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Stefan Kiesbye Nebenan ein M채dchen


Stefan Kiesbye

Nebenan ein M채dchen

JENS SEELING VERLAG


2. Auflage 2009 © 2008 by Jens Seeling Verlag, Frankfurt a. M. Die englische Ausgabe erschien 2004 unter dem Titel Next door lived a girl bei Low Fidelity Press, New York, USA. Englische Ausgabe © 2004 by Stefan Kiesbye Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert werden. Sollte es dem Verlag trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen sein, alle Rechteinhaber für Bildmaterial oder zitierte Texte zu ermitteln, so bitten wir diese, sich mit dem Verlag in Verbindung zu setzen. Das verwendete Material wird dann nach branchenüblichen Sätzen vergütet. Druck und Bindung: Gruner Druck, Erlangen ISBN: 978-3-938973-09-7 Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Weitere Informationen unter www.verlag-seeling.de


F端r Sanaz


And always through the porridges and pennies, the playthings and pettings, a question scurries out of sight down small black holes in our dreams. What do they need us for? What use are children? Aus Irving Feldmanns ÂťThe Little Children of HamelinÂŤ


Unser Vorort Wir sind die Dachse. Ich heiße Moritz. Thomas und ich sind die Ältesten, und Johannes ist der Einzige, dessen Vater nicht in der Süßwarenfabrik arbeitet. Seine Familie wohnt auf dem Grundstück des Schlachthofes. Dieter und Ralf sind die Jüngsten, fast elf Jahre alt. Thomas und ich wohnen auf dem Zuckerberg, den man während des Baus der Eisenbahn mit Aushubmaterial aufgeschüttet hat. Vier Reihenhäuser stehen auf dem Zuckerberg, direkt gegenüber der Fabrik. Es sind die größten und modernsten Häuser hier und nur für die wichtigsten Angestellten. Die Häuser sind aus roten Ziegeln erbaut und Spaziergänger, die am Hügel vorbeikommen, sagen: »Das ist eine Fabrik« oder »Es ist eine Kirche.« Doch meine Schwester und ich haben unser eigenes Bad, und ich habe mein eigenes Zimmer und nachts schlafe ich zum Summen der Süßwarenfabrik ein. Die Füchse sind unsere Feinde. Sie sind Kinder von Angestellten der Gummifabrik, die nur einen halben Kilometer entfernt von unseren Häusern steht. Sie sind älter als wir und haben eine Baracke nahe dem Fußballplatz, der hinter den Lagerhäusern liegt. Sie sagen, sie würden uns verprügeln, sollten wir jemals dort auftauchen. Nur wenige Menschen leben noch in Esge. Der übersüße Geruch der Süßwarenfabrik und der Gestank des Gummis dringen auch

