#8 | Schmitz Gold

Page 1



/barren /schatz /medaille /reserve /mine /schmied /grube /rausch /fisch /esel /regen /gräber /schürfer /kette /markt /kehlchen /kurs /stück /händler /zahn /ader /hamster /preis /ring /staub /folie /schnitt /fieber /anteil /handel /bad /münze


editorial «Und endlich halte ich ihn in Händen.» Er öffnet die Truhe: Schmitz erstrahlt in güldnem Glanz. Ein harter Weg voll Gift und Gestein ward bezwungen. Lange war nicht klar, ob der Traum sich erfüllt. Mit jedem Sonnenaufgang neu gestartet; der Ziellinie ein Stück näher. Der Goldschweif am Horizont –  ein Leuchtturm. Er weist den Weg. Die Devise: erster Platz; die Zwei bleibt ohne Worte. So schmeckt Triumph, der Stoff aus dem ein Held geformt ist. Ein scharfer Verstand löst jede Fessel. Nur wer voranschreitet, wird rechtzeitig ankommen und ernten. Öffnet die Truhe und belohnt euren Mut oder lasst sie verschlossen und fragt euch, was wäre wenn … Gold – lesen!


die farbe gold Venezuela 1537

«Sie muss hier sein! Sonst wäre alles umsonst gewesen.» Gonzalo de Quesada hält inne. Der Füllfederhalter ruht auf dem feuchten Papier. Sein Blick fällt auf die verblichene Karte neben ihm: Manoa, die Stadt aus Gold – El Dorado. Schwarze Lettern im spärlichen Kerzenschein. «Sie muss einfach hier sein», flüstert er. Mantra. Fluch. Zusammen mit 36 Männern kämpft sich der Comandante den Orinoco hinauf. 50 waren es noch vor zwölf Monaten – 50 Männer mit einer Mission. Für Gott und Krone. Ruhm und Ehre: Reichtum. Die Conquistadores machen große Fortschritte auf ihrem Eroberungszug durch das unbekannte Land: Amerika, genauer: Südamerika. Weitläufig und unerforscht. Ein Land, tausend Möglichkeiten. Sagen und Mythen ranken sich um unglaubliche Schätze. Doch nur ein Schatz verdient seinen Mythos: das goldene Land «Eldorado». Ein Goldrausch beipiellosen Ausmaßes. Alles beginnt mit einem Gerücht: die Geschichte eines Häuptlings, der von Hand gefertigten Schmuck für vulgär, gar widerlich hält. Ein Häuptling so reich, er musste sich täglich das Gold vom Körper waschen: El Dorado – der Goldene. Kolumbien 1538

«Sie kann nicht mehr weit sein. Wir werden sie finden!», peitscht Gonzalo seine Mannen vorwärts. «Wir haben ihn bezwungen. Der Orinoco liegt hinter uns. Seit nun mehr drei Wochen treiben wir auf dem Río Meta. Irgendwo hier muss sie sein: Manoa.» Gonzalo legt die Feder nieder und sieht sich um. 40 leere Augen starren ihn an. Gonzalo lächelt, nickt ihnen zu: «Ganz sicher», verspricht er ihnen flüsternd. Mehr als die Hälfte von Gonzalos Männern bezahlen die zweijährige Expedition mit ihrem Leben. Irgendwo am Ende des Río Meta war er sich sicher, wartet Eldorado mit unaussprechlichem Reichtum auf ihn und seine Landsleute. Eldorado sollten sie dort zwar nicht finden, Reichtümer aber sehr wohl. Sein Wahn führt Gonzalo zur Chibcha. Die Goldschätze, die er dort findet, entfachen ein bis dahin nie dagewesenes Goldfieber. Tausende Conquistadores folgen seiner Spur nach Bogotá. Gonzalo de Quesada gründet die heutige Hauptstadt Kolumbiens als reicher Mann. Eldorado indes sollte ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen. Doch irgendwo im Nordwesten Südamerikas muss sie liegen: die goldene Stadt.

Ein Häuptling so reich, er musste sich täglich das Gold vom Körper waschen: El Dorado, der Goldene Gold ist mehr als eine Farbe. Gold ist ein Symbol (Papiergold), untrennbar verbunden mit dem Edelmetall. Gold ist die Farbe des Ruhms – die höchste Auszeichnung – der Sieger nimmt die Medaille entgegen (Goldstandard). Gold steht für Kreativität. Vermeintlich Banales erstrahlt in neuem Glanz (Spotpreis). Unser Leben lang streben wir danach: Wahrheit. Sie verändert unsere Welt, Epoche für Epoche, Generation für Generation (Feinunze). Wir streben nach dem perfekten Foto, dem perfekten Moment, dem idealen Leben. Glück ist manchmal alles, was es dazu braucht (Goldader). Früher oder später; irgendwann erlebt ihn jeder: den persönlichen Moment der Wahrheit. Wer ihn meistert, erfährt eine transzendentale Verwandlung. Eine prachtvolle Veränderung, die schon so lange unerkannt vor der eigenen Nase liegt (Stempelglanz). Gold ist Rohstoff. Es wertet auf und veredelt (Goldschnitt). Gold ist die Farbe der Verblendung, des Überflusses. Aber auch des hohen Lebenstandards, des Genießens (Feingewicht). Gold ist mehr als eine Farbe. Hat es einen erst in seinen Bann gezogen, gibt es kein Zurück mehr. Gold macht süchtig (Königswasser).


grundton

Unterhaltsames

2

Editorial

4

Inhalt

Gold

Überblick

178

Sponsoren

190

Impressum

Danke

Akteure

unterton

32

Good Delivery

42

Goldader, die

156

Grundlegendes

Internationales Gütesiegel für einen Golbarren; garantiert seine Feinheit und sein Gewicht

Goldhaltige Gesteinsader, entstanden durch in großer Tiefe stattfindende Metamorphose

Feingewicht, das Gewicht des einer in Legierung enthaltenenen Edelmetalls; z.B. in Münzen oder Schmuck

62

beton

Kurzes


84

stereoton

Verbundenes

polyton 52

18 146

Feinunze, die Maßeinheit für Edelmetalle; eine Feinunze entspricht nach heutiger Definition exakt 31,1034768 Gramm

126

Stempelglanz, der

136

Königswasser, das

166

Papiergold, das

Weises

6

Ernstes

Erhaltungsgrad einer prägefrischen Münze, die noch nicht im Umlauf war

Gemisch aus Salzsäure und Salpetersäure, das Edelmetalle und auch Gold auflösen kann

Wertanlageprodukt, das zwar in Verbindung mit Gold steht, jedoch nicht mit Gold physisch gedeckt ist

monoton

Goldschnitt, der Verzierung der Kanten eines Buchblocks mit einer goldfarbenen Folie

Goldstandard, der Begriff aus der Wirtschaft; Währungssystem, bei dem Gold Hauptfaktor der Währung ist

Spotpreis, der Auch Kassapreis; Tagespreis für Wertpapiere, Devisen, Gold oder andere Waren


6

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

sc

goldschnitt

/

monoton


gold

chnitt


8

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt

/

monoton


Walzen dampfen, pressen / Hände schöpfen leise / Motoren, Räder greifen / Rohstoff auf der Reise / Rand und Kanten nehmen / Dem Neuen wiedergeben


10 10

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt

/

monoton


1829 kauft der schwäbische Papiermacher Johann Nepomuk Haas ein teilweise abgebranntes Walzund Hammerwerk im beschaulichen Gmund am Tegernsee – idyllisch gelegen im Mangfalltal.

Haas stellt dort fortan von Hand gerührtes Büttenpapier her. 1904 gründet der Münchner Stuckateur Georg Stahl zusammen mit den Kaufleuten Ludwig Alois Kohler und Carl Pfannenberg die Maschinen- und Büttenpapierfabrik Gmund.


12 12

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Gmund arbeitet mit einem speziellen Verfahren das nur noch Wasser als Zugabe benötigt

goldschnitt

/

monoton



monoton / goldschnitt autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Die älteste Papiermaschine stammt aus dem Jahr 1886 und ist heute noch im Einsatz.

14 14

132 Jahre produziert die stählerne Dame Papier nach Art von Gmund. 1979 bekam sie eine jüngere Kollegin; ihre Walzen laufen nach wie vor auf Hochtouren. Über eine Million Euro hat Gmund in die erste Ozonreinigungsanlage investiert. So werden nur noch 20 statt ursprünglich 70 Liter Wasser benötigt, um ein Kilogramm Papier herzustellen. Der nette Nebeneffekt: Das kristallklare Bergquellwasser hat Trinkwasserqualität; vor und nach der Produktion.


Bereits seit 132 Jahren produziert die stählerne Dame schon Papier nach Art von Gmund


monoton / goldschnitt autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 16 16

Jeder Baum, der für die fast 120 000 verschiedenen hochwertigen Papiersorten von Gmund fällt, wächst in nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. Jedes Randstück, Anlauf- und Endpapier,

selbst der kleinste Schneideabfall wird gesammelt – exakt nach Farbe sortiert – und für die Herstellung der entsprechenden Papiersorte wieder verwertet. Gmund arbeitet im Recyclingprozess mit einem speziellen Verfahren, das nur noch Wasser benötigt.



18

autor Jonas Reinhuber    bild Moritz Schinn

stan

goldstandard

/

monoton


gold

ndard


20

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldstandard goldschnitt

/

monoton


Drüben im Schwabenländle / Lebt ein Mann, hat Zauberhände / Big Shots aus Schwäbisch Hall / Vor dem Abspann großer Knall / Die Figur im güldnen Antlitz / Beweist kreativen Wahnwitz


und eine Zahl. Endlich am Ziel. Erleichterung. Den Neidern getrotzt – den Unterstützern gedankt. Eine Reise erreicht ihren Höhepunkt: «Dankeschön, Germany. Thank you. Great.»

goldstandard goldschnitt

/

monoton

Absolute Stille. Ein Umschlag. Der Puls rast, die Gedanken kreisen. Zwei Wörter

Gerd Nefzer ist der zweite Deutsche, der mit einem Oscar für visuelle Effekte ausgezeichnet wurde. Für seine Arbeit in Blade Runner 2049 erhielt er zuvor den British Academy Film Award (Bafta). Wer jetzt glaubt, Gerd Nefzer ist nur einer dieser Hollywood-Effekt-Typen, die den ganzen Tag am Rechner sitzen, der hat sich geschnitten. Wenn es in Hollywood kracht, regnet, schneit oder brennt, hat er meist seine Finger im Spiel. Bei ihm sind Effekte noch echtes Handwerk. Gerd Nefzer ist einer dieser Typen, die sagen, was sie denken: für den die Familie noch eine Kraftquelle und die Heimat noch Wohlfühloase ist. Das Du lässt bei einem Bier und guten Gesprächen nicht lange auf sich warten. Das verruchte Hollywood verschwindet hinter einem sympathischen, authentischen Dialekt – frei nach dem Motto: Wir können alles außer Hochdeutsch.

Mit welchen drei Worten würdest du die letzten Monate nach dem Oscargewinn beschreiben?

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Wie hast du die letzten Minuten vor der Auszeichnung erlebt?

22 22

Warum hat euch die Academy ausgezeichnet?

Der Moment, in dem man denkt: Jetzt hast du es in die Oberliga geschaff t

Freude, Glück und dann eben Alltag. Ich stand zwei Tage später schon wieder im Studio und habe gearbeitet. So richtig konnte ich es gar nicht genießen.

Ich krieg jetzt noch Gänsehaut und es treibt mir immer wieder die Tränen in die Augen. Das war so ein gigantischer Moment. Als dann raus war, dass wir gewonnen haben, war das einfach nur irre. Der ganze Stress, den man all die Jahre, dreißig Jahre lang, hatte – auch Spaß natürlich – fiel von einem ab. Als der Bereich Visual Effects drankam, wurden einfach die fünf Filme vorgestellt. Also mein letzter Gedanke war wirklich: Wie reagiere ich jetzt, wenn es heißt: And the Oscar goes to: Planet of the Apes. Zum Glück ist das nicht passiert. Man konnte einfach anders reagieren. In dem Moment gehen einem so wirre Gedanken durch den Kopf. Wie gesagt: unbeschreiblich.

Ich glaube, dass der gesamte Look des Films sehr wichtig war; und dass er sich von unseren Konkurrenten abgehoben hat. Was Roger Deakins mit der Kamera aufgenommen hat, sah einfach bombastisch aus. Man hat einfach nicht gesehen, dass das visuelle Effekte sind. Bei dem Film gab es sehr viele visuelle Effekte und sehr viele Spezialeffekte. Ich glaube es war der Mix aus beiden, der den Ausschlag gegeben hat. Da waren Filme dabei, die wurden zu 95 Prozent am Computer gemacht. Also technisch viel aufwendiger als unserer. Wir hatten 1300 Visual Effect Shots. Guardians of the Galaxy oder King Kong hatten 2000 und mehr. Nicht die Menge entscheidet, sondern die Qualität. Bei uns waren auch Dinge drin, die es so vorher nicht gab und die wirklich super aussahen. Ich glaube, das gab den Ausschlag für den Bafta und für den Oscar.


Was ist das Besondere an den Wettereffekten in Blade Runner 2049?

Hast du gehoff t, so einen großen Preis zu gewinnen oder waren die Projekte mit all den großen Namen Bestätigung genug?

Wettereffekte sind nicht spektakulär und meist Standardarbeit. Bei Blade Runner war es aber eben keine Standardarbeit. Der Nebel war irre schwierig. Den haben wir mit Wassernebelanlagen gemacht. Das wurde noch nicht in dem Umfang, in der Art und Weise gemacht, wie wir das jetzt praktisch verwendet haben. Ich will nicht sagen: wir haben das erfunden, aber wir haben diese Nebelanlagen verbessert und studiotauglich gemacht. Das war schon eine tolle Herausforderung. Wir hatten 15 Wassernebelanlagen, dazu noch Windmaschinen, um den Nebel in die richtige Richtung zu drücken und die Konsistenz zu halten. Dann macht es auch einen Unterschied, ob du ein Close-Up drehst, denn da brauchst du weniger Nebel, als bei einer Totalen; sonst sieht es im Film nicht gleich aus. Auch das Licht hat eine Rolle gespielt: Man musste den Nebel also ständig korrigieren – wirklich aufwendig. Allein schon der Aufbau der Nebelmaschinen im Studio: normalerweise braucht man 20 Minuten dafür; bei Blade Runner haben wir manchmal drei oder vier Tage gebraucht. Das gab es bei anderen Filmen in dieser Form noch nicht, aber das sieht man auch.

Im tiefsten Inneren hoff t man natürlich einen Preis zu bekommen. Ich habe das aber nie für möglich gehalten. Wir waren mal für den VES Award nominiert. Daraus ist leider nichts geworden. Einmal mit Steven Spielberg zu drehen, das war was, wo ich gedacht habe: Wow, das ist jetzt eine Hausnummer. Das hätte ich mir nie erträumt; auch der Dreh mit Quentin Tarantino. Das waren so Momente, wo man denkt: Jetz hast du es in die Oberliga geschaff t.


Bildquelle: Gerd Nefzer

monoton / goldstandard goldschnitt

Blade Runner war aber eben kein Standardjob

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Siehst du die Auszeichnung auch repräsentativ für die Qualität der deutschen Filmproduktionen?

24 24

Hast du das mal angesprochen, als dir Ministerpräsident Kretschmann und die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters gratuliert haben? Wann und wie kamst du zum ersten Mal in Berührung mit Special Effects?

Auf jeden Fall. Ich habe mich ja in der dreisekündigen Dankesrede auch bei Deutschland bedankt. Das habe ich auch so gemeint. Es gibt hier wirklich viele tolle Drehorte, gute Studios, hervorragende Filmleute und Crews. Ob das jetzt Dolly Grip, Kamera, Requisite, Ausstattung oder Construction ist. Die haben eine irre Erfahrung und Qualität. Wenn ich mir die Studiobauten hier in Deutschland ansehe, muss man sich vor nichts auf der Welt fürchten. Großprojekte kommen aber eben nur zustande, wenn es eine vernünftige Filmförderung gibt. Und daran mangelt es leider in Deutschland – das muss man so deutlich sagen. Es ist ja nicht so, dass der deutsche Staat da Geld ausgibt, ohne es wiederzusehen – im Gegenteil. Ich glaube, für jeden Euro, der in die Filmförderung gepumpt wird, bekommt der Staat vier oder fünf zurück. Doch das kapieren unsere Politiker nicht. Wenn man sehen will, wie das super funktioniert, muss man nur nach England gehen. Da geben sich die großen Produktionen die Klinke in die Hand. Die Filmschaffenden haben Arbeit und das schwemmt Geld ins Land. Das fehlt bei uns.

Selbstverständlich. Ich sage das auch immer wieder, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

Die Firma hat ja mein Schwiegervater gegründet. Ursprünglich als Waffen- und Filmfahrzeugverleih. Ich habe bei meinem ersten Film Die rote Erde in München Kontakt zu den Spezialeffekt-Leuten gehabt. Man hat ohne Hintergedanken geschaut, was die machen. Mir war nicht bewusst, dass ich einmal dort lande. Mein Schwager hat schon nach seiner Lehre als Spezialeffekter gearbeitet. Gelernt hat er bei der deutschen Spezialeffektkoryphäe Charly Baumgartner, genannt Charly Bum Bum. Anschließend ging er dann nach Wien. Um die Zeit bin ich mit Special Effects in Berührung gekommen. Die Firma in Wien hat Hilfe gebraucht und mich für ein Projekt angefragt. Meine erste Arbeit war dann ein Wirtshaus mit Gasbrennern zu versehen.


Wenn über dich berichtet wird, beginnt der Beitrag häufig mit: Eigentlich ist er gelernter Landwirt. Wie wichtig ist die handwerkliche Begabung bei deinen Spezialeffekten?

Wie war das bei deinem ersten Film, Resident Evil?

Normalerweise braucht man 20 Minuten; bei Blade Runner waren es manchmal drei oder vier Tage

Ganz genau. Wenn jemand bei uns arbeiten oder eine Ausbildung machen will, ist die Antwort immer: Lerne einen handwerklichen Beruf und dann schauen wir, wie es weitergeht. Es ist ja kein Lehrberuf. Es ist viel harte Arbeit. Mittlerweile wird aber schon auch einiges am Computer gemacht.

Bernd Eichinger hat das für Constantin Film produziert. Gedreht wurde in Berlin. Ein Spezialeffekt-Kollege aus Berlin hat da dann angefangen und die haben bald gemerkt, dass der das nicht geregelt kriegt. Die ausführende Produzentin kannte ich noch von ein paar kleinen Projekten, den Bernd Eichinger nur so am Rande. Sie hat angerufen und gefragt: Gerd, willst du nicht hierherkommen? Das wird eine Katastrophe; das funktioniert nicht mit dem. Komm doch mal vorbei und schau dir das an. Dann hab ich überlegt und im Büro gefragt: Meinst du, das krieg ich alleine hin? Sie haben gesagt: Ja klar, mach das, Lear ning by Doing. Und dann haben wir das übernommen. Der Kollege aus Berlin hat dann nur noch die Waffen weitergemacht. Bei dem Film war Paul W. Anderson der Regisseur. Mit dem habe ich danach noch vier oder fünf Filme gemacht, weil das eben so gut funktioniert hat. Auch Bernd Eichinger kam bei jedem großen Projekt zu uns, weil wir ihnen damals aus der Patsche geholfen haben. Leider ist der Bernd Eichinger nun nicht mehr da und es gibt nur noch wenige Produzenten, die mal richtig was riskieren.


monoton / goldstandard goldschnitt autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 26 26

Mit welchen Höhen und Tiefen hattest du in deiner Karriere zu kämpfen?

Mit allen. Von himmelhochjauchzend bis total betrübt. Zum Teil war das richtig, richtig belastend. Bei manchen Filmen geht man einfach mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Auch das gehört dazu. Ich glaube, die Höhen und Tiefen sind extremer als in anderen Jobs. Man bereitet eine tolle Explosion vor und die funktioniert nicht; Kabel gebrochen oder sonst was. Wenn sich einer wehtut oder verletzt, das zieht einen auch runter. Genauso gibt es die anderen Momente. Wir bewegen uns da in einer Grenzsituation mit Effekten und Stunts. Zum Glück – und da klopf ich jetzt auch auf Holz – ist noch nie was Größeres passiert. Wenn was schief geht oder nicht läuft, wird man auch bei amerikanischen Produktionen gnadenlos in die Verantwortung genommen. Das ist ein brutaler Druck. Auch wenn du mit den Hauptdarstellern, den Stars, irgendwas machen musst. Sei es jetzt nur Harrison Ford, der in einem gebauten Auto in das Wasser gezogen wird. Die Firma stand auch nicht immer so gut da wie jetzt. Das sieht man auch bei jedem Schauspieler, jedem Filmschaffenden, weil die Auftragslage nicht kontinuierlich ist. Entweder gibt es zu viele oder zu wenig. Dazwischen gibt es eigentlich nichts.


Die Höhen und Tiefen sind extremer als in anderen Jobs

Wie oft wurdest du belächelt für das, was du tust?

Hast du einen Lieblingsort, an dem du deine Freizeit verbringst?

Wir wurden jahrelang belächelt und nicht ernst genommen. Uns kannte hier niemand in der Stadt; jetzt kennt uns jeder. Wir setzten – wie als gute Schwaben üblich – auf Understatement. Wir wollten unsere Arbeit und den Erfolg nicht an die große Glocke hängen. Natürlich sind das heikle Themen, mit denen man umgeht: Pyrotechnik, Filmwaffen, zum Teil auch Sprengstoff. Da ist man sehr vorsichtig, was man sagt und wie man das in die Öffentlichkeit trägt. Außerdem müssen wir bei jedem Film unterschreiben, dass wir nichts von dem Film preisgeben.

Mein Lieblingsort ist meine Heimat, meine Umgebung, meine Familie, unser Haus und unsere Halle in Schwäbisch Hall.

Wie regenerierst du dich?

Bei meiner Familie, wenn ich ganz stupide mal den Hof kehre, den Rasen mähe oder mit dem Traktor unterwegs bin. Ich geh oft noch zum Gliemenhof als Erntehelfer. Und dann sind da auch noch meine Freunde, aber da gibt es eigentlich kaum mehr eine Handvoll, die einem geblieben sind. Mal ein bisschen Rad fahren, grillen, ein Bierchen trinken oder Fußball gucken. Einfach mal weg von dem Filmchaos. Das sind so Momente, in denen ich den Tank vollkriege. Was bedeutet für dich Heimat?

Fällt es dir schwerer zu Hause zu arbeiten?

Da fühlt man sich wohl. Wir haben hier eine tolle Lage. Ein paar Schritte und ich bin in der Innenstadt oder im Grünen. Es ist ein beschauliches Städtchen. Ich mag die humorvollen Schwaben eigentlich gerne.

Ich muss zugeben, ja. Es fällt mir schwer, weil ich abgelenkt bin oder es so viele andere wichtige Dinge gibt. Von zu Hause weg zu sein, ist dann schon ein Vorteil. Viele fragen: Mensch, wie klappt denn das daheim, wenn du immer weg bist? Dann sag ich: Du schau mal, der hier ist jeden Tag zuhause und dann nach fünf Jahren geschieden. Ich bin seit 30 Jahren weg und lebe immer noch in einer glücklichen Ehe. Weder das eine noch das andere ist ein Garant für eine Ehe oder Freundschaft.


28 28

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Ohne das Team funktioniert es nicht

goldstandard goldschnitt

/

monoton


Wie erhältst du dir deinen kreativen Workflow trotz des Landlebens?

Wie bringst du Arbeit, Familie und Heimat unter einen Hut?

Welchen Wunsch würdest du dir noch gerne erfüllen: in zehn Jahren ein Haus in der Toskana?

Bildquelle: Gerd Nefzer

Bei uns ist das einfach so, dass ich nicht nur alleine kreativ bin. Um Ideen haben zu können, brauch ich mein Umfeld, mein Team, ein paar Freunde mit denen ich brainstormen kann; gern auch abends bei einem Gläschen Bier: Mensch, das und das Rig müssen wir bauen. Wie kriegen wir denn das hin? Man diskutiert und dann kommen einfach verschiedene Ideen. Ohne das Team funktioniert es nicht, bei mir nicht und bei vielen anderen auch nicht, wenn sie ehrlich sind. Entweder wir treffen uns im Büro und versuchen, was zu finden; oder man sagt: Komm lass uns am Wochenende mal in den Biergarten gehen und überlegen, wie wir das machen. So entstehen bei uns die meisten grandiosen Ideen.

Bei Blade Runner war ich im Prinzip von Januar bis Dezember in Budapest und danach gleich nochmal fünf Monate für Red Sparrow. Aber ich versuch in jeder freien Minute, mich ins Flugzeug oder Auto zu setzen, um nach Hause zu fliegen bzw. zu fahren. Ich habe ein riesen Glück, dass ich mit einem meiner besten Freunde Michael Luppino zusammenarbeite. Der wohnt auch in Schwäbisch Hall und ist ein totaler Familienmensch. Sein Vater kommt aus Italien, wo Familie über allem steht. Wir sind schon oft, wenn wir nachts bis um zwei Uhr gedreht haben, gemeinsam noch nach Schwäbisch Hall gefahren. Dann haben wir um sechs oder sieben Uhr in der Bäckerei Brezeln geholt, um hier zusammen mit unseren Familien frühstücken zu können.

