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Cologne backstage Ihr Stadtmagazin

IHR TRÜFFELIGES

STADTJOURNAL

Ausgabe

Momentaufnahmen einer Stadt - This is Cologne

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KÖLN-MAGAZIN

4. Jahrgang - Ausgabe 21 - Febr./März 2014

seconds Szene, Kulturen, Temperamente

3,80 €

KÖLN MAGAZIN

Genüsslich ‚

‚ Wohnzimmerkultur

V

FINGERLOSUNG DAS ERF BU Heik CH DES ST OOD A

mit

o An RKO C „11 toniew HS 7-Re icz zept e“

von 1920 bis heute

Interview: Adrian Ils‘

Für einen Dollar Krach und Wonne

Sexting‘

Sexualisierung Jugendlicher 1

‚ JAZZ-Kalender‘ ‚ Yoga und Ernährung‘

Seconds-Online

Ausgewählte Termine Ausgewählte Verlosungen

Foto © Lucie Ella Jürgens + Peter Lindemann


Power-trifft-Design‘ BIANCO puro 32.000 U/min. 6 Automatikprogramme in 8 verschiedenen Farben erhältlich Das moderne und puristische Design fällt nicht nur überall auf, der BIANCO puro überzeugt zudem mit seinem kraftvollen 2 PS Motor (1.680 Watt), der die 6 Edelstahlmesser auf bis 32.000 U/ min. beschleunigt. Selbst ein Avokadokern wird so klein gemixt, dass alle Nährstoffe freigesetzt werden und nahezu 100% der Spurenelemente und Mineralien von unserem Körper aufgenommen werden können.

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Unser Power-Mixer verfügt über 6 Automatikprogramme damit die Zubereitung Ihrer täglichen Nahrung einfacher wird. Per Knopfdruck stellt er Frucht- und grüne Smoothies, verschiedene vegane Milch, Soßen, Suppen und Nußmus her. Die grünen Smoothies sind die perfekte Art einer gesunden Ernährung, denn sie liefern hochkonzentrierte Vitalstoffe in ihrer natürlichsten Form. Diese sind um ein vielfaches höher als bei herkömmlich zubereiteter Nahrung. Mit dem BIANCO puro sind sie im Handumdrehen zubereitet, schmecken köstlich und versorgen uns mit lebenswichtigen Nährstoffen um die täglichen Herausforderungen meistern zu können. Frei nach dem Motto: „DU BIST WAS DU ISST“

Ihr Unternehmen aus Köln BIANCO GmbH & Co. KG | www.bianco-power.com Maarweg 255 | 50825 Köln | Tel.: +49 221 508080-0 | Mail: info@bianco-power.com


B

Bewegung wird von der globalen Entwicklung definiert – aber genauso von den Netzwerken einer Stadt. Schon heute konkurrieren alle um Kunden, Gäste und Besucher und die, die es werden sollen. Sie schmieden Allianzen und vermarkten sich und ihr spezifisches Kapital: Menschen, Wissen, Projekte und Ideen. Diese Globalisierung ist jedoch nicht denkbar ohne die Werte des Einzelnen.

Wir machen das Magazin dafür.

Genüsslich in den Frühling Man könnte die neuste Shopping Guide hinter dem Headliner „Genüsslich“ vermuten, 2,13 Millionen Treffer im Internet alleine für „Genüsslich Köln“. Die spannendsten Geschichten erzählen uns aber, abseits der Einkaufsstraßen, abseits der Marktschreier und vor allem abseits des Internets, die Menschen in der Stadt. Wir porträtieren Menschen, sprechen über Wohnzimmerkultur und Blindenfußball. Wollen neue Geschäftsmodelle entdecken und ausprobieren, Ihnen von neuen Ideen berichten. Wie zum Beispiel von dem Smoothies Maker, auf der Seite gegenüber, der mit 32-tausend Umdrehungen, unsere Drinks in 30 Sekunden herstellt. Das sind Ideen die uns zeigen, wie Köln eigentlich wirklich ist: eigenwillig, einfallsreich, inspirierend. Es gibt wieder zahlreiche spannende Bilder, von Kölner Fotografen. Sprachen mit den Leuten von Popkultur über die aktuelle Lage auf dem Markt der Proberäume. Trafen den Ausnahmemusiker Adrian Ils, dessen Interview leider nicht ganz in die Ausgabe gepasst hat, den Rest gibt’s im Internet. Wir probieren eigene Kreationen veganer Speisen aus. Spannend ist Köln in jedem Fall, jeden Tag gibt es Neues zu entdecken, wie ungewöhnliche Bildanalysen mit BilderLeben, Yoga aus einem völlig neuen Blickwinkel. Architekten, die sich über den Umbau der Schwimmbäder Gedanken machten. Über Liebesschlösser, Theater, Film und Musik und eine Stadt mit ihren Menschen: This is Cologne. Wenn Sie als Journalist, mal wieder eine richtig packende Geschichte schreiben wollen, wenn Sie als Marke oder Geschäft neue Kundschaft anziehen möchten, schreiben Sie uns eine Mail an ma@seconds.de Seconds ist erhältlich in einem eigenen Verkaufsnetz, im Jahressabonnement und in Auslage bei den Menschen, die sich die Zeit nehmen, den Spirit Kölns mitzunehmen. Alle Themen finden Sie auch im Internet, auf www.seconds.de Viel Vergüngen! Andreas Bastian

- Editorial -

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seconds

einer

Momentaufnahmen

Stadt

Temperamente Zwischen Lust und Askese Das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Genuss. Neu ist, dass bei den Deutschen in Sachen Genussfähigkeit wohl doch noch nicht alles verloren ist.

Lebensraum Sexthink Jugendsexualität im Internetzeitalter. Pornokonsum und Social-Media. Ausziehen, Abdrücken und ab ins Netz damit - für immer.

Biolance Eine Reise durch die Welt der Aromen Wer sich mit alternativer Ernährung auseinandersetzt, betritt die Welt der Aromen und Gewürze. Wir sprachen mit Heiko Antoniewicz.

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Musik Ballhaus - Adrian Ils Musik - Spannung, die interessiert mich, die drückt für mich Leben aus.

Lebensraum

Kulturzirkus

Urban Art

Biolance

Sexting - ‚Are the kids alright?‘ Jugendsexualität im Internetzeitalter. Das Problem der Sexualisierung ist nicht ihres, sondern in erster Linie das der Erwachsenen.

Farinas Geschichte Die Vision eines Duftes entsteht im Kopf des Parfümeurs und nicht durch das wahllose Vermischen kostbarer Essenzen. Die Geschichte von Giovanni und seinem Parfüm, das bis heute fasziniert.

VOY Blindenfussball immer noch unvorstellbar für Sehende. „Voy“ (Ich komme) wird gerufen, damit ungewollte Zusammenstöße vermieden werden. Wir sprachen mit dem Filmemacher Christian Ebeling über seinen Film und über die Erlebnisse beim Dreh.

YOGA und Ernährung Yoga gilt für das Hier und Jetzt, für die Verbindung von Körper und Geist. Alles ist im Wandel, besonders unsere Ernährung. Welche verbesserten Erfahrungen gibt es im Entspannungsbereich?

Umbau Schwimmbäder Wer früher ins Schwimmbad ging, tat das vor allem aus einem Grund: Er wollte schwimmen. Heute reicht der funktionale Schwimmbad-Charme der 60er Jahre nicht mehr aus, um Besucher anzulocken. Wer heute ein Schwimmbad betritt, erhält das Verspechen, einen Tag voller Spaß zu erleben. Staub aufwirbeln Vergangen heißt nicht vergessen Ahnenforschung ist ein Puzzle bei dem man bis zum Ende nicht weiß, wie viele Teile es besitzt. Mitarbeiter des Unternehmens „history-today“ wandeln auf dem Pfad der Zeit.

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Wohnkultur gestern und heute ‚Schraubst Du noch, oder lebst du schon?‘ Im Nachhinein erscheint uns die Wohnkultur zu jeder Zeit geschmacklos.„Klimbim“ & „Ein Herz und eine Seele“. BETAMAX Videorekorder und Tonbandgeräte, eine Zeitreise von den 20er Jahren des letzten Jahrhunders bis heute. Beginnend im Wohnungsmuseum der GAG in Holweide.

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Was uns Bilder flüstern Wir begleiteten Dr. C.H. Heiling bei einer Supervision im Ludwig Museum. Herr Heiling forscht seit über 20 Jahren im Bereich des BILDERLEBEN.Die Geheimnisse der Bilder sind nicht nur durch Expertise zu lüften, sondern für jeden Menschen erfahrbar. UP-Cycling Upcycling ist eine klare Absage an die Wegschmeissgesellschaft. Wir besuchen die Schneiderei „Kleidsam“ und wagen das Experiment.

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Olafaktisches Talent Der Geruchssinn ist in der Lage längst verblasste Erinnerungen, die mit einem bestimmten Duft verknüpft sind, wieder an die Oberfläche unseres Denkens zu befördern. Die Welt der Aromen Alternative Ernährung, 12% der Bevölkerung ernährt sich in Deutschland mittlerweile vegetarisch. Der Hauptgeschmacksträger in den Speisen ist Fett. Für eine Zubereitung ohne Fleisch benötigt man daher neue Strategien.

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Der Neue Film von Lars von Trier: Nymphomaniac Im Film/Theaterteil ein Bericht zu den Hintergründen

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„Die meisten Menschen hasten so sehr nach Genuss, Søren Aabye Kierkegaard dass sie an ihm vorbeirennen.“

Foto©Casper Sejersen

Originell

Made in Cologne

Theater-Film

Musik

111 mal lecker essen in Köln Ist ein Reiseführer für den Gaumen quer durch das gesamte kulinarische Spektrum der Domstadt. Doch über was wurde in Köln noch nicht berichtet? Über das beste Restaurant Köln, das „Le Moissonnier“, eine Imbissbude, egal ob eine der besten deutschen Bars, das „Shepheard“ oder den Fischstand auf einem Wochenmarkt, egal ob die Metzgerei oder das Café. 111 mal. Highlight: eine leckere Falafel in der jüdischen Synagoge. Ein Interview mit Carsten Henn.

Hafervoll Schnauze voll vom Job Die Jungs von Hafervoll haben alle modernen Mittel genutzt um sich selbstständig zu machen. „Von einem gesicherten Arbeitsplatz in das Haifischbecken der Selbstverwirklichung.“ - Und die mögliche Alleinstellung mit ihrem Produkt.

Nymphomaniac In dem Film geht es um viele Themen, viele Grauzonen der Gesellschaft werden angeschnitten. Interessant ist auf jedenfall, dass solche Filme heute möglich sind, ohne in einem grenzenlosen Skandal zu enden.

Adrian Ils - Ballhaus Für einen Dollar Krach und Wonne. Wer eines der bestgehütetsten musikalischen Geheimnisse der Domstadt lüften will, muss erstmal raus auf‘s Land. Nach Bergheim um genau zu sein. Dort residiert in einem wunderschön restaurierten Bauernhof Adrian Ils. Wir trafen Ihn zum Interview.

Liebesschlösser Dream on a sunday, take a life, take a holiday, take a lie, take a dreamer, take a bottle of lager koelsch, love your girl and live your life… this is cologne!”

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Drehen bis der Film schmeckt Roman Polanski hat einmal Folgendes gesagt: „Ich bin wie ein Koch. Wenn ein Film fertig ist, setze ich mich hin und schaue, ob die Sache den anderen schmeckt.“ Videos gibt es viele, die besonderen werden oft besucht. Bald 3 Millionen Menschen haben sich die Filme der Kölner Vila Production angeschaut.

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Liebesschlösser Dream on a sunday, take a life, take a holiday, take a lie, take a dreamer, take a bottle of lager koelsch, love your girl and live your life… this is cologne!” Wir beschreiben alle Umstände rund um das Phänomen auf der Hohenzollernbrücke.

Problemräume Die Förderung von Kunst und Kultur und insbesondere von Rock- und Popmusik in Köln und Umgebung hat sich der gemeinnützige Verein PopkulturKöln e.V. auf die Fahnen geschrieben. Ein Interview. Hörgenuss nicht leicht gemacht Die Kolumne von Olaf Weiden

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JAZZ KALENDER KÖLN Impressum

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Das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Genuss VON KATHARINA EUSTERBROCK

Keuchend bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann versagt der geschundene Körper und die Gewichte rasen krachend in die Lagerung zurück. Ich werfe einen verstohlenen Blick auf meinen Nachbarn, der sich bei seinem Workout an der Brustpresse wohl doch etwas zu viel zugemutet hat. Zusammengesunken, schweißüberströmt und mit rotvioletter Gesichtsfarbe sitzt er nun da im Würgegriff der Kabelzüge. Und allmählich scheint sich das begehrte Lustgefühl bei ihm einzustellen, von dem hier die Rede sein soll: Der Genuss, ausgelöst durch das Nachlassen des Schmerzes, durch die Entspannung, die auf jede Anstrengung folgt.

Temperamente

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Genießen kann man vielerlei. Im Körper jedoch passiert praktisch immer dasselbe. Erfreut sich der Mensch etwa am betörenden Duft einer Rosenblüte, sind es die Moleküle dieses Riechstoffes, die von den entsprechenden Rezeptoren verarbeitet, an den Riechkolben weitergeleitet und im Limbischen System mit früheren Erinnerungen abgeglichen werden. Fällt diese Bewertung positiv aus, wird Acetylcholin ausgeschüttet, was zu einer Erhöhung des Dopaminspiegels führt. Dieser Botenstoff erzeugt schließlich das angenehme Genussgefühl. Doch auch schon mit positiven Gedanken allein kann das körpereigene Belohnungssystem stimuliert werden. Oder aber mit Drogen: Ethanol, Kokain oder Nikotin gelangen über den Blutkreislauf direkt ins Gehirn, wo sie – ohne dass eine vorherige Bewertung stattgefunden hätte – auf den Dopaminstoffwechsel einwirken. Doch auch wenn die physiologischen Prozesse, durch die das Genussempfinden ausgelöst wird, einigermaßen geklärt sind, behält der Begriff seine schwammigen Konturen. Zu disparat sind die individuellen Vorlieben, zu unterschiedlich die Momente und Situationen, die als genussvoll erlebt werden. Wissenschaftler, die am liebsten mit eindeutig definierten Parametern operieren, machen um solche begrifflichen Allgemeinplätze wie dem Wort Genuss gewöhnlich einen weiten Bogen. Bei der „Großen deutschen Genuss-Studie 2004“ allerdings mussten sie „ran“. - Temperamente -

Solventer Auftraggeber war das Tabakunternehmen JTI Germany mit Sitz in Köln. Erwartet wurden verwertbare Erkenntnisse über die deutsche Genuss- und Geschmackskultur. Das methodische Vorgehen, mit dem die Sozialforscher der sumpfigen Begriffsmaterie beizukommen suchten, stand schnell fest: Man entschied sich für eine Clusteranalyse, deren Aufgabe im Prinzip darin besteht, Klassen von Objekten zu finden, die sich ähnlich sind. Das Verfahren hat zwar den Vorteil, dass es immer zu Ergebnissen führt, allerdings bleibt fraglich, ob diese irgendeine Bedeutung haben. Immerhin wurden auf diese Weise vier Genusstypen identifiziert, die in deutschen Landen vertreten sein sollen: der Couchgenießer, der Geschmacksgenießer, der Erlebnis- und der Alltagsgenießer.


Zwischen Lust und Askese Um es kurz zu machen: Der Couchgenießer liegt am liebsten auf dem Sofa und verlässt dieses nur ungern. Der Geschmacksgenießer verwöhnt sich gern mit kulinarischen Leckerbissen und sucht dafür auch gerne mal ein teures Restaurant auf. „Man gönnt sich ja sonst nichts“ ist sein Motto und Genuss für ihn gleichbedeutend mit Konsum. Der Erlebnisgenießer dagegen ist stets auf der Jagd nach dem besonderen Kick. Seine Freizeit ist gespickt mit Partys und Events aller Art. Ihn reizen Extremsportarten und Freizeitparks. Dafür scheut er weder Kosten noch lange Anfahrtswege. Der Alltagsgenießer schließlich hat von allem etwas: Er ist ein bisschen Couchgenießer, aber insgesamt aktiver und geselliger. Faulenzen allein genügt ihm nicht. Geistige und körperliche Aktivitäten sind ihm gleichermaßen wichtig, dabei ist er aber nicht so anspruchsvoll und fordernd

wie der Erlebnisgenießer. Dieser vierte Genießertypus repräsentiert eigentlich alle Zeitgenossen, die sich einer klaren Zuordnung entziehen. Vielleicht wirkt er deshalb so sympathisch und lebensnah.

Doch wem nützt diese Klassifikation eigentlich? Gewährt sie wirklich neue und erhellende Einblicke in die Genusskultur der Deutschen? Wohl kaum. Die vier Genießerprofile bringen lediglich zum Ausdruck, was fast schon eine Binsenweisheit ist: Die Art und Weise nämlich, wie jemand seine Freizeit verbringt, korreliert zuallererst mit Faktoren, die nicht etwa typbedingt sind, sondern vielmehr abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Nehmen wir die 25-jährige notorische Partygängerin, die kein Event auslässt - Temperamente -

und als Erlebnisgenießerin par Excellence durchgeht. Zehn Jahre später ist die gleiche Frau vielleicht alleinerziehende Mutter, die sich keinen Babysitter leisten kann und die somit zwangsweise zur Couchgenießerin mutiert. Auch die Vertreter der Klassen „Geschmacksgenießer“ und „Erlebnisgenießer“ finden sich unter Umständen schnell in der deutlich sparsameren Kategorie „Couchgenießer“ wieder, sollten sich ihre Einkommensverhältnisse nachteilig verändern und sowohl Restaurantbesuche als auch ausschweifende Freizeitaktivitäten in weite Ferne rücken.

Die Couch als After-Work-Party. Und diejenigen, die körperlich schwer arbeiten müssen, zieht es nach Feierabend auch schon mal eher auf die Couch als auf die After-Work-Party.

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Neu ist, dass bei den Deutschen in Sachen Genussfähigkeit wohl doch noch nicht alles verloren ist.‘ Fazit: Ob die Freizeit auf dem Sofa, vor dem Fernseher, im Chat, auf Partys, im Luxusrestaurant, im Punk- oder Sinfoniekonzert oder auf dem Fußballplatz verbracht wird, hängt zum größten Teil davon ab, über welches Bildungsniveau und welche finanziellen Möglichkeiten jemand verfügt, ob er allein lebt, ob er Kinder hat und wie alt er ist. Doch was ist wirklich neu an dieser Erkenntnis?

„ZENSUR“ Bilder von © Christian Böhmer - www.mrtrash.de

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Neu ist, dass bei den Deutschen in Sachen Genussfähigkeit wohl doch noch nicht alles verloren ist. Zwar sind sie in der Vergangenheit eher mit Eigenschaften wie Pflichtgefühl, Gründlichkeit und Ordnungsliebe auffällig geworden und können nach wie vor nicht mit dem Savoir-Vivre der Franzosen oder dem Dolce-Vita der Italiener mithalten, aber die Genuss-Studie kann zeigen, dass der deutsche Nationalcharakter so eindimensional nun auch wieder nicht ist. Stichwort Kaffeetrinken: War Deutschland bis vor wenigen Jahren diesbezüglich noch ein Entwicklungsland – man konnte bei der Wahl des Heißgetränks zwischen genau drei Alternativen wählen: Tasse oder Kännchen (für draußen) oder aber Kaffee Hag – so konkurrieren heute Capuccino, Frappuccino, Latte Macchiato, Espresso Macchiato und Milchkaffee munter miteinander.

Optimistisch stimmt auch der Befund, dass 89 % der Deutschen angeben, Genuss sei ihnen wichtig. Allerdings folgt die Einschränkung auf dem Fuße: 81 % können nur dann wirklich unbeschwert genießen, wenn sie vorher etwas geleistet haben. Die Zerrissenheit zwischen Lust und Askese ist dort am größten, wo das protestantische Leistungsideal verwurzelt ist, also im Norden und im Osten Deutschlands. Dort ist man auch der Meinung, dass Genuss etwas mit dem richtigen Maß zu tun hat. Wenn z. B. nur einmal in der Woche Fleisch auf den Tisch kommt, ist der Genuss größer als wenn es jeden Tag Schnitzel gibt. Überhaupt bewerten die Deutschen den Genuss im Überfluss eher skeptisch. Besonders beim Thema Sex gibt man sich prüde: Nur für ganze 12 % der Deutschen erreichen sexuelle Aktivitäten einen der ersten drei Plätze im Ranking der Top-Genüsse.

G Genuss mit Eiche-Natur

Durch die Hintertür scheinen sich nun also doch wieder die alten Klischees einzuschleichen: „Genuss ja, aber in Maßen.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Und auch der Spruch „Trautes Heim, Glück allein“ hat offenbar bis heute seine Gültigkeit bewahren können, denn die Deutschen genießen nach wie vor am liebsten in den eigenen vier Wänden. Ein Prosit auf die Gemütlichkeit, auf dieses einzigartige, unübersetzbare Wortgebilde, das als Ursuppe deutschen Genusserlebens bereits im Biedermeier Einzug in die deutsche Seele hielt und seitdem dort sein Unwesen treibt! Ein kleiner Ausflug in die gemütliche deutsche Vergangenheit sei an dieser Stelle erlaubt: Man betrete ein deutsches Wohnzimmer mit schweren Schrankwänden aus massiver Eiche und symmetrisch auf der Sitzgruppe angeordneten Brokatkissen mit dem obligaten durch energischen Handschlag erzeugten Knick in der Mitte. Ein ganzes Bollwerk von Zierrat und Möbeln wird aufgeboten, um den Bürger gegen das Fremde, Unwägbare und Konflikthafte abzuschotten. Vor den Bedrohungen der Außenwelt schützen mehrlagige Teppichschichten, gemusterte Tapeten, Übergardinen und Wolkenstores aus Tüll sowie von der Decke baumelnde Blumenampeln aus Makramee. Selbst die Decke ist verkleidet mit Styroporkassetten in der Ausführung „Eiche-natur“. Auf einem zierlichen - Temperamente -

Glastischchen liegt ein liebevoll drapiertes Spitzendeckchen. Darauf wiederum ruht mittig die schwere Kristallvase, aus der sich ein Bouquet aus Stoffrosen erhebt. Im verschnörkelten Rahmen lesen wir die warm-freundliche Aufforderung: „Ein liebes Wort zur rechten Zeit hat verhütet schon manch Herzeleid.“ Im Hintergrund vernehmen wir die Lieder des Musikantenstadls. Auch sie vermitteln Geborgenheit, Idylle und Harmonie in einer ungemütlichen, kalten und bösen Welt. Möglicherweise entspricht diese etwas rückgewandte Beschreibung eines gemütlichen Interieurs nicht mehr ganz dem Status Quo. Es sei auch selbstkritisch eingeräumt, dass an einigen Stellen genussvoll übertrieben wurde. Aber gerade der Blick auf das Vergangene, auf urdeutsche Wörter wie etwa Gemütlichkeit, Wanderlust, Waldeinsamkeit, Kaffeeklatsch, Frauenzimmer oder Kindergarten lässt eine Art kollektives Unbewusstes zu Tage treten, das zu ergründen sich lohnt, wenn man etwas über die spezifisch deutsche Art des Genießens erfahren will.

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Beim Thema Sex gibt der Deutsche sich prüde, nur bei ganzen 12% war Sex ein Top-3 Genuss.

GEWINNEN SIE EINEN 100,- € GENUSSGUTSCHEIN Zur Frühlingsausgabe gibt es Verlosungen in der Print-Ausgabe - Auf unserer Homepage gibt es zusätzliche Angebote. Unter anderem ein Gutschein für hochexklusive Genussseminare im Schokoladenmuseum Köln. Die Verlosung findet in Kooperation mit köln genießen statt: www.koeln-geniessen.de Zur Teilnahme senden Sie bis zum 31.03. eine Mail an: koelngeniessen@seconds.de


Lebensraum 10

Are the kids alright?‘

Jugendsexualität im Internetzeitalter VON FELIX J. GROSSER Die Jugend von heute mal wieder. Verdorben bis ins Mark. Als ich zwölf war habe ich Raumstationen aus Lego gebaut und Bücher über Trolle, Elfen und Einhörner gelesen. Mädchen waren mir nicht ganz geheuer. Heute würde ich Sidos „Arschficksong“ trällern und nach den Hausaufgaben mit meinen anorektischen Spielkameradinnen fröhliche Gangbang-Parties feiern. Dumm gelaufen, also. Warum gab‘s Porno-Rap, sexistische Werbung und das Internet nicht schon in meiner Jugend?! Wunschdenken? Aber nicht doch.

Das gibt es alles schwarz auf weiß und bunt flimmernd beglaubigt. Immer dann, wenn mit zyklischer Regelmäßigkeit das Gespenst der sexuellen Verwahrlosung durch die Medienlandschaft spukt. Zum Beispiel damals, 2008, als Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des Vereins „Die Arche – Christliches Kinder und Jugendhilfwerk e.V.“, und sein Pressesprecher Wolfgang Büscher, das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie“ veröffentlichten. Getreu dem Untertitel „Wenn Kinder nicht mehr lernen was Liebe ist“ gab‘s die volle Dosis spektakulärer Fälle aus ihrer Arbeit mit sozial benachteiligten Jugendli- Lebensraum -

chen. Grundtenor: Immer mehr, immer früher, immer liebloser. Seltsam nur: Aktuelle Studien belegen, dass das Alter, in dem Mädchen und Jungen im Schnitt zum ersten Mal mit jemandem schlafen seit der Jahrtausendwende ziemlich konstant bleibt. Erst im wenig schockierenden Alter von 16 Jahren nimmt die Anzahl derer, die es schonmal „gemacht haben“, signifikant zu und mehr als ein Drittel hatten auch mit 17 noch keinen Sex. Eine deutliche Mehrheit von ihnen findet, dass Liebe dazugehört. Und wer führt mit meilenweitem Vorsprung die Hitliste der präferier-


Pornokonsum im Konsolenalter: Ausziehen statt rumballern es zu dem bedauerlichen Umstand, dass aufrichtig besorgte Diskussionsteilnehmer Opfer der selben fehlerbehafteten Logik werden, die manipulativ gewendet das Rückgrat einer jeden zünftigen „moral panic“ bildet. Die Zauberformel lautet: Extrembeispiele verallgemeinern, emotionalisieren und monokausale Zusammenhänge konstruieren. Am besten natürlich solche, die die eigenen Erwartungen bestätigen.

fotomontage©Jannike Stelling

ten Formen des Zusammelebens an? Die gute alte monogame Paarbeziehung. Wie passt das zusammen? Wellen konzertierter öffentlicher Entrüstung sind kein neues Phänomen. Erst recht, wenn das Wort mit X im Spiel ist. Die Angst davor, dass unregulierte Sinnlichkeit die geistige und körperliche Gesundheit junger Menschen gefährdet, ist in den Antimasturbationskampagnen des 18. Jahrhunderts ebenso am Werk, wie in Protesten gegen den Sexualkundeunterricht seit dessen flächendeckender Einführung in den 70er Jahren. Solche Diskurse sind nicht ausschließlich von unlauteren Absichten getrieben. Nicht jede Stimme, die in das alte Lied vom Sittenverfall einstimmt, gehört religiösen Fundamentalisten oder konservativen Ideologen an, die anderen ihre Moralvorstellungen aufzwingen wollen. Gute Absichten retten aber nunmal nicht vor schlechten Argumenten. Und so kommt

So lange die Debatte auf diese Weise geführt wird, verwischen die Grenzen zu dem Boulevard, aus dessen Blättern ihre Essenz als bigotte Brühe aus moralinbefeuerter Hysterie und Voyeurismus, hervortrieft. Einmal an der berauschenden Brühe genippt, fühlt man sich in fantastische Welten tranportiert. Undurchdringliche Urwälder aus Hörensagen, Übertreibung und Sensationslust, in denen die letzten Reste an Vernunft der Dschungelkoller packt. Wie da so schön die absurdesten urbanen Legenden ins Kraut schießen – es soll ja niemand behaupten das entbehre an Unterhaltungswert. Das Lachen bleibt nur selbst dem abgebrühtesten Zyniker irgendwann im Hals ste-

Das Problem der Sexualisierung ist nicht ihres, sondern in erster Linie das der Erwachsenen. cken. Denn das Terrain ist abschüssig. Wer beim Datenkraken seines Vertrauens ganz unbedarft den Begriff „Sexualisierung“ ins Suchfeld tippt, sieht sich schon auf der ersten Ergebnisseite durch fiesestes Sumpfland zwischen Ignoranz und blankem Hass waten. Na lecker! Hier beginnt dann also endgültig der Bereich, wo der vielbeschworene Firnis der Zivilisation schwindet - und wer die Ohren spitzt, hört das Herz der Finsternis schon schlagen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik hinkt leider ein wenig hinterher, hat aber mittlerweile zumindest die ganz muffigen Ecken etwas - Lebensraum -

ausgelüftet. Frei von Schwächen ist auch dieser Diskurs nicht. Zu häufig tönt aus Untersuchungen der Risiken und Nebenwirkungen von Geschlechtsteilen und anderen Körperöffnungen die Sprache der Regulierung. Mindestens ebenso wichtigen - nur wesentlich aufwändiger zu quantifizierenden Fragen rund um Selbstbestimmung, Subjektivität und den Umgang mit kulturellen Repräsentationen wird erst in letzter Zeit verstärkt nachgegangen. Entsprechend lässt die Datenbasis noch etwas zu wünschen übrig. Zu früh also, um pauschal Entwarnung zu geben. Trotzdem: Kommen ausnahmsweise einmal in repräsentativer Gruppenstärke und Zusammensetzung die zu Wort, in deren Namen die ganze Zeit schwadroniert wird, zeigt sich schnell: zu Panikmache besteht kein Anlass. Jünger des Unschuldsfetischs können den Kopf in den Sand stecken bis er auf der anderen Seite der Erdkugel wieder raus kommt, es ändert nichts. Kinder und Jugendliche wollen und werden sich ihr eigenes Bild von der Welt machen - auch von den Dingen, die Eltern ihnen gerne ersparen würden. Verbote und Bevormundungen sind insofern nicht nur nutzlos, sie sind kontraproduktiv. Anstatt Vertrauen und Offenheit erzeugen sie ein Klima von Angst und Schuldgefühlen. Kein Wunder, wenn die Kids vor diesem Hintergrund nicht über so schöne, aber auch verwirrende Dinge wie Liebe und Sexualität reden möchten. Und tragisch, denn gerade wo widersprüchliche Emotionen toben, ist ein unverkrampfter Meinungs- und Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe durch nichts zu ersetzen. Sind die Erwachsenen dafür nicht zu haben, müssen eben die gleichaltrige peer group und mediale Angebote herhalten. Darin, dass sie mit diesen manchmal weniger als idealen Ratgebern allein gelassen werden, ist eine maßgebliche Ursache dafür zu suchen, dass für eine verschwindend geringe Minderheit Jugendlicher zwischenmenschliche Realitäten und medial konstruiertes Spiel unvermittelt ineinander fließen. Das Problem der Sexualisierung ist nicht ihres, sondern in erster Linie das der Erwachsenen.

