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NEU IM NOVEMBER 19

DER DOLMETSCHER Slowakei, Tschechien 2018

Der Sohn eines Naziverbrechers geht mit dem Sohn von Naziopfern auf Erkundungstour in die Slowakei. Senioren-Roadmovie, das bissigen Witz mit einer ordentlichen Portion Melancholie verbindet Martin Šulík kommt schnell zur Sache: Es gibt praktisch keine Exposition, da wird nicht lange vorgestellt und erklärt – Ali (Jiří Menzel) klingelt auf der Suche nach Georgs Vater an der Tür, und es geht los. Alles, was noch notwendig ist, um zu verstehen, wer die beiden sind und was sie antreibt, ergibt sich im Lauf der Handlung. Dass die zwei alten Männer bald miteinander durch die Gegend reisen und Ali Georgs Dolmetscher wird, wird dabei so zügig verhandelt, dass kaum Zeit bleibt, sich über Wahrscheinlichkeiten Gedanken zu machen. So auch hier: Der grantelnde, kränkliche Ali und der demonstrativ sportliche, lebensfrohe Weiberheld Georg stellen die größtmöglichen Extreme einer Männerfreundschaft dar. Während der eine die Tour als Urlaub versteht und sich nach Kräften amüsieren will, betrachtet der andere sie als Geschäftsreise. Diese Kombination kann eigentlich nicht funktionieren, und so gestaltet sich die Reise der beiden als dorniger Weg mit vielen Hindernissen – auch in Form von Fettnäpfchen, von denen besonders Georg keines auslässt … Die Geschichte hat viel von einer Romanverfilmung, da ist es beinahe überraschend, dass es sich um ein Originaldrehbuch handelt. Jiří Menzel und Peter Simonischek sind jeder für sich und gemeinsam einfach wunderbar. Der Oscar-Preisträger Jiří Menzel bietet mit seinem pfiffigen Witz Peter Simonischenk und seinem rustikalen Altmännercharme gekonnt Paroli. Zusammen sind sie ein Paar wie Nitro und Glyzerin – und nur nach außen zwei alte Zausel. Sie provozieren und befehden sich, bringen sich gegenseitig aus der Fassung, manchmal bis zur sprichwörtlichen Erschöpfung, doch zwischendurch schlagen sie auch ganz leise Töne an und halten zusammen, wenn es ernst wird. Martin Sulik lässt sie einfach spielen – die beiden erfahrenen Stars wissen, was sie tun. Ihre Dialoge sind bissig bis biestig, manchmal voll von sanfter Melancholie, so wie die herbstliche Landschaft der Slowakei, die sie bereisen und die offenbar ebenfalls viele Geheimnisse in sich trägt, die es zu entdecken lohnt.

COLD WAR – DER BREITENGRAD DER LIEBE Polen, Großbritannien, Frankreich 2018

Ein Komponist verliebt sich in seine Gesangsschülerin. Raffiniert erzählte, elliptische Lovestory der Nachkriegszeit, brillant inszeniert, perfekt gespielt. Der Stoff, aus dem Klassiker gemacht sind. An einem neuen Konservatorium, das der junge Musiker Wiktor (Tomasz Kot) mit seiner Kollegin und Geliebten Irena (Agata Kulesza) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet hat, sollen Musiker ausgebildet werden. Bei einem Vorsingen stolpert Wiktor über die hübsche Bewerberin Zula (Joanna Kulig). Die verfügt nicht nur über ein grandioses Gesangstalent, sondern weiß zudem sehr genau, wie man sich perfekt in Szene setzt. Wiktor ist sofort hellauf begeistert von der selbstbewussten Sängerin. Seine langjährige Partnerin Irena reagiert auf die talentierte Studentin naturgemäß weitaus skeptischer. Sie wird weder die drohende, leidenschaftlichen Affäre verhindern können, noch dass daraus jene ganz große Liebe entsteht. Für das vorläufige Unhappy End sorgt die politische Lage. Wiktor will ein Gastspiel in Ostberlin zur Flucht in den Westen nutzen. Zula willigt ein, doch dann hat sie plötzlich andere Pläne... Paweł Pawlikowski versteht souverän, mit Wow-Effekten zu verblüffen, ohne je angeberisch oder anbiedernd zu wirken. Formal schwelgt er in wunderschönen Bildern in kristallklarem SchwarzWeiß – die im strengen 4:3 „Academy“-Filmbild eine ganz besondere Wirkung erzielen. Mit Spiegeln oder Schatten entwickelt der Regisseur visuelle Ideen voll verspielter Raffinesse, um deren unangestrengte Leichtigkeit ihn jeder koksnasige Parfüm-Werbefilmer beneiden dürfte. Der formalen Lässigkeit entspricht eine Dramaturgie, die ohne Schnickschnnack und Bling-Bling auskommt. Elegant setzt die Story auf den Mut zur Lücke: 15 Jahre Liebe in 89 Minuten Laufzeit müssen bewältigt werden. Dem Publikum wird, zugegeben, eine klitzekleine Portion Mitdenken abverlangt. Wofür es jedoch mit einer unwiderstehlichen Einladung zum Mitfühlen belohnt wird. Das erzählerische Konzept geht bestens auf. Mit plausibel entwickelten Figuren wie diesen ist der Zuschauer nicht nur dabei, sondern mittendrin.

AB 22. NOVEMBER IN DER SCHAUBURG

AB 22. NOVEMBER IN DER SCHAUBURG

REGIE Martin Sulik BUCH Martin Sulik & Marek Lescak DARSTELLER Peter Simonischek, Jiri

REGIE Paweł Pawlikowski DARSTELLER Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc, Agata Kulesza, Cédric Kahn, Jeanne Balibar LAUFZEIT 89 Minuten VERLEIH Neue Visionen Filmverleih

Menzel, Zuzana Maurery, Eva Kramerova, Anna Rakovska, Attila Mokos LAUFZEIT 113 Minuten VERLEIH Film Kino Text

Programmheft Schauburg Karlsruhe - November 2018  
Programmheft Schauburg Karlsruhe - November 2018