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Sonderheft: 40 Jahre Homobewegung


Warme Worte Liebe Sonderheft-Leserinnen und Sonderheft-Leser, liebe Homobeweger und -Bewegerinnen, vor 40 Jahren begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Schwulen und Lesben. Weil sie die Diskriminierung nicht mehr länger hingenommen haben. Weil sie sich gegen Schikanen gewehrt haben. Und weil sie ihren Mut zusammen genommen haben und Veränderungen forderten, auch wenn die damals noch utopisch erschienen. Viel wurde erreicht. Sie haben uns erst ermöglicht, so offen schwul oder lesbisch zu sein, denn damals galt Homosexualität noch als Krankheit und war strafbar. Was in den 4 Jahrzehnten Homobewegung geschah, haben wir im letzten Jahr für euch in einer Serie in jedem Heft behandelt. Wir haben die Texte noch einmal für euch zusammengestellt, damit sich jeder einen groben Überblick über die letzten 40 Jahre machen kann. Schwulst selber blickt schon auf eine über 30-jährige Geschichte zurück und ist selbst Teil der Homobewegung. Zu der Zeit entstanden mehrere Hefte wie Schwulst in ganz Deutschland, überlebt hat unseres Wissens leider nur Schwulst. Vor allem in Stuttgart ist Schwulst seit Anfang an prägend dabei, mittlerweile wurde der Raum auf ganz BadenWürttemberg ausgeweitet. Mit historischen Szeneführungen und Aufarbeitung der schwulen Geschichte vor Ort wollen wir das Wissen über die Ursprünge unserer Szene lebendig halten. Wir wünschen allen Lesern viel Spass mit dieser Zusammenstellung als SchwulstSonderheft, Eure SCHWULST-Redaktion


Im Jahr 2009 jährt sich zum 40. Mal der Jahrestag des Homosexuellen Aufstandes in der Christopher Street in New York. Der Beginn der neuere Homosexuellen Bewegung, der Beginn des Kampfes der Schwulen und Lesben für gleich Rechte und der Beginn der CSD/Gay Pride Bewegung weltweit. Grund genug für SCHWULST in diesem und den nächsten Heften uns ein wenig die neuere Homosexuellen-Bewegung und deren Geschichte noch einmal vor Augen zu führen:

Teil 1:

Alles begann mit einer Alltäglichkeit Das „Stonewall-lnn“ an der New Yorker Christopher Street im Jahre 1969. Eine billige Kneipe, in der man für drei Dollar Eintritt die ganze Nacht über bleiben und sich mit einem Getränk begnügen kann. Das macht die Kneipe hauptsächlich für junge Leute attraktiv. In der Nacht zum Samstag, 28. Juni, findet in den ersten Morgenstunden eine Polizei-Razzia statt, wie sie in New Yorker SchwulenTreffs in dieser Zeit Gewohnheit ist: Streifenwagen fahren vor, Polizisten springen heraus, besetzen die Ein- und Ausgänge und stürmen dann ins Innere des Lokals. Etwa 200 Gäste zählt das Stonewall zu dieser Stunde. Jeder einzelne wird von der Polizei gefilzt und auf die Straße geschoben. Wer in den Szene-Lokalen verkehrt, muss mit derlei unangenehmen Zwischenfällen rechnen. Und doch ist diesmal alles anders. Während sich die Lokalbesucher bei ähnlichen Razzien eingeschüchtert davonschlichen - bemüht, ihre Anonymität zu wahren - und die Vertreibung durch die Staatsmacht ohnmächtig duldeten, bleiben sie diesmal vor der Tür ihres Lokals stehen. Sie schimpfen, diskutieren, protestieren, machen ihrem Unmut über die Vertreibung mit deftigen Worten Luft. Schwule und lesbische Passanten auf der Christopher Street gesellen sich dazu. Erste Rufe wie „Weg mit den Bullen!“, „Bullen raus!“ setzen ein. Inzwischen ist die Menge auf rund 500 Personen angewachsen, doch die Szenerie bleibt zunächst noch friedlich. Das ändert sich jedoch, als plötzlich drei weitere Streifen- und ein Mannschaftswagen eintreffen. Mehrere Polizisten springen heraus, greifen sich zwei Angestellte des Stonewall und drei Tunten im Fummel aus der Menge und stoßen sie in den Mannschaftswagen. Augenblicklich setzt ein gewaltiges Pfeifkonzert ein. Rufe wie „Scheiß Bullen!“ und „Befreit die Gefangenen!“ werden zahlreicher und die Stimmung militanter. Hunderte umringen die Polizeiautos, drohen mit Fäusten, versuchen

