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Porträt Krimskrams-Sachen. Man traut Bichsel zu, dass er sein Zimmer extra so eingerichtet hat, damit der Besucher vor lauter Staunen den Small Talk vergisst und er drum nicht sprechen muss. Denn eigentlich mag er die Stille, das NichtSprechen, die langen Pausen. Drum ist Langeweile für ihn auch mehr Lust denn Last. Und: Wer sich langweilt, erfindet Geschichten. Langeweile, doziert Bichsel, bedeute, lange Weile, also lange Zeit zu haben. Und die nimmt er sich. Minutenlang kann er dasitzen und einfach nichts sagen, den Eulenblick im Irgendwo. Dann steckt er sich eine Zigarette an («Parisienne – die brennen doppelt so lang wie andere Marken»), zieht, geniesst, verharrt – und bläst dann Rauch und Geschichten aus. Zum Beispiel die, wie er Schriftsteller wurde. «Ich wollte nicht Schriftsteller werden», sagt Bichsel, «ich fühlte mich schon als Kind als einer.» Mit zwölf Jahren gewinnt der Bub bei einem Schreibwettbewerb der «Annabelle» ein Jahresabo. Peter ist fasziniert von der Modezeitschrift, lernt alles über Stil, Stoff, Schnitt und Kollektionen. Eine ­reiche Tante erkennt Peters Flair und

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«Verlieren macht mir viel mehr Spass als gewinnen. Drum spiele ich auch nie Lotto» peter bichsel nimmt ihn zum Einkaufen mit in Zürichs nobelste Kleiderboutiquen. Wo der «kleine, dicke Bub mit den dreckigen Fingernägeln» den blasierten Verkäufer belehrt, «dieses Kleid ist bestimmt nicht von Dior, das ist von Givenchy, und es ist auch nicht, wie Sie sagen, das neuste Modell, sondern stammt aus der Herbstkollektion». Den Kennerblick hat Bichsel nie verloren: «Heute noch, wenn eine stilvoll gekleidete Frau an mir vorbeigeht, schaue ich ihr hinterher.» Fünfzig Jahre war Peter Bichsel mit seiner Therese verheiratet. Vor fünf Jahren ist sie gestorben. Daheim vermisse er seine Frau nicht, sagt Bichsel und merkt, dass sich das komisch anhört und er erklären muss: «Daheim ist sie da, ich spreche auch oft mit Therese und erzähle ihr Dinge, die nur sie lustig findet.» Aber sobald er das Haus verlasse, vermisse er sie. Vom «Lager» aus könne

er sie nicht mehr anrufen, ihr einen Text vorlesen, von ihr genau das hören, was er immer hören will: «Grossartiger Text, Peter» («Worauf ich den Text immer sofort in den Papierkorb warf»). Aber nein, einsam sei er nicht. Allein schon. Das sei nicht das Gleiche. Einsam heisse «Niemer het mi meh gärn!». Er hingegen sei schon immer «ein junggeselliger Mensch» gewesen und geniesse das Alleinsein. Will er mal doch unter die Leute, geht er in die Beiz. Oder an ein Schwingfest. «Die Schwinger, was für Athleten, deren Schwünge, die Technik, die Kameradschaft – grossartig!» Zudem gebe es hier keine Zuhälter. «Sobald im Sport Geld drin ist, kommen die Zuhälter, die Leute mit den Goldkettchen!» Will Bichsel an einem Schwingfest unerkannt bleiben, steckt er einfach nur seine Brille in den Hosensack. «Ohne Brille kennt mich kein Mensch.»

SI_2010_11  

People- und Lifestyle-Magazin

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