Page 1

Othello

Von William Shakespeare | Deutsch von Erich Fried Othello Jago Desdemona Cassio | Brabantio Doge von Venedig | Emilia Rodrigo | Bianca

Werner Strenger Frank Wickermann Marieke Kregel Matthias Heße Magdalene Artelt Patrick Dollas

Inszenierung Bühne Kostüme Dramaturgie Regieassistenz Dramaturgieassistenz Regiehospitanz

Ulrich Greb Birgit Angele Elisabeth Strauß Nicole Nikutowski Stefan Eberle Judith Schäfer Anna Dieren, Sevin Begovic

Technische Leitung Schreinerei Beleuchtung Tontechnik Videotechnik Bühnentechnik

Stephan Nickel Martin Flasbarth Daniel Schäfer, Tina Struck, Felix Hecker Heiko Schröder Daniel Schäfer, Felix Hecker Felix Hecker, Martin Flasbarth, Stephan Nickel, Daniel Schäfer, Heiko Schröder, Tina Struck Marijke Volkmann, Patricia Kollender Nadine Bergrath

Schneiderei Requisite

Premiere 12. September 2013, Schloss Aufführungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause Aufführungsrechte Felix Bloch Erben, Berlin

Impressum

Spielzeit 2013/2014 | Herausgeber Schlosstheater Moers GmbH | Geschäftsführender Intendant Ulrich Greb | Redaktion Nicole Nikutowski , Judith Schäfer | Gestaltung Agentur Berns | Probenfotos Sascha Schürmann | Textauszüge Beate Neumeier: „The Tragedy of Othello the Moor of Venice - Die Inszenierung des Ex-Zentrischen“, In: „Shakespeares Dramen“, Stuttgart: Reclam, 2000. Hans-Jürgen Heinrichs: „Innmitten der Fremde – Von In- und Ausländern“, Hamburg: Rowohlt, 1992.

Othello »This play about stereotypes« Die Inszenierung des Ex-Zentrischen

Die Tragödie von Othello, dem Mohr von Venedig

Der »Mohr« von Venedig ist General. Ein mächtiger Krieger – und nützlich für die venezianische Republik. Er löst Probleme und verteidigt die Herrschaftsansprüche seines Auftraggebers an den Grenzen zum Osmanischen Reich und Afrika. Er kennt die Feinde genau, weil sie seine Herkunft sind. Othellos militärische Erfolge sind Voraussetzung und Garantie für die gesellschaftliche Anerkennung in seinem neuen Heimatland. Doch mit der heimlichen Heirat Desdemonas, Tochter eines der besten Häuser Venedigs, überschreitet Othello den ihm zugestandenen Platz. Stereotype und Vorurteile wenden sich nun offen gegen ihn. Jago, ein Fähnrich weit untergeordneten Rangs, sieht seine Chance für den Aufstieg. Intrigenreich macht er Othello zum Spielball diskreditierender Vorurteile und treibt ihn in einen paranoiden Eifersuchtswahn. Der geachtete General verwandelt sich in den Blicken der Venezianer in den monströsen Wilden, den jetzt alle in ihm sehen. Shakespeares Stück von 1603 spielt mit dem Umgang einer Gesellschaft mit dem NichtNormativen. Othello ist der personifizierte Fremde – und wirft die Frage nach dem Preis gesellschaftlicher Akzeptanz auf. Was vordergründig wie eine Eifersuchtstragödie anmutet, ist ein Stück über die Gewalt gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen und den Verlust von Identität als Preis der Integration.

