wohnWERKen 07

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Ausgabe 07

Wohnen und leben mit Ecken und Kanten

GEMEINSCHAFT: GENERATIONENHAUS NETZWERK: AKTIVE NACHBARSCHAFT SINGLE: IN DER GROSSSTADT


INHALT

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Kreativraum Plattenbau a

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Helfen für ein Lächeln a

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Gemeinschaftlich wohnen und leben a

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Single in der Großstadt a

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Extravagante Unterkünfte bei Airbnb a

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Nachbarschaft: Es entsteht eine neue Intelligenz a

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Beistelltisch selber bauen a

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Tapeten im Umzugsgepäck a

WERK

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T EN BEWUSS

WERK

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SELBST

EN


WERK

ESS EN

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Genuss mit Gewürzen a

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Craft Beer: Besser als Wein a

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Lebensmittelskandale: Wissen schützt a

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Der Garten für die Küche

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Ein fruchtbarer Ort a

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N GRÜN E

WERK

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WERK

EN KRAFT

Ein Haus ganz aus Stroh a

04 EDITORIAL a 173 IMPRESSUM a UNSERE PARTNER:

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JUTTA JUNGE CHEFREDAKTION


In einer Haus- oder Wohn­ gemeinschaft, als Paar zu zweit, als Single – nie waren die Wohn- und Lebensformen vielfältiger als heute. Blogger und Autoren teilen mit uns ihre Art zu wohnen und zu leben: Sie berichten von ihrem Leben in einer Wohngenossenschaft, in der die Mieter gleichzeitig die Besitzer der Immobilie sind. Von aktiv gelebter Nachbarschaft. Vom Leben als Single in der Großstadt. Und wir schauen zurück in unsere jüngere Geschichte auf das gemeinsame Wohnen und Leben in den legendären Plattenbauten der DDR. Zu unserer Sicht auf das Wohnen und Leben gehört auch immer der Genuss. Eine Mahlzeit ist aber nur wirklich dann perfekt, wenn man die richtigen Kräuter und Gewürze verwendet. Sternekoch Ingo Holland hat uns verraten, worauf es dabei ankommt. Und was trinkt man zum Essen? Bier ist wohnwerken.de_Ausgabe 07

EDITORIAL

ein besserer Essensbegleiter als Wein, meint eine der wenigen Biersommelièren der Welt. Und tritt den Beweis an. In Megastädten gibt es wenig Platz für eigenes Grün. Deshalb hat ein kluger Kopf eine Lösung gefunden, frische Kräuter, Salate und Gemüse in der eigenen Küche heranzuziehen. Einen anderen Weg beschreiten engagierte Bürger in Berlin: Sie haben sich zusammengeschlossen, um das Spreeufer für verschiedene grüne Projekte zu nutzen. Diese und andere spannende Geschichten haben wir wieder für Sie zusammengetragen. Ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Meinung zu dem ein oder anderen Thema mitteilen jutta.junge@schluetersche.de

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Bild: adogslifephoto – Fotolia.com

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IMPRESSUM


Kreativraum Plattenbau

Designexperte Günter Höhne erzählt, wie sich DDR-Wohner Individualität einheimsten.

Text und Bilder: Günter Höhne lesezeit 6 min

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DDR-Tapete der 1970er/80er-Jahre. wohnwerken.de_Ausgabe 07

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MEHR KOMFORT ging eigentlich nicht, damals in der DDR: Wer ab den 1970er-Jahren eine neue Plattenbauwohnung zugewiesen bekam, kommunal oder auch genossenschaftlich besiegelt, bezog sie in aller Regel fix und fertig standardmä10

ßig tapeziert. Mit Einbauküche plus Herd plus „Durchreiche“ versehen. Gebrauchsfertiger „Nasszelle“ mit serieller Ausstattung (Badewanne, Waschbecken, Toilette und Anschlüsse für die Waschmaschine). Wischfreundlichem PVC-Fußbodenbelag. Modernen Verbundfenstern in den Außenwänden und – die Krönung – einem als „Loggia“ bezeichneten, oft recht geräumigen, massiven Beton-Balkon vorm Wohnzimmer.

gie l a t s O n e in bissch E von g n u l l e t s mmen a s u Z e s e i lltag. A bietet d R D D m us de a n e n ö T O R d Quelle: In

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Der TAKRAF-Fahrstuhl Erreichbar das ganze Glück ab einer Baugröße von sechs Etagen per TAKRAF-Fahrstuhl. Das volkseigene Leipziger „Kombinat für Tagebau-Ausrüstungen, Krane und Förderanlagen“ hatte in der DDR das Monopol auch für die vertikale Beförderung von Menschen. Die Treppenaufgänge mit gemustertem Kunststoff­ belag (in Sachsen nennt man diese Art von augenreizender Deko „geschibbert“), in seinen bescheidenen Druck-Varianten sämtliche Neubauten zwischen Saßnitz und Suhl durchziehend.

Eingangstüren – ein Kapitel für sich Plattenbauten-Wohngebiet, Berlin Prenzlauer Berg, um 1975. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Die Wohnungstüren ebenso einheitsmäßig mit – Furnierholz vorspiegelnden – Papier-

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Folien kaschiert und schwarzen Duroplast-Beschlägen ausgerüstet. Zwischen Außenund Innenklinke hinter diesen Oberflächen Spanplatte und eine Art luftiger Zellstoffwabenfüllung. Keine Herausforderung für Einbrecher – die waren sowieso kaum zu befürchten. Denen begegnete man eher im „Polizeiruf 110“ des DDR-Fernsehens denn im gewöhnlichen ostdeutschen Alltag. Als die deutsche Einheit kam und damit auch gewisse informelle Türsteher und -horcher entsorgt waren, wurden diese nun flugs durch neue Spione in den jetzt als zu leichtgewichtig empfundenen Wohnungspforten ausgetauscht. Das Bohren der Löcher für die Linsenkonstrukte zum Durchlinsen war hier wenigstens kein Problem.

Individueller Treppenhausschmuck in einem Elfgeschosser von Berlin-Marzahn. Bild: Bernd Havenstein


Und ordentliche Bohrmaschinen gab es jetzt auch in Hülle und Fülle. Die DDR-Marken Multimax und HBM (für Handbohrmaschine) landeten auf dem Müll wie so vieles Andere. Aber das ist ein eigenes Thema.

handwerkliches Geschick gefragt Bis dato freilich hatten Werkzeuge aus DDR-Produktion durchaus manches Gute und Schöne in den volkseigenen beziehungsweise genossenschaftlichen Behausungen vollbracht. Zunächst traten Malerrollen und -pinsel in Aktion, denn es galt, die als supermodern gepriesenen, weil nach westlichem Vorbild „gestalteten“, üppigen Tapetendekore weiß oder in anderen Unifarben zu überstreichen. Wer viel Glück oder gute Beziehungen zum Fachhandel oder „ForumSchecks“ für den Einkauf in wohnwerken.de_Ausgabe 07

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Die Kunst des Löcherbohrens

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den Intershops hatte, gelangte gar in den Besitz heißbegehrter neutraler Raufaser-Tapetenrollen. Volkskünstlerisch besonders begabte Mieter setzten die Verschönerung der Wände im Treppenhaus fort, dort hingegen gern voller romantischen Übermuts. Teile des Hellerauer Einzelmöbel­typensatzes 602.

Innerhalb der Wohnung folgte der Versuch, Bohrungen in die erdbebenfesten Betonwände ein- und Möbelteile, Bilder und anderes Wandbeiwerk anzubringen. Das allerdings mit Multimax und HBM zu bewerkstelligen, setzte erst einmal die nicht einfache Beschaffung eines Zusatzgerätes, des sogenannten „Schlagbohr-Vorsat-


zes“, voraus. Aber auch, wenn man den erhielt, kostete es unmenschliche Kräfte und „Widia“-Bohrstähle (aus dem Westen), um auch nur einen Haken anzubringen. Etwas über Kopf an der Zimmerdecke zu befestigen, war aber auch dann schier unmöglich. Ströme von Schweiß wurden vergossen, gut, dass der Fußboden, wie gesagt, wischfreundlich war. Am Ende hielt man dann doch Ausschau nach dem Innenausbau-Spezialisten einer aus vielen Nöten helfenden „Feierabendbrigade“. Der kam irgendwann mit seinem volkseigenen „Bolzenschussgerät“ und pfefferte mit ohrenbetäubendem Knall für ein üppiges Handgeld Gewindestähle in den Beton für all das, was an Wand oder Decke prangen sollte. Dabei wurde von den Kollegen seriell aufgangs- und etagenmäßig vorgegangen – peng, peng, peng, peng, peng. Das klang wohnwerken.de_Ausgabe 07

Die Gestelle für die Möbel konnten leicht entfernt und die Teile beliebig aufeinandergesetzt werden.

feierabends im Neubau­ block wie Häuserkampf.

Rundbögen, Selbstklebefolien und Co. Leichter fiel es, das traute Heim nach dem vollständigen Einzug anderweitig aufzuhübschen. Jedenfalls, was den körperlichen Einsatz anbetraf. Hier reichten meist etwas Fantasie, Farbe, Bastelgeschick, Holzbearbeitung und -montage aus.

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MDW 60-Variante als kompakte Schrankwand in einer Berliner Wohnung Anfang der 1980er-Jahre.

So wurden in die Wohnungsflure zwecks Hebung des optischen Eindrucks romanische Rundbögen aus Leichtbaumaterialien integriert oder auch Selbstklebefolien als Edelholzpanel-Ersatz angebracht. Der Fantasie und dem Mietver-

trag waren da kaum Grenzen gesetzt. Das Problem war eher die Beschaffung der entsprechenden Materialien. Denn Baumärkte mit ihrem uferlosen und konkurrierenden Überangebot an allem und jenem wie im Westen gab es in der DDR nicht. Schon „Rohware“ zu ergattern, wie Holzleisten und Bretter, war Glücks- oder Beziehungssache. Nägel, Schrauben, Winkeleisen und Beschläge – oft Fehlanzeige oder eben nicht vorrätig im Werkzeugladen, was gewünscht war. Gescheit, wer da mit dem Trabi oder dem Wartburg aus der Stadt über Land fuhr und Ausschau nach Verkaufseinrichtungen der „Bäuerlichen Handelsgenossenschaften“ (BHG) oder der VdgB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) hielt, einer Art sozialistischer Raiffeisen-Märkte. Die wurden meist besser beliefert.


Die Medien der DDR feierten mit täglichen Erfolgsmeldungen das Vorankommen des „Wohnungsbauprogramms als Kernstück der Sozialpolitik der SED“– die Mühsal und der Verdruss beim individuellen Sich-Einrichten im neuen Nest blieben weitestgehend unentdeckt.

Normen und Standards Dabei war das Große und Ganze seitens Wirtschaftsplanern, Architekten und Gestaltern im Grunde genommen vom ersten Spatenstich bis zur Schlüsselübergabe in vieler Beziehung konsequent durchdacht. Zum Beispiel was die Innenausstattung der neuen genormten Behausungen mit im Wortsinne angemessenen Möbeln anging. Ein Hort der in dieser Hinsicht besten, fruchtbarsten und trawohnwerken.de_Ausgabe 07

ditionsreichsten Ideen befand sich bei Dresden, wo der Wohnraumausstatter Deutsche Werkstätten Hellerau (dereinst eine sächsische Wiege des Deutschen Werkbunds) bereits an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert „Maschinenmöbel“ für den Volksbedarf in Serie hergestellt hatte. Als dort in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre der vom ehemaligen Bauhäusler Franz Ehrlich entworfene „Einzelmöbel-Typensatz 602“ in Großserie ging, war dieses gesamte standardisierte wie vielgestaltige Programm genau auf die damals vorherrschenden Wohnungstypen mit ihren Raumgrößen ausgerichtet. Ebenso die Maße und Anwendungsmöglichkeiten der folgenden, ab 1967 ausgelieferten Montagemöbel-Serie MDW 60, einer Vorwegnahme des IKEA-Selbstbauprinzips. „Der Nutzer als Finalist“ war die Intention des Gestalter-

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Aus der von Lutz Brandt in den 1970er-Jahren gezeichneten NBI-Serie „Tips für die Wohnung“.


Aus der von Lutz Brandt in den 1970er-Jahren gezeichneten NBI-Serie „Tips für die Wohnung“.

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duos Rudolf Horn und Eberhard Wüstner von der damaligen Hallenser Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein.

Eigeninitiative beim Einrichten 20

Womit freilich dem Drang nach ganz eigener frei-schöpferischer „Finalisierung“ des Wohnraums, ob in „der Platte“ oder im bereits betagten Altbau, kein Abbruch getan war. Funktional und gestalterisch zu optimieren gab es immer etwas, auch noch lange nach dem „Einzug ins Paradies“, wie der doppelbödige Titel eines damals wie heute sehr lesenswerten Romans von Hans Weber über die Besiedlung eines Neubaublocks in Ostberlin lautete, 1979 erschienen.

In vielen Publikumszeitschriften und Magazinen der DDR waren Vorschläge und Bauanleitungen zur „Eigeninitiative“ beim Einrichten sehr beliebte Beitragsserien. Den Vogel unter diesen schoss Mitte der 1970er-Jahre die Neue Berliner Illustrierte mit ihrer über zwei Jahre lang erscheinenden Folge „NBI-Wohnraumberatung“ ab. Hier setzte der Berliner Architekt, Designer und Grafiker Lutz Brandt praktikable Leserideen in gezeichnete dreidimensionale Entwürfe um – ein somit wahrhaftig zum „Volkseigentum“ werdender Bilderbogen wenn auch aus heutiger Sicht bescheidener realer Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben in den häuslichen vier (und mehr) Wänden. O


Geschichte des ostdeutschen Designs Auf der Website zur Geschichte des ostdeutschen Designs zwischen 1945 und 1990 hat Günter Höhne mehr als 1.000 Fotos quer durch fast alle Disziplinen indus­ trieller Formgestaltung, Ver­ packungs- und Gebrauchs­ grafikkultur in der DDR zusammengetragen. Dort finden Sie auch Textbeiträge sowie Reaktionen auf Veröf­ fentlichungen und Ausstel­ lungen von Günter Höhne zum Thema „Design in der DDR“.

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Über den Autor

Günter Höhne arbeitet seit 50 Jahren als kulturpoliti­ scher Journalist in Berlin. Unter anderem war er von 1984 bis 1989 Chefredak­ teur von form+zweck, der DDR-Fachzeitschrift für in­ dustrielle Formgestaltung. Nach 1990 veröffentlichte er mehrere Bücher über Designentwicklungen in der DDR und schuf gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Diplom-Kulturwissenschaft­ lerin Claudia Höhne, zwei große Privatsammlungen zum Thema, deren Bestände inzwischen in den Fundus des Leipziger Grassi Muse­ ums für Angewandte Kunst sowie in Die Neue Sammlung München integriert sind.

