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«Ich hadere mit der Schweiz. Der Staat läuft Gefahr, zu verlottern, weil alle dem Geld nachrennen. Vor allem die Elite» 20 Prozent kürzen müssen. Damit hätten wir 1,2 Millionen Franken einsparen können. Im letzten Moment erhielten wir eine Einzelspende von 3 Millionen. Was für eine Erleichterung! Denn für die Motivation der Mitarbeiter wäre das nicht gut, wenn ich die   Löhne zusammenstreichen müsste. Wer ist der grosszügige Spender? Er bleibt anonym. Ich weiss nur, dass er aus Grossbritannien stammt. Kommen die Touristen noch immer in Scharen nach Kambodscha? Die Zahlen sind um 60 Prozent eingebrochen – wohl wegen der Wirtschaftskrise. Dennoch besuchten mein letztes Konzert in Siem Reap noch immer   260 Personen. Das ist viel. Sie arbeiten und leben seit 1991 in Kambodscha. Ich habe gehört, Sie schreiben nun ein Buch über Ihre Erlebnisse? Jawohl, das Buch sollte Ende November erscheinen. Ich befasse mich darin mit der Gesundheitspolitik, dem Sinn der Kindermedizin und den Problemen der Entwicklungshilfe. Viele Kapitel spielen auch in der Schweiz, da ich zwei-, dreimal pro Jahr für eine Woche hier bin. Und dann erzähle ich auch viel Autobiografisches – immerhin bin ich seit 18 Jahren in Kambodscha. Das ist fast ein Drittel meines Lebens. Sie zeigen das Spannungsfeld zwischen dem Reichtum in der Schweiz und der Armut in Kambodscha auf. Genau. Unser Stiftungspräsident hat eben die ersten 64 Seiten gelesen. Ich schreibe schon sehr kritisch, und deshalb warnte ich ihn vorab: Jede Seite könnte einen Prozess auslösen! Doch er meinte: Das Buch provoziere höchstens ein paar rote Köpfe in ­Politik- und Wirtschaftskreisen. Und das ist gut so. Denn ohne Druck ­verändert sich nichts. Werden Sie mit dem Alter milder oder härter in Ihren Urteilen? Die Fakten werden immer grotesker und absurder. Wenn ich mit meinem Urteil härter würde, müsste ich eine Revolution anzetteln. Aber das mache ich nicht. Deshalb versuche ich die Fakten so aufzuzeigen, dass jeder versteht, dass in Kambodscha ein passiver Völkermord verübt wird – und

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alle etwas dazu beitragen, um die Gerechtigkeit zurückzugewinnen. Gelingt Ihnen das? Ja, schon. Sonst hätten wir in den letzten 18 Jahren nicht 350 Millionen Franken Spendengelder gesammelt. Das ist viel für ein Projekt, das nicht in der Schweiz angesiedelt ist. Doch die Touristen sehen die Armut auf ihren Reisen. Sie sehen, dass diese Menschen für medizinische Behandlung nichts bezahlen können. Länder wie Amerika und Deutschland interessieren sich für Ihr Modell, wie man in einem Drittweltland ein Spital be­treiben kann. Das macht doch Hoffnung. Internationale Gelder sollen nicht in die Kassen der korrupten Regierungen fliessen, sondern direkt in die Projekte. Dieser Grundsatz findet immer mehr Anerkennung. Und das freut mich natürlich. Kürzlich besuchte der neue thailändische Premierminister Kambodscha, und auch er interessiert sich für unser Modell und besuchte mich. Was ist typisch schweizerisch an Ihnen? Das ist schwer zu sagen. Ich hadere manchmal sehr mit der Schweiz. Denn der Staat läuft Gefahr, zu verlottern, weil alle dem Geld nachrennen.   Vor allem die Elite. Und doch habe ich immer Heimweh (lacht). Was werden Sie aus der Schweiz zurück nach Kambodscha mitnehmen? Die Berge in meiner Erinnerung. Und die enorme Solidarität, die ich in   meinen Konzerten im Engadin und in Zürich spürte. 

Persönlich Beat Richner Geboren in Zürich am 13. März 1947 (Fische) u karriere Medizin-Studium. 1974/75 arbeitete er bis zum Einfall der Roten Khmer in Kambodscha. Flucht in die Schweiz, Arbeit im Kinderspital Zürich. 1980 Eröffnung einer eigenen Praxis. 1991 kehrte er nach Kambodscha zurück: Heute leitet Richner dort fünf Spitäler u Musik Als Beatocello spielt er jeden Samstag in Siem Reap auf seinem Cello und sammelt so Geld für die Spitäler u Spenden PC 80-60699-1

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People- und Lifestyle-Magazin

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