslichen Anlageklassen.

Was zeichnet das Asset Management in der Schweiz im Vergleich zum Asset Management der umliegenden Länder besonders aus? Asset Management hat in der Schweiz lange Tradition als wichtiger Lieferant von Produkten und Dienstleistungen für die private Vermögensverwaltung. Der allgemeine Trend hin zu globalen Anbietern mit umfassenden Lösungsansätzen einerseits und Nischenanbietern mit spezifischem Produktangebot andererseits wird auch in der Schweiz weiter anhalten. Eher schwierig dürfte es wohl für mittelgrosse Anbieter ohne klares Profil in der Konsolidierung werden, die auch hierzulande stattfinden wird. Generell verfügt die Schweiz aber über zahlreiche Nischenanbieter mit Fokus auf spezifische Assetklassen bzw. wenige Produkte und ist in diesem Bereich besonders gut positioniert. Was sind die grössten Herausforderungen für das Asset Management in der Schweiz? Das Asset Management in der Schweiz fand bisher im In- und Ausland weniger Beachtung, da der Fokus auf der privaten Vermögensverwaltung lag. Nun gilt es diese Kompetenz des Finanzplatzes auszubauen und noch besser bekannt zu machen. Dieses Anliegen nehmen die Bankiervereinigung und die Swiss Fund & Asset Management Association gemeinsam in Angriff. Dabei liegt der Fokus

Christian Hinze ist COO und Interim-CEO von BlackRock Schweiz.

unter anderem auf der Entwicklung von Standards für das Asset Management, auf einer adäquaten Regulierung und einem spezifischen Ausbildungsangebot. Eine klare Positionierung des Asset Management als wichtiges Standbein des Finanzplatzes ist für die weitere Entwicklung sehr wichtig und wird auch internationale Experten anziehen. Es soll für hohe Zuverlässigkeit, Unabhängigkeit und Qualität gleichermassen stehen. Welche Zukunft hat die indexorientierte Anlageform?

Wir glauben, dass der ETF-Markt in Europa von heute rund 400 Milliarden Dollar bis 2017 auf über 900 Milliarden Dollar anwachsen wird. Auch das traditionelle Fondsgeschäft wird weiter wachsen, wenngleich mit geringeren Zuwachsraten. Beide Anlageformen sind wichtig und erfüllen unterschiedliche Anlegerbedürfnisse. Häufig ist es für den Anleger sinnvoll die beiden Strategien miteinander zu kombinieren. Aus diesem Grund verfügen Anbieter wie BlackRock über ein aktives und passives Fondsmanagement aus einer Hand.

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Wohin führt

der Weg die Schweiz?

«Shaping the new path» lautet das Motto des Swiss International Finance Forum (SIFF) 2014. Hochkarätige Referenten aus Politik und Wirtschaft entwerfen am SIFF Perspektiven für die Finanzindustrie, diskutieren über die Zukunft des Private Banking und über neue Technologien in Banking und Finance. Als global tätiges Finanzinstitut mit Schweizer Wurzeln und einer starken Stellung als Universalbank im heimischen Markt ist uns das Wachstum in der Schweiz sehr wichtig. Deshalb engagieren wir uns gerne als Platinum Partner des SIFF – und für eine blühende Zukunft des Finanzplatzes Schweiz.

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Standortvorteile

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Wieso kommt das Geld in die Schweiz? Der Global Financial Centres Index spricht für Zürich und Genf

Trotz US-Steuerstreit, laufender Konsolidierung und der Hoeness-Affäre geniesst der Schweizer Finanzplatz ein hohes Ansehen. Zürich gehört nach wie vor zu den weltweit fünf wichtigsten Finanzzentren. Alex Hämmerli und Michael Kuhn «Wenn sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen.» Dieses Zitat wird dem französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire nachgesagt. Es zeigt: Schweizer Banken geniessen seit jeher den Ruf, ihr Geschäft zu beherrschen. Fragt man heute nach den Gründen, wieso auf Schweizer Bankkonten und im hiesigen Aktienmarkt Gelder aus der ganzen Welt liegen, so erhält man oftmals dieselben Antworten: politische Stabilität, Neutralität, vorbildliche Dienstleistungskultur, Lage im Zentrum Europas oder das berühmt-berüchtigte Bankgeheimnis. Diese Argumente ziehen. 5565 Milliarden Franken Vermögen werden in der Schweiz verwaltet. Das entspricht einem weltweiten Marktanteil aller verwalteten Vermögen von rund 26 Prozent.

«Verschwiegenes Banksystem» 1964 schrieb die «Zeit» in ihrer Ausgabe vom 3. Juli: «Die Schweiz übt seit jeher auf Ausländer einige Anziehungskraft aus, ihr Geld bei den Eidgenossen anzulegen. Dafür gibt es eine Reihe plausibler Gründe: politische Stabilität seitab des Kräftemessens der Blöcke, wirtschaftliche Beständigkeit einschliesslich einer weltweit renommierten ‹harten› Währung, bedeutender Finanzplatz, ein leistungsfähiges und ver-

schwiegenes Banksystem mit besten internationalen Beziehungen, fiskalische Vorteile, zentrale Lage und – soweit mit der Kapitalanlage die persönliche Berührung mit diesem Lande im Herzen Europas verbunden ist – die unbestreitbaren Reize der Landschaft.»

Messbare Exzellenz seit 2007 Bis auf das bröckelnde Bankgeheimnis hat sich daran bis heute wenig geändert. Messbar waren diese Faktoren aber lange Zeit nicht – bis zum Jahr 2007. Damals publizierte das britische ResearchUnternehmen Z / Yen Group erstmals seinen

Tokio zu überholen. Genf rangiert zudem auf Platz 9 des Index. 2013 war sie sogar noch auf dem 8. Rang.