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Sexting,

und andere Schwierigkeiten Was kommt dabei raus, wenn eine junge Kölner Fotografin mit der Ästhetik der Jugendsexualisierung auseinandersetzt? Der Beweis, dass smarte Kritik ohne Alarmismus auskommt. Und gute Kunst. Ein Interview mit Jannike Stelling. Wie bist Du auf das Thema Sexualisierung gestoßen?

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Eher zufällig im Rahmen eines Seminars. Die Aufgabe war, ein Fotobuch zu erstellen und auf der Buchmesse in Leipzig zu präsentieren. Ich wollte weg von meinen früheren, persönlich geprägten Arbeiten, ein kontroverses, gesellschaftliches Thema anpacken. Die Diskussion über die Sexualisierung gibt es ja schon lange, trotzdem beschäftigt sie uns immer noch. Jeder hat etwas dazu zu sagen. Auch viele Künstlerinnen und Künstler. Das hat mich fasziniert und so habe ich angefangen zu recherchieren. Als ich das Thema erstmal vorgestellt hatte, bombardierten mich meine Kommilitonen regelrecht mit Tipps und Hinweisen. Da war wirklich alles dabei. Von den Arbeiten der Künstlerin Barbara Kruger über Dokumenarfilme bis hin zu totalem Schrott. Irgendwelche Animationsfilme im Disney-Stil, in denen ein Vampir nachts rumgeht und wahrlos Frauen vögelt. Lederhosen-Sexfilmchen über weibliche Aliens, die in Bayern landen, weil sie Sperma brauchen. Und das hast Du Dir wirklich angetan? Ja, absolut. Die Arbeitsweise bot sich an. Schon allein deshalb, weil so eine unglaubliche Fülle an Material existiert. Ich habe mir einfach alles angeguckt - ohne Kompromisse. Totale Reizüberflutung sozusagen. Daraufhin habe ich Bildideen bekommen, ganz intuitiv und erstmal ohne tieferen Sinn. Die habe ich einfach in einer Liste notiert und angefangen sie abzuarbeiten. Das Problem dabei: rein fotografisch ließ sich das meiste nicht realisieren. Schließlich kam mir

die Idee, es mit Collage zu versuchen. Zuerst habe ich mich auf einen Haufen 60 Jahre Zeitschriften gestürzt, den ich schon zu Hause rumliegen hatte. Da waren reichlich nackte Frauen drin, was sich natürlich angeboten hat. Zusätzlich habe ich angefangen im Internet ganz gezielt nach passenden Materialien zu suchen, zum Beispiel nach Bildern von Schönheitsköniginnen. Und fotografiert habe ich eben was ging. Hast du mit Models gearbeitet oder Szenen nachgestellt? Nein, das bisher nicht. Aber durch eine Freundin, die in der Vergangenheit schon für mich gemodelt hat, bin ich auf andere, „handfeste“ Inspiration gestoßen.

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Die präsentieren sich dann zum Beispiel als kleine Miley Cirus Kopien in lasziven Posen. Oha, was kann man sich denn darunter vorstellen? Sie hat eine 14jährige Nichte. Der habe ich von meinem neuentdeckten Thema erzählt. Bei einigen Dingen war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich praktiziert werden. Zum Beispiel Sexting, also das Verschicken von anzüglichen Fotos per Sofortnachrichtendiensten. Das hat sie mir voll bestätigt und sogar Einblicke in ihr Handy gewährt. - Lebensraum -

Sie macht das selbst? Nein, sie nicht. Aber einige ihrer Freundinnen. Die präsentieren sich dann zum Beispiel als kleine Miley Cirus Kopien in lasziven Posen. Oder schicken ihren Boyfriends Nacktfotos von sich. Wenn sie diese dann nach der Trennung - oder manchmal auch schon vorher - in der Klasse oder im Freundeskreis rumschicken kommt es zum Eklat. Die Mädchen schämen sich ganz schrecklich, werden womöglich gemobbt. Einem Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis ist das offenbar passiert und nun breitet es über Twitter seinen Kummer aus. Wie bewertet die Nichte deiner Freundin das? Sie ist von der Einstellung her eher „anti“. Früher war sie ein kleines Skater-Mädchen, spielte Fußball und hing viel mit Jungs rum. Mit dem background ist sie in ihrem Umfeld wohl eine Ausnahme. So mädchenmäßige Sachen sind nicht so ihr Ding. Da hat sie keinen Bock drauf und wehrt sich auch schlagfertig gegen entsprechende Vereinnahmungsversuche. Trotzdem ist sie natürlich erst 14 und kommt durch ihre Freundinnen mit diesen Sachen in Kontakt. Das geht sicher nicht komplett an ihr vorbei. Welchen Eindruck von der Situation in der Altersgruppe des Mädchens hast du bekommen? Im ersten Moment hab ich mir eigentlich nur gedacht: „Gott sei Dank bin ich aus dem Alter raus!“ Aber für einige von den Kids ist das vielleicht gar nicht so wild ist. Die wachsen heute damit auf, sind daran gewöhnt. Das schockt sie nicht in dem Maße, wie vielleicht jemanden aus unserer Generation. Auf der anderen Seite, leiden bestimmt auch viele darunter. Das muss ja ein unglaublicher Druck sein, sich darüber profilieren zu wollen und damit bestimmten, teilweise unrealistischen Idealen gerecht werden zu müssen. Die ganze Diskussion um Schönheit spielt


Bilder der Ausstellung „W.O.W. (What Once Was)“ AF Gallery, Köln Max Rippon, .XXX, 2014 (Foto: Entstehungsprozess, AtelierZentrumEhrenfeld, Köln)

natürlich mit hinein. Nur wer schön ist kommt weiter und wird anerkannt. Das bekommen sie suggeriert und manche glauben es. Verallgemeinern möchte ich das allerdings nicht. Die 15jährige Tochter einer anderen Freundin meinte zum Beispiel, dass sie das nicht so kennt. Da spielen bestimmt auch soziale Faktoren wie Bildungsstand und Elternhaus eine Rolle. Dass das je nach Kontext Woher kommt das Bedürfunangemessen sein könnte nis, sich selbst so darstellen verstehen viele von ihnen gar zu wollen? nicht. Ich denke schon, dass bestimmte Vorbilder in den Medien damit zu tun haben. Models und Popstars werden immer dünner, immer nackter und das wird als erstrebenswert präsentiert. Im Fernsehen, in der Werbung, im Netz wimmelt es nur so von sexuellen Anspielungen. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Plakat von Burger King. Auf der einen Seite eine Frau im Profil, die den Mund weit aufmacht. Auf der anderen ein länglicher Burger. Darunter steht: „It‘ll blow your mind away!“ Jetzt kann man sagen: „Das richtet sich an Erwachsene, Kinder und Jugendliche kapieren das nicht.“ Aber wie realistisch ist das? Und selbst wenn es so wäre, sie sehen trotzdem Tag ein Tag aus Bilder von dünnen, spärlich bekleidetet Frauen – völlig egal worum es eigentlich geht. Das ist für sie Normalität. Und da es ihnen ja schließlich auch von vielen Erwachsenen so vorgelebt wird, machen sie es nach. Im Sommer rennen dann die Mädels mit kurzen Hosen rum, wo unten der Arsch rausplumpst.

raussuchen. Wenn du mehrere Kopien haben wolltest, musstest du noch Abzüge davon machen. Und dann hattest du, sagen wir mal, drei Bilder, die du verschicken konntest. Per Post. Bevor du so einen Aufwand betrieben hast, hast du es dir wirklich gründlich überlegt. Heute ist das viel niedrigschwelliger: Klick, zack, weg! Und schon kann dein Bild millionenfach vervielfältigt werden, bleibt über Jahre hinweg bestehen und lässt sich, sobald es erstmal dezentral in der cloud umherschwirrt, nie mehr zurückholen. Ich frage mich, ob wir die Konsequenzen dieser Entwicklung überhaupt schon erahnen können.

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Hat das auch mit der technologischen Weiterentwicklung zu tun?

Auf jeden Fall. Das ist wichtig. Smartphones, Digicams und Internet – aus der Kombination dieser Technologien entsteht natürlich erstmal ein riesiger Pool von Bildern und Vorstellungen aus dem Kinder und Jugendliche sich bedienen können. Aber es geht auch darum, dass sie eine andere Qualität der aktiven Verbreitung ermöglichen. Versetz dich mal zurück in die Zeit, als es das alles noch nicht gab, und stell dir vor, du möchtest deinem Freund oder deine Freundin mit Nacktfotos beglücken. Welche Arbeitsschritte waren dafür nötig? Zunächst musstest du Bilder von dir machen. Dann musstest du den Film entwickeln, die besten Bilder

Gab‘s für deine künstlerische Herangehensweise Vorbilder? Ein Orientierungspunkt ist für mich Maurizio Catellan mit seinem Magazin “Toilet Paper“. Der ist kritisch, aber ohne

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mit dem Finger darauf zu zeigen. Da seh ich nicht auf Anhieb, „Oh, das ist schlecht.“, sondern muss erstmal ein bisschen nachdenken um die Position dahinter zu verstehen. Diese subitle Qualität, die strebe ich auch an. Ich will auf keinen Fall als strenge Lehrerin rüberkommen. Ich bin einfach auf eine Problematik gestoßen, die ich persönlich relevant und in einigen ihrer Ausformungen total schrecklich finde. Aber es geht jetzt nicht um Leben und Tod. Ausserdem empfinde ich Ironie und Sarkasmus als angemessene Art der Auseinandersetzung mit einem Bereich, in dem alles immer so plump draufgeklatscht ist. Ist deine Kunst politisch? Mich interessieren Künstler, die sich engagieren. Aber ich selbst bin das nicht, bisher jedenfalls nicht. Da habe ich zu wenig Ahnung von. Ich bin mehr auf gesellschaftliche Aspekte aus. Das geht vielleicht teilweise in eine ähnliche Richtung, aber politisch – nee. Da würden alle meine Freunde lachen, wenn sie das lesen. Interview: Felix J. Grosser

Steckbrief: Jannike Stelling 24 Jahre, geboren und aufgewachsen in Köln. Studium der Fotogafie an der FH Dortmund, zwischenzeitlich Aufenthalte in Hamburg und Portugal. Schließt im Frühjahr ihren BA ab und bewirbt sich momentan für ein Masterstudium.

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Die Bedürfnisse der Schwimmbadbesucher haben sich heute grundlegend gewandelt“

Schwimmen als Freizeiterlebnis‘ VON MICHAELE GARTZ Wer früher ins Schwimmbad ging, tat das vor allem aus einem Grund: Er wollte schwimmen. Heute reicht der funktionale Schwimmbad-Charme der 60er Jahre nicht mehr aus, um Besucher anzulocken. Wer heute ein Schwimmbad betritt, erhält das Verspechen, einen Tag voller Spaß zu erleben.

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Wie kaum ein anderes Land in Europa hat Deutschland in den 1960er Jahren in den Breitensport investiert. Der Goldene Plan zum Abbau des Sportstättenmangels machte es möglich. Die Eröffnung neuer Frei- und Hallenbäder war ausdrücklich erwünscht und wurde gefördert: Bis zu 80 Prozent der Kosten für den Betrieb eines Schwimmbads übernahm das Land. Die Gemeinde trug nur 20 Prozent. Dieser Plan ging lange auf: Insgesamt 7040 öffentliche Freiund Hallenbäder gibt es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen in Deutschland. Lange Zeit galt das als Segen. Durch die großzügige finanzielle Förderung konnte sich nahezu jede Stadt oder Gemeinde ein eigenes Schwimmbad leisten. Mittlerweile erweist sich das jedoch als Fluch: Ein Großteil der ehemaligen Gemeindeattraktionen ist heute sanierungsbedürftig. Und die Staatskassen sind leer. Dazu kommt: Die Bedürfnisse der Schwimmbadbesucher haben sich grundlegend gewandelt. Wer früher ins Schwimmbad ging, tat das, um im 25- oder 50-Meter-Becken seine Bahnen zu ziehen. Allenfalls frisch gebackenen Eltern wurde es nachgesehen, wenn sie sich mit ihrem Nachwuchs im Nichtschwimmer-Becken aufhielten – natürlich nur, um den Kleinen das Schwimmen beizubringen.

Schwimmbäder sind wie Freizeitparks Ein Schwimmbad aufzusuchen um zu schwimmen – das ist längst Vergangenheit. Spätestens seit dem Aufkommen der ersten Wellness-Trends in den 1990er Jahren sowie der Eröffnung der ersten privaten Bäder mit Karibikfeeling

bedeutet der Besuch eines Schwimmbads deutlich mehr: Wer heute ins Schwimmbad geht, will vielleicht schwimmen. Oder er will sich für einen Tag das Urlaubsfeeling zurückholen, das er beim letzten Mallorca-Urlaub gehabt hat. Oder er will Freunde in einer entspannten Atmosphäre treffen. Oder er will seinen Kindern ein Abenteuer jenseits des Kinderspielplatzes bieten. Diese „oder“ bestimmen, wie heute ein Schwimmbad auszusehen hat, das den Bedürfnissen der Besucher gerecht wird. „Öffentliche Bäder sind heute wie Freizeitparks“, erklärt der Architekt August Schaefer des Kölner Architekturbüros Mronz + Schaefer, das das Konzept für die Neugestaltung des Zollstockbads in Köln entworfen hat. „Und in einen Freizeitpark gehen Besucher, um Spaß zu haben und mit der Familie einen schönen Tag zu verbringen.“

Zollstockbad: Familienfreundlichkeit als Konzept Im Zollstockbad ist das jetzt möglich. Seit der Neueröffnung im Jahr 2012 präsentiert sich das Bad nicht nur in einem vollkommen neuen Design, sondern bietet auch als besondere Attraktion ein Vierjahreszeitenbecken mit Wasserfall und Bodensprudel. Dazu kommt: Mit dem Umbau wurde das Bad deutlich familienfreundlicher gestaltet: Der Kinderbereich wurde erweitert, auch die Außenanlagen bieten zahlreiche Attraktionen für Kinder, darunter eine Wasserrutsche und einen Sand-Wasser-Spielplatz, sowie eine auf Kinderwünsche abgestimmte Gastronomie. Das öffentliche Schwimmbad als Familiensauflugsziel mit Spaßfaktor: Sieht so das Konzept der Zukunft aus? Die Antwort lautet: ja und nein. Im Falle des Zollstockbads ist es gelungen, weil die KölnBäder GmbH als Betreiber von vornherein auf junge Familien als Zielgruppe gesetzt hat. Denn die sind im direkten Umfeld des Schwimmbads reichlich vorhanden. Dafür wurde auf den ursprünglich vorhandenen Saunabetrieb verzichtet, den vor allem die Generation 35 plus genutzt hatte. Die muss jetzt auf das Agrippabad ausweichen. Des einen Freud’ ist des anderen Leid, heißt es. Auch die öffentlichen Schwimmbäder trifft mit voller Wucht die demografische Entwicklung in Deutschland. Denn der Wunsch nach Spaß und Familienkompatibilität ist nur einer von vielen, die heute an ein Schwimmbad herangetragen werden. Die stetig wachsende Zahl älterer Menschen, die noch im hohen Alter sportlich aktiv sind, wünscht sich von einem Schwimmbad häufig nur eins: darin schwimmen zu können, und zwar ohne auf den Schwimmnachwuchs achten zu müssen. Und das ist noch lange nicht das Ende der Wunschliste: Der Badbetreiber muss sich zudem an der Sportförderung orientieren, denn die ist schließlich im Gesetz verankert.

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Foto © Clifford Coffin 1949

Viele Wünsche, leere Kassen Angesichts der finanziellen Misere können sich viele Städte und Gemeinden nicht einmal mehr die Sanierung ihrer Schwimmbäder leisten. Zwischen den Jahren 2002 und 2012 wurden insgesamt 1100 Bäder in Deutschland geschlossen. Viele Gemeinden würden gern anders entscheiden, können aber aufgrund der maroden Haushaltssituation nicht anders. Die Sportförderung ist zwar im Gesetz verankert, allerdings ist der Betrieb eines Schwimmbads freiwillig. Und anders als zu Beginn der Schwimmbad-Ära in den 1960er Jahren gilt eine öffentliche Badeanstalt nicht mehr als Inbegriff der Innovation. Längst haben viele Jugendliche für sich neue Trendsportarten entdeckt, mit denen die Schwimmbäder heute konkurrieren.

Der Gedanke, sein Schwimmbad an den Wünschen einer sich im Wandel befindlichen Gesellschaft zu orientieren, erscheint daher vielen als purer Luxus – stehen doch bei einer notwendigen Sanierung die energietechnischen und baulichen Maßnahmen deutlich im Fokus. Und doch gibt es Badbetreiber, die sich dieser Herausforderung stellen. Auch das Zollstockbad hätte geschlossen oder einfach nur saniert werden können. Die KölnBäder GmbH entschied sich anders. „Wir hatten den Auftrag, das Schwimmbad insgesamt wohnlicher zu machen und in eine moderne Nutzung zu überführen“, so der Architekt August Schaefer. Und das scheint gelungen zu sein.

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Vergangen heißt nicht vergessen

Staub aufwirbeln Mitarbeiter des Unternehmens „history-today“ wandeln auf dem Pfad der Zeit VON ANIKA PÖHNER Im Kölner Stadtteil Sülz, befindet sich „history-today“, ein Büro für Geschichtsforschung, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Im Schaufenster liegen Schwarz-Weiß-Fotografien aus alten Tagen und machen Lust auf Geschehenes

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Hinter jener Schaufensterscheibe wird unter der Leitung des Historikers Tobias Dahl seit 2008 Geschichte erforscht. Ein fünf- köpfiges Team beleuchtet und konserviert längst Vergessenes. „Bei uns wird ein Stück Historie bewertet, gesichert, und archiviert“, erläutert Dahl. Das Spektrum reicht dabei von Ahnenforschung, Stammbaumerstellung und Transkriptionen über die Verfassung von Chroniken und Digitalisierung nicht mehr gebräuchlicher Film- und Tonträger. Das Büro für Geschichtsforschung, welches sich auf Archivierung spezialisiert hat, ist eines von sechs Unternehmen dieser Art im deutschsprachigen Raum. Die Spezialisten bearbeiten Aufträge u. a. von Kirchengemeinden, Städten, Vereinen und Privatkunden. In Kooperation mit den Alexianer Betrieben hat das Büro eine Werkstatt gegründet, in denen auch Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen beschäftigt sind. Dort werden unter anderem ein Teil der neueren Unterlagen technisch aufgearbeitet, indem die Materialien von schädlichen Stoffen befreit und in säurefreie Mappen umgebettet werden, um Geschichte so auch für die kommenden Generationen zu sichern.

Alte, unlesbare Texte erfahrbar machen „history-today“ transkribiert unter anderem auch Dokumente, Feldpostbriefe und Tagebücher. „Für uns ist gerade die Transkription eine interessante Arbeit, da man sehr viel Sozialgeschichte erfährt“. Tobias Dahl erinnert sich an Feldpostbriefe aus dem zweiten Weltkrieg, verfasst in altdeutscher Schrift. „Man übersetzt diese Papiere und merkt, wie der Soldat am Anfang recht unbekümmert in den Krieg zieht und die bevorstehenden Aufgaben eher als Spiel betrachtet. Aber wir wissen, dass die Geschichte mit einem tragischen

Tod endet. Durch die Übersetzung der Feldpostbriefe war es auch möglich, zuzuordnen, in welchem Regiment der Soldat gekämpft hat und wo er umgekommen ist“, schaut Dahl in der Zeit zurück. Die Auftraggeber erhalten durch die Transkription eine Möglichkeit, der verwandten Person sehr nahe zu kommen. „Bei den Nachkommen dieses Soldaten sind viele Fragen beantwortet aber auch Emotionen ausgelöst worden“.

Stammbaumforschung – Verästelung des Lebens Wer sich bei „history-today“ eine Stammbaumaufstellung anfertigen lassen will, sollte so viele hilfreiche Unterlagen wie möglich mitbringen. Das können beispielsweise Geburtsdaten, Familienbücher oder auch arische Nachweise sein, die viele Deutsche während des zweiten Weltkrieges erbringen mussten. Sobald es einen konkreten Ansatz gibt, kann das Team mit den Nachforschungen beginnen. Die Vorgehensweise ist Folgende: Wenn ein Datum belegt ist, z. B. wann und wo die Person geboren wurde, können Tobias Dahl und sein Fachteam sich an die entsprechenden Stadtarchive oder Kirchengemeinden wenden. Dort erfahren sie dann z. B. die Namen der Erzeuger. Im Trauungsbuch findet man das Hochzeitsdatum und die Namen der jeweiligen Eltern. Mit etwas Glück lässt sich auch etwas über den Beruf der Familienmitglieder in Erfahrung bringen: „Aber das hänge immer davon ab, wie ausführlich die Bücher damals geführt wurden“, erklärt Dahl. So geht es immer weiter in der Zeit zurück, und das Team schaut, wann und wo die Personen ihre Spuren hinterlassen haben. „Die Stammbäume können u. U. bis zum 30-jährigen Krieg, also Mitte des 17. Jahrhunderts, rekonstruiert werden. Die ältesten Vorfahren eines Stammbaums ließen sich bis ins 15. Jahrhundert nachverfolgen. Wenn die Personen damals ein kleines Gehöft als Lehen besaßen, dann wurde dies in Lehensbüchern aufgeführt“, beschreibt der Leiter des Geschichtsbüros. Adelige Linien könne man noch weiter in der Geschichte zurückverfolgen, da diese gut erforscht seien. Es kommen oft familiäre

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foto©history-today, Tobias Dahl

‚ Ahnenforschung ist ein Puzzle bei dem man bis zum Ende nicht weiß, wie viele Teile es besitzt‘

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Verbindungen zu tage, mit denen der Kunde nicht gerechnet hat. So konnte „history-today“ in einem Fall eine verwandtschaftliche Verbindung zu der jüdischen Familie Rothschild nachweisen, welche im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten Bankiers Europas gehörte. Diese Verwandtschaft war dem Kunden nicht geläufig, da seine Vorfahren sowohl den Namen als auch die Konfession geändert hatten. Eine kleine Stammbaumaufstellung, bei der auf 5 Generationen zurückgeschaut wird, kostet bei „history-today“ ca. 200,00-300,00 Euro oder, je nach Aufwand, mehr.

Tagebücher sind oft so spannend wie gute Krimis oder Romane „Auch bei den Transkriptionen können Fakten und Zusammenhänge zu Tage kommen, mit denen der Auftraggeber anfangs nicht gerechnet hat“. Dahl erinnert sich an einen Kunden, der Tagebücher seines Großonkels in das Büro brachte. Es waren Aufzeichnungen aus den Jahren zwischen 1896 und 1943. Während der Recherche stellte sich heraus, dass der Großonkel vor dem ersten Weltkrieg ein Familientreffen organisiert hatte. In seinen Aufzeichnungen wurden nicht nur alle anwesenden Personen namentlich aufgeführt, sondern er verschriftlichte auch persönliche Informationen zu jedem Verwandten. Dieser Fund machte es möglich, sehr viel über die Vorfahren der Familie in Erfahrung zu bringen und bis dato unbekannten Personen auf alten Fotografien einen Namen zu geben. „Ahnenforschung ist ein Puzzle bei dem man bis zum Ende nicht weiß, wie viele Teile es besitzt“, weiß Tobias Dahl, der sein berufliches Leben der Historie verschrieben hat. - Lebensraum -

history-today Büro für Geschichtsforschung Luxemburger Str. 261 - 50939 Köln Tel: 02 21 4234 442 www.history-today.com


Kulturzirkus

Ein Duft ging um die Welt‘ Die Geschichte von Giovanni und seinem Parfüm, das bis heute fasziniert. VON KATHARINA LEY

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Es war einmal ein großer Parfümeur namens Farina, der stammte aus dem wunderschönen Piemont im Norden Italiens – einer Region, die bekannt ist für ihren guten Wein und für kostbaren Trüffel. Farina, der schon in die entlegensten Orte der Welt gereist war, folgte dem Ruf der Handelsstadt Köln und kreierte hier ein Parfüm, das er selbst mit den Worten beschrieb: „Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten kurz nach dem Regen. Er erfrischt mich, stärkt meine Sinne und meine Phantasie.“ Könige, Kaiser, Dichter und Denker vergötterten den Duft und orderten das teure Gut fortan kistenweise. Schon bald hatte die Stadt Köln durch Farinas Parfüm den Ruf, die Duftmetropole zu sein...

foto©Dufthaus Farina

foto©Dufthaus Farina

- Kulturzirkus -

Was sich anhört wie ein Märchen, ist die wahre Geschichte von Johann (italienisch„Giovanni“) Maria Farina – dem Begründer des ältesten Dufthauses der Welt, welches seit dem Jahr 1709 bis zum heutigen Tage gegenüber dem Jülichs-Platz in Köln zu finden ist. Ein Duft, der um die Welt ging! Farinas belebendes „Eau de Cologne“ (nicht zu verwechseln mit einem Parfüm namens „4711 Echt Kölnisch Wasser“ – doch dazu später mehr) enthielt vor allem Bergamotte-Öl und Rosmarin-Öl. Farina war der Erste, der für ein Parfüm Alkohol verwendete. Damit schuf er die sogenannte Kopfnote. Der Duft, der sofort durch verdunsteten Alkohol in die „Nase“ steigt. Farina, der Destillateur – im 18. und 19. Jahrhundert ein angesehener Beruf – entnahm sein Destillat ausschließlich Trauben und nicht wie üblich Getreide. Aber was sind Parfümeure für Menschen, welche Fähigkeit zeichnet sie aus, und wie kreieren sie einen neuen Duft? Jeder, der schon mal an Riechfläschchen mit konzentrierten Duftstoffen gerochen hat, weiß, wie schwer es unserer untrainierten Nase fällt, das Gerochene korrekt zuzuweisen. Spätestens seit Patrick Süßkinds schaurigem Bestseller „Das Parfüm“ wissen ebenfalls die meisten, dass eine Duftkomposition stets einer Idee von einem Duft entspringt. Die Vision eines Duftes entsteht im Kopf des Parfümeurs und nicht durch das wahllose Vermischen kostbarer Essenzen. Was es dazu braucht, ist – nichts weiter als – die sogenannte „absolute Nase“, also ein besonders gut ausgeprägter (angeborener) Geruchssinn.


foto©Dufthaus Farina

foto©Dufthaus Farina

Die Vision eines Duftes entsteht im Kopf des Parfümeurs und nicht durch das wahllose Vermischen kostbarer Essenzen. In Farinas Familie verfügte, neben ihm selbst auch seine Großmutter, die zu einer großen, italienischen Aromateurfamilie gehörte, über diese Fähigkeit. Doch auch solch eine „absolute Nase“ bedurfte eines konstanten Trainings. Das edle „Eau de Cologne“, welches den Menschen zu Zeiten des Rokoko eine Idee davon gab, wie Bergamotte (die Kopfnote des Parfüms) und Limette dufteten, war so revolutionär und alsbald weltweit beliebt, dass Napoleon Bonaparte, Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Amadeus Mozart, Honoré de Balzac und viele mehr jenen teuren und luxuriösen Duft in rauen Mengen kauften. So viel zur Geschichte Farinas. Doch wie in jedem Märchen gab es auch in dieser Geschichte „Bösewichte“ oder, besser gesagt, „Gegenspieler“. Ein findiger Kaufmann namens Wilhelm Mülhens erkannte, dass sich mit dem Namen der Marke Farina leicht Geld verdienen ließ. Mit gekauften Namensrechten eines anderen Herrn Farina, die wiederum zahlreich weiterverkauft wurden, ging der Name Farina schon bald um die Welt . Die ersten Nachahmungen des bis dato einzigartigen „Eau de Cologne“ überschwemmten den Markt. Allerdings kam kein Duftwässerchen an den ursprünglichen Duft von Farina heran. Denn abgesehen von der geheimen Rezeptur, die der große Parfümeur erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1766 an seinen Nachfolger weitergab, kann nur derjenige eine originalgetreue Kopie des Duftes entwickeln, der über Lage, Ernte und Anbaugebiet jeder einzelnen Essenz im Bilde ist. - Kulturzirkus -

Auch heute noch ist die Marke Farina dort zu finden, wo Farina vor 300 Jahren seine adeligen Gäste empfangen hat: gegenüber vom Jülichs-Platz in Köln. Im ältesten Dufthaus der Welt wird natürlich – wie könnte es anders sein – noch immer das edle „Eau de Cologne“ verkauft. Jeder, der möchte, kann sich in den Räumen Farinas, welche nunmehr ein Duftmuseum darstellen, vom damaligen Wirken des Parfümeurs überzeugen. Das eindrucksvolle Haus mit den Abbildungen einer roten Tulpe im Schaufenster, das Markenzeichen der Firma Farina, bietet interessierten Genussmenschen bis zu 12 Führungen täglich an.

