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PREDIGT FÜR ST. GEORGEN IM SCHWARZWALD 7.11.2004

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. (Predigttext = Römer 3, 21ff.)

Wenn ich als katholischer Priester – der ich „neben“ meiner Arbeit als Musiker, Musikwissenschafter, Liturgiewissenschafter auch und gerne bin – gefragt werde, was Martin Luther uns Katholiken zu bedeuten habe, dann muss ich Ihnen vielleicht vorausschicken, dass vielleicht nicht „irgendein“ kath. Priester bin, sondern einer, der es mit der Ökumene ernst meint, und der meint, dass man nicht darüber reden muss, sondern handeln muss. Und als ich für die Evang. Christen in meiner Heimatstadt Linz am Karfreitag wieder einmal mit meiner Anwesenheit beím Gottesdienst meine Verbundenheit bekundete und danach mit dem Superintendenten vor die Kirche trat, war da vor der Linzer Martin-LutherKirche ein Holzstoß für das kommende Osterfeuer errichtet – von einigen gedeutet als Scheiterhaufen, den mir meine Oberhirten zugedacht hätten. Aber Spass beiseite, ich möchte zur Frage kommen: WAS HAT LUTHER UNS KATHOLIKEN ZU SAGEN? Es war für mich – und wie ich weiß, Gott sei Dank, für viele andere auch – mehr als wohltuend, als am 31. Oktober 1999 Vertreter beider Konfessionen, der Evangelischen und der Katholischen Kirche, an historisch bedeutsamer Stätte zu Augsburg die Unterzeichnung einer (fast) gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre vornahmen. Die Kirchenzeitung jener Diözese, in der mein Kloster liegt, hat es offenbar nicht wert genug gefunden, dies größer zu kommentieren. Dafür hatten die „Süddeutsche“, die „Frankfurter Allgemeine“, sogar die österreichischen „Kronenzeitung“, und viele andere bedeutsame Tageszeitungen des deutschen Sprachraumes mehrere Seiten dafür verwendet, dem Ereignis gerecht zu werden.

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Der junge Martin Luther hatte sich an diesem Text des Römerbriefes entzündet. In ihm hat er in einer Sternstunde der Erkenntnis die Antwort gefunden auf die quälende Frage: „Wie kann ich vor Gott bestehen, wenn ich doch immer wieder sündige?“ Nicht der Kauf von Ablassbriefen, sondern Gottes Gnade und Christi Tod allein können den Menschen rechtfertigen. Nicht die „Werke“, sondern allein der „Glaube“ ist ausschlaggebend. Als ich den Text meditiere vor einem Konzert mit abschließender Improvisation über „Ein feste Burg ist unser Gott“, läuft in der Hotelbar das Radio mit Nachrichten über die Parlamentsdebatte in Bonn, ob die Verjährungsfrist von 30 Jahren für Mord aufgehoben werden soll. Für jeden Mord? Nur für Völkermord? Oder soll es bei den geltenden Bestimmungen bleiben? Die Meinungen gehen quer durch die Parteien. Ein Ringen um das, was „Gerechtigkeit“ ist oder sein soll. Nach dem Konzert schenkt mir ein evangelischer Mitbruder das Buch eines poliogeschädigten Pfarrers, der – in einer Anstalt für Körperbehinderte als Seelsorger tätig – sich mit der Partnerschaft zwischen Behinderten und Nichtbehinderten auseinandersetzt. Und in mir hämmert der Text: „Denn es ist kein Unterschied, wir sind allemal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. [...] So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde, ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben... .“ Da ist also das Buch des Pfarrers mit dem eindrucksvollen Ruf: „Tu etwas, um Menschen in ihrem schweren Schicksal besser zu verstehen und als Partner anzunehmen!“ – gute Werke als Auftrag Gottes. Und andererseits die Unmöglichkeit, mit irdischen Maßstäben der Gerechtigkeit genüge zu tun. Der Behinderte unter uns mit dem Angebot und der Forderung nach Partnerschaft. „Tragen Sie mich ins Auto!“, fordert der Rollstuhlfahrer einen jungen Mann auf. Und der unsichere Gesunde bedankt sich nachher, als er es geschafft hatte. Er hat ein Werk

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der Hilfsbereitschaft getan, und fühlt sich bereichert und gerechtfertigt. Unser Denken in Leistung und Lohn können wir nicht verleugnen. Gottes Maßstäbe sind anders. Im Auferlegen und im Freisprechen geht es nicht um Ursache und Wirkung, um Leistung und Gegenleistung. Es gibt ein ergreifendes Gedicht des erblindeten englischen Dichters John Milton auf seine Blindheit. Da sorgt er sich, dass seine Behinderung es ihm versagt, seine ihm verliehenen Talente so für die Menschen zu nutzen, wie es ihm als Auftrag Gottes geboten scheint, und er fragt, wie Gott Leistung fordern kann, wenn er selbst die Verwirklichung versagt, warum er Talente gibt, die im Menschen unausgenutzt vergraben bleiben. Und dann gibt sich der Dichter die Antwort: Gott braucht die Werke nicht. Wenn er ruft, jagen Tausende rastlos über Meer und Kontinente. „Doch auch die dienen ihm, die nur stille stehn und warten.“ Allein durch den Glauben. Es bedarf nicht des Leistungsergebnisses, das eher der Selbstbestätigung dient, es bedarf eher der aufgehaltenen denn der gebenden Hand. Aber was ist Gerechtigkeit? Im Parlament war viel die Rede davon. Sühne! Politische Rechtfertigung! Vergebung nicht ohne Schuldaufdeckung! Rechtsstaatliche Verlässlichkeit! Schlagworte, die mir in den Ohren klingen. Sinn der Strafe? Selten so spürbar, wie weit der Abstand zwischen Maßstäben hier und dort. Der einzelne vor dem weltlichen Richter und vor dem Weltenrichter. Der weltliche Richter in der Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und danach zu urteilen. Der Weltenrichter, der die Wahrheit kennt und doch „durch Gnade“ gerecht machen kann. Sola fide – allein durch Glauben! „Denn hier ist kein Unterschied: Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist...“ Keine Werke? Da schreibt der behinderte Pfarrer: „Wenn ich einst in die Grube fahre und fünf Menschen sagen: Ich bin froh, dass

