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Ausgabe 2007

Das Magazin f端r Logische Kommunikation

Das Konzept der Logischen Kommunikation Seite 4

Krassimir Balakov 端ber Kommunikation im Team Seite 6

Niels Ewerbeck 端ber den kreativen Dialog im Theater Seite 11

Virtuelle und reale Welt in der Geschichte Seite 14

Sinnvolle Zusammenarbeit und Spass in der Forschung Seite 16


«Wer dem Teufel die Seele verkauft, verspielt sein ewiges Leben.» Der Satz stammt weder aus einer bewussten Satire noch aus der Frühen Neuzeit, sondern von März 2007, aus der Petition einer religiös orientierten Kleinpartei, die um ihre Parlamentssitze bangt. Der Bundesrat soll veranlasst werden, den Song «Vampires are alive» von DJ Bobo als Schweizer Beitrag zum «Eurovision Song Contest» 2007 abzusetzen. Aus der Optik der Kommunikation handelt es sich um einen interes­ san­­ten Prozess: Der Bundesrat ist der falsche Adressat, weil er bei der Nomination über kein Mitspracherecht verfügt. DJ Bobo ist sicher kein Rebell, wohl aber ein erfolgreicher Kommunikator. Seine Shows erfassen fast alle Sinne, sprechen mit Tanz, Musik, Gesang, Licht und Bühnenausstattung ein bemerkens­ wert breites Zielpublikum an. «DJ Bobo ist an und für sich eine Inszenierung», sagt der Sänger, Tänzer und Performer René Baumann in einem Interview und weist auf das Spielerische, Emotionale des Vampir-Themas hin. Die sinnliche Ver­ mischung von realer und virtueller Welt ist sein Erfolgsrezept. Die Kritiker von DJ Bobo verstehen Texte dagegen wörtlich. Das ist auch, aber nicht nur Wahl­ kampf. Zwischen den beiden Seiten ist keine Verständigung möglich, weil Erfah­ rungshintergrund und Grundannahmen zur Substanz des Lebens so unterschied­ lich sind, dass jedem Satz eine andere Bedeutung zugemessen wird. Mit der Emotionalität auf der Bühne befasst sich in ganz anderem Zusammen­ hang Niels Ewerbeck, Leiter des Theaterhauses Gessnerallee, auf Seite 11 dieses Magazins. Ein Artikel zur Entwicklung der Virtualität in der Geschichte folgt auf Seite 14. Um zu kommunizieren, braucht es mindestens zwei Seiten, die sich aber nicht zwing­end verstehen, auch wenn sie ein an sich verständliches Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch oder Chinesisch sprechen. Auch ein Selbstgespräch läuft dia­ logisch ab – ein Aspekt des Ich spricht mit einem anderen. Das Subjekt spricht, das Objekt hört, Subjekt und Objekt tauschen die Funktion, nehmen sich gegen­ seitig wahr, Subjekt ist Objekt und Objekt ist Subjekt, der Wechsel ist fliessend und vielschichtig. Kurz: Kommunikation ist abhängig von der jeweiligen Gruppe und von der Rolle, welche die Teile der Gruppe darin spielen. Dies ist die Kern­ these unseres Modells der Logischen Kommunikation, das wir aus der Logik Hegels entwickelt haben. Mehr dazu auf Seite 4. Zur Illustration dieses Modells äussert sich Fussballtrainer Krassimir Balakov im Interview auf Seite 6 über die Bedeutung der Rollenverteilung im Team, die Wechselwirkung zwischen dem Spielkonzept und den Spielern, das Zusammen­ spiel zwischen Fussball und Medien, die Kommunikation des Teams im Spiel und die Wechselwirkungen mit dem Publikum. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre Bernhard Schneider bernhard@schneidercom.ch



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Inhalt/ Impressum ”

Vorwort ”

Falsche Adressaten, virtuelle Welten und Rollen im Team

2 Editorial Falsche Adressaten, virtuelle Welten und Rollen im Team

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3 Inhalt / Impressum 4 Theorie Das Konzept der Logischen Kommunikation 6 Interview Krassimir Balakov: Widerstand ruft nach offenem Gespräch

6

11 Kultur Niels Ewerbeck über die Essenz von Kommunikation im Theater 14 Geschichte Zur Entwicklung von virtueller und realer Kommunikation 16 In Kürze Behinderteninstitutionen und NFA Forschung und Spass: Systematische E-Bike-Tests

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Impressum” Herausgeberin/Produktion: Schneider Communications AG, 8913 Ottenbach, 044 776 21 30, www.schneidercom.ch Redaktion: Bernhard Schneider Gestaltung: Erika Schmid Bilder: Erika Schmid (Titelbild, S. 6–11, S. 14), Franco Pace (S. 4/5), Theaterhaus Gessneralle (S. 12/13), Getty Images (S. 15), Curaviva (S. 16 oben), Martin Platter (S. 16 unten). Druckvorstufe: Küenzi&Partner, mediacheck Druck: Weiss Medien AG, Affoltern am Albis Auflage: 1200 Exemplare ISBN: 978-3-9523203-3-4 Verkaufspreis: CHF 8.— Vertrieb: culturebeet, CH-8903 Birmensdorf. Bestelladresse: communications@schneidercom.ch © Schneider Communications AG April 2007

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Theorie ”

Jedes Mitglied des Teams auf dem Segelschiff hat eine genau definierte Funktion und spielt eine Rolle, die mit dieser zusammen hängt. Gemeinsam ist es möglich, den Wind so zu nutzen, dass das Schiff ein Ziel auch gegen diesen erreichen kann.

Das Konzept der Logischen Kommunikation

Der Mensch kommuniziert als Teil der Gruppen, welchen er angehört Jede Begegnung zwischen Menschen ist Kommunikation, wie Paul Watzlawick mit seinem vielzitierten Satz «man kann nicht nicht kommunizieren» festgehalten hat. Diese Kommunikation kann zufällig, diletantisch, listig, kalkuliert sein – oder systematisch, logisch. Logik befasst sich mit den Gesetzmässigkeiten des Denkens. Das rationale Denken tritt über sinnliche Wahrnehmungen mit der Umwelt in Beziehung und zieht reale Handlungen nach sich. Die Logik der Kommunikation umfasst da­her ein Dreieck von Wechselbeziehungen zwischen Wahrnehmen, Denken und Handeln. Diese Kommunikation unterliegt Gesetzmässigkeiten, die teils auf einer bewussten, teils auf einer unbewussten Ebene ablaufen. Die Welt als ein System Faszinierend an Hegels Logik ist sein Ansatz, die Erkenntnisse sämtlicher wissenschaftlicher Disziplinen in ein einziges System zu destillieren. Dieser hegelsche Grundgedanke leitete im Kern auch Albert Einstein, als er zur Eröffnung der Berliner Funkausstellung am 22. August 1930 sagte: «Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.» Die wenigsten heutigen Benutzerinnen und Benutzer eines Computers, eines Telefons, eines Autos wissen viel mehr über den tech­