So sorgen auch noch die Nachkommen der achten Generation nach Giovanni dafür, dass das Erbe des großen Parfüms in die Welt getragen wird. Und wenn sie nicht gestorben sind, parfümieren sie noch heute... Duftmuseum im Farina Haus Obenmarspforten 21, 50667 Köln Öffnungszeiten: Montag – Samstag 10 – 19 Uhr Sonntag 11 – 16 Uhr

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Wohnkultur, gestern und heute‘ VON ANIKA PÖHNER

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Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Wohnküchenidyll - die 20er Jahre Das gesamte Leben der Menschen in den 20ern spielte sich in der Wohnküche ab. Die „gute Stube“, heute das Wohnzimmer, wurde nur zu besonderen Anlässen genutzt und war das „Renomierobjekt“ der Hausfrau. Entsprechend feierte die Familie Heiligabend in der Wohnstube, aber am 1. Weihnachtstag ging es bereits zurück in die Küche. „Damit die Kinder nicht herumturnen und etwas kaputt machen“, so die oft gehörte Begründung der Eltern. Das Vorzeigezimmer war mit wuchtigen geschwungenen Sofas, einem runden Tisch, gepaart mit verschnörkelten Stühlen, ausgestattet. Eine schöne Vitrine mit dem Tafelsilber durfte ebenfalls nicht fehlen. Im „Lebensmittelpunkt“ Küche befanden sich ein großer Tisch, an dem die gesamte Familie Platz fand, ein Küchenschrank mit Glasaufsatz für das Alltagsgeschirr und der Ofen als einzige Heizquelle der Wohnung. Die Holzdielen waren im damals typischen Ochsenblutrot gestrichen. In der Wohnküche betätigte der Vater sich handwerklich, machten die Kinder Hausaugaben und kochte die Mutter Marmelade ein. Währenddessen wurde gern gesungen: „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen…“, oder die Großmutter erzählte Geschichten. Sonnabend war Badetag. Man stellte eine Zinkwanne in die Küche, füllte sie mit warmem Wasser, und nacheinander durften sich Vater, Mutter und die Kinder vom Alltagsschmutz rein waschen. Zum Nachteil des Nachwuchses war bei Letztgenannten das Wasser meist schon kalt und trübe. Nierentisch und Toast Hawaii - die 50er Jahre Die 50er Jahre ebneten den Aufbruch in eine völlig neue Wohnkultur. Platzsparende Schrank- und Klappbetten, die tagsüber mit abstrakt gemusterten Kissen bestückt als Sofa dienten, empfand man als Muss in jeder Wohnstube. Neben rosafarbenen, gelben oder blauen Sesseln bildete das Radio den Mittelpunkt des Wohnzimmers. Vor diesem versammelte sich die Familie regelmäßig und lauschte gespannt diversen Krimihörspielen. Der Stolz jeder Hausfrau war der bedeckt gemusterte Perserteppich, bei dem es der Dame des Hauses insgeheim

Familie auf dem PRÄSENTIERTELLER

Hier gibt es Seconds - und geile Möbel: Girlitzweg 28, 50829 Köln - Vogelsang Mittlerer Trakt, 1.+ 2. Oberschoss Mittwoch 14:00 - 19:00 Uhr, Freitag 14:00 - 19:00, Samstag 11:00 - 17:00 Uhr

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egal war, ob dieser handgeknüpft oder als billiges Imitat maschinell hergestellt wurde. Hauptsache „er macht was her!“ Als Wohnzimmertisch dienten nicht nur die legendären Nieren-, sondern auch die großen Couchtische, welche man mit einer Kurbel in der Höhe verstellen konnte. So verspeiste die Verwandtschaft dort Käsewürfel und Toast Hawaii, während der Sprössling aus Langeweile, den Tisch fast unmerklich nach oben oder unten kurbelte. Die 60er - Die knallroten Cocktailsessel waren ein farbliches Highlight im heimischen Wohnzimmer, und nach dem Essen


Foto©WDR-Fernsehen

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Schraubst Du noch, oder lebst du schon?‘

süppelte man, im zum Mobiliar passenden Cocktailkleid, gerne noch eine „Kuller-Pfirsich-Bowle“. War die Stimmung auf dem Höhepunkt, schunkelte die gesellige Runde noch zu schmissigen Schlagern, die vom heißgeliebten Tonbandgerät abgespult wurden, zumindest solange bis das Band riss. Das Wohnzimmer war, wie in den 20ern, kein Ort für den Alltag. Es diente als eine Art „Präsentierteller“ für Gäste. Bei besonderen Anlässen wurde der schon in den 50ern beliebte Perserteppich, gepaart mit Eiche-Rustikal-Schrankwand und wuchtigen Sesseln, stolz gezeigt.

Der „Staubfänger-Trockenblumenstrauss“ in der Mitte des gekachelten Couchtisches und das handgestickte Bild an der Wand waren das I-Tüpfelchen der Wohnlandschaft. Bei Gelegenheit bot man dem Gast einen Schnaps oder Eierlikör aus dem im Schrank integrierten und verspiegelten Bar-Fach an. Die Couch wurde gerne mit einem aus durchsichtigem Plastik bestehenden Schonbezug bestückt. So konnte die kecke Tochter keine Torte auf dem guten Möbelstück verschmieren aber der Besuch dennoch sehen, „was man sich Tolles leisten kann“. Hinter den dunklen Türen des

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Im Nachhinein zu jeder Zeit geschmacklos altdeutschen Schrankes wurde nicht nur der Alkohol, sondern auch das Fernsehen verborgen, welches den Deutschen mit Serien wie „Bonanza“ vor den Schirm lockte.

Fotos©istock

Im Nachhinein zu jeder Zeit geschmacklos – die 70er Jahre In den 70ern wurde es flippiger, verspielter und bunter in deutschen Wohnzimmern. Die Trendfarben waren unumstritten orange, braun, gelb und nicht zu vergessen, apfelgrün. Selbst am Telefon bildete grün die erste Wahl. Die hochflorigen Teppiche, Tapeten und Vorhänge zeigten sich groß gemustert. Die Polstergarnituren bestanden oft aus beigen übereinander gestapelten Schaumstoffmatratzen. Das Sitzkonstrukt war so niedrig, dass es den Männern zu Gute kam, falls sich die Frau im Minirock auf den Polstern niederließ. Für das weibliche Geschlecht erschien es in jedem Fall nicht leicht „anständig und adrett“ auf dem Sofa zu verweilen. Im Fernsehen, das sich inzwischen fast jeder leistete, begeisterten Sendungen wie „Klimbim“ oder „Ein Herz und eine Seele“. Letzteres Format bewies, dass mancher Deutsche noch immer eine

„Klimbim“ & „Ein Herz und eine Seele“

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Schwäche für die gute alte Wohnküche hatte. Die Hauptfigur der Kultserie, Alfred Tetzlaff, besser bekannt als Ekel Alfred, war der Inbegriff für deutsches Spießbürgertum und wusste die Vorzüge einer solchen Wohnform noch zu schätzen. So nahm der Protagonist im Kreise der Familie nicht nur sein Abendbrot zu sich, sondern schnitt während dessen, zum Amüsement des Zuschauers, auch seine Zehennägel. Der Hi-Fi-Plattenspieler sorgte für Musik. Auf Vinyl gepresst genoss man Songs von den Bee Gees, Abba und Boney M. Das Musikvergnügen war so lange amüsant bis die Platte einen Sprung bekam und der Refrain in Dauerschleife lief, „Ra Ra Rasputin, Lover of the Russian queen!“. Weiße Kugelsessel, in die man sich bei Bedarf mit einem Karl May-Schmöker zurückziehen konnte, rundeten das Gesamtbild des Wohnzimmers der 70er Jahre ab. Schraubst du noch oder lebst du schon? - Die 80er Jahre Die kunterbunte Wohnlandschaft der 70er konnte sich auf Dauer nicht durchsetzen. Zu sehr hingen die Deutschen an ihrer dunkelbraunen Schrankwand gepaart mit Perserteppich. Durch den ansteigenden wirtschaftlichen Druck setzten sich zudem immer mehr Billigproduktionen

Leistungsshow des Wohlstandes auf dem Möbelmarkt durch. Das Motto war „selbst ist der Mann“ und forderte die Familienoberhäupter dazu auf, die Möbel, bestehend aus mit Holzimitatfolie versehenen Sperrholzplatten, in Eigenregie zusammen zu bauen. Das war die Sternstunde des Möbelhauses IKEA bot man günstige Möbel zu Selbstaufbaupreisen. Neu war für die Deutschen nun auch, dass ihre Möbel Namen wie beispielsweise „Billy“ oder „Ivar“ trugen. Vitrinen mit integrierter Beleuchtung ließen die Pokalsammlung eines jeden Freizeitkickers erstrahlen. Der Blick auf die düstere Schrankwand machte Lust auf Buntes. Den Farbausgleich schaffte die - Kulturzirkus -


D

Damals Zuhause

deutsche Frau mit einem schrillen Kleidungs- und Schmink-Stil, der das Wohnzimmer, während ihrer Anwesenheit, fröhlicher wirken ließ. Anfang der 80er erschien, für ein rundum eingerichtetes Wohnzimmer, nicht mehr nur das Fernsehen wichtig, sondern auch ein gigantisch großer, meist metallfarbender Betamax-Videorekorder. So konnte man im ZDF „XY-ungelöst“ aufnehmen und gleichzeitig mit den Kindern in der ARD die Rudi Carrell Show sehen. Geiz ist Geil und Shabby Chic – von den 90ern bis in die Gegenwart

BETAMAX Videorekorder und Tonbandgeräte

Antike Möbel mussten sich in den 90ern einer Restauration unterziehen und wurden vom Dachboden in das heimische Wohnzimmer zurückgeholt. Gleichzeitig herrschte eine „Geiz ist Geil“ Mentalität und führte vermehrt zum Kauf von billigen Steckmöbeln, die mit hunderten von Dübeln zusammengezimmert werden mussten. Die meisten Menschen wünschten sich ein freundliches, einladendes und helles Heim. Düstere Teppichbodenbelege mussten Laminat weichen. Die Fernseher vermehrten sich auf wundersame Weise

und standen plötzlich nicht nur im Wohn- sondern auch in Schlaf- und Kinderzimmern. Seit den 00er Jahren wird der Wohnstil in deutschen Wohnzimmern erneut ordentlich durchgewirbelt. Eine Mischung aus Ebay, Flohmarkt und IKEA ist hoch im Kurs. Es entsteht ein vollkommen neuer Misch-Trend. Möbel werden auf alt getrimmt und fortan als „Shabby Chic“ bezeichnet. Die Deutschen wünschen sich die Gemütlichkeit aus alten Zeiten zurück, wollen aber andererseits nicht auf den hohen technischen Standard verzichten. So sitzt ein Großteil der Bevölkerung heutzutage in ihrem auf „Vintage-Stile“ getrimmten Wohnzimmer vor einem riesigen Flat Screen-Fernsehen, schaut Dschungel-Camp und spielt parallel auf dem Smartphone „Quizduell“.

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Info: Das Wohngefühl der 20er Jahre kann man in einer Museumswohnung der GAG in Köln Höhenberg erleben. HIERFÜR IST EINE ANMELDUNG NOTWENDIG Paul-Schwellenbach-Haus Christof Wild Weimarer Straße 15 51103 Köln bz-hoehenberg@t-online.de Tel.: 0221 872110 Fax: 0221 8806448

Fotos©gag-koeln.de

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DUFTTERMINE Duftmuseum im Farina- Haus Lassen Sie sich entführen in die Welt der Sinne, in die Zeit des Parfumeurs Farina im Geburtshaus der EAU de COLOGNE. Öffentliche, kostenlose Führungen:11.März Öffentliche kostenlose Kostümführung: am 14. März Kostenlose Kinderkostümführung: am 16. März Buchung und weitere Informationen unter: farina.org

__________________________________________________ Parfumworkshop

26. April, 24. Mai., 21.Juli Feste Termine im Hinterhofsalon in Köln, jeweils samstags 12:00-16:00 Ein schönes Spiel mit dem sinnlichsten aller Sinne. Parfum selbst machen. Werde Parfumeur im Parfumseminar. Seit 6 Jahren der einzige Parfumworkshop mit einem Profi. Erfinden Sie spielerisch Ihr eigenes Parfum.Spielen Sie mit dem sinnlichsten aller Sinne und entdecken Sie Ihre Nase neu. Buchen Sie direkt hier die Eintrittskarte ins Land der Düfte. Buchung und weitere Informationen unter: www.manasse.de

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Shell ECO-MARATHON 2014 - ROTTERDAM 3.000 Kilometer mit einem Liter Sprit

Zum 30. Mal – vom 15-18. Mai findet der Eco-Marathon in diesem Jahr statt. Während des dreitätigen Wettbewerbs rund um die Ahoy Arena in Rotterdam fieberten im vergangenen Jahr mehr als 50.000 Besucher mit den 183 Teams aus ganz Europa und Nordafrika und erlebten die 3000 Schüler und Studenten hautnah beim Fahren auf der Strecke und Schrauben in den Boxen. Zum ersten Mal zeigen Studenten 3D-gedruckte Auto bei 2014 Kick-off. Bei dem Shell Eco-Marathon handelt es sich um einen Energieeffizienz-Wettbewerb der sich an Studenten-Teams aus aller Welt richtet. Ziel ist die Konstruktion und das Fahren eines Fahrzeugs, das mit möglichst wenig Kraftstoff eine möglichst große Strecke zurücklegen kann.

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+ GENUSS TERMINE Zigarrenseminar 9. April

Kaum ein anderes Genussmittel spricht in ähnlicher Weise alle unsere Sinne an wie die Zigarre. Die Verarbeitung von Tabak und die fertige Zigarre lassen den Menschen sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Von der Saat zur Tabakpflanze: Lernen Sie alles über Herkunft, Anbau, Ernte, Fermentation, Lagerung, Formate, das fachgerechte Anzünden und die Unterschiede verschiedener Tabaksorten. Spüren Sie den diversen Geschmacksnoten nach. Lassen Sie sich faszinieren von der Geschichte dieser Kulturpflanze. Lehnen Sie sich bequem im Sessel zurück, um zu genießen, denn eine Zigarre gibt Zeit, sich selbst zu gehören. Veranstaltungsort: La Galana Anmeldung unter: www. koeln-geniessen.de ____________________________________

ZIMT - Nicht nur für Dessert ZIMT - ein spannendes und interessantes Gewürz, das von vielen nur bei Desserts genutzt wird. Entdecken Sie bei einem Gewürzseminar im SAFRAN GEWÜRZBASAR in Köln-Rodenkirchen, wie man ZIMT noch nutzen kann, zum Beispiel in orientalischen Hackfleisch-Bällchen. In ca. 2 Stunden erfahren Sie viel über die Wirkungsweisen von Gewürzen in unserem Körper und ihrer Verwendung in der Küche. Auch erhalten Sie Informationen über Einkauf und die richtige Lagerung von Gewürzen. Was es mit den Glutamaten auf sich hat, darf in diesem Seminar natürlich auch nicht fehlen. Und gibt es tatsächlich neben den vier Geschmacksrichtungen süss, sauer, bitter und salzig, noch eine fünfte ??? Neben jeder Menge an Informationen über die große Welt der Gewürze erhalten Sie leckeren Kostproben. Dazu gibt es Wasser, ein Glas MARKUS-SCHNEIDER-Wein sowie leckere Kostproben. Veranstalter: SAFRAN Gewürzbasar Anmeldung unter: www.koeln-geniessen.de ____________________________________

GANZ VIELE AUSGEWÄHLTE TERMINE FINDEN SIE AUF UNSERER WEBPAGE

Kaffee & Genuss-Seminare

Kabarett

mit Michael Gliss Deutschlands Kaffee-Sommelier Nr. 1

Comedy

Gönnen Sie sich ein Stück Lebenslust und freuen Sie sich auf eine Vielfalt interessanter Events rund um Kaffee und Genuss! Erleben Sie eine Genussreise durch die verschiedenen Kaffee-Sorten und Aromatisierungen.

Lesungen

Musik A Cappella Theater Tanznächte

Offene Bühne Rheinland

8.3.20 Uhr

Zum 7.Mal!

Olivier Sanrey

Alle garstig! (Und Sie auch)

Weitere Informationen und Anmeldung unter: info@gliss.de. ____________________________________

wir sind wir Deutsche in Ost und West

Fotografien von Stefan Moses bis Juni 2014 - Haus der Geschichte Bonn Die Ausstellung „wir sind wir – Deutsche in Ost und West. Fotografien von Stefan Moses“ zeigt über 60 Bilder von Menschen in ihrer typischen Berufskleidung, die Stefan Moses 1963-65 in der Bundesrepublik und 1990 in der DDR aufgenommen hat. ____________________________________

August Sander

Meisterwerke und Entdeckungen vom 21. März bis 3. August 2014

7.3.20 Uhr CASINO

Florian Schroeder

Offen für alles und nicht ganz dicht - DIE SHOW

12.3.20 Uhr

Annamateur

& Außensaiter - SCREAMSHOTS

13.3.20 Uhr

Sven Ratzke Füenf

13.3. 20 Uhr20 CASINO 4.11. Uhr

Diva 6Diva´s Phase l A Cappella

90er-Party 14.3.23h 80er Pop+Wave 21.3.23h Lieblings-Party 29.3.22:30h

Party

Robert Griess Ich glaub´es hackt! (Kabarett)

14.3.20 Uhr

Carrington-Brown Dream a little Dream

15.19 Uhr +16.3.20 Uhr

Jens Heinrich Claassen Frauen an den Nerd! 15.3.CASINO m.:BOHR/HALLER/KLING

16.3.CASINO

Reihe Jazz in Concert im Pantheon-CASINO:

Simin Tander 4tet: 17.3. David P. Stevens : 31.3.

Cavequeen

Jean Faure & Orchestre

Filmblicke auf die Fotografie

Konejung & Nitschke

Wie blickt der Spielfilm auf die Fotografie? Was be­hauptet er über sie? Vom rast­losen Modefotografen zur kommerzkritischen Künstlerin, vom Foto als Beweis zum Foto als Verdrängungswerkzeug reicht das Spek­trum der Äußerun­gen, der­er sich Filme über Fotografie bedienen. Die filmische Darstellung der Fotografie sagt dabei viel über das zum Zeit­punkt des Films vorherrschende Ver­ ständ­ nis von Fotografie aus. Annahmen über das, was die Fotografie kann und wofür sie zu gebrauchen sei, wer­den aufgegriffen, sie werden bestätigt, demontiert oder auch karikiert.

E!

Miststück für 3 Damen

Ein Ausstellungsprojekt der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln Mehr Informationen unter: www.photographie-sk-kultur.de ____________________________________

Fotografie im Spielfilm von den 1960ern bis heute - Museum Ludwig 13. März – 10. Juli

PREMIER

Du sammeln, ich auch!

Der Familie Polka´s coming home

18.3.20 Uhr

Popolski

20.3.BRÜCKENFORUM

Tour de France

21.3.20 Uhr

2 Lachsäcke auf Feindfahrt

22.3.

Gunzi Heil Der Musengau

22.3.20 Uhr

Jan Böhmermann Schlimmer als...

26.3.20 Uhr

Roberto Capitoni Italiener weinen nicht!

26.3.CASINO 20 Uhr

Fil Tägert Die Fil-Show

27.3.ab 20 Uhr

Rainer Pause Das letzte Gericht

29.3.20 Uhr

Murat Topal Comedy-Best of

»Best of Ten«

30.3.20 Uhr

NK

: PINK PU (5.3.) rstellungen r Aschermittwoch WEITERE Vo rkauft) + Politische frei!)

PANTHEON (ausve.) + Late Night Blues (11.3. Eintritt Sascha Herrencreme (8.3 + 86. WDR-Kabarettfest (17.3.) + (21.3.) +Johannes Flöck (30.3.) Ruth Schiffer (12.3.) tian Pufpaff (20.3.) Korf (19.3.)+Sebas+Anna Piechotta (28.3.)+Venske/Sting .) (28.3 Tobias Mann Partytermine: www.tanznacht.com

Info-Tel.: 0228-21 25 21 - Kulturzirkus -

Tickets: www.bonnticket.de 0228-502010 www.koelnticket.de 0221-2801 Pantheon | Bundeskanzlerplatz | 53113 Bonn

www.pantheon.de

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Urban Art 26

‚ VOY‘ Immer noch unvorstellbar für Sehende

VON IRIS THEN Wer als Kind „Blinde Kuh“ gespielt hat, weiß wie schwierig es ist, sich nur auf den Gehör- und Tastsinn verlassen zu können, während man versucht sich im Raum zu orientieren. Da erscheint es einem fast wie ein Ding der Unmöglichkeit, dass blinde und sehbehinderte Menschen Fußball spielen. Und doch, sie tun es, zudem auch noch professionell. Denn Blindenfußball ist zwar immer noch eine relativ junge Sportart, aber bereits in den sechziger Jahren gab es organisierte Mannschaften in England, Spanien und vor allem in ihrem Ursprungsland – Brasilien. Weltmeisterschaften finden seit 1998 alle zwei Jahre statt. In das Licht einer breiteren Öffentlichkeit rückte der Blindenfußball aber erstmalig 2004 bei den Paralympischen Spielen in Athen. Mittlerweile wird die Sportart weltweit in mehr als 20 Ländern erfolgreich gespielt. Auch in Deutschland spielt man seit 2006 Blindenfußball. An über 19 Standorten trainieren inzwischen Teams. So zum Beispiel auch bei dem 2008 gegründeten Blindenfußballverein des Polizeisportvereins Köln. Der Bioinformatiker und Filme-

macher Christian Ebeling hat einen Film über die Kölner Mannschaft gemacht, die bereits erste Turniererfolge und gute Platzierungen für sich sammeln konnte. Bei den Recherchen zu einem Dokumentarfilm, der ursprünglich über den Spitzensport gehen sollte, war er zufällig auf den Blindenfußballsport gestoßen und sofort von diesem Thema angetan.

Blindenfußball sichtbar gemacht „Mein Interesse daran, wie sich sehbehinderte und blinde Menschen orientieren und die Welt wahrnehmen, war schon immer sehr groß. Aber mir kam es unpassend und aufdringlich vor, einfach einen blinden Menschen anzusprechen“, meint der Filmemacher zu seinem Verhältnis zu Blinden befragt. „Als ich an meinem Film über Blindenfußball arbeitete, hatte ich die Möglichkeit, über einen besonderen Sport zu berichten, der von blinden und sehenden Menschen gemeinsam betrieben wird. Aber nicht die Blindheit stand im Mit-

.................................................................. Den Filmbeitrag findet Ihr auf seconds.de .................................................................. - Urban Art -

telpunkt, sondern der Sport und die Grenzen, die man als blinder Mensch überwinden kann.“ „Voy“, so der Titel des Films, zeigt wie der Blindenfußball funktioniert. Schließlich gibt es, um Unfälle zu vermeiden, doch ein paar Unterschiede zum bekannten Fußballspiel: Alle Spieler tragen zu ihrer Sicherheit einen Kopfschutz. Und der Angreifer, der sich dem ballführenden Akteur nähert, muss laut das spanische Wort „Voy“ („Ich komme“) rufen, damit ungewollte Zusammenstöße vermieden werden. Da die Spieler in erster Linie auf akustische Signale angewiesen sind, gibt es auch sogenannte Guides am Spielfeldrand und hinter den Toren, die sehend sind und den Spielern zurufen. Außerdem wird ein Spezialfußball eingesetzt. Er ist etwas kleiner und deutlich schwerer als der Übliche, weil er im Inneren ein paar Rasseln enthält. Auch das Spielfeld ist kleiner gehalten


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und die Anzahl der Spieler (5) der Größe des Spielfeldes angepasst. Gespielt wird 2x25 Minuten. Auf dem Platz selbst gibt es nur zwei Spieler, deren visuelle Wahrnehmung nicht beschränkt sein muss. Die beiden Torhüter. Alle anderen Spieler sind blind im Sinne des höchsten Schweregrades B1. Das heißt, sie verfügen maximal über eine hell-dunkel Wahrnehmung. Unterschiede in den Sehstärken werden durch Augenklappenbinden und Augenpflaster ausgeglichen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden. „Anfangs hatte ich große Bedenken, einen Film über Menschen zu machen, die diesen Film nie sehen werden können“, erzählt Christian Ebeling. „ Deshalb war ich überrascht, wie offen ich aufgenommen wurde, als ich das Projekt das erste Mal den Spielern des Blindenfußballvereins PSV Köln vorstellte. Schnell war es normal, dass ich beim Training dabei war.“ Das Problem, dass die blinden und sehbehinderten

Spieler den Film später nicht sehen können würden, löste der Filmemacher auch. „Ich erinnerte mich, dass man einen Film durchaus auch hören kann. Wer schon mal auf den falschen Knopf der Fernbedienung seines Fernsehers gekommen ist, kennt das bestimmt: Im Hintergrund beschreibt jemand die Ereignisse, die vollständig nur visuell erfassbar sind. Solch eine Audiodeskription habe ich dann auch gemeinsam mit dem Protagonisten Michael für den Film erstellt. Dabei hat mich Michael häufig in meiner Detailgenauigkeit gebremst und mich darauf aufmerksam gemacht, dass man viele Dinge auch einfach hören kann.“

Fünf Monate hat Christian Ebeling die Mannschaft des PSV mit seiner Kamera begleitet. Herausgekommen ist ein Film, der mittlerweile auf zahlreichen Festivals lief. Die größte Überraschung, so der Filmemacher, sei für ihn eine Nominierung auf dem ältesten Kurzfilmfestival der Welt, in Oberhausen, gewesen. Jetzt hat er den Film bei einem sehr ungewöhnlichen Festival eingereicht: Dem 11mm Filmfestival in Berlin - einem Festival, das sich ausschließlich dem Thema Fußball widmet. Sollte der Film eingeladen werden, fährt er gemeinsam mit seinem Hauptprotagonisten, dem Blindenfußballer Michael dort hin.

Hier wird nicht nur gespielt, sondern Inklusion gelebt

Inzwischen ist Christian Ebeling mit Michael gut befreundet. Sie treffen sich hin und wieder auf ein Glas Kölsch. Inklusion wird also nicht nur durch die Mischung von sehenden und blinden Spielern beim Spiel gelebt.

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Das Bild des leidenden Behinderten wiegt schwer.

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Die Mannschaft des PSV trainiert regelmäßig alle 14 Tage samstags in einer Halle in Köln Lövenich auf einem Kunstrasenplatz. Mit dem Trainer Dieter Wolf kann man ein Probetraining vereinbaren, um den Sport erst einmal kennen zu lernen. Der Verein freut sich über jede Verstärkung. Mehr unter: www.psv-koeln.de/ sportangebote/fussball/blindenfussball/

Für viele blinde und sehbehinderte Menschen ist Fußball genauso wie für Sehende eine Leidenschaft. Diese Liebe zum Fußball verbindet Menschen und kann auch die gesellschaftliche Integration erleichtern. „Ich denke, dass der natürliche Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen für uns selbstverständlich werden sollte“, sagt Ebeling. „Dann begreifen wir vielleicht, dass sich Blinde und Sehende zunächst einmal nur durch das Sehen unterscheiden. Weil die Welt, in der wir leben, vor allem aber für Sehende errichtet wurde, ist die Anstrengung, die ein Blinder unternehmen muss, um seinen Alltag zu bestreiten, ungemein höher. Das verlangt uns zwar Respekt ab, aber wir sollten uns vor allem bemühen, Barrierefreiheit als eine wichtige Voraussetzung für den einfachen Umgang miteinander zu betrachten und sie, wo möglich, auch zu fordern.“

Die Geheimnisse der Bilder sind nicht nur durch Expertise zu lüften, sondern für jeden Menschen erfahrbar.

Christian Ebeling arbeitet als Bioinformatiker am Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI in Sankt Augustin. Als Filmemacher ist er Autodidakt. Seine Arbeiten veröffentlicht er vor allem im Internet. „Voy“ war auch auf zahlreichen Festivals und in diversen Uni-Kinos zu sehen.

AKTUELLE TERMINE IN KÖLN 07.03. Museum Ludwig , 16:00 UHR 14.03. Museum Schnütgen , 16:00 UHR 21.03. Wallraff-Richartz-Museum , 16:00 UHR 04.04. Museum Ludwig , 16:00 UHR Jeder Teilnehmer ist willkommen! Weitere Informationen finden Sie im Netz unter: www.bildererleben.net

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Was uns Bilder flüstern Alles, was Sie sehen ist, richtig! ren“ – will man meinen, aber so ist es nicht. Dankbare Sprüche vom verzweifelten Lehrkörper der Sekundarstufe zwei inklusive. Der Diplompsychologe und Unternehmensberater von der Initiative Bildererleben arbeitet nach dem Prinzip: Alles ist erlaubt, „Alles was Du sagst ist richtig, weil es dein persönliches Erleben ist.“ Ob man für das Bilderenträtseln besondere Qualifikationen benötigt, verneint Herr Dr. Heiling in unserem Gespräch.

