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 3 Tage 2 Tage

bessere Atmung

besserer Geruchs– und Geschmackssinn

24 Stunden verringertes Herzinfarktrisiko

20 Minuten verbesserte Durchblutung

3 Monate

9 Monate

steigende Lungenkapazität

weniger Infektionen

Jeder Tag der Abstinenz zählt Das Abhängigkeitspotenzial von Nikotin ist vergleichbar mit dem von Heroin – wer es aber schafft, davon loszukommen, profitiert innert Kürze von einer besseren gesundheitlichen Verfassung.

5 Jahre Schlaganfallrisiko deutlich gesunken

Chaos mit dem Qualm E

igentlich müsste sich seit Mai 2010 der Dunst verzogen haben: Das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen sollte gesamtschweizerisch das Rauchen in öffentlich zugänglichen Räumen sowie an Arbeitsplätzen mehrerer Leute verbieten. So weit, so einfach. Wären da nicht die Ausnahmeregelungen, die unzureichenden Definitionen, die Schlupflöcher – und der Schweizer Kantönligeist. Das Bundesgesetz überlässt es den Kantonen, ob sie bediente oder unbediente Fumoirs zulassen oder gar kleine Rauchbetriebe tolerieren. So sind in sieben Kantonen zwar Raucherlokale verboten, nicht aber bediente Raucherräume, während acht Kantone beides verbieten und elf Kantone sich an die Mindestanforderung des Bundesgesetzes halten, womit auch Raucherbeizen mit einer Fläche von bis zu 80 Quadratmetern erlaubt sind (siehe Karte).

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SonntagsBlick magazin

Der Kantönligeist macht das Leben der Raucher, Passivraucher und Nichtraucher nicht nur beim Ausgehen unübersichtlicher, auch bei der Abgabe von Tabakwaren und deren Bewerbung existieren kantonale Unterschiede. So dürfen Jugendliche im bernischen Laupen erst ab 18 Zigaretten kaufen – wenige hundert Meter weiter, im freiburgischen Bösingen, kriegt man laut Gesetz das krebserregende Genussmittel aber schon ab 16 Jahren. In Laupen dürfen denn auch keine Werbeplakate für Tabakwaren aufgehängt werden, in Bösingen aber sehr wohl. Im Kanton Zürich sind wiederum Plakate auf öffentlichem Raum verboten, nicht aber diejenigen auf Privatraum, der für die Öffentlichkeit einsehbar ist. Im Dunst der Planlosigkeit verlieren sich die Raucher-Regulierungen endgültig, wenn Gastronomen Wege suchen, Gesetze zu umgehen. Wie etwa eine Gruppe von Beizern in Basel-Stadt: Auf Anregung eines Anwalts

hat sich rund ein Fünftel aller Betriebe zum privaten Verein «Fümoar» zusammengeschlossen. In den «Vereinslokalen» dürfen sich nun nur noch Mitglieder aufhalten – dafür aber rauchen (siehe Bericht S. 34). Anfang Jahr hatten dies schon Ausserrhoder Wirte mit ihrem Verein «Smoking Heads» versucht – nach wenigen Wochen beschloss die Regierung des Ostschweizer Halbkantons jedoch, dass dieses Manöver illegal sei. Nur wenige Kilometer entfernt finden nikotinsüchtige Ausserrhoder jedoch nach wie vor, was sie suchen: In Innerrhoden sind bediente Raucherbeizen erlaubt. Weniger gewitzt, doch manchmal ebenso effektiv nutzen Gastronomen in der ganzen Schweiz laut dem Initiativkomitee «Schutz vor Passivrauchen» die nicht definierten Begriffe wie «geschlossene Räume» oder «ausreichende Belüftung» im Bundesgesetz aus. Fenster, Festzelte und Wintergärten werden je nach Interesse frei interpre-

Illustration: Igor Kravarik; Foto: Karl-Heinz Hug; Ringier Infographics: Priska Wallimann

Seit einem Jahr gilt das Rauchverbot. Aber noch heute polarisiert das Thema wie kaum ein anderes. Und nirgendwo sonst zeigt der Schweizer Kantönligeist absurdere Auswüchse als beim Schutz vor Passivrauchen


Rauchen | Gesundheit

10 Jahre

15 Jahre

Lungenkrebsrisiko halbiert

gleiches Herzinfarkt– und Schlaganfallrisiko wie Nichtraucher

Für die Illustration eines Basler «Fümoars» hat sich Igor Kravarik vom weltberühmten Gemälde «Nachtschwärmer» des amerikanischen Malers Edward Hopper inspirieren lassen

tiert. Dem Komitee passen weder solche Schlupflöcher noch die kantonalen Unterschiede, die in der Gastronomie nicht zuletzt auch zu Wettbewerbsverzerrung führen. Unter der Führung der Lungenliga hat es bereits letzten Mai seine Volksinitiative mit