die Wagen umzukippen und die Verhafteten zu befreien. Die Polizei auf Widerstand nicht vorbereitet, springen in ihre Autos und brausen davon. Das macht den Widerständlern Mut, vertreibt das Gefühl der Ohnmacht. Ein Handgemenge setzt ein. Unterstützt von einem gewaltigen Pfeifkonzert und dem brodelnden Protestlärm der Menge, greifen jetzt immer mehr Schwule und Lesben zu harten Gegenständen, Münzen, Bierdosen und Steinen, um sie gegen die Polizisten zu schleudern. Zugleich erreichen die aus der Menge gerufenen Parolen eine neue Qualität. „Schlagt die Bullen zusammen!“, „Befreit das Stonewall!“. Die vor dem Stonewall stehenden Polizisten, darunter der Leiter der Razzia, werden ängstlich. Die Polizisten ziehen sich in das Innere des Stonewall Inn zurück und schließen sich dort ein. Die Front des Stonewall besteht aus Ziegelsteinen, ausgenommen die Fenster, die von innen mit Sperrholz geschützt sind. Drinnen hört man nun das Rütteln an den Fenstern, gefolgt von Geräuschen, die von an die Tür geworfenen Ziegelsteinen stammen müssen.

Draußen, auf der Christopher Street, hat inzwischen die militante Stimmung weiter zugenommen. Die Parole „Stürmt das Stonewall!“ setzt sich bei jenen durch, die vorne stehen. Jemand greift einen Mülleimer und schlägt damit ein Fenster ein. Mehrere versuchen, eine Parkuhr aus der Verankerung zu reißen, um


sie als Rammbock gegen die Tür einzusetzen. Es gelingt. Rufe von weiter hinten Stehenden feuern sie an. Plötzlich springt die Tür auf. Bierdosen und Flaschen poltern herein. Die Polizisten versuchen, die Tür wieder zu schließen, ein Polizist wird dabei am Auge verletzt. Er jammert laut, aber es sieht schlimmer aus, als es ist. Die Polizisten haben plötzlich Angst bekommen. Drei laufen nach vorn, um die Menge von der Tür aus zu beruhigen. Ein Münzhagel ist die Antwort. Eine Bierdose schlägt gegen den Kopf eines Polizisten. Der Leiter der Polizeigruppe sammelt sich, springt hinaus ins Getümmel, greift jemandem um die Taille, zieht ihn nach hinten und schleift ihn in den Flur. Inzwischen ist es gelungen, die Tür wieder zu schließen. Der Hereingezogene wird von wütenden Polizisten umringt, die ihre Wut an ihm auslassen. Die Polizisten prügeln fünf-, sechsmal auf den Gefangenen ein. Sie schlagen selbst dann noch auf ihn ein, als er schon fix und fertig am Boden liegt. Draußen, vor dem Stonewall, ist eine neue Parole aufgekommen. Sie heißt „Roast the pigs alive!“ und zugleich geht der Ruf nach Benzin durch die Menge. Die im Lokal eingeschlossenen Polizisten fangen an, durchzudrehen. Jetzt gibt die Tür an der Seite nach. Ein Polizist schreit „Verschwindet oder ich schieße!“. Für eine kurze Zeit hört das Rütteln auf. Auf einmal ist die Eingangstür völlig offen. Gleichzeitig fällt mit lautem Getöse eines der Sperrholzfenster herunter und es scheint unvermeidlich, dass die Menge hereinströmt. Alle Polizisten ziehen ihre Pistolen. Sie zielen auf die Tür. Einer der Polizisten sagt: „Ich knalle den ersten Motherfucker ab, der durch die Tür kommt!“ Durch ein zerbrochenes Fenster wird Benzin ins Innere des Stonewall geschüttet und angezündet. In das Brausen der Flammen mischen sich von Ferne die Sirenen der herbeigeholten Polizeiverstärkung. Ein großes Aufgebot erreicht die Christopher Street und das Stonewall. Die Polizisten beginnen, wild auf die Menge der Schwulen und Lesben einzuprügeln. Es gelingt ihnen, die Demonstranten abzudrängen und das Feuer zu löschen.