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ni­schen Aufbau ihres Gerätes als die Kuh von der Botanik der Pflanzen. Zur Zeit Hegels, um 1800, war dies anders. Lediglich die vier Wis­senschaf­ten, die Goethes Faust in seinem Anfangsmono­log aufzählt, waren als solche anerkannt: «Ha­be nun ach Philosophie, Juris­ terei und Medizin und leider auch die Theologie durchaus studiert …» Was wir heute zu den Naturwissenschaften zäh­len, war Teil der Naturphilosophie. Ingenieure kamen aus der Praxis, Ingenieurwissenschaften wurden erst im 19. Jahrhundert infolge der Industrialisierung als Bedürfnis erkannt. Hegel konnte also mit Fug und Recht behaupten, das ganze akademische Wissen seiner Zeit zu überblicken. Funktion und Rolle in der Gruppe Der einzelne Mensch ist zu einem bestimmten Zeitpunkt das Resultat seiner eigenen Geschich­ te. Er hat gewisse Eigenschaften, ein bestimm­ tes Potenzial, eine Position in seinem Lebensbogen, das heisst, der Mensch als Einzelheit steht in ei­nem historischen Bezug. Als Besonder­ heit zeichnet er sich in der jeweiligen Gruppe, in der er sich befindet, durch seine Rolle aus – auch diese hat ihre Geschichte und steht in einer Wechselwirkung mit der institutionellen

Funktion des Individuums innerhalb der Gruppe. Wenn die Individuen in der Wahrnehmung verschwinden, wirkt die Gruppe als Einzelheit, die mit anderen Gruppen zusammen eine übergeordnete Allgemeinheit bildet, in der sie eben­ falls eine bestimmte Funktion wahrnimmt und eine Rolle spielt.

Die Identität des Individuums Das Individuum nimmt sich selbst als Teil der Gruppe mit seiner Rolle in ihrer historischen Entwicklung wahr. Es spürt auch die diesbe­züg­liche Wahrnehmung der anderen, ohne diese exakt zu kennen, und verfügt so über ein Selbstbewusstsein. Das Individuum weiss und fühlt sich als Teil mehrerer Gruppen – Fami­lie, Arbeitsplatz, Behördentätigkeit, Dorf, Stammtisch, Verein – und spielt in jeder Gruppe eine andere Rolle. Das Selbstbewusstsein in diesen Rollen ist zusammen mit der Wahrnehmung der Aussenwirkung Kern der Iden­tität. Die Wirkung der Handlungen eines Menschen steht in einem Bezug zu seiner Identität und

Logik und Kommunikation

Kommunikation besteht aus Wahrnehmen, Denken und Handeln.

Das Konzept der Logischen Kommunikation entstand dank Arthur Bolliger, CEO der Bank Maerki Baumann & Co. AG. In einer Diskussion regte er ein Hegel-Seminar für Mana­ger an, das anschliessend zwei Mal als Zyklus von je vier Abenden in der Privat­bank durchgeführt wurde. So entwickelte sich das mittlerweile ein­ tägige Seminar «Logik und Kommunikation», das seit fünf Jahren regelmässig durch­geführt wird.

die Medizin, das Erbrecht in die Juristerei oder die Dogmatik in die Theologie. Auch inner­halb der einzelnen Wissenschaften gilt das gleiche Prinzip: Thales als Einzelheit ist eine Besonderheit in der Allgemeinheit der Vorsokratiker. Die Vors­okratiker als Einzelheit sind eine Besonderheit in der Allgemeinheit der antiken Phi­lo­so­ phie und so weiter. Dieses System ermöglichte es Hegel, dank der Beschränktheit des akademi­ schen Wissens seiner Zeit die Allgemeinheit allen Wissens umfassend zu kennen.

Das nächste Seminar «Logik und Kommunikation» findet am 23. Mai statt. Weitere Semi­nare: «Ethik» am 8. Juni, «Kommunika­tionstraining» am 14. und 18. Juni sowie am 22. August 2007. Angaben zu den Semina­ren: www.schneidercom.ch/ Ausbildung.html

Der Übergang von der Einzelheit über die Besonderheit zur Allgemeinheit gilt nicht nur in Gruppenprozessen, sondern auch in der wissenschaftlichen Systematik. Eine Wissenschaft als Einzelheit fügt sich in eine übergeordnete Einheit ein, beispielsweise die Logik oder die Ethik in die Philosophie, die Chirurgie in

Der Anspruch, ein System zu finden, das alle Wissenschaften umfasst, lässt sich heute so nicht mehr aufrechterhalten. Doch die zunehmende Individualisierung (siehe dazu den Artikel Seite 14) führt zu einem Wunsch nach Prinzi­ pien, die allgemein gültig sind – und sei es nur die Vorstellung, dass diese Prinzipien existieren, auch wenn sie konkret nicht erkennbar sind.

zur Identität der Kommunikationspartner. Die Wechselwirkung zwischen ihnen entscheidet über Sympathie, Akzeptanz, Anziehung, Glaub­ würdigkeit, Verständnis. Für die Wirkung der verbalen Kommunikation ist darüber hinaus die individuelle Geschichte entscheidend. Ein und derselbe Satz kann, je nach Erfahrungshintergrund, bei den einen angenehme, bei anderen traumatische Assoziationen auslösen. Wahrnehmen, Denken und Handeln existieren nur in einem Bezug zur Umgebung. Sie sind abhängig von den jeweiligen Rollen der Kommunizierenden. Was kurzfristig als opportun erscheint, kann sich längerfristig als problematisch erweisen, da jede Handlung das Image und damit die Rolle einer Person in einer Gruppe mitprägt. Nur eine vertretbare Handlung ist nachhaltig kommunizierbar. bs

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Interview ”

zelne Spieler, die von Beginn weg auf dem Sprung zum nächsten Club sind und keine Lust haben, sich hundertprozentig zu integrieren. Das macht unsere Arbeit schwierig. Umgekehrt erleichtert eine wirksame Kommunikation auf dem Platz die Aufgabe des Trainers enorm. Welche Rollen bauen Sie innerhalb Ihres Teams auf? Gemäss meiner Philosophie ist eine gesunde Hierarchie in der Mannschaft notwendig. Ein Captain und ein Vizecaptain bilden mit zwei bis vier weiteren Spielern zusammen den Spieler­ rat, je nach der Struktur des Kaders. Diese

weniger wichtig für das Teamgefüge. Wie gehen Sie mit diesem Problem um? Das darf meiner Meinung nach kein Problem sein. Alle Spieler sind Profis, die wissen, dass der Trainer exakt elf Spieler für die Start­auf­ stellung auswählt, auch wenn sich 13, 14 oder 15 für den Einsatz empfohlen haben. Natürlich gibt es deswegen eine Konkurrenz­situation zwischen den Spielern, das soll aber auch so sein. Die Entscheidungen, wer wann spielt, fallen immer mit gutem Grund. Es ist verständlich, dass jene, die auf der Bank sitzen müssen oder manchmal auf der Tribüne landen, damit unzufrieden sind, das muss auch so sein.

Ich habe den Vorteil gegenüber anderen Trainern, dass ich zuvor sehr gut Fussball gespielt habe.