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IMPRESSUM

Bild: Kzenon - Fotolia.com


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Bild: Julian Jankowski

Helfen für ein LÄCHELN

Unter diesem Motto verhelfen Werkzeughersteller Bosch und Fußbodenspezialist Meister Kindergärten zu neuen Bodenbelägen. Dieses Mal: die Kindertagesstätte Werkstattstraße in Köln. Text: Thomas Vahle Bilder: Thomas Vahle, Julian Jankowski, Sebastian Bächer

lesezeit 3 min wohnwerken.de_Ausgabe 07

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24 Kindergartenleiterin Eva Noack freut sich über die gelungene Renovierung. Bild: Julian Jankowski

„DAS

war eine richtig runde Geschichte ...“, Eva Noack, Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Werkstattstraße in Köln/Nippes ist immer noch ganz begeistert – und ihre 40 kleinen Schützlinge mindestens ebenso. Nicht nur davon, dass der Mehrzweckraum und ein benachbarter kleinerer Raum jetzt einen neuen

Fußboden haben, sondern auch von der handwerklichen Leistung der Bächer Bergmann GmbH aus Köln.

Ideale Materialwahl Sebastian Bächer, Tischlermeister und einer der beiden Chefs des Betriebs, hatte sich


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Robust, zeitlos und einfach schön ist der neue Bodenbelag.

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Bild: Julian Jankowski

dazu bereit erklärt, den neuen Boden zu verlegen. Insgesamt 52 Quadratmeter galt es zu bewältigen. Als Ersatz für den inzwischen nicht mehr so ansehnlichen PVC-Belag hatten sich die sieben pädagogischen Mitarbeiter für den Catega Flex DD 300 S Stieleiche natur 6952 von Meister entschieden. wohnwerken.de_Ausgabe 07

„Der Boden ist nicht zu hell und er passt wunderbar in unsere Raumgestaltung. Daran werden wir lange Freude haben“, schwärmt Noack. Seine „Einweihung“ hat der neue Fußboden auch schon hinter sich: Gleich nach Abschluss der Arbeiten konnten die ersten Eltern während eines Vorleseabends in der KiTa das Ergebnis


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begutachten. Inzwischen erfüllt der Mehrzweckraum wieder seinen eigentlichen Zweck: Er dient zum Turnen und als Ruheraum für die Kleinsten. Sie halten hier ihren Mittagsschlaf. 26

Spass an der Herausforderung „Uns hat es viel Spaß gemacht, für die Kinder etwas zu tun“, erzählt Bächer, der zusammen mit seinem Alt-Gesellen Michael Müller und dem Azubi Max Wester die Arbeit erledigt hat. Das ein oder andere Problemchen gab es dann aber doch noch zu beseitigen und so mussten die Tischler noch einen zweiten Tag investieren, bis alles tiptop fertig war.

„Uns hat es viel Spaß gemacht, für die Kinder etwas zu tun“


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Bild: Sebastaion Bächer

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Equipment als Erfolgsgarant

Bild: Sebastian Bächer

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Hilfreich dabei: die Maschinen von Bosch, mit denen sich der Werkzeughersteller an der Aktion beteiligt. Zum einen der 12-Volt-Akku-Bohrschrauber


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GSR 12V FC Professional mit Flexi-Click-Aufsätzen, der Akku-Multicutter GOP 18V-28 Professional, und die Akku-Stichsäge GST 18V-LI S Professional. Eins der Werkzeuge darf Bächer als Dankeschön behalten. Er entscheidet sich für die Stichsäge.

Die Kinder sagen danke

ist ja wohl das Mindeste, was wir machen konnten“, sagt Noack. Sie will sich mit den Kindern noch eine Überraschung ausdenken. O

29 Mit dem Multicutter lassen sich Schienen auch nach der Montage ablängen. Bild: Thomas Vahle

„Herr Bächer und seine Kollegen haben ihre Arbeit ganz toll gemacht. Alle Übergänge sind beseitigt und der Boden sieht einfach klasse aus“, schwärmt Eva Noack. Für die Mittagspause hat der KiTa-Koch einige Portionen mehr gekocht und die Tischler mit verpflegt. „Das

Die Stichsäge leistet gute Dienste. Bild: Thomas Vahle

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GEMEINSCHAFTLICH WOHNEN UND LEBEN – UND WIE!

IMPRESSUM

Bild: Cornelia Suhan


Wie wohnt es sich in einem Mehrgene­rationenhaus? Manfred Walz wohnt im buntSTIFT in BochumLangendreer und erzählt vom selbstorganisierten Alltag. Text: Manfred Walz lesezeit 6 min

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ES

ist Donnerstag. Jede Woche, auf dem Weg durchs Treppenhaus beim Zeitungholen, weht mir der Duft frischen Brots in die Nase. Die volle Brotkiste steht einen Stock tiefer auf dem Podest vor der Wohnungstür von Sabine und Michael. Die bestellten Brote wer­ den bei Sabine abgeholt – immer dann ergibt sich die 32 Südansicht mit Gemeinschaftshaus vorn. Bild: Cornelia Suhan

Gelegenheit für ein kurzes Gespräch. Wir wohnen hier zusammen, seit die Ersten vor bald 8 Jah­ ren auf die Baustelle eingezo­ gen sind. Es sind mehr als 40 Personen in 21 Wohnungen mit einem kleinen Gemeinschafts­ haus. Fast alle denkbaren Haushaltsformen sind vertreten, vom Einper­ sonenhaushalt, über Ein­


elternhaushalte mit einem oder drei Kindern und Paare bis hin zu den Klein­ familien mit Mädchen und Jungen. Helena, die Älteste, wird bald 95 Jahre, Judith, die Jüngste, ist so alt wie das Pro­ jekt. Jeder Haushalt hatte die Möglichkeit, seine Wohnung mit dem gemeinsam ausge­ wählte Architekten, Norbert Post aus Dortmund, zu planen.

Ein Luxusprojekt? Keineswegs! Mehr als die Hälfte der Wohnungen sind öffent­ lich gefördert. Das war auch die Bedingung, damit Gemein­ schaftshaus und Aufzug öffent­ lich gefördert werden konn­ ten. Im Ergebnis haben wir 33

Gerade eingezogen: gemeinsame Pause am Bausamstag. Bild: Manfred Walz

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durch die Rahmensetzung für Haushaltseinkommen drei verschiedene Miet­ höhen im selben Haus von zurzeit 5,15 Euro und 6,25 Euro für die öffentlich geförderten, 6,63 Euro je qm kalt für die frei finanzierten Wohnungen. Auch deshalb legen wir großen Wert darauf, das gemeinsame Leben zu entwickeln und die entstehenden Aufgaben und Kosten möglichst gleichmäßig zu verteilen. Diese Einstellung bestimmt immer neu unse­ ren Alltag und die Entwick­ lung dieses Ortes, an dem wir leben, mit Haus, Garten, Tie­ ren und Parkplatz. Angesichts der unterschiedlichen Mieten und neuer Herausforderungen im Wohnalltag versuchen wir deren mögliche Sprengwirkung für das gemeinsame Leben zu vermeiden. Deshalb trägt jeder

Haushalt nicht nur seine son­ dern auch die Miete für das Gemeinschaftshaus. Wir ver­ suchen auch die notwendigen Arbeiten für Haus und Garten nach den jeweiligen Möglich­ keiten und Talenten aufzutei­ len, in der Hoffnung, dass der Elan für freiwillige Aktivitäten nicht nachlässt.

Vier Säulen für die gemeinscahft Zu Beginn, 2005, hatten wir vier Säulen formuliert, die uns tragen sollten: o gemeinsames Wohnen der Generationen, o Ältere stark einbinden, o ein Gemeinschaftshaus als Ort der Begegnung mitein­ ander und mit dem Stadtteil, o die Genossenschaft als starke äußere Form des Zusammenlebens. Mit der Zustimmung zu den Säulen war die Eintrittskarte zum Projekt gelöst.


Mittagspause mit Freunden am Bausamstag. Bild: Manfred Walz

Heute haben wir aus dem Konzept der „vier Säulen“ ein Tragwerk unterschied­ licher Aktivitäten entwi­ ckelt. Es gibt z. B. notwendige Alletagearbeiten, die das Haus und den Alltag sichern, bis zu besonderen Aktivitäten, die Einzelne entwickelt haben: Jede und jeder hat ein scharfes Auge z. B. auf Heizung, Fens­ ter oder den Keller zu werfen. Einige gehen den Alltag mit wohnwerken.de_Ausgabe 07

anderen Bewohnern fröhlich und durchaus auch kostenspa­ rend an, wie z. B. die verschie­ denen Kochgruppen oder die kleine Gruppe, die inzwischen zwei gemeinsame Autos nutzt und um mehr Teilnehmer wirbt, oder die Gruppe, die unserer Ältesten Einkäufe abnimmt und sich um sie sorgt. Größere Jungen haben sich gefunden, um einen Fahrrad­ rundkurs hinten auf dem

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Jungen im Velodrom mit Sturzhelmen. Bild: Manfred Walz

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Blick aus dem Baumhaus. Bild: Manfred Walz

Aufbau der groĂ&#x;en Schaukel. Bild: Sabine Widmann


Grundstück zu bauen, ein Trampolinturm steht mitten­ drin, davor die große Schaukel. In der anderen Ecke des Gar­ tens haben Eltern mit den Kin­ dern das Baumhaus gebaut, das die Mädchen am liebsten besiedeln. Im Gemeinschaftshaus tagt die Hausgruppe, hin und wieder veranstalten wir hier für den Stadtteil Ausstellungen mit Bildern und Fotografien, Film­ abende und Lesungen zum Bei­ spiel. Mutig hoffen wir auf den Besuch von Menschen aus dem Stadtteil, beson­ ders aber auf den der Nach­ barn – das wird schon noch, sagen wir uns!

Miteinander: Man trifft sich Natürlich gibt es verpflicht­ ende Routinen im Haus, wie die jährliche Mitgliederver­ sammlung oder die Haus­ gruppentreffen, an denen wir wohnwerken.de_Ausgabe 07

alle zwei Wochen teilnehmen – es sei denn, man hat sich entschuldigt. Ihr Rhythmus ist nur durch die Schulferien unterbrochen. Dort wird alles Wichtige zu Haus und Garten besprochen, wenn möglich geregelt oder die Regelung wird vorbereitet.

Gemeinsam gestalten Eine freiwillige Routine ist der Bausamstag. Er hat eine lange Tradition, die sich aus der Bauzeit herleitet, in der wir mächtig anpacken muss­ ten, um die Baukosten durch Eigenarbeit zu senken. Damit haben wir den großen Altbau gesichert, ihn in einen Rohbau zurückverwandelt, der den fla­ chen Aufbau mit sechs neuen Wohnungen tragen kann. Der Bausamstag soll nicht nur das Haus erhalten, wir wol­ len es auch besser nutzen können und verschönern.

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Wir haben viele kleine Obst­ bäume neu gepflanzt, große Hochbeete aus alten Bau­ materialien gebaut und ein auf­ teilbares, vom Haus geschütztes Tomatenbeet mit Gewürzbeet angelegt, von Blumeninseln und -stränden nicht zu reden. Der gemeinsame Garten wird durch einen langen geschwungenen Weg von den privaten Wohn­ terrassen abgesetzt. Haus und Garten miteinander in ein Paradies zu verwandeln ist nicht leicht – bei verschiede­ nen Vorstellungen vom Para­ dies, die auch Hunde und Kat­ zen einbeziehen wollen. Aber: Für jeden gibt es eine Aufgabe oder eine Möglich­ keit zum Engagement. Man­ che und mancher kümmert sich mehr, mancher und man­ che weniger. Es gibt auch noch lange nach dem Einzug große

Aufgaben, die wir gestemmt haben, da konnten wir z. B. den großen Blechtempel für Fahr­ räder bauen lassen, am Weg vorm Haus. Zugleich gibt es jetzt eine Rampe, sie taugt als leichter Aufstieg für zukünf­ tige Rollatoren zur „Piazza“, an der alle Haus- und Wohnungs­ eingänge liegen.

„Wir-Tag“ Vor allem gibt es im Jahr große Treffen, die wir gemeinsam gestalten. Hier ist die Haus­ gemeinschaft als das Ganze der Einzelnen wahrzunehmen. Hier zeigt sie sich fröhlich zugewandt. Gerade versuch­ ten die Erwachsenen, sich spie­ lerisch zu begegnen: Das war der Sonntag, den wir dann „Wir-Tag“ genannt haben. Oder die vorbereitete Wande­ rung in die nahe Gegend und schließlich das große Sommer­ fest mit einigen Freunden ums Haus herum, im geschmückten


Garten mit Spielen, Tanz und Gesang am Feuer.

EinhausGenossenschaft Wir haben für unser Wohnen einen Verbund angelegt, der uns langfristig erlauben soll, unser Leben miteinander und im Haus weitgehend selbst zu bestimmen:

2008 haben wir diese Ein­ haus-Genossenschaft gegrün­ det, in der jeder Erwachsene Mitglied ist. Wir haben dazu das Grundstück für heute noch 89 Jahre in Erbpacht gesichert, das Haus haben wir selbst modernisiert und erweitert. Es ist unser gemeinsames Eigentum, über das wir mit scharfen Augen wachen. Jetzt, nach zehn Jahren, haben

Gemeinsame Spinnrunde am „Wir-Tag“. Bild: Manfred Walz

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GROSSE

„ES GIBT EINE WARTELISTE FÜR INTERESSIERTE“

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wir erstmals eine finanziell positive Lage erreicht. Wie wir sie nutzen, entscheiden wir bald. Langfristig können wir z. B. die Entwicklung unserer drei Miethöhen absenken, weil wir gleichzeitig Mieter und Eigentümer des Hauses sind. Wir arbeiten daran, dass sich die Basis unseres Alltags gut entwickelt und unser Zusam­ menleben wachsen kann, zumindest haben wir uns die Möglichkeit dazu geschaffen. Besucher fragen oft: „Habt ihr noch keine Fluktuation der Bewohner oder habt ihr sogar eine freie Wohnung?“ Dann müssen wir zugeben, dass manches Kind, das erwachsen wurde, ausgezogen ist, oder dass sich Paare getrennt haben.

Es gibt eine große Warteliste für Interessierte. Aber nein: Eine freie Woh­ nung haben wir (noch) nicht. Was wir aber haben, ist: ein wachsendes Durchschnittsal­ ter, das heute schon bei 37 Jahren liegt, und wir haben eine vergleichsweise niedrige Miete. Noch besprechen wir das Thema „jünger Wohnen“ nicht. Es begleitet uns und wird aktuell, wenn im „Mehr­ generationenhaus buntSTIFT“ eine Wohnung frei wird. Dann spätestens schauen wir uns die hier im Leben veränderten vier Säulen und die interessierten Menschen an und fragen sie: Wie seht ihr unser Konzept, wo und wie wollt ihr es wei­ ter entwickeln? O


buntSTIFT IN ZAHLEN Insgesamt stehen im buntSTIFT ca. 1.850 qm Wohnfläche zur Verfügung, bestehend aus 21 Wohneinheiten und einem Gemeinschaftsraum mit Küche und Bad. Die Wohnungen sind ein Mix aus öffentlich geförderten und frei finanzierten Wohnungen: o Die Einkommensgruppe A beinhaltet 10 Wohnungen mit insgesamt ca. 750 qm Bild: privat

ÜBER DEN AUTOR Manfred Walz, Stadtplaner, war seit Beginn 1995 an der Entwicklung und Realisiewohnwerken.de_Ausgabe 07

und startete 2010 mit einer Anfangsmiete von 4,85 € je qm (heute 5,15 €). o Die Einkommensgruppe B beinhaltet eine Wohnung von ca. 110 qm und startete mit einer Anfangsmiete von 5,95 € je qm (heute 6,25 €). o 9 Wohnungen sind freifinan­ ziert und nehmen ca. 930 qm der Gesamtfläche ein.Sie starteten mit einer Anfangs­ miete von 6,30 € je qm (heute 6,63 €). In den 21 Haushalten leben aktuell mehr als 40 Personen. rung des Projekts beteiligt. Er war Mitglied der „Baugruppe“ und anfangs auch im Vorstand der neu gegründeten „WOHN-RAUM eG“. 2011 zog er als einer der letzten Bewohner in das neu-alte Haus ein. In der Hausgruppe ist er das „Auge“ für die Sicherheit von Dach und Solartherme.