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durch geschlossene Fenster, und der stetige Lärm von den Produktionshallen treibt mehr und mehr Anwohner nach Wedersen. Wenn man auf der Hauptstraße an der Süßwaren- und dann an der Gummifabrik vorbeifährt, kommt man an der Eierfabrik vorüber und landet schließlich am Schlachthof. Es ist der größte in unserer Gegend und hat eine eigene Wurstfabrik. Nachts fahren wir oft mit unseren Rädern auf dem Parkplatz herum, wo die Kühlanlagen der Lkws brüllen. Wir spielen »Stürzen und Verbrennen« und das Ziel ist, die anderen von ihren Fahrrädern herunterzustoßen. Wir dürfen treten und schlagen, und versuchen, einander auszubremsen und in die geparkten Lastwagen abzudrängeln. Wir stellen uns vor, dass der Asphalt kochend heiß ist, und wenn einer von uns vom Rad fällt, ist er tot. Wenn man nach Esge fährt, kommt man an einer Kaserne vorbei. Bis auf ein paar gepanzerte Fahrzeuge, die in Wellblechschuppen vor sich hin rosten, steht sie leer. Etwas weiter gibt es eine Kneipe, und bevor man die Gummifabrik erreicht, gelangt man zu einem Bunker, in dem Krankenhausbedarf und Medikamente für den Kriegsfall lagern. Gegenüber der Kaserne steht der einzige Laden unseres Vorortes. Die meisten Familien fahren zu den Supermärkten in Wedersen, aber die alten Leute kommen hier her, um ihre Milch, die Zeitung oder ihre Brötchen zu holen. Wir Kinder kaufen Schokolade und Kaugummi. Obwohl mein Vater in der Süßwarenfabrik arbeitet, bringt er keine Süßigkeiten mit nach Hause. Niemand darf Schokolade oder Kekse mit nach Hause nehmen. Im Sommer kriechen Fliegen auf dem Käse und dem Fleisch herum, das Herr Klemme in seinem Laden verkauft. Kleine Kinder werden von Bienen und Wespen gestochen, die auf Kirschen und Pflaumen sitzen. Meist ist es Herrn Klemmes Sohn, der die Einkäufe in die Kasse eintippt. Sein Vater sitzt in seiner Wohnung über dem Laden und kommt nur herunter, um sich eine neue Flasche Stonsdorfer zu holen oder schreit so lange nach Peter, bis der ihm eine Flasche nach oben bringt.

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Peter ist aus der Mittelschule geflogen und fährt nachts auf seinem Moped durch Esge und runter in die Stadt. Ihm ist es egal, wenn wir mitbekommen, wie er sich Geld aus der Kasse nimmt und in seine rote Brieftasche stopft. Hinter der Süßwarenfabrik kommt man an einen Bach. Er fließt neben den Bahngleisen entlang und an der Kneipe und der Kaserne vorbei, bevor er in den Weizen- und Roggenfeldern hinter Wedersen verschwindet. Das Wasser dampft und leuchtet grün. Von Zeit zu Zeit schnitzen wir Ruten, knoten Bindfäden an ihre Enden und spießen Regenwürmer auf Haken. Die Würmer sterben schnell, und manchmal träume ich, dass ich einen großen, silbrigen Fisch fange. In meinem Traum ist der Fluss voll von diesen Fischen. Es sind so viele, dass ich meine Arme ausstrecken und sie einfach greifen kann. Es gibt überhaupt keinen Platz mehr für Wasser, die Fische sind der Fluss.

Die Albers Das Ehepaar Albers lebt in einer Wohnung, die in das Zutatenlagerhaus integriert ist. Sie haben keine Kinder, haben aber ihren kleinen Garten eingezäunt und eine Schaukel und eine blau-gelbe Wippe aufgestellt. Nachts klettern wir oft über den Zaun und beobachten die beiden vom Gerüst der Schaukel aus. Durch ein Fenster im ersten Stock können wir Frau Albers auf allen Vieren sehen. Nachdem ihr Mann seinen Schwanz herausgezogen hat, senkt sie ihren Oberkörper und verharrt in dieser Stellung. Ein paar Nächte später liegt sie auf ihrem Rücken, mit einem Kissen unter dem Hintern. Ihre Beine und Füße ragen senkrecht in die Höhe. Herr Albers gibt sich Mühe und seine Frau schreit, als er plötzlich erstarrt und seinen Kopf zurückwirft. Frau Albers hält ihre Beine für weitere fünfzehn Minuten nach oben.

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Wir mögen Frau Albers, weil sie jünger ist als unsere Mütter und die einzige Frau mit roten Zehennägeln. Sie hat lange, braune Locken und behandelt uns nicht wie Kleinkinder, wenn wir sie treffen. Sie streichelt nicht über unser Haar und fragt uns nicht, was die Schule macht. Eines Nachts nehmen wir die Kamera von Johannes’ Vater mit und fotografieren Frau Albers’ Beine und ihre kleinen Brüste. Johannes hat das Teleobjektiv aufgeschraubt und nachdem wir genügend Bilder geknipst haben, beobachten wir sie weiter durch den Sucher. Wir entwickeln die Bilder in Johannes’ Dunkelkammer, doch nur vereinzelte grelle Flecken erscheinen auf dem ansonsten schwarzen Papier.