Krassimir Balakov

Widerstand ruft nach offenem Gespräch Der ehemalige bulgarische Nationalspieler Krassimir Balakov führt seit Januar 2006 das Team der Zürcher Grasshoppers als Cheftrainer. Zuvor hat er viele Jahre als Spieler und Assistenztrainer in der deutschen Bundesliga gearbeitet. Im Gespräch mit «Communications» äussert er sich über seine Rolle im Club, das Rollenverständnis, das er von seinen Spielern erwartet, sowie über die Kommunikation mit den Medien und der Öffentlichkeit. Communications: Welche kommunikativen und teambezogenen Fähigkeiten benötigt ein Fussballer, um sich erfolgreich in ein Team integrieren zu können? Balakov: Ich möchte vorausschicken, dass ich relativ neu in der Rolle des Cheftrainers bin, ein erfahrener Kollege würde diese Frage vielleicht differenzierter beantworten. Wichtig ist sicher die sprachliche Begabung. Ein Spieler sollte min­destens zwei bis drei Sprachen sprechen, um sich im Team mit allen Kollegen verständigen zu können. Für die Mannschaftsführung ist es wesentlich, dass neben dem fussballeri­ schen auch das sprachliche Verständnis in der Mannschaft funktioniert. Die Sprache ist nötig, um das spielerische Konzept, die Philosophie und die Führungsleitlinien zu verstehen. Fussball ist heute sehr flexibel geworden, ein Spie

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ler muss das spielerische Konzept rasch er­ kennen, um sich ins Team zu integrieren. Wenn wir eine Saison betrachten, geschehen während dieser Phase viele Veränderungen. Das Team wandelt sich und damit manchmal auch die Spielanlage. Einzelne Spieler können sich unter Umständen in kurzer Zeit enorm ent­wickeln und damit das ganze Teamgefüge ändern. Flexibilität ist daher eine zentrale Vor­aussetzung für den Erfolg im Team. Wie wichtig ist die Integrationsfähigkeit des Einzelnen in einer Gruppe? Die Integrationsfähigkeit ist wichtig, reicht aber für sich allein nicht aus. Die Kommunikation mit Trainer und Trainerstab, die Auseinandersetzung mit dem Verein und seiner Philosophie gehören auch dazu. Leider gibt es heute ein­­

Spieler übernehmen mehr Verantwortung als die gesamte Gruppe und sind sozusagen die rechte Hand des Trainers. Sie müssen eine natürliche Autorität haben, welche die Führungsrolle rechtfertigt. Auf dieser Basis lege ich Linien fest und kommuniziere, wo sich jeder Spieler in Bezug auf diese Linien befindet. Entscheidend sind neben sportlichen Faktoren Persönlichkeits­ merkmale, Alter und Erfahrung. Wo ist der Captain wichtiger? Im oder neben dem Spiel? Überall: auf dem Spielfeld, im Training, in der Öffentlichkeit. Auch sein privates Verhalten in der Freizeit ist wichtig, da er von den Leuten erkannt und mit dem Club identifiziert wird. Der Captain muss ein Vorbild sein, was seine professionelle Einstellung betrifft, aber auch mit seiner ganzen Persönlichkeit. Innerhalb der Mannschaft ist der Captain in jeder Beziehung die rechte Hand des Trainers.

Jeder muss den Wunsch haben, zu spielen und sich mit diesem Ziel optimal einsetzen. Dies alles muss in einem Rahmen bleiben, der den Erfolg begünstigt, sonst kann die Konkurrenzsituation für die gesamte Truppe gefährlich werden. Ich bin jetzt seit einem Jahr hier und habe damit keine Probleme. In dieses Kapitel gehört auch, dass alle Spieler die Spielregeln kennen. Der Rest ist Aufgabe des Cheftrainers und seines Stabs. In diesem Prozess ist Ihre Autorität als Cheftrainer zweifellos entscheidend. Worauf bauen Sie Ihre Autorität auf? Was sind die wichtigsten Faktoren für Ihre Autorität gegenüber dem Team? Ich habe manchen anderen Trainern gegen­ über den Vorteil, dass ich zuvor sehr gut Fussball gespielt habe. Damit habe ich eine

Im Gespräch mit Bernhard Schneider reflektiert Krassimir Balakov über die Rollen im Team und wie er als Trainer diese mitprägt.

Gehört zu dieser Rollendefinition auch, dass Sie Ihren ersten Captain, Stepanovs, bei GC wegen einer Tätlichkeit entlassen haben? Ja, aber ich habe das selbstverständlich nicht allein entschieden. Eine Entlassung erfolgt nach einem strukturierten Prozess mit klaren Verantwortlichkeiten. Dabei nehme ich meine Verantwortung wahr. Aber es ist so, wie ich bereits gesagt habe: Der Captain muss nicht nur auf dem Platz Vorbild sein. Detaillierter kann ich nicht Auskunft geben. Sie haben jeweils elf Spieler, die spielen. Aber wahrscheinlich sind die Spieler auf der Ersatzbank und auf der Tribüne nicht

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Interview ” Krassimir Balakov gestaltet sein Verhältnis zum Team überlegt und auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen als Spieler.Von zentraler Beutung ist für ihn die Rolle als Vorbild.

natürliche Autorität von vornherein. Dazu kommt, dass ich meine Linie habe, die, wie gesagt, erkennbar sein muss. Diese Linie muss der Trainerstab einheitlich umsetzen, und die Spieler, die mit uns arbeiten, müssen sie kennen und akzeptieren. Wer das nicht akzeptieren kann, hat die freie Wahl, sich trotzdem anzupassen oder zu gehen. Ich rede mit meinen Spielern ganz offen. Ich war genügend lang Spieler, um zu wissen, dass ein Spieler manchmal anders denkt als der Trainer. Meine Aufgabe ist, dies zu spüren und meine Position zu erklären. Insbeson­ dere wenn ein Entscheid auf Widerstand stösst, ist es wichtig, ein offe­nes Gespräch darüber zu führen. Für wie wichtig erachten Sie Ihr Charisma? Das ist sicher wichtig. Ich will weder ein Dik­ tator noch ein persönlicher Freund der Spieler sein. Distanz und Achtung sind für das Cha­ risma von Bedeutung. Ich will meine eigenen Anforderungen erfüllen, benötige klare Vorstellungen, die ich vermitteln kann und will zudem flexibel bleiben. Nur so kann ich auch von meinen Spielern Flexibilität verlangen. Ich will auf jede Situation eingehen können, wach sein, konzentrierter als manche Spieler, um jeden Tag das Geschehen zu analysieren und

sogleich. Solche Differenzen untergraben daher die Autorität des Cheftrainers.

sagen, wie ich persönlich seine Situation be­ur­ teile. Solche Situationen gibt es fast jeden Tag.

Das Team ist ja keine geschlossene Einheit, es existiert ein Umfeld, das zum Beispiel aus Spielerberatern und Medien besteht. Wie gross sind die Störungen von aussen für die Arbeit mit dem Team? Mittlerweile sehr gross. Es ist immer schwierig, wenn solche externen Einflüsse zu dominant wirken. Ich kenne natürlich viele Spielerberater persönlich. Viele von ihnen machen ihren Job einwandfrei, andere sind eigennützige Schlitzohren, die nur an ihre Geschäfte denken und sich nicht für die Zukunft der Spieler interessieren. Diese erschweren unsere Arbeit ungemein.