Dieser Teil der „Stonewall-Rebellion“ dauert ganze 45 Minuten. Es gibt mehrere Verletzte. Dreizehn Personen werden verhaftet. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde in der New Yorker Gay-Szene, dass sich die Schwulen, Leben und Transsexuellen zu wehren begonnen haben. Als am nächsten Tag viele Schwule und Lesben vor das Stonewall ziehen, um den Ort des Aufbruchs zu besichtigen, finden sie dort eine Menge Kreideinschriften an den Wänden: „Support gay power!“, „Drag power!“, „They invaded our rights“, „Gay is good" und immer wieder „Gay Power!“. Noch mehrere Tage lang kommt es auf der Christopher Street zu militanten Auseinandersetzungen zwischen Schwulen, Lesben und der Polizei. Auch der schwule Poet Allen Ginsberg besucht die Christopher Street. „Wir sind eine der größten Minderheiten im Lande", sagt er. „Es wurde höchste Zeit, dass wir was tun, um uns durchzusetzen.“ In jener Nacht sprang ein Funke aus dem Stonewall auf die Christopher Street. Von dort ging er um die ganze Welt. Eine relativ unbedeutender Vorfall in einer billigen Kneipe in New York war der Tropfen der das lange aufgelaufen Fass der Unterdrückung von Schwulen und Lesben zum Überlaufen gebracht hatte. Der Funken an der Lunte, der im Jahr 1969, in einer Zeit des allgemeinen Aufbruchs und der Umwelzungen, der Studentenunruhen und Widerstands gegen den Vietnam-Krieg ein Fanal setzte und der Startschuss für die neue Schwulenbewegung weltweit war. Die Ereignisse vom Juni 1969 verbreiteten sich in Windeseile unter den Schwulen und Lesben weltweit und waren damit die Initialzündung für die neue Schwulenbewegung auch in Deutschland.


Im Jahr 2009 jährt sich zum 40. Mal der Jahrestag des Homosexuellen Aufstandes in der Christopher Street in New York. Grund genug für SCHWULST ein wenig die neuere Homosexuellen-Bewegung und deren Geschichte zu schildern. Im ersten Teil haben wir berichtet, wie alles mit einer Alltäglichkeit im Juni 1969 in einer kleinen Schwulen-Bar in New York begann.

Teil 2:

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ Die Ereignisse vom Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street verbreiteten sich in der schwulen Szene in Amerika und auch in Europa wie ein Lauffeuer und waren die Initialzündung für die neue Homosexuellen-Bewegung weltweit. Doch der Schwulen-Aufstand in der Christopher Street alleine hätte niemals ausgereicht, um die politische Sprengkraft zu entwickeln, die er bis heute hat, wenn nicht die politischen Rahmenbedingungen im Jahr 1969 eine Veränderung der alten und verkrusteten Zustände bereits vorbereitet hätten. Das Ende der 60er Jahre war geprägt von einem weltweiten Protest, insbesondere unter der Jugend, gegen den Vietnam-Krieg und gegen die überkommenen Verhältnisse in Staat und Gesellschaft, die in den Studentenunruhen im Jahr 1968 gipfelten. Bereits vor dem Jahr 1969 hatten sich viele einflussreiche Politiker und Juristen dafür eingesetzt, den in der Bundesrepublik Deutschland damals immer noch geltenden unsäglichen § 175 StGB, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, abzuschaffen. Ermutigt durch die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street und der sich damit unmittelbar daran anschließenden schwulen Emanzipationsbewegung in den USA, formieren sich Anfang 1970 die ersten schwulen Gruppen in Deutschland, so in Hamburg, Wiesbaden und München. Erste Homosexuelle Studentengruppen werden in Deutschland gegründet, die in einem radikalen Bruch zur bisherigen Homosexuellen-Bewegung stehen, alte „Tarnvereine“ für Schwule ablehnen und nun offen sichtbar als Schwule Aktionsgruppen in der Öffentlichkeit auftreten. Die Akteure nennen sich nun nicht mehr Homophile, Kameraden oder Homoeroten, sondern benutzen selbst

