#2 | Schmitz Schwarz

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schmitz

Schwarz



sch mitz schwarz editorial

Editorial »Schmitz noir« will seinen Vorgänger in den Schatten stellen – deshalb ist er auch größer, schwerer und um etwa 80 Prozent »schwärzer«. Was macht den Inhalt eines Magazins schwarz? Genau: eine Montage aus tragischen Geschichten, dunklen Ereignissen und schwarzem Humor. Vorhang auf für erstaunliche Meinungen, erschreckende Informationen und erfreuliche Empfehlungen.

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Editorial

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Inhalt

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Musik Es wird dunkel am Ende der Tonleiter

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Im Comic

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Papercraft Steht von alleine!

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Im porträt

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Farbe bekennen Tief Luft holen

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Im Detail Süße Schnecken

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Kurioses

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Vox Populi Die politisch korrekte Bezeichnung

Impressum

Neulich hab ich gehört...

Wer eine Mahlzeit zu schätzen weiß

Im Spiegel des Schmitz


in halt

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polyton

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Mut zur Armut Ein Leben in Askese

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Hochspannung zum Abschied Den Schalter umgelegt

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Brecht mit Busen Die Lebensader der Nacht

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Weihnachten in Freiheit Rente nach 37 Lehrjahren

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Exitus im Rachen Erster! Am Unfallort

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Wiedersehen in Rosa Ein Abend unter Schwestern

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Absprung statt Abgang Gestank der Vergangenheit

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Spielen unter Beschuss Fern des Terrors



Zur T채glich heisst es verzichten. Hedwig, 35 Jahre, versucht genau auf diesem Weg ihre innere Freiheit zu finden. Seit fast zehn Jahren lebt die junge Wienerin in einem christlichen Orden in N체rnberg.


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Mit dem Fahrrad fährt Schwester Hedwig zur Abeit –  wie jeden Tag. Drei Kilometer radelt sie bis zum St. Theresien-Krankenhaus in Nürnberg. Die gebürtige Wienerin hat sich für ein Leben in einem christlichen Orden entschieden: ein Leben mit Gott. Dabei gehört die Arbeit als Krankenschwester genauso zu ihrem Alltag wie das Beten. Die Mitgliederzahlen in Europas Orden sinken seit Jahren. Immer weniger junge Leute sind bereit sich für ihren Glauben vollkommen zu unterwerfen und nach dem Beispiel Jesu Christi zu leben. Allein die drei Gelübde, die jeder beim Eintritt in einen Orden ablegen muss,

wirken auf die meisten wohl beklemmend: Leben in Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam.

Erst auf die Eliteschule Schwester Hedwig ist ihrem Orden mit 26 Jahren beigetreten: dem Orden der Schwestern vom Göttlichen Erlöser. Zuvor hat sie in Wien Abitur gemacht, eine dreijährige Ausbildung zur Grundschullehrerin abgeschlossen, ein Studium in Soziologie und Ethnologie begonnen und nebenher im SOS-Kinderdorf gearbeitet. Ihr Weg in den Orden


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Wenn ich mal

Lust

habe auf Schokolade, dann muss ich auch bereit sein, am Ende des Monats Rechenschaft abzulegen

zeichnete sich schon in ihrer Kindheit ab: Sie wurde von ihren Eltern auf eine Schwesternschule geschickt, die sich ganz in der Nähe ihrer damaligen gemeinsamen Wohnung befand. Nicht der Glaube der Eltern war entscheidend für die Wahl der Schule – allein der gute Ruf, den die Schwesternschule Anfang der 80er Jahre in Wien genoss, spielte eine Rolle. Durch den engen Kontakt und die dort entstandenen Freundschaften waren die Schwestern von Anfang an wie eine erweiterte Familie für sie. So war der Schritt nicht mehr weit, später einem Orden beizutreten. Schwester Hedwig lebt heute bei den Schwestern vom Göttlichen Erlöser in der Oedenberger Straße in Nürnberg. »Ganz am Anfang konnte ich es auch noch nicht so richtig einschätzen«, sagt sie. »Da hätte ich gedacht, man hat einfach gar nichts.« Ihre Stereoanlage hat sie einer Freundin geschenkt. Der Besitz aus ihrem

Leben vor der Zeit im Orden, wurde Kollektiv der Gemeinschaft. Mit dem Ablegen der Gelübde, auch Profess genannt, muss sich jede Ordensschwester schriftlich einverstanden erklären, ihren gesamten Besitz mit der Gemeinschaft zu teilen; das schließt selbst das Erbe ein.

Schuhe, Mantel – alles Kram Armut heißt, einen einfachen Lebensstil zu pflegen, so Schwester Hedwig. Verbrauchsgüter wie Toilettenpapier, Mahlzeiten und Getränke für alle, werden in der Regel von dem Haushaltsgeld der Gemeinschaft bezahlt; für Shampoo, Duschgel, Zahnpasta zahlt sie selbst. Dafür bekommt sie ein monatliches Verfügungsgeld. Am Monatsende muss sie dann offenlegen, wofür sie ihr Geld eingesetzt hat. »Wenn ich mal Lust habe auf eine Kleinigkeit, Schokolade, Eis, heiße Maronen,


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dann muss ich auch bereit sein, am Ende des Monats Rechenschaft abzulegen«, sagt Schwester Hedwig. »Das ist dann schon okay. Nicht aber so Zeug wie Schuhe oder einen Mantel.« Ein Handy hat die Ordensschwester nicht; darauf kann sie leicht verzichten, wie sie selbst sagt. Etwas schwerer wird es bei Dingen, die sie wirklich gerne hätte: »Die gehen mir dann immer wieder im Kopf rum.« Unlängst war es eine Eulen-Tasche, die sie an den Punkt brachte sich zu verinnerlichen, dass sie den Weg des einfachen Lebensstils gewählt hat. Ihr bleibt die Möglichkeit mit einem Begleiter darüber zu sprechen. Denn, wie sie sagt, wird es oft ein Stück einfacher damit umzugehen, wenn sie Dinge ins Gespräch bringt. »Manchmal können wir uns auch etwas wünschen. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag, aber immer im Rahmen. Ich werde jetzt keinen Ferrari kriegen, aber die Eulen-Tasche hätte Chancen.«

Hinaus in die weite Welt Innerhalb eines Ordenslebens stehen jeder Schwester gerade einmal drei Wochen Urlaub im Jahr zu. Insgesamt darf sie nur zwei größere Auslandsfahrten antreten. In dieser Zeit sind die Schwestern dann »frei« und dürfen die Ordensgemeinschaft verlassen. Ziele für den Aufenthalt sind: Urlaubshäuser oder die Familie; nicht aber

irgendein beliebiges Hotel, nicht einmal im eigenen Land. Möchte eine Schwester ihren Urlaub dennoch gerne an einem anderen Ort verbringen, kann sie ihre vorgesetzte Schwester darum bitten. Schwester Hedwig hat eine der zwei Auslandsfahrten bereits hinter sich: Im Herbst 2011 war sie für eine Woche in einer ökumenischen Gemeinschaft in Frankreich. »Ich dachte auch, es ist etwas früh«, schmunzelt sie. Somit bleibt in ihrem Leben als Ordensschwester nur noch ein Auslandsaufenthalt und den wird sie sich aufsparen: »Ich denke, dass ich mich jetzt einfach wieder in die Pläne und Gegebenheiten einfüge.« Gegeben ist in ihrem Alltag zum einen die Arbeit im Krankenhaus, zum anderen das Leben in einem christlichen Orden – beides verbunden mit Gott, fernab von finanziellem Reichtum oder materiellem Besitz, jedoch mit der Freiheit, ihr eigenes Leben so zu gestalten, wie sie es sich in diesem Moment wünscht. Vielleicht reicht ihr tatsächlich der Grundsatz: »Verzicht macht frei und damit innerlich frei für Christus und Mitmenschen«, um unbeschwert und somit »frei« leben zu können.



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37 Jahre verbrachte er hinter Gittern, seit einem Jahr ist er wieder frei: Der Robin Hood aus Bayern verbüßte die längste Freiheitsstrafe Süddeutschlands. Mit 73 Jahren wünscht sich Simon Meister jetzt nur noch ein paar schöne Sommer.


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Herr Meister, wie haben Sie die Weihnachtsfeiertage verbracht? Den Heiligen Abend habe ich am Fischweiher verbracht, außerhalb von Amberg mit meiner Freundin, die ich schon ein gutes halbes Jahr kenne. Ihr Sohn hat dort eine schöne kleine Hütte stehen und dort haben wir Kerzen angezündet, Schampus getrunken und Brotzeit gemacht. So genieß ich das erste Weihnachten nach 37 Jahren. Wie kam es zu so einer langen Haftstrafe? Bei so einer langen Zeit, da meinen die Leute, Wunder was man angestellt hat. Dabei waren es bloß Einbruchsdiebstähle. Ich bin nur in Pfarrhöfe zum Einbrechen gegangen – Pfarrbüros, nicht Kirchen, keine Klingelbeutel oder sakrale Gegenstände; nur den Tresor im Pfarrbüro aufgemacht. Da ist immer hübsch was zu

holen gewesen. Das Geld – 20 000 bis 40 000 Mark – habe ich zum Teil sogar für soziale Zwecke hergegeben. Ich habe Familien zum Essen eingeladen und habe auch ihre Kinder eingekleidet. Bei der Verhandlung damals ist es groß in der Zeitung gestanden: »Der Robin Hood der Austraße«. Aber ich sag auch ganz ehrlich, ich wollte gut dastehen. Von den Leuten aber, denen ich was geschenkt hab, habe ich in den 37 Jahren nicht auch nur einmal eine Geburtstags- oder Weihnachtskarte gekriegt. Warum haben Sie mit den Einbrüchen überhaupt angefangen? Ich bin ein Nachkriegskind: Mein Vater ist im Krieg gefallen, als ich vier Jahre alt

war; meine Mutter ist 1948 gestorben. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Ich war das einzige aufgenommene Enkelkind. Die Oma hat immer gesagt, du bist unser Liebstes. Aber ich habe mich trotzdem gefühlt, wie wenn ich gar nicht dazugehöre. Als ich dann etwa zehn Jahre alt war, habe ich zu meinem Opa gesagt, ich möchte ins Kloster gehen. Meine Großeltern waren glücklich, als sie das gehört haben, denn sie waren sehr katholisch. Ich bin im Kloster auch gleich aufgenommen worden. Ich habe Sachen miterlebt, wofür man heutzutage wirklich bestraft wird. Eine Psychotherapeutin hat einmal gesagt, dass daher auch meine Straftaten kommen. Es gab wohl wirklich


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Man denkt auch an die

Weiber

einen Punkt, an dem ich gedacht habe: »Denen zeig ich’s!«, und dann ist es losgegangen mit den ersten Diebstählen. Also hatten Sie eine eher schlechte Kindheit? Nein, ich würde trotzdem nicht sagen, ich hatte eine schlechte Kindheit. Wenn ich zurückdenke an die Nachkriegszeit, die Währungsreform und so weiter – als der Ami gekommen ist, das war für uns Kinder die schönste Zeit. Meine Großeltern haben mich auch immer unterstützt. Die hätten mir alles gegeben. Aber irgendwann wollte ich einfach immer zehn Mark mehr in der Tasche haben als die

anderen; das ging nur durch Straftaten. Nach meiner Lehrzeit – ich habe Schreiner gelernt – bin ich das erste Mal in Haft gekommen. Das war dann gleich ein Prügel von einer Strafe: ein bis drei Jahre auf unbestimmte Zeit für sieben Diebstähle. Und so ist es dann dahingegangen. Wie war es damals im Gefängnis im Vergleich zu heute? Der Strafvollzug von früher war miserabel und streng. Heutzutage geht man rein und denkt: »Dann mach ich eben schnell ein paar Monate.« Früher war man 24 Stunden lang eingesperrt. Gefangene hatten eine Stunde Hofgang, im Abstand von drei

Metern, mit Sprechverbot und so weiter. Heutzutage gibt es alles im Knast. Es gibt Handys, Saufen, Gift, einfach alles. Früher gab es nur ein Klappbett und eine Bibel für jeden Gefangenen. Viele junge Leute, die heutzutage entlassen werden, nehmen gar nicht mehr so ernst, was es heißt, in so einem Heim wie dem Emma-LampertHaus nach der Haft aufgenommen zu werden. Ich habe sehr großen Respekt vor den Leuten, die es leiten. Worüber denkt man die ganze Zeit nach in so einer Zelle? Man denkt darüber nach, wo man den nächsten Einbruch machen könnte. Aber