Wie wichtig ist der einzelne Spieler in Ihrem Konzept? Ist grundsätzlich jeder Spieler überall ersetzbar oder kann es sein, dass Sie das Spielkonzept um einen Spieler herum bauen? Auch das ist alles flexibel und erfolgsabhängig. Wenn man Erfolg hat, bleibt man meist beim Konzept. Wenn man damit keinen Erfolg hat, analysiert man und versucht, das Konzept anzupassen. Man kann heutzutage nie sagen, wir spielen konsequent vier-eins-vier-eins oder vierdrei-drei. Ideal ist für mich, wenn man das

Das heisst also: Mit einem konstruktiven Spielerberater, der einen Spieler aufbauen will, können Sie auch konstruktiv zusammenarbeiten? Das kann man so sagen, aber grundsätzlich muss man auch mit nichtkonstruktiven Beratern zusammenarbeiten und versuchen, dabei erfolgreich zu bleiben. Jeder Spieler hat seine Berater, konstruktive und weniger konstruktive. Auch der destruktive Berater ist ein Faktor, den man nicht ignorieren kann. Als Trainer muss man immer einen Weg finden, um das Beste für Verein und Mannschaft zu erzielen. Problematisch wird es manchmal, wenn solche ex­ ternen Berater ins Training kommen. Es gibt viele Beispiele junger Spieler, die irgendwohin verkauft worden sind, und nach zwei, drei Jahren hört man nichts mehr von ihnen. Das Einzige, was man diesbezüglich tun kann, ist, seine Füh­rungsverantwortung transparent wahrnehmen.

Distanz und Achtung sind für das Charisma wichtig. entsprechend zu handeln. Das ist mir, glaube ich, bis jetzt gelungen. Wichtig ist zudem, dass ich keine Vorurteile pflege und dass ich keine Schablonen anwende. Ich will jedem die Chance zur Veränderung geben, das ist nicht nur im Fussball so, sondern überhaupt im Leben. Welche Rolle spielt die Clubführung? Das gute Einvernehmen ist sehr wichtig. Der Trainer ist davon abhängig. Wenn er nicht dieselbe Sprache spricht wie die Clubführung, nicht deren Philosophie teilt, hat er bei den Spielern und gegenüber der Öffentlichkeit keine Chance. Entstehen Differenzen zwischen Trainer und Clubführung, spürt dies die Mannschaft 

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Bedeutet das, dass auch Sie Ihre Spieler in Bezug auf ihre Karriere beraten? Ja, indirekt schon. Natürlich ist unser Interesse, dass ein guter Spieler hier bleibt. Aber wenn ein guter Spieler von 27 oder 28 Jahren ein deut­ lich besseres Angebot von einem ausländi­­schen Verein erhält, der ihm auch eine bessere Zukunftsperspektive bietet, stehen wir ihm auf keinen Fall im Weg, selbst wenn er für uns ein ex­trem wichtiger Spieler ist. Eduardo war zum Bei­spiel fünf Jahre hier und wollte noch ande­re Erfahrungen sammeln. Ob er den richtigen Schritt gemacht hat, ist ein anderes Thema. Ich kann ihm nicht im Weg stehen und auf einen lau­fen­den Vertrag pochen, ich kann ihm nur

Wie stellen Sie die Mannschaft für ein Spiel zusammen? Ist das jedes Mal auch eine Auseinandersetzung mit dem momentanen Gegner? Wenn ich genügend Qualität in meiner Mannschaft habe, interessiert mich der Gegner für mein Konzept und die Spielerliste nicht. Für Meisterschaftsspiele beschäftige ich mich mit meiner Mannschaft. Aber wenn ich beispielsweise auf europäischer Ebene das Gefühl habe, die Qualität reiche nicht ganz aus, dann beschäftige ich mich bis zu 50 Prozent in der Vorbereitung mit der anderen Mannschaft. Das wirkt sich auch auf das Training aus: Wenn ich in der Mannschaft genügend Qualität habe,

Konzept und Spieler müssen sich in einer Wechselwirkung einander anpassen. Konzept nicht aufgrund der Qualität der Spieler aufbaut, sondern umgekehrt: Die Qualität der einzelnen Spieler sollte zum Konzept passen, so dass jeder Spieler mit seiner Qualität in der für ihn besten Position als Teil des Sys­ tems auf dem Platz spielt. In der Praxis geht das natürlich nicht immer. Einen Ailton versuche ich nicht zu verändern, ich weise ihn nicht an, plötzlich 50 Prozent defensive Arbeit zu leisten, was er während seiner ganzen Laufbahn noch nie gemacht hat. Das werde ich nicht tun. Auch einen Spieler, der hervorragend in seine Position hineingewachsen ist und ein gewisses Alter hat, wie Ristic zum Beispiel, den lasse ich sicher nicht im defensiven Mittelfeld statt im Sturm spielen. Konzept und Spieler müssen sich in einer Wechselwirkung einander anpassen.

trainiere ich vor allem das Spiel mit dem Ball, also den eigenen Ballbesitz. Bei einem stärke­ ren Gegner trainieren wir mehr Arbeit gegen den Ball, also das Spiel, wenn der Gegner im Ballbesitz ist. Wie arbeiten Sie mit Ihrem Vorbild? Spielen Sie im Training auch selbst mit? Ich spiele selten mit, zeige nur ab und zu einmal etwas, wenn ich denke, dass es klarer ist, wenn ich es zeige, als wenn ich es sage. Selbst spiele ich nur bei lockeren Trainings ohne taktische Funktion mit, beispielsweise bei einem Regenerationstraining zusammen mit dem ganzen Trainerstab in einer lockeren

Der heute 41-jährige ehemali­ge bulgarische Nationalspieler Krassimir Balakov spielte 1983–1990 in seinem Heimat­ land bei Etar Veliko Tarnovo, bevor er für fünf Jahre zu Sporting Lissabon wechselte. Seine Karriere als Fussballer beschloss der Mittelfeldregisseur, der jedem Club bemerkenswert lang die Treue hielt, 1995–2003 beim VfB Stutt­gart, wo er anschliessend als Co-Trainer wirkte. Im Januar 2006 engagierte ihn der Grasshopper Club Zürich als Cheftrainer.

Bei jungen Spielern habe ich oft den Eindruck, dass Sie mit den Rollen, die sie wahrnehmen, experimentieren. Bei jungen Spielern ist das eine ganz andere Geschichte. Bei ihnen ist man nicht sicher, was ihre optimale Position ist. Kay Voser zum Beispiel ist als Verteidiger im Kader, kann aber auch im Mittelfeld eine unglaubliche Rolle spielen. Rechts hinten habe ich bereits Scott Sutter, der auch ein sehr guter Spieler ist. Gegen Thun habe ich Voser rechts vor Sutter genommen, und er hat gezeigt, dass er in verschiedenen Konzepten zwei, drei Positionen wahrnehmen kann. Er ist jung genug, um zu experimentieren und so die richtige Position für sich und in der Mannschaft zu finden. Erfahre­ne Spieler dagegen kann man nicht einfach hin und her schieben.

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Kultur ”

Interview ”

Atmosphäre und mit Spass, das ist ab und zu auch für die Spieler wichtig. Wie ist der Umgang mit den Medien? Wie gross ist deren Einfluss in Ihrem Business? Medien und Fussball sind wie Geschwister. Das eine geht nicht ohne das andere. Der Fussball lebt von Medien. Die Leute lesen, sehen und hören in den Medien, was wir leisten. Hier wird das Image eines Vereins gebildet, was für die Mitarbeiter dieses Vereins wiederum von

die das geschrieben haben, mich aber nach dem Spiel gefragt haben, ob ich trotz des Sieges zufrieden sei, da das Spiel nicht überzeugend gewesen sei. Es ist eine Frage der Professionalität, dass ein Journalist noch weiss, was er am Vortag geschrieben hat. Haben Sie das Gefühl, dass die Qualität der Fussball-Berichterstattung in Deutschland insgesamt besser ist als in der Schweiz? Es ist nicht unbedingt eine Frage der Qualität, ich habe aber das Gefühl, dass die Medien in

Das Restaurant Reithalle gehört mit zur einmaligen Ausstrahlung des Theaterhauses Gessnerallee, das sich in den renovierten Stallungen der ehemaligen Zürcher Kaserne an der Sihl befindet.

