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„Es war ein Tanz zwischen meinen technischen und kreativen Ansprüchen. Allein die Szene am Meer am Ende. Ich wollte mit der Kamera bis ans Wasser, aber keine verwackelten Bilder. Der Zuschauer soll vielmehr vergessen, dass er überhaupt durch eine Kamera sieht.“ Alfonso Cuarón, Regisseur

Die Geschichte des Films ist autobiographisch angehaucht. Nachdem die Produktion abgeschlossen war, erklärte der Regisseur der Presse Anfang 2017: „Mit diesem speziellen Projekt in mein Land zurückzukehren, war etwas sehr persönliches, weil wir in den 70er Jahren einen Film mit vielen Elementen und Erfahrungen aus meiner Kindheit gedreht hatten.“ Er habe damit einen Film realisiert, den er schon immer mit diesen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu drehen geträumt hatte. „Ich kann im Ausland leben, aber ich denke immer noch mexikanisch. Ich bin sehr mit der Vergangenheit in meinem Land verbunden.“ Über die im Film thematisierte Hintergrundgeschichte sagte Cuarón: „Das Fronleichnam-Massaker hat definitiv eine Narbe im kollektiven Bewusstsein der mexikanischen Gesellschaft hinterlassen. Mexiko ist ein Land mit vielen Brüchen und Traumata, aber dieses Massaker war sehr prägend.“ Das Massaker fand zur Zeit von Mexikos „Guerra Sucia“ (dem „Schmutzigen Krieg“) statt, der bis Anfang der 1980er-Jahre andauerte. Das Verschwindenlassen, die Ermordung und Folterung von Tausenden Linken, militanten Arbeitern und Bauern ist bis heute ein Kapitel der mexikanischen Geschichte, das nicht vergessen wurde.

Cuarón erklärte, dass 90 Prozent der Szenen in Roma seinen eigenen Erinnerungen entstammen: „Ich reproduzierte das Zuhause meiner Kindheit, ich trug sogar einen Großteil der originalen Möbel zusammen, ich castete die Schauspieler so, dass sie so gut wie identisch mit meiner Familie zu Beginn der Siebzigerjahre wirken - bis hin zur Hauptfigur des Films, dem Kindermädchen Cleo. Wir drehten auch an den Originalschauplätzen, transformierten also das heutige Mexiko-Stadt in die Vergangenheit. Ich habe sogar genau dieselben Automodelle in die Straße parken lassen, die zu jener Zeit dort immer standen.“ Cuarón sieht seinen Film auch als eine Hommage an das stille Wirken der Hausmädchen, die auch seine eigene Kindheit prägten, vor allem an Liboria „Libo“ Rodríguez, das Dienstmädchen der Familie. Das Panorama, das sich über den Dächern Romas zeigt, wurde mittels CGI nachgebildet. Da sich das Straßenbild in Mexiko-Stadt seit den Siebzigern – auch durch das Erdbeben von 1985 bedingt – stark verändert hatte, mussten die Spezialisten von MPC nahtlos die Gebäude und Fassaden der 1970er in die real gedrehten Straßenzüge der Gegenwart eingefügen. Cuarón und sein Kameramann Galo

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Schauburg Cinerama Karlsruhe - Programmheft September 2019