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Single in der

ß stadt Gro

IMPRESSUM

Bild: Rainer Claus – Fotolia.com


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Wohngemeinschaft mit vielen, eine Beziehung zu zweit – oder? Bloggerin Julia hat sich für eine weitere mögliche Variante entschieden. Text und Bilder: Julia Beyer wohnwerken.de_Ausgabe 07

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Seit

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drei Jahren bin ich jetzt Single in der wunderschönen Stadt Hamburg. Hier fallen Angebot und Nachfrage extrem hoch aus. Viele freie Männer und enorm viel Konkurrenz, auch wenn die das Geschäft beleben soll. In diesem Fall ist sie aber nicht wirklich effektiv, sondern eher hinderlich, um sich zu entscheiden und nur auf Einen zu konzentrieren. Ganz nach dem Motto: „Wer die Wahl hat, hat die Qual“.

Partnersuche online und offline Ständig ist man auf der Suche nach einem Partner. Online wird auf der Couch hin- und hergewischt, Matches gesammelt und ab und zu trifft man sich. Auch offline hat die Stadt

viel zu bieten, unterwegs am Abend bei einem Gläschen Wein schließt man die eine oder andere Bekanntschaft. Man hangelt sich von einem Date zum nächsten auf der Suche nach der ganz großen Liebe. So denken viele über das Singledasein. Aber ehrlich, Single ist so viel mehr als die Suche nach einem passablen Mann oder dem Kick für den Augenblick. In meinem Blog Single in der Großstadt schreibe ich über das Singleleben und gehe in mehreren Kategorien auf die verschiedenen Themen, Situationen und Erfahrungen des Singlelebens ein: Trennung & Liebeskummer / Selbstfindung / Glücklicher Single / Single unterwegs / Kennenlernphase und die Liebe – am besten in dieser Reihenfolge.


Auszeit vom Wir, die Suche nach sich selbst Klar, man kann sich nach einem Beziehungsaus hervorragend mit jemand anderem ablenken und sofort wieder auf Partnersuche

gehen. Ich sehe es immer wieder: Die letzten Beziehungsscherben noch nicht einmal aufgefegt, geht es sofort auf die Suche nach einem neuen Partner. Ich nenne das ganz gerne „Beziehungsrettungsboot“. Es hält einen zwar über Wasser, aber früher oder später geht 45

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die Luft raus. Achtung, Schiffbruch voraus! Oft stellt man dann irgendwann fest, dass der andere leider immer noch im Kopf sehr präsent ist. Problemverlagerung – und besonders heikel wird es dann, wenn es mit der Neu-Eroberung nicht funktioniert und einem sozusagen beide Verflossene „um die Ohren fliegen“. In diesem Fall bekommt man dann die

geballte Ladung der Verdrängung zu spüren. Auch wenn man es erst nicht wahrhaben will, ein Ende bedeutet immer einen Neuanfang und so nutze ich das Singleleben, um richtig aufzuräumen und ein Update von mir vorzunehmen. Deshalb finde man erst sein eigenes Glück bevor man jemanden sucht, der den Beziehungssta-


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tus ändert. Also Neustart bitte! Als Single ist das der perfekte Zeitpunkt sich zu sortieren und neu zu programmieren.

Weil ich mal nur ich sein mĂśchte Eine der schwierigsten Aufgaben in unserem Leben ist, wir selbst zu sein. Das geht am besten, wenn man auf sich wohnwerken.de_Ausgabe 07

fokussiert ist. Die Singlezeit ist eine wichtige Phase in unserem Leben, die man gut nutzen kann, um eine Trennung zu verarbeiten, Wunden heilen zu lassen, sich selbst zu finden, eine Zeit lang einfach mal nur ICH sein. Das machen, was man schon immer machen wollte. Bekanntlich wächst man an seinen Erfahrungen, der Schmerz ist der Vater und die Liebe


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ist die Mutter der Weisheit. Wer bin ich? Was will ich vom Leben? Welche Ziele habe ich? Als Solist kann man die neu gewonnene Zeit dafür nutzen, sich ausgiebig mit sich selber zu beschäftigen. Immerhin muss ich mit mir mein ganzes Leben verbringen, mit mir zurechtkommen und mich mögen. Die längste Beziehung, die man in seinem Leben hat, ist die mit sich selbst. Ist es nicht schön,


wenn man sich selbst liebt? Auf sich achtet und sich achtet? Ich meine, diese Liebe ist für immer. Anstatt nach jemandem zu suchen, nutze ich die Singlezeit für mich. Um mir eine eigene Meinung zu bilden, unabhängig von Prägungen. Werte und Ideale durch meine eigenen Erfahrungen zu schaffen. Was vorher richtig war, muss nicht ewig richtig sein. Beispielsweise dachte ich früher, dass man einen Mann kennenlernen, ihn heiraten und Kinder bekommen muss, um glücklich zu werden. Immerhin haben meine Eltern und ein Teil der Gesellschaft mir das so vorgelebt.

Ich brauche keinen Mann, zum Glück! Das Glück kann man über viele Wege erreichen, dafür braucht man keinen Mann. Heute haben wir die Möglichkeit, weder finanziell noch emotional vonwohnwerken.de_Ausgabe 07

einander abhängig zu sein. Früher bestand das Konzept aus zwei Personen, bildlich gesprochen stand jede auf einem Bein. Sie ergänzten sich, zusammen stellten sie sich auf zwei Beine und hatten dadurch mehr Halt. Heute haben zwei Partner vier Beine, auf denen sie stehen und sie verfügen dadurch über mehr Stabilität. Das sollten wir nutzen. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Selbstverwirklichung und auch Selbstliebe nehmen zu, alte Traditionen werden gebrochen und neue, eigene erschaffen. Von wegen, wir leben heute in einer Wegwerfgesellschaft! Dieser Spruch stammt von Menschen, die sich brüsten: „Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der man kaputte Dinge repariert hat.“ Wir leben heute in einer Zeit mit Fokus

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auf Selbstliebe und Reflexion. Die damit verbundene Akzeptanz und das Bewusstsein, jemanden anderen zu lassen wie er ist und anzunehmen, sorgt dafür, dass viel weniger kaputt geht und man nichts reparieren muss. Das gefällt mir mehr.

Glücklich sein 50

Unser Gehirn ist nicht dafür geschaffen, dauernd glücklich zu sein. Aber es ist süchtig nach Glück zu streben. Hier ist es wichtig zwischen „Glück“ und „Zufriedenheit“ zu differenzieren. Beim Glück handelt es sich um eine kurzfristige, positive Abweichung vom individuellen Zufriedenheitslevel, wenn etwas geschieht, das besser ist als erwartet. Deswegen gehe ich immer mit geringen Erwartungen zum Date und habe in der Tat keine schlechten

Dates. „Warum passiert das immer mir?“, wer fragt sich das nicht. Aber ein unbeschwertes, leichtes Leben macht nicht glücklich. Viel wichtiger ist es mit den komplizierten, schwierigen Ereignissen umgehen zu können, was man sehr gut durch Tiefschläge lernen kann. Das wahre Geheimnis des Glücks liegt also in der inneren Einstellung. Ich gestalte mir mein Singleleben bunt, mit viel Konfetti und Glitzer. Für sehr viel Glitzer in meinem Leben sorgen meine Familie und Freunde, die Zeit mit ihnen ist amüsant, lehrreich, verrückt, manchmal traurig – und wunderbar. Letztes Jahr war ich viel unterwegs, denn Reisen ist die beste Investition in schöne Momente und Erinnerungen.


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Bild: Rainer Claus – Fotolia.com

Hobbys und Leidenschaften sind wichtig. Wenn man Dinge tut, die man liebt, vergisst man Zeit und Raum. Ich habe meinen Blog, die Fotografie, meine Kino­leidenschaft. Sport ist für die gestresste Seele Medizin und nicht nur dafür da, um einen durchtrainierteren Körper zu bekommen. In der Tat kann man Glück trainieren. Meine Latte Macchiato am Morgen zum Beispiel, denn gerade die kleinen Dinge machen glücklich, wenn man sie bewusst genießt. Sie sehen, es ist es kein Zufall, dass ich glücklich bin, sondern hart erarbeitet. Probleme gibt es gratis. Jeder ist der Architekt seiner eigenen Zufriedenheit und Unzufriedenheit, also machen Sie das Beste daraus. Kein Date ist manchmal auch eine Lösung und die Kennenlernphase ist hervorragend, um die emotionale Unabhängigkeit zu trainieren. O

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Über die Autorin Julia schreibt auf ihrem Blog Single in der Großstadt über das Hamburger Singleleben. Über wahre Begebenheiten, mit einer Prise Psychologie, viel Humor und ganz viel Selbstliebe. https://www.facebook.com/ singleindergrossstadt/


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Bild: pictures4nature, Konstantin Sutyagin - Fotolia.com


e t n a g a v Extra Unterkünfte

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BEI AIRBNB

Das Berliner Design Studio Decor Hardcore präsentiert ausgefallene Unterkünfte auf Airbnb. Text: Airbnb Bilder kuratiert von Ksenia Shestakovskaia lesezeit 3 min

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Der 54

Geschmack von Decor-Hardcore-Gründerin Ksenia Shestakovskaia war schon immer speziell. Der Leitgedanke hinter Decor Hardcore: Schluss mit Minimalismus! Bei Decor Hardcore gibt es so etwas wie schlechten Geschmack nicht – im Gegenteil – es soll eine Plattform für Dinge darstellen, die eben ein bisschen „extra“ sind. Alles begann, als Ksenia 2015 den Instagram-Account@decorhardcore ins Leben rief, auf dem sie seitdem ihre trotzige Ästhetik mit einer gleichgesinnten Community teilt. Mittlerweile hat sich Decor Hardcore zu einem international angesehenen Interior Design Studio

entwickelt, das mit Marken wie Gucci zusammenarbeitet und eine Vielzahl an berühmten Followern anlockt: unter anderem Fendi, den amerikanischen Fashion-Designer Derek Lam oder die Schauspielerin Aly Michalka. Mit ihrem Gespür und Auge für „wildes“ Interieur hat Ksenia eine Liste der extravagantesten Unterkünften auf Airbnb zusammengestellt.

Bild: Luka Kedzo


Mey’s Place Sarajevo, Bosnien Herzegowina

und

In diesem Penthouse von Gastgeber Dino in Sarajevo braucht man definitiv eine Sonnenbrille! Die Immobilie strahlt Kernenergie aus – hier fehlt nur noch die goldene Toilette aus dem New Yorker Guggenheim Museum. Warnung: Die Unterkunft lädt dazu ein, den ganzen Urlaub lang strahlende Selfies zu machen.

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Unique Duplex, Skopje, Mazedonien

Diese bis ins letzte Detail verzierte Schatzkammer im Zentrum von Skopje, Mazedonien, greift Designelemente aus verschiedenen Epochen auf und mixt all das, was Ksenias Herz hÜher schlagen lässt: Jugendstil, die griechischen Mythologie, Versace und Tiermuster.


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Bild: 2018 Airbnb Inc.

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Bild: Vira und Vlad Basarab

Zwei-Zimmer-Appartement bei Shevchenko Avenue, Lemberg, Ukraine

In diesem wahrlich royalen Appartement von Gastgeber Vira und Vlad ist man sofort Teil eines theatralischen Märchens. Die Unterkunft liegt nahe des Altstadtzentrums von Lemberg und verbindet historische Einflüsse mit dem einzigartigen Stil der Gastgeber. 58

Art Flat, Florenz, Italien

Wie es wohl ist, in einem Museum zu übernachten? Diesen verrückten Traum kann man sich in diesem Florentiner Juwel von Gastgeber Stefano erfüllen, dessen Interieur kostbare Antiquitäten und modernes Design vereint. Ob die Statuen nachts zum Leben erwachen? Bild: Stefano Nobile


Bild: Marco del Medico Morana

Pracht im Opernstil, Paris, Frankreich

Beim Durchklicken durch die Bilder dieser prächtigen Pariser Wohnung fällt einem direkt Glanz und Gloria auf. Von der vergoldeten Täfelung bis zum glitzernden Kronleuchter ist die Unterkunft im Opernstil die Definition von dem gewissen Extra, das Ksenia so liebt.

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Khadaka Heritage, Jaipur, Indien

Gibt es in dieser indischen Unterkunft etwas, das nicht bezaubernd wäre? Dem Dekorateur wurden bei der Raumgestaltung alle Freiheiten

Bild: Hotel Khandaka


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gelassen: Die farbenfrohe Kombination aus Flamingo-farbenem Pink, elektrisierenden BlautĂśnen und Kanariengelb wirkt positiv ĂźbermĂźtig. wohnwerken.de_Ausgabe 07


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AppARTement, Tbilisi, Georgien

Es scheint fast so, als wär es die Wiege der Kunstgeschichte: Das 200-jährige Haus in Tiflis, Georgien ist wie eine lebendige Leinwand. Die Gastgeber haben sich bewusst dafür eingesetzt, einen Ort zu schaffen, der Künstler, Dichter und Musiker inspiriert und zum Schaffen anregt. Verzierte Decken, aufwendige Tapeten und üppige Kunst runden das Ganze ab. Bild: Sofie Krenkel

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Bild: Olga Carlsson

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New Appartement, Stockholm, Schweden

Auch die Unterkunft von Olga ist ganz schön hardcore! Ksenias Schwäche für LED-Lichter und MTV-Musikvideos aus den frühen 2000er-Jahren beeinflusste ihre Entscheidung, diese schwedische Wohnung mit in ihre Hardcore-Top-Ten Reihe aufzunehmen. 65

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Lux Penthouse, Paris, Frankreich

Mit dieser Wohnung steht Paris noch einmal auf Ksenias Liste und sie kÜnnte nicht unterschiedlicher sein als die zuvor gezeigte, opernhafte Unterkunft mit goldener Vertäfelung. Mutig, modern und minimalistisch passt das Penthouse durch seine gewagte Farbgebung und unkonventionelle Einrichtung genau zum Konzept von Decor Hardcore.


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Bild: 2018 AirBnb Inc.