VON ANDREAS BASTIAN ist die Abkehr davon, Portraits oder Objekte der Kunstepochen, ausschließlich aus intellektueller Sicht zu betrachten. „Alles was Sie sehen ist richtig.“ So Dr. Heiling in der Supervision für die auszubildenden Bilderflüsterer. Herr Heilings Anrede ist klar und erleichternd, “Hören Sie auf, Bilder mit historischen oder fachchinesischen Vorurteilen zu betrachten. Versuchen Sie das Bild zu verstehen und zu enträtseln“. In dieser Runde saßen wir im Ludwig-Museum vor einem Gemälde von W. Beckmann –„ Frühlings Wald“ von 1925. Es geht weniger darum, was der Kunsthistoriker über das Bild weiß, sondern was wir damit persönlich assoziieren. Die Runde betrachtet rund 15 Minuten schweigend das Bild. Notizen des Gesehenen werden festgehalten und in der gemeinschaftlichen Analyse ausgewertet. Die Sichtweisen der Teilnehmer ergänzen sich Stück für Stück zu einem Gesamtbild. Emotionen anstatt Theorien, Einfachheit statt Klugheit ist die Devise. Das gemeinsame Sehen und Entschlüsseln stellt alle Teilnehmer auf eine Stufe - Bildung? Nebensache. Und genau dieser Prozess ist für die Ausbildung zu einem museumspädagogischen Workshopleiter wichtig. Die Geheimnisse der Bilder sind nicht nur durch Expertise zu lüften, sondern für jeden Menschen greifbar. Praktiziert wird dieses Gruppenerlebnis auch an Haupt- und Realschulklassen. Die schwierigen Fälle, die „Unbelehrba-

Für die Schülerinnen und Schüler aller Bildungswege ist es ein besonderes Erlebnis schwerverständliche Kunst plötzlich in einfache Worte zu fassen. Wer sich vormals ausgeschlossen fühlte, Kunst zu begreifen, beweist sich jetzt das Gegenteil. Die gruppendynamischen Prozesse entwickeln ein Gemeinschaftsgefühl, jeder will dabei sein, jeder will seine Eindrücke mitteilen. Es ergeben sich im Laufe der Analyse zahlreiche Gemeinsamkeiten in den Empfindungen und in den Eindrücken.

Das Erlebte bekommt Substanz. Zum Ende der Bilderanalyse werden Synonyme gefunden. In dem analysierten Bild von Beckmann war es Alice im Wunderland. Als Sinnbild dafür, dass nicht alles Vorhergesehene eben immer eintritt. Dass die Welt doch sehr viel widerspenstiger ist, als es uns in der Planung des Lebens erscheint. In der Supervision wird deutlich worum es geht. Wir betäuben uns in der Gesellschaft, um dem Leistungsdruck und den Zukunftsängsten entgegenzuwirken und das beginnt leider schon im Kindesalter. Anstelle offen und neugierig durch das Leben zu gehen, verschließen wir uns. Was in der heutigen Zeit auch durchaus sinnvoll ist, denn Sicherheit wird als höchstes Gut verstanden. Der natürliche Schutzmechanismus verwandelt leider nur all zu oft die Empfindung von Gefahr in Abstumpfung. Dabei geht uns das Bewusstsein verloren, wofür wir wirklich arbeiten, kämpfen oder streiten. In dieser Ausgeschlossenheit reagie- Urban Art -

ren wir auf die Umwelt mit Lustlosigkeit, Intoleranz und Aggression. Aber der Druck steigt, da wir aus lauter Langeweile das Lernen verloren haben. Die Leistungsfähigkeit und die persönlichen Interessen gehen nicht mehr Hand in Hand.Ratio statt Tiefe, so der Lehrplan an den Schulen, unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten inklusive. Kunst hat die Möglichkeit Gruppen und Klassen einen Zugang zu ihrer Wirklichkeit erkennen zu lassen. Sie bietet den Weg zurück in die Traumwelt, wo wir unter geschützten Bedingungen uns mit dem eigenen Leben und Erleben auseinandersetzen können. Lachen, wertfreies Reden, dazu Gruppendynamisches wie Helfen und Unterstützen. Dinge, die in manchen Schulklassen völlig festgefahren sind. Die Kunst ist der Schlüssel zu Erlebniswelten, die intensive Auseinandersetzung mit einem Bild oder einer Skulptur eröffnet einen lebendigen Austausch. Eine kreative Möglichkeit der Selbstreflektion eröffnet sich. Sie gibt Einblick auf die eigenen Umgangsformen. In den Gruppenbesprechungen kommt es auch zu Dialogen zwischen den Teilnehmern. Erfahrungen, Situationen werden ausgetauscht und verglichen. Die ursprüngliche Rollenverteilung gerät hierbei in Bewegung. Am Ende steht die Erfahrung, dass erst die Berücksichtigung aller Sichtweisen komplexe Themen entschlüsseln können. Herr Dr. Heiling und sein Team leiten diese Workshops für Jugendliche seit bereits über 20 Jahren, mit immer wieder erstaunlichen Erlebnissen. Darüber hinaus bietet Bildererleben in Kölner Museen und bei bildenden Künstlern kostenlose Workshops für interessierte Besucher an. „Das Eigene steht immer dem Fremden gegenüber und wir verschließen uns, um unser Eigen zu schützen.“, so Dr. Heiling. Dass Fremdes bereichern kann, zeichnet jedoch diese Workshops aus. Das Flüstern des Bildes „Frühlingswald“, wird auf unserer Webpage, in Zusammenarbeit mit den Supervisoren, beschrieben.

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UP-CYCLING -

Wegwerfe

VON SABRINA BURBACH Alte Bücher, das geblümte Teeservice der Tante, oder ein kaputtes Lieblingskarohemd: Fast täglich begegnen wir Dingen, die wir aus irgendeinem Grund nicht mehr benötigen – und sei es nur, weil wir mal wieder ausmisten wollen. Die gute Nachricht: Ein aktueller Trend erlaubt uns, unsere alten Schätze zu behalten und sie gleichzeitig in völlig neuem Licht zu sehen. Nämlich dann, wenn aus den Büchern ein modernes Wandregal entsteht, die Tassen des Tischservice sich in Lampenschirme verwandeln und Papas kaputtes Karohemd uns als Handtasche über der Schulter baumelt. Upcycling heißt das Ganze. Und kein Material ist mehr davor sicher – wirklich gar keins...

Gebrauchtes wieder schätzen lernen Recycling kennt jeder. Einmal benutzt, geben wir unsere alten Plastikverpackungen, Eierkartons und Glasflaschen zurück in den Verwertungskreislauf. Sie werden umgewandelt und wiederverwertet. Dabei findet fast immer der Prozess des Downcyclings statt. Das ehemalige Material ist in seinem neuen Gewand also weniger wert. Nicht so beim Upcycling. Hier ist das Gegenteil der Fall. Dadurch, dass alte Dinge zu neuen kombiniert und um-

Fotos© BRC Designs

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U

Upcycling ist eine klare Absage an die Wegschmeissgesellschaft.

gewandelt werden, erhalten sie eine erhebliche Aufwertung. Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die stabilen Europaletten. Aus ihnen lassen sich Tische, Betten, Regale, Stühle und sogar Sofas herstellen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Material ist günstig, ein Europaletten-Möbel besitzt nicht jeder, und wir können unsere eigene Vision eines Möbelstücks verwirklichen. Am Anfang steht immer eine kreative Idee. Dass, was wir aus der abgenutzten Palette herstellen möchten, macht zusammen mit der Geschichte des Möbelbaus

selbst den Wert des fertigen Möbels aus. Und was mindestens genauso wichtig ist: Wir haben etwas selbst erschaffen!

Patchwork der Erinnerungen „Aus alt mach neu“, lautet also das Upcycling-Motto. Und das klingt ziemlich bekannt. Unsere Großeltern mussten früher oft mit wenig Geld eine große Familie ernähren. Da konnten sie sich nicht immer neue Kleidung für alle

leisten. Also wurden die abgetragenen Pullover, Hosen und Röcke der älteren Geschwister geändert und einfach an die Kleineren angepasst. Designer, die Mode upcyceln, gehen noch einen Schritt weiter. Sie nutzen unterschiedliche Kleidungsstücke und kreieren aus ihnen ein völlig neues – ein Patchwork aus alten Erinnerungen sozusagen. So entsteht etwa aus einer Tischdecke und einem schön bestickten Geschirrhandtuch eine Jacke oder aus einer alten Jeans ein Mini-Rock. Hinter jedem neuen Lieblingsstück steckt ein kreativer

en kann jeder Prozess, der sich von der Idee über die Auswahl des Materials bis hin zur Fertigstellung erstreckt. Deshalb sieht die kölner Mode-Designerin Amba Urbach die Verwandlung der alten Stoffe in neue Lieblingsstücke als Kunst, nicht als Mode. Ihr Wissen gibt sie in ihrem Atelier Kleidsam in Upcycling-Kursen weiter. Ein weiteres Beispiel für vollständige Verwandlungen gibt Judith Meike Plickert mit ihrem Label Rheinschauen. Sie

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dekoriert Manschettenknöpfe aus Edelstahl mit historischen Add-ons wie etwa Briefmarken, Landkarten oder Stoff. Und

Umdenken und neu erfinden das Kölner Label Feuerwear fertigt Taschen und Accessoires aus gebrauchtem Feuerwehrschlauch, der sonst im Abfall

landen und die Umwelt belasten würde. Die Beispiele lassen es bereits erkennen: Hinter Upcycling verbirgt sich weit mehr als provisorisches Basteln von Tetrapacktaschen und Klorollenstiftehaltern. Zahlreiche Labels und Designer sind längst auf den Zug aufgesprungen. Und im Internet hat sich eine große Community gebildet, die täglich unzählige Upcycling-Ideen auf der Online-Pinnwand Pinterest oder im eigenen Blog

Street ART Upcycling Bürger sammeln Geld für ein Kachelmosaik Verviers/Belgien

Foto©redaktion

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Against throw-away-ism Neue Originalität für den Zeitgeist vergangener Tage Doch Upcycling lässt nicht nur alte Dinge neu erstrahlen, sondern es reduziert auch die Neuproduktion von Rohmaterialien. Damit verringert es auf lange Sicht Energieverbrauch, Luft- und Wasserverschmutzung sowie Treibhausgasemissionen. Und wenn wir ehrlich sind, ist ein schönes Sofa aus einer alten Palette viel ansehnlicher, als geschreddertes Holz, das zu Spanplatten gepresst wurde. Wenn man bedenkt, dass jährlich alleine in Europa an die sechs Millionen Tonnen Textilien weggeworfen werden und gut 75 Prozent davon auf der Mülldeponie enden, lässt sich Upcycling vor allem als Botschaft gegen die Wegwerfgesellschaft in den modernen Industrienationen verstehen. Doch es ist eine Bewegung, die ohne den mahnenden Zeigefinger auskommt. Denn die Produkte liegen in erster Linie deshalb im Trend, weil ihr Design überzeugt. Na-

UPCYCLING – Das neue Register auf der Seconds Webpage Wir erweitern unsere Webpage im April um vier neue Register, darunter auch UPCYCLING als eigenständiges Thema. Wenn Ihr Upcycler seid, schickt uns Eure Vorschläge, Fotos, Memos. Live werden wir hier die Verwandlung unserer Jacke miterleben, die von Amba Urbach ein Reclothing erlebt.

türlich ist Upcycling auch Konsum. Aber es schärft gleichzeitig unsere Sinne für nützliche Kleinigkeiten (Kaffeekapseln, Verschlüsse, kaputte Spielzeugautos, u.v.m.), die im oftmals stressigen Alltag leicht unbeachtet und zu Unrecht in der Mülltonne landen. Apropos: Was geschieht eigentlich mit den upgecycleten Dingen, wenn wir sie uns übergesehen oder sie sich zu sehr abgenutzt haben? Wer upcycelt die dann? Und wie geht das? Dafür brauchen wir wieder ganz neue kreative Lösungen. Aber keine Sorge, wenn es soweit ist, wird sich sicher ein neuer Trend etablieren. Uns hat das Upcycling-Fieber gepackt! Das Projekt: Die alte Jacke unseres Redaktionsleiters Andreas Bastian soll ein zweites Leben bekommen. Kein einfaches Vorhaben, denn der sprichwörtliche Zahn der Zeit hat an Bündchen und Außenmaterial ziemlich genagt. Einige Knöpfe fehlen auch. Aber die Jacke hat unschlagbar viele Taschen, ist bequem und sehr praktisch... Auf unserer Internetseite www.seconds.de könnt ihr mitverfolgen, wie die Kölner Designerin Amba Urbach aus der ollen Hülle eine Schimanski-Jacke zaubert.

P Projekt

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teilt. Die Ideen reichen von Lampen aus Bügeleisen über Weinkisten als Fahrradkörbe bis hin zu Neukreationen mit alten Ikea-Möbeln. Da ist es nur logisch, dass auch die Kunstszene die neue Originalität für vergangenen Zeitgeist für sich entdeckt hat. Die Fotokünstler von BRC Designs erwecken beispielsweise Kunstschätze zu neuem Leben, indem sie die Werke berühmter Maler mit Knöpfen, Legosteinen, Perlen, Wäscheklammern oder sogar Gummitieren nachmodellieren. Andere verschönern eine Betonwand mit Kacheln, die von den Bürgern eines Dorfes individuell gebrannt und gespendet wurden. Das gemeinsame Ziel: Sich mit scheinbar nutzlosen Rohstoffen auseinandersetzen und aus ihnen etwas Einzigartiges kreieren.

Einmal neu, bitte!

Werkstatt für Kleider und Kostüme Upcycling & Reclothing Stammstraße 43 - Ehrenfeld 0160-6792498 www.kleidsam-koeln.de - Urban Art -


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Foto©Redaktion

UPCYCLING-TERMINE IN KÖLN Offene Werkstatt jeden Di + Mi (Kleidsam) Der Einstieg ist jederzeit möglich und da alle Teilnehmer an individuellen Projekten arbeiten, spielt es auch keine Rolle, ob ihr Anfängerinnen oder Fortgeschrittene seid. Eine Stunde kostet 9,- €, Material und Zubehör sind darin nicht enthalten, wohl aber der Gebrauch von Overlock- und Coverlockmaschinen, sowie Industrienäher und ggf. auch der Stickmaschine. Bitte bringt eure Nähmaschine mit, sofern möglich. Anmeldung erwünscht.

Upcycling und Reclothing von abgelegten Schätzchen

Kreativkurs für Mütter/ Töchter/ u. Omas/Enkeln 12./26. März + 5. April

1. März + 5. April (Kleidsam) Grundkenntnisse erforderlich, da das fachmännische Zerlegen auch kleine Tücken bereithalten kann. Nähmaschine bitte mitbringen. Materialien könnt ihr entweder bei mir kaufen oder selber mitbringen, immer wieder hab ich auch einen Fundus an 2-Hand-Artikeln zum Stöbern da. Die Kursgebühren betragen 60,- € pro Workshop.

(Kleidsam) Das besondere Geschenk! Anfänger- oder Fortgeschrittenenlevel nach Absprache, Projektinhalt können wir gemeinsam überlegen, Freude bei generationenübergreifenden Vorhaben garantiert! Materialien könnt ihr bei mir kaufen oder selbst mitbringen. Nähmaschine bitte mitbringen, falls möglich. Die Kursgebühren betragen 60,-€ pro Gespann und Nachmittag.

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Filzworkshop 15.03. Dingfabrik Köln (Nippes) 10:00 – 16:00 Uhr 20 € - Dingfabrik-Mitglieder und Kinder bis zum vollendeten 14 Lebensjahr zahlen allerdings nur 10€. Weitere Workshops auf: dingfabrik.de und www.kleidsam-koeln.de


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Tiefenspannung und Fast-Food?

Yoga und Ernährung‘ Yoga gilt für das hier und jetzt, für die Verbindung von Körper und Geist. Alles ist im Wandel, besonders unsere Ernährung. Welche verbesserten Erfahrungen gibt es im Entspannungsbereich? Wir sprachen mit Oliver Groß, Dipl. Sportwissenschaftler, Dozent für Yoga und Kampfkunst an der Universität Bielefeld, Inhaber bei WT & YOGA.

Seconds: Sie bieten in Ihrem Institut spezielle Yogaformen an, darunter auch Kurse, die sich mit Ernährung auseinander setzen. Was ist Kern der Lehre? Warum ist Ihnen die Kombination der beiden Aspekte Yoga und Ernährung wichtig?

tetem Intellekt. Das anerkennt heute auch die Schulmedizin. Davon abgesehen, sind natürlich nicht alle Übungen des Yoga problemlos anzuwenden - bei unvorsichtiger Übung kann es sogar zu schwereren Problemen kommen.

Groß: Ich biete eigentlich nur „ein Yoga“ an und das basiert natürlich auf meiner gesamten Bewegungs- und Körpererfahrung. Ernährung ist in meinem Yoga und auch für viele andere Lehrer von großer Bedeutung weil sie einen großen Einfluss auf meine Körperlichkeit hat. Meist orientiert sich die Ernährung vegetarisch und an der Lehre des Ayurveda. Ich orientiere mich aus geschmacklichen, gesundheitlichen und aus ethischen Gründen in Richtung veganer Ernährung, bin dabei aber nicht radikal und leider ist das Angebot an echten kulinarischen Leckerbissen immer noch sehr schmal. Die Aufforderung zu Langsamkeit im Sinne der SlowFood Bewegung und zu genussvollem Essen sind ebenso wichtige Aspekte in einer gesunden Ernährung. Ein toller Trend sind beispielsweise Grüne Smoothies, das ist wirklich lebendige Nahrung und gleichzeitig Genuss für mich. Die oft sehr lange gekochte und breiartige chinesische und indische Gesundheitsküche kann aber bei verschiedenen Krankheitsbildern sehr heilsam sein.

Seconds: Vinyasa, Iyengar, Sivananda, Flow oder Anusara-Yoga: Weshalb gibt es diese schier unendliche Anzahl von Yogastilen? Welche lehren Sie und warum?

Seconds: Beim Thema Ernährung erreichen die Deutschen scheinbar eine neue Stufe der Sensibilität für die emotionale Seite des Themas. Glauben Sie, dass die Menschen dennoch weiter versuchen werden, vor allem intellektuelle Lösungen zu finden oder sehen Sie in diesem Zusammenhang Fortschritte?

Seconds: Auffallend viele der modernen Stile haben sich in den USA entwickelt - beruhen auch diese noch auf einer gemeinsamen Yogatradition? Und wie finde ich für mich den passenden Yogastil?

Groß: Eine bewusste (Bio-) Ernährung liegt genauso im Trend wie Yoga. Beides ist ja weniger auf Zahlen oder Leistung ausgelegt, sondern von vielen weichen Faktoren abhängig. Vom Wunsch nach mehr Naturverbundenheit, über Gesundheit oder Tierliebe, bis zum Thema Genuss spielt hier vieles eine Rolle. Für beide Felder ist die Sensibilität stark gestiegen. Bioläden sprießen momentan an allen Ecken aus dem Boden, es erscheinen immer mehr vegetarische und vegane Kochbücher, in Speisekarten findet man deutliche Hinweise auf vegetarische Gerichte u.s.w. Zurück zu Ihrer Frage: ja es ist ein Fortschritt zu sehen. Intellektuell lässt sich manches Problem erforschen und erkennen. U.a. auch, dass gerade bei emotionalen Problemen Yoga wirklich hilft, dies jedoch mit weitgehend ausgeschal- Biolance -

Groß: Ich habe mich schon vor sehr vielen Jahren dagegen entschieden, einem bestimmten Guru zu folgen. Daher hat sich für mich der Begriff Yoga Flow gut angefühlt. Dabei habe ich großen Respekt vor Gurus wie B. K. S. Iyengar, oder auch jüngeren Lehrern, die das Yoga zu einer ernst zu nehmenden Körperkunst entwickelt haben. Es ist eine persönliche Entscheidung, ob man eher einer bestimmten Linie und festgelegten Traditionen folgen möchte, oder ob man individuell weiter forscht und auch weitere Einflüsse zulassen möchte. Da ich neben dem Yoga auch Bewegungskünste wie Feldenkrais, Body-Mind Centering, Zeitgenössischen Tanz und Tango Argentino sehr spannend finde, überwiegt bei mir vielleicht der Aspekt der eigenständigen Suche nach der „richtigen Bewegung“.

Groß: An dieser Stelle muss man sagen, dass die USA viele großartige Entwicklungen angestoßen haben. Leider überdecken negativen Themen wie die NSA Affäre, Immobilienspekulationen oder die Gen-Food Debatte diese positiven Impulse. Die heutige Verbreitung des Yoga hängt sicher mit vielen dieser positiven Entwicklungen vor allem in Kunst und Musik der 50/60er Jahre zusammen, wichtig war die Hippie Bewegung oder der psychodelische Rock. Heute sind die Aspekte der Innerlichkeit im Esoterischen Sinne im Allgemeinen eher in den Hintergrund getreten. Stattdessen liegt die Betonung auf den Bekannten Yoga-Positionen und der bewusst geführten Atmung. Dennoch klingt das Innerliche noch heute in allen Yoga Schulen fühlbar in den Bewegungen mit. Dinge wie Aufmerksamkeit und Achtsamkeit spielen im Yoga eine bedeutende Rolle. Für mich ist die Tradition ausreichend sichtbar.


Seconds: Yoga im „Hier und Jetzt“ ist sicherlich ein Stichwort. Yoga besinnt sich auf das, was wir Menschen jetzt im Augenblick brauchen. Wie integriere ich Yoga in mein Leben, ganzheitlich, je nach Bedarf? Groß: Je getriebener wir im Alltag sind, durch Beruf, gesellschaftliche Veränderungen oder dem laufenden Stream an Neuigkeiten und Nachrichten, an dem wir hängen, umso mehr wird der Augenblick zu einem winzigen Moment zwischen dem schon vergangenen, dem letzten Posting und unserem nächsten Ziel und der nächsten Aufgabe, auf die wir in der Zukunft zustreben. Da fällt es vielen selbst im Yoga extrem schwer den Moment zu spüren. Anstatt um die ruhige Selbstwahrnehmung geht es um die pure Dehnung, die Gesunderhaltung des K��rpers oder um die Gewichtsreduktion. Den Moment erlebt man aber nur, wenn man vorübergehend die Vergangenheit Vergangenheit sein lässt und die Zukunft nicht im Vorfeld konstruiert. Erst dann kann sich der Moment ausdehnen. Zum Glück gibt es ein paar Eigenschaften, die das Yoga auszeichnen und besonders geeignet machen, um im Augenblick aufzugehen. Da ist zum einen die Atmung, auf die wir uns konzentrieren, zum Anderen durchforschen wir in den Übungen jeden Winkel unseres Körpers. Das ist schon ganz anders als beispielsweise einem Ball hinter her zu laufen und ein sportliches Ziel zu verfolgen. Am wenigsten Gelegenheit im Moment aufzugehen, bietet häufig das Berufsleben. Ist hier ein Ziel erreicht, wartet schon das nächste. Wie meistens liegt es am richtigen Maß von beidem. Einerseits sind Vergangenheit und Zukunft von großer Bedeutung für jede Entwicklung - auf der anderen Seite bleibt uns zum Leben und Genießen nur die Gegenwart, also das, was ich als „gut gedehnten Augenblick“ beschreiben würde. Seconds: Yoga soll also den Stresslevel senken, wie soll das funktionieren, wenn man so wenig Zeit hat? Der Alltag heutzutage lässt nicht mehr viele Optionen zu, obwohl wir scheinbar unerschöpfliche Möglichkeiten haben. Die ganze Zeit denkt man: „ich verpass vielleicht irgendetwas“. Ist das nicht genau das Gegenteil von Yoga? Gross: In der Angst etwas zu verpassen liegt schon der Blick in die Zukunft. Der kann eine starke Ablenkung mit sich bringen und oft verhindert er damit, dass wir uns mit einem Thema wirklich intensiv und genussvoll auseinander setzen. Nur in solchen Momenten kommt man aber zu wirklich spannenden Ergebnissen - und die sucht auch jedes innovative Unternehmen. Es lohnt sich also auch für Stressgeplagte, für Manager und Unternehmer, für alle Getriebenen, Yoga regelmäßig zu betreiben.

Seconds: Und wie kann man da noch die Ernährung integrieren, wenn mir das alles sehr aufwendig erscheint? Bioladen suchen. Vergleichen, was gesund ist und was nicht. Fleisch weglassen, können sich viele gar nicht vorstellen. Gross: Mit der Übung steigt das Körperbewusstsein und die Lust auf Fast-Food sinkt automatisch. Ein Prozess, der unerwartet einfach ist. Es macht einfach Spaß, sich vorzustellen wie der Apfel oder das frische Gemüse in meinem „Yogi-Körper“ ein Teil von mir selbst wird. Das funktioniert mit einem Billig-Burger einfach nicht. Seconds: Wie kann man besonders Männern, die Vorurteile gegenüber gesundem Essen haben, Lust auf „YOGA-Gerichte“ machen?

WIR VERLOSEN 5 GUTSCHEINE ÜBER EINEN MONAT YOGA FLOW TRAINING zu den allgemeinen Trainingszeiten

Am Sonntag den 16. März ist Tag der offenen Tür. Institut für Bewegungskultur WT & YOGA - Leichweg 1, 50968 Köln - www.wt-yoga.de

Zur Teilnahme senden Sie bitte eine E-Mail an: yogaflow@seconds.de Groß: Zuerst sollten die Gerichte auch wirklich lecker sein und Lust machen. Die vegetarische und vegane Küche fängt ja gerade erst an, sich in Deutschland zu entwickeln. Es muss sich auch in der Ausbildung von Köchen etwas ändern. Da steht ja immer noch der Chef oder die Chefin an der Bratpfanne und brät das Steak, der zweite Mann oder die zweite Frau kümmert sich um die Kohlenhydrate und die dritte Position darf den Salat anrichten. Das entspricht überhaupt nicht den Ansprüchen einer modernen Küche. Zum Glück hat heute kaum noch ein intelligenter Mann Lust auf Fleisch aus Massentierhaltung. Das ist schon ein guter Start. Das Bewusstsein wächst - auch bei Männern. Seconds: Was sind die größten Vorurteile gegenüber Menschen, die sich mit Yoga auseinandersetzen? Yoga und Business- ist das ein Widerspruch in sich?

Groß: Da es heute und auch in Köln eigentlich für jeden das passende Yoga gibt, sind die Vorurteile aus meiner Erfahrung extrem gering. Yoga ist gesellschaftlich akzeptiert. Gerade gebildete Menschen und die oberen Einkommensschichten betreiben Yoga und sehen es als eine Chance ein intensiveres und gesünderes Leben zu führen. In diesem Sinne sind Yoga und Business längst keine Gegenpole mehr. Ich kann mir trotz hoher beruflicher Belastung nicht vorstellen auf Yoga zu verzichten. Man bekommt jede eingesetzte Minute auf anderer Ebene zurück. Für den Start als Yogi und die Gewöhnung sollte man mindestens drei Monate lang mindestens ein Mal pro Woche trainieren. Probestunden sind an jedem Montag um 19.00 Uhr möglich. Das Interview führte Andreas Bastian

WIR VERLOSEN 5 YOGA-VEGAN KOCHBROSCHÜREN Vegane Vollwertküche für Körper und Geist

Schicken Sie eine E-Mai an: yogabuch@seconds.de - Biolance -

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Foto©photoshop effect distroy

Olfaktorisches Talent VON KATHARINA LEY

Der Geruchssinn ist in der Lage längst verblasste Erinnerungen, die mit einem bestimmten Duft verknüpft sind, wieder an die Oberfläche unseres Denkens zu befördern.

„Coco“ von Chanel und „Flowerbomb“ von Viktor & Rolf – meine zwei Lieblingsparfums seit Jahren. Irgendwann roch ich zum ersten Mal - das eine, wie auch das andere Parfum - und war auf eine wundersame Art angezogen von diesem Duft. Mein Geruchssinn signalisierte mir unmissverständlich: Das bist Du, das sind wir! Mach diesen Duft zu unserem, deinem Duft! Nichts leichter als das – ein Gang in die nächstgelegene Parfümerie, eine „Erleichterung“ des Portemonnaies um etwa 80,00 Euro und ich war im Besitz „meines“ Duftes. Verrückt einerseits: So viel Geld für eine Flüssigkeit auszugeben, die nicht mal ein grundlegendes Bedürfnis, wie essen oder trinken, befriedigt. Vollkommen verständlich andererseits, da der Geruchssinn in der Lage ist längst verblasste Erinnerungen, die mit einem bestimmten Duft verknüpft sind, wieder an die Oberfläche unseres Denkens zu befördern. So denke ich schon seit meinem Kindesalter an laue Sommerabende in Italien, sobald ich den Geruch von verbranntem Gras oder Heu rieche.