Medien und Fussball sind wie Geschwister. Das eine geht nicht ohne das andere. grosser Bedeutung ist. Ich glaube aber, dass die Kommunikation zwischen den Vereinen und den Medien nicht immer gut genug ist. In Deutschland ist das etwas anders, aber in der Schweiz braucht es noch mehr, um die Kultur des Fussballs dem Publikum zu vermitteln.

Krassimir Balakov erwartet von Medienschaffenden Fairness und Sachkenntnis als Voraussetzung für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Medien und Sport.

Sind Sie regelmässig im Gespräch mit Medienschaffenden? Wenn die Medien wollen, bin ich im Gespräch. Und wir haben jede Woche eine Pressekonferenz. Dabei läuft die Kommunikation nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Ein Beispiel: An der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Thun habe ich gesagt, dass es mir wichtig ist, dass wir drei Punkte gewinnen, egal, ob wir gut oder schlecht spielen, da ich Ruhe benö­ tige, um mit den neuen Spielern zu arbeiten, und die habe ich, wenn wir in den nächsten Spielen punkten. Es hat Journalisten gegeben,

Deutschland mehr für die Fussballkultur tun und sich entsprechend mehr Menschen für Fussball interessieren. Nächstes Jahr findet in der Schweiz und in Österreich die Europameis­ terschaft statt, aber man hört hier fast nichts davon, während in Österreich bereits Veranstaltungen mit allem Drumherum stattfinden. Aber macht das Ihr Leben als Trainer eher einfacher oder schwieriger? Das ist eine schwierige Frage. Einfach und schwierig, müsste die richtige Antwort sein. Vom Stress her gesehen wahrscheinlich etwas einfacher. Aber für alle, die im Fussballgeschäft arbeiten, gehört Stress dazu. Deshalb ist es mir lieber, wenn die Fussballkultur näher an die Öffentlichkeit herangetragen wird, wenn die Zeitungen mehr über Fussball berichten und eine positive Stimmung zum Beispiel für die Europameisterschaft aufbauen. Und am Schluss auch mehr Publikum ins Stadion bringen? Die Vermarktung ist im Fussball lebensnotwendig, und dabei nehmen die Medien natürlich eine grosse Rolle ein. Als zum Beispiel Ailton seine ersten Stunden im Training bei uns absolviert hat, waren hier so viele Journalisten wie noch nie, seit ich hier bin. Das muss auch ein wenig aufgebaut werden, manchmal sogar künstlich, um die richtige Stimmung zu bewirken. Wie wichtig ist Ihnen ein volles Stadion? Das ist verdammt wichtig. Es ist ein riesiger Unterschied, ob 3000 oder 15’000 Zuschauer und Zuschauerinnen im Stadion sind. Im vollen Stadion wird die Fussballqualität besser, die Stimmung steigt, der Fussball präsentiert sich ganz anders. Es ist mein Wunsch, dass sich dies hier in der Schweiz verbessert. Interview bs

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Niels Ewerbeck über die Essenz von Kommunikation im Theater

Schweigt und hört mir zu Eine besondere Art der Kommunikation findet im Theater statt. Der Leiter des Theaterhauses Gessnerallee, Niels Ewerbeck, äussert sich über den Dialog zwischen Künstlern, die Führung eines Hauses der freien Theaterszene, seine Rolle als Impresario und den Zugang einiger «Wahnsinniger» zur kindlichen Fantasie. Am Theater fesselt mich der Schauspieler, der auf die Bühne tritt und mit diesem Akt mitteilt: Ich hab was zu sagen, schweigt und hört mir zu. Das ist die Essenz von Kommunikation: der Wille und das Selbstbewusstsein, zu gestalten, um damit möglichst viel kommunikativ hinüber ­zu bringen.

mit welcher Spielplandramaturgie wir unsere Künstler konfrontieren und fördern könnten. Für uns dagegen steht die Frage im Zentrum, wie wir Zusammenhänge herstellen, die, ohne die Künstler einzuengen, den Zu­schau­­ern eine dem Ort entsprechende Prägnanz vermitteln, nachvollziehbar in ihrer ästhetischen Prägung.

Kommunikation braucht Wille und Selbstbewusstsein, hinzustehen, um möglichst viel hinüber zu bringen. Theater ist ein Ort, wo eine bestimmte Art von Kommunikation stattfindet, die natürlich selektiv ist. In welchen Kontext stelle ich meine Künstler? In welchem Kontext fühlen sie sich wohl? Wo fühlen sie sich verstanden? In welchem künstlerischen Rahmen können sie kommunizieren? Diese Fragen sind entschei­dend, ganz besonders in einem Haus wie der Gessner­ allee. Da wir hier ohne ein festes En­sem­ble arbeiten, ist die Bandbreite des künstle­ri­schen Pools, aus dem wir schöpfen können, riesig. Mit einem festen Ensemble bestünde die Aufgabe in der Überlegung, mit welchen Stücken,

Ich spiele hier in der Gessnerallee die Rolle eines klassi­schen Impresarios, der Leute zusammen bringt und damit Produktionen ins Leben ruft, die zwar von den Künstlern generiert werden, die aber durch die Zusammenfügung verschie­ de­ner Künstlerpersönlichkeiten erst zu einem Ganzen werden. Ich sehe meine Aufgabe also nicht so sehr in der Begleitung des Probenprozesses. Meine Funktion ist, den Dialog aufzubauen. Viele unserer Aufführungen sind also Produkte der Kommunikation zwischen Menschen, die ich als Theaterleiter zusammen brin­ge. Wir nehmen vor allem in der Konzept­phase

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Kultur ”

ein frankofoner Choreograf mit italieni­schen Wurzeln. Marisa Godoy hat die drei geholt und gebeten, für sie drei Stücke zu entwickeln, die sie dann zu einer abendfüllenden Vorstellung vereint. Sie verbindet dabei drei theatrale Ansätze und gleichzeitig drei der vier Landessprachen der Schweiz. Alle Beteilig­ten sind Künstler, die im Umfeld unseres Hau­ses arbeiten.