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Bild: David Ivy


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Deco Dream, Portland, USA

In dieser Symphonie aus wirbelnden Mustern, Neonlichtern und Art-Déco-Elementen können sich Gäste auf eine ereignisreiche Reise begeben. Die Unterkunft ist alles andere als minimalistisch und erinnert an ein Spielcasino- und Bar-Ambiente, in dem vor allem Spaß im Vordergrund steht. O wohnwerken.de_Ausgabe 07


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Bild: Pavel Losevsky - Fotolia.com


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EN T S S U BEW

ES ENTSTEHT EINE NEUE INTELLIGENZ Dass sie eine engagierte Netzwerkerin ist, nimmt man der Gründerin von Netzwerk Nachbarschaft gerne ab. Seit 2004 betreibt Erdtrud Mühlens mit einem tatkräftigen Team die dynamisch wachsende Community für aktive Nachbarn. Das Interview führte Matthias Schnabel vom Expertentbeirat Netzwerk Nachbarschaft. Bilder: Netzwerk Nachbarschaft lesezeit 5 min Zurück zum INHALT

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EN T S S U BEW

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Sind Sie eine gute Nachbarin, Frau Mühlens? Ich glaube ja. Ich mag meine Nachbarn. Wir haben zusammen schon viel auf die Beine gestellt... Zum Beispiel? Den Einbau eines Aufzugs in unserem Haus. Vorher befrag-

ten wir Nachbarn. Das hat uns richtig geldwerte Vorteile verschafft und erstklassige Referenzen. Oder das 100-jährige Jubiläumsfest unserer Straße mit einer 60 Meter langen Tafel, Musik, Ausstellung, Spielen und der Ehrung unseres sehr netten Briefträgers. Da habe ich viele aus meiner


Ich habe 2004 knapp den Tsunami in Sri Lanka überlebt. Dafür war ich sehr dankbar. Ich wollte nicht einfach so weiter machen wie bisher.

Straße besser kennengelernt und mit anderen eine Doppelkopfrunde gegründet, die jetzt schon ins fünfte Jahr geht. Wie kamen Sie auf die Idee, das Netzwerk Nachbarschaft zu gründen? Das hatte ganz persönliche Gründe. Ich habe 2004 knapp wohnwerken.de_Ausgabe 07

den Tsunami in Sri Lanka überlebt. Dafür war ich sehr dankbar. Ich wollte nicht einfach so weiter machen wie bisher. Das Erlebte und die viele Hilfe, die ich erfahren habe, hat mich darin bestärkt, das Prinzip der Solidarität und Gegenseitigkeit direkt vor Ort mit meinen Mitteln stärker zu fördern. Das war und ist für mich eine ganz entscheidende Qualität, die uns das Leben schöner und

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Wie haben Sie diesen Gedanken dann umgesetzt? Ich habe mit meinem Team eine Kampagne für gute Nachbarschaft entwickelt, die sich bundesweit an Leute richtet, die sich für ein besseres Wohnumfeld stark machen. Im ersten Schritt veranstalteten wir einen Wettbewerb für gute Nachbarschaftsprojekte. Die Reaktion war überwältigend. Da hatten wir einen Schatz gehoben. Seitdem arbeiten wir gemeinsam mit den Nachbarschaften daran, dass intelligente Projekte mehr Öffentlichkeit bekommen – und Förderung!

Ich habe eigene Mittel investiert und entschieden, dass alle Mitarbeiter in meiner Agentur zu 30 Prozent für den Aufbau des Netzwerks arbeiten. Dazu gehört auch der Bau einer Internet-Plattform, die sich auf Projekte und Beratung für engagierte Nachbarn spezialisiert und die Kontakte zu ihnen verbindlich und nachhaltig ausbaut. Es macht Freude zu sehen, dass das funktioniert. Jeder im Team von Netzwerk Nachbarschaft leistet tolle Arbeit, viele Politiker aber auch Freunde wie der Künstler Janosch unterstützen das Netzwerk. Wir arbeiten auch mit Unternehmen, die den Nachbarschaften direkt vor Ort ganz konkret helfen, ihre Projekte erfolgreich umzusetzen. Das kommt bei den Nachbarn in mehrfacher Hinsicht sehr gut an.

Das muss doch finanziert werden. Wie haben Sie das gemacht?

Mit dem Ergebnis, dass heute rund 2.800 Initiativen aus Deutschland und

EN T S S U BEW leichter aber auch sicherer macht.

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Österreich zum Netzwerk gehören und sich allein 2017 rund 100.000 an den Aktionen des Netzwerks beteiligten.

Ja, das ist wirklich toll! Wir ziehen daraus für uns und für die Idee eine enorme Bestätigung. Das Netzwerk wächst von Tag zu Tag und ich bin beeindruckt,

So idyllisch das Leben auf dem Land auch sein kann, ohne Auto wird selbst der Einkauf im Nachbardorf zur logistischen Herausforderung. Das brachte Nachbarn aus der Verbandsgemeinde Speicher auf eine geniale Idee: Sie machten sich das enge soziale Geflecht im ländlichen Raum zunutze und riefen die „Mitfahrerbank“ ins Leben. Vor dem Rathaus, am Bahnhof und in einigen Nachbarorten stehen jetzt türkisfarbene Bänke. Mit Klappschildern neben der Bank können Nachbarn das gewünschte Ziel aushängen, ganz ohne Technik. Dann heißt es nur noch: Hinsetzen, auf ein anhaltendes Auto warten, einsteigen und gemeinsam ans Ziel

kommen! Zu jeder Mitnahmebank gibt es eine passende „Gegenbank“, um später wieder nach Hause zu kommen. Das intelligente Mobilitätskonzept funktioniert, mittlerweile stehen bereits 14 Mitfahrerbänke an zentralen Stellen.

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wie viel Mut, Kreativität und soziale Intelligenz in den Nachbarschaften steckt. Gute Nachbarschaft setzt viele positive Kräfte frei...

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... Obwohl beim Stichwort Nachbarn ja oft auch an Streit gedacht wird. Kann man für harmonische Nachbarschaft überhaupt eine große Öffentlichkeit erzeugen?


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Aber ja! Die Projekte der Nachbarn sind spektakulär, das ist das Eine. Man muss nur den Blick dahin lenken. Und: Nachbarschaft betrifft uns alle, sie lässt keinen von uns kalt. Wir können alle dabei mitmachen,

EN T S S U BEW dass das Miteinander der Generationen und Kulturen gestärkt wird, und wir müssen dafür Wer sucht, der findet! In Hamburg-Osdorf zum Beispiel ist der Flohmarkt das Jahres-Highlight für jung und alt. Der große Draußen-Flohmarkt findet auf dem malerischen Gelände eines alten Bauernhofs statt. In bester Stimmung treffen sich hier Nachbarn zum Feilschen und Klönen, nicht selten sind die Kinder beim Feilschen wahre „Halsabschneider“. Der gute Zweck heiligt die Mittel: Wie die Osdorfer unterstützen viele Nachbarschaften mit dem Flohmarkt-Erlös ein soziales Projekt in ihrer Nähe.

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Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen. Gegen diese Verschwendung der Ressourcen machen Nachbarschaften mobil. Sie organisieren die Verteilung geretteter Lebensmittel an Anwohner. Kostenlos. Bild: Netzwerk Nachbarschaft/Paula Hildebrand

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EN T S S U BEW keine weiten Wege zurücklegen. Das beginnt ganz konkret vor unserer Haustür. Was bietet die InternetPlattform Netzwerk-Nachbarschaft.net Besonderes? Sie bietet ein Forum. Da ist eine neue Intelligenz unterwegs und will sich austauschen. Sie schafft keine virtuellen, sondern ganz reale Freundschaften. Das macht diese Community glaubwürdig und spannend. Nachbarn können sich hier im geschützten Umfeld organisieren, Checklisten und Erfahrungsberichte abholen. Regelmäßig informiert ein Newsletter über neue Entwicklungen. Das ist alles kostenlos. Nachbarn können zudem jederzeit anrufen oder per Mail Rat einholen. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Wie können sich Sponsoren ins Netzwerk einbringen? Wir schlagen Sponsoren und Förderern konkrete Aktionen vor, mit denen sich alle Beteiligten gut identifizieren können. Alle Preisgelder beispielsweise gehen 1:1 an Gemeinschaftsprojekte. Wir berechnen für die Öffentlichkeitsarbeit ein Honorar. Uns ist Transparenz sehr wichtig. An der Erfolgsgeschichte des Netzwerk Nachbarschaft sollen wirklich alle teilhaben. Was sind Ihre nächsten Projekte? Sehr wichtig ist uns der weitere Ausbau des mit der AOK Rheinland/Hamburg initiierten Projektes „Gesunde Nachbarschaften“. Wir fördern hier gezielt die Selbsthilfe und aktive Solidarität in Mehrgenerationen-Nach-

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EN T S S U BEW barschaften. Dazu werden wir unsere Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Verbänden und Vereinen weiter ausbauen. Besonders am Herzen liegt mir die Förderung von Nachbartreffs, die für alle Generationen

und Nationalitäten offen sind. Gute Beispiele gibt es viele, von der „Bänk for better underständig“ über die Poststube bis hin zum Backhaus in Nachbarschaften. In diesem Jahr werden wir 100te solcher kleiner Netzwerke vor Ort vorstellen und mit unserer Plakette „Ort der guten Nachbarschaft“ auszeichnen. O

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Netzwerk Nachbarschaft Die bundesweite Internet-Plattform steht allen Nachbarn als zentrale Anlaufstelle und „Austragungsort“ für Wettbewerbe zur Verfügung. Die Mitglieder erhalten regelmäßig einen Newsletter, können sich Checklisten für

ihre Aktionen downloaden und sich untereinander austauschen. Die Vorstellung von Best-Practice-­Beispielen sowie Tipps vom Expertenrat qualifizieren ihre Projekte und fördern deren Nachhaltigkeit.


Über die Gründerin Es schafft keine virtuellen, sondern Ertrud Mühlens ganz reale Erdtrud Mühlens ist als Freundschaften. Gründerin von Netzwerk

Nachbarschaft und Geschäftsführerin der Agentur AMG Hamburg seit vielen Jahren strategische Netzwerkerin – natürlich auch in ihrer eigenen Nachbarschaft. Ihre Überzeugung: Netzwerk Nachbarschaft ist eine Vorteilsgemeinschaft.

25 Beiträge wurden beim AOKVideowettbewerb „Weil wir uns am nächsten sind ...“ eingereicht. Sie zeigen aus ganz unterschiedlicher Perspektive, wie wertvoll ein gutes Miteinander in Nachbarschaften für die Gemeinschaft und den Einzelnen ist. Sehen Sie sich hier alle Beiträge des Wettbewerbs an. Quelle: AOK Rheinland/Hamburg wohnwerken.de_Ausgabe 07

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wohnwerken.de_Ausgabe 07 Bild: MEV, K.- P. Adler – Fotolia.com


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ZEITLOS WOHNEN MIT NATÜRLICHEN MATERIALIEN:

DIY BEISTELLTISCH SELBER BAUEN

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Einen hübschen Beistelltisch kann man immer brauchen. Doch wie ein solches wirklich individuelles Stück finden? Am besten man macht es gleich selbst – mithilfe des kompakten Werkzeugkoffers namens „Twercs“ in bewährter Vorwerk Qualität (fast) ein Kinderspiel, meint Bloggerin Luisa Ehlgötz. Text und Bilder: Luisa Ehlgötz wohnwerken.de_Ausgabe 07

lesezeit 5 min


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Wie in der Modewelt gibt es

auch im Kosmos des Interior Designs von Saison zu Saison neue Trends, die die aktuellen Farben, Formen und Materialien der Kollektionen bestimmen.

Wer ab und an die Nase in ein Einrichtungsmagazin steckt, dem wird alle paar Monate ein neuer Wohnstil propagiert: In der einen Saison sind es waldgrüne Farbtöne und üppige Blumenmuster, in der nächsten wird dann auf jegliche Farben verzichtet und einige Monate später sollen plötzlich samtbezogene Sofas bei uns einziehen. Was in den Magazinen schön aussieht, ist in unseren Wohnungen eher unrealistisch. Wer kauft schon jedes Jahr ein neues Sofa, das den aktuellen Trends entspricht? Einfacher ist es da, ab und an

wohnWERKen verlost 3 Werkzeug­koffer von Vorwerk mit 4 praktischen Akku-Werkzeugen. Auf Facebook nachschauen und gewinnen!


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kleinere Wohnaccessoires wie Decken, Kissen oder Dekoration auszutauschen. Das klappt am besten mit zeitlosen Möbeln, die aufgrund ihrer Materials, ihrer Farben und ihrer Formgebung flexibel sind und mit den unterschiedlichsten Einrichtungsstilen und räumlichen Gegebenheiten harmonieren. So ein zeitloses Einrichtungsstück lässt sich mit Hilfe der Tools von Twercs auch ganz einfach selber bauen: Aus Holz wohnwerken.de_Ausgabe 07

und Baumwollseil ist dieser Beistelltisch entstanden, der mal als Nachttisch, mal als Couchtisch und bei Bedarf auch als Beistellhocker fungieren kann. Der natürliche Ton-in-Ton-Materialmix bietet dabei ein schlichtes Basic, das mit den unterschiedlichsten Stilen harmoniert, egal ob japanisch-puristisch oder ethno-bohemian.

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Material

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o Akku-Bohrschrauber sowie Akku-Stichsäge von Twercs o 2 Holzrundstäbe in Buche mit ca. 2,5 cm Durchmesser o 1 quadratische Platte aus Sperrholz oder Leimholz Buche mit 35 cm Kantenlänge und mind. 2 cm Stärke o Baumwollseil mit 4 mm Durchmesser o Bei Bedarf Holzschutzlasur

o Schleifpapier in unterschiedlichen Stärken o 4 Stockschrauben o 4 Eindrehmuffen o Acrylfarbe in Messing oder Gold o Pinsel o Malerband o Schere o Zange o Bleistift und Lineal o Schraubenzieher Tipp: Sie können auch zwei Platten miteinander verleimen, um eine höhere Plattendicke zu erreichen.

Passendes Zubehör finden Sie im Twercs Online-Shop www.vorwerk-twercs.de


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Bauanleitung

1.

Zuerst werden die Holzrundstäbe mit der Akku-Stichsäge in 45 cm lange Stücke gesägt. Die Schnittstellen können mit dem Schleifpapier anschließend geglättet werden.

2. Mit dem Akku-Bohrer werden die Rundhölzer mit Löchern versehen. Die Löcher müssen so tief sein, dass das Holzgewinde komplett darin verschwinden kann. Um die richtige Tiefe für das Loch zu erreichen, kann man sich die entsprechende Länge einfach mit einem kleinen Stück Malerband am Bohrer markieren. wohnwerken.de_Ausgabe 07

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3.

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Mithilfe einer Zange wird dann das Holzgewinde der Stockschrauben in die Löcher gedreht. Wenn die Schrauben nicht vollständig versenkt werden, ist das an dieser Stelle kein Problem – sie werden in einem späteren Schritt vollständig eingedreht.

4. Um die Löcher in die Tischplatte zu bohren, werden sie vorher auf dem Holz angezeichnet. Hier kann es helfen, ein Lineal zu verwenden, um einen gleichmäßigen Abstand zu garantieren.


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5. Wenn das Loch gebohrt ist, wird die Eindrehmuffe mit einem Schraubenzieher ins Holz gedreht.

6. Nun fehlen noch die beiden Löcher in den Beinen. Dazu werden die Rundhölzer auf ein altes Stück Holz gelegt und entweder durch eine helfende Hand oder mithilfe von Zwingen fixiert. Die Löcher vorher anzeichnen, dann wird gebohrt.

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7.

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Beim nächsten Schritt kommt Farbe ins Spiel. Wer dem Holz eine Schutzlasur verpassen will, der kann dies ebenfalls jetzt tun. Für die messingfarbenen Beine wird das Rundholz mit Malerband abgeklebt, anschließend werden 2-3 Schichten Acrylfarbe aufgetragen. Gut trocknen lassen.