Die Munitionshäuser Hinter dem Schlachthof beginnt ein kleiner Waldweg, den wir an manchen Nachmittagen im Schatten von Kiefern, Eichen und Ahornbäumen entlangfahren, bis wir zu den Munitionshäusern kommen. Von unseren Eltern wissen wir, dass während des Krieges Patronen und Granaten in den niedrigen Holzbaracken produziert wurden. Nach Beendigung der Schichten, hat man sie auf Lastwagen geladen und dann in einem der fünfzig Bunker in Esge gelagert. Die Munitionshäuser sind von kleinen Gärten umgeben, in denen die jetzigen Besitzer ihr eigenes Gemüse ziehen. Ich kann die Leute hier nicht leiden. Sie haben kleine, schwarze Hunde, die uns nachlaufen und nach unseren Beinen schnappen. Doch Herr Henne hat sein Haus hier und er zeigt uns, wie wir aus biegsamen Zweigen Pfeifen machen können und wie man Schwerter aus Palettenholz schnitzt. Er arbeitet auf dem Schlachthof, der von Johannes’ Vater geleitet wird, und wann immer Herr Henne Johannes kommen sieht, lächelt er und sagt: »Hier kommt der kleine Chef.« Er ist nur so

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groß wie wir, aber seine Arme sind stark und knorrig und er hat grobe Finger mit breiten Nägeln. Heute sitzt er vor seinem Haus. Er hat eine Schäferhündin, Hexe, und nachdem sie uns anknurrt, tritt Herr Henne nach ihrem Kopf, bis sie sich hinlegt und seine Schuhe leckt. Herr Henne zeigt uns, wie man einen Bogen macht. Er kerbt die Enden eines Weidenastes ein, knotet eine Schnur an das eine Ende, biegt den Ast langsam, bis er fast zu brechen droht, und bindet die Schnur dann ans andere Ende. Ast und Schnur sehen nun wie ein D aus. »Es ist nicht die Schnur, die eure Pfeile schnell macht«, sagt Herr Henne. »Es ist der Bogen. Ein Bogen ist keine Zwille. Nur Idioten nehmen Gummibänder.« Im ersten Haus in der Siedlung lebt Frieda. Sie ist sehr dick, aber auch sehr schnell auf ihren kurzen Beinen. Als sie herüberkommt und Herrn Henne um etwas Kaffee bittet, fährt er sie an: »Was hast du mit dem Kaffee gemacht, den ich dir gestern gegeben habe?« »Ach, das war ja gar nichts. Hat nicht mal für ’nen vollen Pott gereicht.« »So, so. Ist dein Scheck diesen Monat nicht gekommen?« »Der ist schon gekommen. Aber es ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Ich bin noch nicht auf der Bank gewesen und der Bäcker kommt nur dienstags und donnerstags mit seinem Wagen.« »Der Bäcker«, grunzt Herr Henne. »Wenn ich mein Geld an den Bäcker verschwenden würde, müsste ich auch um Kaffee betteln.« »Ich bettele nicht. Aber ich habe niemanden, der mich in die Stadt fahren könnte.« Ihre Stimme ist weinerlich. Sie scheint nicht von ihren Lippen zu kommen, sondern aus dem Inneren ihres Schädels, als spräche dort jemand anders für sie. Sie fängt an zu weinen. Ihre Augen sind ganz groß hinter den Brillengläsern. Doch ganz plötzlich hört Frieda auf und sagt in einem zuckersüßen Ton: »Du könntest mich fahren.« Herr Henne besitzt nur ein rotes Moped. Er schreit Frieda an: »Besorg dir deinen Kaffee woanders.« »Nein, das würdest du nicht wollen«, sagt sie.