»Ein Monster mit schwarzem Gesicht, der Mund und die Augen wie ein Löwe, das zugleich männlich und weiblich war.« Dieses Zitat aus einem Reisebericht von 1580 belegt die Definition des Monströsen als des Fremden in den Koordinaten des Bekannten. Die dabei angesprochenen Grenzen zwischen Weiß und Schwarz, Mann und Frau, Mensch und Tier markieren die kulturellen Grenzen der englischen Renaissance zwischen Zentrum und Peripherie, Norm und Abnormität, Natur und Unnatur, göttlicher Ordnung und Teufelswerk, deren mögliche Überschreitung Angst und Faszination gleichermaßen auslöst. Im obsessiven Interesse an diesen Grenzen wird die zunehmende Infragestellung gesellschaftlicher und kultureller Ordnungsstrukturen des 16. und 17. Jahrhunderts deutlich, die zur Ausdifferenzierung und Neubewertung bzw. Herausbildung der Kategorien Ethnie (schwarz/ weiß), Geschlecht (weiblich/männlich) und Psyche (krank/gesund) als Konstituenten individueller Subjektivität führen. Shakespeares Tragödie »Othello« inszeniert und problematisiert diesen Prozess durch die komplexe Verschränkung der angesprochenen Aspekte anhand der Hauptfiguren Othello, Desdemona und Jago, die jeweils Positionen der Marginalität und Zentralität gleichzeitig besetzen. Othellos Marginalisierung als Mohr steht seiner Macht als Mann und General der venezianischen Armee gegenüber. Desdemonas Machtlosigkeit als Frau steht im Gegensatz zu ihrer gesellschaftlichen Position als weiße Aristokratin. Jagos Machtstellung als weißer Mann schließlich wird durch seine Position als (beruflich übergangener) Querulant und möglicher betrogener Ehemann konterkariert. Alle drei Hauptfiguren werden im Verlauf des Stückes der Hexerei bzw. Teufelei bezichtigt. Allen dreien werden im Verlauf der Tragödie unterschiedliche Positionen bezüglich der Relationen Fairness/Schwärze, gut/böse, Verstand/Leidenschaft zugesprochen. Diese Verschränkung ermöglicht eine Auslotung der Validität traditioneller religiös geprägter Erklärungszusammenhänge gegenüber neuen wissenschaftlichen Diskursformen. Mit der Inszenierung des Ex-Zentrischen zielt Shakespeares »Othello« auf das Zentrum der grundlegenden Problematisierung gesellschaftlicher und kultureller Ordnungsstrukturen. Kaum ein anderes Shakespeare-Drama hat die persönliche Stellungnahme westlicher Kritiker in gleichem Maße herausgefordert und deren eigene Vorurteile und Stereotypien - insbesondere bezüglich des Rassismus - bloßgelegt. Oft wird die Betonung der Gewalt von Othellos Leidenschaftswahn unhinterfragt mit exotischer Fremdartigkeit erklärt. Erst eine Zusammenschau der Gesichtspunkte Ethnie (schwarz/weiß), Geschlecht (weiblich/männlich) und Psyche (krank/ gesund) ermöglicht eine umfassende Analyse der komplexen, miteinander verwobenen Gegensätze, die die Faszination des Dramas Othello ausmachen. Beate Neumeier


»An extravagant and wheeling stranger«

„WER IST DAS?“

»She has deceived her father, and may thee« Ebenso wie Othello erweist sich Desdemona in der Tragödie als ein gespaltenes, unbeständiges Subjekt, als selbstbewusste Verfechterin weiblicher Eigenständigkeit in der Partnerwahl und als gehorsame Ehefrau, die sich schweigend in ihr Schicksal ergibt. Während die gemeinsame Erfahrung der Marginalisierung sie mit Othello verbindet, wird ihr seine Machtposition jedoch zum Verhängnis, wenn von der Ehefrau dieselbe Unterordnung erwartet wird wie zuvor von der Tochter. Konsequenterweise wird daher das in der Werbungsphase von Othello als reizvoll empfundene Selbstbewusstsein Desdemonas in der Ehe beim Eintreten für Cassio zum Indiz der Überschreitung weiblicher Gebote. Der Verlust der ausschließlichen Verfügung über den weiblichen Körper bedeutet den Verlust männlicher Ehre und Identität. Diese Auffassung wird bezeichnenderweise von allen männlichen Figuren im Stück geteilt. Aufgrund dieser dichotomen Sichtweise der Idealisierung oder Verdammung der Frau kann Jago mit der Eifersucht Othellos rechnen, ja sogar mit seinem Wahnsinn, der sich aus der »Norm« in letzter Konsequenz ergibt. Beate Neumeier

