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Guido Rohm

Blut ist ein Fluss

Seeling Ve r l a g


1. Auflage 2010 © 2010 by Seeling Verlag, Frankfurt am Main Umschlagsfoto © Anett Redlich, Ludwigsfelde Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden. Druck und Bindung: Aalexx Buchproduktion, Großburgwedel ISBN: 978-3-938973-12-7 Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Weitere Informationen unter www.verlag-seeling.de


F端r meine Kinder und im Gedenken an meinen Vater


Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien. Heraklit, Fragmente

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach. Heraklit, Fragmente

… denn der Mord ist das eigentliche Fundament unserer sozialen Einrichtungen und daher die unabdingbarste Notwendigkeit des zivilisierten Lebens … gäbe es keinen Mord, gäbe es auch keinerlei Regierungen mehr, und das erklärt sich aus der erstaunenswerten Tatsache, dass das Verbrechen im Allgemeinen, und der Mord im Besonderen, nicht allein zu ihrer Rechtfertigung dient, sondern sogar ihre einzige Daseinsberechtigung darstellt … Wir würden sonst in vollständiger Anarchie leben, was unvorstellbar ist … Daher ist es absolut notwendig, nicht etwa zu versuchen, den Mord auszumerzen, sondern ihn vielmehr mit Klugheit und Beharrlichkeit zu kultivieren … Und ich kenne kein besseres Mittel dafür als die Gesetze. Octave Mirbeau, Der Garten der Qualen

Ich war völlig weg, bis mich ein helles Licht aus dem Schlaf holte. Wenn du von so tief unten kommst, hältst du helles Licht erst mal für Gott oder einen Cop auf Streife … Daniel Woodrell, Tomato Red


Prolog

Verbrechen lohnt sich. Es fragt sich nur, für wen. Ich bin ein Toter. Das ist unabänderlich vom Staat beschlossen und ist zu vollstrecken. Ich bin ein Mörder. Und verurteilte Mörder bringt der Staat um. In meinem Fall geht das in Ordnung. Sie holen nur nach, was ein anderer versäumt hat. Wir bekommen von kundiger Hand eine Giftspritze gesetzt oder werden auf den elektrischen Stuhl geschnallt und gegrillt. Dabei sehen eine Menge Leute zu. Gierige Blicke, die sich durch ein Panoramafenster fressen. Das Fenster gibt ihnen das Gefühl, nicht wirklich dabei zu sein. Es ist, als würden sie vor einem überdimensionalen Fernseher sitzen. Alles sehr sauber. Alles weit weg. Und doch hängen sie fast mit ihrer Nase drin. So lässt sich der Tod genießen. Sie tippeln nervös mit dem rechten Bein. Kauen auf ihren Unterlippen. Manche schließen betroffen die Augen. Aber erst kurz davor. Spannung liegt in der Luft. Es ist wie ein guter Film. Wie ein Ausflug oder eine Art Gartenfest. Ein Theaterstück. Einige klatschen nachher. Erheben sich mit gebannt starrenden Augen von ihren Plätzen. Würden am liebsten »Zugabe« brüllen. Mit den Füßen stampfen. Aber tot ist tot, und eine Zugabe gibt es erst wieder mit dem nächsten Verurteilten. Also ziehen sie mit enttäuschten Mienen ab. Das ist nun einmal so. Hier ist es so. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Sie wissen, auf was sie sich berufen. Sie haben die Bibel in der Hand und Gott im Rücken. Wie soll man gegen eine solche Übermacht ankommen? Man legt sich nicht mit einer zweitausend Jahre alten Geschichte an. Sie ziehen diesen ganzen Mist durch, weil sie daran glau-