8. Die Beine werden nun in die Eindrehmuffen der Tischplatte geschraubt. Dabei schrauben sich automatisch auch die Stockschrauben komplett in die Rundhölzer ein. Anschließend können mit etwas Schleifpapier die harten Kanten der Tischblatte abgeschliffen und somit „gebrochen“ werden.


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9. Zuletzt hat das Seil seinen Auftritt: Jeweils zwei Beine werden mit einem Stück Seil verbunden. Das Seil wird zuerst durch die beiden Löcher des einen Beins gezogen, anschließend die Seilenden durch die jeweils anderen Löcher des anderen Beins. Die Seilenden verknoten und abschneiden – fertig! O

Über die Autorin Luisa Ehlgötz ist DIY-Bloggerin, Architektin und freie Journalistin. Sie kommt ursprünglich aus Berlin und lebt mittlerweile in London. wohnwerken.de_Ausgabe 07

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Durch ihr Architekturstudium entstand ihr besonderes Faible für Materialien wie Holz oder Beton, das Arbeiten mit klaren geometrischen Formen sowie die Vorliebe für schlichtes Design. Auf ihrem Blog schereleimpapier.de schreibt sie über selbstgemachte Einrichtung, Upcycling und DIYGeschenkideen. luisa@schereleimpapier.de


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EN T S B L SE

7Gründe, “Ja“ zu Twercs zu sagen

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weitere Dekoideen zum Nachmachen Wer gleich loslegen will, findet hier zwei kleinere Dekorationsprojekte aus der Twercs Werkstatt: schicke Brettchen für die Tapaszeit, die gleich Appetit machen und einen Brillenhalter als Blickfang für die Wand im Wohnraum oder in der Diele.

1. Ladekoffer: Der Schöne o Tropfwassergeschützte Ummantelung o Rutschfeste Gummifüße o Abschließbares Sicherheitsschloss o 4 Ladestationen o Integriertes Aufrollkabel 2. Akku-Bohrschrauber: Der Allrounder o LED-Arbeitsleuchte o Schnellspann-Bohrfutter o Exzellente Kraftübertragung o Ergonomisches Design 3. Akku-Stichsäge: Die Präzise o Stichsäge und Säbelsäge in einem


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Bilder: Twercs Vorwerk

o 6 verschiedene Sägeblätter o LED-Beleuchtung o 3 Sicherheitsstufen 4. Akku-Heißklebepistole: Die Sprinterin o Nur 15 Sekunden Aufheizzeit o Feine Düsenspitze o Automatische Abschaltung o Rutschfester Griff 5. Akku-Tacker: Der Kraftvolle o Kabellose Bedienung o Ergonomischer Griff und geringes Gewicht o Sicherheitslippe für kontrollierte Schlagauslösung o Eigene Vorratsanzeige wohnwerken.de_Ausgabe 07

6. Zubehörmappe: Die Ordentliche o 1.000 Tackerklammern o 6 unterschiedliche Sägeblätter sowie Sägeblattwechsler o Bits und Bohrer o Heißklebesticks 7. Ideenbuch: Das Kreative o Upcycling-Ideen mit Bauanleitung o Hilfreiche Heimwerkertipps für Ihren Alltag o Vielseitige Kreativ-Kits

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EN T S B L SE Jetzt kann es losgehen: Vollbeladen mit neuen Möbeln, Deko und Tapeten geht es für die zwei „Stadtnomaden“ Naza und Leonard direkt ins neue Heim.

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k c ä p e g Umzugs Mehr als 11 Millionen Bundesbürger ziehen pro Jahr in ein neues Zuhause: Die Deutschen sind moderne Stadtnomaden.

Text und Fotos: Deutsches Tapeten-Institut wohnwerken.de_Ausgabe 07

lesezeit 3 min Bild: IRINA BORT – Fotolia.com


100 Unter dem Motto „Stadtnomaden“ präsentiert das DTI zur imm cologne 2018 ein aus Tapeten gestaltetes Beduinenzelt.

Ein aus Tapeten gestal-

tetes Beduinenzelt – auf der imm cologne 2018, der internationalen Einrichtungsmesse, stand es stellvertretend für einen Trend: Eine aktuelle Studie zum Umzugsverhalten in Deutschland hat ergeben, dass die Deutschen moderne Stadtnomaden sind. (Studie „Größe und wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Umzugsmark-

tes 2015/2016“, Umzug AG) Mehr als 11 Millionen Bundesbürger ziehen pro Jahr für Studium, Job, Liebe oder Familie in ein neues Zuhause.

Die Anzahl der Umzüge nimmt zu Das auf Umzugsverhalten spezialisierte Marktforschungsunternehmen Umzug AG weist


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in seiner Statistik darauf hin, dass mehr als 11 Millionen Erwachsene in Deutschland pro Jahr in ein neues Zuhause ziehen. Die gleiche Anzahl würde gerne umziehen, findet aber keine passende Wohnung oder zieht aus anderen Gründen noch nicht um. Insgesamt nimmt die Anzahl der Umzüge zu. In 2013 waren es noch knapp 9,4 Millionen Deutsche. Die Motivation ist vielfältig. So fordert besonders der moderne Arbeitsmarkt eine hohe Flexibilität. Darüber hinaus ist aber auch das Thema Umziehen heute ein Stück weit Ausdruck eines Lebensstils, bei dem sehr bewusst verschiedene Lebensphasen auch mit einem Wohnortwechsel verbunden werden. Interessant ist zudem, dass verglichen mit 2014 der Anteil der 1-Personenen-Haushalte mit einem Minus von

EN T S B L SE 23 Prozent stark rückläufig ist. 2-Personen-Haushalte erfahren hingegen ein Plus von 8 Prozent, 3-Personen-Haushalte sogar 16 Prozent.

Einfach umziehen Mit einem neuen Zuhause stellt sich auch jedes Mal die Frage nach der Wandgestaltung. Viele Menschen entscheiden sich gegen Tapeten aus Unkenntnis, wie einfach Tapezieren sein kann. Der Begriff Tapete ist zwar durchgängig bekannt, nicht jedoch die Vliestapete. Dies beweist die Studie „Mögliche Barrieren beim Kauf von Tapeten“ ( INNOFACT AG Research & Consulting, 2017). Laut dieser vom Deutschen Tapteten-Institut beauftragten Untersuchung kennen nur 41 % der Befragten Vliesta-

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EN T S B L E S „In manchen Mietverträgen werden Mieter

Tapeten abzukratzen. Um solche Klauseln brauchen Mieter sich nicht zu kümmern, sie sind unwirksam“ verpflichtet, bei Auszug alle

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fachen n i e m u z s p Tip ier. h s e t b i g n e e.com ww.youtub w Tapezier t/ tu ti s n ten-I Quelle: De

pe utsches Ta


peten, bei der jüngeren Zielgruppe unter 30 Jahren sind es sogar lediglich 30 %. Nur wenige Renovierungswillige wissen, dass die Handhabung einfach ist und dass auch Hobby-Handwerker damit grandiose Tapezier-Erfolge feiern können: Die Tapete lässt sich direkt von der Rolle an der eingekleisterten Wand anbringen. Man muss nicht mehr Bahn für Bahn einkleistern und Einweichzeiten beachten. Außerdem kann sie in einem Stück trocken von der Wand abgezogen werden, wenn das Muster nicht mehr gefällt.

Beim Umzug Tapeten nicht entfernen Viele Menschen glauben, dass sie bei einem Umzug den alten Wandbelag wieder entfernen und die Wände weiß gestrichen übergeben werden müssen. Dies entspricht jedoch nicht dem aktuellen Mietrecht. wohnwerken.de_Ausgabe 07

„In manchen Mietverträgen werden Mieter verpflichtet, bei Auszug alle Tapeten abzukratzen. Um solche Klauseln brauchen Mieter sich nicht zu kümmern, sie sind unwirksam“, so Silke Gottschalk vom Deutschen Mieterbund Nordrhein-Westfalen e.V. Hat ein Mieter eine solche „Tapetenklausel“ im Mietvertrag stehen, kann er alle anfallenden Renovierungsarbeiten dem Vermieter überlassen. Gottschalk stellt klar: „Grundsätzlich hat der Vermieter die Pflicht, Renovierungen durchzuführen, egal ob sich an der Wand Farbe, Raufaser oder Mustertapete befindet. Schönheitsreparaturen durch den Mieter sind dann erforderlich, wenn der Vermieter die Renovierungsarbeiten durch Renovierungsklauseln rechtlich wirksam auf den Mieter übertragen hat.“ O

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Genuss mit Gewürzen

Noch Salz, Pfeffer und flüssige Würze aus dem Fläschchen … und fertig ist das Essen? Dass Würzen eine hohe Kunst sein kann, stellt Spitzenkoch Ingo Holland unter Beweis. Seine Genussmanufaktur, das Alte Gewürzamt in Klingenberg, ist das Mekka jedes Genussliebhabers und Gewürzkenners.

Bild: Maria Brzostowska – Fotolia.com IMPRESSUM

Das Interview führte Jutta Junge. lesezeit 6 min


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Bild: Altes Gewürzamt

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Dass

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wir uns von wohnWERKen auch mit dem HandWERK beschäftigen, liegt schon im Namen begründet. Diesmal geht es um das Genusshand­ WERK, das Familie Holland mit Leidenschaft ausübt. Wir haben mit Ingo Holland über Gewürze, Würzen und Genuss gesprochen. Wie sind Sie zu den Gewürzen gekommen? Oder sind die Gewürze zu Ihnen gekommen? Ich bin Koch und koche bereits seit 1974, deshalb haben Gewürze schon immer eine große Rolle für mich gespielt. Aber ein Besuch in einer Gewürzhandlung in Paris, der schon 25 Jahre zurückliegt, hat mich dann völlig fasziniert. In anderen Ländern gibt es bes­ sere Gewürzqualitäten als in

Deutschland. Ich habe dann taschenweise Gewürze einge­ kauft und ausprobiert, auch solche, die noch nicht einmal mir als Koch bekannt waren. Von den Experimenten mit den Einzelgewürzen war es dann eine logische Entwicklung, selbst Gewürze zu mischen. Sie kreieren und mischen Gewürze – man kann auch sagen, Sie komponieren – woher nehmen Sie die Inspirationen? Und woher wissen Sie, was zusammenpasst? Da gibt es drei Dinge: Erfah­ rung, Erfahrung, Erfahrung. Natürlich haben wir auch schon mal Fehler gemacht und Mischungen wieder verwor­ fen. Aber generell wissen wir durch unsere Erfahrung, was geht und was nicht.


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In anderen Ländern gibt es bessere Gewürzqualitäten als in Deutschland

ESS EN Grundsätzlich beschreiten wir verschiedene Wege: Manchmal entdecke ich ein neues Gewürz, aus dem dann eine Mischung entsteht. Aber auch Kunden liefern Ideen. So haben wir im Nachbarort eine Metzgerei, die uns nach einem Tartar­ gewürz gefragt hat. Das war 109

Bild: Altes Gewürzamt

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schon eine Herausforderung, es gab beispielsweise keine getrockneten Kapern. Wir haben dann experimentiert und probiert. Unser Ergebnis haben wir der Metzgerei zur Verfügung gestellt. Auch dort kam unsere Kreation sehr gut an. Also haben wir rezeptiert und bieten nun diese Mischung als Tatar-Hackepeter-Gewürz an, die sehr beliebt ist.

Und wie lange dauert so ein Entwicklungsprozess? Das ist ganz unterschied­ lich. Es gibt Gewürzmischun­ gen, die sind innerhalb von 20 Minuten entstanden. Für die Perfektionierung unseres Raz el Hanout, das ist eine marokkanische Gewürzmi­ schung, haben wir dagegen ein halbes Jahr gebraucht.


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ESS EN wohnWERKen verlost 5 hochwertige Gewürzkisten mit je 6 Reagenzgläsern – eine Auswahl der wichtigsten Grillgewürze. Inhalt: Harisa, Mélange Noir, BBQ Pork, BBQ Chicken, BBQ Fish, BBQ Beef. Auf Facebook nachschauen und gewinnen! Bild: T. Wejkszo Fotolia.com

Woher beziehen Sie Ihre Rohstoffe? Wir haben einen Hauptliefe­ ranten, mit dem wir schon lange vertrauensvoll zusammenar­ beiten. Inzwischen kooperie­ ren wir auch mit einem jungen Bauern aus unserem Nachbar­ ort Mönchberg, der exklusiv Kräuter für das Alte Gewürz­ amt anbaut. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Sechs Gewürze werden so regional produziert: Kümmel, Schwarzkümmel, Koriander, Bockshornklee, Senfsaat und Fenchel. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen sind es die kurzen Wege, wir ken­ nen uns und ich weiß, wo die Felder sind, auf denen unsere Produkte wachsen. Inzwischen stehen dort auch Bienenvölker für die Honigproduktion. Geplant ist außerdem, dass wir uns künftig auch direkt vor Ort, beispielsweise in Indien, Roh­ stoffe aussuchen. Kontakte bestehen bereits. Gibt es auch Trends bei Gewürzen? Ja, die gibt es. Vor allem, seit Grillen so stark in den Mittel­ punkt des Interesses gerückt ist. Rubs für Fleisch, für Pulled Pork und Pastrami zum Bei­

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Bild: Altes Gewürzamt

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spiel, sind absolut gefragt und beliebt. Unsere Gewürze sind zwar teurer als andere, dafür aber auch viel ergiebiger bei der Verwendung. Was zeichnet Ihre Produkte aus? Das ist die Authentizität, sie sind wie wir heimisch, ehrlich und bodenständig. Wir benut­ zen keine Rieselhilfe, keine Farb- oder Konservierungs­ stoffe und andere künstliche Hilfsmittel. Ich sage immer, wir

sind hier nicht in Hollywood und mischen Silikate unter. Was macht eine gelungene Gewürzmischung aus? Eine gelungene Gewürzmi­ schung ist homogen und hat keine geschmacklichen Spit­ zen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Curry zu sehr nach Kurkuma schmeckt. Dann soll­ ten nur beste Gewürzqualitä­ ten gemischt werden, die übri­ gens erst nach einigen Tagen als Mischung richtig rund


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Ist das Würzen reine Ge­schmacks­sache? Eine Gewürzmischung ist viel­ fach verwendbar, auch wenn Empfehlungen gegeben wer­ den. Sie sollten einfach aus­ probieren, was Ihnen am bes­ ten schmeckt. Vielleicht auch mal etwas, was nicht so nahe­ liegend ist. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Eine gelungene Gewürzmischung ist homogen und hat keine geschmacklichen Spitzen

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Bild: Leonid Nyshko - Fotolia.com

und gut werden. Nach 14 Tagen, beim Verbraucher angekom­ men, sind sie dann perfekt.


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Wie würzt man richtig? Vor allem sensibel und zurück­ haltend! Auf keinen Fall sollte man überwürzen. Und in Bezug auf Salz bin ich der Meinung, dass man Fleisch durchaus vorher salzen kann, unmittel­ bar vor dem Grillen und Braten bei kleinen Stücken, bei gro­ ßen Stücken sogar eine halbe Stunde vorher. Wird das Salz mitgebraten, bekommt das Fleisch erst einen richtig wür­ zigen Geschmack und es wird zarter und saftiger. Außerdem haftet so auch Pfeffer bes­ ser und gibt ein intensiveres Aroma ab. Was empfehlen Sie in Bezug auf die Lagerung von Gewürzen?