das bisherige Schimpfwort „Schwule“ (auch für Frauen), als Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins. Auch die politische Gesinnung dieser neuen schwulen Studentengruppen war radikal anders. Geprägt von der allgemeinen Studentenbewegung war man sozialistisch, politisch links und basisdemokratisch orientiert, während die Vertreter der alten Homosexuellenverbände eher bürgerlich-liberal bis konservativ orientiert waren. Das Layout der Homosexuellenzeitschriften ändert sich zu Beginn der 70er Jahre ebenfalls radikal. Die Graumäusigkeit der Artikel und die „keuschen“ Abbildungen der Männer weichen einer Buntheit und einer neuen Offenheit in der Darstellung von Nacktheit und Lust. Ein ganz wesentlicher Katalysator dieses Bruches mit dem alten schwulen Versteckspiel war der Film von Rosa von Praunheim „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“, der ab 1971 in den deutschen Kinos gezeigt wurde. Dieser Film führte unmittelbar zu

zahlreichen Gruppengründungen, zunächst in Groß- und Universitätsstädten, später auch in kleineren Städten. So kommt es in West-Berlin zur Gründung der Homosexuellen Aktion Westberlin, in Frankfurt der Roten Zelle Schwul (Rotzschwul), in Saarbrücken der Homosexuellen


Aktionsgruppe Saarbrücken, in Köln der gay liberation front und in München der Homosexuellen Aktionsgruppe. Später folgen Gruppengründungen in Würzburg, Stuttgart, Göttingen, Braunschweig und Düsseldorf. Im Juni 1971 wurde bundesweit zunächst nur in der Homosexuellenpresse, später auch in einigen liberalen Zeitungen über die erste „Gay pride parade“ aus Anlass des „Stonwall-Aufstandes“ 1969 in New York berichtet. Viele Schwule stellten sich daraufhin in Deutschland die Frage, warum nicht auch hier in Deutschland eine entsprechende Parade möglich ist. 1972 trafen sich dann erstmals alle bundesdeutschen Homosexuellengruppen in Münster zu einem gemeinsamen Austausch. Im Rahmen dieses ersten bundesweiten Treffens fand die erste öffentliche SchwulenDemonstration auf einer Straße in Deutschland statt. Mit Plakaten und Parolen wie „BRÜDER & SCHWESTERN warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“ zogen die schwulen Demonstranten durch die Straßen. Die Bewegung war in diesen Tagen stark inspiriert von der Studentenbewegung und einem streng sozialistischen Kurs. Aufgrund dieser Grundausrichtung kam es dann bereits ein Jahr später im Jahr 1973 zum sogenannten „Tuntenstreit“. Dieser steht für eine Strategiedebatte innerhalb der Schwulenbewegung und deren politischen und ideologischen Ausrichtung. Diese Strategiedebatte mündete in einer Spaltung der Schwulenbewegung. Eine Gruppe stand für eine Integration von Schwulen und Lesben in die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen (Integrationisten) und die andere Gruppe stand für eine „sexuelle Revolution“ durch die Überwindung von patriarchalischer Geschlechterrollen (Radikale). Dieses Spaltung der frühen neuen Schwulenbewegung und der Kampf zwischen diesen beiden Gruppen führte lange Zeit dazu, dass die Schwulen –

und Lesbenbewegung nur sehr langsam an Einfluss auf die Gesellschaft gewann und gezielt von den politischen Kräften gegeneinander ausgespielt werden konnte. Ungeachtet dieser Ideologischen Trennungen innerhalb der Schwulen- und Lesbenbewegung gründeten sich in den frühen 70er Jahre im gesamten Bundesgebiet eine Vielzahl von Schwulen und Lesbischen Gruppen und Initiativen, bis hin zu schwulen Kirchengruppen wie der HuK, begleitet von neuen Zeitschriften und Projekten, der Gründung von vielen subkulturellen Einrichtungen und neuen Schwulen Cafes, Buchläden und Verlagen. Im Jahr 1974 veröffentlichen Martin Dannecker und Reimut Reiche die empirische Untersuchung „Der gewöhnliche Homosexuelle“. Diese wissenschaftliche Arbeit markiert eine Zäsur in der bisherigen Homosexuellenforschung: weg vom Pathologisierungs- und Normalisierungsgestus, hin zu einem neuen Verständnis für die Situation von Homosexuellen und ihrer Lebensumständen. Im Juni 1979 fanden dann in Bremen, West-Berlin und Stuttgart zum erstem Mal in der Bundesrepublik Deutschland „Gay Pride Paraden“ und damit die ersten CSDs in Deutschland statt. Diese CSDs bilden bis heute einen festen und ganz wichtigen Bestandteil der schwulen Bewegung in Deutschland. Von Beginn gab es bei den Gay Pride Paraden stets eine Auseinandersetzung über den kommerziellen, politischen/apolitischen Charakter dieser Veranstaltung. Ein Höhepunkt der 70er Jahre bildete im Juli 1979 das erste große Schwulentreffen „Homolulu“ in Frankfurt/Main. Eine Melange aus schwuler Lust und Politik. Homolulu war der Endpunkt eines schwulenbewegten Jahrzehnts – das Woodstock der Schwulen: Eine für viele unvergessliche Woche schwuler Utopie, beschwingt und heiter, von Solidarität und Zuneigung geprägt, ohne den Schatten der sich in Amerika bereits ankündigenden AIDS-Krise. Insgesamt sind die 70er Jahre ein Jahrzehnt der Befreiung und des Aufbruches aus einer Zeit der Verbote und der Unterdrückung von Schwulen und Lesben, hin zu einem neuen Selbstbewusstsein und zum Kampf um gleiche Rechte. StevenStgt