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»Was bildest du dir ein, hier eine große Szene vor den Jungen zu machen? Hast du keinen Anstand?« »Du weißt, was ich habe«, antwortet Frieda, und Herr Henne geht ins Haus, um den Kaffee zu holen. Wir können hören, wie er mit seiner Frau spricht, können seine Worte aber nicht verstehen. Frau Henne kommt raus in den Garten und schreit Frieda an: »Hau ab, lass uns in Frieden. Du konntest deinen Mann nicht zu Hause halten, und nun bist du hinter meinem her. Wir haben keinen Kaffee für dich.« Auch Herr Henne kommt wieder aus dem Haus und schlägt seine Frau ins Gesicht. »Du hältst dein Maul!«, sagt er. Dann gibt er Frieda den Kaffee. »Das bisschen wird uns nicht arm machen«, murmelt er. Seine Frau sieht uns schweigend an. Ihre Augen sind rot und sie presst eine Hand über ihren Mund. Frieda nimmt den Kaffee. »Auf gute Nachbarschaft«, sagt sie, und geht zu ihrem Haus zurück. Ihr blau und graufarbenes Kleid tanzt um ihre breiten Hüften. »Die ist gar nicht so schlecht, die Frieda«, sagt Herr Henne, während er einen Pfeil anspitzt. »Es war nicht ihre Schuld, dass ihr Mann sich auf und davon gemacht hat. Er war Soldat in der Fremdenlegion. Hat hier geheiratet und ist dann nach vier Jahren wieder verschwunden. Der konnte was vertragen, und lustig war er auch. Der konnte Geschichten erzählen, das glaubste gar nicht. Schickt der Frieda auch jeden Monat Geld und manchmal eine Postkarte aus einem dieser schwarzen Länder. Sie hat das alte Schlitzohr seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen.«

Ein Bad Abends putzen meine Schwester und ich uns die Zähne vor dem großen Spiegel in unserem Badezimmer. Karen ist vierzehn und hat Brüste bekommen. Von Zeit zu Zeit lässt sie mich sehen, wie viel sie

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gewachsen sind. Sie sind ungefähr so groß wie Apfelsinen, haben aber braune Nippel, die nach innen gewandt sind und wie kleine Bauchnabel aussehen. Wenn ich sie berühre, kommen sie hervor und werden hart. Heute Abend besteht meine Mutter darauf, dass ich ein Bad nehme. Karen und ich haben eine Dusche, aber meine Mutter führt mich durch das Schlafzimmer meiner Eltern ins Badezimmer und zu ihrer Wanne. Die Kacheln sind ockerfarben und olivgrün, und neben der Wanne steht ein Bidet, in dem sich mein Vater die Füße wäscht. Ich muss mich vor meiner Mutter ausziehen. Sie hat ihr Nachthemd an und lässt grünen Badeschaum ins Wasser. Ab und zu prüft sie die Temperatur mit der Hand. Nachdem ich in die Wanne gestiegen bin, verlässt sie das Bad. »Wasch dich gründlich«, sagt sie und legt sich nebenan aufs Bett, um zu lesen. Nach zehn Minuten kommt sie zurück und setzt sich auf den Wannenrand. »Hast du dich überall gewaschen?«, fragt sie. Ich schüttele meinen Kopf. »Das ist äußerst wichtig. Hast du dich dort unten gewaschen?« »Ja.« Sie kniet vor der Wanne und fischt mit ihrer rechten Hand nach meinem Schwanz. Sie zieht die Vorhaut zurück und rubbelt die Eichel mit ihrer Linken. »Du könntest sonst eine Infektion bekommen. Du weißt, dass du ihn anfassen musst.« »Ja.« »Wenn du ihn nicht anfasst, wird er nicht wachsen.« Mein Schwanz ist hart und sie lächelt mich an. »Das ist gut so.« Es klingelt in meinen Ohren und ich versuche, mich auf die ockerfarbenen und olivgrünen Kacheln zu konzentrieren, die vor meinen Augen umhertanzen. Bevor ich in mein Zimmer gehe, will meine Mutter, dass ich mich zu ihr ins Bett lege. Es riecht nach Nelken und Babypuder. Sie zieht das Nachthemd über ihren Kopf, seufzt und nimmt meine Hand. Ich sehe ihr dichtes Schamhaar und die Schwangerschafts-