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Schon bei der Geburt ist unser Geruchssinn vollkommen ausgeprägt. Mit unseren etwa 30 Millionen Riechsinnzellen (unser liebstes Haustier der Hund ist mit 250 Millionen um einiges besser ausgestattet) könnten wir bis zu 10.000 Gerüche unterscheiden – doch das erfordert einiges an Training. Denn: Von der Assoziation, die ein bestimmter Geruch bei uns hervorruft, bis hin zur korrekten Benennung des Duftstoffes, ist es ein langer Weg für unser Gehirn. Riechen wir Nelken und Orangen, knüpfen wir vielleicht die Assoziation zu „Weihnachten“, doch bis zur Benennung des Gerochenen schaffen wir es selten. Dabei ist ein ausgeprägtes Geruchsorgan ein großer Gewinn für den Menschen. Denn der Geruchssinn ist eng mit unserem Geschmackssinn verbunden und beide ergänzen sich gegenseitig. Sobald wir etwas essen, trinken, oder auch rauchen, und von einem „guten Geschmack“ sprechen, ist dies das Resultat, welches durch das gustatorische (Geschmackssinn) und olfaktorische (Geruchssinn) Zusammenspiel unserer Sinne getroffen wurde. Unsere Sinne sind besonders – natürlich, das ist uns allen bewusst! Neben Krankheiten, wie Erblinden oder Taubheit, also der Beraubung des Augenlichts oder des Gehörs, kennen jedoch die wenigsten Menschen den Begriff für den Verlust des Geruchssinns. Dieser lautet Anosmie und kann schon durch eine Entzündung der Nase oder Nasennebenhöhlen entstehen. Für den Geruchssinn gilt hier wohl auch, was für vieles gilt, dass wir als selbstverständlich ansehen: Man weiß erst, was man hat, wenn es weg ist!

zuständig ist, können durch Gerüche Endorphine, also Glücksgefühle ausgestoßen werden. Worin die Begründung liegt, warum uns manche Gerüche so unglaublich glücklich machen. Um unseren Geruchssinn noch stärker in unser Genussempfinden einzubetten, bedarf es einer gezielten Schulung, die natürlich von unserer Eigeninitiative abhängt. Geben Sie Ihrer Nase Zeit, denn Genuss entsteht nicht unter Zeitdruck. Neben dem Zeitfaktor ist zudem die Intensität der Genusssituation relevant: Gelingt es Ihnen, sich voll und ganz dem Genussmoment hinzugeben, reichen oftmals einige Minuten aus. Natürlich ist Genuss individuell und ist nicht auf Rezept und mit Packungsbeilage erhältlich. Bei vorausgesetzter Genussfähigkeit, was bedeutet, dass nicht bewusst auf Genuss verzichtet wird und demnach keine Askese praktiziert wird, lässt sich das Genussempfinden über den Geruchssinn wunderbar trainieren.Bauen Sie dafür bewusst Pausen in Ihr alltägliches Leben ein. Geben Sie Ihrem Riechvermögen die Chance, Geruchsträger intensiver kennenzulernen. Das kann schon bei der täglichen Essenszubereitung geschehen. Natürlich wissen Sie, wie Knoblauch, eine Zitrone und geschmorte Zwiebeln riechen, aber nehmen Sie diese Gerüche einmal wieder ganz bewusst auf und versuchen selbst beim Essen, die Gerüche fokussiert herauszuschmecken und herauszuriechen. Es wird Sie überraschen wie Genuss erzeugend diese einfachen Übungen schon sein können.

Kaffeeduft kann höchst unterscheidlich wirken

Der Geruchssinn hilft uns nicht nur dabei, im Supermarkt das wohlriechendste Duschgel auszuwählen, festzustellen, dass die Milch schlecht ist und der Hund dringend gebadet werden müsste. Der Geruchssinn hilft uns vor allem dabei, die Welt in all ihren Facetten wahrzunehmen und zu genießen. Ein Frühlingsanfang, Kaffee, eine gutes Essen, frischgewaschene Wäsche, den Menschen, den wir lieben - das alles bleibt ohne unseren Geruchssinn fast farblos, irreal. In enger Verbindung zu unserem limbischen System, welches einen Bereich unseres Gehirns darstellt, der maßgeblich für die Emotionsverarbeitung und auch das Triebverhalten

Gönnen Sie Ihrem Körper die Düfte, die ihn ansprechen. In meinem Fall ist die Parfumwahl schon gefallen. Der richtige Duft ist erst dann gefunden, wenn Sie bei der Benutzung der Parfums regelrecht beflügelt und berauscht sind von dem Geruch und der Wirkung, die sich auf Ihrer Haut entfaltet. Mein Tipp: Geben Sie Parfümproben, die man in der Parfümerie geschenkt bekommt oder in Zeitungen findet, eine Chance: Jede Probe bekommt einen Tag auf Ihrer Haut! Und schnuppern Sie an ihren Freunden, oftmals haben die Menschen, die wir lieben schon einen Duft gefunden, der vielleicht uns selbst ebenso gefällt. So findet sich der Genuss im kleinsten Detail.

GENÜSSLICHE VERLOSUNG Wir verlosen zwei Plätze für ein exquisites Kaffeeseminar im GLISS Caffee Contor im Wert von € 110,00 Zur Teilnahme senden Sie uns bitte, bis zum 31.03.14 eine E-Mail an gliss@seconds.de Hier bekommt Ihr auch Seconds Hier bekommt Ihr auch Seconds - Biolance -

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Yoga Flow

NEO Vol.#1

Kurse: montags bis donnerstags, 19- 20 Uhr, samstags: 11- 12 Uhr Kindertraining: samstags 13- 14 Uhr Institut für Wing Tsun Kung-Fu

Gruppenausstellung mit Swoon (USA), Maya Hayuk (USA), Vhils (PT), Tilt (FR), Smash137 (CH), Stefan Strumbel (DE)

Yoga pflegt Körper, Seele und Geist, Yoga macht fit und ist Basis für viele andere Sportarten. Schlüsselelemente des Yoga sind das Dehnen, Längen und Weiten des Körpers in den klassischen Asanas. Weitere Aspekte sind die Kräftigung und Atemübungen. Der Trainer, Oliver Groß unterrichtet seit über 20 Jahren Kampfkunst und Yoga.

In der Ausstellung NEO Vol.#1 präsentiert die Kunstagentin aktuelle Arbeiten von hochkarätigen Künstlern aus der Urban Art Szene. Die ausgewählten Künstler haben sich zu bedeutenden Positionen in der jungen zeitgenössischen Kunstrichtung etabliert und sind bereits in musealen Ausstellungen und Museumssammlungen vertreten. Unter dem Titel NEO findet ab diesem Jahr die jährliche Frühjahrs-Ausstellung der Kunstagentin statt. Der Begriff NEO stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet neu, frisch, jung, aber auch außergewöhnlich und revolutionär. In dieser Ausstellungsreihe werden junge, internationale Künstler mit einem herausragenden Stellenwert in Köln präsentiert.

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Kölner Samentauschbörse

09. März von 14.00 - 17.00 Uhr Für alle Interessierten, kostenlos Die 2. Kölner Samentauschbörse wird veranstaltet vom Netzwerk Urbanes Grün Köln dem eva e.V. (betreibt u.a. ein Baumscheibenprojekt in Ehrenfeld).Neben der Möglichkeit zum umfangreichen Samentausch -oder Erwerb gegen Spende-, erfolgt u.a. auch ein kleines Kinderprogramm, die Vorstellung der in Köln aktiven Garten-Akteure, ein Info-Film über die gentechnik-veränderte Landwirtschaft, eva e.V., Herbrandstr. 10, Köln Ehrenfeld

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Eröffnung: 27.03.2014, 19-22 Uhr Ausstellung: 28.03. - 03.05.2014 Öffnungszeiten: Do - Sa,12-20 Uhr Die Kunstagentin - Maastrichter Str. 26 50672 Köln - www.diekunstagentin.de

„W.O.W. (What Once Was)“ a solo exhibition by Max Rippon Arty Farty Galerie

Die Ausstellung „W.O.W. (What Once Was)“ zeigt aktuelle Leinwand-Arbeiten und Skulpturen des Künstlers. Mit dem Ausstellungstitel bezieht sich Max Rippon auf die Vergänglichkeit der Dinge - der stetige Wandlungsprozess des Materiellen und Immateriellen. Passend zum Titel präsentiert Max Rippon seine neue „News Headlines“ Leinwand-Serie. Basierend auf der „Lettering-Technik“ des Künstlers, übermalt er und fragmeniert er Presseschlagzeilen. Er spielt hier mit der ephimeren Medienwelt und der fragmentierten Wirklichkeitswahrnehmung ihrer Rezipienten. Zur Ausstellungseröffnung erwarten die Besucher eine feurige Performance. 22. Februar 2014, 19h, fire performance 21h, bis 22. März __________________________________

Poesie Lounge I

”Jazz, Pop & Poesie” Kulturcafe Lichtung 08.März Der erste Teil der Poesie Lounge Reihe dreht sich um Poesie aus eigener Feder und Musik aus Allerwelt. Alexandra Stegh spielt Gitarre, singt und rezitiert ihre Gedichte aus dem Band „Poesie Lounge“. Pünktlich zum WeltFrauen-Tag.


Erschwingliche Duftkreationen bekommt man auch bei Equivalenza – Anfang November gab es die Eröffnung der Filiale in Köln, worüber der WDR unlängst bei MARKT berichtete. Wir trafen Peter Schlief Geschäftsführer, Inhaber des Kölner Shops und sprachen über die Besonderheiten und Ideen des Unternehmens:

Frage: Was ist das Neue am Konzept von Equivalenza? Equivalenza ist die erste weltweit operierende Marke für White-Label-Parfums. Wir verkaufen unsere ca. 150 verschiedenen Damen- und Herrenparfums offen in nachfüllbaren Flakons zu standardisierten Preisen in den Größen 30, 50 und 100 ml. Das ist neu und einzigartig und ermöglicht, qualitativ hochwertige Parfums zu optimalen Preisen zu verkaufen. Der Wegfall von teurer Werbung und Verpackung erlaubt es uns und dem Kunden, sich auf das einzig wesentliche zu konzentrieren: den Duft.

Seconds: Nach welchen Kriterien entwickeln Sie Ihre Düfte? In wie weit haben Sie etwas mit Markenparfums zu tun? Parfums unterliegen Moden, genau wie Kleidung oder Kosmetik. Deshalb bevorzugen ältere Menschen andere Düfte als junge. Unsere Parfumdesigner greifen diese Moden auf, und genau wie eine Kosmetikfirma jedes Jahr die Farben ihrer Nagellacke oder Lippenstifte leicht verändert, aktualisieren auch wir unsere Duftpalette, dass es dabei zu Überschneidungen mit Markendüften kommen kann, liegt in der Natur der Sache. Auch hier wieder der Vergleich mit Kosmetik: Es ist selbstverständlich, dass verschiedene Hersteller sehr ähnliche Rottöne vertreiben, und es ist ebenso selbstverständlich, dass verschiedene Parfumhersteller Düfte aus den gleichen Duftfamilien anbieten. Dabei handelt es sich bei uns aber immer um eigene Kreationen.

einem Duft suggeriert. In schätzungsweise 50% der Fälle führt das dazu, dass der Kunde einen Duft kauft der nicht optimal zu ihm passt. Bei Equivalenza geht es nur um den Duft, nicht um das Image. Der Kunde wird nicht manipuliert und kann frei entscheiden.

Wie finde ich meinen Duft? In allerester Linie die Organisation der Düfte. Bei Equivalenza sind die Düfte nach Duftfamilien geordnet, das ist für den Kunden nachvollziehbar und hilft bei der Entscheidungsfindung. Zusammen mit der einheitlichen Verpackung kann sich unser Kunde dadurch ohne Ablenkung auf einen für ihn interessanten Duft konzentrieren. Wie oft passiert es, dass jemand in einer traditionellen Parfümerie verloren vor dem Regal steht und nicht weiß, wo er/sie z.B. fruchtige Düfte findet. Dazu kommt die „Macht der Bilder“: Es wird ein bestimmtes Image zu

Seconds: Wie stellen Sie die Qualität Ihrer Parfums sicher? Die Qualität eines Parfums wird hauptsächlich durch 3 Faktoren bestimmt: Qualität der Komposition, Qualität der Essenzen und Qualität des Trägers. Wir verwenden als Träger nur natürlichen Alkohol (viele billige Importe benutzen synthetischen Alkohol). Unsere Essenzen kaufen wir rein nach qualitativen Gesichtspunkten bei den jeweils führenden Herstellern - also dort, wo auch die meisten anderen Parfumproduzenten einkaufen. Aber das Geheimnis un-

Bei Equivalenza erlaubt es gerade die Abwesenheit der Marken, sich bei der Entscheidungsfindung ganz auf den Duft zu konzentrieren. seres Erfolges bei den Kunden sind die Rezepturen. Der Erfolg beweist, dass diese denen bekannter Marken in nichts nachstehen. Die Haltbarkeit eines Duftes wird übrigens durch die verwendeten Essenzen bestimmt, nicht durch die Konzentration. Auch deshalb brauchen wir den Vergleich mit bekannten Marken nicht zu scheuen: das Feedback unserer Kunden in Bezug auf die Haltbarkeit ist durchweg positiv.

Neumarkt Galerie

(Untergeschoss am Eingang der U-Bahn) Neumarkt 2-4, 50667 Köln

Seconds: Was unterscheidet einen Equivalenza-Shop von einer traditionellen Parfümerie?

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Eine Reise durch die Welt der Aromen

Molekularküche schießt Tomaten in eine andere Dimension

VON MAGGI RÖSCHENKÄMPER UND ANDREAS BASTIAN

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Ein herausragendes Thema der heutigen Zeit ist alternative Ernährung, 12 Prozent der Bevölkerung ernähren sich in Deutschland mittlerweile vegetarisch. Der Großteil der deutschen Hausmannskost basiert auf Fleisch, und der Hauptgeschmacksträger in den Speisen ist Fett. Für eine Zubereitung ohne Fleisch benötigt man daher andere Strategien. Oliver Groß, Geschäftsführer des Rotondo Businessclubs, wollte es genau wissen und lud Heiko Antoniewicz, den Spezialisten für Molekularküche, ein, um ein veganes Sieben-Gänge-Menü zu kreieren. Bei dem Event war es möglich, den besonderen Zubereitungsmethoden des Küchenteams beizuwohnen. Wir trafen Heiko Antoniewicz und konnten ihn zu Aromen, Gewürzen und Molekularküche befragen. Seconds: Vegane Ernährung löst sicherlich diverse Vorurteile bei den Menschen aus. Wie sehen Sie denn den Bewegungsansatz? Antoniewicz: Wenn man über die typischen Veganer heute spricht, sind viele extrem jung und extrem bewusst mit dem, was sie tun. Dass man sie in die Ökoschiene drückt, ist falsch. Natürlich ist es ein weiterer möglicher Ansatz, dass man sich mit der Ökologie auseinandersetzt. Nicht alle Lebensmittel, die wir hier verarbeiten, müssen biologisch zertifiziert sein. Es können auch regionale Produkte sein. Ich kann mich dann trotz alledem auch vegan ernähren. Das heißt, letztendlich ist es dann nur der Verzicht auf tierische Produkte. Seconds: Welche Unterschiede gibt es in der veganen Küche? Gibt es da Standards, oder ist jedes Diner speziell? Antoniewicz : Es gibt da Unterschiede. Natürlich gibt es viele, die überhaupt keine tierischen Produkte essen – das ist die Grundvoraussetzung –, auch nichts, das von Tieren geerntet worden ist, z.B. Honig, der dann auch tabu ist –, aber auch solche, die dann nichts Tierisches an sich

tragen. Eine weitere Steigerung in der veganen Küche: Es gibt Veganer, die nur Rohkost zu sich nehmen. Dies ist eine weitere Stufe.

VERARBEITUNG Seconds: Sie sind ja Spezialist für die Molekularküche. Wenn das Gemüse in Vakuum gegart wird, gehen keine Inhaltsstoffe verloren. Antoniewicz: Diese Vorgehensweise haben wir für das heutige vegane Menü genutzt, also die ganz klassische Stickstoff-Methodik, um den Eigengeschmack der Produkte herauszustellen. Einfache Dinge wie Topinambur oder Karotte werden dann auf einmal zur Delikatesse. Es macht natürlich Sinn, diese nicht einfach in einem Topf mit Wasser auslaugen zu lassen, sondern in einem geschlossenem Umkreis, sprich Vakuum, punktgenau zu garen. Das ist das, was wir heute als Team machen. Wir finden den Geschmack immer wieder gut, und beim Essen geht es um nichts anderes. Seconds: Natürliche Aromen! Wir wissen, heutzutage schmeckt vieles nach nichts mehr. Wenn der Konsument heute ein Schokocroissant bestellt, besteht der Aufguss meist nur aus Gelatine, da ist gar keine Schokolade mehr drin. Und das Gemüse hat oft kaum Aromen. Antoniewicz: Ja, ich finde es auch schlimm, dass es, wenn man auswärts essen geht, überall identisch schmeckt. Gerade durch das Vakuumgaren entwickelt sich das vollkommene Aroma. Und auf der anderen Seite kann ich durch die Vielfalt der Aromen auf Salz und andere Gewürze fast verzichten, sie weniger, aber dann konsequenter einsetzen.

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AROMA Seconds: Dann sind Aromen ja speziell für die vegane Küche wichtig. Antoniewicz: Ja, das ist tatsächlich der Fall, es ist aber komplizierter, als es tatsächlich ist. Es gibt für jedes Lebensmittel ein Gewürz-Pendant, mit dem man Geschmack, ich sage mal: potenzieren kann, ohne ihn zu überlagern. Ganz klassisch ist die Kombination: Blumenkohl mit Muskat. Durch die Muskatnuss potenziert man den Eigengeschmack des Blumenkohls, auf der anderen Seite überdeckt man die Schwefelgase ein bisschen, die im Blumenkohl immer wieder durchkommen. Da wir über Muskat reden: Zu Beginn meiner Kochausbildung hat mein Küchenchef mir eine Muskatnuss gegeben und gesagt: So, die reicht jetzt für die nächsten drei Jahre. Was er mir damit vermitteln wollte: sie fein zu dosieren und sparsam einzusetzen, dann macht es Sinn. Meist erlebt man den Blumenkohl mit Muskat leider überwürzt. Seconds: Probieren geht über Studieren? Antoniewicz: Ja, welches Aroma passt optimal zu den anderen Lebensmitteln. Da kommen manchmal wilde Sachen `raus, wie etwa Lachs mit Lakritz, wie Mangold mit Olivenöl. Aber diese Dinge sind, harmonisch aufeinander abgestimmt, ein wirklich absoluter Genuss.

Geröstete Linsen mit authentischem Aroma

Einfach nur spannend Seconds: Kommen Gäste und fragen nach den Zutaten? Antoniewicz: Wir gehen offen mit dem um, was wir tun. Ich halte nichts davon, aus meiner Arbeit ein Geheimnis zu machen. Jeder hat seinen eigenen Stil in der Küche. Ich adaptiere viele Ideen und wende sie in meiner Küche an. Seconds: Bei Gemüse kommt keine Langeweile auf? Antoniewicz: Nein, wir haben so viele Gemüsesorten, die der Konsument heute gar nicht im Fokus hat. Das ist extrem wichtig für uns als Küchenteam, da noch einmal hinzugucken und die Verarbeitungsmethoden für uns zu erschließen. Und wir sind noch lange nicht am Ende. Das ist ja auch ein bisschen Tradition. Im Supermarkt hat man früher fünf verschiedene Sorten einer Gemüseart gehabt, heute gibt es eine deutlich größere Auswahl – was aber dazu führt, dass wir den Speiserhythmus der Jahreszeiten verlieren. Aber der Körper gibt uns die Signale: Im Winter gelüstet es mich nach anderen Speisen als im Sommer – und genau so sind die Sachen ja auch gewachsen, genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten; das muss man so verstehen. Wer isst im Winter gerne Tomaten? Sie schmecken nach Wasser. Seconds: Wie viel Prozent der Wahrnehmung muss man überhaupt zurückschrauben, wenn man davon ausgehen kann, dass Nutella und Cola so sehr in den meisten Köpfen verankert ist? Diese Sachen sind so übersüßt, überwürzt, vollgestopft mit

Transfetten. Kann man die Leute mit rein pflanzlichen Gerichten direkt erreichen, oder müssen sie sich auf einen Lernprozess einlassen? Antoniewicz: Es ist sicherlich neu. Es gibt natürlich viele, die sagen: Das ist nichts für mich. Die wollen auf ihr Fleisch nicht verzichten. Wenn ich mich vegan ernähre, brauche ich auf der anderen Seite keinen Veggie Burger oder Veggie Döner. Oder Sojaschnitzel. Ich brauche diese Bezeichnungen für meine Art und Weise des Genusses nicht, da ich nicht das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt. Das ist der Ansatzpunkt, an dem viele dann sagen: Ich brauche das allein der Bezeichnung wegen.

GEWÜRZE Seconds: Wie sieht es mit Gewürzen aus? Diese werden ja auch je nach Jahreszeit geerntet. Antoniewicz: Es gibt natürlich unterschiedliche Jahreszeiten für Gewürze, und am besten kann man diese tatsächlich auch trocknen. Kräuter sind vorzugsweise frisch zu verarbeiten, so kann man das Aroma am besten lösen. Wir beschäftigen uns auch mit ganz schrägen Sachen. Wir denken, dass nicht nur durch Hitze ein besseres Aroma generiert werden kann – etwa wenn man Rosmarin zum Braten in die Pfanne legt–, sondern auch durch Kälte. Mit Kälte kann man genauso – wenn nicht sogar besser – Aromen lösen. Wir arbeiten mit flüssigem Stickstoff. Damit löst man wesentlich schneller und besser Aromen und kann man sie auch ganz gezielt hinzufügen. Wenn man das erzählt, wird man na-

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Teamwork wird bei sieben Gängen und 80 Gästen ‚Groß‘ geschrieben türlich schräg angeguckt, aber das find` ich nicht schlimm, denn jeder riecht und schmeckt den Unterschied.

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Seconds: Eine spannende Sache. Was ist denn an dem Stickstoff so speziell? Wie werden die Öle, Aromastoffe gelöst? Antoniewicz: Die gesamte Feuchtigkeit im Gemüse wird von jetzt auf gleich kristallisiert, in der Essenz bilden sich jedoch keine Kristalline, und Sie können das Ganze direkt zerdrücken. Durch das Zerdrücken lösen sich dann die ätherischen Öle. Bis heute wird in vielen Kochsendungen erzählt, dass sich beim Anbraten von Fleisch die Poren schlössen – das hört man immer wieder. Fleisch hat keine Poren. Dieser Irrtum ist einem der größten Chemiker zu verdanken, den wir haben, dem Herrn Liebig. Er hat uns auch viele sehr gute Informationen beschert; da hat er sich aber leider getäuscht.

KÜCHENGEPFLOGENHEITEN Seconds:Ich merke schon, Sie finden also auch, dass sich das Bewusstsein zum Lebensmittel in der Profi-Küche geändert hat. Antoniewicz: Ja, so ist es. Der Umgang mit Lebensmitteln gestaltet sich zunehmend bewusst, und viele Köche wissen mittlerweile, dass unsere Rohstoffe endlich sind, besonders wenn man über Fisch redet. Wenn ich mir überlege, dass es innerhalb der nächsten 40 bis 50 Jahre vielleicht keine wild fangbaren Fische mehr gibt... Und da muss ich natürlich heute schon darüber nachdenken, was bald auf uns zukommt. Ich bin ja ein bekennender Molekularkoch. In den Ideen der Molekularküche oder in ihrer Tiefenphilosophie ist ja eines verankert: jedem Lebensmittel den gleichen gastronomischen Stellenwert zu geben. Das heißt, dass man den Gästen in den Restaurants natürlich auch zunehmend vegetarische Akzente anbietet. Als man vor 15 Jahren damit anfing, in vielen Restaurants auch molekular zu kochen, hatte das noch kaum einer realisiert. Das, was in den Köpfen hängengeblieben ist, ist das Arbeiten mit Stickstoff – man schäumt auf und macht damit irgendwelche komischen Sachen. Diese Methode ist nun mehr und mehr in unsere Küche implementiert, und wir haben damit auch recht großen Erfolg. Seconds: Ja, ich stelle mir die Küche vor zehn, fünfzehn Jahren vor: Die Arbeit war schlecht bezahlt, da war Hektik drin... Antoniewicz (lacht): So ist es immer noch! Seconds: Aber in dem Sinne – das war ja ein ganz anderes Erleben als heute. Dieses Bewusstsein hat sich doch auch innerhalb der Küche geändert.

Antoniewicz: Ja, das dauert noch ein paar Tage, bis es wirklich mal durchgeschlagen ist. In der Ausbildung sieht die vegetarische, vegane Küche im Standardrestaurant dann folgendermaßen aus: Man sitzt vor dem Gemüseteller, beim Blumenkohl mit Sauce hollandaise – ups, da ist ja Ei drin, wenn man auf die Packung guckt... Entschuldige, wenn ich das so überspitzt formuliere, aber es ist tatsächlich so. Und die nächste Generation von Köchen, die wird dies merken. Ich denke, da haben wir noch eine große Aufgabe vor uns. Seconds: Ich meine, da ist der Konsument ein bisschen mit am Ball. 1995 waren es hierzulande noch 0,01 Prozent der Konsumenten, die sich vegan ernährten, und mittlerweile leben tendenziell 800.000 Menschen in Deutschland vegan. Antoniewicz: Im Moment ist es noch sehr modern oder hipp, sich vegan zu ernähren. In anderen Kulturkreisen gibt es das Thema erst gar nicht: In Indien isst man ganz selbstverständlich vegetarisch oder vegan. Dort ist der Begriff schlichtweg unbekannt.

VEGAN DENKEN Seconds: Finden Sie, dass das Essen in Deutschland zu billig ist? Antoniewicz: Ja, definitiv. Ich würde raten, nicht zu preiswert anzubieten. Manchmal kann man die Preise in Restaurants gar nicht erzielen, die man erwirtschaften möchte, wenn man eine sehr gehobene oder gute Qualität servieren mag – das funktioniert eben leider nicht. Und nicht nur in der Spitzengastronomie; das zieht sich bis in die letzten Restaurants. Seconds: Wie viel vegane Küche empfehlen Sie persönlich? Nicht ausschließlich vegan, sondern ab und zu vegan – was halten Sie davon? Antoniewicz: Was uns heute abhanden gekommen ist, ist ein Bewusstsein für den eigenen Körper. Wenn der eigener Körper sagt: Heute habe ich keine Lust auf Fleisch – dann esse ich keines; aber dafür muss ich natürlich auf mich achten, auf mich hören. Wenn ich dieses Bewusstsein wiedererlange – auch wenn das etwas abgedreht klingen mag –, dann merke ich: Heute ist mir nicht nach Fleisch. Wenn ich in die Historie zurückblicke – meine Oma hat den Speiseplan ganz anders geschrieben. Rotkohl, Kartoffeln mit Sauerbraten gab es am Sonntag, Fleisch einmal die Woche. Das hat sich geändert. Ich will keine Empfehlung abgeben, merke persönlich nur, dass ich meine veganen Phasen heiß und innig liebe. Ich muss dann auch keinen Hunger leiden. Vielleicht auch deswegen, weil ich mit Lebensmitteln umgehen kann, würzen kann. Ich

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Learning by doing: Eigene Rezepte in der veganen Küche benötigen einiges Ausprobieren

empfinde Veganismus nicht als Last. Wenn man dies als Bürde aufnimmt, z.B. sagt: „Ich muss jetzt unbedingt abnehmen.“, dann ist es meistens schon zu spät, denn dann wird es anstrengend. Wenn ich diese vegane Phase betreibe, verliere ich wirklich Kilos – und ich esse BERGE! (lacht) Seconds: In dem Kontext wäre Veganismus statt Fasten interessant? Antoniewicz: Ja, oder basisch vegan: all das, was der Körper sauer verstoffwechselt, weglassen. Dazu gehört leider auch der leckere Latte macchiato, jeder Espresso, schwarzer Tee. Und am besten nach 19 Uhr nichts mehr essen. Seconds: Also verändert eine vegane Ernährungsumstellung das Leben? Antoniewicz: Die Menschen werden wach. Denn der Zuckerpegel liegt heute extrem hoch, und hinterher fallen die Leute immer wieder in ein tiefes Loch. Wenn ich mich vegan ernähre, kriege ich keine Fressattacken. Man bleibt insgesamt ruhiger. Natürlich kann man sich auch „vegan ungesund“ ernähren: mit Kartoffeln und Pommes Frites. (lacht) Seconds: Ist veganes Kochen nicht teuer und aufwendig? Antoniewicz: Das hält sich, denke ich, in der Waage. Auch bei tierischen Lebensmitteln muss auf eine gute Qualität und Zubereitung geachtet werden. Somit muss ein veganes Menü nicht teurer sein als ein konventionelles. Seconds: Gibt es noch Gründe, Fleisch zu essen? Antoniewicz: Eigentlich nicht. Der einzige Grund, der bleibt, ist der Appetit darauf. Lust und Genuss. Wenn dies so im Einklang steht, habe ich überhaupt nichts dagegen. In Deutschland werden alleine 60 Millionen

Schweine jedes Jahr aufgezogen und geschlachtet, das muss man erstmal sacken lassen. Da sind noch keine Rinder, Lämmer und Hühner mitgezählt. Und wo geht es hin?! Seconds: Wie tankt man bei einer veganen Ernährung tierisches Eiweiß und Fette? Gibt es spezielle „Pusher“ in dem Sinne? Antoniewicz: Jeder Veganer kennt sich mit seinem Essen und seinen Bedürfnissen total gut aus. Er weiß ganz genau, woher er seine Kraftquellen bezieht. Mich überrascht immer wieder, wie tief diese Menschen im Thema sind, wie extrem gut sie sich auskennen. Ein Beispiel ist das wichtige Vitamin B17 – Veganer futtern Apfelkerne. In den Medien hingegen wurde hinsichtlich veganer Ernährung viel Angst gemacht. Bis heute gibt es keine offizielle Empfehlung in Deutschland, sich vegan zu ernähren. Von daher informiert sich der Veganer selber, auf welchem Wege er an Fettsäuren oder bestimmte Vitamine kommen kann. Seconds: Wir haben von der Sensibilisierung gesprochen: Sie sagten so schön, der Veganer wisse genau, welchen Stoff er wann braucht. Die Sensibilisierung in der Gesellschaft stelle ich mir nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag schwer vor. Wie finde ich die Ruhe dafür? Antoniewicz: Der erste Schritt ist, zu sich selbst zu finden. Sich vegan zu ernähren, setzt eine bestimmte Einstellung zum Leben voraus. Veganismus ist Bewusstsein, dieses beginnt im Kopf. Sie sind mit Ihrer Arbeit zufrieden, Sie können Ihre Freunde gut leiden. Ich glaube auch, dass, wenn man Selbstzufriedenheit ausstrahlt, man diese wiederbekommt. Und dann werden Sie insgesamt zufriedener. Seconds: Vielen Dank für das Interview!