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wirklich nur ans Schlechte, nicht ans Gute. Man denkt auch an die Weiber. Noch dazu, wenn man in einem Knast ist, bei dem im dritten Stock Frauen eingesperrt sind. Das ist dann das Thema Nummer eins. Was waren für Sie immer die größten Schwierigkeiten, nachdem Sie aus der Haft entlassen wurden? Den Anschluss, den ich vorher zu bestimmten Leuten hatte, zu meiden. Entlassene Strafgefangene, die ich immer getroffen habe. Da hat es mich erst immer wieder hingezogen; da mach ich jetzt Umwege. Meine Bewährungshelfer haben immer gesagt: »Simon war nie länger als drei Monate draußen.« Jetzt bin ich schon ein Jahr draußen. Und es macht schon viel aus, dass ich keinen Kontakt mehr zu gewissen Menschen habe. Ich möchte auch nicht mehr größer sein als der, vor dem ich stehe. Ich möchte ein normaler Mensch sein. Meine Ex-Frau sagt inzwischen, ich habe mich verändert, bin ruhiger geworden. Früher musste alles stimmen: Als ich früher aus der Haft entlassen worden bin, hatte ich das Gefühl, ich muss alles neu aufbauen. Die erste Zeit habe ich geweint wie ein kleines Kind. Ich schäme mich nicht, wenn ich so etwas sage. Meine Ex-Frau und meine Tochter haben mir geholfen, bis ich wieder im Leben drin war. Wir haben ein gutes Verhältnis, obwohl sie jemand anderen geheiratet hat. Ich respek-

tiere sie und wir sehen uns auch heute oft. Ich möchte nur ein paar mal Weihnachten erleben. Vor zwei Jahren war ich rüstig beinander. Ich hätte Bäume ausreißen können. Jetzt geht’s langsam dahin, man merkt jedes Jahr. Hat Sie etwas anderes motiviert, nicht mehr straffällig zu werden? Bei meiner Entlassung im Januar habe ich gesagt, ich möchte endlich erleben, was Freiheit ist. Und als der Sommer endlich da war und es draußen immer so schön war, wusste ich es. Nach so langer Zeit kann ich nun endlich sagen, ich stolpere nicht mehr. Gab es auch Punkte in Ihrem Leben, an denen es scheinbar keine Hoffnung mehr gab? Im Knast war’s öfter der Fall. Einmal habe ich zwei bis drei Wochen keine Post bekommen. Man fängt viele Brieffreundschaften im Knast an. Plötzlich war Funkstille. Ich wollte dann vom dritten Stock herunterspringen und als ich schon auf dem Geländer gestanden bin, sagte einer: »Bist ja doch zu feige dazu.« In dem Moment bin ich wieder zurückgesprungen. Ich war also wirklich zu feige dazu – Gott sei Dank. Ein anderes Mal wollte ich mich aufhängen, weil mir sämtliche Vergünstigungen gestrichen werden sollten. Zum Beispiel das Basteln oder Theaterspielen,

was das Allerhöchste für mich war. Nur wegen einer Lüge: Jemand anderes hatte behauptet, ich hätte mehr Ware im Schrank als er und nutze andere aus; was aber nicht stimmte. Dann habe ich zu mir gesagt: »Für was machst du das eigentlich alles?« Aber dann ist der Gürtel, mit dem ich mich aufhängen, wollte gerissen. Sind Sie eigentlich bei den vielen Einbrüchen, die Sie gemacht haben, mal auf frischer Tat ertappt worden? Ja, das ist ein bekannter Fall: Fürstenfeldbruck, Pfarrhof. Ich geh hin und läute; es rührt sich kein Mensch – sturmfreie Bude also. Ich gehe in den Garten, nehme einen großen Stein und schmeiß ihn in die große Glasscheibe der Terassentür. Dann bin ich ins Büro reingegangen. Nachdem ich dann 40. 000 Mark rausgenommen hatte, dachte ich mir noch: »Hast ja noch Zeit, ist ja keiner da.« Und bin in den ersten Stock raufgegangen. Ich mache die erste Tür auf; dann sehe ich da den Pfarrer, wie er im Bett liegt und Bibel liest. Er hatte mich erst gar nicht gehört. Dann bekam er einen Schreck und fragte mich, was ich da mache. »Siehst du gleich«, hab ich gesagt und habe ihn mit dem Schlüssel seiner Tür von außen eingesperrt. Ich bin dann rausgerannt, hab mich in den Biergarten der Pizzeria draußen hingesetzt und nur gewartet, bis der Pfarrer geschrien hat. Dann ist Polizei und Feuerwehr gekommen

und haben ihn gleich rausgeholt. Später wurde ich dann am Bahnhof von Beamten überprüft. Ich hatte viel Bargeld dabei und auf den Scheinen waren die Fingerabdrücke der Schreibhelferin. Ich hab dann alles zugegeben. Ich bin eigentlich immer erst bei nachträglichen Ermittlungen entdeckt worden und hab dann immer gleich ein Geständnis gemacht. Bereuen Sie Ihre Taten manchmal? Logisch ist es scheiße, was ich gemacht hab. Aber Reue – warum Reue? Ich habe meinen Knast bekommen und hab ihn auch gemacht. Es gibt andere Straftaten, die würde ich schon bereuen. Aber Eigentumsdelikte – was soll ich da bereuen. Das sind nur Sachwerte. Ich bereue nur, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Ich hätte auch ein anderer Mensch sein können. Wie stellen Sie sich ihre Zukunft vor? Mein einziger Wunsch ist gesund zu bleiben. Gesundheit, Gesundheit und nochmal Gesundheit. Straffällig werde ich sowieso nicht mehr. Ich möchte nur noch ein paar schöne Sommer erleben. Das ist mein größter Wunsch und ich glaube, der geht auch in Erfüllung. (Aufgezeichnet im Januar 2012)



statt abgang


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eln und Dreißigmal im Krankenhaus, dreimal auf Entzug: Schnaps, Schnüff

Skateboarden, das war sein Leben. Heute ist Dario trocken – seit drei Jahren. alten Leben. Erst nach einem Lungenstil lstand schafft er den Sprung aus seinem So manches davon vermisst er; geblieben ist die Leidenschaft für das Brett

mit den vier Rollen.


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für all Mit 17 zieht Dario in seine eigene Wohnung, von nun an Treffpunkt seine Freunde: »Skaten und Saufen, Rabatz und Randale – lebe den Moment und

h dicht bist.« scheiß auf alles!« Nur eins zählt: »dass du halt so lang wie möglic


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Wie die Tätowierung so das Leben: Sex, Drugs, Rock’n’Roll und Skateboarding. »Auf der Straße aufwachen, meistens. Dann erst mal was trinken, ein, zwei Bier; dann Skaten gehen.« Er skatet wie ein Profi – und stürzt ab: in einen Sog aus Alkohol und Drogen.

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ungsSein Leben – zertrümmert: Realschule und Lehre abgebrochen; hemm loses Gasschnüffeln greift sein Gehirn an; am Ende Epilepsie: »In der Früh, man dann nach’m Aufstehen, wenn alles a bisschen zu stressig ist, da klappt

einfach um.« Einen ersten Entzug bricht er ab: »Fuck off, Mann, des is mein Leben, ich bin alt genug, lasst’s mich in Ruhe.«


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»Des war in Regensburg, wegen ja, sag i jetzt mal Lärmbelästigung in der Stadt. Ich hab mich da halt gewehrt, die Polizei beschmipft, also im Endeffekt wurd’ ich dann eing’sperrt, wegen Staatswiderstand und Beamtenbeleidiugung.«

Es ist der Tag, an dem er seinen zweiten Entzug abbricht, sechs Wochen Knast sind der bittere Nachgeschmack.

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Dreißig mal landet er im Krankenhaus, wegen Schnaps und Schlägereien – oder Stürzen beim Skaten. »Man wacht auf, auf der Intensivstation, allein im Krankenbett– schaut erst mal so in der Gegend rum

und denkt sich: O Gott, wo bin ich jetzt?« Zuletzt Lungenkollaps: » Also, da hab’ ich echt Glück g’habt, dass der

Rettungsdienst schnell ’kommen ist, weil sonst kann des schon schnell gehen, dass man do hopsgeht.«


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Mit einem einjährigen Entzug will sich Dario – weit weg von Freunden und Verwandten – aus dem Sumpf ziehen: »Irgendwie is’ dann doch die Vernunft hochkommen in mir.« Von seinem alten Leben bleibt das Skateboard.

»Ich ging dann so oft wie möglich skaten, weil mir das Freude bereitet hat und ich nicht immer daran denken musste, wie das gehen soll ohne Alkohol oder Drogen.«

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Drei Jahre clean: Dario hat den Sprung geschafft. »Ich find’s gut, bin auch total stolz auf mich und auch auf meine Eltern oder Freunde. Drogen. Also, des schaffen die wenigsten, sag’ ich jetzt mal.« Er hat seine Freunde behalten und feiert immer noch wild – ohne Alkohol und


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Heute macht er eine Ausbildung zum Koch, hat einen Skatesponsor und mehrere Gastauftritte in Skatevideos. »Ich hab’ halt einfach mein Leben sehr ausgekostet, bin an meine Grenzen gegangen. War vielleicht nicht

grad immer der netteste Mensch oder der Rücksichtsvollste. Aber fuck off, damit hab ich leben können und wenn ich

jetzt zurückdenke, wenn ich mit mir ehrlich bin, bereu’ ich diese Zeit null. Aber es gibt es Wichtigeres in meinem Leben.«


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Musik Die dunkle Bühne, der düstere Klang, der melancholische Vers – diese Klischees schießen einem sofort in den Kopf beim Sinnieren über Musik und Schwarz. Mehr und Spannenderes erzählen dazu Musiker wie Klaus Meine von den Skorpions oder Silence von Irie Révoltés.

Text: Christina Porebski


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Robert

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Eric Fish Subway to Sally MIA

Es gehen mir ganz viele Sachen durch den Kopf. Komischerweise ist mir als Erstes Jonny Cash gekommen. Musik, Musiker und Schwarz, da war dann gleich Jonny Cash da, er hat das irgendwie zu seinem Style gemacht. Den nehme ich auch gerne als Beispiel. Wir sind eine Band, die sich viele Gedanken macht über die Klamotten, die wir auf der Bühne anziehen. Wir könnten uns nicht vorstellen, mit unseren normalen Straßenklamotten die Bühne zu betreten. Es geht aber auch darum: große Bühne, kleine Menschen – wie fällt man am besten auf. Da ist dann Schwarz immer so eine Nicht-Farbe und es heißt, da verschwindet man. Persönlich empfinde ich Schwarz für eine coole Farbe. Wir alle tragen ab und an mal schwarze Klamotten, weil es einfach nicht aus der Mode kommt und immer angesagt ist, obwohl es nicht unbedingt die auffälligste Farbe ist, da kann man nur noch mit Kontrasten arbeiten. Schwarz, was ist noch schwarz?

Wenn man das auf Gefühlslagen umlegt, würde ich das als Trauer verstehen oder erst gar nicht zulassen wollen, von bestimmten Gefühlen etwas ausblenden. Das bietet musikalisch auch ein »schönes« Feld, an dem man sich dann bedienen kann oder was man betiteln kann. Ich glaube, Schwarz wäre nicht eine Farbe gewesen, mit der man uns assoziiert hätte, wenn es um Musik geht. Im neuen Album gibt es ein, zwei Stücke, wo wir das mal zugelassen haben. So, das war das, was mir so aus dem Bauch kommt zum Thema Schwarz und Musik.

Für Gothics und Metaller ist Schwarz seit jeher das Farbsymbol, das sie vom Mainstream absetzt. Eine noble Farbe, auch wenn sie im strengeren Sinn keine ist – eher schon eine Geisteshaltung, ein Drang zur Tiefe.

Silence Irie Révoltés Bisher habe ich noch nie an die Farbe Schwarz gedacht, wenn wir Lieder geschrieben haben, auf dem Weg zu Konzerten waren, das Publikum uns zum Schwitzen gebracht hat. Doch warum nicht. Nur irgendwo muss ich anfangen. Also lege ich unsere Live-DVD ein, lasse das Konzert Revue passieren und warte darauf, ob sich Assoziationen zur Farbe Schwarz einstellen. Der Anfang, die Spannung vor dem Auftritt, der Saal ist schwarz. Dann ertönt »Aufstehen« und mir wird schlagartig klar, dass unsere Musik sagen will: keine Schwarzmalerei! Nicht aufgeben! Weiter machen! Als die ersten Klänge von »Soleil« ertönen, muss ich an die Energie-Politik der Regierung denken, die CDU und ihre Farbe Schwarz schießen mir in den Kopf. Die Fahnen im Publikum, die ein

Zeichen für Solarenergie setzen, helfen, bei diesen Gedanken nicht schwarz zu sehen. Mit der Farbe Schwarz im Hinterkopf ist es unmöglich bei »Des Fois« nicht nachdenklich zu werden: Menschen, die Menschen nach Hautfarben kategorisieren, schwarz, weiß, gelb, rot, Menschen, die Menschen aufgrund dieser Kategorien hierarchisieren und wie Dreck behandeln. Von »Zeit ist Geld«, über Kapitalismus, zum »Schwarzen Freitag«, ist es kein langer Gedankengang. Schwarz scheint omnipräsent zu sein. Doch während ich so über unsere Musik und die Farbe Schwarz nachdenke, wird mir klar, dass ich unsere Musik nicht in Farben denken will. Fernseher aus. Schluss.


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Robert Rhein In extremo Musik ist hell und schwarz ist dunkel.

Peter Hintermaier Signed Mit der Farbe Schwarz verbinde ich als Gitarrist zuallererst den E-Moll-Akkord. Mit einer Mischung aus einerseits rauem und andererseits sehr melancholischem Sound steht er wohl mehr als jeder andere Akkord für diese Klangfarbe. Ob Hendrix, Beatles oder die Stones, E-Moll und damit auch die Farbe Schwarz gehören seit den Sechzigern zu den zentralen Motiven der Rockmusik. Ich verbinde besonders (Hart-)Rockballaden oder den ungeschliffenen Blues mit dieser Farbe. Allerdings hat Schwarz auch eine andere Seite, es steht nicht nur für melancholisch-traurige Klänge, sondern genauso für Wut und Aggression, was keine Stilrichtung wohl so verkörpert wie der Metal. Auch in der Mode dieser Szene hat sich die Farbe Schwarz spätestens seit »Easy Rider« im Jahr 1969 verewigt. Schwarz steht für Protest, Wut und Melancholie. Schwarz steht für die dunkle Seite des Rock’n’Roll.