In Rente gehen. Ob ich jetzt ein Haus in der Toskana habe – das sind so Dinge, die mich eigentlich nicht interessieren. Ich bin kein materieller Mensch, der jetzt fünf Goldkettchen und drei Armani-Anzüge oder sonst was braucht. Was ich mir wirklich wünsche, ist mehr Freizeit, um das machen zu können, woran ich Spaß habe. Noch ein paar schöne Filmchen machen und irgendwann mal, in absehbarer Zeit, in Ruhestand gehen.


30 30

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldstandard goldschnitt

/

monoton


Würdest du im Nachhinein irgendetwas anders machen?

Das stört mich manchmal, dieses Gejammer und Gemecker Welche Tipps und Ratschläge würdest du jungen Filmemachern mit auf den Weg geben?

Das Glas ist immer halb voll, es ist nie oder selten halb leer

Ja. Wenn ich nochmal sechs oder sieben wäre, würde ich viel mehr in der Schule lernen, Fremdsprachen vor allem, ganz besonders Englisch. Ich war immer ein bisschen faul, ein bequemer Schüler. Da meine Eltern beide berufstätig waren, wurde auch nicht so nach dem Lernen geschaut. Ich bin immer gerade so durch die Schule gekommen. Als ich klein war, meinten meine Eltern auch: Mensch lern und mach was. Ich habe immer gedacht: Ach, lass die quatschen. Doch die hatten recht. Appell an alle Schüler und Studenten: Versucht was Ordentliches zu lernen und strengt euch an. Das hilft im späteren Berufsleben unheimlich. Werdet nicht engstirnig, habt offene Augen und Ohren. Geht ohne Scheuklappen durch die Welt. Besucht andere Länder. Schaut euch an, wie es Leuten in Afrika, Rumänien oder Bulgarien geht. Dann fangt hier an zu meckern. Das wichtigste ist: Seid vor allem positiv. Das Glas ist immer halb voll, es ist nie oder selten halb leer. Das stört mich manchmal hier, dieses Gejammer und Gemecker. Was wollt ihr? Ich habe schon in einem rumänischen Bergdorf gedreht. Da hatten wir fünf Landwirte, wenn man das so nennen kann, als Helfer. Die hatten nichts als ein paar Quadratmeter Ackerfläche, ein Pferdchen und einen Wagen, hatten aber Spaß und Freude. Die hatten teilweise keinen Strom und die Kinder wuchsen im Dreck auf. Da gibt es hier in Deutschland vergleichsweise nicht viel zu jammern. Man muss einfach positiv durchs Leben gehen.

Arbeitet hart an euren Zielen und Träumen. Aber nicht so, dass man irgendwie das Leben vergisst. Das ist nämlich auch wichtig. Schaff t euch einen guten Background, wie auch immer der aussieht: Ob das jetzt ein super Freundeskreis, eine Freundin, eine Frau oder Familie ist. Verwirklicht eure Träume. Schaut, dass ihr finanziell alles auf vernünftige Beine stellt. Vielen Filmemachern ist Geld verdienen nicht so wichtig. Das Wichtigste ist einen tollen Job zu machen, der dann auf der Leinwand zu sehen ist. Immer einen Schritt nach dem anderen. Langsam wachsen und Erfahrung sammeln. Wo auch immer ihr beim Film was machen könnt, macht das, auch mal als Tellerträger oder sonst was. Oft ist es ja nur ein Praktikum und dann arbeitet man sich hoch. Obwohl es sich hart anhört, sage ich Jüngeren, die bei uns anfangen, immer: erstmal Klappe halten und schauen. Schaut euch Dinge an, fragt, wenn ihr was nicht wisst. Labert aber bitte nicht meine Jungs zu mit irgendwelchem Zeug. Seid ruhig, zurückhaltend und versucht zu helfen; auch anderen Departments gegenüber immer hilfsbereit sein: seid freundlich, nett und zuvorkommend. Und: Englisch lernen.


32

autor Christoph Molthagen    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

de

good delivery

/

unterton


good

elivery


34

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn good goldschnitt delivery

/

monoton unterton


Zwei Stimmen reden, sprechen / Profession im Klang / Gleich Stimmen vom Band / Die Stille brechen / Brisant, aktuell oder Szenerie / Klingen wie viele, nicht viele wie wir


monoton unterton

Ich bin Christoph Molthagen und arbeite seit vier Jahren als Sprecher für

/

ihnen hat Eltern, die ihn im zarten Alter von fünf Jahren einfach mit ins Studio

good goldschnitt delivery

genommen haben. Diesen Vorteil habe ich um gut 17  Jahre verpasst. Fragen

Werbung, Erklärfilme und Imagefilme. Zu den Profis zähle ich mich deswegen nicht. Ich beneide jeden bekannten Sprecher für seine Erfahrung. Mancher von

wir doch mal Claudia Urbschat-Mingues, unter anderem Synchronstimme für Angelina Jolie, wann und wie sie zum Synchronschauspielen kam. Im Gegensatz zu mir hat sie eine gute und umfangreiche Ausbildung genossen. Claudia ist Schauspielerin, Synchronschauspielerin und Hörspielsprecherin.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Angefangen hat Claudia mit dem Sprechen, als sie ihr Studium fi nanzieren musste:

36 36

Ich hab damals noch Psychologie und Sport studiert und mich, weil ein Freund von mir bei VOX gearbeitet hat, breitschlagen lassen, dort auch Trailer zu sprechen. Ich fand das natürlich toll, weil es vergleichsweise viel mehr Geld gab, als für Tellerwaschen oder so was ähnliches in irgendeiner Kneipe. Eigentlich wollte ich Sängerin werden, hab in der Schule Theater gespielt, Jazz gesungen, alles mögliche ausprobiert. Dann ging ich zu einer Gesangslehrerin und die sagte: Ne, also das geht ja nun gar nicht mit der Stimme; bitte mal zum Arzt gehen. Der diagnostizierte mir eine Insuffi zienz der Stimmbänder. Also singen: bitte überhaupt nicht. Dann war ich relativ deprimiert, habe aber trotzdem weitergesungen, weil Jazz und Punkmusik geht ja. Ich wollte Schauspiel studieren, hab es aber mehrfach nicht auf die Schule geschaff t. Eine Logopädin half mir mit der Stimme und arbeitete mit mir nach dem Schlaffhorst-Andersen-Prinzip und das lief so fantastisch, dass ich nach einem halben Jahr da rausging und auf die Schauspielschule konnte. Dann hab ich ein bisschen mit dem Sprechen weitergemacht, richtige Synchronschauspielerin bin ich seit 1997. Da hab ich meinen ersten Satz in Breaking the Waves gesprochen und dann ging es ziemlich Knall auf Fall los. Irgendwann, ich glaube, so zwei Jahre später habe ich dann schon die weibliche Hauptrolle in James Bond gesprochen. Und danach hab ich nichts anderes mehr gemacht.

2014 beginnt Christoph sein Studium:

Gleich im ersten Semester stolpere ich in der Facebook-Gruppe des Studiengangs auf eine Anfrage. Jemand sucht einen Sprecher und ich reagiere mal interessehalber darauf, frei nach dem Motto: Hey, ich habe keine Ahnung, was genau die erwarten. Wahrscheinlich bin ich eh ungeeignet – nur aus Neugier: Worum geht es bei dem Job? Die Studentin gibt mir also einen Text, ich kaufe ein günstiges Mikrofon und nehme es auf. Ich möchte nicht sagen, sie hat mich mit ihrem Feedback vernichtet; das wäre gemein. Doch ich gebe zu, die Menge an Verbesserungsvorschlägen war schon beeindruckend. Vier Jahre später finde ich diese Aufnahme und mein Herz pocht stark, als ich die Dateivorschau aufgeregt starte. Kurz darauf erleichterndes Aufatmen; ich klinge grauenvoll. Die letzten vier Jahre habe ich also doch etwas gelernt. Anfang 2017 melde ich ein Kleingewerbe an und bekomme zum ersten mal Geld für einen richtigen Auftrag. Wer würde sich das entgehen lassen, als armer Student? Mitte 2017 bucht mich eine Berliner Firma für ihre Erklärfi lme. So kann ich professionelles Equipment finanzieren und bekomme zugleich Routine in meiner Arbeitsweise. Mit der Zeit entstanden so viele gute Projekte.


Zwei Jahre später habe ich die weibliche Hauptrolle in James Bond gesprochen Baff, um neun Uhr geht’s los – und zwar volle Pulle. Dann bist du schon auf absolutem

Höchstniveau, sonst kommst du ins Hängen. Und das ist das Schlimmste, was passieren kann, dass man sein Pensum nicht schaff t und das ganze Team schon mit den Fingerspitzen trommelt. Also das wäre mir persönlich wahnsinnig peinlich. Stimme ist ja Seele. Die Stimme kommt einfach ungefi ltert aus einem heraus, sobald man anfängt sich verstellen zu wollen, hört es sich für den Zuhörer unnatürlich an. Und ich glaube das ist das, woran viele Leute scheitern. Wenn man sich davon freischaufeln kann, dass man etwas darstellen möchte, was man nicht selber ist, dann ist es super. Ein bisschen Musikalität, Disziplin und gute Laune. Dann ist es eigentlich ein Traumjob, auch wenn man den ganzen Tag in einem dunklen Kabuff hängt. Wenn man sich selber genügt mit der Stimme, ist das schon mal eine gute Ausgangsposition. Ich mache das ja jetzt seit zwanzig Jahren. Natürlich ist meine Stimme da auch mal angeschlagen. Es kann dir auch passieren, dass du drei Wochen im Krankenhaus landest; ist mir auch passiert. Das ist einfach so, man muss sich diese Zeit nehmen. Jeder Mensch ist mal krank, natürlich hat ein Leistungssportler schneller was mit seinen Knien oder Waden und ein Sprecher hat eher mal was auf der Stimme.


monoton unterton good goldschnitt delivery

/

Wie sieht es allgemein mit der Zukunft als Sprecher aus? Die bekanntesten Stim-

Ein Maurer bekommt Rückenschmerzen vom Bücken. Synchronschauspieler, Spre-

cher, Redner und Sänger werden heiser. Oder noch schlimmer, stumm. Was nun? Wenn es mich erwischt, habe ich schlicht Pech gehabt. Ich kuriere es aus; das kann zwischen einigen Tagen und drei Wochen dauern. Das ist bei mir okay, ich bin auf das Geld nicht so stark angewiesen, wie jemand, der eine ganze Familie damit versorgen möchte.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Irgendwann fi ndet man heraus: Wo ist der Knackpunkt? Liegt es an mir, dass ich

38 38

zu viel Druck gebe auf die Stimme? Sind es die Stimmbänder, der Hals, die Nebenhöhlen? Da muss man sein Augenmerk darauf richten und da muss ich mich in Zukunft im Vorfeld damit beschäftigen und gucken, dass es nicht wieder vorkommt. Das ist bei jedem unterschiedlich, aber natürlich passiert mir das auch. Also Heiserkeit nicht mehr so oft, weil ich einfach die Situation nicht mehr habe – ich gehe selten auf Rockkonzerte und gröle mit. Hab ich früher gemacht, trotz Sprechen; liegt einfach daran, dass ich eine kleine Tochter hab und einfach nicht die Zeit und auch nicht die Energie dafür da ist. Man muss wie in jedem Job gucken, dass man seine Auszeiten nimmt. Man kann einfach nur den ganzen Tag Tabletten lutschen; da bin ich jetzt nicht so der Fan von. Man kann auch schauen, dass man sich bei Stimmproblemen generell an eine Logopädin wendet, die einem auf längere Sicht mehr bringt als so ein paar Tabletten, wenn’s akut ist. Und die Stimme zu versichern, geht glaub ich nicht – vielleicht bei denen, die J.Lo’s Hintern versichert haben.

men werden ja oft erkannt, nicht so sehr wie bei den Schauspielern, die sie vertonen. Dennoch erhalten sie zunehmend Aufmerksamkeit, wie durch die Ausstellung Faces Behind The Voices. Ist so etwas erstrebenswert? Das ist ein zweischneidiges Schwert mit der Aufmerksamkeit. Als Synchron-

schauspieler kämpfen wir darum und haben uns auch zusammengeschlossen; es geht jetzt nicht um Aufmerksamkeit im klassischen Sinn, Applaus, wenn jemand den Saal betritt, sondern es geht um einen respektvollen und achtsamen Umgang mit dem, was wir tun: also eine Wertschätzung unserer Arbeit – darum geht’s. Dieses klassische Star-Syndrom habe ich überhaupt nicht. Also das stimmt wirklich; ich bin froh, dass ich normal über die Straße zum Bäcker, in die Apotheke oder sonst wohin gehen kann und nicht die Leute gleich sagen: «Hach, Sie sind’s, Frau Urbschat-Mingues, ja was darf ich Ihnen denn heute geben?» Ne, es ist schon so, dass manchmal ein Lehrer von meinem Sohn oder irgendjemand kommt und sagt: «Ach sind Sie nicht auch …» Da kommt meistens dann: «… die Stimme der Tagesschau». Wer nebenbei auch Schauspieler ist, dem ist es natürlich ein Anliegen, bekannter zu werden. Claudia hat vor Jahren

ein Job-Angebot bekommen, das doch recht besonders ist: Die Tagesschau wollte mit ihrem Re-Design auch eine Off-Stimme für das Intro haben.

Eigentlich ist es das größte Kompliment, wenn man mich nicht erkennt


Dieses klassische Star-Syndrom habe ich überhaupt nicht

Die haben das ganze Tagesschau-Studio umgebaut und haben dafür auch Hans Zimmer angefragt für den Jingle. Dann

haben die gesagt, okay, jetzt hatten wir immer die Tagesschau-Sprecher als Ankündigung. Sie wollten dann mal was anderes probieren und sind unter anderem auf mich gekommen; haben das ausprobiert und gesagt: «Gut, nehmen wir». Jedes Jahr aufs Neue fragen sie an und machen einen Vertrag für das kommende Jahr. Ich bekomme ein Jahreshonorar dafür, dass ich das exklusiv für die Tagesschau mache. Ich hatte auch zwischendurch mal die Anfrage, ob ich so was nicht auch für das ZDF machen möchte. Da hätte ich das Dreifache gekriegt. Die ARD setzt sich da nicht ganz nach oben; die spielen etwas damit, dass sie halt sagen: «Komm schon, das ist ja schon ein Markenzeichen und ein Orden fürs Revers». Nur des Geldes wegen würde man sich doch eher an andere Sender ranschmeißen.

Ich selbst nehme in einer akustisch optimierten Ecke meines Schlafzimmers auf. Es sieht nicht professionell aus,

funktioniert aber hervorragend. Ich hab mein eigenes Studio, das ist allerdings innerhalb einer Produktionsfi rma. Ich bin auch sehr mobil, wohne grad in

München, hab aber in Berlin auch einen Wohnsitz, da arbeite ich auch und hab sogar ein kleines, mobiles Studio für den Notfall. Ich hab früher auch im Wandschrank aufgenommen, das ist vollkommen legitim.


monoton unterton / good goldschnitt delivery

Ich fi nde es immer etwas leichter, Sprecherjobs am späten Vormittag zu erledigen.

Zu früh morgens grolle ich und klinge, als würde ich dringend Husten müssen. Doch wenn ich mir die Zeit nehme, und mich gut einstimme, dann klappt es meistens reibungslos. Das ist genau wie beim Laufen: Ich bin frü-

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

her immer nachmittags gelaufen und dachte, morgens geht gar nicht. Dann musste ich arbeiten und bin morgens um sieben gerannt. Das geht super. Die einen werden nachmittags schlapp, die anderen haben morgens Schwierigkeiten zu starten. Ich hab damit kein Problem. Ich fi nde es eigentlich interessant, wenn die Stimme dann auch mal ein bisschen anders klingt.

40 40


Aktuell sind Stimmsynthetisierungen und deren Auswirkungen ständiges Thema in der Branche. Ich fühle mich davon nicht bedroht, weil

ich davon ausgehe, dass diese niemals an die Feinheiten einer menschlichen Stimme heranreichen werden. Aber was, wenn das in Zukunft anders wird? Ich bin ja mal angefragt worden für Siri, das ist ja momentan noch keine synthetische Stimme, das ist noch eine echte Stimme. Eine,

die enorm viel gearbeitet hat und dann wird das alles zusammengesetzt. Das ist auch an mich schon herangetragen worden, ich fi nde das interessant, ich sehe mich persönlich davon nicht bedroht. Ton ist unendlich, anders als Bild. Bilder bestehen aus Pixeln, die kann man zusammenbauen, aber Ton besteht aus so wahnsinnig vielen Schwingungen und da kommt es darauf an, was der Konsument möchte. Vielleicht will er keine Emotion mehr in der Stimme hören, vielleicht will er nur noch Information und will keine menschentypischen, kleinen Spitzen in der Stimme. Selbst das fi nde ich völlig legitim. Die Frage ist einfach, womit gibt sich der Hörer am Ende zufrieden? Prinzipiell geht das Bild auch immer vor Ton, da das Bild eingängiger ist. Wenn die Stimme dann nicht als eigenes Instrument heraussticht, sondern als Teil einer Person wahrgenommen wird, dann ist das eigentlich das größte Kompliment, dass man mich da nicht erkennt. Das Wichtige am Synchronjob ist, seinen Job gut zu machen und eine überzeugende Leistung zu bringen. Wenn man das erfüllt, ist man

eigentlich unauffällig. Wie es sich auch immer entwickelt, ich bin mir sicher, ausgebildete Sprecher werden noch eine lange Zeit gefragt sein. Ich möchte in der Branche wachsen; hast du einen letzten Tipp? Die Frage ist: Wo willst du eigentlich hin? Arbeite

daran, schau nicht zu viel, was die Anderen machen, sondern fokussiere dich auf dich selbst.

Ton ist unendlich, anders als Bild


42

autor Daniel Kann    bild Felix Birkenseer goldader

/

unterton


gold

ader


44

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt goldader

/

monoton unterton


Fort und fort der Weg dich trägt / Von Stadt zu Stadt den Handel prägt / Nürnberg , Prag purer Kontrast / Goldene Straße für goldene Last / Rang und Glanz verschwand / Windet sich, wo einst sich wand


monoton unterton / goldschnitt goldader

Der Wagen schiebt sich nur langsam durch die vom Regen der Nacht aufgeweichte Straße. Die Hoff nung auf Reichtum durch Handel treibt viele auf den Weg von Nürnberg nach Prag. Durch den dichten Morgennebel erblicken sie die Silhouette der Prager Burg. Sie war eine der wichtigsten Handelsrouten des Mittelalters: die Goldene Straße von Nürnberg nach Prag. Kaiser Karl IV. war es im 15. Jahrhundert gelungen, sein Territorium auszudehnen und beide Handelszentren miteinander zu verbinden. Für Händler war die Goldene Straße nicht die schnellste Strecke, jedoch die bevorzugte Verbindung; sie führte durch ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet, gesichert von den Soldaten des Kaisers. Die Händler mussten keinen Zoll entrichten und reisten mit weniger Risiko, als auf dem direkten Weg, der als verbotene Straße bekannt war.

Der Job hier ist gut. Ich fahre den ganzen Tag Leute vom Hotel zur Messe und zurück Busfahrer (Volksfestplatz)

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Der Bus wurde gerade aus Tschechien gebracht und die Scheiben waren komplett voll mit Insekten. Der Job hier ist gut. Ich fahre den ganzen Tag Leute vom Hotel zur Messe und zurück. Der erste Tag ist zwar immer etwas stressig, da musst du Gas geben. Der Rest der Woche ist dann nur Hotel – Messe, Messe – Hotel. Ich liebe Chinesen. Sie gehen immer ins Restaurant – kein Essen oder Trinken im Bus – genauso wie ältere Deutsche.

46 46


Schlechte Laune hat bei einem Turnier einfach keinen Platz

VR-Start-up (Kongresshalle)

Wir sind ein Start-up aus Nürnberg und wollen Virtual Reality hier in der Umgebung für den kulturhistorischen Bereich einsatzfähig machen. Die Grundidee dazu entstand vor ungefähr eineinhalb Jahren, mit dem Ziel lokale, geschichtliche Führungen und Rundgänge anzureichern. Abstrakte Themen werden durch Visualisierung einfacher verständlich. Unser 3D-Modell haben wir größtenteils aus zwei Fotos des Architektur-Modells von damals und dem Grundriss nachgebaut. Die Drohnenaufnahmen dienen als zusätzliches Referenzmaterial. VR wird ein riesen Ding. In Verbindung mit Augmented Reality wird das unser Leben in zehn bis fünfzehn Jahren komplett verändern; davon bin ich fest überzeugt.

In zehn bis fünfzehn Jahren wird Augmented Reality unser Leben komplett verändern

Lateinamerikanische Tänzer (Clubheim des TSC Rot-Gold-Casino Nürnberg)

Wir haben uns beim Skifahren kennengelernt und festgestellt, dass wir im gleichen Verein tanzen. Seit gut einem Jahr trainieren wir jetzt zusammen. Schminken war für mich am Anfang ungewohnt. Mit den schwarzgefärbten, gegelten Haaren und brauner Farbe im Gesicht habe ich mich im Spiegel kaum wiedererkannt. Ich hab mich jedoch schnell daran gewöhnt und, wenn ich mittlerweile irgendwo Haarspray rieche oder diesen Geruch von Schminke, dann triggert mich das richtig: Zack, ich will jetzt tanzen.


monoton unterton

Konzertmeister (Nürnberger Symphoniker)

goldschnitt goldader

/

Ich stamme aus Russland, habe in Berlin studiert und bin zurzeit als Konzertmeister hier in Nürnberg. Ich habe auch schon in England, Belgien und China gespielt. Diesen Monat bin ich insgesamt in fünf Orchestern; man kommt viel herum. Nürnberg ist schon ziemlich entspannt. Die Leute hier sind irgendwie unkompliziert, freundlich und einfach echt. Und die Würste: Das war für mich eine tolle Überraschung. Die schmecken ganz anders, als man sich das vorstellt.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Historiker (Geschichtspark Bärnau-Tachov)

48 48

Viele Leute haben heute gar keine Ahnung mehr von Geschichte. Die schmeißen Dinosaurier, Römer und Ritter in einen Topf, denn das war ja alles früher. Wir haben viele Besucher, die freiwillig in kein Museum gehen würden. Die kommen her, weil man hier Geschichte richtig erleben und sich trotzdem darauf verlassen kann: Es ist nicht Stronghold oder Mittelaltermarkt, sondern wissenschaftlich korrekt. Experimentelle Archäologie ist ein anerkannter Zweig und versucht herauszufinden, wie die Menschen wirklich gelebt haben. Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Menschen, die Kettenhemd und Schwert als Arbeitskleidung von der Steuer absetzen können. Abgefahrene Sachen kriegt man natürlich auch mit: Es hat sich mal einer der Mittelalterdarsteller beim Holzhacken den Daumen abgehackt. Man hat dann natürlich sofort den Notarzt gerufen und konnte den Daumen glücklicherweise auch wieder annähen. So etwas hätte im Mittelalter nicht funktioniert. Da ist man schon froh, dass man heute lebt. Man tut immer so, als wäre das wahnsinnig weit weg; ist es ja gar nicht. Die Menschen wollten etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf, etwas zum Anziehen und ein soziales Netz, das ihnen Schutz gibt. Diese vier Hauptbedürfnisse haben wir heute im Grunde noch genauso. So ein edler Ritter, das war im Grunde ein Warlord, nur eben einer mit einem tollen Wappen und einem leuchtenden Helm, aber kennen möchte man so jemanden nicht.

Ich habe auch schon in England, Belgien und China gespielt


Grenzfahnder (Waldsassen)

Tourguide (Staroměstské náměstí)

Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf nahe Birmingham und hatte einen Job, der mich gelangweilt hat. Ich wollte einfach etwas Neues machen. Ursprünglich wollte ich nach Fernost, wie zum Beispiel Südkorea. Dort kann man als Englischlehrer gut Geld verdienen. Aber dann kam ich nach Prag, sah mich hier um und verliebte mich irgendwie in die Stadt. Ich habe hier auch meine Freundin kennengelernt. Sie ist aus Mexiko und arbeitet für eines der anderen Tourguide-Unternehmen. Vor allem im Sommer, wenn ich weniger Studenten in meinen Englischkursen habe, ist es eine gute Nebenbeschäftigung. Ich liebe es, draußen unterwegs zu sein und immer wieder neue Leute kennenzulernen. In Paris zu leben, hätte ich mir auch super vorstellen können, aber die Lebenshaltungskosten sind dort einfach zu hoch. Das ist in Prag viel besser und die Leute hier sind auch einfach entspannter. Viele Leute sagen über die Tschechen, denen ist alles egal. Prag ist eine offene und freie Stadt. Nicht, weil hier alle so liberal sind, sondern weil es einfach keinen interessiert. Du kannst machen, was immer du willst, solange du mir damit nicht auf die Nerven gehst.