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WIR VERLOSEN 2 FINGERFOOD BÜCHER Von Heiko Antoniewicz

Schicken Sie eine E-Mai an: fingerfood@seconds.de Einsendeschluss 31.03.2014

ZU HEIKO ANTONIEWICZ: ER hat seinen ausgezeichneten Ruf als Koch im Laufe der letzten 20 Jahre an vielen Stationen unter Beweis gestellt. Heute ist er Geschäftsführer der Antoniewicz GmbH. Er steht als Berater in Sachen Produktentwicklung und Qualitätsmanagement Unternehmen aus Gastronomie und Industrie zur Seite. Seine Leidenschaft für innovative Themen und außergewöhnliche, überraschend unkomplizierte Rezepte findet in seinen fünf Büchern Ausdruck, die alle zu Bestsellern avancierten und ausgezeichnet wurden.


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ANGEBOTE IN KÖLN SIND VIELFÄLTIGER UND SPANNEND

VON ANDREAS BASTIAN Bei dem letzten Besuch in der Buchhandlung, stieß ich auf einen Bücherstapel der „111 Reihe von Emons“. Lecker essen ist ein Reiseführer für den Gaumen quer durch das gesamte kulinarische Spektrum der Domstadt. Über was wurde in Köln noch nicht berichtet? Das beste Restaurant Kölns, das „Le Moissonnier“, eine Imbissbude, egal ob eine der besten deutschen Bars, das „Shepheard“, oder über den Fischstand auf einem Wochenmarkt, egal ob die Metzgerei oder das Café. 111 Mal. Interessanterweise gliedert sich das Buch nicht über Stadtteile oder Spezialitäten, sondern alphabetisch. Von A wie A Caravela bis Z für Zoo Köln. Die Texte sind durchweg liebevoll geschrieben. Kritische Anmerkungen sind nicht dabei, schlechte Erfahrungen kann man überall machen, daher ist dieser „Restaurantführer“ ein typisch kölsches Produkt. Die üblichen Verdächtigen fehlen natürlich nicht, allerdings sind auch höchst ungewöhnliche Orte dabei. Wir hatten die Gelegenheit mit Carsten Henn über die Erlebnisse und Motivationen zum Buch zu sprechen. Seconds: Sie haben in diesem Jahr zusammen mit Torsten Goffin einen besonderen Gastroführer für Köln herausgebracht. Was macht ihn denn so besonders? C. Henn: Dass wir nicht mehr zwischen U- und E-Kulinarik unterscheiden, wir also Sternerestaurants - Originell -

‚ 111 mal lecker essen in Köln‘ und Currywurstbuden völlig gleich behandeln. Jeder hat eine Seite Text, eine Seite Foto, und das Ganze ist alphabetisch sortiert. Wer heute gerne isst, der tut dies manchmal gern am fein gedeckten Tisch, und ein andermal mit einer Kleinigkeit zwischendurch. Zudem haben wir klare Essensempfehlungen gegeben. Also nicht nur: da musst du essen. Sondern auch: Das solltest du dir dort nicht entgehen lassen. Seconds: Ist das so eine Art Geheimtipp-Lüfter? C. Henn: Auch, ja. Einerseits sind die Tipps drin, ohne die ein Kölner Essensführer nicht auf den Markt kommen kann, sei es nun „Lommerzheim“ oder das „Le


DER GEWORDEN‘ Beim nächsten Zoobesuch die Bockwurst nicht vergessen C. Henn: Beim Essen geht es nicht nur um die Speisen, sondern auch um das Drumherum. Essen ist immer ein Erlebnis und das Restaurant die Bühne der Aufführung. So eine Bühne wie ein Rheinschiff musste deshalb mit rein. Wo gibt es das denn schon? Man kann seinen Sonntag kaum besser beginnen als mit einem Brunch auf dem Rhein.

Die Falafel in der jüdischen Synagoge

Moussonnier“. Andererseits beinhaltet das Buch viele Restaurants, von denen selbst kölner Viel- und Gerneesser sicher noch nichts gehört haben. Seconds: Wie kommt man auf eine solche Idee, es gibt doch mehr als genug Gastroführer für Köln? C. Henn: Aber so einen noch nicht! Deshalb musste er auch geschrieben werden! Frischer Wind ist immer gut. Seconds: Wie stellten Sie die verrückte Auswahl zusammen? C. Henn: Wichtig waren uns gute Grundprodukte, sorgsame Zubereitung und das gewisse Extra, was man so nicht noch einmal findet. Manche Restaurants wurden vorrangig wegen ihrer Geschichte ausgewählt, andere wegen der besonderen Atmosphäre, aber alle wegen der Qualität des Essens. Das bezieht sich auch ganz ausdrücklich auf die Bockwurst im Zoo. Seconds: Erlebnis-Gastro auf einem Rheinschiff ist auch dabei, wie kommt man denn Sonntag auf die Idee auf einem Dampfer zu brunchen?

Seconds: Besonders ungewöhnlich fanden wir die Falafel in der jüdischen Synagage. Voranmeldung, Überwachungskameras und Sicherheitsschleusen? Haben Sie damit ein Tabu für sich durchbrochen?

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C. Henn: Nein, wieso? Ein faszinierendes, bereicherndes und leckeres Erlebnis ist es dort zu essen. Und auch Rheinisch-Katholische, wie ich sind dort herzlich willkommen. Seconds: Das Buch gilt als Liebeserklärung an deine Heimat – Hat sich die kölner Gastro in den 25 Jahren, wo Sie hier leben, verändert, gebessert? C. Henn: Sie ist viefältiger und spannender geworden. Wer heute eine kulinarische Weltreise machen will, muss die Stadt nicht mehr verlassen. Einzig im Bereich der absoluten Spitzenküche haben andere deutsche Großstädte zurzeit mehr zu bieten. Aber mit der Neueröffnung des Domhotels werden wir in dem Bereich sicher etwas aufholen. Vielen Dank für das Gespräch. Das Buch ist vom EMONS-Verlag für 14,95 erhältlich – ISBN 978-3-95451-214-0

Wir verlosen drei Exemplare: 111 MAL LECKER ESSEN IN KÖLN Senden Sie eine E-Mail an emons@seconds.de Gültig bis zum 31.03.2014 www.seconds.de


Mittwoch, 26.02.2014 – 20:00 Uhr LIEBESSCHLÖSSER

Samstag, 01.03.2014 – 20:00 Uhr LIEBESSCHLÖSSER

Ich bau‘ dir ein Schloss VON ANDEAS BASTIAN Unser ganzes Leben dreht sich ums Überleben und um Aufmerksamkeit. Durch die vielen Bindungen und Windungen ergibt sich rein zufällig ein Gefühl, das man medizinisch als „am-Rande-einer-Psychose“ bezeichnet, persönlich ist es jedoch eine willkommene Abwechslung zum täglichen Stress. Mal so richtig die Sau rauslassen, sich treiben lassen, Probleme und Problemchen wegblasen, Geld ausgeben, das man nicht hat. Sinnlos lächelnd durch den Park laufen, jeden einzelnen Federkern der Matratze kennenlernen, seiner Welt ein Stück weit entrücken und was man sonst noch in der schönsten Stadt Deutschlands so veranstalten kann.

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Entweder ist die Stadt dauerbesoffen oder völlig durchgeknallt; so etwas von sich zu behaupten, kann man meinen, aber tatsächlich ist es nach einer Forsa-Umfrage so, dass sich die Menschen in Köln sehr gerne verlieben. Nicht umsonst gibt es alle möglichen Veranstaltungen zu diesem Thema. Köln für Verliebte, Affärenzimmerchen und Hotels noch und nöcher. „Isch han dich gewarnt“ – so der Lieblingsspruch meiner Mutter, wenn irgendwas in die Hose gegangen war. Und woran man bei Beziehungsfällen in Köln so alles denken sollte, das hört man in den vielen Liedern der Bläck Fööss, die uns anscheinend ihr ganzes Leben lang warnen und aufklären möchten. Ab 2090 gibt es sie bestimmt als Blechpolizisten auf Kölner Straßenkreuzungen.

Mir klääve am Lääve Der größte Stress beim Beziehungsfinden ist wohl der Entzug, obwohl man sich nachher ständig auf der Pelle hängt. Der Tag hat in dieser Beziehungsepoche anscheinend mehr als 24 Stunden. Weil irgendwie kommt es einem wie eine Ewigkeit vor, wenn man auf seine Liebste wartet. Ständig überfällt die Verehrte des Mannes Gedankenwelt und fährt Rollschuhe über die eigenen Gefühle. Man könnte die Welt völlig neu erfinden; es erscheint zumindest nicht unmöglich. In dieser Phase der Beziehung könnte man jeden Moment einrahmen und ins Wohnzimmer hängen. Schmachtend triefende Liebesbriefe von einer nie da gewesenen Dimension.

Dass dies wohl sehr oft in Köln vorkommt, sieht man an den zahllosen Liebesschlössern an der Hohenzollernbrücke in Köln. Der ewige Bund im Sternenbild der Liebesschlösser. Ein Schloss bekommt man zum Beispiel auf der Deutzer Freiheit bei „Köln-Buch“, einem supernetten Antiquariat. Auch unser Köln-Magazin ist übrigens dort erhältlich. Den frisch Verliebten wird dort gerne geholfen, Herzen in allerlei Farben und Ausführungen zu erstehen. Kunststoffschlösser sind zwar out, doch die mittlerweile auf 16.000 Liebesschlösser angewachsene Schlüssellochschar beeinträchtigt die Statik der Hohenzollernbrücke wohl nicht ganz unerheblich. Aber es wurde noch kein Liebesstatiker gefunden, der all die Schlösser aus Bindungen, die noch funktionieren, und solchen, deren Funktion wohl erloschen ist, begutachten würde. Denn die Geschichten, die diese Schlösser zu erzählen haben, wiegen schwerer als jedes Eisen. Wir empfehlen jedem Liebesschlosspaar, sein Schloss an den oben genannten Terminen zu „schließen“, denn an diesen Abenden kann man im „Theater der Keller“ der Wahrheit ins Auge blicken und sich bei einem leckeren Kölsch auf das gefasst machen, was nun auf einen zurollt. Die Revue „Liebesschlösser“ hat es in sich. Sie erzählt die Geschichten aus tausendundeinem Schloss. Für diejenigen, die es gerade verschlossen haben, aber auch für solche im Präventivbereich ist der Vorschlossunterricht nicht zu missachten. Deutsche, kölsche und englische Songs – teils a cappella, teils in Neoprenanzügen vorgetragen – helfen einem, im Notfall vielleicht nicht im Trüben zu fischen und für alle Beziehungsrelevanzen der Zukunft eine Lösung parat zu haben. Highlight ist die Interpretation von Dreamer: „Take a dream on a Sunday, take a life, take a holiday, take a lie, take a dreamer, take a bottle of lager Koelsch, love your girl and live your life... this ist Cologne!“ Kultstatus, die Begleitung am Piano; man möchte förmlich aufspringen und den alten Zeiten Tribut zollen; doch für den Tribut sorgen die Protagonisten, mit einer Zeitreise durch die Musikwelt der Neunziger und den Millennials-Clouds des neuen Jahrtausends. Jackson, Price, O`Conner. Mit 60 Minuten über die Ereignisse an der Hohenzollernbrücke und solche, die es werden könnten. Und für alle Fälle, wenn uns die Frage überkommt:

„What is love?“ - Originell -


Samstag, 08.03.2014 – 20:00 Uhr LIEBESSCHLÖSSER

Sonntag, 09.03.2014 – 18:00 Uhr LIEBESSCHLÖSSER

Sonntag, 30.03.2014 – 18:00 Uhr LIEBESSCHLÖSSER

Geschichten aus tausendundeinem Schloss

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Foto©Dominik Herz-www.corcordis.de

Dream on a sunday, take a life, take a holiday, take a lie, take a dreamer, take a bottle of lager koelsch, love your girl and live your life… this is cologne!” - Originell -


Made in Cologne

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Foto©hafervoll

Schnauze voll vom Job Enttäuscht von der Industrie Leere Werbeversprechen, ellenlange Zutatenlisten und in Snacks versteckter Zucker führten dazu, dass der Gang in den Supermarkt für die beiden Gründer Robert Kronekker und Philip Kahnis regelmäßig mit Resignation verbunden war. Besonders kritisch beäugten die Müslibäcker aus Kölle dabei die verschiedensten Müsliriegel-Angebote, die als gesunde Energiesnacks verkauft werden, jedoch im Grunde bloß getarnte Mogelpackungen für Aromen, billiges Füllmaterial und chemische Zusatzstoffe sind. Die beiden Müsliriegeltester fühlten sich regelrecht von der Industrie verarscht, weshalb sie schließlich den Schluss zogen: „Das können wir besser machen!“ Sie schmissen ihre Jobs, schrieben einen Businessplan und entwickelten in Fleißarbeit den ersten zu 100 Prozent zusatzstofffreien Müsliriegel. Ihr Gedanke: den verstaubten Müsliriegelmarkt zu revolutionieren und jedem Konsumenten die Möglichkeit zu geben, sich kompromisslos gesund zu ernähren.

Croudfunding half bei Finanzierung HAFERVOLL Müsliriegel sind eigentlich keine Müsliriegel, sondern Flapjacks. Es verwundert dabei nicht, dass keiner diesen Begriff kennt, denn ursprünglich stammen Flapjacks aus England. Dort werden seit Jahrhunderten die kleinen Energiepakete auf traditionelle Weise von Hand gebacken. Von den Engländern inspiriert, brachten Kronekker und Kahnis die besondere Produktionsweise nach Deutschland. In 317 Kü- Made in Cologne -

chenversuchen feilte das junge Startup an der perfekten Rezeptur, während es sich eine Menge Shitstorm von der Industrie anhören musste: „Das ist nicht möglich, wie soll das halten, ohne Zucker wird das viel zu teuer“. Jenseits der Abwehrhaltung aus der Lebensmittelindustrie erfuhr das Duo aber auch enorme Unterstützung vonseiten ebenfalls enttäuschter Verbraucher. Das Zauberwort hieß „Crowdfunding“. Crowdfunding – oder wörtlich übersetzt: „Schwarmfinanzierung“ – bezeichnet den Zusammenschluss mehrerer Personen auf einer Plattform, um ein bestimmtes Projekt finanziell zu unterstützen. Nach 90 Tagen hatten Kronekker und Kahnis eine Summe von insgesamt 10.000€ gefunded, mit der sie ihre erste große Testproduktion verwirklichen konnten.

„Chemical Brothers“ Marktführer und Monopoly „Wir wollen Müsliriegel backen“, so Robert Kronekker, Produktentwickler und Ernährungswissenschaftler. Daher wird jeder ihrer Flapjacks – im Gegensatz zu herkömmlichen Riegeln – nicht gepresst (extrudiert), sondern mit viel Liebe von Hand gebacken und geschnitten. Selbst eingefleischte Müslihasser lassen sich von den besonderen Röstaromen und der saftigen Konsistenz der Riegel überzeugen.


Von einem gesicherten Arbeitsplatz in das Haifischbecken der Selbstverwirklichung

Ein Blick auf handelsübliche Müsliriegel zeigt: Zutatenlisten mit bis zu 40 Zutaten in unverständlichem Lebensmittelindustrie-Kauderwelsch machen nicht unbedingt Appetit auf mehr. Dazu kommt das wenig verlockende Kleingedruckte auf einigen Riegeln: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“. Hochglanzbilder von Nüssen, Kernen, Getreide und erntefrischen Früchten auf den Verpackungen der marktführenden Produkte gaukeln dem Verbraucher oftmals ohne Hemmungen gesunde Inhaltsstoffe vor, die so im Produkt kaum zu finden sind. „Wir wollten keinen Maltitsirup, keine Emulgatoren, Aromen und sonstigen Chemieschrott“, erklärt hingegen Philip Kahnis als erfahrener Vertriebler im Food-Sektor. Mit Stolz behaupten die beiden Riegelrevolutionäre, die kürzeste Zutatenliste zu bieten; bestes Beispiel etwa ihr „Flapjack Kakao-Haselnuss“. Zutaten: „Haferflocken, Sonnenblumenöl, Honig, Haselnüsse und Kakao mit echten Kakaobohnenstücken.“

Mittlerweile zählen mehrere regionale Partner zu den ersten Verkaufsstätten; eine bequeme Lieferung bietet auch der Onlineshop unter www.hafervoll.de an. Die meisten Snacks werden von Herstellern so entwickelt, dass der Blutzuckerspiegel kurz ansteigt und rasch wieder abfällt, wodurch schnell erneut ein Hungergefühl entsteht.

Sattwerden in 7 cm Ursächlich hierfür sind eindeutig die Unmengen an zugefügtem Zucker. Die beiden HAFERVOLL-Bäcker legen größten Wert auf Qualität und verwenden daher ausschließlich tatsächliche Sattmacher, wie z.B. Leinsamen, Mohn, Sesam und viele weitere Ballaststoffträger, für langanhaltende Energiereserven. Dass solch ein Riegel nicht nur als Snack am Morgen durchgeht, sondern auch im Büro zum leckeren Kaffee, als Spontanersatz für ein ausgefallenes

- Made in Cologne -

Mittagessen und bei Sport und Outdoor-Trips genossen werden kann, liegt auf der Hand. Die Flapjacks aus der jungen Kölner Riegel-Manufaktur kommen in bisher vier verschiedenen Geschmacksrichtungen daher – weitere Sorten sind bereits in Planung. Neuerdings wird auch ein schmuckes Holzdisplay für Bürogemeinschaften als Survivalpaket angeboten.

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‚ Drehen, bis der Film schmeckt‘ VON DOROTHEA DÜHR Der Mensch mag es, Bilder zu sehen. Und davon immer mehr. Laut Angaben von „news aktuell“, dem Tochterunternehmen der Deutschen Presse-Agentur (dpa), verzeichnet „You Tube“ inzwischen 1 Milliarde Nutzer. 150 Millionen aktive Nutzer finden sich bei „Instagram“, der kostenlosen Foto-und Video-Plattform für mobile Endgeräte.

Die Zahlen sprechen für sich. Und das bedeutet auch für die Unternehmen umzudenken, wenn es um die Unternehmenskommunikation geht, oder schlicht um die digitale Darstellung in der Öffentlichkeit. Dabei gibt es große Unterschiede zu beachten: Denn der Dreh eines Imagefilms ist nicht gleichzusetzen mit einem Produktvideo, und ein Industriefilm sollte

möglichst nicht gleichzeitig als Messevideo eingesetzt werden. „Ein Imagefilm transportiert eine Idee, einen Gedanken, ein Gefühl der jeweiligen Firma oder Dienstleistung“, erläutert Silvia Vila, Inhaberin der Vila-Production mit Sitz in Köln. Die Diplom-Kommunikationsdesignerin und Filmemacherin hat sich mit ihrem Mann Denis Vila, lizensierter BBC-Trainer für Videojournalismus mit Ausbildungen in London & Sarajevo selbstständig gemacht. In Teamarbeit drehten sie bereits mehrere Videofilme für kleine bis mittelständische Firmen. Für die Firma Bianco GmbH & Co. KG, drehte Vila-Production eine Bedienungsanleitung für Küchengeräte, die die Zubereitung gesunder Nahrung erleichtern. „Ein Produktvideo kann natürlich auch ein Gefühl transportieren. Aber hier geht es vielmehr darum ganz konkrete Informationen zu vermitteln und das Produkt ästhetisch ansprechend zu verpacken“, erklärt Silvia Vila ihre Arbeit.

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Ein Hair-Designer beauftrage statt einer Homepage gleich ein Imagevideo der Vila-Production und auch ein nicht kommerzielles Video gehörte in den Drehalltag: Gefilmt wurde ein Verein, der seine Milchkühe vor dem Gang zum Schlachthof retten wollte. Die Rettung ist gelungen, auch weil das Video eine große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erzeugte. 2,3 Millionen Zugriffe verzeichnet das Video.

Setfoto von einem Produktdreh - Made in Cologne -

Der Mensch mag es eben Bilder zu sehen. Roman Polański hat einmal Folgendes gesagt: „Ich bin wie ein Koch. Wenn ein Film fertig ist, setze ich mich hin und schaue, ob die Sache den anderen schmeckt.“ Diesem Satz von Polanski stimmt Silvia Vila zu. „Das ist natürlich ein sensibler Moment, wenn wir unser Video das erste Mal dem Kunden präsentieren. Die Frage : Schmeckt es ihm denn auch?“ Offensichtlich. Auf der Site www.vilaproduction.de gibt es genügend Einblick über die Arbeit des Teams Vila.


Roman Polanski ´ hat einmal Folgendes gesagt: „Ich bin wie ein Koch. Wenn ein Film fertig ist, setze ich mich hin und schaue, ob die Sache den anderen schmeckt.“ Impressionen aus dem Youtube-Kanal Beim Set für die Seconds Imagefilme, führten wir ein Gespräch, wo wir Silvia und Denis besser kennenlernten: Wir haben Euch ja hier beim Drehen beobachtet. Es geht schnell und folgt einer sehr eigenen Choreografie. Woher kommt das? Jeder neue Auftrag ist eine neue Herausforderung. Wir versuchen, uns nicht zu wiederholen, benutzen kein Raster. Die Schnelligkeit kommt aus unserer Erfahrung unter Zeitdruck zu arbeiten. Mein Mann Denis hat viele Jahre im Nachrichtengeschäft gearbeitet. Und ich bringe Erfahrung als Trailer-Producerin mit. Da ist Schnelligkeit ebenso gefragt. Also Learning by Doing? Wir haben natürlich ein Basiswissen und können darauf zurückgreifen, aber jeder Dreh stellt uns vor neue Herausforderungen. Grundsätzlich möchten wir etwas unterstützen und bewerben, von dem wir auch überzeugt sind. Bis jetzt hat sich das oftmals so ergeben. Klingt nach Spaß bei der Sache? Ich würde keine Werbung machen für etwas, woran ich nicht glaube, oder was mir persönlich widerstrebt. Da wir zudem sehr viel dokumentarisch arbeiten, haben wir immer mehr unseren eigenen Stil entwickelt. Es gibt viele oberflächliche Imagefilme die handwerklich gut gemacht sind, aber die nicht in die Tiefe gehen. Genau das ist unser Anspruch und den versuchen wir herauszuarbeiten. Wir versuchen die Essenz zu ergründen, die in der Arbeit liegt.

Beratung spielt also eine große Rolle? Wir schauen uns die Kunden-Idee an und klopfen die Kommunikationsziele ab. Meistens ergeben sich im gemeinsamen Gespräch die Ideen für die Umsetzung eines Videos. Wir stehen im engen Kontakt zu dem Kunden, bis wir verstanden haben, worum es ihm geht. Dabei stellt sich oftmals heraus, dass der Kunde sich selbst vielleicht so noch gar nicht gesehen hat.

Denis hat jahrelang als Videojournalist in Bosnien und als Dozent für Journalistik an der BBC Schule in Sarajevo gearbeitet. Zudem hat er mehrere Schulungen bei der „BBC-World Service London“ absolviert. Ich habe zunächst an der Gesamthochschule Wuppertal Kommunikationsdesign studiert und 5 Jahre als Trailer Producerin gearbeitet. Anschließend habe ich ein postgraduales Studium an der Kunsthochschule für Medien mit dem Schwerpunkt Dokumentarfilm absolviert.

über 2 Mio. Views für die kölner Filmer auf YOUTUBE www-vila-production.de Es ist heute eher selten, dass man sich die Kunden aussuchen kann. In welchen Bereichen arbeitet Ihr? Wir arbeiten unter anderem für die Gesundheitsbranche, hier besonders im Bereich der gesunden Ernährung. Für Industrieunternehmen erstellen wir Messevideos und für verschiedenste kleine bis mittelständische Unternehmen Imagefilme. Ein Video dreht sich zum Beispiel um die vegane Ernährung bei einem anderen Auftrag drehen wir zu Kunst auf Infrarotheizungen. Wie lange arbeitet Ihr schon zusammen? Und woher kommt das Talent? - Made in Cologne -

Welche Voraussetzungen sollte wir mitbringen, wenn wir uns von Euch eine Produktion erstellen lassen möchten? Muss das schon Hand und Fuß haben? Oder kann man auch gemeinsam neue Ideen entwickeln?
 Ein Kunde sollte in erster Linie einfach nur die Absicht haben ein Video von seiner Arbeit oder Produkt in Auftrag geben zu wollen. Mehr braucht es nicht. Alles andere ergibt sich im Gespräch. Sobald wir seine Dienstleistung oder sein Produkt näher kennengelernt haben, und verstanden haben, worum es dem Kunden geht, rattern unsere Mühlen und wir bekommen Ideen für die Umsetzung.

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Theater|Film 52

Nymphomaniac Der pansexuelle Befreiungsschlag gelingt nicht lückenlos VON TONY ASHRAF Für einen zweigeteilten Film mit einer Gesamtlänge von 233 Filmminuten lässt sich Lars von Trier am Anfang Zeit - sehr viel Zeit. Nachdem der Titel „Nymphomanic Vol. 1“ erscheint, bleibt die Leinwand erst einmal schwarz. Ein einfacher, aber kühner Kunstgriff, denn in diesen scheinbar endlosen Sekunden des Nichts kann man bereits die wichtigste Botschaft des Filmes lesen: Was auch immer zu sehen sein wird - das, worum es geht, spielt sich im Kopf ab. Und schließlich geht es um nichts weniger als Sex in fast allen seinen Spielarten und auf fast allen Bedeutungsebenen: Sex als emanzipatorischer Akt, Sex als Erziehungsmethode, Sex als Rebellion, Sex als Sucht, Sex als Waffe, Sex als Tabu, Sex als Fetisch, Sex als Gegenteil von Liebe. Obwohl es in den Kinoversionen beider Filme viele sexuell explizite Momente und zahlreiche Geschlechtsorgane in Großaufnahmen zu sehen gibt, konnte von Trier seine ursprüngliche, einige Hardcore-Szenen reichere Version (mit einer Gesamtlänge von fünfeinhalb Stunden) dann doch nicht sofort ins Kino bringen. Vielleicht auch deshalb die schwarze Leinwand – als Erinnerung daran, dass man sich manchmal selbst zensieren muss, bevor andere es tun – Verleiher, nationale Prüfstellen oder Sittenwächter.

