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trotzdem gibt es ein paar Kilometer entfernt einen Laden, der Rock Store heißt. Das Prinzip Rock Store ist kein neues. Du gehst da hinein, schaust dich um, hörst in ein halbes Dutzend Platten, dann kommt der Chef und drückt dir noch andere in die Hand und ich kann davon ausgehen, da sind Treffer bei, auf die ich nie alleine gekommen wäre. Überhaupt scheint in Plattenläden genauso wie in kleinen Buchhandlungen immer noch sehr viel miteinander geredet zu werden. Diese klare Kommunikation hilft dann auch dem Kunden. Ideen entstehen nämlich immer in einem Miteinander, im gemeinsamen Gespräch. Da haben wir schon Lösungen gefunden, nicht nur auf die Frage, was man Tante Else am besten zur Goldhochzeit schenken kann, sondern auch auf Probleme der allgemeineren Art. So vermittelt man schnell mal eine Mitfahrgelegenheit, passt eine Stunde auf den Hund auf oder tauscht Kochrezepte aus. Aber die Rankinglisten? Helfen die gar nicht? Mein Gegenüber lässt nicht locker. Moment, diese Rankinglisten sind doch Bestsellerlisten. Reden wir hier über börsennotierte Unternehmen? Die Gemeinsamkeit von DAX und Bestsellerlisten ist doch, dass es bei der Rangfolge immer nur um Geld geht. Das macht ja eigentlich eine Buchrangliste absurd. Es geht doch vielmehr um Ideen, Gedanken, Geschichten. Eine gute Verkäuflichkeit hat aber nichts mit Qualität zu tun. Auf der Bestsellerliste von amazon befinden sich aktuell unter den TOP 20 das »BGB«, das »HGB« und die »Arbeitsgesetze« (diese Liste wird für das Wohl des Kunden stündlich überarbeitet). Hilft uns das weiter? Wenn Sie in eine Buchhandlung gehen, wird der Buchhändler Ihnen nicht zwangsläufig das empfehlen, was auf der Bestsellerliste steht, warum auch? Er wird Ihnen ein Buch empfehlen, das zu Ihnen passt. Nicht mehr, nicht weniger. Wie dem auch sei, könnte mein Nebenmann einwerfen, Wasser findet seinen Weg. Die eine Ordnung fällt, die andere kommt. Der Onlinehandel wird den Einzelhandel in eine kleine Nische drücken, wenn nicht gar ganz verdrängen. Das mag sein, würde ich dann antworten. Aber was ist der Preis, den man zu bezahlen hat? In der letzten Woche habe ich mit Peter Kolling gesprochen, dem Geschäftsführer der literarischen Buchhandlung Proust. Der schimpfte nicht zu unrecht: »Die Leute lamentieren gegen Kulturverfall und entleerte Innenstädte, ärgern sich über 1-Euro-Shops, kaufen aber auf der grünen Wiese oder bequem von zu Hause.« Unsere Kinder wissen heute schon nicht mehr, was eine Wählscheibe oder was Bandsalat ist. Vielleicht fragen sie

in einiger Zeit auch nach der Funktion des Buchhändlers. Doch das ist klar: Wenn es die Buchhandelsvielfalt nicht mehr gibt, sondern nur noch einige große Häuser und das Internet, gibt es bald die Verlagsvielfalt nicht mehr und somit fehlt dann auch die Buchvielfalt. Bei Gartenteichbüchern ist das vielleicht zu verkraften, aber wenn man mal unterstellt, es würden keine Bücher mehr gedruckt, die sich zum Beispiel nicht mindestens 5.000-mal verkaufen in Deutschland, die Auswahl wäre stark eingeschränkt. Keine Versuche mehr, keine Experimente, Verlage würden nur noch Titel verlegen, die sich 100prozentig verkaufen. Kurze Zeit später würden viele Bücher dann gar nicht mehr geschrieben. Nicht auszumalen, hat doch selbst jeder große Schriftsteller mal klein angefangen. Nehmen wir nur das profane Beispiel Harry Potter. Die Startauflage des ersten Bandes war im Vergleich zu den Megaauflagen ab Band 4 verschwindend gering. Und überhaupt hat dieses Buch erst der kleine Handel groß gemacht – die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die es mit Begeisterung gelesen haben. All die Großbuchhandlungen, amazon mit eingeschlossen, haben die Paletten erst umgesetzt, als Frau Rowling bereits am Markt etabliert war. Gar nicht auszumalen, was mit den vielen kleinen literarischen Verlagen passiert, die voller Enthusiasmus Bücher verlegen, die aber auf den kleinen und unabhängigen Buchhandel angewiesen sind. Der hilft ihnen nämlich in der Dichte, die Bücher an den richtigen Mann, die richtige Frau zu bringen. Jetzt rede ich die ganze Zeit vom unabhängigen Buchhandel und stelle fest, diese Definition trifft auf die Buchhandlung Schmitz überhaupt nicht zu. Wir sind sehr wohl abhängig. Wir sind abhängig von hervorragendem Personal, das ein Berufsleben lang engagiert arbeiten muss, und das für ein eigentlich viel zu kleines Geld. Von Verlagen, die von Saison zu Saison Autoren entdecken und gute Bücher machen. Von Vertretern, die in die Buchhandlung kommen und mit Leidenschaft Bücher verkaufen. Und von Ihnen, die nicht müde werden in unsere Buchhandlung zu kommen. Zur Belohnung gibt’s meistens ein Buch, das passt, manchmal einen Kaffee, ein längeres Gespräch, nicht immer nur über Bücher, und hoffentlich immer ein herzliches Lächeln.

Sind wir die geworden, die wir sein wollten?

Gebunden. 144 Seiten. € (D) 16,99 / € (A) 17,50 / sFr 24,90

München in den frühen Sechzigern: Vier Studenten sitzen am Freitisch einer Münchner Versicherung und ereifern sich über Gott und die Welt und Arno Schmidt. Vierzig Jahre später begegnen sich zwei von ihnen wieder – zwei Lebensläufe prallen aufeinander. Eine geistreiche, gewitzte, glänzend geschriebene Novelle.

Thomas Schmitz

www.kiwi-verlag.de

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schmitzkatze 13  

Das Lesemagazin der Buchhandlung schmitz - Ausgabe 13 - 05/2011

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