Rang

Veränderung zum Vorjahr

Stadt

1

1

New York

USA

2

1

London

Grossbritannien

3

Hongkong

China

4

Singapur

Singapur

5

1

Zürich

Schweiz

6

1

Tokio

Japan

7

3

Seoul

Südkorea

8

1

Boston

USA

9

1

Genf

Schweiz

10

2

San Francisco

USA

11

2

Frankfurt

Deutschland

12

1

Luxemburg

Luxemburg

13

4

Washington, D.C.

USA

14

3

Toronto

Kanada

15

1

Chicago

USA

16

2

Montreal

Kanada

17

2

Vancouver

Kanada

18

9

Shenzhen

China

19

1

Wien

Österreich

20

4

Schanghai

China

Reputation leidet kaum Für viele mag dies überraschend sein – schliesslich leidet der Schweizer Finanzplatz unter dem internationalen Druck auf das Bankgeheimnis und dem Ruf, zunehmend opportunistisch zu agieren. Anstatt an Reputation und Attraktivität einzubüssen, ist offenbar aber genau das Gegenteil der Fall: Insbesondere Zürich erzielte in sämtlichen gemessenen Wettbewerbsbereichen (Geschäftsumfeld, Infra-

«Politische Stabilität, Neutralität, die Dienstleistungskultur und die Lage im Zentrum Europas sind die Trümpfe.» auf konkreten Kennzahlen beruhenden Global Financial Centres Index. Der international anerkannte Index basiert auf 26 000 Einschätzungen, die mittels OnlineFragebogen zusammengetragen werden. Hinzu kommen über 80 Messwerte von verschiedenen Organisationen wie der Weltbank, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie der Economist Intelligence Unit. Dieses Jahr hat dieser ein aus Schweizer Sicht erfreuliches Resultat hervorgebracht: Zürich figuriert heuer nämlich auf dem 5. Platz der weltweit wichtigsten Finanzzentren – und damit bloss noch hinter der klaren Nummer 1 New York, hinter London, Hongkong und Singapur. Im Vergleich zum Vorjahr gelang es dem Finanzplatz, der die Kantone Schwyz, Zug und Zürich umfasst, die japanische Hauptstadt

Die weltweit besten Finanzzentren

struktur, Entwicklung des Finanzsektors, Humankapital, Reputation und Marktumfeld) ausgesprochen gute Werte (siehe Aufstellung unten).

Für US-Bürger hoch im Kurs Insbesondere bei der amerikanischen und lateinamerikanischen Klientel stehe Zürich nach wie vor sehr hoch im Kurs, heisst es. Als klassisches Offshore-Zentrum indes habe die Limmatstadt deutlich an Bedeutung verloren. Weniger gefragt ist Zürich zudem bei der arabischen und asiatischen Kundschaft, die eher den aufstrebenden Märkten zugewandt sei. Trotzdem sei Zürich dank der globalen Ausrichtung in allen wichtigen Geschäftssparten ein bedeutendes globales Finanzzentrum, stellen die Autoren fest.

Land

Quelle: Global Financial Centres Index

New York

London

Hongkong

Singapur

Zürich

Anzahl Banken 6733

Anzahl Banken 350

Anzahl Banken 262

Anzahl Banken 124

Anzahl Banken 297

Anzahl Bankangestellte, vollzeitäquivalent 1 919 000

Anzahl Bankangestellte, vollzeitäquivalent 450 000

Anzahl Bankangestellte, vollzeitäquivalent 98 000

Anzahl Bankangestellte, vollzeitäquivalent 100 000

Anzahl Bankangestellte, vollzeitäquivalent 105 000

Verwaltete Vermögen 14,7 Billiarden USD*

Verwaltete Vermögen 13,1 Billiarden USD*

Verwaltete Vermögen 0,7 Billiarden USD*

Verwaltete Vermögen 1,3 Billiarden USD*

Verwaltete Vermögen 3,2 Billiarden USD*

Kapitalisierung der lokalen Börsen 18,7 Billiarden USD*

Kapitalisierung der lokalen Börsen 3 Billiarden USD*

Kapitalisierung der lokalen Börsen 1,1 Billiarden USD*

Kapitalisierung der lokalen Börsen 0,4 Billiarden USD*

Kapitalisierung der lokalen Börsen 1,1 Billiarden USD*

Veränderung Börsenkapitalisierung 2014 gegenüber 2007 59 Prozent

Veränderung Börsenkapitalisierung 2014 gegenüber 2007 63 Prozent

Veränderung Börsenkapitalisierung 2014 gegenüber 2007 -17 Prozent

Veränderung Börsenkapitalisierung 2014 gegenüber 2007 130 Prozent

Veränderung Börsenkapitalisierung 2014 gegenüber 2007 25 Prozent

* Umgerechnet in US$ gemäss Wechselkurs per 22. April 2014

Quellen: govHK, Federal Deposit Insurance Group, Monetary Authority of Singapore, Global Financial Development Report 2013, SwissBanking, European Banking Federation, Singstat, Hong Kong Monetary Authority, EZB, FDIC, qandl


Analyse

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Schweizer Finanzplatz am Pranger Weshalb Schadenfreude fehl am Platz ist