Prag ist eine offene und freie Stadt

Ich war bis vor zwei Jahren bei der Polizei in der Fahndungsgruppe Waldsassen an der Grenze zur Tschechei. Als ich 1981 hier angefangen hatte, waren wir vor allem da, wenn von drüben jemand rüberkommen wollte. Das war damals Kalter Krieg. Da waren sehr linientreue Tschechen hier an der Grenze; das waren 100-Prozentige und die hätten dich für zwei Wochen Urlaub abgeschossen. Das war hart. Ich war selber dabei, als damals ein Oberleutnant am Tillenberg – da war ihre Radarstation – aus der Tschechei abgehauen ist. Die Amerikaner hatten großes Interesse an denen. So ein Oberleutnant hatte ja das ganze Wissen über Geheimtechnik und Verschlüsselungen. Wir haben dem damals geholfen und nach Waldsassen auf die Wache gefahren, allerdings über einen langen Umweg. Die direkte Straße wäre einmal bis an die Grenze gegangen. Da hätten sich im Winter nur drei tschechische Soldaten in den Schnee legen müssen und hätten mit den Kalaschnikows auf das Auto losgeknallt – wir hätten keine Chance gehabt. In der Tschechei wurden an der Grenze zum Teil die Wegweiser absichtlich falsch beschriftet. In Ortschaften, die vielleicht noch zwei Kilometer weg waren, hat man dann geschrieben: Halt Stopp, bis zur Landesgrenze noch zehn Kilometer. Dann haben sich die, die flüchten wollten, noch verhältnismäßig sicher gefühlt und sind volle Kanne in die Sicherungsanlagen rein. Da waren überall Stolperdrähte und wenn man da drangekommen ist, sind gleich die Leuchtzeichen hochgegangen. Ich wollte damals nichts mit den Tschechen zu tun haben und auch nicht nach der Grenzöffnung. Bei einem Fußball-Freundschaftsspiel zwischen Deutschen und Tschechen, haben die in der Umkleidekabine einem Polizeikollegen von uns in die Turnschuhe reingeschissen. Es war ein sehr angespanntes Verhältnis, auch nach der Öffnung. Heute ist vor allem Rauschgiftschmuggel ein großes Problem. Wenn bei einer Rauschgiftfahndung der Wischtest positiv war und dann der Verdacht bestand, dass Körperschmuggel vorliegt, sind wir mit denen zum Internisten. Abgepackt in kleine Plastikbeutel oder in die Hüllen von Überraschungseiern haben die das geschluckt oder sich das im Darm oder bei Frauen auch vaginal reingesteckt. Und das war das Gefährliche, weil die Magensäure die Verpackung angreift. Wenn das Ding mit dem Crystal Meth im Magen oder Darm aufgeht, dann bist du ruck, zuck fertig, dann bist du tot. Wenn das auf einmal ins Blut kommt, schießt das ins Hirn und brennt es raus, als ob die Schädeldecke abhebt.


monoton unterton goldschnitt goldader

/

Alle Passagen in Prag sind ruhig, das Leben ist irgendwie langsamer dort

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Balletttänzer (Nová Scéna)

50 50

Ich habe erst mit 20 angefangen zu tanzen und es trotzdem in das Nationaltheater-Ballett geschaff t. Mittlerweile mache ich auch für verschiedene Stücke die Choreografie. Ich liebe einfach das kreative Arbeiten hier. Laterna Magika war das erste Multimedia-Theater der Welt und es ist faszinierend, wenn man weiß, wie viele Personen mitwirken. Du brauchst Leute, die die Animation machen, Leute für die Musik und welche für das Licht-Design. Du brauchst die Choreografie und die Tänzer, das Kostümdesign, das Set-Design und viele Techniker. Und alle müssen am Ende perfekt zusammenspielen. Es gibt viele lustige Momente, viele Fehler und viele Missverständnisse. Wir hatten mal eine Tour in China. Als wir am Flughafen ankamen, waren wir ein Jahr zu früh dort. Die Tour war für Juni 2017 geplant, wir waren schon 2016 dort. So große Produktionen muss man lange im Voraus planen und so was passiert eben, wenn viele Dinge gleichzeitig organisiert werden. Ein Techniker stand während der Generalprobe auf der Bühne, um die ganzen Lichter noch einmal zu überprüfen. Er ging einen Schritt zurück und noch einen und noch einen und plötzlich ist er in den Orchestergraben gefallen. Zum Glück war er auf keinem Musiker gelandet und hatte sich auch selber nicht verletzt. Es sah wirklich gefährlich aus, am Ende war es auch irgendwie lustig. Es gibt auch eine Vorführung aktuell im Nationaltheater mit einem Pony. Dieses Pony hat in einer Vorführung plötzlich einen Haufen Äpfel hinterlassen. Mein größtes Problem aktuell ist Zeit. Ich bin parallel in fünf Produktionen beschäftigt und wünschte manchmal, der Tag hätte einfach mehr Stunden. Ich bin eindeutig ein Workaholic. Sollte es jemals den Moment geben, in dem ich meine Arbeit nicht mehr so liebe wie jetzt, müsste ich sofort aufhören.

Wechselstuben Besitzer (Arcade U Stýblů)

Den Job hier mach ich seit 30 Jahren. Ursprünglich bin ich nach Prag gekommen, um Medizin zu studieren, doch das war sehr schwierig und so musste ich meine Pläne ändern und habe eine Wechselstube eröff net. Ich habe mein Büro hier direkt neben dem Wenzelsplatz in einer ruhigen Passage. Alle Passagen in Prag sind ruhig, das Leben ist irgendwie langsamer dort. Der größte Betrag, den ich gewechselt habe, waren 50 000 Euro. Ich glaube, manche Menschen fühlen sich einfach besser, wenn sie keinem Roboter gegenüberstehen, sondern einem Menschen, der ihnen freundlich zulächelt.


Fotografi n (Havelské Tržiště Market)

Ich stamme aus der Slowakei und habe Fotografieren hier in Prag gelernt. Mein Chef war im Urlaub in Salzburg auf die Idee mit dem Studio hier gekommen. Er hatte dort ein Atelier gesehen, in dem man sich in alte Gewänder kleiden und fotografieren lassen konnte und sich gedacht: So etwas will ich auch. Für mich ist das hier wirklich ein Traumberuf. Ich treffe Leute aus der ganzen Welt und höre so viele verschiedene Geschichten. Das Fotoshooting hier ist einfach etwas Besonderes und eine lustige Erinnerung. Die meisten Leute kommen nach Prag, um vor allem Spaß zu haben. Es war mal eine Gruppe von sechs Italienern hier, von denen einer auf dem Foto unbedingt in diesem Auto für Babys sitzen wollte und ein Paar Damenkleider und Hüte anhatte.

Burgwache (Pražský Hrad)

Ich liebe den Ort, an dem wir dienen. Die Prager Burg ist ein Symbol der tschechischen Staatlichkeit, ein Ort, der mit der Geschichte unserer Nation verwoben ist. Deswegen kommen auch etwa sieben Millionen Besucher pro Jahr hierher. Wir schützen die Besucher der Burg, doch in den meisten Fällen schützen wir die Burg vor übermütigen Besuchern. Die Wachposten sind jeweils eine Stunde in der Wachkabine. Nach der ersten halben Stunde spürt man langsam Rücken und Beine und beginnt, sich ein wenig zu bewegen, aber so, dass es niemand sieht. Je mehr Leute herumlaufen und Bilder machen, desto schneller vergeht die Zeit. Oft glauben die Leute, der Soldat dürfe sich nicht in der Wachkabine bewegen; er darf nicht reden und vielleicht auch nicht blinzeln. Das stimmt so nicht ganz. Wenn er beleidigt, belästigt oder angegriffen wird, darf er sich natürlich verteidigen und, wenn der Angriff fortgesetzt wird, darf er auch zu einem Schlag mit seiner Waffe oder dem Bajonett greifen.

Ein Soldat der Burgwache muss zwischen 178 und 188 Zentimeter groß sein

Barkeeper (Václavské Náměstí)

Bevor ich hier angefangen habe, war ich drei Jahre lang hinter der Bar im Prager Fernsehturm beschäftigt. Dort habe ich auch viel über neue Technologien und Trends gelernt. Wir sind hier mitten in Prag und da ist die Show und das Erlebnis ein ganz wichtiger Teil. Bei uns kommt auch Trockeneis oder Smoking Gun zum Einsatz. Für die Leute sieht es sehr cool aus, wenn der Cocktail raucht und du kannst gleichzeitig verschiedene Aromen riechen und schmecken. Das ist eine ganz neue Erfahrung. Ich liebe es, Cocktails in eine ganz neue Form und Konsistenz zu bringen, zum Beispiel diese Kaviar-Bälle – außen eine Hülle aus Agar und Gellan und innen ein flüssiger Cocktail aus Rum und Litschi. Die Gummibärchen hier sind eigentlich auch nur Alkohol. Hier geht es nicht, wie in Clubs, darum, einen Shot nach dem anderen zu trinken, um möglichst schnell betrunken zu werden. Es geht um das Erlebnis der verschiedenen Aromen, in einer Art und Form, wie du es wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen hast.


52

autor Steven Lauenroth    bild Steven Lauenroth, Moritz Schinn, Rasmus Walter feinunze

/

polyton


fein

unze


54

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt feinunze / / monoton polyton


Eifrig, fleißig, ruhlos lebt / Wer nach hohen Zielen strebt / Vor vielen Hindernissen / Steht die Gier nach Wissen / Der Arbeit hartes Stück / Am Ende steht das Glück


goldschnitt feinunze / / monoton polyton

Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut. Es wird gelacht, geredet und Erfahrungen werden ausgetauscht. Wir, Moritz, Rasmus und

Steven, sitzen mit einigen Studenten der Rajagiri School of Engineering and Technology (RSET) auf dem paradiesischen Campus in Kochi. Die Gruppe, die uns hier empfängt, war vor Kurzem zu Gast bei uns an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) in Amberg. Die 16-tägige Recherchereise für Schmitz Gold hat uns auch zu zwei unserer Partnerhochschulen in Indien geführt: dem RSET und dem Malaviya National Institute of Technology (MNIT) in Jaipur. Jyotirmay Mathur, Dekan des International Office am MNIT in Jaipur, lehrt in Indien und Deutschland. Seine Einschätzung: «Deutsche Studenten haben ein höheres Maß an Selbstständigkeit und Selbstdisziplin». Bei uns in Deutschland ist es normal, nach dem Schulabschluss erst mal eine längere Zeit im Ausland zu verbringen, auszuziehen, zu arbeiten oder direkt mit dem Studium zu beginnen. In Indien bleibe jedem Schüler, der etwas erreichen möchte, nur eine Wahl: das Studium. Work and Travel oder Auslandsaufenthalte seien zu teuer, von zu Hause ausziehen nicht möglich und ein Jahr Pause werde nicht gerne gesehen, erklärt der Dekan.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Wir und viele unserer Kommilitonen sind älter, arbeiten bereits vor dem Studium oder leben in einer eigenen Wohnung.

56 56

Für Jyotirmay ist das auch der Grund, weshalb sich viele deutsche Studenten oft reifer verhalten. Die indischen Studenten wohnen auf dem Campus inklusive Vollpension: mit Frühstück, Mittagund Abendessen in der Cafeteria; allerdings ist ihr Studentenleben durch Ausgangssperren und Alkoholverbote stark reglementiert.

Gute Bildung ist noch immer kein Standard; sie ist ein Privileg


Das Studium ist eine der wenigen Möglichkeiten für Inder, einen guten Job zu fi nden. Bildung ist noch

immer kein Standard; sie ist ein Privileg. Das Studium ist kostenpflichtig: 52 000 bis 82 000 Rupien, umgerechnet 650 bis 1050 Euro pro Semester. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 20 000 Rupien, also 250 Euro pro Monat, können sich das nur wenige Familien leisten. Genau wie in Deutschland vergibt der indische Staat Förderprogramme und Stipendien. Nur wenige, häufig nur die besten Schüler werden gefördert, klärt uns Jyotirmay auf. Dadurch laste auf jedem Schüler ein enorm hoher Druck. «Es ist kein Privileg für mich; mein Vater verdient gut und es war von Anfang an klar, dass ich studieren werde», sagt Ankita Gaur. Sie ist Masterstudentin am MNIT im Fach Erneuerbare Energien. Ihr Vater hat einen Doktortitel und ihre Mutter einen Bachelor of Arts. Beide verdienen gut und unterstützen sie finanziell. Ankita erzählt uns von ihrem Studentenleben:

Frauen und Männer sind in Indien heute gleichgestellt «Indien hat sich verändert: Gute Bildung ist mittlerweile auch für eine Frau normal. Früher befürchteten Männer noch, gebildete Frauen seien zu dominant und kümmern sich nicht genug um Haus und Kinder, während der Mann arbeitet.» Ankita hat vor einer solchen Mentalität keine Angst mehr. Frauen und Männer in Indien sind heute gleichgestellt. Per Gesetz müssen Frauen und Männer in der gleichen Position dasselbe Gehalt verdienen. Junge Frauen seien jedoch während des Studiums eingeschränkt, wegen der strengen Auflagen des Wohnheims, betont sie.


goldschnitt feinunze / / monoton polyton autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Was in einem Brandfall passieren würde, konnte uns niemand sagen Ab 20 Uhr werden die Türen des Wohnheims abgesperrt; spätestens dann muss sich jede Studentin in ihrer Wohnanlage aufhalten. «Wenn man zu viele Freiheiten hat, dann passiert auch zu viel», meint Ankita. Sie findet die strikte Regelung sinnvoll. Eltern geben ihre Kinder in die Obhut der Hochschule und erwarten eine gewisse Sicherheit, besonders für ihre Töchter. Fragt man jedoch in die Runde, so ist der Großteil der Studentinnen gegen diese Regel. Es sei unfair, hören

wir immer wieder. Jungs genießen deutlich lockerere Sperrzeiten; in seltenen Fällen gibt es keine oder die Zimmer werden nicht so streng kontrolliert. 58 58

Der Campus sei ja verriegelt und sicher, betonen viele Studentinnen. Warum sie das Wohnheim nach Beginn der Sperrzeit nicht mehr verlassen dürfen, verstehen sie nicht. Wenigstens das Campusgelände sollte während der Sperrzeit zugänglich sein. Besonders private Universitäten handhaben die Sperrzeit rigoros. Der Vergleich zwischen der staatlichen Hochschule MNIT und dem privaten RSET zeigt das deutlich. Das RSET ist eine private Universität und EliteHochschule. Die von Nonnen geleiteten Mädchen-Wohnheime werden um 18 Uhr von außen mit Ketten verriegelt. Was in einem Brandfall passieren würde, konnte uns niemand sagen. Abgesehen davon sind die Wohnheime sowohl nach Geschlecht, als auch nach In- und Auslandsstudenten getrennt. Das empfinden Studenten beider Hochschulen gleichermaßen als positiv. Frauen möchten keine Männer in ihrem Wohnheim und auch die Männer möchten keinen Frauenbesuch. Getrennte Wohnheime für Männer und Frauen und Ausgangssperren sind für uns in Deutschland befremdlich. Deutschland, 7.30 Uhr: Der Wecker klingelt. Als Student

besucht man für gewöhnlich ab acht Uhr die Vorlesungen. Prüfungen finden dann zum Ende des Semesters statt; wie viele man hier mitschreibt, bleibt jedem selbst überlassen. Als deutscher Student genießt man relativ viele Freiheiten. Präsenzpflicht besteht nur für wenige Vorlesungen. Für viele ist Studieren mehr Selbstfindungsphase als Zukunftsplanung, eher Lifestyle als Lernen.


Hier unterscheidet sich die Situation in beiden Ländern. Von den Studierenden in Indien

erfahren wir von der Anwesenheitspflicht an jeder indischen Hochschule. Studenten sind dazu verpflichtet, mindestens 75 Prozent aller Vorlesungen zu besuchen: «Hier in Indien gibt es häufig Studenten, die nur aufgrund der Anwesenheitspflicht in der Vorlesung sitzen. In Deutschland habe ich das so nicht erlebt; die anwesenden Studenten waren stets bemüht», so Jyotirmay. Auf uns wirken die indischen Studenten jedoch weitaus engagierter und interessierter, als beschrieben. Für sie steht viel auf dem Spiel; sie sind froh, studieren zu dürfen. Ein erstklassiger Abschluss verbessert die Aussicht auf einen gut bezahlten Job. Kochi, 37 Grad – die Sonne steht senkrecht am Himmel. Die Stadt voll Palmen; der Strand nur

knapp zehn Minuten entfernt. Alles wirkt paradiesisch – jedoch mit flirrender Hitze und nur schwer erträglicher Luftfeuchtigkeit. Lernen – Fehlanzeige, berichten uns Neha Devadas und Anushreya Preshob am RSET. Eine Woche zuvor waren sie noch an der OTH in Amberg im Rahmen eines Austauschprogramms. Sie kennen beide Seiten und helfen uns ihre Sicht zu verstehen.

Frauen möchten keine Männer in ihrem Wohnheim und auch die Männer möchten keinen Frauenbesuch


goldschnitt feinunze / / monoton polyton

Die Studenten am RSET waren sich einig: Uniformen seien eine gute Sache Eine große Herausforderung ist die Hitze. Neha erklärt uns, ihr falle es oft sehr schwer, sich zu konzentrieren. Wohnheime und Vorlesungssäle haben keine Klimaanlage. Viele Menschen in einem Raum machen das noch unerträglicher. «Es ist immer schön, wenn du in ein Labor musst. Jedes Labor ist wegen der Computer und Maschinen klimatisiert», erläutert sie. Für uns ist ein solches Klima undenkbar. Zu diesem Zeitpunkt ist in Indien Frühling – im Sommer herrschen Temperaturen über 40 Grad.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

«Bei uns ist Essen und Trinken in der Vorlesung strikt verboten», klagt Anushreya.

60 60

«Ich besuchte die erste Vorlesung in Deutschland und war vollkommen erstaunt, als ein Student neben mir während der Vorlesung angefangen hat zu essen.» In den Vorlesungen möchte Neha wenigstens trinken dürfen. So könnte man sich trotz des Klimas besser konzentrieren. «Wenn du auf die Toilette musst oder den Raum verlassen willst, brauchst du eine Erlaubnis. Wenn du sie nicht bekommst, darfst du erst in der Pause auf die Toilette gehen», erklärt sie uns. Für uns unvorstellbar. Es sei neu für sie gewesen, während der Vorlesung einfach aufzustehen und den Raum zu verlassen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Sie fühle sich dabei wie ein Rebell. «Der größte Unterschied für mich waren die Smartphones», berichtet Neha. Auch hier sind indische Hochschulen um einiges strikter: Studenten in Indien dürfen Smartphones während der Vorlesung nicht benutzen; falls ein Telefon klingelt, sei es eine Katastrophe. «Ich war erstaunt, wie viele der Studenten durchgehend an ihrem Smartphone waren. Ich glaube, ich könnte mich so nicht richtig konzentrieren.»

Einer der für uns wohl größten Unterschiede waren die Uniformen. Nicht an

jeder Hochschule in Indien herrscht Uniformpflicht. Gerade Studenten an einer privaten oder Elite-Hochschule tragen einheitliche Kleidung. Sie sollen sich so von Studenten anderer Hochschulen abheben. Die Studenten am RSET waren sich einig: Eine Uniform sei eine gute Sache. Man müsse nicht überlegen, was man anziehe und keiner werde wegen seiner Kleidung diskriminiert.


In Deutschland gehört ein Bier schon fast zum Lifestyle eines Studenten. Alkoholkonsum

an einem indischen Campus ist strengstens verboten. Nur wenige der indischen Studenten haben je Alkohol getrunken oder probiert. Die Studenten, die an der Hochschule in Amberg waren, haben bei einem Bockbierfest in Ensdorf ihr erstes Bier probiert. Alkohol bleibe weiterhin irrelevant und regelmäßiger Konsum sei unvorstellbar, sagen sie. Trotz allem trinken auch in Indien Studenten Bier und Schnaps auf dem Campus, meistens Männer; Wohnheime für männliche Studenten werden weniger strikt geführt. Wie wir erfahren und erlebt haben, bestätigt sich Jyotirmays Aussage nicht, deutsche Studenten hätten ein höheres Maß an Selbstständigkeit und Selbstdisziplin.

Ein Paradies mit flirrender Hitze und nur schwer erträglicher Luftfeuchtigkeit


beton Die Flucht ist geplant. Acht Jahre hat er darauf gewartet. Das Gesicht des Riesen schimmert im gleißenden Licht. Adrenalin schießt durch die Adern; es ist nicht das erste Mal. Jeden Morgen fangen die Häuser an zu wackeln; im kalten Fluss durchsieben sie das Gestein. Er würde sich nicht darauf verlassen. Ohne zu warten läuft er in eine Richtung los. Sein Ziel verpackt im Umschlag. Leidenschaft macht den Unterschied. Er glaubt an sein Werk: Er ist ihr Goldjunge.

62


64

Polierte Platte, die

66

Arbitrage, die

68

Bullion, das

70

Rotgold, das

74

Agio, das

76

Blattgold, das

80

Spezielle Sammlerfertigung mit gereinigtem Stempel und poliertem Schrötling

Nutzen von Preisunterschieden für bestimmte Edelmetallprodukte an verschiedenen Märkten

Physisches Edelmetall, häufig Goldbarren, im weiteren Sinn auch Barren aus anderen Edelmetallen

Rötliches Gold; die Färbung entsteht durch Hinzufügen einer speziellen Kupfermischung

Unterschied zwischen dem tatsächlichen Goldpreis und dem Marktpreis einer Edelmetallmünze

Zu einer sehr feinen Folie gehämmertes oder gezogenes Gold; wird zum Vergolden verwendet

Mikron, das Stärke einer Metallschicht (zum Beispiel Goldschicht) in tausendstel Millimeter

102

Nennwert, der

104

Punze, die

108

Erstabschlag, der

Aufgeprägter Wert einer Münze in Landeswährung; Wert neben dem reinen Metallwert

Gestanztes Zeichen zur Angabe des Edelmetallgehalts

Erste Prägung von Münzen mit einem gereinigten Stempels, häufig für Münzkabinett und Sammlung

114

Grain, der

120

Rallye, die

Alte Gewichtseinheit für Gold, vor allem bei Nuggets verwendet; entspricht 0,0648 Gramm

Signifi kante und schnelle Aufwärtsbewegung beim Kurswert eines Edelmetalls

63


Wer Schönheit in den Menschen sät / Muss im Krieg wohl fasten / Zuversicht ausstrahlen, rasten / Schönheit weckt Begehrlichkeit / Fühlt sich noch nicht erntereif / Versteckt sich hinter Masken


polierte platte Andächtig, seelenruhig im Lotussitz meditiert im Wat Traimit der goldene Riese – das Sinnbild für verborgene Schätze.

autor Anna Sturm illustration Vera Kaltenecker

Jeder Tempel in Bangkok hat eine Geschichte, doch die wohl kurioseste und sagenumwobendste Legende erzählt man sich über den goldenen Buddha im Wat Traimit. Denn wie wertvoll die drei Meter hohe Buddha-Statue ist, kam vor knapp 60 Jahren durch ein Malheur zum Vorschein. Fakten kann jeder nachlesen. Spannender jedoch ist es, sich mit der von den Thailändern erzählten Legende zu befassen. Viele Male musste die Riesenstatue umziehen, zuletzt wegen Modernisierungsarbeiten. Mit schwerem Baugerät versuchen die Bauarbeiter einen Platz für den Buddha zu finden, damit er die Bauarbeiten nicht behindert. Als heftiger Regen aufkommt, entgleitet die fast sechs Tonnen schwere Statue dem Kran und bleibt erstmal im Regen liegen. Von Unruhe geplagt, macht sich ein Mönch in der regnerischen Nacht auf den Weg zum Buddha. Mit seiner Taschenlampe untersucht er, ob der Riese beschädigt ist. Als es blitzt, möchte er seinen Augen kaum trauen: das Gesicht des Riesen schimmert im gleißenden Licht. Überrascht streicht er dem Buddha über das Gesicht und bemerkt, wie sich die braune Ummantelung löst: Zum Vorschein kommt pures Gold.

Der wahre Schatz liegt verborgen in uns

Vier Prozent Gold im Sockel und bis zu 80 Prozent Gold im Körper. Der 45 Kilo schwere Kopf soll aus purem Gold bestehen. Warum wusste niemand von diesem Schatz? Drehen wir die Zeit um 600 Jahre zurück: Thailand führt Krieg gegen Burma. Als die thailändische Armee sich ihrer bevorstehenden Niederlage bewusst wird, versucht sie, die großen Schätze zu sichern und den wahren Wert zu verbergen. Sie umhüllen den Goldriesen mit einer Schicht aus Lehm. Der Schatz bleibt unberührt; alle Soldaten, die in die Verschleierungsaktion eingeweiht sind, fallen im Krieg. Niemand sonst weiß, welcher Wert sich unter dem braunen Riesen verbirgt. Der wahre Schatz liegt verborgen in uns. Die Legende hat etwas Verklärtes; zugleich zeigt sie auf, was wir in jeder Religion wiederfinden: Wahre Schönheit liegt oft verborgen im Inneren.

65


Die Linie steigt, die Linie fällt / Ein Rohstoff für die Industrie / Risiko und Spannungsfeld / Financial Hedging oder Physical / Glänzend schön, mit sagenhaften / Chemisch einmaligen Eigenschaften


autor Daniel Kann illustration Elisabeth Iglhaut

arbitrage

Gold ist hoch leitfähig, korrosionsbeständig und vor allem eines: selten und teuer. Geschätzt gibt es auf der Erde nur rund 187  000 Tonnen des glänzenden Edelmetalls. Gösse man alles in einen riesigen Würfel, hätte er gerade einmal eine Kantenlänge von 21 Metern. In der Industrie wird es verwendet, um Kontakte zu vergolden. Ein vergoldeter Kontakt hält doppelt so lang wie ein nicht vergoldeter.

