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Amtliches Bekanntmachungsblatt des Amtes Torgelow-Ferdinandshof

Nr. 10/2015

Aus dem Rathaus INTERVIEW mit Bürgermeister Ralf Gottschalk zur Flüchtlingsproblematik Die aktuellen Medien dominiert derzeit deutlich die Frage der Flüchtlingsflut, die den Kommunen seit diesem Jahr zunehmende Sorgen bereitet. Wie stellt sich die Situation im Amtsbereich Torgelow-Ferdinandshof dar und was ist zu erwarten? Bei einer kürzlichen Arbeitsberatung bei der Landrätin wurde darüber berichtet, dass die Schätzung der Flüchtlingszahlen für den Landkreis Vorpommern-Greifswald von etwa 1.000 (Schätzung von Anfang des Jahres) auf jetzt 3.000 für dieses Jahr schrittweise hochkorrigiert worden sind. Seit dieser Arbeitsberatung zeichnet sich ab, dass das offensichtlich noch nicht die obere Grenze sein wird. Es wird also für den Landkreis bis Jahresende mit mehr als 3.000 Asylsuchenden gerechnet werden, das heißt noch in den letzten 3 Monaten bis zum Jahreswechsel werden mehr als 1.500 Menschen zu uns kommen. Die Kreisverwaltung hat nun versucht, entsprechend der Einwohnerzahlen und der bereits erfolgten Aufnahmen eine Aufteilung vorzunehmen, auch unter Berücksichtigung der schon vorhandenen Gemeinschaftsunterkünfte. In dieser Betrachtung taucht das Amt Torgelow-Ferdinandshof mit einer weitergehenden Aufnahmegrößenordnung von 162 Personen noch zusätzlich zu den bisher aufgenommenen Flüchtlingen für dieses Jahr auf, aber auch diese Zahl ist eher als untere Grenze zu sehen. Da die Gemeinde Ferdinandshof sich ebenfalls dieses Themas angenommen hat und auch schon einige Aufnahmen in Einzelwohnungen realisiert wurden, haben wir bei einer durchschnittlichen Belegung von 5 Personen pro Wohnung ermittelt, dass wir noch einmal ca. 30 Wohnungen zusätzlich brauchen. Dabei sollen allerdings gewisse Prämissen Priorität haben. Eine der Prämissen, und das ist vielleicht die Wichtigste, ist, dass Massenunterkünfte die schlechteste Wahl sein sollten. Das heißt, die Unterbringung von 5 Personen, die sich bis dato noch nicht gekannt haben, in einer Wohnung ist immer noch die bessere Lösung, als 100 Leute in einer leerstehenden Kaufhalle oder in eine Turnhalle zu pferchen. Das sind für mich rein humanitäre Beweggründe. Eventuell zu erwartende Konflikte entstehen ja vor allem durch solche Enge, durch nicht mehr gewährleistete Privatsphäre und damit einhergehende sanitäre Mängel. Also: WOHNUNGEN vor MASSENUNTERKÜNFTEN, als eine unserer wichtigsten Überlegungen. Verfügen wir denn im Amtsbereich über die erforderlichen Wohnungen? Ja, durchaus, allerdings begrenzt. Es handelt sich dabei ausschließlich um Wohnungen, die in den zurückliegenden Jahren nicht nachgefragt wurden, weil sie z.B. zu groß sind, und damit auch zu teuer. D.h. die Größe dieser Wohnungen stimmt nicht mehr überein mit den in unserer Region verbreiteten Familienmodellen. Im Durchschnitt sind Familien mit einem Kind oder zwei alleinstehende Personen bzw. Alleinerziehende wohnungssuchend, d.h. es sind eher kleinere Wohnungen gefragt. Hinzu kommt der demographische Wandel, d. h. die Menschen werden älter und daher ist zu verzeichnen, dass Wohnungen in der vierten oder fünften Etage nicht mehr nachgefragt werden. Wichtig ist mir dabei, zu betonen, dass dadurch niemandem, der Interesse an Wohnraum hat, eine Wohnung verwehrt oder vorenthalten werden muss, auch nicht auf Basis der Grundsicherung. Wir werden also für Asylsuchende grundsätzlich nur solche Wohnungen nutzen, die seit längerer Zeit, meist auch seit mehreren Jahren, nicht nachgefragt wurden.