Wer den Finanzplatz Schweiz voreilig aufgibt, ist sich nicht der Konsequenzen bewusst. Und die Moral würde durch ein Ausscheiden der Schweiz vom internationalen Finanzparkett auch nicht gerettet. Es fragt sich eher: Was müssten wir dann morgen aufgeben? Marie-Hélène Miauton Um die Einsätze zu verstehen, die mit dem Fortbestand des Schweizer Finanzplatzes verbunden sind, ist es unerlässlich, seine Wichtigkeit in verschiedenen Bereichen unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens zu ermessen. Mein Plädoyer bedeutet nicht, dass wir um jeden Preis betrügerische oder unmoralische Aktivitäten aufrechterhalten sollten unter dem Vorwand, das Land lebe mehr oder weniger davon. Darum geht es mir nicht, sondern ich möchte eher betonen, dass Expertenkreise bereits seit mehreren Jahren in den sensiblen Bereichen beträchtliche Anstrengungen unternommen haben. Wie beispielsweise die Massnahmen gegen die Geldwäscherei und gegen die Aufnahme von Geldern der Potentaten; Dinge, worauf auch andere Länder nicht immer überzeugend reagieren. Alle diese Bemühungen reichen für den Moment aus. Und jetzt geht es darum, dass wir nichts mehr ohne Gegenleistung einräumen und dass die anderen Länder nachziehen, überall dort auf der Welt, wo Institute, für die andere Gesetze gelten, ungestraft all das übernehmen, was wir ihnen kleinlaut überlassen.

Gewinne könnten schmelzen Die Vermögensverwaltung ist das Hauptgeschäft des Schweizer Finanzplatzes, der damit fast die Hälfte seiner Gewinne macht. Die Banken entrichten Steuern wie alle anderen Unternehmen. Ihre Angestellten ebenfalls. Zählt man diese Zahlungen zusammen, erhält man im Jahr 2011 ungefähr 11,2 Milliarden, das heisst 10 Prozent aller im Land eingenommenen Steuern. Sollten diese Beiträge einmal fehlen oder drastisch abnehmen, wären wir zweifellos in Bedrängnis. Es ist jetzt offensichtlich, dass unser Finanzplatz aufgrund der wachsenden Konkurrenz im internationalen Markt Kunden verlieren wird. Und dass seine Margen fallen werden ANZEIGE

aufgrund all der Reglementierungen, die er über sich ergehen lassen muss. Dass die Zahl seiner Mitarbeiter abnehmen wird. Dass seine Gewinne schmelzen werden und dass sein Beitrag an das Steueraufkommen weitaus kleiner ausfallen wird. Die Rechnung ist schnell gemacht: Die Schweizer Banken haben 60 Prozent ausländische Kunden, von deren Vermögen mindestens 60 Prozent nicht korrekt deklariert waren. Wenn sie zwei Drittel dieser 36 Prozent verlieren würden, schrumpfte ihr Geschäftsumfang in der Schweiz um 24 Prozent. Potztausend!

Alles wie gehabt Einige spielen das herunter. Andere übertreiben allzu sehr. Andere freuen sich schliesslich darüber, wie Jacques Pilet, der mit seinem üblichen Witz meint: «Die Neudimensionierung des Finanzplatzes wird wehtun, besonders in Zürich, Genf und Lugano. Aber immer mit der Ruhe, Klageweiber! Es ist keine Katastrophe in Sicht. (…) Der Bankensektor bringt ein Zehntel der Steuereinnahmen. (…) Dieser Batzen wird natürlich nicht verschwinden, nur angenagt. Unangenehm, aber nicht fatal. Was der Bank heute passiert, geschah früher in der Industrie. In den 70er Jahren wäre die Uhrmacherei fast gestorben, vor ihrem spektakulären Aufschwung. Weil ihre früheren Bosse, zu reich und zu arrogant, die technologischen und geschäftlichen Änderungen nicht vorausgesehen hatten. Wie die Ospel oder auch die Grübel, die sich in den letzten Jahren an einem Modell festgeklammert hatten, das zum Verschwinden verdammt war.»

ohne Weiteres fallen, ohne sich über das Ausmass der Kollateralschäden im Klaren zu sein. Diejenigen, die die Banken nicht mögen und sie loswerden möchten, reiben sich die Hände angesichts der Probleme, die man ihnen bereitet. Sie realisieren aber nicht, dass diese Institute ihre Aktivitäten einfach nach Singapur, Hongkong oder London verlegen werden und dass es die Schweiz, und nur sie, sein wird, die dafür wird bluten müssen. Wenn die Moral diesen Preis hat, werden einige sagen, dann bezahlen wir ihn eben. Einverstanden, aber ausser dass wir diesen Preis bezahlen, wird sich nichts ändern, denn die Moral wird dadurch nicht gerettet, weil alles wie gehabt weiterlaufen wird, nur unter anderen Himmeln und insbesondere dort, wo unsere Angreifer am zahlreichsten versammelt sind. Wenn Sie mir das nicht abnehmen, dann erklären Sie mir bitte, warum Grossbritannien, bestandenes Mitglied der EU, das also seit Langem die Steuerkooperationsabkommen mit seinen Alliierten unterzeichnet hat, 23 Prozent der weltweiten Offshore-Guthaben verwalten kann. Zweifellos weil die EU sich kaum um die Anwendung ihrer Vorschriften kümmert. Die wiederholten Angriffe der OECD und einiger Länder der EU gegen die Schweiz gestatten ihnen, sich auch mal eine Kugel in den eigenen Fuss zu schiessen. Warum? Das nicht deklarierte Geld ihrer Steuerzahler ist nicht in den Tresoren der Schweizer Banken versteckt. Nein, es ist zum grössten Teil im Herkunftsland ihrer Kunden. Und zwar in Portefeuilles, die zahl-