Klaus Meine Scorpions Was so viele Rockbands mit der Farbe Schwarz verbindet, ist der unausgesprochene Dresscode so vieler Musiker dieses Genres mit der absoluten Vorliebe für diesen coolen und mystischen Look in Black – Rock & Roll Forever.

Winni Wonder Schwarz und Musik, das ist eine Symbiose, die so zwingend ist wie Tag und Nacht oder Strophe und Refrain. Vielleicht nicht unbedingt so sehr in der populären Radiomusik, aber begibt man sich in den alternativen Bereich oder noch weiter, bis in den Underground, ist der Begriff Schwarz omnipräsent. Schwarz als Stilmittel, angefangen bei der Kleidung bis hin zum Albumcover oder dem Bühnenbild. Schwarz als Symbol sowie emotionaler Ausdruck von Melancholie,

DJ

Trauer, Verzweiflung, Bedrohung, Mysterium, Abgrund, Ungewissheit. Trent Raznor (»Nine Inch Nails«) singt von der schwarzen Seele seiner Freundin, Metallica nannten gar ihr erfolgreichstes Album »Black«. Schwarz auch als Kontrast, Statement und Gegenbewegung zu den immer weißen und überhellen Volksmusik-Eskapaden der Wohlfühlmusik-Industrie. Schwarz lässt auch andere, unangenehme Seiten des Menschen zu. Ganze Musikrichtungen wie zum Beispiel Black Metal basieren auf der Idee einer düsteren, schwarzen Musik. Weiß ist durchschaubar. Schwarz ist geheimnisvoll, facettenreich, spannend. Und mal ganz ehrlich: Die Jungs in schwarzen Anzügen sehen auf der Bühne immer ein gutes Stück cooler aus als die in Weiß.


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Papercraft Endlich hat Schmitz auch sein eigenes Maskottchen – wir präsentieren Schmitz Katze. Ursprünglich übrigens Schmieds Katze, entstanden im Mittelalter. Um das Ungeziefer loszuwerden, hielten sich einige von ihnen Katzen. War der Schmied bei der Arbeit, erschreckten sich die Mäusefänger, bei einem Schlag auf den Amboss so sehr und gingen ab wie Schmieds Katze.

Architektur & Text: Kris Siepert


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sebastian frankenberger Als mir 2009 der Gedanke zum Volksbegehren für den Nichtraucherschutz in Bayern kam, hätte ich nie mit einem so rauen Gegenwind gerechnet. Es landeten viele Beschimpfungen und Stalking-Pakete mit unmöglichem Inhalt in meinem Briefkasten. Am meisten getroffen haben mich Fotos von Leichen, in die mein Gesicht perfekt montiert wurde. Neben meiner Adresse stand als Aufruf dabei: »Wer tut es ihm endlich an?« Diese Bilder wurden auch im Internet verbreitet. Natürlich lässt mich solch eine Situation nicht kalt und ich habe es mit der Angst zu tun bekommen. Denn wer so viel Zeit in eine Fotomontage investiert, der ist vielleicht auch zu mehr fähig. Daneben bekam ich auch etliche Morddrohungen – außerdem in fast allen Kneipen meiner Heimatstadt Passau Hausverbot. Als ich mir in den Bierzelten ein Bild davon machte, wie besonders die Raucher mit dem neuen Ge-

setz umgehen, brauchte ich Polizeischutz. Nach solchen Situationen beruhige ich mich, wenn ich in der Natur unterwegs bin und Kirchen und Burgen aufsuche. Obwohl sich das glücklicherweise wieder entspannt hat, mache ich unbekannte Pakete nur alleine im Freien auf, damit eine mögliche Verpuffung nur geringeren Schaden anrichten kann. Auch habe ich immer mein Pfefferspray dabei und bin stets wachsam, wenn ich bei einem angekündigten Auftritt in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Dennoch hat jeder, der mich beleidigt hat, eine freundliche Antwort erhalten. Ich weise immer darauf hin, dass es die Möglichkeit gibt, selbst einen Volksentscheid zu starten, um das Ganze rückgängig zu machen. Im Großen und Ganzen hat das Volksbegehren aber viel Positives gebracht. Beispielsweise beginnen nach neuesten Studien weniger Jugendliche mit dem Rauchen. Ich habe

wahnsinnig viele unterstützende E-Mails und andere positive Rückmeldungen erhalten, die die negativen weit überwiegen. Aber auch die ganze Mutbürger-Bewegung hat durch unseren Volksentscheid, den ja nicht ich alleine organisiert habe, einen enormen Schub bekommen. Nicht nur wir – die verschiedenen Gruppierungen, die sich damals für den Nichtraucherschutz einsetzten – haben gezeigt, was David gegen Goliath bewegen kann. Gerade habe ich den mittlerweile zurückgetretenen Bischof von Passau öffentlich für die Doppelmoral der Amtskirche kritisiert. Dies wurde mir in den eigenen

Reihen teilweise sehr übel genommen, weil ich als Politiker und Vorsitzender einer Partei, nicht mehr als Privatperson gesehen werde. Aber ich stehe dazu: Ich werde in allen Bereichen versuchen, etwas zu verändern und meinen Mund nicht halten – auch in der katholischen Kirche. Aber jeder kann in seinem Bereich und in seinem möglichen Umfang für Veränderung sorgen. Sei es durch den selbst gemachten Atomausstieg mit Ökostromanbietern oder durch das Engagement in studentischen Gruppen. Mein Weg ist die Politik.



Hochspannung zum

Sie sind alt, krank – lebensmüde: Erna und Valentin, ein altes Ehepaar, das penibel ihr gemeinsames Sterben als Freitod plant. Jeden zweiten Suizid in Deutschland begeht ein Mensch jenseits der 60.


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Schon wieder ist es Ostern: Erna und Valentin erinnern sich an letztes Jahr. Damals war Valentin im Krankenhaus – sein Krebs war wieder ausgebrochen. Diesmal, meinten die Ärzte, sei es mehr als unwahrscheinlich ihn zu besiegen. Die ganze Familie war dann gekommen, um gemeinsam die Feiertage zu verbringen. Heute ist es Erna, die vor Schmerzen aufstöhnt. Ihre Osteoporose ist gerade besonders schlimm, alle Knochen tun ihr weh. Sie ist froh, wenn der Tag bald vorbei ist und sie schlafen kann. Die Schmerzen sind schon lange kaum mehr auszuhalten, ihrem Mann geht es genauso. Der Tod ist ihnen nahe, sie spüren es. Die zwei über 80-Jährigen sind schon lange körperlich sehr angeschlagen, aber geistig fühlen sie sich noch fit.

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Bisher ist es ihnen erspart geblieben in ein Pflegeheim umzuziehen. Valentin hustet stark, seine Frau blickt ihn an und hebt die Hand, winkt ihn zu sich. Valentin nickt, blickt sich noch einmal um im Zimmer. Dann setzt er sich neben Erna auf den selbst gebauten Stuhl. Sie legt die Hand in die seine, er lehnt sich zu ihr. Ein kurzer Moment der Stille – es klickt. Valentin hat den Schalter umgelegt. Beide sterben auf der Stelle an der tödlichen Spannung. Der elektrische Stuhl, auf dem sie sitzen, hat funktioniert. Valentin ist Elektriker im Ruhestand; ein letztes Mal hat er seinen Beruf ausgeübt. Sie waren bereit. Seit längerem schon haben sie auf den richtigen Zeitpunkt gewartet; haben ausgehalten, bis alles gestimmt hat; haben beobachtet, wie sich ihre zwei Söhne ein eigenes Leben aufbauen, heiraten, Kinder großziehen. Jetzt war es an der Zeit zu gehen.


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Suizid ist bei alten Menschen immer noch ein Tabuthema. In Deutschland tötet sich rechnerisch alle 47 Minuten ein Mensch, fast jeder Zweite ist älter als 60 Jahre. Doch nicht jeder Suizid wird als solcher erkannt – gerade bei einem älteren Menschen: Wenn er bewusst seine Tabletten nicht mehr einnimmt, nicht mehr zur Blutwäsche geht oder Essen und Trinken verweigert. Die meisten älteren Menschen wählen eine grausame Todesart, um sicher zu sein, dass es auch wirklich klappt: Tod durch Erschießen, Erhängen oder Sturz in die Tiefe – alles andere als eine Kurzschlussreaktion. »Ältere Menschen planen ihr Ableben lange voraus«, erklärt Peter Klostermann von der Berliner Charité. Der Soziologe analysierte 172 Selbstmorde, sichtete die Obduktionsakten, las die Abschiedsbriefe und sprach mit den Angehörigen. Die letzten Zeilen der Toten spiegeln die Motive: unerträgliche Schmerzen, Einsamkeit, Angst vor dem Pflegeheim, der zunehmenden Abhängigkeit und dem Gefesseltsein an Bett oder Rollstuhl. Hauptgrund für Suizid sind Depressionen. Bei älteren Menschen werden sie häufig nicht erkannt, geschweige denn behandelt. Es sind gerade die gestandenen Leute, die sich zum Suizid entschließen. Sie räumen die Wohnung vorher auf und tragen ihre Sonntagskleidung. Sie vertuschen alle

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Anzeichen gut; Angehörige und Ärzte sind überrascht, wie es soweit kommen konnte. Mia ist 24, Studentin und hat ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern. Trotzdem erfährt sie erst mit 13, zehn Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern von ihrem gemeinsamen Suizid. Damals legt sie mit ihrem Vater eine Familienchronik an. »Als ich gesehen habe, dass Oma und Opa den gleichen Todestag haben, hat mich das stutzig gemacht. Tage später habe ich in einer Kiste Zeitungsausschnitte über die Todesumstände gefunden.« Ein einziges Mal spricht sie ihren Vater darauf an. Seither hat die Familie nie wieder darüber ein Wort verloren. Es ist eben so passiert: »Sie waren beide körperlich krank, aber geistig noch fit. Meine Mutter meinte, sie hätten schon immer deutlich gemacht, dass sie am Ende gemeinsam gehen wollten.«

die meisten von ihnen wählen eine

grausame Todesart

um sicher zu sein, dass es auch wirklich klappt


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Hochspannung zum abschied

Mia hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. »Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie abgewartet hatten, bis es sicher keine Enkelkinder mehr geben würde, bis mein Vater eine neue Arbeitsstelle gefunden hatte und bis sich ihre zwei Söhne ihr eigenes Leben aufgebaut hatten.« Nicht alle aus ihrer Familie teilen Mias Standpunkt. Nach einigem Abstand zum Geschehen hat ihr Vater die Entscheidung seiner Eltern akzeptiert; sein Bruder dagegen nicht. Für ihn bleibt ihr Selbstmord inakzeptabel. Für die Toten mag es eine Erlösung sein, ihre Angehörigen machen sich meist ein Leben lang Vorwürfe, ob sie sich wirklich genug um den Verstorbenen gekümmert haben. Mias Familie litt auf doppelte Weise: Neben der Trauer um die toten Großeltern musste sie den Medienrummel verkraften – musste Anschuldigungen und eine falsche Berichterstattung einer großen deutschen Klatschzeitung ertragen. Kein Einzelfall: Selbst bei Menschen, die nicht verwandt sind, verursacht ein Suizidversuch Gefühle wie Wut, Ärger und Ablehnung. Professionelle Hilfe suchen die Wenigsten aus Furcht, gleich in die Psychiatrie abgeschoben zu werden.

In unserer Gesellschaft muss noch einiges geschehen, um Suizidgefährdeten im Alter zu helfen. Für Peter Klostermann wäre ein erster Schritt dahin, ältere Menschen nicht nur als medizinische Fälle zu begutachten, sondern darauf zu achten, dass sie ihre Würde nicht verlieren. Die Wahrheit ist: Nicht jeder Freitod im Alter lässt sich verhindern. »Meine letzte Erinnerung ist,« so Mia, »dass wir Opa gemeinsam im Krankenhaus besucht haben und Oma mir Kaugummi geschenkt hat, der die Zunge blau färbte.« Für Mia waren sie zwei tolle Menschen, die nicht ohne einander leben wollten. Kein leichter Weg. Aber irgendwie romantisch. So romantisch wie eine geschilderte Liebe von Shakespeare oder Goethe. »Bis dass der Tod uns scheidet.« Oder eben auch nicht: Sie reisen schließlich zusammen.



E

itus im rachen

Immer wieder riecht er ihn, diesen Geruch: stechend, beißend. Auslöschen wird er all das nie können –  weder den Geruch noch den Anblick. Nur wenige von uns werden mit 19 so oft und so nah mit dem Tod konfrontiert wie Thomas; heute ist er 24 Jahre alt und studiert Wirtschaftsinformatik.