Gewürze sollten grundsätz­ lich dunkel, kühl und trocken gelagert werden. Transparente Gefäße sehen zwar hübsch mit bunten Füllungen aus, die Gewürze bleichen aber bei Licht aus und verändern bzw. verlieren Geschmack. Wir ver­ wenden deshalb Metalldosen, die dicht schließen und nichts herein- oder herauslassen. Welche Gewürze dürfen in keiner Küche fehlen? Zunächst naturreines Salz, weißer und schwarzer Pfef­ fer, Lorbeer, eine Auswahl an Paprika – edelsüß, rosenscharf, geräuchert – und ganze Chili sowie Zimt in Form von Zimt­ rinde. Ich schwöre hier auf die Sorte Casia Vera. Schön ist es, wenn dann noch Koriander, Kümmel, Piment, Wacholder und frischer Kno­ blauch hinzukommt, idea­ lerweise komplettiert durch Nelken, Szechuanpfeffer und Sternanis. Bild: doris_bredow – Fotolia.com


Bild: Altes Gewürzamt

Was ist Ihr persönlicher Favorit unter den Gewürzen? Ich bin ein absoluter Pfeffer­ freund. Es gibt so viele ver­ schiedene Sorten, die man rösten, in Lake einlegen, mit denen man Krusten herstellen und vieles mehr kann. Dabei ist Pfeffer eine so genügsame und ausdauernde Pflanze. Und ich mag Vanille, weil sie so mystisch, exotisch und aufre­ gend ist und sowohl für süße als auch salzige Gerichte ver­ wendet werden kann. O wohnwerken.de_Ausgabe 07

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Bild: Erich Muecke – Fotolia.com


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Über Ingo Holland Ingo Holland ist passionierter Gewürzmüller und Gründer des Alten Gewürzamtes. Er kann auf eine lange, erfolgreiche Karriere als Sternekoch zurückblicken. Er wurde mit einem Michelin Stern ausgezeichnet und erhielt von Gault Millau 18 Punkte. Seit 2007 konzentriert sich Ingo Holland hauptsächlich, nun auch gemeinsam mit Sohn Kilian, auf die Entwicklung und Herstellung edler Gewürzkompositionen. Mit dem Neubau des Alten Gewürzamtes im Jahr 2016 wurde für Ingo Holland ein Traum wahr. Ein neuer Firmen- und Produktionssitz mit der Genussetage als kreative Wirkungsstätte und exklusive Lokalität für Kochkurse und Events ist entstanden. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Bild: Joe Gough - Fotolia.com

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Craft Beer: Besser als Wein

Die Craft-Beer-Bewegung bringt Vielfalt ins Bierregal. Warum also nicht mal ein ganzes MenĂź mit Bier anstatt Wein? Hier ein paar Tipps. Text und Bilder: Nina Anika Klotz, Hopfenhelden.de

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Beer t f a r C t s i Was nsere U ? t p u a h Ăźber nft. u k s u A t b Autorin ngheilden/www.youtube.com Quelle: H

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Achtung ,

Weintrinker! Hier kommt eine steile These: Bier ist ein besserer Essensbegleiter als Wein. Spannender. Vielfältiger. Ach, von wegen, halten Sie nun vielleicht dagegen. Was soll denn daran aufregend sein? Zum ersten Gang das erste Bierchen, zum zweiten Gang das zweite, ein großes Bier zum Hauptgericht und als Absacker dann wieder ein Bierchen!? Ja nun, so war das vielleicht, als mit der Bestellung „Ein Bier,

bitte!“ in deutschen Gaststuben alles gesagt war. Das ist allerdings vorbei, seit die sogenannte Craft-Beer-Bewegung nach und nach das ganze Land erobert hat und etliche neue und neue-alte Bierstile (wieder) en vogue gebracht hat.

Was ist Craft Beer? Craft Beer ist aktuell die brisanteste Entwicklung der Getränke- wenn nicht gar der Foodbranche. Begriff (craft = englisch für Handwerk)


und Idee kommen aus den USA. Dort fingen in den 1970ern immer mehr Leute an, Bier zuhause zu brauen, weil ihnen der lasche Einheitssud der großen Braukonzerne Anheuser-Busch, Miller und Coors, die den Biermarkt beherrschten, nicht schmeckte. Als sie die Erlaubnis bekamen, ihr „home brew“ in den lokalen Pubs zu verkaufen, wurden aus Homebrewers die ersten Craft-Beer-Brauer. Nachdem die Bierlandschaft in Deutschland freilich nie wohnwerken.de_Ausgabe 07

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„Craft Beer ist aktuell die brisanteste Entwicklung der Getränke – wenn nicht gar der Foodbranche“

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so öd und freudlos war, wie die damals in den USA, hat es ein bisschen gedauert, ehe Craft Beer auch hier ankam. Schließlich ist die Qualität deutschen Bieres im Allgemeinen dank hoher Ausbildungsstandards ziemlich gut und das Reinheitsgebot verhindert zudem grobe Norm­abweichungen zugunsten geringerer Produktionskosten (hier braut keiner mit Reis anstatt Gerste, zum Beispiel) – also, passt schon alles.

Bierland Deutschland Und wenn man in einen deutschen Supermarkt geht,

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überkommt einen durchaus das Gefühl, vor einer immensen Bier­auswahl zu stehen. Erst beim genauen Hinschauen erkennt man, dass es zwar eine Menge Brauereien gibt – aber sie alle brauen das gleiche Bier: Pils. Im Süden auch Helles, im Westen Kölsch und Alt, im Osten mal Schwarzbier. Dazu Weißbier und alkoholfrei. Und sonst? Was die Biervielfalt im Sinne von Bierstilen angeht, ließ die Bundesbier-Republik Wünsche offen. Natürlich konnte man so glauben, dass Bier wie Bier schmeckt und mit Wein in Sachen Essensbegleitung und Genussgetränk nicht wirklich mithalten kann. Aber dann kamen die Craft-Brauer und belehrten uns eines Besseren.

Mehr als nur Bratwurst „Wer glaubt, dass Bier nur zu Bratwurst passt oder zu einem

„Verglichen mit Wein hat Bier einen ganz großen Vorteil: Es bietet ein größeres Aromenspektrum“

fettigen Stück Pizza an einem sonnigen Nachmittag auf dem Sportplatz, der verpasst das halbe Leben. Von solchen haltlosen Vorurteilen muss man sich freimachen! Die Leute glauben immer, sie wüssten alles über Bier. Dabei weiß die Welt gar nichts über Bier.“ So pöbelte unlängst einer der Vorreiter der amerikanischen Craft Revolution, Greg Koch. Sein Unternehmen Stone Brewing in San Diego gehört zu den größten Craft-Beer-Produzen-


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ten der USA und eröffnete vor knapp zwei Jahren auch eine stattliche Brauerei in Berlin. Zu ihr gehört ein spektakuläres Restaurant, in dem – natürlich – Bier- und Food­pairings zelebriert werden. Dabei, so der Amerikaner, sei das gar keine so große Kunst: „Denn ganz ehrlich: Wozu passt Bier nicht? Verglichen mit Wein hat Bier einen ganz großen Vorteil: Es bietet ein größeres Aromenspektrum. Egal was man sucht, ob man wohnwerken.de_Ausgabe 07

ein Getränk will, das mit einer Speise perfekt harmoniert, oder etwas, das einen Kontrast dazu bildet – bei Bier hat man die größere Auswahl.“

Mehr als 120 Bierstile Tatsächlich gibt es um 120 verschiedene Bierstile. So viel mehr als Pils, Helles und Weizen! Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, hilft es, alle Biere zunächst grob

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nach zwei Arten zu unterscheiden: obergärig und untergärig. Entscheidend ist die Hefe, der eigentliche Spaßbringer im Bier. Ohne sie wär’s nur Brotsuppe, sie macht aus Zucker Alkohol. Manche Hefen tun dies am liebsten und effektivsten bei eher hohen Temperaturen (15-20°C). Das sind die obergärigen. Untergärige Hefen bevorzugen eine kühlere Umgebungstemperatur während der Gärung (4-7°C).

Das deutsche Lager Nach der Erfindung der „Kältemaschine“ durch den Münchner Carl Linde 1876 in Zusammenarbeit mit Gabriel Sedlmayer von der Spaten Brauerei eroberten die untergärigen Biere wie das Helle und das Pils Deutschland nahezu komplett. Nur das Weißbier ist ein populärer untergäriger Bierstil, der blieb. Mit der Craft-Beer-Bewegung kommen nun interna­


Regel vollmundiger und alkoholhaltiger als Pale Ales. Auch dunkle Biere kommen: Porter und Stout stammen beide ursprünglich aus England. Die Verwendung von Röstmalzen sorgt nicht nur für die Farbe Dunkelbraun bis fast „Tatsächlich gibt es um Schwarz, sondern lässt diese 120 verschiedene Biere bisweilen auch nach KafBierstile. So viel mehr als fee, Karamell, Schokolade oder Toast duften. Pils, Helles und Weizen!“ Stark im Trend sind außerdem saure Biere. Dazu gibt tionale und meist ober-­ es in Deutschland eine fast in gärige Bierstile auf den Vergessenheit geratene TradiBiertisch, allen voran das Pale tion: Die Berliner Weisse etwa Ale und seine große Schwes- (ohne Sirup!) oder die Leipziter, das IPA, India Pale Ale. Bei- ger Gose sind alte Bierstile, die des sind helle Biere, deren Aro- von Craft-Brauern dieser Tage maprofil vor allem vom Hopfen neu entdeckt werden und ein geprägt ist. Anders aber als Revival feiern. beim klassischen Pils dominie- Nicht zuletzt experimenren hier weniger die bitteren tieren Craft-Brauer auch als viel mehr fruchtige Aromen gern mit unterschiedlichen der verwendeten Hopfensor- Zutaten jenseits des Reinten. Das kann geschmacklich heitsgebotes, mit Kräutern, von Grapefruit über Mango bis Gewürzen, Früchten oder der Zitrone gehen. IPAs sind in der Fasslagerung unterschiedliwohnwerken.de_Ausgabe 07

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„Saure Biere lassen sich hervorragend dort einsetzen, wo man im ersten Moment an Weißwein denkt“

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cher Biere, was diesen wiederum neue und hochspannende Geschmacksnuancen gibt. Gar nicht weit weg von denen guter Weine!

Menü mit Bier: Ein paar Tipps Kurzum, Bier kann süß, sauer, bitter sein, selten auch mal salzig (Gose) oder scharf (z. B. Chili-Biere). Davon ausgehend, kann man bereits erste Überlegungen in Sachen Bier- und Foodpairings starten: Entwe-

der man paart nun Gleiches mit Gleichem oder bewusst knackige Gegensätze. Grundsätzlich gilt, wenn man ein Menü mit Bieren begleiten will, mit dem hellsten und leichtesten Bier zu starten und sich dann langsam dunkler zu trinken. Auch der Alkoholgehalt der einzelnen Biere steigt im Verlauf des Essens. Oft bietet sich das sprudelichste Bier (z. B. ein mit Champagnerhefe vergorenes, trockenes, helles Bier) als Aperitif und das süßeste (z. B. Milkstout,


Barleywine, Eisbock) zum Dessert. Saure Biere lassen sich hervorragend dort einsetzen, wo man im ersten Moment an Weißwein denkt, bei Fisch etwa oder leichten Speisen. Helle, zitrusfruchtig gehopfte Biere, wie so manches Pale Ale, passen gut zu Salat. Zum fleischigen Hauptgang darf es dann oft ein bisschen mehr sein – von allem. Etwas mehr Alkohol (z. B. Bockbiere), etwas mehr Hopfen (z. B. IPA) oder etwas mehr Körper (z. B. belgisches Tripel). „Mit Bier kann man viel leichter auch zufällig herausragend gute Kombos finden“, sagt der amerikanische Craft-Brauer Greg Koch. „Und während es Wein-und-Food-Matches gibt, die schlicht ekelhaft sind, kann man bei Bier eigentlich nie so daneben liegen.“ O wohnwerken.de_Ausgabe 07

Über die Autorin Nina Anika Klotz ist Biersommelière und freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt über Themen aus dem Bereich Essen und Trinken für diverse Fach- und Publikumszeitschriften, Online- und Printmedien. Am häufigsten und liebsten aber schreibt sie über gutes Bier. Im Herbst 2013 gründete sie mit Hopfenhelden Deutschlands erstes Craft-BeerMagazin. Außerdem ist sie die Autorin des Buchs und Bierführers „99x Craft Beer – Die besten Biere, die man probiert haben muss“ (Christian Verlag, 2017). https://www.facebook.com/ Hopfenhelden/

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Bild: rbkelle – Fotolia.com


Wissen schützt

Nachhaltigkeitswissenschaftler Daniel Fischer spricht über einen vernünftigen Umgang mit Lebensmittelskandalen. Das Interview führte Urte Modlich.

#MUHHH FIRSTTOO!

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Dioxin im Huhn,

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Insektengift in Eiern, Mäusekot im Käse – Lebensmittelskandale gehören zum deutschen Verbraucheralltag. Doch wie hilflos sind Konsumentinnen und Konsumenten dem angesichts komplexer Lieferketten und verwirrenden Kennzeichnungen ausgeliefert? „Verbraucherinnen und Verbraucher benötigen Bildung für nachhaltigen Konsum“, sagt Prof. Dr. Daniel Fischer vom Institut für Umweltkommunikation im Interview und ergänzt: „Wir dürfen uns an die eigene Nase packen.“

Bild: contrastwerkstatt – Fotolia.com

Herr Fischer, so regelmäßig Lebensmittelskandale in den Schlagzeilen auftauchen, so regelmäßig werden immer wieder die gleichen Forderungen gestellt: Mehr Kontrollen, mehr Transparenz. Sind diese beiden Punkte Ihrer Meinung nach tatsächlich der richtige Ansatz? Transparenz über Herstellungsbedingungen und Qualitätsstandards sowie regelmäßige Kontrollen stellen wichtige Hebel dar, um eine hohe Lebensmittelsicherheit zu erzielen. Sie allein werden das Auftreten von Lebensmittelskandalen aber nicht gewährleisten können. Es gibt


„Preise für Lebensmittel sind in Deutschland im europäischen Vergleich auf niedrigem Niveau.“

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eine Reihe weiterer Faktoren, die ein Unterhöhlen von Standards begünstigen. So ist der Lebensmittelmarkt in Deutschland seit geraumer Zeit in besonderem Maße von Preisdruck und Konzentrationstendenzen insbesondere im Handel gekennzeichnet. Preise für wohnwerken.de_Ausgabe 07

Lebensmittel sind in Deutschland im europäischen Vergleich auf niedrigem Niveau. Vergangene Lebensmittelskandale wie der BSE-Skandal Anfang der 2000er Jahre haben nur kurzzeitig dazu geführt, dass Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Einkaufsgewohn-


heiten verändern – so stellten sich bereits wenige Monate nach Abflauen der medialen Thematisierung der Krise wieder alte Gewohnheiten ein. Erschwerend hinzu kommt, dass das Kompetenzgeflecht zwischen den verschiedenen Institutionen der Politikgestaltung und der Überwachung die Fehleranfälligkeit erhöht.