Black Blanc Beur, Si Je t’M, Hip Hop vom 7. bis 9. Mai 2007 in der Gessnerallee. «Es ist ungeheuer schwer, Jugendliche zu Theater und Tanz als Kunstform zu führen, doch mit Hip Hop gelingt dies sehr gut …

Einfluss. Wenn der Prozess, den wir ausgelöst haben, im Rollen ist, greifen wir kaum mehr ein. Selbst unsere Dramaturginnen beteiligen sich meist erst an den Endproben. Unsere Arbeit unterscheidet sich je nach den beteilig­ten

mir sehr am Herzen, dass die Künstler, die regelmässig an unserem Haus arbeiten, intensiv mitverfolgen, was hier sonst noch läuft. Das ist natürlich abhängig von der Künstlerpersönlichkeit. Man kann niemanden dazu verdon­nern,

Meine Funktion besteht darin, einen dialogischen Prozess zwischen verschiedenen Künstlern auszulösen. Künstlern und der Art der Produktion. Lukas Bangerter beispielsweise schreibt die Stücke der Gruppe Plasma selbst. Er beginnt erst zu proben, wenn der Text durchkomponiert ist. Mit anderen Gruppen arbeiten wir projektmässig, das heisst, viele Texte entstehen erst während der Proben, oft in improvisatori­schen Auseinan­ der­setzun­gen mit den Schauspielern,Choreo­ grafen, Tänzern. Vielfach vermischen sich die Genres, gelegentlich lässt sich kaum mehr sagen, ob eine Produktion ursprünglich aus der Bühnenkunst, dem Sprech- oder dem Tanz­ theater kommt. Etwa zwei Drittel unserer Produktionen enthalten Elemente, die aus Improvisationen heraus entstanden sind. Es liegt

Der 43-jährige Niels Ewerbeck leitet das Theater­haus Gessnerallee, Zürichs Bühne für die freie Theater- und Tanzszene, seit Sommer 2004. Er ist ausgebildeter Kaufmann und Kunsthistoriker, arbeitete als Galerist in Wien und kam als Regieassistent an die Schau­bühne Berlin. Er baute das Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf mit auf und leitete es während fünf Jahren bis zum Amtsantritt in der Gessnerallee. Neben dem Theater liegt sein Augenmerk auf dem zeitgenössischen Tanz. Besonders am Herzen liegen ihm Produktionen für Jugendliche. 12

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aber ich merke, dass diese Haltung bei den Künstlern zunimmt, seit wir hier in diesem Geist arbeiten. Ein idealtypisches Beispiel ist ein Projekt von Marisa Godoy, mit dem wir voraussichtlich die nächste Spielzeit im Oktober 2007 eröffnen werden. Die brasilianische Cho­reografin und Tänzerin, die seit vielen Jahren hier in Zürich lebt und mit einem Schweizer Tänzer verheiratet ist, plant ein Stück, für das sie sowohl einen Regisseur, Michel Schröder, als auch zwei Choreo­grafen beizieht. Einer davon, Massimo Furlan, arbeitet zwischen Theater, bilden­der Kunst und Tanz, der zweite, Marco Berrettini, ist

Das Theaterhaus Gessnerallee ist auf die Saison 1989/90 hin eröffnet worden. Ohne eigenes Ensemble, dafür mit einem kleinen, hoch motivierten Team und schlanker Ver­ waltungsstruktur wird das Profil des Hauses von Gastspielen und Koproduktionen aus dem In- und Ausland sowie neuen Projekten freier Zürcher Gruppen, die im Haus erarbeitet werden, geprägt. Der hohe Stellenwert, den Zürich dem Theaterhaus beimisst, zeugt von der Vielfalt und dem liberalen Geist der städtischen Kulturpolitik. www.gessnerallee.ch

Das wunderbare an Kunst und Theater ist, dass man auf manches emotional und intuitiv reagiert. Oft fällt es schwer, etwas zu versprachlichen. Dies zeigt gerade Massimo Furlan auf höchstem Niveau. Sein letztes Stück, Palo Alto, enthält praktisch keinen Text. Es beruht auf vielschichtigen Bildern und Assoziationen, die er in Brennpunkten kristallisiert. Er versetzt sich zurück in ein Kind im Alter von sieben bis neun Jahren, zu Besuch bei seinen Grosseltern, denen er zusammen mit seiner Schwester selbst erfundene Zirkusnummern vorgespielt hat. Das Vorführen unserer eigenen Ideen ist ein unmittelbar menschliches, kindliches Bedürfnis. Furlan spielt mit einer unglaub­lichen Fantasie und Vorstellungskraft, versetzt sich in eine Bilderwelt hinein, die er dem Publikum in allen Farben kommuniziert. Das Kind ist frei von Hemmun­ gen und Hintergedanken, es überlegt nicht,

hier ursprünglich um eine Gruppe Pariser Kids aus den Banlieues, aus einer multikulturellen Bevölkerung mit vielen arabischen und nord­­afri­kanischen Einflüssen, die man früher vielleicht als randständig bezeichnet hätte. Die beiden Leiter dieser Kompanie haben ein Projekt gegründet mit dem Ziel, Jugendliche von der Strasse zu holen und mit ihnen Kunst und Kultur zu machen über einen Weg, der ihnen sehr nahe liegt, näm­lich über Hip-Hop und Rap. In den vergan­ge­nen Jahren hat sich der Hip-Hop-Tanz zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt, sehr akrobatisch, mit einer identitätsstiftenden Musik. Der Rap ist ja durch und durch ein Kommunikationsinstrument. Die Texte sind wie Buschtrommeln mit eigenen Codes, mit welchen die Kids unter­ einander Informationen und Meinungen in Musikform austauschen.

… dadurch, dass der Tanz von ihresgleichen ausgeführt wird, entsteht eine intensive Nähe, eine starke Identifikation zwischen Publikum und Bühne», sagt Niels Ewerbeck.

Für mich sind zwei Aspekte daran besonders interessant: Es ist ungeheuer schwer, Jugend­ liche zu Theater und Tanz als Kunstform zu führen, doch mit Hip-Hop gelingt dies sehr gut. Damit, dass der Tanz von ihresgleichen ausgeführt wird, entsteht eine intensive Nähe, eine starke Identifikation zwischen Publikum und Bühne. Zweitens finde ich, dass die jungen

Mit der Fantasie und Vorstellungskraft eines Kindes lassen sich die Schranken des Erwachsenen brechen. wie es wirkt, es spielt einfach. Peinlichkeit ist dem Kind bis zu einem bestimm­ten Alter fremd. Der Sündenfall kommt irgendwann, das haben wir ja alle erlebt. Massimo Furlan geht hinter diesen Sündenfall zurück, spielt mit der Ernsthaf­ tigkeit des Kindes, das die Frage, was Spiel und was Realität sei, weder bedenkt noch zulässt. Das Spiel ist in diesem Moment seine unmittelbare Wahrheit. Das ist die Quintessenz von Kunst überhaupt, dass es ein paar «Wahnsinnige» in dieser Welt gibt, die sich mit erwachse­ nem Verstand in die Lage des Kindseins zurück versetzen und sich der kindlichen Fantasie hingeben. Das ist die Verab­redung, wenn wir ins Theater gehen: Wir wissen, hier ist ein Theater, ein geschützter Raum, und wir begeben uns da hinein, weil wir diese Vereinbarung treffen wollen. Wir wollen hier auf eine bestimmte Art und Weise spielen, auch als Zuschauer. Ein ganz anderes Beispiel ist «Si Je t’M», das wir Anfang Mai im Rahmen von «Blickfelder tanzt aus der Reihe» aufführen. Es handelt sich