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Ein lautes Pfeifen dröhnt in sein Ohr. Der Pieper schlägt Alarm. Die einzige Hoffnung: kein Cardia 4, die Alarmstufe Rot des Rettungsdienstes. Innerhalb von Sekunden steigt sein Puls auf 180; er rennt zum Auto und meldet sich per Funk. Während ihm der Fall geschildert wird, erfasst er in wenigen Augenblicken die Strecke auf der Landkarte, die er augenblicklich mit Vollgas, Blaulicht und Sirene nehmen wird. Stets den Fuß auf dem Gaspedal meldet er sich immer wieder per Funk bei der Zentrale – Lagebeschreibung. Kein ausgebildeter Notfallassistent sitzt hier am Steuer, sondern Thomas, damals 19 Jahre alt. Ein Zivildienstleistender, der nach einer einmonatigen Ausbildung bereit sein musste, Leben zu retten. Bei der Übergabe wünschten wir uns immer eine ruhige Schicht. Das kam jedoch in den seltensten Fällen vor. Keiner der Mitarbeiter fährt gerne raus. Sobald ich den Pieper in der Hand hielt, stieg meine Anspannung und zog sich oft über die ganze Zwölf-Stunden-Schicht. Im Prinzip ist es so: Neunzig Prozent der Fälle sind nicht kritisch, Schlaganfälle, Herzinfarkte – aber bei zehn Prozent fährt man raus, um Leben zu retten. Gut vorbereitet, war ich nach dem Monat Ausbildung mit Sicherheit, um an Puppen herumzudoktern, doch es ging hier um Leben und Tod. Mir mangelte es an dem medizinischen Know-How als auch an Ortskenntnissen.

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Cardia 4 – auf dem Friedhof: Herzstillstand. Während einer Beerdigung ist die Patientin tot umgefallen. Das war meine erste Reanimation. Vergessen werde ich sie nie. Während der Fahrt schießen einem tausend Bilder durch den Kopf, einen klaren Gedanken fassen zu können, kannst du da vergessen. Bei einer Reanimation wird jede Hand gebraucht. Wir waren damals zu dritt. Einer hat gepumpt, der Arzt die Zugänge gelegt und das EKG angeschlossen. Ich war für die Medikamente zuständig. In der Panik, das dachte ich mir im Nachhinein, hätte ich mich leicht vergreifen können. Übelkeit vermischte sich mit Nervosität. Ich habe beim Aufziehen so gezittert, dass ich die Ampulle nicht treffen konnte. Nach zehn Minuten hatten wir sie dann wieder. Auf der zwanzig Kilometer weiten Rückfahrt hatte ich nur Leere im Kopf, eine solche innere Leere. Ich dachte ich bin im falschen Film. Erst auf der Wache habe ich realisiert, was passiert ist und mich überkam ein faszinierendes Glückgefühl. Bei einer Reanimation ist die Chance jemanden zurückzuholen gering, aber wenn es klappt, ist es ein wunderbares Gefühl.


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Ich dacht, ich bin im

falschen Film

Thomas freudiger Gesichtsausdruck zerfällt und er greift nach einer Zigarette. Die Dame ist einen Tag später verstorben. Das lockere Gespräch bekommt ab diesem Zeitpunkt eine ganz andere Note. Mich hat das tief getroffen. Da freut man sich und einen Tag später der gleiche Scheiß. Die Alteingesessenen gehen mit so was ein bisschen anders um. Wir mussten ins Krankenhaus fahren, um etwas zu erledigen. »Warum haben Sie im Kämmerchen des Leichensaals der alten Dame das Licht brennen lassen?«, fragte mein Kollege eine Krankenschwester. »Ja, sonst sieht sie doch nichts in der Nacht.« Anfangs habe ich den makabren Humor nicht so wirklich nachvollziehen können, aber mit der Zeit habe ich es verstanden. Irgendwie muss man die Dinge verarbeiten und am besten nicht ganz so nah an sich ranlassen. Zu Beginn seiner Zivizeit habe Thomas den Job gehasst. Er fühlte sich vollkommen überfordert. Nach vier bis fünf Monaten hat er gelernt, sich über Erfolgserlebnisse zu freuen und bei Schicksalsschlägen härter zu bleiben. Heute treffen ihn die Bilder, die er wieder freilegen muss. Bei jeder neuen Geschichte sieht Thomas zunächst auf den Boden und schüttelt den Kopf, als würde er die Gedanken wieder loswerden wollen.

Ein Exitus ist ein angenehmer Auftrag Vermutlich ein Exitus. Ein älterer Herr macht die Tür seit über einer Woche nicht mehr auf. Bis die Feuerwehr ankommt und die Tür aufbricht, dauert es. Thomas lässt sich Zeit. Ruhig fährt er zu der Wohnung. Wenn es hieß Exitus, hatten wir eigentlich nichts mehr zu tun. Der Arzt muss nur noch den Tod feststellen – so blöd das klingt, aber ein Exitus ist ein angenehmer Auftrag. Die Feuerwehr bricht die Tür auf. Ein stechender Geruch schwängert die Luft. Thomas und sein Kollege betreten das Schlafzimmer. Im Bett liegt der Tote – seit zehn Tagen. Sein Fuß hängt über der Bettkante und wippt ganz leicht. Augen, Mund und Zunge sind komplett aufgedunsen. Unter dem Fuß ist eine Lache; auch andere Körperteile verlieren immer noch Flüssigkeit. In den

Ansammlungen schwimmen kleine Larven. Der Mann ist tot – doch sein Herzschrittmacher pumpt immer noch. Durch das verklumpte Blut ist der Körper schwarz angelaufen. In meinem Leben habe ich zuvor noch nie eine verweste Leiche gerochen, doch als ich die Wohnung betrat – ich wusste es einfach, es war klar. Dass es so schlimm aussieht, damit habe ich nicht gerechnet. Wir konnten nichts mehr tun. Die Arbeit hatten dann die Feuerwehrleute und die Bestatter, aber das Bild hatte ich in meinem Kopf. So etwas verfolgt dich tagelang, auch nachts. Doch das wirklich Schlimme ist der Geruch. Dieser stechende Geruch. Drei Tage lang hat er sich in meinem Rachen festgesetzt, alles, was ich gegessen habe, schmeckte nach Leiche. Wir haben das Ganze mit ein paar bizarren Sprüchen abgehackt. Den beißenden Gestank werde ich allerdings nie wieder vergessen.


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Ich war froh, dass es nichts mehr zu retten gab Angespannt steht er auf und streckt sich. Zwischendurch erzählt er ein paar aufheiternde Geschichten, über die sie gelacht haben, vielleicht um sich selbst etwas abzulenken. Mein schlimmstes Erlebnis war ein Verkehrsunfall … Seine Stimme wird leiser, er wirkt bedrückt. Für einen Moment ist es still. »Es ist ein Bild des Schreckens«, rauscht es aus dem Funkgerät. Thomas, gefolgt von 30 Wagen in Kolonne, rast zur Unfallstelle. Immer wieder betont die Zentrale, wie entsetzlich es vor Ort aussieht. Ein Auto, zweihundert Meter mitgeschleift vom Zug. Thomas muss einige Feldwege durchqueren, um an das Wrack heranzukommen. Siebenhundert Meter rennen der Zivi und seine

Notärztin mit dem schweren Erste-Hilfe-Koffern und dem Defibrilator über den unebenen, mit Moos bedeckten Trampelpfad, in der Hoffnung zu retten. Die Feuerwehr hat die Unfallstelle bereits gesperrt. Angekommen treffen sie auf zwei zerquetschte Gesichter. Das Cockpit übersäht mit Teilen von Hirnmasse und das Armaturenbrett bedeckt von Gedärmen, die dem enormen Druck keinen Widerstand leisten konnten. Ich dachte, es wären zwei ältere Damen. Dabei war es eine Mutter mit ihrer Tochter. Der Arm der Beifahrerin hing aus der Brust. Ihr Mund stand offen. Sie haben es per Funk angekündigt, aber das war wirklich unvorstellbar hart. Es hätte jeder sein können. Die Gesichter waren einfach platt. Meine Notärztin hat mich ein wenig an meine erste Reanimation erinnert. Sie war so nervös, so perplex über diese Situation, dass sie einfach zusammengebrochen ist. Sie war Anfängerin. In dem Moment war

ich froh, dass es nichts mehr zu retten gab, sie hätte keine einzige klare Entscheidung fällen können. Ich habe sie dann beruhigt und teilweise ihren Job übernommen. Zur Identifikation der Leichen musste ich ihnen Blut entnehmen. Die Papiere habe ich ihr bringen müssen. Das ist zum Ende meiner Zivizeit passiert. Ich war schon etwas abgedroschener, habe mir die herbe Art meiner Kollegen angeeignet. An der Unfallstelle habe ich noch kurz mit einer netten, blonden Polizistin gesprochen; sie scheinen alle ähnlich mit solch einer Situation umzugehen. Erst als das Kamerateam auf uns zugelaufen kam, mussten wir wieder die Mienen verziehen. Zwei Kasten Bier hat mich mein Auftritt im Fernsehen gekostet. Thomas grinst ein wenig, doch es fällt auf – er überspielt die Situation, so wie viele seiner ehemaligen Kollegen es gerne getan haben.


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Die Feuerwehr hat den Rest erledigt. Ich wollte einfach nur weg. Es war ein so bedrückendes Gefühl – auf so hässliche Weise. Auf der Rückfahrt … Wir wollten ihn unbedingt zurückholen Sirene. Blaulicht. Vollgas. Noch keine zehn Kilometer sind Thomas und seine Notärztin gefahren, als der Pieper wieder Alarm schlägt. Herzstillstand. Ein 65-jähriger Mann. Der Familienvater, steht einen Tag vor seinem Ruhestand. Fünfundvierzig Minuten kämpfen Thomas und seine Kollegin um das Leben des Mannes. Immer wieder beatmen. Immer wieder die Herzmassage. Vergebens. Ist das nicht einfach unfair? Wir wollten ihn unbedingt zurückholen. Jetzt, wo er es hätte genießen können, das Leben. Einen Tag vor seiner Rente fällt er einfach tot in der Küche um. Ich konnte es damals nicht fassen. Auch

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heute fällt es mir schwer bei solchen Schicksalen nicht wütend zu werden. Das beste Gespräch löscht keine Erinnerung Zurück im Krankenhaus brach die Notärztin zusammen. Ihr erster Exitus hat Spuren hinterlassen. Thomas kramt in seiner Zigarettenschachtel. Er spricht merklich ungern darüber. Er sieht mir nicht ins Gesicht, wenn er über die Fälle spricht, starrt auf den Boden. Obwohl es nun schon fünf Jahre her ist, was er erlebt hat, erzählt er die Geschichten so, als seien sie gestern passiert. Nach so harten Fällen mussten wir ein Gespräch mit dem Chef der Wache führen, in seelischer Berichtsform. Ich habe das schnell abgehakt. Das alles nochmal durchzukauen war nicht mein Ding. Das beste Gespräch löscht keine Erinnerung. Mein Chef hat mich damals gefragt, ob ich den restlichen Tag frei haben möchte. Ich habe abgelehnt.

Hätte ich jemanden aus meinem Bekanntenkreis an der Unfallstelle vorgefunden, hätte ich den Job sofort geschmissen. Wochenlang nach diesem schrecklichen Unfall habe ich noch davon geträumt – auch heute noch. Dieses junge Mädchen ist sozusagen mit dem Schrei gestorben, das belastet immer wieder. Es war eine Fahrt ins Erwachsenenleben Seine Erinnerungen wird Thomas nie vergessen – die Negativen als auch jene, auf die man mit einem Schmunzeln im Gesicht zurückblickt. Obwohl er sich anfangs fast totgeärgert hat, sein Studium um ein Jahr aufschieben zu müssen, bedauert er die neun Monate keineswegs. Ich bin durch die Zivistelle viel sozialer, in manchen Situationen vielleicht auch zurückhaltender geworden. Es war eine Fahrt ins Erwachsenenleben, mit Blaulicht und Sirene.


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spielen Unter Ein Soldat jagt sich mit einer Handgranate in die Luft – vor seinen Augen. Seine Schule soll von islamistischen Terroristen gesprengt werden. Dimitri blickt in Grosny in die Fratze des Krieges: Als der erste Krieg in Tschetschenien 1994 beginnt, ist er zehn, beim Beginn des zweiten fünfzehn.


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Woher kommst du genau, Dimitri?

Dimitris Kindheit

DIMITRI: Ich komme aus Tschetschenien, wo Krieg war. Die Stadt, in der ich wohnte, heißt Grosny. Ich befand mich von sieben bis siebzehn im Kriegsgebiet. Ich habe Krieg erlebt: grausamen, brutalen Krieg.

Du bist also in Tschetschenien aufgewachsen? Nicht ganz. Meine Mutter hat mich damals zu meinen Großeltern nach Moskau abgeschoben – da war ich drei Jahre alt. Als Kind habe ich meine Zeit komplett in Moskau verbracht. 1991, also als ich sieben Jahre alt war, haben mir meine Großeltern erklärt: »Du ziehst jetzt wieder zu deiner Mutter!« Als die dann nach Moskau kam, um mich zu holen, meinten sie: »Kind, das ist sie« – ja herzlichen Glückwunsch, dann musst du Mama zu der sagen.

Der erste Tschetschenienkrieg begann am 11. Dezember 1994 und dauerte bis August 1996. Der Grund: Russland wollte die ausgerufene Unabhängigkeit Tschetscheniens nicht akzeptieren. 1994 rückten Panzer in Tschetschenien ein. Als 1996 tschetschenische Rebellen die Hauptstadt zurückgewinnen konnten, schloss Russland einen Friedensvertrag und zog sich zurück – die Forderung Tschetscheniens nach Unabhängigkeit wurde fünf Jahre später erfüllt.