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Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit dem Thema „Nachhaltiger Konsum“ und somit mit der Frage, wie die Kompetenz des Verbrauchers gestärkt wird. Kann er also lernen, Lebensmittelskandalen aus dem Weg zu gehen? In der Tat verfolgen Verbraucherbildung und Bildung für nachhaltigen Konsum u. a. das Ziel, Menschen den Erwerb von Kompetenzen zu ermöglichen, mit denen sie ihr Konsumverhalten reflektiert, selbstbestimmt und verant-

wortungsvoll gestalten. Darin spielt die Fähigkeit, Informationen in Kaufentscheidungen heranzuziehen und bewerten zu können, eine große Rolle. Zugleich sind wir als Konsumierende in diesen Prozessen systematisch eingeschränkt: So liegen uns bisweilen zu viele Informationen und wichtige Informationen gar nicht vor. Und auch unsere Res-

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sourcen, uns intensiv mit diesen Fragen zu befassen, sind begrenzt – unser Konsum ist zu einem guten Stück immer auch Gewohnheitshandeln. Die Verantwortung für einen nach-

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„So liegen uns bisweilen zu viele Informationen und wichtige Informationen gar nicht vor.“

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„Statt zu sagen, was man weiß und was man nicht weiß, versuchten die Verantwortlichen die Menschen einfach nur in Sicherheit zu wiegen.“

haltigen Konsum kann daher nicht an Verbraucher delegiert werden: Es spielen mit Produzenten, dem Handel oder dem Gesetzgeber weitere Markt­ akteure eine wichtige Rolle. Bildung für nachhaltigen Konsum leistet Hilfestellung dabei,

dieses differenzierte Geflecht zu durchschauen. Und gleichzeitig will sie Menschen befähigen, einen Beitrag dazu zu leisten, unsere Art zu konsumieren und zu produzieren, die heute mit erheblichen Problemen für Mensch und Umwelt


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ESS EN verbunden ist, im Sinne der Nachhaltigkeit zu verändern. Bin ich als Verbraucher besser geschützt, wenn ich auf Bioprodukte zurückgreife? Mit den verschiedenen Zertifizierungen im Bereich ökologischer Landwirtschaft sind Standards verbunden, die häufig über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Nichtsdestotrotz können Bioprodukte genauso von Lebensmittelskandalen betroffen sein wie konventionelle Produkte, auch wenn sie z. T. strenger und engmaschiger kontrolliert werden. Ein wichtiger Hebel ist meines Erachtens eine proaktive Risiko­kommunikation, die kontinuierlich angelegt ist. Was bedeutet das konkret? wohnwerken.de_Ausgabe 07

Nehmen wir als Beispiel den soeben angesprochenen BSE-Skandal. Damals wurden die Verbraucher in erster Linie über die Medien, weniger aber über die Behörden auf dem Laufenden gehalten. Informationen flossen reaktiv statt proaktiv. Statt zu sagen, was man weiß und was man nicht weiß, versuchten die Verantwortlichen die Menschen einfach nur in Sicherheit zu wiegen. Diese Tendenzen finden wir auch beim Fipronil-Skandal durchaus wieder. (Anmerkung der Redaktion: Beim Fipronil-Skandal ging es 2017 um mit dem Insektizid Fipronil belastete Hühnereier und Eiprodukte.) Eine Aufgabe wird es sein, aus den Fehlern vergangener Skandale zu lernen und die Kommunikation entsprechend zu verbessern.

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Wenn ich mich vor Lebensmittelskandalen nicht nur schützen will, sondern bewirken möchte, dass sie in Zukunft vermieden werden, welchen Einfluss habe ich als Verbraucher? Ein wichtiger Schlüssel zur Veränderung von nicht-nachhaltigen Konsum- und Produktionssystemen ist, sich nicht nur als privater Konsument zu verstehen, sondern als Konsumbürger. Als Konsumbürger nutzen wir auch politische Einfluss-

möglichkeiten, um nachhaltigen Konsum zu fördern – etwa dadurch, dass wir regulatorische Maßnahmen wie Steuern, Abgaben, Subventionen, Standards akzeptieren oder sogar aktiv in Form von Petitionen oder Demonstration einfordern. Auch das Schaffen von Öffentlichkeit – sei es der klassische Leserbrief, das Nutzen von Bewertungsportalen, oder auch schon die Diskussion im Bekanntenkreis – ist ein Weg, um problematische


Über ... ... Prof. Dr. Daniel Fischer. Er ist Juniorprofessor für Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. daniel.fischer@leuphana.de Praktiken in der Lebensmittelproduktion zu thematisieren und Veränderungen zu unterstützen. Niklas Luhmann, einer der großen deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts und gebürtiger Lüneburger, macht in seinen Arbeiten zu ökologischen Kommunikation deutlich: Die größten ökologischen Probleme kümmern niemanden, solange darüber nicht kommuniziert wird. O wohnwerken.de_Ausgabe 07

Bilder: Brinkhoff-Mögenburg/Leuphana

... Urte Modlich arbeitet in der Universitätskommunikation, Leuphana Universität Lüneburg. news@leuphana.de

Mehr Informationen

Institut für Umweltkommunikation Projekt BINKA - Bildung für nachhaltigen Konsum

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GARTEN FÜR DIE KÜCHE Jederzeit frisches, knackiges Gemüse, aromatische Kräuter, Tomaten, Erdbeeren oder Mini-Gurken ernten – ohne Garten, ohne Terrasse oder Balkon, einfach in der Küche. Zukunftsmusik? Nein, sagt Maximilian Lössl, der eine intelligente Lösung namens plantCube entwickelt hat. Das Interview führte Jutta Junge. Bilder: agrilution Zurück zum INHALT

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VERTICAL FARMING

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nennt sich eine Form der urbanen Landwirtschaft. Ziel ist es, die Landwirtschaft wieder näher zum Verbraucher zu bringen. Und weil es in den Großstädten keinen Platz für Felder gibt, wird die Anbaufläche in die Höhe gestapelt. Bisher versuchen die Anhänger der vertikalen Farm ihre Idee in alten Fabrik- oder Lagerhallen umzusetzen. Doch Maximilian Lössl, Gründer des Startups agrilution, möchte die Idee in die Küche der Verbraucher bringen. Wie kann das funktionieren? Wir haben nachgefragt.


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Können Sie das Prinzip „Vertical Farming“ kurz erklären? Hinter der Idee des Vertical Farming steckt der großartige Gedanke, Gemüse, Kräuter und Salate in geschlossenen Räumen vertikal übereinandergestapelt anzubauen, also in die Höhe und nicht klassisch

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auf einem Feld. Das ermöglicht vor allem lokalen Anbau von frischen, gesunden, pestizidfreien Pflanzen und schont dabei auch noch wichtige Resourcen wie Wasser und Düngemittel. Und das unabhängig von Saison, Region und klimatischen Bedingungen. Die Idee des Vertical Farmings ist noch sehr neu und nicht weit verbreitet. Es gibt weltweit nicht mehr als 300 Farmen. Die Idee ist jedoch zurzeit in aller Munde und viele große Unternehmen erkennen das

Potenzial hinter dieser Idee. Somit wächst der Sektor seit Jahren stetig. Es ist sehr wichtig, sich aufgrund von globalen Trends und der Klimaveränderung mit alternativen Anbaumöglichkeiten zu beschäftigen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen plantCube zu entwickeln? Auf einer Reise durch Neu-


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seeland 2011/2012 bin ich auf das Buch „The Vertical Farm” von Dr. Dickson Despommier gestoßen und auf seine Empfehlung hin nach Holland gezogen, um „International Food & Agri­business” an der HAS zu studieren. Im Städtchen Den Bosch war nicht besonders viel los – ich hatte Zeit mich intensiv mit dem Thema Vertical Farming auseinanderzusetzen. Damals wusste kaum jemand wohnwerken.de_Ausgabe 07

von der Technologie. Um der Öffentlichkeit Zugang zu dem Potenzial dieser Technologie zu ermöglichen und auch die Vorteile des Vertical Farmings erfahrbar zu machen, entstand die Idee des plantCubes. Das ist ein kleiner intelligenter Gewächsschrank für den Privatgebrauch, der es jedem ermöglichen soll, frisches, gesundes Gemüse, Kräuter und Salate anzubauen. Dies hat zur Gründung von agrilution und der Association for Vertical Farming e. V. geführt.

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Was genau ist ein plantCube und wie funktioniert er? Der plantCube ist ein intelligenter Gewächsschrank, der ermöglicht die frischesten, gesündesten und geschmacks­ intensivsten Kräuter und Salate im eigenen Zuhause anzubauen. Wir nennen es den „Grünen Daumen für jedermann“, denn der plantCube kümmert sich rund um die Uhr um die Pflanzen – durch automatische Bewässerung, optimale Temperatur und ideales Licht. Und das Beste: Eine mit dem Gerät verbundene App gibt dem Verbraucher Bescheid, wann er ernten kann. Was sind die Vorteile? Es wird immer nur so viel geerntet, wie man auch essen kann, das reduziert auf alle Fälle die

Lebensmittelverschwendung. Außerdem verkürzen sich die Transportwege, da genau dort angepflanzt wird, wo es auch benötigt wird, nämlich im eigenen Zuhause. Das ist mit unserem Schrank zukünftig auch ohne Balkon oder Garten möglich. Für wen eignet sich ein plantCube? Der plantCube eignet sich für alle, die zuhause frische Kräuter und Salate genießen wollen und ist durchschnittlich für einen 2- bis 3-Personenhaushalt ausgelegt – so kann man jeden Tag frische Greens genießen. Die Salate und Kräuter haben Wachstums­ phasen zwischen zwei und vier Wochen, sodass ständig geerntet werden kann.


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des n u s e g t s h c Hier wä affer r t i e Z m i n Grü agen. T n e b e i s r u rhalb von n

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Quelle: ag

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Ist die Aufzucht der Pflanzen kompliziert, muss man einen grünen Daumen dafür haben? Die Aufzucht der Kräuter und Salate ist überhaupt nicht kompliziert. Wir liefern zu unserem plantCube Saatmatten, in welche die Samen bereits inte­griert sind. Man nimmt also die Saatmatte aus der Verpackung und legt sie in den plantCube ein, insgesamt können bis zu acht verschiedene Saatmatten eingelegt werden. In der mit dem plantCube verbundenen App kann eigestellt werden, welche Kräuter und Salate im plantCube wachsen sollen. So schafft das Gerät die optimalen

VERTICAL FARMING befindet sich noch ganz am Anfang der Entwicklung. Vergleichbar mit der Prozessorindustrie Anfang der 80er Jahre. Bedingungen: automatische Bewässerung, optimale Temperatur und ideales Licht! Also alles ganz einfach und OHNE grünen Daumen. Die Saatmatten kann man in unserem Onlineshop bequem bestellen. Momentan bieten wir 20 verschiedene Sorten an – von Kräutern über sogenannte Microgreens bis hin zu Salaten. Künftig soll unser Sortiment stets erweitert werden. Warum liegt hier so viel Potenzial für die Zukunft? Vertical Farming befindet sich noch ganz am Anfang der Entwicklung. Vergleichbar mit der Prozessorindustrie Anfang der 80er-Jahre. Vor allem in Bal-


Die Gründer von agrilution: Maximilian Lössl (li.) und Philipp Wagner.

lungszentren müssen wir uns Gedanken machen, frische Nahrung möglichst nah am Verbraucher anzubauen und somit durch kurze Transportwege unsere Umwelt zu schonen. Vertical Farming ist somit Teil eines neuen Lösungsansatzes für nachhaltige Produktion. Der plantCube soll Menschen die Nahrungsmittelproduktion in die eigenen vier Wände brinwohnwerken.de_Ausgabe 07

gen und ihnen transparenten Zugang zu frischen, gesunden Pflanzensorten aus aller Welt bieten. Wir sind der festen Überzeugung, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre plantCubes in sehr vielen Küchen auf der Welt zu finden sein werden und große Vertical Farms aus Mega-Städten in der Welt nicht mehr wegzudenken sein werden. O

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EIN FRUCHTBARER ORT Text: Claudia Hirtmann Bilder: Spreeacker e.V.

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An der Spree mitten in Berlin ist ein Ort entstanden, an dem Projekte nachhaltiger Stadtentwicklung ein Zuhause gefunden haben. Der SPREEACKER soll fruchtbar sein, wachsen und gedeihen: im Sinne von bĂźrgerschaftlichem Engagement, Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit. Autorin Claudia Hirtmann berichtet von der Initiative und den Menschen, die sich dort engagieren. wohnwerken.de_Ausgabe 07


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Durch eine öffentliche Ausschreibung der Spreefeld Genossenschaft

Mitgliedern aus dem Gar­ ten, BewohnerInnen, der Nachbarschaft und ande­ ren Engagierten gegründet.

Berlin haben sich 2011 am Ufer der Spree in Berlins Mitte, Projekte mit unterschiedlichen Konzepten zusammengefunden. Darunter auch die Gruppe des Spreegartens, die durch Bauarbeiten viel Bewegung durchlebt hat, sich aber langfristig auf dem Gelände etablieren konnte. 2014 wurde der Spreeacker Verein mit

Viele Talente für eine Idee Die Mitglieder bringen sich unterschiedlich stark und nach ihren Interessen und Ressourcen ein. Vielen geht es um das urbane Grün und gärtnerische Aktivität, anderen um die Mitgestaltung des öffentlichen Freiraums in Form von Sport-


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Der Spreeacker beteiligt sich am „Langen Tag der Stadtnatur“. Hier konnten die Teilnehmer selbst Papier schöpfen und kreativ gestalten.

angeboten, wieder andere unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit durch ihr grafisches Talent oder bringen Erfahrung und Expertise in die Buchführung ein. Für die Öffentlichkeit wer­ den verschiedene Work­ shops zum Themenfeld der Nachhaltigkeit angeboten, zum Beispiel am jährlich stattwohnwerken.de_Ausgabe 07

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findenden „Langen Tag der Stadtnatur”, an dem die Teilnehmer selbst Papier herstellen und gestalten konnten.

„Wir sind viele“ Nach außen hat der Spree­ acker eine politische Wirkung innerhalb der Bewegung der Gemein­


schaftsgärten. Das Urban Gardening Manifest hat 2014 hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet. Innerhalb der Berliner Gemeinschaftsgartenkultur ist die Berliner Gartenkarte

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Auf dem Gelände werden sukzessiv verschiedene, möglichst heimische Obstgehölze gepflanzt, hier ein Mispelbaum. Verfolgt wird damit die Idee der essbaren Landschaft im öffentlichen Raum.

ein Kommunikationsmittel, das aufzeigt: „Wir sind viele.“ Ich selbst bin seit 2011 im Spreeacker aktiv und mir ist die Darstellung von Gemeinschaftsgärten mit all ihren Zielen und


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ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten ein wichtiges Anliegen in unserer heutigen Gesellschaft.