«Alle, welche die Banken loswerden wollen, realisieren nicht, dass die Schweiz wird bluten müssen.» Er hat recht, nichts ist jemals definitiv festgeschrieben, und sein Beispiel der «Uhrmacherei» ist sehr vielsagend. Der Unterschied aber ist, dass die Schweizer 1970 den angekündigten Tod des Uhrengewerbes beweinten, anstatt es öffentlich anzuprangern. Sie waren sich des Risikos bewusst, sie erteilten keine Lektionen. Sie sagten nicht, dass die Japaner recht hatten, uns Marktanteile wegzunehmen. Für den Schweizer Finanzplatz sieht das ganz anders aus, und allzu viele lassen ihn

reiche Wertpapiere nationaler Unternehmen enthalten, die solche unterstützen und insbesondere kennen, oder zumindest westliche Werte. Wandern diese Gelder in andere Gefilde – beispielsweise nach Singapur – können Sie sicher sein, dass dann asiatische Werte bevorzugt werden. Dann wird das Geld der Franzosen, Italiener oder auch der Deutschen der Entwicklung dieser Schwellenländer dienen, die den europäischen Volkswirtschaften Konkurrenz machen. Schönes Ergebnis!

Marie-Hélène Miauton, Ökonomin und Unternehmerin aus Lausanne.

Ausser den finanziellen gibt es jedoch noch andere Einbussen bei unserem allfälligen Ausscheiden, und man darf diese nicht verschweigen, da man ansonsten einer rein materialistischen Betrachtungsweise verhaftet bliebe. Unser internationales (und übrigens auch nationales) Image würde darunter leiden, stets als Verlierer, gar als Feiglinge abgestempelt zu sein. Was man von seiner Reputation auch denken mag, das Bankgeheimnis schützt in erster Linie den Kunden (in bestimmten Grenzen, um nicht auch Kriminelle zu schützen, oder bei Verfahren wie Nachfolge oder Scheidung), selbst wenn es den Banken zugute kommt. Der Vergleich mit der ärztlichen Schweigepflicht ist interessant, weil man sich dann vorstellen kann, wohin die Aufgabe des Bankgeheimnisses in einem anderen Bereich führen könnte. Stellen Sie sich vor, dass die Weiterentwicklung der Gesellschaft es gestatten würde, den Tatbestand zu bestrafen, dass sich jemand einer Krankheit aussetzt (Rauchen und Lungenkrebs, ungeschützter Geschlechtsverkehr und Aids, fettes Essen und Cholesterin). Dann stellen Sie sich vor, dass die EU oder die USA die Ärzte in der Schweiz dazu ver-

pflichten würden, derartige Verhaltensweisen anzuzeigen, die sie bei ihren ausländischen Patienten feststellen, unter dem Vorwand, dass dies für ihre Krankenversicherung teuer wäre (und es sei unsozial) oder dass sie die Krankenhäuser überfüllten, wenn sie ins Heimatland zurückkehrten. Müssten wir gehorchen? Die Antwort würde auf dem jeweiligen Wert beruhen, den man diesen sogenannten «höheren» Zielen des Staats oder der Wahrung der Privatsphäre beimisst. Derzeit haben die westlichen Staaten sich offensichtlich darüber geeinigt, was bei den Steuern unumschränkt gelten soll. Was müssen wir morgen nachvollziehen oder aufgeben?

Marie-Hélène Miauton Sie studierte an der Universität Lausanne an der Fakultät für Business und Economics. Marie-Hélène Miauton ist Verwaltungsratspräsidentin des von ihr im Jahr 1978 gegründeten Unternehmens M.I.S Trend AG, eines Instituts für Wirtschafts- und Sozialforschung mit Hauptsitz in Lausanne.

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Kapitalbrücken bauen Verpasste Chancen in den Schwellenländern

Die Kapitalmärkte zwischen entwickelten Ländern und Schwellenländern funktionieren nicht. Immer strengere Regeln für Fonds in entwickelten Ländern verschärfen das Problem nur. Was es braucht, sind nun wirklich langfristig orientierte Investitionen in Schwellenländer. Sony Kapoor Zwei gefährliche und zusammenhängende Herausforderungen stellen das globale Finanzsystem derzeit auf die Probe. Auf der einen Seite sind Billionen von Dollar an Spargeldern, insbesondere in den OECD-Ländern, in suboptimalen Anlageinstrumenten gefangen und rentieren schlecht. Auf der anderen Seite stehen viele Entwicklungsländer vor einem Mangel an Kapital. Das gilt selbst für Investitionen, die hohe Erträge generieren könnten. Dem Weltfinanzsystem gelingt es nicht, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Dies zieht perverse Konsequenzen mit sich. Langfristig orientierte Investoren aus reichen Ländern, wie Pensionskassen oder Versicherungen, drängten zuletzt in Anleihen und Aktien aus entwickelten Ländern. Selbst

Auftraggeber risikoscheu sind, ist eine zu tiefe Performance riskanter als eine zu hohe Performance. Beides führt dazu, dass «exotischere» Anlageklassen wie Infrastruktur in Schwellenländern, wo kurzfristige Performance schwerer zu messen ist, leiden. Nicht alle der beschriebenen Fonds sind echt langfristig versiert. Versicherer und Pensionsfonds müssen regelmässig Auszahlungen an die Versicherungsnehmer machen und Investmentfonds können nach Belieben eingelöst werden. Zentralbankreserven müssen flüssig bleiben, damit sie in Zeiten von Marktstress rasch in Bargeld umgewandelt werden können. Diese Haftungsvoraussetzungen schränken die Möglichkeiten, wie viel Mittel tatsächlich für die Investition in weniger liquiden Mittel in Schwellenländern zur Verfügung stehen, stark ein. Nur ein kleiner Teil dieser 100 Billionen Dollar kann wirklich ungezwungen und flexibel in jeder Anlageklasse in jedem Teil der Welt investiert werden.