Gehandelt werden Gold und NF-Metalle an der Börse. Die so entstehende starke Vitalität im Preis bringt den Einkauf in ein Spannungsfeld. «Wir müssen Produkte zu einem festen Preis verkaufen, aber wissen nicht genau, was unser Einkaufspreis ist», so Andreas. Er beschaff t und sichert Preise von NF- und Edelmetallen im zentralen Einkauf eines der größten deutschen Dax-Unternehmen. NF bedeutet Non-Ferris, also NichtEisen-Metalle: Kupfer, Aluminium, Zinn, Zink, Nickel, Blei und Gold. «Um dieses Spannungsfeld abzudecken, kommt das Thema Hedging ins Spiel.» Hedging ist einfach ausgedrückt der Versuch den schwankenden Einkaufspreis in einen Festpreis zu wandeln. Dazu werden sogenannte Derivate eingesetzt; ein Waren-Termin-Geschäft, bei dem heute ein fester Preis für einen Termin in der Zukunft gesichert wird. Das Grundproblem ist der sehr lange Zeithorizont im Projektgeschäft; zwischen Auftrag und Produktion liegen häufig mehrere Monate. Andreas erklärt: «Angenommen, wir haben im August einen Auftrag für neue Züge und müssen einen Preis nennen. Wir wissen, wie viele Züge bis wann gefertigen werden. Allerdings wissen wir noch nicht, welches Kabel von welchem Lieferanten verbaut wird und wie die Materialkosten sind, wenn wir die Rohstoffe zum Beispiel im Januar beziehen. Das Risiko zwischen August und Januar gleichen wir durch Financial Hedging mit Derivaten aus.»

Wir handeln jährlich mit einem Betrag zwischen 80 und 90 Millionen Euro Das Beispiel weiter gedacht: Der Lieferant kauft im Januar Metall zum aktuellen Marktpreis. Das Unternehmen wiederum bezahlt dem Lieferanten ebenfalls den Marktpreis. Das Derivat, das im August gekauft wurde und nun im Januar fällig wird, gleicht die Differenz des Marktpreises von August und Januar aus. Wenn der Preis bis Januar gestiegen ist, schreibt die Bank dem Unternehmen die Differenz gut, ist der Preis gefallen, muss der Konzern nachzahlen. Das Risiko gleicht sich aus und in beiden Fällen wird der Rohmetallpreis vom August gezahlt. Ganz so einfach ist Hedging in der Realität dann doch nicht. Wann sind die Preise günstig, wann teuer? Steigt der Preis morgen oder wird er fallen? Zinsentwicklung, Währungsschwankungen, ein starker oder schwacher Dollar und saisonale Einflüsse – all das wirkt sich aus auf den Goldpreis. Der Beruf des Einkäufers besteht vor allem darin, den Markt zu analysieren, Prognosen zu erstellen und so das Risiko zu minimieren. «Wir handeln jährlich mit einem Betrag zwischen 80 und 90 Millionen Euro», so Andreas. «Am Anfang ist das schon sehr spannend und es ist natürlich auch eine gewisse Verantwortung. Doch ich mache das jetzt mittlerweile seit acht Jahren und mit der Zeit gewöhnt man sich daran.» 67


Verfrachtet, verachtet, vergessen / Theorien unsagbar vermessen / Der edle Guss / Das weiche Metall / Ein kostbarer Block / Zu Hause im Stall

68


autor Philipp Ries illustration Vera Kaltenecker

bullion

Heute wohne ich zurückgezogen in Frankfurt am Main. Dabei verbrachte ich mein ganzes Leben auf Reisen – unfreiwillig. Man betrachtete mich immer  als etwas Besonderes, etwas Wertvolles. Vielleicht verlief mein Leben deswegen so turbulent.

Nur zur Sicherheit, versprach man mir. Vom Wirtschaftswunder und dem ersten Sieg einer deutschen Mannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft erfuhr ich erst Jahre später; über sechzig Jahre später, um genau zu sein.

1817 gründete Percival Johnson eine kleine Firma in London. Die Johnson & Matthey Company Limited. Edelmetalle waren sein Steckenpferd und Alltag. Platin, Iridium, Gold – nur das Feinste ging täglich über seine Ladentheke. Seine Expertise wusste alsbald auch die Bank of England zu schätzen; fortan arbeitete er nur noch für sie. 71 Jahre nach Percivals Tod wurde ich in seiner Firma gezeugt. 1937 erblickte ich das Licht der Welt. Stattliche 12,6 Kilogramm brachte ich auf die Waage. Meine Eltern nannten mich nur 6185. Heute würde ich sie als kühl oder distanziert beschreiben. Insgeheim wusste ich schon damals: Ich war ihr Goldjunge.

Geheimtransporte, Verhandlungen da rüber, wo ich hingehöre, gar wem ich gehöre, bestimmen mein Dasein. Scheinbar bin ich im wahren Sinne des Wortes wertvoll, etwas Kostbares. Die Entscheidung liegt eben nicht in meinen Händen. Obwohl sich Mythen, ja Verschwörungstheorien um mich ranken, schien ich lange Zeit vergessen – zurückgelassen. Böse Zungen behaupten, ich sei auf dem Mond gewesen. Sei nicht, wer ich vorgebe zu sein. Kontrolliere die Wirtschaft. Manche verleumdeten schlicht meine Existenz – bis zum Jahr 2017.

Mit nur acht Jahren verließ ich meine Heimat London; angeblich war ich nicht mehr sicher in der Stadt. 1945 trat ich so meine große Reise an. Man hielt es für das Beste, mich nach Schweden zu schicken. Dort sollte ich sicher sein. Man werde sich gut um mich kümmern. Einen Großteil meiner Jugend verbrachte ich mit dem Decknamen Nummer 98 im kalten Skandinavien.

Meine Eltern nannten mich nur 6185

Noch vor meinem 18.  G eburtstag musste ich Schweden wieder verlassen. Eilig bereitete man meine Flucht vor. Nur Erinnerungsfetzen bleiben: ein stockfinsteres Zugabteil, eine gefühlte Ewigkeit ausharren – eingepfercht. Bei meiner Ankunft sprach niemand mit mir. Ich wurde in ein steriles Labor verfrachtet. Degussa las ich auf einem Kittel. Ich hörte nur: Feinheit, 996,1; Nummer 2110 ist bereit zur Verwahrung. Ich fand mich wieder in einem Raum, durchflutet von kaltem, weißem Licht. Jeden Tag hörte ich das Klicken schwerer Metallbolzen. Mein einziger Kontakt zur Außenwelt bestand aus der täglichen Kontrolle.

Mit 80 Jahren, nach jahrzehntelanger Sicherheitsverwahrung, durfte ich Zeugnis ablegen über mein Dasein. Hier zu sein. Echt zu sein. Kostbar zu sein: Ich wiege 12,6 Kilogramm. Derzeit weile ich in Frankfurt am Main, zusammen mit über 50 Tonnen meiner Art. Aktuell bin ich etwa 450  0 00 Euro wert. Ich bin wertvoller Bestandteil der deutschen Goldreserve. Ich bin Inventarnummer 3.

69


Gekommen zu errichten / Was Titeln nicht bedarf / Ein Land, befreit von Zäunen / Beraubt von unsren Träumen / Im Schutz von Nacht und Bäumen / Verließen wir den Staat


rotgold


autor Anna Sturm illustration Vera Kaltenecker

«Meine Frau trug ein edles Kleid aus dem Westen, das sie von einem Cousin bekam. Vermutlich wurden wir deshalb im ungarischen Restaurant hofiert wie die Könige. Erst als wir den Gutschein vorlegten, der uns als DDR-Bürger auswies, wurden uns die Tischdecke, das Gedeck und die üppige Speisekarte weggenommen, sogar die Kerzen wurden ausgeblasen. Die 30 Ostmark, die wir hätten wechseln dürfen, hätten auch niemals für zwei Butterbrote gereicht. Wir wurden behandelt wie Dreck. War es das, wofür wir arbeiteten und lebten?»

Für Gerd (Name geändert) war der Weg auf der Karriereleiter in der ehemaligen DDR ein leichter. Als wissbegieriger, junger Mann erhielt er großartige Jobangebote und ebenso politische Auszeichnungen. «Mit Auszeichnungen waren sie großzügig.» Verdienter Neuerer, das war der Titel, dem man ihm nach einigen Verbesserungsvorschlägen verlieh. Kurze Zeit später, mit 22 Jahren, erhielt er die Alfred-Becker-Medaille – als jüngster Direktor einer Betriebsberufsschule mit über 600 Lehrlingen wählte ihn die FDJ in die Bezirksleitung. «Ich wurde in der Nachkriegszeit geboren; diese Generation sah sogar im Aufbau des Sozialismus etwas Positives. Man hatte die Idee, als junger Mann, sich weiterentwickeln zu können». Doch all das Vorankommen im Beruf war zwangsläufig auch mit politischem Aufstieg verbunden. Das bemerkte Gerd jedoch erst später. Es war die Politisierung, die Erfolg im Beruf nach sich zog. Gerd sehnte sich schon in frühen Jahren nach mehr. Er kündigt und will ein Jobangebot als

Du wirst als staatlicher Leiter zum Prügelknaben technischer Direktor eines Chemiebetriebs annehmen. Doch so einfach ist das nicht, die Parteileitung zwingt ihn, die Kündigung zurückzuziehen; Gerd weigert sich. Die SED verhängt eine Parteistrafe. Als dramatische Zeit beschreibt er die Tage, in denen nach seiner Kündigung, verschiedene Kontrollen 72

von Parteivorsitzenden wegen des eingeleiteten Parteiverfahrens folgen. «Ich fuhr nach Leipzig mit der Ungewissheit, ob ich meinen Job jemals antreten darf.» Er darf. «Lokalpatriotismus siegte damals über Parteidisziplin». Viel später, als Betriebsdirektor, wird ihm der Widerspruch zwischen Realität und Propaganda in der DDR bewusst; zu Hause klagt die Familie. Seine Frau und die Tochter können damals erst nach Leipzig kommen, als sich ein passender Tauschkandidat für die Wohnung findet, einen Immobilienmarkt gibt es nicht. «Meine Tochter hatte einen Abschluss von 1,1 und durfte nicht studieren, weil sie Kind eines Angehörigen der Intelligenz war und nicht aus der Arbeiterklasse stammte.» «Du wirst als staatlicher Leiter zum Prügelknaben.» Es wird unterschieden zwischen einem Parteifunktionär und einem staatlichen Leiter. Die Politik ist verantwortlich für fehlende Ressourcen und Investitionen; der betriebliche Leiter wird dafür zur Rechenschaft gezogen. Jede Entscheidung muss die Parteileitung absegnen, doch Gerd trägt die Verantwortung; der Beruf wird zur Last. Die Nachricht, der Stacheldraht in Ungarn werde abgebaut, bringt ihn und seine Frau zum Nachdenken. «Unsere Wünsche waren ein Dach über dem Kopf und irgendein Job. Uns war klar, dass wir unsere Positionen nicht behalten konnten; nie wieder in eine Parteiversammlung zu müssen und ohne Zwang leben zu dürfen, waren es wert.»


Gerd wollte von seiner Funktion abberufen werden, was danach folgte, war ihm egal. Jeden Tag fehlten immer mehr Leute im Betrieb, sie fuhren nach Ungarn in den Urlaub und kamen nicht mehr wieder; die Stasi war im Betrieb fast täglich anzutreffen. «Wir fingen an, unseren Urlaub zu planen.» Im Trabi war das Notwendigste für den Urlaub verstaut. Bevorzugt Gegenstände, die zur Bezahlung der Unterkunft nötig waren: «unsere Sachleistungen», so Gerd.

Wir fingen an unseren Urlaub zu planen Ein Freund ihrer Tochter fährt sie an den Grenzort in Ungarn. «Ich habe so ein schlechtes Gefühl», sagt er immer wieder. Er schenkt ihnen 100 Westmark und will genau eine Stunde an der Grenze warten, damit er wisse, ob sie es geschaff t haben; andernfalls würde er in dieser Nacht nur Schüsse hören. In stockfinsterer Nacht stehen sie im Nirgendwo. Immer geradeaus, das ist die Richtung. Gerd und seine Frau suchen das Loch im Zaun eine ganze Nacht – vergebens. Stattdessen finden sie eine Waldhütte. Dort harren sie bis zum nächsten Tag aus. «Die Nacht war verstrichen und wir waren nicht frei.»

Minuten werden zu Stunden. In der Jagdhütte bleiben sie unentdeckt; dort warten sie bis zur Dämmerung des nächsten Tages. Dann laufen sie zügig, immer drei Schritte gebückt, lassen sich dann fallen und warten, wie Gerd es in der Kampfgruppe gelernt hatte. Nur geradeaus. Völlig demoralisiert und erschöpft springen sie über den Stacheldraht. Dass sie es wirklich geschaff t haben, stellen sie erst fest, als sie nach langem Weg auf dem Straßenschild Friedhofgasse lesen. «Mit euch habe ich nicht mehr gerechnet!», begrüßt sie der österreichische Taxifahrer, der ihnen eine Woche zuvor erklärt hatte, wo sie das Loch im Zaun finden. Er fährt sie für 100 Westmark – alles, was sie hatten – nach Wien zur deutschen Botschaft. Um 4.15 Uhr sind sie erfolgreich Gefl ohene; haben alles, was sie bisher hatten, aufgegeben, um alles, was sie sich je erträumten, zu erreichen. Seine Frau kauft sich vom ersten Geld eine Möhre und eine Banane. Heute lebt Gerd mit seiner Frau in Amberg. Sie sind beide Rentner und reisen viel. Seine Frau rechnet allerdings immer noch die Preise in Mark um. Was Wertschätzung heißt, haben sie auf dieser Reise des Lebens gelernt.

Ein lautes Motorengeräusch schreckt sie auf. Schüsse entfachen nackte Angst. Ist der Fluchtversuch aufgefallen? Sie sind sich nicht sicher: «Ist es eine Entenjagd am See oder Jagd auf Menschen an der Grenze?».

73


Seit die Menschheit Hypes verfolgt / Macht sie schon aus Scheiße Gold / Das Prinzip ist uns vertraut / Hat sich mit der Zeit bewährt / Erst heute wird ein Kunststück draus / Doch ins Gegenteil verkehrt

74


autor Steven Lauenroth illustration Vera Kaltenecker

«Es ist eine zynische Reaktion auf die Monetarisierung in der Kunstwelt» – Babis Panagiotidis alias Babis Cloud, Künstler aus Nürnberg, spricht über sein neuestes Werk: das vergoldete Endprodukt seines Verdauungsakts. Das Objekt ist aus der Idee entstanden, einem wertlosen Gegenstand einen virtuellen und materiellen Wert zu verleihen. «Ironie inklusive», erklärt Babis. Die Skulptur soll ein Unikat bleiben und ausgestellt werden. «Auch wenn ich Werke ohne Namen nicht mag, habe ich auf einen Titel verzichtet. Es ist einerseits ein sehr naturalistisches, andererseits auch ein ironisches Werk; beide unverkennbare Sichtweisen machen einen Namen überflüssig», erklärt er. Wie das Objekt auf andere wirkt, steht für ihn bei dieser Arbeit nicht im Vordergrund. Bekannt wurde der Künstler durch einen langwierigen Rechtsstreit. Mit 18  0 00 Computertasten, Kabel und Kunstharz schuf Babis Panagiotidis Hedon is (my) Trojaner, ein 2,40 Meter hohes und 2,90 Meter breites Pferd. Seine Interpretation des trojanischen Pferds lagerte bei einem Freund in der Garage, bis der Vermieter der Garage es zersägen und auf dem Wertstoff hof entsorgen ließ. Er klagte auf Schadensersatz und wurde mit 23  500 Euro entschädigt.

Der perfekte Haufen war nie dabei

agio

Der 53-Jährige hat Kommunikationsdesign studiert, ist Grafi ker, Veranstalter und DJ. Er selbst organisiert seit 1992 die von ihm ins Leben gerufenen Belly-Cloud-Partys und bespielt sie mit seiner eigenen Musik. «Echte Scheiße war das Ausgangsprodukt für die Form der Skulptur», schildert Babis. «Meine Ambition war es, eine passende Vorlage zu finden. Der erste Ansatz waren Hundehaufen. Auf dem Gehweg habe ich den Kot der Vierbeiner genauer betrachtet und gleichzeitig versucht, unauffällig auf den Unrat zu starren. Der perfekte Haufen war nie dabei. Größe, Form und Trockenheitsgrad haben einfach nicht zusammengepasst.» Der Künstler versuchte es selbst. Trockene Nahrung sei der Schlüssel für ein brauchbares Ergebnis. In einem Katzenklo ähnlichen Trockner hat er das von ihm selbst ausgeschiedene, getrocknete Resultat vorbereitet für den Guss. Eine Kunstgießerei hat mithilfe eines Gipsmodells reines Bronze in eine Silikonform gegossen. Das Vergolden war der letzte Schritt der Produktion. Die Herstellung kostete circa 400 Euro und dauerte ein Jahr. Das fertige goldene Exkrement ist 20 auf 20 auf 10 Zentimeter groß; der Preis steht noch nicht fest.

75


Goldenes Blatt zum Blättern gemacht / Edelmetall als Leichtgewicht / Wiegt wertig schwerer als gedacht / Reibt sich mit den Fingern nicht / Schmiegt an, wo Haptik regiert / Die Krone aus feinstem Papier

blattgold


D AN

E TH

AR C OS

ES O G

AN JE

D. P P. MV

,

TO


autor Moritz Schinn illustration Elisabeth Iglhaut

310 Gramm pro Quadratmeter. Eine Nuance in zwölf Farbtönen. Mit individueller Note: die perfekte Balance zwischen subtil und intensiv: Edelmetall zum Blättern.

Value ist eines von zwölf Papieren der Gold-Kollektion von Gmund. Das Feinstpapier wird zunächst in einer Basisfarbe hergestellt; anschließend wird eine filigrane Struktur auf das Papier geprägt. Auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar, wirkt diese Prägung außergewöhnlich. «Sie spiegelt die Struktur der Fingerspitzen wider. So erhält man einen extrem hohen, haptischen Wiedererkennungswert –  ein wahrer Fingerschmeichler», schwärmt Axel Schreiner, Global Sales Director von Gmund. Im dritten Arbeitsschritt wird Value mit exklusiv für Gmund entwickelten Metallicpigmenten beschichtet – jahrelanges Know-how, Forschung und Entwicklung vorausgesetzt. Dieser Dreiklang aus Basisfarbe, Prägung und Partikelapplikation macht Gmund Gold so einzigartig. Value ist damit ein Unikat –  so individuell, wie die elf weiteren Feinstpapiere der Kollektion.

Die Partikel stellt Gmund nicht selbst her; sie werden zugekauft. Die zwölf verschiedenen Goldfacetten setzen sich zusammen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Partikeltypen. Schreiner: «Wir entwickeln Verfahrensweisen, die die perfekte Harmonie dieser drei Komponenten erzeugen. Unsere Beschichtungstechnik ist geschützt. Selbst hier im Haus kennt nicht jeder die Rezeptur. Wahrscheinlich ist sie weltweit einzig in ihrer Art.» In der exklusiven Serie Gmund Gold bestimmt die Sorte die Grammatur. Das Papier wiegt zwischen 250 und 310 Gramm pro Quadratmeter. Auf Wunsch  – und ab einer gewissen Mindestbestellmenge  – fertigt die Büttenpapierfabrik das Feinstpapier mit individueller Grammatur an. «Wir machen ausschließlich das», betont Schreiner, «wovon wir überzeugt sind, dass es unseren Kunden auch nützt; Nutzen heißt hier einen Effekt zu erzielen. Durch unser Papier sollen sich die Produkte unserer Kunden abheben, am Markt differenzierbarer machen und sich so besser verkaufen.»


Gmund setzt Akzente. «Wenn Kunden unser Angebot kennen und die Möglichkeiten dahinter verstehen, sind sie durchaus interessiert, etwas Besonderes zu bekommen: kein MainstreamPapier. Daraus entstehen dann Produkte wie Gmund Gold. Wenn ein Kunde sich überlegt, mit Goldtönen zu arbeiten, soll er an Gmund Gold denken, so wie er bei Taschentuch an Tempo denkt –  eine Gattungsmarke», so Schreiner. Gmund ist spezialisiert auf Feinstpapier; dennoch stellt das Unternehmen große Mengen Papier her. Schreiner: «Wir sind keine Manufaktur mehr. Wir sind ein Industriebetrieb, der viele tausend Tonnen Papier im Jahr herstellt. Die Qualität bleibt trotzdem kompromisslos konstant auf höchstem Niveau und das ist in unserer Branche außergewöhnlich».

Selbst hier im Haus kennt nicht jeder die Rezeptur. Wahrscheinlich ist sie weltweit einzig in ihrer Art

Gmund Gold ist die konsequente Weiterentwicklung der Kollektion Treasury. Mit diesem Papier fertigte Gmund von 2012 bis 2016 die Kuverts für die Oscar-Verleihung. «Wir haben uns zwar nur ungern vom Namen Treasury verabschiedet», so Schreiner, «doch Gmund Gold steht für Goldtöne in der Papierproduktion.» Die Pigmente sind klarer, brillanter, mit verfeinerter Rezeptur gefertigt. «Man kann natürlich darauf hinweisen», bemerkt Schreiner schmunzelnd, «dass die Oscar-Verleihung 2017 in die Hose ging, als wir zum ersten Mal nicht mehr die Umschläge geliefert haben. Wir sind aber sehr froh, dass das bei uns immer reibungslos lief.»


Hammerharter Fall / Monotoner Schall / Schlag auf Schlag / Dick zu dünn / Der hohe Preis / Des Schlägers Schweiß


autor Florian Marx, Teresa Wienand illustration Vera Kaltenecker

mikron

Schwabach, ein kleines St채dtchen in Franken. Dass es weltbekannt ist, wissen nur die wenigsten. Es gilt als Stadt der Goldschl채ger. Hier wird seit 500 Jahren Blattgold hergestellt. Der Beruf des Blattgoldschl채gers ist schon seit 체ber 15 Jahren ausgestorben; Blattgold wird heute nur noch industriell produziert.


«Alte Schwabacher erzählen immer, dass morgens das Haus angefangen hat zu wackeln, wenn im Erdgeschoss ein Goldschläger seinem Gewerbe nachgegangen ist», erzählt Tobias Schmid, Leiter des Stadtmuseums. Schwabachs goldene Tradition ist an vielen Stellen noch zu sehen. Wer an einem sonnigen Tag durch die Altstadt schlendert, kann den Glanz der Jahrhunderte kaum übersehen: Sei es das Dach des Rathauses, ein riesiges Hühnerei in einer der Seitengassen, selbst ein tonnenschwerer Findling am Ufer des gleichnamigen Flusses – fast alles trägt ein goldenes Kleid. Vor nicht allzu langer Zeit weckten jeden Morgen über

82

hundert Goldschläger die Schwabacher mit dem monotonen Lärm ihrer Federhämmer. Heute stellen gerade einmal noch vier Goldschlägereien Blattgold her; den Beruf des Goldschlägers gibt es seit 2002 nicht mehr. Einfache, modernere Herstellungsverfahren und die Konkurrenz aus Asien verdrängten das Handwerk vom Markt. «Das Schwabacher Blattgold hat immer noch eine bessere Qualität und ist farbechter. Deshalb genießt es bis heute eine besondere Wertschätzung», meint Schmid. Die Farbe des Blattgoldes entsteht durch Legierungen mit anderen Metallen: Wird Gold mit Kupfer gemischt, wird das Blattgold rötlicher, Silber färbt es heller, Platin dunkler.


«Blattgold ist im Groben einfach platt geschlagenes Gold», sagt Schmid. Zunächst wird Goldgranulat bei 1250 Grad eingeschmolzen, danach in Barrenform gegossen und durch eine Walzmaschine gedreht. Nach mehreren Walzdurchgängen entsteht am Ende ein hundert Meter langes Band. «Jetzt ist das Gold ungefähr so dünn wie Papier», erklärt Dieter Drotleff ; er hat den Beruf des Goldschlägers noch gelernt. Das Band wird in gleich große Quadrate geschnitten. Diese Blättchen werden dann einzeln zwischen Spezialpapier platziert und mit einer Ledermanschette fest zu einem Päckchen verschnürt. Jetzt werden sie auf ihre vierfache Größe und auf das Hundertstel ihrer ursprünglichen Dicke geschlagen.

14  000 Blättchen ergeben einen Stapel von einem Millimeter Höhe Früher hämmerte der Goldschläger selbst. Dafür verwendete er einen Hammer mit einem Gewicht von einem bis zwölf Kilogramm. Heute steuern Computer oder Maschinen die Federhämmer. «Das ist aber keine Qualitätsminderung», so Schmid. Laut Drotleff wollen manche Kunden dennoch lieber handgeschlagenes Gold: «Das Blattgold ist ein bisschen härter, wenn es mit den Maschinen geschlagen wird.» Eines ist jedoch geblieben: die Muster, die geschlagen werden. Jeder Goldschläger weiß, in welchem Muster er zu schlagen hat. Das Schlagen eines Päckchens von Hand dauert bis zu sechs Stunden. Drotleff : «Früher, als ich gelernt habe, konnte ich das durchhalten. Heute bin ich nach spätestens zehn Minuten fi x und fertig.»