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ben. Vielleicht glauben sie nicht einmal wirklich daran. Der Glaube vermittelt ihnen das Gefühl, es nicht nur für Geld zu tun. Sie kämen sich sonst schäbig vor. Sie brauchen den Glauben als Kissen, auf das sie nachts beruhigt ihre Köpfe legen können. Sie wollen ihre Geschäfte ohne schlechtes Gewissen machen. (Wer will das nicht?) Die meisten haben Kinder. Und denen wollen sie ein Beispiel sein. Manche zumindest. Am Verbrechen hängt eine ganze Industrie. Polizei, Gerichte, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Waffenhersteller, Gefängniswärter. Jede Menge Jobs. Auch die Zeitungen, weil wir immer eine Meldung sind, die sich gut verkauft. Man kann uns in großen Lettern präsentieren: Bestie, Monster, Wildes Tier. Auch Krimiautoren brauchen Mörder. Je bestialischer der Mörder, desto besser ist es für die Verkaufszahlen. Am Ende der Kette hängen die Leser. Die wollen sich mit uns Mördern einen vergnüglichen Abend machen. Nach dem Buch kommt der Film. Und danach das Begleitbuch zum Film. Es endet nie. Vielleicht ist das Verbrechen der größte Wirtschaftszweig der Welt. Wir sind das Herz der Welt. Wir pumpen Blut in die Finanzflüsse der Welt. Ohne uns gäbe es eine Menge Arbeitslose mehr. Verbrecher und Verbrechen sind nicht mehr wegzudenken. Waren es noch nie. Früher habe ich nicht so gedacht. Heute schon. Würde Ihnen ähnlich gehen, wenn Sie ein verurteilter Mörder wären und so viel Zeit hätten wie ich. Ich bin hier allein und habe viel Zeit zum Nachdenken. Lese viel im Alten Testament. Schon da finden wir sie. Zwei Söhne. Brüder. Mörder. Es gibt uns schon sehr lange. Hätte nichts gegen einen guten Gesprächspartner. Meinem Anwalt habe ich geschrieben, dass er nicht mehr zu kommen braucht, weil ich meine Strafe voll und ganz annehme. Außerdem war er ein miserabler Zuhörer. Hörte sich am liebsten selber reden. War ganz verzückt von seinen großen Worten über Gerechtigkeit. Ich bin froh, dass er nicht mehr kommt. Ich habe gehört, es gibt Leute, die mit den Toten reden können, die mit dem Jenseits Kontakt aufnehmen können. Habe

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es vielleicht in einer Zeitschrift gelesen. Oder im Fernsehen gesehen. Ich hoffe, sie können das wirklich. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber irgendwie müssen sie es anstellen. Es ist eine Sache des Kopfes. So ein mentales Ding. Und dann quatschen sie mit den Toten. Das würde mir gefallen. Das wäre ein Trost. Sollte nach dem Tod nichts oder nicht viel kommen, dann bliebe wenigstens die Hoffnung, dass einer dieser Menschen mit mir Kontakt aufnimmt. Dann wäre ich nicht mehr so allein und könnte mich unterhalten. Einfach ein paar Worte wechseln. Über alles reden. Ich könnte denen erklären, warum alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Ich kann nur hoffen, dass mein Gegenüber dann kein Anwalt ist. Ich fühle mich einsam. Die meiste Zeit starre ich gegen die Zellenwand. Aus Einsamkeit habe ich damit begonnen, die Wand zu studieren wie eine Landkarte. Die Landkarte eines Landes, das ich nicht kenne, aber vielleicht bald kennenlernen werde. Die Risse in der Wand sind die Flüsse. Ich habe den Flüssen Namen gegeben, die ich niemandem verrate. Man sollte seine kleinen Geheimnisse für sich behalten. Das hat meine Mutter mir beigebracht. Ich habe meine kleinen Geheimnisse. Ich habe mich immer gerne am Fluss aufgehalten. Jetzt geht das nicht mehr. Wenn ich aus dem Fenster blicke, dann sehe ich durch die Gitter nur Fetzen vom Himmel. Der Himmel ist schon seit langer Zeit immer nur blau. Nur dieses Blau. Keine Wolken. Und dieses Blau langweilt mich. Es nervt mich. Macht mich wütend. Ich sehne mich nach Regenwolken. Dunklen Regenwolken. Vielleicht hat der Typ doch recht gehabt und die Menschen sind einfach nie zufrieden. Ist der Himmel blau, wollen sie ihn irgendwann grau, und umgekehrt. Es ist einfach nie in Ordnung, wie es gerade ist. Wir wollen es immer anders. Auch ich bin unzufrieden. Aber das ist verständlich. Ich kenne das Datum meines Todes. Im Grunde sind wir alle zum Tode verurteilt. Wir sitzen in unseren Zellen und warten darauf, dass sie uns an irgendeinem

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Morgen mitteilen, wann es soweit ist. Wir warten auf ihre schweren Schritte, die von den Wänden widerhallen. Warten auf dieses peinliche Räuspern vor der Zellentür. Setzen uns aufrecht hin. Man ist nervös. Der Darm drückt. Man will auf die Toilette. Nur sterben will man nicht. Ich weiß wenigstens, warum ich hier bin. Das ist mein Vorteil. Ich habe gestanden und unterschrieben. Viele andere wissen vielleicht überhaupt nicht, warum sie da draußen sind. Warum man sie auf diesen Planeten gekippt hat. Warum sie mit der Geburt zum Tode verurteilt wurden. Ich weiß, warum ich hier bin. Ich weiß, warum ich sterben muss. Ich habe es verdient! Ich bin ein Mörder!