Warum ist das ein Problem? Da grosse Kapitalpools börsennotierten flüssigen Aktien und Anleihen in den OECDVolkswirtschaften hinterherjagen, drückt das auf die verfügbaren Renditen. 2013 beispielsweise erwirtschaftete der norwegische Ölfonds auf sein 350 Milliarden Dollar gros-

«Investoren geben oft vor, gut diversifiziert zu sein. In Tat und Wahrheit sind sie es nicht.» scheinbar ungezwungene Anleger wie der norwegische Staatsfonds sind mit 90 oder mehr Prozent ihres Portfolios in derartige Vermögenswerte investiert. Die gesamte Mittelausstattung der Entwicklungsländer bleibt gleichzeitig weiterhin klar unter dem über 40 Prozent hohen Anteil am weltweiten BIP, den sie mittlerweile beanspruchen. Die Allokation in nicht börsennotierte Vermögenswerte in den Entwicklungsländern ist vernachlässigbar. Paradoxerweise folgen selbst die Sparfonds von Entwicklungsländern, insbesondere Staatsfonds und Devisenreserven, denselben börsennotierten Wertpapieren wie die entwickelten Volkswirtschaften. Die globale Neigung zu börsennotierten liquiden Wertpapieren aus OECD-Ländern hat mehrere Treiber und schafft suboptimale Ergebnisse.

Was treibt diese Neigung? Von den mehr als 100 Billionen Dollar weltweit, die von Versicherungen, Pensionskassen, Investmentfonds, Staats- und Reservefonds gehalten werden, stammen fast 70 Prozent aus Industrieländern. Solche Fonds haben fast immer eine «Heim-» bzw. «Vertrautheitsneigung». Das bedeutet, dass sich der Grossteil der Investitionen in der entwickelten Welt konzentriert. Da die Risiken der Pensionskassen und Versicherungsleistungen zunehmend durch die Sparer getragen werden, sollten die jüngsten regulatorischen Anpassungen die Risiken herunterfahren. Gestiegene Anforderungen an Neubewertungen von Portfolios aber haben die Investitionen in Aktien und weiteren «riskanten» Vermögensgegenständen nur noch stärker in Staatsobligationen getrieben. Das Principal-Agent-Problem besagt, dass Treuhänder und Pensionsfondsbesitzer eine Vorliebe für die regelmässige und überprüfbare Messung der relativen Performance haben. Vermögensverwalter aber wollen jährliche Boni und stehen asymmetrischen Abfindungszahlungen gegenüber. Da die

ses Rentenportfolio eine negative Rendite von 0,1 Prozent. Angesichts des Bevölkerungsrückgangs in den entwickelten Volkswirtschaften sind niedrige Renditen ein akutes Problem. Eingeschränkte Investoren geben oft vor, «gut diversifiziert» zu sein, aber das in einem kleinen Universum, das weniger als 40 Prozent der Produktionskapazitäten der Weltwirtschaft umfasst. Entwickelte Volkswirtschaften haben ein hohes Mass an Verflechtungen untereinander und werden von ähnlichen Risiken wie Demografie und Schulden bedroht. In Tat und Wahrheit sind die Fonds also schlecht diversifiziert. Korrelationen zwischen vermeintlich unkorrelierten Vermögenswerten schiessen in der Regel während einer Krise hoch. Das ist gerade jetzt der Fall, da die meisten grossen Fonds ähnliche Modelle und Informationen verwenden und ähnliche Investitionen in grosse Indizes tätigen. Grössere Investitionen in Schwellenländern würden diese Risiken reduzieren. Die diskutierten Prob-

Sony Kapoor ist Geschäftsführer von Re-Define.

weiter grosse Devisenreserven auf, die in die entwickelte Welt zurückfliessen und die Kreditkosten weiter senken. Der Teufelskreis erhält sich so am Leben. Volatile Kapitalströ-

«Das Fehlen von Kapitalzuflüssen nimmt ärmeren Volkswirtschaften die Chance, schneller zu wachsen.» leme auf Mikro-Ebene haben Makro-Folgen für die Weltwirtschaft. Kapital fliesst von weniger entwickelten kapitalarmen Volkswirtschaften mit besseren Investitionsmöglichkeiten zu reichen Volkswirtschaften, die bereits mit Kapital gesättigt sind und geringere Wachstumsaussichten haben. Die indexgetriebene Prozyklizität der grossen Vermögensverwalter kostet Entwicklungsländer viel Geld, da sie je nach Risikoneigung und monetären Bedingungen in der entwickelten Welt vor Kapitalüberangebot und «plötzlichen Stopps» stehen. Angesichts dieser Bedrohung bauen Schwellenländer

me und Bankdarlehen kanalisieren zwar Mittel in die Schwellenländer. Doch dies ist nicht unbedingt die Art von Geld, das am meisten benötigt wird. Das Fehlen von geeigneten Kapitalzuflüssen nimmt ärmeren Volkswirtschaften Entwicklungsmöglichkeiten, die nicht nur ihre Wachstumsraten erhöhen, sondern auch Millionen von Menschen aus der Armut befreien könnten. Mit dem Versuch, Renten und Versicherungen für gewöhnliche Sparer sicherer zu machen, könnten Aufsichtsbehörden ihre Gefährlichkeit unter dem Strich erhöht und ihre potenziellen Renditen gesenkt haben. Wäre es

möglich, einen Teil der Ersparnisse auf nicht börsennotierte Vermögenswerte wie Wachstumskapital und Infrastruktur in Schwellenländern zu setzen, würde die effektive Diversifikation erhöht, Risiken reduziert und die Rendite gesteigert.