Ejakulationen, Vulvas und Penetrationen mehr oder weniger deutlich zu zeigen, ist seit Ende der 1990er vor allem im europäischen Autorenkino ungebrochen. Das subversive Potential dieser neuen, alten Bilder liegt dabei weniger in ihrer Vermarktbarkeit (bei „Nymphomaniac“ sieht das anders aus), noch geht es um das Pornobild als Selbstzweck. Vielmehr erkannten FilmemacherInnen wie Catherine Breillat („Romance“, 1999), Léos Carax („Pola X“, 1999), Patrice Cheréau („Intimacy“, 2001) und van Trier selbst („Idioten“, 1998), dass sich durch Sex Vieles erzählen lässt, wenn man sich erst einmal vom Schock erholt, ihn ohne Weichzeichner in einem regulären Kino sehen zu können. Es geht um feministische Selbstermächtigung (Breillat), den Ausbruch aus dem Bürgertum (Carax), um unendliche Einsamkeit (Cheréau) oder die Neuerfindung des Kinos als Schauplatz eines ungeschminkten Realismus (van Trier und die Dogma-Bewegung). Das Ende der ideologischen Mythen auf dreckigen Fußböden Beim neuen Sex im Kino geht es zudem um eine andere - und wenn man so will - ehrlichere Verhandlung von Körperlichkeit. Viele Bilder dieser Filme sprechen gegen eine im Kino seit jeher propagierte fragwürdige Sexualmoral, die Erregung wünscht, aber nur norm-bildende Projektionen fabriziert. Dem ideologischen Mythos des Sexuellen werden dabei oft unspektakuläre und alltägliche Bilder entgegengesetzt, so etwa wenn der Hauptdarsteller aus „Idioten“ im Schwimmbad ungewollt eine Erektion bekommt oder sich Jay in „Intimacy“ auf dem schmutzigen Boden seiner Wohnung bei Claire dafür entschuldigt, dass er zu früh gekommen ist. Neben Virginie Despentes („Baise-Moi -Fick Mich!“, 2000), Michael Winterbottom („9 Songs“, 2004) und Bruno Dumont („Twentynine Palms“, 2003) folgten die US-Amerikaner Larry Clark („Ken Park“) und Vincent Gallo („The Brown Bunny“) mit unterschiedlichen Strategien dem Beispiel und sorgten überraschender Weise noch immer für Skandale und Aufführungsverbote. Die Geschichte vom Sex im Film ist immer auch eine Moralgeschichte und in den meisten Fällen ein Verbots- oder Zensurgeschichte gewesen. Hier schließt sich der Kreis zu „Nymphomaniac“, denn der Film selbst geriert sich auf mehreren Ebenen nicht nur als Kampfansage gegen Sexualität als normierende und

Ohne Weichzeichner lässt sich durch Sex Vieles erzählen

Selbst bei Martin Scorsese werden mittlerweile Erektionen gezeigt Die Scheu vor dem Pornografischen scheint dabei heute in doppelter Hinsicht fast lachhaft. Zum einen war es dank Internet nie leichter immer und überall an sexuell explizites Bild- und Filmmaterial heranzukommen und zum anderen hat das Arthaus-Kino seinen Paradigmenwechsel in Sachen Darstellbarkeit des Sexuellen längst vollzogen. Jonah Hill, der in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ im Drogenrausch seinen erigierten Penis (eine Prothese) aus der Hose holt ist dafür ein ebenso anschauliches aktuelles Beispiel wie die viel diskutierten lesbischen Sexszenen aus Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“, in dem die Kamera mehr als einmal zwischen die gespreizten Beine seiner beiden Hauptdarstellerinnen fährt. Der Trend, den Bildausschnitt nicht verschämt auf den lodernden Kaminsims zu lenken, sondern Erektionen,

- Film/Theater -


Foto© larsvontrier

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regulierende Gesellschaftskategorie, sondern eben auch als lustvolles Spiel mit dem Kino als großem Erzähler und Aufklärer selbst. Die Nymphomanin Joe fungiert darin als unzuverlässiges Narrativ, das dem belesenen, aber sexuell unerfahrenen alten Mann Seligman in acht Kapiteln aus ihrer sexuellen Biografie erzählt. Eine Warnung gibt Joe gleich zu Anfang selbst mit auf

den Weg: „Es wird eine lange und moralische Geschichte“.

schon als junges Mädchen auf dem Badezimmerboden, beim Wandern

„Nymphomaniac“ als Kampfansage gegen die eine gesellschaftliche Sexualmoral Angefangen mit der Entdeckung ihre Möse, oder besser übersetzt: Fotze („cunt“ im Original), entwickelt Joe - Film/Theater -

oder in der Turnhalle einen stark ausgeprägten Wunsch nach sexueller Befriedigung, den sie als Teenagerin nach einem enttäuschenden ersten


Sex wird vom Sport schnell zum Politikum

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Mal dann gleich exzessiv ausleben wird. Sex wird vom Sport schnell zum Politikum als sich Frauenbünde gründen, die Beziehungen genauso verbieten wie zweimal mit dem Gleichen zu schlafen - die 68er lassen grüßen. Van Trier treibt seine Protagonistin - überragend furchtlos verkörpert von Charlotte Gainsbourg - durch eine stationsreiche Lust- und Leidensgeschichte, die weder vor Pädosexualität, Asexualität, Sado-Maso, noch vor Mutterschaft, Krankheit und –natürlich- Gewalt Halt macht. „Nymphomaniac“ zeigt uns dabei selbst in der gekürzten Kinoversion Fellatios und Erektionen, tropfende Vaginas und ein bisschen echten Sex, weniger um sein Publikum zu erregen, sondern vielmehr um das unbändige Verlangen seiner Hauptfigur verständlich zu machen und es damit gewissermaßen zu naturalisieren und zu

ent-pathologisieren. Wenngleich van Trier der pansexuelle Befreiungsschlag nicht lückenlos gelingt (bei den afrikanischen Männern greift er genauso peinlich daneben wie beim Frauenversteher-Epilog), ist „Nymphomaniac“ doch der gleichwohl kämpferische wie kunstvolle Versuch sich filmisch für eine sex-positive Lebenseinstellung auszusprechen. Die Bilder, die später in den Langversionen in einigen Ländern nachgereicht werden, braucht es dazu vielleicht gar nicht mal. Aber das hat der Regisseur natürlich selbst schon verstanden: Am Ende bleibt die Leinwand wieder einige Sekunden schwarz.

- Made in Cologne -


Wo Köln schön krumm klingt - z.B: Real Live Jazz im ABS Es sind Orte, wie dieser, an denen eine Stadt zum Leben erwacht. Orte, an denen Menschen, die sonst Tag für Tag wortlos auf der Straße aneinander vorbeigehen, aufeinandertreffen und im gemeinsamen Erlebnis zueinanderfinden. VON FELIX J GROSSER Langsam füllt sich die Kneipe am Gottesweg, wo der Sülz-Klettenberger Grenzstreifen sich mit dunkelrotbraunen Backsteinfassaden unterm Blätterdach der Platanen noch einmal malerisch zeigt, bevor hinter dem Bahndamm die Zollstocker Gewerbebrache beginnt. Einige Musiker sitzen noch zu Tisch, andere stimmen bereits ihre Instrumente. Erst zaghaft und testweise tastend, dann immer selbstbewusster raumgreifend, versetzen erste Klänge die Luft in Schwingung. Eine halbe Stunde später schlagen wilde Blechsoli Kapriolen über Snare Rolls und ich muss mir Mühe geben, meinen Gesprächspartner zu verstehen.

bereits in die Oberliga aufgestiegen ist. Ganz im Gegenteil: Spielwütige jeglicher Coleur sind herzlich eingeladen, sich mit klingenden Kostproben zu bewerben, sofern sie nicht über Gebühr den stilistischen Rahmen strapazieren, der von Becker mit: „Definitiv Modern Jazz, zeitgenössisch; eher straight“ umschrieben wird. Eine dicke Gage gibt’s zwar nicht zu erwarten, dafür sind allen, neben der ungeteilten Aufmerksamkeit des Publikums, Speis und Trank à la carte sicher. Sowie der mitunter gar nicht so geringe Ertrag aus der Publikumskollekte im sprichwörtlichen Hut. Ein Blick ins prall gefüllte Halbjahresprogramm beweist: für viele Künstler ausreichender Anreiz, am Sonntagabend das Rampenlicht dem Sofa vorzuziehen. Und in Zukunft? Weiter wie bisher. Zum Glück. - Livemusik im Bar-Ambiente, organisiert ohne dicke Sponsorengelder, dafür mit umso mehr Herzblut. Für Musiker Öffentlichkeit ohne Pay to Play-Abzocke und für Zuhörer die Möglichkeit Neues zu entdecken, ohne finanziell in Vorleistung gehen zu müssen.

„Das ist schon ein Veedelsding. Leute aus Ehrenfeld oder Nippes siehst du hier eher nicht“, sagt Patrick Becker, hauptberuflich Schreiner, in seiner Freizeit einer der beiden Köpfe und so etwas wie die gute Seele hin- Es sind Orte, wie dieser, an denen eine Stadt zum Leben erwacht. Orte, ter Real Live Jazz, der allsonntäglichen Konzertreihe im ABS. Er kümmert an denen Menschen, die sonst Tag für Tag wortlos auf der Straße aneisich um Organisatorisches, betreut die Musiker, lässt in der Pause den nander vorbeigehen, aufeinandertreffen und im gemeinsamen Erlebnis Hut rumgehen und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Das ist viel Ar- zueinanderfinden – ohne im Nachhinein vom schlechten Gefühl beschlibeit, doch Becker, der schon zu Schulzeiten Konzerte organisierte, liebt chen zu werden, nur den kommerziellen Interessen anderer gedient zu die Musik. Und der Erfolg gibt ihm recht. Es hat sich rumgesprochen, haben. Orte auch, ohne die eine lokale Musikkultur im Keim erstickt, dass hier seit viereinhalb Jahren da für die Aktiven die Möglichkeit, höchst qualitativer Sound zum Null- Eigentlich auch höchste Zeit in einer ihre Kreativität nach Außen zu tarif geboten wird. Und so pilgern im Stadt, in der die Nischenbiotope für un- tragen, sich auszuprobieren, ein Schnitt jede Woche 50 JazzbegeisPublikum zu finden zur Einkomabhängige Frequenzen, zwischen der mensfrage wird. Bedauernswert, terte in die rein optisch so gar nicht Deutungsmacht der öffentliche-recht- dass man bisweilen den Eindruck heiligen Hallen am Gottesweg. lichen Giganten einerseits und der Be- gewinnt, wo der deutsche GroßAn besonders guten Tagen auch mal liebigkeit der privaten Jingleabfeuer- stadtdschungel unter Einheitsbrei an die 200. „Es brummte hier schon maschinerie andererseits, noch ver- einbetoniert wird, verschwände wie Jeck.“, so Patrick Becker. „Das gleichsweise spärlich besiedelt sind. diese magischen Räume gleich eiPublikum kommt wegen des Jazz. ner aussterbenden Spezies.Dabei Quasseltypen gibt es nur selten.“ Kein Wunder, denn das Booking liegt wissen Becker und Khabirpour genau, dass Bestandswahrung alleine in den Händen von Riaz Khabirpour. Kennern wohlbekannt als Gitarrist, nicht trägt. Wo andere sich auf dem Erreichten ausruhen, blicken sie Komponist und eminenter Vertreter einer aufstrebenden neuen Gene- nach vorne und scheuen - ganz Jazz-like - vor Experimenten nicht zuration von Musikern, die Köln den Ruf der heimlichen Hauptstadt des rück. Real Live Jazz will im Laufe dieses Jahres mit Jazz-Livestreams jungen deutschen Jazz eingebracht hat. Im Laufe seiner Musikhoch- aus Köln starten. Was nach Zukunftsmusik klingt, ist in Wahrheit längst schulausbildung in Amsterdam, New York und Köln in unzählige mu- ausgeheckt. „Es könnte von heute auf morgen passieren“, meint Patrick sikalische Kollaborationen involviert, schöpft Khabirpour für Real Live Becker und kann sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Mit Jazz aus dem Vollen. Und so liest sich das Programm dann auch wie ein „The Nightfly“, der Jazzsendung des fabelhaften Kölner Studioradios Who is Who der lokalen Szene, garniert mit erstklassigen internationa- KölnCampus ist bereits ein kompetenter Partner fürs redaktionelle und len Einsprengseln. Namen wie Pablo Held, Paul Wiltgen, Marshall Gil- technische mit an Bord. kes, Oliver Lutz, Tylor Blanton, Matthias Akeo Nowak und Brian Seeger sprechen eine deutliche Sprache – dabei ist diese Liste nur ein winziger „Es bleibt also spannend.“, denke ich, als ich Richtung Luxemburger Auszug aus dem Gig-Archiv. Straße schlendere und hinter mir die letzte Blue Note verhallt. Was nicht heißt, dass bei Real Live Jazz nur auf die Bühne kommt, wer - Musik -

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Für einen Dollar Krach und Wonne

Adrian Ils im Interview

Adrian, wie kam es eigentlich dazu, dass ihr wieder unter dem Namen Ballhaus unterwegs seid?

VON FELIX J GROSSER Wer eines der bestgehütetsten musikalischen Geheimnisse der Domstadt lüften will, muss erstmal raus auf‘s Land. Nach Bergheim um genau zu sein. Dort residiert in einem wunderschön restaurierten Bauernhof Adrian Ils. Seines Zeichens musikalischer Tausendsassa, sprachgewitzter Liedtextdichter und Mastermind einer musikalischen Interessengemeinschaft, die Zeit ihres über 25jährigen Bestehens zwar nur vier Alben veröffentlichte, aber trotzdem den Beweis antrat, dass Kölner Klänge jenseits von Alaaf und Kölschrock nicht nur nötig, sondern auch möglich sind. 1988 als Ballhaus gegründet, 1995 aufgelöst und nach einer Runde auf dem Personalkarusell 1996 als Ballhaus Nuevo wiederbelebt, legte die illustre Truppe stets eine bewundernswerte Geringschätzung für musikalische Stilgrenzen an den Tag und erfreute das geneigte Publikum zwischen Rhein und (fast) Mississippi mit einer gewagten Mixtur nur scheinbar disparater Elemente. Vom Chanson, über das klassische Kunstlied, zu den diversen Gegenständen ethnomusikologischer Untersuchungen; von Kurt Weill über die Liedermacher zu Tom Waits steckte man einen Klangkosmos ab, schmückte ihn unter Zuhilfenahme eines nicht unwesentlichen Teils der im Zuge der Menschheitsgeschichte erdachten Klangerzeuger instrumental aus und garnierte die bunte Wundertüte obenauf mit gänzlich untypisch platitüdenfreien, eigen- bis hintersinnigen deutschen Texten. Weit gefehlt, wer angesichts einer solchen Opulenz Indigestion fürchtet. Zwei Preise der deutschen Schallplattenkritik nebst einer weiteren Nominierung für selbigen beweisen das Gegenteil: dieser tollkühne Plan ging auf. Musikalisch zumindest, denn der große kommerzielle Erfolg blieb aus. Und verfing zwar das immerhin nicht ganz unschmeichelhafte Prädikat des Geheimtipps, es wurde in den letzten Jahren jedoch zunehmend ruhiger um die Gruppe. Zuletzt wandelte Adrian Ils 2005 veröffentlichungstechnisch auf Solopfaden, nahm im Homestudio in der Scheune des Bergheimer Domizils den Tonträger „Liebe, Tod und Heimarbeit“ auf. Der Name Ballhaus erschien erst im Jahr 2011 plötzlich, sporadisch, aber regelmäßig wieder auf Konzertankündigungen. Und wer den Aufrufen folgte, wusste nicht selten wundersames zu berichten. So auch im September letzten Jahres, als Ballhaus im Rahmen der Köln Musiknacht den Klaus-Von-Bismarck-Saal des WDR-Funkhauses füllten und das begeistertes Publikum mit neuem Repertoire beglückten. Höchste Zeit also, dem Maestro persönlich einen Besuch abzustatten und in Erfahrung zu bringen ob da was im Busch ist.

Das vollständige Interview unter www.seconds.de - Musik -

Dass es die Gruppe jetzt unter dem Namen Ballhaus wieder gibt, ist dem Umstand geschuldet, dass von Aussen sozusagen das Bedürfnis an uns herangetragen wurde: Ja, wie heisst ihr denn eigentlich? So dass dann gar nicht von mir als dem ehemaligen Gründer, sondern eigentlich von meinen Kollegen schließlich die Überlegung kam, wieder den uralten Namen Ballhaus zu nehmen. Der ist so schön neutral, da kann man alles mögliche drunter machen. Und um mit der ersten Inkarnation der Gruppe verwechselt zu werden ist es jetzt auch schon zu lange her. Also konnten wir auch auf das Nuevo, dass wir vorher im Namen, hatten wieder verzichten. Dass das überhaupt wieder in Gang gekommen ist, lag übrigens interessanterweise an den Gewerkschaften. Ach tatsächlich? Das musst du jetzt mal erklären. Der DGB hat 2009 zu seinen 60. Geburtstag eine große Gala-Matinee in der Comedia ausgerichtet. Und, warum auch immer, unseren Bassisten gebeten, sich um ein musikalisches Begleitprogramm zu kümmern. Nur hatte der jetzt überhaupt keine Ahnung von DGB, Arbeiterbewegung und dem kulturellen Hintergrund, den man damit verbindet. Da hat er mich gefragt, der ich um einiges älter bin, und dann haben wir eben zusammen ein Programm gemacht. Auch mit Verena Guido, die ein weiteres sehr wichtiges Mitglied bei Ballhaus ist. Allerdings damals noch unter unseren Klarnamen. Oha. Was macht man denn für den DGB so an musikalischem Programm? Das war eine heikle Aufgabe! Als wir die gefragt haben, wie sie sich das vorstellen, kamen sie tatsächlich mit so einem kleinen Heftchen. Da stand drauf „Kampflieder der Arbeiterklasse“ und es ging los mit der Internationalen, dem „Einheitsfrontlied“, dem „Solidaritätslied“ und so weiter. Was macht man denn damit ohne rot zu werden - im doppelten Sinne?! Andererseits wollten wir das auch nicht einfach denunzieren. Bestimme Lieder haben ihre Funktion und wenn man die Texte liest - sozusagen vorurteilsfrei, was schwierig ist - dann haben die auch teilweise Qualität. Das ist nunmal beispielsweise auch Brecht. Und Brecht hat Qualität, was immer der gemacht hat. Aber da völlig ernsthaft so einen Arbeitermarsch zu produzieren, das war unmöglich. Also haben wir das Einheitsfrontlied, das ja nunmal wirklich genau so ein klassischer Arbeitermarsch ist, - wo man eben drauf marschiert - einfach im Dreiviertel-Rythmus gespielt. Gesungen mit der Haltung eines Penners unter der Brücke


nach anderthalb Flaschen Whiskey. Im Sinne von: Es ist eben alles schief gegangen, der ganze Heroismus, der ist völlig unangebracht. Aus der Internationalen haben wir ein reines Streichquartett gemacht, vom Text aber nur übrig gelassen: „Wacht auf!“ Es war ja morgens um elf und der durchschnittliche Gewerkschaftsfunktionär konnte das gebrauchen. Na ja, und so weiter. Wir hatten doch so gewisse Befürchtungen, ob die das goutieren. Doch das Resultat: die waren total begeistert! Und es hat sich dann eine ganze Reihe von Nachfolgeauftritten daraus entwickelt. So hat sich eigentlich überhaupt erst wieder eine gewisse Kontinuität im Auftreten eingestellt. Und ich habe wieder angefangen neue Texte, neue Lieder zu schreiben. So ist das ins Rollen gekommen. Und vorher lag Ballhaus auf Eis? Das lag ziemlich auf Eis. Ein Grund dafür war, dass ich 2003 schwer krank geworden bin und mich erstmal um mich selbst kümmern musste. Das hört man auch ein bisschen auf meiner Solo-CD. Da gibt es ein paar Stücke, die sich damit beschäftigen. Live aufgetreten bin ich damit dann zwar unter meinem Namen, allerdings schon mit dem ehemaligen Ballhaus Nuevo Personal, dass jetzt auch wieder dabei ist. Also gab es schon eine gewisse Kontinuität? Jaja, wir haben uns nie aus den Augen verloren. Es gab immer wieder Berührungspunkte. Das ist ja so ein etwas merkwürdiges Gebilde. Der Kern von Ballhaus Nuevo und jetzt wieder Ballhaus das sind im Grunde drei Leute. Ich als Gründer der ganzen Geschichte, Verena Guido und Bernd Keul, der Bassist. Drum herum gibt es eine Reihe von Musikerinnen und Musikern, die wir einbauen oder auch nicht. Je nachdem, wie groß die Geschichte ist. Wir spielen als Gruppe Konzerte, wenn auch selten. Wir arbeiten aber auch in anderen Zusammenhängen, im Grunde mit dem selben Personal. Wir haben zum Beispiel Hörspielmusiken oder auch viel Theatermusik zusammen gemacht. Da haben wir hauptsächlich unser Geld mit verdient. Von Ballhaus haben wir

Diese Spannung, die interessiert mich, die drückt für mich Leben aus. nie leben können, keiner von uns. Das heißt, wir mussten sowieso immer andere Sachen machen. Gibt’s trotzdem Pläne für eine neues Album? Ja, wir sind im Moment wieder so ein bisschen am Überlegen, ob wir nochmal eine CD machen. Es ist mittlerweile einiges an Material zusammengekommen und der Auftritt letzten September im Rahmen der Kölner Musiknacht hat uns Auftrieb gegeben. Der Saal im Funkhaus war voll und die Leute waren ziemlich begeistert. Insofern hätte ich schon Lust dazu. Man darf sich nur nichts vormachen: unsere bisherigen CDs konnte man unter wirtschaftlichem Gesichtspunkten alle vergessen. Immer. Das ist einfach nichts, was sich massenhaft verkauft, ganz klar. Wenn wir da Plus Minus Null bei rauskommen ist das gut. Aber irgendwie, das haptische, was in der Hand zu halten, die Entwicklung der letzten paar Jahre auch mal dokumentiert zu haben... Und wenn man Veranstalter, Radios und so weiter fragt, wollen natürlich viele immer noch eine CD haben. Ich hab mich schon mit einem Labelchef hier in Köln getroffen, der auch interessiert wäre, das zu veröffentlichen. Also im Grunde suchen - Musik -

wir einen Punkt, wann wir alle zusammen Zeit haben, um das zusammen zu machen. Wir werden dafür aber wahrscheinlich nicht mehr in ein professionelles Studio gehen, sondern in unserem Proberaum aufnehmen, wo mittlerweile genug technisches Equipment rumsteht. Wie ja sowieso eigentlich das, was an Energie einzufangen ist, sich besser einfangen lässt, wenn die grundlegenden Sachen wirklich live eingespielt werden. Dann kann man immer noch Spuren hinzufügen. Aber diese Frickelei, eine Spur nach der anderen, und erst das Schlagzeug, das wir ja nicht mehr haben... Ihr habt gar kein Schlagzeug mehr? Das ist draussen. Wenn Perkussion gebraucht wird, machen wir die selbst. Das ist ein Vorteil von dieser Gruppe: das Personal ist, sagen wir mal, „begabt“. Stimmt, Multiinstrumentalisten seid ihr alle. Genau. Wir spielen alle eine ganze Reihe von Instrumenten. Mein Hauptinstrument war lange Akkordeon. Aber auch die normale

Foto©Stefan Döring

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klassische Gitarre. Am akademischsten habe ich Geige gelernt. Na ja, und Tasten, alle möglichen Tasten. Ausserdem Perkussion, Blues Harp, peruanische Bassflöten, jede Menge so Weltmusikinstrumente. Dadurch können wir auch mit sehr unterschiedlichen Klangbildern arbeiten. Wobei sich jetzt im Moment ein Klangbild doch deutlich verfestigt hat. Was mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich mich vor zwei Jahren in ein neues Instrument verliebt habe. Nämliche eine Guitarra Portuguesa. Das zieht sich sowieso so durch mein musikalisches Leben, dass ich immer wieder mal ein neues Instrument für mich entdeckt habe. Es hat mich nie interessiert, jetzt auf einem Instrument wahnsinnig virtuos zu werden, sondern mich hat wirklich von Kindheit an die Bandbreite an Instrumenten fasziniert; und was man mit denen so anstellen kann. So dass ich auch in meinem fortgeschrittenen Alter nicht davor gefeiht bin, plötzlich über ein Instrument zu stolpern und zu denken: Wow, das haut rein, damit möchte ich mich jetzt beschäftigen! So ist es mir mit dieser portugiesischen Gitarre gegangen.

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Wirkt sich das auf deine aktuellen Kompositionen aus? Absolut. Zunächst mal haben sich die Dopamine, die diese Entdeckung für mich freigesetzt hat, insofern bemerkbar gemacht, dass ich rund um dieses Instrument neue Ideen, nicht nur für Instrumentalstücke, sondern auch Lieder hatte. Es entstanden dann Texte und so. Aber es wird eben doch alles sehr prominent getragen von dem charakteristischen Klang der Guitarra Portuguesa, um den die andere Instrumentation sich dann herum gruppiert. Ja, im Moment ist das sehr guitarra-portuguesa-lastig - und ich bin schuld! Aber die anderen machen da gerne mit, die fanden das auch sehr faszinierend. Wurde das auch schon live getestet? Jaja, Im September letzten Jahres waren wir ja bei der Kölner Musiknacht dabei. Bei unserem Konzert im WDR-Funkhaus habe ich zu 90 Prozent Guitarra Portuguesa gespielt.

Portugiesische Gitarre? Da muss ich jetzt passen. Kannst du etwas mehr dazu sagen?

Und wie sieht‘s dieses Jahr mit Live-Auftritten aus?

Die portugiesische Gitarre kommt ausserhalb Portugals eigentlich kaum vor. Die gibt’s im Fado, also der Tango-Form Portugals quasi. Da spielt sie eine sehr herausgehobene Rolle. Das ist hochvirtuos, unglaublichste Sachen. Würde ich überhaupt nicht versuchen, das kopieren zu wollen. Ich bin im Arte Paco, einem kleinen Laden in der Lübecker Straße darüber gestolpert. Der Besitzer ist Portugiese und hat einfach, sozusagen als Testballon, mal eine ganz billige ins Schaufenster gestellt. Ich war neugierig. Also bin ich rein, hab das Ding in die Hand genommen, einmal Schrumm gemacht – und schon wollte ich es haben! Wobei man das wirklich nochmal komplett neu lernen muss. Das nützt einem überhaupt nichts, wenn man die herkömmliche Gitarre spielen kann, weil die portugiesische komplett anders gestimmt ist. Aber wenn ich mal Blut geleckt habe, dann kann ich mich stundenlang mit sowas beschäftigen. Und so hab ich es mir eben selbst beigebracht. Ich spiele jetzt allerdings in einem völlig anderen Stil als die Portugiesen. Die spielen mit zwei Fingern, Daumen und Zeigefinger, ich mit vier Fingern. Es liegt aber auch gar nicht in meinem Interesse, zu lernen, wie man auf die klassische Art spielt. Ich find‘s einfach spannend, was sich aus so einem Instrument herausholen lässt. Später bin ich dann nach Portugal, um mir eine richtig gute zu kaufen. Da waren die Augen teilweise groß, was der dahergelaufene Deutsche aus diesem Instrument macht.

Schlecht. Aber das hängt eben auch damit zusammen, das die Zeiten relativ schlecht sind für diese Art von Musik. Erst recht, wenn man nicht mehr 20 ist. Wären wir alle noch so jung, würden wir bereitwillig für einen Appel und ein Ei sonst wo spielen, wer weiß. Nun sind wir aber alle schon etwas älter, haben Familie und so weiter und so fort. Also sind wir gezwungen - obwohl das viel zu negativ klingt - eben andere Sachen zu machen, um unser Geld zu verdienen. Ich überlege jetzt gerade, ob ich ein kleines Theater anmiete, damit wir mal wieder ein Konzert hier machen. Aber das ist ein Nullsummenspiel. Da muss man selber, für seine eigenen Sachen, erstmal was an die GEMA abdrücken. Es ist unglaublich! Das kann man dann schonmal abziehen und wenn dann noch 50 Euro pro Nase übrig bleiben, dann ist das gut. Also ich würde mir den Luxus gerne leisten, werde ich wahrscheinlich auch tun, aber so ist die Lage. Wir fahren eben nicht mehr nach, sagen wir mal, Stuttgart für eine unsichere Einnahme. Das machen wir einfach nicht mehr. Früher war das anders. Da waren die Zeiten insofern aber auch noch ein bisschen besser. Als Veranstalter spielten da Kulturämter eine ziemliche Rolle, waren finanziell noch besser ausgestattet und auch experimentierfreudiger. Die haben sich das dann durchaus mal geleistet, so eine Gruppe zu engagieren. Aber der Markt ist völlig weggebrochen.

Mich hat wirklich von Kindheit an die Bandbreite an Instrumenten fasziniert

- Musik -


Ich überleg jetzt gerade, ob ich ein kleines Theater anmiete, damit wir mal wieder ein Konzert hier machen. Aber das ist ein Nullsummenspiel. Da muss man selber, für seine eigenen Sachen, erstmal was an die GEMA abdrücken. Es ist unglaublich! Tatsächlich, ja? Das nimmst Du auch hier in Köln so wahr? Überall. Wenn dann setzen die einfach nur absolut auf Nummer sicher, also dass die Bude voll ist, und machen da überhaupt keine Experimente mehr. Woran liegt das? Na ja, weniger Geld, immer weniger Geld. Wahrscheinlich aber auch so ein bisschen Zeitgeist. Du kannst als Kulturamt mehr renommieren, wenn du immer ausverkauft bist. „Wir haben aber diese und jene gehabt und die waren sehr interessant und die Kritik war auch sehr gut.“ - das spielt keine Rolle mehr. Der wirtschaftliche Aspekt dominiert den künstlerischen absolut zwingend mittlerweile, hab ich das Gefühl. Es gibt Ausnahmen, aber die bestätigen eher die Regel. Hat das auch ein bisschen mit dem Publikum zu tun? Sind die Leute zu anspruchslos? Tja, also das glaube ich eben nicht, denn wenn wir auftreten, dann stoßen wir auf große Begeisterung. Das muss man wirklich so sagen, das ist jedes Mal so. Es gibt ein Publikum für sowas, nur muss das sozusagen zusammenfinden. Und irgendwie, tja, ich weiß auch nicht... Es würde nochmal wirklich einer großen Anstrengung bedürfen. Da müsste man sehr viel Energie hinter setzen und ich hab dazu ehrlich gesagt nicht mehr wirklich Lust. Weil ich zu sehr dann auch mit anderen Sachen noch beschäftigt bin. Das ist zwar schade, denn letztlich ist es mein Baby und ich finde die Sachen einfach gut. Aber im Grunde müsste sich wieder ne halbwegs potente Agentur dem annehmen, die da die entsprechende Energie reinsetzt und die entsprechenden Kontakte hat und das entsprechende Interesse. Nur, da fängt‘s schon an. Die Agenturen, die sich über-

haupt mit sowas beschäftigen, ich hätte fast gesagt: belasten, die kann man an einer Hand abzählen. Genau so ist es mit Labels. Das sind Liebhaber-Labels, die wirklich drauf stehen, was du machst und es sich leisten können, dich in ihr Programm zu übernehmen. Das ist ein gewisser Luxus. Ja, so ist nunmal die Lage. Das gute, alte Dilemma: entweder du willst individuell und eigensinnig dein Ding machen – dann musst du zusehen, wie du finanziell über die Runden kommst. Oder du probierst dich da anzubiedern, wo‘s gerade läuft. In dem Dilemma steckt irgendwie jeder, ja. Aber in dem Dilemma hast du auch vor 30 Jahren schon gesteckt, letztendlich. Nicht so extrem vielleicht wie heute, aber im Prinzip schon. Ich hab gelernt, Erfolg für mich wirklich anders zu definieren. Wenn man jung ist und anfängt, dann will man natürlich bekannt und berühmt werden; reich vielleicht noch nicht mal unbedingt. Das schminken dich die meisten Leute dann notgedrungen ziemlich schnell ab, wenn es einfach nicht eintritt. Oder - das ist die andere Seite - es tritt ein und nach drei Jahren spricht keiner mehr von dir. Das ist die tragischere Variante. Und das hat unheimlich zugenommen. Diese One-Hit-Wonder. Da wird dann kurzfristig wahnsinnig viel Geld reingepumpt, noch mehr Geld rausgezogen und danach ist Schluß. Für mich ganz persönlich ist heutzutage, als Lebensleistung sozusagen, was anderes wichtig: ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht, als das, was mir Spaß macht und wo meine Talente liegen. Das habe ich in verschiedenen Bereichen gemacht und habe damit halbwegs meinen Lebensunterhalt bestreiten können. Das ist in dem Metier wirklich ein Erfolgskriterium geworden, denn das ist absolut nicht selbstverständlich. Leider. - Musik -

Das vollständge Gespräch mit Adrian Ils gibt’s auf der Seconds-Homepage

Darin: Adrian Ils über Musikkarriere auf Umwegen, Vorbilder, abschreckende Beispiele, Lampenfieber und seine neuentdeckte Liebe zur Schauspielerei. Über Adrian Ils‘ aktuelle Aktivitäten genauso wie die zukünftigen und vergangenen informiert charmant und eloquent seine Homepage.