Im Jahr 2009 jährt sich zum 40. Mal der Jahrestag des Homosexuellen Aufstandes in der Christopher Street in New York. Grund genug für SCHWULST ein wenig die neuere Homosexuellen-Bewegung und deren Geschichte zu schildern. Im 1. Teil haben wir berichtet, wie alles mit einer Alltäglichkeit im Juni 1969 in einer kleinen Schwulen-Bar in New York begann. Im 2. Teil, wie die neuere Schwulen- und Lesbenbewegung in den 70er Jahren in Deutschland entstand.

Teil 3:

Coming Out, die neue Freiheit? Auf die lustvoll-anarchischen 70er Jahre mit Demos, Sex und Village People folgte die "Gründerzeit" der 80er Jahre. Die Institutionalisierung der Lesbenund Schwulenbewegung. Schwule Buchläden, Verlage und Cafés wandelten sich von "Initiativen" in veritable Wirtschaftsunternehmen, Vereine und Beratungsstellen richten mit öffentlicher Finanzierung feste Arbeitsplätze ein. Schräge "Stonewall"-Demos wandeln sich zu machtvollen und lustbetonten CSD-Paraden. Bei Göttingen öffnete das Tagungshaus "Waldschlösschen" seine Tore, in Köln wurde das Schwulen- und Lesbenzentrum Schulz gegründet. Mit Herbert Rusche zog der erste offen schwule Abgeordnete in den Bundestag ein, und in der DDR war plötzlich schwuler Sex mit Jugendlichen nicht länger strafbar. Die 80er Jahre sind zunächst geprägt von einer Orientierung der schwulen Bewegung an den USA, der Auseinandersetzung mit Aids, sowie die Ausdifferenzierung der Schwulen Bewegung in viele Partikularinteressen. Diese Orientierung an den USA betraf vor allem die Freizeitkultur. Daneben entstanden in den 80er Jahren berufliche und politische Strukturen, die sich für schwule Belange einsetzen. So entstanden schwule Berufs-, Partei-, und Gewerkschaftsgruppen wie z.B. Schwule Lehrer, Juristen und Mediziner, die Schwulen in der damaligen Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (heute Verdi), die Schwulen in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und die Schwulen bei den Grünen und der SPD. Von den USA inspiriert entstanden in vielen Städten Schwule Sport-Vereine, Theatergruppen, Chöre usw. Sowie die Übernahme von neuen Demonstrations-

und Politikformen wie den Christopher Street Day, das Outing oder das Act up. Nach wie vor war jedoch eines der drängendsten Anliegen der Schwulen-Bewegung in Deutschland die endgültige Abschaffung des unsäglichen § 175 StGB. Bereits 1979 hatte die Juristen der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft hierzu einen Entwurf vorgelegt, der neben der Streichung des § 175, einen Entwurf für ein Antidiskriminierungsgesetz vorsah, die Möglichkeit einer Eheschließung für Schwule und Lesben beinhaltete und eine „Wiedergutmachung“ für homosexuelle KZ-Häftlinge forderte. Wer die weitere Entwicklung kennt, weiß, dass diese Forderungen zum Teil erst vor wenigen Jahren verwirklicht werden konnten. Im Juli 1980 kam es in Hamburg zu einem Skandal. In einer Aktion zerstörten einige Schwule Aktivisten die Spiegel in öffentlichen Toilettenanlagen und bestätigten damit ihre Vermutungen. Es handelte sich hierbei um Einwegspiegel, die es der Polizei ermöglichte, aus den Räumen dahinter Schwule beim Kontaktknüpfen in den Toiletten zu beobachten und sie polizeilich zu registrieren. Conny Littmann, damals Hamburger Spitzenkandidat der Grünen und Schwulenaktivist war an dieser spektakulären Enthüllung wesentlich beteiligt. Die FDP die in einer Koalition mit der SPD regierte hatte sich wiederholt für eine völlige Streichung der § 175 StGB eingesetzt. Doch alle Bemühungen