Das Ergebnis ist so dünn, man kann fast hindurchschauen. Drotleff : «Das Gold wird so dünn geschlagen, dass man 14  0 00 Blättchen übereinanderlegen müsste, um einen Millimeter zu erhalten». Im letzten Schritt werden die unterschiedlich groß geschla genen Quadrate von Hand zugeschnitten und in einem Goldbuch auf Seidenpapier gelegt. «Der Zuschnitt wird traditionell von Frauen gemacht», so Schmid. «Heute ist das immer noch hundert Prozent Frauenarbeit.» Mit einer Hasenpfote wird das Papier mit brauner Farbe bestrichen. Die Farbe verhindert das Ankleben der Goldblättchen am Papier. Nun ist das Blattgold bereit für den Transport. Von Schwabach wird es in die ganze Welt exportiert. «Der größte Kunde ist Russland», so Drotleff. «Eines der größten Projekte war zum Beispiel das Moskauer Bolschoi-Theater, aber auch die Kutsche der Queen von England ist mit Schwabacher Blattgold vergoldet.» Das Gewerbe ist ausgestorben; weltweit gibt es kaum noch traditionelle Werkstätten. Vergolden mit Blattgold ist kostspielig; ein Blättchen der Dicke eines vierzehntausendstel Millimeters kostet zwei Euro. Wer etwas Besonderes für einen feierlichen Anlass sucht, kann sein Essen vergolden. Blattgold kann man essen; angeblich ist es sehr gesund. «Ich bin davon überzeugt, dass Blattgold gegen Rheuma hilft», schließt Drotleff. Ob Blattgold eine medizinische Wirkung besitzt, ist umstritten. Unumstritten dagegen ist, Schwabacher Blattgold bleibt unerreicht in seiner Qualität.

Die Kutsche der Queen von England ist mit Schwabacher Blattgold vergoldet 83


stereoton / golden triangle

stereoton Es verbindet die drei Städte Delhi, Agra und Jaipur im Norden Indiens – das goldene Dreieck. Eine über siebenhundert Kilometer lange Strecke, ein tiefer Einblick in die Vergangenheit des Landes: voll historischer Persönlichkeiten, ritterlicher Geschichten und kultureller Pracht. Alte Tempelanlagen überstrahlen das geschäftige Treiben in den Großstädten. In Delhi, der Stadt der zwei Gesichter, steht das wohl feinste, von Hand gefertigte Bauwerk –  der Lotus-Tempel. Über zweihundert Kilometer weiter beherbergen zehntausend ummauerte Quadratmeter das ikonische Mausoleum Asiens: das Taj Mahal in Agra. Eine einzigartige Aura. Am Ende wartet die «Pink City» Jaipur, die ihren Namen der pinkfarbenen Altstadt verdankt, und das über vierhundert Jahre alte Amber Fort auf begeisterte Reisende – in ihrem Gepäck die zahllosen Geschichten der Menschen aus dem goldenen Dreieck.

84


88

Delhi

92

Agra

98

Jaipur

Achtzehn Millionen Einwohner (Großraum Delhi); Hauptstadt im Norden Indiens; nach Mumbai die zweitgrößte Stadt Indiens

Fast zwei Millionen Einwohner; im Westen des Bundesstaats Uttar Pradesh in Indien; UNESCOWeltkulturerbe

Drei Millionen Einwohner; Hauptstadt des Bundesstaats Rajasthan; rasch wachsende Industriestadt mit Metall-, Textil-, Schmuck- und chemischer Industrie


86

illustration Elisabeth Iglhaut

Jaipur

golden triangle

/

stereoton


Delhi

golden

triangle

Agra


stereoton / golden triangle illustration Elisabeth Iglhaut 88

Massen in Millionen drücken / Wie der Hitze Schwere / Touristen schlagen Brücken / Überwinden Sprachbarriere / Taxis feilschen Preise / Delhi: ein guter Start für diese Reise


delhi


stereoton / golden triangle

jitender

kumar

illustration Vera Kaltenecker

autor Moritz Schinn

90

In Indien ist der Verkehr anders. Von außen betrachtet fahren tausende von Fahrzeugen ohne Ordnung oder System durch die Straßen Delhis – scheinbar pures Chaos. Für mich ist es normal. Ich heiße Jitender Kumar. Meinen Job mache ich prinzipiell gerne. Doch es gibt Tage, an denen glaube ich, Taxifahren ist nichts für mich. Dann möchte ich gerne etwas anderes anfangen oder machen. Es gibt so vieles, was mich interessiert. Tatsächlich war ich einst ein Schreibmaschinen-Mechaniker, doch die Firma existiert nicht mehr. Von 1983 bis 1995 habe ich dort gearbeitet. Ich habe mich vor zehn Jahren fürs Taxifahren entschieden; ich hatte damals keine anderen Optionen. Alles, was ich hatte, war ein Führerschein – ich bin 52. Meine Gäste sind freundlich. Viele der anderen Taxifahrer sind Betrüger. Nur die echten Taxis haben eine Lizenz-Nummer. Sollte trotzdem ein Fahrer einen Fahrgast über den Tisch ziehen, kann er ihn über eine Hotline bei der Polizei melden. Die Nummer steht in jedem Taxi und jeder Rikscha. Ich mag es nicht zu hupen. Jeder hupt. Manchmal geht es leider nicht anders.

In Indien kommt man am besten so über die Straße: in beide Richtungen blicken und die Straße überqueren. Die Leute werden stehen bleiben. Nachdem ich nicht mehr als Schreibmaschinen-Mechaniker arbeiten konnte, habe ich Elektriker gelernt. Ich mache hin und wieder kleinere Elektrikerarbeiten, nie Vollzeit. Als Schreibmaschinen-Mechaniker habe ich rund 20000 Rupien (250 Euro) verdient; als Taxifahrer jetzt das Gleiche. Ich habe Familie und bin das einzige arbeitende Familienmitglied. Meine Frau ist Hausfrau. Das ist Standard in Indien. Ich habe fünf Jahre in Saudi Arabien gearbeitet. Ich spreche nicht darüber, was ich dort gemacht habe. Ich arbeite sehr lange, pro Tag mindestens 15 oder 16 Stunden. Die Bildung meiner Kinder kostet sehr viel Geld. Meine ältere Tochter ist Software-Ingenieurin und meine jüngere studiert Pfl ege. Mein Sohn ist in der neunten Klasse, er ist mein jüngstes Kind. Ich war in der Schule und habe anschießend ein Jahr studiert und wieder aufgehört; ich musste Geld verdienen. Mein großer Traum ist es, einmal nach Europa zu reisen, vielleicht sogar nach Deutschland. Doch das wird wohl nie möglich sein; das Geld reicht nicht dafür.


terry

taylor

autor Rasmus Walter

Indien ist für mich ein Puzzle, das ich noch nicht lösen konnte

Seit 1979 war ich über sechzigmal in Indien. Zuerst habe ich Reisegruppen von Kathmandu nach London geführt, immer für drei Monate. Seitdem ist Indien für mich ein Puzzle, das ich noch nicht lösen konnte. In meinen Augen lässt sich Indien sehr gut mit diesem Satz zusammenfassen: Man kann Indien nicht generalisieren. Jeder Inder, den ich zu einem bestimmten Thema befrage, wird seine Antwort in der Überzeugung geben, er kenne Indien. Gehe ich in eine Stadt 200 Kilometer weiter, wird die Antwort ganz anders lauten. In den fast vierzig Jahren hat sich vieles verändert. Die größte Veränderung haben bestimmt Internet und Handy mit sich gebracht. Dadurch ist das Land enger zusammengewachsen und es haben sich neue Möglichkeiten erschlossen. Der Bauer in der Provinz kann jetzt zum Beispiel die aktuellen Preise auf den großen Märkten prüfen, ohne von einem Mittelsmann übers Ohr gehauen zu werden. Viele Dinge wirken für dich zunächst unverständlich, zum Beispiel warum der Straßenverkäufer, den du bereits mehrfach abgewiesen hast, weiterhin versucht dir etwas zu verkaufen. Man muss jedoch verstehen, dass er von seinem Chef beobachtet wird und, wenn er sich nicht genug Mühe gibt, entlassen wird. Mit diesem Wissen wirkt sein Verhalten nicht mehr so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint. Das ist, was mich an Indien so fasziniert. Viele Dinge wirken auf den ersten Blick ganz anders, als sie tatsächlich sind.


stereoton / golden triangle illustration Elisabeth Iglhaut

Der Zug nach S체den treibt voran / Die Stadt zieht dich in ihren Bann / Monumente hinter W채nden / In Sonnenstrahlen zu Gem채lden / Die Stadt lebt im Kontrast / Armut schl채ft vor Strass

92


agra


stereoton / golden triangle

cadet  gaurav

kumer

illustration Vera Kaltenecker

autor Moritz Schinn

94

Indien ist großartig, es bleibt großartig und es wird für immer großartig sein

Ich bin Cadet Gaurav Kumar, bin 15 Jahre alt und der Kapellmeister einer Marschband. Ich will meinem Land dienen und der Air-Force beitreten; ich will mein Land verändern: als Präsident von Indien. Viele Menschen halten Indien für regressiv und rückständig. Ich will ihnen zeigen, dass wir das nicht sind. Eines Tages wird Indien ganz oben sein. Von allen Ländern der Welt wird es das Erste sein. Indien wird ein Land sein, das Menschen sehen wollen. Indien wird ein Land sein, das Menschen lieben. Es wird ein Land sein, das Menschen erleben und bestaunen. Wir haben eine so reiche Geschichte, so viel Kulturerbe. Egal wohin man geht, egal woher man kommt. Unsere Kultur ist so unglaublich vielfältig, es ist unvorstellbar. In jedem einzelnen Bezirk spricht man eine andere Sprache  –  so große Vielfalt. Mit dieser Vielfalt leben wir in einer Einheit, einer Gesamtheit. Ist die Vielfalt Indiens nicht toll? Indien ist großartig, es bleibt großartig und es wird für immer großartig sein. Ich werde Präsident von Indien sein und ich werde der Welt zeigen, dass Indien das Beste ist und das Beste bleiben wird.


Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich bin einer der besten Tourist-Guides in Indien und freue mich, Menschen aus aller Welt meine Heimat zu zeigen; ihnen meine Kultur näher zu bringen und die Geschichte Indiens mit ihnen zu teilen. Russisch war mein Hauptfach an der Universität und ich durfte auch schon eine russische Gruppe durch Indien begleiten. Jelena Baturina und ihr Mann waren in meiner Gruppe. Sie ist die reichste Frau Russlands und trotzdem so nett, man merkt es ihr gar nicht an. Eines Tages werde ich auch so viel Geld haben und dann möchte ich genauso bodenständig sein wie sie. Mein Traum ist es, aus Indien raus und durch Europa – vor allem Russland – zu reisen. Ich liebe es zu reisen, ganz besonders mit meiner Frau und meinem Sohn. Leider haben wir es noch nie ins Ausland geschafft.

Meine Frau kommt aus Delhi und teilt meine Leidenschaft für die Geschichte unseres Landes. Ich freue mich, wenn ich mein Hobby mit ihr teilen kann. Mein Beruf macht mir Spaß; doch es ist oft nicht einfach für uns. Die Hauptsaison dauert nur sechs Monate und ich muss in dieser Zeit genug Geld zurücklegen, um mich und meine Familie zu versorgen. Als Freelancer ist das nicht leicht, dafür kann ich selbst entscheiden, welche Gruppen ich leite und mit welcher Agentur ich zusammenarbeite. Diese Freiheit weiß ich sehr zu schätzen. Meine Frau fühlt sich oft einsam, wenn ich lange weg bin. Ich muss ehrlich sein, ich könnte ohne sie nicht überleben. Von Haushalt, Kochen und Kindererziehung verstehe ich nichts. Ich bin dankbar, sie zu haben.

renu

ranendra autor Steven Lauenroth


stereoton / golden triangle

parag

gulati

autor Steven Lauenroth

illustration Vera Kaltenecker

Es geht bergab mit der indischen Wirtschaft und wir sind nicht da, wo wir sein wollen. Unser Start-up ist am Wachsen, doch wir haben noch einen langen Weg vor uns. Ein eigenes Geschäft war immer mein Ziel. Ich habe in Australien gelebt, für Kunden wie Vodafone gearbeitet und gut verdient. Familiäre Probleme haben mich dann zurück nach Indien gebracht und ich wusste: jetzt oder nie. Himalayan Range heißt unser Unternehmen und wir verkaufen handgemachte, typisch indische Produkte online. Meine Kollegen und ich achten streng auf die Fertigung. Alle Produkte sind ohne schädliche Zusatzstoffe und umweltfreundlich produziert.

96

Wir verkaufen typisch indische Produkte online

Ich habe etwas begriffen: Der Markt online ist kleiner. Das klingt ungewöhnlich, doch lokal verkauft jeder ein ähnliches Produkt wie wir, aber online, besonders im internationalen Markt, verkauft kaum jemand ein traditionelles indisches Produkt. Es ist hier vor Ort auch sehr schwer. Unsere Konkurrenten legen keinen Wert auf Umweltfreundlichkeit oder andere Aufl agen. So stellen sie ihre Produkte deutlich günstiger her und verkaufen sie weit unter unserem Preis. Viele Inder, die vor Ort einkaufen, kaufen lieber das günstige Produkt, die Qualität interessiert sie nicht. Aktuell exportieren wir nach Australien, Europa und Asien. Mein Team und ich sind froh, international Fuß zu fassen. Wir sind vier Leute und arbeiten von Indien, Australien und Großbritannien aus. Für wichtige Meetings fl iege ich öfter zu meinem Kollegen nach Australien und – ich weiß es noch genau, als wäre es gestern gewesen – da bin ich zu meinem Kollegen nach Großbritannien gefl ogen. Ich habe für mich entschieden: Ich will mehr reisen. Vor allem Europa hat es mir angetan. Mein Job macht mir Spaß und ich habe die Möglichkeit, die Welt zu sehen, dafür bin ich jeden Tag dankbar.


In Indien ist eine berufstätige Frau ungewöhnlich, eine selbstständige umso mehr Ich habe immer davon geträumt Amtsträgerin zu werden und mir vorgestellt, wie die Leute auf der Straße salutieren, wenn ich vorbeifahre. Aber es werden nicht alle Träume wahr. Heute bin ich 34, habe zwei Kinder, einen Ehemann und ein Unternehmen. Ich designe und produziere traditionelle indische Kleidung, die ich auf verschiedenen Märkten in den größeren Städten um Jaipur verkaufe, wie jetzt hier in Agra.

Mein Mann war nicht erfreut, als ich ihm meine Geschäftsidee unterbreitet habe. Ich würde mich unsittlich verhalten und mit vielen fremden Menschen reden, waren seine Ängste. Ich konnte ihn jedoch überzeugen und verdiene mit meinem Geschäft Geld, das die Familie dringend braucht. Allerdings hat er mir ein paar Regeln auferlegt: Die Familie und der Haushalt dürfen nicht unter meiner Berufstätigkeit leiden. Das Essen muss pünktlich auf dem Tisch stehen, die Kinder immer versorgt und das Haus sauber sein. Solange das meine Priorität ist, unterstützt er mich. In Indien ist eine berufstätige Frau ungewöhnlich, eine selbstständige umso mehr. Gerade in einer ländlichen Gegend wäre mein Leben nicht möglich, dort gibt es auch heutzutage noch zu viele Tabus. Wenn ich auf einen Markt oder eine Messe fahre, habe ich Angst, ob mein Unternehmen so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Ich frage mich dann, ob den Kunden meine Designs und Produkte gefallen und sie sie auch kaufen werden. Komme ich ohne Profite nach Hause, wird mein Mann mir untersagen weiterzumachen. Und ohne das Geld, das ich verdiene, wird meine Familie in Schwierigkeiten kommen. Heute träume ich davon, außerhalb von Indien zu reisen. Ich will einmal nach Griechenland, ich hoffe, dass dieser Traum wahr wird. Auch wenn nicht alle Träume wahr werden, bin ich mit meinem Leben, wie es jetzt ist, sehr zufrieden.

jyoti

tak

autor Rasmus Walter


stereoton / golden triangle illustration Elisabeth Iglhaut 98

Vor Wßste brennt / Die Stadt in Pink / Gesicht erst zeigt / Wenn Sonne sinkt / Gehweg wird zu Schlafgemach / Klarer Nächte, Sternendach


jaipur


stereoton / golden triangle

jinesh kumar

khandaka

illustration Vera Kaltenecker

autor Moritz Schinn

100

Ich heiße Jinesh Kumar Khandaka, 39, Besitzer und Leiter von zwei Hotels und sechs Shops. Die Geschichte des Hotels Khandaka Mahal reicht weit zurück; das Gebäude steht bereits seit tausend Jahren. Der Besitzer war zugleich auch der Namensgeber für die Straße, in der es steht. Ich habe es vor vier Jahren gekauft, als hier noch alles brach lag. Es gab keine Toiletten und der Haupteingang war damals auf der Rückseite des Hauses. Die Haupthalle wurde von den Leuten wie eine Müllhalde genutzt; 15 bis 20 Fuß hoch standen hier Schlamm und Abfall. Als ich es kaufte, war es schrecklich. Niemand glaubte, daraus könne je ein Hotel werden. Doch als ich sah, dieses Haus hat 18 Räume, überdachte ich meine ursprüngliche Idee, daraus einen Shop zu machen. Es war schwer, alle meine Arbeiter und Freunde davon zu überzeugen, daraus ein Hotel zu machen. Alle dachten, die Idee und das Gebäude gehen unter. Niemand wollte mit anpacken und saubermachen; ich wollte auch nicht zu viel Geld ausgeben. Man muss sparen und den Weitblick bewahren. Ich fing mit dem ersten Raum an. Jeder sagte: «Mach es nicht, mach es nicht. Du wirst dein Geld verlieren. Du wirst daran scheitern». Ich dachte mir: «Okay, kein Problem!». Sie alle sahen das Problem der Eingangstür, die auf der Rückseite des Hauses liegt und nicht an der großen Hauptstraße.

Ich wusste, es wird eine gute Investition sein. Also machte ich immer weiter, weiter und weiter. Wenn man als Tourist von einer der kleinen Gassen zum schmutzigen Haupteingang des Hauses kommt, hat man Angst und fühlt sich unwohl. Wo ist man hier gelandet? Wir verlegten deshalb den Haupteingang zur Hauptstraße – und es war kein Problem mehr; jeder liebte es. Zum Schluss traf ich mich mit einem meiner Freunde und er sagte: «Ja, so funktioniert das als Hotel». Mein größter Verdienst sind glückliche Gäste. Die Räume sind nicht riesig und ich verdiene nicht das Gelbe vom Ei. Aber ich bin glücklich, wenn meine Gäste glücklich sind. Mein Geld verdiene ich mit Schmuck. In meiner Familie sind alle Juweliere, also startete ich mein erstes eigenes Geschäft im Alter von 19. Das hier ist mein Baby. Ich habe mit diesem Ort noch Großes vor; er wird eines Tages viel wert sein. Selbst Menschen, die hier keine gute Erfahrung machen, sind gut für mich. Davon kann ich lernen und daran kann ich wachsen. Wenn man immer und überall alles perfekt bekommt, wird man wohl kaum glücklich. Ich habe nie studiert. Diesen Ort habe ich entworfen. In meinem Kopf ist das alles entstanden. Ich hatte die Vision und ich habe sie verwirklicht.


Es war der Traum meiner Mutter und nicht meiner. Sie hat früh geheiratet und Kinder bekommen; so hat sie es leider nicht geschafft eine Schauspielerin zu werden. Sie lebt ihren Traum nun durch mich und das macht mich glücklich. Mit 14 habe ich meine Karriere begonnen und bin nun seit 22 Jahren dabei. Angefangen habe ich als Schauspielerin; später begann ich zu moderieren und eigene Shows auf die Beine zu stellen. Aktuell präsentiere ich die indische Version des Bachelors, eine meiner größten Shows. Die Sendung ist so beliebt, weil die Gewinnerin mit unserem Bachelor verheiratet wird und eine Hochzeit in Indien immer viel Aufmerksamkeit mit sich bringt. Die Show wird in fünf Sprachen in fünf verschiedenen Staaten Südindiens gezeigt. Ich bin dankbar für den Erfolg, den Gott mir gegeben hat, und für die Entscheidung, die meine Mutter für mich getroffen hat. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Als Frau im Showgeschäft habe ich des Öfteren mit Problemen zu kämpfen. Spiritualität war mir schon immer wichtig und das bedeutet, mich nicht auf Negativität zu stützen. Ich habe einen Mann, den ich aus Liebe geheiratet habe und der mich in meiner Karriere unterstützt. Das ist selbst für die heutige Zeit noch ein Privileg bei uns in Indien. Mein Mann ist Musiker und genau wie ich oft berufl ich unterwegs. Wir haben gelernt uns damit zu arrangieren. Unter der Woche muss zu jedem Zeitpunkt einer von uns beiden zu Hause bei unserer Tochter sein. Sie freut sich, wenn sie an den Wochenenden mit mir ans Set darf. Mein Einfluss hilft mir dabei, die Gleichberechtigung in Indien voranzutreiben und die Zukunft meiner Tochter und anderer junger Mädchen aktiv zu verbessern. Das erfüllt mich und macht mich stolz.

sangita

krish autor Steven Lauenroth


Alles hat ein Ende / Nicht der Durst am Freitagabend / Ohne gute Grundlage / Dreht sich um der Magen / Schön, wenn Menschen trotzdem lachen / Tanzen und noch Essen machen

nennwert Im Sprachgebrauch immer noch Pommesbude, für Micha aber Leidenschaft; egal, was andere denken. Seit drei Jahren wirkt er hinter der Theke und an der Fritteuse von What a Wurst in Berlin. Wenn Frittenfett und Currysoße den glücklichen Arbeiter ausmachen.


autor Moritz Schinn illustration Elisabeth Iglhaut Wolltest du jemals in einer Currywurstbude arbeiten?

Niemals.

Warum machst du’s dann trotzdem?

Wir haben What a Wurst gegründet, weil wir an etwas glauben, an Qualität: 9,8 von 10 Sternen ist unser Ranking in Berlin. Wir verkaufen nicht mal eben eine Currywurst, sondern die Currywurst. Was ist das Besondere an eurer Wurst?

Unsere Soßen machen wir selbst und immer frisch – nach einer eigenen Rezeptur. Behandeln dich die Menschen wegen deines Berufs anders?

Ja, auf jeden Fall. Am Ende ist es immer noch eine Pommesbude, wenn man so will. Für viele ist das immer noch unterste Stufe. Weil wir aber eine Szene-Currywurstbude sind, ist das schon wieder ein Unterschied. Ich mache meinen Job aus Leidenschaft – und mit Ehre. Ich bin glücklich damit.

Was macht deinen Beruf für dich aus?

Es gibt keinen interessanteren und verrückteren Ort in Berlin als das RAW-Gelände. Du triffst einfach jeden. Das Gelände wurde jetzt leider auf Platz zwei der gefährlichsten Orte Berlins hochgestuft. Ich mag es, den Menschen hier was mitzugeben, vor allem ein Lächeln. Seit wann gibt es What a Wurst?

Seit fünf Jahren. Ist Currywurst dein Leibgericht?

Nicht mehr. Die letzte Currywurst hatte ich vor drei Monaten. Glaubst du, du machst diesen Job für den Rest deines Lebens?

Ich sehe es eher als Zwischenstopp: Ich bin professioneller Musiker und war Profitänzer; ich habe schon für DJ BoBo gearbeitet. Die Arbeit in der Currywurstbude war mir eine willkommene Abwechslung. Ich will bald auch wieder künstlerisch tätig sein.


Pixel um Pixel / Block über Block / Bis zur Million / Bis alle checken / Ein goldener Knopf / Braucht keine Manschetten

CONGRATULATIONS For Surpassing

One Million Subscribers


autor Sophia Brandl, Christoph Molthagen illustration Elisabeth Iglhaut

punze

Was würdest du mit einer Million machen? Seit letztem November ist der Österreicher Florian, alias Chaosflo44, stolzer Besitzer eines goldenen YouTubePlaybuttons, einer Auszeichnung, die man für mehr als eine Million Abonnenten erhält. Vor über acht Jahren, im Alter von zehn, veröffentlichte der Österreicher seine ersten Videos; aus der Präsentation seiner Yu-Gi-Oh!-Sammelkarten wurden Let’s-Plays. Die Mehrzahl seiner Videos handeln von Minecraft (Mojang), das weltweit meistverkaufte und über Jahre hinweg erfolgreichste Videospiel. In Minecraft erkundet der Spieler eine zufällig generierte Klötzchenwelt, verändert, zerstört und baut sie wieder neu zusammen. Die eigene Kreativität steht im Fokus.

Was hältst du persönlich vom goldenen Button?

Was genau zeichnet einen guten YouTuber aus?

Florian absolviert aktuell neben Auftritten auf Conventions einen einjährigen Zivildienst in einem Pflegeheim. Davor bestand er seine Matura, das österreichische Abitur. Pünktlich um 12 Uhr stellt er jeden Tag ein neues Video online.

Ich sehe das als tolle Auszeichnung von meinen Fans und Abonnenten. Für mich ist es ein großes Danke meiner treuen Fans.

Guter Content. In meinem Fall auch kinderfreundliche Inhalte. Man geht auf seine Community ein, beantwortet Kommentare und gibt den Fans etwas, was sie unterhält und woran sie Spaß haben. Bei Auftritten und Fantreffen sollte man Zeit für sie haben, Fotos machen und sich über Fanarts freuen.


YouTuber und zusätzlich Arbeiten? Wie kommst du mit dem Stress klar?

Gab es Momente, in denen du aufgeben wolltest?

Da kommt es sehr stark auf gutes Zeitmanagement an. Im Zivildienst habe ich Dienstzeiten, bei den Aufnahmen haben wir Termine, dazwischen mache ich meine Solo-Projekte. Die Freizeit kommt zwar etwas kurz, aber ab und zu bin auch ich ein normaler Jugendlicher, der mit seinen Freunden fort geht.

Es war schon schwer, gerade in meinem Maturajahr. Ich hatte zwar damals weniger Schlaf, geschaff t hab ich’s trotzdem. Das sage ich auch immer meinen Zuschauern: Schule ist wichtig; man braucht eine gute Ausbildung, auch wenn’s manchmal mühsam ist.