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es ihn gab, dann schaufelt in Ruhe die Grube zu.“ Lösen Werke die Rechtfertigung vor Gott aus, oder schafft Gottes Gnade die Liebe, die zu den Werken ermutigt? „Allein durch den Glauben!“ Das ist eine Erfahrung, die jeder von uns in seinem Leben macht. Da, wo es ums Allerpersönlichste geht, um die persönliche Freundschaft, um die persönliche Liebe, kann man sich dies nicht verdienen. Es kann jemand mir noch so viel Gutes tun, er hat zwar Anspruch auf meine Dankbarkeit, -- aber er hat NICHT Anspruch auf meine ganz persönliche Freundschaft und Liebe. Das bleibt freies ungeschuldetes Geschenk und ist da, wo es geschieht, immer auch ein Wunder. Das hat Martin Luther neu entdeckt – man kann sagen, er war der Wiederentdecker des Christlichen Glaubens als dem Weg zum Heil. Und wer das begriffen hat, der braucht nicht in der ständigen Sorge und Angst vor Gott zu leben, sondern er ist ein innerlich freier Mensch, weil er sich nicht in seinen Werken geborgen zu wissen braucht, sondern ALLEIN IN DER LIEBE GOTTES. Das macht innerlich frei und damit auch frei zu einem christlichen Leben und um Gutes zu tun – das hat M.L. immer wieder betont.

Ich möchte aber neben der Rechtfertigungslehre noch Wesentliches aufzählen, wofür wir Katholiken Luther dankbar sein müssen: Wir verdanken Dr.M.L. die erste deutsche Bibelübersetzung von großem Format. Sicher, es gab schon andere davor. Aber die Übersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen bewerkstelligte das Sprachgenie Luther. Ich will Ihnen das an einem Beispiel im 73. Psalm zeigen: Die Einheitsüberetzung – an der Evang. und Kath. Theologen mitgewirkt haben – formuliert: „Wen habe ich im Himmel ausser Dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde!“ Wie übersetzt Luther? „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde.“

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Das ist dichterische Kraft, so kann man es sich merken, so erfüllt es einen: das ist geniale Begabung! Die Übersetzung hat natürlich noch ein anderes Verdienst über das Religiöse hinaus, insoferne sie die Grundlage unserer modernen deutschen Sprache wurde. Unsere deutsche Sprache, unser Deutsch, das wir heute sprechen, geht auf diese Bibel zurück – das ist eine Tat, die Luther unsterblich gemacht hat, wofür wir ihm alle danken müssen. Die Reformation entdeckte auch die Gemeinde neu, auch sie war im Mittelalter verloren gegangen. Und die Reformation sorgte dafür, dass eine Gemeinde nach Möglichkeit in einem Gottesdienst ganz zusammenkommen konnte. Dazu kam der bewußte Einsatz der Muttersprache – nicht dass Luther das Latein verbannt hätte!!! (man lese seine Vorschriften für den Gottesdienst in Wittenberg!!!) – aber dass Wort in Predigt und Lied Teil der Verkündigung ist, dass sich die Form unseres Kath. Gottesdienstes seit dem zweiten Vaticanum so ergeben hat, verdanken wir Katholiken weitgehend der Reformation. Luther war – wenn von mir auch fast so verehrt – kein Heiliger. Er hatte auch Fehler, und die Geschichte schreibt von seiner groben Art, Gegner anzugreifen. Aber ich glaube, man darf einen Menschen nicht nach seinen Fehlern beurteilen. Wer von uns möchte das? Eines Menschen wird man nur dann gerecht, wenn man ihn von seinem Innersten her beurteilt, von dem, was ihn erfüllt und bewegt. Es tut mir – und hoffentlich auch Ihnen – gut, dass gerade ein römischer Kardinal, nämlich Hillebrands, viele Jahr Leiter des päpstlichen Einheitssekretariates, das Wort geprägt hat: MARTIN LUTHER IST UNSER GEMEINSAMER LEHRER! Wie wahr –!! und so können wir uns wohl finden.

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Reformation ist nicht nur etwas Vergangenes. Immer wieder steht die Kirche, stehen die Kirchen, vor der Aufgabe, dass sie in einer neuen Zeit lebt und sich auf diese Zeit einzustellen hat. Nicht in dem Sinn, dass man sich angleicht, aber wohl in der Intention, dass man den Ruf der Zeit ernst nimmt und versucht, aus dem Evangelium und in seiner Kraft die rechten Antworten zu finden. Ich wünsche Ihnen in dieser „Oktav des Reformationsfestes“ und uns Katholiken die Bereitschaft zu dieser „ständigen Reformation“ und immerwährenden Erneuerung und danke heute und hier auch Martin Luther für seine Impulse. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als jede Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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