scheiterten am Wiederstand des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der die Debatte mit den Worten "Da müssen Sie sich einen anderen Koalitionspartner suchen“ kurzerhand beendete. Zur Bundestagswahl 1980 veranstalteten mehrere Schwule Gruppen in der Bonner Beethovenhalle eine Veranstaltung unter dem Thema „Parteien auf dem Prüfstand". Dabei sollten die einzelnen Parteien zu ihren unterschiedlichen Einstellung zu Schwulen und Lesben und deren Anliegen befragt werden. Doch diese Veranstaltung verlief alles andere als geplant. Aus der Befragung wurde ein wilder Tumult und die Veranstaltung endete schließlich im Chaos und musste abgebrochen werden. Mit dem Ende der sozialliberalen Koalition im Jahr 1982 schwanden auch die Hoffungen auf eine baldige Streichung des § 175. Die neue Partei der Grünen, die sich homosexueller Themen annahm, avancierte in diesen Tagen zum politischen Hoffungsträger schwulen-politischer Veränderungen. In der damaligen DDR begannen bereits in den 70er Jahren Frauen-, Umwelt-und Friedensgruppen sich unter dem Dach der Evangelischen Gemeinden anzusiedeln. So wurden die Kirchen in der DDR zu einem Sammelbecken für alle nicht staatskonformen Initiativen. Obwohl einzelne Landeskirchen, wie etwa in Thüringen, ein Engagement für Homosexuelle strikt ablehnten, gelang es ab 1982 auf der Ebene der evangelischen Kirchentagen in der DDR in 17 Städten in der DDR Emanzipationsgruppen homosexueller Frauen und Männer zu gründen. Aus diesen entwickelte sich dann in den Folgejahren die Schwule und Lesbische Szene in der DDR. Aids wurde in den 80er Jahren zum wichtigsten Thema in der Öffentlichkeit und mobilisierte längst überwunden geglaubte Vorurteile gegenüber Homosexuellen. "Tödliche Seuche AIDS - Die rätselhafte Krankheit" - titelt im Juni 1983 der "Spiegel", der das Wort "Schwulenpest" prägte. So oder so lähmte die Krankheit, die auf sexuellem Wege übertragen wird, die Schwulenbewegung. Doch nach einer Zeit der Sprachlosigkeit in der Bewegung wurden bereits im selben Jahr bundesweit die ersten Aids-Hil-

fen in München und Berlin mit betont schwulem Engagement gegründet. Kurze Zeit später folgten ähnliche Einrichtungen in allen größeren Städten in Deutschland. In der bundesweiten aids-politischen Diskussion standen sich zunächst die liberale Linie der damaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth und die restriktive, auf Zwangsmaßnahmen aufbauende „bayrischen Linie“ des damaligen Münchner Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler gegenüber. Während Rita Süßmuth auf Aufklärung, Unterstützung und Prävention setzte vertrat Gauweiler eine Linie die u.a. die Kasernierung und Internierung von Aids-Kranken und eine Bekämpfung der schwulen Subkultur vorsah. Zum Glück konnte sich in dieser entscheidenden Auseinandersetzung die liberale Linie von Rita Süßmuth durchsetzen. Die Folge war, dass die Aids-Hilfen zukünftig von staatlicher Seite unterstützt und gefördert wurden und es zu keiner nochmaligen Stigmatisierung von Schwulen in Deutschland gekommen ist. 1986 wurde die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) zum Dachverband und übernahm damit wichtige schwulenpolitische Aufgaben auf Bundesebene. Versöhnlich und mit einer Hoffnung für die Zukunft gingen die 80er Jahre zu Ende. Am 1. Oktober 1989 liesen sich in Kopenhagen/Dänemark das erste Männerpaar weltweit ihre Partnerschaft eintragen. Es folgten Norwegen 1993 und Schweden 1995, die eine registrierte, staatlich beglaubigte Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichten. Die ersten Schritte für eine anerkannte Partnerschaft auch in anderen Ländern, wie Deutschland waren damit getan und ein großes Symbol für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben war gesetzt. Wenige Tage später am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer und endlich finden auch die Schwulen und Lesben aus Ost und West wieder zusammen. Am Tag der Maueröffnung hatte in Ost-Berlin der erste schwule DDR-Film „Coming out“ seine Premiere.