Wie sieht deine Zukunft aus?

Nach meinem Zivildienst will ich mir die Welt ansehen. Ich hab auch einige neue Ideen für meine Minecraft-Projekte. Wenn bis dahin alles gut läuft, würde mein Traum wahr werden, YouTube zu meinem Beruf zu machen. Wieso hast du mit dem Let’s-Playen angefangen?

Gibt es Videos auf deinem Kanal, die du am liebsten entfernen würdest, weil sie peinlich oder schlecht geworden sind?

Wenn bis dahin alles gut läuft, würde mein Traum wahr werden, YouTube zum Beruf zu machen

106

Damals, als Minecraft rauskam, hatte ich selbst sehr viel Spaß beim Erkunden und Testen der verschiedenen Mods, das sind Modifi kationen oder Zusatzprogrammierungen wie zum Beispiel neue Items, die ich einfach meinen Zuschauern vorstellen wollte. Ende 2012 fing ich mit meiner ersten Minecraft-Serie Modplay an.

Klar, nach ein paar Jahren ist man mit der Qualität alter Videos immer unzufrieden, weil man zum Beispiel noch nicht die technische Ausstattung von heute hatte. Meine Yu-Gi-Oh!-Videos sind inzwischen auf privat, aber ich habe immer noch meine ersten Minecraft-Videos online, die ich vor mehr als sechs Jahren gemacht habe.


Hast du auch ein Lieblingsvideo oder Lieblingsprojekt?

Wenn du erst jetzt mit YouTube starten würdest, würdest du so starten wie vor acht Jahren?

Mein Lieblingsprojekt hat sich schon mehrmals geändert, aktuell ist es Utopia, weil ich da so viel zusammen mit Fans gemacht und erlebt habe. Und das Projekt wird weitergehen; meine ToDo-Liste wächst ständig.

Mittlerweile ist es sicher schwieriger geworden, aus der Masse der YouTuber herauszustechen und sich interessant zu machen. Aber wenn man macht, was einem selbst Spaß macht und es für seine Community gut rüberbringt, dann schaff t man es sicher. Ja, ich würde genauso starten.

In einem Interview auf der Gamescom 2017 betont Florian: «Das Allerwichtigste bei dem Thema YouTube ist Geduld. Es dauert seine zwei bis drei Jahre, bis man irgendwie ansatzweise Erfolge sieht. Irgendwann kam einfach der Punkt aus dem Nichts, keine Ahnung, was ich gemacht hab, da ging’s einfach irgendwie bergauf.»

107


Des Fremden Gedanken / GefĂźhle und Leid / In mir gebrochen / Doch auch vereint / Wir suchen zusammen / Bis Hoffnung uns eint


erstabschlag autor Christoph Molthagen illustration Vera Kaltenecker

109


Ist es nicht das größte Glück morgens aufzustehen, mit einem Gefühl, als wäre Frühling in deinem Kopf? Zu jeder Jahreszeit? Wäre das nicht super?

Ich bin Ben und dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr. Und glauben Sie mir, ich suche schon wirklich, wirklich lange nach einer Lösung. Dauernd snooze ich meinen Wecker, ärgere mich dann über das späte Aufstehen und die verlorene Zeit am Morgen. Gehe so, schon bevor mein Tag beginnt, übel gelaunt aus dem Haus und dann braucht es auch nicht mehr viel, um mich weiter zu ärgern. In letzter Zeit bin ich wirklich sehr schnell genervt. Vielleicht ist es schon das Überdenken der Fehler im System. Am Ende des Tages suche ich doch eigentlich auch nur nach meiner Mitte, einem Weg, mich selbst als einen glücklichen und zufriedenen Menschen zu sehen: Erfüllung, ein Sinn, eine Einstellung. Heutzutage auch als Mind-Set bekannt. Ich begegne meinen Mitmenschen meistens sehr freundlich und ernte dafür im Gegenzug meist auch Freundlichkeit. Das ist einfach noch nicht alles. Da muss doch noch mehr gehen.

110

Die Selbstoptimierung hat längst Einzug gefunden in die Köpfe der Menschen des 21.  Jahrhunderts. Fast schon exzessiv strebt jeder Einzelne nach seinem persönlichen Glück und nicht wenige erliegen dem großen Fehler, dieses Glück von anderen abhängig zu machen. Sei schlank, trainiere, sei clever, verändere die Welt; sei ein guter Freund und hab die perfekte Familie. Soziale Medien verleiten uns, unsere Kinder und unsere Eltern dazu, sich stetig im Vergleich zu ihren Mitmenschen zu sehen. Manche betrübt es, wenn andere anscheinend ein Leben im Luxusurlaub verbringen, während man selbst im Büro verschimmelt.

Das ist einfach noch nicht alles. Da muss doch noch mehr gehen


Wieder andere sehen, Kinder anderer Eltern sind sehr viel freundlicher zu ihren Spielkameraden als die eigenen. Habe ich hier als Elternteil versagt? Ist alles Gold, was glänzt? Muss etwas glänzen? Oder ist es auch okay, wenn nicht? Ich rede von Zweifeln. Auf dem Weg zum Glück zweifeln wir. Ein jeder muss erst für sich selbst feststellen, was Glück für ihn oder für sie bedeutet. Hat die Person das geschaff t, ist sie eigentlich schon am Ziel. Ich, der Autor, bin noch nie gefl ogen. Vor vier Jahren erklärte ich in einem Assessment-Center während der wohl spektakulärsten Vorstellung meiner Person, wie schön ich es fände in meinem Beruf international tätig zu sein und so auch andere Länder zu bereisen.

Der Applaus hinterher galt meiner Kreativität, die Jury war begeistert, ich war für das duale Studium dennoch nicht geeignet, weiß ich heute. Ich komme mir in diesem Teil meines Lebens manchmal seltsam ausgegrenzt vor. «Wie du bist noch nicht gefl ogen?». So etwas höre ich öfter. Es ist wie eine gesellschaftlich akzeptierte Version der Frage, ob man schon einmal Sex hatte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe kein Problem damit, noch nicht gefl ogen zu sein. Im Vergleich mit anderen stinke ich da etwas ab. Ja, ich war schon im Urlaub, nein, nicht in Amerika. Nordsee, ostfriesische Inseln, Bauernhof in Bayern, Schweiz, Südtirol – das waren alles schöne Urlaube. Können allerdings nicht ganz mithalten mit einem West-Coast-Trip in den USA. Schade eigentlich.

111


Das ist einer der möglichen Gründe, warum mein lieber Ben hier sich nicht wie der neue Frühling fühlt. Ben. Ich stelle ihn mir ein wenig vor wie mich, groß gewachsen, blaue Augen, blonde Haare, ein freundliches Grinsen und ein aufgeschlossener Charakter. Vielleicht sieht er etwas besser aus, weniger Speck an der Hüfte und vielleicht ein charmanteres, süßeres Lächeln. Ben ist ein bisschen ich und ich bin ein bisschen Ben. Und doch möchte Ben genau wie ich andere Ziele erreichen. Wir stehen beide am Ende eines langen, spannenden Weges. Der Weg enthält die Kindheit, Schulzeit, viele tolle und ein paar schwierige Erfahrungen. Soweit, so okay. Und doch bleibt da dieses Gefühl. Die Frage: rechts oder links? Und wo komme ich damit in den nächsten fünf Jahren hin?

112

Ben ist ein bisschen ich und ich bin ein bisschen Ben Ein Gedankenspiel: Sie stehen auf einem Hotelflur, Sie haben Pläne für Ihr Leben. Sie wollen in Ihr Zimmer, Sie haben es online ausgesucht und freuen sich wahnsinnig darauf, schon seit Monaten. Viel Arbeit, Zeit und Geld haben Sie investiert, alles für diesen Moment: Zimmer Nummer 435. Es ist der Traum jedes Urlaubers. Modern eingerichtete 23 Quadratmeter, hochwertige Dekoration auf dem Designertisch. Eine gut sortierte Minibar. Wohlig warme Fußbodenheizung, ein schickes Bad, ein großes, kuscheliges Bett und eine tolle Aussicht auf Berge, Meer und Strand vom Balkon aus. Ein heißer Kakao erwartet Sie, eine Massage und: vor allem viel Ruhe. Doch es gibt ein Problem. Sie stehen immer noch im Flur. Der Weg geht nach links oder rechts und Sie wissen gerade leider gar nicht, in welche Richtung Sie gehen sollen.


Das Problem ist gar nicht das Problem – wohl aber der Umgang damit. Warum nicht einfach mal einen Weg nehmen und schauen, ob er zum Zimmer führt? Keine Sorge, die Zeit läuft Ihnen nicht weg. Wenn das Zimmer doch in der anderen Richtung liegt, drehen wir eben wieder um. Ich will Ihnen und mir selbst einfach mal wieder sagen: »Hey, das wird schon«.

Warum nicht einfach mal einen Weg nehmen und schauen, ob er zum Zimmer führt?

Atmen wir einmal gemeinsam ein, tief und klar strömt die Luft in unsere Lunge. Dann atmen wir langsam aus. Vielleicht ist es an der Zeit, das einfach mal zu machen. Hören wir doch für einen Moment auf, jeden Tag als Prüfung zu sehen, und fangen an, jeden Tag neugierig zu starten. Neugierig und positiv. Ben grinst gerade in sein Spiegelbild, dann wirft er mir sein perfektes Lächeln zu. Er umarmt mich und verschwindet dann dorthin, wo er hergekommen ist. In meinen Kopf. Ich kehre zurück ins Hier und Jetzt und sitze wieder am Rechner. Manches blieb heute liegen. Dafür habe ich das hier: irgendwie ein gutes Gefühl. Und morgen stehe ich früh auf, werde den Tag nutzen und mich weniger ablenken lassen. Morgen wird ein toller Tag! Morgen hat Morgenstund Gold im Mund. Morgen ist Frühling. Morgen wird gut.


Niemand hier, da niemand bleibt / Im Panhandle peitschen Gezeiten / Alaska ruft, doch niemand schreibt / Gier wiegt auf mit Einsamkeit / Im Tal, in dem einst Freundschaft stand / Ist heute nichts, nur Niemandsland

grain



autor Moritz Schinn, Philipp Ries illustration Elisabeth Iglhaut

12. September 1880

«Das hier ist Niemandsland, Noel. Niemand kommt mehr hierher. Niemand ist hier zu Hause.» «Wie würdest du den Geruch von Gold beschreiben? Für mich roch es immer wie dieser Geschmack nach dem Nasenbluten, der einem im Rachen sitzt: metallisch geteerte Lungen, dazu noch die trockene, eiskalte Luft. Macht süchtig.» Mit aller Kraft reißt sich George ein Stück vom halbgefrorenen Laib Brot ab. Ein schmerzhafter Biss auf Eis. Die Kruste schürft an den spröden, rissigen Lippen; Blut färbt den Kanten rot. Noel pustet ein paar Mal in seine steifen Hände. Sieben Grad am Gastineau Channel.

116

Gefühlte zwei bei den eisigen Böen, die durch die Meerenge im Panhandle von Alaska peitschen. Zu essen gibt es Brot, zu trinken Wasser; Tabak zum Entspannen und Rum zum Wärmen und Vergessen. «Das ist Niemandsland, George. Niemanden interessiert, wie Gold riecht. Ich will wissen, wo es liegt und wie viel Geld ich damit machen kann.» George beißt auf das Mundstück seiner Pfeife, hält inne und inhaliert. «Sag ich doch, süchtig.» Noel schnaubt, stemmt seine Arme auf die Knie und müht sich auf. «Rauch deine Pfeife zu Ende, alter Mann, und hilf mir sieben. Ich bin nicht hierhergekommen, um Wurzeln zu schlagen.» George schließt für einen Moment die müden, trockenen Augen. Er schüttelt den Kopf und zieht nochmal genüsslich an seiner Pfeife.


Die Welt um ihn verschwimmt, flutet seine Sinne: Himmel wird Fluss, Berg wird Tal 18. November 1880

Noel steht knietief im Wasser und siebt. Die zerschlissenen, ledernen Stiefel schützen schon lange nicht mehr vor dem eiskalten Wasser. Haben sie das jemals? Die Pfanne zittert in seinen Händen. Hin und her, auf und ab. Die Atmung unregelmäßig schlotternd, die Augenlider wiegen immer schwerer. Besorgt blickt George zu ihm. «Gehts?», fragt er. «Konzentrier’ dich auf deinen Kram, alter Mann!» Noel schwankt. Die Welt um ihn verschwimmt, flutet seine Sinne: Himmel wird Fluss, Berg wird Tal. Seine Augen werden gläsern, er fällt kopfüber in den eisigen Fluss. George schreit: «Noel!» Er hastet zum reglosen Körper seines Kumpanen und fischt ihn aus dem Wasser. Georges Atem gefriert vor seinem Mund, während er Noel mit aller Mühe aus dem Fluss zerrt. Unsanft tätschelt er Noels nun mehr weiße Wangen. «Noel?» Noel hustet Wasser und schnappt nach Luft. Er reißt die Augen auf.

«Wie lange willst du das noch so machen?» George steht der Schock ins Gesicht geschrieben. «Wir sind nun schon vier Monate hier und haben nichts. Ich verstehe nicht, warum du dich dieser gottlosen Hölle opfern willst; langsam ist der Punkt erreicht, es einzusehen: Wir werden hier nichts finden. Das ist Niemandsland, Noel.» Noel starrt abwesend auf den Fluss. Hin und wieder schickt die Kälte einen Ruck durch seinen Körper, seine Atmung stabilisiert sich langsam. Er atmet tief durch. «Kurz vor seinem Tod forderte Vater ein Versprechen von mir. Er erzählte mir von diesem Ort; im Gegenzug sollte ich nicht aufgeben, bis ich finde, wonach er suchte. Wonach ich heute suche. Er glaubte an diesen Ort, George. Er glaubte an sein Geheimnis, an Durchhaltevermögen und Fleiß. Aufgeben war keine Option für ihn. Hilf mir, George – oder geh.» George verzieht keine Miene. Für einen Moment herrscht absolute Stille. «Ich mochte deinen alten Herren, Noel. Und ich mag dich. Nur manchmal wünschte ich mir, dass du erkennst, wenn du dich wie ein Narr benimmst.» Noel blickt in die Ferne. George klopft ihm auf die Schulter. «Du musst raus aus den Klamotten, bevor du weiter auskühlst. Leg dich ans Feuer, ruh dich aus. Ich siebe weiter.»


Schlagartig reißt Noel die Augen auf. Geblendet vom gleißenden Licht, das sich an den schneebedeckten Berghängen bricht, hält er eine Hand schützend vor seine Augen. Er ist schweißgebadet. Die Scheite im Lagerfeuer neben ihm glimmen noch schwach. Noel versucht sich zu orientieren, sieht sich hektisch um. Sein Blick erstarrt: George. Das Wasser bis zu den Hüften, die Pfeife im Mundwinkel hängend. Apathisch. Regungslos. Noel schnellt blitzartig hoch. Die Decke, die seinen Körper warm hielt, fällt: In Lumpen steht er da, in einer verdreckten, ehemals weißen Baumwollhose. Gerade als er George zurufen will, beobachtet er etwas. Ein gelblicher Schimmer blitzt ihm aus Georges Hosentasche entgegen. Ein Glänzen wie von Gold. Noel ballt die Fäuste und rennt los. Er stürzt sich auf George und reißt ihn ins Wasser. «Jetzt ergibt alles Sinn, alter Mann! Jetzt ist mir klar, wieso wir hier seit Monaten nichts finden, du elender Dieb!»

Das ist Niemandsland. Niemand will etwas von dir

«Was? Wovon sprichst du Junge?» George keucht und versucht sich zu wehren. Noel will nichts hören. Voller Wut drückt er Georges Kopf unter Wasser. George schlägt wild um sich. Immer weniger Luftblasen steigen auf. Wie im Wahn drückt Noel ihn weiter unter Wasser. «Dieb! Dieb! Dieb!», brüllt er. «Das ist mein Gold! Wie viel hast du dir schon eingeschoben? Ich wusste, du würdest mir eines Tages in den Rücken fallen, alter Freund». Da reißt Noel George wieder aus dem Wasser. Er hustet, spuckt und ringt nach Luft. «Du bist verrückt geworden! Lass mich los!» Noel drückt George wieder unter Wasser. Die kalte Gischt färbt Noels Arme in ein sattes Rot. Sein Blick wird Eis. George tritt unter Wasser um sich. Er landet einen Schlag in Noels Gemächt. Noel lässt endlich von George ab und kippt hinten über. George schreit: «Was ist los mit dir? Ich wäre beinahe ersoffen». Noel bricht in Tränen aus. Er brüllt hysterisch: «Und was soll dann der Nugget in deiner Tasche? Du Verräter!». «Nugget? Wovon sprichst du?» George greift in seine Tasche und holt eine goldene Taschenuhr hervor. «Meinst du die?» «Nein! Was?» Noel fällt George um die Hüften und tastet ihn ungläubig ab. «Wo ist er?» George schüttelt den Kopf, packt Noel am Oberarm und schleift ihn ans matschige Ufer. «Das ist Niemandsland, Noel. Niemand will etwas von dir.»


Ein Blitzen. Irgendetwas dort unten bricht das Sonnenlicht anders als sonst 3. Dezember 1880

Noel und George reden nicht mehr miteinander. Das Schweigen passend zur Ödnis. Gestern gingen George drei Biber in die Falle. Zum Abendbrot gab es Fleisch. George siebt jetzt nahezu immer 25 Fuß flussabwärts von Noel. Manchmal möchte Noel sich bei ihm entschuldigen, verwirft den Gedanken dann wieder. So auch heute. Er blickt auf den Flussgrund und siebt weiter. Eine schweißtreibende Arbeit, trotz des Windes, des kalten Wassers, der Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Ein Blitzen. Irgendetwas dort unten bricht das Sonnenlicht anders als sonst. Noel bückt sich und reckt die blauen Fingerspitzen dem Schein entgegen.

Ein Goldnugget, nur unwesentlich kleiner als seine Faust. Glänzend, schimmernd im Sonnenlicht. Ungläubig begutachtet er das Nugget. Er dreht und wendet es zwischen seinen Fingern. Ein Leuchten erfüllt seine Iris. Er lächelt, hält eine Sekunde inne, schließt seine Augen und lässt es zurück in den Fluss gleiten. Noel watet flussabwärts zu George, legt seinen Arm um ihn und grinst. George reagiert nicht, blickt ihm nur tief in die Augen: «Lass uns nach Hause gehen, George. Das ist Niemandsland».


Sich ein schönes Leben leisten / Mit einer Fahrt und etwas Weißem / Über Grenzen und zurück / Reicht es nur fürs kurze Glück / Bis der letzte Freiheitshauch / Durch die Pfeife zieht wie Rauch


rallye


autor Anna Sturm illustration Elisabeth Iglhaut

Ihre Hände sind schweißnass. Ihr kleiner Sohn auf dem Beifahrersitz gibt ihr Sicherheit. Carina passiert die Autobusse mit Polizei- und Zollbeamten am Grenzübergang. Es ist nicht ihre erste Tour; trotzdem schießt ihr bei der Fahrt von Rozvadov nach Amberg immer Adrenalin in jede einzelne Ader.

Sie werben damit, Crystal Meth sei eine Zeitgeistdroge zur Leistungssteigerung, gut für das Lernen, den anspruchsvollen Job oder Sex. Bei Carina war es zu Beginn Zeitvertreib. Mit dem Vater ihres Kindes dröhnte sie sich viele Abende einfach nur zu. Nach einem Entzug war Carina clean, auch während der Schwangerschaft und den ersten Monaten als Mutter.

«Mir gefiel die Rolle als Mutter nicht mehr. Ich habe mich nach den Abenden gesehnt, in denen wir uns auf der Couch gemeinsam weggeballert haben.» Ihr Exfreund bleibt clean und Carina lernt ihre neue Freundin kennen. Mit ihr lässt sie die berauschenden Abende wieder aufl eben. Für die Freundin fährt sie nach kurzer Zeit die ersten Touren. Die erste Fahrt fühlte sich an wie ein ganz eigener Drogenrausch. Die goldene Straße – die ehemalige Handelsroute von Nürnberg nach Prag – bescherte viele Jahrhunderte zuvor beiden Städten Wohlstand. Nun erinnert sie an einen Pfad zum Verbotenen, den Junkies wieder und wieder wählen, mit Aussicht auf ihren nächsten Trip.


Carina fährt in Waidhaus durch den offenen Grenzübergang. Die Hausfassaden sind die steinernen Faces of Meth, zahnlose, bröckelnde übrig gebliebene Hüllen ehemaliger Pracht. Auf ihrer ersten Tour hat ihre Freundin sie noch begleitet. In Roßhaupt, dem tschechischen Rozvadov, weiß sie schon lang, welchen Asiamarkt sie anfahren muss. Der Händler kennt sie bereits und überreicht ihr wortlos das Päckchen. Die Ware lagert im hinteren Teil des Ladens. Etwas für den Eigenbedarf und den Rest für Kunden: Carina finanziert sich mit jeder Tour ihren Lebensunterhalt und den ihres kleinen Sohnes. Das Risiko nimmt sie gern auf sich; im Drogengeschäft profitiert sie vom Schneeballsystem, in das sie ihre Freundin eingegliedert hat.

Die erste Fahrt fühlt sich an wie ein ganz eigener Drogenrausch


Die ersten Male spielt Carina noch mit dem Gedanken, sich eine dieser gefälschten Taschen zuzulegen – trotz der konkreten Anweisung, das nicht zu tun. Mit gefälschten Waren erwischt zu werden, könnte ein böses Ende nehmen, besonders, wenn man unter dem Kindersitz eine beträchtliche Menge an Methamphetaminen schmuggelt. «Nach der zehnten Tour kaufte ich mir meine eigene, echte Louis Vuitton.» Ein Wink des Schicksals oder Ironie des Lebens: Bei einer Verkehrskontrolle am Grenzübergang bei Tour 23 wird Carinas Auto durchsucht. «Die Beamten wollten mir meinen Führerschein eigentlich schon wieder aushändigen, als sie die Handtasche am Rücksitz sahen».

Mein Sohn hat fürchterlich geweint. Vermutlich spürte er, wie angespannt ich war

124

Den Kassenzettel der Tasche trägt Carina immer bei sich, doch die aufkommende Nervosität verrät sie wohl bei den Polizisten. Sie erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: «Mein Sohn hat fürchterlich geweint, vermutlich spürte er, wie angespannt ich war. Der Polizist, einer von diesen frischen, bemühten, die ihren Dienst erst vor Kurzem angetreten haben, findet die Drogen auf Anhieb. Danach vergeht alles wie im Rausch, nur dass der sich nicht so schön anfühlt wie die unzähligen Male, die ich mich abends auf der Couch zugedröhnt hatte». Carinas Weg auf der goldenen Straße führt direkt in Untersuchungshaft. Sie gibt den Namen des Drahtziehers, ihrer Freundin, preis, erhält mildernde Umstände und wird verurteilt zu zwei Jahren Haft. Heute führt sie mit ihrem Sohn ein völlig normales Leben. Von den Drogen ist sie weg, zumindest vorerst, wie sie selbst einräumt: «Einmal abhängig, immer abhängig. Der Unterschied ist, ob clean oder nicht.» Im Jahr 2017 wurden 2127 Handelsfälle mit kristallinem Methamphetamin verzeichnet, 200 davon im Landkreis AmbergSulzbach. Ob eine Fallakte den Namen Carina trägt, steht in den Sternen.



126

autor Moritz Schinn    bild Steven Lauenroth, Moritz Schinn, Rasmus Walter

ste

stempelglanz

/

polyton


empel

glanz


128

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn stempelglanz goldschnitt / / monoton polyton


Hinter Toren, Mauern, Stein / Liegt ein Schatz so gold und rein / So unberßhrt, so unbeeckt / Unerforscht und gut versteckt / Namenlos und einsam ruhend / Wartend auf des Urteils Spruch


stempelglanz goldschnitt / / monoton polyton autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 130 130

30. Juni 2011, Padmanabhaswamy-Tempel in Thiruvananthapuram, im Süden Indiens:

Der Glaube sagt, der Schatz gehöre den Göttern, also dem Tempel

Sieben Kammern sind seit über 130 Jahren verschlossen; sechs von ihnen werden geöff net. 540 Kilogramm Goldmünzen aus dem 18. Jahrhundert. Eine unglaubliche Fülle an Diamanten, Rubinen und Smaragden. Experten schätzen den Materialwert auf mehr als fünfzehn Milliarden Euro. Der Schatz macht den Padmanabhaswamy-Tempel zum wahrscheinlich reichsten der Welt. Als die Königsfamilie von Travancore den Tempel nicht mehr unterhalten kann, ordnet das oberste Gericht in Neu-Delhi 2011 die Übergabe des Tempels an den Bundesstaat Kerala an; die Königsfamilie wehrt sich. Der Bundesstaat veranlasst eine Inventur – der Schatz wird entdeckt. Offiziell ist die siebte Kammer noch immer verschlossen. Alles wartet darauf, wie das oberste Gericht entscheidet, was nun mit dem Schatz passiert.