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streifen von den zwei Geburten. Sie erzählt mir oft, wie sie nach meiner Geburt ihre Zähne verloren hat. Sie lächelt, sodass ich die goldenen Klammern sehen kann, die die Prothesen mit ihren verbliebenen Zähnen verbinden. Sie musste damals auch dort unten operiert werden. Ich habe sie verwüstet, sagt meine Mutter.

Unsere Schule Unsere Schule liegt am anderen Ende von Wedersen, und jeden Morgen fahren wir auf unseren Rädern durch die Stadt. Thomas und ich sind in der sechsten Klasse, und die anderen Kinder kommen entweder aus Wedersen oder den umliegenden Dörfern. Wir sind die einzigen Schüler aus Esge und niemand will uns als Freunde haben. Sie nennen Thomas Bohnenstange und Grashüpfer, Weberknecht, Don Quichotte und Vogelscheuche. Sie nennen mich Weißling, Fisch, Milchgesicht und Gespenst. Sie sagen wir sind Schleimer und Streber. Wir sind die besten Schüler in unserer Klasse. Wir machen immer unsere Hausaufgaben und malen Bilder für unsere Biologiemappen. Wir tragen die Aktentaschen unserer Lehrer, und wenn wir morgens in die Schule kommen, gehen wir zu den Toiletten und kämmen unser Haar mit Wasser. Wir wissen, dass wir auf die Details achten müssen, um zu bekommen, was wir wollen. Wenn wir uns gut benehmen und gute Noten erhalten, lassen uns die Lehrer und unsere Eltern in Ruhe. Nachmittags und abends können wir dann machen, was wir wollen, und niemand stellt uns Fragen. Wir wissen, dass es verschwendete Zeit ist, nett zu den anderen Schülern zu sein. Am Ende des Schuljahres werden wir unsere Empfehlungen bekommen, und Thomas und ich wissen, dass wir aufs St.-Franziskus-Gymnasium gehen werden. Eines Tages warten mehrere Jungen auf uns in den Toiletten. »Hey, ihr Schwulen«, sagt der größte von ihnen. Er heißt Holger

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und hat Sommersprossen und dunkles Haar. Er sagt wir sollen uns ausziehen. Ich sage: »Fick dich ins Knie!« Holger tritt mir in den Magen und ein anderer tritt mir in die Eier. Sie schleppen Thomas in eine Toilette und halten seinen Kopf unter Wasser. Sie ziehen seine Hosen runter und treten ihn. Sie stoßen mich gegen den Spiegel, und mein Kopf zerbricht das Glas. Die Scherben schneiden in meine Nase und Lippen. Als es zur nächsten Stunde klingelt, sagt Holger: »Entweder ihr haltet eure Fressen, oder ihr seid so gut wie tot.« Thomas kotzt ins Waschbecken, und danach säubern wir uns und waschen unsere Gesichter. Wir können kaum gerade stehen. Der Schmerz in unseren Leisten ist so stark, dass wir keuchen. Langsam machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Klassenzimmer. Die Jungs in den Reihen hinter uns lachen.