Im Jahr 2009 jährt sich zum 40. Mal der Jahrestag des Homosexuellen Aufstandes in der Christopher Street in New York. Grund genug für SCHWULST ein wenig die neuere Homosexuellen-Bewegung und deren Geschichte zu schildern. Im 1. Teil haben wir berichtet, wie alles mit einer Alltäglichkeit im Juni 1969 in einer kleinen Schwulen-Bar in New York begann. Im 2. Teil, wie die neuere Schwulen- und Lesbenbewegung in den 70er Jahren in Deutschland entstand. Im 3. Teil berichteten wir über die neue Freiheit, der 80er Jahre. Teil 4:

Angekommen im Homo-Glück? Der Beginn der 90er Jahre ist geprägt von der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende des Kalten Krieges in Europa. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten kommt es, trotz der sehr unterschiedlichen Traditionen der schwulen Bewegung in den beiden Staaten sehr rasch zu gemeinsamen Aktionen gegen den nach wie vor in West-Deutschland geltenden § 175 StGB. In der DDR war der § 175 StGB zuvor bereits abgeschafft worden. Nach einem zähen Ringen und gegen den Widerstand mancher konservativer Politiker, konnte vor allem auch durch die Stimmen vieler Ostdeutscher Politiker die eine Wiedereinführung des § 175 in Ostdeutschland verhindern wollten, erreicht werden, dass der unsägliche § 175 StGB, der Homosexualität unter Strafe stellte, nach 123 Jahre seiner Gültigkeit, im Jahr 1994 endgültig abgeschafft wurde. Nach Abschaffung des § 175 wurde sehr rasch das zentrale Thema der Schwulenbewegung die Erstreitung von gleichen Rechten für Schwule und Lesben und der Einführung der „Homoehe“. Geprägt waren die 90er Jahre aber auch durch das Outing mancher Prominenter aus Kunst und Film, sowie einiger Politiker und der Begegnung der nach wie vor vorhandenen Gewalt gegen Schwule. So entstehen in einigen Städten „Schwule Überfalltelefone“ und in Zusammenarbeit mit der Polizei und lokalen Gruppen entstehen Projekte zur Gewaltprävention. Anfang der 1990er Jahre explodierten die Teilnehmerzahlen an den bundesdeutschen CSDs sprungartig. In den Metropolen Berlin und Köln entstanden Groß-CSDs

mit mehreren hundert Tausend Besucher. Gleichzeitig ging jedoch auf der anderen Seite die aktive Beteiligung an den bisher klassischen politischen Emanzipationsgruppen drastisch zurück. Das Treffen Berliner Schwulengruppen (TBS), eine Art Arbeits-, Planungs- und Diskussionskreis politisch interessierter Schwulengruppen, löste sich auf. Ähnliches geschah in vielen Städten mit den örtlichen Schwulengruppen die sich in den 70er Jahren gebildet hatten. Die homosexuelle Subkultur war zur lesbisch-schwulen Szene geworden, die sich häufig auch als Community bezeichnete, und übernahm damit als Ganzes die Identität, die ursprünglich ein besonderes Merkmal politischer Emanzipationsgruppen war. Die Unterscheidung zwischen Subkultur und Bewegung verblasste dadurch zusehends. Die zahlreichen Gruppengründungen der frühen 1990er Jahre sind durch eine starke Ausdifferenzierung der Interessen gekennzeichnet. Sie reichen von Sport- und Jugendgruppen bis hin zu Migranten- und Menschenrechtsvereinen. Auf der anderen Seite wurden bisher traditionelle Einrichtungen der Bewegung geschlossen. Hierdurch werden viele wichtige bisherige Sozialprojekte für Schwule und Lesben beendet. Im Jahr 1996 wurde mit dem „Magnus“ die einzige bundesweite Zeitschrift mit dem Anspruch die Schwule Bewegung zu begleiten, eingestellt. Es gibt seitdem keine überregionale Bewegungszeitschrift