Tänzer auf eine grossartige Art und Weise an sich naiv-kindliche Messages auf eine äusserst virtuose Art in eine Kunstform überführen. Obwohl wir uns als experimentelles Theater verstehen, sind wir daran interessiert, mit neuen Formen Popularität zu erreichen. Faszinierend am Theater und an Kunst überhaupt ist für mich, dass die Kommunikation bei weitem nicht da aufhört, wo Wissen, Information und Verständnis beginnen. Es geht in mindest so starkem Mass um Dinge, die wir nicht wissen, die uns von der Ratio her verschlossen bleiben. Hier findet die Kunst einen Weg, etwas zu beschreiben, zu vermitteln, das sich jenseits des rationalen Verständnisses bewegt. Die Kunst vermittelt ein Gefühl beispielsweise aus den Banlieues, das sich rein intellektuell gar nicht verstehen liesse. Das ist die visionäre Kraft, die Künstler in die Lage bringt, Erfahrungen seismografisch als Reflex auf ihre unmittelbare Gegenwart in Kunst zu packen. Auszug aus einem Gespräch mit Niels Ewerbeck

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Geschichte ”

1880 eröffnete eine private Gesellschaft in Zürich das erste Telefonnetz der Schweiz. Ende des Jahres leisteten sich 144 Personen den Luxus eines Telefonanschlusses, der es ihnen zwischen 7 und 21 Uhr erlaubte, die Zentrale anzurufen, wo ein freundliches Fräulein die gewünschte Verbindung zu einem der 143 anderen Anschlüsse herstellte. In der Zwischenkriegs­ zeit wurden die Telefonsysteme nach und nach automatisiert. Die Telefonie war zwar vorerst noch teuer, doch erlaubte sie es grundsätzlich, rund um die Uhr eine andere Haushaltung anzurufen, um über Distanz zu kommunizieren. Virtuelle und reale Kommunikation

Individualität und Demokratie Die Entwicklung der Kommunikationstechnologien seit der Einführung der Telefonie hat den Prozess der Globalisierung ermöglicht und vorangetrieben. Von praktisch jedem Teil der Erde aus ist es möglich, auf dem Internet Texte, Bilder, Töne und Videos zu publizieren. Dies kann zwischen Kulturen vermitteln, aber auch nivellieren, Demokratiebewegungen unterstützen und Ängste auslösen. Es kann zur Aufdeckung wie zur Ausübung von Verbrechen dienen.

Die langen Holztische in der «Öpfelkammer», dem einstigen Stamm­ lokal Gottfried Kellers in Zürich, vermitteln eine Vorstellung der kommunikativen Funktion, die Wirtschaften seit Jahrhunderten vor allem für die männliche Bevölkerung wahr­ nehmen (Bild oben).

Während Jahrhunderten musste man sich von einem Ort zum anderen bewegen, um sich mit jemandem zu unterhalten. Eine teure Alterna­ tive waren in der Antike und dann wieder in der Frühen Neuzeit Briefe, die von privaten Boten oder der Post transportiert wurden und deren Übermittlung viel Zeit erforderte. Kommunikation war mithin grundsätzlich real, sie erfolgte direkt von Mensch zu Mensch. Dies ermöglichte den Obrigkeiten eine weit gehende Kontrolle der vermittelten Informationen. Bedürfnis nach Information wächst Zu Beginn der Industrialisierung um 1800 wuchs nicht nur das Bedürfnis nach Güteraustausch, sondern auch nach rascher und präziser Kommunikation. In Sicht- oder Hörweite konnten einfache Informationen mit Feuerzeichen und Rufposten übermittelt werden. Eingesetzt wurden solche Techniken seit der Antike vor allem im Militär. Zur Vermittlung von Informationen gewannen Zeitungen an Bedeutung, was bereits einen ersten Schritt zur Virtualisierung von Information darstellte. Eng mit den Anfängen der Telekommunikation verknüpft war die Entwicklung der Elektrotechnik im 19. Jahrhun­ dert. Der erste Telegraf wurde 1837 patentiert. Fünf Jahre später konnte er nach dem Bau der

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Telegrafenleitung von Washington nach Baltimore erstmals eingesetzt werden. Die Telegrafie setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Europa durch. Ein weltweites System zur Übermittlung von Botschaften vor allem im industriellen Bereich entstand unter Einsatz enormer Investitionen. Auf der Basis der Telegrafentechnologie entstand im 20. Jahrhundert der Telex, ein Schreibgerät, das für die Anwender fast wie eine Schreibma­ schine zu bedienen war und erst in den 1990er Jahren vom E-Mail verdrängt wurde. Drahtlose Übermittlung als Quantensprung Eine zweite Entwicklung war die drahtlose Über­­ mittlung. 1894 wurde erstmals mithilfe elek­­tri­­scher Wellen drahtlos eine Nachricht übermittelt. Aus dieser Technologie wurden später Radio und Mobilfunk entwickelt. Einen ähnli­chen Ver­lauf nahm die Telefonie. Ein Massenmarkt war erforderlich, damit sich die Technologie durchsetzen konnte. Der erste Telefonapparat, den der Deutsche Philipp Reis 1861 fertigstellte, hatte noch keinen unmittelbar prakti­schen Nutzen, aber er bot die Basis für die spätere Entwick­lung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und den Kommunikationsbereich nachhaltig veränderte.

1989 erfolgte mit der Einführung des ISDN (Integrated Services Digital Network) die Digita­ lisierung des Telefons und damit die Basis für eine schnelle Datenübermittlung. Gleichzeitig mit der Digitalisierung des Festnetzes entstand der Mobilfunk. Hier zeigte sich dasselbe Problem: Zuerst war ein Massenmarkt erforderlich, um im ganzen Land Verbindungssicherheit aufzubauen – doch ein Netz lässt sich nur finanzie­ ren, wenn ein Bedürfnis dazu besteht. Die ers­ten Versuche waren wenig erfolgreich. Das erste nationale Autotelefonnetz, das Natel A («Natel» ist eine eingetragene Marke von Swisscom), ent­

spiele bei. Doch auch alle anderen Massenmedien können eine Welt aufbauen, die nichts mit der Realität der Konsumentinnen und Konsumenten zu tun hat und doch als real wahrgenommen wird. Liebesgeschichten an Königshöfen oder skurrilen, irgendwo auf der Welt verübten Verbrechen kommt zwar die Funktion moderner Märchen zu, nur vermittelt ihnen die Tatsache, dass sie formal gleichwertig neben Informatio­ nen von realer Bedeutung stehen, die Illusion eines Realitätsbezugs. Die Entwicklung der Informationstechnologien seit Mitte der 1990er Jahre ist von enormer gesellschaftlicher Sprengkraft. Der Informations­ austausch, zuvor innerhalb der Familie oder des Unternehmens kontrolliert, ist individuell geworden. Gleichzeitig ist der Preis für die Publi­kation von Inhalten exponenziell gesunken. Mit einem Blog (Internet-Tagebuch) kann sich jeder und jede mithilfe eines Internet­an­ schlus­ses und eines Computers spontan äussern, und dies mit einem globalen Empfängerpotenzial. Vor allem totalitäre Regimes, ja selbst demokratische Staa­ten wie die USA, bekunden Mühe mit Internet und Mobilfunk. Filter sollen nicht nur illegale, sondern auch