Mit aktueller deutschsprachiger Popmusik kenn ich mich ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig aus. Aber was ich da hin und wieder so höre, das ist teilweise schon gekonnt und gut gemacht. Dabei, aber auch – und das stört mich daran ein bisschen - so lieb, so nett. Man möchte die dauernd in den Arm nehmen und ihnen über den Kopf streicheln. Also da ist mir zu wenig Spannung. Wir leben in Zeiten, finde ich, die das brauchen könnten. Schönklang als Element ist wunderbar. Wir haben das in unseren Sachen auch. Gerade auf der portugiesischen Gitarre, da schreib ich eine schöne Instrumentalschnulze nach der anderen. Aber gleichzeitig gibt es bei mir dann immer den Drang, dem etwas entgegen zu setzen. Und so steht es dann auch im Konzert teilweise relativ unvermittelt nebeneinander. Diese Spannung, die interessiert mich, die drückt für mich Leben aus.

www.adrian-ils.de

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Problemzone

Proberäume VON MAGGI RÖSCHENKÄMPER UND ANDREAS BASTIAN

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Jedem eingefleischten Konzertbesucher des alljährlich stattfindenden Ringfestes dürften die von PopkulturKöln e.V. initiierten Konzertreihen der „Blauen Nächte“ und die „Köln-Bühne“ ein Begriff sein. Auf der Internetseite „Koelnkontakter“ präsentiert der Verein einen umfassenden Überblick über die Kölner Popularmusikszene. Hier können kostenlos einschlägige Informationen eingestellt und abgerufen werden. Das Musiklabel „Sound of Cologne Records“, auf dem bisher drei Doppel-CDs veröffentlicht wurden, bietet eine großzügige Leistungsschau der Kölner Elektronikszene, die sich nicht zuletzt im Festival „C/O Pop“ im August eines jeden Jahres widerspiegelt. Über das Büro „Music Export Cologne“ präsentiert der Verein genrespezifisch Kölner Künstlerinnen und Künstler auch auf Festivals und Musikmessen im Ausland.

L: Also, früher oder später treffen die Leute auf uns und unsere sehr übersichtliche und strukturierte Seite – und wer mich anruft, erhält alle Auskünfte, die er braucht. Andere Anbieter sind natürlich auch zu finden, keine Frage; doch ist es so, dass die Leute letztlich tatsächlich das Gespräch mit uns suchen, sowohl hinsichtlich der Proberäume als auch allgemein. P: Dass unser Internetauftritt momentan nicht ganz aktuell ist, hängt u.a. damit zusammen, dass wir den „Koelnkontakter“, der ja online zu finden ist, umbauen. Deshalb haben wir bislang mit der Gestaltung des neuen Auftrittes gewartet. Er ist nun für das Frühjahr 2014 angedacht.

Popkomm, Popkultur, C/O Pop, Klubkomm, Cologne Music Week, Cologne Club Award – Ihr bietet da ja ein lebendiges Programm, „Com total“ sozusagen. Wird damit versucht, die großen Lücken, die die Popkomm hinterlassen hat, zu schließen? P: Solch ein großes Loch hat die Popkomm für die inneren Strukturen in Köln gar nicht hinterlassen. Von außen mag das so ausgesehen haben, was Image- und Standort-Faktor angehen. Bis zum letzten Jahr war ich bei der Stadt als Popreferent tätig, und da diese Dinge immer in Kooperation mit der Stadt bzw. dem Kulturamt stattgefunden haben – von Projekten bis hin zu den Proberäumen –, ist dieses Netzwerk natürlich auch weiterhin vorhanden und nutzbar.

Bei all diesen Projekten arbeitet der Verein eng Viele Bands kommen nach Köln, weil hier die mit dem Referat für Popularmusik der Stadt Köln Musikszene städtisch gefördert wird. Vom orzusammen. ganisierten Proberaum auf die C/O Pop und anschließend womöglich ins Studio – ist das nicht Das Gespräch führten wir mit Rosi Lang (Ge- ein etwas übertriebenes Anlocken? schäftsführerin PopkulturKöln e.V.) und Manfred Post Vorstandsmitglied P: Das ist nicht ganz korrekt. Wir sind natürlich in der Förderung aktiv und ich habe mich hierPopkulturKöln scheint Bestandteil eines weitver- für bis zur Pensionierung engagiert. Die Kölner zweigten Netzwerkes mit einer gemeinsamen hatten – quasi als Ausnahmeerscheinung in der Adresse zu sein, nämlich Heliosstraße 6a. Im In- Bundesrepublik – von 1989 an, die Stelle eines ternet finden sich dazu teils gepflegte, teils ver- Rockbeauftragten im Kulturamt eingerichtet. waiste Internetauftritte. Ist das ähnlich wie beim Beginn an eine solche Funktion im Kulturamt Channelhopping – dass man dort `reinschaltet, inne; von daher ist hier die Förderung kontinuwo es am besten ist? ierlich gewachsen. - Musik -

www.popkulturkoeln.de

Die Förderung von Kunst und Kultur und insbesondere von Rock- und Popmusik in Köln und Umgebung hat sich der gemeinnützige Verein PopkulturKöln e.V. auf die Fahnen geschrieben. Hervorgegangen aus dem im Jahr 1992 gegründeten Rockförderverein Köln e.V., kümmert sich PopkulturKöln e.V. seit 1993, um mehrere musikalisch relevante Bereiche: So werden nicht nur Musikproberäume (derzeit 47 bald 60) eingerichtet, vermietet und verwaltet sowie Musiker und Veranstalter professionell beraten; auch die Konzeption und Durchführung von Konzerten und Festivals und die Herausgabe von Publikationen zählen zum Aufgabenrepertoire des Vereins.


Foto©Janet Cardiff

Moderduft als Quelle der Inspiration Viele reden von sogenannten „BandProfessionalisierungen“ – leistet Ihr hier Schützenhilfe? L: Einzelne Bands zu fördern, würde den Rahmen sprengen, d.h., wir befördern vielmehr verschiedene Projekte, wie z.B. schon seit Jahren „Lagerfeuer Deluxe“. Oder wir bauen Proberäume, um professionelle Bedingungen herzustellen, damit die Bands rund um die Uhr proben können. Wir haben früher die Clubs unterstützt, sodass Bands dort spielen konnten, z.B. durch die „Blauen Nächte“; ganz früher initiierten wir zudem die „Köln-Bühne“ auf dem Ringfest , auf der an drei Tagen fast ausschließlich Kölner Bands spielten. So schufen wir also eine breit aufgestellte Front, die wir nun in einzelnen Teilen weiterhin fördern möchten, damit es für Bands ausreichend Plattformen, aber auch Informationsmöglichkeiten wie unser Auskunftsbüro gibt.

Wird die Szene an den Stadtrand gedrängt? Gibt es in Köln genug Proberäume? P: Nein, immer noch nicht.

Zahlreiche für Probezwecke attraktive Industriegebiete wurden in Köln bereits dem Erdboden gleichgemacht – entstehen denn neue Alternativen? P: Zwar ist es bedauerlich, dass durch den Abriss alter Industriegebäude Kreativräume wegfallen; auf der anderen Seite ist es natürlich gerade für diese Stadt wichtig, dass einigermaßen bezahlbarer Wohnraum entsteht. Bei der Zwischennutzung von Immobilien für kreative Zwecke ist solch eine Veränderung schon üblich, und das ist auch gesund. Zumindest bin ich auch froh, dass preiswerte Wohnungen gebaut werden. Und wenn das Helios-Projekt den Vorschlägen der Architekten entsprechend umgesetzt wird, darf man hier noch weiteren Wohnraum erwarten, der bezahlbar ist. Ich finde, hier in Ehrenfeld entwickeln sich die Dinge, auch unter politischer Einflussnahme, gar nicht mal so schlecht.

Stimmt das alte Proberaum-Klischee – „zwei Etagen unter der Erde bei Schimmel und Modergeruch“ – noch, oder hat sich das grundlegend geändert? Wie sind da Eure persönlichen Erfahrungen mit Proberäumen? - Musik -

L (lacht): Ja, dieses Klischee traf auf jeden Fall auf meinen ersten Proberaum zu, den ich mit meiner ersten Band in einem Bunker in Höhenberg – Anfang der achtziger Jahre – gemietet hatte. Da war tatsächlich die Gesangsanlage nach einer Woche innen grünlich verschimmelt, weil eine Etage tiefer das Grundwasser stand. In dem Bunker tummelte sich alles, was in irgendeiner Form Instrumente in die Hand nahm, und die Szene war froh, dass es überhaupt Probemöglichkeiten gab. Solche Zustände gibt es mit Sicherheit noch, aber im Wesentlichen haben sie sich doch sehr zum Positiven verändert. P: Ja, die Angebote sind schon beträchtlich. Wir bieten – ohne Dellbrück – 46 Proberäume in vier Zentren an, und es existieren zudem zahlreiche Proberäume, die privat vermietet werden. Natürlich können wir durch die Förderungen, die wir erhalten, die Proberäume günstiger anbieten. L: Es gibt mittlerweile die verschiedensten (auch nach Tagen oder Stunden getakteten) Vermietungsmodelle in dieser Stadt, aber eines haben alle Räume gemeinsam: Sie sind besetzt – und wenn sie vierfach belegt sind, sie werden auf jeden Fall genutzt.

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Foto©Nirvana - A 20th Anniversary Oral History

Früher war Rock‘n‘Roll der Ausdruck des Widerstandes der Jugend gegenüber der Gesellschaft! Was gibt es heute? Die C/O Pop-Seite schmückt schon viele große Namen – dabei ist vieles noch Handarbeit. Wie groß ist das Netzwerk Sound-of-cologne eigentlich? Auch bezogen auf den Anteil am Arbeitsmarkt?

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P: Eine durchaus berechtigte Frage. Die letzten Untersuchungen, die wir zur Musikwirtschaft durchgeführt haben, sind von 2007 (die Stadt hat einen Kulturwirtschaftsbericht erstellt). Unser Ziel ist es, speziell für die Lage der Musikwirtschaft in Köln aktuelle Daten zu ermitteln und entsprechend zu berichten. Denn nach wie vor ist der Musikbereich mit all seinen Facetten, von der klassischen bis hin zur Neuen Musik, einer der innovativsten und auch aktivsten Bereiche, zum anderen auch wirtschaftlich der interessanteste. Ob durch das Club- und Veranstaltungs-Procedere oder die damit zusammenhängenden Einsätze technischer Firmen, welche das entsprechende Equipment liefern usw. Insofern treffen wir hier auf eine bedeutende Kulturwirtschaft. Deshalb streben wir an, diese Untersuchungen neu aufzulegen. Es war ebenfalls der Wunsch der Politik, solch einen Kulturwirtschaftsbericht alle drei Jahre zu veröffentlichen; doch da wir mittlerweile wieder seit drei Jahren darauf warten, müssen wir dies von außen anstoßen. Da ich mich in dem Procedere – sowohl in der Politik als auch in der Verwaltung – immer noch gut auskenne, lässt sich das auch betreiben.

P: Entsprechend ist auch das Konzept der Cologne Music Week angelegt, die im Januar stattfand. Bei den allermeisten Veranstaltungen ist der Eintritt frei. Das führt dazu – so auch bei Veranstaltungen im Restaurant im Stadtgarten –, dass um 21 Uhr die Bude gerappelt voll ist. Wir finden hier junges Publikum, anderes Publikum, das für 10 Euro nicht mehr in einen Klub gehen würde. Diese Leute haben nun die Möglichkeit, zwei Getränke zu bestellen und ihre Band zu genießen. Dafür jetzt nicht 10 Euro zu verlangen, ist, so finde ich, sowohl für die Bands als auch für die Atmosphäre insgesamt ein stimmiger Ansatz.- Vielen Dank für das Gespräch!

Durch diese Art der Präsentation, durch dieses Format ist ein volles Haus nahezu garantiert.

Einige Medien berichteten davon, dass „in allen Ecken der Innenstadt Kultur und Produktivität sprießen“ – hat Köln diese Kraftausdrücke noch nötig? L: Es gibt mittlerweile breitgefächerte, gegenseitige Einflussnahmen; selbst bei der C/O Pop befruchten sich z.B. Mode und Musik wechselweise, das ist schon faszinierend. Oder im Parkhaus werden Konzerte gegeben. Da hat Köln wirklich einiges zu bieten; vor lauter Veranstaltungen weiß man kaum mehr, wohin man zuerst gucken soll. Und diese sind auch durchweg gut besucht, wie uns die Bands regelmäßig zurückmelden. Dann heißt es: „Die standen `raus bis auf die Straße und fanden`s toll.“ Und das ist doch beeindruckend... - Musik -

Altes Pfandhaus - Kartäuserwall 20 - 50678 Köln - www.altes-pfandhaus.de


Hörgenuss nicht leicht gemacht Die Kunst, Musik wirklich zu genießen, ist eine sehr individuelle Angelegenheit - VON OLAF WEIDEN In medias res! Wer in oder an einer Musikmetropole wie Köln beheimatet ist, der besitzt einen ungeheuren Vorteil gegenüber der Bevölkerung der landschaftlich reizvollen Landbereiche: Er darf sich entscheiden, ob seine bevorzugte Musik vom Tonträger in der Sicherheit heimischer Gemütlichkeit erklingt oder ob das Gesamtpaket, das sogenannte Event eines Live-Konzertes lockt. Wer jetzt denkt, da werden Äpfel mit Birnen gemischt, das eine kann nicht gegen das andere konkurrieren, dem sei gesagt: Beide Möglichkeiten besitzen klare Vor- und Nachteile. Einige Beobachtungen vorab: Fragen rund um die Musik sind immer ein heikles Thema. Denn jeder ist für sich selbst die absolut sichere Quelle für die Güte von Musik, sei es die Qualität der Wiedergabe oder auch die Kunstfertigkeit der Interpreten. Die Menschen besitzen sehr unterschiedliche musikalische, oft auch nur peripher damit verbundene Bedürfnisse, und sind diese befriedigt, dann ist die Musik spitze. Eine Gesellschaft, die sich in der Beschallung eigener Veranstaltungen durch Unterhaltungsmusik innerhalb weniger Jahrzehnte freiwillig vom Erlebnis einer Live-Band über den Alleinunterhalter zum Einsatz eines Dj`s verführen ließ, hat nichts anderes verdient, als in der gesamten Produktpalette der Tonträger nicht nur mit Wahrheiten konfrontiert zu werden.

schpult der Musikanlage landet. Meist sind die in diesem Geschäft heimischen Kräfte berufsbedingt halb taub, sodass immer ein schöner fetter Sound durch die Hallen wabert – was die meisten Gäste erfreut und irgendwie anturnt. Bei einer Veranstaltung mit einer angesagten Ethno-Folkjazzpop-Gruppe eines berühmten osteuropäischen Filmkomponisten, deren zackige Titel wesentlich von einem martialisch trommelnden Schlagzeuger angetrieben wurde, fiel keinem Gast im Publikum auf, das von den Musikern auf der Bühne niemand Schlagzeug spielte; den würde ich als Chef auch einsparen, natürlich für alle Zeiten. Von all´ diesen schönen Musikerlebnissen - die für viele Menschen zu Recht den absoluten Genuss ausmachen, weil sie damit zufrieden sind - berichte ich gerne, auch wenn ich damit das eigentliche Thema nur umschiffe. Aber wo höre ich wirklich noch die Musik pur? Wie erwähnt existieren in der Stadt zwei Möglichkeiten: Die Heimanlage meiner Wahl lockt zu einem gemütlichen Stelldichein, ich selbst regele den Sound, je besser die Anlage, umso mehr Freude birgt der Tonträger. Gravierender Nachteil gegenüber dem Konzert: Es fehlen Atmosphäre und selbstverständlich die Bilder. Die mittlerweile obligatorischen DVDs mit eigenem Video zeigen meist filmische Effekte und reizvolle Bilder, die wenig mit der Musik zu tun haben. Und im Klassikbereich funktioniert nur der Bereich Opernverfilmung als eigenständiges Fach. Das Konzert bleibt aber unbelebt; Ausnahmen sind zu vernachlässigen.

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Die Musik selbst verliert anscheinend im Eventbetrieb immer mehr an Bedeutung. Das Erlebnis, mit zigtausend Besuchern den Auftritt eigener Heroen zu erleben, sei es in Stadien oder Mega-Hallen, wächst immer weiter. Selbst Schlagerfuzzis oder Wirklichen Musikgenuss im Bereich der Klassik bietet also der Konzertsaal, könnte man meinen. volkstümelnde Heilsbringer lassen Monsterzelte platzen. Es gibt Spatzen, die pfeifen mehrfach am Die Musik selbst ver- Aber der sehr guten Akustik eines Raumes wie Tag für die eigens angereisten Dumpfbackenmu- liert anscheinend im dem Konzertsaal der Kölner Philharmonie verdansik-Pilger, ohne auch nur einen Ton selbst zu spieken ja nicht nur die Töne der Musikinstrumente Eventbetrieb immer ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch die Geräusche len. Der Sound im Zelt kommt von der eingelegten CD, der Sound ist gut, denn – wie wir heute wis- mehr an Bedeutung. der Zuhörer, in diesem Fall bei gutem Besuch rund sen – die CDs werden branchenüblich von Pro2000 Menschen, werden schonungslos enthüllt fi-Musikern eingespielt. Bei derartigen Veranstaltungen gilt es, als und müssen genau so erlernt werden wie die Instrumentenfarben Fan einen Götzendienst abzuleisten, und das erfreut nicht nur die im Orchester. Nebeninstrumente: Wie Kastagnetten knackende Menschheit seit tausenden von Jahren, es bringt auch etwas Licht Verschlüsse von Damenhandtaschen, oft im Kanon mit aufklapin das Dunkel des Lebens und gibt Sicherheit. Leider unterscheiden penden und zuschnappenden Brillenetuis, als Kontrapunkt ein lautsich die großen Pop- und sogar Rock-Events oft nicht wesentlich stark entwickeltes Hustenbonbon, später akzentuiert von auf dem von diesen Seniorenfahrten, nur die Zielgruppe ist – manchmal Boden aufschlagenden Programmheften, die sich den im Genuss unwesentlich – jünger. Es klingeln noch die Ohren von der Götter- erschlafften Händen entwinden. Hauptinstrumente: rollender Halsdämmerung beim Konzert der ewigen Stones, ob da wohl alles live nasenrachenkatarrh, Knallhusten, Niesen, rückkoppelnd pfeifende zuging. Und von einer Band mit Millionenseller, einer Gruppe vom Hörhilfen. Soloinstrument: Das Handy! Letztens hat sogar jemand Rang der Manfred Mann Earth Band, ist bekannt, das ein Livealbum das Gespräch angenommen. Andras Schiff, Megastar der Klassikpinach der Aufnahme aufwendig im Studio nachproduziert werden anisten, verließ nach einer Handy-Attacke schon wütend die Bühne musste, weil besonders der Chef unhaltbar danebenlag. Das möchte und ließ sich nur mühsam zur Rückkehr zu seinem Publikum beder Musikfreund eigentlich gar nicht wissen, das sollte Metzgerge- wegen. Anfang Februar klingelten zwei Telefone erbarmungslos laut heimnis bleiben wie die gute Wurst; schon gegessen. in seinem Konzert. Nach einem endlos scheppernden Rufton brach Schiff seine Sonate ab und sagte ins Publikum: „Hallo?“ Ich ziehe Gerade bei den großen Rock- und Popkonzerten entsteht manchmal trotzdem das Live-Konzert vor. Aber ich kenne Musikliebhaber, die der Eindruck, dass irgendwann über die Jahre der fußlahme Roady, in Köln lieber zuhause Musik hören. So ist das nämlich mit dem dem die dicken Boxen zu schwer geworden sind, hinter dem Mi- Musikgenuss: Da ist jeder seines Glückes Schmied! - Musik -

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Musik in Köln

Der JAZZ-Kalender Febr./März Club Subway - Aachenerstr. 82-84 jeden zweiten Mittwoch im Monat Wildern Heimathirsch - Mauenheimer Str. 4 einmal im Monat, mittwochs in loser Folge, 19:30-22:00 Uhr Es spielt die Band Wildern mit exquisiten Gastmusikern der Kölner Musikszene und darüber hinaus.

Montags JäzzZeit Heimathirsch - Mauenheimer Str. 4 jeden Montag, 20:00 Uhr Jazz am Eigelstein Textilcafe - Eigelstein 122 jeden Montag, 19:30 Uhr

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Jazz-o-Rama Artheater - Ehrenfeldgürtel 127 jeden Dienstag, 21:30 Uhr, Konzert (Opener) & Session Barinton Live Music Club Grüner Weg 2 - 50825 Köln Ehrenfeld Piano Bar - Sanfte Töne laden zum Chillen ein. Ein Keyboarder, eine Sängerin und schon ist der entspannte Abend bei Easy-Listening, Pop, Jazz und Lounge Musik gegeben. Zockpalast Barracuda Bar - Bismarckstr. 44 ein Konzert monatlich, Di. 21:00 Uhr Jazz im Café 333 Luxemburger Straße 333 alle 14 Tage, dienstags, 19:30 Uhr Metronom Metronom - Weyerstraße 59 von Ende September bis Ende April alle zwei Wochen dienstags, 21:00 Uhr

Mittwochs Kommunikation 9 Artclub - Melchiorstraße 14 Neun Konzerte im Jahr, in der Regel mittwochs Subway Jazz Orchestra

RMS JazzOrchester Bogen 2 - Trankgasse 20 - 20:00 Uhr jeden vierten Donnerstag im Monat,

Freitags Freiraum Freiraum e.V. - Gottesweg 116a ein bis zwei Konzerte im Monat, 20:00 Uhr

Jazz im Hahnheiser Hahnheiser - Yorckstraße 32 jeden zweiten Mittwoch, in loser Folge auch freitags, 20:00 Uhr

FemaleJazz Bürgerhaus Kalk - Kalk-Mülheimer Str. in loser Folge ein Konzert im Monat, freitags, 21:00 Uhr

Barinton Live Music Club Grüner Weg 2 - 50825 Köln Ehrenfeld Jazz on Q Regional bekannte und unbekannte Jazzbands die eigene Stücke sowie Covers spielen, spannender junger Jazz, eine überzeugende Darstellung von Künstlern aus Köln, ein spannendes Erlebnis

blue:notes Bistro Verde - Maternusstr. 6 freitags, 20:00 Uhr, bis zu zehn Konzerte im Jahr

JazzSpirit Filmdose - Zülpicher Straße 39 jeden ersten und dritten Mittwoch, 20:30 Uhr Konzert (Opener) & Session

Donnerstags JazzTrane Studio 762 - Stadtgarten donnerstags, 20.30 Uhr Jazz im Stecken Stecken - Maastrichter Straße 11 jeden Donnerstag ab 22:00 Uhr Barinton Live Music Club Grüner Weg 2 - 50825 Köln Ehrenfeld Mit unübersehbarer Spielfreude und spektakulärer Performance wechseln sich Funk, Soul, RnB, Jazz, Jazzrock, Acoustic etc. ab und es wird gegrooved und gejammt was das Zeug hält. The Big Band Convention Bogen 2 - Trankgasse 20 jeden ersten Donnerstag im Monat Grand Central Orchestra Bogen 2 - Trankgasse 20 - 20:30 Uhr jeden dritten Donnerstag im Monat, - Musik -

ALPCOLOGNE Victoria Riccio – Gesang, Texte, Musik Mitch Hoehler – Alphorn, Kompositionen ebasa Pallada - Alphorn Norbert Schmeißer - Alphorn 28. März 2014 - 12 € Barinton Live Music Club Grüner Weg 2 - 50825 Köln Ehrenfeld Nationale, regionale und Internationale Livebands aus den verschiedensten Genres ergänzt durch passende und stimmungsvolle Djs ein bunter, furioser Mix aus Jazz, Pop, Blues und Funk; Ska, Weltmusik, Gypsy Boogie, Gangster Swing, So wie Tango und mehr.

Samstags Round About Midnight Stadtgarten - Venloer Straße 40 jeden Samstag, 23:00 Uhr Barinton Live Music Club Grüner Weg 2 - 50825 Köln Ehrenfeld Nationale, regionale und Internationale Livebands aus den verschiedensten Genres. Ein bunter, furioser Mix aus Jazz, Pop, Blues und Funk; Ska, Weltmusik, Gypsy Boogie, Gangster Swing. Sound Studio N Holzgasse 14 - bis zwei Konzerte im Monat, samstags 13:00 Uhr


Jazz Dinner – „cookin´ at“ Café Stanton - Schildergasse 57 jeden Samstag, 20.00 Uhr

Sonntags Real Live Jazz - in Klettenberg ABS - Gottesweg 135 jeden Sonntag, 19:30 Uhr Next Level Jazz studio dumont - Breitestr. 72 einmal im Monat, immer sonntags 18:00 Uhr Info: studio dumont Orange Sunday KulturOase - Hospeltstr. 65 ersten Sonntag im Monat, 19:00 Uhr, Konzert (Opener) & Session Jazz@Brändström Elsa-Brändström-Strasse 6, einmal im Monat, So. 16:00 - 18:00 Uhr delljazz …zwischen den Meilen Lezuch’s Gasthaus im Museum Gemarkenstr. 173 - jeden letzten Sonntag im Monat, 19:00 Uhr, Konzert (Opener) & Session

Rolands Rumba – Odonien - Hornstaraße 85 jeden ersten und dritten Sonntag, 16:00 – 22:00 Uhr Jazz-Freunde-Köln e.V. Gaffel im Marienbild Aachener Straße 561, ersten oder zweiten Sonntag im Monat, 11:00 Uhr Jazz & Kuchen Motoki Kollektiv - Stammstrasse 32-34 in loser Folge, sonntags, 16:00 Uhr Musiklabor Köln Bayenwerft Kunsthaus Rhenania Bayenstrasse 28 - jeden ersten Sonntag im Monat, 17:00 Uhr Jazz Brunch im Galiley Galiley - Lindenstr. 38 jeden Sonntag 11:30 - 15:00 Uhr Jazz im Bauturm Café Bauturm - Aachenerstr. 24 jeden Sonntag, 19.00 Uhr

www.real-live-jazz.de/ 65

Beim Thema Kultur mischen wir gerne mit. Kulturelles Engagement und Energie für die Region.


seconds Momentaufnahmen einer Stadt, die niemals schläft. In unserer nächsten April / Mai werden wir uns dem Thema „Anzüglich“ widmen.

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Was ist anziehend? Wie anziehend ist Köln? Die Gegensätze: Schmutz, Mietspiegel, Lautstärke Parkplätze, Links abbiegen versus Herzlichkeit, reicht das? Neben dem gedruckten Magazin, finden Sie alle Artikel auch auf unserer Homepage. Hier gibt es angesagte News, immer wieder neue Beiträge, ausgewählte Veranstaltungstipps, spannende Verlosungen. Seconds im ABO: Für 30 EUR. Ein Jahr lang im Briefkasten. Senden Sie uns eine Mail an: abo@seconds.de

impressum Hospeltstraße 69 bei Artrmx - 50825 Köln Mail: redaktion@seconds.de Web: www.seconds.de www.facebook.com/Seconds.Koeln

Herausgeber: Andreas Bastian

Anika Pöhner, Michaele Gartz, Karin Schneeweis.

Seconds-Team: Frederick Fischer, Felix J. Grosser, Robert Kronekker, Katharina Ley, Katharina Litz, Iris Then, Christiane Martin, Andrea Neuhoff, Magdalena Röschenkämper, Sabrina Burbach, Katharina Eusterbrock, Daniel Andernach, Pia Susan Berger-Bügel, Uwe Schäfer, Olaf Weiden, Toby Ashraf, Dorothea Dühr,

Termine und Veranstaltungen: Die Wiedergabe der Termine, Adressen, Kontaktdaten. Die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ist zwar beabsichtigt, aber ohne Gewähr. Die Redaktion behält sich Kürzungen von Leserbeiträgen vor. Urheberrechte für Beiträge, Fotos und Anzeigenausgabe sowie der

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2014 - Anzeigenschluss: der 20. des laufenden Monats Kontakt: Magdalena Röschenkämper Mail: mr@seconds.de Bankverbindung: Commerzbank Köln Kto: 305692600 BLZ: 37040044 Auflage 10.000 Exemplare


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