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Kollektive Ideale verwirklichen Über meine „grüne“ Ausbildung als Floristin und meine Studiengänge im Bachelor Gartenbau und im Master Urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement, der neben den pflanzlichen Lehrinhalten Themenfelder wie Projektmanagement und Stadtentwicklung beinhaltet, habe ich hier meinen Platz gefunden, kollektive Ideale zu verwirklichen. Als Berlinerin sind mir sol­ che besonderen und auch geschichtsträchtigen Frei­ räume wie der Spreeacker wichtig, denn sie werden weniger und immer selte­ ner von Bewohnern und wohnwerken.de_Ausgabe 07

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Gemeinsames Gärtnern, Werkeln und Essen an den sogenannten Subbtoniktagen in Kooperation mit der Spreefeld Genossenschaft.

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der Öffentlichkeit durch autonome Partizipation bespielt. Der Spreeacker vermittelt mir einen Ort der Ruhe und des Übens von Transformationsprozessen in einem sonst hektischen kapitalistisch getriebenen System.

Lebensqualität verbessern Ziel ist es, den Ort mit seinem besonderen Ambiente im ehemaligen Grenzgebiet und sei-

ner prozesshaften Entwicklung für die Öffentlichkeit zu erhalten und bespielbar zu machen. Dabei setzt sich der Verein mit Themenschwerpunkten wie nachhaltiger Stadtentwicklung, Gestaltung essbarer Landschaften, Förderung von Kunst und Kultur in Kooperation mit der Spreefeld Berlin Genossenschaft und der Verwaltung intensiv auseinander. Konkret heißt das, die Lebensqualität in der Stadt zu verbessern, Erholungsräume zu


Verschiedene Veranstaltungen wie Seminare, Workshops und Netzwerktreffen veranstaltet der Spreeacker im Optionsraum der Spreefeld Genossenschaft.

schaffen, Grünanlagen neu anzulegen und dabei den Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit zu fördern sowie als Lehrbeispiel zu fungieren. Durch den Anbau von Obst und Gemüse soll die Selbstversorgung gefördert, die Gemeinschaft gestärkt und Generationen verbunden werden. Dabei sind alle Bevölkerungsgruppen willkommen. Wir gärtnern nach ökologischen Grund­ sätzen und wollen biolo­ gische Vielfalt fördern. wohnwerken.de_Ausgabe 07

So wollen wir unseren Beitrag zur Klimaanpassung und Klimaverbesserung leisten.

Gemeinschaftliche Nutzung Der Spreeacker bietet verschiedene Teilflächen zur gemeinschaftlichen Nutzung. Diese sind der Obstgarten mit eher niedrigeren Beerensträuchern und Kräutern, die Obstwiese mit hochstämmigen Obstbäumen, die langfristig

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Auf kleineren und größeren Veranstaltungen führen Mitglieder Interessierte über das Gelände und berichten über das Projekt und seine Intentionen.

angelegt sind sowie die intensiv genutzte Gemeinschaftsgartenfläche. Zwischen den Beeten finden sich Nisthilfen für Insekten und Fledermäuse, Nussbäume und Totholz­hecken. Der Einsatz von bodenverbessernden Maßnahmen, wie Gründüngung und Mikroorganismen sowie der Verzicht auf Nutzung torfhaltiger Garten­ erde, auf Pestizide und chemische Dünger sind unabdingbar.

Die Vermittlung dieser Inhalte findet vor Ort durch die exemplarische Durchführung, aber auch mittels Workshops und Beratungen statt.

Wachsen und gedeihen Kürzlich wurde beim Straßenund Grünflächenamt Mitte eine Pflege- und Nutzungsvereinbarung für den Waldgarten


unterzeichnet, der auf einer umgewidmeten öffentlichen Verkehrsfläche mit besonderer Zweckbestimmung angelegt werden soll. Nun geht es an die praktische Umsetzung durch die Erstbepflanzung. Für Erhaltungs- und Pfle­ gemaßnahmen sind weitere Mitstreiter willkommen. Der Spreeacker wird im Zuge der öffentlichen Ausschreibung des zu gestaltenden öffentlichen Spreeuferwegs Stellung nehmen und gegebenenfalls auf die ausgearbeiteten Leitlinien des Beteiligungsverfahrens hinweisen. Netzwerke und Koope­ rationen werden für die Umsetzung essbarer Land­ schaften im öffentlichen Raum weiter ausgebaut, weitere Flächen akquiriert und anlegt. Er wird sich künftig in Netzwerkgesprächen mit der Berliner Verwaltung um die Erhaltung, Unterstützung und Förderung urbaner Gärten einsetzen. O wohnwerken.de_Ausgabe 07

Über die Autorin Claudia Hirtmann hat nach ihrer Ausbildung zur Floristin an der Beuth Hochschule für Technik im Bachelor Gartenbau und im Master Urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement studiert. Während des Studiums engagierte sie sich im Bürgergarten Laskerwiese und ist seit 2011 im Spreeacker aktiv, seit 2014 im Vorstand des Vereins. Ihre Masterarbeit hat sie zu Planungs- und Nutzungsrechten Berliner Gemeinschaftsgärten geschrieben. https://www.facebook.com/ spreeacker/

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Ein Haus ganz aus Stroh

Mit Stroh kann man Häuser bauen. Das mag auf den ersten Blick erstaunen. Ist aber eigentlich ein alter Hut – menschheitsgeschichtlich betrachtet jedenfalls. Text: Frank Urbansky

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MIT STROH wurde

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schon früh gebaut. Strohhüt­ ten sind in so gut wie allen alten Kulturen bekannt. Auch die Ausfachung der Fach­ werkbauten im Mittelalter mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh war weit verbreitet. Das Material hält trocken, weil es hydrophob, also wasser­abweisend ist. Deswegen verrottet es kaum – vorausgesetzt, es wird vor kleinen, gierigen Nagern und zu viel Unwetter hinreichend geschützt. Und es hat eine Eigenschaft, ohne die das moderne Bauen nicht aus­ kommt: Es dämmt fantastisch. Nun zum Praktischen: Stroh ist als Baustoff in Deutsch­ land zugelassen. Dazu muss es einige Kriterien erfüllen. Es muss eine Rohdichte zwi­

schen 85 und 115 kg/m³ haben und darf nur in geringem Maße Feuchtigkeit aufnehmen. Ansonsten könnte man damit keine Häuser bauen und es nicht mal als Dämmmaterial nutzen. Diese Verwendung ist jedoch weit verbreitet. Dop­ pelwände, fachmännisch zwei­ schaliges Mauerwerk genannt, können zum Beispiel mit klein­ gehäckseltem Stroh ausge­ blasen und so mit wenig Geld, aber einer hohen Effizienz her­ vorragend gedämmt werden.

Mit Holzständern einfacher Doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern um das Bauen eines Strohhauses. Das kann auf viele Arten erfolgen. Prinzipiell unterscheidet man


Weder von außen noch von innen als Strohhaus zu erken­ nen: Das Haus von Christian Reisenthaler. Bild: Reisenthaler

zwischen lasttragender (Stroh wird konstruktiv eingesetzt) und nicht lasttragender Bauweise (Stroh wird als Dämmaterial eingesetzt). Doch nur die nicht lasttragenden Strohballenkon­ struktionen sind in Deutsch­ land hinreichend verbreitet, da es für lasttragende Strohbal­ lengebäude im Einzelfall einer Zustimmung bedarf. wohnwerken.de_Ausgabe 07

Eine Variante ist ein Holzstän­ derbau. Dieser wird analog einem Fachwerk errichtet. In die Ständer werden Stroh­ ballen eingelegt oder – bei entsprechender Verkleidung – Stroh lose eingeblasen und verdichtet. Die tragende Kon­ struktion ist also das Holz. Christian Reisenthaler baute vor über zehn Jahren ein solches Haus in Österreich.

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Das Raumklima findet Rei­ senthaler überragend. Auch die Energieffizienz ist sehr hoch, was bei den dämmen­ den Eigenschaften von Stroh quasi eine natürliche Beigabe ist. Der Verbrauch an Wärmeenergie liegt lediglich bei 22 kWh je Quadratmeter Wohnfläche. Das ist nur etwas mehr als ein Passivhaus mit 15 kWh je Quadratme­ tern verbrauchen darf, aber 166

Der Bau mit Stroh muss nicht auf Einfamilienhäuser beschränkt sein, wie diese Bildungsstätte beweist, die gerade im österreichischen St. Pölten entsteht. Bild: GESA

deutlich weniger als ein „nor­ males“ Einfamilienhaus, das selbst im gedämmten Zustand locker auf 70 bis 100 kWh je Quadratmeter kommt. Dabei muss das Bauwerk nicht auf die üblichen Maße eines Einfamilienhauses beschränkt sein. In St. Pölten in Österreich entsteht gerade das Haus des Lernens einer gemeinnützi­ gen Organisation, mit drei Eta­ gen und einer Nutzfläche von


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EN T F A R K Christian Reisenthaler bloggt über Strohhäuser und weiß, wovon er schreibt. Denn er wohnt selbst in einem. Bild: Christian Reisenthaler / Strohblogger

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EN T F A R K 1.235 m². Dafür werden 450 m³ Holz, 50 Tonnen Lehm und 2.000 Strohballen verbaut und das sehr effiziente Gebäude erreicht Passivhausstandard.

Ballen auf Ballen

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Die zweite Variante ist der lasttragende Strohballenbau. Beim Strohballenbau werden an den Plät­ zen für Fenster und Türen Holzrahmen eingelassen. Bild: Christian Keil / strawalz

Hier werden tatsächlich mit Strohballen die Mauern als Tragwerk errichtet. Da diese nicht von allein übereinander bleiben würden, werden sie mit Holzspießen verbunden. Wo Fenster und Türen rein sollen, werden breite Holz­ rahmen gesetzt. Zusammen­ gehalten wird das Ganze von


der Dachkonstruktion, die die Strohballen zusammenpresst. Nur hätte man in diesem Falle eine Strohwand. Mit der kann man wenig anfangen und nicht mal einen Nagel hineinschlagen. Also hilft nur Verputzen. Und hier kommt wieder der gute alte Lehm zum Einsatz. Die so gebauten Häuser haben viele Vorteile. Einen finanziel­ len gibt es jedoch nicht, denn die Kosten sind eher vergleich­

Im Bau: Mit Strohballen als tragenden Wänden errichtetes Strohhaus (oben). Auftragen von Lehm als Innen­ putz auf die Strohwand (re.). Bilder: Christian Keil / strawalz

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bar mit einem konventionel­ len Gebäude gleicher Größe und gleicher Nutzung. „Das ist ein weit verbreitetes Vorur­ teil, dass Stroh billig ist,“ weiß Christian Keil. Der Architekt bereiste mehrere Monate lang Europa von Strohhaus zu Strohhaus und beteiligte sich selbst an den Bauarbeiten. Stroh sei zwar günstig und – dies einer der Vorteile – regional ohne große Trans-

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„Insgesamt stehen in Deutschland etwa 300 Strohhäuser. Verglichen mit unseren Nachbarn in Frankreich ist das sehr wenig.“ 170

portwege sowie übermäßigen Energieeinsatz bei der Erzeugung zu besorgen. Aber günstiger werde der Gesamtbau dadurch nicht. Keil nennt noch weiter Vorteile. Das sind die nachhaltigen Materialien, die beim Abriss des Hauses recycelt werden könnten und die hervorragenden klimatischen Eigenschaften im Haus. Das bestätigt auch Reisen­

thaler. In den ersten Jahren, in denen er und seine Frau das Strohhaus bewohnten, wollte seine bessere Hälfte nicht mehr in den Urlaub fah­ ren. Zu schön war das eigene Strohheim, zu gut sein Klima und nicht zu vergleichen mit durch Klimaanlage temperier­ ten Hotels. Trotz der Vorteile bleiben die Strohhäuser eine Nische. „Insgesamt stehen in Deutschland etwa 300 Stroh­ häuser. Verglichen mit unseren Nachbarn in Frankreich ist das sehr wenig. Dort werden jedes Jahr rund 300 Strohhäuser gebaut“, schätzt Keil.

Keine Mäuse, kein Feuer Die Nische ist wohl auch bedingt durch viele Vorurteile gegen­


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EN T F A R K über dem Baustoff. Angst vor Mäusen, die einem die Wände wegnagen, oder Feuer – denn Stroh bleibt brennbar – sind nur zwei davon. Beide sind jedoch unbegründet. Die Nager haben normalerweise keine Chance, durch die verputzten Wände hindurchzugelangen. Sind die Mauern zudem mit Strohballen errichtet, vergeht ihnen auch hier schnell die Lust am Knabbern. Denn die Ballen sind fest gepresst und eher mit Holz als mit leckerem Wiesen­ heu zu vergleichen. Deswegen darf das verwendete Stroh auch nur wenig Grünanteil und nur minimal Körner enthalten. Die Feuergefährlichkeit ist auch gebannt. Und zwar ohne Spezial­behandlung des Strohs. Denn die damit errichteten wohnwerken.de_Ausgabe 07

Wände entsprechen den Feu­ erschutzklassen F30 und F90, also denen in einem ganz normal mit Steinen oder Beton errich­ tetem Haus. Eine Besonderheit gibt es noch: Die Stromleitun­ gen werden direkt im Stroh verlegt, also Unterputz, aber speziell mit Lehm ummantelt, damit auch diese Feuerquelle gebannt ist.

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Bild: Frank Urbansky

Fazit

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Wer sich mit dem Gedanken an die eigenen vier Wände trägt, sollte auch über Stroh als alter­ nativen Baustoff nachdenken. Es ist bewährt. Es funktioniert und vereinigt – bei etwa glei­ chen Baukosten – viele Vor­ teile in sich. Zudem kann man viel selbst machen, wenn man es vorher erlernt. Dafür gibt es passende Seminare.O

Frank Urbansky hat Journalistik in Leipzig studiert und 1992 als Diplomjournalist abgeschlossen. Er betreibt den tagesaktuellen Blog enwipo.de (EnergieWirtschaftPolitik) und ist Mitglied der Energieblogger. Der freie Journalist und Fachautor schreibt regelmäßig für mehrere Fachzeitschriften. Seine Schwerpunkte sind der Wärmemarkt, Heiztechnik, energieeffizientes Bauen und Erneuerbare Energien. urbansky@enwipo.de


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Luka Kedzo, Sofie Krenkel, Marco del Medico Morana, Netzwerk Nachbarschaft, Netzwerk Nachbarschaft/Paula Hildebrand, Stefano Nobile, Christian Reisen­thaler/Strohblogger, Spreeacker e.V., Cornelia Suhan, Twercs Vorwerk, Frank Urbansky, Thomas Vahle, Manfred Walz, Sabine Widmann TITELBILD Josh Wilburne on Unsplash GRAFIK Elke Möller HERAUSGEBER UND VERLAG Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Postanschrift: 30130 Hannover Adresse: Hans-Böckler-Allee 7, 30173 Hannover Tel. 0511 8550-0 www.schluetersche.de Amtsgericht Hannover HRA 15042 PERSÖNLICH HAFTENDE GESELLSCHAFTERIN Schlütersche Verwaltungsgesellschaft mbH in Hannover Amtsgericht Hannover HRB 6034 Geschäftsführung: Stefan Schnieder UmsatzsteuerIdentifikationsnummer DE115697748 | DE115586449 Das Magazin und alle enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. Die Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG übernimmt keinerlei Garantie und Haftung für die Richtigkeit, Aktualität und Vollständigkeit der bereitgestellten Informationen. Alle Angaben sind ohne Gewähr.

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