Die Konzeption des Titelhelden als »Mohr von Venedig« als offensichtlichste Form von Anderssein in der Tragödie muss im Kontext der Tradition der Negativbesetzung ethnischen Andersseins in der englischen Renaissance gesehen werden, wo »Schwärze« zunächst im Rückgriff auf die Genesis als göttliche Strafe gefasst und mit dem Bösen, mit Teufel und Hexerei in Verbindung gebracht wird. Diese Definition verbindet sich mit den geo- und ethnographischen Diskursen der Entdecker, die die Neue Welt in Opposition zur zivilisierten christlichen Welt als primitive und barbarische, von Zauberkulten und Hexerei beherrschte Welt konstruieren. Gleichzeitig wird damit aber auch die Entwicklung eingeleitet, derzufolge der Glaube an Hexerei selbst zum Zeichen der Primitivität wird, von dem sich die aufgeklärte europäische Elite distanziert. Die Angst vor der Berührung mit dem Fremden und die daraus resultierenden Abwehrmechanismen werden besonders deutlich im Kontext der Geschlechterbeziehungen, wo die Rassenmischung als Monstrosität beschworen wird. Mit diesen Vorstellungen verbindet sich die Faszination des Exotischen und des Monströsen, die sich in der Entdecker- und Reiseliteratur der Zeit durch die Verbindung von Faktizität und Fantastik in der Beschreibung manifestiert. Gleichzeitig markieren die Anfänge des Sklavenhandels in dieser Periode den Beginn ökonomisch-politischer Interessen am Fremden. Dies verweist auf die Zusammenhänge zwischen der Entstehung von Imperialismus und rassistischer Ideologie. Shakespeares Stück verbindet die dargestellten Diskurse (in denen sich Vorstellungen des Teuflischen, Bestialischen, Monströsen und des Primitiven, Exotischen mit dem Erotischen mischen) mit den beiden gegensätzlichen Repräsentationsformen des »Schwarzen« im englischen Renaissancetheater - dem »teuflischen Mohr« und dem »weißen Mohr«, indem Othello die Positionen des Monströsen und des Heldenhaften gleichzeitig besetzt. Als General wird Othello im Stück von den Venezianern als edler Bewahrer der venezianischen Werte und Kultur gefeiert, als Ehemann Desdemonas wird er im Sinne der beschriebenen Diskurse zur Verkörperung des mit sexuellen, bestialischen und teuflischen Assoziationen besetzten Monströsen. Ebenso ambivalent ist Othellos Selbstdefinition. Die autobiografische Erzählung, durch die Othello Desdemonas Liebe gewinnt, ist eine Geschichte von Abenteuer und Gefahr, von exotischen Gefilden und fantastischen Wesen. In diesem Reisebericht besetzt Othello die Positionen von Subjekt und Objekt, indem er den Blick der christlichen Entdecker auf die eigene Vergangenheit internalisiert hat und die Erwartungshaltung des Publikums, dessen Lust am Exotischen, befriedigt. Vor seinem Selbstmord am Ende des Dramas entwirft Othello schließlich seine Geschichte vor dem Hintergrund der Ereignisse und im Blick auf die Zukunft nochmals neu: Othello beschreibt sich als Verteidiger der Christenheit, den aber seine Mordtat an Desdemona mit dem »dummen Inder« gleichsetzt. Damit dokumentiert das Ende nochmals und unversöhnlich das Ausmaß der Selbstspaltung Othellos durch die Anverwandlung des weißen Diskurses, innerhalb dessen er als christlicher venezianischer General den heidnischen »beschnittenen Hund« in sich richten muss. So inszeniert (und analysiert) Shakespeares Tragödie die Funktionsmechanismen rassistischer Stereotypie in der Außen- und der Innenperspektive des Anderen. Beate Neumeier

Integration und Abstoßung in der multikulturellen Gesellschaft

ERGEHT, „WENN DIE LIEBE V DER DA“ IE W S O A H C S A D T IS »Give me the ocular proof«