Die Entwicklung der Informationstechnologien beinhaltet enormen gesellschaftlichen Sprengstoff. stand zwischen 1978 und 1980. Die schweren Geräte füllten nahezu den Kofferraum eines Autos. Erst das analoge Natel-C-Netz setzte sich dank wesentlich kleinerer Geräte auf dem Markt durch und zählte maximal 320’000 angeschlossene Apparate. Der Durchbruch gelang mit dem digitalen Mobilnetz Natel D, dessen Aufbau 1993 begann. Ergänzend dazu erlaubt das 2001 eingeführte UMTS-Netz (Universal Mo­bile Telecommunications System) die rasche mobile Datenübermittlung. Paralell dazu setzte sich ab Mitte der 1990er Jahre das Internet durch. In rascher Folge wurden die Übermittlungstechnologien beschleunigt und die Datenkapazitäten erhöht. Gleichzeitig sanken die Preise dank der Marktliberalisierung in einem Mass, das am Anfang der Entwicklung undenk­bar gewesen wäre. Internet und Telefonie sind zum globalen Massenmarkt geworden, der nur dank der tiefen Preise funktioniert. Realität und Relevanz Viel zur Vermischung von Virtualität und Realität tragen die Medien Fernsehen und Computer-

regierungskritische Inhalte vom Internet, ja sogar aus priva­ten E-Mails entfernen. SMS ermöglichen es Demon­stran­ten, sich flexibel zu gruppieren. Mit Blogs und E-Mails können Menschenrechtsverletzungen rasch und effizient ins Ausland gemeldet werden. In Ägypten wurde ein Blogger im Februar 2007 wegen Diffamierung des Islam und des Staatspräsiden­ ten exemplarisch zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Dass Mobilkommunikation und Internet zusammenfliessen, macht die Entwicklung noch komplexer. Die neuen Kommunikationstechnologien verän­ dern nicht die Menschen, aber sie geben ihnen unglaublich effiziente Instrumente in die Hand, die kreativ oder destruktiv genutzt werden können wie jedes Instrument. Sie lassen es zu, illegale Inhalte herunterzuladen, sie erlauben es kriminellen Banden, sich effizient zu organisieren, sie ermög­li­chen aber auch Kreativität, vielfältige kos­tengüns­tige Publikationsmöglichkeiten, den Ausbruch aus ei­ner patriarchalen Kontrolle und den Aufbau von Demokratie­be­ wegun­gen in totalitären Staaten. bs.

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2500 Jahre auf 44 Seiten Die «Kleine Geschichte der Kommunikation» vermittelt einen Abriss der Geschichte der Kommunikation und der Mobilität. Die von Bernhard Schneider für das Projekt «Schulen ans Internet» verfasste Broschüre kann für Unterrichtszwecke kos­tenlos bezogen werden über www.swisscom.com/ schule. Einzelexemplare können zum Verkaufspreis von 8 Fran­ken per E-Mail bestellt werden unter: Geschichte@schneidercom.ch. Glossar zu Informatik und Telekommunikation: www.schneidercom.ch/ Glossar.html

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In Kürze ”

Damit der Zug für Behinderte nicht abfährt, sind Sachverstand und Wille zum Dialog erforderlich.

Föderalistische Alleingänge:

Weder sinnvoll noch finanzierbar Die Behinderteninstitutionen wurden in der Schweiz bisher pauschal von der IV finanziert. Die neue Finanzordnung (NFA) überträgt deren Finanzierung den Kantonen. Bedenken wegen eines Leistungsabbaus steht die Chance gegenüber, mit gezielteren Vergütungen die Mittel effizienter einzusetzen. Der Bedarf an Wohn- und Pflegeheimen nimmt lang­fris­tig aus zwei Gründen zu: einerseits erhöht die demografische Entwicklung den Bevölkerungsanteil der älte­ren Menschen, anderseits führen die Erfolge der Spitzenmedizin dazu, dass beispielsweise Unfallopfer häufiger überleben, aber anschliessend pflegebedürftig bleiben. Heute zählt die Schweiz etwa 310‘000 Unter-

stützungsbedürftige. Um das Jahr 2030 dürften es 400‘000 sein. Die Hälfte der schweizerischen Pflegehei­ me wird betriebswirtschaftlich als zu klein betrachtet. Die Kantonalisierung der Heimfinanzierung birgt nun die Gefahr, dass die Heime noch kleiner werden, wenn die Kantone alle Bedürfnisse selbst abdecken wollen. Zudem ist die bisherige Praxis, Heime pauschal zu subventionieren, nicht nur teuer, sondern auch aus Behindertenoptik fragwürdig, wie Stefan Sutter betont, der bei Curaviva, dem Verband Heime und Institutionen Schweiz, www.curaviva.ch, zuständig ist für den Bereich erwachsene Behinderte: «Der anhaltende Kosten­ druck führt dazu, dass sich viele Institutionen gegen die Aufnahme ‹hoher Risiken› sträuben. Das heisst in der Praxis, dass schwerstbehinderte Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, ein Umfeld zu finden, das eine adäquate Unterstützung und Assistenz garantiert.» Auch in der Behindertenpolitik stehen kommunikative Fragen im Zentrum: Finden sich die Kantone zusammen, um einheitliche und sachgerechte Lösungen zur Finanzierung von Behindertenheimen gemeinsam zu entwickeln? Auf politischer Ebene ist entscheidend, ob die populistische «Schein-Invaliden»-Kampagne an der Urne mehr wiegt als eine qualifizierte Auseinandersetzung mit Behindertenpolitik.

E-Bike-Forschungsprojekt

Sinnvoller Spass In der Umwelt- und der Gesundheitspolitik sind die Zielsetzungen weit weniger umstritten als entsprechende Massnahmen: wo sind staatliche Regelungen notwendig, wo ökonomische Steuerungsinstrumente, was soll der Eigenverantwortung überlassen werden? Die Schweiz setzt häufig auf Eigenverantwortung und führt entsprechende Kampagnen durch. Beispiele sind Programme für energieeffiziente Fahrzeuge von Energie­ Schweiz oder die Präventionskampagne des Bundes­­am­tes für Gesundheit gegen Übergewicht. Ein Projekt, das beide Anliegen vereint, ist NewRide, www.newride.ch, das Förderprogramm zur Unterstützung der Markteinführung von Elektrozweirädern. Diese eignen sich als Ersatz für Motorfahrzeuge und leisten damit einen Beitrag zur Reduktion der Emissionen von Kohlendioxid und anderen Schadstoffen. Gleichzeitig ist der Einsatz eines E-Bikes gesund, da es ein rasches Fortkommen mit regelmässiger, aber mässiger Bewegung erlaubt. Entscheidend für den Markterfolg von E-Bikes ist, dass sie nicht nur sinnvoll sind, sondern auch Spass bereiten – am meisten, wenn das gewählte Modell der Leistungs­ fähigkeit der Fahrerin, des Fahrers optimal entspricht. 16

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Forschung und Spass schliessen sich nicht aus: Foto nach einem mehrstündigen E-Bike-Testanlass. EnergieSchweiz unterstützt ein Forschungsprojekt, das die Leistung von E-Bikes in Abhängigkeit der menschli­chen Tretleistung ermittelt. Das Forschungsprojekt ist auf unmittelbaren praktischen Nutzen ausgerichtet und erfüllt so zwei kommunikative Anliegen: erstens führen zufriedene Anwenderinnen und Anwender zu Mund-zu-MundPropagan­da, zweitens werden zu den Testanlässen des Forschungs­projektes interessierte Medienleute gezielt eingeladen, was sich in qualifizierten Medienberichten spiegelt. Der Zwischenbericht des E-Bike-Reichweitentests zur Ermittlung der Alltagstauglichkeit von Elektrobikes kann per E-Mail bei test@newride.ch bestellt werden.


Communications