Die Bunker In den Wäldern jenseits der Fabrikgebäude haben sich zerstörte Bunker in kleine, mit Bäumen und Sträuchern überwachsene Hügel verwandelt. Die meisten Bunker wurden gegen Kriegsende zerstört und die übrigen in den darauf folgenden Monaten gesprengt. Manchmal kann man noch die Reste der Fundamente erkennen, und in einem dieser Hügel haben wir unser Hauptquartier aufgeschlagen. Der kleine Berg ist hohl wie ein Vulkan und nur eine Seite ist eingestürzt. Wir haben Steine und Erde beiseite geschafft und benutzen den Durchbruch als Eingang. Vom Müllplatz hinter der Fabrik haben wir Holz gestohlen und aus Brettern und Paletten ein Dach gefertigt. Das Holz haben wir mit Plastikplanen abgedichtet und diese mit loser Erde und trockenen Ästen abgedeckt. Im Inneren des Hügels ist es dunkel; Licht kommt nur von einer Seite und nur wenig dringt durch das Blätterwerk. Aber wir sit-

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zen bei Kerzenschein und lesen Bücher, die wir heimlich von unseren Eltern genommen haben. Wir lesen Casanova und Fanny Hill, Schwedische Liebesgeschichten, Neue Schwedische Liebesgeschichten und das Kamasutra. Wir lesen Marquis de Sade und Harold Robbins. Wir ziehen uns aus und messen unsere steifen Schwänze mit einem Lineal. Wir löschen die Kerzen und streicheln uns selbst im Dunkeln, träumen von kleinen, sommerlichen Städten in Schweden. Wir fantasieren von einer gefallenen Frau, die einen Jungen zu sich nach Hause einlädt, und von Schauspielern, die einen Pornofilm drehen. Ralfs Atem geht keuchend und stoßweise. Er ist ein hübscher Junge mit einer Trichterbrust und Asthma. »Ich glaube, diesmal habe ich etwas rausgekriegt«, sagt Dieter. Er und Ralf leben in einem der beiden Mietshäuser am Fuße des Zuckerberges. Dieter ist schmächtig und hat rote Haare, Sommersprossen und blaue Augen. Er schnappt nach Luft. »Davon träumst du nur«, sagt Thomas. Johannes stöhnt gewaltig, aber wir alle wissen, dass er es nur vortäuscht.

Der Schlachthof Johannes führt uns an den Ladebuchten vorbei zu einer kleinen Tür, durch die wir ins Innere des Schlachthofes gelangen. Johannes ist dick und wir hänseln ihn, dass die vielen Koteletts und Würste daran schuld sind. Er ist der kleinste von uns, und sein Haar ist so blond, dass es weiß aussieht. »Hier kommt der kleine Chef«, sagt Herr Henne und gibt jedem von uns die Hand. »Wollt ihr sehen, was ich den ganzen Tag so treibe?« Er lacht und schlägt sich auf die Schenkel und entblößt seine schwarzen Zähne und das gelbliche Zahnfleisch. »Ich geb euch ‘ne Führung.«

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Er führt uns zu einer der Ladebuchten, wo gerade Kälber von einem Lastwagen in eine Umzäunung getrieben werden. Ein Arbeiter in einem weißen Arbeitsanzug öffnet das Gatter am anderen Ende der Umzäunung. Das Gatter ist so schmal, dass nur ein Kalb zurzeit heraus kann. Die Tiere scheuen vom Gatter zurück, aber Herr Henne nimmt eine Eisenstange und treibt ein Kalb auf das Gatter zu. Da es nun von der Herde getrennt ist, lässt sich das Kalb in eine Box lotsen, wo Herr Henne eine Kette um den Hals des Tieres schlingt und die Enden an gegenüberliegenden Seiten festmacht. Das Kalb kann seinen Kopf nicht mehr bewegen. Herr Henne zeigt uns das Bolzenschussgerät, das wie eine kleine Kanone mit einem Abzug oben drauf aussieht. Er senkt die Mündung und lässt den fünfzehn Zentimeter langen Bolzen heraus- und wieder hineingleiten. »Wir haben gelbe, rote und schwarze Patronen«, sagt er. »Die gelben sind genug für unseren Kleinen hier. Die roten sind für ausgewachsene Kühe und die schwarzen«, hier lacht er und greift sich an den Sack, »die sind für die großen Kerle.« Er schraubt das Ende des Bolzenschussgerätes auf, steckt eine Patrone hinein und schraubt es wieder zu. Herr Henne drückt die Mündung fest gegen den Kopf des Kalbes und schlägt auf den Abzug. Für einen kurzen Moment steht das Tier ganz still, dann zittert es und stürzt zu Boden. Herr Henne schaut uns an und lächelt. »Rumms! Es hat überhaupt nichts gespürt.«