Der Glaube sagt, er gehöre den Göttern, also dem Tempel. Dem stimmt auch der Chief Minister Keralas, Oommen Chandy, zu: «Der Bundesstaat Kerala erhebt keine Ansprüche auf die Fundstücke». Das war vor sieben Jahren. Was geschieht, wenn Milliarden-Schätze Vertragsgegenstand in einem Land werden, in dem ein Großteil der Menschen noch immer an Hungersnot und Armut leidet? Udaya Bhanu Kandeth, der Senior Finance Officer des Padmanabhaswamy-Tempels, erinnert sich: «Das oberste Gericht von Indien befahl den lokalen Behörden, die Kammern zu öff nen und eine Inventur vorzunehmen. Niemand wusste, was sich in den Kammern befindet. Dass es sich dabei um Gold, Edelsteine und andere Schätze handelt, konnte ja niemand ahnen». Eine von sieben Kammern blieb verschlossen, so Udaya Bhanu Kandeth. «Wenn die letzte Kammer geöff net wird, so der Aberglaube und die Meinung vedischer Astrologen, flute ein unterirdischer

Tunnel, der den Tempel mit dem Meer verbinde, die heilige Stätte, die Innenstadt und das Land.» Andere meinen, hinter der letzten verschlossenen Kammer leben giftige Schlangen. Bei geöff neten Toren würden sie jeden beißen, der versuche, die Türschwelle zu passieren. Viele glauben nicht an diesen Mythos und fragen sich zu Recht, wie Schlangen so lange eingesperrt ohne Nahrung überleben könnten. Hier steht Pragmatik gegen Glaube. Udaya Bhanu Kandeth selbst glaubt nicht an diesen Mythos. «Es ist, einfach gesagt, nicht möglich. Meine persönliche Meinung zählt dabei jedoch nicht viel. Ob die letzte Kammer geöff net wird oder verschlossen bleibt, muss das höchste Gericht beurteilen und entscheiden.»

Wer der rechtmäßige Eigentümer des Tempels ist, bleibt umstritten

Indien, Thiruvananthapuram, 1733: Die herrschende Königsfamilie von Travancore erbaut den Padmanabhaswamy-Tempel. Er ist Padman-

abha geweiht, zu Deutsch: der mit dem Lotusnabel, eine Erscheinungsform des Gottes Vishnu. Das Innerste und Allerheiligste des Tempels, Garbhagriha, beherrscht eine Statue: Vishnu auf der mythischen Schlange Ananta. Thiruvananthapuram bedeutet übersetzt heilige Stadt Anantas und hat jener sagenumwobenen Schlange ihren Namen zu verdanken. Wer der rechtmäßige Eigentümer des Tempels ist, bleibt umstritten. Jahrelang stand der Tempel unter der Aufsicht der Königsfamilie von Travancore; denn der Tempel gehört dem Land. 1947 verließen die Briten Indien und die Monarchie wurde abgeschaff t. Bis dahin gab es 650 Herrscher. Der britische König war der höchste und alle anderen indischen Könige waren Könige unter ihm. Indien wurde unabhängig, aus der Monarchie wurde die demokratische Republik; jedes Königreich wurde aufgelöst. Trotzdem bestehen die sogenannten Ex-Kings immer noch darauf, Teil einer Royal Family zu sein. Der Schatz gehört dem Tempelbesitzer. Die Regierung besitzt den Tempel, schon immer. Die Frage ist, wer regiert – die einzige Frage, die zählt. Was mit dem Schatz zukünftig passiert, weiß lediglich das höchste Gericht. Die ehemalige königliche Familie von Travancore hat einen Antrag an das höchste Gericht gestellt, der Tempel solle wieder unter ihre Leitung fallen; das Urteil dazu steht noch aus. Moolam Thirunal Rama Varma, das höchste Mitglied der königlichen Familie, lebt im Kawdiar Palast. Er betet regelmäßig im Padmanabhaswamy-Tempel.


132 132

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn stempelglanz goldschnitt / / monoton polyton


Der Schatz macht den Tempel zum wahrscheinlich reichsten der Welt


stempelglanz goldschnitt / / monoton polyton

Niemand weiß, ob die letzte Kammer nicht bereits geöffnet wurde

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Den Padmanabhaswamy-Tempel fl ankieren Polizisten, bewaff net mit einer Kalaschnikow AK-47. Seit 2011 bewacht die Einheit den Schatz vor Grabräubern. Tempel und Schatz besitzen unermesslichen materiellen und religiösen Wert.

134 134

Der wertvolle Fund ist nur für manche Mönche und die Travancore-Familie zugänglich. Ein leitender Polizeibeamter, der anonym bleiben möchte, hat den Schatz noch nie gesehen: «Wir beschützen nicht nur die wertvollen Gegenstände, die sich mit Geld aufwiegen lassen, sondern auch die religiösen Artefakte, die von unschätzbarem Wert für Tempelbesucher und Mönche sind. Es sind 300 Polizisten am Tempel stationiert. Wir haben CCTV-Kameras und können uns jedem Versuch, Schätze zu stehlen, in den Weg stellen. Etwas zu stehlen, wäre auch nicht mehr möglich, die Kammern sind wieder verschlossen. Bis jetzt hat es auch noch niemand versucht. Das liegt auch an der Gottesfurcht der Menschen». Der Gott des Tempels hat viel Macht; Glaube und Polizei sorgen für Sicherheit. Seit der Schatz gefunden wurde, hat sich vieles in Thiruvananthapuram geändert: mehr Tourismus, mehr Pilger und

natürlich mehr Mythen. Ravidurn, ein älterer Security Guard eines Geschäftes und sein Kollege Theja Pawar, ein junger Verkäufer, der Menschen von der Straße ins Geschäft bringen soll, erfahren den Wandel hautnah. «Bevor der Schatz entdeckt wurde, war der Tempel nicht sonderlich bekannt. Wir konnten den Tempel kostenlos betreten, darin beten und meditieren. Jetzt müssen wir zahlen. Jedes Jahr kommen mehr Menschen hierher», sagt Theja Pawar. Ravidurn ergänzt: «Es ist ein großes Geheimnis, was im Inneren des Tempels hinter den Mauern der Kammern passiert». Selbst, wenn sie eine Meinung dazu hätten, würde das ihnen nichts nützen. Das oberste Gericht Indiens wird darüber entscheiden. Wenn es so weit ist, werden sie es erfahren. Ravidurn betet nur selten im PadmanabhaswamyTempel. Bei so vielen Tempeln könne er auch einen mit weniger Besuchern wählen, sagt sein Kollege Theja: «Wenn nicht gerade ein großes Familienereignis ansteht, muss es nicht der besonderste Tempel sein».

Nicht nur Polizisten seien hier stationiert, sogar die Armee. Kein einziger bewaff neter Mann stand vor dem Tempel, bevor der Schatz entdeckt wurde. «Für uns sind Polizisten und Waffen kein Problem. Viele Menschen schreckt es aber ab und ihre Präsenz macht sie nervös. Sie können nicht ungestört für das beten, woran sie glauben.» Das Geschäft, vor dessen Ladentüren beide täglich arbeiten, ist 35 Jahre alt. Es werden goldene Statuen der Gottheit Vishnu verkauft und alles, was sonst noch golden glänzt. Wäre alles echt, würde die ein Kilo schwere Goldstatue statt umgerechnet fünf Euro um die 35 000 Euro kosten. «Unser Geschäft», so Theja, «läuft besser seit der großen Entdeckung: Viele wollen Souvenirs, ein kleines Artefakt für zu Hause oder ein religiöses Andenken für die Gebete, die sie im Padmanabhaswamy-Tempel hielten. Es bringt Bling-Bling in unsere Kassen». Theja Pawar hat seine eigene Theorie, was in den Hallen der heiligen Städte tatsächlich passiert: «Seit über die Öffnung der letzten Kammer diskutiert wird, ist das Thema Schatz geheimer denn je. Niemand weiß, ob die letzte Kammer nicht bereits geöff net wurde. Sie können uns im Endeffekt alles erzählen. Ich habe noch keinen Schatz gesehen. Es gibt kein Foto vom Schatz oder einen anderen Beweis, den ich gesehen hätte. Jeder kann alles über jeden und alles schreiben. Wenn man große Tempel besuchen will, muss man gutes Geld zahlen; wenn man in einen kleinen Tempel geht, kann man etwas von Herzen geben und spenden».


In den Tempel dürfen nur Hindi. Munchie, eine hinduistische Touristin, berichtet vom Inneren des Tempels: «Ich besuche viele der Tempel hier in Indien.

Es gibt so eine große Vielfalt an Gottheiten, Religionen und Orte, an denen man beides findet. Der Padmanabhaswamy-Tempel sieht von innen sehr alt aus. Gewidmet ist er dem ruhenden Vishnu, der auf einer Schlange liegt». Auf das Gelände des Tempels führen vier Tore: im Westen, Osten, Norden und Süden. Der Eingang liegt östlich. Im Inneren des Tempels sei es sehr dunkel, es gleiche einer Höhle. Man könne nur wenig erkennen, selbst wenn man nah an der Gottesstatue sei. Männer dürfen den Tempel nur mit entblößtem Oberkörper und einem Lungi, dem Beinkleid, betreten. «Innen ist nichts oder nur wenig mit Gold verziert», so Munchie. «Trotzdem ist es der reichste Tempel der Welt. Den Schatz kann man nicht sehen. Der Tempel war schon berühmt, bevor der Schatz gefunden wurde. Wir sind auch nicht hier, um den Schatz zu sehen; wir sind hier, um eine Stätte des Glaubens zu besuchen.»

Den Schatz kann man nicht sehen. Der Tempel war schon berühmt, bevor der Schatz gefunden wurde


136

autor Josepha Immler    bild Steven Lauenroth

wa

k

königswasser

/

polyton


kรถnigs

asser


138

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn königswasser goldschnitt / / monoton polyton


Zwischen Eliten angefangen / Letztlich in den Wald gegangen / Um hier zwischen Bienenstรถcken / Sinn des Lebens zu entdecken / Nur wenig essen, trinken, schlafen / Und den finalen Schritt wagen


königswasser goldschnitt / / monoton polyton

Ein Waldrand bei einem kleinen Dorf in der Nähe von Passau. Von der unbefestigten Straße aus kaum zu sehen, verbirgt sich das grüne Paradies von Kess (33). Sie ist ausgebildete IT-Systemelektronikerin und Mediendesignerin und hat einen Master in theoretischer Physik. Für die Einser-Studentin hat das Leben einen roten Teppich ausgerollt. Statt Festanstellung und Reihenhaus wählt sie Minimalismus und Natur. Seit gut drei Jahren lebt sie nun in ihrem Bauwagen, abgeschnitten von der

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

bekannten Welt.

140 140

Schrödingers Katze ist kein Experiment, sondern findet ständig statt


Was ist passiert?

Diese Entdeckung und ihre anschließende Forschung veränderte ihr Leben nachhaltig. Ihre Erfahrungen sammelt sie in ihrem Buch «KlarTraum – Symphonie des globalen Auf wachens». Die Essenz: Alles ist eins.

Das war vor drei Jahren. Da hat mir eine Freundin DMT gezeigt; DMT heißt Dimethyltryptamin. Es wird auch Molekül des Bewusstseins oder Gottesmolekül genannt. Eine Zeit lang hat es noch gedauert, bis ich selber in die Forschungsphase gegangen bin. Dann hab ich ein Jahr nur über DMT geforscht. DMT ist ein körpereigener Neurotransmitter. Es aktiviert die Zirbeldrüse in der Mitte des Gehirns. Bei Embryos produzieren es die Zellen in den ersten Lebenswochen; bei allen Lebewesen beim Tod oder Nah-Tod, in Träumen und bei Meditation. Es ist außerdem als älteste Medizin der Menschheit unter dem Namen Ayahuasca bekannt. Mir wurde einfach klar: Alles, was wir meinten zu wissen, über uns und unsere Umwelt, ist Glaubenssache und wir sind die Messstation, das Bewusstsein; das erzeugt alle Realität um sich. Das ist das Prinzip der Quantenphysik. Schrödingers Katze ist kein Experiment, sondern findet ständig statt.

Und was bedeutet das genau?

Es ist so, dass wenn du was glaubst, dann falten sich alle Ereignisse in deinem Leben so, dass sich dieser Glaube bestätigt. Egal, was es ist. Dann finden sich die Beweise dafür und es heißt wieder: ja, ich hab’s ja gesagt. Ohne, dass wir begreifen, dass wir unser Theaterstück selber schreiben und dass alles verbunden ist. Und die Erkenntnis, die drinsteckt, ist die Struktur der Struktur zu erkennen. Was nochmal viel höher gefaltet ist als Physik und Mathematik, weil du als Bewusstsein damit zusammenhängst. Die letztendlich größte Vereinigung von allem ist, dass es kein du und kein ich gibt. Das ist das, was schon immer Psychedelika gelehrt haben – dass alles eins ist. Und nichts kann uns das so klar verständlich machen wie das, was körpereigen produziert wird – was auf DMT zutriff t. Aber das Leben in der Stadt und in den Mustern der Gesellschaft verhindert das halt vollständig. Darum auch der Ausstieg aus dem normalen Leben?

Für mich ist es ein Einsteigen in das Leben, wie es sein sollte und wie es sich anfühlt. Die Muster, die man in der Stadt übernimmt, die mit Zeit, Erreichbarkeit, Konsum und viel Materiellem zu tun haben, blockieren den Weg zum Alles-aus-sich-heraus-holen. Wir haben wesentlich mehr in uns. Der größte Durchbruch liegt im Inneren und in der Stadt ist das nicht möglich.

Es ist nicht so, dass es was mit dir macht, sondern du bist es, was da passiert


königswasser goldschnitt / / monoton polyton

Warst du in deiner Jugend auch schon interessiert an solchen Themen?

Was bewirkt denn DMT bzw. Ayahuasca?

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

In ihrem Buch beschreibt sie das Erlebnis mit zwei Wörtern: alles und jetzt. Für Außenstehende kaum zu greifen, vermutlich weil die meisten noch nie etwas davon gehört haben.

142 142

Ayahuasca ist so wenig im Fokus, weil es dafür keine Drogenhändler gibt

Ich war leicht alternativ, ansonsten recht normal. Man würde mich nicht erkennen. Ich hab bis 27 perfekt ins gesellschaftliche Image gepasst. Ich habe meine Jugendliebe geheiratet, mit Kindern, Aupair-Mädchen und Studium: also alles wie im Bilderbuch. Ich hab bis 27 nichts mit Drogen zu tun gehabt. Und das sollte wohl auch so sein, sonst hätte ich auch nie Physik studieren und mit mit 1,0 abschließen können. Zu früh ist sowieso nicht gut. DMT und Ayahuasca sind eigentlich das Gleiche, nur in unterschiedlichen Formen, mit denen man unterschiedliche Zugänge erhalten kann. Ayahuasca ist die natürlichste Form und auch die, die am meisten Körper-, Lebens- und Verhaltensmuster widerspiegelt. Es ist nicht so, dass es was mit dir macht, sondern du bist es, was da passiert. Du hast immer noch die komplette Wahrnehmungsfähigkeit und dein Urteilsvermögen bleibt erhalten, aber es ist so, als würdest du zehn Jahre überspringen, in denen du sonst auf Reisen wärst, Erlebnisse und Ups and Downs hättest. Und da wird dir das alles aus dir heraus klar. Selbst die meisten Polizisten kennen es nicht. Und selbst wenn man sich mit dem Thema Drogen beschäftigt, hat man meistens auch noch nichts davon gehört. Im Gegensatz dazu gibt es viele Leute, die noch nie was mit Drogen zu tun gehabt haben, dann aber Ayahuasca probieren. Das ist dann häufig mit einer teuren Reise in den Urwald verbunden und ein einmaliges Ding. Man weiß ja, dass es seit tausenden Jahren bei Urvölkern Tradition ist, das einmal im Monat mit dem ganzen Stamm einzunehmen. Die geben das auch schon Kindern, damit die von klein auf diese höherdimensionale Optik haben. Die bewirkt, dass du – egal, was du anschaust – die Feinstruktur erkennen kannst, die große Übereinstimmung zeigt mit Bildern der Wissenschaft in jedem Gebiet, ob Physik, Biologie oder Anatomie. Du bist praktisch immer verbunden zum Höheren. Das ist absolut und auch nichts, wo man drauf hängen bleiben kann. Aber die Leute meinen halt immer so viel und wissen zu wenig.


Ist es nicht schwer, in Deutschland an DMT ranzukommen?

Nein, es ist sogar relativ einfach zu bekommen, weil das Ausgangsmaterial legal ist. Man kann es einfach bestellen und im schlimmstes Fall muss man es beim Zoll abholen. Die Pflanzen, die das beinhalten, hätten wir ja im Grunde auch, zum Beispiel Rohrglanzgras, das an den Flussufern wächst. Grundsätzlich enthält jede Pflanze und jedes Lebewesen DMT nur in geringeren Mengen. Da lohnt sich das Extrahieren einfach nicht. Außerdem ist Aya huasca so wenig im Fokus, weil es dafür keine Drogenhändler gibt. Wer es herstellen will, lässt sich das einfach von jemandem zeigen. Und nur so ist’s auch sinnvoll. Das zeigt auch schon ein ganz anderes Verhalten als irgendeine Form von Drogenkonsum.


königswasser goldschnitt / / monoton polyton

Kannst du dir vorstellen, jemals wieder in eine Stadt zu ziehen?

Kess hat das Grundstück im Wald von einem befreundeten Ehepaar aus Regensburg anvertraut bekommen, mit dem sie schon für andere Projekte zusammengearbeitet hat. Als Gegenleistung kümmert sie sich um die Bienenstöcke.

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Das bedeutet für sie folglich auch, sich von allem Materiellen zu lösen. Dazu zählt auch Essen, Trinken, Wärme und alles, was ein Sterblicher noch so zum Überleben braucht – eine Wandlung, der sie sich Stück für Stück annähert.

144 144

Was machst du, wenn du krank wirst?

Mein nächster Plan ist es ja, in eine Höhle zu gehen

Nein, ganz im Gegenteil. Derzeit bin ich noch in Service, also Dienstleistung, was meine Rolle als Botschafterin für diese Ur-Substanz betriff t. Dieser Part wird enden, aber ich kann selber entscheiden, wann. Ich weiß genug, teile dieses Wissen medial, bevor ich gehe, und ziehe es dann durch. Für mich ist das hier eine Zwischenstation oder die Vorstufe. Hier habe ich ja noch allen Luxus, alle Zugänge und Möglichkeiten, auch wenn das im Winter heißt, Batterien den Berg hochzuschleppen. Aber das durchzuziehen ist wie in der Biologie, wenn die Raupe sich zum Schmetterling verwandelt. Die macht ihr Leben lang immer das Gleiche und irgendwann kommt dieser Punkt, wo sie sich entscheidet, sich da hinzuhängen und zu verwandeln. Und dann bleibst du da. Mein nächster Plan ist es ja, in eine Höhle zu gehen, wenn mein Abschluss fertig ist. Du kannst dir natürlich auch sagen, du manifestierst deine Realität und wirst ein glückliches Leben haben in der materiellen Welt. Aber ich will die Grenze der Grenzen überschreiten, nach den Sternen greifen und schauen, wie weit es geht. Über den letzten Winter hab ich neben Ayahuasca nur noch Honig gehabt. Dabei hab ich immer ein paar Tage gar nichts gegessen und dann wieder ein bisschen Honig. Und das war alles, was es für mich gebraucht hat. Ich hatte sehr viel Energie, ich hab kein Gewicht verloren, ich hab nur noch wenig Schlaf gebraucht und hatte jeden Tag die gleiche Kraft, um im Winter hier alles zu machen, was zu machen war. Ich bin über zwei Monate lang jeden Tag immer eine Stunde vor Sonnenaufgang aufgewacht und hatte jede Nacht Klarträume, obwohl ich dafür sonst keine Begabung habe. Das kommt einfach automatisch, wenn du deinen Körper am Limit betreibst. Man hat dadurch so eine Energie, dass man gern die ganze Zeit singen würde. Du nährst dich dann durch diese angeregten Zustände – wie in der Physik. Und dass man diese Zustände erreicht, ist Ziel für jeden Tag. Wenn man viel zu tun hat, funktioniert das nicht so gut. Dieses Fasten habe ich dann von November bis Mitte April gemacht und danach habe ich leicht wieder angefangen zu essen. Mit Wildkräutersalat aus dem, was hier wächst. Zu der Zeit sind Leute hergezogen und es gab viele Anstrengungen. Jetzt hab ich das auch schon wieder mehr harmonisiert.

Ich werde nicht krank. Das hat sich, seit ich mit DMT zu tun hab, erledigt. Ich war früher schon viel krank. Hatte als Kind auch chronische Borreliose und hab auch klassisch öfter im Jahr die Grippe gehabt, von Nieren-, Becken- und Blasenentzündungen ganz zu schweigen. Ich bin da genauso geschädigt gewesen wie jeder andere auch. Aber dann hab ich schon vor Längerem angefangen, mit der Ernährung zu arbeiten. Wenn man viel mit DMT und Ayahuasca zu tun hat, dann hat man auch das Gefühl, dass sehr viele Sachen im Körper und in den Organen wohnen, wo man es merkt, wenn die Flüsse nicht passen oder irgendwo Wunden sind, die heilen wollen. Die kann man dann gezielt ansteuern und dadurch stark unterstützen. Ich programmiere das bei mir jetzt mal so, dass ich keinen Arzt brauche. Denn die Medikamente, die es gibt, würden nur meine Möglichkeiten blockieren, mit Ayahuasca zu arbeiten. Es sind halt Chemikalien. Außerdem erlebe ich nur noch leichte gesundheitliche Schwankungen, die aber mit der Frequenz zusammenhängen, in der ich gerade schwingen und wirken kann. Tatsächlich geht’s mir im Winter besser denn je. Da bin ich allein und ungestört und es gibt nur wenig zu tun. Dann kann ich über Tage schweigen und in Innenräume gehen, in denen ich vor Freude und Inspiration nur so sprühe. Im Sommer, mit Interaktion und Ablenkung und vielen Leuten, ist es anspruchsvoller, das Lichtprogramm zu halten. Darum ist auch die Höhle mein Ziel.


Wie regelst du das mit der Bürokratie in Deutschland?

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Aber ich will die Grenze der Grenzen überschreiten, nach den Sternen greifen und schauen, wie weit es geht

Ich war letztens schon für einen Monat abgemeldet, weil’s einfach keine Adresse gab. Aber ja, wenn’s dann soweit ist, dann wird mir das einfach egal sein. Für jemanden, der immer pünktlich war und immer alle Papiere abgegeben hat, ist das schon ein großer Schritt. Das sind nur Papiere; eine Krankenversicherung brauche ich auch nicht. Für mich hört dann auch diese Welt auf, die Maschinen, Papiere und Bürokratie braucht.

Einfach immer etwas schöner hinterlassen, als man es vorgefunden hat. Nachdem hier auch so viel möglich ist, wär’s natürlich schön, wenn der Wagen hier sozusagen als Museum erhalten bliebe. Aber da werden sich schon Möglichkeiten finden. Wünsche in dem Sinn habe ich nicht, weil ich sie mir selber erfülle; weil ich nicht von irgendwas Äußerem abhängig bin und ohnehin davon ausgehe, dass ich es hinkriege, irgendwann ganz ohne Geld zu leben. Bis jetzt bekomm ich ja noch vom Amt den Minimalsatz, wenn ich dann letztendlich in meiner Höhle alles installiert habe, dann braucht’s nichts mehr aus dieser Welt. Da wird man dann völlig unabhängig und frei.


146

autor Florian Marx, Philipp Lorenz, Pavlo Pokhorovskyy    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Pavlo Pokhorovskyy, Moritz Schinn, Rasmus Walter spotpreis

/

monoton


spot

preis


148

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt spotpreis

/

monoton


Die Nadel kratzt auf dem Vinyl / In jeder Form ein HochgefĂźhl / Magnetisch und auf Band / Goldner Preis trifft Widerstand / Underground als Nostalgie / Belebt durch neue Euphorie


monoton / goldschnitt spotpreis autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 150 150

Seit die Grenze zwischen Erfolg und Bekanntheit in den Weiten des Internets verschwimmt, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Preises

1942, 10. Februar: Marschmusik scheppert aus den Volksempfängern deutscher Wohnküchen; erst vor wenigen Wochen

sind die USA in den Krieg eingetreten. Viele Musiker und Künstler haben das Land längst verlassen – Bertolt Brecht lauscht seinem Geburtstagsständchen im kalifornischen Exil. An der anderen Küste der USA erhält der Jazz-Musiker Glenn Miller während einer LiveRadiosendung in New York die erste Goldene Schallplatte, eine symbolische Anerkennung seiner Plattenfirma RCA-Victor für 1,2 Millionen verkaufte Exemplare. Es ist die goldene Ära des Jazz; Vinyl wird für viele zum schwarzen Gold einer neuen Epoche: Die Zeit der großen Labels und ihrer internationalen Superstars. 2018, Montagmorgen: acht Uhr. Florian Baessler wirft sich aus dem Bett und putzt Zähne. Die

Gitarre unter dem Arm geklemmt und ab zum ersten Termin – das Tonstudio wartet. Abends noch Papierkram und Steuern erledigen. Er mag gelassen wirken, doch sein Zeitplan ist bis oben hin voll: Gigs, Büroarbeit und Familie. Der Musiker Baessler, alias Wilder Pilger, ist kein Weltstar, ist auch nicht sein Ziel: «Ich arbeite als Musiker nicht für Bekanntheit, sondern für Geld. Wenn du viele Leute erreichen möchtest, egal, wie viel du dabei verdienst, dann musst du das anders angehen als ich. Mir reichen 20 000 Menschen, die mich kennen und hören. Ich möchte einfach nur genug Geld verdienen, um meine Miete zu bezahlen. Du musst der Musik selbst einen Wert zuweisen.»