Kannst du ihr Verhalten verstehen? Sie ist keine so schlechte Frau, das kann man nicht sagen. Das muss man auch anders sehen. Warum, weshalb oder wieso

sie mich damals weggeben hat, weiß ich nicht – ich mein’, mir erzählt ja auch keiner was. Das Einzige, was ich einigermaßen mitbekommen habe: Probleme mit ihrem Vater und die Scheidung von ihrem Mann, meinem Erzeuger. Ich kann jetzt auch nicht sagen, dass sie Fehler gemacht hat. Die genauen Gründe weiß ich nämlich nicht. Ich denke, sie hat mich nicht mutwillig weggegeben. Außerdem war ich nie allein, ich habe immer alles gehabt, war immer versorgt und musste nicht auf der Straße leben – das ist doch schon mal was. Hattest du bei deinen Großeltern eine schönere Zeit als in Tschetschenien? Nein, das kann ich nicht sagen. Moskau ist für mich eine versaute Stadt, das ist nichts für mich. Gefallen hat es mir da auch nicht. Klar, wo ich bei meiner Mutter aufgewachsen bin, war Kriegsgebiet,

aber da haben die Leute wenigsten Werte – Respekt und Familie zählen da noch etwas. In Moskau geht es bloß darum, wer die meiste Kohle hat. Die wissen meist gar nicht, was es bedeutet zu leben. Ich bin ganz froh, dort aufgewachsen zu sein. Du hast was vom Leben gesehen und dir ist klar, dass nicht alles von allein läuft. Es kann sein, dass du morgen gar nicht mehr da bist. Grosny war damals nicht nur von den Russen besetzt, sondern wurde Opfer terroristischer Anschläge. Musste man Angst um sein Leben haben? Ja, es gab nicht nur die Angst vor den russischen Soldaten. Terroristen kamen dann mit LKWs, haben bei uns einfach ein paar Männer erschossen, Schulen hochgehen lassen oder Bahnhöfe gesprengt.


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Das ganze

Gehirn, die Körperteile flogen auf den Tisch

1999 brach der zweite Tschetschenienkrieg aus. Der Auslöser: Die Besetzung Dagestans durch tschetschenische Rebellen und mehrere Terroranschläge auf russischem Gebiet. Am 1. Oktober 1999 marschierte die russische Armee in Tschetschenien ein und begann mit einer breit angelegten »Antiterror-Operation«. 2009 wurde der zweite Tschetschenienkrieg von russischer Seite für beendet erklärt. Wenn dich deine Mutter morgens in die Schule geschickt hat, musste sie damit rechnen, dass du am Abend nicht mehr nach Hause kommst? Ja, leider. Aber man hat sich trotzdem darüber keine Gedanken gemacht – das war einfach so. Das Krasseste habe ich erlebt, als ich sechzehn war: Wir stehen gerade vor der Schule und rauchen, haben den Unterricht mal wieder geschwänzt. Da kommen zwei so Militär-LKWs und halten direkt vor der Schule. Da springen die raus, die Islamisten, 80 Mann ungefähr, voll bewaffnet – die halten nicht einfach so

vor der Schule. Sie haben gefragt, ob wir was zum Rauchen haben. Ja, klar hast du denen alles gegeben, was du hattest. Du weißt genau, die halten nicht wegen irgendetwas da an – sie haben sich zu uns hergestellt, haben mit uns geraucht und haben über so Sachen mit uns gesprochen wie »ja, schönes Wetter« und bla, bla, bla. Du weißt genau, das ist jetzt deine letzte Kippe und so. Jetzt, wenn die fertig sind, fangen die an. Das waren Nerven pur. Laufen oder so, das kannst du nicht mehr. Du weißt genau, jetzt wird die Schule hochgenommen. Und wo wir fertig waren mit dem Rauchen – auf einmal hat da einer einen Funkanruf bekommen. Aber wir haben nichts verstanden, die sprechen ja da eh immer in ihrer Sprache da – und weg waren sie. Wir sind einfach auf den Boden zusammengesackt, das war so ein Stress pur. Die psychische Belastung in dem Alter. Ich weiß nicht, warum die auf einmal abgezogen sind, aber das war unser Glück.

Der Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien entschärfte sich nicht. Tschetschenien wird zunehmend von kriminellen Banden, internationalen islamistischen Freiwilligen und Warlords kontrolliert. Bekannte Beispiele: die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002. Die Geiselnehmer forderten unter anderem das Ende des Krieges und den sofortigen Abzug des russischen Militärs aus Tschetschenien. Ab 2000 versetzten erstmals weibliche Selbstmordattentäter – die so genannten »Schwarzen Witwen« – die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Die Soldaten, die bei uns waren, waren auch immer lauter Fertige. Du hast gewusst: die Männer sind kaputt. Größter Fall: Wir saßen mit ein paar Jungs, haben ein paar Bier getrunken, vielleicht noch ein bisschen Wodka. Das war nachts im Park. Auf jeden Fall steht einer auf, der war frisch eingezogen, der war höchstens ein paar Monate im Krieg. Er steht auf, geht ein paar Schritte weiter, zieht eine

Handgranate raus, zündet sie und stellt sich vor uns hin. Auf einmal hat es eine Explosion gegeben. Das ganze Gehirn, die Körperteile flogen auf den Tisch. Er hat noch davor Geschichten erzählt, dass er ein paar Tote gesehen hat und selbst ein paar erschossen hat. Auf einmal steht er auf und – beginnt Selbstmord. Die waren so fertig – in jedem Krieg natürlich, die psychische Belastung ist die größte. Wird jeder bei euch eingezogen oder gibt es eine Chance zu entkommen? Man muss das machen, klar. Sonst kommt man in den Knast – und die finden dich schon. Und wenn man den Knast abgesessen hat, das heißt so drei bis vier Jahre, dann musste man trotzdem noch in den Krieg. Hättest du früher oder später auch in den Krieg ziehen müssen? Ja, das hätte ich. Ich war 17 und es war klar, dass ich mit 18 Jahren ins Kriegsgebiet ziehen muss. Sie hätten mich nicht


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mal mehr die Klasse fertig machen lassen. Dem Staat sei es wichtiger, dass ich in den Krieg ziehe. Ich hatte schon genug gesehen, hatte keinen Bock, selbst die Waffe in die Hand zu nehmen und willkürlich zu töten – um in ein paar Monaten wieder in einem Sarg zurückgebracht zu werden. Ich stand auf dem Balkon und hab eine Kippe geraucht. Da kommt ein Auto und sie schmeißen einen Sarg raus. Es war einer meiner besten Freunde, gerade 18 geworden. Nach zwei Monaten da hinten im Krieg, haben sie ihn schon wieder tot heimgebracht. Wie bist du dem Ganzen entkommen? Meine Mutter hatte Erfahrungen im Ausland und sie ist schon selbst ein bisschen rumgekommen. Sie war selbstständig, hatte ihr eigenes Reisebüro. Als ich dann mit 17 wusste, dass ich eingezogen werde, meinte meine Mutter: »Ich will nicht, dass du in den Krieg gehst. Du fliegst jetzt nach Deutschland, solange du noch minderjährig bist. Sonst hast du keine Chance mehr.« Ich hatte halt das Glück, dass meine Mutter zuvor schon so viel Geld auf die Seite gespart hatte, dass ich da rauskam. Alle anderen Jungs hatten das eben nicht.

Du kamst dann ganz allein nach Deutschland? Ja, das schon. Meine Mutter war bereits in Deutschland. Dort hat Sie dann ein halbes Jahr mit mir verbracht. Als sie dann wieder zurückmusste, war ich in Nürnberg auf mich allein gestellt – ich habe dann versucht mich neben der Schule mit kleinen Nebenjobs als Pizzabäcker, Maschinenputzer oder Ähnliches durchzuschlagen. Aber ganz so einfach war es nicht, sich mit ein paar Nebenjobs über Wasser zu halten? Nein, natürlich war es nicht einfach. Ich hatte kein Geld, keine Unterstützung von meinen Eltern, also keine Hilfe, nur eine schäbige Matratze, die in deiner Wohnung drin liegt. Praktisch nichts. Was hast du nach der Schule gemacht? Ich habe damals die Fachoberschule angefangen. Ich wollte Architekt werden. Ein Jahr habe ich ausgehalten, dann habe ich wegen dem Geld aufhören müssen. Deswegen musste ich eine Ausbildung machen, wo man Geld kriegt. Und in Nürnberg habe ich aber nach einem Jahr

Suche nichts gefunden. Dann habe ich von einem Bekannten eine Ausbildungsstelle bekommen – 150 Kilometer von Nürnberg entfernt. In der Ausbildungsfirma hatte ich dann den besten Abschluss als Betonbauer in ganz Bayern. Mein Freund nennt mich hier immer den »Vorzeige-Russen«. Gibt es Bilder, die dir von der Zeit in Tschetschenien durch den Kopf gehen? Ja, natürlich vom Krieg. Das sind meistens die schlimmen Bilder, die man im Kopf hat – wenn ein Mensch umgebracht worden ist oder so. Das kommt dann ab und zu, in den Träumen taucht das manchmal auf. Dabei war ich noch gar nicht wirklich im Krieg. Jetzt stell dir vor, was die Jungs, die mittendrin waren, alles erleben mussten. Welche schlimmen Erinnerungen tauchen denn besonders oft auf? Das Schlimmste, was ich gesehen habe, ist, wie vor meinen Augen, der Kopf eines Mannes mit einem Messer abgeschnitten wurde. Seitdem kann ich kein Blut mehr sehen. Das war schon brutal – da war ich dreizehn.

Vermisst du Russland manchmal? Nein. Russland als Land und als Politik vermisse ich nicht. Ich hab da bloß Scheiße gesehen. Nur meine damaligen Freunde aus Tschetschenien fehlen mir manchmal. Aber mit denen bin ich noch in Kontakt und wenn ich mal Zeit habe, werde ich sie besuchen. Bist du denn jetzt mit deiner Situation zufrieden? Naja, es war nicht immer so leicht wie im Moment. Ich musste bei Null anfangen, da muss man schon aufschauen, dass man über die Runden kommt. Das hat zwar jetzt jahrelang gedauert, aber einigermaßen habe ich mein Leben in dem Griff, kann ich sagen. Aber erst als ich in Deutschland war, habe ich verstanden, was in Tschetschenien alles abgelaufen ist, was da überhaupt war: der Krieg, das viele Blut, die vielen Toten, die Angst – all das war normal. Normalität. Jetzt kann ich aus dem Haus gehen, ohne dass ich Angst haben muss. Jetzt weiß ich, wie gut es mir hier geht – ich habe eine Wohnung, Freunde und eine anständige Arbeit. In Russland musste ich immer schauen, zu überleben.


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Kurioses Brich das Eis beim ersten Date oder lass deinem Gegen端ber die Kinnlade herabfallen: Sonderbares und Schwarz.

Text: Fritz Platzer


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bestattung Es soll doch nicht einfach nur dunkel werden – Zeit seines Lebens denkt man immer wieder mal daran: Was wird eigentlich aus mir, wenn ich tot bin? Gehe ich in die ewigen Jagdgründe ein, vielleicht doch über den Jordan oder ins Paradies? Oder gebe ich einfach nur den Löffel ab? In unserem Kulturkreis liegt man dann doch nur unter der Erde oder endet in einer Urne – und die Zeit pfiffiger Grabbeigaben ist auch vorbei. Doch weit gefehlt, wer denkt, er müsse sich jetzt mit einer herkömmlichen Bestattungsart abfinden. Die Kryonik – also die Konservierung von Organismen – ist die Antwort für alle, denen ein Leben nicht genug ist. Für etwa 120 000 Dollar kann man sich bei einem amerikanischen Anbieter einfrieren und so lange aufbewahren lassen, bis eine geeignete Technik zum Weiterleben entdeckt wird. Wer sein Vermögen nicht an missratene Ableger vererben möchte, sollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Umweltbewusst kann der Botaniker sein Ableben planen: Bei der so genannten Promession handelt es sich um die Gefriertrocknung und anschließende Kompostierung des Leichnams – so wird gleich der Nährboden für die Lieblingspflanze

angereichert. Der weniger erdverbundene Tauchfan kann dafür nah an der Unterwasserwelt bleiben, ja sogar Teil davon werden. Im Memorial Reef geben bereits Verbrennungsrückstände von 125000 Verstorbenen den Meeresbewohnern ein Zuhause. Das vor der Küste Floridas liegende Gebilde besteht zu neunzig Prozent aus Asche und zu zehn Prozent aus Beton. Den Hinterbliebenen sollte für etwaige Grabbesuche allerdings eine Tauchausrüstung vererbt werden. Noch exotischer geht es im Himalaya zu: Bei der dort verbreiteten Himmelsbestattung werden die Verstorbenen zu gulaschgroßen Brocken zerlegt und von umherfliegenden Geiern vernascht – free Tibet! Eine nicht minder abgehobene, aber individuellere Möglichkeit besteht für den ganz speziellen Fantasten: In England kann man seine Asche zu Vinyl, einen Diamanten oder gar in eine Patrone pressen lassen. Das eigentümliche Projektil kann dann auf Wunsch von den Hinterbliebenen verschossen werden. Wer also als Spaßvogel gelebt hat, dem stehen alle Möglichkeiten offen, auch seinen Abgang angemessen zu gestalten – so lange sein Leben nicht als Witz in Erinnerung bleibt.