Was ist die Lösung? Schritte zur Abschwächung der Anforderungen bei der Neubewertung von Portfolios würden helfen, zumindest einige Investitionen in Vermögenswerte mit höheren Erträgen zu transferieren. Wachsende globale Sicherheitsnetze, wie zum Beispiel zentrale Bank-Swap-Richtschnüre und die Grösse des IWF, wie der indische Notenbankchef Raghuram Rajan vorgeschlagen hat, würden auch dazu beitragen, den Anreiz für die Zentralbanken von Entwicklungsländern, Vorsorgereserven anzuhäufen, zu reduzieren. Eine weitere sehr wichtige Massnahme für Finanzinstitutionen wie die Weltbank und regionale Entwicklungsbanken wäre es, Co-Investmentvehikel aufzubauen, um langfristige Investitionen in Entwicklungsländern anzuziehen. Hätten langfristige Investoren die Wahl, bekundeten viele Interesse an

kleinen Anteilen eines gut diversifizierten Portfolios von Infrastrukturprojekten in Entwicklungsländern. Das Problem ist, dass kein solches Portfolio existiert. Regierungen müssen also eine Einrichtung für Infrastrukturprojekte in Schwellenländern ins Leben rufen.Zusammengenommen haben diese Massnahmen das Potenzial, Renditen für langfristige Investoren zu erhöhen, die Wachstumsraten in den Entwicklungsländern zu verbessern und gleichzeitig die globale Finanzstabilität zu fördern. Es ist an der Zeit, damit zu beginnen. Übersetzung: Gérard Moinat.

Sony Kapoor Sony Kapoor ist Geschäftsführer von ReDefine, einem internationalen Thinktank, und Strategieberater beim Systemic Risk Centre der London School of Economics. Der einflussreiche Ökonom gehört zu den Young Global Leaders des World Economic Forum und war unter anderem Berater für das EUParlament und für die norwegische Regierung.


Regulierung

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Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

«Ich bin besorgt, weil ich dieses Land liebe» Auswirkungen von Volksinitiativen auf den Finanz- und Wirtschaftsstandort Schweiz

Die Wirtschaft müsse Ängste der Menschen ernster nehmen, um Überregulierungen zu vermeiden, sagt Lukas Gähwiler, CEO UBS Schweiz. Interview: Michael Kuhn Die Schweiz scheint ein grosses Unbehagen gegenüber der Finanz- und Wirtschaftselite zu haben. Was ist schief gelaufen? Die Initiativenflut ist manchmal auch politisches Kalkül einzelner Parteien. Einige dieser Initiativen gefährden unseren Wohlstand und unseren Standort. Zum Glück haben die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger immer wieder Augenmass bewiesen. Was muss die Wirtschaft tun, damit sie wieder ernst genommen wird? Die Wirtschaft muss ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft besser zum Ausdruck bringen. Wir müssen die Ängste der Menschen erkennen und aufzeigen, dass die Wirtschaft im Dienst der Menschen steht – und nicht umgekehrt. Wir müssen zeigen, dass nur ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort in Zukunft den grossen Wohlstand in unserem Land erhalten kann. Uns geht es so gut wie kaum einem anderen Land. Und dennoch steigen unsere Ansprüche bezüglich Wohlfahrt ständig. Wir dürfen aber nicht 2014.05.19_SwissInternationalFF.pdf ANZEIGE

glauben, unser Wohlstand sei gottgegeben. Die Wirtschaft droht immer mit Konsequenzen für unseren Wohlstand. Trotzdem wurden Abzocker- und Masseneinwanderungsinitiative angenommen. Sind diese Drohgebärden geschickt? Mit der Annahme der Minder-Initiative wollte das Volk den Eigentümern, den Aktionären, mehr Mitsprache in den Unternehmen geben. Das war ein berechtigtes Anliegen, und das setzen wir jetzt um. Bei der Masseneinwanderungsinitiative hat man es verpasst, im Vorfeld die Bedenken über die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit ernst zu nehmen. Man hat zu wenig zugehört. Es ist wichtig, dass sich die Wirtschaft bei Abstimmungsdiskussionen zu Wort meldet. Denn es braucht informierte Bürgerinnen und Bürger, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen können, wenn sie den Stimmzettel in der Hand haben. Es ist an uns als Wirtschaftsvertreter, aufzuzeigen, dass ein erfolgreicher Finanzplatz und der Werkplatz zusammenhängen. Dann wird der Bürger auch verstehen, dass wir durch Überregulierung den Standort Schweiz schwächen und so den Wohlstand für alle gefährden. Sind Sie gegen Regulierung? Nein. Eine massvolle Regulierung schafft Vertrauen, weil sie klare Regeln garantiert. Das ist gut. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. In Deutschland und Gross1