mehr, statt dessen aber eine Vielzahl lokaler Zeitschriften. Die politische Lesben- und Schwulenbewegung im engeren Sinne schmolz während der 1990er auf einzelne Verbände zusammen, die vorrangig das Ziel verfolgten, den Gesetzgeber in seiner Politik hin zu einer Abschaffung von Diskriminierungen von Schwulen und Lesben zu beeinflussen. Charakteristisch war hierfür besonders die Entstehung des Schwulenverbands in Deutschland (SVD). Im Februar 1990 als „Schwulenverband in der DDR“ gegründet, vertrat er ursprünglich den oppositionellen, der evangelischen Kirche nahestehenden Teil der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR. In den folgenden Monaten warb er zahlreiche ehemalige Mitglieder des West-Verbands BVH an und dehnte sich schließlich im Juni 1990 auf das gesamte wiedervereinigte Deutschland aus. Differenzen zwischen den beiden Verbänden, SVD und Bundesverband Homosexualität (BVH), gab es vor allem um die Frage, ob man die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule fordern solle oder ob sich dies verbiete. Das vom BVH entworfene Konzept der „Notariell beglaubigten Partnerschaft“ wollte keine „Homoehe“ sondern Verwandtschaftsrechte die nicht mehr an eine bestimmte Lebensform gebunden war. So sah das Konzept weder eine Beschränkung der Zahl noch des Geschlechts der Partner vor. Dem SVD wurde mit seinem Konzept vorgeworfen, die bürgerliche Ehe kopieren zu wollen und die emanzipatorischen Prinzipien der Lesben- und Schwulenbewegung zu verraten. Demgegenüber sah es der SVD nicht als Aufgabe der Homosexuellen in ihrer Eigenschaft als sozialer Minderheit an, die Gesellschaft zu verändern. Anzustreben sei vielmehr eine Gleichstellungspolitik, die der Diskriminierung von Schwulen und Lesben ein

Ende bereite. Im Laufe der 90er Jahre geriet der BVH mit seiner Lebensformenpolitik zunehmend ins Abseits. Juristen zweifelten an der Realisierbarkeit seines Gesetzentwurfs, die Boulevardpresse adoptierte die zur „Homo-Ehe“ popularisierte Forderung des SVD, und die Grünen machten den SVD-Bundessprecher Volker Beck zu einem ihrer Kandidaten für den Bundestag. Aufgrund wachsender Bedeutungslosigkeit und interner struktureller Probleme löste sich der BVH 1997 auf. 1999 wurde der SVD zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) erweitert. Damit entstand ein gemeinsamer Verband für Schwule und Lesben. Für Lesben bildete der LSVD eine Alternative zum Lesbenring, der die Homo-Ehe aus feministischen Gründen ablehnte. Am Ende machte sich der Bundestag weder die Forderung des LSVD noch gar die seiner Gegner zu eigen. Mit Wirkung zum 1. August 2001 beschloss er stattdessen ein eigenes familienrechtliches Institut für Lesben und Schwule mit dem Namen „eingetragene Lebenspartnerschaft“, das rechtlich unterhalb der Ehe angesiedelt ist. Während der LSVD es gleichwohl als wichtigen Schritt in die richtige Richtung begrüßte, verhöhnten es seine Gegner als das „erste Sondergesetz für Homosexuelle seit der Abschaffung des Paragraphen 175“. In den folgenden Jahren trat der LSVD für eine Angleichung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft an die Ehe ein, was 2004 mit der Verabschiedung des „Lebenspartnerschaftsgesetzüberarbeitungsgesetzes“ partiell von Erfolg gekrönt war. Noch ist dieser Kampf um gleiche Rechte für Schwule und Lesben nicht abgeschlossen. In vielen Bereichen bedarf es noch einer Gleichstellung. Vor allem aber muss nach der Entkriminalisierung der Homosexualität und der politischen Anerkennung, nun die gesellschaftliche Akzeptanz folgen. Der Kampf der Schwulen- und Lesbenbewegung der Folgejahre ist hiervon geprägt. StevenStgt



Schwulst - Sonderausgabe 2