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Zensur

Verbotene Früchte schmecken am besten – doch eine Zensur findet ohnehin nicht statt, so steht es jedenfalls im fünften Artikel des Grundgesetzes. »Zensur«, lesen wir im

Verbotene Früchte schmecken am besten – doch eine Zensur findet ohnehin nicht statt, so steht es jedenfalls im fünften Artikel des Grundgesetzes. »Zensur«, lesen wir im Verbotene Früchte schmecken am besten – doch eine Zensur findet ohnehin nicht statt; so steht es jedenfalls im fünften Artikel des Grundgesetzes. »Zensur«, lesen wir im Brockhaus, »ist die staatliche vero eos et accusam et justo duo dolor und das rebum. Stet clita kasd gub, Überwachung no sea takimataund sanctus Unterdrückung von Veröffentlichungen in Druck, Bild und Funk (Vorzensur und Nachzensur), um die Publizistik im Sinn der Staatsführung oder der herrschenden Partei oder Klasse zu beeinflussen.« A<y cüd sins bsdd<y! Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts meint: »Zensur ist eine Prüfung von Inhalten durch staatliche Stellen vor

der Veröffentlichung.« Kommt es jedoch zu einer, auf Amtsdeutsch genannten, »Zugänglichmachung« von beispielsweise pornografischem oder gewaltverherrlichendem Inhalt, kann es nach der Veröffentlichung zu einer gehörigen Strafe kommen – und der Inhalt landet auf dem Index. So ärgerte sich eine ganze Generation von Computerspielern über das Verbot von Spielen wie »Doom« oder »F-15«. Auch das aus vier Farben bestehende, großpixelige Flugzeugspiel »River Raid« wurde mit der Begründung indiziert, es fördere schon im Kindesalter eine paramilitärische Ausbildung; dabei würde Kindern militärtaktisches Denken und Handeln realitätsLorem ipsum dolor sit gab es trotz des sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore Darüber hinaus gab es mehrere Fälle nah und spielerisch vermittelt. Die damals gefällten Beschlüsse werden nun nach und

nach revidiert – mittlerweile ist das Spiel ohne Altersbeschränkung freigegeben. Der Realität ins Auge blicken mussten einige von rat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea Berliner Buchhändler, als wiederholt in ihren Räumen herumgeschnüffelt wurde; dabei beschlagnahmten Polizeibeamte Ausgaben der linksautonomen Zeitschrift Interim. Neu an dem Verrebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor fahren: Nicht mehr gegen den Urheber des Magazins, sondern gegen den Verkäufer wird ermittelt. Die Berliner Staatsanwaltschaft fordert von den Buchhändlern, die zum Verkauf angebotenen Publikationen vorher zu lesen, um Sträfliches notfalls entfernen zu können. Beinah unbehelligt kann die Obrigkeit im weltweiten Netz nach unbequemen Inhalten fischen. Wird Internetzensur hierzulande vor allem mit

dem fernöstlichen Machtapparat aus dem Tibeteinnehmenden China in Zusammenhang gebracht, so belehrt uns ausgerechnet eine Suchmaschine eines Besseren: Der Google Transperancy Report veröffentlichte Zahlen, nach denen deutsche Behörden in den vergangenen zwei Jahren über 2600 Inhalte löschen ließen – Google tat dies in 86 Prozent der Fälle. OM doeser Jomsot einem vo Vorteil war es .....Deshalbt ab. Nach der Fülle an ausradiertem Gedankengut liegt Deutschland an der Weltspitze, lediglich Brasilien hat mehr Anfragen gestellt, dabei aber weniger zu beseitigende Inhalte angegeben. Erschreckender ist allerdings die Tatsache, welchen Einfluss damit Google auf die Zensur in Deutschland hat. Vielleicht lautet die Definition des Bundesverfassungsgerichtes in zehn Jahren: »Zensur ist eine Prüfung von Inhalten durch einen weltweit operierenden Internetkonzern.«


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ihre Konzentration bestimmen. Die herauskristallisierten Elemente können nach einhelliger Meinung von Experten nur durch den Abbau von Kokain entstehen. Mit den Forschungsergebnissen lässt sich der Kokainkonsum von Städten bestimmten – in einer neuen physikalischen Einheit: Lines pro Tag mal 1000 Einwohner. So belegen die Koksnasen aus New York mit 134 Lines pro Tag je 1000 Einwohner weltweit den Spitzenplatz. Davon ist man in Bayern – dem heimischen Schnupftabak sei es gedankt – noch weit entfernt. Münchens Abwasser belegt mit sechs Lines vor Ingolstadt mit drei und Nürnberg mit zwei Lines pro Tag den Spitzenplatz in Bayern, steht international aber vergleichsweise sauber da. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Bayer den weißen Stoff nicht zu Hause, sondern im Skiurlaub konsumiert – St. Moritz macht mit 22 Lines pro Tag gerade die Wintersaison zur Schneesaison. Wer jetzt die Nase rümpft und kalte Füße bekommt, muss seine Notdurft nicht an der Tanke um die Ecke verrichten. Ein Verfahren, bei dem die genaue Dosierung von Kokain pro Haushalt berechnet werden kann, ist noch nicht in Aussicht.

Bayern ingolstadt 2008

würzburg

Lines pro Tag

tonnen pro jahr

3,0

10 758

0,39

2,0

5 501

0,2

2,0

1 926

0,07

1,2

1 647

0,062

lines pro 1000 einwohner

2008

nürnberg 2006

München 2008

international new york

134 449 814

16,4

2006

st. moritz

22

795

0,029

20

26 709

0,98

15

257 599

9,4

11

48 353

1,8

2006

london 2006

MANNHEIM 2008

paris 2006

quelle: ibmp

Meister Splinter würde sich wohl fühlen: 540 000 Kilometer rostige Leitungen und glitschige Betonröhren formen das deutsche Kanalisationssystem. Erstaunlicherweise sind über drei Millionen Menschen nicht an dieses Netz angeschlossen, sie entsorgen ihren Unrat also dezentral, oder – man möchte es vielleicht nicht zu genau wissen – überhaupt nicht. Zwischen unserer Hinterlassenschaft findet sich allerhand: Früher waren es häufig Uhren und Spielzeug, heute landet das ein oder andere Handy im Abfluss. Das Interessanteste ist allerdings wie immer das Unsichtbare. 2005 haben Forscher eine neue Messmethode entwickelt; mit der erfassen sie über das Abwasser die exakte Menge an Drogen, die in einer Großstadt konsumiert werden. Das Verfahren wird parallel von deutschen, italienischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern ausgetüftelt und erfolgreich getestet. Bei dem verblüffenden Prozess messen sie die Menge an Benzoylecgonin – einem Abbauprodukt von Kokain – in den Abwasseranlagen der jeweiligen Stadt. Nach dem Drogenkonsum wird die Substanz vom Körper mit dem Urin ausgeschieden und gelangt so in die Kanalisation. Im Abwasser lassen sich die verhältnismäßig kleinen Moleküle der Drogenabbauprodukte dann mit ausgeklügelter Messmethode nachweisen und daraus die Verbrauchsmenge der Ausgangsstoffe berechnen. Die Verbindungen zeigen in der so genannten Massenspektrometrie einen charakterisierenden Fingerabdruck; damit lässt sich die genaue Substanz und

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Kanalisation


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im porträt sch mitz schwarz

Im Porträt Er zappelt nun schon seit knapp acht Jahren durch die deutsche Fernsehlandschaft: von der »Schillerstaße« über »Löwenzahn« bis zu »Die dreisten Drei«; kassierte mal eben den deutschen Comedypreis und spielte an der Seite von Komiker-Legende Otto Waalkes. Was also ist so lustig an dem Namensvetter unseres Magazins?

Text: Fritz Platzer


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verschmitzt

Schmitzophren

SCHMITZ KATZE Für eine kurze E-Mail-Unterhaltung setzt sich der Wahl-Kölner hinter die Mattscheibe. Er gibt zu: Früher habe er den Klassenkasper gegeben. Doch fand er bald das passende Ventil, um Eltern und Lehrern nicht auf den Wecker zu gehen – Theater. So durfte er bei einigen Schul- und kleineren Laientheatern Erfahrungen sammeln, ehe er endlich das Landrat-Lucas-Gymnasium in Leverkusen abschloss. Mit dem Abitur im Gepäck brachte er den Zivildienst hinter sich und begann eine Schauspiel-, Gesangs- und Tanzausbildung. Verblüffender Weise ist das 1974 geborene Multitalent heute Komiker, Synchronsprecher, Schauspieler und Autor – dabei ganz nebenbei stolzes Herrchen von Schmitz Katze. Die heißt Minka, wie er versichert und dabei anmerkt, man hätte den Namen auch seinem Buch »Schmitz Katze« entnehmen können – naja, dazu müsste man es aber auch gelesen haben. Die Antwort auf die nächste Frage steht also hoffentlich nicht in seinem literarischen Werk: »Gefällt Ihnen die Bühne besser als das Fernsehstudio?« So lange er die Tasten sucht, lesen wir weiter im Lebenslauf: Als Teil des Ensembles im Improvisationstheater »Die Springmaus« spielte Schmitz vier Jahre in Bonn, ehe er mit der Sendung »Die dreisten Drei« durchstartete und den deutschen Comedypreis als bester Newcomer einsack-

te. Im gleichen Jahr wurde er dann für den deutschen Fernsehpreis nominiert und verpasste nur knapp eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen der Fernsehunterhaltung – die Rose d’Or. Bereits zwei Jahre später war er wieder für den Deutschen Comedypreis nominiert und gewann in der Kategorie »Beste Improshow« mit der Sendung »Schillerstraße«. Getragen von dem wachsenden Bekanntheitsgrad startete er seine Deutschlandtour mit dem Soloprogramm »Schmitz komm raus«. Doch genug von der Lobhudelei! Raus kommt Schmitz nun endlich mit der nächsten Nachricht: »Die große Bühne ist mir eigentlich lieber als das Fernsehstudio. Ich komme ja vom Theater und so entsteht ein direkter Kontakt zum Publikum.« Als Nächstes möchte ich wissen, was ihm in den Kopf schießt, wenn er an Schwarz denkt? »Lecker Lakritz«, antwortet er sehr präzise. »Was wollen Sie denn schon lange machen, mussten es aber immer aufschieben?« Während er sich die Antwort überlegt, noch etwas Biografisches: In Otto Waalkes� Kinokomödie »7 Zwerge« ist Schmitz in einer der Hauptrollen als Zwerg »Sunny« an der Seite der ostfriesischen Comedy-Ikone zu sehen. Auch in der Fortsetzung der Märchenkomödie tritt Schmitz auf als sein zwergenhaftes Alter Ego. Wovon schwelgen denn nun seine Gedanken? »Von einer Reise nach Ägypten träume ich schon seit

einer Ewigkeit, habe es aber bislang nicht einrichten können.« Kein Wunder, denn bereits 2006 startet Sat1 mit einer nach ihm benannten Fernsehshow, in der er Teile seines Bühnenprogramms präsentiert. Kurz darauf ist er gelegentlich in der Sendung »Genial Daneben« zu sehen, ehe er 2007 mit seinem zweiten Bühnenprogramm »Verschmitzt« auf Deutschlandreise geht. Nach einem kurzen Intermezzo beim NDR kehrt er 2009 mit »Schmitzophren – Wer viel zu sagen hat, muss schneller reden« auf die Bühne zurück. Zum vorerst letzten Mal knattert er 2012 mit dem Programm »Schmitzpiepe« wieder in seinem Tourbus los. Außerdem moderiert er bei Sat1 seine eigene Sendung zur Primetime mit dem Titel »Schmitz in the City«. Bei so viel Komik fragt man sich, wann der gute Schmitz denn richtig ernst wird. Wenn ein Scherz nicht mehr helfe, entgegnet er. Wie lange er wohl noch zu Scherzen aufgelegt ist? Und über was lacht er dann in 20 Jahren? Humor ist ja nicht immer zeitlos. »Ich werde über verschiedene Dinge noch entspannter lachen als heute, weil ich sie dann noch viel weniger ernst nehme. Außerdem ist das Alt-, Gelassen- und Weisewerden sicher eine herrliche Sache.« So lange er weiter über sich selbst lachen kann, werden ihm wohl eh nicht so schnell graue Haare wachsen.



Brecht mit Zwischen den grellen Lichtern und den Schatten, immer in der Szene, ihrer Szene: die Nachtlöhner der Luitpoldstraße in Nürnberg. Sie ist eine Straße mit vielen Facetten und Figuren, Typen und Temperamenten; sie treffen dort aufeinander - jede Nacht aufs Neue.