13.05.14

15:05

britannien hat die Überregulierung in Sachen Kundenschutz dazu geführt, dass Banken aus Kostengründen keine Anlageberatung für Kunden mit wenig Vermögen mehr anbieten wollen. Der Kunde ist dann der Leidtragende, weil sich für die Bank die Beratung angesichts all der Dokumentationsvorschriften nicht mehr rechnet. Damit verkehrt sich der angestrebte Kundenschutz in sein Gegenteil. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns unserer Verantwortung über die Auswirkungen bewusst sind, wenn wir über Initiativen abstimmen oder neue Regulierungen erlassen. Haben wir zu viel Demokratie? Sollte man nicht höhere Unterschriftenzahlen für eine Initiative einführen? Unsere direkte Demokratie ist eine grosse Stärke unseres Landes. Das dürfen wir nicht gefährden. Die Flut von Initiativen in letzter Zeit zeigt, dass es offensichtlich einfacher geworden ist, eine Initiative zu lancieren. Das hängt sicher auch mit dem Bevölkerungswachstum zusammen. Ob höhere Unterschriftenzahlen nötig sind, ist eine politische Frage. Was mir mehr Sorgen macht, ist die schleichende Entmündigung des Bürgers durch ein immer dichteres Gesetzes- und Regulierungsgeflecht. Das wächst wie Unkraut, obwohl wir doch immer noch gleich vernünftig sind wie unsere Vorfahren vor 50 Jahren. Anstatt alles und jedes gesetzlich regeln zu wollen, sollten wir wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen.

Lukas Gähwiler, CEO UBS Schweiz.

Wie reagieren Sie persönlich auf die zunehmende Bedrohung des Finanz- und Wirtschaftsstandortes durch demokratische Entscheide des Volkes? Ich bin besorgt, weil ich dieses Land liebe, weil ich Kinder habe, denen ich ein Land übergeben möchte, das auch in Zukunft in der Lage ist, Wohlstand, von dem alle profitieren, zu schaffen. Wie rasch sind Länder um uns herum in Arbeitslosigkeit, Verzweif-

lung und Aussichtslosigkeit für die Jugend versunken. Wir können durch gut gemeinte, aber in ihren Auswirkungen verheerende Volksentscheide den Ast abschneiden, auf dem wir sitzen. Es ist in unserer Hand, Instabilität zu vermeiden und stattdessen unsere Standortvorteile zu verteidigen. Ich möchte nicht, dass unsere zukünftigen Generationen die Scherben zusammenwischen müssen, die wir ihnen hinterlassen haben.


Montag, 19. Mai 2014 · NZZ-Verlagsbeilage zum SIFF

Regulierung

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«Regulierungsexzesse vermeiden»

Interview mit Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung Patrick Odier plädiert für einen pragmatischen Umgang mit der Masseneinwanderungsinitiative und warnt vor bürokratischen Fallstricken. Um Schaden am Finanzplatz zu verhindern, müsse die Schweiz die besten Persönlichkeiten abziehen. Interview: Michael Kuhn Die Schweiz ist ein kleines Land, umringt von Grossen: Wie kann sich der Bankenplatz Schweiz schützen – muss er überhaupt? Der Schweizer Finanzplatz ist einer der wichtigsten weltweit. Wir sollten unsere Wettbewerbs- und Entwicklungsfähigkeit und vor allem den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Schweiz schützen. Die Banken sind

liche Stabilität und Solidität nicht nur der Bankenlandschaft, sondern der Schweiz insgesamt im Vordergrund. Wieder andere vertrauen dem verantwortungsvollen Banking. Und für manche ist ausschlaggebend, dass sie eine Rundum-Betreuung aus einer Hand erhalten können. Man setzt hierzulande stark auf persönliche Beziehungen – verpasst man dabei den elektronischen Zug? Stichworte Online-Hypotheken, Online-Beratungsgeschäft, Vergleich mit dem Ausland? Eine professionelle, persönliche Kundenbeziehung und technologischer Fortschritt schliessen sich nicht aus. Wir müssen uns laufend fragen: Was suchen unsere Kunden, welche Dienstleistungen können wir ihnen bieten? Die stärkere Digitalisierung im Bankensektor ist tatsächlich eine Her-

«Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat uns das Leben nicht einfacher gemacht.» einer der Wohlstandsmotoren der Schweiz. Sie bieten Kredite zu guten Konditionen, schützen heimische Ersparnisse und ziehen ausländisches Kapital an, das wieder investiert werden kann. Die Schweiz profitiert enorm von einem gesunden, diversifizierten Finanzplatz. Die Breite unseres Dienstleistungsangebots und unser Know-how sind jedenfalls einzigartig, das wird von Kunden weltweit geschätzt. Eingebettet sollte dies in eine angemessene, wirtschaftsfreundliche Regulierung sein, die das Vertrauen von Kunden und Investoren stärkt. Die Regulierung sollte internationalen Standards genügen und einen Zugang zu ausländischen Märkten ermöglichen. Der automatische Informationsausgleich scheint unvermeidlich. Auf welche Stärken müssen Schweizer Banken vermehrt setzen? Wer heute sein Vermögen in der Schweiz verwalten lässt, kommt nicht aus Steuergründen. Es gibt viele Faktoren, weshalb die Wahl für Anleger auf die Schweiz fällt. Sie schätzen exzellente Produkte und Dienstleistungen. Ausserdem gehören unsere Banken zu den am besten kapitalisierten weltweit. Für Kunden aus der Welt stehen die politische, soziale und recht-

ausforderung. Die hiesigen Banken haben sich frühzeitig darauf eingestellt; Kunden und Banken ziehen gleichermassen Vorteile aus dieser Entwicklung. Kunden vor allem der jüngeren Generation können jederzeit auf ihre Daten und ihr Portefeuille zurückgreifen, wo sie auch sind. Wichtig ist, Kunden die Wahl zu geben, wie sie ihre Bankbeziehung gestalten möchten. Wir haben in der Schweiz eine gute technische Infrastruktur, um diese Voraussetzung zu erfüllen. Regulierungswut nimmt zu. Technisch und administrativ bedeutet dies für die Schweizer Banken einen enormen Mehraufwand. Geht es nun in Richtung mehr Zusammenarbeit unter den Banken oder wie will man diese Herausforderung meistern? Eine effiziente und glaubwürdige Regulierung ist sehr wichtig für den Finanzplatz. Aktuell entstehen durch neue Regulierungen, strengere Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen immer mehr Aufwände, die vor allem für kleinere Institute ins Gewicht fallen. Wir in der Bankiervereinigung werden nicht müde zu betonen, dass die Regulierung auch dahingehend überprüft werden muss, ob sie überhaupt den ge-