Holger Holger wohnt im Neubaugebiet im Westen von Wedersen. Auf seinem Weg zurück vom Fußballtraining muss er mit seinem Rad ein kurzes Stück durch den Wald fahren. Es ist schon dunkel und als er zu der Stelle kommt, wo wir uns versteckt halten, werfen wir einen großen Ast in sein Hinterrad und er fällt aus dem Sattel.

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Ich schlage ihm mit einem Stein auf den Kopf und sein Körper wird weich wie Pudding. Wir schleifen ihn tiefer in den Wald hinein, biegen seinen Rücken um einen Baumstamm und binden ihn fest. Mit einer Rolle Tesafilm verkleben wir seinen Mund und stecken seinen Kopf in einen Kartoffelsack. Wir treten ihm in den Bauch, ziehen seine Hosen herunter und schneiden in seinen Schwanz und seine Schenkel. Holgers Körper zuckt auf und ab. Am nächsten Tag kommt Holger nicht zur Schule und auch einen Tag später erscheint er noch immer nicht in der Klasse. Die Polizei sucht bereits nach ihm. Am dritten Tag finden sie ihn, aber er kann diejenigen, die ihn überfallen haben, nicht beschreiben. Doch nach zwei weiteren Tagen steht ein Polizeiauto auf dem Zuckerberg und zwei Polizisten warten in unserem Haus. Der eine ist groß und hat einen Schmerbauch, der andere ist untersetzt und kahl. Mama hat Kaffee gemacht und bietet den Polizisten Kekse an. Sie nehmen jeder einen Keks und sagen, wie gut er schmeckt. Sie fragen, ob ich wüsste, was Holger zugestoßen ist, und ich sage: »Nein.« Sie fragen, ob Holger mich jemals in der Schule geschlagen hätte, und ich sage: »Wir sind doch Jungs.« Sie fragen, wo ich war, als Holger angegriffen wurde, und ich sage, dass ich mit meinen Freunden bei Herrn Henne drüben bei den Munitionshäusern war. Alle Dachse werden befragt und die Polizisten fahren sogar zu den Munitionshäusern und lassen sich unsere Aussagen von Herrn Henne bestätigen. »Das sind doch gute Jungs«, sagt er. »Sie sollten lieber nach dem Schweinehund suchen, der einem harmlosen Kind so etwas Schlimmes angetan hat.« Als wir ihn das nächste Mal besuchen, bringen wir Herrn Henne eine Flasche Bommerlunder mit. Er schraubt sie auf und schnuppert an der klaren Flüssigkeit. »Das war doch nicht nötig«, sagt er und lächelt, und seine Augen werden feucht. »Aber ihr solltet euch für ‘ne Weile rar machen.«