Baessler kennt seine Zielgruppe: Er spielt seit knapp zwanzig Jahren in Bars und Clubs, auf Events und Geburtstagsfeiern. Während im selben Zeitraum die Plattenverkäufe weltweit einbrechen und zahlreiche Bands auf der Straße landen, kann der Songwriter heute von seinen lokalen Auftritten leben – ohne Label und Vermarktungsstrategie im Rücken. «Für den Laien ist die Goldene Schallplatte der Garant für: Du bist jetzt total erfolgreich. Ich kenne diverse Musiker, die Goldene Schallplatten haben und alles andere als erfolgreich sind. Awards zeigen nur deinen Erfolg in einem bestimmten Augenblick und verlieren mit der Zeit an Wert. Ich würde also

Drinnen wird gewühlt, gefeilscht und mit dem Kopf genickt

sagen: Goldene Schallplatte privat geil, aber geschäftlich eher nix. Wichtiger sind zum Beispiel Beziehungen, die du hast.» In Deutschland wird die Goldene Schallplatte erst seit den 1970ern vergeben. Mit dem Bundesverband der

Musikindustrie entscheiden letztlich die größten Labels selbst darüber, wie viele Einheiten ein Künstler verkaufen muss, um die werbewirksame Auszeichnung zu erhalten. Das klingt nicht nur nach Günstlingswirtschaft und Eigennutz. Seit die Grenze zwischen Erfolg und Bekanntheit in den Weiten des Internets verschwimmt, stellt sich tatsächlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Preises. Die Zeit, als Vorschüsse wie Sektkorken auf Konferenztischen knallten, endeten mit den 1990ern. Erst stirbt Tupac an MP 5, dann die CD an MP 3.


monoton / goldschnitt spotpreis autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

2018, 21. April, International Record Store Day: Ein satter Bass

152 152

wummert zufrieden aus der offen stehenden Tür eines kleinen Plattenladens in Neumarkt. Draußen in der Sonne zwei voll besetzte Bierbänke; es wird gefachsimpelt. Vorbeigehende Passanten grüßen freundlich – man kennt sich. Die Stimmung ist ausgelassen. Drinnen wird gewühlt, gefeilscht und mit dem Kopf genickt. Hinter den Lautsprechern steht Benny, alias MF Eistee. Er ist DJ und Produzent von Hip-Hop-Instrumentals, sozusagen nebenberuflich. Das Album, an dem er gerade zusammen mit seinem Freund Loop Schrauber arbeitet, entsteht auf dem Laptop, wird allerdings auf Vinyl erscheinen: «Ich liebe Platten, bin selbst Sammler und kann meine freie Zeit damit verbringen, sie zu hören und gemeinsam mit Freunden etwas Neues aus ihnen zu erschaffen. Mir war immer nur wichtig, dass meine Musik auf

Platte rauskommt. Ich habe nicht das Ziel, mich beruflich davon abhängig zu machen – wieso auch? Geld ist relativ, da ich einen gut bezahlten Job habe.» Die Platte ist als Tonträger schon in den 1980ern angezählt. Die ersten Hip-Hop-DJs ver-

wandeln sie in neue Instrumente und erschaffen so ganz nebenbei eine neue Musikrichtung. In erster Linie ging es einfach darum, mit Menschen friedlich zusammenzukommen, um die kriegsähnlichen Zustände der Bronx durch Selbstorganisation zu überleben. Die ersten Raps waren Shout-outs, ein Gruß an andere Partygäste. Später, als MCs ihre ersten Zeilen vortragen, geht es in ihnen vor allem um Haltung, Werte und Respekt. Die Gemeinschaft wächst und gedeiht. Einen guten Teil der auf 200 Stück limitierten Vinyls wird Benny selbst unter Gleichgesinnte bringen und nebenbei neue Projekte anstoßen – im ursprünglichen Sinn der Kultur, die bis heute im Underground gepflegt wird und der Kommerzialisierung von jeher kritisch gegenüber steht.


«Am besten finde ich», so Benny, «dass man viele neue Leute kennenlernt und im ganzen Land auf coole Veranstaltungen kommt, zum Beispiel bald in Hamburg. Darin liegt für mich persönlich der größte Wert. Der Underground ist sehr wichtig, ich zähle mich selbst mal dazu. Ich würde jetzt aber nicht von mir behaupten, dass Hip-Hop meine Lebenseinstellung ist. Ich hab auch Freunde, die damit nichts anfangen können und höre selbst auch viel andere Musik, vor allem Jazz. Vieles von dem, was momentan gehyped wird, macht auch mich alles andere als stolz. Den Generationskonflikt gibt es schon immer und der ist auch wichtig für die Weiterentwicklung des Genres.» Hip-Hop ist mittlerweile vierzig Jahre alt und braucht sich über auf müpfige Kinder eigentlich nicht beschweren.

Die Zahlen sprechen für sich: Rap-Alben steigen reihenweise in den Top Ten ein und beim Streaming, dem stärksten Wachstumsmarkt, bricht Hip-Hop derzeit Rekorde. Das Online-Angebot erzielt mittlerweile fast die Hälfte des Umsatzes, Tendenz: streng polyphon steigend. Es gibt Spotify-Millionäre, Hits erreichen Diamantstatus, die Goldene Platte ziert Instagram-Profi le und Hochglanzvideos auf Youtube erreichen Kultstatus. Viele Künstler werden über Nacht berühmt. Ohne fachkundige Unterstüzung verschwinden die meisten genauso schnell wieder. Die goldene Formel für Erfolg entwickelt sich weiter und mit jeder neuen Plattform kommt eine Unbekannte hinzu. «Klar, das Internet bietet quasi unendliche Möglichkeiten. Ich hab damals

auch mit Soundcloud angefangen und nutze außerdem auch Bandcamp und Spotify. Mittlerweile arbeite ich auch mit Labels zusammen, meistens kleineren Unternehmen, die sich aus der Szene heraus gegründet haben. Ohne Label wäre es für mich sehr schwierig, meine Musik auch auf Platte rauszubringen. Und wenn man mit Spotify Geld verdienen will, muss man es in große Playlisten schaffen, was ohne gute Labelarbeit fast unmöglich ist.»

Online sinken die Preise, Konzerte und Festivals haben Hochkonjunktur. Schallplatten gehören wieder zum guten Ton


monoton / goldschnitt spotpreis

Am Ende geht es also doch wieder um Kontakte: Online sinken die Preise, Konzerte und Festivals haben Hochkonjunktur und Schallplatten gehören bei Neuveröffentlichungen wieder zum guten Ton, oft in liebevoll designten Boxen. Ob die Qualität bei so viel Auswahl auf der Strecke bleibt, muss jeder selbst beurteilen. Im Schatten der Schallplatte erlebt ein anderer, totgeglaubter Tonträger seine Renaissance: die Audiokassette. Für viele

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Underground-Labels stellt sie die goldene Mitte zwischen wertloser MP 3-Datei und teurem Vinyl dar. «Wir sind der Ansicht, dass das digitale Zeitalter – so sehr wir es schätzen – Kunst, Literatur und Musik ein bisschen das Gesicht geraubt hat», beschreibt Rostislav Klulchitskiy, einer der drei Gründer und Betreiber von Silhouette Tapes, die Sichtweise vieler Musikliebhaber. «Alle Label-Mitglieder kommen aus einer Zeit, in der es nur physikalische Tonträger gab; deshalb stand auch nie zur Debatte, auf digitale Medien zurückzugreifen. Als Sammler und Liebhaber freut es uns eben auch, Gleichgesinnten etwas Besonderes zu geben.»

154 154

Selbst Major-Labels haben in den letzten Jahren wieder Alben auf Kassette rausgebracht; trotzdem bleibt sie ein Nischenprodukt. Kontakte in der Branche sind meistens persönlich, die vertretenen Genres fernab des Mainstreams. Geringes Produktionsbudget und niedrige Auflage erfordern eine exakte Kalkulation. Bei aller Leidenschaft sind nur die Wenigsten bereit, für ein Tape mehr als zehn Euro auszugeben.

Das digitale Zeitalter hat Kunst, Literatur und Musik ein bisschen das Gesicht geraubt


Nur die erfolgeichsten Vertreter der Zunft schaffen irgendwann den Sprung zum Plattenlabel. Die verbliebenen Presswerke sind

mittlerweile von den Big Playern belegt. «Wir betrachten das Label momentan eher als Hobby», so Rostislav. «Für alle Labelmitglieder ist die Musik eine Leidenschaft, die einen dazu verleitet, seine künstlerische Seite zu offenbaren. Sollte unser Konzept weiterhin gut ankommen, würden wir uns auch überlegen, den nächsten Schritt zu wagen.»

Nostalgie liegt im Trend, doch die muss man sich eben auch leisten können. Die Größen der Musik industrie haben das erkannt und sorgen in den Nischenmärkten für steigende Preise. Trotzdem wächst die Independent-Szene und sorgt mit innovativen Konzepten für Vielfalt. 2018 wurde die geforderte Stückzahl an verkauften Einheiten für die Goldene Schallplatte nach jahrelangem, kontinuierlichen Rückgang hochgesetzt – es herrscht wieder Goldgräberstimmung. Der wahre Wert von Musik indes bleibt auch in Zukunft eine Frage der persönlichen Empfindung.


156

autor Rasmus Walter    bild Rasmus Walter

gew

feingewicht

/

unterton


fein

wicht


158

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn feingewicht goldschnitt

/

monoton unterton


Dass Geschmack doch käuich ist / Wissen viele Leute nicht / Pfeffer, Curry, Paprika / Auch bekannt als Klassiker / Langsam wird entdeckt / Wie der Rest der Welt so schmeckt


monoton unterton / feingewicht goldschnitt autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 160 160

Der Duft von 1001 Gewürzen durchströmt das Backsteinhaus in der Hamburger Speicherstadt. Unwillkürlich beginnt der Besu-

cher im Meer der roten Steine Safran, Chili und Paprika in jeder nur vorstellbaren Nuancen zu entdecken. In seiner Fantasie formt sich eine Szene aus dem Orient oder dem fernen indischen Subkontinent: von Männern, die in bunten Gewändern Kamele beladen, von Segelschiffen mit prall gefüllten Säcken, von feilschenden Händlern, die wild gestikulierend mit fremd klingenden Lauten ihre Ware feilbieten. 1993 gründete Viola Vierk das Spicy’s, das erste Gewürzmuseum der Welt. «Ich bin von diesen vielen Nuancen fasziniert», so Vierk. «Mit kleinen Mengen Gewürzen kannst du Essen so vielseitig machen. Allein bei Pfeffer gibt es knapp 700 Sorten. Du machst dir ein Frischkäsebrot und streust etwas Langen Pfeffer darauf. Da ist keine große Kunst dabei und trotzdem ein unglaublicher Geschmack.» Langsam steigt in Deutschland das Interesse für die Welt der Gewürze. 120 000 Tonnen gelangen jährlich aus den Herstellungsländern wie Indien, Afrika, China und Osteuropa nach Deutschland, davon mehr als zwei Drittel nach Hamburg. Pfeffer, Paprika, Curry und Kräuter der Provence – damit sind

die meisten Gewürzregale Deutschlands bestückt. Doch einmal erfasst vom Zauber der Gewürze und ihrer Vielfalt, ist es schwer, wieder nur mit Salz und Pfeffer zu kochen. Nebenbei bemerkt: Salz ist ein Mineral und ein Würzmittel, kein Gewürz. Würzmittel verbessern den Geschmack oder machen Lebensmittel bekömmlicher – wie auch die Gewürze. Allerdings stammen Gewürze immer von einer Pflanze, also aus Blättern, Blüten, Rinde, Wurzeln, Früchten oder Saft, frisch oder getrocknet.

In seiner Fantasie formt sich eine Szene aus dem Orient: von Männern, die in bunten Gewändern Kamele beladen, von Segelschiffen mit prall gefüllten Säcken


«Was nützt dir ein mega teures Filet, wenn es nicht richtig gewürzt ist», sagt Irma Schröder von der Gewürzmanufaktur Masala. «Viele unserer Kunden haben auf Reisen kulinarische Erfahrungen gesammelt und möchten das gerne zu Hause nachkochen oder staunen einfach über die Möglichkeiten. Wir haben über zwanzig Currys, aber eben auch Gewürze für Bratkartoffeln und Gemüsebrühe.» Heute setzen mehr und mehr Manufak turen auf Qualität – im Angebot allerhand ausgefallene Gewürze. Doch nicht jeder ist Kochprofi oder hat Lust lange zu experimentieren. Deswegen sind gerade Gewürzmischungen als einfache Alternative klar im Trend. Manufakturen heben sich vom Massenmarkt ab mit frisch verarbeiteten Gewürzen in großer Auswahl. Sobald ein Gewürz ge-

mahlen wird, verliert es an Aroma. Discounter setzen auf Masse mit Eigenmarken, sogenannten WhiteLabel-Produkten. Auch im Gewürzhandel gilt: Masse macht den Preis.

Einmal erfasst vom Zauber der Gewürze und ihrer Vielfalt, ist es schwer, wieder nur mit Salz und Pfeffer zu kochen


monoton unterton / feingewicht goldschnitt

Gewürze stammen immer von einer Pflanze, also aus Blättern, Blüten, Rinde, Wurzeln, Früchten oder Saft, frisch oder getrocknet

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Curry, die weltweit bekannteste Gewürzmischung, hat ihren Ursprung in Indien; mittlerweile existieren in ganz Asien zahlreiche Varianten. Diese Mischung aus den fünf Grundgewürzen: Koriandersamen, Kreuzkümmel, Bockshornklee, schwarzer Pfeffer und Kurkuma, das für die typische gelbe Farbe sorgt, wird um alle erdenklichen Gewürze und Kräuter erweitert, um jedem erdenklichen Geschmack zu genügen.

162 162

Die Tür öff net sich, im Kühlschrank Chilis so weit das Auge reicht – große, kleine, Flocken, ganz oder gemahlen, alles, was das Herz begehrt. Viele weitere Kauf- und Partiemuster füllen bei Luzius & Stühff Schrank um Schrank, doch Chili sollte gekühlt werden, damit es frisch bleibt. «Wir sind ausschließlich im B2B-Geschäft tätig», so Inga Heuer, Geschäftsführerin bei Luzius & Stühff. «Qualität und deren Dokumentation spielen heute eine immer größere Rolle. Wir arbeiten aus diesem Grund eng mit Produzenten vor Ort zusammen, mit dem Ziel die Rückverfolgbarkeit bis zum Feld zu gewährleisten. Das ist wichtig für Großkunden, aber auch beim Endkunden. From Field to Fork wird immer beliebter. Die Leute achten heute mehr auf die Herkunft und Qualität ihres Essens und das gilt natürlich auch für Gewürze.»



monoton unterton / feingewicht goldschnitt autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn 164 164

150  000 bis 180  000 getrocknete Krokusse ergeben ein Kilo Safranfäden

Der Qualitätsanspruch der Verbraucher steigt, ebenso der Wunsch nach mehr Bio-Produkten; doch Naturkatastrophen und

schlechte Witterungsbedingungen sorgen für Knappheit vieler Produkte. Vanille ist das beste Beispiel dafür: Der Preis hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als verzehnfacht. Hinzu kam 2017 der Zyklon Enawo über Madagaskar. Das teuerste Gewürz ist und bleibt Safran: Für den Rohertrag von einem Kilo getrockneter Safranfäden benötigt man 150 000 bis 180 000 Krokusse, aus denen per Hand die drei Blütenstempel geerntet werden.


Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich Gewürze auch in der Medizin. Schon vor 5000 Jahren in der ayurvedischen Heilkunde angewandt und mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, erzielen Gewürze positive Effekte auf den Körper. Zimt stabilisiert den Blutzucker und reduziert den Triglycerinspiegel, Kurkuma wirkt cholesterinsenkend, entzündungshemmend und hilft gegen Magen-DarmBeschwerden und Hautkrankheiten. Die Liste ist schier endlos. Für Katharina Wilck, Geschäftsführerin von 1001 Gewürze, gehören Genuss und Freude an einem guten Essen zum täglichen Leben: «Und die Basis kann ja eine ganz simple sein: ein schöner BasmatiReis, Pasta, Pellkartoffeln – all diese Gerichte werden mit guten Gewürzen zu einem fantastischen Essen. Frische Gewürze sind heute nicht mehr so teuer. Sie kosten zwar oft etwas mehr als das Massenprodukt aus dem Laden, schmecken auch viel intensiver und sind dadurch am Ende vielleicht sogar das bessere Geschäft als das vermeintliche Schnäppchen».


166

autor Michael Thiermeyer    bild Felix Birkenseer papiergold

/

polyton


papier

gold


168

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt papiergold / / monoton polyton


Türen schließen, U-Bahn rauscht / Stadt drückt mich ans Fenster / Licht mit Schatten ausgetauscht / Schweben wie Gespenster / Einsam steht bei mir die Angst / Bald getauscht mit neuem Glanz


170 170

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Die Stadt drängt dich hinein, ins flirrende Leben. Ihr Sog zieht dich an: Sehnsucht

goldschnitt papiergold / / monoton polyton



172 172

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt papiergold / / monoton polyton

Dein Traum treibt dich voran, jeder Herzschlag pocht ans Ziel, mächtig, glänzend: Erwartung



174 174

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

Du kämpfst, du funktionierst und gibst alles. Der Glanz verglimmt, dein Traum zerschellt: Einsamkeit

goldschnitt papiergold / / monoton polyton



176 176

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn goldschnitt papiergold / / monoton polyton

Schimmer scheint im Morgenlicht. Dein Traum erwacht, der Sog erstarkt, überstrahlt den Staub. Die Seele ruft: Gold



178 sponsoren

/

grundton


sponsoren Vielen Dank an unsere Sponsoren und Werbepartner; ohne sie wäre dieses Projekt nicht realisierbar


Ideen werden

Wirklichkeit.

Druck und Veredelung | XL-Print-Factory – Werbetechnik DirectMail Dialogmarketing | Softwarelösungen | Fulfillment

www.frischmann-net.de

Frischmann Druck und Medien GmbH & Co. KG Sulzbacher Str. 93 92224 Amberg

T +49 9621 67 15-0 F +49 9621 67 15-15 info@frischmann-net.de


Deine Hochschule. Dein Campus. Deine Zukunft. Alles in deiner Nähe! Erfahre mehr ßber das Studium an der OTH Amberg-Weiden und besuche uns auf: www.oth-aw.de/studieren


Das machen wir nicht… …alles andere schon. Let your ideas shape the future. Bei Continental bieten wir spannende Aufgaben und ein dynamisches Umfeld für smarte, innovative Menschen, die Ideen zum Leben bringen - egal wo sie in ihrer Karriere stehen. Unser breites Portfolio und unsere Expertise kombiniert mit Ihrem persönlichen Beitrag machen es möglich, erfolgreich die innovativsten Mobilitätslösungen zu entwickeln - und das schon seit 1871. Als Teil unseres internationalen Teams haben Sie die Freiheit die Zukunft der Mobilität mitzugestalten.

www.continental-careers.com


Siemens Healthineers am Standort Kemnath

Exzellente Qualität in medizintechnischen Komponenten Die Produktpalette der Kemnather Medizinpioniere in der Mechatronik reicht von Komponenten der Labordiagnostik bis hin zur Robotik im OP. Innovative Produktionsprozesse, hochmoderne Ausstattung, exzellente Mitarbeiter und Industrie 4.0 Konzepte erzeugen am Standort permanente Produktivitätssteigerungen und wurden unter anderem mit dem Preis „Fabrik des Jahres“ ausgezeichnet.

siemens.de/healthineers



Studieren ist einfach. Wenn Sie einen Finanzpartner haben, der Sie auf Ihrem Weg begleitet und unterstĂźtzt. Entdecken Sie unsere Angebote fĂźr Studenten.

sparkasse.de

standard_2016.indd 1

12.06.2017 14:57:48


Bequem ist einfach.

sparkasse-amberg-sulzbach.de

Wenn das Konto zu den Bedürfnissen von heute passt.

Wenn’s um Geld geht

 Sparkasse Amberg-Sulzbach 004_Spk_Anzeige_Bequem_ist_einfach_DIN-A5_quer.indd 1

16.03.16 09:46

Newcomer Award 2018 Der BJV sucht Dein bestes Foto

Beruf: Student/in oder Absolvent/in einer bayerischen Hochschule oder Universität, Fachrichtung Journalistik oder Gestaltung Alter: bis 35 Jahre

Preisgeld: 1000 Euro Einsendeschluss: 3. Oktober 2018 Infos und Anmeldeformular: www.bjv.de/pressefoto2018

Ein Wettbewerb des Bayerischen Journalisten-Verbandes e.V. facebook.com/bjvde

twitter.com/bjvde


AUTOS LI EBEN UN S

Rundum sauber und dabei immer trocken bleiben! In Bayerns erster Indoor Waschstrasse reinigen Sie ihr Fahrzeug in Vollendung. Modernste Textilwaschtechnologie garantiert eine lackschonende Aussenpflege auf 42 Metern Länge.

IN D O O R WAS C H ST RASS E • • • • • • •

saisonal abgestimmte Pflegeprogramme berührungslose Hochdruckvorreinigung kostenfreie Innenreinigung 24 Indoor-Stellplätze mit Saugern & Druckluft 4 kostenfreie Mattenreiniger 3 TORNADO-Aufbereitungspistolen Verkaufsautomat mit Reinigungsprodukten

S B - P F LEG EC E N T E R • • • • •

WASHIN Amberg Sulzbacher Strasse 100 92224 Amberg

5 SB-Waschboxen mit Powerschaum ideal auch für Zweiräder 5 Stellplätze mit Saugern & Druckluft kostenfreier Mattenreiniger 2 TORNADO Aufbereitungspistolen

096 21 - 915 80 50 info@washin-amberg.de http://washin-amberg.de

Öffnungszeiten: Mo - Sa: 08:00 - 20:00 Uhr So: 12:00 - 19:00 Uhr


Preisträger


Verein der Amberger Freunde der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden e.V. Seit 1995 unterstützt der Verein die Entwicklung der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden durch ideelle und finanzielle Beiträge, die durch das Budget nicht abgedeckt sind. Für Prämien besonderer Leistungen der Studierenden, für Zuschüsse bei Forschungsprojekten, für die Realisierung des Technologiecampus. Mit Ihrem Beitritt als Unternehmen oder Privatperson leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur regionalen Stärkung des Standortfaktors Bildung und Ausbildung. Besuchen Sie unsere Homepage unter: www.oth-aw.de/forschen-und-kooperieren/partner-netzwerke Dr. Erich Voss, 1. Vorsitzender Ammerthaler Straße 10, 92260 Ammerthal, Telefon 09621/25275 E-Mail: freunde.oth-amberg@oth-aw.de

STAUFER-BAU

Bauunternehmen Baustoffhandel mit Lagerhaus

RIEDEN · Tel. (0 96 24) 92 13-0

Zum 125-jährigen Jubiläum gratulieren wir!

lionstag medientechnik & -produktion Ihr Partner für + medien- & veranstaltungstechnik + bühnenbau ı rigging ı broadcast + eventstreaming ı livebildprojektion + verkauf ı planung ı handel ı installation + service ı beratung ı schulung + LED-Lichtplanung: Lampen für Haus, Hof, Garten und Büro info@lionstag.de www.lionstag.de

Tel. 09188 307 35 25 Fax 09188 307 35 26

Stockäckerstraße 2 92353 Postbauer - Heng


190

autor Moritz Schinn    bild Felix Birkenseer, Steven Lauenroth, Moritz Schinn

impressum

impressum goldschnitt

//

grundton monoton


Betreuer Prof. Dr. Michael Thiermeyer Fabian Baumgartner

Layout Alisa Friedl Dominik Huber Michael Lehner Pavlo Pokhorovskyy Patrizia Renten Julia Riedl Nina Schneider

Illustration Elisabeth Iglhaut Vera Kaltenecker

Marketing Felina Augustin Anna Basener Raphael Gruber Daniel Kann Daniel Landgraf Steven Lauenroth Julia Riedl David Rieß Marina Schießl Peter Stosik Rasmus Walter Florian Weiß

Video Felina Augustin Tim Auzinger Katja Beschle Fabian Donhauser Sven Hegen Benedikt Holzapfel Michael Lehner Lisa Peter Lena Prinz Robin Scherm Marina Schießl Peter Stosik Hannes Sulzberger Rasmus Walter

Fotografie Felix Birkenseer Steven Lauenroth Moritz Schinn Rasmus Walter

Redaktion Josepha Immler Daniel Kann Steven Lauenroth Florian Marx Christoph Molthagen Philipp Ries Moritz Schinn Anna Sturm

Social Media Fabian Galas Philipp Ries Felix Zuppe

Text Goldschnitt Goldstandard Good Delivery Goldader Feinunze Stempelglanz Königswasser Spotpreis Feingewicht Papiergold Polierte Platte Arbitrage Bullion Rotgold Agio Blattgold Mikron Golden Triangle Nennwert Punze Erstabschlag Grain Rallye

Moritz Schinn Jonas Reinhuber Christoph Molthagen Daniel Kann Steven Lauenroth Moritz Schinn Josepha Immler Florian Marx, Philipp Lorenz, Pavlo Pokhorovskyy Rasmus Walter Michael Thiermeyer Anna Sturm Daniel Kann Philipp Ries Anna Sturm Steven Lauenroth Moritz Schinn Florian Marx, Teresa Wienand Steven Lauenroth, Moritz Schinn, Rasmus Walter Moritz Schinn Sophia Brandl, Christoph Molthagen Christoph Molthagen Moritz Schinn, Philipp Ries Anna Sturm





Millions discover their favorite reads on issuu every month.

Give your content the digital home it deserves. Get it to any device in seconds.