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1 Manchmal sollte man mit seinem Arsch zu Hause bleiben. Man sollte die Decke über seinen Kopf ziehen und weiter schlafen. Träumen. Eigentlich wollte Bender an diesem Tag mit seinem besten Freund zum Fluss fahren. Aber Dennis Keyser sagte kurzfristig ab. Bender hätte es ahnen müssen, weil er das von Keysers Mutter wusste. Er kannte die Diagnose. In solchen Zeiten machte man keine Pläne. Aber Bender ließ es trotzdem darauf ankommen. Hoffte auf ein Wunder. Sie müssten zu Keysers Mutter fahren, die wieder mal einen Schub hätte. Bender nickte stumm. »Es geht ihr ziemlich schlecht«, flüsterte Dennis ins Telefon. »Sehr schlecht! Keine Ahnung, ob sie …« Dann stockte seine Stimme. Brach ab. Versagte. Die Worte blieben Dennis im Hals stecken, während er die aufkommenden Tränen bekämpfte. Bender hörte die Kinder im Hintergrund und sagte nur: »Ist doch klar. Alles Gute für euch.« Und dann sagte er noch: »War auch ’ne blöde Idee von mir.« »Danke«, keuchte Dennis. Mehr konnte er nicht sagen. Er legte auf. Bender verstand ihn gut, denn er hatte seine Eltern sterben sehen. Der Tod ist nicht schlimm. Das Sterben kann einen fertig machen. Beide waren vom Krebs dahingerafft worden. Hatten zum Schluss ausgesehen wie Zombies. Er hatte neben

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ihren Leichen gesessen, auf die Körper gestarrt und sich darüber gewundert, warum es ihm nichts bedeutete. Er sah sie an und das Einzige, was er sah, waren die leblosen Hüllen von zwei alten Menschen. Zuerst starb seine Mutter und dann, nur drei Wochen später, sein Vater. Er war froh gewesen. So ein Glück musste man erst mal haben, hatte er gedacht. Bei dem Gedanken musste er bitter grinsen. Der Verlust seiner Eltern war ihm nie richtig nahe gegangen. Linda spürte das. Warf es ihm vor. Sah ihn an wie einen Feind. Er beantwortete ihre stumme Frage mit einer Ohrfeige. Vielleicht hätte er Keyser von seinem Traum erzählen sollen. Jenen Traum, den er seit Wochen träumte. Sie saßen in diesem Zimmer. Eine schäbige Bruchbude. Keyser und er. Sie hockten auf einem Bett und starrten sich an. Keyser hatte kein Gesicht. Keine Augen, keine Nase, keinen Mund. Sein Gesicht war eine einzige Fläche. Aber Bender erzählte nichts von seinem Traum, weil er nicht wollte, dass Keyser ihn für schwul hielt. Also hielt er einfach den Mund. Er stand noch für einen Moment am Telefon und dachte darüber nach, was er alles zu Keyser hätte sagen können. Aber die richtigen Worte fielen ihm immer erst ein, wenn es zu spät war. So war es in seinem Leben stets gewesen. An diesem Morgen war er früh aufgestanden. Er hauchte Linda einen Kuss auf die Stirn, lief dann über den Kies zum Wagen und schmiss seine Angelausrüstung auf die staubige Ladefläche des Transporters. Die Sonne mühte sich über die Berge. Es schien ein schöner Tag zu werden. Er sah zum Schlafzimmerfenster hoch. Da lag sie. Schlief, ohne sich um ihn zu kümmern. Das tat sie schon lange nicht mehr. Sie führten eine Ehe. Aber sie führten keine gute Ehe. Sie lebten nebeneinander her. Kein Sex. Wenige Worte. An irgendeinem Punkt ihres Lebens war alles auf der Strecke geblieben. Sie hatten sich daran gewöhnt. Sie hätten Kinder haben sollen. Dann wäre alles anders gekommen. Kinder verbanden. Er fuhr sanft an. Das war ungewöhnlich für ihn, aber er wollte niemanden wecken. Auch das war ungewöhnlich für