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Sauna Jeden Monat laden meine Eltern dieselben vier Ehepaare zu einer Saunaparty ein. Thomas’ Eltern sind darunter und die Albers gehören auch dazu. Frau Albers ist die Einzige, die mir und meiner Schwester Pralinen mitbringt. Die Schachteln sind in buntes Papier eingewickelt und tragen große Schleifen. Nachts schauen wir immer noch den Albers durch das Fenster zu, aber sie nehmen sich keine Zeit mehr. Das Ficken ist schnell vorbei und danach sitzen sie zusammen auf dem Bett, und Herr Albers’ Kopf ist rot und manchmal brüllt er seine Frau an, und an anderen Tagen weint er in ihren Armen. Meine Eltern haben sich die Sauna in einem der Kellerräume installieren lassen. Wenn sie Besucher haben, gehen meine Schwester und ich entweder zu Thomas’ Haus oder bleiben den ganzen Abend in unseren Zimmern. Wir dürfen uns im Keller nicht blicken lassen. Zuerst sitzen die Erwachsenen im Wohnzimmer und trinken Cognac und Bier und Wein, und ich höre, wie ihre Stimmen lauter werden. Ich liege auf meinem blauen Bett und lese Papillon, und plötzlich geht die Tür auf und Frau Albers tritt in mein Zimmer. »Die Toilette ist am anderen Ende des Flurs«, sage ich, aber sie bleibt vor meinem Bett stehen. »Das ist eine schöne Anlage«, sagt sie und deutet auf meine Modelleisenbahn. Ich habe schon alle Pralinen aufgegessen, und als sie die leere Schachtel sieht, lacht sie und fragt, ob sie mich umarmen darf. Ich stehe von meinem Bett auf. »Na klar.« Sie ist dünn und hat große Zähne und eine lange Nase. Sie riecht ganz sauber und nach teurer Seife. Sie streichelt mein Haar und drückt meinen Kopf an ihren Hals. Dann nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände und küsst mich auf den Mund. »Du bist so süß«, sagt sie. »Du bist schon so groß. So groß.« Sie fängt an zu weinen, und drückt mein Gesicht in ihre Brüste.

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Mein Vater ruft nach ihr, und sie lässt mich los. Ihre Augen werden ganz groß, als würde ihr plötzlich klar werden, wo sie sich befindet. Sie putzt sich mit einer Serviette die Nase, lächelt, und sagt: »Ich sollte jetzt besser gehen.« Als wir zwei Nächte später über den Zaun und auf die Schaukel klettern, passiert im Schlafzimmer der Albers überhaupt nichts. Beide sitzen völlig angezogen auf ihrem Bett; er in einem schwarzen Smoking, sie in einem weißen Kleid. Sie füttern einander mit Tabletten, die sie aus mehreren Fläschchen schütteln. Dann küssen sie sich, legen sich zusammen aufs Bett und halten einander die Hände. Herr Albers löscht das Licht. Am nächsten Tag schüttelt mein Vater seinen Kopf am Abendbrottisch. »Dann haben sie die Tür aufgebrochen und die beiden in ihrem Bett gefunden. Haben ihre Mägen ausgepumpt, aber der Arzt meinte, sie hätten ohnehin zu wenig genommen.« Später kann ich ihn am Telefon lachen hören. »Also wirklich«, sagt er. »Bei denen geht auch alles schief.«

Anna Neben dem Bunker, in dem viele Meter tief unter der Erde Krankenhausbedarf lagert, steht ein rotes Ziegelhaus. Hier wohnt der Hauswart mit seiner Frau und zwei Kindern. Axel, der Sohn, ist sechzehn Jahre alt und Anna ist ein Jahr jünger als Dieter und ich. Der Bunker ist vor Atomstrahlung sicher, und der Hauswart hat meinen Eltern erzählt, man könne eine Bombe über dem Bunker abwerfen, ohne ihn zu zerstören. Bevor er den Bunker instand hielt, war Rudi Telling Kraftfahrzeugmechaniker beim hiesigen Opelhändler und reparierte immer den Commodore meiner Eltern. Jeden Morgen und jeden Abend fahren wir auf unseren Rädern am Haus der Tellings vorbei, aber Anna fährt nie mit uns. Ihr Bru-

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Nebenan ein Mädchen  

Leseprobe aus dem Roman »Nebenan ein Mädchen« von Stefan Kiesbye

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