Helmut Hubacher. Ansichten eines Pfeifenrauchers Niederhauser hiess der Mann im Rollstuhl. Er ging gegen achtzig. Und verbrachte die meiste Zeit beim Eingang zum Altersheim. Mit dem «Empfangschef» unterhielt man sich. Niederhauser rauchte vergnügt einen Stumpen und genoss die Aufmerk­ samkeit. Bis ihm der Arzt aus gesundheitlichen Gründen das Rauchen verbot. Von da an hatte er sich nie mehr gezeigt. Ich traf ihn trostlos traurig in seinem Zimmer. Die Stumpenstory liegt weit zurück. Das Rauchverbot ist nun zum Politikum geworden. Angefangen damit hat es im Tessin, animiert von Italien. Von dort hätte ich es zuletzt erwartet. Und die Tifosi halten das Verbot erst noch ein. Es funktioniert besser als die Justiz Helmut Hubacher (85). Der frühere Präsident der SP gegen Berlusconi. Schweiz und Nationalrat ist passionierter Pfeifenraucher In Basel haben wir ein doppeltes Rauchverbot. Das kantonale Gesetz ist strenger als das eidgenössische. am Wochenende gegessen. Das bedeutet «Bern» lässt in Beizen unter 80 Quadratmetern Umsatzverlust. Fläche das Rauchen zu. Basel nicht. Dagegen Als Pfeifenraucher habe ich mich umgestellt. Ich formierte sich Widerstand. Aus einem öffentlichen rauche nur noch daheim. Die Pfeifen bleiben, wenn Lokal wird ein Privatclub. Mit folgender Anschrift: ich ausgehe, im Etui. Am meisten vermisse ich sie «Fümoar. Zutritt nur für Mitglieder». Inzwischen im Zug. Da gabs ja auch herrliche Erfahrungen. sind es über hundert Fümoars. Ich fuhr im letzten Zug von Bern nach Basel. Und Nehmen wir die Rio-Bar am Basler Barfüsserplatz. genoss meine Pfeife. Vom übernächsten Abteil An bester Lage also. Mit dem Rauchverbot wäre meldete sich eine Frau. Ob ich nicht aufhören der Beizer glatt verhungert. Das Rauchen per könnte mit Rauchen. «Mein Hund verträgt das so Fümoar-Ausweis war die Rettung. schlecht.» Das fehlte gerade noch – Rauchverbot Nicht weit von der Rio-Bar ist das Kultlokal im Raucher. Dann solle sie gefälligst in den Bodega mit dem schottischen Wirt, der perfekt Nichtraucher wechseln, bellte ich zurück. Wohl Baseldeutsch redet. Dort wird auf zwei Etagen nicht mit gepflegter Höflichkeit. «Nein, das will ich serviert. Früher waren beide meistens bumsvoll. nicht, ich schmecke den Rauch doch so gern.» Seit dem Rauchverbot wird im 1. Stock nur noch  Helmut Hubacher

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| Rauchen

Gesundheit



Basel-Stadt

Jura

Basel-Land

Schaffhausen

Aargau

Karte des Kantönligeistes In jedem Kanton qualmt es etwas anders – nicht einmal in den Appenzeller Halbkantonen gelten dieselben Raucher-Gesetze.

Thurgau

Zürich Appenzell I.R

Solothurn

Luzern

Appenzell A.R

Legende

Zug

Raucherraum unbedient

St. Gallen

Neuenburg

Raucherraum bedient

Obwalden

Nidwalden

Schwyz

Glarus

Rauchbetriebe Abgabeverbot unter 16 Jahren

Waadt

Freiburg

Bern

Uri

Graubünden

Abgabeverbot unter 18 Jahren Automatenverkaufsverbot für unter 16- und 18- jährige Plakate im öffentl. Raum (Verbot)

Tessin Genf

Plakate vom öffentl. Raum aus einsehbar (Verbot) Kinowerbung (Verbot)

Wallis

Sponsoring (Einschränkung)

Basis: Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen Weitergehende Regelungen

133 000 Unterschriften eingereicht, die eine Präzisierung und Verschärfung des heu­ tigen Bundesgesetzes fordert. Der Bundesrat hat im vergangenen Mo­ nat dem Parlament zur Ablehnung der Ini­ tiative geraten – obwohl diese es «tatsäch­ lich ermöglichen würde, die gesamte Bevöl­ kerung vor dem Passivrauchen zu schützen und zugleich Räume bereitzustellen, in de­

nen geraucht werden darf». Verschiedene Unklarheiten und unterschiedliche Ausle­ gungen will der Bundesrat vorerst hinneh­ men, denn es sei noch zu früh, das geltende Gesetz zu revidieren. Vors Volk sollen jedoch nicht bloss die Anliegen der Nichtraucher kommen. Die ­Interessengemeinschaft «Freie Schweizer Wirte» sammelt derzeit Unterschriften für