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ihn. Meist ließ er die Räder durchdrehen, kurbelte das verdreckte Seitenfenster runter und ließ einen Song von Johnny Cash über den Hof dröhnen. Heute tat er das alles nicht. Er war mit seinen Gedanken wieder bei Dennis. Und er spürte, dass sich darunter ein noch tiefer gehendes Gefühl geschlichen hatte. Aber sicher war er sich damit nicht. Seine Frau hätte es abgestritten und gemurmelt: »Er ist einfach noch müde. Wahrscheinlich verkatert.« Das war natürlich auch möglich. Er lenkte den Wagen auf die Hauptstraße und fuhr der aufgehenden Sonne entgegen. Er fuhr langsam. Die Straße hatte eine Menge Schlaglöcher. Der Wagen hob und senkte sich. Er mochte dieses Gefühl. Fühlte sich an wie auf dem Jahrmarkt. Seine Kindheit war noch die beste Zeit gewesen. Das sagte er sich immer wieder. Aber die Bilder dazu fehlten. Er begegnete ein paar Dunklen, die betrunken die Straße entlang wankten. Müde Gestalten. Die Dunklen sah man häufig um diese Zeit. Bender auch. Das verband sie mit ihm. Ein paar Hoffnungslose mehr, dachte er. Die meisten Einheimischen hassten die Dunklen. Riefen ihnen Verwünschungen nach. »Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg«, sagten sie. »Die kassieren ab und faulenzen den ganzen Tag. Handeln mit Drogen.« Bender gab nichts auf solches Geschwätz. Die Krise war inzwischen überall. Nur hier war sie früher angekommen. Deshalb kamen die Dunklen nachts über den Fluss. Stemmten sich gegen den Strom. Manche ertranken. Wahrscheinlich würden sie bald weiter ziehen. Nach Norden. Immer der Hoffnung nach. Die machen es richtig, dachte er. Ich sollte auch von hier verschwinden. Nach wenigen Kilometern bog er in einen Feldweg ein, der ihn zum Fluss hinunterführte. Er fuhr an goldglänzenden Weizenfeldern vorbei. Die Halme schwangen sanft von einer Seite zur anderen. Tanzten nach einer Melodie, die niemand hören konnte.

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Unten fuhr er etwa zehn Minuten flussaufwärts. Äste schlugen gegen die Scheibe. Peitschenhiebe, die ihn blinzeln ließen. In dieser Wildnis fühlte er sich frei. Hier war keiner, der ihn nervte. Dann war er da. Die Stelle hatte er zusammen mit Dennis entdeckt. Nach einem Saufgelage waren sie auf die Idee gekommen, noch angeln zu gehen. Sie waren betrunken gefahren und irgendwann auf diesen Feldweg gestoßen. Fluchend rasten sie den Fluss entlang, reichten eine Flasche Whiskey hin und her, bis sie plötzlich diese Stelle fanden. Sie war wie ein Riss im Gestrüpp und im Gefüge der Zeit. Es herrschte völlige Stille. Als hätte sich alles Lebendige entfernt. »Eine böse Stelle«, hatte Dennis gezischt und dann gelacht. »Die muss Satan persönlich für uns geschaffen haben. Eine Stelle für die Verdammten. Eine Stelle für uns.« Sie holten ihre Angeln heraus und mit einer kurzen Bewegung aus dem Handgelenk versenkten sie die Köder im Wasser. Es dauerte nicht lange. Vielleicht ein paar Sekunden. Dann hatten sie den ersten Fisch an der Angel. Einen größeren Fang brachten sie nie wieder nach Hause. Sie konnten es nicht fassen. Und weil sie ihr Glück nicht überstrapazieren wollten, verrieten sie die Stelle niemandem. Außerdem wollten sie es sich nicht mit dem Teufel verscherzen. Sie waren in den letzten Jahren immer zu zweit hier rausgefahren. Heute kam Bender das erste Mal alleine hierher. Seltsam, dachte er. Bender stellte den Motor ab und blickte auf den Fluss. Er spielte kurz mit dem Gedanken, wieder zurückzufahren. Dann griff er nach der Flasche auf dem Beifahrersitz und stieg aus. Er nahm seine Ausrüstung von der Ladefläche und schmiss sie lustlos ins Gras. Wie immer war es absolut still. Man hörte einfach nichts. Keinen einzigen Vogel. Keinen Windstoß. Er musste an Dennis denken. »Das ist eine böse Stelle.« Er zog seine Jeansjacke aus und breitete sie aus. Dann setzte er sich darauf und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Er sollte nicht soviel trinken. Aber er konnte es nicht