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eben,« meint Ursula. Die Einrichtung erinnert an Wiener und Pariser Cafés: Louis-seize-Leuchter an hohen Decken, großflächige Wandspiegel, pastellgelbe Wände, Messing-Relings, rote Lederbänke und hölzerne Bistro-Tische mit klassischen Thonetstühlen. Ursula: »Nicht vergleichbar mit den anderen Lokalitäten.«

22:00 Uhr: Die Ziffern leuchten rot im Armaturenbrett – »Gut«. Paki kontrolliert das immer, vor jeder Schicht, das gibt ihm Sicherheit; fast sieben Jahre macht er das schon, meistens nachts. Paki ist Afrikaner. Vor vierzig Jahren kam er nach Deutschland, ohne Sicherheit, aber mit vielen Träumen. Sein erstes Zuhause war in der Luitpoldstraße, knapp zwei Jahre lebte er dort. Heute wartet er nur noch hier, inmitten der Kulturmeile zwischen LiveShow-Club und Literaturcafé, in seinem elfenbeinfarbenen Mercedes, in Reih und Glied mit seinen Kollegen. Ohne Taxi fährt Ursula nach der Arbeit selten nach Hause: »Eine Frage der Sicherheit.« Erst kürzlich hallten Sirenen

durch die Straße – eine Messerstecherei. Es ging um einen kleinen Geldbetrag; geschockt hatte sie das nicht. Ursula hört und sieht viel: »Die jungen Türken mit dem 3er BMW, die aufreizenden Mädchen mit der Asti-Flasche, den Streuner mit der Lidl-Tüte und die ganzen anderen Verrückten.« Seit knapp einem Jahr arbeitet sie im Literaturcafé, gegenüber dem Neuen Museum. Sie ist die Dame vom Tresen; von dort überblickt sie einen Großteil des Cafés, auch die großen Fenster am Eingang. Den Trubel draußen beobachtet sie nur zu gern: »Ab 23 Uhr geht es hier ab ohne Ende.« Ihre Gäste lassen sich davon nicht beirren. »Sie sind kultiviert wie das Café

Als junges Mädchen war sie selbst in der Straße unterwegs. Die einschlägigen Lokale wie das »Münchner Kindl« gibt es nicht mehr. »Hier hatte sich alles getroffen: Zuhälter, Prostituierte, Trinker, Schläger – alles.« Doch: »Das Publikum hat sich gebessert.« Heute füllen hauptsächlich Partygäste die Straße. Das größte Problem: der Alkohol; die Jugendlichen haben die Straße zum Vorglühen entdeckt: »Oft sind sie so betrunken, dass sie nicht mehr Herr ihrer Lage sind.« Ursula beobachtet das alles, durch die großen Fensterscheiben, bis 24 Uhr, dann macht sie Feierabend; nimmt sich ein Taxi und fährt nach Hause. Die Lichter der Luitpoldstraße gehen noch lange nicht aus. 24:00 Uhr: Die Anzeige leuchtet – »Gut.« Die Taxiuhr ist korrekt: Uhrzeit, Kilometerzahl, Fahrpreis – alles genau. Heute ist Paki schon mehrere Routen gefahren. Die


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Fahrten machen ihm Spaß – das Warten weniger; da fühlt er sich oft einsam. Er hat gerne jemanden zum Reden: nette Leute – eben keine »besoffenen Idioten«; die erwarten ihn oft in der Luitpoldstraße. Paki versucht immer freundlich zu sein, zu allen Fahrgästen, auch zu den weniger netten. »Das muss nicht sein«, das hatte Paki damals zu den jungen Leuten gesagt. 70 Kilometer hatte er sie chauffiert, von der Luitpoldstraße nach Gerolzhofen. Ihr fauliger Geruch hüllte das ganze Taxi ein. Zahlen wollten sie nicht, bedroht hatten sie ihn; nicht mit Waffen, aber mit Worten und Fäusten. Paki blieb freundlich, die roten Ziffern im Armaturenbrett gaben ihm recht – 66 Euro. Den Jugendlichen war das egal – Paki nicht: Ihm gab das Sicherheit, auch heute noch. Die Taxiuhr ist korrekt, genau wie Paki. Seine Gäste sind manchmal anderer Meinung, aber

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dann hat er ja noch seine roten Ziffern. Letztendlich zahlten die jungen Leute. Ob die Taxiuhr dazu beigetragen hat, weiß Paki nicht, aber sie gab ihm Selbstbewusstsein – sie lief korrekt, immer. Angst vor neuen Angriffen hat er keine: »Man kann ja über alles reden.« Reden wollen seine Gäste nicht, die genießen lieber: perfekt geformte Körper, nahezu nackt, pulsierende Bässe, starke Drinks – Abu beherrscht das Spiel mit der Lust. Seit zweieinhalb Jahren führt er den Showclub in der Luitpoldstraße, einen Nachtclub, nicht wie die anderen. Abu distanziert sich von der »Beine-Breit-Philosophie« seiner Kollegen. Komplett nackt auf der Drehscheibe gibt es bei ihm nicht. Sein Konzept: »Tropical Feeling« mit der schönsten Versuchung der Stadt. Sein wichtigstes Personal: »die Ladys«. Chardonnay, sie ist eine von ihnen. Seit drei Jahren tanzt sie im Club, mit 19 das erste Mal. Einen Hehl machte sie nie daraus: »Es ist ein Job wie jeder andere auch.« Ihren Arbeitsplatz teilt sie sich mit fünf weiteren Frauen; alle jung, hübsch in knappen Outfits – nur winzige Slips und

sein wichtigstes personal:

die ladys


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Tops bedecken ihre makellosen Körper. Zusammen animieren sie die Gäste zum Trinken und Feiern, dreimal die Woche, sieben Stunden lang, mit vollem Körpereinsatz. Den Gästen gefällt’s, besonders den männlichen. Die Mädchen wissen das; an fünf Poledance-Stangen verdrehen sie ihnen den Kopf: drei im Erdgeschoss, an der Tanzfläche und der Tiki-Bar, zwei weitere in der Sunset-Lounge einen Stock höher. An die starrenden Blicke hat sich Chardonnay gewöhnt; viele sind Stammkunden, manche sogar verliebt in sie. Hoffnung macht sie ihnen keine. Andere Mädchen spielen mit den Gefühlen, sie locken die liebessüchtigen Männer mit vielversprechenden SMS. Die Ernüchterung folgt im Club, anfassen ist verboten. Kommt den Frauen jemand zu nahe, schreitet sofort das Sicherheitspersonal ein. Abu ist der Schutz seiner »Ladys« wichtig: »Sie machen super Stimmung,

ER hat ihn

NEGER genannt

sind aber keine Sex-Objekte« – die gab es früher im Club. Sein Vorbesitzer führte den Laden in alter »Peepshow-Manier«, für Besucher gab es Solokabinen, Erotik-Kinos und Live-Strip-Shows – 15 Jahre. Durch den Wechsel änderte sich das Publikum; jetzt kommen mehr junge und weibliche Gäste. Mittlerweile gehört auch »Men-Strip« zum Repertoire. Abu: »Die

Stimmung hat sich gelockert«, Polizei und Behörden machen nur noch die üblichen Kontrollen. Die Gäste feiern friedlich zusammen, Probleme gibt es selten. Einmal flogen Barhocker, da hatten sich Abus »Ladys« in die Haare bekommen. Um fünf Uhr schickt er auch jeden Freund nach Hause: Sperrstunde. Die Lichter der Luitpoldstraße werden weniger.

5:00 Uhr: Feierabend. Die Anzeige ist aus. Paki hat den letzten Gast gefahren. Nett war der nicht; »Neger« hat er ihn genannt, immerzu »Neger«: »Neger mach das Radio an, Neger mach das Fenster hoch.« Paki blieb freundlich. »Manche Leute wissen es nicht besser«; sie sehen nur das, was sie wollen: den Neger, die Stripperin, den Zuhälter, den Türken – die Köpfe sind voll mit Vorurteilen. Paki hat die abgelegt, vielleicht weil er einige dieser »Nachtgestalten« kennt, weil er jedem zuhört und ihm eine Chance gibt: »Man kann ja über alles reden.« Er sieht die Kellnerin ohne Privatleben, die alleinerziehende Tänzerin, den fleißigen Nachtclubbesitzer, die Jugend und ihre Probleme. Paki ist 65 Jahre alt. Seine Familie lebt in Afrika, vierzig Jahre hat er sie nicht gesehen. Über die Hintergründe verrät Paki wenig; er spricht von finanziellen Problemen und Streit mit seinen Eltern. Weiteren Fragen weicht er aus. In zwei Jahren geht Paki in Rente, viel Geld wird er nicht bekommen, aber vielleicht findet er die Zeit, um den Familienzwist beizulegen. »Man kann ja über alles reden.«


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im deta il

Im Detail Es gibt sie süß und salzig, zum Lutschen oder Kauen, in Pralinenform und als Schnaps: Der Hamburger Michael Bühl besitzt das »Lakitze-Eldorado« und bietet 700 Sorten der Leckerei an – mit der Grundidee, den Lakritz-Geschmack in eine weitere neue Sensation zu transformieren.

Text: Katharin Gawelek


sch mitz schwarz im detail

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schwarzes Gold oder

bärendrecK?

Eine Wurzel zum Naschen Schon in der Antike und dem Mittelalter nutzten die Menschen das Süßholz als Medizin. Es galt als Wunderheilmittel gegen so manche Krankheit. Erst 1760 verwandelte sich die ungesüßt verabreichte Medizin in eine Leckerei. Viele Leckermäulchen werden es George Dunhill – einem englischen Apotheker – danken. Der Lakritzäquator Lakritz wird am liebsten an der Küsten verspeist. Indirekt proportional zum Verzehr von Weißwurst, die eher in Bayern ein Schmankerl ist, wird Lakritz hier zu Lande mit dem Namen »Bärendreck« schon fast diskriminiert. Die Niederländer allerdings kriegen gar nicht genug vom »schwarzen Gold«: Jeder unserer Nachbarn verzehrt zwei Kilo im Jahr. Lakritz im Glas Ein weiteres Mal sind uns die Nordlichter in Sachen Lakritz einen Schritt voraus: »Salmiakki Koskenkorva«, der mit Salmiaklakritze versüßte finnische Wodka hat 32 Volumenprozent Alkohol und ist im Volksmund wegen der Farbe als »Schwarze Sau« bekannt.

Lakritz: Heilmittel oder Gift? Bluthochdruck oder Lähmung kann bei regelmäßigem Verzehr auftreten. Der Grund: Glycyrrhizin – es verändert die Hormonproduktion der Nebenniere. Beim Mann kann dies zu Potenzproblemen führen. Laut italienischen Studien haben Neugeborene, deren Mütter Lakritz gegessen, einen erhöhten Anteil des Stresshormons Cortisol. Süßes oder Saures Salmiak ist ein Mineral. Je nachdem wie salzig die Lakritz schmecken soll, wird Salmiak hinzugefügt. Der Verzehr von Salmiak kann den Körper hydrieren. Bei bestimmten Krankheiten, wie Bulimie oder Alkoholismus ist besondere Vorsicht geboten, so Klaus Kreitsche, Autor zweier Bücher über die »schwarze Leidenschaft«.

Jemanden Süßholz raspeln Dieses Sprichwort kann darauf zurückzuführen sein, dass früher vielen Rednern empfohlen wurde, vor ihrem Auftritt ein Wurzelstück des Süßholzes zu kauen, dadurch wurde die Stimme geschmeidig. Eine zweite Hypothese besagt, es sei die Vielzahl von Süßigkeiten, die aus geraspeltem Süßholz, hergestellt wurden. Süßes galt damals als Luxusgut, deshalb wurde es gerne hergenommen, um jemanden zu bezirzen. Zwei Lager Entweder man hasst Lakritz oder man liebt sie – die schwarze Süßigkeit polarisiert so wie keine andere. Für Klaus Kreitsche ist das eine kulturelle Frage. Allerdings gäbe es da auch die Süßholzallergiker, denen schlecht werde vom Lakritzgeruch. Die Anzahl von Lakritzhassern, die tatsächlich Allergiker sind, sei aber verschwindend gering: »Und Letztere greifen gerne auch zum Hustensaft, wenn es ihnen schlecht geht«, erklärt Kreitsche.



wiedersehen in

Auf einmal ergibt das alles einen Sinn: Warum er Hals über Kopf nach München zieht und den Kontakt zu jedem Freunden, jedem Bekannten urplötzlich abbricht. Er holt tief Luft und sagt: »Ich weiß nicht, ob du es schon irgendwoher weißt, aber ich bin schwul!«


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Schau doch nicht dauernd zu mir rüber – murmel ich und will gerade von meinem Bier trinken, als er mir auch noch zuprostet. Aus Höflichkeit proste ich zurück. Jetzt bleib bitte sitzen – nein der Kerl rutscht lässig von seinem Hocker hund kommt auf mich zu. »So ganz alleine hier?«, fragt er mich erwartungsfroh. »Kann ich dir Gesellschaft leisten, bis dein Date auftaucht?« »Ich warte nur auf einen alten Kumpel«, kann ich gerade noch einwerfen, ehe er sich zu mir setzt. Er ist neugierig darauf, wen ich treffe. Er kenne nämlich die meisten, die hier ein- und ausgehen. Stefan hat mich vor kurzem angerufen und gemeint, wir sollten uns mal wieder sehen und über alte Zeiten plaudern. Außerdem müsse er mir einige Neuigkeiten erzählen. Es verwunderte mich, dass er mich in München treffen wollte – 50 Kilometer von unserem Heimatdorf entfernt. Ich bin gespannt auf ihn, denn nach dem Tod unseres gemeinsamen Mitbewohners ging jeder seinen eigenen Weg.