Basels Lizenz zum Rauchen In Basel-Stadt gilt das strengste Anti-Raucher-Gesetz des Landes. Dennoch gibt es nirgends so viele Raucher-Beizen wie in Basel. Bevor Thierry Julliard seinen Kaffee bestellt, fragt ihn der Kellner nach seinem Fümoar-Ausweis. Auch er, der Erfinder von Fümoar, muss das Kärtchen bei jedem Kaffee zeigen. Wenn ein Gast nicht Mitglied ist, muss er umgehend zehn Franken für eine JahresMitgliedschaft zahlen – oder die Rio Bar verlassen. Thierry Julliard zündet sich eine Zigarette an und legt sie in den Aschenbecher. Dutzende dieser Aschenbecher hatte der Wirt in der Nacht auf den 1. April 2010 in den Keller verräumt. Wie die meis­ ten Wirte fügte er sich dem Volkswillen und dem Rauchverbot. Bald fehlten in der Bar nicht nur die Aschenbecher, sondern auch die Gäste. Sie hatten eine Alternative gefunden. Die hiess Fümoar. Nach einigen Monaten schloss sich auch die Rio Bar an. 180 von 840 Basler Beizen gehören inzwischen zum Verein – von der Quartierbeiz bis zum Speiselokal ist alles vertreten. Gemeinsam ist den Betrie-

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ben, dass sie zu den nicht öffentlich zugänglichen Lokalen zählen. Bedient werden nur Fümoar-Mitglieder. Seit Anfang Jahr sind das über 100 000 Menschen, viele davon Nichtraucher. Thierry Julliard vertritt die Meinung, dass alle etwas von Fümoar haben: Die Wirte kassieren pro verkaufter Jahreskarte acht Franken, die Raucher dürfen weiter rauchen – und wer nicht im Qualm sitzen will, hat die Mehrheit der Basler Beizen zur Auswahl. Trotzdem: Juristisch befindet sich Julliards Verein in einer Grauzone. Der Kanton ist bereits dabei, die Wirte zu mahnen. Er stützt sich dabei auf den gesetzlichen Arbeitnehmerschutz. Fümoar-­Sekretär und Anwalt Julliard sieht das anders: Kantone dürften keine Arbeitnehmerschutz-Bestimmungen erlassen, sagt er. Nun schreibt er Rekurse und gewinnt Zeit. Kann sein, dass die ganze Arbeit überflüssig wird: Der Wirteverband hat eine neue Initiative lanciert. Diese verlangt die Lockerung des strengen Gesetzes. Julliard ist sicher, dass sie angenommen wird. Und jeder etwas davon hat.  Martina Rutschmann

ihre Volksinitiative «Für ein liberales Rau­ chergesetz». Sie will das Rauchen in Gastro­ betrieben wieder uneingeschränkt zulassen. Die Begeisterung der Schweizer für diese Ge­ lüste hält sich jedoch in Grenzen: Von den 100 000 benötigten Unterschriften hat das Komitee erst rund 65 000 beisammen. Im August läuft die 18-monatige Eingabefrist ab.  Gerhard Schriebl

Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit Jedes Jahr sterben 3500 Menschen in der Schweiz an Lungenkrebs. Bei rund 95 Prozent ist am vorzeitigen Tod das Rauchen schuld. Trotzdem nimmt vor allem bei jungen Frauen die Zahl der Raucherinnen noch immer zu. Die Folge: Lungenkrebs bei Frauen droht Brustkrebs zu überflügeln. Lungenexperte Dr. Karl Barandun vom Lungenzentrum Hirslanden: «Viele junge Frauen greifen zur Zigarette, weil sie mit dem Rauchen ihr Gewicht kontrollieren wollen.» Das Lungenzentrum arbeitet mit einer neuen, genaueren Vorsorgeuntersuchung, die von Computertomografie unterstützt wird. Karl Barandun: «Je früher ein Lungenkrebs entdeckt wird, desto grösser ist die Überlebenschance.»

Lungenkrebs und Rauchstopp sind auch Thema der Sendung «Gesundheit Sprechstunde» mit den Sendedaten: SF 1 Sonntag, 17. April, 09.30 Uhr, Donnerstag, 21. April, 14.10 Uhr SF info Montag, 18. April, mehrmals am Vormittag, Samstag, 23. April, 15.30 Uhr und 17.30 Uhr

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