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lassen. Es gehörte zu ihm. Wie das Atmen. Wie seine Stiefel. Wie der Transporter. Er hörte Lindas Stimme in seinen Ohren widerhallen: »Trink nicht so viel.« Linda nervte ihn. Aber er kam auch nicht von ihr los. Sie war sein letzter Halt. Er brach einen Grashalm ab und steckte ihn zwischen seine Lippen. Er kaute ein wenig darauf herum. Dieser Ort gefiel ihm immer weniger. Ich sollte das lassen, dachte er. Ich könnte in die Stadt fahren und mal wieder der Bar einen Besuch abstatten. Er war schon lange nicht mehr dort gewesen. Sie schenkten dort ein leckeres und kühles Bier aus. Das würde ihm heute gut tun. Er schob seinen Hut zurück und verharrte. Er hatte etwas gehört. Unmöglich, dachte er. Das wäre das erste verfluchte Geräusch. Er ließ seinen Kopf von links nach rechts wandern und sah sich um. Zwischen den licht stehenden Bäumen war nichts zu sehen. Und doch hatte er das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Lass dir nichts anmerken, dachte er. Bender stand langsam auf, griff nach seiner Jacke und klopfte sie ab. Spürte sein Klappmesser. Lass es drin! Er hob den Kopf nur ganz wenig. Da ist nichts, dachte er. Du bildest dir das ein. Und dann hörte er es wieder. Ein Geräusch, als knicke man einen Ast. Er fuhr herum. Er konnte die Richtung, aus der das Geräusch kam, nicht ausmachen. Angst breitete sich in ihm aus. Das Klappmesser kam ihm in den Sinn. Beruhige dich! Er schloss kurz die Augen. Nur keine Panik. Das kannst du jetzt nicht gebrauchen. Vielleicht sind es ein paar Kids. Vielleicht hat jemand anderes ebenfalls diese Stelle entdeckt. Sie scheißen sich wahrscheinlich genauso in die Hosen wie du. Bei diesem Gedanken musste er grinsen. Langsam wich die Panik.

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Da ist er wieder, der alte Bender, dachte er. Reiß dich zusammen und sieh nach. Er zog die Jacke an. Langsam, um sich den Anschein von Coolness zu geben. Dann ging er los. Er suchte zuerst die linke Seite ab. Er griff sich einen herumliegenden Stock und schlug die herabhängenden Äste zur Seite. Das gab ihm ein gutes Gefühl. Er hatte alles im Griff. Er fand nichts. Da war nichts und niemand. Dann ging er zur rechten Seite rüber. Hier das gleiche Spiel. Er schlug Äste weg und stocherte in einigen Büschen herum. Seine Stiefel versanken in Kaninchenbauten. Was wollen die Viecher hier am Wasser? Er fluchte. Plötzlich spürte er einen Widerstand. Da war etwas. Er presste den Stock stärker dagegen. Das Etwas gab nach. Der Stock bohrte sich tiefer hinein. Fand einen Weg. Er zog den Stock zurück und sah sich die Spitze an. Sie war tiefrot. Fast Schwarz. Dunkle schleimige Fetzen hingen daran. Und Maden. Er musste auf ein totes Tier gestoßen sein. Daher also das Geräusch. Ein Aasfresser hatte sich daran zu schaffen gemacht. Er atmete erleichtert auf und warf den Stock von sich. Er streckte sich vor und ergriff zwei große Äste. Er packte richtig zu. Fest. Er zog sie auseinander. Und dann sah er ihn. Es war ein Junge. Vielleicht vierzehn oder fünfzehn. Man konnte es nicht mehr genau feststellen. Er war völlig nackt. Seine Beine waren zum Teil verschwunden. An ihnen hatte jemand genagt. Verfluchte Aasfresser, dachte Bender. Dann erst roch Bender den fürchterlichen Gestank. Er presste den linken Unterarm vor Mund und Nase. Der Junge musste schon länger hier liegen. Vielleicht seit mehreren Wochen. Vielleicht auch nur ein paar Tage. Es fehlte ihm zum Glück die Erfahrung mit verwesenden Leichen. Die Augen waren nicht mehr da. Vögel? Oder der, der ihm das angetan hat, dachte Bender.

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Ihm wurde schwarz vor Augen. Sein Körper wippte vor und zurück. Er musste sich beherrschen, um nicht umzukippen. Und dann stieg ihm ein Schwall Kotze in den Mund, platzte aus ihm heraus. Mitten auf den Jungen. Was sollte er machen? Es passierte einfach. Er wollte das nicht. Er wankte einen Schritt zurück und sah wieder hin. Es sah aus, als sei die Haut vom Bauch des Jungen abgelöst worden. Als hätte jemand etwas unter der Haut gesucht. Und überall waren Maden. Sie schoben sich ineinander, als würden sie Schutz suchen. Er trat einen weiteren Schritt zurück. Langsam wurde er ruhiger. Er musste an seine Mutter denken. An seinen Vater. Ihre toten Körper hatten ihm nichts ausgemacht. Aber diese fremde Leiche, die machte ihm etwas aus. Erneut wurde ihm schwarz vor Augen und dann fiel er um.

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Blut ist ein Fluss