In welchen Wohnbereichen stehen derartige Wohnungen denn zur Verfügung? Ein wichtiger Punkt ist, dass nach vielfachen Gesprächen und Diskussionen klar geworden ist, dass eine weitere Aufnahme, ausschließlich in Spechtberg und Drögeheide, nicht vernünftig wäre und auch nicht gewollt ist. In diesem beiden Wohngebieten ist diesbezüglich ein großer Schritt gegangen worden und es ist offensichtlich, dass das nicht beliebig weiter ausbaubar sein kann. Und deswegen werden die nun noch benötigten Wohnungen im gesamten Stadtgebiet verteilt, z.B. auch in der Kopernikusstraße und in der A.-Einstein-Straße. Diese Wohnungen werden, in den nächsten Tagen beginnend, durch den Landkreis eingerichtet. Auch zum Bezug lässt sich derzeit überhaupt noch nichts sagen. D. h. also wer, wann, mit welcher Eile, ob Einzelpersonen oder Familien mit Kindern, wird weiterhin sehr spontan und kurzfristig mitgeteilt. Die Geschwindigkeit der Aufteilung auf die Landkreise und damit die Gemeinden hat in einem enormen Maß zugenommen. Während noch zu Beginn des Jahres 14 Tage Vorlauf zur Verfügung standen, um sich vorzubereiten, hat sich das Mitte des Jahres auf eine knappe Woche reduziert. Inzwischen gibt es durchschnittlich fast nur noch 1 Tag, manchmal nur noch einige Stunden Vorlauf, ein Zustand der kaum noch zu bewältigen ist. Somit ist auch der Vermieter außerstande, überhaupt Mieterversammlungen zu konzipieren, um z. B. mitzuteilen: in 14 Tagen werden die leerstehenden Wohnungen so und so bewohnt werden. Diese Möglichkeiten sind schlichtweg durch die Eile und Hektik in dieser Sache nicht mehr gegeben. Werden die kürzlich durch die Bundesregierung beschlossenen Änderungen im Asylrecht spürbare Entlastungen für die Kommunen bringen? Welche Auswirkungen jetzt diese Entscheidungen des Gesetzgebers zur schnelleren Abwicklung der Antragsverfahren, zur Frage der sicheren Herkunftsländer etc. haben werden, lässt sich überhaupt noch nicht beurteilen. Es lässt sich auch angesichts der ansteigenden Geschwindigkeit des Zufluchtstromes nicht einschätzen, ob die ab November in Kraft tretenden Veränderungen in der Gesetzgebung zur Beschleunigung dem dann schon wieder hinterherhinken. Ich denke, dass man dazu frühestens in 2 - 3 Monaten etwas sagen kann. Wie finanzieren sich denn die bereitzustellenden Wohneinheiten? Es sind bisher auskömmliche Mietkonditionen mit dem Landkreis vereinbart worden und so wird es auch bleiben. Subventionierungen dieser Wohnungen durch unsere Gesellschaft und damit durch unsere Mieter wird es nicht geben. Dies betrifft nicht nur die Mietkosten, sondern auch die Reaktivierungskosten. In einer Wohnung, die 5 Jahre leer gestanden hat, ist einiges zu tun. Da muss im Einzelfall malermäßig und im Sanitärbereich so manches getan werden. Dass diese Kosten durch den Landkreis getragen werden, war auch bisher gängige Praxis und ist auch für künftige Bezüge so zugesagt. Die Bereitstellung von Wohnraum ist ja sicher nur ein Problem. Die viel besprochene Integration dagegen ist sicher so vielschichtig, dass es auch einer längerfristigen und gewissenhaften Planung bedarf. Eine Erhöhung des Personals bei den Schulsozialarbeitern z. B. ist nur einer von vielen Punkten. Ein erster Schritt wurde dazu ja schon per September gemacht. Jetzt brauchen wir mehr Finanzmittel für zusätzliche Einstellungen und dann muss auch noch nach geeignetem Personal gesucht werden.

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Tor 2015 ausgabe 10  

https://www.schibri.de/pdf/tor/tor_2015_Ausgabe_10.pdf

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