Wenn Shakespeares Tragödie »Othello« den Prozess der Ablösung religiös geprägter Erklärungsmuster durch die (neuen) Wissenschaften inszeniert und problematisiert, so nimmt im Zusammenhang mit dem Begehren nach Wissen die Bedeutung des Blicks zentralen Stellenwert ein. Dies zeigt sich auf der Handlungsebene natürlich vor allem in der obsessiven Forderung nach »sichtbaren Beweisen«, die ironischerweise gerade nicht eingelöst wird. Denn alle von Jago gelieferten Zeichen funktionieren über Sprache. Sprachliche Visualisierung wird wie in den Reiseberichten der Zeit zum Ersatz des direkten »sichtbaren Beweises«. Es gelingt Jago, mit Hilfe mehrerer, geschickt inszenierter Zeichen (Taschentuch, Liebesszene Desdemona/Cassio), Othello in den Wahnsinn zu treiben. Der Verlust des Taschentuchs symbolisiert den Verlust des Glaubens an die Magie der beiderseitigen Liebe und damit Chaos und Identitätsverlust. Für Othello verkehrt sich hierdurch existentielle Sinnhaftigkeit in Wahnsinn. Jagos Strategie basiert auf der Auslegbarkeit von Zeichen im Zusammenhang der herrschenden Kultur- und Geschlechterverhältnisse. Beate Neumeier

Abstoßung und Integration sind nur scheinbar konträre Prozesse. Beide Bewegungen gehen zwar in entgegengesetzte Richtungen, treffen sich aber, überlagern sich zeitweise und produzieren unter einem anderen Deckmantel - Haß oder (Nächsten-)Liebe, Angst oder Zuneigung - dieselben Verhaltensweisen. Integration kann, unter der Oberfläche, eine besonders effektive Form der Abstoßung und des Unschädlichmachens von Fremdem sein. Die Integration, als ein politischer Akt, folgt einer pragmatischen Einstellung und nicht einer Selbsterkenntnis. Die pragmatisch orientierte Einsicht legt es gerade dem sich als realistisch verstehenden modernen Menschen nahe, den Fremden in das eigene System zu integrieren, da er ihn so dem Eigenen anverwandelt, sein angstmachendes Anderssein aufhebt, sein Potential als Unruhestifter auf Null hin verringert. Die Selbsterkenntnis würde, anders als die Integrationspolitik, den Fremden und das Fremde, den Anderen und das Andere in der eigenen Person und Geschichte suchen. Aus diesem Grund ist die Integration des Fremden auf der Ebene des politischen Systems nur eine Form der Abstoßung: der Anteile in jedem Einzelnen, die auch ihn zum Fremden machen. Ein sich selbst auch als Fremder und als Anderer verstehender Mensch sieht weniger Notwendigkeit in einem sozialpolitischen Akt der Integration, da er sich in einem dynamischen inneren Austausch befindet zwischen den Anteilen, die ihn zu diesem bestimmten Einen einer Lebensgeschichte, einer Kultur und einer Nation machen, und solcher Anteile, die ihm und den Anderen fremd, eigenartig und unverständlich vorkommen. Die Medien sind die stärkste Gegenkraft zur Konzentration, zur Zentrierung des Geschehens im eigenen Erfahren, Wahrnehmen und Leben. Sie sind Gegenmodelle zu der Instanz, nach der Georg Büchner suchte, als er 1834 schrieb: »Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?« Büchner artikulierte eine geistige Freiheit - jenseits von Fixierungen an Innen oder Außen. Das Medium tut das Gegenteil: Es verlagert alles Beunruhigende nach außen, an die Peripherie, außerhalb von Gesellschaft und Sozialleben. Was in uns allen lügt, mordet, stiehlt ist keine Frage, die sich die Mediengesellschaft stellt. Sie macht die Schuldigen immer jenseits, außerhalb von »uns« ausfindig und dingfest. Hans-Jürgen Heinrichs

Hier geht's zum programm othello!  

Programmheft Othello, Schlosstheater Moers Premiere 12.09.2013

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you