wünschten Effekt hat. Einige Regulierungen sind wichtig, um dem Schweizer Finanzsystem zu noch mehr Stabilität zu verhelfen und Kunden einen noch besseren Schutz zu bieten. Aber wir müssen Sonderfälle und Regulierungsexzesse vermeiden, denn sie schaden unserer Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb sind wir laufend mit der Finma in Kontakt. Auch in der Expertengruppe Brunetti, in der ich Mitglied bin, wird diese Frage diskutiert. Zweiteilung des Finanzplatzes: Kleine gegen Grosse? Wird die Segmentierung zunehmen oder setzt ein Gegentrend ein? Es ist keine Frage von Schwarz-Weiss. Wir haben fast 300 Banken aller Art in der Schweiz. Diese Heterogenität ist einzigartig und ein grosser Vorteil des Finanzplatzes. Dieser diversifizierte Finanzplatz verändert sich laufend. Der Trend zur Konsolidierung ist da, aber er muss zugunsten der Kunden erfolgen. Er könnte sich in Zukunft noch beschleunigen, vor allem durch restringierende Regulierungsvorhaben, aber auch aufgrund steigender Kosten und sinkender Margen. Kann denn die Bankiervereinigung diese unterschiedliche – manche sagen, zerstrittene – Bankenlandschaft einigen? Die Banken sind viel weniger zerstritten, als es gemeinhin in den Medien dargestellt wird. In der Bankiervereinigung werden die grossen strategischen Leitlinien definiert und verabschiedet. Worin diese bestehen, darüber herrscht breiter Konsens. Differenzen gibt es natürlich auch, beispielsweise darüber, wie schnell vorgegangen wird. Aber das ist normal. Die Bankiervereinigung ist die Plattform, wo man diskutiert und wo man sich schliesslich einigt. Das Steuern dieser Diskussion hin zu einem klaren Entscheid ist für mich als Präsident nicht immer einfach, aber immer wieder spannend. «War for Talents» – hat das noch einen Stellenwert? Die Förderung des Nachwuchses und der Bankkader wird in Zukunft noch wichtiger. Dazu gehört auch, das richtige Personal zu rekrutieren und auszubilden. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat uns das Leben nicht einfacher gemacht. Jetzt muss die Politik für eine pragmatische Umsetzung sorgen. Die Bankmitarbeitenden der Zukunft werden sich durch Fähigkeiten wie Beratungskompetenz, Flexibilität, Proaktivität und Eigenverantwortung auszeichnen müssen, um in ihrem Beruf erfolgreich

Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung.

zu sein. Wir wollen und müssen für die Schweiz die besten Persönlichkeiten und Fähigkeiten anziehen, denn unser Metier ist sehr spezialisiert. Nur so können wir verhindern, dass sich Aktivitäten zum Schaden des Finanzplatzes ins Ausland verlagern. Wie müssen sich Banken in den nächsten fünf Jahren entwickeln? Wir sind heute dabei, Probleme der Vergangenheit zu regeln, respektieren dabei aber auch die Verpflichtungen, die wir gegenüber den Kunden eingegangen sind. Und wir halten internationale Standards ein. Wir dürfen nie vergessen, dass unsere Banken im internationalen Vergleich eine aussergewöhnlich gute Ausgangsposition haben, was Solidität, Servicequalität und Know-how betrifft. Es ist nicht die Grösse einer Bank, die relevant ist, sondern die Nachhaltigkeit, die Entwicklungsfähigkeit und ein wirklicher Mehrwehrt für die Kunden. Auf der Ebene Gesamtfinanzplatz fördern wir Innovation in Bereichen mit starkem Wachstum, beispielsweise durch die Asset-ManagementInitiative, das Ziel, die Schweiz zu einem Hub für die chinesische Währung Ren-

minbi auszubauen oder die Finanzierung nachhaltiger Zukunftsprojekte, etwa im Infrastrukturbereich. Rückbesinnung auf den Heimmarkt: mehr Konkurrenzkampf um den kleinen Kuchen. Was bedeutet das für den Bankenplatz Schweiz? Der Schweizer Finanzplatz hat einen gewichtigen Vorteil: unterschiedliche Banken- und Dienstleistungsangebote bei gleichzeitig grosser Kundennähe. Die Banken sind Konkurrenz gewöhnt; das fördert Qualitätsdenken und positiven Wettbewerb. In anderen Ländern hängen Unternehmen oft davon ab, dass Bankentscheidungen im Ausland getroffen werden, wo das Verständnis für die heimische Kultur und die Bedürfnisse fehlt. In der Schweiz haben Sie in jedem Dorf eine Bank; das müssen wir bewahren. Wenn wir eine zukunftsgerichtete Vision des Finanzplatzes behalten, ohne bürokratische Exzesse, weltoffen und kundennah, wird der Finanzplatz weiterhin erfolgreich sein. Das geben wir auch Politikern und Regulierern zu verstehen, und ich bin optimistisch, dass wir auch künftig gemeinsam erfolgreich sein werden.

HOFER BSW

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