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PREDIGT BEI MYSTERIUM CRUCIS 16. 3. 2008

1. Zu viele Antworten • Ist hier Gott noch gegenwärtig? Unsere Welt krankt nicht an zu wenig Antworten. Antworten haben wir viele, allzu viele. Auch der Kirche ermangelt es nicht an Antworten. Sie füllen ganze Katechismen, Bibliotheken und nicht wenige Köpfe. An Antworten mangelt es nicht, sondern an Fragen. • Jesus fragt die Soldaten "Wen sucht ihr?". "Mit Fackeln, Laternen und Waffen waren sie ausgerückt", Licht in die Affäre zu bringen und Jesus zu verhaften. Auf die Frage Jesu "Wen sucht ihr?" meinen sie eine Antwort zu haben - allzu viele Antworten! Als Jesus sie aber ganz einfach mit seiner Gegenwart konfrontiert – mit einem einfachen "Ich bin es!" - haut es sie um. "Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden." Die schnelle Eingreiftruppe im Garten Getsemani hat nicht damit gerechnet, dass einer zu dem steht, wer er ist. • Eine Klarstellung daher noch: "Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen!"


Wir sind gerne mit Scheinfragen nach den Aposteln, den Jüngern, der Kirche, dem Papst, dem Pfarrer und sonst etwas beschäftigt, bevor wir die eigentliche Frage gefunden haben. Am Karfreitag wird Jesus ganz allein da stehen, der Mensch. 2. Kein Mut zu Frage • Pilatus stellt die eine, die berühmte Frage: "Was ist Wahrheit?". Wir wissen nicht, in welchem Tonfall er sie gestellt hat - skeptisch, triumphierend, nachdenklich. Darüber lässt sich trefflich spekulieren. Doch wozu? • Jesus steht vor Pilatus. Er, nicht eine Hypothese oder Theorie, ist die Wahrheit. "Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege." • Pilatus stellt seine Frage und geht weg. Das Evangelium lässt nur raten, in welchem Tonfall er seine Frage stellt. Aber es zeigt überdeutlich, dass Pilatus an keiner Antwort interessiert ist, weil er nicht fähig oder bereit ist, die wirkliche Frage zu stellen. Deswegen heißt es im Evangelium: "Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit?" Und "Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus". Draußen sucht er sich durch Taktiererei aus der Affäre zu winden. Jesus wird ihm keine Antwort mehr geben.


3. Wer fragt da eigentlich wen? • Zu allen Zeiten standen Menschen ratlos vor dem Kreuz Jesu. Warum dieses Leid? Warum diese Ohnmacht? Warum dieser Tod? Zu allen Zeiten hat dieses Kreuz die Menschen fragen lassen nach Gott und seiner Gerechtigkeit, wenn Gott solches Leid zulässt. Das Kreuz ist keine Antwort. Es ist ein großes Fragezeichen. • Wer fragt da eigentlich wen? "O du mein Volk, was tat ich dir? / Betrübt ich dich? Antworte mir!" Dies ist der Text der so genannten Improprien. Dies alte Lied der Frage Gottes an sein Volk, an die Juden, die stellvertretend für die Menschheit stehen, werden wir auch heute hören. Das Kreuz ist die Frage Gottes an die Menschen. Das Kreuz ist nicht die Antwort. Das Kreuz ist die Frage. Vom Kreuz herab fragt Gott uns Menschen. In dieser Stunde ist Gott gegenwärtig in der Frage, nicht in der Antwort. Wir haben zu viele Antworten und mauern die Menschen damit ein und versuchen Gott damit festzunageln. Die Würde des Menschen ist uns verloren gegangen, wo der Mensch uns nicht mehr Frage ist. Die Heiligkeit Gottes ist uns entschwunden, wo Gott uns nicht mehr Frage ist. Auch hier und heute, und erst recht am Karfreitag, ist Gott gegenwärtig. Aber in der Frage, nicht in der Antwort. Amen. •

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