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Genau dieser Weg führt Stefan nun ins Lokal. Sehr gepflegt sieht er aus – nicht mehr wie der kleine Bauernbub von früher. Sein Blick versteinert sich, als er Markus, meine neue Bekanntschaft, neben mir sitzen sieht. Er bittet Markus, uns alleine zu lassen. Irgendwie ist er aufgeregt, flatterhaft. Als ob ihn etwas bedrückt. Zunächst reden wir über mich, mein Studium, meine Freundin und er fragt auch, ob ich noch Kontakt zu den anderen daheim habe. Mit den anderen habe ich genauso wenig Kontakt wie mit ihm, erwidere ich. Dadurch scheine ich seine letzten Zweifel zerstreut zu haben, denn auf einmal holt er tief Luft und sagt gerade heraus: »Ich

weiß nicht, ob du es schon irgendwoher weißt, aber ich bin schwul!«. Stille. Das ist einer dieser peinlichen Momente, bei denen man nicht weiß, wie man auf zu viel Offenheit reagieren soll. Kopfkino: War er schon immer schwul? Ist er scharf auf mich? Was ging in unserer Wohnung ab? Er hat gemerkt, was sich in meinem Kopf abspielt, lacht und meint ganz trocken: »Nein, du bist nicht mein Typ, keine Angst.« Er wolle es nur jemanden von zu Hause erzählen. »Und wenn nicht dir, wem dann? Du bist der, der immer alles am besten verstanden hat.« »Aber bitte sage es keinem«, höre ich ihn sagen. »Warum? Weiß es niemand aus unserem

Dorf?« Nur seine Eltern und seine Geschwister würden es wissen. Deshalb der Umzug nach München. Sein Vater dulde nicht, dass »so etwas« in seinem Haus lebe. Tränen treten ihm in die Augen. Die letzten Worte seines Bruders waren Homosau und Arschficker. Die Mutter hat nur geweint. Schluchzend fragte sie, warum er ihnen so etwas antue. Ob er sich nicht schämen würde, so asoziale Gedanken zu haben, schrie der Vater. Aber so was kann man ja heilen, diese Krankheit. Man wolle sich noch heute an den Pfarrer wenden. Der müsste doch wissen, was dagegen zu tun sei. Ich selbst bin den Tränen nahe und bleibe sprachlos.


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Beim Aufräumen seines Zimmer

fanden wir pornos. keine normalen, sondern nur mit Männern.

Wie es weiterging, will ich wissen. Am selben Tag ist er ausgezogen. Er hat nur das Nötigste gepackt und ist bei einem Chatpartner untergekommen. Der wusste, Stefan wolle diesen Schritt an diesem Tag gehen, und hat ihm vorsichtshalber gleich einen Schlafplatz angeboten. Dort angekommen, habe er erst mal geweint – stundenlang. Er wollte diesen Schritt schon länger gehen, doch erst als unser Kumpel von einem Zug erfasst wurde, haben sich seine Augen geöffnet. Beim Aufräumen seines Zimmer fanden wir Pornos – keine »normalen« – sondern nur mit Männern. Geschockt haben wir sie verschwinden lassen und sprachen nie wieder ein Wort darüber, verschwiegen es seinen Eltern, als wir ihnen seinen Nachlass übergaben. Da wusste Stefan, dass er nicht mehr so leben konnte. Er wollte sich nicht mehr verstecken müssen.

Seit Kurzem besucht ihn seine Mutter ab und zu, bringt ihm Kuchen mit. Aber seinen Freund will sie nicht kennenlernen. Markus interessiere sie nicht. Mir geht ein Licht auf. Ich starre den Kerl an, der wieder am Tresen steht. »Der?«, höre ich mich sagen. »Ja, schon. Seit einem halben Jahr sind wir fest zusammen und wollen bald in eine gemeinsame Wohnung ziehen.« Stefan winkt seinen Freund zu uns herüber und stellt ihn vor. Er ist sein erster richtiger Freund und hat mehr Erfahrung als Stefan. Er hat sich damals schon mit 14 geoutet. Seine Familie hat es verstanden, seine Mutter meinte nur: »Es war mir schon klar, als du ein Kind warst.« Für ihn war es schon schlimm in der Jugend, obwohl er in München aufgewachsen ist. Und München ist um einiges größer als unser Kaff. Bei diesem Vergleich muss ich wieder lachen. Aber

mir wird bewusst, wie verloren Stefan sich gefühlt haben muss. »Erinnerst du dich noch an den Manni,« fragt er mich. Ich grübele kurz und mir wird sofort klar, wen beziehungsweise was er damit meint. Der Manni war ein Jahr älter als wir. Er fing eine Lehre bei uns im Dorf als Bäcker an. Das Gerücht, er sei schwul, machte im Dorf die Runde, was ihm unter anderem den Job kostete. Was aber noch viel schlimmer war: die Beleidigungen von ehemaligen Mitschülern, Nachbarn, Freunden. Durch dieses Gerücht verlor er jeden Rückhalt in das Dorf. So hart wurde niemand sonst behandelt. Egal was man sich zu Schulden kommen hat lassen, es schien so, als wäre nichts schlimmer als schwul zu sein. Und davor hat Stefan Angst. Angst, es könne ihm genauso gehen. Ich habe Manni nie mehr gesehen. Auch seine Eltern nicht. Sie kamen damit

nicht zurecht, wie sich jeder im Dorf für die Sexualität ihres Sohnes interessierte. Ich fange an, Stefans Vater und Bruder irgendwie zu verstehen: Sie haben Angst, Angst vor dem Stigma, Angst alles hinter sich lassen zu müssen. Ich schüttle den Kopf. Aber steht da die Liebe zum Sohn, zum Bruder nicht darüber? Stefan merkt, dass ich mir gerade sehr viele Gedanken mache und erklärt sich bereit, noch eine Runde Bier springen zu lassen und geht an den Tresen. In Gedanken versunken hocke ich alleine mit Markus am Tisch. Er sieht mich lange an, musternd. Leise sagt er zu mir: »Ich hoffe, du siehst Stefan jetzt nicht anders. Er wollte unbedingt mit jemanden reden – aus dem Dorf. Du bist ja wohl der Einzige, der sich darüber nie abfällig geäußert haben soll. Der immer offen für Neues war. Er hatte wirklich Angst vor deiner Reaktion.« Ich schaue ihn ungläubig an und erwidere, dass es für mich eigentlich nicht von Interesse sei, auf wen oder was jemand steht. Aber dass ich doch eine gewisse Angst spüre, mit zwei warmen Brüdern unterwegs zu sein. Ich weiß ja nicht, auf was es Homosexuelle anlegen würden, wenn sie mit einem Heterosexuellen unterwegs sind. Er lacht, er lacht mich sogar aus. Jetzt komme ich mir irgendwie dumm vor. Aber Markus nimmt es mit Humor. »Wir nennen uns eher Schwestern«, grinst er. Diese ganzen Vorurteile kenne er schon, Schwule hätten


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keine Beziehungen, vögeln wild in der Gegend rum und würden es nur darauf anlegen »Heten« umzukehren. Ich nicke und meine, das sei auch irgendwie das Bild, das ich im Kopf habe. Ich dachte immer, ich sei weltoffen, hatte dann aber doch Berührungsängste. Stefan kommt zurück. Er wirkt total erleichtert. Nicht so wie am Anfang unseres Treffens. Ob er sich jetzt zu Hause im Dorf outen wolle, frage ich ihn. »Nein«, erwidert er. »Ich will es meiner Familie nicht schwerer machen, als sie es eh schon haben.« Langsam schleicht sich der Alkohol in meinen Kopf. Ich meine zu ihm, er brauche sich aber nicht verstecken, nicht vor dieser bigotten Dorfgemeinschaft. Ich beginne über das Scheuklappendenken auf dem Dorf zu schimpfen. Kopfschüttelnd sieht

Stefan zu mir und unterbricht mich: Es habe nichts mit Verstecken zu tun. Ich war der erste Schritt, die Versuchsperson. Hätte ich mich anders verhalten, hätte er sich alles nochmals überlegt. Aber er wolle sich jetzt doch noch mit ein paar anderen unserer Kumpels treffen, um sich ihnen anzuvertrauen. Weitere vier Bier erwecken ein allzu menschliches Bedürfnis

in mir. Ich fixiere die Türe zum stillen Örtchen auf der anderen Seite des Raums und wanke mit leicht wackligen Knien auf sie zu. Die »Schwestern« um mich herum halten sich die Bäuche vor Lachen. Mit großer Mühe schaffe ich es auf die Toilette und wieder zurück an den Tisch direkt vorm Eingang. »Wie bist du denn nach München gekommen?«, grinst mich Markus an. Ich schlucke, natürlich war ich wieder zu faul mit der S-Bahn zu fahren und habe mein Auto nicht weit weg vom Lokal geparkt. »Fahren kannst du nicht mehr«. Ein unheimlicher Verdacht keimt in mir! Die beiden wollen mich doch abschleppen. Ich stammle, das gehe schon klar, früher sei ich in schlimmeren Zuständen noch gefahren und schaue fragend Stefan an. Der meint nur, es sei kein Problem sei, wenn ich bei ihm auf der Couch im Wohnzimmer penne – alleine, versteht sich. Er wohne wieder in einer WG, als einziger Kerl, nur mit Mädels, erklärt er mir zwinkernd. Ich schaue auf die Uhr

Die beiden wollen mich doch

abschleppen

und es wird mir nichts anderes mehr übrig bleiben. Also willige ich ein, mit den beiden noch ein bisschen auf Tour zu gehen. Unterwegs treffen wir seine Mitbewohnerinnen, die sichtlich erfreut sind mich kennenzulernen. Stefan hat schon ganze Arbeit geleistet und nur in den höchsten Tönen von mir gesprochen. Wir betreten zusammen die nächste Bar und – ich erwache: Es riecht nach kaltem Rauch und verschüttetem Bier. Wo zum Teufel bin ich? Sieht nach Studentenbude aus. Bier und Weinflaschen auf dem Tisch sind die einzigen Zeugen unserer Heimkehr. Oh Mann. Mein Schädel brummt. Wie ein Blitz fährt es mir ins Gehirn. Wo ist meine Hose? Ich trage sie noch. Den Gürtel fest geschlossen. Also ist nichts passiert. Ein Schlüssel wird in der Tür umgedreht. Stefan kommt herein mit einer riesigen Tüte Brezen: »Frühstück«, ruft er und grinst mich an: »War doch nicht so schlimm, mit den Schwestern auf Tour, oder?«


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Es ist anstrengend, dass man sich immer so viele Gedanken darüber machen muss, wie man jemanden nennt. Nur weil ich jemanden »Schwarz« nenne, ist das von mir nicht rassistisch gemeint. Elisabeth, 25

AFROAMERIKANER Eddy, 23

»Nicht die Dinge beunruhigen den Menschen, sondern die Meinung darüber«. (Schopenhauer, deutscher Philosoph, 1788 – 1860) Wiebke

»Mensch«, denn wir sind alle gleichwertige Menschen, unabhängig von der Hautfarbe.

Scheißegal, was man sagt, solange man es mit Respekt Für mich ist es normal, »Schwarzer« zu sagen. sagt und gut meint. Til, 24

Addi, 25

Maxi, 24

Ich finde »Schwarzer« nicht schlimm, weil ich »Weißer« auch nicht schlimm finde.

Es gibt gar keine wirklich 100 Prozent richtige Bezeichnung und grundsätzlich finde ich die Trennung nach Ausdrücken fragwürdig. Nicht so einfach.

Eva, 22

Patrick, 23

»FARBIGER« wenn es denn unbedingt sein muss. Aber in erster Linie sollte man Personen mit dem NAMEN ansprechen und nicht mit der Hautfarbe! Respekt ist das A und O, sonst gibt’s Ärger. Jermaine, 26

Aber du sagst doch auch manchmal: »DER ODER DIE DICKE«. Maria, 19

Ich finde Marias Begründung nicht korrekt. »Die Dicke« bezeichnet die Körperfülle, für die man selbst verantwortlich ist. Schwarzer hingegen bezieht sich auf die Herkunft und Hautfarbe. Michl, 15


sch mitz schwarz vox populi

3

Geht gar nicht. Die korrekte Bezeichnung kann man nur von einem anders Hautfarbigen selbst erfragen. SK, 21:

vox populi Was ist die politisch korrekte Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe?

Ich sag »Schwarzer«, außer ich weiß wo er/sie herkommt. Dann sag ich zum Beispiel »Afrikaner«.

»Schwarzer« ist keine diskriminierende Bezeichnung und das Gängigste, was es gibt. Wir sind ja auch weiß.

Simon, 22

D-Man, 24

NACHTS sind alle Frauen SCHWARZ. Bronko, 25

Ich sage »Schwarzer«, ob das politisch korrekt ist, ist fraglich. Zumindest finde ich diese Bezeichnung nicht so abwertend wie manch andere. Flow, 23

MENSCH finde ich gut

Falls (!) ich jemanden über seine Hautfarbe definieren muss, finde ich »Schwarzer« okay.

claudia, 22

Chris, 25

Also »NEGER«, beziehungsweise »NIGGER« geht wirklich nicht! Ich denke, es sollte niemand nach seiner Hautfarbe beurteilt werden. Lisa, 22

»Korrekte« Bezeichnungen und »political correctness« sind Einschränkungen des Grundrechtes auf Meinungsfreiheit. robert, 30


impressum Betreuung Prof. Dr. Michael ThiermeyER Fabian Baumgartner

Redaktion Layout Fritz Platzer Kris Siepert

Marion Geissler Michael B端hler

texte Autoren Musik Papercraft

Katharin Gawelek

Kurioses

Christina Porebski

Comic

Fotografie Konzeption Alexander Zimmermann Michael B端hler

Marion Geissler

Im Portr辰t

Christina Porebski Kris Siepert Fritz Platzer Anton Kalinowski Fritz Platzer

im Detail

Katharin Gawelek

vox populi

Katharin Gawelek

Michael B端hler

Christina Porebski

Kris Siepert Maximilian Dietrich Alexander zimmermann

vielen dank an

Mut zur armut

Florian Vogel

Weihnachten in freiheit

Anton Kalinowski

Absprung statt abgang

Alexander Zimmermann

Hochspannung zum Abschied Exitus im Rachen Spielen Unter Beschuss Brecht mit Busen Wiedersehen in Rosa

Marion Geissler Katharin Gawelek Stefanie Ring Bettina Hofmann Alexander Spennesberger


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